Gespürt

Außen und innen

Seit Tagen hüllt ein Grau die neue Jahreszeit ein, ein Grau mit verwehenden Farbtupfen. Der noch gar nicht so ferne Leuchtherbst schimmert in einem jeden am Boden liegenden Blatt, in einem jeden sich kahl schüttelnden Zweiglein. Vergangen ist diese Lebensrunde, vergangen, so ruft das verwehte Grün von überallher. Und lässt gleichzeitig durchscheinen, dass darunter schon der nächste Kreis keimt. Im Vergehen ihres Nährbodens verströmen sich Ahnungen neuen Wachsens. Ich weiß ja, wo es knospen wird. Irgendwann. Bald.

Und plötzlich reißt sie auf, die alles einhüllende Nebeldecke, für einen Moment nur, dem ein kurzes staunendes Aaahhh! entfährt, denn tatsächlich ist da, vergessen schon hinter den grauen Schichten, ein offener Blick ins freudige Blau des schwarzen Universums. Jene leuchtende Farbe, welche der gleichen Quelle entspringt wie jede Wolkendecke, jeder Nebel, jedes Wetter.

Vielleicht ist das alles ja jahreszeitenlos, vielleicht schaffen wir uns diese Konzepte nur für eine innere Ordnung, ohne die wir uns nicht in der Lage sehen, uns durch unser Auf und Ab zu hangeln?

 

Vielleicht ist ein jedes Blau ja von Wolken gesäumt, und ein jedes Lebendige von Erstorbenem?

 

Wie frische Lebensadern Verblühtes durchdringen, und wie sich verdorrende Fasern auf pulsierendes Gewebe stützen, um ein gemeinsames verwobenes Netz zu bilden …

 

… wie sich Gereiftes, Tragendes, Eigentliches hinter schützenden Hüllen verbirgt, welche die Geste des Gebärens doch immer schon bereithalten …

 

… wie die überreifen Früchte immer schon neue Saat in sich tragen, wenn nur ein nährender Lichtstrahl sein Ja dazugibt …

 

… wie, wenn ich mich nur in weit geöffneter Gebärde empfangend bereithalte, einem jeden Verblühen eine neue Lebenswelt entspringt …

 

… wie ich all dies sehe, erkenne, erahne, immer wieder. Weil ein Licht hindurchleuchtet, durch alles.

 

Vielleicht, und hier schließt sich der Kreis, vielleicht sind ja jegliche Wolken wirklich immer von Blau gesäumt, und jegliches Erstorbene von Lebendigem.

 

Ganz ursprünglich, als fast noch Sommer war, da nahm ich diese Bilder auf, inspiriert von Ullis Maisfreuden. Zu ihren Maisschöpfen und -fasern wollte ich Maisgesichter suchen. Doch ich merkte schon am Feldrand, dass ich für Porträtfotos wohl zu ungeduldig bin, dass ich einzelne Gesichter kaum zu erkennen vermag. Stattdessen nahm ich einen Zyklus wahr, zunächst einen Ausschnitt davon, einen Teil des großen All-Kreises, später immer mehr und mehr. Ich sah, wie jeder Teil das Ganze in sich trägt. Und dass es bei all dem immer auch um mein inneres Kreisen geht, mein stetes Gebären, Sein und Ersterben.
Welche Erschütterungen brachten die letzten Wochen mit sich, und welche zögernden Schritte setzten diese in Gang. Nun gehe ich wieder. Und finde – auch mit diesem Text – in einen Frieden hinein, zunächst. Bis zur nächsten Wehe.

 

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Cello #4 – Vom Klang

Das habe ich heute gebraucht, genau das.
Und ich werde es weiterhin brauchen, werde es weiterhin suchen. Auch wenn morgen vielleicht alles wieder ganz anders ist, wenn es wieder in weite Ferne gerückt sein sollte.
Heute habe ich es erfahren. Heute, als ich nach Tagen der grauen Traurigkeit und verzagten Mutlosigkeit mich dann doch ans Cello setzte. Nicht vorfreudig, nicht erwartend, mit entwöhnten Fingern, einfach nur zu meiner nach der Reise wieder aufzunehmenden Übezeit.

Ich setze den Bogen an – und plötzlich ist es da. Ein bis in die Brust vibrierender Klang. Laut, aber nicht einfach laut. Ein klares, ungewohntes Tönen leuchtet schon im Stimmton. Dann in der ersten Tonleiter. In der ersten Etüde, im ersten Übungsstück, in allem.
Das sind ganz andere Töne als die, die ich zurückgelassen hatte. Fester zwischen meinen Händen eingespannt, aufgehängt in den rechten, bogenführenden Fingern, vibrierend im linken, greifenden Finger bis hinein in die Hand, ja in den Unterarm. Gestaltet von beiden Händen, und fest mit mir verbunden.
Ein heller Paukenschlag erklingt, von meinen ausgeruhten Händen und Armen ausgehend. Als hätten diese eine Woche lang Anlauf genommen.

Was an Bewegungsabläufen für einen solchen Klang nötig ist, dies bekomme ich nun seit fast einem Jahr Cellounterricht Woche für Woche gesagt und gezeigt, dies ertaste ich seither Tag für Tag.
Der rechte Arm muss sein Gewicht auf dem Bogen ablegen. Ohne jedoch Muskelkraft einzusetzen, die Schwerkraft reicht. Der rechte Zeigefinger muss das Gewicht auf den Bogen übertragen, mal mehr, mal weniger, je nach Lage, Tempo, Dynamik, Rhythmik und Klang. All die rechten Finger müssen in einem steten Balanceakt zwischen Anspannung und Entspannung in einem jeden Moment den Kontakt zur Saite herstellen, auch wenn diese fast einen halben Meter entfernt ist (und deswegen die physikalischen Gesetze der Hebelwirkung im Weg sind). Das rechte Handgelenk  muss wie auch Ellbogen und Schulter locker sein, jedoch ohne die Spannung in den Fingern aus den Augen zu lassen.
Die gesamte linke Hand muss solidarisch zusammenarbeiten, muss all ihr Vermögen zusammennehmen, um auch noch den kleinsten, den schwächsten, den unflinkesten Finger zu stützen, wenn dieser – stellvertretend – die schwere Saite mit festem Druck auf das Griffbrett legt. Der eine Finger muss stets von den Nachbarfingern begleitet werden, welche in einer schier nicht zu vereinbarenden Vorstellung durch ihre Beweglichkeit die Statik des tongreifenden Fingers erst hervorbringen.
Der gesamte linke Arm muss aus der Schulter heraus alles geben, damit ein winziger Finger auf dem Griffbrett einen Ton vorbereitet. Der gesamte rechte Arm muss in all seinen Gelenken – und derer sind viele – zusammenspielen, damit Kraft, Bewegung und Fluss stimmig werden und Klang hervorbringen können. Der gesamte Körper umarmt das Instrument und singt im Ganzen, so dass Arme und Hände ihrem Werk nachkommen können.

Müssen müssen müssen müssen. So viele Müssen’s habe ich im Laufe der Monate erfahren, gezeigt und erklärt bekommen, selbst erfühlt und ertastet. Und nie hatte ich die geringste Vorstellung davon, wie es gelingen kann, dass das alles zusammenspielt.

Und heute war jedes Müssen aufgehoben. Heute war es einfach so da. Für kurz nur, aber es war. Meine Finger und mein Körper fühlen sich noch ganz benommen von dieser Erfahrung.

„Anderthalb Jahre braucht man, bis man auf dem Cello einen Ton hervorbringen kann“, sagte mal jemand, als ich noch nicht im Traum daran dachte, dass ich dieses Instrument eines Tages spielen werde. Damals verstand ich nicht. Heute beginne ich zu erahnen. Ob anderthalb Jahre oder drei, ob ein halbes oder zehn Jahre – es ist ein langer, mühsamer Weg, den eigenen Ton auf diesem Instrument zum Klingen zu bringen.
Bisher vernahm ich oft nur Unsauberkeit, Quietschen, Scheppern, die gesamte Palette des Unschönen. Oder es geschah alles in großer Flachheit, ohne dass irgendeine Schwingung in die Tiefe drang. Oder ich knirschte mit der Unvollkommenheit um die Wette.
Heute nun eine lichte Ahnung.

Und sogleich zog es sich wieder zurück. Denn natürlich wurde der Ton im Laufe der Übezeit wieder flacher, uneigentlicher, unschöner, entfernter, bis er ganz verschwand. Und wie er morgen sein wird, ist ungewiss.
Aber ich habe ihn wahrgenommen. Heute.

(Natürlich lese ich dies alles, wie immer, symbolisch, als eine Lebensmetapher. Es ist nicht nur Musik. Es ist – wie jede Musik – Lebenlernen.)

Die bisherigen Cello-Texte:
#3 – Spiegelbilder
#2 – Lagenwechsel
#1 – Aufeinanderzu

 

Lebensschimmern

Nun … sind diese Bilder schon wieder alt, und doch auch wieder nicht,
ist die Reise eine vergangene, und doch noch nicht ganz,
mischt sich ein fortgesetztes Bunt aus Lebensfroh, Verwurzelung, Gereiftsein und Lichtspiegelungen, während tief unter der Decke neue Keime wachsen, damals, als die Bilder vermeintlich entstanden, und heute. Ja, heute besonders.

schimmern (1)

Der Weg verlief und verläuft ja nicht immer so geradeaus wie hier, blieb und bleibt nicht ohne Hindernisse, wurde und wird nicht auf jedem Meter behütet von schützenden Baumdächern. Und doch setzt sich am Ende, in der Rückschau, die Leichtigkeit. Ja, vor allem diese.

Geborgen und geschützt von einer schwebenden Dachkrone, tief bis zur Erde reichend,
wächst, was zu wachsen sich einst anschickte, der Schwerkraft sich widersetzend.
Und im Farbentanz ist Leben, so viel Leben.

Wohin sich das Rot noch ranken wird? Wohin hinauf? Wohin hinunter? Und welche Rolle spielen schon Richtungen und Orte?

Was im gelbgoldenen Schimmer noch erstrahlen wird? Und was nicht? Wie durchscheinend er sein mag? Und wie verbergend? Und ob er wohl als Lebenshintergrund trägt?

Lang ist es vorbei, dass man mir sagte „Auf die nächsten … Jahre“. Gleichgültig, wie viele es noch sein werden: Wenn nur Raum ist für die Farben des Lebens, für alle Farben.

schimmern (18)

Und wenn sich nur über allem der Himmel nie ganz verdunkelt, dann will ich’s schon zufrieden sein.

schimmern (19)

Danke für alles, was war.
Danke für alles, was ist.
Danke für alles, was wird.

(Diese Bilder – hier lebensreisegelesen – stammen von einer wirklichen, konkreten Reise, einen Monat mag sie her sein. Andere Bilder jener Reise-Tage sind diese und diese.)

 

Stille

Stille ist, wenn etwas sein darf, wie es ist. Wenn es sein eigenes Lied singt, seine eigene Harmonie, seine eigene Klangfarbe. Stille misst sich nicht in Dezibel, nicht in von außen vernehmbaren Tönen, nicht in der Anzahl gesprochener Worte gar. Nein, Stille ist der aus einer Mitte ertönende Frieden, ein innewohnendes Gleichgewicht, eine sich verströmende Ruhe.

Vermutlich kann jemand anderes kaum nachempfinden, ob ich in einer Situation, einem Menschen, einer Begegnung Stille empfinde. Oder ob ich eben Lärm höre.

Lärm ist, wenn der natürliche Gesang der Dinge übertönt wird. Dies kann ganz lautlos geschehen, allein durch Blicke, Kopfschütteln und Gesten. Oder durch beurteilendes, verwerfendes, kleinmachendes Geschrei, welches – möglicherweise – auch wieder nur für meine Ohren laut erscheint. Im Lärm ist Zerbrechen, ist Sich-Verlieren, ist Aus-der-Welt-Fallen.

Und ich selbst?
Ich sehne mich nach Stille. Nach einem Sein, in welchem ich nicht von mir weggezogen werde. In welchem ich die sein darf, die ich bin. In welcher ich nicht verworfen, sondern wahrgenommen werde. Gesprächsvoll kann meine Sehnsuchtsstille sein, oder in Musik gekleidet, ja sie kann sich sogar in einer lauten Fabrikhalle finden. Wenn ich nur mein Ich und ganz in meiner Mitte sein darf.
(Natürlich: Der lauten Fabrikhalle ziehe ich den leisen Radweg vor, der belebten Asphaltpiste den einsamen Waldpfad. Und doch ist das zentrale Moment: Darf ich bei mir bleiben?)

(PS. Mir schwebten diese Gedanken schon lange in den Sinnen herum. Angeregt sie in Worte zu fassen wurde ich durch Kai und seine Lektüre über die Stille. Und durch mein Suchen dieser Tage natürlich.)

Baumwandelweg #9

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Schritt. Noch ein Schritt. Und noch einer.
Auf wen zu? Auf was zu?
(Dabei weiß ich doch: Zu Dir, zu meinem Baum. Jetzt. Für einmal mich lösen aus der Schwere.)

Es geht sich zäh. Alles voller Bodenleim. Bleiernes Waten.
Ein Willkommen lässt sich in diesen Tagen kaum spüren. Erstarrung des Umgebenden. Oder bin das ich, deren Lebendigkeit sich verschlossen hat?
Funktioniere. Als Imperativ. Gib nur nicht zu viele Gedanken hinein.

 

Ein großer Baum, ein kleiner Baum. Kahl schon. Vor einem leicht abendrötlichen Himmel.

 

Freitag Abend. Das, was Ferien heißt, hat begonnen. Im Kalender steht: Zum Baum gehen. So weit ist es schon.
Am nächsten Tag fährt der Zug in den Norden. Unter dem blauen Himmel dort flackern Erinnerungen an andere Zeiten.

Und wieder Schritt.
Um Schritt.
Um Schritt. Um Schritt.
Es hallt in den Gassen, was im Innern an Resonanz fehlt.

Ich schaue hinauf dabei, ganz hinauf in unendliche Weiten.
Immer findet sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel öffnet, zeigt, weitet, entfaltet, empfangend schenkt.

 

Rötlicher Abendhimmel über Schemen eines Dorfes.

 

 

Rote Abendlichtsilhouette eines kahlen Baumes.

 

Nun, es bleibt zu betrachten. Das alles.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

 

im September

Es floss und fließt nicht so sehr mit dem Schreiben in diesem Monat, meine Worte sind schwer und zäh und unbeholfen. Das Leben strömt(e) dafür umso intensiver. Was für ein Umbruch in meinem, in unserem Alltag!
Jetzt, da ich hier schreibend sitze, wird mir dies so richtig bewusst. Erstaunlich, dass unsere (All)Tage dennoch so normal, so unspektakulär ablaufen.
*
Der Sohn wird am ersten Monatstag 16, und eine Woche später fliegt er nach Italien. Wenn er in einem Jahr zurückkehren und – hoffentlich – nochmals für knapp zwei Jährchen unter unserem Dach einziehen wird, ist er (fast)erwachsen.
Seinen Abschied von der Kindheit gestaltet er radikal: fast alle seine Sachen sortiert er für immer aus, das Zimmer tritt er an die Schwester ab, und seine Umarmungen am Flughafen sind erwachsener denn je.
Mich schütteln vor allem die Tage vor dem Abflug durch und durch, mir wird dieser große Schritt sehr bewusst.
Seit er aber weg ist, besänftigt sich alles in mir. Wir finden einen Modus von äußerlich karger, aber dafür sehr selbstverständlicher Begegnung über die verschiedenen digitalen Kommunikationskanäle. Alles was ich von ihm höre, klingt beruhigend und herzerwärmend. Er wächst, er reift, er wird groß, ja er ist es schon.
Sehnsucht, Vermissen und hin und wieder ein Tränchen im Augenwinkel fühlen sich gesund und befriedet an – was für ein Schritt für uns alle!
*
Die Schwester vermisst ihn ebenso, sie zuckt manchmal mitten am Tag zusammen und erinnert daran, was er jetzt gerade gesagt, getan, gespielt oder genervt hätte. In ihrem neuen Zimmer schläft sie nun täglich dort ein, wo er es vorher tat – nur sieht alles viel mädchenhafter und – ja! – auch ein wenig wohnlicher aus:)
In der Schule ist sie stolze Siebtklässlerin, was leider auch vier Unterrichtsnachmittage mit sich bringt. Alle Musiktermine müssen daraufhin verschoben werden, sie aber trägt ihre immer vollere Woche mit Fassung und geht einen weiteren Schritt in die Selbstständigkeit: Von nun an fährt sie allein mit ihrem großen Cellokasten auf dem Rücken in die Stadt.
*
Geschwisterlos wollte die Tochter in diesem Jahr nicht bleiben, und so haben wir gemeinsam beschlossen, eine Gastschwester bei uns aufzunehmen. Kaum 24 Stunden vergehen zwischen Sohnes Abflug und Gasttochters Ankunft, wir richten blitzschnell einen Raum in unserem Haus und vor allem in unseren Herzen für sie – und allmählich gewöhne ich mich daran, von „den Mädchen“, ja, von „den Töchtern“ zu sprechen.
Wir finden gut zusammen, es fühlt sich vom ersten Tag an warm und stimmig an, und das mit der Sprache – das wird schon noch werden.
*
Trotz noch sehr schüchternem Deutsch ist es im Haus gesprächiger und vor allem kichernder geworden, wir kommunizieren in einer Mischung aus deutsch, englisch und Händen&Füßen. Auf diversen Couchtischen liegen Deutsch-, Italienisch- und Slowenisch-Wörter- und Lehrbücher herum. Im nächsten Sommer möchte ich mich schließlich mit den Gasttochtereltern und den Sohnesgasteltern wenigstens radebrechend in ihrer Sprache austauschen können.
Auch über die Sprachen hinaus wird das Leben im Haus sehr bunt. Wenn wir nicht gerade Ämter- und Organisationsdinge klären – wie dick der abzuarbeitende Ordner ist! – oder der neuen Tochter bei ihren ersten Schritten in Schule und Gleichaltrigenkreisen helfen, versuchen wir die letzten Spätsommeratemzüge auszunutzen. Per Rad und zu Fuß in die Umgebung, mit der S-Bahn in die nahen Städte und für das lange Wochenende zum Monatsende bis nach Thüringen – es ist ein Unterwegsmonat.
*
Fast nebenbei beginnt das neue Schuljahr. So sehr wie ich zu Haus beschäftigt bin, greife ich diesmal dankbar auf meine Vorbereitungsvorräte zurück. Es ist ohnehin schon viel, wie immer. Konferenzen über Konferenzen, Hineinfinden, Wiedererschaffen der Routinen, Absprachen, Planungsaktivitäten, Warmlaufen auf allen Ebenen.
Trotz Trubel schaffe ich es, ohne Kopfschmerzen durch die ersten Wochen zu kommen. Dies kommt einem Wunder gleich und ist für mich ein Novum.
Insgesamt aber, bei allen kraftzehrenden Aktivitäten, ist und bleibt der Schuljahresanfang eine positiv aufregende Zeit. All meine Klassen wiederzusehen, mit den Kollegen wiederzusammenzufinden, das lachendfrohe Leben im Schulhaus wieder um mich zu haben – hach. Es ist schon ein Glück, eine solche Arbeit zu haben.
*
Und während sich das Wirbeln des Neuanfangs auf allen Ebenen zu setzen beginnt, während der Kopf zwischen dem Rauschen wieder Momente des Innehaltens findet, während sich meine Schritte endlich wieder auf die Felder rings um unser Dorf und zu meinem Baum setzen, erwacht auch die Musik in mir zu neuem Leben.
Lange habe ich nicht mehr Cello gespielt, das merke ich meinen Händen und Armen an. Dennoch läuft es irgendwann, fließt und gleitet es über die Saiten. Zum Monatsende habe ich meine erste Unterrichtsstunde seit Ewigkeiten und – tata! – darf mit einer Sonate beginnen, die schon der Sohn am Klavier begleitet und welche die Tochter aufgeführt hat. Ohrwurmmusik, sozusagen.
Hier wird sie – was für ein Zufall – von einer Nichte meiner Cellolehrerin gespielt:

Für den nächsten Monat wünsche ich mir wieder mehr Musik. Ob auf dem Cello oder nur im Innern – dies ist schon fast egal.

Und dann …

… ist es wie jedes Mal: Wenn ich mich schreibend sortiere, als Eruption in Postform, als Bewusstwerdung beim Antworten auf eure Kommentare, dann beginnt das Dickicht sich zu lichten. Dann weiß ich wieder, an welchen Fäden ich ziehen kann, und an welchen auch nicht. Dann sehe ich mein konkretes Knäuel und den darunter liegenden Seelenmorast deutlicher. Dann beginnt das Gefühl der Bedrängnis sich in Traurigkeit zu verwandeln. Was ein guter Schritt ist, weil er wieder Tränen und Worte zulässt. Fließen ist immer gut …

Und dann mache ich mich auf den Weg. Es ist ja auch zu wunderbar draußen.

 

 

 

Zu sehen,

dass Karg und Zart zuweilen an einem Ast wachsen,

 

 

 

dass Farbe, bevor sie zu Fülle werden kann. ganz unscheinbar beginnt,

 

 

 

und dass sich manchmal auch ohne festen Boden unter den Füßen Halt finden lässt.

 

 

 

Zu erkennen,

dass, was wir als festes Bild im Kopf haben, etwa die Töne eines beginnenden Herbstes, zuweilen in ganz anderen Nuancen gefärbt ist als erwartet,

 

 

 

welches dann doch nahtlos in das Vertraute eingebettet liegt,

 

 

 

und dass ich nur aus nächster Nähe, nur bei genauestem Hinschauen Muster zu erkennen vermag.

 

 

 

Was für Geschenke am Wegesrand.

Ich bleibe und suche weiter. Nach meinem Gleichgewicht. Und nach den Himmelsfäden, in die ich mich getrost fallen lassen kann.

 

 

 

Baumwandelweg #8

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Ein großer und ein kleiner Baum im rötlich-herbstlichen Abendlicht. ImHintergrund spielen Wolken am Himmel.

 

Welch ein Licht!

 

Eine hügelige Feldlandschaft im rötlichen Abendlicht.

 

 

Ein rötlich beleuchtetes Feld vor einem wolkig lichtdurchspielten Himmel. Im Vordergrund der langgezogene Schatten der Fotografierenden.

 

Mehr möchte ich gar nicht sagen zu diesen Bildern, zu meinen Wegen am frühen Samstagabend, und zu diesen Tagen überhaupt.

 

 

Doch, eines noch: Wie wichtig es immer wieder ist, den Blick auf das Kleine, Unspektakuläre zu richten.

 

Äpfel am Boden, eine bunte Mischung aus unreifen, reifen und verfaulten Früchten.

 

 

Goldscheinende Gräser im Gegenlicht.

 

Und auf das Große.

 

Gegenlichtaufnahme. Unter den Wolken lugt eine Sonne hervor. Unten breitet sich ein Feld aus.

 

 

Ein Himmelsblick, gesäumt von Wolken und Baumkronen.

 

Danke.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

 

Emotionen-To-do-Gedränge

Ausgelaugt – an jedem einzelnen Abend der Woche, der vorigen Woche, all der Tage, seitdem die Schule wieder begonnen hat.

Jetzt – den Schrank reparieren. Bevor er umkracht und eines der Kinder unter sich begräbt.

Beglückt – als ich mir mitten am vollen Schultag einen zehnminütigen Gang durch das Grün des Schulhofs schenke und einfach durchatme.

Jetzt – in die Bücherei hetzen, Gebühren drohen. Und sowieso braucht die Gasttochter so schnell wie möglich Material zum Deutschlernen.

Hilflos – als sie nun alle wieder vor uns stehen, die Kinder mit ihren schwerbeladenen Rucksäcken, von denen ich nicht weiß, ob ich sie zu tragen im Stande wäre.

Jetzt – die Steuererklärung. Ich schaffe es mal wieder nicht pünktlich und sehe die Mahnung schon ins Haus flattern.

Aufgedreht – da nach den Ferien alle und alles wieder gleichzeitig auf mich einstürmt.

Jetzt – endlich einen Riesenkarton für das Sohnpaket nach Milano besorgen. Er wartet sehnsüchtig auf seine Noten.

Ergriffen – in welch vertrauter Zweisamkeit die beiden Töchter vom ersten Tag an zusammen kichern und glucksen.

Jetzt – schnell neue Sitzpläne zusammenstellen. So wie in der ersten Stunde kann ich die nicht sitzen lassen.

Traurig, immer wieder – er ist jetzt eben weg. Er fehlt. Und seine Musik. Heute dacht’ich kurz, er käme mir auf der Dorfstraße entgegen. Aber nein, er ist ja weg.

Jetzt – mit der Tochter neue Sportschuhe kaufen. Die gehen über die Sommerferien ja immer ein.

Glücklich – endlich wieder täglich meine Klassen zu sehen. Zu spüren, wie sehr sie in den Ferien gewachsen sind. Und vor meinen Augen weiterwachsen, immer weiter.

Jetzt – schnell die Verbundtickets bestellen. Damit der Termin für Oktober nicht wieder verstrichen ist. Und drölfzig Einzelfahrscheine für vorher. (Mist, hätt’ich mich nur eher gekümmert.)

Zuversichtlich – dass die Loslassenstraurigkeit mich keinesweg zernagen wird, sondern – ganz im Gegenteil – der Sohn mir aus der Ferne sogar noch viel näher ist.

Jetzt – mit der Gasttochter zum Einwohnermeldeamt. Und dies Papier ausfüllen. Und jenes. Da hinten auch noch eines. Hier noch eine Onlinemeldung. Ihr Leitzordner ist dick.

Unruhig – weil die Menge an eiligen To-do-Dingen über den Rand meines Gelassenheitsgefäßes schwappt. Das geht so nicht weiter. Jedenfalls nicht ewig. Ahne ich.

Jetzt – mich in die Musikunterrichtstermingefechte werfen. Neuer Stundenplan, zack, keiner der vier Termine passt mehr.

Fasziniert – wie die strahlenden Augen der Gasttochter vom ersten Tag an das Haus erfüllen.

Jetzt – dem Sohn die Schulbücher ausleihen und einpacken. Wo er sie doch plötzlich und dringend zu haben wünscht.

Unter Druck – weil alles am besten gestern fertig gewesen sein sollte. Ich bin mit allem zu spät.

Jetzt – den Fahrradkorb wieder aufs Tochterrad montieren. Bevor der Ranzen sie noch runterzieht.

Beruhigt – wie gut es dem Sohn in der Ferne geht, wie warmherzig er empfangen wurde, wie selbstständig er alle seine Schritte dort setzt.

Jetzt – mit den Kollegen die Themenreihenfolge abstimmen. Schnell, bevor wir uns erstmal in verschiedene Inhalte hineinunterrichtet haben.

Lethargisch – wenn diese unendlich nervigen Organisationsdinge mich überfluten und gar nicht weniger werden.

Jetzt – die erste Elternmail des Jahres schreiben. Dringend. Bevor es wieder so weitergeht wie letztes Jahr.

Einsam – weil sein Klavierspiel im Haus fehlt. Da ist viel zu viel von der äußeren Stille.

Jetzt – Klassenlisten und Verwaltungsdateien noch und noch erstellen. Schnell, bevor ich hinterher ewig viel nachtragen muss.

Gebannt – während ich mich selbst und unser verändertes Familiengefüge beobachte, in so manchen Spiegel blicke und ein Zurechtrütteln wahrnehme, in dem auch wir von alteingesessenen Positionen abrücken.

Jetzt – die Elterninformation für die Lernstandserhebung und die Testmappen ausdrucken.

Selig – da mir die innere Ruhe selbst in diesen Tagen nicht völlig abhanden kommt, mein (sonst üblicher) Schulanfangskopfschmerz ausbleibt und sogar der Chef mich darauf anspricht:)

Jetzt – die Sache mit dem Deutschkurs organisieren. Bevor wir uns hier alle noch ans Englisch im Haus gewöhnen.

Sorgenvoll – wie ich, und sie, und er, und wir alle die Kraft für all das finden sollen, immer wieder.

Jetzt – mich ins elektronische Klassenbuchsystem einarbeiten. Dringend. Umgehend.

Niedergeschlagen – da mir die Verbindung in mein Innen kaum mehr spürbar ist, in diesen Tagen, diesen Zeiten.

Jetzt – durch die Klassen gehen und die Wettbewerbsaufgaben verteilen. Einem Dutzend Schülern ihre Fragen beantworten. Also doch einen Extratermin festlegen.

Wehmütig – so viele Fäden im Moment lose flattern lassen zu müssen, und sie manchmal nicht einmal mehr zu spüren …

Mir ist schwindlig.
Ein Blick in meine derzeitigen Tage. Garantiert unvollständig. Und eingebettet ins ganz normale Unterrichten, in Vorbereitung und Konferenzen, in die üblichen Schuljahresstartaktivitäten, in Alltagshaushalt und Unterwegssein mit der neuen Tochter, in all die Schritte eines Anfangs auf allen Seiten. Eine andauernde Zerrissenheit zwischen allem. To-do-Overflow und Gefühlsgedränge. Für nichts ist genug Raum.

Wie lange das wohl durchzuhalten ist?
(Erstmals seit Jahren wache ich nachts auf. Da sind keine sorgevollen Gedanken, keine schlimmen Träume. Aber eben: ich wache auf. Weil der Kopf selbst im Schlaf noch am Organisieren und Durchdenken ist.)

Wo also ist der Hebel, der umzulegen ist???

mitgegeben

Einen Stein aus unserem Garten: Damit du ein Stück von deinem Zuhause ganz nah bei dir tragen kannst.

Einen Stein von einer unserer italienischen Berg-See-Reisen: Damit du dich von Fernweh, Abenteuerlust und Entdeckerfreude durch dieses Jahr leiten lässt.

Den Glücksstein, den mir deine Schwester in der ersten Klasse bemalt hat. Seit damals liegt er auf meinem Nachttisch und bedeutet mir sehr viel. Möge er in diesem Jahr bei dir sein, vielleicht auch auf deinem Nachttisch, damit du uns, deine Familie immer ein wenig bei dir hast.

Einen Hühnergott von der Ostsee, den wir damals gefunden haben, als wir in K. waren – weißt du noch? Man sagt diesen gelöcherten Steinen nach, sie brächten Glück. Und das kannst du in diesem Jahr sicher gut gebrauchen.

Einen Würfel, einen ganz besonderen Würfel, einen runden nämlich: Für all die immer auch ein wenig vom Zufall geformten Dinge, die in diesem Jahr passieren werden. Möge, was auch immer Dir geschieht, stets auf irgendeine Weise stimmig sein und rund laufen.

Einen Magnetstein: Für alles, was dir wichtig ist und an dem du hängst, damit nichts davon verloren geht.

Und schließlich eine Klangkugel: Für all die Musik, die du brauchst, spielst, hörst, empfindest und suchst.

(Mein Herz, das gebe ich dir auch mit auf die Reise. Aber in welcher äußeren Gestalt verpackt, darüber plaudere ich hier in der Öffentlichkeit nicht:))

   

Ich staune, mit welcher Klarheit du genau diesen Weg schon sehr lange gewählt hast. Immer schon wolltest du für ein Jahr weggehen. Und es sollte nie ein englischsprachiges Land sein, die USA schon gar nicht. „Weil das ja alle machen. Und weil ich Englisch schon kann“, sagtest du vor etwa drei Jahren mit Entschlossenheit. Und bliebst dabei.

Ich bewundere, dass du den Mut zu dieser Lebensreise in dir trägst. Ein ganzes Jahr wegsein. Naja, „es sind ja nur zehn Monate“, hast du in den letzten Tagen tröstend zu mir gesagt. Und ein wenig auch zu dir selbst? Ich weiß es nicht, ich durchschaue es nicht. Du selbst wohl auch nicht. Jedenfalls: Ich selbst war noch nie zehn Monate lang in der Fremde, ohne Unterbrechung, ohne Begegnung mit der Heimat. Du wagst es, wie unglaublich.

Ich finde es großartig, dass du diesen gewaltigen Schritt in die Selbstständigkeit nun wirklich gehst und dir eine völlig neue, eigene Welt eröffnest. Ich fiebere mit, erahne dein Lebensgefühl dieser Tage, spüre deinen Drang dich endlich auf den Weg zu machen, bin mitneugierig – auch wenn ich das meiste, was dir dieser Tage begegnen wird, wohl nie erfahren werde – und bin mitfreudig ohne Ende.

Ich weiß, dass mit deiner Reise wirklich eine Lebensphase zu Ende geht, für uns beide.
Für dich die Kindheit. Wie entschlossen du in den letzten Tagen dein Zimmer ausgeräumt hast. 27 kg Dinge nimmst du mit, zwei Kisten stehen unterm Dach, auf deine Rückkehr wartend, vom Rest sagtest du, du bräuchtest es nicht mehr. Bei manchem habe ich heftig geschluckt. Diese Fähigkeit loszulassen, die hast du definitiv nicht von mir.
Und für mich geht ebenfalls ein Abschnitt zu Ende. 16 Jahre lang warst du immer da. Ich wusste zu jeder Stunde, später an jedem Tag wenigstens, wo du bist, womit du dich beschäftigst, was dir geschieht, was dich bewegt, was dich lachen und was bedrückt sein lässt. Von jetzt ab werde ich nur noch einen Extrakt von all dem erfahren. Wenn überhaupt.
Ich bin so schlecht im Loslassen. Wieviele Tränen ich dieser Tage weine. Aber ich spüre auch, wie ich daran wachsen kann …

   

Gestern nun war euer großer Tag. Nach Einchecken, Gepäckabgabe, erklärend-beruhigenden Worten eurer Betreuer und einer letzten Verabschiedungs-Umarmungs-Runde zogt ihr allein los und reihtet euch in die mäandernde Warteschlange vor der Sicherheitskontrolle ein. Ihr ganz allein, ihr sieben jungen Menschen, die ihr euch Italien als Wahlheimat für ein Jahr gesucht habt. Etliche verweinte Elternaugen schauten euch nach.

Ja, wir standen dort, hinter der Grenze, über die wir nicht mehr mitdurften, und konnten nur noch unsere Blicke mitgeben. Und unsere Herzen.
Welch ein Symbol für euer Großwerden …

im August

Ein weiter Bogen spannt sich über meinen Monat – von einer Reise in die Ruhe zu einer Reise in die Bewegung, von begegnungsvollen Tagen zu ganz allein verbrachten. Wie immer gibt es in diesem Monat keine Rubrik „Schule“, und wie immer backen wir am letzten Tag des Augusts einen Kuchen.
*
Die ersten Tage sind wir noch immer im vertrauten Italien, am Lago di Levico. Eine Reise über mehrere Tage am gleichen Ort, ohne „Programm“ – auch weil wir oft dort sind und nichts mehr anschauen „müssen“ -, mit der täglichen und stündlichen Entscheidung, ob lieber See oder lieber Bergwandern, ob lieber Buch oder lieber Kartenspielen, ob im See baden oder drumherum spazieren, oder ob einfach nur Dösen und Sinnen im Angesicht des wunderbaren Wassers: solch eine Ruhe finde ich sonst selten. Das Schuljahr in seiner Intensität darf ausschwingen. Und doch ertappe ich mich auch hier: Ich will immer zu viel. Zu viel lesen, zu viel schreiben, zu viel mit den Kindern sein … es gibt noch viel zu üben.
*
Die zweite Reise führt auf’s Rad bzw. mittels diesem nach Berlin. So erreicht nun auch die Tochter dieses Ziel erstmals radelnd, ebenfalls mit 11 wie damals der Bruder.
Wir verbringen eine intensive gemeinsame Zeit, und ich habe viel Gelegenheit, über die Tochter zu staunen. Wie groß sie schon ist, wie stark, wie ausdauernd, wie unspektakulär sie die Dinge durchzieht. Und auch: wie sehr sie – natürlich – noch Kind ist. Unbeobachtet von der coolheitfordernden Peergroup springt sie auf jeden Spielplatz am Wegesrand. Als ich ihr sage, dass alle ihre Freundinnen genau dies in den Ferien auch tun, grinst sie verstehend.
Insgesamt aber tut sich das radelnde Fließen diesmal etwas schwer, zu uns zu finden. Gleich in der ersten Zeltnacht bricht der große Regen aus und bleibt drei Tage, wir strampeln in Ganzkörperregenmontur Kilometer um Kilometer und übernachten so lange unter festen und warmen Dächern. Das Tochterrad hat wohl mit fünf Jahren eine magische Altersgrenze überschritten und schwächelt; mehrere Radläden am Wegesrand sowie das Flickzeug helfen ihm auf die Sprünge. Die Wegfindungsapp schickt uns einige Male querfeldein, dies war zwar auf jeder Reise so, aber selten so heftig wie diesmal. Es ist schwer, dies alles nicht als Zeichen zu lesen …
Letztlich gelingt es, ein gesunder Fahrtrhythmus findet sich, wir gelangen zu wunderbaren Orten im Außen wie im Innen und letztlich nach Berlin.
*
Zwischen den beiden Reisen herrscht Großfamilienwirbeln in unserem Haus, insgesamt wird es durch 8 Erwachsene und 11 Kinder belebt, wie ein kleines Ferienlager:)
Wärmste Begegnungen haben wir auch auf der Radreise – danke! – und in Berlin. Es ist eine reiche, intensive Zeit.
*
Umso wichtiger ist mir der Ausblick auf eine kurze Ganz-Allein-Zeit am Ende des Monats. Während der Sohn in der Nähe seines baldigen Lebensortes eine Klavierlehrerin trifft, kennenlernt und letztlich zu ihr findet – was ihn und uns erleichtert, war doch dieser essentielle Lebensbereich für das nächste Jahr bislang noch im Diffusen – verbringe ich drei Tage ganz allein mit mir. In jedem Moment fühlen und entscheiden, wonach mir gerade ist, was ich tue, was ich lasse, ob ich sitze, ob ich gehe, ob ich zuhöre oder die Ohren verschließe, ob ich mich umschaue oder ins Innen gehe – das erdet, besänftigt, bringt mich zu mir zurück.
Einige Texte fließen auf’s Papier, endlich wieder. Aus dem Cello beginnt wieder Musik zu klingen. Musik, wo vorher keine zu hören war, Gewachsenes, wo vorher Brache zu sein schien, Sprudeln, wo alles fast schon am Verdorren war – am Cello begreife ich im Wortsinne die Bedeutung von Ruhepausen.
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Am letzten Monatstag ist das Haus wieder belebt, ein Fast-schon-Alltags-Wirbeln hält Einzug. Weniger Schulvorbereitungen sind es – da werde ich dieses Jahr auf meine Routine zurückgreifen – als vielmehr die Vorbereitung der Sohnesabreise nach Italien. Die Kinderzimmer sollen getauscht werden, eine Art räumliches Tetris oder „Türme von Hanoi“ ohne dritten Turm. Die To-do-Liste des Sohnes ist zur Hälfte abgearbeitet, aber eben erst zur Hälfte. Wir sind also für die restliche Ferienwoche alle gut beschäftigt.
Zunächst aber wird am Abend des 31., wie gesagt, ein Kuchen gebacken und themenstimmig dekoriert. Die Tochter hat das Zepter in der Hand, organisiert und strukturiert den Dekorationsprozess und stellt am ersten Septembermorgen ihrem Bruder diesen Geburtstagskuchen auf den Tisch:

 

 

 

(Die Kerzenfarbenwahl ist nicht ganz stimmig. Denn natürlich planen wir nicht langfristig und müssen bei spontanen Ideen stets auf alte Vorräte in der Geburtstagskiste zurückgreifen. Als der Sohn aber am Morgen nach einer Erklärung der blau-rosa Farbreihe fragt, grinse ich: „Weil vielleicht neben Italien das Jungs-Mädchen-Ding ein Thema im 17. Lebensjahr sein könnte;-)?“ – „Orrr, Mama!“
Sein „Orrr, Mama!“ wird mir sehr fehlen.)

Baumwandelweg #7

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Du Baum, Du.
Als hättest Du mich gerufen. Lange war ich ja nicht da, konnte nicht da sein. Nun bin ich zurück. Und Du lässt mir keine Ruhe. Wenige Stunden erst ist es her, dass ich unter mein Dach zurückgekehrt bin. Und schon laufe ich zu Dir, den Hügel hinauf, in der Abendhitze, über die versengt wirkenden Felder. Dabei sind sie nur abgeerntet. Der Sommer ist am Gehen.

Und Du stehst. Stehst wie seit Jahr und Tag. Wie jedes Mal, wenn ich Dich besuche. Aus fast unverändertem Antlitz blickst Du mich an, und ich staune. Über diese Konstanz, diesen Gleichmut, diese Beharrlichkeit, sich den Zeiten nicht auszuliefern. Oder kaum. Ein wenig ja schon. Zartfarbig leuchtet es aus Dir, Deine Früchte sind am Reifen. Deine Blätter haben sich noch dunkler gefärbt. Während Dein kleiner Bruder begonnen hat, sein Blattgewand zu lichten. (Schon?) Und das Dich bergende Feld ist im Schwinden begriffen. Nur bei Dir: Alles beim Alten.

(Was für ein langweiliges Motiv habe ich da gewählt, denkt es in mir. Für ein Projekt, welches den Wandel zeigen möchte, ein schier unbewegliches Objekt zu suchen, das ist mir ja wieder gelungen. – Der innere Zensor nimmt sich seine Macht, und ich, ich habe zuweilen keine Kraft, ihm Einhalt zu gebieten.)

 

 

Ich gehe also auf Dich zu. Es scheint leicht, sich Dir zu nähern, aus der Ferne gesehen. Kein Feld ist mehr zu durchwaten, es ist zu einer staubigen Kruste geworden, welche ein Querfeldein erlaubt. Doch je näher ich komme … Der Boden liegt voll von Deinen Früchten. Ich mag sie nicht zerquetschen, ich suche mir einen Pfad. Doch da sind Wespen. Tausende von Wespen. Und ich trage Sandalen ohne Socken. Mein Blick starrt ihn an, den schmerzenden Stich, der mich jederzeit treffen kann, da schwingt Angst in jedem Schritt.

In einigem Abstand bleibe ich stehen. Dein Stamm scheint unerreichbar, ich habe keinen Mut für den Weg durch dies Unberechenbare. In Dein Oben zu schauen, dies ist mir leichter. Schon bin ich Deiner Krone nahe. Das Lichtspiel der Blätter fasziniert und macht neugierig. Wie mag es ausschauen, wenn ich leicht nach links blicke und gehe? Und leicht nach rechts? Wenn ich den Blick wandele? Wenn der Blick mich wandelt? Mich wandeln lässt …

Bis ich plötzlich bei Dir bin. Unvermittelt finde ich mich an Deinem Stamm wieder. — Welche Schritte sich setzten, welchen Weg die Füße genommen habe, dies wird sich mir nicht mehr erschließen. Es ist auch nicht wichtig. Ich bin ja da. Ich bin gegangen. Es ist gegangen. Wie von selbst.

Ich bin zu Dir gekommen. Doch hinsetzen – wie sonst – dies ist heute nicht möglich. Noch immer liegen unter mir Früchte mit Wespen. Ich stehe am Stamm, lehne mich an. Ein Kompromiss. Manchmal braucht es Kompromisse. Das Leben ist kein … naja … keine Sprüche jetzt, bitte.

Ich lehne also an Dir. Es ist mühselig. Die durchgedrückten Knie melden sich, sie mögen die Anspannung nicht. Vor meinem Auge fliegen Fliegen über Fliegen. Vor meinem Ohr tun sie dies auch. Lautes unruhiges Gewirr, kaum kann ich das Rascheln Deiner Blätter vernehmen. Aus der Ferne nähert sich eine Menschengruppe. (Wie selten geht jemand hier spazieren, denke ich in diesem Moment.) Lärmendes Reden, schreiendes Zurückrufen des Hundes, der schon auf dem Weg zu mir ist. Auch das noch. Ein Riese springt an mir hoch, bellt, will lecken, ich mag das so gar nicht. Und unter mir immer noch tausende Wespen.

Fast lache ich los. Ein Lachen der Hilflosigkeit. Was alles mich heute von meinem ruhigen Sein abhalten will. Fliegen, Wespen, Menschen, Hunde. Sie alle zerren an mir, dass ich mich von mir wegbewegen solle. Eine wahre Lektion spielt sich um mich herum ab. Ein Symbol meines Alltags, meiner Beziehungen, meines Selbstbildes, meines gesamten inneren Wirbelns. — Wo ist mein Stamm, an den ich mich lehnen kann, bei all dem?

Da! Da bist Du ja! Wie lebendig Dein Stamm meinen Rücken berührt! Was da alles strömt.

Ich atme. Aus und ein. Ein und aus.

Wir stehen ja. Wir haben ja Ruhe. Wir sind ja.
Einfach nur hier. Oder da. Je nachdem.
Ich stehe. Ich finde Ruhe. Ich bin.

Es ist mehr Baum in mir, als ich immer ahnte. Ich bin mehr im Baum, als ich zu hoffen wagte.
Ich – Du – Er – Wir.
Und noch viel mehr.

Danke.

Sie wollte mir eine Geschichte erzählen, diese Ruhe, in der Du die Gezeiten und Stürme durchstehst. Während ich hier schrieb, öffnete sich mir eine Tür. Durch einen winzigen Spalt blickte ich hinein in das Es …

 

 

 

Und als ich dann von Dir ging, vorgestern war es, da war ich bereit für weitere Schritte. Ich folgte dem Weg, den ich so oft schon wählte, heute die lange Runde. Vertrautes, oft Gesehenes.
Heute im Licht, das Konturen sichtbar macht, das Farben schenkt, das wärmt.
(Und dass die Bilder fast schon als Kitsch durchgehen könnten, ist mir für heute egal. Manchmal verweise ich Herrn Zensor eben einfach an seinen Platz:))

 

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

auf der Wippe bin ich

Wie einst als Kind. Ich sitze auf diesem alten knarrenden Holzbalken, der Geschichten zu erzählen weiß von zahllosen Kinderflügen, vom Träumen, Lachen, Schweben, Juchzen, und dazu von Unbehagen, Bangesein, Angst, es ist ja immer beides. Vor mir die abgegriffenen Metallbügel, an welchen die Haltsuche so vieler Hände spür- und tastbar wird. Unter mir die tapferen Gummireifen, an denen eine jede Wucht abprallt, immer im quietschenden Rhythmus des Hinab-Hinauf-Hinab’s.

Von je her ist es mir vertraut, das Gefühl eines Lufttanzes, der in Bangigkeit verhalten bleibt, so lange er atmet. Über die Stange hinaus nach vorn, über den Sitz nach hinten oder aber zur Seite geschleudert zu werden, dass diese Wege als mögliche vorstellbar werden, allein dies lässt meine Hände und Schenkel in Ängstlichkeit sich anspannen, das stete Auf und Ab findet nie in ein freies Fluggefühl.

Weil er, ist man oben, direkt bevorsteht, der sichere Weg hinab. Eine manifeste Bangigkeit, sogleich mit den Füßen unter den Balken zu geraten. Die Erwartung des schmerzenden Aufpralls, hier unten, wo der größte Überschwang abrupt stoppt, die Bewegung irritiert innehält, ob diesem Ende auch ja ein Anfang innewohnt? Sicher war ich nie, Zutrauen in die eigenen Beine und ihre Kraft fehlte, wozu sie nicht alles nicht in der Lage sein könnten, welchen Aufgaben sie nicht gewachsen waren, eine lange Erfahrungsliste aus erlebten Kraftlosigkeiten, Unfähigkeiten, Michkleinfühlens. Für neuen Schwung war ich so manches Mal zu schwach.

Die Wippe aber wippt. Weiter. Und weiter.

Und der Abschnitt über den Weg hinauf – er kommt ja doch – wird an einem neuen Morgen zu schreiben sein.

(Erstmals seit Jahrzehnten saß ich während der gerade vergangenen Reise wieder auf einer Kinderwippe. Im Ungleichgewicht war sie. Natürlich, möchte ich schreiben, war es doch schon früher allzu oft asymmetrisch. Oder: Immer noch, möchte ich erstaunt fragen. Habe ich denn immer noch nicht gelernt, was auf die andere Seite meiner Wippe gehört, damit ihr Rhythmus ein singender, tanzender wird, der sich in den Kreis von allem fügt?)

#bergundtal-2 – Freilaufen

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.
(Und jetzt, da ich hier schreibe, haben schon die nächsten Ferien begonnen. Die Zeit dazwischen war voll, zu voll, um in Ruhe erzählen zu können.)

Jede Reise hat diesen Anfangspunkt, an dem man spürt: Jetzt bin ich da. Jetzt bin ich hier im Unterwegs angekommen. Diesmal kommt er spät, am x-ten Tag, nach schon etlichen Kilometern, erst hier auf diesem Platz, auf dem ich ganz allein übernachte, in einer durchregneten Nacht, in der ich mich ein wenig fürchte, und nach der ich morgens in der Sonne sitze – plötzlich ist da Sonne! – und Zelt sowie Tränen trockne.

 

 

Von da ab bleibt es hell und grün und leuchtend und blühend, als hätte sich ein Schalter in mir umgelegt.

 

 

 

 

Ich fahre neckaraufwärts, der Fluss wird enger, seine Landschaften intimer, irgendwann verlasse ich sie ganz, weil der Weg über die Hügel geführt wird. Oben ist ein Gegenwind, und was für einer. Es geht bei allem Krafteinsatz kaum voran.
Doch wie ich da auf meiner Picknickbank sitze, vor mir der weite Himmel, auf meiner Haut der Wind, da ist auf einmal alles genau richtig. Auch die Langsamkeit. Diejenige, die dafür gesorgt hat, dass die letzten Tage so beschwerlich waren, und jene, welche heute durch den Wind verursacht wird. Manchmal erfährt die Schnelllebigkeit eine Zäsur, weil das Leben seine Zeit braucht. So wie heute die einzelnen Kilometer …

 

 

Als ich nach einigen Stunden zum Neckar zurückkehre, ist er zum Baby geworden, sozusagen. Der breite Strom von vor wenigen Tagen ist kaum noch ein Rinnsal.

 

 

 

Ich spiegele mich in ihm, und sehe bis auf den Grund. Bis ich seine Quelle erreiche. Mit einer Steinmauer hat man dieses Entspringen zu fassen versucht. Lässt sich Entspringen überhaupt fassen?
Und warum wohl ist direkt daneben dem Lesen ein Denkmal gesetzt?  (Schaut die Gestalt links im Schatten.)

 

 

 

Es ist später Nachmittag, doch ich fühle mich noch nicht angekommen. Vor mir liegt die Europäische Wasserscheide, nur ein paar Höhenmeter noch. Hier mitten auf dem Feld muss sie sein, ganz ohne Beschilderung kommt sie aus, es ist einfach der Punkt, ab dem ich wieder abwärts fahre.

 

 

Ich rolle und rolle …

 

 

… hinunter bis nach Donaueschingen, wo die nächste Flussquelle wartet. Kaum 30 Kilometer sind es zwischen den beiden Flussquellen, die so verschiedene Wege gehen werden.

 

 

Die Fassung dieses Entspringens ist noch ärger, noch künstlicher. Eine Parkanlage, eine Treppe hinunter, ein Rondell, Steinskulpturen und -inschriften, und dazwischen etwas, das nun also Ursprung des Stroms genannt wird, der bis ans Schwarze Meer führen wird.

 

 

 

Wenige Meter von dort überquere ich verwundert eine fast schon schiffbare Donau – das kann doch nicht sein? – und erfahre bei der Gelegenheit, dass die Donau sich ihr Sein sozusagen erschummelt hat. „Brisach und Breg bringen die Donau zuweg.“ Aha, die Donau liefert nur den Namen für das Wasser, welches diese beiden Flüsse von weit her herangespült haben …

 

 

Ich übernachte in der Nähe auf einem eiskalten Zeltplatz – nein, der Ort kann nichts dafür:) – und entscheide am nächsten Morgen, weil ich noch so viel Zeit bis zu meinen Verabredungen habe, zunächst ein paar Dutzend Kilometer donauabwärts zu fahren. Ich weiß schon, dieser Radweg wird später zur Radlerautobahn, unerträglich voll. Und doch verlockt es mich: Immer weiter zu fahren, bis zum Schwarzen Meer …

 

 

 

Heute aber biege ich nach 30 km ab, gen Süden an den Rhein. Wieder überquere ich die Wasserscheide, wieder trete ich nach oben. Es strengt mich an, ich versuche mich in einem meditativ-gelassenem Immer-weiter, ohne den Kopf allzu sehr einzuschalten.

Bis sich mir – über die Kuppe gekommen – plötzlich dieser Anblick eröffnet. Die Alpenbergkette von einem Ende des Horizonts bis zum anderen. Ein Anblick, bei dem ich den Mund kaum wieder schließen kann. Selten habe ich so ergriffen innegehalten. Es ist auch jetzt, wenn ich die Bilder (die das Ganze nicht ansatzweise wiedergeben können) betrachte, immer noch nicht zu fassen.

 

 

 

 

Hier oben hätte die Reise enden können. Alles wäre gut gewesen.

Statt dessen aber folgt – so ist das eben – auf den Moment der Entrückung das Weitergehen. Hinab in eine wiederum kalte Zeltnacht, immer mehr nach Süden über Hügel und durch Täler, durch verlassene Dörfer, die einem nur begegnen, wenn man sich seine Route nach Bauchgefühl und dem Wetterfähnchen wählt.

 

 

 

… bis hin zum ersten Schweizerischen Grenzübergang. Ich werde heute noch ein paar Mal hin und her wechseln.

 

 

Unten am Rhein, in Schaffhausen, will ich nur schnell weiter. Das Große und Laute der Stadt schreckt mich, da ich gerade aus verlassensten Ortschaften komme, und den Rheinfall habe ich mehrere Male gesehen, zuletzt auf der ersten Sohnesradtour.

 

 

Ich werfe also einen kurzen Blick aufs Wasser …

 

 

… und entscheide mich dann – statt des Flussradweges – für einen Weg im Landesinneren, nördlich des Flusses. Das Himmels- und Wetterschauspiel schenkt Atmosphäre, die es mit jedem Flussweg aufnehmen kann.

 

 

 

 

Erst abends bin ich wieder unten am Wasser, in Waldshut.

 

 

 

Auch hier waren wir vor fünf Jahren mit dem Sohn, hier begannen wir unsere gemeinsamen Radreisen.  Wie schön sich erinnern zu können. Damals hatten wir es – wie auf jeder unserer kommenden Touren – gut miteinander. (Ob es noch einmal eine geben wird?)

 

 

Andere Bilder dieser #bergundtal-Radreise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-3 – Begegnungen

#bergundtal-4 – Tochtertage

hinauswinden

So Tage und Zeiten, in denen das Gefühl der Verlorenheit übermächtig ist, der Hilflosigkeit, des Versinkens in einsamer Verdorrtheit. Als fünftes Rad am Lebenswagen dem wirbelnden Treiben der Welt zuschauend, hält eine Wortlosigkeit das Zepter fest in der Hand.
Sehnsüchte ziehen vorbei, so viele Sehnsüchte.
Danach, Teil von etwas zu sein. Nicht übersehen zu werden. Umsorgt zu sein. Nach einem Blick aus warmen Augen. Danach, dass jemand fragt: Wie geht es Dir? Wie geht es Dir wirklich?

Graue Tage sind Kleinmädchentage.
Nur: Jetzt bin ich schon ein wenig größer. Kann mich besser durch diese Zeiten atmen und danach wieder emporfinden. Aus langer Erfahrung heraus, vielleicht. Und weil ich – vermutlich – seither gewachsen bin.

Und so suche ich. Und beginne zu verwandeln.

Einsamkeit tönt allmählich wieder wie gutes Alleinsein. So dass die Musik in mir und um mich eine Chance bekommt. Ich bin ihr zugewandt und nicht taub, wenn der Sohn spielt – und wie! -, und wenn die Stimmen in mir endlich wieder mit dem Celloklang mitsummen.

Schmerzende Traurigkeit wird zu sanfter Melancholie, die mit ihrem wiegenden Rhythmus zu trösten und zu betten weiß. Aus hilfloser Umherirrerei entsprungen, liegen plötzlich Wege und wogende Wellen vor mir. Ich laufe zu meinem Baum und lasse Tränen über die Wangen rollen.

Mitten in meiner wortlosen Erstarrung keimt eine Ahnung von Bewegung. Wenn ich auch zunächst nur das banale Hin und Her eines Putzlappens, eines Rechens, eines Küchenmessers als bewegt erfahre. Es dehnt sich und reckt und streckt sich, dieses Bewegtsein, bis auch meine inneren Pendel meditativ mitschwingen.

Erste Wörter krabbeln hervor, purzeln kreuz und quer, heben auf dem noch staubigen Boden zu tanzen an. Sind bereit für einen Reigen, dessen Hände ich nur noch ergreifen muss. Ich schaue staunend. Und ziere mich noch ein wenig. Noch.

Einmal mehr bleibt mir nur zu atmen.
Und zu danken.

 

#bergundtal-1 – Anlauftage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

Anders als sonst verläuft der Radreisestart diesmal. Alles andere als leicht. Gefangen im Erschöpfungs- und Traurigkeitskreis. Das Packen ist mühselig, Vorfreude will nicht aufflammen.
Fast unvermittelt ist der Starttag da, ich sitze auf dem Rad. Wir – ein Teil der Familie fährt den ersten Tag mit – treideln gemächlich über die fastnochheimischen Felder und begehen den Abschied in einem Biergarten, bevor ich die anderen zum Bahnhof bringe.

 

 

Dann bin ich allein … und habe noch ein paar Kilometer bis zum Zeltplatz.
Stumpf fahre ich durch die Flusslandschaft, alles scheint grau und trüb. Der Neckar, dem ich nun ein paar Tage folgen werde, bedeckt sich mit Nieselregen, die Bilder finden keine Kontur.

 

 

Nach einer ersten Zeltplatznacht in Neckarsulm und einem Aufbruch im Regen öffnet das Land rings um den Neckar seine weiten Arme, doch ich bleibe blind.

 

 

 

Mein Trittrhythmus gibt mechanisch einen Takt vor, in dem ich nicht mitschwinge, Landschaften und Flussansichten ziehen nur am äußeren Auge vorbei …

 

 

 

… und ich weiß überhaupt nicht mehr und noch nicht, wie sich ein Ankommen im Unterwegssein diesmal anfühlen könnte.

 

 

Es ist ja immer eine Verquickung von Innen und Außen, denke ich, als ich – schweißgebadet zu einer Aussichtsstelle namens Jahrhunderthöhe hochgestrampelt – von einem mastenverstellten Blick enttäuscht werde. Weil ich nicht empfänglich sein kann, bietet sich der Wegrand auch nur nüchtern dar, vielleicht.
Dabei könnte ich Labendes und Buntheit gut gebrauchen. Eine „Kunstkaserne“ in Ludwigsburg zeigt mir wenigstens äußere Farben.

 

 

An Campingplätzen herrscht in weitem Umkreis um Stuttgart Ebbe, es gibt lediglich Bad Cannstatt. Karg, nüchtern, ungemütlich, laut.
(Nur die Begegnung mit zwei Fernradlern auf der Rückereise von einem anderen Kontinent und ein weiteres offenes morgendliches Frühstücksgespräch entschädigen.)

Der nächste Neckartag stellt zunächst Industriegelände und Graubauten an und auf den Weg …

 

 

 

… bevor es hinter Plochingen allmählich grüner und ruhiger wird.

 

 

 

Doch, ja, ich spüre kleine Momente, in denen mich Stilles und Lebendiges berührt, da blinzelt ein Licht durch den Nebel.

 

 

 

Nur beschäftigt mich – wir telefonieren mehrmals täglich – dass es dem Kind zu Hause nicht gut geht. Ich suche schon Bahnverbindungen heraus und gebe mir noch eine Nacht zum Entscheiden.

 

 

 

Immerhin möchte ich das Tagesziel Tübingen noch erreichen, wo ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert (wie alt das klingt!) für ein Semester studiert habe. Seither war ich nicht mehr dort.

 

 

 

Ich rolle unter Regenwolken, die sich ab und zu entladen, durch feuchtsaftiggrüne Wiesen, bis ich auf dem Tübinger Marktplatz stehe.

 

 

 

Hier saß ich an meinem ersten Tag, es war der 1. April 1991, nach der nächtlichen Zugfahrt aus Berlin auf den Stufen des Brunnens und weinte. Ich konnte mir nicht vorstellen, in einer solch fremden Welt zu leben, und fühlte mich unendlich einsam. — Dass ich dann quasi für immer in dieser Ecke des nunmehr größeren Landes bleiben sollte, das ahnte ich an jenem Umzugstag nicht.
Heute weine ich aus anderen Gründen …

 

 

Und doch zieht es mich später am Tag, das Zelt ist – auf dem bislang teuersten Campingplatz meiner Radelreisekarriere aufgebaut – an die Vergangenheitsorte. Es fühlt sich wohlig an, mein Tübingensemester war trotz der tränenreichen Ankunft dann wohl doch noch ein gutes gewesen.
Mein Wohnheim finde ich nach einigem Umherirren, die Mensa in der Wilhelmstraße auf Anhieb. Es sieht noch aus wie damals. Jünger sind wir alle nicht geworden:)

 

 

 

Später esse ich in der Kneipe, in welcher ich das erste Hefeweizen meines Lebens getrunken habe. (Warum nur habe ich davon kein Foto? Ich war wohl in Gedanken zu sehr bei der Entscheidung, ob ich abreise oder nicht.)

Der nächste Tag mit seinem Morgentelefonat lässt mich zunächst wieder aufs Rad steigen, letztlich fahren Züge von allen Orten. Ich rolle das Neckartal aufwärts. Es bleibt gewittrig, ich stelle mich öfter unter, bin immer noch nicht bei mir, und doch spüre ich Veränderung.

 

 

 

 

Der Himmel reißt hin und wieder auf. Ich finde Ruhe am Wegesrand. Die Wolken lichten sich. In mir wird es lebendig.

 

 

 

 

Mein Zeltplatz in Oberndorf letztlich, auf dem ich an diesem Tag als einzige übernachte, der fühlt sich wohlig an, obwohl ich ein klein wenig ängstlich vor dem nächtlichen Ganzalleinsein bin. Etwas bricht in mir auf. Zum ersten Mal seit Tagen spüre ich ein Ja zu meiner Reise. Ich lächle, während sich über mir Sonne und Gewitterwolken streiten.

 

 

Als es erneut losschüttet, verziehe ich mich unter das Vordach des Kiosks. Dort sitzt schon jemand, ebenfalls vor dem Regen geflüchtet. Eine Frau  zieht zwei Bier aus ihrer Tasche, ob ich eines mit ihr trinken wolle. Wir reden, über dies und das, übers Unterwegssein, die Menschen im Dorf, wonach wir auf der Suche sind, und wissen dabei nicht mal unsere Namen. Schade, dass sie irgendwann nach Hause geht.
Ich beginne zu kochen, schaue in die sich senkende Dunkelheit, in das Spiel des Mondes mit den Wolken, und in diesem Moment komme ich in meiner Reise an.

 

 

Andere Bilder dieser #bergundtal-Radreise sind hier zu finden:

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-3 – Begegnungen

#bergundtal-4 – Tochtertage

Mittsommernacht

Es hallt in mir wider, dieses Feuer,
das mir noch vor kurzem hier bei mir, in meinem Garten, überhaupt nicht vorstellbar schien,
das – oder: dessen bergende Schale – ein wenig zufällig hierher fand,
so dass ich es gestern, als der (All)Tag voll und hitzig und bis zur Erschöpfung drückend sich seinem Ende zuneigte, entzünden konnte,
verwindend und verwandelnd das Unleichte eines Tages, der zum Entmutigen geeignet gewesen wäre, hätte ich dies zugelassen,
weil mich nämlich sehnte nach einem sanften Ausklang der Schwerigkeit, und ja – in größerem Bogen geschwungen – dieses gewachsenen hellen halben Jahres,
weil ich hineingeben wollte von meinem Gewesenen und herausziehen wollte für mein zu Werdendes,
weil das Helle – in mir, in der alles umfangenden Dämmerung, im Ahnen – sich zu verbinden trachtet mit elementarem Licht, wie die Flamme es schenkt,
weil mein irrender Blick zu sich und in mich hinein findet durch das Tänzeln der Flamme um ihre Mitte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und während sich vor meinen Augen alles zu Glut wandelt, belebt mich innerer Tanz.

In Demut.
In Dankbarkeit.
In Hingabe.

im Mai

Was für ein Auf-und-Ab-Monat. Da ist zunächst das Wetter, welches zwischen Fastwinter, Herbststürmen und Hochsommer alles aufbietet. Gelegentlich sogar ein wenig Frühlingsstimmung. Ich bin oft draußen, zu Fuß, auf dem Rad, mit der Kamera in jedem Fall, und am Monatsende bleiben viele Bilder. Im Innern. Und im Fotobearbeitungsordner.
*
Ich eröffne meine Zeltsaison, sie beginnt schon am ersten Monatstag im Garten. Am Himmelfahrtswochenende radle ich eine weite Pfalzrunde und genieße das Zeltnächtigen. Umso schöner, dass ich die Urlaubsdinge gar nicht erst aufräumen muss, weil es gleich in die Pfingstferien weitergehen wird.
*
Dazwischen erstreckt sich, so wie den ganzen Monat hindurch, eine nur zäh zu durchwatende Schularbeitsmasse. Mündliche Prüfungen, schriftliches Abitur, Steuergruppenarbeit, Unterrichtsbesuche, Referendarszoix, Mahnbriefe, Klassenkonferenzen, Klausuren und Nachklausuren, und ein bisschen Unterricht passt auch noch in jeden Tag … Es ist die Zeit im Jahr, wo die Kräfte allmählich nachlassen, wo mich der tägliche Schul-Irrsinn anfängt zu überfordern, wo ich zuweilen in eine Glocke eintauche, meine Kommunikationsfäden beginnen sich zu verheddern, ich werde ungehalten, unsensibel oder beides. Und draußen vor dem Fenster sprießt es, ist die Zeit des Wachsens gekommen, während wir in unseren Klassenzimmern hocken.
Wie gut, dass es die Pfingstferien gibt. Pauseschenkende zwei Wochen, um die sechs anschließenden Schuljahreswochen doch noch gesund zu überstehen.
*
Die Kinder stöhnen ebenfalls, beide sind unlustig auf Schule, na gut, das sind sie öfter. Aber man spürt auch bei ihnen die Länge des Schuljahres und die nachlassende Kraft.
Immerhin aber erleben sie Tolles mit dem Schulorchester. Die Tochter spielt ein Opernprojekt mit, das dem Orchester – mehr als den Solisten – stehende Ovationen bringt, und beide reisen mit nach England auf ein Musikfestival. Die von der Reise resultierende Müdigkeit wird in den Juni hinübergetragen:)
Die Tochter feiert ihren elften Geburtstag mit einer riesigen Übernachtungsparty, wir haben ein volles Haus und am Ende des Wochenendes das Gefühl, nun umgehend ins nächste gehen zu wollen.
*
Begegnungen gibt es viele. Solche mit langbekannten Menschen, auch aus den Augen verlorenen, auf der Beerdigung der Freundin. Solche mit tränenvollen Gesprächen hier im Dorf und um die Ecke, weil doch so viel Schweres zu tragen ist, derzeit, um mich herum. Solche mit Herz-zu-Herz-Gesprächen, mit hierher gereistem Besuch oder in Räumen, in die ich gereist bin. Es tut gut, das alles. Ich bin dankbar für dieses lebendige Netz, an dem wir ja immer noch weiter weben, wir alle.
*
Dazwischen ringe ich viel. Mein Baum bietet seine alte Haut zum Anlehnen an, mein Cello schwingt zuweilen mit mir (zuweilen auch nicht), und da ist immer noch und immer wieder der tröstliche Blick in die Weite.
Was ich letztlich mitnehme aus diesem wild-grauen Mai, sind Bilder wie im letzten Blogpost. Ich spüre ein tragendes Lebensbett, trotz allem. Und beginne nun seufzend den Juni. Gleich wieder geht es auf’s Rad, es kann nur stärkend werden.

Die Musik, die wir sind

Hast du gehört, der Winter ist vorbei!
Nelken und Basilikum platzen vor Lachen.

Kaum von der Reise zurück, ist die Nachtigall schon Gesangslehrer für die Vögel.

Die Bäume überreichen Gratulationen.
Die Seele tanzt durch die Tür zum König hinauf.

Anemonen erröten, weil sie einen Blick
von der nackten Rose erhaschten.

Der einzige faire Richter, der Frühling,
breitet sich im Gerichtssaal aus.

Und ein paar Dezember-Diebe
huschen davon.

Die Wunder vom Vorjahr
sind bald Vergessenheit.

Aus Nicht-Existenz wirbeln neue Geschöpfe hervor,
Galaxion um ihre Füße verstreut. Hast du die getroffen?

Hörst du, wie in der Wiege die Jesus-Knospe summt?
Eine kleine Narzisse – Inspektor von Königreichen!

Ein Fest ist in Gang. Horch:
Es ist der Wind, der den Wein ausschenkt!

Früher versteckte die Liebe sich
hinter Bildern. Damit ist Schluss!

Der Obstgarten steckt seine Lampions auf.
In Lumpen stolpern die Toten herbei.

Nichts bleibt in Fesseln oder gefangen.
Du sagst: „Stopp dieses Gedicht hier

und wart, was als Nächstes kommt.“ Sofort.
Gedichte sind nur Gekritzel bei der Musik, die wir sind!

(Rumi)

Als Gefäß

Binnen weniger Tage, Stunden fast, begegne ich ihnen allen, was für ein Zufall.
Sie, deren Schwester starb, kaum zwei Wochen ist es her.
Sie, die selbst den Krebs in sich trug. Und trägt, wer weiß.
Er, der, fast als Kind noch, seinen Vater verlor, über lange Zeit schon, endgültig aber erst vor wenigen Monaten.
Sie, deren Tochter ging, noch keine zwei Monate ist es her.

Vier Begegnungen an nur zwei Tagen. Vier intensive Gespräche. Gespräche, in denen ich vor allem zuhöre. Ich frage auch ein wenig, aber eigentlich höre ich zu. Dem Klang, dem Gesang des Fließens.

Ein Fließen, gebettet in die weite Mulde der Trauer.
Ein Fließen von Lebensfreude, von sonnebeschienenem Lebenwollen, Weiterlebenwollen, von purem Glück am kleinen Moment, von Innigkeit in unverstelltem Aufeinanderzu.
Ein Fließen von Mut und Kraft, sich dem zu stellen, dem allen. Der Forderung, einander eher loszulassen als man es je wünschte und ahnte. Der Dichtigkeit einer viel zu schnell hinauströpfelnden Lebendigkeit. Der unvermittelten Augenöffnung über das, was wir sind, was uns ausmacht, und was auch nicht. Dem Wandel im Sein, in jeder Faser des Seins, wenn man sich der Sprache des nahen Todes nur nicht versperrt. Der Aufgabe – und dann: dem Geschenk – das kleine Zarte als Großes zu spüren, und das bisher übermächtige Unwesentliche abzustreifen. Der unfassbaren Endgültigkeit. Dem ebenso unfassbaren Licht, in das plötzlich alles getaucht ist. Der Ehrlichkeit in allen Begegnungen, die nun folgen, Ehrlichkeit, die schmerzt, Ehrlichkeit, die guttut. Dem Abschied. Dem Neubeginn.

Was für ein Strom, der da fließt.
An seiner Oberfläche glitzert es. Sonnenfünkchen spiegeln sich und tanzen, geführt und gestreichelt vom Wind, dem behutsamen. Über allem ein Himmel. Dieser gute Himmel in seiner Weite.

Dankbar bin ich für diese Gespräche, für die Worte, die mit mir geteilt wurden, und für ihre stumme Fortsetzung in mir. Gern bin ich Zuhörerin. Was ich höre, trage ich mit. Was ich höre, trägt mich mit. Es durchflutet, es schenkt Geborgenheit im Leben. Es strahlt auf mein Sein, ich fühle mich beschenkt. Wie in ein Gefäß lasse ich alles fließen, was Ihr erzählt, was der Tod spricht. Es ist Gelegenheit, sich einer Verwandlung anzubieten. Jede und jeder für sich. Wir zusammen.

Und doch, bei allem Tröstlichen und Lichten … diese Gespräche, diese Häufung in den vergangenen Stunden, die muss ich erst einmal veratmen, die muss ich deponieren. Noch weiß ich nicht wohin. Diese wenigen Worte hier sind nur ein zögerlicher, unbeholfener Anfang.