Lehrer

im Oktober

Was für ein schnellverflossener Monat dies war. An seinem letzten Tag sitze ich in der Wohnung von eigentlich fremden Menschen, Freunden von Freunden, die uns ihren Lebensraum ausgeliehen haben, einfach so – welche Herzmenschen! – und suche in meiner Erinnerung, was der Monat an Konkretem mit sich brachte. Mein Kopf ist leer und erschöpft, und ich nehme den Kalender zu Hilfe. Viele, viele Eintragungen finde ich.
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Wir sind unterwegs. Zum Monatsbeginn in Thüringen, Erfurt, Weimar, Eisenach. Zur Monatsmitte mit ihrer fastsommerlichen Wärme auf dem Rad: Touren in die nähere Umgebung, gemeinsam oder allein. Zum Monatsende im Norden bei den Patenkindsfreunden, die wir so oft schon im Herbst besucht haben. Lüneburg, Hamburg, die Heide, die Elbe.
Zu unseren eigenen Reisen kommen italienische Bilder: Sohneswege rund um seinen neuen Wohnort, per Instagram und WhatsApp geteilt, lassen uns immer ein wenig mitreisen. Ans ligurische Meer, in die Dolomiten, in die Umgebung Mailands.
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Dem Sohn geht es wohl gut, er scheint sich einzuleben, die Kontakte werden spärlicher, was wir als stimmiges Zeichen seiner allmählichen Ankunft im neuen Lebensraum lesen.
Die Gasttochter durchläuft vor unseren Augen ähnliches, sie geht Schritt für Schritt in ihr neues Leben, wir reichen ab und zu die Hand und bekommen dabei einen Spiegel. Was wir nicht alles für selbstverständlich gehalten hatten. Mit jedem neuen nahen Menschen erweitert sich der eigene Horizont.
Zwischen diesen beiden „großen“ Kindern beginnt die Tochter ihre neue Rolle zu suchen. Ihr Tonfall wird pubertierender, Tränen bleiben nicht aus, und ab und zu knallen Türen. Wir sind dabei, uns neu zurechtzurütteln.
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Meine Schulzeiten sind heftige. Als hätte die Situation meiner Klasse nur darauf gewartet, dass ich meinen zweiten Dienstort verlasse, fordert sie alles. Wir verbringen Nachmittag um Nachmittag mit Eltern- und Schülergesprächen, erreichen augenscheinlich nicht sehr viel, drehen uns mit unseren Ideen im Kreis, bekommen aber immerhin von KollegInnen und vor allem der Schulleitung den inoffiziellen Titel „Lehrerinnen des Monats“ verliehen, und zwar ganz ernsthaft. Ob unser Einsatz den betroffenen Kindern helfen wird, werden wir sehen. Im Moment sind unsere Kräfte und Ideen erschöpft, wir müssen einsehen, nicht zaubern zu können.
Gemessen an diesem Trubel unterrichtet es sich in meinen sonstigen Klassen – den ganz großen, den ganz kleinen, und sogar in den 8. – Physik am Nachmittag – wie im Müttergenesungswerk.
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Nun lese ich gerade noch einmal meinen vorherigen Monatsrückblick. „Mehr Musik“ hatte ich mir da gewünscht. Auf dem Cello gab es die. Nicht so viel wie vor den Sommerferien übe ich, dafür aber mit einigem spürbarem Fortschritt in der Bogenhand. Es musiziert sich leichter und leichter. Ich beginne den Klang zu formen, wo in den ersten Monaten auf dem Instrument noch der Eindruck vorherrschte, ich sei meinen eigenen – groben – Bewegungen und ihren unwillkürlichen Folgen ausgeliefert. Was für ein wundersames Gefühl, es ist kaum zu glauben.
Wie oft in den vergangenen Monaten hat mir dieses Instrument Augen geöffnet und Wege gezeigt. Ich wünschte, hierbei wäre es ebenso. Den Klang meiner Lebensmelodie gestalten zu können – was für eine Sehnsucht dieser Tage.

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im Juli

Wie seltsam, und wie schwierig auch, über einen Monat zu schreiben, dessen Großteil aus Schulischem bestand und der darüber in gehetzter Atmosphäre vorbeiflog, während ich nun bereits den sechsten Tag am erholsamen Bergsee sitze, die Seele und die Beine im angenehm warmen Wasser baumeln lasse, schon fast die Lektüre des dritten Buchs beende und auch in jeder anderen Hinsicht erholter bin als ich es wohl je nach so wenigen Ferientagen war.
Dies also ist der krönende Abschluss des Juli: Dass wir am gemächlichen Lago di Levico in den Tag hinein leben, uns täglich zwischen Wasser und Bergen treiben lassen, Bücher und italienisches Essen verschlingen und also alles gut ist.
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Das Schuljahresende zuvor ist hart und schwer durchzustehen, zum Ende liegen nach einer langen Hitzezeit Geduld und Nerven von Lehrer- und Schülerschaft blank, sogar ich kann mich und meinen Kurs irgendwann nicht mehr vom Eisessengehen abhalten – wo ich doch sonst eine bin, die bis zur letzten Stunde Unterricht durchzieht.
Wie jedes Jahr gehen mir die Notenkonferenzen nahe, hier wird immer am offensichtlichsten, wie viele Schüler es bei uns schwer haben, manche zu schwer, um es zu schaffen – hier schrieb ich darüber. Elterntelefonate und viele Gespräche schließen sich an, und es bleibt die Hoffnung, dass für manche Kinder ein guter, ein besserer Weg gefunden werden kann als der an unserer Schule und Schulart.
Gleichzeitig wird es mit meinem Abschied vom zweiten Dienstort Ernst, das war ja lang vorher klar und entschieden, aber nun fühlt es sich doch als Schritt mit lachendem und weinendem Auge an. Ich bekomme einen unerwartet warmherzigen Abschied und von einigen Menschen das Geschenk sehr naher und nahegehender Worte.
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Der Sohn rückt seinem Abflug nach Italien immer näher, in der Schule ist etliches abzusprechen für seine Wiederkehr, gleichzeitig melden wir unsere Gasttochter dort an. Die To-do-Liste für das abfahrende Kind nimmt eine mehrspaltig gefüllte DIN-A4-Seite ein, und mit jedem durchgestrichenen Punkt ist ein Stück von ihm weg. Mir geht das nahe und viel zu schnell.
Beide Kinder beenden das Schuljahr mit wunderbaren Zeugnissen und zuvor mit etlichen Vorspielen, wie immer, möchte ich fast sagen. Und doch ist es nie „wie immer“. Jedesmal überraschen sie uns durch unglaublich berührende Musik, von der ich wie immer behaupten möchte, dass sie nie zu Hause geübt worden ist, und schon gar nicht sooo. Das Streichquartett der Tochter spielt Mozart- und Mendelssohn-Sätze mit einem Ausdruck, den man den kleinen Mädchen kaum zutraut, und der Sohn verabschiedet sich zunächst von seiner Klavierklasse mit dieser Chopin-Ballade, die nicht nur mich in Gänsehaut-Berührtheit versetzt.
Und nebenher streiche und streiche ich auf meinem Cello, fast täglich, es gelingt immer besser. Als ich es schließlich für die Sommerpause weglegen muss, fühlt es sich sehr wehmütig an.
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Das Sommerwetter schenkt Gartentage und -abende. Freunde besuchen uns, wir sitzen mit und ohne Feuer, immer aber essend und trinkend beieinander. Und in der Ferne ertönen schon die Mähdrescher. Wenn wir nach den Ferien zurückgekehrt sein werden, wird der Sommer zu Ende gegangen sein. Manchmal tut er dies ja schon während der Sommerferien. Nun aber genießen wir diese erstmal …

Schulgedanken, lang in mir getragene

Es ist Zeugniszeit, Notenzeit, die Zeit vieler Tränen.
Ich gebe die letzten Klassenarbeiten zurück, spreche dabei mit jedem Kind, mit jedem Jugendlichen einzeln. Einmal im Jahr, mindestens, muss Zeit sein für ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Was nehme ich von Dir wahr, über die Zahl, die unter der Arbeit steht, hinausgehend? Worin bestehen – in meinen und in Deinen Augen – Deine größten Schritte der letzten Zeit? Wie geht es Dir in meinem Fach, in meinem Unterricht, was brauchst Du, was wünschst Du Dir von mir?
Etwa 150mal versuche ich in den letzten Wochen, in ein kurzes Gespräch über all das zu kommen, oft gelingt es. Und oft, viel zu oft fließen dabei Tränen. Auf die Schüler mit den „schwierigen“ Noten hatte ich mich vorher ausführlich vorbereitet, hatte für jeden einzelnen überlegt und aufgeschrieben, was ich an Tröstendem, Ermutigendem und Besänftigendem sagen könnte. Doch die meisten Tränen gibt es für mich völlig unerwartet. Oft sind die Noten nur der Anlass, es fließt zumeist sehr viel mehr mit. Immer geht es um Überforderung, bis hin zu Verzweiflung, die ganz unmittelbar mit der jeweiligen Schulsituation des jungen Menschen verbunden ist.
Viele Gespräche gehen mir innerlich nach. Einige haben sofortigen Elternkontakt zur Folge, andere trage ich ins nächste Schuljahr mit. Manches teile ich mit Kollegen, mit der Schulleitung auch, hin und wieder können wir ganz unmittelbar etwas ändern. Das meiste aber bleibt zunächst ungelöst.
Es folgen die Zeugniskonferenzen. Allzu oft müssen wir entscheiden, dass ein Kind eine Klasse nicht „geschafft“ hat. Welcher Weg für das Kind nun der beste ist, dafür versuchen wir beratend zur Seite zu stehen. Zunächst aber versetzen wir mit der telefonischen Mitteilung so manche Familie in einen Schockzustand. Kein anderer Weg scheint angedacht, kein anderer Weg als das Turbogymnasium. Zuweilen brechen vor unseren Ohren Welten zusammen, prallt der ganze Schock ungedämpft auf ein Kind ein. Wieder Tränen Tränen Tränen.

„Was läuft da schief in unseren Schulen?“ Diese Frage stand wie ein Fazit unter einem Twitterkurzgespräch vor längerer Zeit, in dem es um Schulängste und -tränen, um Schule und die Schulen allgemein, um unsere Kinder in diesen Schulen und die im Hintergrund das Schulerleben stets mittragenden Familien ging. Diese Frage blieb in mir hängen, bis heute.
Was also läuft schief in den Schulen? Warum fließen dort so viele Tränen? Wie fühlen sich die Kinder und Jugendlichen, die diese weinen? Welche Ängste und Nöte tragen sie in sich? Warum fliehen so viele Jugendliche in psychische Erkrankungen, in Essstörungen, Depressionen und selbstverletzendes Verhalten?
Kaum einer Familie mit Schulkindern werden diese Fragen völlig fremd sein, vermute ich. Wir hier zu Hause erleben sie glücklicherweise nur in Ansätzen, weil meine Kinder es im Großen und Ganzen gut getroffen haben. Als Lehrerin aber bin ich jeden Tag involviert. Kinder weinen beim Erblicken der Klassenarbeitsnote – selbst schon bei einer 2 – los, Jugendliche fragen mit ängstlicher Stimme, ob der Test unterschrieben werden solle, ich werde angefleht, über die wiederum vergessenen Hausaufgaben nichts den Eltern mitzuteilen – das ist mein Arbeitsalltag. Ich möchte aufschreien.

Unser Schulsystem ist voll von Bewertungen. So sehr mich das Verteilen von Noten manchmal selbst schmerzt: Nun gibt es Noten aber einmal, an dieser Schraube lässt sich im Moment und in der konkreten Situation nicht drehen. Statt mich an eine Schulform ohne Noten wegzubewegen, habe ich in den letzten Jahren immer und immer wieder darüber nachgesonnen, wie ich, wie wir mit diesem Bewertungssystem umgehen könnten.
Meine vielen Beobachtungen und Überlegungen lassen sich vielleicht am ehesten so – in fast schon unzulässiger Verkürzung – zusammenfassen:
Noten sind zunächst Zahlen, mit deren Hilfe eine Schüler“leistung“ mit einer im System festgelegten Skala des erwarteten Könnens und Wissens abgeglichen wird. Wer oder was diese Skalen in einzelnen Schularten, Schulen und Fächern jeweils festlegt, nach welcher Formel der erbrachte Anteil in eine Notenzahl umgerechnet wird, dass es dabei selten völlig objektiv zugeht und dass solche mathematischen Verfahren wie Notendurchschnitte und Ausgleichsregelungen bei der Versetzung höchst strittig sind, geschweige denn dass zahlreiche andere Faktoren als nur das Erlernte auf die konkreten Noten Einfluss haben, um all diese Aspekte soll es jetzt nicht gehen. Ganz schlicht gesagt also: Mittels Noten wird abgeglichen, welchen Anteil des zu Lernenden zu einem jeweiligen Zeitpunkt als Erlerntes dargeboten werden kann. Nicht mehr, und nicht weniger.

Was Lernende aus diesen Noten allerdings oft ablesen, ist weit mehr. Da fällt das Attribut „schlecht“ – „Ich bin ein schlechter Schüler. Ich bin 4.“, wenn im Gegenzug die „guten“, die „Einserschüler“ hervorgehoben werden. Diese Wertung wird auch nicht besser, wenn stattdessen „schwach“ oder „leistungsschwach“ gesagt wird. Da sind die Notenbezeichnungen „mangelhaft“, „ungenügend“ und „ausreichend“ geradezu prädestiniert, als Persönlichkeitsbewertungen gelesen zu werden. Doch halt, es geht nicht um diese Bezeichnungen. Mögen diese meinetwegen so bleiben.
Es geht darum, dass die damit verbundenen Bewertungen nicht in die Seelen der jungen Menschen eindringen. Dass sich also nicht ein ganzer Mensch bewertet fühlt, wo die erhaltene „Zahl“ einzig das im Prüfungskontext gezeigte Können oder Nichtkönnen meint.

So klar, so schwierig. Denn wie kann sich eine kleine Seele dieser verletzenden Sprache entziehen, wie kann sie sich vor dem Gefühl des Klein- und Minderwertigseins schützen, wie kann sie verhindern, dass sie sich bis ins Innerste persönlich bewertet fühlt?
Dies kann nur gelingen, wenn die Verbindung zwischen Notenzahl und Persönlichkeitsbewertung so weit wie möglich gekappt wird, und zwar in erster Linie durch die das Kind umgebenden Erwachsenen.
Ja, darin liegt in meinen Augen unsere allererste Verantwortung. „Unsere“, das meint: die der Eltern und die der Schule. In der allerletzten Stunde vor dem schriftlichen Mathematik-Abitur sage ich zu meinem angstschlotternden Kurs immer einen Satz, den ich jedem Kind und Jugendlichen als verinnerlichtes Mantra wünsche:
Eine Note ist eine Zahl ist eine Zahl ist eine Zahl.“

Nun wäre es allerdings naiv, diesen letzten Satz als Fazit stehen zu lassen. Er gilt so uneingeschränkt allerhöchstens bis zum Ende der Mittelstufe, nur in den Fächern, in denen nicht Wissen und Können gravierend aufeinander aufbauen, und auch nur, wenn sich die Noten – auf der hierzulandigen Skala – zwischen 1 und (sicherer) 4 bewegen. Außerhalb dessen kommen Versetzungsregelungen, Uni-NC-Fächer und überhaupt die Notwendigkeiten langfristigen Lernens ins Spiel. Äußere Gegebenheiten also, die es doch nicht gleichgültig sein lassen, mit welchen Zahlen man den Schulparcours absolviert. Lebensentscheidungen hängen davon ab, Schulart und Schulwechsel, Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, Chancen auf Praktika, Preise, gesellschaftliche Anerkennung etc. Die Gesellschaft lebt in weiten Bereichen vor, dass man (erst?) durch Leistung etwas zählt, dass das Attribut „wertvoll“ viele Überschneidungen mit „leistungsfähig“ hat. In die Schule ist dies längst tief eingedrungen, dem entzieht sich niemand durch Augenverschließen.
Insbesondere Eltern haben dies alles vor Augen. Ängste flackern auf, man möchte das Beste für sein Kind, es soll doch seine Wege „erfolgreich“ gehen können, es soll „bestehen“ und „weiterkommen“, es soll die nötigen Voraussetzungen erwerben, um etwas zu „werden“. — Nein, ich mache dies nicht lächerlich, stelle mich nicht darüber, blicke nicht distanziert darauf hinab. Auch mir als Mutter schießen solche Dinge durch den Kopf, auch ich sorge mich um die Zukunft meiner Kinder, auch mich haben schon manche Rückmeldungen aus der Schule erschreckt, weil ich mich daraufhin um den künftigen Weg meiner allerliebsten Menschen ängstigte.

Als ich vor Jahren eine ältere Kollegin fragte, was sie Eltern sage, gerade wenn sich die schulische Situation des Kindes problematisch darstelle, bekam ich eine Antwort, die ich seither fest in mir trage: „Machen Sie keinen Druck. Ihr Kind hat das Recht auf eine glückliche Kindheit. Machen Sie also in erster Linie keinen Druck.“
Ja, ja und ja!
Machen wir keinen Druck. Der Satz ist an mich gerichtet, an meine KollegInnen, an die Eltern, und vielleicht auch ein wenig ans Kind. Dieses aber kann sich selten wehren und verinnerlicht oft nur den von außen hineintransportierten Druck.
Sagen wir stattdessen lieber: „Du bist gut, so wie Du bist. Auch wenn Du schlechte Noten hast.“ Oder besser: ohne „auch“. Damit der Wert des Kindes und seine Schulnoten in keinerlei Zusammenhang gebracht werden.
Manche Kinder tragen dieses „Du bist gut, so wie Du bist.“ ja in einer gesunden Natürlichkeit in sich. Die meisten allerdings sind – zumal in der Pubertät – abhängig davon, dass Eltern und LehrerInnen dies in sie hineintragen. Ja, Eltern und LehrerInnen. In dieser Reihenfolge, sage ich.

Beginne ich trotzdem bei uns als Schule. Wir als Schulart stehen – im Moment – vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Eingebunden zwischen Grundschule und (Zentral)Abitur, sollen wir mit immer mehr, immer jüngeren, immer weniger reifen, immer unkonzentrierteren Schülern in nur acht Jahren das Gleiche wie immer schon erreichen. Die Hochschulen und Industrieverbände merken an, dass uns dies nicht gelingt, sie haben wohl Recht; manche Studiengänge lassen sich nur noch nach universitären Vorbereitungskursen bewältigen. Eine Drucksituation für alle Beteiligten.
Und doch, bei aller unmöglichen Quadratur des Kreises dürfen wir als Schule diesen Druck nicht an die Kinder weitergeben und sie damit kaputtmachen. Leben wir also diesen Satz – „Du bist gut, so wie Du bist.“ – für jedes Kind in jeder Situation. Wer dies nicht kann oder nicht tun will, sollte den Beruf wechseln. (Was im System aber nicht vorgesehen ist, fatal.)

Allerdings geht ein schlechter Lehrer, auch wenn er „großer Mist“ ist, irgendwann vorbei „wie das Wetter“, wie eine Nachbarin, Vierkindmutter mit schwierigen Schulerfahrungen, immer zu ihren Kindern sagte. Ich gebe ihr Recht und sage diesen Satz inzwischen auch zu meinen Kindern, wenn er denn nötig wird.
Eltern dagegen, die ihr Kind mit Ängsten, Besorgnis und übermäßigen Forderungen erdrücken, sind nicht nur „großer Mist“, sie wirken zuweilen tragisch. Sie tun etwas, was sie als allerletztes wollen: Sie verweigern ihrem Kind ein freies, glückliches Aufwachsen, wenn sie an ihm reißen und zerren und das Kindsunmögliche verlangen. Bessere Noten etwa, wenn das Kind einfach nicht mehr kann. Den Verbleib auf dem Gymnasium, wenn das dortige Turbotempo in keinem Bereich zum Kind passt. Selbst wenn das Kind schon aus allen Poren signalisiert, dass es an dem permanenten Gefühl, nicht zu genügen, krank wird, verweigern manche Eltern ihrem Kind einen Schulwechsel. Dabei gibt es zahlreiche Wege, die dem Kind wieder zu einem glücklicheren Sein verhelfen könnten. Wir bieten gerade den Familien, deren Kinder es bei uns nicht „schaffen“, Beratung zu allen denkbaren Facetten an, nehmen uns mehr als für andere Familien Zeit. Allzu oft jedoch werden unsere Einschätzungen und Empfehlungen einfach nur vom Tisch gewischt. Das sind die Gespräche, die Situationen, in denen ich weinen möchte (und es zuweilen tue). Da gehen Kinder vor aller Augen kaputt …

Viele weitere Gedanken dazu finden sich in diesem lesenswerten Artikel, ebenso wie in diesem Blogpost.  Den Satz „Wie schlimm eine schlechte Note ist, das definieren die Eltern“ nehme ich mir mit.
Ebenso wie die Empfehlungen: „Gehen Sie in die Apotheke, kaufen Sie eine große Flasche ‚Heitere Gelassenheit‘ und nehmen Sie davon dreimal täglich 20 Tropfen.“ Und: „Immer fröhlich Gesundheit und Glück der Kinder im Blick behalten.“
Kinder, deren Eltern dies verinnerlicht haben, haben es leichter, im Schulsystem mit seinen Unzulänglichkeiten zurechtzukommen. Als Lehrerin habe ich immer nur eine nachgeordnete Rolle.
(Und nein, ich möchte nicht, dass dies als Schuldzuweisung gelesen wird. Jeder Mensch, Mütter, Väter, wir alle, handelt immer aus dem Korsett des eigenen Erfahrens und Erlebens heraus. Den tragischen Schülergeschichten gehen tragische Elterngeschichten voraus, weit über die in meinem Fach verbreitete Ich-konnte-das-auch-nie-Tradition hinaus.)

Wie man es jedoch dreht und wendet: Es bleibt schwierig für alle Seiten. Für die Kinder, für die Eltern, für die Schulen. Wir alle sind mit der Situation überfordert, fühlen uns alleingelassen und finden manchmal keinen anderen Ausweg, als den allseitigen Druck immer nur gegenseitig aufeinander abzuwälzen. Eltern auf Lehrer, Lehrer auf Eltern, und alle zusammen auf’s Kind.
Das darf nicht sein. Das darf so nicht bleiben.

Ich träume von viel mehr Schulpsychologen, von viel mehr professionellen Beratenden, die für uns alle da sind.
Ich träume von einem Netz an Unterstützenden aus der Gesellschaft, damit wir mit Angeboten und Projekten unsere enge Klassenzimmerwelt verlassen können und sich weitere Teile der Gesellschaft mit an der Erziehungsaufgabe, dem Ermutigen, Stärken und Aufrichten der Kinder – und eben dem Abfangen von Druck – beteiligen.
Ich träume von kleineren Klassen und von weniger Unterrichtsstunden, damit Zeit für viele, viele Gespräche bleibt. Denn ja, in Eltern-Kind-Lehrer-Gesprächen mit dem Fokus: „Was wollen wir, was ist realistisch, womit dürfen wir zufrieden oder stolz sein, und warum ist eine 3 nicht schlimm?“ könnte man vieles aufbrechen und abfangen, könnte viele Familien im Umgang mit der Schulsituation unterstützen. Wenn ich solche Gespräche derzeit im notwendigen Umfang anbieten würde, wäre ich wohl bei einer Wochenarbeitsstundenzahl von 100. Ganz ernsthaft. Soviel Gesprächs- und Begleitungsbedarf gibt es. Dem meisten kann ich beim besten Willen und Gespür für die Bedürfnisse der Kinder nicht nachkommen.
Ich träume also von einer tragbaren Arbeitsmenge für mich und meine KollegInnen, so dass wir jedem einzelnen Kind gerecht werden können.

Und nun? Was bleibt nach dem Träumen? Manchen KollegInnen und manchen Eltern meiner Schüler eine Kopie dieses Artikels in den Briefkasten zu werfen? Das würde ich in einigen Fällen wirklich gern tun. Doch das traue ich mich nicht.
Vielleicht ist es ja weit wichtiger und fruchtbarer, wenn ich bei mir selbst anfange. Was also kann ich persönlich tun, selbst wenn meine Träume nur Träume bleiben werden und wenn nach wie vor Familien in ihrer Schulsituation eben sind wie sie sind.
Immerhin kann ich mit den Kindern im Gespräch bleiben, im Unterricht, in den Pausen, bei zusätzlichen Treffen.
Ich kann ihnen sagen und – wichtiger! – vorleben, dass man sich nicht an Zahlen messen lassen muss, dass sich das Wesentliche des Lebens ganz woanders findet.
Ich kann mit ihnen darüber sprechen, dass und wie man sich selbst – und eben nicht primär seine Leistungen – im Blick behalten sollte, damit man gesund bleibt und mit sich selbst in einem stimmigen Gefühl lebt.
Und: Ich kann jedem einzelnen Kind spiegeln, was für ein wunderbarer, wertvoller, einzigartiger Mensch es ist.
Wenn dies in den Kinderherzen ankommen würde, wäre schon viel erreicht.

lichtspürig

Eine Kollegin, mit der wir am Freitag den Weg zum Grab geteilt hatten,
eine, die zunächst unsicher war, ob und wie wir gehen, ob es für die Familie stimmig sei, wie sie das mit der Klasse besprechen solle, und wie wir überhaupt weitermachen könnten, jetzt, wo der Tod so nah in unsere Räume eingedrungen sei,
eine, mit der ich die Woche über viel gesprochen hatte und die sich am Freitag, als alle auseinandergingen, bedankte, weil sie sich durch mich ermutigt gefühlt hatte sich dem allen zu öffnen, und wie gut und richtig dies letztlich gewesen sei,
diese Kollegin also bittet mich heute im Lehrerzimmer um meinen Laptop. Sie wolle probieren, wie sie mit der kleinen Tastatur zurechtkomme. Weil sie überlege, ob so ein kleines Gerät auch etwas für sie sei.
Ich öffne ihr ein Fenster, damit sie sich im Schreiben ausprobieren kann.

Gerade finde ich ihre Datei. Ich lese:
Die Sonne scheint heute nur für Dich.
Und dann schreibt sie noch vom Laufen und Sich-Entscheiden, vom Wechseln der Richtung und den Orten, die wiederum dann ihre Spur ändern. Zeilen voller Rätsel. Und zum Weiterspüren.

Vielleicht war die Laptop-Leihe ja nur ein Vorwand, wer weiß. Aber das ist egal. Denn dort steht:
Die Sonne scheint heute nur für Dich.

(Danke, liebe C. Wenn Du wüsstest, wie sehr ich diesen Satz heute brauchte.)

 

übergeflossen

In manchen Tagen ist es zuviel.

Die Schülerin, von der wir nur ahnen, dass es ihr in der Klasse nicht gut geht. Kurz angetippt, fließt aus der Wunde plötzlich viel mehr. Rosenkrieg zu Hause, Streitobjekt sind die Kinder und deren künftiger Lebensort, es geht um das Wegziehen auf einen anderen Kontinent. Das Jugendamt ist schon in der Familie, so genau aber weiß das Mädchen gar nicht, was das für eine Frau ist, die immer zu ihnen nach Hause kommt und von der die Kinder die Telefonnummer haben, für dringende Situationen.
Nur wir als Schule wissen mal wieder gar nichts. Datenschutzbestimmungen, die es uns unmöglich machen, über die Lebensdinge der Kinder informiert zu sein, absurder geht es in diesem Bereich kaum. Aber jetzt bloß keine Kraft ins Aufregen stecken, das Mädchen braucht uns. Mit der Klasse können wir arbeiten, so dass sie dort besser integriert wird. Die Familiensituation können wir ihr nicht abnehmen. Ich werde diese Frau mal anrufen, sie kann immer noch sagen, dass sie nichts sagen darf. Vielleicht aber doch. Und dann hoffen wir auf ein Wunder.
Aber selbst wenn dies beides sich beruhigt haben sollte, irgendwann, steht als nächste Baustelle die hoffnungslose Überforderung des Mädchens auf unserer Schulform an. Soweit können wir uns noch gar nicht kümmern.

*

Im Gespräch mit unserer Klasse. Kollegen haben uns informiert, dass sich die Atmosphäre dramatisch verschlechtert habe. Oder überhaupt noch nie annähernd befriedigend war. Wir Klassenlehrerinnen waren naiv, das müssen wir uns vorwerfen, weil es bei uns beiden gut läuft. Das ist der Bonus, den wir als akzeptierte „Alphatiere“ haben, den Kollegen geht es anders.
Wir wollen das aus dem Munde der Klasse wissen. Je länger wir zuhören, umso mehr kommt ans Tageslicht. Wir ahnten ja nicht. Eine kleine Schülergruppe nur, bei uns lange nicht mehr auffallend, verhält sich offenbar andernorts so, dass die Begriffe Respektlosigkeit und Unter-der-Gürtellinie kaum noch ausreichen. Sie greifen Menschen in ihrer Würde an. Ich möchte hier überhaupt nichts genaueres erzählen, der Kollegin und mir entgleiten im Laufe des Gesprächs immer mehr die Gesichtszüge.
Dringend, alles ist plötzlich dringend. Die Klasse muss geschützt werden, die Kollegen auch. Und wir führten monatelang Gespräche über Gespräche, hatten verharmlosende und die Kinder beschützende Eltern vor uns sitzen, die auf unsere Aufforderung, dem Kind irgendeine Form von psychologischer Unterstützung zukommen zu lassen, mit Angriff oder Gleichgültigkeit reagierten. Wir sprachen mit scheinbar einsichtigen Schüler, immer wieder, immer wieder, hörten wohlformulierte Verhaltensreflexionen, investierten endlos Zeit und Kraft in diese Handvoll Kinder. Mit genau gar keinem Erfolg. Es ist alles beim Alten. Wir sind fassungslos. Und fühlen uns unfähig.
Später im Lehrerzimmer, wir wissen nicht weiter, wollen über’s Wochenende Ideen sammeln, wird uns jedenfalls klar, dass wir alles falsch gemacht haben, dass wir von nun an Fokus und Kräfte primär auf die anderen Kinder richten müssen. Dass wir in erster Linie den riesigen „Rest“ der Klasse schützen und betreuen und umsorgen müssen, weil diese viel zu lange alles ausgehalten haben.
Wie es aber nun mit „jenen“ weitergeht, wir haben keine Ahnung. Natürlich gibt es eine Maßnahmenskala, wir können die starten lassen. Am Ende – wenn sich nichts ändert – wird der Schulausschluss stehen, es wäre nicht das erste Mal. Und dann? An welcher Schule, an welchem Ort werden sie dann sein? Gibt es dort mehr und bessere Lehrer, die diesen Kindern helfen und sie nicht ebenso überfordert weiterschicken werden? Gibt es dort vielleicht Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Familienhelfer? Profis also, und nicht so Laien wie uns, die wir – mangels Ausbildung – küchenpsychologisch herumdoktern? Ja, wo ist das Netz für diese Kinder? Wir haben es mit aller Kraft, guten Willens und mit offenem Herzen versucht. Das reichte nicht.

*

Lehrerzimmer, Mittagszeit. Die junge Kollegin kommt blass hinein und setzt sich einfach nur hin. So ist sie sonst nie. Ob die Klassenarbeit zu schwer sei, fragt sie herum. Quatsch, sagen wir erst noch flapsig, ganz normale Arbeit, eher zu leicht. Und bei Dir, sagen wir ihr, können die Kids doch eh vor Glück im Kreis tanzen, dass sie Dich haben.
Die Klasse habe sie angegriffen, erzählt sie. Nach dem, was sie im Wortlaut wiedergibt, ist das Wort Angriff eher noch untertrieben. Eine Suada an Unflätigkeiten ist ihr an den Kopf geworfen worden. Und das ihr, die besser als jede andere auf jedes Kind, jede Frage, jede Sorge einzugehen weiß, von der mein Sohn einfach nur sagt: „Die Kinder lieben sie.“ Offenbar hat sie das nicht geschützt. Und nun sitzt sie da, selbstzweifelnd, hadernd mit sich, geknickt. Und im nächsten Atemzug überlegend, welche Änderungen in ihrem Unterricht hilfreich wären, was sie für diese Klasse tun könnte.
Immer nur denkt sie im Kreis, was sie selbst tun könne. Nicht dass es an der Klasse wäre, wie wir alle, die wir um sie herumsitzen, befinden. Sich zunächst zu entschuldigen. Und dann, wenn ihnen an einer Problemlösung gelegen ist, gemeinsam nach konstruktiven Zugängen zu suchen. Eine offenere Kollegin als diese werden die Schüler im Leben nicht finden.
Gern würde ich länger mit ihr reden, ihr Trost und Rat geben, nach ein paar Berufsjahren hat man sowas ja schon öfter erlebt, das schult Reaktions- und Handlungsmuster, immerhin. Aber es ist keine Zeit, wir müssen los. Ich umarme sie, mehr geht im Moment nicht.

*

Zur Trauerfeier hoch auf dem Berg, oberhalb der Streuobstwiesen, mit Blick auf Wälder und Felder. So viele sind da. In den Lieblingsfarben der kleinen M., in blau und lila. Ein Regenbogen, bunte Welten aus Blumen gemalt, Fotos eines strahlenden kleinen Mädchens, meditativer Gesang trägt weit über den Berg. Und dann hören wir, welche Lebensweisheit sie ihrer Familie mitgegeben hat – und nun auch uns, die wir hier stehen. Wie sie ihrer Krankheit mit dem Lächeln ihres Herzens und oft auch mit einem laut herausgelachten Glucksen begegnet ist, das vor allem, das berührt und brennt sich ein. Wie könnten ihre aufsteigenden Luftballons anders als geradewegs in die Sonne fliegen, das Hinterherschauen schmerzt ein wenig. Wir singen ganz leise, und irgendwann findet der buntbemalte Sarg seinen Weg in die Erde. Es ist hell, es ist licht, es ist tröstend. Inmitten all der Tränen. Seltsam, diese Attribute hier zu schreiben.
Einige Freundinnen und Freunde der Schwestern sind da, manche mit, manche ohne ihre Eltern. Sie tragen – neben vielem anderen – auch Fragen in den Augen. Natürlich. Es gibt ja kaum Antworten. Ich werde sehen, wie es sich ergibt, vielleicht suchen sie einen Gesprächsraum, dann haben wir den Montagmorgen in der Schule. In Physik – das passt. Licht und Sehen. Das Licht bricht sich in unseren Tränen. Und in der kleinen M. spiegelt sich alles Strahlen des Universums.

*

Zu Hause wartet die Tochter. Sie hatte nicht mitgehen wollen, und jetzt hätte sie doch gewollt. Wir sprechen lange, schauen die Bilder des kleinen Gesichtchens an, reden über die Schwestern und dass diese zwischendurch einen Tag in der Schule waren. Wir reden darüber, dass Trauer nicht unbedingt in schwarz und mit schleichendem Gang gelebt werden will. Wie es sich anfühlen mag, wenn in der Familie plötzlich ein Mensch weniger mit am Tisch sitzt. Wo die kleine M. denn jetzt sei, fragt die Tochter. Ich gebe keine Antwort.
Aber eines, das weiß ich, das sage ich der Tochter ganz fest: Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, dass sie nicht auf Friedhöfe und Beerdigungen passe, wie sie sagt. Warum das denn, frage ich. Weil ich immer gleich wieder hüpfen muss, sagt sie. Ich hüpfe eigentlich immer, und das passt doch dort nicht. Oh doch, sage ich, das passt sehr wohl. Mindestens die kleine M. – und die sei ja wohl die wichtigste – die wird sich sicher sehr freuen, wenn Du zu ihrem Grab gehüpft kommst. Wenn das schon die Großen nicht schaffen …

*

Das Gespräch mit der Tochter versetzt mich am Ende in Tränen. Wie auch anders, nach diesem Tag. Ich schaffe noch, ein paar Zeilen an die junge Kollegin zu schreiben, die ich mittags so ohne wirkliches Gespräch stehenlassen musste. Unterlagen und Überlegungen für unsere Klasse lege ich weg bis Sonntag.
Denn jetzt brauche ich nur noch Tränen und mich. Einen hellen Menschen zum Anlehnen, das wär’s jetzt. Der muss ich mir selbst sein. Ich weine und weine. Und gehe mit meinen Tränen schlafen.

*

Am Morgen ist alles noch da.
Manchmal scheint mir, dass wir all das Schwere, Kranke, Verzweifelte, Ausweglose und Finstere der Gesellschaft bei uns in der Schule austragen. Natürlich lebt auch viel hoffnungsfrohes Lachen, Wachsen und Strahlen in unseren Räumen. Aber je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto mehr wird das Schwierige und Unlösbare zum Mittelpunkt meiner Tätigkeit.
Weil ich mehr sehe? Weil ich mich nicht mehr verschließe? Weil es wirklich zunimmt? Weil die Überforderung der Gesellschaft immer mehr in den Kindern ausgetragen wird?
Mathematik und Physik habe ich studiert, Didaktik erlernt, aber viel mehr auch nicht. Für den „Rest“ bin ich nie ausgebildet worden, wir haben nie professionelle Handlungsmuster für die meisten Situationen erlernt, sind in zentralen Bereichen unserer Tätigkeit Autodidakten. Familienhelferin. Schulpsychologin. Sozialarbeiterin. Trauerbegleiterin. Und vieles mehr.
An Tagen wie gestern fühle ich mich überfordert, schlecht und ungenügend. Die Kinder haben Besseres verdient. In solchen Grenzsituationen, wie sie gestern aufeinanderprallten, sowieso. Daneben aber auch im ganz normalen Schulalltag. In riesigen Klassen mich jedem Kind widmen, selbst wenn dessen Probleme sich allein auf Mathematik- und Physikverständnis beziehen würden – allein die schiere Menge an Anforderungen ist nicht zu bewältigen. Schon früher schrieb ich einmal darüber: Ich bin eine schlechte Lehrerin.
Ja, der Kopf weiß, dass es menschenunmöglich ist, was da eigentlich zu leisten wäre. Und doch flüstert er mir Selbstzweifel ein. Und das Herz blutet. Zaubern müsste man können.

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Bis Montag werde ich – hoffentlich – wieder genug Licht auf meinen Wegen rund ums Dorf gesammelt, genug Kraft beim Schreiben gewonnen, genug Ermutigung durch Gespräche erfahren und genug Besänftigung in der Musik gefunden haben, um strahlend und offen vor meine Klassen zu treten. Vor all die Schüler – die, von denen ich hier erzählte, und die 150 anderen, die es da noch gibt.

Es ist Liebe

Wie sie angesprudelt kommen, die Siebener, noch mit dem halben Mittagessen in der Hand, und mir als erstes erzählen, dass sie nicht in der Mensa waren, sondern … Das sehe ich, sage ich mit einem Seitenblick auf ihr Imbiss-Essen. Sie beginnen die Regeln zu brechen, Aufenthaltsorte in der Mittagspause und so, müssen sich dabei aber stets noch rückversichern, dass dies auch ja wahrgenommen wird, und dass die Beziehung zum Erwachsenen (in dem Falle: zu mir) nicht gestört wird.
*
Wie ich ihm hinterherrufe: Danke, dass Du mir die Tür aufgehalten hast, während ich selbige an den Kopf bekomme und mein Heftestapel zu Boden donnert, und er daraufhin stottert, er hätte mich nicht gesehen, und ich grinse, weil der Blickkontakt zuvor, der war intensiv. Das merkt er selbst und schaut hilflos zu Boden. Er braucht dringend die Erlösung in Form einer Einladung, mit mir zusammen die Hefte wieder aufzuheben, dann erst kann er entschuldigend schauen. Und ich grinse ihn an: Alles klar.
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Wie sie das Beste für ihre Klausur herausschlagen wollen, dabei über das Erwartbare hinaus anspruchsvoll werden und in den Ferienmails nicht ganz den Ton treffen. Als wir – alle Kurslehrer gemeinsam – ihnen dies nach den Ferien spiegeln und darlegen, wie wir ihnen im Künftigen Anstöße zum Weiterreifen und zur Verantwortungsübernahme geben werden, da schauen sie plötzlich ganz verstehend. Wissen, was wir meinen. Sehen, dass schon das, was sie bekommen, mehr als das Erwartbare ist, und dass man mit Meckern jedenfalls an dieser Stelle keinen konstruktiven Schritt weiterkommt. Wir reden über all das. Und ich staune: wie sie in den vergangenen Wochen gereift sind.
*
Wie die Kleinen versuchen bei uns anzukommen und sich in das Schulgefüge hineinzutasten, dabei unverdrossen ihr kindliches Jungsein weiterleben, ungeachtet dessen, dass sie damit an die Geduldsgrenzen sämtlicher älterer Jahrgänge stoßen. Und wie sie dann, als sie realisieren, dass es wohl zu viel war, die Tafel voll mit Kinderzeichungen gestalten, mich mit großen Augen anschauen und darauf warten, dass ich sage: Es ist alles wieder gut.
*
Wie sie unauffällig, aber sowas von unauffällig:) immer wieder an mir vorbeispazieren, während ich hofaufsichtführend umherschlendere. Wie sie dafür sorgen, dass ich alles höre, was sie sich gegenseitig erzählen, und dass ich ihre Spiele sehe, und ihr Wettrennen, und wer da gerade mit wem, das soll ich auch noch wahrnehmen. Und falls ich das alles nicht schnell genug kapiere, geben sie mir in der nächsten Physikstunde Zaunpfahlwinke, was ich noch alles über sie wissen soll. Denn zuschauen sollen wir ihnen natürlich schon, während sie aus ihren Larvenhüllen krabbeln und als Schmetterlinge zu fliegen beginnen. Zuschauen, wenn sie dies einfordern. Und wegschauen, wenn sie dies einfordern. Zuhören, wenn sie so tun, als sollte es niemand hören. Und weghören, wenn sie Dinge sagen, die ich tatsächlich besser nicht hören sollte. Wir regeln das schon, das mit Nähe und Distanz. Sie zeigen ja freimütig, was sie jeweils brauchen.
*
Und tausende solche Szenen mehr …

Es ist ja nicht nur ihre Pubertät. Es ist auch unsere Mischrolle, immer zwischen Arzt und Richter, wie man so sagt. Ständiger Blickrichtungswechsel in unseren Beziehungen. Das hält wach und achtsam, das schenkt ein tägliches reiches Miteinander, das beglückt und wärmt und – vor allem – das stimmt hoffnungsfroh.

Ich glaube, ich liebe meinen Beruf. Sehr. Ich liebe es, mit Pubertierenden zusammenzutreffen und zuweilen auch zu -prallen. Ich liebe die bunte Welt all dieser jungen Menschen.
Aber das sagte ich ja bestimmt schonmal.

Du hast einiges zu lernen

Was wir unseren Kindern am dringendsten
beibringen möchten,
haben wir selbst noch nicht begriffen.
Also versuchen wir ständig zu lehren,
was wir selbst nicht wissen.

Das ist unsinnig.
Versuche statt dessen zu schweigen.
Schau dir die Situation genau an.
Höre aufmerksam zu.
Öffne deinen Geist für neue Sichtweisen.
So lernst du, was du wissen musst.
Und du zeigst deinen Kindern,
wie sie ihre Lektionen lernen können.

***

Nichts ist für Kinder lehrreicher
als Eltern, die zum Lernen bereit sind.
Welche Verhaltensweisen deiner Kinder
beunruhigen dich?
Was sagt dir das über dich selbst?

(William Martin: Das Tao te king für Eltern)

Immer wieder

Jedes Mal kann ich es nicht fassen. Jedes verdammte Mal.

Warum bemerkt Ihr nicht, dass Ihr D. immer weiter in die Ecke drängt, wieso seht Ihr seine Tränen nicht, wie schafft Ihr es, über sein Leid hinwegzuschauen?
Was treibt Dich an, ihn immer und immer wieder anzugreifen, bis er sich nur noch klein und ängstlich vor Dir versteckt?
Wieso machst Du mit, wie ein schlechtes Echo? Brauchst Du das, um Dich selbst zu spüren?
Nennt Ihr das Freundschaft, wenn Ihr Euch zusammenschließt, um ihn nach außen zu drängen?
Ist es seine Stärke, oder seine Weichheit, oder seine Ehrlichkeit, die Euren Neid auslösen, so dass Ihr ihn nicht neben Euch sein lassen könnt?
Warum lügt Ihr alle mich an – da wäre noch etwas zu klären – wenn doch alles längst klar ist, in Form eines am Boden liegenden Besiegten?
Du, hast Du das all die Zeit gar nicht mitbekommen?
Und Du, Du meinst, es wäre doch nur ein Scherz gewesen, immer und immer wieder?
Du fandest das alles nicht so schlimm? Hast Du D. nie in die Augen gesehen, wo seine Angst flackerte?
Du, Du weißt doch von zu Hause, wie es sich anfühlt, wenn man nicht füreinander da ist?
Und Du, dagegen, kennst das ganze Gegenteil, bist so geborgen in Deiner Familie, wieso hast Du D. nicht von Deiner Kraft abgegeben?
Und Du, wie kannst Du nachmittags in die Sozial-AG gehen, um anderen Menschen zu helfen, und vormittags derart die Augen verschließen?
Welch sensible Musik aus Dir ertönt, bei jedem Konzert bestaune ich es, aber hierhin, zu ihm, hast Du Deine Empfindsamkeit nie gerichtet?
Wie sanft Ihr mit den jüngeren Klassen seid, wenn die Eure Hilfe brauchen. Nur in der eigenen Klasse, da erkennt Ihr den akuten Hilfebedarf nicht?
Wie solidarisch Ihr miteinander umgeht, Eure gesamte Gruppe, nur ihn habt Ihr übersehen? Über eine so lange Zeit? Immer und immer wieder?
Wieso stellt Ihr Euch nicht vor ihn, wenn er wieder einmal ausgelacht wird?
Wieso traut Ihr Euch nicht, dazwischenzugehen?
Wieso habt Ihr all die Monate geschwiegen? Euren Eltern gegenüber? Uns gegenüber?

Schaut, Ihr hättet es ja nur den beiden nachzumachen brauchen. Den beiden einzigen verbliebenen Freunden, die sich mutig zu ihm gestellt haben. Die als einzige zu ihm gehalten, die zuweilen sogar ihre Stimme erhoben haben.
Schaut, wie es geht. Macht es D.s unglaublich tollen Freunden nach. Ihr alle.
Bitte.

Außerdem braucht Ihr jetzt wohl uns Erwachsene, um wieder hinauszufinden aus der Verstrickung. Wir werden es versuchen. Wir alle werden alles versuchen, was wir vermögen.
Irgendwie möchte man Euch kaum die Schuld geben. Die Erwachsenenwelt lebt es ja nicht anders vor.
Und doch. Wir wollen Euch zeigen, dass es andere Wege gibt.
Wir sind für Dich da, D. Von jetzt ab wissen wir Bescheid, werden wir auf Dich achtgeben, werden wir unser Möglichstes tun, damit es Dir wieder besser geht.
Wir sind für Euch da, liebe Klasse. Wir werden zusammen hinschauen lernen. Und Mut üben. Dass Ihr Euch in Zukunft zusammentut, Eure gesammelte Kraft einsetzt, damit niemandem von Euch mehr so etwas geschehen muss.
Wir sind für Euch da, Ihr, die Ihr es nicht besser konntet bisher. Wir werden versuchen, mit Euch zusammen Wege aus der Sackgasse heraus zu finden.

Wir sind für Euch da.

(Mobbingsituation, siebte Klasse. Eine von unendlich vielen Klassen,  die es (be)trifft. Trauriger Alltag.)

Tagesfluss

Wenn das Aufwachen einhergeht mit dem Schreck, verschlafen zu haben, der Vergewisserung, dass dem nicht so ist, dafür aber als nächstes die Erinnerung in den Kopf springt, dass der Computer gestern abend seinen Geist aufgegeben hat, aus dem Nichts heraus, ohne Vorwarnung, mitten im laufenden Betrieb, und dass dies in der unglaublichen Enge der Notenschlusswoche (selbst schuld, könntet Ihr mir zurufen, ja, und sogar mit Recht) einer Katastrophe gleichkommt (ok, erste-Welt-Katastrophe, bin ich mir bewusst; aber das hilft mir nicht weiter), dass ich also unseren Computerzaubermenschen möglichst heute früh gleich erreichen und überzeugen muss, dass mein Fall absolut dringend ist, und überhaupt: ob das so einfach und schnell zu reparieren geht?, wenn ich versuche tief durchzuatmen und mir zu sagen, dass bis Montag 13 Uhr ja doch noch ein paar Stündchen Zeit sind und ich seit Montag immerhin schon 1,5 der 4,5 Stapel geschafft habe, wenn auch die Noteneingaben von gestern wohl erstmal futsch sind, wenn sich im selben Atemzug der Kopf meldet, mit der Erinnerung, dass da noch die Erkältungskäferchen in mir schlummern, oder eben gerade nicht schlummern sondern fröhlich treiben, autsch, schon so doll am frühen Morgen, was mich davon überzeugt, dass ich zwar nicht den Vormittagstermin, wohl aber die Konferenz am Nachmittag absagen kann, dann läge ich gegen 14 Uhr wieder im Bett, immerhin, wobei mir einfällt, dass auch der Sohn noch länger zu Hause bleiben sollte, der ist viel kränker als ich, was den Berg seiner nachzuschreibenden Klassenarbeiten auf vier erhöht, auch nicht witzig, so ein Schülerleben, wenn mir beim Schlappen in die Küche das unaufgeräumte Chaos von gestern entgegenbrüllt, dass ich hier ja wohl gerade nichts auf die Reihe bekomme, nichtmal – upps, schon nach sechs, schon wieder wecke ich die Tochter unpünktlich:( – wenn der Tag also so beginnt, dann ist er, dann ist die ganze Woche, der ganze Monatsrest nicht leicht durchzustehen. Alles fühlt sich genauso voll und endlos und durcheinander an wie dieser erste Satz.

Stopp. Schnitt. Durchatmen.

Dieser Tag, diese Zeit sollte doch zu schaffen sein.
Mantra: Eines nach dem anderen.

Tee. Aspirin. Dusche. (In dieser Reihenfolge.)
Tochter verabschieden.
Tasche für die Prüfungsstunde packen. Hustenbonbons nicht vergessen. Der Referendar bekommt sonst die Krise, wenn ich da hinten belle wie ein Ungeheuer. (Vielleicht Codeintropfen? Ich nehm sie mal mit, kann ja auf der Fahrt überlegen, ob’s angeraten wäre.)
Tschüss, Sohn, ich hab Dir noch nen Tee hingestellt. Bleib schön im Bett. (Haha:))
Nochmal probehalber Computer hochfahren. Upps: geht wieder. Wie das? Ein Wunder? Wozu diente die Aufregung dann? Um zu testen, ob ich ruhig bleibe? Ja, doch, blieb ich. Vergleichsweise. Im Unterschied zu früher, wo mich solche Unerwartetheiten, gekoppelt mit Terminandrang, in Herzrasenszustände zu versetzen vermochten. Dem war jetzt überhaupt nicht so, die Herzgegend war ruhig geblieben. Nur der Kopf raste herum, im Zirkel aus Machbar- und Schaffbarkeitsgedanken. Nun also: Entspannung, computertechnisch. Bis zum nächsten Ausfall? Kann ich der Kiste jetzt noch vertrauen? Geb‘ ich dem Computerchen soviel Macht über mich, dass ich meine innere Ruhe davon abhängig mache? Jedenfalls: schnell noch eine aktuelle Datensicherung, man weiß ja nie, und dann los.

Die Ruhe auf der Autofahrt. Nach der Aspirinladung geht’s eigentlich.
Fremde Schule betreten, zack, Smalltalk. Meine Mitprüferin mag den ebenso wenig wie ich, da muss man aufpassen, nicht gemeinsam ins Schweigen zu geraten. Fühlt sich seltsam an mit jemand Wildfremden. Aber warum eigentlich nicht? Auch sonst passt’s: am Prüfen in Fleecejacke sollt Ihr Euch erkennen:) (Ehrlich: Habe ich selten erlebt. Sehr wohltuend.)
Durchhalten, möglichst wenig in der Stunde rumhusten, Besprechung, Note, Protokoll, fertig.
Ab nach Hause.
Nicht vergessen zu telefonieren: Krankmeldung für die Konferenz.

Ich brauche jetzt mein Bett. Nur die Korrekturen, die hat noch niemand für mich erledigt. Leider. Und warum eigentlich nicht? Ich nehme sie also mit rein, in die warmen Federn, zusammen mit Ingwertee und Schokolade.
Bloß: ich kann da nicht sitzen und auch noch mit dem Rotstift arbeiten. Ständig rutscht mir der Papierstapel weg, wird der Rücken krumm, tut weh, ich bräuchte einen Betttisch, ja, das wär’s jetzt. Den gibt’s unter Pflegebedarf, guugle ich, na, so doll hat mich die Erkältung nun doch noch nicht zu Boden geworfen. Nützt für jetzt sowieso nichts. Also schlafen.
Und weiterschlafen, nachdem die Tochter aus der Schule gekommen ist und mir mittels einer heftigen Kuschelattacke mitteilt, dass sie in Latein ne 1 geschrieben hat. Dann weiterschlafen, nachdem sie mir ein Tablett mit Brotchips und Saft gebracht hat. Und später immer noch ein wenig weiterschlafen. Durchschlafen bis morgen … das wär’s.
Dem Sohn geht’s nicht anders. Er wankt ab und zu in mein Zimmer, äußert seine Verwunderung darüber, dass er den ganzen Tag schon schläft und immer noch müde ist. Tja, so ist das.

Aber: Die Korrekturen. Bäh. Ein halbes Stapelchen schaffe ich doch noch. Mit erkältungsgetrübtem Blick, wer weiß, was ich alles übersehe. Aber macht ja nichts.

Und ein bisschen Cello. Das muss so. Das gehört seit einem Monat zu einem jeden Tag:)

Ein Tee für die Nacht, eine heiße Dusche, ein wenig Sofa, schreibend, das hier, vorfreuend auf das Wochenende, und dann ins Bett. Morgen, die eine Schulstunde, die werde ich halten. Sonst muss ich 137 Dinge umorganisieren, das dauert länger als eben schnell hinzufahren und mich kurz vor den Kurs zu stellen.
Denn was der Computer gestern abend konnte – mir einfach ein „missing operating system“ vor die Nase zu knallen und sich eine Auszeit zu nehmen, das kann ich nicht. Das schaffe ich jedenfalls nicht mit dieser Konsequenz, wie er es tat. Wobei das eigentlich angeraten wäre. Mein operating system ist ja tatsächlich etwas im Funktionsumfang reduziert.
Aber jetzt erstmal: schlafen. Ja.

zugeweht

Kein Schreibtag heute.
Zwischen dröhnenden Kopf, schmerzende Glieder, tropfende Nase und den gerade zu Höchstform auflaufenden Husten streuen die 120 Klassenarbeiten beharrlich ihr Piep und erinnern an den Noteneintragungstermin.
Und ich, weil ich nicht weiß, wie das hinzubekommen sei, lasse mich jetzt von Musik zuwehen. Das löst nichts, schadet aber auch nicht:)

Schulsplitter

Wenn es morgens schneefallglatt und kalt zum Brrr-sagen ist und das Auto erst unter seiner weißen Mütze hervorgesucht werden muss, dann ist der Dreiviertelachtschulbeginn noch früher als er eh schon ist.

Zwei Stunden Klassenarbeitsaufsicht sehen nur im Vorfeld wie ein riesiges Zeitfenster aus, in dem die übriggebliebenen Dinge der vergangenen Wochen abgearbeitet werden können. Sitzt man drin, vergehen natürlich nur fünf Minuten. Man schafft quasi nichts weg. Erstaunlich, dass die Schüler in der Zeit trotzdem 300 Blätter vollkritzeln.

Meine Kaffeepads sind aus. Ein echter Notfall. Beeindruckend, wie viele KollegInnen mir umgehend ihre Vorratsdose entgegenstrecken. Und gleich noch fragen, ob ich von ihrem Mittagessen abwill. Mir eilt die Sage hinterher, dass ich meines immer vergesse.

Plötzlich kommt die eigene Tochter ins Sekretariat geschlichen. Ihr Auge tue so weh. Man sieht aber nichts, ich schicke sie zurück in den Unterricht. Rabenmutter, ich.

Sollen Schüler sich selbst einschätzen, gibt es die einen. Die sich überaus kritisch bis zur Selbstverleugnung sehen. Und die anderen. Die gar nicht bemerken, was es eigentlich alles gibt, was man von sich zeigen könnte. Am Ende würden sich alle eine 2 oder eine 3 geben. Oder eine 2-3. Alle. Die einen wie die anderen. Und ich? Fragen sie mich. (Die Sache mit dem Spreu und dem Weizen und wer bin ich eigentlich, dass ich das sortieren soll.)

Wenn das Unterrichten nicht wäre. Heute so. Bloß nicht mich von meiner Planung abbringen, fuchtele ich den Schülern entgegen, innerlich. Meine Flexibilität scheint sich heute Morgen nochmals hingelegt zu haben. Vermutlich ist sie dann wieder eingeschlummert und gar nicht mit in die Schule gekommen. Ich weiß doch auch nicht.

Die Biologiekollegin müht sich den Versuch aus dem Lehrbuch nachzuvollziehen. Sie fragt reihum alle Naturwissenschaftler. Wir kommen kollektiv zu der Meinung, dass das so Quatsch ist und im Leben nicht funktioniert, dass kein Schüler der Welt dadurch auch nur ein Milligramm Verständnis erlangen kann und dass die Lehrbuchverlage sich manchmal ruhig ein bisschen mehr Mühe geben dürften.

All die Dinge hier kommen mir heute vor wie Nichtigkeiten. Ich versuche die Substanz des Tages zu finden. Sie ist weit weg. Oder so unscheinbar, wie die hauchdünne Schicht Schnee auf dem Schulhof. Und doch ist da etwas … der Zauber des gewöhnlichen kleinen Tages.

12 von 12 im Dezember

Der Wecker, der im Hauptberuf ein Handy ist, weckt mich und liegt dabei wie jeden Morgen neben meinem Glücksstein, von der Tochter in der ersten Klasse bemalt und geschenkt. Ein Aufwachblick zum Lächeln.

12-von-12-im-dezember-1

 

Der Tag beginnt mit Kaffee, heute ist die Musiktasse frei, die ist – wer hätte das nicht erraten? – eine meiner liebsten.

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Mein Päckchen vom Landeswettbewerb Mathematik muss heute noch zur Post, ich bin spät dran und schreibe die Schülerrückmeldungen auf den allerletzten Drücker. Morgens vor sechs. Wie das in dichten Zeiten eben so ist.

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Schon vor der Schule habe ich den Stapel fertig und bin wieder müde. Die erste Doppelstunde vergeht zäh, aber irgendwie, die Schülerschaft überbietet meine Müdigkeit wohl noch.
Ich stolpere hinaus in eine Hohlstunde, zum Glück. Irgendjemand hat Kuchen in die Küche gestellt, von solchen KollegInnen müsste es viel mehr geben:) Dazu ein Kaffee und Stilleben mit Lehrerzimmergeraffel. Um diese Vormittagszeit ist es hier ganz leer.
(Das ist auch nicht der Blick von meinem Platz, denn dieser ist zu vollgekramt, als dass ich Teller und Tasse dort hätte abstellen können.)

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Aber damit es nicht droht zu gemütlich zu werden, hat man mir in den zweiten Teil der Bereitschaft eine echte Stunde gelegt. Eine echte, das heißt nicht einfach nur Aufsicht mit vorbereiteten Aufgaben. Ein Notfall, eine plötzliche Langzeiterkrankung, diese Zusatzstunde wird wohl zur Serie werden. Ob ich spontan eine Einführung in die Einheit Geschwindigkeit machen könnte, fragt der Cochef. Klar, ich stampfe sie aus dem Boden. Und gern doch, Achtklässler lieben es schließlich, wenn die Vertretungslehrerin plötzlich so richtig was von ihnen will und Physik macht;-) Wir nörgeln uns also gegenseitig an und gemeinsam durch die Stunde, irgendwann haben sie Diagramme und Rechnungen im Heft und hoffentlich auch was im Kopf, und es ist rum.

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Nahtlos hetze ich – mit Miniboxenstopp an der Kaffeetasse – in den dritten Block, zu den kleinen Fünfern, die sind mir vertraut, hier ist Heimspiel. Es fließt, so muss das sein.
Trotzdem gut, als es zur Mittagspause klingelt. Sie räumen auf, fegen, verschwinden. Himmlische Ruhe kehrt ein, jetzt einfach nur hier sitzenbleiben … Tue ich auch. Das Lehrerzimmer ist in der Mittagspause taubenschlagartig laut, es ist mir heute zu viel.

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Ein vierter Block, nochmals Physik, alle sind ferienreif. Auch ich bin unkonzentriert und verstehe meine Erklärungen selbst kaum;-)
Fünfzehn Uhr, vorbei, Feierabend. Nicht ganz, aber jedenfalls wird’s jetzt ruhiger. Während die Schüler fegen und allmählich verschwinden, bleiben die Restarbeiten. Versuche abbauen, Notizen zum Tag, Listen und Klassenbücher ausfüllen, das eigene noch kontrollieren. Schöne Farben übrigens, unsere Klassenbücher. Auch nach ein paar Jahren Gewöhnung tun die dem Auge noch gut.

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Der Blick aus dem Physiksaal nach draußen dagegen ist eher trist. Warum auch nicht, denke ich mir, ich hab ja eh keine Zeit zum Rausgehen. Ist doch tröstlich, dass es eh nicht lohnen würde:)

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Schnell schnell weiter, zur Post das Päckchen abgeben. Dann bin ich mit den Kindern verabredet, wir brauchen alle Passfotos.
Und zack, als ob der Tag was gegen mich im Schilde führen würde, schließt mich mein Auto aus. Wie auch immer die Elektronik das hinbekommen hat: Das Auto sperrt sich selbst ab, während der Schlüssel im Zündschloss steckt und ich draußen stehe. Darf ja eigentlich nicht sein. Ein Mysterium.
Und ja, wir sind gerade im Nachbardorf, nicht etwa vor der eigenen Haustür, hinter der der Zweitschlüssel liegt. Ich muss mich erst mühsam nach Hause und wieder zum Auto zurück fahren lassen, um mit dem Ersatzschlüssel das Auto per Schloss zu öffnen. (Dazu haben Autotüren noch ein Schloss. Die Elektronik reagiert ja nicht mehr, weil drinnen ein Schlüssel steckt. Dubios.) Jedenfalls: Welch tragende Rolle hat dieses kleine Teil heute gehabt!

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Irgendwann spätnachmittags sind wir endlich zu Hause. Der Magen hängt in den Kniekehlen. Immerhin leuchtet zum aufgewärmten Mittagessen ein Adventslicht.

12-von-12-im-dezember-10

 

Der Blick in den Terminplaner für die nächsten Tage ernüchtert. Nein, ich kann nicht mehr. Die Tage werden alle ähnlich wie dieser. Die letzte Vorferienwoche ist kaum zu schaffen. Genaugenommen: eine Woche und zwei Tage. Mir kullern kurz die Tränen vor Erschöpfung. Dann rappele ich mich wieder auf, hilft ja nix.

12-von-12-im-dezember-11

 

Und schaffe an Schreibtisch und Computer noch ein bisschen was weg, Dinge, die sich nicht vermeiden und verschieben lassen.
Bis ich mich irgendwann meiner neuesten meditativen Tätigkeit hingebe. Es ist wunderbar. Es ist seit Tagen soooo unglaublich schön.
Am Mittwoch wird meine erste Cellostunde sein. Kurz nachdem ich mein ausgewachsenes Leihcello abgeholt haben werde. (Denn dieses hier ist ja noch ein wenig jugendlich und gehört eigentlich der Tochter.)

12-von-12-im-dezember-12

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jede Woche bei Draußen nur Kännchen.

WmDedgT 12/2016

Der Wecker klingelt, statt meiner Morgenlesestunde döse ich noch eine Weile im Bett und wecke gegen sechs die Kinder. Beide blättern vor dem Aufstehen intensiv in irgendwelchen Klassenarbeitsvorbereitungen – ich hab früher auch immer morgens vor der Schule gelernt:) – und kommen erst kurz vor knapp zum Frühstück runter, das bei uns eh keiner ernsthaft zu sich nimmt. Im Moment aber ist das unsere Adventskalenderzeit, beide haben täglich je ein Sprichwort darin, der Sohn auf italienisch, die Tochter auf englisch. (Schimpft mich Lehrermutter – sie finden es anhaltend gut:) und wir kommen oft ins Gespräch darüber. Nicht nur über Grammatik und Wortschatz …)

Kurz nach sieben, Abfahrt. Mein Auto, das zu enteisende, wird derzeit gern genutzt, um mit in die Schule zu fahren, so sind sie immer die ersten im Foyer und finden es zu früh, wie mir die Autofahrt hindurch erläutert wird. Aber bitte, es gäbe ja Fahrrad oder Bus;-)
Heute ist mal keine Schlange am Kopierer (die Kollegen schwächeln?), so bleibt Zeit für einen Lehrerzimmerkaffee. Mit dem Adventskalender bin ich auch dran, ein MilkyWay ziehe ich heraus, alles bestens also vor dem Start.

Die Montagmorgenphysiksiebte gibt sich müde, wie immer. Dass es zudem direkt um 7.45 losgeht, überrascht sie wie jede Woche aufs Neue, wir versuchen das Beste aus dem Fach und der Tageszeit zu machen. Ein bisschen Experimentieren hilft gegen’s Weiterschlafen, und ein wenig Umherlaufen im Raum während des Arbeitens.

Bereitschaftsstunden könnten so schön frei sein. Heute nicht, leider. Ich finde mich in einer fremden Gruppe wieder, von der ich nicht einen einzigen Namen kenne, und soll Fragen zu Bodeninsekten beantworten. Man lernt immer noch dazu.
Nach Ablösung durch eine Musikkollegin – ob die mehr über Bodeninsekten weiß? – werkele ich ein halbes Stündchen am Kopierer, schneide, klebe, loche, tackere, so Sachen halt. Aber immer, wenn ich parallel dazu mit den Kolleginnen ein Schwätzchen halten will, vertackere oder verloche ich mich. Diese Abläufe scheinen komplexer zu sein als man gemeinhin denkt.

Dritter Block, die kleinen Fünfer, die inzwischen durchaus „gezähmt“ und heute besonders still sind. Die Angst vor meinem Test hat ihre Nasenspitzen weiß gefärbt, hej, das wollte ich doch nicht. Allerdings will ich etwas anderes, nämlich dass Ihr endlich auswendig wisst, dass ein Kilometer 1000 Meter und ein Meter aber nur 100 Zentimeter hat, während eine Stunde in Sekunden umgerechnet … naja, das habe ich ja nur in die Zusatzaufgabe gepackt. Ich ahne, dass es nicht ganz leicht wird, durch’s (Schul)Leben zu gehen, wenn man sich dem Auswendiglernen dieser paar Basisfakten hartnäckig verweigert und sie sich auch nach sieben Übungsstunden nicht eingeprägt hat. Das sage ich nicht laut, fühle mich aber im Moment stark gefordert in dieser Gruppe, wo andererseits Kinder sitzen, die sich über Nanometer, Moleküle, biochemische Vorgänge in Nervenbahnen und Mikroprozessoren unterhalten. Spagat ist gar kein Ausdruck.
Und dazu die Elternschaft im Hintergrund, gleichermaßen heterogen. Die Mails, in denen ich als pingelig beschimpft werde, weil ich Wert darauf lege, dass man Quotient mit T, Summand dagegen mit D am Ende schreibt, wie unwichtig das sei, und ob wir in der Schule keine anderen Probleme hätten. Doch, auch, das kommt noch hinzu. Und die Anwaltsvatermails des Tenors, dass die anderen Kinder für das eigene Kind nicht gut genug seien. Langweilig wird es in dem Beruf jedenfalls nie, aber ich bin abgeschweift.

Mittagspause. Nachdem ich den entlaufenen Ordnungsdienst spontan durch einen neuen ersetzt habe, dieser dann aber zum Fegen so lange braucht, dass ich nebenher schon den halben Test korrigiert habe, bleibt mir noch ein klägliches 20-Minuten-Restchen. Die Schlange an der Mikrowelle ist schon abgeklungen, ein letzter Kollege steht mit einem Riesentopf Kürbissuppe davor. Er hätte aber viel vor, witzele ich, gar nicht mit Absicht, echt nicht. Und doch bekomme ich einen Riesenteller von der leckeren Suppe ab. Wow. Umso besser, als ich heute nur Brot mithatte. Dass ich mit vollgeschlagenem Bauch jetzt gleich noch Physik unterrichten soll, naja …

Die Nachmittagsklasse ist nicht munterer als ich, wir ergänzen uns. Bloß gut, dass ich nur die Morgenstunde wiederholen muss, keine neuen gedanklichen Sprünge erforderlich sind. Es geht rum, irgendwie.
Sieben Stunden in jüngeren Klassen sind für mich die Grenze des Schaffbaren. Die Kommunikationsdichte ist so riesig, die Aufmerksamkeitsnotwendigkeit so lückenlos … ich weiß gar nicht, wie das noch ältere KollegInnen schaffen ..
Es geht also rum. Die Klasse stürzt mit dem Klingeln aus dem Zimmer, nur F. bleibt noch lange da, während ich den Experimentiertisch aufräume. Fragt was zur Akustik, zu „Physik im Advent“, zu etwas, das er mal gehört hat. Eigentlich will er wohl etwas anderes. Sein Vater ist vor Kurzem gestorben. Ich habe das die ganze Zeit im Kopf …

Zu Hause, es ist kurz vor vier, steht nichts Dringendes mehr an, zum Glück. Meine Dienstagsveranstaltung fällt morgen aus, ich kann also den Rest des Nachmittags in Ruhe vor mich hinkruschteln. Testkorrektur, Emails zum Kopfschütteln (siehe oben), Klausurplanung für die 11er, Hefte durchsehen und so Zeugs.
Zwischendurch verschwinden die Kinder zu ihren Musikstunden, wollen Hausaufgaben ausgedruckt haben, putzen Stiefel (upps? das wär halt so’ne kleine Regel, antwortet mir die Tochter auf mein Erstaunen), lösen schnell „Mathe im Advent“ und „Physik im Advent“, merken bei der Essensbestellung, dass die Mensakonten fast leergelaufen sind und bringen Jahreszahlen für Geschichte mit Flächenzahlen für Erdkunde durcheinander. Der ganz normale nachmittägliche Wahnsinn mit Schulkindern halt.
Und ich hatte den Nikolaus ganz vergessen. Wenn ich nicht nachts fremde Stiefel im Dorf durchstöbern will, um mich daraus für die eigenen zu bedienen, wird es karg morgen früh. Na gut, so ist das eben. (Am Morgen, der ja nun schon hinter uns liegt, wird sich herausstellen: Auch die klägliche Variante ist in Ordnung;-))

Ein bisschen Zeit für mich passt auch noch in den Tag: Ich streiche auf dem Cello herum. Naja, es klingt noch immer schräg – sind ja aber erst drei Tage, hi hi. Der Plan, ein großes für mich auszuleihen, steht jedenfalls, ich recherchiere Details. Was dann damit wird, werden wir sehen …

Pubertierende Kinder gehen ja gern erst gegen zehn ins Bett, so auch heute. Trotz fortgeschrittenen Alters und Stunde darf bzw. soll ich noch über Köpfe und Schultern streichen, gerade so halte ich die Augen bis dahin offen. Bleibt, zu den eiskalten Stiefeln zu wanken und mein Nikolauswerk zu tun – beinahe hätte ich es jetzt wirklich noch vergessen:))
Eine Seite im Buch, dann bin ich eingeschlafen. Immerhin habe ich vorher wohl das Licht ausgemacht …

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

Wunschtagung

So oder so ähnlich wird das hier an der Akademie genannt, wenn eine ganze Schule sich auf den Weg macht: Kollegiums-Wunschtagung.
Wir sind hier, weil wir hier zu sein wünschen. Alle, all mein Kollegium. Weil wir an uns arbeiten wollen. Weil wir eine gemeinsame Vision haben. Dabei sind „wir“ natürlich nicht 100%, die 100%ig von allem überzeugt sind, das kann ja kaum sein. Aber eine große Mehrheit von uns ist es doch, dieses „wir“. Die anstößt, die weitergeht, die zündet, die mitzieht. Und zwar bei allem, was da aus uns heraus wächst.

„Das merkte ich Ihrer Schule sofort an, als ich sie betrat“, sagt der Referent, der uns schon länger kennt, „dass es hier stimmt. Dass ich hier auch als Kind gern hätte sein wollen.“
Na, das geht selbst einem erfahrenen Kollegium wie uns runter wie Öl, das hört man so direkt ja auch nicht jeden Tag. Wir hören es am Nachmittag noch häufiger. Von den anderen Fremdreferentinnen ebenfalls. In den Rollenspielen, während des Gedankenaustauschs, bei den Lachern in den Vortragsphasen: Die Atmosphäre ist stimmig. Wir sind ja hier auch auf unserer Wunschtagung.

Viele Impulse, Übungen, Gespräche, Rollenspiele treffen mitten hinein in meine derzeitige (berufliche) Befindlichkeit, in meine Suche nach dem Kern unserer Aufgabe und meine Rolle darin.

Von Resonanz ist die Rede. Dass wir unsere schulischen Beziehungen, ja, Beziehungen im Leben überhaupt, auch die zur Welt schlechthin, nur in Form von Resonanz gestalten können. Wir suchen danach, ineinander etwas auszulösen, ein Mitschwingen, ein Gleichzeitig-in-einen-Klang-kommen, ein Sich-gegenseitig-verstärken. Das wäre das Ideal von Beziehung, von Gesellschaft, von unserer innerschulischen Gemeinschaft, und von einer jeden Unterrichtsstunde. Spricht unser Chef in sehr eindrücklichen Worten.

Dass jeder Unterricht im Kern Kommunikation sei, fügt der Referent ein. Dass Kommunikation also nicht etwas sei, was wir jetzt auch noch – neben oder nach allem Unterricht – obendrauf tun müssten, nein. Sondern dass ein jeder Moment des Unterrichtens auf purer Kommunikation basiere. Dass Lernen nie außerhalb von Beziehungen geschehe. Je gesünder die Beziehungen, desto gelingender das Lernen. Das klingt so platt, wirkt aber – in der Illustration durch konkrete Situationen, die uns allen geläufig, nur nicht immer in ihrer Bedeutung präsent sind – einmal mehr augenöffnend. Dieses Wirkungsgeflecht kann man gar nicht oft genug anschauen und verinnerlichen.

Dass im Gegenzug misslingende Kommunikation, nicht wertschätzend gestaltete Beziehungen der Hauptauslöser von Burnout bei Lehrern sei. Das glaube ich sofort. Mir ist schon sehr bewusst, wie glücklich ich mich schätzen darf, unter einer solchen Schulleitung, in einem solchen Kollegium zu arbeiten. Freiwillig werde ich hier wohl auch nicht weggehen. Weiß ich schon lange.

Und dass missglückte Elterngespräche ihre Ursache immer darin haben, dass nicht beide Gesprächspartner mit gleichermaßen positiv-wertschätzender Sicht sowohl auf sich selbst als auch auf das Gegenüber schauen. Wenn sich einer klein fühlt etwa oder den anderen klein macht.
Wir üben uns in solch schwierigen Kommunikationssituationen, als Rollenspiel, ich hasse das eigentlich, aber mit meinen Kolleg*innen traue ich mich. Mir werden Muster sichtbar, in die ich mich begebe wenn. Aus denen ich hier im Rollenspiel ausbrechen kann, hier ist das so einfach. Beim nächsten Elterngespräch ist es vielleicht wieder weg, aber Bewusstmachung hilft. Und Übung, immer wieder.

Dass wir unseren Schülerinnen und Schülern noch viel viel mehr individuelle Rückmeldung geben müssen, darüber tauschen wir uns aus. Wir alle erleben täglich, wie die jungen Menschen danach dürsten. Wir überlegen, wie wir dies möglich machen können, trotz riesiger Klassen, trotz voller Stundenpläne. Im Kollegium gibt es schon so viele Ideen, das lässt sich hier in unseren Workshoprunden gut streuen.
Beim Abendessen spreche ich mit der Coklassenlehrerin, was wir nächste Woche in unserer Fünften beginnen. Und mit der Parallelkurskollegin überlegen wir noch vor dem Nachtisch eine oberstufenkompatible Variante.

Wow, ein kreativer Flow überall. Erst sechs Stunden hier. Schon so vieles im Gepäck für zu Hause. Und morgen ist noch ein Tag …

Es ist ja üblich geworden, dieses Lehrerbashing. In der Presse, in der „Volksmeinung“, am Stammtisch, bei Eltern, in Kommentarspalten der Zeitungen. Kaum ein Tag, an dem ich nichts über Deutschlands schlechte Lehrerinnen und Lehrer lese, über uns also, und über unsere sämtlichen und ständigen Überforderungen.
Darum wollte ich nur mal kurz ein Piep von unserer Wunschtagung senden: Es gibt auch gute Lehrerinnen und Lehrer. Die sich nicht permanent überfordert fühlen. Die ihre Arbeit mit Freude und Engagement ausüben. Die es dabei auch noch ziemlich gut machen. Und sich dennoch bewusst sind, dass es immer gilt, die Dinge weiterzuentwickeln. Im Rahmen der oft sehr einengenden Möglichkeiten. Unter den oft nicht sehr raumgebenden Bedingungen. Die sich immer bewusst sind, dass sie nur Menschen sind, dass ihnen Fehler passieren, dass sie nie jedem Kind gerecht werden können. Und es trotzdem versuchen. Immer mit einem wertschätzenden Blick auf die ihnen anvertrauten Kinder. Und mit ganz viel Herz.
Wir sind hier einige solche. Und ich weiß, es gibt an vielen vielen Schulen an vielen vielen Orten viele viele von uns.
Wollte ich nur mal sagen. Danke fürs Zuhören.

Und jetzt werden wir Rotwein trinken. Wer lange arbeitet, soll auch lange feiern:)

Pausiertes

Wie ungewohnt das für mich ist: am Abend nicht an den Schreibtisch gehen. Mein Alltagsleben spielt sich seit nunmehr Jahrzehnten permanent rund um dieses hölzerne Rechteck auf vier Beinen ab, es gibt kaum Tage und Tageszeiten – Ferien und Urlaube ausgenommen – in denen ich nicht um diesen Ort kreise, und sei es auch nur in Gedanken mit Ich-müsste-, Ich-könnte- oder Ich-will-Färbung.
Immer mal wieder wurde und wird mir das bewusst, immer häufiger irritiert es mich. Denn selbst neben einem Traumberuf – das ist er zweifellos und bislang fast ohne Einschränkungen – wollen andere Orte gelebt werden, Sehnsuchtsorte zumal, wollen Zeiten mit Anderem gefüllt werden. Oder einfach nur leer bleiben. Und zwar bewusst und gewählt, und nicht aus reiner Eschöpfung. Und so übe ich daran, mir solche Zeiten zu schaffen, genauer zu spüren, wann und wie intensiv ich sie brauche – und möchte – und im Alltag ausgewogener unterwegs zu sein.

Gestern dann, zum Beispiel. Ein ewig langer Schultag, neun Stunden im Schulhaus, sechs bis sieben davon vor der Klasse, ein Elterngespräch, etliche Absprachen, viel Organisatorisches und kaum Mittagspause. Und doch immer noch lange nicht alle Schuljahresstartdinge erledigt.
Ich fahre müde nach Hause, radle an solchen Tagen langsam und tief atmend meine wenigen Kilometer, und wälze im Kopf schon wieder den Abend. Nach dem Essen, wenn die Kinder eh in ihre Zimmer verschwinden, könnte ich die längst fälligen Listen abtippen, die Stoffverteilung anpassen und versenden, der F. wartet ja schon, die Notentabellen auf die neue Skala formatieren, lauter so Sachen, zu denen auch ein müder Kopf noch in der Lage ist. Automatisch springen mir diese Punkte meiner To-do-Liste in den Blick, zumal ich für morgen keinen Unterricht mehr vorzubereiten habe.
Doch dann bin ich zu Hause. Niemand da, alle im Musikunterricht. Eine Kaffeemaschine. Eine Terrasse mit Stuhl und Tisch. Ein milder Himmel. Ein Buch. DAS ist meine Übungschance. Nicht die Tasche ins Arbeitszimmer tragen. Nicht die Unterlagen ausräumen. Nicht bei der Gelegenheit noch eben schnell eine Notiz machen. Nicht die Mailbox abrufen, weil doch sicher … Und: auch nicht die Wäsche im Haus zusammensuchen und in die Maschine stopfen. Nein. NEIN.
Terrasse. Himmel. Kaffee. Buch. Jetzt.

Für gestern und heute habe ich es geschafft. Der Abend war lang, ich las oder las nicht, je nach minütlicher Stimmung. Irgendwann kamen die Kinder, wir aßen in Ruhe, sie erzählten ein paar Dinge aus der Schule, wir kruschtelten in der Küche. Als alle schlafen gegangen waren, stellte ich den Kaffee für morgens auf. Spielte etwas Klavier, seit der Reise tue ich dies wieder. Las weiter. Oder nein, eigentlich kaum, ich saß eigentlich nur da und sann vor mich hin.
Ebenso begann der heutige Tag. Bevor ich die Kinder weckte, setzte ich mich nach draußen, es war kühl und gleichzeitig wärmend, dort draußen im Morgenerwachen. Die Kinder standen nach ein paar Weckanläufen auf, verschwanden alsbald in die Schule. Und ich blieb da. Heute ist Heimarbeitstag, weil mein zweiter Dienstort nach den Ferien noch nicht wieder begonnen hat. Es blieben weitere ruhige Stunden zum Pausieren. Erst wenn ich hier auf „Veröffentlichen“ gedrückt haben werde, wird es an den Schreibtisch gehen.

Warum ich davon schreibe?
Weil es eines meiner Hauptthemen ist: Auf dem schmalen Grat zwischen zuviel und zuwenig Widmung für den Beruf meine eigene Verortung zu finden. Ich drohe ja überwiegend in die erste Richtung abzurutschen. Und zwar nicht nur punktuell, sondern vermutlich auch auf lange Sicht, Selbstschädigung nicht ausgeschlossen. Ich muss mich den Übungen, mit denen ich mich selbst schütze, also intensiver widmen. Je älter, umso mehr. Je mehr andere Sehnsüchte, ebenfalls umso mehr.
Und weil mir – ein Nebeneffekt, ein sehr augenöffnender – ausgerechnet gestern Abend und heute Morgen, während dieser Zeiten des Nichtstuns, einige sehr neue Ideen zufielen.
Etwas Grundsätzliches für meinen Physikunterricht, mit dem ich latent unzufrieden bin. (Und nicht nur ich.) Ein Ansatz für ein neues Ritual, dessen Einführung vielleicht in kleinen Schritten lösen könnte, was mich lange schon beschäftigt. Es wird zu konkretisieren und auszuarbeiten sein, aber es hat Potential, glaube ich.
Etwas sehr Konkretes für meinen morgigen Mathekurs, eine Lösung vielleicht für die Situation, die sich in der Freitagsstunde gravierender als in den Vorjahren gezeigt hat, die mit dem Unterrichtsplan der bisherigen Kurse nicht zu bewältigen sein wird. Also braucht es einen anderen Zugang zum Thema.
Etwas noch Diffuses für unsere 5er-Klassensituation, an der wir seit erst sieben Tagen, aber dafür umso intensiver, arbeiten und wirken.
Lauter so Ansätze. Siehe da, sie kamen mir, ganz unerwartet, während ich in den Himmel und ins Nichts blickte.
Das ist wohl kein Zufall.
Es braucht die leeren Zeiten, um Fülle schöpfen zu können.

 

Wochenbogen

Wie eine Rakete startete die erste Woche – Anlauf genommen, gezündet, beschleunigt, abgehoben, an Fahrt aufgenommen, in die Schuljahresumlaufbahn aufgestiegen – rasant und kaum aushaltbar, wie erste Schulwochen halt immer starten. Völlig unerheblich, ob ich in den letzten Ferientagen schon am Schreibtisch gesessen hatte oder ob ich übergangslos aus dem Feriensein kam, die erste Woche ist eine Rakete.

An ihrem Ende, das Schuljahr hat da oben also zu kreisen begonnen, ist es höchste Zeit für ein erstes Innehalten. Freitagabend, sieben Uhr, ich verlasse die Schule, puh.
Wochenende. Das soll in diesem Jahr heißen: 40 Stunden am Stück ohne Erwerbsarbeit. So mein Vorsatz. Und zwar: Jede Woche. Je.de!
Dazu an den Abenden nicht länger am Schreibtisch als bis zehn. Bis auf den allerersten Abend gelang das schonmal. Ich sollte das dauerhaft schaffen. Weil.
(Über Konsequenz oder Inkonsequenz bei diesen beiden Selbstschutzregeln werde ich berichten. Ich kenne mich ja. Aber. Aber meine nicht mehr ganz jungen Lebensjahre weisen mich an, die Regenerationspausen zu verlängern. Es ist nötig. Es wird mit jedem Jahr nötiger werden. Wenn ich die noch vorgesehenen 20 Jahre durchhalten will.)
Also: Schreibtisch maximal bis zehn Uhr abends. Ein Wochenende von mindestens 40 Stunden. Hiermit laut verkündet. So schaut Ihr ein bisschen mit drauf, gelle …

Samstag also. In den Garten, das erdet. Das bietet Raum für Gedankenkreisen. Denn dass sich der Kopf wie die äußeren Tätigkeiten zum Wochenende von der Schule wegbewegt, diese mentale Fähigkeit fehlt mir (noch). Das Drehen im Kopf wird häufiger in die 40 Wochenendstunden hineinragen, das kann ich im Moment kaum ändern. Zumal wenn der Bogen der Ereignisse so weitgespannt, so emotional aufwühlend war wie in dieser ersten Woche.
Und so stehe ich am Samstag im Grün, wir schneiden und ziehen und mähen und werkeln an unserem sommerwilden Gärtchen soweit herum, dass wir in den kommenden noch warmen Wochen inmitten der zugewucherten Pflanzenwelt ein Plätzchen für uns finden werden. Privilegiert durch wärmeres Klima als an vielen anderen Orten, wird es noch viel Gelegenheit zum Draußensitzen, -spielen, -schlafen geben.
Und während meine Hand das Verdorrte entfernt sowie Bäume und Büsche stutzt, manches schon vor der Zeit, einfach weil die unteren Pflanzen durch das Blätterdach kaum mehr Licht und Wasser bekommen, da dreht sich die vergangene Woche in meinem Kopf.

Das Üppige, was der lange Sommer hat wachsen lassen, das was mich hier erstaunt und erfreut, ist es nicht das, was in meiner neuen kleinen Klasse auch sichtbar wird? Wie unerwartet beides ist, die Füllepracht unseres Gartens, und die Unbändigkeit der 30 kleinen Fünftklässler.
Nur, ich nehme es je anders wahr, werte es unterschiedlich. Das hier im Garten außer Form Geratene beglückt mich, während es mich bei den Schülern irritiert. Bei den 10-15 jedenfalls, die uns mit ihren sehr eigenen, unerwartet heftigen Lebensäußerungen von Stunde Eins an in Atem halten.
Solch eine Klasse hatte ich noch nie, gab es an unserer Schule selten. Wir sind ja bisher eher die Schulart für die „Braven“. Sicherlich werden wir uns auf lange Sicht umgewöhnen müssen, werden es bald verinnerlicht haben, dass auch bei uns die elementarste Regelerziehung – wir tragen Konflkte nicht körperlich aus, wir verhalten uns so, dass niemand gefährdet wird, wir respektieren das Anderssein des Anderen – vor allem Deutsch- und Mathematikunterricht erfolgen muss. Es ist im Moment noch ungewohnt.
Nun, arbeitet es weiter in mir, Ihr seid wild, Ihr Jungs, Eure Gruppe, die sich schon in festgefahrenen Beziehungsmustern zu befinden scheint, die Ihr von allein nicht mehr lösen könnt. Wir werden Euch zunächst eng an die Hand nehmen müssen, damit niemandem von Euch oder von den anderen etwas geschieht. Wir – alle Eure Lehrkräfte und Ihr – werden das gemeinsam hinbekommen, das weiß ich. Und „hinbekommen“ wird nicht heißen, dass wir Euch Euer lebendiges Wesen nehmen wollen. Nur Regelzäune zum Schutz von uns allen, die sind wohl dringend nötig.
Und dann, wenn wir diesen Schritt Null geschafft haben werden, dann fängt die Arbeit ja erst richtig an. Dann wollen wir, dass Ihr eine Klasse werdet. Dass Ihr lernt, Euch als eine Gruppe zu fühlen, die gemeinsam die Zeit in der Schule durchlebt, in der alle wahrgenommen werden, ihren Platz finden, in der jede und jeder mit jeder und jedem zusammenarbeiten kann. Und in der jede und jeder auf seine Weise wachsen und blühen darf.
Hoffentlich für viele Jahre, hämmert es in mir. Denn …

Denn noch etwas kreist in meinen Gedanken, während ich in den Beeten stehe, die abgestorbenen Pflanzen sehe, die ersten Herbstblätter am Boden, mich umschaue in der Symbolik des Lebenskreislaufs.
All das Keimen, das jüngst erst begonnen hat, ist über den Sommer in Wachstum und Blühen übergegangen, manches zeigt sich noch in voller Blüte, vieles aber ist nun zu Herbstbeginn am Zusammenfallen, am Verdorren, am Absterben. So ist die Natur. Manches lebt nur ein Jahr lang, manche Blumen, andere kleine Pflanzen auch. Manches lebt lange, scheinbar ewig. Die Bäume, sie werden und werden nicht älter, haben eine unendlich lange Zeit vor sich. So unterschiedlich.
So ist es auch bei uns Menschen, ich weine im Innern. Manche dürfen hundert Jahre alt werden. Andere sollen nach kürzester Zeit schon wieder gehen. Kleine M., wir haben es gestern erst erfahren, Deine Eltern wollten, dass wir als Schule Bescheid wissen. Am Montag werde ich Deine große Schwester erstmals in einer Physikstunde unterrichten. Vielleicht ist sie auch nicht da, weil sie sich lieber Zeit nimmt für den Abschied von Dir. Das wäre richtiger.
Und nein, es tröstet auch nicht, dass die kurzlebenden Blumen eine viel farbigere Pracht entwickeln als die uralten knorrigen Bäume, das tröstet überhaupt nicht. Bei uns Menschen sollte niemand nach einem so kurzen Blumenleben schon wieder gehen müssen. Und doch, so heißt es, wirst Du es wohl bald tun …
Schreien und weinen möchte man.
Ich wende mich wieder den vertrocknenden Blumen zu. Lausche, was sie zu erzählen haben. Ob nicht doch ein tröstender Klang mitschwingt …

Reiseweise

Nun bin ich zu Hause, in den Alltag hineingestolpert, schneller und heftiger, als es mir am Sonntag vorstellbar war. Während ich morgens im Garten saß, ruhig, schweigend, nichtstuend, nach meiner ersten Freiluftnacht zu Hause, noch bevor die Kinder heimkamen, noch ohne dieses To-do-Korsett im Kopf, innerlich noch ganz reiseruhend, da hatte sich der Alltag, obwohl er unmittelbar vor der Tür stand, in eine unendliche Ferne verschoben. Nicht als Realität, die ja doch in wenigen Stunden beginnen würde, sondern als innerer Zustand.
Alltag ist innerer Zustand. Reisen ist innerer Zustand. Gehetztsein ist innerer Zustand. Ruhe ist innerer Zustand. Eine Polarisierung, die sich in mir selbst bildet, nicht durch das äußere Geschehen. Wie klar mir das war, als ich auf der Sonnenterrasse saß, damals. Damals vor fünf Tagen

Und nun ist es soweit: Es ist Alltag. Im Äußeren, das lässt sich nicht abstreiten. Knall auf Fall ging das. So ist Schuljahresanfang ja immer, und diesmal ist es noch ein wenig heftiger. So dass – unter anderem – vor diesem ruhigen Vormittag jetzt am Donnerstag noch kein einziges Minütchen blieb, um mich zu besinnen, wer und wo und wie ich bin.
Und doch.
Doch, spüre ich, hat mich mein Sonntagmorgengefühl nicht getäuscht. Es ist anders als sonst zu Schuljahresbeginn, es ist anders als vor den Ferien, es ist tatsächlich etwas im Innern verblieben von meinem Unterwegssein. Ich lebe weiter in einer Reiseweise, oder sagt man: auf Reiseweise?
Äußeres Indiz ist für mich ganz klar: ich habe keine Kopfschmerzen. Kopfschmerz ist mein übliches Symptom der ersten Schulwoche. Der Kopfschmerz gehörte dazu wie der neue Stundenplan. Von der ungestümen Beschleunigung, der fordernden Aufgabenvielzahl und -vielfalt, der plötzlichen Begegnungsdichte bekam ich im Laufe der ersten Woche immer immer Kopfweh. Diesmal kommt noch die Hitze dazu, wir werden gut gargekocht hinter unseren Glasfenstern auf der Südseite, diesmal kommt eine schwierige Klassenkonstellation mit unerwarteten Anforderungen hinzu. Und dennoch: mein Kopf fühlt sich ruhig und sanft an.
Und: ich habe keine Herzrasensmomente. Auch dieses geschah mir immer. Wenn die andrängenden Haufen zu dicht wurden, wenn ich meinte, mein Tempo erhöhen und gleichzeitig an allen Fäden knüpfen zu müssen, so dass letztlich keiner mehr in Ruhe verarbeitet wurde, dann immer gab es diese Klopfzeichen aus der Brust. Diesmal nicht. An keinem einzigen Tag, in keiner einzigen Situation.
Selbst in der hochkomplexen Klassensituation, in die wir geworfen wurden, schaffe ich es im Moment noch, den Kopf oben zu behalten, meine Kollegin aufzumuntern, Ideen zu entwickeln, die Dinge mit Zuversicht in die Hand zu nehmen und dabei zu lächeln. Sogar das. Obwohl es eine wirklich herausfordernde, arbeitsintensive und traurigstimmende Konstellation ist.

Warum mag das so sein? Ist eine Reise, wenn sie nur doppelt so lang währt, gleich zehnmal so nachhaltig? Oder sind das die Reiseveränderungen all der Reisen, all der Jahre, die plötzlich gesammelt zum Tragen kommen? Oder wird es nur kurzfristig so sein? (Das hoffe ich natürlich nicht.)
Ich lebe ja schon noch ein wenig reisend. Schlafe seither draußen, nicht im Zelt, sondern unter freiem Himmel. So kann ich nachts weiterhin freie Reiseluft einatmen.
Habe meine Radtaschen noch nicht vollständig ausgepackt, nehme immer wieder ein Päckchen in die Hand, verräume all das Gegenständliche erst Schritt für Schritt.
Auf dem Boden liegen die Radkarten ausgebreitet, ein Netz aus gelben Linien – die abgefahrenen Routen – bildend. Die Kamera liegt auf dem Tisch, die Fotos auf ihrer Speicherkarte bereithaltend, noch gänzlich unbetrachtet. Das Zelt räkelt sich, schon längst trocken, im Garten. Das Rad ist und bleibt ungeputzt, gibt der Schulbluse ein wenig Staub von der Altmühl und der Bürotasche eine Spur Donauschlamm ab, und wenn es heimwärts bergauf leicht knirscht, ist das der märkische Sand im Getriebe. Da ist noch so viel offenes Reiseende.

Bedeutsamer aber ist, dass meine innere Reiseweise bislang nicht versiegt ist.
Die Dinge nach und nach, Tritt für Tritt, wie auf einer Perlenkette aufgefädelt erleben, das zum Beispiel. Ein Teil der Alltagsüberforderung besteht ja gerade in permanenter Gleichzeitigkeit von viel zu Vielem. Während dieser Tage meine Hände bewusster über die Gegenstände streichen, wie als würden sie nach wochenlangen Lenkergriffen das Gegenständliche des restlichen Universums erst wieder ertasten wollen, in bewusster Langsamkeit und mit innehaltenden Pausen versehen, gehe auch ich im Ganzen, mit Kopf und Herz und allem, langsamer, innehaltender und vor allem Schritt für Schritt durch die Dinge. Oft erlebte ich mich anders, oft sprang ich von einem zum anderen, zum einen zurück, zum dritten mal eben auch noch, und dann sowieso, das vierte kann man mit dem Stift schnell bearbeiten, während der Kopf schonmal ins fünfte lugt usw. So bin ich, so war ich oft. Im Moment ist es anders. Das erste darf das erste sein, und das siebzehnte das siebzehnte.
Dazwischen finde ich in Pausen hinein. Gestern im Lehrerzimmer, eine Viertelstunde mein aufgewärmtes Essen am Tisch essen, nicht mit den Kollegen reden, nicht lesen, möglichst wenig grübeln, sondern: essen. Abends, die Arbeitstage sind derzeit elend lang, gegen neun Uhr müde sein, mich mit der Tochter aufs Bett legen, sie in den Schlaf plaudern, und anschließend sofort selbst hinlegen. Wie oft konnte ich mir dies nicht gestatten, im Moment kann ich es. Die Arbeitszeit nach Stunden einteilen, nicht nach Fertigwerden. Also: wenn es zehn Uhr ist, ist Schluss. Und nicht, wenn die Listen fertig sind. Und so weiter und so weiter.
Es sind diese kleinen Momente, die das Ruhebett bilden für den Tagesfluss.

Überhaupt, ich bin bedürfnisspüriger. Eine so eindrückliche Reiselehre war das, wie ich über Wochen intensiv wahrnehmen konnte, wann ich Bewegung wann Ausruhen, wann Essen wann Trinken, wann Lesen wann augenschließendes Träumen, wann ein Gespräch wann Schweigen brauchte.
Ein Teil dieser Spürigkeit ist mir für den Moment geblieben. Sonst würde ich nicht den halben Vormittag schon sitzen und schreiben, einfach weil es mich drängt, sondern würde mich „vernünftig“ meiner Arbeit zuwenden. Sonst würde ich nicht mehr schlafen, mehr trinken, anders essen als sonst. Sonst hätte ich nicht die Klarheit in mir gehabt, die Begegnung abzusagen, die mir sehr am Herzen gelegen hatte und liegt, einfach weil der Raum dieser Woche nicht genügt, um ein Treffen in Ruhe – und nicht übers Knie gebrochen – zu erleben. Sonst würde ich zwischen den vielen Aufgaben dieser Tage nicht immer wieder sitzen, stehen, liegenbleiben, den Blick auf Wolken oder Bäume gerichtet, ohne irgendetwas zu tun.
Kurzum: Sonst wäre ich schon viel weiter in meinem Ankommen im Schuljahr. Inklusive Kopfschmerzen, Herzrasen, erster Ungeduld den Kindern gegenüber und der ach so modernen Floskel „… als hätte ich gar keine Ferien gehabt …“ auf den Lippen.

Vielleicht wird das ja doch noch was mit mir und meiner Reiseweise durchs Leben? Vielleicht werde ich ja doch noch reiseweise?

 

Dazwischen

Zeugnistag. Der Tag dazwischen. Zwischen dem Daraufzuleben, ich schrieb davon in den letzten Wochen, mehr als genug, und dem Sich-Entfernen, Sich-weg-Begeben. Sich von der Alltags-Seinsweise weg begeben, sich auf den Weg begeben. Ein Wortspiel fast.
Der Punkt dazwischen ist an unserer Schule um 11 Uhr. In diesem Moment beginnt die schülerfreie Arbeitsphase des Jahres, wie Kollegen es gestern nannten. In diesem Moment beginnt das Wegbegeben, möchte ich lieber sagen. Ich, für mich.

Der letzte Schulvormittag läuft ab wie immer. Wer mittwochs üblicherweise Unterricht hat, begleitet seine Klasse zunächst in den Gottesdienst. Ich mochte das noch nie. Gestern versuchte ich mit anderen Augen zu schauen. Hinten in der Kirche zu sitzen und auf all diese jungen Menschen zu blicken, durch das Ritual hindurch. Wer sie sind, wer wir sind, wer wir werden mögen, was uns hier zusammenhält. Und wer ich bin, inmitten von ihnen. Ein Geborgenheitsgefühl. Welches – meine ich das jetzt entschuldigend oder erklärend? egal – nichts mit dem christlichen Ritual zu tun hatte. Dieses nehme ich, weil es eben so üblich ist.
Nur, das frage ich mich seit Jahren jedes Mal, wenn ich am Schulgottesdienst teilnehme, warum wird dort Lernen, Schule, Arbeitsalltag immer – immer! – tendenziell als Last dargestellt, vor der man sich behüten lassen muss? Als angstauslösendes Etwas, für das man eine schützende Hand benötigt? Als schwieriger Weg, der Begleitung erfordert? All das mag die Realität widerspiegeln. Und doch fehlen mir Freude, Glück, Neugierde, Lust aufs Lernen, Faszination des Entdeckens, Stolz auf Erreichtes, all das. Man könnte ja beide Seiten aufzeigen, sie verknüpfen. Finde ich.
Meine eigenen Kinder formulieren das ebenso, nach jedem Schulgottesdienst, ohne dass ich die Sprache darauf bringe. Gestern Abend hat sich der Sohn nach fast vier Jahren immer noch empört, wie sie zum Gymnasiumsstart gespannt wie die Flitzbogen in den Reihen saßen, alle neugierig und vorfreudig bis zum Anschlag, und dann ausschließlich von Ängsten die Rede war, welche sie doch sicher hätten. „Keiner von uns hatte, Ängste, Mama, KEINER!“ (Aber vielleicht entwickeln sich welche, wenn nur oft genug darüber geredet wird?)

Ob ich das an der Schule mal ins Gespräch bringe? In ganz ruhigem Ton (den ich nach den Ferien sicher wiedergefunden haben werde), damit ich diesen Aspekt nicht damit vermische, dass ich Schulgottesdienste grundsätzlich in Frage stelle (was hier zu weit führen würde).
Denn ich will das ernstlich wissen. Und würde es gern verändert sehen. Was ist das für ein Bild vom Lernen, vom Sichanstrengen, vom Forschenwollen, vom Neugierigsein, vom Verstehen, vom Menschen letztlich, wenn wir einzig das Belastende an unserem Schulalltag in den Fokus stellen? In den Mittelpunkt der Feste nämlich – Gottesdienste als Feste, mit dieser Interpretation liege ich doch nicht falsch? – in den Mittelpunkt der Feste also, welche ein Schuljahr beginnen und beenden. Ein wenig mehr Feier, Feier des Lebens, Feier unseres Seins, die dürfte ruhig dabei sein.
So wie in den Fürbitten der Sechstklässler gestern. Kinder, die ihr eigenes Erleben – ich kenne die meisten privat, weiß um das konkrete Schwere, welches dahintersteht – als versöhnliche Worte der Hoffnung weitergegeben haben. Das war wundervoll. Das war ganz ernsthaftig und reif, und ganz kindlich echt. Gleichzeitig. Das waren Wahrheiten, die ich auch gern so formulieren können wollte. (Ich habe gleich nachgeschaut, welche Religionslehrerin diese Kinder begleitet hat. Ja, passt:) Danke, dass Du die Kinder zu diesen Worten ermutigt hast.)

Meine Frage richtet sich im Grunde nicht an die Fachschaft Religion. Es ist eine Frage an uns alle, die wir da wirken und sind. Mit welchen Augen schauen wir auf unser Tun, auf unser Sein?
Zum Beispiel: Man kann Zeugnisse so oder so austeilen. Gestern habe ich es seit langem mal wieder mit einem Kollegen gemeinsam getan, dessen Zugang zu den Schülern – auf den ersten Blick jedenfalls – sehr anders ist als meiner. Wir verabschiedeten unsere 10. Klasse nicht nur in die Sommerferien, sondern auch in die Kursstufe, in die Phase einer größeren Selbstständigkeit.
Auch hier wieder: der erhobene Zeigefinger, die sich schon anbahnenden Sorgen im Fokus? Nein, ich konnte nach seinen Worten nicht an mich halten, setzte hinter seine Rede noch eine eigene. Damit auch gesagt wurde, wie großartige Dinge sie schon erreicht haben. Wie sie sich feiern dürfen. Wie zuversichtlich sie sein können. (Mit den Sorgen, die ich bei einigen Schülern durchaus teile, werden wir uns nach den Sommerferien beschäftigen. Heute ist der Tag des Feierns. So.)
In meinen Augen gibt es zu einem Zeugnis, welches man austeilt, nur einen stimmigen Kommentar: „Herzlichen Glückwunsch. Feiere das, was Du geschafft hast.“ (Und was das jeweils ist, kann jede und jeder nur selbst wissen. Und zwar, ohne dabei in die Zeugnisse der Nachbarn zu schielen. Vergleichen ist ja oft die Krux. Auch später, im „echten“ Leben.)
Nun, wir entließen die Schüler also mit zwei Sichten auf das Leben. Auch gut. Sollen sie ruhig sehen, wie unterschiedlich man blicken kann. Sie werden sich ihren eigenen Weg ohnehin selbst suchen.

11 Uhr. Schöne Sommerferien Euch! – Schöne Sommerferien, Frau Rebis! (Man freut sich heutzutage ja über junge Menschen, die diesen Gruß erwidern. Nur manchen haben wir es bisher nicht beibringen können. Wir haben ja noch zwei Schuljahre;-))

11 Uhr. Die schülerfreie Phase des Tages beginnt. Eine viel zu große Zahl an Verabschiedungen steht an. Vier Pensionierungen, zwei Schulwechsel, sechs Referendarinnen, die – wie so oft – nicht von uns übernommen werden konnten. So viele hatten wir selten. So lang wie gestern hat es selten gedauert. Bis weit in den Nachmittag hinein sind wir feiernd beisammen. Essen, Trinken, Darbietungen von acht Fachschaften, eine berührender und eindrücklicher als die andere, Worte, Tränen, Umarmungen. So gut wie gestern war es selten. (Wenn ich mal groß bin, möchte ich genauso verabschiedet werden. Kein bisschen weniger liebevoll und wertschätzend, bitte. Dazu muss ich nur noch 20 Jahre an dieser Schule bleiben;-))
Die kabarettreife Persiflage der Gemeinschaftskundler, der persönlich adaptierte Gang durch die Literaturgeschichte der Deutschfachschaft, das individuelle Quiz auf „Englisch für Jedermann“, die Mathe-Physik-und-Sonstiges-Notfallkiste für das bevorstehende schülerfreie Leben, all die erinnernden Worte, die Fotoshow des Schulleiters, in die er seine vier Pensionierungsreden geschickt einflicht und liebe-humorvoll miteinander verknüpft, die Affenbandenstunde der Referendarinnen, das geplant und spontan Hin-und-Her-Gesagte, sehr persönlich oft, all das hat immer nur das Gleiche zum Inhalt. Ein Danke nämlich. Dafür, dass wir zusammenarbeiten und dies als wertvoll erleben durften.
Auch wenn man es manchmal nicht sofort erkennt. Der nun pensionierte Kollege, der ganz warme Grüße an meine Kinder ausrichten lässt (was ich nie gedacht hätte), beginnt mit den Tränen zu kämpfen (was ich nie geahnt hätte) und sagt Worte, die ich nie aus seinem Munde erwartet hätte. So ist das manchmal mit dem Blindsein. Ich möchte noch viel lernen. Mir abschauen, zum Beispiel von unserer Schulleitung, die das Hinschauen vorlebt. Das wertschätzende, danksagende, demütige Aufeinanderschauen. Um es mit W.s Dankesworten zu sagen, von mir in meine Sprache übersetzt: „Ihr schaut, was einem liegt, was einem guttut – und was auch nicht. Ihr sorgt Euch, dass wir unsere Stärken ausleben dürfen und gut mit uns umgehen können in den Dingen, die uns schwerfallen. Ihr bedankt Euch für unsere Arbeit, Ihr vertraut uns, lasst uns Entscheidungsfreiheit und Gestaltungsspielraum, schützt uns so weit es geht vor den problematischen, widersinnigen Seiten des „Systems“, und vor allem aber immer wieder: Ihr vertraut uns.
Danke, Ihr beiden Scheffs. Ich würde gern noch so manches Schuljahr unter Eurer Leitung arbeiten. Vielleicht gilt in Fortsetzung eines in letzter Zeit häufig zitierten Spruchs – „Auf den Lehrer kommt es an“ – auch dieses: Auf die Schulleitung kommt es an. Wenigstens ein bisschen. Oder ziemlich dolle.

So. Schluss.
All das drängte hinaus. Der gestrige Tag war voll. Tief im Innern bewegend.
Und nun wartet der erste Ferientag. Zahlreiche Dinge wollen getan werden. Weil wir uns morgen schon auf den Weg machen. Konkret: auf den Radweg. In etwa 24 Stunden geht es los. Ich muss jetzt ein bisschen zügig sein.

 

Die Freuden des weißen Wahnsinns -1

Während ich dies schreibe, ist ja schon Zeugnistag, denn ich habe meine Tagesnotizen immer frühestens am nächsten Morgen begonnen. Abends war ich zu müde.
Wie lange sich ein Schuljahresende in 21 Alltagsbeschreibungen hinzieht, war mir vorher nicht bewusst. Es waren ja tatsächlich drei volle Wochen außerhalb der sonstigen Schulnormalität. Hätte ich all die Dinge nicht mal aufgeschrieben, hauptsächlich für mich selbst, wäre mir das nicht so bewusst geworden. Hier war der erste gebloggte Tag. Heute (da ich schreibe) ist es geschafft.

Der Vorzeugnistag hat schon von der Ferienahnung getrunken, jedenfalls für uns, da wir mit der Klasse einen simplen Ausflug ins Kino machen. Etwas, wovon Eltern gern sagen, die Lehrer hätten mal wieder keine Ideen. Vielleicht haben sie auch einfach keine Zeit, keine Kraft, und – ja – tatsächlich keine anderen Ideen mehr. Die Maschine im Kopf hat weitgehend aufgehört zu funktionieren …
Vor Wochen schon hatten wir von dem Filmfestival Mathematik-Informatik gehört, dessen Vormittage eigens für Schulklassen angeboten wurden, und – nach Befragung der Klasse – sofort für den vorletzten Tag gebucht. Eine Wahl hatten wir nicht, es gab „Steve Jobs“, über den Film wäre sicher noch zu sprechen gewesen. Wenn nicht das Schuljahr jetzt zu Ende wäre und wir mit der Klasse gar keine Zeit mehr hätten.
Am Bahnhof übrigens – unsere Schule liegt ja auf dem Land, wir haben überallhin eine komplizierte Anfahrt – ist vor dem Film noch Zeit, darum lungern wir auf dem Vorplatz herum, eine wirtlichere Ecke bietet dieser Teil der Stadt nicht. Zusammen mit mehreren ebenfalls ausflügelnden Klassen belagern unsere den Bahnhofskiosk.
Plötzlich ruft die Kioskfrau laut aus ihrem Fenster, die Lehrer sollten mal kommen. Nahajn, Ärger, ist der erste Gedanke der erfahrenen Lehrerin, brauche ich jetzt gar nicht.
Dann aber: Sie wolle uns was ausgeben – Essen, Trinken, was wir wollten. Weil wir den Job hier machen, was ja sicher nicht einfach wäre. Und weil schließlich unsere Schüler so viel hier gekauft hätten, wolle sie uns was schenken. Upps, das ist ja mal unerwartet! Ganz ehrlich: wir freuen uns. Mehr noch über die Worte als über den Kaffee, den ich dann nehme, obwohl ich gar keinen gewollt hatte. Aber das ist unwichtig, ein solches Angebot darf man nicht verprellen, solche Gesten gibt es nicht so häufig.)

Hach, wir sind mittags schon wieder zu Hause und haben es nun also fast geschafft. Der Nachmittag kommt beinahe auf Ferienflügeln daher. Unnötig zu erwähnen, dass ich mich – neben ein bisschen Schulaufräumen und Windows-Updaten – mit Urlaubsvorbereitungen beschäftige. Sorgfältig gestapelt liegt jetzt alles Zoix, was in die Packtaschen soll, auf dem Boden. Alles bis auf die Technikdinge. Also etwa die Hälfte:)
(Psst, ich darf verraten: Der Sohn und ich radeln mit zwei Spiegelreflexkameras, einer ActionCam, einem Netbook, zwei Smartphones, einer BluetoothTastatur, einem OutdoorNavi, einem Ebookreader. Und folglich 457 Ladegeräten, Akkus, Kabeln und Adaptern. Grob geschätzt.)

Die Freuden des weißen Wahnsinns -2

Übermorgen gibt es Zeugnisse. Endlich endlich, das ist das Grundgefühl dieser letzten beiden Tage der „Rumpfwoche“. Zwei Doppelstunden heute für mich, zwei Abschiede. Ich darf es den Klassen sagen, soll nur ein „aller Wahrscheinlichkeit nach“ einfügen. Weil man nie weiß, was über den Sommer noch passieren wird mit dem Deputat.
Mein übliches Abschiedsgeschenk, ein Worträtsel, einer jeden Klasse individuell aus ihren Nachnamen gebastelt, das sowohl mir beim Ausdenken als auch den Beschenkten beim Lösen immer sehr viel Spaß gemacht hat, das habe ich dieses Jahr nicht geschafft. Am Wochenende hatte ich einige müde Startversuche, erste Verschlüsselungen aufgeschrieben, denn mir sind diese individuellen Worträtsel sehr wichtig. Doch letztlich bin nach den letzten Wochen zu erschöpft für eine solche kreative Leistung.
Bleiben Rätsel von der Stange. Solche habe ich genug, auch einige, die immer gut ankommen.
Vor den Rätseln meine übliche Feedbackrunde, nach den Rätseln dann doch noch ein Abschiedsgeschenk: Eis essen gehen. So ist der Plan für die Doppelstunden. Und so laufen sie.

Den 7ern lege ich die Übersicht von vor einem Jahr auf: was sie von sich, was sie von mir in diesem Jahr erwartet hatten. Was gelungen ist, was nicht.
Für mich gibt’s viel „Daumen hoch“. Ganz ehrlich, das freut mich. Wir hatten es ja nicht leicht miteinander am Anfang. Die individuellen Rückmeldungen werde ich in den nächsten Tagen gründlich durchlesen, da steht immer viel Wertvolles, auch zwischen den Zeilen. Für heute aber, während sie rätseln, lasse ich meinen Blick nur über die Blätter schweifen und pflücke mir für den Moment das, was ich gerade brauche und was mir gut tut. Ich sei eine „gute Lehrerin: streng, aber total nett“. Dass ich gut erklären könne. Dass sie endlich was verstanden hätten. Und als Wunsch für künftigen Matheunterricht steht da öfter: dass ich bleiben solle. Hach. Danke. Wenn man schon keine Blumen bekommt in diesem Beruf …

Rätseln, Eisessen, bisschen reden, das ist nicht viel. Und doch bin ich unglaublich müde, als der Vormittag vorbei ist. Es ist wohl alles auf Ferien eingestellt.
Zu Hause türmen sich die Urlaubsstapel, die noch zu bearbeitende-umzustellende-upzugradende-aufzuladende Technik, das nervt mich ein wenig. Die SIM-Karte der Tochter ist plötzlich geschrottet, der Mensacaterer wechselt und es braucht mehrschrittige Ummeldeaktivitäten, alles mal drei genommen, plötzlich ist ein Geschenk für einen Kollegenabschied auszudenken und ein verschwundenes Klassenbuch zu ersetzen. Ein Packtaschenringtausch und damit Gepäckträgerschrauberei wird notwendig, weil der Sohn keinesfalls mit den lila Taschen fahren kann (orrr!), und dass ich bei den Bauarbeiten letzte Woche im Bad frischgewaschene Wäschekörbe in der Ecke vergessen hatte, die jetzt baustaubgepudert sind, das fällt mir auch erst heute auf.
Das Universum sorgt dafür, dass mir nicht langweilig wird;-)