Gespürt

#bergundtal-1 – Anlauftage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

Anders als sonst verläuft der Radreisestart diesmal. Alles andere als leicht. Gefangen im Erschöpfungs- und Traurigkeitskreis. Das Packen ist mühselig, Vorfreude will nicht aufflammen.
Fast unvermittelt ist der Starttag da, ich sitze auf dem Rad. Wir – ein Teil der Familie fährt den ersten Tag mit – treideln gemächlich über die fastnochheimischen Felder und begehen den Abschied in einem Biergarten, bevor ich die anderen zum Bahnhof bringe.

 

 

Dann bin ich allein … und habe noch ein paar Kilometer bis zum Zeltplatz.
Stumpf fahre ich durch die Flusslandschaft, alles scheint grau und trüb. Der Neckar, dem ich nun ein paar Tage folgen werde, bedeckt sich mit Nieselregen, die Bilder finden keine Kontur.

 

 

Nach einer ersten Zeltplatznacht in Neckarsulm und einem Aufbruch im Regen öffnet das Land rings um den Neckar seine weiten Arme, doch ich bleibe blind.

 

 

 

Mein Trittrhythmus gibt mechanisch einen Takt vor, in dem ich nicht mitschwinge, Landschaften und Flussansichten ziehen nur am äußeren Auge vorbei …

 

 

 

… und ich weiß überhaupt nicht mehr und noch nicht, wie sich ein Ankommen im Unterwegssein diesmal anfühlen könnte.

 

 

Es ist ja immer eine Verquickung von Innen und Außen, denke ich, als ich – schweißgebadet zu einer Aussichtsstelle namens Jahrhunderthöhe hochgestrampelt – von einem mastenverstellten Blick enttäuscht werde. Weil ich nicht empfänglich sein kann, bietet sich der Wegrand auch nur nüchtern dar, vielleicht.
Dabei könnte ich Labendes und Buntheit gut gebrauchen. Eine „Kunstkaserne“ in Ludwigsburg zeigt mir wenigstens äußere Farben.

 

 

An Campingplätzen herrscht in weitem Umkreis um Stuttgart Ebbe, es gibt lediglich Bad Cannstatt. Karg, nüchtern, ungemütlich, laut.
(Nur die Begegnung mit zwei Fernradlern auf der Rückereise von einem anderen Kontinent und ein weiteres offenes morgendliches Frühstücksgespräch entschädigen.)

Der nächste Neckartag stellt zunächst Industriegelände und Graubauten an und auf den Weg …

 

 

 

… bevor es hinter Plochingen allmählich grüner und ruhiger wird.

 

 

 

Doch, ja, ich spüre kleine Momente, in denen mich Stilles und Lebendiges berührt, da blinzelt ein Licht durch den Nebel.

 

 

 

Nur beschäftigt mich – wir telefonieren mehrmals täglich – dass es dem Kind zu Hause nicht gut geht. Ich suche schon Bahnverbindungen heraus und gebe mir noch eine Nacht zum Entscheiden.

 

 

 

Immerhin möchte ich das Tagesziel Tübingen noch erreichen, wo ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert (wie alt das klingt!) für ein Semester studiert habe. Seither war ich nicht mehr dort.

 

 

 

Ich rolle unter Regenwolken, die sich ab und zu entladen, durch feuchtsaftiggrüne Wiesen, bis ich auf dem Tübinger Marktplatz stehe.

 

 

 

Hier saß ich an meinem ersten Tag, es war der 1. April 1991, nach der nächtlichen Zugfahrt aus Berlin auf den Stufen des Brunnens und weinte. Ich konnte mir nicht vorstellen, in einer solch fremden Welt zu leben, und fühlte mich unendlich einsam. — Dass ich dann quasi für immer in dieser Ecke des nunmehr größeren Landes bleiben sollte, das ahnte ich an jenem Umzugstag nicht.
Heute weine ich aus anderen Gründen …

 

 

Und doch zieht es mich später am Tag, das Zelt ist – auf dem bislang teuersten Campingplatz meiner Radelreisekarriere aufgebaut – an die Vergangenheitsorte. Es fühlt sich wohlig an, mein Tübingensemester war trotz der tränenreichen Ankunft dann wohl doch noch ein gutes gewesen.
Mein Wohnheim finde ich nach einigem Umherirren, die Mensa in der Wilhelmstraße auf Anhieb. Es sieht noch aus wie damals. Jünger sind wir alle nicht geworden:)

 

 

 

Später esse ich in der Kneipe, in welcher ich das erste Hefeweizen meines Lebens getrunken habe. (Warum nur habe ich davon kein Foto? Ich war wohl in Gedanken zu sehr bei der Entscheidung, ob ich abreise oder nicht.)

Der nächste Tag mit seinem Morgentelefonat lässt mich zunächst wieder aufs Rad steigen, letztlich fahren Züge von allen Orten. Ich rolle das Neckartal aufwärts. Es bleibt gewittrig, ich stelle mich öfter unter, bin immer noch nicht bei mir, und doch spüre ich Veränderung.

 

 

 

 

Der Himmel reißt hin und wieder auf. Ich finde Ruhe am Wegesrand. Die Wolken lichten sich. In mir wird es lebendig.

 

 

 

 

Mein Zeltplatz in Oberndorf letztlich, auf dem ich an diesem Tag als einzige übernachte, der fühlt sich wohlig an, obwohl ich ein klein wenig ängstlich vor dem nächtlichen Ganzalleinsein bin. Etwas bricht in mir auf. Zum ersten Mal seit Tagen spüre ich ein Ja zu meiner Reise. Ich lächle, während sich über mir Sonne und Gewitterwolken streiten.

 

 

Als es erneut losschüttet, verziehe ich mich unter das Vordach des Kiosks. Dort sitzt schon jemand, ebenfalls vor dem Regen geflüchtet. Eine Frau  zieht zwei Bier aus ihrer Tasche, ob ich eines mit ihr trinken wolle. Wir reden, über dies und das, übers Unterwegssein, die Menschen im Dorf, wonach wir auf der Suche sind, und wissen dabei nicht mal unsere Namen. Schade, dass sie irgendwann nach Hause geht.
Ich beginne zu kochen, schaue in die sich senkende Dunkelheit, in das Spiel des Mondes mit den Wolken, und in diesem Moment komme ich in meiner Reise an.

 

Mittsommernacht

Es hallt in mir wider, dieses Feuer,
das mir noch vor kurzem hier bei mir, in meinem Garten, überhaupt nicht vorstellbar schien,
das – oder: dessen bergende Schale – ein wenig zufällig hierher fand,
so dass ich es gestern, als der (All)Tag voll und hitzig und bis zur Erschöpfung drückend sich seinem Ende zuneigte, entzünden konnte,
verwindend und verwandelnd das Unleichte eines Tages, der zum Entmutigen geeignet gewesen wäre, hätte ich dies zugelassen,
weil mich nämlich sehnte nach einem sanften Ausklang der Schwerigkeit, und ja – in größerem Bogen geschwungen – dieses gewachsenen hellen halben Jahres,
weil ich hineingeben wollte von meinem Gewesenen und herausziehen wollte für mein zu Werdendes,
weil das Helle – in mir, in der alles umfangenden Dämmerung, im Ahnen – sich zu verbinden trachtet mit elementarem Licht, wie die Flamme es schenkt,
weil mein irrender Blick zu sich und in mich hinein findet durch das Tänzeln der Flamme um ihre Mitte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und während sich vor meinen Augen alles zu Glut wandelt, belebt mich innerer Tanz.

In Demut.
In Dankbarkeit.
In Hingabe.

im Mai

Was für ein Auf-und-Ab-Monat. Da ist zunächst das Wetter, welches zwischen Fastwinter, Herbststürmen und Hochsommer alles aufbietet. Gelegentlich sogar ein wenig Frühlingsstimmung. Ich bin oft draußen, zu Fuß, auf dem Rad, mit der Kamera in jedem Fall, und am Monatsende bleiben viele Bilder. Im Innern. Und im Fotobearbeitungsordner.
*
Ich eröffne meine Zeltsaison, sie beginnt schon am ersten Monatstag im Garten. Am Himmelfahrtswochenende radle ich eine weite Pfalzrunde und genieße das Zeltnächtigen. Umso schöner, dass ich die Urlaubsdinge gar nicht erst aufräumen muss, weil es gleich in die Pfingstferien weitergehen wird.
*
Dazwischen erstreckt sich, so wie den ganzen Monat hindurch, eine nur zäh zu durchwatende Schularbeitsmasse. Mündliche Prüfungen, schriftliches Abitur, Steuergruppenarbeit, Unterrichtsbesuche, Referendarszoix, Mahnbriefe, Klassenkonferenzen, Klausuren und Nachklausuren, und ein bisschen Unterricht passt auch noch in jeden Tag … Es ist die Zeit im Jahr, wo die Kräfte allmählich nachlassen, wo mich der tägliche Schul-Irrsinn anfängt zu überfordern, wo ich zuweilen in eine Glocke eintauche, meine Kommunikationsfäden beginnen sich zu verheddern, ich werde ungehalten, unsensibel oder beides. Und draußen vor dem Fenster sprießt es, ist die Zeit des Wachsens gekommen, während wir in unseren Klassenzimmern hocken.
Wie gut, dass es die Pfingstferien gibt. Pauseschenkende zwei Wochen, um die sechs anschließenden Schuljahreswochen doch noch gesund zu überstehen.
*
Die Kinder stöhnen ebenfalls, beide sind unlustig auf Schule, na gut, das sind sie öfter. Aber man spürt auch bei ihnen die Länge des Schuljahres und die nachlassende Kraft.
Immerhin aber erleben sie Tolles mit dem Schulorchester. Die Tochter spielt ein Opernprojekt mit, das dem Orchester – mehr als den Solisten – stehende Ovationen bringt, und beide reisen mit nach England auf ein Musikfestival. Die von der Reise resultierende Müdigkeit wird in den Juni hinübergetragen:)
Die Tochter feiert ihren elften Geburtstag mit einer riesigen Übernachtungsparty, wir haben ein volles Haus und am Ende des Wochenendes das Gefühl, nun umgehend ins nächste gehen zu wollen.
*
Begegnungen gibt es viele. Solche mit langbekannten Menschen, auch aus den Augen verlorenen, auf der Beerdigung der Freundin. Solche mit tränenvollen Gesprächen hier im Dorf und um die Ecke, weil doch so viel Schweres zu tragen ist, derzeit, um mich herum. Solche mit Herz-zu-Herz-Gesprächen, mit hierher gereistem Besuch oder in Räumen, in die ich gereist bin. Es tut gut, das alles. Ich bin dankbar für dieses lebendige Netz, an dem wir ja immer noch weiter weben, wir alle.
*
Dazwischen ringe ich viel. Mein Baum bietet seine alte Haut zum Anlehnen an, mein Cello schwingt zuweilen mit mir (zuweilen auch nicht), und da ist immer noch und immer wieder der tröstliche Blick in die Weite.
Was ich letztlich mitnehme aus diesem wild-grauen Mai, sind Bilder wie im letzten Blogpost. Ich spüre ein tragendes Lebensbett, trotz allem. Und beginne nun seufzend den Juni. Gleich wieder geht es auf’s Rad, es kann nur stärkend werden.

Die Musik, die wir sind

Hast du gehört, der Winter ist vorbei!
Nelken und Basilikum platzen vor Lachen.

Kaum von der Reise zurück, ist die Nachtigall schon Gesangslehrer für die Vögel.

Die Bäume überreichen Gratulationen.
Die Seele tanzt durch die Tür zum König hinauf.

Anemonen erröten, weil sie einen Blick
von der nackten Rose erhaschten.

Der einzige faire Richter, der Frühling,
breitet sich im Gerichtssaal aus.

Und ein paar Dezember-Diebe
huschen davon.

Die Wunder vom Vorjahr
sind bald Vergessenheit.

Aus Nicht-Existenz wirbeln neue Geschöpfe hervor,
Galaxion um ihre Füße verstreut. Hast du die getroffen?

Hörst du, wie in der Wiege die Jesus-Knospe summt?
Eine kleine Narzisse – Inspektor von Königreichen!

Ein Fest ist in Gang. Horch:
Es ist der Wind, der den Wein ausschenkt!

Früher versteckte die Liebe sich
hinter Bildern. Damit ist Schluss!

Der Obstgarten steckt seine Lampions auf.
In Lumpen stolpern die Toten herbei.

Nichts bleibt in Fesseln oder gefangen.
Du sagst: „Stopp dieses Gedicht hier

und wart, was als Nächstes kommt.“ Sofort.
Gedichte sind nur Gekritzel bei der Musik, die wir sind!

(Rumi)

Als Gefäß

Binnen weniger Tage, Stunden fast, begegne ich ihnen allen, was für ein Zufall.
Sie, deren Schwester starb, kaum zwei Wochen ist es her.
Sie, die selbst den Krebs in sich trug. Und trägt, wer weiß.
Er, der, fast als Kind noch, seinen Vater verlor, über lange Zeit schon, endgültig aber erst vor wenigen Monaten.
Sie, deren Tochter ging, noch keine zwei Monate ist es her.

Vier Begegnungen an nur zwei Tagen. Vier intensive Gespräche. Gespräche, in denen ich vor allem zuhöre. Ich frage auch ein wenig, aber eigentlich höre ich zu. Dem Klang, dem Gesang des Fließens.

Ein Fließen, gebettet in die weite Mulde der Trauer.
Ein Fließen von Lebensfreude, von sonnebeschienenem Lebenwollen, Weiterlebenwollen, von purem Glück am kleinen Moment, von Innigkeit in unverstelltem Aufeinanderzu.
Ein Fließen von Mut und Kraft, sich dem zu stellen, dem allen. Der Forderung, einander eher loszulassen als man es je wünschte und ahnte. Der Dichtigkeit einer viel zu schnell hinauströpfelnden Lebendigkeit. Der unvermittelten Augenöffnung über das, was wir sind, was uns ausmacht, und was auch nicht. Dem Wandel im Sein, in jeder Faser des Seins, wenn man sich der Sprache des nahen Todes nur nicht versperrt. Der Aufgabe – und dann: dem Geschenk – das kleine Zarte als Großes zu spüren, und das bisher übermächtige Unwesentliche abzustreifen. Der unfassbaren Endgültigkeit. Dem ebenso unfassbaren Licht, in das plötzlich alles getaucht ist. Der Ehrlichkeit in allen Begegnungen, die nun folgen, Ehrlichkeit, die schmerzt, Ehrlichkeit, die guttut. Dem Abschied. Dem Neubeginn.

Was für ein Strom, der da fließt.
An seiner Oberfläche glitzert es. Sonnenfünkchen spiegeln sich und tanzen, geführt und gestreichelt vom Wind, dem behutsamen. Über allem ein Himmel. Dieser gute Himmel in seiner Weite.

Dankbar bin ich für diese Gespräche, für die Worte, die mit mir geteilt wurden, und für ihre stumme Fortsetzung in mir. Gern bin ich Zuhörerin. Was ich höre, trage ich mit. Was ich höre, trägt mich mit. Es durchflutet, es schenkt Geborgenheit im Leben. Es strahlt auf mein Sein, ich fühle mich beschenkt. Wie in ein Gefäß lasse ich alles fließen, was Ihr erzählt, was der Tod spricht. Es ist Gelegenheit, sich einer Verwandlung anzubieten. Jede und jeder für sich. Wir zusammen.

Und doch, bei allem Tröstlichen und Lichten … diese Gespräche, diese Häufung in den vergangenen Stunden, die muss ich erst einmal veratmen, die muss ich deponieren. Noch weiß ich nicht wohin. Diese wenigen Worte hier sind nur ein zögerlicher, unbeholfener Anfang.

enturteilt

Da gibt es etwas, das Du Dir sehnlichst wünschst, etwas, das Du nie anders denken konntest, als dass es so wird wie Du es Dir vorstellst, eine dringende Herzenssehnsucht.
Und dann … dann ist plötzlich alles anders. Dann kannst Du dies nicht bekommen, darfst es nicht leben, wirst nicht in diesem sein, was Du so sehnlichst bräuchtest.
Bäm.
Es gibt keine Schuld, keinen Schuldigen, der dies verursacht hat, es ist einfach eine ungeschickte Fügung. Ein Stück Universum hat sich quergestellt, einfach so.

Wiederum gibt es jemanden, der die Situation auflösen könnte, ein einziger Mensch, der vielleicht eingreifen könnte. Wenn er wollte. Wenn er Dich verstünde. Wenn er die Dringlichkeit deiner Herzenssache mitfühlen könnte. Wenn wenn wenn. Denn: all dies traust Du ihm nicht zu. Im Gegenteil, Du denkst, dass gerade dieser … ach nein, Du möchtest nicht mal darüber sprechen. Es macht Dich bitter, es entfernt Dein Herz von seiner Sehnsucht, dies wäre ein zu hoher Preis.

Also gibst Du auf. Es ist wie es ist.
Ein paar Stunden lang hast Du aufgegeben.
Und doch nagt es. Was, wenn da nicht doch ein Weg wäre. Was, wenn nicht doch jemand anderes einschreiten könnte. Was, wenn Du nicht alle Möglichkeiten ausgelotet hast. Jetzt etwas zu versäumen, lässt sich nie mehr nachholen. Das alles kreist in Dir. Ein paar Stunden lang.

Bis … bis Du das Mailfenster öffnest. Nein, nicht an diesen einen Menschen, an jemand anderen schreibst Du, beschreibst Deine gesamte Seelensehnsucht.
Und siehe da, es kommt Antwort. Sofort, noch in der Nacht, unmittelbar, verstehend, mitfühlend, zugewendet. Mit einem kleinen Bündel an Ideen, was vielleicht doch ginge. Und mit der Ermutigung, es zu versuchen.
Dazu musst Du eine weitere Mail schreiben. An einen anderen Menschen. Nein, immer noch nicht an diesen einen, an noch jemand anderen. Wieder beschreibst Du Deine gesamte Seelensehnsucht. Und siehe da, wieder kommt Antwort. Sofort, noch in der Nacht, unmittelbar, verstehend, mitfühlend, zugewendet. Mit einer sehr konkreten Idee, wie es vielleicht doch ginge. Und mit einer erneuten Ermutigung, es zu versuchen.
Doch dazu musst Du Dich an jenen Menschen wenden, an jenen einen, schreibt der andere. Uff. Du zuckst zurück. Denn diesen einen wolltest Du doch nicht … und nie …
Und doch. Irgendwann in der Nacht, oder ist es schon Morgen?, nimmst Du noch einmal das Mailfenster her, ein drittes Mal. Schreibst wieder, in verhalteneren Worten, mit der zitternden Angst, Dich zu verletzlich zu machen, von Deiner Seelensehnsucht. Eine Überwindung, ein Mut, auf den Sende-Knopf zu drücken. Und doch … Du schaffst es. Mitten in der Nacht, ganz allein, Du mit Deiner Seelensehnsucht.

Antwort kommt keine mehr, dafür ist es zu spät. Du schläfst, Du beginnst Deinen neuen Tag, die Mail muss längst angekommen sein. Stunden später erst ist Zeit, zum Telefon zu greifen. Es zittert in Dir. Jetzt oder nie. Er nimmt ab.

Du kannst kaum glauben, was Du hörst. Eine weiche Stimme. Zuhörend. Verständnisvoll. Mitfühlend. Dich wahrnehmend. Auf eine Weise, wie Du sie ihm nie – NIE! – zugetraut hättest. Als völlig neuer Mensch ersteht er vor Deinem inneren Auge, während Ihr noch miteinander sprecht und alle Ideen auslotet. Denn ja, es gibt eine kleine Möglichkeit für Deine Seelensehnsucht, wenigstens teilweise darf sie zu Wirklichkeit werden. Nicht alles, aber ein winziges Stück davon.

Er müsste dies nicht ermöglichen. Er tut es für Dich. Weil er Dich wahrgenommen hat.
Du sagst danke. Mehr fällt Dir im Moment gar nicht ein.

Es bleibt, nach dem Auflegen, ein Lächeln in Deinem Gesicht. Ein ungläubiges Staunen. Eine innere Wärme. In Dir klingen die zugewandten Worte aus dem Telefonhörer nach.
Und Du schüttelst den Kopf über Dein eigenes Urteil, über Deine Vorverurteilung, dass dieser jene nie nie nie … wie Du Dich getäuscht hast. Wie Du ihn abgeurteilt hattest.

Urteile nicht. Du irrst vielleicht.

Cello #3 – Spiegelbilder

Es wird Zeit, mal wieder ein wenig über mein Cello zu schreiben. Diesmal über mein Ich, welches sich mir im Cello spiegelt. Hat mir doch die Tochter heute einen unmissverständlichen Fingerzeig gegeben.
Wie ich übe und sie nebenher auf dem Sofa herumturnt, da grummelt sie plötzlich irgendetwas unter ihren Haaren hervor.
Hä, frage ich, ziemlich gedankenabwesend.
Na, richtet sie sich auf, stimmt doch.
Was, frage ich, stimmt?

So viel Selbstzweifel muss man erstmal hinbekommen.
Oh.
Bei jedem Ton, den Du spielst, verziehst Du das Gesicht, oder zuckst zusammen, oder murmelst das Sch… Wort, oder denkst es Dir.
Oh.
Du hörst halt gut genug, so dass Du hörst, dass es noch nicht gut ist. Das ist doch gut!
Oh.

Was für ein Spiegel, den die Tochter mir da vorhält. Sie beobachtet glasklar. Und hat so Recht. Kindermund tut Wahrheit kund und so.

Vielleicht ist mir das ganze Instrument überhaupt nur als Spiegel zugelaufen? Vielleicht habe ich in ihm hauptsächlich den Spiegel gesucht?
Ganz gleich, wer da suchte, zulief, führte – ich will mich dem fügen, was sich mir hier zeigt. War mir doch auch bei der Lehrerinnensuche von vornherein klar: Eine Frau sollte es sein. Und zwar eine, die deutlich älter ist als ich. Damit ich mich einfügen und aufs Geführtwerden einlassen kann.
Eine solche Lehrerin habe ich gefunden, das ging sehr schnell. Vielleicht, weil so klar war, dass ich genau diese brauchte. Und nun, da ich Stunde um Stunde nicht nur vom Instrument, sondern auch von der Lehrerin den Spiegel vorgehalten bekomme – die beiden haben sich verbündet:) – da wird mir manches deutlich.

Ich will alles auf einmal. Immer. Sofort. Ich will sogar mehr als alles, ich will 150%. Weil 120% noch zu wenig sind.
Wenn in einer Übung eine Phrase zunächst einmal pro Bogen gespielt werden soll, dann zweimal, dann erst dreimal und letztlich viermal, dann versuche ich immer zuerst den Vierer, ich will es sofort ganz schnell spielen. Die Schleife über das Langsame nehme ich erst nach dem Scheitern an der Geschwindigkeit.
Wenn ein Griff nicht klappt, weil meine Hand vielleicht zu klein ist – ja, ich habe recht kleine Hände, einige Griffe kann ich nur durch Springen schaffen, wenn ich nicht im Laufe der Zeit noch einige Millimeter durch Dehnung gewinne, und Springen ist schwieriger als gleichzeitiges Aufsetzen, gleichwohl aber möglich (die Tochter mit ihren Minihänden springt derzeit auf ihrem 3/4-Cello auch und schafft es einwandfrei sauber und gebunden, und bei Belesen in Netzforen finde ich genau das: Frauen mit kleineren Händen müssen sich eben so behelfen, was aber durchaus möglich ist, nur einen längeren Lernweg erfordert) – wenn also eine solche Stelle mit Weitgriff mich derzeit stark fordert und anfangs grob unsauber klingt, dann fühle ich mich sofort als zu schlecht, als zu unfähig. Wider besseres Wissen, dass hier tatsächlich eine objektive Handgröße verantwortlich ist, zunächst.
Wenn ich mich auf die Intonation einer Stelle konzentriere und diese stimmiger wird, rutscht mir im Gegenzug der Bogenkontakt weg, wenn die Gleichmäßigkeit des Tons zunimmt, verschiebt sich die Haltung der linken Hand, wenn die Bindungen zwischen den Tönen anfangen sich zu glätten, verspannen sich mein Kiefer und meine große Zehe. Weil man die Dinge nacheinander lernen müsste, ich aber stets an allen gleichzeitig arbeite und alles auf einmal will. So gibt es stets etwas, bei jedem einzelnen Ton, das mir nicht reicht. Und weil alle Abläufe so komplex miteinander verschachtelt sind, weil eine Schraube gleichzeitig alle anderen verdreht und ich von Körpergefühl und Ohr her alle alle wahrzunehmen vermag (was, wie die Tochter ganz richtig sagt, doch eigentlich ein wunderbarer Vorteil ist), deswegen finde ich  stets einen Grund, das Gesamtspiel unzureichend zu finden.
Nie sehe ich, wie viel ich in diesen vier Monaten geschafft habe, ich übersehe geflissentlich, wie Lehrerin und Geigenbauer und Tochter und überhaupt alle, die sich ein bisschen auskennen, von anerkennend bis fasziniert nicken, ich vergesse, dass ich vor einem halben Jahr nie gedacht hätte, in wenigen Monaten erste Stücke und einfache Sonaten anzugehen. Es ist mir nie genug.

Schaffe ich auch mal Zufriedenheit? Es würde mir gut tun.

Dabei ist mir vom Kopf her natürlich klar, dass mich derart überkritisches Fordern hemmt, dass mir meine eigenen Ansprüche als Barrieren quer im Weg liegen, dass ich viel sanfter vorangehen würde, könnte ich diese beiseite räumen.
Und vor allem: dass ich mich nicht, wie schon geschehen, in die Unfähigkeit hineinübe, wenn an einem Tag nach zwei Stunden, manchmal schon eher, die Kräfte nachlassen. Cellospielen ist eine körperlich sehr anstrengende Sache – vermutlich ist dies ja bei jedem Instrument so – und daher wird der Körper irgendwann müde. Zu Recht, er ist ja kein Hochleistungssportler und soll auch keiner werden. Ich aber zwinge ihn dennoch weiterzumachen. Ich übe oft so lange, bis mir das Spielen kaum mehr möglich ist, bis alle Körperempfindungen auf taub stellen, bis ich mich nicht mehr spüre. Manchmal sogar, bis es irgendwo anfängt zu schmerzen. Den linken kleinen Finger hatte ich schon so weit, den hatte ich überübt. (In der Osterferienpause konnte er sich erholen. Aber vor Wiederholung der Übertreibung bin ich wohl nicht geschützt. Wenngleich gewarnt.) Ich übe also offenbar immer so lange, bis es zu viel war.

Ist das mein Muster? Und schaffe ich es, die Bewusstwerdung dieses Musters zu nutzen, um Geduld zu lernen? Es wäre an der Zeit.

Und noch etwas bemerke ich: Wie ich von anderen abhängig bin. Nicht in dem Sinne, dass alle Welt – oder ein Teil der „alle Welt“ – natürlich meint, es wäre sinnlos, verrückt und vermessen, in diesem hohen Alter noch ein solch komplexes Instrument zu erlernen. Dieses Sagen interessiert mich nicht, sollen die Leute reden, ich weiß es besser.
Aber das andere, das lässt mich gelegentlich erstarren: die Bewertungen. Kommen sie nun tatsächlich, diese Wertungen von außen, oder habe ich nur alle inneren Ohren auf Empfang gestellt, so dass ich gar nichts anderes erwarte als Kritik? Jedenfalls fällt es mir auch nach so vielen Wochen der Gewöhnung noch schwer, zu üben, wenn jemand anderes im Haus ist. Natürlich ist ständig jemand im Haus, insofern spiele ich seltenst allein ohne Zuhörer, es dröhnt ja schon durch die Etagen. Aber ich registriere es jedes Mal. Jedes einzelne Mal. Zurückhaltung erfasst mich dann, und Scham. Ja, Scham. Sobald irgendwo oben Besuch von außen ist, und sei es nur ein Kinderbesuch, kann ich gar nicht mehr spielen. Sogar im Unterricht schießt mir öfter durch den Kopf, wie furchtbar es gerade klingen muss und dass ich mich vor der Lehrerin schäme.
Die Tochter sagt, das gehe ihr bei ihrer neuen Lehrerin ebenso, jetzt in den ersten Stunden. Dass es aber bald wieder nachlasse, wenn man sich erstmal kennengelernt habe. Möglicherweise ist sie mir auch hier weit voraus, die Tochter. Ich jedenfalls schäme mich. Wie ein kleines Kind.
Und freue mich über Lob, ja, ich brauche dies sogar. Auch wie ein kleines Kind.

Kann ich hierbei erwachsen(er) werden? Oder ist Kind-Erwachsener in diesem Zusammenhang die falsche Kategorie? Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob es das trifft. Es geht jedenfalls um eine Form der Reife, um Unabhängigkeit im Zu-mir-Stehen, um Unangreifbarkeit von den Bewertungen anderer, um ein selbstsicheres In-mir-Ruhen.

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Ich glaube, ich muss noch viel Cello spielen. Es gilt viel zu üben.

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Die bisherigen Cello-Texte finden sich hier und hier.

Heimkehr

Nun sind wir wieder in unserer Zeitzone gelandet, im Kopf saust noch all das Amerikanische, ich bin ein bisschen noch dort, ein bisschen schon hier – wo ist man, wo bin ich zwischen diesen Orten?

Die Wo-bin-ich-Frage war ohnehin ständig präsent, auch dort, da alles laut, dicht, gedrängt, angespannt und hastig war.
Zu gedrängt? Es war ja nur für eine kurze Zeit. Auf Dauer könnte ich so nicht leben. Es gelang mir in der Dichtigkeit ja nicht einmal mehr zu schreiben, da waren kaum Momente des Innehaltens, des Wieder-in-die-Ruhe-Findens. Ein einziger Großstadttaumel.

Und doch war ich begeistert, im positiven Sinne gefangengenommen von der Offenheit der bunten Stadt, habe mich gelabt an kleinen Herzens- und Seelenmomenten, am Zauber der Menschen, am aufblühenden Frühling sogar.
Es gibt viele viele Fotos, mehr als 1000, und so kann ich das genaue Erzählen bald bebildert nachholen. Es war eine wirklich gute Reise.

Nur fehlte die Ruhe. Sogar sehr fehlte sie mir. Die Dauerbeschallung, vor allem die war schwer auszuhalten.
Als ich vorhin im letzten Flug am Fenster sitzen durfte und über den Wolken durch den blauen Himmel glitt, da begann es schon still zu werden in mir. Zwar brummte der Motor, aber die Augen waren schon wieder in ruhigem Fahrwasser angekommen. Frankfurt-Flughafen dann kam als kleiner unscheinbarer Bruder (‚tschuldigung:)) von Heathrow und JFK daher und tat gut. Die Autofahrt durch das satte Grün, ein milder Stau, kein wildes Gehupe, kein Drängeln, alles ist ordentlich und in Spuren aufgereiht. Und hier im Dorf erst. Vorhin beim Gang in die Dorfkneipe waren wir alle der Meinung, es wäre noch nie im Leben so ruhig gewesen.
Ich habe so Sehnsucht nach Stille …

Und nun sitze ich auf meinem Bett, mit mühsam durchgedrücktem Rücken, damit ich ja nicht einschlafe, und versuche ein paar brauchbare Worte in die Tastatur zu hauen. Ab und zu nickt der Kopf nach unten. Seit 34 Stunden bin ich wach, wenn ich mich nicht verrechnet habe. Die zwei Sitznickerstunden im Flugzeug heute „Nacht“ gelten ja kaum.
Von Jetlag-erfahrenen Menschen heißt es, man solle das durchziehen. Jetzt nicht vor der gewohnten Zeit ins Bett fallen, damit es eine kleine Chance auf baldigen durchgehenden Nachtschlaf gibt. Also versuche ich das. Packe zum Wachhalten aus, schreibe zum Wachhalten, laufe zum Wachhalten im Haus umher, könnte zum Wachhalten noch ein neues Buch anfangen … jetzt darf ich doch aber gleich ins Bett?

Relativierung

Was für ein Chaos! Schon wieder drei verschimmelte Dosen unter ihrem Bett!

Sie leben und sind gesund.

Wieso neue Schuhe? Wir haben doch gerade erst?!

Sie leben und sind gesund.

Und warum hat er’s nicht besser vorbereitet? Er hätt’s doch wissen können?

Sie leben und sind gesund.

Tausend Mal hab ich ihnen gesagt, dass ich morgens nichts mehr unterschreibe und sie ihre Sachen abends packen sollen.

Sie leben und sind gesund.

Die können das jetzt selbst geradebiegen, wieso muss ich immer an ihre Termine denken?

Sie leben und sind gesund.

Wer hat, verdammt, schon wieder den Hausschlüssel verbummelt?

Sie leben und sind gesund.

Orrr, wie können zwei Kinder sooo viel Haarspraygestank im Haus hinterlassen???

Sie leben und sind gesund.

Die könnten ruhig mal mit anfassen. Bin ja nicht ihr Dienstmädchen.

Sie leben und sind gesund.

Hej, die sollen pubertieren so viel sie wollen. Aber diesen Ton will ich hier nicht!

Sie leben und sind gesund.

An Tagen, an denen man hinter einem Kindersarg her geht, rücken sich die Dinge wieder in die richtige Dimension.

Auszeit

Wenn der Tag plötzlich eine unverhoffte Lücke in seinem pochenden Ablauf aufreißen lässt und die Bücherei am Wegesrand liegt und ohnehin alles – schlagen doch die inneren Wogen gerade hoch – nach einem Rückzug ruft, dann …
… finde ich mich plötzlich in einem dieser so wunderbar nicht zusammenpassenden Sofas sitzend, oben im zweiten Stock, dort in der Ecke, wo einen der Straßenlärm glasfenstergedämmt zwar noch erreicht, aber ebenso abgeschirmt wirkt wie all das andere, was ich in der Tasche unten am Eingang ließ, die Kalender, die Aufgaben, das Handy.
Vor mir weite Regalschwaden, büchergefüllt, Leseimperative wohin man schaut. In meiner Hand liegt mein derzeitiges Buch, das, welches zu mir kam wie gerufen. Unter mir das Sofa, bequemer als es wirkt, zum sich-hinein-winkeln, neben mir all die anderen Auszeitenden. Lesend, träumend, zettelsortierend, schlafend, schnarchend. Die Stille der Sofaecke dimmt das Straßensurren hinunter, bis es sich auflöst. So wie das Schweifen der Gedanken, das ich immer wieder einsammle und ans Buch in meiner Hand führe, bis ich hineinversunken bin.

Es sind die kleinen Dinge. Immer wieder.

 

Cello #2 – Lagenwechsel

Da ist ein Ton. Ein Ton will gespielt werden
Nehmen wir das D, das gehört zu meinen Lieblingstönen …

Ich kann es zum Beispiel in der Tiefe spielen, auf der untersten C-Saite, der vollen, warmen mit dem sonoren Klang. Hier wird es vom starken ersten Finger gehalten, das ist leicht. Hier ist andererseits Kraft nötig, um die mächtige Saite ins Schwingen zu bringen, das fordert. Ist das schwer oder leicht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls: Der Ton strahlt am Ende Kraft aus.

Eine Oktave höher liegt ein D auf der leeren G-Saite. Es braucht keine linke Hand, das ist noch leichter, aber. Aber? Sauber ist das D, ja. Man kann einfach nicht irren im Griff. Dafür aber ist es nicht formbar. Oder weniger formbar, nur mit der rechten Hand zu gestalten. Das Leichte ist nicht immer das Passende. Und es ist nicht immer, was ich möchte.

Das gleiche D liegt noch einmal auf einer anderen Saite, in der sogenannten vierten Lage, die linke Hand wandert. Der gleiche Ton, und doch nicht gleich. Heller, schmaler im Klang, dafür zielstrebiger, fordernder und fokussierter. Und: ich muss ihn mit der Hand erst suchen, ertasten, erspüren. Dann aber bekomme ich ein Klanggeschenk.

Noch eine Oktave höher, in bequemer erster Lage, greift der schwache kleine Finger ein D. Weil dieser es in der Bewegung am schwersten hat, ist er doch vom Alltag her das Greifen nicht gewohnt, muss er am meisten lernen. Und hat dabei am meisten Verantwortung zu tragen für den Klang, für die sauberen Tonhöhen. Er muss sich immer wieder aufs Neue strecken, es ist zuweilen harte Arbeit für den kleinen Finger. Nun, er schlägt sich wacker, und sein D gehört zu meinen Lieblingstönen und -gefühlen. Hier auf der schmalen hohen A-Saite fühlt der kleine Finger sich wohl. Die Saite und er sind wohl seelenverwandt in ihrer Verletzlichkeit.

Nun, noch eine Oktave höher, dort wo das Cello fast wie eine Geige klingt, vermag ich noch nicht zu spielen. Dort ahne ich wunderbar leichte vom Fliegen beselte D’s. Dort oben am Griffbrett wird sich noch eine ganze Welt von D’s und weiteren Klängen öffnen …

Alle sind sie D’s. Es ist immer nur das gleiche D.
Und doch: Unterschiedlicher könnten die Töne und Klänge nicht sein.

Ob das bei meiner Lebensmusik ebenso ist?
Und bin nicht immer ich es, die spielt?

Zarte Pflanze Hoffnung

 

Sie wächst karg, in sich zurückgezogen.

 

 

Das Grün in sich verborgen, streckt sie ihre Fühler zum Licht …

 

 

… und duckt sich immer wieder in den Schatten.

 

 

Sie beginnt aus dem Nichts zu wachsen …

 

 

… und setzt ihr filigranes Wesen den Stürmen aus.

 

 

Wie ein Wink weist sie in die Weite.

 

 

Für sie.
Und für die kleine M., die ihren Weg auf die andere Seite sucht.
Für ihre Familien.
Und für uns alle.

 

Abendwegspüren

Es war schon dunkel, als ich eben an meinem Baum vorbeiging. So dunkel, dass ich trotz hellem Mond nur die Farbe Schwarz auf der Kamera mitgebracht habe. Dabei leuchteten helle Wolkentürme zwischen Sternen und silbrige Mondspiegelungen auf dem Weg. Aber so ist das mit dem Dunklen und dem Hellen, es verschiebt und relativiert sich, ist nicht auf einer Skala festzuzurren und hebt sich gegenseitig auf.

Ich könnte nun erzählen von der Unheimlichkeit der Geräusche (und der Lautstärke dessen, was unten aus dem Tal hochdröhnte), von der Rastlosigkeit in meinem Kopf, der in solch intensiven Tagen weit mehr als einen solchen kurzen Weg bräuchte um annähernd in so etwas wie Ruhe zu finden, von meinem Bedürfnis, mich von den Häusern und ihrem abendlichen Leben fernzuhalten, von Wind und Wärme (ja: Wärme!) im Gesicht, von der Geborgenheit, welche die Hügel ausstrahlen, und vom Rhythmus meiner Schritte. Oder auch davon, was mein Atem mir erzählte, von welchen Punkten ich energisch davonschritt, fast schon floh, und was mir die Tränen in die Augen trieb.

Nun bin ich aber müde. Ich zeige deswegen einfach nur noch ein paar Bilder, rundgeblickt von jenem Baumort, als ich am Sonntag dort war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heimkehr

Die Berge hinter Nebelschwaden versteckt, als verweigerten sie den Abschied. Was der kleine Mensch nur immer interpretiert, denken sich die großen Berge. Und verstecken sich weiterhin.
Wolken schütteln sich aus, ein Frau-Holle-Schneeregen grüßt.
Die Sonne malt einen Regenbogen, wir fahren mitten hindurch. Frühlingswärme unter Schneegipfeln, Farbdurcheinander zum Schwindeligwerden.
Dazu Erinnerungen aus einem halben Reiseleben, Gewitter gab es viele, sie liegen längs der Strecke und winken.
Ein Drama, was der Himmel heute bietet.

Und dann sind wir daheim. Ein einziges Wetterwirbeln im Kopf. Und jetzt?

Cello #1 – Aufeinanderzu

Es wurde Zeit.

Ich weiß gar nicht mehr, wann es mich zum ersten Mal ergriff. Als G., wir waren noch Kinder, Schumanns „Fröhlichen Landmann“ spielte und ich die warmdunkle Melodie bis in meine Träume hörte? Als A. ihr Instrument mit auf die Konfirmandenfreizeit genommen hatte und ich heimlich vor ihrem Zimmer stand, um zu lauschen, wie sie übt? Als die W.s in ihrer Wohnung Hausmusik machten und ich immer nur das große braune Instrument anschauen konnte?

Ich glaube, es war Liebe auf den ersten Blick. Oder auf den ersten Klang, wie es richtig heißen müsste.
Lange war ich mir ihrer nicht bewusst. Ich hatte ja keine Möglichkeiten, sie zu einer realen werden zu lassen. Im Unterschied zum Klavier, mit dem mich von früh an eine ähnliche Affinität verband, konnte ich meine Celloliebe nicht ausprobieren. Während ich jedes Klavier, welches mir je am Wegesrand stand, bespielte, soweit ich dies vermochte, kam ein Cello einfach nicht des Wegs. Ein einziges Mal, es muss in den Neunzigern gewesen sein, fragte ich U., ob ich einmal auf seinem ausprobieren dürfte, wie es sich anfühlt. Sein entsetzter Blick lehrte mich, dass man Celli offenbar nicht aus der Hand gibt. Ich stellte eine solche Frage nie wieder.

Später dann hatte ich zwei Kinder, eines davon wählte sich das Klavier, das zweite das Cello. Dies machte mir ein schlechtes Gewissen, weil ich vermutete, ich hätte meine eigenen Träume in die Kinder projiziert. Auch wenn diese ausdauernd versichern, dass sie sich ihre Instrumente wirklich nach den Lehrern ausgesucht hätten, und wenn ihr Aufblühen in der Musik mich beruhigen könnte – ganz frei werde ich von dem Gedanken nicht. Aber nun: es kam, wie es kam.

Vor sechs Jahren hielt also das erste Cello Einzug in unserem Hause. Ich juchzte. Es war aber ein Achtelinstrument und hatte somit etwa die Dimension einer Bratsche. Als ich es zwischen (oder besser: auf) die Knie nahm, konnte ich es als Cello nicht wahrnehmen. Später das Viertelinstrument und das halbe Cello ließ ich aus, sie waren ja immer noch sehr klein.
Und dann zog im Dezember ein Dreiviertelcello ein. Endlich groß genug für mich, um es wie ein „echtes“ im Arm zu halten, zwischen den Knien, und vor allem um zu vermitteln wie sein Klang ertönt.

Es war … das war … als hätte ich es immer gewusst. Wie ich es erahnt hatte, so fühlt es sich wirklich an. Ich halte es im Arm … wie eine Geliebte, möchte ich sagen. Und sage es nun einfach. Es passt genau zu mir und in mich, es liegt dort, als hätte es schon immer dort gelegen. 
Und es vibriert genau so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Vom Instrument in die Brust und zurück. Der Klang dringt bis in die Fingerspitzen. Da sind Töne im ganzen Körper. Es ist ein wenig wie Singen, nur noch inniger, weil die Innen-Außen-Grenze aufgehoben ist.
Eine Passung. Ich brauchte keine Sekunde, dies zu begreifen.
Und dann benötigte ich noch ein paar weitere Tage sowie einen Ruck, den Freunde mir gaben, bis ich mein stimmiges Gefühl wagte in die Tat umzusetzen.
Es sollte so sein.

Bei einem Geigenbauer vor Ort ertelefonierte ich mir ein Leihcello, noch vor Weihnachten. Eigentlich hatte er gerade keines, aber meine Stimme sagte ihm wohl, wie drängend es ist. Wenige Tage später hatte er mir eines aufbereitet.
Ebenso „erquengelte“ ich mir meine ersten beiden Unterrichtsstunden. So schnell hatte ich ja keine eigene Lehrerin finden können, darum erbat ich bei der künftigen Tochterlehrerin zwei Stunden, die sie noch vor den Weihnachtsferien in ihren vollen Terminplan einschob.
So war die Ferienzeit gefüllt mit dem Instrument und meinen ersten Übungen darauf.
Irgendwann in diesen Tagen tat sich auch ein Wink und die Tür auf zu der Lehrerin, bei der ich nun eine Weile bleiben werde, ich wunderte mich schon gar nicht mehr, dass ich so schnell zu ihr und damit dem richtigen Menschen fand.

Und seitdem spiele ich, und spiele, und spiele. Kaum ein Tag vergeht ohne. Ein steter Dialog zwischen Aus-mir-lassen und In-mich-aufsaugen. So beginnt sich Musik unter meinen Händen, in meinen Armen, tief aus mir heraus zu formen.
Gerade spielt sich eine „Erinnerung“ von Chopin. Ich habe sie wohl hunderte Male schon erklingen lassen. Da liegen Töne vor mir, die sich noch erst entwickeln und gestalten lassen wollen, die mich und mein Spüren und Vibrieren aufnehmen und mit mir zusammen etwas Neues schaffen können. Das Geschenk täglichen Erbebens.
(Wie sich das – von außen, noch – anhört, all das Kratzen und Quietschen und Zuhoch und Zutief, und wie ich mit meinen Ansprüchen und meiner Unzufriedenheit umgehe, davon erzähle ich ein anderes Mal.)
Mit der Tochter habe ich die ersten Duette musiziert, beim allerersten habe ich geweint.
Und wenn es abends zu spät für die lauten Töne ist, gehe ich ans Klavier, das ist digital und darum lautlos. Selbst hierher strahlt das Cello aus: mir scheint, ich spiele seither auf dem Klavier viel intensiveres Legato.
Das alles war und ist unglaublich. Und es fängt ja gerade erst an.

Und nun bin ich hier, eine ganze Woche ohne mein Instrument. Das erste Mal trennen wir uns voneinander. Wenigstens habe ich die Schule, die Noten mitgenommen, lese darin, höre und spiele innerlich. Und auch auf dem Player läuft seit Wochen beinahe nur Cellomusik. Ich spüre sie schon ganz in mir. Als würde sie aus mir selbst kommen. Auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist, und selbst wenn ich zu einigen oder vielen Stücken noch lange oder gar nie mehr kommen werde …

Ich spiele Cello.
Es wurde Zeit.

Spuren im Schnee

Es schneit. Immer wenn ich hier anreise, schneit es, möchte ich meinen. Sehr oft jedenfalls liefen wir den allerersten Tag gemächlich durch ein Schneewirbeln. Wie eine sanfte Hilfestellung beim Ankommen in der äußeren Ruhe, wenn nichts anderes möglich ist als im frischen Schnee zu treiben, um nicht von der häuslichen sogleich in eine Feriengeschäftigkeit zu fallen.

Es schneit also. Wir spuren uns durch das frische Weiß. Lassen Flocken auf Händen, Gesicht und Zunge schmelzen. Weg sind sie. Oder? Denke ich gleich darauf.
Ich laufe mit geschlossenen Augen, höre jede Schneeflocke auf der Jacke landen und spüre den Wind, wie er sich Einlass in die Kapuze verschafft. Wenn es weich unter den Schritten wird, bin ich von der Straße nach rechts oder links abgewichen, es ist leicht zurückzufinden, auch beschuhte Füße haben Tastsinn. Die Geräusche des Ortes verlaufen diffus in der Ferne, das weiche Nebellicht zeichnet wandelnde Muster auf meine Augenlider. Wieviel doch hindurchdringt … vom Licht durch die geschlossenen Augen, vom schneidenden Wind durch den dichten Anorak, vom Dorfrauschen durch das Schneegrieselpochen.

Offensein. Durchlässigkeit.

Doch auch: Wieviel hindurchdringt vom Alltagswirbeln in das Hiersein, vom lange nicht abgetragenen mentalen Packsack in die vermeintliche Gelöstheit der Ferientage, von längst vergangen geglaubten Zeiten in mein Jetzt.
Jeder Schritt bohrt die Dinge tiefer in mich. Ich bin wund. Ein steinerner Klumpen dicht am Herz.
So wenig Abschirmung, so wenig Grenzen, so wenig Schutz.

Suche ich Abgrenzung? Nur die eine Form, die andere nicht? Oder die eine wie die andere?

Und was löst der Schnee in mir aus?
Ich erwarte ihn als bereinigt vom Vergangenen. Setze ich ihn meinen Erwartungen zu sehr aus?
Welche Spuren trägt er, die doch eigentlich in den Sommern geschmolzen sein müssten?

Schritte der Einsamkeit.
Angst vor Vereinnahmung.
Dialoge, in denen Nichtnahekommen sichtbar wurde.
Erstarrung und Mauernbau.
Maske und Immer-schön-lächeln.
Hochglanzfotos von alpenglühenden Bergen an Schneereinweiß.
Verkennen und verleben.
Unfähigkeit für das Einfachste.
Ratlosigkeit und Nichtahnen, wie es überhaupt gehen soll.
Tage der Illusion und der Desillusionierung.
Knallhartes Erkennen.
Versagen und Verantwortungsverweigerung.
Sterben und Gestorbenes.

Wie viele Wege ich hier ging.
Die Pfade wissen alles von mir. Ihr Schnee schleudert es mir erbarmungslos ins Gesicht.

Ist Schmelzen eine Illusion? Trägt Schnee die eingespurten Muster für immer in sich? Gibt es am Ende gar keine Schneeschmelze?
Wie will ich weiterleben?

erwachend

Klirrendkalter Boden tönt sich mit einem Hauch Sonnenwärme.
In der Kargheit der Hölzer scheut ein Grün.
Enge lichtet sich durch weiße Nebel hindurch.
Färbungen des Graus wandeln sich zu zartem Bunt.
Starre erweicht in blauer Bewegung.
Schmerzen gebären orangeschimmernde Knospen.

Zittrig noch singen die Farben der Lieder.
Doch der Zufall wirkt durchwoben von goldenen Fäden der Fügung.