Suche

auf der Wippe bin ich

Wie einst als Kind. Ich sitze auf diesem alten knarrenden Holzbalken, der Geschichten zu erzählen weiß von zahllosen Kinderflügen, vom Träumen, Lachen, Schweben, Juchzen, und dazu von Unbehagen, Bangesein, Angst, es ist ja immer beides. Vor mir die abgegriffenen Metallbügel, an welchen die Haltsuche so vieler Hände spür- und tastbar wird. Unter mir die tapferen Gummireifen, an denen eine jede Wucht abprallt, immer im quietschenden Rhythmus des Hinab-Hinauf-Hinab’s.

Von je her ist es mir vertraut, das Gefühl eines Lufttanzes, der in Bangigkeit verhalten bleibt, so lange er atmet. Über die Stange hinaus nach vorn, über den Sitz nach hinten oder aber zur Seite geschleudert zu werden, dass diese Wege als mögliche vorstellbar werden, allein dies lässt meine Hände und Schenkel in Ängstlichkeit sich anspannen, das stete Auf und Ab findet nie in ein freies Fluggefühl.

Weil er, ist man oben, direkt bevorsteht, der sichere Weg hinab. Eine manifeste Bangigkeit, sogleich mit den Füßen unter den Balken zu geraten. Die Erwartung des schmerzenden Aufpralls, hier unten, wo der größte Überschwang abrupt stoppt, die Bewegung irritiert innehält, ob diesem Ende auch ja ein Anfang innewohnt? Sicher war ich nie, Zutrauen in die eigenen Beine und ihre Kraft fehlte, wozu sie nicht alles nicht in der Lage sein könnten, welchen Aufgaben sie nicht gewachsen waren, eine lange Erfahrungsliste aus erlebten Kraftlosigkeiten, Unfähigkeiten, Michkleinfühlens. Für neuen Schwung war ich so manches Mal zu schwach.

Die Wippe aber wippt. Weiter. Und weiter.

Und der Abschnitt über den Weg hinauf – er kommt ja doch – wird an einem neuen Morgen zu schreiben sein.

(Erstmals seit Jahrzehnten saß ich während der gerade vergangenen Reise wieder auf einer Kinderwippe. Im Ungleichgewicht war sie. Natürlich, möchte ich schreiben, war es doch schon früher allzu oft asymmetrisch. Oder: Immer noch, möchte ich erstaunt fragen. Habe ich denn immer noch nicht gelernt, was auf die andere Seite meiner Wippe gehört, damit ihr Rhythmus ein singender, tanzender wird, der sich in den Kreis von allem fügt?)

Advertisements

hinauswinden

So Tage und Zeiten, in denen das Gefühl der Verlorenheit übermächtig ist, der Hilflosigkeit, des Versinkens in einsamer Verdorrtheit. Als fünftes Rad am Lebenswagen dem wirbelnden Treiben der Welt zuschauend, hält eine Wortlosigkeit das Zepter fest in der Hand.
Sehnsüchte ziehen vorbei, so viele Sehnsüchte.
Danach, Teil von etwas zu sein. Nicht übersehen zu werden. Umsorgt zu sein. Nach einem Blick aus warmen Augen. Danach, dass jemand fragt: Wie geht es Dir? Wie geht es Dir wirklich?

Graue Tage sind Kleinmädchentage.
Nur: Jetzt bin ich schon ein wenig größer. Kann mich besser durch diese Zeiten atmen und danach wieder emporfinden. Aus langer Erfahrung heraus, vielleicht. Und weil ich – vermutlich – seither gewachsen bin.

Und so suche ich. Und beginne zu verwandeln.

Einsamkeit tönt allmählich wieder wie gutes Alleinsein. So dass die Musik in mir und um mich eine Chance bekommt. Ich bin ihr zugewandt und nicht taub, wenn der Sohn spielt – und wie! -, und wenn die Stimmen in mir endlich wieder mit dem Celloklang mitsummen.

Schmerzende Traurigkeit wird zu sanfter Melancholie, die mit ihrem wiegenden Rhythmus zu trösten und zu betten weiß. Aus hilfloser Umherirrerei entsprungen, liegen plötzlich Wege und wogende Wellen vor mir. Ich laufe zu meinem Baum und lasse Tränen über die Wangen rollen.

Mitten in meiner wortlosen Erstarrung keimt eine Ahnung von Bewegung. Wenn ich auch zunächst nur das banale Hin und Her eines Putzlappens, eines Rechens, eines Küchenmessers als bewegt erfahre. Es dehnt sich und reckt und streckt sich, dieses Bewegtsein, bis auch meine inneren Pendel meditativ mitschwingen.

Erste Wörter krabbeln hervor, purzeln kreuz und quer, heben auf dem noch staubigen Boden zu tanzen an. Sind bereit für einen Reigen, dessen Hände ich nur noch ergreifen muss. Ich schaue staunend. Und ziere mich noch ein wenig. Noch.

Einmal mehr bleibt mir nur zu atmen.
Und zu danken.

 

Ein Reiseblick

Meine Reise ist vorbei, und noch lange nicht vergangen.
Viele mitgebrachte Bilder sind angeblickt, und noch lange nicht durchschaut.
Ich bin wieder hier, und noch lange nicht fort von dort.

Genau vor einer Woche war es, als wir durch’s geborgenheitspendende Grün streiften, auch an diesem Hollerbusch vorbei.
Es ist nicht jener von diesen Bildern, aber es war mit ihr.

 

 

Ich schaue, mich erinnernd, in die Welt dieses guten Hollerbuschs hinein. Da ist so vieles. Ich mag gar keine Worte dafür suchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und ich mochte die Bilder auch nicht kleinstellen. Eigentlich würde ich mich gern noch tiefer hineinentdecken …

 

Aufgaben dieser Tage

Schlafen und ausruhen.

In tröstende Musik und Worte hineinschwingen.

Dem andrängenden Alltag mit Gelassenheit begegnen.

Mich all den Bildern hingeben, den inneren wie den äußeren.

Mich herantasten an das, was nährt, und mich befreien von dem, was bedrängt.

Mein Dorf und meinen Baum mit seinem Frühlingsknospen wandernd wiederfinden.

Spüren, wie es ihr geht und was ich für sie und ihre Familie tun kann.

Die Traurigkeit mitten in mir in den Arm nehmen.

Still werden.

Für all das habe ich mir – und Euch – einen Hauch Weite mitgebracht.

 

Baumwandelweg #1

Ich habe mir ein neues Ritual geschaffen: diesen Weg zu gehen. Einmal in der Woche, oder häufiger.

Es war mein Weg in jener Nacht, als ich lief und später schrieb:
Diese besuchte ich, diese ungleichen Freunde – oder sind sie zwei Seiten ein und desselben? Es zog mich zu ihnen, zu ihrem nahen Beieinander von Kargheit und Fülle, von Kraft und Schwäche. Lehnte mich an sie an, an beide, zu lauschen und zu tasten und zu riechen und einzuatmen, was sie mir mit auf den Weg geben können. Ich nahm es mit.

 

 

Das Ritual wird wichtig werden, weil ich noch zu verwandeln habe. Zu verwandeln, was damals nur erst begonnen hat. Vieles bin ich nicht bis zum Ende gegangen. So werde ich diesen Weg immer wieder gehen.
An Tag Eins des (noch erst entstehenden) Rituals formuliere ich es also im Perfekt: „Ich habe geschaffen“. Die Sprache erzählt von der Sicherheit meines Entschlusses.

Auf dem Weg stellen sich mir Aufgaben.
Erstens sind da Dinge, die ich noch nie im Leben gesehen habe. Ich werde hinsehen üben.
Mehr und mehr möchte ich Stücke des Weges mit geschlossenen Augen gehen. Um mehr Dimensionen des Sehens zu erfahren.
Abgesehen davon, dass mir Bewegung überhaupt nötig geworden ist.

Der Auslöser aber ist der Baum. Mein Baum. Mein starker Baum, damals noch neben seinem schwachen, kargen Begleiter, hat diesen inzwischen verloren. Warum und wie, dies habe ich nicht miterlebt.
Etwas spricht zu mir aus diesen beiden, von denen nur noch einer sichtbar ist.

Und wie es sich oft ergibt, treffen zwei Dinge in Passung aufeinander. Vor wenigen Tagen – wir waren auf Bergreise – stieß ich auf Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Über ein Jahr lang soll ein Motiv, seine Veränderungen oder seine Konstanz, mit der Kamera begleitet werden.
Nun, so sei also der Baum mein „Gegenstand“.

 

 

Gestern ging ich, ihn erstmals zu treffen. (Mit ein paar Tagen Verspätung, der Bergreise geschuldet.) Ich probierte Blickrichtungen aus. Aus verschiedenen schrägen Winkeln fotografierte ich, diese kommen mir jedoch künstlich vor. Weil ich da etwa auf einen Hügel klettern muss, ich weiß nicht, ob man dort immer wird hinaufklettern können. Oder weil ich durch andere Bäume hindurch fotografiere, die im Sommer wer weiß wie dicht zugewachsen sein werden. Wann immer ich mich vom Weg wegbewege, stellt sich mir das Bild als unstimmig dar. Also bleibt die Perspektive von genau dem damaligen Weg aus.

Dazu soll ein zweiter Baum mit auf’s Bild. Etwas abseits steht er, gehört schon zur nächsten Baumgruppe. Und doch erinnert er mich an den damaligen schwachen Freund. Und daran, dass der Große nicht allein steht, dass er seine Stärke nicht im Vakuum lebt. Da ist ein Vieles, von dem ein Jedes nur Teil ist.

Und noch etwas: Es ist von Vorteil, dass sich dieser Baum nicht direkt bei mir zu Hause befindet. Ich kenne mich, meine Kontrollwut würde dazu führen, dass – bei einem Fenster- oder Gartenblick etwa – ich ewig ewig ewig durch die Kamera schauen würde, bis das Licht vermeintlich perfekt, ausgewogen, harmonisch ist, bis es die Farbe hat, die ich mir vorstelle. Ich würde am Fenster sitzen und den ganzen Tag auf das richtige Bild lauern.
Durch den kleinen Abstand hoffe ich nun, mein Kontrollierenmüssen etwas zu kontrollieren:) Weil ich mich zu meinem Motiv nämlich auf den Weg machen muss. Bis dorthin ist es nicht sehr weit, aber schon ein paar Meter zu gehen. Von zu Hause aus sehe ich diese Himmelsrichtung, diesen Blick und diese Kuppe nicht. Wenn ich losgehe, weiß ich nicht, was mich dort erwarten wird. Weil ich zumeist nicht den ganzen Tag dort verweilen kann, werde ich vielleicht die eine oder andere Wolke ziehen lassen, aber ich kann nicht die gesamte Bildstimmung beeinflussen.
Das wird dem Bild gut tun.
Einem Bild des Wandels mit einer Prise Absichtslosigkeit.

 

Spuren im Schnee

Es schneit. Immer wenn ich hier anreise, schneit es, möchte ich meinen. Sehr oft jedenfalls liefen wir den allerersten Tag gemächlich durch ein Schneewirbeln. Wie eine sanfte Hilfestellung beim Ankommen in der äußeren Ruhe, wenn nichts anderes möglich ist als im frischen Schnee zu treiben, um nicht von der häuslichen sogleich in eine Feriengeschäftigkeit zu fallen.

Es schneit also. Wir spuren uns durch das frische Weiß. Lassen Flocken auf Händen, Gesicht und Zunge schmelzen. Weg sind sie. Oder? Denke ich gleich darauf.
Ich laufe mit geschlossenen Augen, höre jede Schneeflocke auf der Jacke landen und spüre den Wind, wie er sich Einlass in die Kapuze verschafft. Wenn es weich unter den Schritten wird, bin ich von der Straße nach rechts oder links abgewichen, es ist leicht zurückzufinden, auch beschuhte Füße haben Tastsinn. Die Geräusche des Ortes verlaufen diffus in der Ferne, das weiche Nebellicht zeichnet wandelnde Muster auf meine Augenlider. Wieviel doch hindurchdringt … vom Licht durch die geschlossenen Augen, vom schneidenden Wind durch den dichten Anorak, vom Dorfrauschen durch das Schneegrieselpochen.

Offensein. Durchlässigkeit.

Doch auch: Wieviel hindurchdringt vom Alltagswirbeln in das Hiersein, vom lange nicht abgetragenen mentalen Packsack in die vermeintliche Gelöstheit der Ferientage, von längst vergangen geglaubten Zeiten in mein Jetzt.
Jeder Schritt bohrt die Dinge tiefer in mich. Ich bin wund. Ein steinerner Klumpen dicht am Herz.
So wenig Abschirmung, so wenig Grenzen, so wenig Schutz.

Suche ich Abgrenzung? Nur die eine Form, die andere nicht? Oder die eine wie die andere?

Und was löst der Schnee in mir aus?
Ich erwarte ihn als bereinigt vom Vergangenen. Setze ich ihn meinen Erwartungen zu sehr aus?
Welche Spuren trägt er, die doch eigentlich in den Sommern geschmolzen sein müssten?

Schritte der Einsamkeit.
Angst vor Vereinnahmung.
Dialoge, in denen Nichtnahekommen sichtbar wurde.
Erstarrung und Mauernbau.
Maske und Immer-schön-lächeln.
Hochglanzfotos von alpenglühenden Bergen an Schneereinweiß.
Verkennen und verleben.
Unfähigkeit für das Einfachste.
Ratlosigkeit und Nichtahnen, wie es überhaupt gehen soll.
Tage der Illusion und der Desillusionierung.
Knallhartes Erkennen.
Versagen und Verantwortungsverweigerung.
Sterben und Gestorbenes.

Wie viele Wege ich hier ging.
Die Pfade wissen alles von mir. Ihr Schnee schleudert es mir erbarmungslos ins Gesicht.

Ist Schmelzen eine Illusion? Trägt Schnee die eingespurten Muster für immer in sich? Gibt es am Ende gar keine Schneeschmelze?
Wie will ich weiterleben?

Die Fragen lieb haben

… und ich möchte Sie, so gut ich es kann bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie jetzt nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.

(R. M. Rilke)

Seelenperlen

Es gibt Tage, da kommen sie auf mich zu.
Es gibt Tage, da suche ich sie, sehnlichst.
Und wenn ich es recht verstehe, hat jeder Tag immer beides. Das Suchen und das Kommen. Das Geschenk und der Durst danach.
Je mehr mich sehnt, desto mehr schenkt es sich. Je mehr mir geschenkt wird, desto mehr wird mir gewahr, wie tief die Sehnsucht danach immer wieder ist.
Ein Schwingen auf dem weiten Bogen von Öffnen und Empfangen.

Heute suchte ich, sehr. Und fand …
… das morgendliche Vermissen. Eine Ruhe im Haus, ganz gelassen konnte ich dem späten Arbeitsbeginn entgegengehen. Und doch fehlte das pubertierende Wirbeln im Haus. – Glücklich, wer vermissen und bald wieder in die Arme schließen darf.
… das dunstige Licht des anbrechenden Frühlings, von der Bergkette her mich anstrahlend, durch den Zauber silhouettiger Baumkahlheit hindurch.
… die wärmend-tröstlichen Worte, die zu halten vermochten, was gerade schon am Auseinanderfließen war.
… meine Traurigkeit, meine treue sanfte Begleiterin, die mich erdet und immer wieder an die Hand nimmt, wenn ich daran bin, mich zu verlieren.
… ein plötzlicher Frieden im Innern. Mir zugeflogen aus undurchschaubarer Tiefe.

Ich atme ja.
Immer weiter.

Du hast einiges zu lernen

Was wir unseren Kindern am dringendsten
beibringen möchten,
haben wir selbst noch nicht begriffen.
Also versuchen wir ständig zu lehren,
was wir selbst nicht wissen.

Das ist unsinnig.
Versuche statt dessen zu schweigen.
Schau dir die Situation genau an.
Höre aufmerksam zu.
Öffne deinen Geist für neue Sichtweisen.
So lernst du, was du wissen musst.
Und du zeigst deinen Kindern,
wie sie ihre Lektionen lernen können.

***

Nichts ist für Kinder lehrreicher
als Eltern, die zum Lernen bereit sind.
Welche Verhaltensweisen deiner Kinder
beunruhigen dich?
Was sagt dir das über dich selbst?

(William Martin: Das Tao te king für Eltern)

lebensverwaltend

Viel Zeit meines Lebens geht dafür drauf, dass ich das Leben nicht lebe, sondern verwalte. Diese Papier-, Telefon-, Rechnungs- und Organisationsdinge, von denen mein – und vermutlich unser aller – Alltag so voll ist, erlebe und empfinde ich mit als das Anstrengendste und Nervendste auf meinen To-do-Listen. Zu gern würde ich seinen Umfang verringern, allein ich weiß nicht wie. Denn es fiel und fällt mir schwer, meine Stimmung wenigstens im mittleren Bereich zu halten, wenn ich mich über längere Zeit mit diesen Dingen abgeben muss. So sehr ich mir auch sage, dass ich mich davon nicht beherrschen und trüben und vereinnahmen lassen will …

Darum schaue ich mir mal auf die Finger, was ich da alles so verwalte. Heute häufte es sich, weil ein Tag ohne Termine in Schule und anderem Dienstort und ohne familiäre Auswärtsaufgaben prädestiniert dafür ist, von den angestauten Verwaltungsbergen abzutragen, was geht. Das war heute …

… eine große Aufräumaktion der Papierablage, in der sich seit Mitte letzten Jahres fünf Höhenzentimeter Papier angestaut hatten, wo allein das Abheften in Leitzordner als Tagesaufgabe gereicht hätte; doch …
… meine dienstlichen Papiere enthielten unter anderem zwei Rentenbescheide mit Auflistungen all meiner Lebensarbeitszeiten, in denen sich Fehler befanden, so dass ich per Widerspruchsbogen reagieren musste …
… die Beihilfe- und Krankenversicherungsabrechnung wollte durchgesehen werden, weil da nicht alles Geld zurückgekommen war, es stimmte aber letztlich doch, und ich tütete nur noch den letzten Beihilfebescheid in den Umschlag an die Krankenversicherung …
… dabei fiel mir ein, dass ich lange keine Rechnungen bezahlt hatte, der Stapel der Arztrechnungen war schon wieder groß, eine ganze Überweisungsserie, doch für einen neuen Beihilfeantrag fehlte mir am Abend dann die Zeit …
… die Papiermengen wegen unseres Wasserrohrbruchs sind unermesslich, ich sortierte und tackerte und heftete ab, jetzt ist es endlich weg …
… die Unterlagen zu meinem Auffahrunfall im Dezember enthielten noch ein Fragezeichen und damit einen Anrufgrund bei der Versicherung, warum da jetzt so und so entschieden wurde …
… die Papierestapel der Kinder werden mit den Jahren auch nicht kleiner, all diese Zeugnisse, Erinnerungen, Organisationspapiere für ihre 1001 Aktivitäten, Anmeldungen, Abrechnungen, ich sortierte und heftete und tackerte, auch am Nachmittag noch mit dem Sohn zusammen, weil er allein seine Matheseminarpapiere u.ä. noch nicht gebändigt bekommt …
… dringend war ein Anruf bei der Austauschorganisation des Sohnes fällig, wegen seines neuen Personalausweises und wegen eines verpflichtenden Vorbereitungsseminars, und als Folge davon ein Brief an den Jugend-musiziert-Landeswettbewerb mit Bitte um Vermeidung einer Terminkollision …
… weil die Tochter das Cello wechselt, musste die Musikinstrumentenversicherung benachrichtigt werden, in diesem Zuge fragte ich gleich wegen einer Versicherung für mein Leihcello an, was einen Anruf beim Geigenbauer zur Folge hatte …
… wegen veränderter Stundenpläne musste ein Familienzahnarzttermin umgelegt werden …
… mit den anderen Streichquartetteltern lief den ganzen Tag ein Mailwechsel zum Terminfinden des gemeinsamen Essengehens …
… auf der Schulliste standen zwei Anrufe in Fremdschulen, um organisatorische Details für anstehende Unterrichtsprüfungen abzuklären – und weil Schulleiter erstmal so gar nicht zu erreichen sind, wurden aus den zwei Anrufen sieben …
… mit meinen Referendaren läuft ein Terminfindungsmailing, was nicht so einfach zu einem konstruktiven Abschluss zu bringen ist …
… für meine ganz eigene Unterrichtsverwaltung ergänzte ich alle Noten- und Verwaltungstabellen um Spalten für das zweite Halbjahr, um veränderte Excelformeln und um die notwendigen Umstrukturierungen …
… ebenfalls als verwaltend sehe ich meine heutige Unterrichtsvorbereitung an, denn ich übertrug nur alte Vorbereitungsbausteine in meine seit drei Jahren digital geführte Vorbereitung, scannte Aufschriebe ein und übertrug Tafelbildfotos in die Dokumente …
… rein organisatorischer Natur waren auch alle Schulmailkontakte des Tages: Elternsprechtagsvereinbarungen, Fachbereichsabsprachen, Wettbewerbsauswertung, Protokollerstellung …

So. Fazit: Alles was ich heute tat, war organisierender und verwaltender Natur. Ich habe kein einziges inhaltliches Gespräch geführt, weder mit den eigenen Kindern noch mit oder über Schüler, ich habe keine inhaltlichen Konzepte für meinen Unterricht kreiert, ich habe nichts geschaffen, ja ich habe noch nicht mal korrigiert – dieser Blogtext ist noch die kreativste Leistung des Tages.
Und doch war mein Tag mehr als voll. Es war viel. Und das ist keine einmalige Aktion, das ist Alltag. Es wird viel bleiben. Denn wegzulassen ist davon kaum etwas. Weder möchte ich die Aktivitäten der Kinder eindämmen – und diese sind hier in unserem Fall seit Jahren mit sehr viel Organisationsaufwand verbunden. Noch scheint mir bei meinem eigenen Papierkram viel Überflüssiges dabeizusein. Und die schulischen Dinge gehören nunmal einfach zum Job.
Dazu kommt, dass ich mich mit dem Telefonieren immer schwerer tue. Vor ein paar Jahren fand ich in meiner Telefonphobie einen leichten Lichtblick, da wurde es mir leichter. Derzeit ist es wieder arg. Jedes Greifen zum Hörer gleicht einem mentalen Dauerlauf, manchmal mit Sprintfinale, mit erhöhtem Puls, Haspeln, Stottern, in die falsche Rolle fallen, all das. Ich brauche entsprechend lange, um den Hörer aufzugreifen, sogar bei privaten Telefonaten geht es mir so, umso mehr mit fremden Menschen und organisatorischen Anliegen. Ein „nicht erreichbar, rufen Sie doch später nochmal an“ baut einen neuen Berg vor mir auf, mit jedem Versuch wird es mir schwerer. Wenn es irgendwie geht, schreibe ich stattdessen Mails, was dann natürlich wieder länger dauert. (Und doch habe ich heute 13 – in Worten: drei!zehn! – Telefonate geschafft. Ein Marathon.)
Also: es ist nicht einfach.

Und wie gehe ich nun damit um?
Rein äußerlich: ich habe immer noch nicht herausgefunden, ob ich all das Zeugs lieber in kleinen täglichen Rationen dosiere oder besser so wie heute große Mengen auf einmal angehe, um mich dann eine Zeitlang frei(er) davon zu fühlen.
Der Kern der Frage liegt aber wohl woanders. Wie ändere ich meine innere Einstellung dazu? Wie finde ich in eine positive(re) Beziehung zu dem, was mich in trübe Stimmung zieht, was ich nicht akzeptieren will als Teil des Ganzen, zu dem, was ich zuallererst immer als nervig, anstrengend und überflüssig empfinde? Bin ich doch Realistin genug um zu wissen, dass man heutzutage mit all diesem leben muss. Also bleibt von Love-it-leave-it-or-change-it bei näherer Betrachtung ja nur Love-it übrig. Kürzlich las ich Texte darüber, einen welch großen Einfluss unsere Gedanken auf unsere Gefühle haben. An Gedanken lässt sich eher stellschraubig drehen als an Gefühlen.
Hier bei diesem Verwaltungszeugs, das wäre doch ein geeignetes Übefeld für diese so viel weitreichendere Lebensaufgabe:
Wie verändere ich meine Einstellung zu den Dingen?

 

unvermittelt

Manchmal sticht er aus dem Nichts,
einfach so hinein in das Strahlen des Tages,
ein unvermittelter Schmerz,
das Helle durchdringend,
ausgelöst von einem Ich-weiß-nicht-was,
tränentreibend,
in Wehmutsländereien hineinführend
und am Herz der Sehnsucht ziehend.

Mich in diesen Momenten auflösen,
mich hinein- und hingeben,
zuhörend mich formen lassen,
die innewohnende Wegweisung wahrnehmen
und als Geländer mir ergreifen
– was sich mir wohl öffnete, wenn ich dies vermöchte?

„Done“ statt „to do“

Es war ein Versuch. Oder: Es ist ein Versuch. Denn er läuft ja noch, ich habe ihn nicht abgebrochen. Da ist zuviel Bewahrenswertes. Aber auch Unmögliches. Ich werde eine andere Variante finden müssen, experimentieren, modifizieren, es passender für mich gestalten.

Es ging und geht – wie schon so oft – um meinen Umgang mit der Zeit, mit dem engen Terminkorsett, den vielen anstehenden Aufgaben. Schon lange bedrängt mich zusätzlich zu der Tatsache, dass sie nunmal da sind, die vielen Aufgaben, was sich weder verhindern noch leugnen lässt, mein Umgang mit dem Vielen.
Obwohl der Kopf es besser wusste, hielt er über lange Jahre meine Hand nicht davon ab, bei jeder Gelegenheit – morgens, nach der Schule, zu Wochenendbeginn, zum Ferienanfang – lange lange To-do-Listen zu schreiben. Als bereite es mir besonderes Vergnügen, mir stets vor Augen zu führen, wieviel Unschaffbares ständig auf mich wartet. Denn allein die optische Länge der Liste machte sie zu einer Überforderung, mir war immer vorher schon klar, dass all das im gesetzten Zeitrahmen nie und nimmer zu erledigen sei. Zwar verschafft es mir Befriedigung, im Laufe der Zeit einen Punkt nach dem anderen auszustreichen, doch zu einem Ende der Liste kam ich nie. Stets blieb noch mehr offen als erledigt war. Auch wenn es mir nicht bewusst im Kopf hämmerte, irgendwie sagte ich mir damit ja doch immer wieder selbst, dass ich es nicht schaffe. Dass alles viel zu viel ist. Oder ich eben zu langsam. Oder zu abgelenkt. Zu verzettelt. Zu undiszipliniert. Irgendwie so.
Warum ich mich so lange auf diese Listen fokussierte, sie mir fast als Lebensgeländer dienten, ich mich ihnen und ihrem permanenten Zugzwang aussetzte, weiß ich gar nicht. Ich litt nicht sonderlich darunter. Es war eben normal, die Dinge nicht zu schaffen.
Die erste unschaffbare Liste schrieb ich übrigens mit etwa 12 Jahren. Ich weiß heute noch, welche Punkte ich in meinem damals schon vollen Leben nicht unterbrachte. Ich holte das Undurchgestrichene von damals übrigens nie mehr auf. Das meiste hat sich nur im Laufe des Lebens erledigt. Von meiner Liste, die ich mit Beginn des Mutterschutzes des Sohnes, jetzt 15einhalb, schrieb, ist übrigens auch noch etwas offen. Und wahrscheinlich von allen Listen, die ich im Laufe meines Lebens schrieb.

Möglicherweise findet Ihr das befremdlich. Ich selbst ja auch:)  Wie kann man seine eigenen Lebensbereiche nur so vollpacken, dass es zwangsläufig überläuft? Warum will ich immer mehr als möglich ist? Warum bin ich hier nicht Realistin genug? Warum setze ich mich dem immer wieder aus?

Und wie fühlt es sich eigentlich an, wenn ich auf solche Listen verzichte?

Die Idee hatte ich schon lange: Nicht mehr den Fokus auf das Unbewältigte legen, sondern auf das, was hinter mir liegt, das Geschaffte, das Getane. Nicht notieren, was vor mir liegt, sondern was ich hinter mich gebracht habe. Jeder Tag ist ein leeres Blatt, das zu füllen ist. Und kein volles, das ich Zeile für Zeile auszulöschen habe.
Eine völlig neue Sichtweise.

Seit Beginn des Jahres probiere ich es aus. Und – was ja nicht überrascht – es hat meinen Alltag veändert.
Tatsächlich spüre ich, wie mich To-do-Listen bedrängen. Erst jetzt, wo sie weg sind, spüre ich das. Ich erlebe eine für mich neue Langsamkeit, jedenfalls phasenweise. Mir gelingt es besser, mir selbst gut zu tun. Etwa indem ich eher und ohne Gewissensbisse schlafen gehe, indem ich mich ans Cello setze, oder ans Buch, oder an die Schreibtastatur, zuweilen auch stundenlang. Ich schaffte es, mich krankzumelden. Ich gab Klassenarbeiten ein paar Tage später zurück, um nicht mehr nachts zu arbeiten. Ich ließ Nichtdringendes liegen.
Stattdessen füllte ich meine Tage so, wie es für mich stimmig war. Reichten die Kräfte weit, füllte sich die Done-Liste des entsprechenden Tages – manchmal schrieb ich sie auf Papier, manchmal nur in meinen Gedanken – zügig und mit Vielem. War ich müde und erschöpft oder mit anderem angefüllt, fanden sich am Abend nur sehr wenige Punkte darauf, na und.
Es war insgesamt gemächlicher, ruhiger, gesünder und in allem mir und meinen Bedürfnissen angemessener.

Aber.
Natürlich gibt es ein Aber. Ein großes sogar.
Es passt nämlich nicht. Es passt hinten und vorn nicht. Dieser Monat war ja nur ein einzelner kurzer Zeitraum im Laufe des Alltagsstroms. Natürlich ist es nicht von Belang, dass in diesen Wochen etliches liegenblieb. Nur: Irgendwann muss das alles getan werden. Das Liegengebliebene nachgeholt, das dann Akute zusätzlich getan und ein paar Langzeitdinge auch endlich angegangen werden.
Im Haushalt, das klingt so banal, sind Dringlichkeiten offengeblieben. Noch fault keine Wäsche im Korb vor sich hin, aber fast, im übertragenen Sinne jedenfalls. Die akuten Familienorganisationsdinge habe ich alle untergebracht, ein paar Langzeitpflichten aber schön verdrängt, für später. Kontakte liegen brach, selbst solche, die mir ein Herzensanliegen sind. In der Schule habe ich von der Hand in den Mund gearbeitet, das wird sich in den nächsten Wochen rächen.

Was also tun? Wie lässt sich das Dilemma lösen?
So Fragen an mich selbst. Ich werde weiterexperimentieren … 

Der Mangelblick

Ich sehe den schmerzenden Fuß,
und nicht, dass meine Beine mich schon ein Leben lang tragen.

Ich sehe die fehlende Butter,
und nicht das selbstverständliche Brot.

Ich sehe die Anstrengung der täglichen Aufgaben,
und nicht deren erfüllende Buntheit.

Ich sehe die Unwegsamkeit der Täler,
und nicht, dass Berge fliegen lassen.

Ich sehe die Krumen des Mangels,
und nicht das Beet der Fülle.

Ich sehe die Momente des Schmerzes,
und nicht das Meer voller Heilung.

***

Wann habe ich diesen Mangelblick erlernt, wann kam er zu mir?
Und ihn umzuwandeln, umzukehren, was braucht es dazu?

Stillezeit

 

1-stille-decke

Unter einer stillen schützenden Decke ist so vieles.

 

 

2-verletzlich

Verletzliches.

 

 

3-unentwirrbar

Unentwirrbares.

 

 

4-erschoepft

Erschöpftes.

 

 

5-trostsuchend

Trostsuchendes.

 

 

6-bedeckt

Bedecktes.

 

 

7-haltsuchend

Haltsuchendes.

 

 

8-oeffnend

Sich öffnendes.

 

 

9-aufkeimend

Neu aufkeimendes.

 

 

10-vortastend

Sich vortastendes.

 

So vieles.

 

Gedankenumkehr

Nicht:
Hat, was ich tue, einen Nutzen und welchen, und ist der gut und groß genug?
Nicht:
Was will ich in meinem Rings-um-mich verändern?

Sondern:
Ist, was ich tue, für mich und für mein Rings-um-mich richtig? Stehe ich mit meinem Selbst ganz dahinter?
(Ohne dass es vollkommen oder weise sei.)
Und:
Wo könnten wir hingelangen, wenn das jede und jeder so handhaben würde?
(Ohne dass dies für jede und jeden so passen würde.)

 

Unausgegorene Gedankensplitter. In einer wild-chaotischen Gedankenblase vor sich hin reifend.

 

Fragen ans Ich

„Die Menschen sind geradezu süchtig nach dem, was ihnen nicht guttut. Sie glauben offenbar, es wäre blamabel, gemäß ihren tatsächlichen Talenten zu leben. Dieses sich zum eigenen Vorteil nicht bescheiden können und an den Angebereien und G’schaftelhubereien teilhaben zu wollen, ist eine Geisteskrankheit. Von den daraus abgeleiteten Überforderungen werden sie dann herumgeschubst und geraten ins Trudeln. Es ist wie bei denen, die nicht die geringste Begabung fürs Reiten haben, und eines Tages lesen sie irgendwo den Spruch ˋDas Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferdeˋ, den gewiss ein Sattelerzeuger als Reklame erfunden hat, und jetzt wollen sie unbedingt auf ein Ross hinauf. Sie tun es. Dann passiert, dass sie abgeworfen werden, und während sie mit ihrem Zuckergoscherl im Gatsch liegen und ihnen alles weh tut, flüstert ihnen der innere Hausteufel: ˋDu musst zurück in den Sattel, denn dort wirst du ja das Glück erfahren.ˋ Sie tunˋs wieder und, bumsti, liegen sie wieder auf der Erdˋ und so weiter ad infinitum, bis sie halt endgültig zerschmettert sind.“

„Diejenigen, die sich für nützlich halten, sind oft eine Pest für die Menschheit und machen das Einfache mit Leidenschaft kompliziert. Die Taugenichtse, zu denen auch ich mich, mit Stolz, zähle, hinterlassen keine Kriege und andere Tragödien, sie spazieren im Dasein herum und können genießen, was es gerade im Angebot gibt. Sie kennen den Wert des vermeintlich Wertlosen und sehen das Talmihafte der Kronjuwelen der Weltenlenker, oder so ähnlich, oder was weiß ich.“

Julian übte gerne, seine ganze Aufmerksamkeit in einzelne Schritte zu legen. Dann spürte er den Druck, den die Begegnung seiner Schuhsohlen mit dem Granit der Pflasterung hervorrief, ebenso das Anspannen und Entspannen seiner Waden und Oberschenkelmuskeln, das Abfedern, das die Ferse leistete, oder die makellosen Bewegungen seiner Kniegelenke. Ein andermal nahm er bewusst die Gerüche wahr […] So lernte er bald, dass alle Stunden aus derart vielen, für gewöhnlich überhörten, übersehenen, überrochenen, überfühlten Nuancen und Vorkommnissen bestanden, dass man sich fragte, an wen all dies Getümmel eigentlich adressiert war. Gab es für jedes Signal, das ausgesandt wurde, einen Empfänger? Dienten sie als Orientierungshilfe für Luftgeister oder Dybbuks? Waren etwa die Millionen von Geräuschen Grundlage und Impulsgeber für bestimmte unerforschte Abläufe bei Fauna und Flora? Es gab eine Welt hinter der Welt, dessen war er sich sicher. Aber wo befanden sich die Durchschlüpfe in diese Dimension, und welche Techniken musste man beherrschen, um dort Fuß zu fassen? […] Was er als besonders bemerkte, entsprach allerdings für die meisten seiner Leser dem reichlich Unauffälligen und Leisen, das häufig überhaupt erst durch seine Beschreibungen in ihre Wirklichkeit trat. In einer Gesellschaft des groben Rasters und der Vereinfachungen war er ein altmodischer Parteigänger der Zwischentöne und Verästelungen.

Der vollkommene Süden. Er wusste nicht genau, was die Eigenschaften dieses Gebiets waren, aber deren Wirkungen glaubte er zu ahnen: allen voran jene bedeutende innere Ruhe, die Antworten von Klarheit auf wichtige Fragen zuließ. Ganz bei sich selbst würde man dann sein, keiner und keinem die Macht gebend, einen zu verletzen. Imstand, den eigenen Wert zu erkennen und zu achten und endlich Vertrauen zu stiften zwischen Körper, Geist und Seele. Versöhnt mit sich selbst, Augenblick um Augenblick die Herausforderung annehmend, die eigenen Möglichkeiten bis zum Äußersten zu leben.

Ein Potpourri, das mich aufhorchen lässt. Gefunden in André Hellers „Das Buch vom Süden“.

Es sind ja immer wieder diese Fragen, an mein Ich, an seine Entscheidungen, die kleinen alltäglichen, und die großen weiterreichenden:

In welche Sattel klettere ich, obwohl sie mir nicht passen? Wo erliege ich dem groben Raster, den Vereinfachungen, wo sitze ich dem Talmihaften auf und lasse mich blenden? An welche „Nützlichkeiten“ verschwende ich meine Zeit und Kraft?

Und:

Durch welche Augen muss ich blicken, damit mir die Welt hinter der Welt sichtbar wird, mehr und mehr? Wie öffne ich mich für das „vermeintlich Wertlose“, für all die „Zwischentöne und Verästelungen“? Was bedeutet das für mich: im Dasein herumzuspazieren?
Und wo finde ich meinen eigenen Süden? Er muss ja nicht vollkommen sein …

Fragen, die ich jetzt einfach so stehenlasse. Die weitergetragen werden wollen und weitertragen.

im Oktober

war es warm und fast noch sommerlich, so wie in den letzten Jahren öfter um diese Zeit
*
kam das Schulleben so richtig in Fahrt, so wie immer in diesem ersten Schuljahresabschnitt;
sind die neuen Klassen fürs Erste kennengelernt (inklusive aller Beglückungen und Schwierigkeiten, die solch ein Bezehungsaufbau mit sich bringt);
haben uns vor allem die neuen Kleinen anhaltend auf Trab gehalten, da liegt noch viel Arbeit vor uns, auch mit den Eltern, welche sich mehr als wir sorgend und fast schon panikmachend zeigen;
sind wir mit dem ganzen Kollegium zu einem fruchtbaren Pädagogischen Wochenende gefahren, was mir mal wieder gezeigt hat, wie dankbar ich mich an dieser Schule fühlen darf;
haben wir in der Steuergruppe getagt – u.a. wegen dieses Wochenendes -, in Konferenzen gesessen und sehr viele kleine Teamtreffen sitzend, stehend oder mailend absolviert
*
habe ich ausnahmsweise mal auf der Mutterseite Elternabende besucht;
gab es nur wenige besondere Ereignisse im Leben der Kinder, aber dafür sehr viele Gespräche – über Schul- und Lebensdinge, über Freunde und Freundinnen, über Dinge, von denen Eltern „einfach keine Ahnung“ haben – hach, es ist so toll, große Kinder zu haben;
ja, das wurde mir mal wieder bewusst, wie groß sie geworden sind, rein körperlich schon: beim allfälligen Klamotten- und Schuhkauf nämlich, beim Sohn wird das immer komplizierter (zu groß für Kinder-, zu schmal für Männergrößen …)
*
bin ich mit der Tochter am warmen langen Feiertagswochenende auf kleiner Radtour nach Strasbourg gewesen, sogar im Zelt, mit allen Freuden, die das Reisen in drei kurzen Tagen mit sich bringen kann;
habe ich versucht, in einen mit mir selbst verträglichen Alltagsrhythmus zu finden, was sich mehr und mehr als schwierig herausstellt – es sind wohl einfach zu viele Aufgaben, zu viel regelmäßig Anstehendes, als dass es gut machbar bleibt: hier steht Veränderung an, im Äußeren und im Innern;
habe ich daher mehr als sonst auf die Herbstferien hingehibbelt, einfach nur um dringende Dinge von allen möglichen Stapeln abzuarbeiten, ohne permanent die Uhr im Nacken zu spüren;
sind wir einen lang schon vor uns her geschobenen Möbelkauf angegangen: die Kinder durften von ihren Minikinderschreibtischstühlen auf richtig große aufsteigen, und ich habe mir ein Bett ausgesucht und bestellt, nachdem das derzeitige nicht nur klappert und wackelt, sondern mich mehr und mehr durch widerborstig aus der Matratze herauspiekende Federn zu wecken versucht (nicht witzig, das:));
bin ich schließlich – im Moment, wo ich dies schreibe – in der Mitte der Ferien und wohl dem Punkt größter Ruhe angekommen

sichtgewandelt

Man könne das Leben nicht durch gleichförmig ablaufende Zeiteinheiten ausmessen, weil es nicht aus einem Gleichtakt von „so und so vielen Tagen, Wochen, Jahren“ bestehe, so las ich neulich. Diese Täuschung versuche dem „Ernst der Einmaligkeit auszuweichen.“
Wir schieben die mechanische Gleichförmigkeit der abstrakten Stunden oder Tage vor. In Wahrheit sind jede Stunde, jeder Tag, jedes Jahr lebendige Phasen unseres konkreten Daseins, deren jede nur einmal kommt, da sie eine unvertauschbare Stelle in dessen Ganzem bildet.
Darin, daß jede neu ist, noch nicht da war, einzig ist und für immer vergeht, liegt ja auch die Spannung des Daseins; der innerste Anreiz, es zu leben. Sobald er nicht mehr empfunden wird, entsteht ein Gefühl der Monotonie, das sich bis zur Verzweiflung steigern kann. Ebendaraus wächst aber auch die Schwere der Tatsache, daß nichts Vergangenes einzuholen ist, und damit die Not des Verloren-Habens.
(Aus: Romano Guardini „Die Lebensalter“)

Mich springen diese Worte an. War das doch lange Zeit – bis jetzt sogar? – auch meine Täuschung. Das Ganze des Lebens schien mir unendlich, jeder Lebensmoment wiederholbar zu sein. Nicht in einem naiven Sinne, wie ein Kind etwa noch kaum daran denkt, dass es einst sterben wird, aber eben doch. Mich täuschte es darin, dass ein jeder Lebenspunkt, ein jeder Lebensbogen jederzeit wieder aufzugreifen, fortzusetzen, in ein Neues zu verwandeln wäre.
Eine Illusion in zweierlei Hinsicht lebte (und lebe?) ich damit: Das schon Gewesene scheint unendlich fortsetzbar zu sein. Und das noch nicht Gewesene scheint immer nur mit diesem bereits Gewesenen zu tun zu haben.

Und nun – merke ich auf. Wie wäre es denn, wenn ich einen jeden Lebenspunkt als ein Neues lebte, als einen einzigartigen Moment mit einzigartigem Charakter? Wenn mir Wiederholungen, der äußeren Abläufe etwa, nicht als Wiederholungen erschienen, weil sie dies letztlich nicht sind? Schaut man nämlich über die äußere Form in ihrer Ähnlichkeit zu schon Gewesenem und noch Werdendem hinaus, wird in jeder Wiederholung etwas Eigenes, Unvertauschbares sichtbar. Was öffnete sich mir, wenn ich den routinegefüllten, sich hohl anfühlenden Tagen ihre jeweilige Einzigartigkeit abzugewinnen vermöchte? Und den besonderen, spektakulären Momenten ebenfalls? Auch diese sind ja nicht unendlich wiederholbar, möglicherweise gar nie wiederkehrend. Wie wäre es, die Einzigartigkeit eines jeden Lebensmomentes beim Wort zu nehmen?
Dann wäre ein jedes Das-mache-ich-beim-nächsten-Mal oder Hier-fahren-wir-wieder-her oder Der-Tag-kann-weg oder Wenn-nur-die-Woche-erst-vorbei-ist Täuschung, wäre fortgesetztes Verkennen der Einzigartigkeit.
Kann ich ohne diese irreführenden Sätze leben? Kann ich nicht nur vermeiden, sie auszusprechen, sondern kann ich sie selbst im Unbewussten löschen?

Es ist ja auch so: Wenn mich zuweilen Wehmut über Vergangenes überfällt, weil es mir als Verlorenes daherkommt, dann vielleicht, weil ich diese Momente damals nicht als Unvertauschbare, sondern als stets und beliebig oft zu Wiederholende gelebt habe. Irrtümlich. Ich war jung.

Einzigartigkeit löscht Momente sozusagen aus. Im Augenblick ihres Vergehens werden sie zu Gewesenem. Zu einem Es-war. Es-wird-nicht-mehr-sein. Ein Satz, gegen den man sich häufig wehrt. Andererseits – und das wurde mir noch nie so klar – eröffnet erst das Vergehen Raum für Neues. Ja, zu begreifen, dass ein jeder Lebenspunkt mir etwas vom bisher Ungelebten bringt, vom noch nie Ge- und Erlebten, bedeutet Öffnung. Die von mir schon erfahrenen Dimensionen münden stets in einen geweiteten und immer noch zu weitenden Raum.

Sagte ich vor einigen Jahren zu mir selbst, dass ich nicht hadern würde, träfe mich von heute auf morgen das Wissen um mein Baldsterbenmüssen, denn ich hätte ja alles gehabt, was das Leben schenken kann, so beginne ich nun wieder zu fürchten, dass es alsbald zu Ende sein könnte, dieses wunderbare Leben. Die tiefe Dankbarkeit für alles was war, ist weiterhin und unauslöschlich in mir. Ich bin mir nach wie vor bewusst, wie viel Reichtum sich mir im Laufe meines Lebens geschenkt hat. Insofern bin ich bereit.
Und doch ist ein Stachel gewachsen. Dass das nicht alles gewesen sein darf. Dass es nicht gerade jetzt enden solle, wo so vieles, was zu mir gehört, von mir noch nicht gelebt wurde.

Mit neuem Fokus aber, scheint meine Sehnsucht nach einem Mehr zu sein. Ich möchte nicht einfach weitergehen, weiter Schätze ansammeln, weiter beschenkt werden. Eher entspräche mein Weiter einer Umkehr, wenn ich es räumlich fassen wollte. (Umkehr und Umkehrung. Enthält Öffnung und Weitung immer auch Umkehrung? Weil das umfassendste Öffnen zu jedem Ding sein Gegending enthält?)
Bisher habe ich vor allem empfangen und genommen, was das Leben schenkte. Die Kinder, die insbesondere. Diesen beglückenden Beruf. Die Geborgenheit im Leben. So vieles. Zurückgegeben jedoch, so fühlt es sich an, habe ich noch nicht viel. Darum wäre ich arm, fühlte es sich arm an, wenn ich jetzt schon ginge. Weil die Zeit des Weitergebens, des Durchmichströmenlassens ja gerade erst beginnt.

Mich erahnt, dass sich hierbei neue Räume öffnen werden. Mein Alltagswirken, natürlich, das wird bleiben. In diesem lebe ich wie bisher Verantwortung, mit allem, was dieser Begriff umfasst. (Dass mir dies nicht in allen Belangen gelingt, so wie ich gern möchte, das ist Teil des Weges. Ich lerne dies zu akzeptieren.). Auch hier schon ist Empfangen und Weitergeben in einer Dichte verflochten, dass es zuweilen kaum zu trennen ist.
Aber mir scheint mehr und mehr, dies sei nur der erste Schritt. Ich kann noch nicht fassen, in Worte schon gar nicht, was da beginnen will. Es hat mit Loslösen aus Seilen zu tun, mit Träumen, mit Fliegen, mit Befreiung, aus der Innensicht betrachtet. Mit weit umfassenderer Verantwortung als bisher, für das mich Umgebende, aus der Außensicht benannt. Und mit einem neuen Blick auf das, was im Außen – so sind diese Zeiten – immer schwärzer zu werden droht. Mit einer hoffnungsvolleren Sicht auf das Ganze.

Ach, ich kann nicht erklären, was genau mich da anweht, worin genau das neu Empfundene besteht. Sichtbar wird es mir selbst an scheinbar marginalen Dingen wie dem Weggehen von meinem zweiten Dienstort, an dem ich vor Kruste kaum mehr atmen kann, an meiner größeren Sorgfalt im Umgang mit mir selbst, mit meinen Kräften und meiner Gesundheit, an meinem langen Reisen, auf dem ich Ähnliches suche wie am Klavier, mit den farbigen Stiften und mit meiner Schreibhand. Nicht einen Zustand des Mit-mir-und-in-mir-Seins nämlich, sondern … ja, doch, diesen Zustand suche ich auch. Aber mit deutlich vernehmbarem Mitschwingen eines Um-zu’s. Um zu … ja, was?
Ich stochere im Nebel. Noch. Vielleicht so: Um Wege zu finden, und Gefährten auch, die in Heilung hineinführen. Für die Welt möchte ich sagen. Das klingt zu groß, ich zucke zurück. Also gut, für das mich Umgebende, zunächst. Dies versperrt sich dem Geschrieben- und Gewünschtwerden nicht sofort.
Heilung also. Wollen doch Kopf und Vernunft in diesen Zeiten resignieren, Anlass genug haben sie. Darum sind Kopf und Vernunft nicht ausreichend. Es kann nur im Herzen beginnen, und in den Träumen. In unbenennbaren Sphären wird sie möglich: die Hoffnung auf Frieden.

Wie war ich an diesen Punkt gekommen? Erstaunlich, wohin sich dieser Text seinen Bogen geschlagen hat, fast könnte man es einen Haken nennen. Von meinen eigenen Lebenspunkten in ihrer Unwiederholbarkeit über meine Verortung in dem mich Umgebenden zu den Lebensmomenten der Welt als Ganzes. Viel zu groß, diese Wortgruppe.
Ich wollte ja nur anmerken, dass die Einzigartigkeit von Allem stets Neues gebiert. Und dass wir das Neue träumen dürfen …

 

PS.
Der Text lag lange im Entwürfe-Ordner. Ihm fehlte ein Ende. Beziehungsweise der Mut zu einem Ende. Erst als ich das Wort Träumen fand, in diesem Text nämlich und in diesem, und den Mut dazu es einzusetzen, wagte ich, ihn als fertig zu sehen. Als vorläufig fertig. Und so steht er jetzt hier. (Danke.)