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Baumwandelweg #1

Ich habe mir ein neues Ritual geschaffen: diesen Weg zu gehen. Einmal in der Woche, oder häufiger.

Es war mein Weg in jener Nacht, als ich lief und später schrieb:
Diese besuchte ich, diese ungleichen Freunde – oder sind sie zwei Seiten ein und desselben? Es zog mich zu ihnen, zu ihrem nahen Beieinander von Kargheit und Fülle, von Kraft und Schwäche. Lehnte mich an sie an, an beide, zu lauschen und zu tasten und zu riechen und einzuatmen, was sie mir mit auf den Weg geben können. Ich nahm es mit.

 

 

Das Ritual wird wichtig werden, weil ich noch zu verwandeln habe. Zu verwandeln, was damals nur erst begonnen hat. Vieles bin ich nicht bis zum Ende gegangen. So werde ich diesen Weg immer wieder gehen.
An Tag Eins des (noch erst entstehenden) Rituals formuliere ich es also im Perfekt: „Ich habe geschaffen“. Die Sprache erzählt von der Sicherheit meines Entschlusses.

Auf dem Weg stellen sich mir Aufgaben.
Erstens sind da Dinge, die ich noch nie im Leben gesehen habe. Ich werde hinsehen üben.
Mehr und mehr möchte ich Stücke des Weges mit geschlossenen Augen gehen. Um mehr Dimensionen des Sehens zu erfahren.
Abgesehen davon, dass mir Bewegung überhaupt nötig geworden ist.

Der Auslöser aber ist der Baum. Mein Baum. Mein starker Baum, damals noch neben seinem schwachen, kargen Begleiter, hat diesen inzwischen verloren. Warum und wie, dies habe ich nicht miterlebt.
Etwas spricht zu mir aus diesen beiden, von denen nur noch einer sichtbar ist.

Und wie es sich oft ergibt, treffen zwei Dinge in Passung aufeinander. Vor wenigen Tagen – wir waren auf Bergreise – stieß ich auf Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Über ein Jahr lang soll ein Motiv, seine Veränderungen oder seine Konstanz, mit der Kamera begleitet werden.
Nun, so sei also der Baum mein „Gegenstand“.

 

 

Gestern ging ich, ihn erstmals zu treffen. (Mit ein paar Tagen Verspätung, der Bergreise geschuldet.) Ich probierte Blickrichtungen aus. Aus verschiedenen schrägen Winkeln fotografierte ich, diese kommen mir jedoch künstlich vor. Weil ich da etwa auf einen Hügel klettern muss, ich weiß nicht, ob man dort immer wird hinaufklettern können. Oder weil ich durch andere Bäume hindurch fotografiere, die im Sommer wer weiß wie dicht zugewachsen sein werden. Wann immer ich mich vom Weg wegbewege, stellt sich mir das Bild als unstimmig dar. Also bleibt die Perspektive von genau dem damaligen Weg aus.

Dazu soll ein zweiter Baum mit auf’s Bild. Etwas abseits steht er, gehört schon zur nächsten Baumgruppe. Und doch erinnert er mich an den damaligen schwachen Freund. Und daran, dass der Große nicht allein steht, dass er seine Stärke nicht im Vakuum lebt. Da ist ein Vieles, von dem ein Jedes nur Teil ist.

Und noch etwas: Es ist von Vorteil, dass sich dieser Baum nicht direkt bei mir zu Hause befindet. Ich kenne mich, meine Kontrollwut würde dazu führen, dass – bei einem Fenster- oder Gartenblick etwa – ich ewig ewig ewig durch die Kamera schauen würde, bis das Licht vermeintlich perfekt, ausgewogen, harmonisch ist, bis es die Farbe hat, die ich mir vorstelle. Ich würde am Fenster sitzen und den ganzen Tag auf das richtige Bild lauern.
Durch den kleinen Abstand hoffe ich nun, mein Kontrollierenmüssen etwas zu kontrollieren:) Weil ich mich zu meinem Motiv nämlich auf den Weg machen muss. Bis dorthin ist es nicht sehr weit, aber schon ein paar Meter zu gehen. Von zu Hause aus sehe ich diese Himmelsrichtung, diesen Blick und diese Kuppe nicht. Wenn ich losgehe, weiß ich nicht, was mich dort erwarten wird. Weil ich zumeist nicht den ganzen Tag dort verweilen kann, werde ich vielleicht die eine oder andere Wolke ziehen lassen, aber ich kann nicht die gesamte Bildstimmung beeinflussen.
Das wird dem Bild gut tun.
Einem Bild des Wandels mit einer Prise Absichtslosigkeit.

 

Spuren im Schnee

Es schneit. Immer wenn ich hier anreise, schneit es, möchte ich meinen. Sehr oft jedenfalls liefen wir den allerersten Tag gemächlich durch ein Schneewirbeln. Wie eine sanfte Hilfestellung beim Ankommen in der äußeren Ruhe, wenn nichts anderes möglich ist als im frischen Schnee zu treiben, um nicht von der häuslichen sogleich in eine Feriengeschäftigkeit zu fallen.

Es schneit also. Wir spuren uns durch das frische Weiß. Lassen Flocken auf Händen, Gesicht und Zunge schmelzen. Weg sind sie. Oder? Denke ich gleich darauf.
Ich laufe mit geschlossenen Augen, höre jede Schneeflocke auf der Jacke landen und spüre den Wind, wie er sich Einlass in die Kapuze verschafft. Wenn es weich unter den Schritten wird, bin ich von der Straße nach rechts oder links abgewichen, es ist leicht zurückzufinden, auch beschuhte Füße haben Tastsinn. Die Geräusche des Ortes verlaufen diffus in der Ferne, das weiche Nebellicht zeichnet wandelnde Muster auf meine Augenlider. Wieviel doch hindurchdringt … vom Licht durch die geschlossenen Augen, vom schneidenden Wind durch den dichten Anorak, vom Dorfrauschen durch das Schneegrieselpochen.

Offensein. Durchlässigkeit.

Doch auch: Wieviel hindurchdringt vom Alltagswirbeln in das Hiersein, vom lange nicht abgetragenen mentalen Packsack in die vermeintliche Gelöstheit der Ferientage, von längst vergangen geglaubten Zeiten in mein Jetzt.
Jeder Schritt bohrt die Dinge tiefer in mich. Ich bin wund. Ein steinerner Klumpen dicht am Herz.
So wenig Abschirmung, so wenig Grenzen, so wenig Schutz.

Suche ich Abgrenzung? Nur die eine Form, die andere nicht? Oder die eine wie die andere?

Und was löst der Schnee in mir aus?
Ich erwarte ihn als bereinigt vom Vergangenen. Setze ich ihn meinen Erwartungen zu sehr aus?
Welche Spuren trägt er, die doch eigentlich in den Sommern geschmolzen sein müssten?

Schritte der Einsamkeit.
Angst vor Vereinnahmung.
Dialoge, in denen Nichtnahekommen sichtbar wurde.
Erstarrung und Mauernbau.
Maske und Immer-schön-lächeln.
Hochglanzfotos von alpenglühenden Bergen an Schneereinweiß.
Verkennen und verleben.
Unfähigkeit für das Einfachste.
Ratlosigkeit und Nichtahnen, wie es überhaupt gehen soll.
Tage der Illusion und der Desillusionierung.
Knallhartes Erkennen.
Versagen und Verantwortungsverweigerung.
Sterben und Gestorbenes.

Wie viele Wege ich hier ging.
Die Pfade wissen alles von mir. Ihr Schnee schleudert es mir erbarmungslos ins Gesicht.

Ist Schmelzen eine Illusion? Trägt Schnee die eingespurten Muster für immer in sich? Gibt es am Ende gar keine Schneeschmelze?
Wie will ich weiterleben?

Die Fragen lieb haben

… und ich möchte Sie, so gut ich es kann bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie jetzt nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.

(R. M. Rilke)

Seelenperlen

Es gibt Tage, da kommen sie auf mich zu.
Es gibt Tage, da suche ich sie, sehnlichst.
Und wenn ich es recht verstehe, hat jeder Tag immer beides. Das Suchen und das Kommen. Das Geschenk und der Durst danach.
Je mehr mich sehnt, desto mehr schenkt es sich. Je mehr mir geschenkt wird, desto mehr wird mir gewahr, wie tief die Sehnsucht danach immer wieder ist.
Ein Schwingen auf dem weiten Bogen von Öffnen und Empfangen.

Heute suchte ich, sehr. Und fand …
… das morgendliche Vermissen. Eine Ruhe im Haus, ganz gelassen konnte ich dem späten Arbeitsbeginn entgegengehen. Und doch fehlte das pubertierende Wirbeln im Haus. – Glücklich, wer vermissen und bald wieder in die Arme schließen darf.
… das dunstige Licht des anbrechenden Frühlings, von der Bergkette her mich anstrahlend, durch den Zauber silhouettiger Baumkahlheit hindurch.
… die wärmend-tröstlichen Worte, die zu halten vermochten, was gerade schon am Auseinanderfließen war.
… meine Traurigkeit, meine treue sanfte Begleiterin, die mich erdet und immer wieder an die Hand nimmt, wenn ich daran bin, mich zu verlieren.
… ein plötzlicher Frieden im Innern. Mir zugeflogen aus undurchschaubarer Tiefe.

Ich atme ja.
Immer weiter.

Du hast einiges zu lernen

Was wir unseren Kindern am dringendsten
beibringen möchten,
haben wir selbst noch nicht begriffen.
Also versuchen wir ständig zu lehren,
was wir selbst nicht wissen.

Das ist unsinnig.
Versuche statt dessen zu schweigen.
Schau dir die Situation genau an.
Höre aufmerksam zu.
Öffne deinen Geist für neue Sichtweisen.
So lernst du, was du wissen musst.
Und du zeigst deinen Kindern,
wie sie ihre Lektionen lernen können.

***

Nichts ist für Kinder lehrreicher
als Eltern, die zum Lernen bereit sind.
Welche Verhaltensweisen deiner Kinder
beunruhigen dich?
Was sagt dir das über dich selbst?

(William Martin: Das Tao te king für Eltern)

lebensverwaltend

Viel Zeit meines Lebens geht dafür drauf, dass ich das Leben nicht lebe, sondern verwalte. Diese Papier-, Telefon-, Rechnungs- und Organisationsdinge, von denen mein – und vermutlich unser aller – Alltag so voll ist, erlebe und empfinde ich mit als das Anstrengendste und Nervendste auf meinen To-do-Listen. Zu gern würde ich seinen Umfang verringern, allein ich weiß nicht wie. Denn es fiel und fällt mir schwer, meine Stimmung wenigstens im mittleren Bereich zu halten, wenn ich mich über längere Zeit mit diesen Dingen abgeben muss. So sehr ich mir auch sage, dass ich mich davon nicht beherrschen und trüben und vereinnahmen lassen will …

Darum schaue ich mir mal auf die Finger, was ich da alles so verwalte. Heute häufte es sich, weil ein Tag ohne Termine in Schule und anderem Dienstort und ohne familiäre Auswärtsaufgaben prädestiniert dafür ist, von den angestauten Verwaltungsbergen abzutragen, was geht. Das war heute …

… eine große Aufräumaktion der Papierablage, in der sich seit Mitte letzten Jahres fünf Höhenzentimeter Papier angestaut hatten, wo allein das Abheften in Leitzordner als Tagesaufgabe gereicht hätte; doch …
… meine dienstlichen Papiere enthielten unter anderem zwei Rentenbescheide mit Auflistungen all meiner Lebensarbeitszeiten, in denen sich Fehler befanden, so dass ich per Widerspruchsbogen reagieren musste …
… die Beihilfe- und Krankenversicherungsabrechnung wollte durchgesehen werden, weil da nicht alles Geld zurückgekommen war, es stimmte aber letztlich doch, und ich tütete nur noch den letzten Beihilfebescheid in den Umschlag an die Krankenversicherung …
… dabei fiel mir ein, dass ich lange keine Rechnungen bezahlt hatte, der Stapel der Arztrechnungen war schon wieder groß, eine ganze Überweisungsserie, doch für einen neuen Beihilfeantrag fehlte mir am Abend dann die Zeit …
… die Papiermengen wegen unseres Wasserrohrbruchs sind unermesslich, ich sortierte und tackerte und heftete ab, jetzt ist es endlich weg …
… die Unterlagen zu meinem Auffahrunfall im Dezember enthielten noch ein Fragezeichen und damit einen Anrufgrund bei der Versicherung, warum da jetzt so und so entschieden wurde …
… die Papierestapel der Kinder werden mit den Jahren auch nicht kleiner, all diese Zeugnisse, Erinnerungen, Organisationspapiere für ihre 1001 Aktivitäten, Anmeldungen, Abrechnungen, ich sortierte und heftete und tackerte, auch am Nachmittag noch mit dem Sohn zusammen, weil er allein seine Matheseminarpapiere u.ä. noch nicht gebändigt bekommt …
… dringend war ein Anruf bei der Austauschorganisation des Sohnes fällig, wegen seines neuen Personalausweises und wegen eines verpflichtenden Vorbereitungsseminars, und als Folge davon ein Brief an den Jugend-musiziert-Landeswettbewerb mit Bitte um Vermeidung einer Terminkollision …
… weil die Tochter das Cello wechselt, musste die Musikinstrumentenversicherung benachrichtigt werden, in diesem Zuge fragte ich gleich wegen einer Versicherung für mein Leihcello an, was einen Anruf beim Geigenbauer zur Folge hatte …
… wegen veränderter Stundenpläne musste ein Familienzahnarzttermin umgelegt werden …
… mit den anderen Streichquartetteltern lief den ganzen Tag ein Mailwechsel zum Terminfinden des gemeinsamen Essengehens …
… auf der Schulliste standen zwei Anrufe in Fremdschulen, um organisatorische Details für anstehende Unterrichtsprüfungen abzuklären – und weil Schulleiter erstmal so gar nicht zu erreichen sind, wurden aus den zwei Anrufen sieben …
… mit meinen Referendaren läuft ein Terminfindungsmailing, was nicht so einfach zu einem konstruktiven Abschluss zu bringen ist …
… für meine ganz eigene Unterrichtsverwaltung ergänzte ich alle Noten- und Verwaltungstabellen um Spalten für das zweite Halbjahr, um veränderte Excelformeln und um die notwendigen Umstrukturierungen …
… ebenfalls als verwaltend sehe ich meine heutige Unterrichtsvorbereitung an, denn ich übertrug nur alte Vorbereitungsbausteine in meine seit drei Jahren digital geführte Vorbereitung, scannte Aufschriebe ein und übertrug Tafelbildfotos in die Dokumente …
… rein organisatorischer Natur waren auch alle Schulmailkontakte des Tages: Elternsprechtagsvereinbarungen, Fachbereichsabsprachen, Wettbewerbsauswertung, Protokollerstellung …

So. Fazit: Alles was ich heute tat, war organisierender und verwaltender Natur. Ich habe kein einziges inhaltliches Gespräch geführt, weder mit den eigenen Kindern noch mit oder über Schüler, ich habe keine inhaltlichen Konzepte für meinen Unterricht kreiert, ich habe nichts geschaffen, ja ich habe noch nicht mal korrigiert – dieser Blogtext ist noch die kreativste Leistung des Tages.
Und doch war mein Tag mehr als voll. Es war viel. Und das ist keine einmalige Aktion, das ist Alltag. Es wird viel bleiben. Denn wegzulassen ist davon kaum etwas. Weder möchte ich die Aktivitäten der Kinder eindämmen – und diese sind hier in unserem Fall seit Jahren mit sehr viel Organisationsaufwand verbunden. Noch scheint mir bei meinem eigenen Papierkram viel Überflüssiges dabeizusein. Und die schulischen Dinge gehören nunmal einfach zum Job.
Dazu kommt, dass ich mich mit dem Telefonieren immer schwerer tue. Vor ein paar Jahren fand ich in meiner Telefonphobie einen leichten Lichtblick, da wurde es mir leichter. Derzeit ist es wieder arg. Jedes Greifen zum Hörer gleicht einem mentalen Dauerlauf, manchmal mit Sprintfinale, mit erhöhtem Puls, Haspeln, Stottern, in die falsche Rolle fallen, all das. Ich brauche entsprechend lange, um den Hörer aufzugreifen, sogar bei privaten Telefonaten geht es mir so, umso mehr mit fremden Menschen und organisatorischen Anliegen. Ein „nicht erreichbar, rufen Sie doch später nochmal an“ baut einen neuen Berg vor mir auf, mit jedem Versuch wird es mir schwerer. Wenn es irgendwie geht, schreibe ich stattdessen Mails, was dann natürlich wieder länger dauert. (Und doch habe ich heute 13 – in Worten: drei!zehn! – Telefonate geschafft. Ein Marathon.)
Also: es ist nicht einfach.

Und wie gehe ich nun damit um?
Rein äußerlich: ich habe immer noch nicht herausgefunden, ob ich all das Zeugs lieber in kleinen täglichen Rationen dosiere oder besser so wie heute große Mengen auf einmal angehe, um mich dann eine Zeitlang frei(er) davon zu fühlen.
Der Kern der Frage liegt aber wohl woanders. Wie ändere ich meine innere Einstellung dazu? Wie finde ich in eine positive(re) Beziehung zu dem, was mich in trübe Stimmung zieht, was ich nicht akzeptieren will als Teil des Ganzen, zu dem, was ich zuallererst immer als nervig, anstrengend und überflüssig empfinde? Bin ich doch Realistin genug um zu wissen, dass man heutzutage mit all diesem leben muss. Also bleibt von Love-it-leave-it-or-change-it bei näherer Betrachtung ja nur Love-it übrig. Kürzlich las ich Texte darüber, einen welch großen Einfluss unsere Gedanken auf unsere Gefühle haben. An Gedanken lässt sich eher stellschraubig drehen als an Gefühlen.
Hier bei diesem Verwaltungszeugs, das wäre doch ein geeignetes Übefeld für diese so viel weitreichendere Lebensaufgabe:
Wie verändere ich meine Einstellung zu den Dingen?

 

unvermittelt

Manchmal sticht er aus dem Nichts,
einfach so hinein in das Strahlen des Tages,
ein unvermittelter Schmerz,
das Helle durchdringend,
ausgelöst von einem Ich-weiß-nicht-was,
tränentreibend,
in Wehmutsländereien hineinführend
und am Herz der Sehnsucht ziehend.

Mich in diesen Momenten auflösen,
mich hinein- und hingeben,
zuhörend mich formen lassen,
die innewohnende Wegweisung wahrnehmen
und als Geländer mir ergreifen
– was sich mir wohl öffnete, wenn ich dies vermöchte?

„Done“ statt „to do“

Es war ein Versuch. Oder: Es ist ein Versuch. Denn er läuft ja noch, ich habe ihn nicht abgebrochen. Da ist zuviel Bewahrenswertes. Aber auch Unmögliches. Ich werde eine andere Variante finden müssen, experimentieren, modifizieren, es passender für mich gestalten.

Es ging und geht – wie schon so oft – um meinen Umgang mit der Zeit, mit dem engen Terminkorsett, den vielen anstehenden Aufgaben. Schon lange bedrängt mich zusätzlich zu der Tatsache, dass sie nunmal da sind, die vielen Aufgaben, was sich weder verhindern noch leugnen lässt, mein Umgang mit dem Vielen.
Obwohl der Kopf es besser wusste, hielt er über lange Jahre meine Hand nicht davon ab, bei jeder Gelegenheit – morgens, nach der Schule, zu Wochenendbeginn, zum Ferienanfang – lange lange To-do-Listen zu schreiben. Als bereite es mir besonderes Vergnügen, mir stets vor Augen zu führen, wieviel Unschaffbares ständig auf mich wartet. Denn allein die optische Länge der Liste machte sie zu einer Überforderung, mir war immer vorher schon klar, dass all das im gesetzten Zeitrahmen nie und nimmer zu erledigen sei. Zwar verschafft es mir Befriedigung, im Laufe der Zeit einen Punkt nach dem anderen auszustreichen, doch zu einem Ende der Liste kam ich nie. Stets blieb noch mehr offen als erledigt war. Auch wenn es mir nicht bewusst im Kopf hämmerte, irgendwie sagte ich mir damit ja doch immer wieder selbst, dass ich es nicht schaffe. Dass alles viel zu viel ist. Oder ich eben zu langsam. Oder zu abgelenkt. Zu verzettelt. Zu undiszipliniert. Irgendwie so.
Warum ich mich so lange auf diese Listen fokussierte, sie mir fast als Lebensgeländer dienten, ich mich ihnen und ihrem permanenten Zugzwang aussetzte, weiß ich gar nicht. Ich litt nicht sonderlich darunter. Es war eben normal, die Dinge nicht zu schaffen.
Die erste unschaffbare Liste schrieb ich übrigens mit etwa 12 Jahren. Ich weiß heute noch, welche Punkte ich in meinem damals schon vollen Leben nicht unterbrachte. Ich holte das Undurchgestrichene von damals übrigens nie mehr auf. Das meiste hat sich nur im Laufe des Lebens erledigt. Von meiner Liste, die ich mit Beginn des Mutterschutzes des Sohnes, jetzt 15einhalb, schrieb, ist übrigens auch noch etwas offen. Und wahrscheinlich von allen Listen, die ich im Laufe meines Lebens schrieb.

Möglicherweise findet Ihr das befremdlich. Ich selbst ja auch:)  Wie kann man seine eigenen Lebensbereiche nur so vollpacken, dass es zwangsläufig überläuft? Warum will ich immer mehr als möglich ist? Warum bin ich hier nicht Realistin genug? Warum setze ich mich dem immer wieder aus?

Und wie fühlt es sich eigentlich an, wenn ich auf solche Listen verzichte?

Die Idee hatte ich schon lange: Nicht mehr den Fokus auf das Unbewältigte legen, sondern auf das, was hinter mir liegt, das Geschaffte, das Getane. Nicht notieren, was vor mir liegt, sondern was ich hinter mich gebracht habe. Jeder Tag ist ein leeres Blatt, das zu füllen ist. Und kein volles, das ich Zeile für Zeile auszulöschen habe.
Eine völlig neue Sichtweise.

Seit Beginn des Jahres probiere ich es aus. Und – was ja nicht überrascht – es hat meinen Alltag veändert.
Tatsächlich spüre ich, wie mich To-do-Listen bedrängen. Erst jetzt, wo sie weg sind, spüre ich das. Ich erlebe eine für mich neue Langsamkeit, jedenfalls phasenweise. Mir gelingt es besser, mir selbst gut zu tun. Etwa indem ich eher und ohne Gewissensbisse schlafen gehe, indem ich mich ans Cello setze, oder ans Buch, oder an die Schreibtastatur, zuweilen auch stundenlang. Ich schaffte es, mich krankzumelden. Ich gab Klassenarbeiten ein paar Tage später zurück, um nicht mehr nachts zu arbeiten. Ich ließ Nichtdringendes liegen.
Stattdessen füllte ich meine Tage so, wie es für mich stimmig war. Reichten die Kräfte weit, füllte sich die Done-Liste des entsprechenden Tages – manchmal schrieb ich sie auf Papier, manchmal nur in meinen Gedanken – zügig und mit Vielem. War ich müde und erschöpft oder mit anderem angefüllt, fanden sich am Abend nur sehr wenige Punkte darauf, na und.
Es war insgesamt gemächlicher, ruhiger, gesünder und in allem mir und meinen Bedürfnissen angemessener.

Aber.
Natürlich gibt es ein Aber. Ein großes sogar.
Es passt nämlich nicht. Es passt hinten und vorn nicht. Dieser Monat war ja nur ein einzelner kurzer Zeitraum im Laufe des Alltagsstroms. Natürlich ist es nicht von Belang, dass in diesen Wochen etliches liegenblieb. Nur: Irgendwann muss das alles getan werden. Das Liegengebliebene nachgeholt, das dann Akute zusätzlich getan und ein paar Langzeitdinge auch endlich angegangen werden.
Im Haushalt, das klingt so banal, sind Dringlichkeiten offengeblieben. Noch fault keine Wäsche im Korb vor sich hin, aber fast, im übertragenen Sinne jedenfalls. Die akuten Familienorganisationsdinge habe ich alle untergebracht, ein paar Langzeitpflichten aber schön verdrängt, für später. Kontakte liegen brach, selbst solche, die mir ein Herzensanliegen sind. In der Schule habe ich von der Hand in den Mund gearbeitet, das wird sich in den nächsten Wochen rächen.

Was also tun? Wie lässt sich das Dilemma lösen?
So Fragen an mich selbst. Ich werde weiterexperimentieren … 

Der Mangelblick

Ich sehe den schmerzenden Fuß,
und nicht, dass meine Beine mich schon ein Leben lang tragen.

Ich sehe die fehlende Butter,
und nicht das selbstverständliche Brot.

Ich sehe die Anstrengung der täglichen Aufgaben,
und nicht deren erfüllende Buntheit.

Ich sehe die Unwegsamkeit der Täler,
und nicht, dass Berge fliegen lassen.

Ich sehe die Krumen des Mangels,
und nicht das Beet der Fülle.

Ich sehe die Momente des Schmerzes,
und nicht das Meer voller Heilung.

***

Wann habe ich diesen Mangelblick erlernt, wann kam er zu mir?
Und ihn umzuwandeln, umzukehren, was braucht es dazu?

Stillezeit

 

1-stille-decke

Unter einer stillen schützenden Decke ist so vieles.

 

 

2-verletzlich

Verletzliches.

 

 

3-unentwirrbar

Unentwirrbares.

 

 

4-erschoepft

Erschöpftes.

 

 

5-trostsuchend

Trostsuchendes.

 

 

6-bedeckt

Bedecktes.

 

 

7-haltsuchend

Haltsuchendes.

 

 

8-oeffnend

Sich öffnendes.

 

 

9-aufkeimend

Neu aufkeimendes.

 

 

10-vortastend

Sich vortastendes.

 

So vieles.

 

Gedankenumkehr

Nicht:
Hat, was ich tue, einen Nutzen und welchen, und ist der gut und groß genug?
Nicht:
Was will ich in meinem Rings-um-mich verändern?

Sondern:
Ist, was ich tue, für mich und für mein Rings-um-mich richtig? Stehe ich mit meinem Selbst ganz dahinter?
(Ohne dass es vollkommen oder weise sei.)
Und:
Wo könnten wir hingelangen, wenn das jede und jeder so handhaben würde?
(Ohne dass dies für jede und jeden so passen würde.)

 

Unausgegorene Gedankensplitter. In einer wild-chaotischen Gedankenblase vor sich hin reifend.

 

Fragen ans Ich

„Die Menschen sind geradezu süchtig nach dem, was ihnen nicht guttut. Sie glauben offenbar, es wäre blamabel, gemäß ihren tatsächlichen Talenten zu leben. Dieses sich zum eigenen Vorteil nicht bescheiden können und an den Angebereien und G’schaftelhubereien teilhaben zu wollen, ist eine Geisteskrankheit. Von den daraus abgeleiteten Überforderungen werden sie dann herumgeschubst und geraten ins Trudeln. Es ist wie bei denen, die nicht die geringste Begabung fürs Reiten haben, und eines Tages lesen sie irgendwo den Spruch ˋDas Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferdeˋ, den gewiss ein Sattelerzeuger als Reklame erfunden hat, und jetzt wollen sie unbedingt auf ein Ross hinauf. Sie tun es. Dann passiert, dass sie abgeworfen werden, und während sie mit ihrem Zuckergoscherl im Gatsch liegen und ihnen alles weh tut, flüstert ihnen der innere Hausteufel: ˋDu musst zurück in den Sattel, denn dort wirst du ja das Glück erfahren.ˋ Sie tunˋs wieder und, bumsti, liegen sie wieder auf der Erdˋ und so weiter ad infinitum, bis sie halt endgültig zerschmettert sind.“

„Diejenigen, die sich für nützlich halten, sind oft eine Pest für die Menschheit und machen das Einfache mit Leidenschaft kompliziert. Die Taugenichtse, zu denen auch ich mich, mit Stolz, zähle, hinterlassen keine Kriege und andere Tragödien, sie spazieren im Dasein herum und können genießen, was es gerade im Angebot gibt. Sie kennen den Wert des vermeintlich Wertlosen und sehen das Talmihafte der Kronjuwelen der Weltenlenker, oder so ähnlich, oder was weiß ich.“

Julian übte gerne, seine ganze Aufmerksamkeit in einzelne Schritte zu legen. Dann spürte er den Druck, den die Begegnung seiner Schuhsohlen mit dem Granit der Pflasterung hervorrief, ebenso das Anspannen und Entspannen seiner Waden und Oberschenkelmuskeln, das Abfedern, das die Ferse leistete, oder die makellosen Bewegungen seiner Kniegelenke. Ein andermal nahm er bewusst die Gerüche wahr […] So lernte er bald, dass alle Stunden aus derart vielen, für gewöhnlich überhörten, übersehenen, überrochenen, überfühlten Nuancen und Vorkommnissen bestanden, dass man sich fragte, an wen all dies Getümmel eigentlich adressiert war. Gab es für jedes Signal, das ausgesandt wurde, einen Empfänger? Dienten sie als Orientierungshilfe für Luftgeister oder Dybbuks? Waren etwa die Millionen von Geräuschen Grundlage und Impulsgeber für bestimmte unerforschte Abläufe bei Fauna und Flora? Es gab eine Welt hinter der Welt, dessen war er sich sicher. Aber wo befanden sich die Durchschlüpfe in diese Dimension, und welche Techniken musste man beherrschen, um dort Fuß zu fassen? […] Was er als besonders bemerkte, entsprach allerdings für die meisten seiner Leser dem reichlich Unauffälligen und Leisen, das häufig überhaupt erst durch seine Beschreibungen in ihre Wirklichkeit trat. In einer Gesellschaft des groben Rasters und der Vereinfachungen war er ein altmodischer Parteigänger der Zwischentöne und Verästelungen.

Der vollkommene Süden. Er wusste nicht genau, was die Eigenschaften dieses Gebiets waren, aber deren Wirkungen glaubte er zu ahnen: allen voran jene bedeutende innere Ruhe, die Antworten von Klarheit auf wichtige Fragen zuließ. Ganz bei sich selbst würde man dann sein, keiner und keinem die Macht gebend, einen zu verletzen. Imstand, den eigenen Wert zu erkennen und zu achten und endlich Vertrauen zu stiften zwischen Körper, Geist und Seele. Versöhnt mit sich selbst, Augenblick um Augenblick die Herausforderung annehmend, die eigenen Möglichkeiten bis zum Äußersten zu leben.

Ein Potpourri, das mich aufhorchen lässt. Gefunden in André Hellers „Das Buch vom Süden“.

Es sind ja immer wieder diese Fragen, an mein Ich, an seine Entscheidungen, die kleinen alltäglichen, und die großen weiterreichenden:

In welche Sattel klettere ich, obwohl sie mir nicht passen? Wo erliege ich dem groben Raster, den Vereinfachungen, wo sitze ich dem Talmihaften auf und lasse mich blenden? An welche „Nützlichkeiten“ verschwende ich meine Zeit und Kraft?

Und:

Durch welche Augen muss ich blicken, damit mir die Welt hinter der Welt sichtbar wird, mehr und mehr? Wie öffne ich mich für das „vermeintlich Wertlose“, für all die „Zwischentöne und Verästelungen“? Was bedeutet das für mich: im Dasein herumzuspazieren?
Und wo finde ich meinen eigenen Süden? Er muss ja nicht vollkommen sein …

Fragen, die ich jetzt einfach so stehenlasse. Die weitergetragen werden wollen und weitertragen.

im Oktober

war es warm und fast noch sommerlich, so wie in den letzten Jahren öfter um diese Zeit
*
kam das Schulleben so richtig in Fahrt, so wie immer in diesem ersten Schuljahresabschnitt;
sind die neuen Klassen fürs Erste kennengelernt (inklusive aller Beglückungen und Schwierigkeiten, die solch ein Bezehungsaufbau mit sich bringt);
haben uns vor allem die neuen Kleinen anhaltend auf Trab gehalten, da liegt noch viel Arbeit vor uns, auch mit den Eltern, welche sich mehr als wir sorgend und fast schon panikmachend zeigen;
sind wir mit dem ganzen Kollegium zu einem fruchtbaren Pädagogischen Wochenende gefahren, was mir mal wieder gezeigt hat, wie dankbar ich mich an dieser Schule fühlen darf;
haben wir in der Steuergruppe getagt – u.a. wegen dieses Wochenendes -, in Konferenzen gesessen und sehr viele kleine Teamtreffen sitzend, stehend oder mailend absolviert
*
habe ich ausnahmsweise mal auf der Mutterseite Elternabende besucht;
gab es nur wenige besondere Ereignisse im Leben der Kinder, aber dafür sehr viele Gespräche – über Schul- und Lebensdinge, über Freunde und Freundinnen, über Dinge, von denen Eltern „einfach keine Ahnung“ haben – hach, es ist so toll, große Kinder zu haben;
ja, das wurde mir mal wieder bewusst, wie groß sie geworden sind, rein körperlich schon: beim allfälligen Klamotten- und Schuhkauf nämlich, beim Sohn wird das immer komplizierter (zu groß für Kinder-, zu schmal für Männergrößen …)
*
bin ich mit der Tochter am warmen langen Feiertagswochenende auf kleiner Radtour nach Strasbourg gewesen, sogar im Zelt, mit allen Freuden, die das Reisen in drei kurzen Tagen mit sich bringen kann;
habe ich versucht, in einen mit mir selbst verträglichen Alltagsrhythmus zu finden, was sich mehr und mehr als schwierig herausstellt – es sind wohl einfach zu viele Aufgaben, zu viel regelmäßig Anstehendes, als dass es gut machbar bleibt: hier steht Veränderung an, im Äußeren und im Innern;
habe ich daher mehr als sonst auf die Herbstferien hingehibbelt, einfach nur um dringende Dinge von allen möglichen Stapeln abzuarbeiten, ohne permanent die Uhr im Nacken zu spüren;
sind wir einen lang schon vor uns her geschobenen Möbelkauf angegangen: die Kinder durften von ihren Minikinderschreibtischstühlen auf richtig große aufsteigen, und ich habe mir ein Bett ausgesucht und bestellt, nachdem das derzeitige nicht nur klappert und wackelt, sondern mich mehr und mehr durch widerborstig aus der Matratze herauspiekende Federn zu wecken versucht (nicht witzig, das:));
bin ich schließlich – im Moment, wo ich dies schreibe – in der Mitte der Ferien und wohl dem Punkt größter Ruhe angekommen

sichtgewandelt

Man könne das Leben nicht durch gleichförmig ablaufende Zeiteinheiten ausmessen, weil es nicht aus einem Gleichtakt von „so und so vielen Tagen, Wochen, Jahren“ bestehe, so las ich neulich. Diese Täuschung versuche dem „Ernst der Einmaligkeit auszuweichen.“
Wir schieben die mechanische Gleichförmigkeit der abstrakten Stunden oder Tage vor. In Wahrheit sind jede Stunde, jeder Tag, jedes Jahr lebendige Phasen unseres konkreten Daseins, deren jede nur einmal kommt, da sie eine unvertauschbare Stelle in dessen Ganzem bildet.
Darin, daß jede neu ist, noch nicht da war, einzig ist und für immer vergeht, liegt ja auch die Spannung des Daseins; der innerste Anreiz, es zu leben. Sobald er nicht mehr empfunden wird, entsteht ein Gefühl der Monotonie, das sich bis zur Verzweiflung steigern kann. Ebendaraus wächst aber auch die Schwere der Tatsache, daß nichts Vergangenes einzuholen ist, und damit die Not des Verloren-Habens.
(Aus: Romano Guardini „Die Lebensalter“)

Mich springen diese Worte an. War das doch lange Zeit – bis jetzt sogar? – auch meine Täuschung. Das Ganze des Lebens schien mir unendlich, jeder Lebensmoment wiederholbar zu sein. Nicht in einem naiven Sinne, wie ein Kind etwa noch kaum daran denkt, dass es einst sterben wird, aber eben doch. Mich täuschte es darin, dass ein jeder Lebenspunkt, ein jeder Lebensbogen jederzeit wieder aufzugreifen, fortzusetzen, in ein Neues zu verwandeln wäre.
Eine Illusion in zweierlei Hinsicht lebte (und lebe?) ich damit: Das schon Gewesene scheint unendlich fortsetzbar zu sein. Und das noch nicht Gewesene scheint immer nur mit diesem bereits Gewesenen zu tun zu haben.

Und nun – merke ich auf. Wie wäre es denn, wenn ich einen jeden Lebenspunkt als ein Neues lebte, als einen einzigartigen Moment mit einzigartigem Charakter? Wenn mir Wiederholungen, der äußeren Abläufe etwa, nicht als Wiederholungen erschienen, weil sie dies letztlich nicht sind? Schaut man nämlich über die äußere Form in ihrer Ähnlichkeit zu schon Gewesenem und noch Werdendem hinaus, wird in jeder Wiederholung etwas Eigenes, Unvertauschbares sichtbar. Was öffnete sich mir, wenn ich den routinegefüllten, sich hohl anfühlenden Tagen ihre jeweilige Einzigartigkeit abzugewinnen vermöchte? Und den besonderen, spektakulären Momenten ebenfalls? Auch diese sind ja nicht unendlich wiederholbar, möglicherweise gar nie wiederkehrend. Wie wäre es, die Einzigartigkeit eines jeden Lebensmomentes beim Wort zu nehmen?
Dann wäre ein jedes Das-mache-ich-beim-nächsten-Mal oder Hier-fahren-wir-wieder-her oder Der-Tag-kann-weg oder Wenn-nur-die-Woche-erst-vorbei-ist Täuschung, wäre fortgesetztes Verkennen der Einzigartigkeit.
Kann ich ohne diese irreführenden Sätze leben? Kann ich nicht nur vermeiden, sie auszusprechen, sondern kann ich sie selbst im Unbewussten löschen?

Es ist ja auch so: Wenn mich zuweilen Wehmut über Vergangenes überfällt, weil es mir als Verlorenes daherkommt, dann vielleicht, weil ich diese Momente damals nicht als Unvertauschbare, sondern als stets und beliebig oft zu Wiederholende gelebt habe. Irrtümlich. Ich war jung.

Einzigartigkeit löscht Momente sozusagen aus. Im Augenblick ihres Vergehens werden sie zu Gewesenem. Zu einem Es-war. Es-wird-nicht-mehr-sein. Ein Satz, gegen den man sich häufig wehrt. Andererseits – und das wurde mir noch nie so klar – eröffnet erst das Vergehen Raum für Neues. Ja, zu begreifen, dass ein jeder Lebenspunkt mir etwas vom bisher Ungelebten bringt, vom noch nie Ge- und Erlebten, bedeutet Öffnung. Die von mir schon erfahrenen Dimensionen münden stets in einen geweiteten und immer noch zu weitenden Raum.

Sagte ich vor einigen Jahren zu mir selbst, dass ich nicht hadern würde, träfe mich von heute auf morgen das Wissen um mein Baldsterbenmüssen, denn ich hätte ja alles gehabt, was das Leben schenken kann, so beginne ich nun wieder zu fürchten, dass es alsbald zu Ende sein könnte, dieses wunderbare Leben. Die tiefe Dankbarkeit für alles was war, ist weiterhin und unauslöschlich in mir. Ich bin mir nach wie vor bewusst, wie viel Reichtum sich mir im Laufe meines Lebens geschenkt hat. Insofern bin ich bereit.
Und doch ist ein Stachel gewachsen. Dass das nicht alles gewesen sein darf. Dass es nicht gerade jetzt enden solle, wo so vieles, was zu mir gehört, von mir noch nicht gelebt wurde.

Mit neuem Fokus aber, scheint meine Sehnsucht nach einem Mehr zu sein. Ich möchte nicht einfach weitergehen, weiter Schätze ansammeln, weiter beschenkt werden. Eher entspräche mein Weiter einer Umkehr, wenn ich es räumlich fassen wollte. (Umkehr und Umkehrung. Enthält Öffnung und Weitung immer auch Umkehrung? Weil das umfassendste Öffnen zu jedem Ding sein Gegending enthält?)
Bisher habe ich vor allem empfangen und genommen, was das Leben schenkte. Die Kinder, die insbesondere. Diesen beglückenden Beruf. Die Geborgenheit im Leben. So vieles. Zurückgegeben jedoch, so fühlt es sich an, habe ich noch nicht viel. Darum wäre ich arm, fühlte es sich arm an, wenn ich jetzt schon ginge. Weil die Zeit des Weitergebens, des Durchmichströmenlassens ja gerade erst beginnt.

Mich erahnt, dass sich hierbei neue Räume öffnen werden. Mein Alltagswirken, natürlich, das wird bleiben. In diesem lebe ich wie bisher Verantwortung, mit allem, was dieser Begriff umfasst. (Dass mir dies nicht in allen Belangen gelingt, so wie ich gern möchte, das ist Teil des Weges. Ich lerne dies zu akzeptieren.). Auch hier schon ist Empfangen und Weitergeben in einer Dichte verflochten, dass es zuweilen kaum zu trennen ist.
Aber mir scheint mehr und mehr, dies sei nur der erste Schritt. Ich kann noch nicht fassen, in Worte schon gar nicht, was da beginnen will. Es hat mit Loslösen aus Seilen zu tun, mit Träumen, mit Fliegen, mit Befreiung, aus der Innensicht betrachtet. Mit weit umfassenderer Verantwortung als bisher, für das mich Umgebende, aus der Außensicht benannt. Und mit einem neuen Blick auf das, was im Außen – so sind diese Zeiten – immer schwärzer zu werden droht. Mit einer hoffnungsvolleren Sicht auf das Ganze.

Ach, ich kann nicht erklären, was genau mich da anweht, worin genau das neu Empfundene besteht. Sichtbar wird es mir selbst an scheinbar marginalen Dingen wie dem Weggehen von meinem zweiten Dienstort, an dem ich vor Kruste kaum mehr atmen kann, an meiner größeren Sorgfalt im Umgang mit mir selbst, mit meinen Kräften und meiner Gesundheit, an meinem langen Reisen, auf dem ich Ähnliches suche wie am Klavier, mit den farbigen Stiften und mit meiner Schreibhand. Nicht einen Zustand des Mit-mir-und-in-mir-Seins nämlich, sondern … ja, doch, diesen Zustand suche ich auch. Aber mit deutlich vernehmbarem Mitschwingen eines Um-zu’s. Um zu … ja, was?
Ich stochere im Nebel. Noch. Vielleicht so: Um Wege zu finden, und Gefährten auch, die in Heilung hineinführen. Für die Welt möchte ich sagen. Das klingt zu groß, ich zucke zurück. Also gut, für das mich Umgebende, zunächst. Dies versperrt sich dem Geschrieben- und Gewünschtwerden nicht sofort.
Heilung also. Wollen doch Kopf und Vernunft in diesen Zeiten resignieren, Anlass genug haben sie. Darum sind Kopf und Vernunft nicht ausreichend. Es kann nur im Herzen beginnen, und in den Träumen. In unbenennbaren Sphären wird sie möglich: die Hoffnung auf Frieden.

Wie war ich an diesen Punkt gekommen? Erstaunlich, wohin sich dieser Text seinen Bogen geschlagen hat, fast könnte man es einen Haken nennen. Von meinen eigenen Lebenspunkten in ihrer Unwiederholbarkeit über meine Verortung in dem mich Umgebenden zu den Lebensmomenten der Welt als Ganzes. Viel zu groß, diese Wortgruppe.
Ich wollte ja nur anmerken, dass die Einzigartigkeit von Allem stets Neues gebiert. Und dass wir das Neue träumen dürfen …

 

PS.
Der Text lag lange im Entwürfe-Ordner. Ihm fehlte ein Ende. Beziehungsweise der Mut zu einem Ende. Erst als ich das Wort Träumen fand, in diesem Text nämlich und in diesem, und den Mut dazu es einzusetzen, wagte ich, ihn als fertig zu sehen. Als vorläufig fertig. Und so steht er jetzt hier. (Danke.)

 

im September

ein Monat zwischen einer großen und einer kleinen Radreise: die ersten 11 Tage gehören zum langen Sommer-#3wegsam, der Nachmittag des letzten Septembertages zu einer Kurzradtour mit der Tochter nach Strasbourg;
ein guter Monat also, der sich zwischen solchen Pfeilern aufspannen darf, und der zudem fast sommrig daherkommt, mit Hitze, dass es hinter den Glasfenstern der Schule schon zu viel ist, und mit Sonne, die wärmt und erhellt und freut und all das
*
dazwischen ein Schuljahresstart, der mich in einiger Hinsicht selbst überrascht;
wie ich etwa mein langsames Reisetempo in den abrupten Hamsterradstart übernehme und erstmals seit … Berufsbeginn? … mich nicht gehetzt fühle, keine Kopfschmerzen in der ersten Schulwoche habe;
dass ich es an vielen Tagen schaffe, meine Vorbereitungen am Nachmittag fertigzustellen, oder wenigstens abends nicht länger als bis zehn am Schreibtisch zu sitzen, einfach dadurch, dass ich Arbeit für den nächsten Tag liegen lasse;
weil ich mehr als früher ein Schritt-für-Schritt schaffe, weniger parallel bearbeite, insgesamt ruhiger vor mich hin werkele
*
dabei ist es viel in diesem Schulstartmonat, wie immer:
das Kennenlernen von 120 neuen Gesichtern (und die Erkenntnis, dass mir Namenlernen jedes Jahr schwerer fällt);
ein rasanter Start mit unserer neuen 5. Klasse, die sich als unerwartet verhaltensoriginell erweist, wie man es freundlich formulieren könnte, die uns – auch nach mehreren Wochen noch – vor große Rätsel und etliche Probleme stellt;
ein holpriger Start mit dem neuen Mathekurs, der zum Monatsende aber schon die Aussicht auf glattere Wege öffnet;
erste Elterngespräche und Klassenkonferenzen;
Fachkonferenzen und Gesamtkonferenz, eine Tagung, etliche kollegiale Kooperationstreffen – für einen Monat mehr als genug
*
gleichzeitig starten die Kinder ihr neues Schuljahr, als Sechstklässlerin und als Neuntklässler: ihre Freuden- und Unmutsäußerungen über die Lehrerzuteilung, über die ersten Schultage, über neue Rituale, über Empörendes auch, sind häufiger als sonst Thema am Abendessenstisch;
Musikunterricht und Sport beginnen wieder, alles wie gehabt;
für den nunmehr 15jährigen konkretisieren sich unsere Überlegungen, ob er das nächste Schuljahr im Ausland verbringt, allerdings ist bisher noch offen, ob das, was er wünscht, überhaupt funktionieren kann;
die gerade noch so kleine Tochter beginnt mit Farbe auf Nägeln und im Gesicht zu experimentieren – huch, sie werden so schnell groß:)
*
zum Monatsende spüre ich erste Erschöpfung, die natürlich schwer willkommen zu heißen ist, aber wohl eine wichtige Botschaft mit sich bringt: merke ich doch, dass ich in dem eingeschlagenen langsameren Tempo, das mir angemessen ist und gut tut, einfach nicht alle Dinge bewältigen kann, die mein Alltag so vor mir ausbreitet;
schwierig mir dies einzugestehen, da ich es ja jahrelang dennoch bewerkstelligte – und doch sollte ich wohl ernstnehmen, was mir im erschöpften Grauschleier der letzten Monatstage entgegenkommt:
so wie in den letzten Jahren kann und will und werde ich nicht weiteragieren;
nur: das Gefüge meiner Alltagsdinge ist durch so viele Hebel, Stangen, Zahnräder und Riemen miteinander verknüpft, dass es eine sehr langfristige Aufgabe wird herauszufinden, an welchen Stellen zu schrauben sein wird, damit nicht alles auseinanderfällt und sich dennoch ändert, was mir im Moment die Luft nimmt

Morgenfärbung

Aus den Traumfetzen – eine Reise, eine Gruppe naher Menschen, ein Wettstreit, eine Wegsuche der anderen Art – lässt sich kein Traum mehr zusammenfügen, es bleiben Schemen einer Welt, die gerade eben noch da und warm war und jetzt nur noch als Gefühl nachhallt. Das wüsste ich zu gern, was mir da immer im Traum erscheint. Ich bin eine schlechte Traummerkerin, spüre morgens immer nur noch die Farbe, kann nur hoffen, dass diese vermutlich reiche Welt auf unbewusste Weise doch in mir bewahrt bleibt und wirkt. Der heutige Traum war sanftbeige-ocker und lässt deswegen Frieden in mir zurück. Irgendetwas gelang da.

Dagegen fühlt sich mein heutiger Tag eher schrillfarbig an, als einer von jenen, in denen unbarmherziges Gerattere aus Aufgaben, Dringlichkeiten, Terminen sich in großer Einigkeit verzahnt mit Gedankenketten unendlicher und kreisender Art.
Wie wär’s denn, flüstert mir mein holprig in die Tasse stolpernder Kaffee zu, wenn Du mich nicht gleich beim Eingießen verschütten würdest. Und den Tag auch nicht.
Ha, denke ich, dem Tag also eine andere Farbe geben, wie das wohl wäre? Eine samtige Kaffeefarbe vielleicht?

Nee, Farben sind Farben, schrill bleibt schrill. Sie hat ja irgendwie Recht, diese mich mit Entmutigung volldröhnende Stimme, mein Auge sieht, was mein Auge eben sieht. Jetzt schreibe ich hier zum Beispiel auf der mir unangenehmsten der fünf Farben meiner Kladdenblätter, und auch nach mehrfachem Umblättern und so vielen Zeilen hört diese Farbe nicht auf mich zu stechen. Es könnte sich doch auch mal einen Hauch wärmenden Oranges anziehen, dieses grelle Rosa, denke ich, nur für mein inneres Auge und Wohlgefühl könnte es das. Statt mich weiter zu pieken und zu irritieren.
Überhaupt: Farben im Innern umfärben können. Das alarmierende Hellrot in ein besänftigendes Sattgrün etwa. Oder für den Anfang wenigstens das Alarmene in Richtung Bordeaux umtönen. Ob das geht? Ob man das lernen kann?

Ach, das ist nur Wünschen und Hoffen, und mittendrin immer ein saftiges Stück Unfähigkeitsgefühl, weil es mir einfach nicht gelingen will, anders zu sehen.
Bei Räumen ja auch. Zum Beispiel, was ich als groß und weit oder als klein und eng empfinde, das müsste ich mir doch ändern können. Den Raum, etwa auf dem Schreibtisch, oder in einem Zimmer, einer Bahnhofshalle oder wo immer, mir größer dehnen im Inneren, wenn es im Äußeren einfach nicht da, nicht machbar, nicht schaffbar ist, dieses Weite, was ich zu brauchen glaube. Anders sehen also, um mich nicht von außen in Enge gepresst zu fühlen, mich nicht durch Äußeres eingrenzen zu lassen.

Ja, das wär’s: Alles auch anders sehen können. Menschen etwa, die ich stets und ständig einordne in meine innere Welt, meine Raster, meine Vorstellungen und Interpretationen, meine Empfindungen und Empfindlichkeiten – diese einfach zu belassen, ihnen zuzusehen und zuzuhören, sie aufzunehmen als Erweiterung meines Raums. Und mich selbst dann in diesem geweiteten Raum nur als Steinchen, Körnchen, Eckensteherchen zu erleben. In einer Ecke stehen muss ja gar nichts Kleinmachendes sein. In großen Räumen stehe oder sitze ich gern in der Ecke, einfach um den gesamten Raum aufnehmen zu können.

Sprung. (Vielleicht.)

Was diese Woche alles aufzunehmen war, wie wir alle so unterschiedlich reagierten – Eltern, Kollegen, Schüler – auf diesen furchtbaren Unfall, der in die heile Dorfwelt hineinbrach. An einer Stelle, die wir alle immer schon als gefährlich wahrgenommen hatten, ist es jetzt passiert, das lang Befürchtete.
Wir alle reagierten aus unserem je eigenen Muster heraus. Ganz schnell wurde mir mein Muster zum einzig möglichen. Und das, was andere lebten – Rückzug, Angst, Verdrängung, Panik, Entscheidungen für die Kinder: sie dürfen nun gar nicht mehr mit dem Rad zur Schule oder nicht mehr diesen Weg fahren, oder gerade doch dort, aber nur noch auf dem Gehweg – alle diese Reaktionen waren mir so fern.
Ich kann diese fremden Innenwelten abwehren, weil sie der meinen nicht entsprechen. Oder ich kann versuchen hineinzugehen und mich zu fragen, ob ich mir nicht etwas mitnehmen kann. Wenigstens das: Ich nehme mir mit, dass meine eigene Farbe, in der ich alles töne, die mir als die beste oder passendste erscheint, dass diese Farbe nur eine ist von unzähligen Farben, Sichten, Zugängen.

Ich ahne ja nicht: Vielleicht sieht ein anderer Mensch sein Rot ganz anders als ich mein Rot sehe. Vielleicht sieht er es als das, was ich als Blau sehe, oder als jenes Sattgrün etwa, nach dem ich mich gerade so sehne, während ich bei Rot immer Alarm empfinde. Und vielleicht sieht er dafür mein Sattgrün als Düstergrau, empfindet Getrübtheit und Aussichtslosigkeit, wo ich Wärme und Geborgenheit erlebe.
Vielleicht also können wir unsere Bilder nie abgleichen. Unsere Bilder sind so sehr unterschiedlich, so unvergleichbar, wir schauen ja nie mit den Augen eines anderen.
Und trotzdem können wir unsere Bilder teilen. Ja, doch, ich glaube, man kann – zuhörend und zuschauend – die je eigenen Bilder teilen. Man sollte und muss dieses Teilen vielleicht sogar versuchen, wenn man nicht im Käfig des Eigenen gefangen bleiben möchte.

Ich taumele hier durch meine Morgengedanken, der Tag drängt an, ja, er bleibt ein wenig schrill. Und dennoch habe ich ihn gerade an seinem Beginn wenigstens umgefärbt. Die Verzahnung von Dringlichkeiten und Gedankenkreisen ist geblieben, ist – könnte man so sehen – sogar noch drängender geworden, da ich ihm diese Schreibstunde „weggenommen“ habe. Aber die neue Morgenfärbung tönt den gesamten Tag ein wenig sanfter.

PS:

Auch Zeiträume sind Räume.
Zeiträume kann ich schon sehr unterschiedlich färben. Was heißt ’schon‘? Das konnte ich nicht immer. Das lerne ich mehr und mehr: Mir die engen Zeiten dehnen. Vor allem durch inneres Es-anders-erleben-wollen. Die Dichtigkeit der inneren Ereignisse hat ja wenig mit einem äußeren Sekundentakt zu tun.
Heute habe ich – zur Unterstützung meines inneren Es-Wollens sozusagen – erstmals ein winziges Hilfsmittel genutzt, mit dem ich schon lange liebäugele. Dieser Text nämlich war in mir, in Gänze, sofort beim Aufstehen. Aber er war viel zu lang, um ihn in der knappen Morgenstunde vor dem Tagesbeginn der Kinder niederzuschreiben. Statt ihn – wie sonst notgedrungen – zu verwerfen und damit für immer zu verlieren, griff ich heute erstmals im Leben zur Diktierfunktion meines Telefons (und damit erstmals überhaupt zu irgendeinem Diktiergerät). Ich diktierte mich selbst dort hinein, um später abzuschreiben. (Auf Papier übrigens, bevor ich nun tippe. Stift und Papier auszulassen geht nicht.)

Es ist ein neuer Weg, den kleinen Zeitraum, den ich hatte und habe, auszudehnen, zu weiten, so dass sich mir die Enge öffnet. Vielleicht finden sich solche Wege auch in anderen Räumen, ja, bei all meinen Farben möglicherweise. Ein Diktiergerät zum Umtönen von Farbräumen, das müsste ich mir schaffen …

 

Der Weg wird

Da teilst Du ein Stück Alltag. Es platzt einfach aus Dir heraus, weil am Morgen das Fass überläuft, weil die ganze Suppe mal wieder über den Rand trieft. Aus jenem Fass, welches ohnehin ständig bis zur Kante gefüllt ist, welches Du nur mit Mühe immer wieder oberflächlich leerst, so dass es gerade so geht. Gerade so, unter Aufbietung aller Kräfte. Nun also, am Morgen, läuft es über, mal wieder.

Du teilst Dein Stück Alltag, verpackst es in eine rhetorische Frage, und denkst schon gar nicht mehr daran, als Du zur Arbeit losfährst. Es ist ja doch zu sehr Dein ewiger Alltag, es sind Deine gewohnten, nie in Frage gestellten, jedenfalls nie abgeschüttelten Rituale.

Und dann geschieht, woran Du nicht ansatzweise gedacht, womit Du  überhaupt nicht gerechnet hast. Du wirst gelesen. Und nicht nur das – Dir wird geantwortet. Du entdeckst dies nach der Schule. Starrst auf all die Mitteilungen, all die Textstückchen, in denen rückgefragt, von Eigenem erzählt, Erfahrungen geteilt werden. Du antwortest zögerlich, gibst ein paar Details preis, wirst immer offener … und erhältst im Dialog immer mehr zurück. Es wird gefragt, wieder und wieder, und jedes Mal weisen die klitzekleinen Gesprächsfäden woanders hin. In Richtungen, an die Du schon längst gedacht, sie probiert, als aussichtslos verworfen hast. Aber auch in Richtungen, die neu sind oder wären, wenn Du denn den Mut hättest, Dich hineinzubegeben.

Vieles kommt zu Dir. Fragen, vor allem die Fragen sind es, die Deine Gedanken in Bewegung setzen, und Deine Emotionen mit ihnen. Da wird Schmerz wach, vergangener und zukünftiger. Es rüttelt Dich durch und durch, in diesen heftigen Nachmittagsstunden. Damit hattest Du am Morgen nicht gerechnet.

Was bleibt? Das, was ein Gewitter immer hinterlässt: Etwas Reinigung, etwas Klärung, fürs Erste im Inneren. Die Bewusstwerdung, dass es Zeit ist. Und dass wohl auch Hilfe nötig sein wird. Dass es Hilfe gibt, das auch. Dass zum Beispiel Gespräche helfen. Schon diese schriftlichen Minigespräche am Nachmittag, die haben Dich ein Stück zu Dir geführt.

Du bist dankbar für diese heftigen Stunden und das, was sie mit sich gebracht haben. Und Du hoffst, dass der Tag ein Schritt war. Einer von wer weiß wie vielen, auf einem wer weiß wie langen Weg. Dass es endlich-endlich weitergehen muss, und wird!, das steht an diesem Nachmittag klar vor Dir. Du spürst eine Kraft in Dir, für weitere Schritte, für Spagate, für Abgründe auch. Wer weiß schon, was kommen wird. Aber Kraft, die kann nicht schaden. Die nimmst Du Dir mit aus diesem Nachmittag.

Als es dann Abend wird und Du wieder zu Hause bist, läuft das Fass erneut über. Ein ähnlicher Anlass wie am Morgen, eine ähnliche Konstellation. Nicht zufällig wohl. Denn Du hörst Dich mit fester Stimme das Deine darlegen. Deine Sicht, Deine Grenzen, Deine Position. In klarer und ruhiger Form – Du staunst. Du staunst noch mehr, als Du genau dieses kurz darauf der Freundin am Telefon wiedergibst. In ebenso klarer und fester Form. Die Freundin staunt auch: Was ist denn mit Dir passiert?

Och, Du sagst lieber erstmal nichts. Registrierst, dass Dein Sagen gehört und angenommen wurde, für den Moment. Ob mit knirschenden Zähnen oder nicht, das weißt Du nicht. Es ist Dir aber auch egal. Ohnhin musst Du jetzt endlich – der Tag ist ja fast vorbei – ein bisschen Schule vorbereiten. Spät ist es geworden für Deine Vorbereitungen. Aber das ist heute egal. Du hast an diesem Tag etwas anderes geschafft.

Ja, Du hast ein bisschen Arbeit im Innern geleistet. Du siehst es Dir selbst an. Aus Dir leuchtet plötzlich wieder die kleine Ahnung, die Dir lang verborgen war. Die Ahnung nämlich, dass der Weg sich Dir zeigen und öffnen wird.

Ja. Da ist Zuversicht.
Der Weg wird.

Danke.
(Insbesondere an alle, die hier heute – und überhaupt – beteiligt waren.)

 

Richtungen

Seit einem knappen Monat erst hat die Freundin die Ahnung, seit einer Woche nun die Diagnose. Heute beginnt ihre Bestrahlung. Eine Therapie, zu der sie dem Arzt nur eine einzige Frage stellte:
Haben Sie das schon jemals gemacht?
Ja„, sagte der, „und einige Male erfolgreich.
Gut„, sagte die Freundin.
Und entschied sich dafür.

Sie hat Angst.
Sie teilt die Angst mit ihrer Schwester. Ihre Gespräche, ihre Tränen der letzten Wochen mag ich mir nicht vorstellen.
Die Schwester hat Angst. Sie teilt die Angst mit mir. Auf dem Schulflur neulich, auf der Straße, am Telefon, wo immer, es fließen Tränen.
Ich habe Angst. Ich teile diese mit nur einigen, wenigen Menschen. Wie passt das schon in den Alltag hinein, dieses Erzählen vom Herausfallen aus Zeit und Raum. Hier erzähle ich, immerhin. Weine unsichtbare Tränen.

Zur Schwester spreche ich von Zuversicht. Von „stark“ und so Attributen.
Die Schwester spricht zur Freundin – da bin ich sicher – von Zuversicht. Von „stark“ und so Attributen.
Und zu wem spricht die Freundin von Zuversicht? Wagt sie das zu denken, zu sprechen? Zu sich selbst wenigstens?
Ich ahne nicht, wir ahnen nicht …

Beide Richtungen fühlen sich falsch an. Nur Angst, oder nur Zuversicht – das stimmt doch beides nicht. Es müsste eine andere, eine dritte Richtung geben. Keine dazwischenliegende, keine, in der Angst und Zuversicht zusammengefügt oder aufgehoben werden. Eine weitere Dimension müsste sich öffnen.

Eine, in der wir uns nicht in den Strom einer Wertung stellen.
Eine, in der wir uns nicht wehren, und nicht an uns reißen.
Eine, in der wir nicht aus der Vergangenheit heraus, in die Zukunft hinein uns biegen.
Eine, in der es keinen Anfang und kein Ende gibt.
Eine, in der ist, was ist. Und war, was war. Und sein wird, was sein wird.
Eine, in der wir nur sind.

2016_02_23 Richtungen

Ein Weg aus guten Momenten

Schaue ich mich um, schaue ich auf meine derzeitige und die unmittelbar vor mir liegende Wegstrecke, fühle ich mich wie im Morast, wie in holprigem, umwegsamem Gelände, beschwerlich zu gehen, ohne Aussicht auf das jeweils nächste Wegstück, ohne Ahnung, wohin der nächste Schritt am besten zu setzen sei.
Am liebsten würde ich fliegen, würde schwebend über ein Stück des Weges kommen, oder es wenigstens überblicken. Doch das geht nicht, da kann ich noch so sehr mit dem Fuß aufstampfen, ich kann das Beschwerliche nicht aus der Welt schaffen, auf die Schnelle schon gar nicht. Und solange das so ist, hangele ich mich von festem Tritt zu festem Tritt, von Moment zu Moment, genauer: von gutem Moment zu gutem Moment.

Diese Woche in der Ferne etwa, die mir anfangs nur lang und unaushaltbar schien, die ist plötzlich, wenn ich nur genau hinschaue, voller kleiner Jetzt-Momente, an denen ich mich entlanghangeln kann, die mir Halt geben:

Wie an einem nebligen Schneeregentag plötzlich die Sonne durch ein Wolkenloch bricht und helles Weiß unter Himmelsgrau leuchten lässt.

Wie die Tochter vor der großen Skihütte sitzt und ein riesiger Hund vor ihr auf dem Boden liegt, beide ganz versunken – sie im Streicheln, er im Gestreicheltwerden.

Wie ich auf dem vertrauten Weg ins hintere Tal steige und dort plötzlich ganz allein sein darf, mit mir, mit der Schneestille, mit dem Himmel über mir.

Wie wir unseren Freund treffen, den wir vor Jahren genau hier im Ort kennengelernt haben, und mit ihm intensive Gespräche übers Krankwerden, Heilen, Annehmen und Helfen führen.

Wie die Tochter mit ihrem kleinen Freund draußen im Schnee tobt, rotbäckig strahlend hineinkommt und ich kurz denke, sie ist nochmal 4 :)

Wie ich im Wald die Holzstapel entdecke und in den vielen Baumstammgesichtern Geschichten lese.

Wie mich das Telefon immer wieder über 1000 km heimwärts bringt.

Wie ich viele Stunden ruhig da sitze, lesend, schreibend, träumend, suchend.

Wie mir ab und zu wärmende, nährende, geborgenheitsspendende Gedankenfetzen zufliegen.

Wie sich mir immer wieder Nebelbilder zeigen, mit Wegen, Seilbahnen, Straßen und Bergrücken, die in der Unsichtbarkeit verschwinden, aber doch – das weiß ich – dort im scheinbaren Nichts weitergehen, und ich darüber nachsinne, dass das mit unseren Wegen ja möglicherweise ebenso ist.

Aus all diesen Momenten lässt sich doch eine Straße bauen? Oder ein Weg pflastern? Quer durch das unwegsame Gelände aus Sehnsucht, Unsicherheit und Traurigkeit lässt sich doch darauf weitergehen, irgendwie?