Kinder

Schulgedanken, lang in mir getragene

Es ist Zeugniszeit, Notenzeit, die Zeit vieler Tränen.
Ich gebe die letzten Klassenarbeiten zurück, spreche dabei mit jedem Kind, mit jedem Jugendlichen einzeln. Einmal im Jahr, mindestens, muss Zeit sein für ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Was nehme ich von Dir wahr, über die Zahl, die unter der Arbeit steht, hinausgehend? Worin bestehen – in meinen und in Deinen Augen – Deine größten Schritte der letzten Zeit? Wie geht es Dir in meinem Fach, in meinem Unterricht, was brauchst Du, was wünschst Du Dir von mir?
Etwa 150mal versuche ich in den letzten Wochen, in ein kurzes Gespräch über all das zu kommen, oft gelingt es. Und oft, viel zu oft fließen dabei Tränen. Auf die Schüler mit den „schwierigen“ Noten hatte ich mich vorher ausführlich vorbereitet, hatte für jeden einzelnen überlegt und aufgeschrieben, was ich an Tröstendem, Ermutigendem und Besänftigendem sagen könnte. Doch die meisten Tränen gibt es für mich völlig unerwartet. Oft sind die Noten nur der Anlass, es fließt zumeist sehr viel mehr mit. Immer geht es um Überforderung, bis hin zu Verzweiflung, die ganz unmittelbar mit der jeweiligen Schulsituation des jungen Menschen verbunden ist.
Viele Gespräche gehen mir innerlich nach. Einige haben sofortigen Elternkontakt zur Folge, andere trage ich ins nächste Schuljahr mit. Manches teile ich mit Kollegen, mit der Schulleitung auch, hin und wieder können wir ganz unmittelbar etwas ändern. Das meiste aber bleibt zunächst ungelöst.
Es folgen die Zeugniskonferenzen. Allzu oft müssen wir entscheiden, dass ein Kind eine Klasse nicht „geschafft“ hat. Welcher Weg für das Kind nun der beste ist, dafür versuchen wir beratend zur Seite zu stehen. Zunächst aber versetzen wir mit der telefonischen Mitteilung so manche Familie in einen Schockzustand. Kein anderer Weg scheint angedacht, kein anderer Weg als das Turbogymnasium. Zuweilen brechen vor unseren Ohren Welten zusammen, prallt der ganze Schock ungedämpft auf ein Kind ein. Wieder Tränen Tränen Tränen.

„Was läuft da schief in unseren Schulen?“ Diese Frage stand wie ein Fazit unter einem Twitterkurzgespräch vor längerer Zeit, in dem es um Schulängste und -tränen, um Schule und die Schulen allgemein, um unsere Kinder in diesen Schulen und die im Hintergrund das Schulerleben stets mittragenden Familien ging. Diese Frage blieb in mir hängen, bis heute.
Was also läuft schief in den Schulen? Warum fließen dort so viele Tränen? Wie fühlen sich die Kinder und Jugendlichen, die diese weinen? Welche Ängste und Nöte tragen sie in sich? Warum fliehen so viele Jugendliche in psychische Erkrankungen, in Essstörungen, Depressionen und selbstverletzendes Verhalten?
Kaum einer Familie mit Schulkindern werden diese Fragen völlig fremd sein, vermute ich. Wir hier zu Hause erleben sie glücklicherweise nur in Ansätzen, weil meine Kinder es im Großen und Ganzen gut getroffen haben. Als Lehrerin aber bin ich jeden Tag involviert. Kinder weinen beim Erblicken der Klassenarbeitsnote – selbst schon bei einer 2 – los, Jugendliche fragen mit ängstlicher Stimme, ob der Test unterschrieben werden solle, ich werde angefleht, über die wiederum vergessenen Hausaufgaben nichts den Eltern mitzuteilen – das ist mein Arbeitsalltag. Ich möchte aufschreien.

Unser Schulsystem ist voll von Bewertungen. So sehr mich das Verteilen von Noten manchmal selbst schmerzt: Nun gibt es Noten aber einmal, an dieser Schraube lässt sich im Moment und in der konkreten Situation nicht drehen. Statt mich an eine Schulform ohne Noten wegzubewegen, habe ich in den letzten Jahren immer und immer wieder darüber nachgesonnen, wie ich, wie wir mit diesem Bewertungssystem umgehen könnten.
Meine vielen Beobachtungen und Überlegungen lassen sich vielleicht am ehesten so – in fast schon unzulässiger Verkürzung – zusammenfassen:
Noten sind zunächst Zahlen, mit deren Hilfe eine Schüler“leistung“ mit einer im System festgelegten Skala des erwarteten Könnens und Wissens abgeglichen wird. Wer oder was diese Skalen in einzelnen Schularten, Schulen und Fächern jeweils festlegt, nach welcher Formel der erbrachte Anteil in eine Notenzahl umgerechnet wird, dass es dabei selten völlig objektiv zugeht und dass solche mathematischen Verfahren wie Notendurchschnitte und Ausgleichsregelungen bei der Versetzung höchst strittig sind, geschweige denn dass zahlreiche andere Faktoren als nur das Erlernte auf die konkreten Noten Einfluss haben, um all diese Aspekte soll es jetzt nicht gehen. Ganz schlicht gesagt also: Mittels Noten wird abgeglichen, welchen Anteil des zu Lernenden zu einem jeweiligen Zeitpunkt als Erlerntes dargeboten werden kann. Nicht mehr, und nicht weniger.

Was Lernende aus diesen Noten allerdings oft ablesen, ist weit mehr. Da fällt das Attribut „schlecht“ – „Ich bin ein schlechter Schüler. Ich bin 4.“, wenn im Gegenzug die „guten“, die „Einserschüler“ hervorgehoben werden. Diese Wertung wird auch nicht besser, wenn stattdessen „schwach“ oder „leistungsschwach“ gesagt wird. Da sind die Notenbezeichnungen „mangelhaft“, „ungenügend“ und „ausreichend“ geradezu prädestiniert, als Persönlichkeitsbewertungen gelesen zu werden. Doch halt, es geht nicht um diese Bezeichnungen. Mögen diese meinetwegen so bleiben.
Es geht darum, dass die damit verbundenen Bewertungen nicht in die Seelen der jungen Menschen eindringen. Dass sich also nicht ein ganzer Mensch bewertet fühlt, wo die erhaltene „Zahl“ einzig das im Prüfungskontext gezeigte Können oder Nichtkönnen meint.

So klar, so schwierig. Denn wie kann sich eine kleine Seele dieser verletzenden Sprache entziehen, wie kann sie sich vor dem Gefühl des Klein- und Minderwertigseins schützen, wie kann sie verhindern, dass sie sich bis ins Innerste persönlich bewertet fühlt?
Dies kann nur gelingen, wenn die Verbindung zwischen Notenzahl und Persönlichkeitsbewertung so weit wie möglich gekappt wird, und zwar in erster Linie durch die das Kind umgebenden Erwachsenen.
Ja, darin liegt in meinen Augen unsere allererste Verantwortung. „Unsere“, das meint: die der Eltern und die der Schule. In der allerletzten Stunde vor dem schriftlichen Mathematik-Abitur sage ich zu meinem angstschlotternden Kurs immer einen Satz, den ich jedem Kind und Jugendlichen als verinnerlichtes Mantra wünsche:
Eine Note ist eine Zahl ist eine Zahl ist eine Zahl.“

Nun wäre es allerdings naiv, diesen letzten Satz als Fazit stehen zu lassen. Er gilt so uneingeschränkt allerhöchstens bis zum Ende der Mittelstufe, nur in den Fächern, in denen nicht Wissen und Können gravierend aufeinander aufbauen, und auch nur, wenn sich die Noten – auf der hierzulandigen Skala – zwischen 1 und (sicherer) 4 bewegen. Außerhalb dessen kommen Versetzungsregelungen, Uni-NC-Fächer und überhaupt die Notwendigkeiten langfristigen Lernens ins Spiel. Äußere Gegebenheiten also, die es doch nicht gleichgültig sein lassen, mit welchen Zahlen man den Schulparcours absolviert. Lebensentscheidungen hängen davon ab, Schulart und Schulwechsel, Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, Chancen auf Praktika, Preise, gesellschaftliche Anerkennung etc. Die Gesellschaft lebt in weiten Bereichen vor, dass man (erst?) durch Leistung etwas zählt, dass das Attribut „wertvoll“ viele Überschneidungen mit „leistungsfähig“ hat. In die Schule ist dies längst tief eingedrungen, dem entzieht sich niemand durch Augenverschließen.
Insbesondere Eltern haben dies alles vor Augen. Ängste flackern auf, man möchte das Beste für sein Kind, es soll doch seine Wege „erfolgreich“ gehen können, es soll „bestehen“ und „weiterkommen“, es soll die nötigen Voraussetzungen erwerben, um etwas zu „werden“. — Nein, ich mache dies nicht lächerlich, stelle mich nicht darüber, blicke nicht distanziert darauf hinab. Auch mir als Mutter schießen solche Dinge durch den Kopf, auch ich sorge mich um die Zukunft meiner Kinder, auch mich haben schon manche Rückmeldungen aus der Schule erschreckt, weil ich mich daraufhin um den künftigen Weg meiner allerliebsten Menschen ängstigte.

Als ich vor Jahren eine ältere Kollegin fragte, was sie Eltern sage, gerade wenn sich die schulische Situation des Kindes problematisch darstelle, bekam ich eine Antwort, die ich seither fest in mir trage: „Machen Sie keinen Druck. Ihr Kind hat das Recht auf eine glückliche Kindheit. Machen Sie also in erster Linie keinen Druck.“
Ja, ja und ja!
Machen wir keinen Druck. Der Satz ist an mich gerichtet, an meine KollegInnen, an die Eltern, und vielleicht auch ein wenig ans Kind. Dieses aber kann sich selten wehren und verinnerlicht oft nur den von außen hineintransportierten Druck.
Sagen wir stattdessen lieber: „Du bist gut, so wie Du bist. Auch wenn Du schlechte Noten hast.“ Oder besser: ohne „auch“. Damit der Wert des Kindes und seine Schulnoten in keinerlei Zusammenhang gebracht werden.
Manche Kinder tragen dieses „Du bist gut, so wie Du bist.“ ja in einer gesunden Natürlichkeit in sich. Die meisten allerdings sind – zumal in der Pubertät – abhängig davon, dass Eltern und LehrerInnen dies in sie hineintragen. Ja, Eltern und LehrerInnen. In dieser Reihenfolge, sage ich.

Beginne ich trotzdem bei uns als Schule. Wir als Schulart stehen – im Moment – vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Eingebunden zwischen Grundschule und (Zentral)Abitur, sollen wir mit immer mehr, immer jüngeren, immer weniger reifen, immer unkonzentrierteren Schülern in nur acht Jahren das Gleiche wie immer schon erreichen. Die Hochschulen und Industrieverbände merken an, dass uns dies nicht gelingt, sie haben wohl Recht; manche Studiengänge lassen sich nur noch nach universitären Vorbereitungskursen bewältigen. Eine Drucksituation für alle Beteiligten.
Und doch, bei aller unmöglichen Quadratur des Kreises dürfen wir als Schule diesen Druck nicht an die Kinder weitergeben und sie damit kaputtmachen. Leben wir also diesen Satz – „Du bist gut, so wie Du bist.“ – für jedes Kind in jeder Situation. Wer dies nicht kann oder nicht tun will, sollte den Beruf wechseln. (Was im System aber nicht vorgesehen ist, fatal.)

Allerdings geht ein schlechter Lehrer, auch wenn er „großer Mist“ ist, irgendwann vorbei „wie das Wetter“, wie eine Nachbarin, Vierkindmutter mit schwierigen Schulerfahrungen, immer zu ihren Kindern sagte. Ich gebe ihr Recht und sage diesen Satz inzwischen auch zu meinen Kindern, wenn er denn nötig wird.
Eltern dagegen, die ihr Kind mit Ängsten, Besorgnis und übermäßigen Forderungen erdrücken, sind nicht nur „großer Mist“, sie wirken zuweilen tragisch. Sie tun etwas, was sie als allerletztes wollen: Sie verweigern ihrem Kind ein freies, glückliches Aufwachsen, wenn sie an ihm reißen und zerren und das Kindsunmögliche verlangen. Bessere Noten etwa, wenn das Kind einfach nicht mehr kann. Den Verbleib auf dem Gymnasium, wenn das dortige Turbotempo in keinem Bereich zum Kind passt. Selbst wenn das Kind schon aus allen Poren signalisiert, dass es an dem permanenten Gefühl, nicht zu genügen, krank wird, verweigern manche Eltern ihrem Kind einen Schulwechsel. Dabei gibt es zahlreiche Wege, die dem Kind wieder zu einem glücklicheren Sein verhelfen könnten. Wir bieten gerade den Familien, deren Kinder es bei uns nicht „schaffen“, Beratung zu allen denkbaren Facetten an, nehmen uns mehr als für andere Familien Zeit. Allzu oft jedoch werden unsere Einschätzungen und Empfehlungen einfach nur vom Tisch gewischt. Das sind die Gespräche, die Situationen, in denen ich weinen möchte (und es zuweilen tue). Da gehen Kinder vor aller Augen kaputt …

Viele weitere Gedanken dazu finden sich in diesem lesenswerten Artikel, ebenso wie in diesem Blogpost.  Den Satz „Wie schlimm eine schlechte Note ist, das definieren die Eltern“ nehme ich mir mit.
Ebenso wie die Empfehlungen: „Gehen Sie in die Apotheke, kaufen Sie eine große Flasche ‚Heitere Gelassenheit‘ und nehmen Sie davon dreimal täglich 20 Tropfen.“ Und: „Immer fröhlich Gesundheit und Glück der Kinder im Blick behalten.“
Kinder, deren Eltern dies verinnerlicht haben, haben es leichter, im Schulsystem mit seinen Unzulänglichkeiten zurechtzukommen. Als Lehrerin habe ich immer nur eine nachgeordnete Rolle.
(Und nein, ich möchte nicht, dass dies als Schuldzuweisung gelesen wird. Jeder Mensch, Mütter, Väter, wir alle, handelt immer aus dem Korsett des eigenen Erfahrens und Erlebens heraus. Den tragischen Schülergeschichten gehen tragische Elterngeschichten voraus, weit über die in meinem Fach verbreitete Ich-konnte-das-auch-nie-Tradition hinaus.)

Wie man es jedoch dreht und wendet: Es bleibt schwierig für alle Seiten. Für die Kinder, für die Eltern, für die Schulen. Wir alle sind mit der Situation überfordert, fühlen uns alleingelassen und finden manchmal keinen anderen Ausweg, als den allseitigen Druck immer nur gegenseitig aufeinander abzuwälzen. Eltern auf Lehrer, Lehrer auf Eltern, und alle zusammen auf’s Kind.
Das darf nicht sein. Das darf so nicht bleiben.

Ich träume von viel mehr Schulpsychologen, von viel mehr professionellen Beratenden, die für uns alle da sind.
Ich träume von einem Netz an Unterstützenden aus der Gesellschaft, damit wir mit Angeboten und Projekten unsere enge Klassenzimmerwelt verlassen können und sich weitere Teile der Gesellschaft mit an der Erziehungsaufgabe, dem Ermutigen, Stärken und Aufrichten der Kinder – und eben dem Abfangen von Druck – beteiligen.
Ich träume von kleineren Klassen und von weniger Unterrichtsstunden, damit Zeit für viele, viele Gespräche bleibt. Denn ja, in Eltern-Kind-Lehrer-Gesprächen mit dem Fokus: „Was wollen wir, was ist realistisch, womit dürfen wir zufrieden oder stolz sein, und warum ist eine 3 nicht schlimm?“ könnte man vieles aufbrechen und abfangen, könnte viele Familien im Umgang mit der Schulsituation unterstützen. Wenn ich solche Gespräche derzeit im notwendigen Umfang anbieten würde, wäre ich wohl bei einer Wochenarbeitsstundenzahl von 100. Ganz ernsthaft. Soviel Gesprächs- und Begleitungsbedarf gibt es. Dem meisten kann ich beim besten Willen und Gespür für die Bedürfnisse der Kinder nicht nachkommen.
Ich träume also von einer tragbaren Arbeitsmenge für mich und meine KollegInnen, so dass wir jedem einzelnen Kind gerecht werden können.

Und nun? Was bleibt nach dem Träumen? Manchen KollegInnen und manchen Eltern meiner Schüler eine Kopie dieses Artikels in den Briefkasten zu werfen? Das würde ich in einigen Fällen wirklich gern tun. Doch das traue ich mich nicht.
Vielleicht ist es ja weit wichtiger und fruchtbarer, wenn ich bei mir selbst anfange. Was also kann ich persönlich tun, selbst wenn meine Träume nur Träume bleiben werden und wenn nach wie vor Familien in ihrer Schulsituation eben sind wie sie sind
Immerhin kann ich mit den Kindern im Gespräch bleiben, im Unterricht, in den Pausen, bei zusätzlichen Treffen.
Ich kann ihnen sagen und – wichtiger! – vorleben, dass man sich nicht an Zahlen messen lassen muss, dass sich das Wesentliche des Lebens ganz woanders findet.
Ich kann mit ihnen darüber sprechen, dass und wie man sich selbst – und eben nicht primär seine Leistungen – im Blick behalten sollte, damit man gesund bleibt und mit sich selbst in einem stimmigen Gefühl lebt.
Und: Ich kann jedem einzelnen Kind spiegeln, was für ein wunderbarer, wertvoller, einzigartiger Mensch es ist.
Wenn dies in den Kinderherzen ankommen würde, wäre schon viel erreicht.

12 von 12 im Juli

 

 

 

Es regnet, mein morgendlicher Gang durch den Garten erschöpft sich im Stehen unter dem Terrassendach, aber ich fühle mich unverdrossen wohl im morgenfrischen Grün. Nur dass ich den Kaffee heute nicht draußen trinke. Wir, der Kaffee und ich, wandern wieder hinein, aufs Lesesofa.

 

 

 

Ganz zufällig stieß ich in den letzten Tagen durch ein Kommentargespräch in einem Lieblingsblog auf meine kurze Philosophiestudien-Vergangenheit, Erinnerungen aus den 90ern werden wach, mich packt es wieder. Und so sitze ich morgens vor sechs Uhr in meiner Leseecke und blättere mich durch Wittgenstein.

 

 

 

Weil es unverdrossen regnet, genaugenommen schüttet, fahren die Tochter und ich mit dem Auto zur Schule. Muss ich wenigstens die Fahrradtasche nicht zuwürgen, das wäre heute knapp geworden. Die Tochter fragt, was ich mit so vielen Taschentüchern will. Ich versuche sie’s erraten zu lassen – na, was habt Ihr in der 5. am Ende des Schuljahres gehabt? – aber sie war anscheinend in der 5. in Mathe nie anwensend. Jedenfalls hat sie keinen blassen Schimmer und tut äußerst überrascht, als ich mit Wörtern wie Oberflächeninhalt und Quader um mich werfe. Vielleicht ist es ihr auch einfach noch zu früh. Dann soll sie halt nicht fragen;-)

 

 

 

Morgendliche Schultafeln sind so schön leer, nee, Quatsch. Sie sollten es sein. Aber wie das so ist. Das Wischen und Abziehen hat jedenfalls was Meditatives.

 

 

 

Dann kann es losgehen. Quader und Oberflächen halt.

 

 

 

Und weil ich ja im Unterricht schlecht fotografieren kann, gibt’s das nächste Bild erst von dem Moment, wo die einen Schäfchen schon weg und die anderen noch nicht da sind.
Ahhh, Ruhe.

 

 

 

Der Kurs kommt, der Kurs hat keine Lust mehr. Nichts Neues, auch an diesem Mittwoch nicht. Wir strampeln uns durch Abstände windschiefer Geraden und sind ansonsten friedlich miteinander.

 

 

 

Stundenende, große Pause. Ich habe Hofaufsicht, genau vor dem Fenster. Dort erscheint aber niemand, denn es schüttet gerade wieder los, die Regenklingel ertönt, bäh. Drinnenaufsicht in ner Regenpause ist anstrengend, weil es eng und und höllelaut ist. Stadionatmosphäre, und das ganz ohne Eintrittskarte.

Unterrichtsschluss, ich trage meine 150 Noten am Verwaltungscomputer ein. Bzw. möchte es tun. Für einen Teil davon fehlt mir aber mein Passwort, der Zettel liegt nicht in meinem Fach, auch in keinem Nachbarfach, der zuständige Kollege ist mit den 10ern in Berlin, und auch sonst findet niemand eine Lösung für die Passwortfrage. Also dann eben nicht. Wenigstens die Mitarbeits- und Verhaltensnoten mache ich fertig – Papierlisten brauchen keine Passwörter – , und die verbalen Bemerkungen verschiebe ich auf später.

 

 

 

Denn zu Hause wartet das Mittagessen. Wie gut.
Ausnahmsweise sind beide Kinder da. Wir starren alle völlig fassungslos auf den Kalender, niemand von uns hat heute noch irgendeinen Termin. Das gab es das letzte Mal vor gefühlt zehn Jahren. Wir fühlen uns auch ganz unbehaglich dabei und argwöhnen bis zum Abend, dass wir sicher irgendwas vergessen haben.

 

 

 

Danach drucke ich alles aus, was ich heute nicht eingeben konnte, das sollte dann wohl morgen als Papierliste zur Schulleitung.

 

 

 

Irgendwann am Spätnachmittag überkommt mich Arbeitsmüdigkeit. Zeit fürs Cello. Mein Lieblingssatz …

Es bleiben Abendessen, Telefonieren, mit einer Freundin an der Haustür schwätzen, Wäsche, Kinderzeugs und ein paar Schreibtischdinge.

 

 

 

Bis sich der – mittlerweile wieder blaue – Himmel über’m Haus abendlich dunkel färbt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

WmDedgT 07/17

Heute ist Abischerz, fällt mir als erstes ein, als der Wecker klingelt. Sofort senkt sich meine Laune, diesen Tag bräuchte ich nicht. Seit Jahren nichts Neues, die Schule ist verbarrikadiert, es wird auf dem Schulhof herumgejagt, mit irgendwas geworfen, und mittags gibt’s ein Fußballturnier Schüler gegen Lehrer. Mehr Idee war oft nicht. Na mal schauen.

Noch ist etwas Zeit. Ich schreibe am Post zu meinen Urlaubsbildern, die Stimmung der damaligen Radreisetage schwebt im Raum, sie ist gar nicht so unpassend zur gegenwärtigen, es läuft nicht leicht und rund derzeit, innerlich nicht, äußerlich nicht. So sitze ich inmitten von Morgensonne und erwachenden Vögeln und schreibe von grauen Glocken.
Um sechs wollen wie immer die Kinder geweckt werden, danach steige ich vom Schreiben aufs Lesen um, und irgendwann ist Aufstehen-Duschen-Broteschmieren, die übliche Morgenprozedur, dann wie immer unser leicht hektischer Aufbruch. Weil ich nicht möchte, dass mein Auto oder mein Fahrrad in Schulnähe geteert und gefedert wird – da gab es schon so manches – lasse ich mich heute von einem Fremdauto mitnehmen und vor der Schule absetzen.

Aha, mit Stroh wird dieses Jahr geworfen. (Später am Tag werden sich etliche Kinder abholen lassen müssen, weil sie nassgespritzt und von oben bis unten strohbekrümelt verständlicherweise keine weiteren Stunden in der Schule aushalten können.) Ansonsten wirkt es harmlos, ich gehe schonmal durch den Hintereingang ins Schulhaus hinein. Bevor die Schülerschaft die unteren Barrikaden überwunden hat, sollten wir oben das unfallträchtig gestapelte Mobiliar geräumt haben.
Tische, Stühle – und leider auch privatere Gegenstände – des gesamten Schulhauses sind im zweiten Stock aufgetürmt, stellenweise bis unter die Decke. Um einen Anfang zu finden – alles ist ineinander verkeilt -, müssen wir erstmal eine Weile auf und zwischen Tisch- und Stühletürmen herumklettern sowie einen Zugang von hinten über die Feuerleiter schaffen, das Aufgabenfeld unseres Berufes ist halt vielfältig:)
Mit uns klettert unser Chef persönlich, mit seinen zwei Metern Körpergröße kann er eh viel besser als ich und die meisten die Klopapier“verzierungen“ an den Decken und die weiter oben verhakten Gegenstände entfernen. Wir werkeln also gemeinsam in luftiger Höhe und machen uns dann an das Entkeilen des Mobiliars, immer von außen nach innen, eine Art 3D-Tetris rückwärts.
Irgendwann stoßen die ersten älteren Schüler dazu, die den Treppenparcours überwunden haben, die dürfen gleich mitmachen, und von da ab geht es schnell. Als die wilden 5. und 6. Klassen nach oben kommen, gibt es schon keine Klettermöglichkeiten mehr, puh, Unfälle braucht ja kein Mensch.
Während das Strohwurffest auf dem Hof in Auflösung begriffen ist und die Kleinen nach und nach eintrudeln, bespreche ich noch schnell mit der Kollegin von gegenüber das Drängende, welches ich beim gestrigen Spätabendtelefonat erfahren habe. Wie es dem H. geht, wie wir ihm helfen könnten. Und an welchen Stellen uns die Hände gebunden sind. Es tut so weh sich in das Kind hineinzuversetzen …

Jedenfalls: gegen 9 Uhr sind sämtliche Gegenstände wieder in die Klassen geräumt, meine kleinen 5er sitzen verschwitzt und aufgeregt vor mir – es war ja ihr erster Abischerz – und sind dann enttäuscht, als ich noch ein wenig Unterricht mache. Vielleicht bin ich unlocker, aber nach dieser Räumaktion tut es mir einfach gut, dass alle geordnet – und gesund! – vor mir sitzen, keiner mehr wirft und tobt, und alle mit nem Stift in der Hand an ihren ganzen Zahlen herumrechnen.

Auch mein Kurs scheint über die Tatsache, dass ich einfach das Thema an die Tafel schreibe und offenbar eine ganz normale Unterrichtsstunde beginnt, enttäuscht zu sein. Aber das sind sie schon seit Wochen.  Klar, alle sind schuljahresenderschöpft. Aber wir können schließlich nicht vier Wochen lang „Film schauen“.
Also Geometrie, wir berechnen diverse Abstände, ich habe ihnen für heute ein bunt gemischtes Übungsprogramm zusammengestellt, das kann man jederzeit unterbrechen. Wer weiß, ob nicht zwischendurch noch lustige Einlagen der Abiturienten kommen. Es erscheint aber nix und niemand, keine Quiz- oder Schokoladenablenkung kommt des Wegs, naja, die sind wohl alle beschäftigt, das Stroh auf dem Schulhof aufzuräumen:)

Nach der Stunde verabschiedet sich der finnische Gastschüler – ach mönsch, das tut ja immer ein wenig weh. (Jetzt in einem Jahr etwa wird sich der Sohn in seiner italienischen Schule verabschieden …)
In der Pause steht eine Besprechung mit den Sportkollegen an, die letzten beiden Schultage sind dieses Jahr Sporttage, wir 5er-Lehrer dürfen an diesen Tagen unsere Kleinen begleiten und werden eingewiesen. Gar nicht schlecht, diese letzten Tage mal nicht selbst organisieren zu müssen, das sähe im Fall von Projekttagen nämlich ganz anders aus. Dafür dreht die Sportfachschaft schon jetzt am Rad, verständlicherweise.

Um 11.15 ist für mich heute Schluss, da die Bereitschaftsstunde ungefüllt geblieben ist, puh. Ich darf also gehen, während auf dem Sportplatz das Finale des Abischerzes ansetzt, ich habe keine Lust. (Später werden mir die Kinder davon erzählen. Bis auf ein Miniquiz gab es wieder nur Fußball.) Der Zug bringt mich nach Hause.

Dort – es ist halb eins – bin ich erst einmal müde, mein Grundzustand dieser Tage. Ich schaffe es beim besten Willen nicht, mich sofort an die Korrekturen zu setzen. Aus „ein bisschen dösen“ werden zwei Stunden, zwischendurch kommen die Kinder heim, wir essen, ich döse weiter, müdemüdemüde, ich „funktioniere“ gerade nicht mehr gut. Und meine Augen brennen.

Gegen drei schalte ich dann doch den Computer ein, ein paar dringende Dienstmails, ein Antrag ist zu schreiben, eine Bestätigung abzuschicken, zwischendurch braucht der Sohn Hilfe von mir, weil wir seine Klarinette für den Italienflug anmelden müssen, dann erzählt die Tochter, dass sie in der Musical-AG die Wunschrolle bekommen hat und sie mit der Benefix-AG Eisessen waren. Das wär’s jetzt: es ist so warm. Wir haben aber kein Eis im Haus:(
Mir ist also warm, und die Augen brennen immer doller.
Der Korrekturstapel grinst mich an, ich setze mich an den Terrassentisch, dort ist es zu warm, drinnen aber eigentlich auch. Es wird ein zähes Heft um Heft um Heft, heute sind die Aufgaben 4 und 5 dran, wenn ich morgen diszipliniert die 6, 7, 8 mache, könnte ich morgen Abend fertig sein, jedenfalls mit dem größten Rotstiftberg, und am Freitag zurückgeben. Dann wäre das Wochenende schon korrekturfrei, sinniere ich, während Häkchen um Häkchen (und leider auch Nichthäkchen um Nichthäkchen) meinen Stift verlässt.

Aber was ist das mit meinen Augen??? Am Abend – es ist so schnell acht Uhr geworden – bin ich bei einer stündlichen Augentropfenfrequenz angekommen, das hatte ich selten. Es brennt, sieht aber nicht rot aus. Während wir Abendbrot essen, sitze ich mit geschlossenen Augen da, nicht witzig. Morgen Vormittag hätte ich Zeit für einen Augenarztbesuch, mal sehen …

Für heute ist mir alles vergangen. Mit den Kindern zusammen räumen wir schnell das Essen weg und die Küche auf. Ich schmiere mir Salbe in beide Augen, nun kann ich nur noch verschwommen sehen, aber es tut für den Moment wenigstens nicht weh.
Nur Celloüben – mein tägliches Elexier – schenke ich mir noch, heute mit weitgehend geschlossenen Augen. Die meisten Übungen kann ich auswendig, merke ich bei der Gelegenheit, und in den Körper und die Töne hineinzuspüren gelingt sogar besser.

Ich bleibe dennoch nicht lange dabei, mir ist nicht danach. Noch vor zehn liege ich im Bett – wann gab es das zuletzt? – versuche durch die Salbe auf mein Buch zu blinzeln, gebe es aber auf und schlafe dann wohl schnell ein.

Konsequent – mein Körper nimmt kein zusätzliches Schlafgeschenk an:) – werde ich gegen halb vier wieder aufwachen.
Die Augen brennen immer noch.

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Erzählungen gibt es bei Frau Brüllen.

im Juni

Ein erschöpfter Monat ist dieser Juni. Wie immer um diese Zeit, da das Schuljahresende eingeläutet wird. Von Jahr zu Jahr aber stecke ich es schlechter weg. Nach der Himmelfahrtspause komme ich überhaupt nicht wieder in Tritt, die ersten Monatstage vergehen in lethargischem Waten durch die letzten Schulstunden, und sogar die Radreisevorbereitungen fließen nicht.
Die Reise selbst beginnt zäh und innerlich düster, es braucht lange, bis ich ins Unterwegssein hineinfinde.
Von dort zurückgekehrt, ist der halbe Monat um, ich trotte wieder durch Schultage, besser gestimmt zwar, jedoch auf einem anhaltenden Teppich der Erschöpfung.
*
So sehen diese Tage also aus, die Korrekturen stapeln sich, darum auch ist es im Blog still geworden, darum ist mir kaum nach Schreiben zumute, darum schob sich dieser kurze Rückblick Tag um Tag um Tag hinaus. Es sind ja nicht nur Korrekturen. Da ist Hitze, unerträglich im Glasfassadenschulhaus, da sind Konferenzen und Sitzungen und Planungen fürs nächste Jahr, ein Wettbewerb ist auszuwerten, es gibt eine Mathenacht mit den 5. Klassen und eine Kollegenverabschiedung auf der Sternwarte. Vieles ist schön und bewegend. Und dennoch: Man mag nicht mehr, ich mag nicht mehr.
*
Die Kinder stöhnen ähnlich, die Temperaturen in Verbindung mit dem Klassenarbeitsberg werfen noch jede Motivation um, es wird Zeit für Sommerferien.
Der Sohn möchte diese allerdings am liebsten überspringen und gleich nach Italien abfliegen, spätestens als er vor Vorfreude platzend von seinem Vorbereitungsseminar zurückkehrt. Solange beschäftigt er sich mit einem Online-Italienischkurs, lässt aber uns gegenüber noch keine neuerlernte italienische Silbe raus:)
Allmählich wird es in verschiedener Hinsicht ernst, wir kündigen Musikunterricht, Monatsticket und diverse andere Regelmäßigkeiten und beschäftigen uns mit Klavieranmietmöglichkeiten in Mailand, Kontoeröffnung und Versicherungsdingen. Das lenkt immer wieder den Blick darauf, wie bald er schon weg sein wird.
In diesen Tagen erhalten wir auch endlich Unterlagen für Gasttöchter, wir entscheiden uns und werden einander wunschgemäß zugeordnet. Ab September wird die Tochter also eine große Gastschwester haben, aus Slowenien kommt sie, alle sind vorfreudig gespannt.
Musik gibt es in diesem Monat vor allem in Form von vielen Proben, die Schuljahresabschlusskonzerte und -vorspiele stehen vor der Tür, die Kinder bereiten eine Cello-Klavier-Suite vor und üben miteinander anders als früher ohne gegenseitiges Anschreien, na bitte geht doch.
Für die Tochter gibt es eine wichtige Neuerung: Langgewünscht darf auch sie endlich eine Brille tragen. Beim Optikerbesuch zeigt sie sich entschlossen und wählt ein kräftig-grelles Modell, wennschon dennschon, wir sind gespannt:)
*
Der warme Monat schenkt einige Treffen mit nahen Menschen. Meine Radreise hangelt sich von liebem Haus zu liebem Haus. Zu uns kommen Gäste, wir werden eingeladen, mit alten Freunden treffen wir uns in der Stadt. Und an vielen warmen langen Abenden sitze ich einfach nur allein im Garten. Neuerdings kann dort ein Feuer brennen, was mir vor allem die Seele erwärmt.

WmDedgT 06/2017

Ein Monatsfünfter. Die Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Reihe als Anlass, doch einen meiner Radeltage zu erzählen. Ansonsten nämlich ist dies die erste längere Radreise seit – hm, ich weiß gar nicht: jemals? – auf der ich nicht täglich blogge. Es passt diesmal nicht in meine Stimmung hinein, die mich schwerer als sonst durch die Tage gehen lässt, selbst hier unterwegs.

Aber jetzt. Also los.

Ich wache gegen sieben Uhr auf und schaue den grau-regendrohenden Himmel an. Schnell zusammenpacken, bevor das Zelt nass wird. Frühstücken kann ich später. Immer wieder erstaunlich, dass es eine Stunde braucht, bis das gesamte Geraffel verstaut ist. Vielleicht könnte diese Form des Reisens noch mehr Reduktion vertragen?

Als ich die letzte Zeltplane zusammenlege, schieben zwei vollstbepackte Radler vom Ende des Platzes vorbei. Wohin ich unterwegs sei, fragen sie, ich erzähle. Und dann erzählen sie. Auf der Rückreise einer 12-Monats-Tour durch mehrere Kontinente sind sie. Ja, stimmt, das Gepäck, die Fähnchen, die Webseite auf dem Rahmen. Ich erzähle von meinen Sabbatjahrplänen, das ist noch weite Ferne. Diese Begegnung aber ermutigt mich einmal mehr. (Er ist übrigens auch Lehrer und hangelt sich, so habe ich das verstanden, seit dem ersten Sabbatjahr von einem zum nächsten.) Schaut doch mal: http://www.diezweiunterwegs.de

Überm Plaudern wird es fast neun, wir schieben noch gemeinsam zum Kiosk, wo ich – der Himmel regnet doch wirklich gleich los – unter einem Riesenschirm meinen Kocher in Gang setze und frühstücke. Während am Nachbartisch ein Mann sein zweites Bier öffnet. Wie da gleich die Vorurteilsschublade in mir aufgeht. Wie ich beschämt zusammenzucke, als mich der Mann anspricht. Und beginnt zu erzählen, sein ganzes Lebenselend tönt durch den lächelnden Mund hindurch. Dass er morgen wieder arbeiten müsse, wie furchtbar die Arbeit sei, und wie schlechtbezahlt, und wie es doch keinen anderen Weg gäbe. Wohin ich fahren würde, fragt er. Wie das so sei, allein unterwegs. Ich erzähle. Er hört mit offensten Augen zu. Und kauft mir schließlich am Kiosk eine Flasche Wasser. Ich wehre erst ab, doch er lässt es sich nicht nehmen: Ich MÖCHTE Dir dieses Wasser kaufen und mitgeben.

Es ist zehn, als ich losfahre. Um nicht wieder die Schleife um den riesigen Platz zu nehmen, plane ich eine Abkürzung. Denkste. Monsterhaft-düstere Veranstaltungshallen und Mercedes-Benz haben die Flächen nach ihren Plänen gestaltet, und die sehen halt keine Durchradler vor. Ich irre in den gruselig menschenleeren Arealen umher, bis ich auf ein verschlauftes Straßenkreuz treffe. Ein paar Windungen noch – fast wäre ich dabei auf die Autobahn geraten – und dann habe ich endlich den Neckarweg wieder. Wenngleich den Neckar noch lange nicht. Öde ist es hier. Ein beindustrieanlagter Fluss. Dazwischen Häuschensiedlungen. Zu meiner Überraschung gibt es zuweilen Ostputz, diesen grau-bräunlichen, wenn Ihr versteht, an Häusern und Garagen. Hach, das lässt mich gleich ein wenig heimisch fühlen. In meiner Familie wird meine Ostputzgaragenfotografierobsession ja liebevoll-spöttisch belächelt. Hier kann ich ihr frönen, ohne mir Kommentare einzufangen:) Und wirklich, dieses Alte, Unvollkommene, das macht mir wirklich ein wohliges Gefühl. Als ich 1991 nach Tübingen und damit erstmals in den „Westen“ zog, nahm ich alles – Gebäude wie Menschen – als steril geleckt wahr und fühlte mich unendlich einsam. Manchmal schaue ich heute noch mit meinem damaligen Blick auf die Welt, bzw. auf deren Oberflächen … Doch ich schweife ab.

Ich durchradle also viel viel Industrie, zum Glück ist Feiertag und damit Ruhe, und auch auf dem Radweg ist es erträglich voll, denn es beginnt zu nieseln. Kein Regen, kein Nichtregen, eine Schrödingersche Unentschlossenheit dazwischen. Regenjacke an, Regenjacke aus, so wird das über mehrere Stunden gehen, genau genommen bis kurz vor dem Ziel.
Eine Brötchenpause in einem Park, die Augen müssen die grüne Insel aufsaugen, meditatives Fahren auf Holperwegen, der Weg nähert sich endlich wieder dem Fluss, und ich komme im Treten an.

Gegen zwölf bin ich in Plochingen. All die Orte längs der Strecke, die Namen, markante Gebäude, der Talanblick, dies ist mir alles noch erstaunlich vertraut. War dies doch meine häufige Zugstrecke nach Stuttgart, damals, als ich in Tübingen lebte.
Im Innern der meisten Orte war ich aber wohl nie. Hier in Plochingen jedenfalls nicht. An das Hundertwassergebäude könnte ich mich erinnern. Umlagert von bunt-grell-neongekleideten Radlergruppen ruft es mir allerdings nur ein Schnell-weiter zu. Nicht dass sich dieser Pulk noch vor mich schiebt und ich mich mit ihm verheddere. (Die Wahrscheinlichkeit aber ist klein. Größere Gruppen fahren nach meiner Erfahrung seltenst flussaufwärts.)

Der Weg biegt ab, so wie der Fluss auch, es geht nun Richtung Südwesten. Der Wind hat mitgedreht, so ist das ja immer. Dieses noch nicht erforschte steter-Gegenwind-Phänomen. Dafür wird der Weg zwischen den beiden Neckararmen naturwild und stimmungsvoll urig, das tut gut.

In Nürtingen – ist es zwei Uhr? die Uhr ist nicht so wichtig – biege ich ab und trete ins Städtchen hoch. Und finde dort Feiertagsverlassenheit und leere Straßenrestaurants vor, klar bei Niesel und diesen Temperaturen, wer mag dort sitzen. Auch mich lockt es nicht, obwohl mir sehr nach einem warmen Getränk zumute ist.

Weiter am Fluss entlang, im Nieselregen treiben, bis mich ein Badesee anlacht. Nicht zum Baden, brrr, obwohl es Mutige tun. Aber ein überdachter Imbiss, genau das suche ich. Etwas in den Magen bekommen, dazu eine Holunderschorle, ist zwar nicht warm, aber trotzdem genau das, was ich jetzt brauche. Ich sitze lange, der Seeblick ist beruhigend, es ist auch nicht mehr weit bis Tübingen. Naja, eigentlich wollte ich dort sehr früh ankommen, um alte Studentenzeitorte wiederzufinden, dieser Plan löst sich am See in Luft auf:)

Über die restliche Strecke gibt es nur noch zu sagen: Ein weites grünes Tal. Rechts und links Hügel. Eine Landschaft zum Fallenlassen, ein Ort zum Bleiben.
Mich aber treibt um, was ich am Telefon höre. Mehrmals in diesen Tagen jetzt schon, heute besonders schwierig auszuhalten, wir telefonieren einige Male. Immerhin: die Bahnverbindungen von hier nach Hause sind gut und regelmäßig, dies beruhigt uns alle. Und noch benutze ich sie nicht …

So ist es sechs Uhr geworden, als ich in Tübingen einrolle. Im Gegensatz zum Tal unterwegs scheint mir, dass ich mich an gar nichts erinnere. An GAR nichts. Wie eine noch nie betretene Welt, ich bin ganz geschockt, wie ich hier gelebt haben kann, ohne diese Innenstadt wahrzunehmen. Vielleicht waren wir ja damals wirklich nur auf studentischen Pfaden unterwegs?
Die Wilhelmstraße, klar, die ist mir dann doch nicht aus der Erinnerung verschwunden. Das Gebäude, in dem man mich wegen meines DDR-Abitur nicht einschreiben konnte oder wollte, in dem ich sechs Wochen lang den Kampf um Formalitäten führte. Die Mensa, ungemütlich-vertraut wie je. Der Park, das Studentenwerksgebäude, das Lustnauer Tor.
Mein Wohnheim, das sieht aus wie damals. Ist halt ein Vierteljahrhundert älter geworden. Durch ein offenes Fenster sehe ich: Die Regaleinrichtung der Zimmer noch wie damals, nur die Lampenschirme wurden durch modernere ersetzt. Was das Gedächtnis so festhält. Gern hätte ich noch ins Innere geschaut, aber es scheint kaum jemand daheim zu sein, niemand öffnet die Tür, dann eben nicht.
Den Weg von dort in die Stadt – ob ich den damals radelnd, zu Fuß oder mit dem Bus zurücklegte? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich immer auf die Morgenstelle kam, zum Institut hoch. Heute zeigt mir mein Navi, dass es 150 Höhenmeter sind, ich nehme davon Abstand, am Abend noch hochzuradeln. Dafür muss ein späterer Tübingen-Besuch gut sein.
In der Altstadt erkenne ich die Gassen nicht wieder, nur einzelne Punkte flackern in der Erinnerung auf. Das Wirtshaus an der Krummen Brücke, in dem ich das erste Weizenbier meines Lebens trank. Das Eiscafé San Marco, in dem ich nur selten saß, es war zu teuer. Denn aus ebenso formalen Gründen konnte damals auch mein Bafög-Antrag über Monate nicht bearbeitet werden, wovon ich damals lebte, weiß ich gar nicht mehr, jedenfalls beantragte ich keine Sozialhilfe, wie mir die Dame auf dem Bafög-Amt ob meiner Ungeduld lapidar empfohlen hatte:)
Der Brunnen auf dem Platz. Hier war es, genau hier, ich erinnere mich. Mein erster Tag in der Stadt, in der Nacht war ich mit dem Zug aus Berlin angereist, hatte mein Wohnheimzimmer bezogen, spazierte durch meinen neuen Ort. Und begann genau hier am Brunnen spontan zu weinen. Zu einsam war ich in der neuen heilen Welt, damals 1991. Heute, die Nachrichten von zu Hause im Ohr, laufen mir auch ein paar Tränen. (In Kombination mit Sonnencreme ist dies dann auch noch in den Augen schmerzhaft, übrigens.)

Zwischendurch habe ich auf dem Campingplatz eingecheckt und aufgebaut. Der teuerste meiner Campingkarriere übrigens, meine ich. Und dann schließt dessen Tor um zehn, nicht mal langen Ausgang bekommt man:) Ich esse im Wirtshaus an der Krummen Brücke, das muss sein, und eile dann aber – mit Blick auf die zehn-Uhr-Sperre – schnell zurück. Puh, geschafft.
Ein letztes Bier am Campingplatz.

Wie und ob es die nächsten Tage radelnd weitergeht, wird sich zeigen. Erstmal bringt mir der Schlaf Beruhigung.

Noch mehr Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Einträge gibt es hier.

im Mai

Was für ein Auf-und-Ab-Monat. Da ist zunächst das Wetter, welches zwischen Fastwinter, Herbststürmen und Hochsommer alles aufbietet. Gelegentlich sogar ein wenig Frühlingsstimmung. Ich bin oft draußen, zu Fuß, auf dem Rad, mit der Kamera in jedem Fall, und am Monatsende bleiben viele Bilder. Im Innern. Und im Fotobearbeitungsordner.
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Ich eröffne meine Zeltsaison, sie beginnt schon am ersten Monatstag im Garten. Am Himmelfahrtswochenende radle ich eine weite Pfalzrunde und genieße das Zeltnächtigen. Umso schöner, dass ich die Urlaubsdinge gar nicht erst aufräumen muss, weil es gleich in die Pfingstferien weitergehen wird.
*
Dazwischen erstreckt sich, so wie den ganzen Monat hindurch, eine nur zäh zu durchwatende Schularbeitsmasse. Mündliche Prüfungen, schriftliches Abitur, Steuergruppenarbeit, Unterrichtsbesuche, Referendarszoix, Mahnbriefe, Klassenkonferenzen, Klausuren und Nachklausuren, und ein bisschen Unterricht passt auch noch in jeden Tag … Es ist die Zeit im Jahr, wo die Kräfte allmählich nachlassen, wo mich der tägliche Schul-Irrsinn anfängt zu überfordern, wo ich zuweilen in eine Glocke eintauche, meine Kommunikationsfäden beginnen sich zu verheddern, ich werde ungehalten, unsensibel oder beides. Und draußen vor dem Fenster sprießt es, ist die Zeit des Wachsens gekommen, während wir in unseren Klassenzimmern hocken.
Wie gut, dass es die Pfingstferien gibt. Pauseschenkende zwei Wochen, um die sechs anschließenden Schuljahreswochen doch noch gesund zu überstehen.
*
Die Kinder stöhnen ebenfalls, beide sind unlustig auf Schule, na gut, das sind sie öfter. Aber man spürt auch bei ihnen die Länge des Schuljahres und die nachlassende Kraft.
Immerhin aber erleben sie Tolles mit dem Schulorchester. Die Tochter spielt ein Opernprojekt mit, das dem Orchester – mehr als den Solisten – stehende Ovationen bringt, und beide reisen mit nach England auf ein Musikfestival. Die von der Reise resultierende Müdigkeit wird in den Juni hinübergetragen:)
Die Tochter feiert ihren elften Geburtstag mit einer riesigen Übernachtungsparty, wir haben ein volles Haus und am Ende des Wochenendes das Gefühl, nun umgehend ins nächste gehen zu wollen.
*
Begegnungen gibt es viele. Solche mit langbekannten Menschen, auch aus den Augen verlorenen, auf der Beerdigung der Freundin. Solche mit tränenvollen Gesprächen hier im Dorf und um die Ecke, weil doch so viel Schweres zu tragen ist, derzeit, um mich herum. Solche mit Herz-zu-Herz-Gesprächen, mit hierher gereistem Besuch oder in Räumen, in die ich gereist bin. Es tut gut, das alles. Ich bin dankbar für dieses lebendige Netz, an dem wir ja immer noch weiter weben, wir alle.
*
Dazwischen ringe ich viel. Mein Baum bietet seine alte Haut zum Anlehnen an, mein Cello schwingt zuweilen mit mir (zuweilen auch nicht), und da ist immer noch und immer wieder der tröstliche Blick in die Weite.
Was ich letztlich mitnehme aus diesem wild-grauen Mai, sind Bilder wie im letzten Blogpost. Ich spüre ein tragendes Lebensbett, trotz allem. Und beginne nun seufzend den Juni. Gleich wieder geht es auf’s Rad, es kann nur stärkend werden.

Elf Dinge …

… die ich an Dir liebe …
Mein klein-großes Geburtstagskind mit Deiner ersten Schnapszahl („Der einzige Schnapsgeburtstag im Leben, an dem ich keinen Schnaps trinken darf.„:)), mir wird es sicher leicht fallen, für jedes Deiner Jahre eines zu finden. Also los:

Deine tanzende Lebensfreude,
mit der Du aus dem Nichts heraus alle in Dein Strahlen mitreißen kannst. Du springst und schwingst durch den Raum, ganz gleich, ob laute Musik ertönt oder Du sie nur in Deinem Innern hörst. Du greifst uns an den Händen, damit wir mit Dir tanzen. Bis wir es tun. Bis wir alle mitgerissen sind von Deinem unbändigen Wirbeln.

Dein so offenes Herz,
in dem andere Wesen, ob Mensch, ob Tier, ob Blume, Platz finden. Du schaust hin, fühlst Dich ein, Du verstehst. Du bist mittraurig für andere, weinst mit, bist mitfröhlich, lässt Dich von jedem Lächeln und Lachen anstecken. Du nimmst mit Deinem Blick alles in den Arm und versuchst es zu wärmen.

Die Lieder, die aus Dir singen,
auf dem Cello, mit Deiner Stimme, mal laut herausgetönt, mal leise vor Dich hingesummt, während Du auf einer Blumenwiese träumst, es singt und klingt immer aus Dir.

 

 

Deine in alle Richtungen aussprühende Neugierde,
ob Vulkanausbrüche, abstrakte Gemälde, schreckliche Weltereignisse oder Streit zwischen nächsten Menschen, der sich Dir nicht erschließt – es gibt keine Frage, die Du nicht stellst, und keine Antwort, die Du nicht aufsaugst. Um sie – nach eventuell wochenlanger Pause – in eine neue Frage münden zu lassen.

Deinen lebendig plaudernden Mund,
wenn dies oder jenes geschehen ist, wenn Dich etwas ergriffen hat, wenn Du mit jemandem mitbebst, wenn Du etwas ungerecht findest … Alles alles erzählt dann aus Dir, manchmal möchte ich einen Schalter suchen, doch nein, ich fühle mich auch durch stundenlange Fußballspielschilderungen und minutiöse Schultagsdarstellungen beschenkt, denn immer spricht aus Dir so viel mehr als nur das tatsächlich Erzählte.

Wie es Dich zornig macht, und fassungslos,
wenn Du Ungerechtigkeiten entdeckst, die kleinen in der Schule, die großen in der Welt. Du stampfst mit dem Fuß auf und zeigst in Deinem bebenden Körper, dass dies alles so nicht bleiben darf. Du erklärst auch gleich warum, und wie man es anders machen könnte. (Ich möchte für die Welt hoffen, dass Du dies nie nie nie verlernst.)

Deine Tapferkeit,
so vieles auszuhalten. Ja, es war viel in den letzten Monaten. Du hattest lange mit Dir gerungen, bevor Du etwas erzähltest, und dann flossen auch Tränen, viele Tränen. Aber durch die Tränen hindurch hast Du uns fragend angeschaut, hast offen zugehört, welche Ideen wir für Deine Lage haben – es war manchmal gar nicht so leicht, dies auszuhalten, oft wollte ich mitweinen – und hast gekämpft, immer wieder. Bist nicht nur einmal über Deinen Schatten gesprungen, hast so vieles gewagt. Und nun hast Du ein bisschen was erreicht, für den Moment jedenfalls hat sich Deine Situation verbessert, wie stolz Du auf Dich sein kannst.

 

 

Deine Ausdauer,
wenn Du etwas willst, dann willst Du es. Deine Ideen sind unerschöpflich, um es zu Wirklichkeit werden zu lassen. Ob Du per Rad auf einen Berg strampelst, eine Familienausflugsidee gegen uns andere durchsetzen möchtest oder sich die Wolle um Deine Häkelnadel immer weiter verwickelt, Du gibst nicht auf, wo andere längst den Sattel verlassen, sich gefügt oder den Faden abgeschnitten hätten. Du machst weiter. Und immer arbeitet Deine Zunge eifrig mit:)

Dein kreatives Chaos,
um es mal vorsichtig zu formulieren:) Was Dich überkommt, das muss geschaffen werden. Unser Haus ist überreich an Deinen Kunstwerken, Deinen Bildern, Deinen Geschichten, Deinem Geformten. Oft lässt Du es genau dort, wo es Dir eingefallen ist. Doch Stolpern über die Dinge, das ist das Problem der anderen:)

Deine Gelassenheit,
vor allem mit meiner Nichtgelassenheit. Ich glaube, Du verzeihst vieles. Immer wieder, wenn sich in mir etwas aufspult, kommst Du angekuschelt und sagst, noch bevor Du mich damit vollends eingewickelt hast, erstmal in ganz ernsthaftem Ton und zuweilen mit erhobenem Zeigefinger: Chill down. Gesagt getan, Du schaffst es immer:)

Deine „Kuschelattacken“,
wie Du sie nennst. Wenn Dich das ungestüme Bedürfnis nach Nähe überkommt, gibt es kein Halten mehr. Mal wild mal sanft springst oder krabbelst Du auf einen Schoß oder lehnst Dich an, und dann lässt Du Dich fallen in „das Beste auf der Welt“, wie Du das Kuscheln nennst.

 

 

Dies alles, meine kleine Große, dies alles und noch viel mehr liebe ich an Dir, unendlich, bis zum Mond und zurück, wie Du immer sagst. Jetzt beim Schreiben fällt mir immer mehr und mehr ein, was ich hier aufzählen könnte. Du darfst also getrost auch 12, 17, 37 oder 99 Jahre alt werden, meine Liste wird nicht leer bleiben:)

Welch ein Geschenk, dass Du vor 11 Jahren zu uns gekommen bist!

Danke!

 

 

Jetzt …

… vor elf Jahren wusste ich noch nicht, dass ich in genau elf Jahren – wie an einem jeden 18. Mai-Abend seither – Geschenke einpacken und Kuchen backen werde. Ich ahnte nicht, dass mir dabei das eine oder andere Mal das Backpulver ausgegangen sein wird – so ein Geburtstagskuchen kommt doch immer wieder überraschend:) – und dass ich jedes Jahr auf’s Neue die Tage vorher und nachher in innigster Weise, in fast minütlicher Erinnerung und mit wohliger Wehmut durchleben werde. Vor allem aber hatte ich nicht die leiseste Vorstellung davon, was für ein Lebensfeuerwerk da in meinem dicksten aller Bäuche herumstrampelt.
Wie strahlend, wie atemlos, wie wunderbar es seither mit ihr ist.

Und nun organisiere ich mir hier im Dorf erstmal Backpulver …

 

WmDedgT 05/2017

Der Wecker klingelt kurz nach fünf, ich kann ja nicht weg von meiner Marotte immer viel zu früh aufzustehen. Also: viel zu früh nur vom rationalen Blickpunkt aus. Für mich ist es gerade richtig, es ist meine Zeit für mich allein.
Mit dem Morgenkaffee in der Hand lande ich heute ungeplant an einer Kiste mit alten Kalendern und Adressbüchern, neulich hatte ich die aus dem Regal gezogen. Adressen aus den Neunzigern, wie viele davon mögen noch stimmen? Beim Durchblättern finde ich eine einzige. Welche jetzt aber, genau genommen, auch nicht mehr stimmt. Es ist sie, die letzte Woche starb. – Wieviele der Menschen in diesem Büchlein wohl ebenfalls nicht mehr leben? Zu vielen habe ich den Kontakt verloren, etliche waren nur flüchtige Lebensbegegnungen, bei manchen kann ich mich nicht einmal mehr an den Begegnungskontext erinnern.
Ich blättere noch ein wenig in meinem Kalender von 1991, erstaunlich vieles ersteht in meiner Erinnerung, über manches sollte ich einmal erzählen.

Aber jetzt nicht weiterträumen, es ist sechs Uhr, die Kinder wollen geweckt, das Morgenprogramm in die Gänge gebracht werden, ich mache mich und mein Gepäck fertig, denn – juchhu – heute verreise ich. Und kurz nach sieben sitze ich im Auto, zunächst auf dem Weg zur Schule, natürlich.

Gut ist es heute in der Schule, das spüre ich schon vor dem Klingeln.
Die Fünfer haben sich meine Worte vom Mittwoch offenbar sehr zu Herzen genommen, sie erwarten mich mucksmäuschenstill, werfen sich engagiert in die Stunde, niemand piekst den anderen in Schenkel oder Schulter, es kippt nichtmal eine Wasserflasche um, das will etwas heißen.
Wir addieren und subtrahieren ganze Zahlen, etwas komplett Neues für sie, sie schicken ihre gesamte Anstrengung ins Rennen, und am Ende der Stunde sagt eine: „Wie cool, dass Rückwärtsgehen auch ein Mehr bedeuten kann.“ Sie meint zwar die Zahlengerade und die Männlein, die uns da im Moment die Zahlen transportieren. Aber ich finde, sie hat auch im Großen und Ganzen, so im Lebenskontext recht. Aber das weiß sie noch nicht, sie ist ja erst zehn.

Die Elfer sind heute mehr als sonst, freiwillige Gäste aus einem ausfallenden Nachbarkurs – huch, Fans, oder was? Merke: fünf Menschen mehr machen den Unterricht dreimal so laut. Vielleicht aber ist es einfach nur die Freude der Neuen, dass sie doch nicht auf ihren Matheunterricht verzichten müssen:) Naja, und dann werkeln wir so vor uns hin. Ganz schön viel, was sie in diesem halben Jahr gelernt haben, denke ich beim Umhergehen. Irgendwie ergreifend, wie sie sich, die meisten jedenfalls, hineinknien, in das Fach, das ihnen wohl spätestens jetzt in der Kursstufe am schwersten fällt, bei dem sie trotz aller Anstrengung nur wenig Punktzuwachs schaffen. Und doch tut sich so viel bei ihnen.
Ich mag sie so, in diesem Alter, in dem ein Restschimmer der Pubertät die ersten Züge erwachender Reife beleuchtet und mit einem Strahlen verschönert, welches sich vielleicht in keinem anderen Lebensalter findet. Ich mag das Wechselspiel von Ernsthaftigkeit und Lachsalven, kindliches Stimmeverstellen gleich neben Schülersprecherengagement, das In-die-Ecke-Pfeffern des Heftes und sein sofortiges besonnenes Aufheben. Und ich mag die Ehrlichkeit, die sie mir schenken. Das ist viel. Denn Mathe ist ein Fach, in dem gern alles Unwillkommene auf die Lehrenden projiziert wird.

Hofaufsicht. Es ist sonnig, und ohnehin ist es ein guter Aufsichtsplatz. Gelegenheit, die oder den anzulächeln, eine Frage zu bekommen, eine Sorge zu klären, eine Ermutigung über einen Arm zu streichen. Ein Geschenk, diese ganze junge Menschenschar um mich herum. Irgendwann stromert auch die Tochter vorbei, was sie sonst nie tut. Heute aber sagt sie noch einmal Ciao, mich eindringlich anschauend, aus einem Meter Entfernung. „Ohne kuscheln„, stellt sie fest, klar, auf dem Schulhof geht das gar nicht.

Meine Bereitschaftsstunde ist, wenn nichts ansteht, meist Redestunde. Mit der Coklassenlehrerin über den einen Vorfall. Mit dem Abteilungsleiter über den nächsten Wettbewerb. Mit der Parallelkollegin über die Klausur. Mit der Physikreferendarin über ihre Prüfungen. Mit dem Schulleiter über eine spezielle Klassensituation. Was so alles dran ist. Und Versuche gilt es aufzubauen, für Montag, Kopien vorbereiten, all das.

Plötzlich ist es spät, gleich Zugabfahrtszeit, denn ich verreise ja:), ich stopfe die restlichen Vorbereitungsdinge ins Gepäck, bringe einen Teil der Schulsachen zum Auto, hole den großen Rucksack, und zack, sitze ich im Zug.

Bahnhofsatmosphäre beim ersten Umsteigen. Bahnhofsatmosphäre beim zweiten Umsteigen, ich liebe Bahnfahren. Auf dem Riesenbahnhof bleibt mir ein wenig Zeit, also gibt es etwas Mittagessenähnliches und einen Kaffee im Sitzen, bevor ich in den ICE steige.
Heute bin ich über den Schatten meines Sicherheitsbedürfnisses gesprungen und fahre ohne Platzkarte. Obwohl Freitag ist. Obwohl ich im Zug arbeiten, lesen und schreiben will. Und siehe da: Es klappt. Ich habe einen Sitzplatz. Ich lebe noch. Wow.
Alles ist gut. Bis auf ein paar streitende Mitreisende: tun Sie Ihren Rucksack da weg! – ich lass den da jetzt stehen! – da vorne steht doch, dass es verboten ist! – was geht Sie das an! – wir können auch den Zugbegleiter holen! Wie in der Schule, denke ich. Schlimmer als in der Schule. Ich weiß nicht, ob ich es witzig oder traurig finden soll und bin einfach froh, als es zu Ende ist, ohne dass es zu einer öffentlichen Keilerei gekommen ist.

Ich mag es so, im Zug zu lesen, zu schreiben, Gedanken mit den Bildern vor dem Fenster wandern zu lassen. Doch die Vernunft heißt mich zunächst meinen Montag vorzubereiten. Zwei Stapel Hausaufgaben bleiben durchzusehen, eine Konstruktion vorzubereiten, ein paar Planungsnotizen zu machen, als ich fertig bin, fährt vor dem Fenster schon der sonnige Schwarzwald um Freiburg vorbei. Sehnsüchtige Erinnerungen an Radreisen werden wach, aber ich werde ja bald wieder …

Vorfreude auf die Begegnung, die nun gar nicht mehr lange hin ist. Der Zug hat seine Verspätung aufgeholt, die Mitreisenden bleiben friedlich, vielleicht sind sie auch einfach ausgestiegen, die Welt gleitet vor dem Fenster dahin – das Leben ist schön.
Ein letztes Umsteigen, ein paar volle S-Bahn-Minuten, und dann bin ich da … wie gut!

Erkennen, die Landschaft mit den Augen betasten, in Serpentinensträßlein hinaufwinden, an einem guten Ort ankommen. Reden, Kaffee, Sonnenterrasse, erzählen, der Weitblick, kochen, Wein und Essen, weiterreden, Feuer, das ganze Sein hier, staunen, zwischendurch ruft die Tochter an, Wein jetzt ohne Essen, immer noch reden, draußen leuchtet der Mond, und es ist stiller als still, reden, bis die Augen zufallen, in den Schlafsack kippen.
Aber das war eigentlich schon am nächsten Tag.

Danke.

im April

Der Monat beginnt in frühlingshafter Wärme und wie immer mit dem 1. April, in den ich erstmals (?) von niemandem geschickt werde, nicht von den Kindern, nicht von Schülern. Bei letzteren liegt das wohl einfach daran, dass ich sie am Samstag nicht sehe:) Mir fehlt nichts, aber es fällt mir auf.
Zum Ende des Monats hin hat sich der heftige Frühling vom Monatsanfang zunächst wieder versteckt und schaut nur schüchtern um die Ecke. Man hofft ja doch, dass er sich im Mai endlich wieder hinaustrauen wird.
*
Der Monat ist geprägt und dominiert von unserer New-York-Reise, von all dem Anstrengend-Spannenden schon vor dem Start (für uns, die wir sonst nie fliegend verreisen), von der Eindrucksflut der Riesenstadt, die zuweilen überfordert, von Jetlags, einer Tonne voller Fotos und Erinnerungen und von daraus geborenen neuen Reiseplänen:)
Durch die Reise übrigens fällt das Eierfärben natürlich aus, was vor allem ich ein wenig schade finde, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle.
*
Vor und nach den Ferien gibt es natürlich Schulzeit, ein wenig nur. Aber auch eine einzelne Woche kann im Anstrengungsgewand auftreten, was vor den Ferien vor allem daran liegt, dass nebenher die Packvorbereitungen laufen und derart fordern, dass kaum mehr genug Schlafzeit bleibt.
Nach den Ferien ist natürlich alles liegengeblieben – die kompletten Ferien wegzufahren bedeutet ja, dass das reinigende Alles-weg-Korrigieren, Alles-weg-Aufräumen, Alles-weg-Kommunizieren und Alles-weg-Vorbereiten, womit zweiwöchige Ferien gut gefüllt sein können, nicht stattfinden kann und die angrenzenden Schulwochen mit kaum zu bewältigender Arbeitsdichte gefüllt sind. (Darum übrigens werde ich ab nächstem Jahr ein wenig mehr Teilzeit nehmen, also ein wenig weniger Deputat haben: Um in Ferien wegfahren zu können, ohne mich vorher und nachher in die Erschöpfung zu arbeiten.)
Die Reste des in den Ferien Nichtgeschafften schleppe ich in den Mai, nicht zu Ende korrigierte und nicht fertig erstellte Klassenarbeiten, nicht vorbereitete mündliche Prüfungen, ein Schulcurriculum im Rumpfzustand und (psst!) ein paar längst fällige GBUs. (Wer nicht naturwissenschaftlehrend ist, möge sich nicht beunruhigen: diese Abkürzung muss man nicht kennen, und das Dahinterstehende ebenfalls nicht.)
Ich hechle den Erfordernissen hinterher und finde mich seit langem wiedermal in der Situation, dass ich spätabends ganz knapp und sozusagen von der Hand in den Mund erst vorbereite. Da kommt der ganztägige Pädagogische Tag gerade Recht, selbst wenn er an meinem unterrichtsfreien Tag liegt: muss ich am Vorabend wenigstens mal nichts vorbereiten.
*
Den Kindern geht es mit ihren Schulaktivitäten besser, die Klassenarbeitsdichte ist gering, die Hausaufgabenmenge wohl auch. Jedenfalls sehe ich sie kaum mal etwas für die Schule tun und auch nicht fluchen.
Ihre Musik im Haus dagegen erfährt heftige Belebung. Die Tochter hat ein neues Cello und eine neue Lehrerin, neue Stücke, neuen Schwung, alles lässt sich gut an.
Der Sohn ist nach dem Jugend-musiziert-Wettbewerb regelrecht manisch in der Erarbeitung von Neuem. Prokofjew, Liszt, Chopin, Beethoven tönen durchs Haus, ich komme mit dem Notenkaufen kaum hinterher. Vor allem die Dauer des täglichen Übens stellt hohe Anforderungen an alle Zuhörendennerven, denn ja, ein Flügel ist laut und tönt durch alle Wände. Dafür wurden also Silent pianos erfunden.
*
Für viel mehr ist kein Raum in diesem Monat, ich bin wenig draußen (außer natürlich in New York), ich lese wenig, komme kaum zum Celloüben. Es fließen Tränen, denn die Freundin stirbt. Andere nahe Menschen beenden ihren Lebenskreis. Im Kollegium werden zwei Kinder geboren, und eines darf nach Intensivstationsmonaten wieder nach Hause. Mein Knie – nur das Knie, aber doch – muckert und erinnert sanft daran, dass auch mein Platz in diesem Lebenskreis zwischen Geborenwerden und Sterben kein unveränderlicher ist.
*
Mein innerer Grundzustand dieses Monats ist gehetzt und unzufrieden. Alles ist viel zu viel. Sehnsüchte liegen brach vor mir, ich habe zu üben.
Sei mir das am letzten Monatstag im Garten aufgebaute Zelt ein Hoffnungsschimmer, dass mit bald beginnenden Rad-und-Zelt-Zeiten endlich wieder Tage des Ruhens kommen werden, ich brauche sie so.

 

Cello #3 – Spiegelbilder

Es wird Zeit, mal wieder ein wenig über mein Cello zu schreiben. Diesmal über mein Ich, welches sich mir im Cello spiegelt. Hat mir doch die Tochter heute einen unmissverständlichen Fingerzeig gegeben.
Wie ich übe und sie nebenher auf dem Sofa herumturnt, da grummelt sie plötzlich irgendetwas unter ihren Haaren hervor.
Hä, frage ich, ziemlich gedankenabwesend.
Na, richtet sie sich auf, stimmt doch.
Was, frage ich, stimmt?

So viel Selbstzweifel muss man erstmal hinbekommen.
Oh.
Bei jedem Ton, den Du spielst, verziehst Du das Gesicht, oder zuckst zusammen, oder murmelst das Sch… Wort, oder denkst es Dir.
Oh.
Du hörst halt gut genug, so dass Du hörst, dass es noch nicht gut ist. Das ist doch gut!
Oh.

Was für ein Spiegel, den die Tochter mir da vorhält. Sie beobachtet glasklar. Und hat so Recht. Kindermund tut Wahrheit kund und so.

Vielleicht ist mir das ganze Instrument überhaupt nur als Spiegel zugelaufen? Vielleicht habe ich in ihm hauptsächlich den Spiegel gesucht?
Ganz gleich, wer da suchte, zulief, führte – ich will mich dem fügen, was sich mir hier zeigt. War mir doch auch bei der Lehrerinnensuche von vornherein klar: Eine Frau sollte es sein. Und zwar eine, die deutlich älter ist als ich. Damit ich mich einfügen und aufs Geführtwerden einlassen kann.
Eine solche Lehrerin habe ich gefunden, das ging sehr schnell. Vielleicht, weil so klar war, dass ich genau diese brauchte. Und nun, da ich Stunde um Stunde nicht nur vom Instrument, sondern auch von der Lehrerin den Spiegel vorgehalten bekomme – die beiden haben sich verbündet:) – da wird mir manches deutlich.

Ich will alles auf einmal. Immer. Sofort. Ich will sogar mehr als alles, ich will 150%. Weil 120% noch zu wenig sind.
Wenn in einer Übung eine Phrase zunächst einmal pro Bogen gespielt werden soll, dann zweimal, dann erst dreimal und letztlich viermal, dann versuche ich immer zuerst den Vierer, ich will es sofort ganz schnell spielen. Die Schleife über das Langsame nehme ich erst nach dem Scheitern an der Geschwindigkeit.
Wenn ein Griff nicht klappt, weil meine Hand vielleicht zu klein ist – ja, ich habe recht kleine Hände, einige Griffe kann ich nur durch Springen schaffen, wenn ich nicht im Laufe der Zeit noch einige Millimeter durch Dehnung gewinne, und Springen ist schwieriger als gleichzeitiges Aufsetzen, gleichwohl aber möglich (die Tochter mit ihren Minihänden springt derzeit auf ihrem 3/4-Cello auch und schafft es einwandfrei sauber und gebunden, und bei Belesen in Netzforen finde ich genau das: Frauen mit kleineren Händen müssen sich eben so behelfen, was aber durchaus möglich ist, nur einen längeren Lernweg erfordert) – wenn also eine solche Stelle mit Weitgriff mich derzeit stark fordert und anfangs grob unsauber klingt, dann fühle ich mich sofort als zu schlecht, als zu unfähig. Wider besseres Wissen, dass hier tatsächlich eine objektive Handgröße verantwortlich ist, zunächst.
Wenn ich mich auf die Intonation einer Stelle konzentriere und diese stimmiger wird, rutscht mir im Gegenzug der Bogenkontakt weg, wenn die Gleichmäßigkeit des Tons zunimmt, verschiebt sich die Haltung der linken Hand, wenn die Bindungen zwischen den Tönen anfangen sich zu glätten, verspannen sich mein Kiefer und meine große Zehe. Weil man die Dinge nacheinander lernen müsste, ich aber stets an allen gleichzeitig arbeite und alles auf einmal will. So gibt es stets etwas, bei jedem einzelnen Ton, das mir nicht reicht. Und weil alle Abläufe so komplex miteinander verschachtelt sind, weil eine Schraube gleichzeitig alle anderen verdreht und ich von Körpergefühl und Ohr her alle alle wahrzunehmen vermag (was, wie die Tochter ganz richtig sagt, doch eigentlich ein wunderbarer Vorteil ist), deswegen finde ich  stets einen Grund, das Gesamtspiel unzureichend zu finden.
Nie sehe ich, wie viel ich in diesen vier Monaten geschafft habe, ich übersehe geflissentlich, wie Lehrerin und Geigenbauer und Tochter und überhaupt alle, die sich ein bisschen auskennen, von anerkennend bis fasziniert nicken, ich vergesse, dass ich vor einem halben Jahr nie gedacht hätte, in wenigen Monaten erste Stücke und einfache Sonaten anzugehen. Es ist mir nie genug.

Schaffe ich auch mal Zufriedenheit? Es würde mir gut tun.

Dabei ist mir vom Kopf her natürlich klar, dass mich derart überkritisches Fordern hemmt, dass mir meine eigenen Ansprüche als Barrieren quer im Weg liegen, dass ich viel sanfter vorangehen würde, könnte ich diese beiseite räumen.
Und vor allem: dass ich mich nicht, wie schon geschehen, in die Unfähigkeit hineinübe, wenn an einem Tag nach zwei Stunden, manchmal schon eher, die Kräfte nachlassen. Cellospielen ist eine körperlich sehr anstrengende Sache – vermutlich ist dies ja bei jedem Instrument so – und daher wird der Körper irgendwann müde. Zu Recht, er ist ja kein Hochleistungssportler und soll auch keiner werden. Ich aber zwinge ihn dennoch weiterzumachen. Ich übe oft so lange, bis mir das Spielen kaum mehr möglich ist, bis alle Körperempfindungen auf taub stellen, bis ich mich nicht mehr spüre. Manchmal sogar, bis es irgendwo anfängt zu schmerzen. Den linken kleinen Finger hatte ich schon so weit, den hatte ich überübt. (In der Osterferienpause konnte er sich erholen. Aber vor Wiederholung der Übertreibung bin ich wohl nicht geschützt. Wenngleich gewarnt.) Ich übe also offenbar immer so lange, bis es zu viel war.

Ist das mein Muster? Und schaffe ich es, die Bewusstwerdung dieses Musters zu nutzen, um Geduld zu lernen? Es wäre an der Zeit.

Und noch etwas bemerke ich: Wie ich von anderen abhängig bin. Nicht in dem Sinne, dass alle Welt – oder ein Teil der „alle Welt“ – natürlich meint, es wäre sinnlos, verrückt und vermessen, in diesem hohen Alter noch ein solch komplexes Instrument zu erlernen. Dieses Sagen interessiert mich nicht, sollen die Leute reden, ich weiß es besser.
Aber das andere, das lässt mich gelegentlich erstarren: die Bewertungen. Kommen sie nun tatsächlich, diese Wertungen von außen, oder habe ich nur alle inneren Ohren auf Empfang gestellt, so dass ich gar nichts anderes erwarte als Kritik? Jedenfalls fällt es mir auch nach so vielen Wochen der Gewöhnung noch schwer, zu üben, wenn jemand anderes im Haus ist. Natürlich ist ständig jemand im Haus, insofern spiele ich seltenst allein ohne Zuhörer, es dröhnt ja schon durch die Etagen. Aber ich registriere es jedes Mal. Jedes einzelne Mal. Zurückhaltung erfasst mich dann, und Scham. Ja, Scham. Sobald irgendwo oben Besuch von außen ist, und sei es nur ein Kinderbesuch, kann ich gar nicht mehr spielen. Sogar im Unterricht schießt mir öfter durch den Kopf, wie furchtbar es gerade klingen muss und dass ich mich vor der Lehrerin schäme.
Die Tochter sagt, das gehe ihr bei ihrer neuen Lehrerin ebenso, jetzt in den ersten Stunden. Dass es aber bald wieder nachlasse, wenn man sich erstmal kennengelernt habe. Möglicherweise ist sie mir auch hier weit voraus, die Tochter. Ich jedenfalls schäme mich. Wie ein kleines Kind.
Und freue mich über Lob, ja, ich brauche dies sogar. Auch wie ein kleines Kind.

Kann ich hierbei erwachsen(er) werden? Oder ist Kind-Erwachsener in diesem Zusammenhang die falsche Kategorie? Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob es das trifft. Es geht jedenfalls um eine Form der Reife, um Unabhängigkeit im Zu-mir-Stehen, um Unangreifbarkeit von den Bewertungen anderer, um ein selbstsicheres In-mir-Ruhen.

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Ich glaube, ich muss noch viel Cello spielen. Es gilt viel zu üben.

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Die bisherigen Cello-Texte finden sich hier und hier.

Die Menschen hinter den Events

Es ist ja doch viel. Natürlich ist es das, das war ja klar. Aber dass wir so intensiv durch diese Stadt treiben, so kreuz und quer, mit so vielen täglichen Stationen, und dass die Füße dabei kaum müde werden, nichtmal die der Kinder, dass wir von morgens bis abends ständig Lust haben, noch diese und jene Ecke zu entdecken und dass am Abend auch beim dritten Museum noch Ja gesagt wird, das hätte ich nun doch nicht gedacht.

Dafür geht es abends zu Hause – so nennen wir Joannas Haus:) – dann nur noch schnell essen und ins Bett, keine Zeile findet mehr in irgendein Tagebuch oder die Tastatur. Dito morgens. Beharrlich wacht mein Körper irgendwann zwischen vier und fünf hiesiger Zeit auf, ebenso beharrlich versuche ich mich mit einem selbstsuggestiven „Schlaf!“ wieder in einen Ruhezustand zu versetzen. (Es gelingt zunehmend besser. Bis wir in 6 Tagen zurückfliegen, werde ich die innere Umstellung geschafft haben;-))

Jedenfalls: Es ist ein Taumel. Jeder von uns springt an seinen Wunschstationen sehr glücklich im Kreis, während er bei anderen Programmpunkten nur hinterhertrottet, so ist das, wenn vier Menschen mit individuellen Vorstellungen Tage gemeinsam planen.
Und ich tue mich schwer mit dem Erzählen, täglich geht das schon gar nicht. Doch dann habe ich Sorge zu vergessen.
Nun ja: Da sind mittlerweile an die 1000 Fotos auf der Kamera, die wollen hinterher erzählend begleitet werden. Vieles wird sich im langsamen Nacherinnerungsflow wieder einstellen.

Doch das Kleine, das Zarte, das Feine am Wegesrand, welches da auch ist, immer wieder, täglich, was vor allem in den kurzkürzesten Menschenbegegnungen steckt, das soll in kurzen Wortpinselskizzen festgehalten werden. Es sind ja doch fragile Momente, diese winzigkleinen. Und der Kopf manchmal zu löchrig.

***

Wie die indischen Händler morgens auf der Straße zur U-Bahn vor ihren Geschäften sitzen. Sie sitzen da einfach und warten auf den Tag. Oder auf Kundschaft, so genau erschließt sich uns das indische Stadtviertel noch nicht. Jedenfalls sitzen sie da. Mit Turban und in hingebungsvoller Ruhe. Da kann die Straße lärmen wie sie will. Wenn wir vorbeilaufen, schauen sie. Ob sie zu jedem aufschauen? Die Tochter bekommt immer ein Lächeln. (Überhaupt bekommt sie in der Stadt an jeder Ecke ein Lächeln. Inzwischen zählt sie sie:)) Fast möchte man meinen, die indischen Händler erkennen uns schon, die Blicke wirken wie Grüße …

Die Frau an der Metrostation, die mit den Kindern in ein kurzes lächelndes Gespräch kommt, während wir uns mit dem Ticketkauf abmühen. Die den Bruder beauftragt, auf die kleine Schwester aufzupassen, man wisse schließlich nie. Und die zur Schwester sagt, sie solle dicht bei den Großen bleiben. Sie wird wissen, warum sie das sagt …

Die schwerbewaffneten Milizionäre, die vor dem Trump-Tower stehen müssen und von allen Seiten offen fotografiert werden. Überhaupt wird nirgends sonst (außer an den Familientischen) soviel über Trump gelacht, gelästert und geschimpft wie dort, es werden Karrikaturen verkauft, es gibt Protestplakate. Und diese Milizionäre eben. Von allen Seiten werden sie offen angeschaut, fast angefasst wie Puppen, es wird ihnen ins Gesicht fotografiert, sie werden wie Unpersönlichkeiten behandelt. Natürlich, sie sind nicht zufällig in diesem Beruf, vielleicht aber eben auch nicht freiwillig. Was mag in ihnen vorgehen, während sie dort zu stehen haben …

Der brasilianische Gastwirt, dessen Lebenswurzeln mit italienischen, österreichischen und amerikanischen Fäden vermischt sind und doch immer das Brasilianische als Hauptlinie gefühlt haben, der hier in der Stadt aufwuchs und inbrünstiger als jeder „echte“ Brasilianer seine Nationalgerichte anpreist, der vom Lebensgefühl erzählt, der – by the way – der handyspielenden Tochter Buntstifte hinlegt, die Tischdecke ist eh aus Papier, weil wir unsere kreativen Seiten leben müssen, und dann, als sie mehrere Gemälde auf ihre Tischecke gemalt hat, ihr lächelnd ins Gesicht sagt: Jetzt siehst Du auch viel glücklicher aus als am Handy;-) …

Die Politesse, die als eine von vielen die Aufgabe hat, auf den Kreuzungen jene Autos, die mitten in der Mitte stehenblieben, weil sie gegenüber nicht mehr in die Straße hineinpassten, mit einem Knöllchen zu versehen – eine Sisyphosarbeit, in jeder Ampelphase trifft es mehrere Autos. Aber ohne das würden hier sicherlich Stau und Verstopfung total herrschen. Diese Politesse also, die ganz ruhig das Nummernschild notiert, sich sonstige Notizen macht, dann ans Fahrerfenster klopft, höflich, lächelnd, und dem Fahrer sein Knöllchen hineinreicht.
Dieser hatte es bislang nicht bemerkt. Zuckt zusammen, als es klopft, öffnet dann und nimmt das Knöllchen ebenso lächelnd höflich entgegen. Kurze Konversation, dann geht sie wieder. Und er, ein Taxifahrer, schleudert erst in diesem Moment das Papier wutentbrannt auf den Beifahrersitz. Trommelt noch kurz auf’s Lenkrad, bevor er weiterfährt. Vielleicht waren das seine Tageseinnahmen …

Der Fahrstuhlwart auf der Dachterrasse des Rockefellercenters. Oder nee: Fahrstuhlwart ist falsch. Einer von den unzähligen Menschen, die die Menschenschlangen kanalisieren, in die richtigen Richtungen schicken, sie in kleinere Portionen aufteilen, vor den Fahrstühlen bündeln, damit dieser gewaltige Menschenstrom möglichst effizient durchgeschleust wird. (Ich hatte ja keine Vorstellung davon, was Menschenmassen sind. Obwohl ich in meinem Leben schon in Berlin, Moskau, Paris und London war.)
Jedenfalls: Dieser Vor-dem-Fahrstuhl-Menschengruppen-Portionierer, der wartet ja ebenso wie wir auf den Lift. Nur stundenlang. Oder ein Leben lang. Und während wir so stehen, beginnt er mit den Kindern zu kokettieren. Spielt ihnen sich selbst als Marionette vor. Guckt den Kindern in die Augen, strahlt, lockt ein schüchternes Lächeln, später ein Lachen hervor. Und bekommt auch die Begeisterung der Erwachsenen.
Und dann führt uns der Fahrstuhl wieder 67 Etagen nach unten …

Der Busfahrer, dessen Ticketmaschine kaputt ist, der dennoch die französische Familie einfach raussetzen könnte, da mitten auf der 1rst Avenue, sollen die sich doch ihre Tickets an einem der Straßenautomaten kaufen. Der genau das zu ihnen sagt, dann aber eben nicht abfährt. Sondern wartet, bis sie einer nach dem anderen mit den Geistermaschinen klargekommen sind. Und wir im Bus, wir warten mit. Rutschen dann noch ein wenig zusammen, damit die vier Franzosen noch hineinpassen. So ein Busfahrer …

Die Volunteer-Guide in der Carnegie-Hall, die uns über eine Stunde durch Hallen, Emporen, Flure und die Geschichte der Konzerthalle führt. Vom Akzent her ist sie klar russischer Herkunft, mir bestätigt sich das, als sie Tschaikovskijs Namen ausspricht. Wie sie erzählt: voller Seele. Von all diesen großen Musikern, von den sich darum rankenden Geschichten, vom Haus und dessen Fastzerstörung, weil das Geld nicht reichte. Und wie ein beharrlicher Musiker zusammen mit vielen New Yorkern und am Ende mit Hilfe der Stadt den Konzertsaal retten konnte – all das erzählt sie, als wäre es ihre Seele, um deren Rettung es hier ging. Wir hängen ihr gebannt an den Lippen. Danke …
(Übrigens, so fragen wir bei unseren Gastgeberinnen nach, es ist sehr üblich, als Volunteer in Museen zu arbeiten. Viele RentnerInnen tun das, viele begeisterte Kunst- und Musikliebende sind auf diese Weise tätig. Und die Museen können nur dadurch all ihre Angebote für die Menschen aufrecht erhalten.)

Der Taschenkontrolleur in der Public Library. Eine von vielen Kontrollen, die kaum mehr als formalen Charakter haben. Jedenfalls schmuggle ich ein Buch hinaus. Es ist mein eigenes und war schon beim Hineingehen im Rucksack. Aber es wäre nicht bemerkt worden, wäre es nicht meines. Der Taschenkontrolleur also, der mit jedem Besucher einen kurzen Witz macht, liebevoll, der die Taschen blicklos vorbeiwinkt, der den Kindern einen Schulterklopfer mitgibt und jedem, der nur wahrnehmen will, das Strahlen seiner Augen …

Der Mann, der im Washington-Square Schach spielt, so wie viele andere auch. Der aber heftig ärgerlich abwinkt, als er bemerkt, dass er wohl auf die Ecke meines Fotos geraten ist. Ich will ihn beruhigen, führe ich doch nichts böses im Schilde, fühle mich zu unrecht verdächtigt, und doch wird er immer aggressiver. Ich lösche das Foto, und er ist doch gar nicht zu beruhigen. Oh je, guter Mann, ich wollte doch nicht …

Die Frau an der Bushaltestelle, die uns darauf hinweist, dass wir an der falschen Stelle stehen. Und überhaupt die vielen Menschen, die immer wieder von allein zu uns kommen, fragen, wohin wir wollen, die uns den Weg und mehr erklären …

Die Menschen am Boden. Die von den Vorbeiströmenden einen winzigen Teil erbetteln. Es gibt sehr viele. Die Schere ist hier sichtbar größer. Vor allem die Tochter fragt mich immer wieder. Ich weiß doch auch keine Antworten. All diese bitterarmen Menschen …

***

Und über all dem explodiert in diesen Tagen der Frühling. Es ist wärmer als bei Euch, viel wärmer. Die Bäume, die zu unserer Ankunft noch kahl und mit kaum einer grünschimmernden Knospe geschmückt waren, die färben sich stündlich ins Blütenbunt und strahlen plötzlich so viel Hellgrün aus. Hach.

Klein-groß und andere Vergleichsdinge

Drei Tage sind wir mit Joanna auf dem Land unterwegs, sie zeigt uns ihre Wurzeln und noch viel mehr. Dazu packt sie uns in ihr Auto, in das wir zu fünft nur knapp hineinpassen. Automäßig sind wir sozusagen underdressed. Was wiederum beruhigt: dass es in diesem Land auch Autos unter 2 Metern Breite gibt. Wenigstens eines:)
Von der Garage geht es direkt auf die Hochstraße, die sich zunächst mit Skylineblick, später mitten durch Bronxhochhäuser bis an den nördlichen Stadtrand schlängelt. So viele Gesichter der Stadt, schon vom Auto aus. Das Reiseprospektmanhattan ist tatsächlich nur eine Facette dieser Stadt. Hier in den nördlichen Stadtteilen wird es grauer, hier blicken einen wenig beneidenswert scheinende Leben durch trübe gesprungene Fensterscheiben an.

Die Häuser lichten sich, wilde Wälder ersetzen bald die letzten Stadtausläufer, und wir sind in der Wildnis des Hudsontals. Naturbelassener Forst, abgebrochene Bäume verweilen in unaufgeräumter Lage, alles in grau-braun gefärbt, noch keine Zeichen des Frühlings zu sehen. Bis auf die Sonne, die uns ins Schwitzen und in Sommerstimmung hineinknallt, das alles ist ein eigenartiger Kontrast. Es verlockt in der Natur unterwegs zu sein – hin und wieder verweisen Schilder zum Appalachian-Trail – und es schreckt doch gleichzeitig ab. Ich weiß nicht so recht, ob ich in dieser wilden Kargheit ausgesetzt sein wollte. Zumindest bräuchte ich eine Zeit der Akklimatisierung, des Anpassens an die Ungeordnetheit.

Aber diese Frage stellt sich ohnehin nicht, wir schlängeln uns durch’s Hudson-Tal und später entlang eines Flusses, dessen Namen ich vergessen habe, obwohl doch unser Zielort an selbigem liegt und der Name im Laufe der drei Tage ständig fällt, naja, Namen sind Schall und Rauch. In dieser Wildnis zelten hingehen, an einem der Seen, oh ja! Mit den Stunden, die wir sie durchfahren, wird sie vertrauter. So ist das ja immer.
Kurz queren wir Connecticut, bevor wir Massachusetts erreichen. Stockbridge heißt unser Zielort, wo Joanna aufgewachsen ist und wo wir zwei Tage bei ihrer Schwester zu Gast sein werden.

Joanna führt uns zu Fuß durch den Ort, zu anderen Plätzen fahren wir. Sie erzählt uns eine Menge Details aus alten Zeiten, die Geschichte und die Geschichten der Hiesigen – have you heard of xxx? noo??? – es ist sehr viel.
Sind wir doch noch damit beschäftigt, das Straßenbild aufzusaugen. Die vielen Flaggen, die Trucks, die Schulbusse, die Westernschriftschilder. Holzhäuser jeglicher Farbe, aber immer ähnlichen Stils, wie direkt einer historisch-amerikanischen Filmsaga entsprungen, jedenfalls nach unserer dürftigen Vorstellung. Die Bücherei mit ihren weißen Regalen scheint direkt aus dem 19. Jahrhundert hierher transportiert worden zu sein, nur dass Solzhenicyn und Susan Sontag einträchtig nebeneinander stehen, belegt ihre Verortung in jüngerer Zeit. Es ist ein Ort der nicht eben armen Menschen, das sehen sogar wir sofort.

Und während wir so durch die Stadt treiben, begleiten uns Erzählungen über dieses und jenes. Wie viele first-american, biggest-american, most-important thing’s es hier gibt, wir wundern uns. Jeder Stein, jedes Haus, jedes Denkmal, jede Ecke scheint voller bedeutungsvoller Historie. Jedoch: Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Städte, andere Countys in ihren Erzählungen ebensoviele first-biggest-important’s aufzuweisen haben. Eine Flut an Superlativen, über die wir im Laufe der Stunden ins Lächeln kommen. Größtenteils haben wir von den Dingen noch nie gehört. Und doch werden sie permanent in Relation zu den Dingen der übrigen Welt gesetzt. Wie gesagt: wir lächeln darüber.
Aber: Ist das nicht europäische Überheblichkeit? Was verstehen wir schon vom hiesigen Selbstwertgefühl? Wir haben schließlich nicht ein Leben lang in diesen Schuhen hier gelebt.
Als wir etwa Boscobel besichtigen und guten Willens die Führung durch das alte Herrenhaus mitmachen, wohl wissend, dass Anwesen dieses Alters bei uns wie Sand am Meer restauriert wurden. Als dann schließlich das 13. Detail zur Geschichte des 17. Löffels erzählt wird, die Führung in die zweite Stunde geht und wir noch nicht mal das Obergeschoss erreicht haben, da kapitulieren nicht nur die Kinder. Wir schleichen uns mitten aus dem Redefluss hinaus ins Freie.
Arrogante Deutsche, werden sie sich gedacht haben. Und ein wenig fühle ich mich tatsächlich so.

Schließlich sind die Menschen, denen wir in Stockbridge begegnen, allesamt Weitgereiste, sie kennen mehr von der Welt als wir. Lebten in Deutschland, Iran, Libanon, China, Österreich und und und, waren viel unterwegs, wissen vieles in Relation zu setzen, was ich in meinem Leben nicht einmal erahnen kann.
Und doch kommt es uns seltsam falsch vor, als die Frau in der Bücherei regelrecht entsetzt ist, dass wir nur zwei Tage in Stockbridge und dafür über eine Woche in New York bleiben wollen. Sie kann nicht verstehen, was dort – selbst für die Kinder – besser und attraktiver sein soll als hier in diesem kleinen Ort.
Eigentlich stimmt es ja: wenn wir unseren Kindern nicht vermitteln, dass das Denkmal für den tapferen Indianerstamm, der hier eine lange Periode der friedlichen Koexistenz (so würde man es heute nennen) mit den Neuzuziehenden gelebt und verteidigt hat, mindestens von ebensolcher Bedeutung ist wie eine Freiheitsstatue gleich welcher Dimension, dann reihen wir uns in den Superlativ-Wettlauf ja eigentlich unhinterfragt ein. So geben auch wir den großen Dinge mehr Bedeutung als den kleinen, so sind wir Teil des Vergleichs-Overflows.

Und dabei sind die Dinge hier überhaupt nicht so klein und unbedeutend. Tanglewood etwa, eine im Moment idyllisch verlassene Parkanlage, ist der Ort des Sommerfestivals des Boston Symphonie Orchestras, welches mitnichten irgendein Orchester ist. Der Sohn bekommt leuchtende Augen, als er die Plakate mit den Konzerten und Solisten des kommenden Sommers liest. Sehr verlockend sich vorzustellen, hier auf einer der Rasenflächen zu sitzen und der Musik zu lauschen. Zwei Parkranger sprechen uns an, fragen und erzählen und schenken den Kindern Erinnerungstaschenlampen. „Streng Dich an“ sagen sie zum Sohn, dessen Klavier-T-Shirt seine Passion verrät, dann kannst Du eines Tages hier on the stage sein:)
Oder Jacob’s pillow, eine Tanzschule und -bühne mit modernem Kurskonzept, mitten im Wald in und um eine alte Scheune errichtet, eine wundersame Fügung von Natur, Historie und Kunst, auch dies ist nicht irgendein Ort.

Wir tragen vieles mit aus den Tagen auf dem Land, viele Fragen insbesondere. Als wir am Ende der drei Tage nach New York zurückkehren und uns wieder in die Fülle der Riesenstadt stürzen, da setzt sich diese in mir immer wieder in Relation zur Ruhe des kleinen Ortes.
Das Konzept von groß und klein, von bedeutend und unbedeutend – wer legt das eigentlich fest?
Und wie gefangen sind wir darin?

Manhattan zum Eingewöhnen

Schreiben ist schwierig: Das Viele, das Andere, das ununterbrochen auf einen Einströmende.
Ohne Schreiben ist auch schwierig: Wohin soll das Viele, das Andere, das ununterbrochen auf einen einströmende denn dann fließen?
Auf jeden Fall lasse ich mal den Anspruch los, hier jeden Tag etwas zu produzieren. Und auch den, auf jeden Kommentar zu antworten. Das finde ich selbst schade und ein wenig unhöflich, aber weder Zeit noch Datenvolumen sind ausreichend dafür. Also wisst: Ich lese Euch alle, wenn ich zwischendurch Netz habe (erkennbar an meinem Sternchen:)) und freue mich sehr über jeden Kommentar. Auch wenn ich nur in Gedanken antworte. Kompromisse müssen sein:)

***

Ein erster Tag in Manhattan beginnt mit dem Weg zur Underground, auf dem wir uns einig sind, dass es hier eigentlich völlig unerwartet aussieht. Mittelhohe holländisch anmutende Wohnblöcke mit ruhigem Sonntagmorgenstraßenschlenderleben, das sich erst in der Nähe der Station in ein Little-India-Straßenbild wandelt.
Später am Abend erzählt uns Joanna, dass Jackson Heights einer der multiethnischsten Stadtteile ist, und dass wir hier in der Nähe auch alle anderen Little xxx’s dieser Welt finden würden. Berlin ist gar nichts dagegen, bemerken die Kinder. — Sie werden es im Laufe des Tages immer wieder mit Berlin vergleichen. Viel mehr Großstadterfahrungen haben sie ja noch nicht.

Jackson Heights Underground also. Das Ankommen in einer fremden Großstadt beginnt immer mit dem Ticketkauf für den Nahverkehr. Finde ich. Hier, ähm, scheitern wir zunächst. Am Automaten nämlich. Eine freundliche Frau verweist auf den menschenbedienten Verkauf am Ende der Straße, genau das brauchen wir jetzt. Nach mehrphasiger Erklärung und Entscheidungsfindungsdiskussion halten wir letztlich ein Magnetkartenpapierchen in der Hand, welches wir nur noch viermal durch den Schlitz ziehen müssen. Aha, die Geschwindigkeit muss stimmen. Zu schnell – geht nicht. Zu langsam – geht nicht. Jeder von uns braucht mehrere Versuche. Die Frau, die hinter uns durch dieselbe Schranke will, schaut genervt. Soll sie. (Gibt doch noch andere Schranken? Sie ist übrigens die einzige, die uns im Laufe des langen Tages angestrengt und gestresst begegnen wird. Der Rest strahlt erstaunliche Gelassenheit aus.)

Die Underground – jedenfalls die 7 – fährt hier entgegen ihrem Namen als Hochbahn, wir stehen direkt hinter dem Fahrer, und irgendwann reißen alle die Fotoapparate heraus, weil durch das kleine Fahrerfenster in der Ferne die Skyline auftaucht. Die Kinder zeigen sich beeindruckt, klar. (Später am Tag allerdings werden sie sagen, sie hätten es sich noch höher vorgestellt. Ja wie hoch denn noch bitteschön?)

Dann taucht die Bahn ab, wo sie hingehört, und am Times Square steigen wir aus. Wir geben uns gleich die volle Dröhnung, wenn schon denn schon. Es flutet einen ja wirklich, zumal wenn man diese schrille Welt noch nie gesehen hat. Ich werde hier auch gar nicht erst versuchen, irgendwelche Wortbilder für die überfordernde Buntgrellheit zu finden. Vermutlich ist selbst die Kamera damit überfordert. Ich halte einfach drauf, und sicherlich enthält jedes einzelne Bild viel zu viel. Ausschneiden kann ich später am heimischen Bildschirm, meine Augen können es derzeit nicht.

Da stehen wir also im trubeligsten Trubel, den man sich vorstellen kann und sind zunächst damit beschäftigt beieinanderzubleiben. So viel permanentes Aufeinanderachtgeben sind insbesondere die Dorfkinder nicht gewohnt. Zwar haben sie Adresse, Stadtplan und ein paar Notdollar im Bauchgurt, Handynummern funktionieren auch, dennoch hat niemand Lust, dass wir uns hier gegenseitig suchen müssen, weil wir uns aus den Augen geraten sind. Die Tochter ist außerdem nervös, dass ihr nichts geklaut wird. Ich vermute allerdings, es ist nicht gefährlicher als in Berlin oder Frankfurt. Jedenfalls packt sie ihre Kamera lieber in die Tiefen ihres Rucksacks und will später von meinen Fotos abhaben, na klar doch.

So treiben wir also, oder eher: werden geschoben. Ein Stück 7th Avenue, ein bisschen Times Square, und dann flüchten wir erstmal in eine der schmaleren Streets. In eine, wo sich kleinere Häuser an die Rückseiten der Glasmetalltürme schmiegen und dabei noch nicht mal schüchtern aussehen, wo kaum ein Auto, dafür ab und zu ein Fahrrad fährt, wo Müllsäcke kurz vor dem Aufplatzen über die Straße rollen, wo die vorbeieilenden Menschen alle so aussehen als wohnten sie hier, wo in kleinen Straßencafés ein ganz normales Sonntagmorgenleben durchscheint. Natürlich, hier leben schließlich Menschen.
Dennoch, das werden wir im Laufe des Tages noch öfter überlegen, hier wohnen? Wie soll das gehen? Wie sich das wohl anfühlt? Ich schaue denjenigen, die einheimisch wirken, ins Gesicht. Sie tragen Umzugskartons, radeln, lamentieren miteinander, schleppen Einkäufe, kehren ihren Balkon, bosseln an ihrem Auto herum, plaudern an der Ecke, sitzen in der Sonne. Alles ganz normal. Und doch: Hier leben?

Irgendwann, hier sind alle Wege weit, sind wir am Hudson River. Kurz vorher kreuzt eine Bike Lane (heißt das so?), da haben Räder Vorfahrt, und ich, ausgerechnet ich!, latsche denen mitten hinein. Werde zu Recht angeflucht. Dabei würde ich jetzt gern selbst auf einem Rad sitzen. — Der New York Pass, den wir nächste Woche haben werden, beinhaltet auch ein paar Stunden Radausleihe. Psst, ich muss die Familie noch überzeugen, ich finde ja, das ist ein Muss!

Wir sind heute wenig zielstrebig, nach kurzer Beschau des Flusses kehren wir in die wirbeligen Straßen zurück, diesmal entlang einer der größeren. Mit Skyscraperglasfassaden, in denen sich gegenüberliegende Skyscraperglasfassaden spiegeln, in denen wiederum die Sonne reflektiert wird, hach. Geometrische Strukturen, sich kreuzende Linien, Kubusästhetik. Irgendwie hat das riesig verrückt Überdimensionierte ja doch was. Jedenfalls liefert es Stoff für ein paarhundert Fotos. Und das am ersten Tag.
Dem Sohn geht es ähnlich. Er hält mit seiner Kamera drauf und drauf und drauf. Während die Tochter einfach fotolos staunt. Und, als sie eine 15-m-lange weiße Limousine erblickt, beselt seufzt, dass sie jetzt schon gesehen hat, was sie einmal im Leben sehen wollte. (Was wissen wir schon über die heimlichen Träume unserer Kinder, denke ich mal wieder.)

Ein Glück übrigens, denke ich bei manchen Motiven, dass die Bäume noch nicht belaubt sind. Manches könnte man sonst gar nicht erblicken.
Huch, hatte ich den Frühling nicht antizipierend schon gedanklich vermisst, war mir das nicht vorher ein querliegender Mangel dieser Reise? — Und jetzt hat die Stadt meine Sehnsüchte verwandelt? Brauche ich das Grün plötzlich nicht mehr? — Oh doch, die ersten zarten Blüten erfreuen mich schon. Es gibt tatsächlich mehr Bäume als erwartet.
Und vor allem gibt es mehr Wärme als erwartet. Genaugenommen schwitzen wir ziemlich. Hochsommerkleidung allerorten. Und dazwischen Menschen mit Winterjacken. Die Stadt ist wirklich in jeder Hinsicht bunt.

Und wir treideln weiter. Ein Imbiss tut not. Das landestypische Angebot lässt die Kinder jubeln (noch!). Danach queren wir den Times Square ein zweites Mal und sind diesmal wacher und mutiger als vorhin. Fasziniert starren wir auf gelbe Taxi-Rudel, wedeln die Broschüren, die von rechts und links aufgedrängt werden, souverän beiseite, geraten in ein Schwätzchen an der Straßenecke, lauschen der Krankenwagensirenensymphonie, lassen den Blick immer wieder nach oben schweifen – wie jetzt, die Kinder hätten es sich noch höher vorgestellt? – und fallen von einem Guck-mal-Mama ins nächste Guck-mal-Tochter. Am Ende halten wir unsere New-York-Pässe in den Händen und können den Times Square für heute verlassen. Reicht auch.

Weiter geht’s vorbei am Rockefellercenter, der Bryant Park verlockt mit Bänken und hej: hier spielen alte Männer einfach Boule, inmitten all des Trubels. Die Lust auf ein Eis kommt auf, doch noch mehr lockt am Eck gegenüber der Steinway&Sons-Showroom. Der Sohn schaut sehnsüchtig durchs Fenster. Ob wir noch einmal herkommen, wenn geöffnet ist, und ob er sich dann wirklich traut, die Flügel auszuprobieren? Ob das überhaupt erlaubt ist, wo wir ja nicht gerade so aussehen, als würden wir ein Flügelchen kaufen und unterm Arm mitnehmen?

Kurze Lagebesprechung, alle wollen noch ein bisschen weiter, ein bisschen mehr sehen. Also führt uns die Underground gen Süden, mal kurz sitzen, hurra, und lässt uns am Ground Zero wieder heraus.
Hier – wie auch an vielen anderen Ecken – wundere ich mich, wie sich meine Erinnerungen damals eingebrannt haben. Nur 48 Stunden war ich in der Stadt, und es ist 20 Jahre her. Und doch erkenne ich so viele Straßenzüge wieder, so viele Blicke, so viele Details. Hier also auch. Das alte Haus mit der riesigen Feuertreppe. Gleich daneben ging man in einen der beiden Türme hinein und fuhr hinauf. Von oben schwankte alles, das weiß ich noch zu genau. Der Nachbarturm schien zum Greifen nahe, und dahinter zog sich ein klarer weiter Blick über Mantattan von einem Ende des Horizonts zum anderen.
— Und heute stehen wir an zwei Gedenkbrunnen. Das Wasser fließt und fließt, und die Sonne spiegelt sich darin.
— Joanna hat erzählt, sie wollten damals am liebsten auswandern. Die Stimmung in der Stadt sei so gedrückt gewesen. Jeder kannte mindestens jemanden, der jemanden kannte. Und sie selbst hatte auch drei Freunde, die in dem Gebäude gearbeitet haben. Die nur an jenem Morgen wegen irgendwelcher Zufälle – Zahnarzttermin, Bücherei und so – noch nicht zur Arbeit gegangen waren.
— Das Wasser fließt und fließt, und die Sonne spiegelt sich darin.

Wir sind müde. Das ist erlaubt, nach so vielen Stunden in der Stadt. Nur noch schnell – wie oft wohl werden wir auf die Dimensionen hereinfallen? – rüber zum Hudson, am Ufer entlang runter zum Battery Park, so ist der Plan. Und schnell vorher noch in den riesigen Wintergarten, und mal eben schnell diese Ecke, und jene. Uff, es sind weite Strecken.
Unsere Schrittfrequenz nimmt ab, es fängt an anstrengend zu werden. Dabei ist der Uferpark herrlich ruhig, wunderschön, immer mit Blick aufs Wasser, die Freiheitsstatue in der Ferne, Familien auf Sonntagsausflug, gelassene freudige Atmosphäre.
Aber was für eine Hitze, niemand hat damit gerechnet. Und kein einziger Eiswagen am Wegesrand. Tausend Eiswagen rund um den Times Square, und kein einziger hier. Das ließe sich optimieren, finden wir. Nützt uns jetzt aber nichts.
Erst ganz an der Südspitze, wir machen echt schon eine jämmerlich schlurfende Figur, endlich. Zwar mit Schlange (ging es also nicht nur uns so), aber das ist ausnahmsweise egal. Auch dass es eines der schlechtesten Softeise meines Lebens ist – egal.
Sitzen, Wasserblick, Eis, bella vita.

Für weitere Wege ist die Kraft aufgebraucht, dabei ist es erst halb sechs. Ich wäre ja jetzt noch bis zur Brooklyn brigde weitergelaufen, aber die Kinder sind nicht mehr zu motivieren. Außerdem benötigt der Heimweg seine Zeit – wie in Berlin: man braucht immer eine Stunde. Wir wollen abends mit Joanna essen gehen, dann wird es also tatsächlich Zeit heimzukehren.

Zum Abschied vom ersten Manhattan-Tag werfen wir einen kurzen Blick vom Fährterminal auf die Brücke, ich freue mich jetzt schon aufs Drüberlaufen, dann versenken wir uns in die Underground. Wow, nach Jackson Heigths kommen wir ohne Umsteigen.
Nach einem Erschöpftheitsnickerchen in unseren Zimmern (selbst die Kinder jetlaggen heftig) geht es zum Essen im wirbelnden hellen indischen Abendleben. Töchterchen verliebt sich in die indischen Festkleider und bedauert, dass man solche bei uns nicht tragen kann. Das Essen aber wenigstens können wir gustieren. Fünf verschiedene Gerichte, wir wollten gar nicht so viel. Schon am ersten Abend erlernen wir, dass man unverdrossen ganz viel bestellt und die Reste dann nach Hause trägt. Alle machen das. Joanna auch. Wir hätten uns das jetzt wohl nicht getraut.

Wow, der Tag hatte viel. Wir fallen ins Bett. Keiner möchte mehr beieinandersitzen.
Am nächsten Morgen werden wir aufs Land zu Verwandtenbesuchen fahren.

***

Irgendwie bin ich unzufrieden, den Text würde ich gern runder und stimmiger schreiben, mit mehr Zeit ginge das. Allerdings werde ich das in diesen zwei Wochen hier nicht hinbekommen. Entweder ich schreibe so wie jetzt, mehr oder weniger ungeplant ohne großes Konzept, additiv aufzählend, oder ich bekomme es nicht unter. Also lieber so. Nehmt es also, und meckert nicht zu viel daran herum;-)


Über den Teich

Ich war übervorsichtig. Drei Stunden vor Abflug da sein, hieß es, weil man nie weiß, Fahrzeit von uns zum Flughafen eine Stunde, eher mehr, und man weiß ja auch hier nie, also lieber zwei Stunden. Das Taxi könnte sich verspäten, wir bestellen es ein paar Minuten eher. Dreifache Absicherung, da hätte unterwegs auch wirklich alles passieren können, wir hätten den Flug bekommen.
Warum gleich sind wir um sechs Uhr losgefahren, spöttelt die Familie, als wir Stunden um Stunden im Vorgatebereich herumwarten. Ach, sage ich, das gehört zum Spiel dazu, sage ich, und lasse mich nicht beirren. Wer mit mir verreist, muss diese Regeln mitspielen.

Überhaupt ist das ganze Reisen ja ein einziges Spiel. Festgelegte Regeln wohin man schaut, Zumeist nicht von mir oder uns selbst gemacht. Sicherheitschecks, Wartezeiten, Einsteigeordnungen, Laufwegsregelungen, Papiervorzeigeroutinen, Zwischenterminalwege, alles alles alles ist festgelegt. Die Freiheitsgrade, wenn man sich als Rädchen in diesen Menschenumschlagplätzen zur Verfügung stellt, sind annähernd Null. Man wird geschickt, geschoben, gefahren, ausgeladen, abgefragt, bestempelt, entpackt, banderolisiert und zuweilen ein wenig abgetastet und ausgezogen (nuja: Gürtel nur, und wenn sie piepen, auch die Schuhe).
So ist das eben. Die Regeln stehen vorher fest, man kennt sie. Wenn man die nicht will, verreist man besser nicht auf diesem Wege. Und wenn man auf diesem Wege verreist, hat man vorher in die Regeln eingewilligt. Eine freie Wahl bestand ja. Vor dem Ticketkauf nämlich.
Also alles bestens. Ewig weite Wege in Heathrow? Selbstgewählt. Rucksack komplett auspacken in Frankfurt? Selbstgewählt. Schere und Deo abgeben? Selbstgewählt. (Und mea culpa übrigens. Töchterchen hatte ihr Handgepäck selbstgepackt. Ich hab nicht kontrolliert. Und so hatte sie’s nicht gewusst.) Anderthalb Stunden Wartezeit bei der Einreisekontrolle? Selbstgewählt.
Und dies sage ich nicht etwa selbstsuggestiv, um mich oder uns wieder von Verärgerung, Groll oder Genervtheit wegzubekommen. Diese steigen gar nicht erst auf. Es ist eben wie es ist. Wir spielen hier ja freiwillig.
(So wie das übrigens bei vielen Lebensschritten ist, fällt mir auf. So oft hätten wir eine Wahl – vorher, in einem gewissen Sinne – anstatt uns in eine destruktive, schwächende Verärgerung zu begeben. Wenn man sich dies mal im Alltag klarmachen würde …)

Hier jedenfalls bewirkt diese Freiwilligkeit dabeizusein und mitzuspielen wohl auch, dass der Grad an Gelassenheit der umherströmenden Menschen den in der Berliner S-Bahn um ein Vielfaches übertrifft. In Heathrow fällt es mir besonders auf. Selbst die Eilenden wirken kaum gehetzt. Dabei könnte man meinen. Es ist wirklich unglaublich weit, unglaublich gerammelt voll, unglaublich lärmend. Und trotzdem diese Ruhe. Mag sein, weil gestresste Dienstreisende an Samstagen kaum unterwegs sind. Weil viele der Mitspieler Osterferienvorfreudefamilien sind.

Apropos Vorfreude. Die konnte sich ja vorher bei mir nicht so recht einstellen. Seit dem Moment aber, da wir mit dem Taxi unser Haus verlassen, blüht sie in einer fast schon kindlichen Version auf. Ich hüpfe mit der Tochter bei jedem Flugzeug, das startet und landet, erinnere mich an lang zurückliegende Flugerlebnisse aus Studienzeiten und gebe diese zum Besten – ja, damals war ich viel fliegend unterwegs -, finde das Flughafenambiente so spannend, dass ich mit Töchterchen mehrere Gatebereiche abwandere, hinter jede Ecke schaue, an allen Enden mitstaune und überhaupt bester Laune bin. Ist ja auch aller Grund dazu.
Fliegen ist sooo aufregend, in London sehen wir von oben die Tower bridge und fahren mit dem Flughafenbus ein bisschen Linksverkehr, auf dem größten Flughafen Europas finden wir dank Sohnes Adleraugen eine Rest and relaxation lounge for free mit Liegesesseln und schlafermöglichender Ruhe, direkt vor dem Abfluggate breitet ein italienisches Café seine Arme aus, die Menschen an den Kontrollen sind alle unglaublich freundlich und höflich und in London außerdem witzig, in der Boardingschlange dürfen wir „with the little one“ – welche dem Quengelalter doch längst entwachsen ist? aber wir nehmen das Angebot trotzdem gern an:) – ganz nach vorn, die Bordunterhaltungsanlage hat Cellomusik, mit einem Nackenkissen kann man wunderbar wegnicken (den Sinn solcher Kissen entdecke ich also heute, mit 48 Jahren:)), die Essensqualität übersteigt die bei Aeroflot früher deutlich, die Kinder lassen mich an ihren Nasen vorbei auch mal aus dem Fenster schauen (es ist Gutsichtwetter!), und als die Reise schließlich in die zwanzigste Stunde geht, fast schon beim Landeanflug New York, gerate ich lesend bei Patti Smith in Erinnerungen an’s Café Pasternak in Berlin, in welchem ich erst vor kurzem mit E. saß und das mit all meinen Russlandreisen verbunden ist, und die ja auch wieder mit dem Fliegen und so … Hier schließt sich der Kreis, denke ich, als ich lesend bei wachhaltender Cola mit innerer Uhr auf Nachmitternacht gestellt in leichter Irritation wegen gleißender Sonne über amerikanischer Atlantikküste auf meinem Fastfensterplatz sitze. Das Leben ist schön.

Apropos: Die Freundlichkeit der Flughafenangestellten. Wahnsinn. Ich ziehe meinen Hut. Man stelle sich das mal vor. Acht Stunden Tasche um Tasche öffnen, immer freundlich und mit einem Scherz, mit einem kleinen Schwätzchen. Oder aber acht Stunden an der Piepsschranke. Oder acht Stunden Boardingpässe abstempeln. Oder acht Stunden den Weg erklären. Oder acht Stunden Essenswägen durch die Gänge schieben, die Optionen vorlesen, austeilen, einsammeln, lächeln, freundlich sein. Ich ziehe echt meinen Hut. Nur einmal, ein einziges Mal heute in den vielen Stunden sehe ich bei einer Stewardess ein Lächeln, dem man Künstlichkeit und Erschöpfung entnehmen kann. Alle anderen … das ist der Wahnsinn, was die hier vollbringen. (Steward(ess) soll übrigens ein Beruf mit einer der größten Burnout-Gefährdungen sein. Ich glaube das sofort.)

Tja, und dann sind wir da. Letztlich doch ein wenig müde, die innere Uhr zeigt Zwei. Ewig lange Gänge zur Einreisekontrolle, dort eine ewig lange Schlange, lehrbuchhaft in absperrbandgeordneten Mäandern gefaltet. Es wird etwa 60 Leseseiten und zwei Toilettenrunden, dauern, ich glaube die äußere Uhr sagte dazu 90 Minuten. Die Tochter setzt sich dann doch mal erschöpft hin, hält sich aber wacker – andere Kinder schlafen längst bei ihren Müttern auf dem Schoß, das alles auf dem Boden. Ein Hoch auf meine Russlandgeduld, gegen das Früher ist das hier gar nichts, es kann ja nichts passieren, irgendwann sind wir dran. Immer noch sind alle höflich, man wird nicht angeschrien, niemand trägt Kalaschnikows (Grenzkontrollerinnerungen aus den 80ern!), und die Fragen nach eventuellen Reisen nach Syrien beantworten wir auch ganz brav mit Nein.
Die Koffer – tata! – sind da, das hat man auch schon anders erlebt, der Check, ob wir drin kleine Leguane oder auch nur Mandarinen einschmuggeln wollen, ergibt grünes Licht. (Unsere letzten Salamibrötchen und Apfelschnitze allerdings, die sind nun doch illegal in dieses Land geraten, wir waren bei der Abfragung einfach schon zu müde und noch nicht einmal bösen Willens:))

Und dann stehen wir also auf New Yorker Pflaster. Die Kinder jubeln oder lächeln, je nach Temperament und Müdigkeitsgrad. Die Großen erreichen an einem der Handys Joanna und kündigen uns an. Es bleibt mehrere dubiose Taxi-driver-Angebote abzuwimmeln und sich brav in die Schlange bei den gelben Wagen einzureihen.
Sieht gar nicht so anders aus, bemerkt der Sohn, wie ne Großstadt halt. Während die Tochter in wohlverdienten Taxischlaf fällt. Doch da: „Trump pavillion“, da geht’s schon los, sagt der Sohn mit müdigkeitsverlangsamter Stimme. Manhattan allerdings, das hat sich uns heute noch nicht gezeigt. Diese Dimensionen zu erblicken, bleibt uns für den nächsten Tag.

Ein herzliches Willkommen in Joannas Haus, welches im Innern wunderbar altertümlich wirkt. Und ein bisschen aussieht wie in amerkanischen Filmen, klar, wir nähren unsere Vorstellungen ja immer auch aus Klischees:) Fenster zum Schieben, Wasserhähne in die andere Richtung, Klimaanlagenkästen, die klassische 3.Etage-3rd-floor-Verwechslung, stoffbespannte Türen, eingeklemmte Bettdecken zum Drunterkrabbeln. Was wir nach einem kurzen Schwätzchen auch tun. Es ist Elf. Äh Fünf. Also vierundzwanzig Stunden nach dem Aufstehen.
Einschlafen ist aber gar nicht so leicht. Und um Acht bin ich wieder wach. Äh um Zwei. Also Ihr wisst schon …

(Es ist auch gar nicht leicht an Euch zu Hause in „Echtzeit“ zu denken, was Ihr jetzt wohl gerade tut und so: ständig rechne ich herum. Und meist in die falsche Richtung. Aber das werde ich schon noch lernen. Wenn ich erstmal wacher bin.)

Abflug

Es war sozusagen eine Reißleine, als ich heute vor einer Woche plötzlich aufhörte, mich hier zu melden. Ganz unerwartet ging es nicht mehr. Nie kam ich vor Elf zum Schreiben. Fast immer verschob sich das Schlafengehen in die Nachmitternachtszeit. Der Wecker klingelte wie immer vor sechs. Zu viel. Besser gesagt: Zu wenig. Viel zu wenig Schlaf. Totale Übermüdung. Und Erschöpfung. All das, was sich vor den Ferien halt immer ansammelt.

Dabei hat mir das tägliche Schreiben gut getan. Etliche Texte, Halbtexte, Ideen, Fotos, Gedanken und Ahnungen liegen auf Halde. Nur: es kollidiert(e) mit der Fülle des Sonstigen. (Insbesondere auch mit dem Cello. Ich gebe ja zu: dieses hat Priorität. Bis vor zwei Tagen habe ich meine tägliche Spielstunde noch geschafft, dann wurde es selbst dafür zu eng.)
Wie es später sein wird, wird sich zeigen. Man weiß ja nie so genau, wie es in der Zukunft wird.

Nun beginnt erstmal eine Reise. Eine in sehr weite Ferne mit gefühlten Unmengen an Papierkramvorbereitungen. Wir werfen ja sonst immer nur die Taschen ins Auto oder ans Rad und fahren los. Diesmal war schon allein das Thema Tasche ein Problem. Kaum eine in unserem Besitz, deren Reißverschlüsse nicht aufplatzen. Koffer mussten also her. (Ich habe glaube ich noch NIE im Leben einen Koffer gekauft:))
Tickets, Mietwagen, Adapter, Auslandskrankenversicherung, ESTA, Flughafentransfer, Online-Checkin (was’n das? mein letzter Flug war eher so im letzten Jahrtausend?) Und der New-York-Pass. Womit nun auch das Ziel geoutet wäre.

Mich strengte es bisher eher an, all das vorzubereiten, und ich weiß noch gar nicht, wie ich mich mit dem Stadtmoloch arrangieren werde. Einmal war ich in den 90ern für 2 Tage dort, fand es äußerst faszinierend, aber das ist eben 20 Jahre und damit fast die Hälfte meines Lebens her.
Die Kinder dagegen freuen sich wie die Springbälle – selbst der Große lässt lächelnde Vorfreude heraus, und das will in diesem Alter etwas heißen:)

Nun aber, heute morgen mit dem Taxiaufbruch nach Frankfurt und mit den Stunden, die wir jetzt schon hier am Flughafen verbringen, wächst auch bei mir eine positive Gespanntheit. Hach. Es wird schon gut werden.

Wir sind ja totale Fluganfänger. Fühlte sich vorhin beim Ankommen im riesigen Terminal 2 schon etwas unbehaglich an, wenn man so gar nicht weiß, was man jetzt machen muss. Offenbar aber waren wir dafür nicht schlecht. Als ich bei der letzten Kontrolle zur Familie anmerkte, dass wir bis hierher ja immerhin alle Papiere beieinander gehabt hätten, meinte die Frau am Schalter: „Und das schaffen auch nicht alle.“ :)

Die Begeisterung der Tochter ist ungestüm, sie juchzt bei jedem startenden, landenden, wartenden Flugzeug laut heraus, sehr zur Freude der Mitreisenden. Der Sohn gibt sich gelassen und kennt alles schon vom Flug nach Südafrika, wie er immer wieder betont (das wichtige Detail aber: gibt es hinter der Passkontrolle noch Briefkästen? hat er mir falsch beantwortet; so fliegt also die Post jetzt mit über’n Teich…). Und die Erwachsenen erzählen sich Geschichten vom Fliegen in den 90ern, 80ern, 70ern und so. Alte Kamellen. Ausnahmsweise finden die Kinder diese mal spannend.

Nun sitzen wir an unserem Gate und werden gleich einsteigen. In London wieder aussteigen. Wieder warten. Nochmals einsteigen. Und heute Abend (nach dortiger Zeit) von Joanna begrüßt werden und das Gästezimmer in ihrem Haus beziehen. Hach – sagte ich das schon?

Und falls es dort drüben auf dem anderen Kontinent Wlan geben sollte – könnte ja sein – hört Ihr vielleicht hier von mir. Von Zeit zu Zeit, oder täglich, damit ich die mich überflutenden Eindrücke loswerden kann, oder gar nicht. Wir werden mal sehen.
Und spätestens in zwei Wochen bin ich wieder da. Also hier.

im März

Der Monat beginnt, während wir uns noch auf unserer Bergschneereise befinden, führt uns nach der Heimkehr in zaghaft frühlingsprießendes Wetter und endet mit ersten Fast-Sommer-Tagen. Im T-Shirt und dennoch schwitzend sitze ich am letzten Nachmittag des Monats am Fluss und ertrinke fast im Blütenbunt.
Ich bin viel draußen, schaffe mir ein neues Wegeritual rings um unser Dorf, am Wegesrand liegt immer wieder mein Baum, der tägliche Schulweg wird wieder auf den Fahrradsattel verlegt, Hängematte und Liegestühle bekommen eine Grundreinigung und anschließend häufigen Besuch von der Tochter und mir.
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Die Schule startet nach den Ferien heftig mit einem Stapel Vertretungsstunden, manchmal ist das eben so. Aber, hej: Ich fühle mich vor den Klassen mehr denn je wie ein Fisch im Wasser. In unserer kleinen Fünften gibt es unruhige Konstellationen und noch wenige Lösungsideen. Diese KollegInnen zu haben jedoch, mit denen man alles alles alles besprechen (und manchmal beweinen) kann, ist goldwert. Gerade in solch schwierigen Situationen.
Vom zweiten Dienstort verabschiede ich mich allmählich, mit einer langen Serie an Terminen, bei deren jedem ich innerlich ein kleines Häkchen setze. Gleichwohl zuckt es kurz in mir, als mich ein dritter Dienstort anspricht, sie hätten gehört, ich würde dort aufhören, ob ich nicht zu ihnen kommen wolle. Das schmeichelt und verlockt kurz, aber ich glaube, ich sollte bei meinem Nein bleiben.
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Der Sohn verbringt zwei Wochenenden auf Vorbereitungsseminaren für sein Italienjahr und bekommt wichtige Mailpost: Seine Gastfamilie. Es passt wie erträumt und führt zu jubelnder Aufregung hier im Haus. Die konkreten Planungen beginnen, vor allem, wie sich sein Klavierunterricht nun nach Mailand verlegen lässt. Das Klavier nämlich wird ihm gerade mal wieder zum wichtigsten Lebenselexier, er übt morgens mittags abends, lernt eine Sonate nach der anderen, ich komme mit dem Notenbestellen gar nicht hinterher. Und spielt am Ende des Monats auf dem Landeswettbewerb „Jugend musiziert“, Ergebnis gibt’s erst am Sonntag.
Die Tochter ist vom Weiterüben nach dem Januarwettbewerb weniger begeistert und schleppt sich mit Mühe durch die seit einem Jahr gleichen Stücke, sie wartet nur darauf, dass es morgen Nachmittag vorbei sein wird. Damit sie dann endlich auf ihr neues Cello umsteigen und sich der neuen Lehrerin widmen kann. Ja, der Monat endet mit der letzten Stunde bei ihrem sechsjährigen ersten und besten Cellolehrer.
In der Schule gibt es viele Klassenarbeiten, den Känguru-Wettbewerb und darüber hinaus Tochtertränen. Die tragen wir weiter in den nächsten Monat.
Der Sohn wählt eine neue Brille und verabschiedet sich vom langjährigen Harry-Potter-Nickelbrillen-Style, nun hat er auf der Nase, was alle tragen, das ist doch auch mal was. Die Tochter sucht ebenfalls nach ihrem eigenen Kleidungsstil und garniert das Ganze mit Unmengen an Kosmetik, deren Sinn und Funktion sich mir im Leben noch nicht erschlossen hat, ich lerne dazu;-)
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Wir schaffen es mal wieder ein paar liebe Menschen zu treffen, es beginnt schon in unserem Ferienbergdorf, und auch hier findet sich ab und zu Zeit für ein Weinchen mit Freunden. Ich schicke einen Stapel Papierpöste auf den Weg, von dieser Altmodischkeit will ich nicht lassen. Ein kleines Mädchen stirbt, ein Dorf weint, und der kranken Freundin geht es auch nicht gut. Wir sprechen in der Schule und zu Hause viel über’s Sterben und über die Netze, welche die Weiterlebenden nun haben. Und was wir dazu geben können. Ausgelöst dadurch formuliere ich erstmals im Leben auf einem Blatt Papier, im Moment noch in der Stichpunktversion, was ich mir für mein eigenes letztes Weggehen wünsche. Sollen hinterher ja nicht die anderen entscheiden müssen. Und man weiß nie, wann es soweit ist. Siehe letzten Monat …
Das Leben hat immer alles auf einmal in sich, eine große Osterreise will vorbereitet werden und strengt mich mit dem notwendigen Organisationskram schon ein wenig an, mal schauen, wie es dann dort wird. Im Moment bin ich müde, müde und müde, ich schlafe mal wieder viel zu wenig.
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Bei all dem trägt mich meine Musik, und wie. Der Monatsbeginn bringt ein neues Leihcello, welches das Wow nochmals steigert. Ich beginne eine erste Sonate von Cirri zu spielen (ab 2.45 vor allem: mein Traumsatz:)), die Tochter korrigiert: zu üben;-), und ich merke immer mehr, wie sehr mir dieses Instrument vorher im Leben gefehlt hat.
Und Lesen trägt, Schreiben noch viel mehr. Und natürlich – ein würdiger Schlusspunkt für diesen prallvollen Monat – Ihr, denen ich hier im Schreibraum begegne, Ihr tragt auch.
Danke für alles.

übergeflossen

In manchen Tagen ist es zuviel.

Die Schülerin, von der wir nur ahnen, dass es ihr in der Klasse nicht gut geht. Kurz angetippt, fließt aus der Wunde plötzlich viel mehr. Rosenkrieg zu Hause, Streitobjekt sind die Kinder und deren künftiger Lebensort, es geht um das Wegziehen auf einen anderen Kontinent. Das Jugendamt ist schon in der Familie, so genau aber weiß das Mädchen gar nicht, was das für eine Frau ist, die immer zu ihnen nach Hause kommt und von der die Kinder die Telefonnummer haben, für dringende Situationen.
Nur wir als Schule wissen mal wieder gar nichts. Datenschutzbestimmungen, die es uns unmöglich machen, über die Lebensdinge der Kinder informiert zu sein, absurder geht es in diesem Bereich kaum. Aber jetzt bloß keine Kraft ins Aufregen stecken, das Mädchen braucht uns. Mit der Klasse können wir arbeiten, so dass sie dort besser integriert wird. Die Familiensituation können wir ihr nicht abnehmen. Ich werde diese Frau mal anrufen, sie kann immer noch sagen, dass sie nichts sagen darf. Vielleicht aber doch. Und dann hoffen wir auf ein Wunder.
Aber selbst wenn dies beides sich beruhigt haben sollte, irgendwann, steht als nächste Baustelle die hoffnungslose Überforderung des Mädchens auf unserer Schulform an. Soweit können wir uns noch gar nicht kümmern.

*

Im Gespräch mit unserer Klasse. Kollegen haben uns informiert, dass sich die Atmosphäre dramatisch verschlechtert habe. Oder überhaupt noch nie annähernd befriedigend war. Wir Klassenlehrerinnen waren naiv, das müssen wir uns vorwerfen, weil es bei uns beiden gut läuft. Das ist der Bonus, den wir als akzeptierte „Alphatiere“ haben, den Kollegen geht es anders.
Wir wollen das aus dem Munde der Klasse wissen. Je länger wir zuhören, umso mehr kommt ans Tageslicht. Wir ahnten ja nicht. Eine kleine Schülergruppe nur, bei uns lange nicht mehr auffallend, verhält sich offenbar andernorts so, dass die Begriffe Respektlosigkeit und Unter-der-Gürtellinie kaum noch ausreichen. Sie greifen Menschen in ihrer Würde an. Ich möchte hier überhaupt nichts genaueres erzählen, der Kollegin und mir entgleiten im Laufe des Gesprächs immer mehr die Gesichtszüge.
Dringend, alles ist plötzlich dringend. Die Klasse muss geschützt werden, die Kollegen auch. Und wir führten monatelang Gespräche über Gespräche, hatten verharmlosende und die Kinder beschützende Eltern vor uns sitzen, die auf unsere Aufforderung, dem Kind irgendeine Form von psychologischer Unterstützung zukommen zu lassen, mit Angriff oder Gleichgültigkeit reagierten. Wir sprachen mit scheinbar einsichtigen Schüler, immer wieder, immer wieder, hörten wohlformulierte Verhaltensreflexionen, investierten endlos Zeit und Kraft in diese Handvoll Kinder. Mit genau gar keinem Erfolg. Es ist alles beim Alten. Wir sind fassungslos. Und fühlen uns unfähig.
Später im Lehrerzimmer, wir wissen nicht weiter, wollen über’s Wochenende Ideen sammeln, wird uns jedenfalls klar, dass wir alles falsch gemacht haben, dass wir von nun an Fokus und Kräfte primär auf die anderen Kinder richten müssen. Dass wir in erster Linie den riesigen „Rest“ der Klasse schützen und betreuen und umsorgen müssen, weil diese viel zu lange alles ausgehalten haben.
Wie es aber nun mit „jenen“ weitergeht, wir haben keine Ahnung. Natürlich gibt es eine Maßnahmenskala, wir können die starten lassen. Am Ende – wenn sich nichts ändert – wird der Schulausschluss stehen, es wäre nicht das erste Mal. Und dann? An welcher Schule, an welchem Ort werden sie dann sein? Gibt es dort mehr und bessere Lehrer, die diesen Kindern helfen und sie nicht ebenso überfordert weiterschicken werden? Gibt es dort vielleicht Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Familienhelfer? Profis also, und nicht so Laien wie uns, die wir – mangels Ausbildung – küchenpsychologisch herumdoktern? Ja, wo ist das Netz für diese Kinder? Wir haben es mit aller Kraft, guten Willens und mit offenem Herzen versucht. Das reichte nicht.

*

Lehrerzimmer, Mittagszeit. Die junge Kollegin kommt blass hinein und setzt sich einfach nur hin. So ist sie sonst nie. Ob die Klassenarbeit zu schwer sei, fragt sie herum. Quatsch, sagen wir erst noch flapsig, ganz normale Arbeit, eher zu leicht. Und bei Dir, sagen wir ihr, können die Kids doch eh vor Glück im Kreis tanzen, dass sie Dich haben.
Die Klasse habe sie angegriffen, erzählt sie. Nach dem, was sie im Wortlaut wiedergibt, ist das Wort Angriff eher noch untertrieben. Eine Suada an Unflätigkeiten ist ihr an den Kopf geworfen worden. Und das ihr, die besser als jede andere auf jedes Kind, jede Frage, jede Sorge einzugehen weiß, von der mein Sohn einfach nur sagt: „Die Kinder lieben sie.“ Offenbar hat sie das nicht geschützt. Und nun sitzt sie da, selbstzweifelnd, hadernd mit sich, geknickt. Und im nächsten Atemzug überlegend, welche Änderungen in ihrem Unterricht hilfreich wären, was sie für diese Klasse tun könnte.
Immer nur denkt sie im Kreis, was sie selbst tun könne. Nicht dass es an der Klasse wäre, wie wir alle, die wir um sie herumsitzen, befinden. Sich zunächst zu entschuldigen. Und dann, wenn ihnen an einer Problemlösung gelegen ist, gemeinsam nach konstruktiven Zugängen zu suchen. Eine offenere Kollegin als diese werden die Schüler im Leben nicht finden.
Gern würde ich länger mit ihr reden, ihr Trost und Rat geben, nach ein paar Berufsjahren hat man sowas ja schon öfter erlebt, das schult Reaktions- und Handlungsmuster, immerhin. Aber es ist keine Zeit, wir müssen los. Ich umarme sie, mehr geht im Moment nicht.

*

Zur Trauerfeier hoch auf dem Berg, oberhalb der Streuobstwiesen, mit Blick auf Wälder und Felder. So viele sind da. In den Lieblingsfarben der kleinen M., in blau und lila. Ein Regenbogen, bunte Welten aus Blumen gemalt, Fotos eines strahlenden kleinen Mädchens, meditativer Gesang trägt weit über den Berg. Und dann hören wir, welche Lebensweisheit sie ihrer Familie mitgegeben hat – und nun auch uns, die wir hier stehen. Wie sie ihrer Krankheit mit dem Lächeln ihres Herzens und oft auch mit einem laut herausgelachten Glucksen begegnet ist, das vor allem, das berührt und brennt sich ein. Wie könnten ihre aufsteigenden Luftballons anders als geradewegs in die Sonne fliegen, das Hinterherschauen schmerzt ein wenig. Wir singen ganz leise, und irgendwann findet der buntbemalte Sarg seinen Weg in die Erde. Es ist hell, es ist licht, es ist tröstend. Inmitten all der Tränen. Seltsam, diese Attribute hier zu schreiben.
Einige Freundinnen und Freunde der Schwestern sind da, manche mit, manche ohne ihre Eltern. Sie tragen – neben vielem anderen – auch Fragen in den Augen. Natürlich. Es gibt ja kaum Antworten. Ich werde sehen, wie es sich ergibt, vielleicht suchen sie einen Gesprächsraum, dann haben wir den Montagmorgen in der Schule. In Physik – das passt. Licht und Sehen. Das Licht bricht sich in unseren Tränen. Und in der kleinen M. spiegelt sich alles Strahlen des Universums.

*

Zu Hause wartet die Tochter. Sie hatte nicht mitgehen wollen, und jetzt hätte sie doch gewollt. Wir sprechen lange, schauen die Bilder des kleinen Gesichtchens an, reden über die Schwestern und dass diese zwischendurch einen Tag in der Schule waren. Wir reden darüber, dass Trauer nicht unbedingt in schwarz und mit schleichendem Gang gelebt werden will. Wie es sich anfühlen mag, wenn in der Familie plötzlich ein Mensch weniger mit am Tisch sitzt. Wo die kleine M. denn jetzt sei, fragt die Tochter. Ich gebe keine Antwort.
Aber eines, das weiß ich, das sage ich der Tochter ganz fest: Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, dass sie nicht auf Friedhöfe und Beerdigungen passe, wie sie sagt. Warum das denn, frage ich. Weil ich immer gleich wieder hüpfen muss, sagt sie. Ich hüpfe eigentlich immer, und das passt doch dort nicht. Oh doch, sage ich, das passt sehr wohl. Mindestens die kleine M. – und die sei ja wohl die wichtigste – die wird sich sicher sehr freuen, wenn Du zu ihrem Grab gehüpft kommst. Wenn das schon die Großen nicht schaffen …

*

Das Gespräch mit der Tochter versetzt mich am Ende in Tränen. Wie auch anders, nach diesem Tag. Ich schaffe noch, ein paar Zeilen an die junge Kollegin zu schreiben, die ich mittags so ohne wirkliches Gespräch stehenlassen musste. Unterlagen und Überlegungen für unsere Klasse lege ich weg bis Sonntag.
Denn jetzt brauche ich nur noch Tränen und mich. Einen hellen Menschen zum Anlehnen, das wär’s jetzt. Der muss ich mir selbst sein. Ich weine und weine. Und gehe mit meinen Tränen schlafen.

*

Am Morgen ist alles noch da.
Manchmal scheint mir, dass wir all das Schwere, Kranke, Verzweifelte, Ausweglose und Finstere der Gesellschaft bei uns in der Schule austragen. Natürlich lebt auch viel hoffnungsfrohes Lachen, Wachsen und Strahlen in unseren Räumen. Aber je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto mehr wird das Schwierige und Unlösbare zum Mittelpunkt meiner Tätigkeit.
Weil ich mehr sehe? Weil ich mich nicht mehr verschließe? Weil es wirklich zunimmt? Weil die Überforderung der Gesellschaft immer mehr in den Kindern ausgetragen wird?
Mathematik und Physik habe ich studiert, Didaktik erlernt, aber viel mehr auch nicht. Für den „Rest“ bin ich nie ausgebildet worden, wir haben nie professionelle Handlungsmuster für die meisten Situationen erlernt, sind in zentralen Bereichen unserer Tätigkeit Autodidakten. Familienhelferin. Schulpsychologin. Sozialarbeiterin. Trauerbegleiterin. Und vieles mehr.
An Tagen wie gestern fühle ich mich überfordert, schlecht und ungenügend. Die Kinder haben Besseres verdient. In solchen Grenzsituationen, wie sie gestern aufeinanderprallten, sowieso. Daneben aber auch im ganz normalen Schulalltag. In riesigen Klassen mich jedem Kind widmen, selbst wenn dessen Probleme sich allein auf Mathematik- und Physikverständnis beziehen würden – allein die schiere Menge an Anforderungen ist nicht zu bewältigen. Schon früher schrieb ich einmal darüber: Ich bin eine schlechte Lehrerin.
Ja, der Kopf weiß, dass es menschenunmöglich ist, was da eigentlich zu leisten wäre. Und doch flüstert er mir Selbstzweifel ein. Und das Herz blutet. Zaubern müsste man können.

*

Bis Montag werde ich – hoffentlich – wieder genug Licht auf meinen Wegen rund ums Dorf gesammelt, genug Kraft beim Schreiben gewonnen, genug Ermutigung durch Gespräche erfahren und genug Besänftigung in der Musik gefunden haben, um strahlend und offen vor meine Klassen zu treten. Vor all die Schüler – die, von denen ich hier erzählte, und die 150 anderen, die es da noch gibt.

Relativierung

Was für ein Chaos! Schon wieder drei verschimmelte Dosen unter ihrem Bett!

Sie leben und sind gesund.

Wieso neue Schuhe? Wir haben doch gerade erst?!

Sie leben und sind gesund.

Und warum hat er’s nicht besser vorbereitet? Er hätt’s doch wissen können?

Sie leben und sind gesund.

Tausend Mal hab ich ihnen gesagt, dass ich morgens nichts mehr unterschreibe und sie ihre Sachen abends packen sollen.

Sie leben und sind gesund.

Die können das jetzt selbst geradebiegen, wieso muss ich immer an ihre Termine denken?

Sie leben und sind gesund.

Wer hat, verdammt, schon wieder den Hausschlüssel verbummelt?

Sie leben und sind gesund.

Orrr, wie können zwei Kinder sooo viel Haarspraygestank im Haus hinterlassen???

Sie leben und sind gesund.

Die könnten ruhig mal mit anfassen. Bin ja nicht ihr Dienstmädchen.

Sie leben und sind gesund.

Hej, die sollen pubertieren so viel sie wollen. Aber diesen Ton will ich hier nicht!

Sie leben und sind gesund.

An Tagen, an denen man hinter einem Kindersarg her geht, rücken sich die Dinge wieder in die richtige Dimension.

12 von 12 im März

Spät, aber doch: Meine 12-von-12-Bilder vom gestrigen Sonntag. Meine Wortfindungsfähigkeit hat sich zu so vorgerückter Stunde wohl schon schlafengelegt, daher bleiben die Bilder wortarm.

 

Vom Terrassenkaffee, dem allerersten des Jahres ….

 

… mit hindernisverstelltem Blick hinunter ins Dorf (noch: bald wird er hinter den Blättern verschwunden sein) …

 

… zieht die Sonne mich auf einen Spätvormittagsspaziergang …

 

… und mitten hinein in die noch karge …

 

… aber aufknospende Frühlingswelt.

 

Ein Gruß winkt von diesem Bild:))

 

Und zu Hause, als ich wieder angekommen bin, versucht die Tochter in Schwung zu kommen, ohne aus der Hängematte zu fallen.

 

Mittlerweile ist es mittags und die Arbeit ruft laut, zum Warmwerden einen Wettbewerb organisieren …

 

… und dann korrigieren korrigieren korrigieren.

 

Die Tochter ist auch beschäftigt, ein Referat steht an – das Thema ist ja nicht schwer zu erraten.) – und ich helfe, wenn auch nur dadurch, dass ich meine Druckerdienste anbiete.

 

Nebenher läuft ein wenig Haushalt.
(Socken lassen sich einfach nicht apart aufs Bild drapieren,da  kann noch so viel Natur ringsum sein).

 

Nicht viel reizvoller sehen Wäscheberge aus, aber das war nun einmal das letzte Bildmotiv, was mir vor dem Schlafengehen über den Weg lief. Immerhin liegt ein Lieblingsshirt des Sohnes obenauf …

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.