Und dann …

… ist es wie jedes Mal: Wenn ich mich schreibend sortiere, als Eruption in Postform, als Bewusstwerdung beim Antworten auf eure Kommentare, dann beginnt das Dickicht sich zu lichten. Dann weiß ich wieder, an welchen Fäden ich ziehen kann, und an welchen auch nicht. Dann sehe ich mein konkretes Knäuel und den darunter liegenden Seelenmorast deutlicher. Dann beginnt das Gefühl der Bedrängnis sich in Traurigkeit zu verwandeln. Was ein guter Schritt ist, weil er wieder Tränen und Worte zulässt. Fließen ist immer gut …

Und dann mache ich mich auf den Weg. Es ist ja auch zu wunderbar draußen.

 

 

 

Zu sehen,

dass Karg und Zart zuweilen an einem Ast wachsen,

 

 

 

dass Farbe, bevor sie zu Fülle werden kann. ganz unscheinbar beginnt,

 

 

 

und dass sich manchmal auch ohne festen Boden unter den Füßen Halt finden lässt.

 

 

 

Zu erkennen,

dass, was wir als festes Bild im Kopf haben, etwa die Töne eines beginnenden Herbstes, zuweilen in ganz anderen Nuancen gefärbt ist als erwartet,

 

 

 

welches dann doch nahtlos in das Vertraute eingebettet liegt,

 

 

 

und dass ich nur aus nächster Nähe, nur bei genauestem Hinschauen Muster zu erkennen vermag.

 

 

 

Was für Geschenke am Wegesrand.

Ich bleibe und suche weiter. Nach meinem Gleichgewicht. Und nach den Himmelsfäden, in die ich mich getrost fallen lassen kann.

 

 

 

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In die geweihte Nacht

Ich habe dann doch nicht mehr korrigiert. Die Kinder waren viel zu früh wach, und es gibt ohnedies genug Tagfüllendes. So sei es nun. Den Stapel Hefte habe ich soeben gut im Korb verborgen, der Schreibtisch ist freigeräumt … bis nächstes Jahr bleibt die Fläche blank. Wird Raum bieten für Post, für Malsachen, für Puzzle – und wird jeden Tag Spiegel sein: der Sonne vor dem Fenster, dem Licht, den Wolken.
(Nein, kein Glasschreibtisch. Aber Holz spiegelt auch. Man muss nur genau hinsehen.)

Nach guter alter Tradition hatten wir die Weihnachtsbaumkerzen vergessen. Wie immer also holten wir die in letzter Minute am 24. Alle anderen waren auch schon auf dem Parkplatz. Stolz, dass wir nach einer Stunde mit Kerzen und ohne Beule am Auto wieder hier waren.

Das Baumschmücken war für den Sohn dieses Jahr offenbar nicht mehr attraktiv – er zog sich nach dem Arrangieren der Kerzen schnell zum Flügel zurück. Gut: so wunderbare Begleitmusik zu haben. Später wollte die Tochter auch lieber Weihnachtslieder spielen – mir war es recht. Ein Geschenk meditativer Momente: einen Stern nach dem anderen in die Hand nehmen und aufhängen, Cello und Klavier im Hintergrund.

Gedankenkreisen: durch diese Adventswochen, die so anders waren als sonst. Einige Weihnachtspost erreichte mich in den letzten Tagen – und ich selbst war unfähig auch nur ein Kärtchen auf die Reise zu schicken. Vielleicht bieten die kommenden Tage Raum dafür. Auch für die Großelternkalender – dieses Jahr werden sie mit großer Verspätung geboren werden. Noch so manches blieb ungelebt. — Am Ende fühlt es sich richtig an, so wie es war. Der Preis dafür, all das auch noch zu schaffen, wäre zu hoch gewesen. Es hätte mich, hätte uns, aus dem letzten verbliebenen Rest Ruhe geworfen. So ist es nun, wie es ist. Beim Baumschmücken kommt mir ein Ja.
(Und ein warmströmendes Gefühl für meine immer noch musizierenden Kinder.)

Lustig, dass die Kinder meine morgendliche Ansage, wann es denn die Geschenke gebe, so wörtlich genommen haben. „Ach, so um neun„, wollte ich sie ein bisschen necken. Normalerweise merken sie das. Heute haben sie es mir abgenommen – obwohl wir die Bescherung noch NIE so spät machten: Sie haben es gerade der Oma in aller Ernsthaftigkeit am Telefon erzählt. Wir – die Oma und ich – mussten sehr grinsen :)

Weil’s ja noch so lange hin ist :), ist also Geduld gefordert. Der Sohn schlägt der kleinen Schwester vor, sie könnte sich ja mit einem Film ablenken. Natürlich will er selbst einen schauen, und ich muss wieder schmunzeln, weil er heute der weitaus zappligere von beiden ist. (Und ich erlaube den Film. In unserem fernsehfreien Haushalt ist das allein schon das erste Geschenk :))

Nun ist alles gerichtet, nun wird alles still. Durch das Fenster schaut die Sonne, frühlingshaft ist es hier, man könnte sich in den Garten setzen. Aber das geht am Heiligabend denn doch nicht, spüre ich, das passt nicht. Ich setze mich also aufs Sofa, lasse mich durch die Scheibe anstrahlen. Sitze hier in großer Ruhe – der Moment, bevor es bald losgeht. — Eine russische Tradition: vor einer jeden Reise, wenn alles gepackt ist, wenn die Taschen bereitstehen, die Mäntel angezogen, die Mützen auf dem Kopf sind, setzt man sich hin, für eine Minute, schweigend. Aufbrechen soll man immer aus der Ruhe heraus. Seit ich in Russland gelebt habe, trage ich diese Tradition mit mir, mal aktiv, mal passiv. Sie hat mir wichtige Momente des Bei-mir-Seins geschenkt. — Warum ich das erzähle? Soeben fühle ich mich hier auf meinem Sofa wie in diesem innehaltenden Moment vor einer Reise.
Wohin die Reise gehen mag?

Ich wünsche uns allen,
dass die Reise dieser geweihten Tage und Nächte uns mitten hinein führen wird –
in den Frieden und das Licht, das wir tief im Innern tragen,
das so oft nicht sichtbar ist, das wir in so manchen Zeiten nicht spüren können –
dort hinein wünsche ich uns alle.
Seid von Herzen gegrüßt.

ferienstimmig

Wunderbar, der erste Ferienabend – wie immer der beste Moment einer jeden Ferienzeit. Habe ihn zelebriert mit Kerzen, Wein, Sitzen, Schweigen. War das schon vorgestern, echt? Es hallt nach, es trägt weiter.
%
Wunderbar auch der erste Feriensamstag – gefeiert beim Lieblingsitaliener. Der, als er die Pizzareste der Kinder auf deren Wunsch zum Mitnehmen einpacken sollte und ausversehen doch wegwarf, ihnen eigens eine neue Pizza machte. Die aßen wir dann abends – und wurden nochmals alle satt :)
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Vollbepackt: Schnell noch in die Stadtbücherei, bevor die sich in die Weihnachtspause begibt. Eine Reisetasche voller Bücher, als hätten wir ein Jahr Ferien :)
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Sehr müde bin ich – auch wie immer zu Ferienbeginn. Aber hej, ich habe keine Ferienanfangserkältung – ich bin gesund! Und war es den ganzen Herbst. Oh!
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Wie aufgezogen fühle ich mich. Wieviel noch arbeiten? Wann die Schule beiseite legen, wann in den Ferienmodus gehen? Und wie überhaupt hineinfinden?
%
Jedenfalls: Im Moment arbeite ich noch unverdrossen an einem Weihnachtsgeschenk für mich selbst: Ich wär‘ so gern fertig mit Korrigieren. Habe den ganzen Tag dafür den Rotstift gewirbelt, werde es aber wohl nicht ganz schaffen. Wobei, wenn ich morgen früh noch schnell …
(Korrekturfrei ist ein so befriedigender Zustand – vielleicht lohnt es das frühe Aufstehen. Mal schauen.)
%
Gespalten: Auf meinem Nachttisch liegen „Die hellen Tage“ und „Trauernde Jugendliche in der Schule“ einträchtig nebeneinander. Welches soll ich zunächst nehmen? Lesen zum Fallenlassen – oder lesen, was innerlich andrängt?
%
Schwierig, wenn Geschenke und Papier oben im Haus gelagert sind, die „Packstation“ aber unten ist. Will man an der Tochter vorbeischleichen, hat sie plötzlich hinten Augen und kann durch Türen schauen. Von ihren Ohren ganz zu schweigen. Schwierig also, weil ihr Weihnachtsglaube noch nicht ganz entzaubert ist und ich durch tolpatschiges Mich-auf-der-Treppe-erwischen-lassen nicht dazu beitragen will. — Der große Bruder durchblickt meine Lage und verhilft mir zu freiem Weg: „Komm Schwester, wir spielen was …“
%
Vorfreudig – die Kinder sowieso. Einschlafen wollte heute lange nicht gelingen. Aber auch ich. – Nein, nicht mehr auf Geschenke: die Zeiten sind vorbei. Auf Zeit vor allem – Zeit als größtes Geschenk. Zu mir kommen. Die innigen Tage „zwischen den Jahren“, die ich so liebe.
Und auf all das, was schon traditionell zu diesen Tagen gehört: frühstücken um die Mittagszeit, mit den Kindern riesige Legowelten bauen, Lese-Handwerkel-Mal-Orgien, 1000er-Puzzle (dabei verlassen mich die Kinder meist, aber das macht ja nichts: ich schaffe das auch allein :)), Nichtstun, Nursein …
%
Sehnsüchtig nach Stille. Ich glaube, ich kann sie schon kommen hören. Psssst – gut lauschen – da ist sie – bald – gleich – jetzt …
Tastend, wie sich Weihnachten anfühlen wird. Morgen schon, und doch noch weit weg …

… mag nicht …

Wie das wohl wäre – wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufzustampfen, sich zornentbrannt auf dem Boden zu wälzen, „nein!“ und „ich will das aber nicht!“ zu kreischen, trotzköpfig einfach im Bett liegen zu bleiben, mit Decke überm Kopf – und schon wäre alles in Luft aufgelöst, was gerade noch bedrängte. Wie das wohl wäre …
Bin aber kein kleines Kind. Und weiß, dass das selbst bei kleinen Kindern nicht funktioniert. — Mein „neee, nicht schon wieder so etwas“ kann ich murmeln, stöhnen, schreien, seufzen, so oft und so laut oder leise ich will – es ändert nichts. Schon wieder „solch“ eine Nachricht. Schon wieder.
Ich will sie nicht hören, ich kann sie nicht in die Nähe lassen. Spüre, wie sich etwas in mir verschließt, mich von meinen Gefühlen trennt, mich dumpf werden lässt. Ja, wie empfindungslos schaue ich auf die Mail, auf die gehörten Worte, auf die erzählte Lebensgeschichte, auf die Gespräche seither. Mache mir Notizen, mit welchen Worten ich am Montag die Kollegen informieren werde – Worte auf dem Papier, und in mir schwingt nichts mit.
Währenddessen starre ich auf das Telefon wie das Kaninchen auf die Schlange. Scheue mich, drücke mich, schiebe es hinaus. Heute sollte ich wohl. Die aktuelle Situation erfahren, unsere Beobachtungen weitergeben, und dabei … mittragen? (Das ist es: kann ich das? will ich? soll ich? geht das überhaupt? wieviel Nähe, wieviel Distanz braucht es?)
Mal wieder wird deutlich: wir sind für unseren Beruf nicht ausgebildet. Küchenpsychologie und Empathie und mein kindlich-naiver Wunsch, mal eben als Engel die Welt zu retten, die Welt dieses einen Kindes jedenfalls – das alles ist eben noch keine Professionalität.
Ich hätte gern Antworten, nicht nur Fragen, Ideen, nicht nur Hilflosigkeit, Erklärungen, nicht nur Verständnislosigkeit – hätte gern so manches anders gemacht, jetzt im Nachhinein. Ein Aufwallen des ewig-latenten Ich-bin-eine-schlechte-Lehrerin-Gefühls.
Ich scheue also vor dem Griff zum Telefon. Fühle mich feige, unfähig, abgestumpft. Und bin es im Moment wohl wirklich. So sehr, dass mir in den drei Tagen, seit ich darum weiß, auch mein positives Empfinden abhanden gekommen ist – kein Befreiungsgefühl, weil ich wichtige Arbeitsschritte für jetzt und lange beendet habe und mein Aufgabenberg zwar noch hoch, aber nicht mehr dringend und derzeit nicht nachwachsend, nur noch abzuarbeiten ist – kein inneres Mitsingen, als die Kinder musizieren: ich sitze einfach daneben – keine Freude über neugewonnene Zeitfenster: ich streiche ohne jede Leselust durch meinen Bücherberg und eine Buchhandlung, die mich sonst so verlockt – kein wirkliches Klavierspiel: mechanisch hämmere ich Fingerübung um Fingerübung – und als mir eine Dose frisch mit Kinderliebe gebackener und verzierter Plätzchen auf der Treppe aus den Händen rutscht und über zwei Etagen zerbröselt, als die Kinder weinen, kehre und sauge ich nur regungslos alles auf und sage „dann backen wir eben mal wieder“ (was in dem Fall nichts mit Gelassenheit zu tun hatte). — So leer, so unlebendig, so kalt ist alles in den letzten Tagen.
Ein Anfang, hier wieder zu schreiben. Endlich wieder Worte. Das ist ein klitzekleines bisschen wärmer als nur kalt. Und – ich merke es erst jetzt: seit heute Morgen ist mein Kopfschmerz weg, der drei Tage lang in mir gehämmert hatte.
Vielleicht sollte ich heute bergauf-bergab durch die kalte Winterluft laufen – vielleicht lässt sich mein Inneres dabei miterwärmen, vielleicht erwacht es aus seinem Winterschlaf.
Und: ich werde anrufen. Heute noch.

PS. Soeben, da ich hier fertig geschrieben habe, fliegt mir aus den Netzweiten ein Text in die Hände. Einer der so sehr passt, dass ich plötzlich wachwerde und weiß, dass heute noch Tränen fließen werden. Danke.

Bruchrechenspaziergang

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen.
Heute Nacht war in unseren Schulen die Heizung komplett ausgefallen. Die Grundschüler wurden gleich morgens wieder nach Hause geschickt (die Tochter jammert dem verlorenen Schultag noch jetzt hinterher – so ist das in Klasse 1 :)) und wir Großen mussten bleiben. Mehr Lebensjahre, mehr Winterspeck oder so, dachte man sich..
Bibberten uns also durch die erste Doppelstunde, je nach Stockwerk mit mehr oder weniger Jacke, Schal und Mütze. Für die dritte Stunde war Heizungsinstandsetzung angekündigt, dennoch konnte ich meine 6er überhaupt nicht anschauen, wie sie da zitternd und eingemummelt auf ihren Stühlen saßen. Wir wollten das keine zehn Minuten mehr aushalten. Also:
Ein Bruchrechenblatt mit wenig Schreib- und viel Kopfarbeit ausgeteilt, zu zweit einen Bleistift mitnehmen, alles anziehen was man hat, und dann jagte ich sie quer durchs Dorf, immer auf  unbefahrenen verschneiten Feldwegen entlang, ab und zu einen Abstecher zu einem einsamen Baum im Dauerlauf befohlen, und zwischendurch immer wieder: Wer schafft die meisten Aufgaben, bis wir wieder zu Hause sind?
Erstaunlich: mehrere Kinder ohne Handschuhe, einige mit so Sommerjäckchen, und schneedichte Schuhe gehören offenbar auch nicht zur Schulausstattung. Jedenfalls hatte ich am Ende des Spaziergangs meinen Schal und zwei Paar Handschuhe verliehen – da sage noch einer, es sei überflüssig, immer ein paar mehr in den Jackentaschen zu haben :) – nur meine warmen Schuhe wollte ich nicht hergeben. Dennoch: alle waren irgendwie aufgewärmt, als wir nach ner halben Stunde wieder reingingen. Das Schulhaus kam einem in dem Moment kuschelig warm vor, und die nassesten Socken liehen sich von Nachbarn und Nachbarinnen Schals und andere Stoffteile zum Drumherumwickeln. Ging auch. — Übrigens: bis zu zwanzig von den Bruchkettenrechnungen hatten sie herausbekommen. Ich glaube, so schnell hätten sie auf ihren Stühlen nie gerechnet :)

Ein zweites

Bei einem Türchen kann es ja nicht bleiben.

Heute – und gestern  auch schon – war darin und klopfte an und kam herein: Musikglück. Ausnahmsweise mal nicht das der Kinder. Nein, mein eigenes. Mein später Klavierspieltraum. Der sich manchmal so schwer in den Alltag einfügen lässt, dass ich freitags ungeübt in den Unterricht gehe – ein schlechtes Gewissen habe ich nicht und brauche ich nicht zu haben, bei dieser Lehrerin schon gar nicht. („Ich bewundere sowieso, wie Du das schaffst. Also los: machen wir was Neues – blätterblätterinNotenstapelnundfindetetwas – magst Du das?„) Spätestens, wenn sie spielt, fühle ich ein Ja. Sie weiß genau, was ich brauche, was mich lockt, was mich atemlos werden lässt. Und ich weiß genau, dass ich immer irgendwann wieder üben werde, dass ich irgendwann wieder für Tage versinken werde in einem Thema. So geschehen gestern, und heute, und morgen sicher immer noch.
Es ist wie trinken und fliegen und atmen und  tanzen und essen und jubilieren und horchen und getragensein und schmelzen und ahnen und durchlassen und wirklichwerden gleichzeitig – ja, all das. Ich kann es manchmal selbst nicht glauben.
Und es wird immer noch tiefer. Gestern schenkte sie mir den Satz, dass ein Piano, ein Pianissimo in den Körper hinein gespielt werden müsse. Und in die Tasten natürlich. Dass es nicht ein Weniger, ein Kraftlos, ein Blässlich, ein Zaghaft sein dürfe, sondern tiefste Körpertiefe, und dass meine Finger den Raum mit jeder Bewegung immer noch weiter öffnen müssen. Je leiser, desto bewusster und intensiver. — DAS hatte ich noch nie gespürt. Ich kenne es vom Singen – und WIE ich es kenne – aber am Klavier hatte ich ja keine Ahnung. Da waren Hände auf den Tasten, und da war mein Körper auf dem Stuhl. Und dazwischen – hm – eine Verbindung zwar, die Arme eben, und vielleicht ein bisschen mehr – aber es waren doch immer zwei Teile. — Gestern habe ich eine Spur bekommen: dass das alles Eines ist – dass die Tastenberührung aus dem Bauch kommt, dass ich durch meine Finger atme, dass ich mit den Füßen auf dem Boden die Musik singe – und dass mich all das in eine Weite fortträgt, von der zu schreiben hier mit irdischen Worten kaum mehr gelingen kann. (Es war nur ein Versuch …)

So ein Türchen war das.
Wunderbar, so ein innerer Adventskalender.

Ein Türchen

Gestern hat mein Advent begonnen. Ein paar Tage später halt. Der äußere Kalender, das äußere Zeitmaß verliert an Bedeutung, je ehrlicher ich in mich hineinspüre, je mehr ich  meinen inneren Taktgebern die Regie überlasse. Sie machen das schon richtig, diese inneren Sinne. Gestern also haben sie mich in den Advent geführt.

Ich durfte sogar ein Türchen öffnen. Kein „echtes“, kein äußeres, keines aus einem sichtbaren Adventskalender (obwohl ich mir einen solchen immer gewünscht habe – und vermutlich immer noch wünsche: es ist bloß nicht mehr so wichtig wie früher) – dieses Jahr suche ich die Türchen in mir. Die, hinter denen etwas wartet, das hineingelassen werden möchte – diese Türchen werde ich öffnen. Es versuchen jedenfalls.

Gestern klopfte die Ruhe an. Gänzlich unerwartet. Nach einem November, der nicht wie sonst gefüllt mit Nebel und Abwarten war – sondern turbulent wie selten, nach intensivsten Tagen und Wochen, nach Überforderung und Erschöpfung als Dauergästen — stand gestern plötzlich die Ruhe vor der Tür.
Ich ließ sie hinein. Ließ sie mich durchströmen, bis ich sitzen konnte. Und nicht einfach nur sitzen. Oder doch: einfach nur sitzen. Ohne Geschäftigkeit, ohne Blick auf die Uhr, ohne Gedankenkreisen, ohne Gefühlswirbel. Sitzen halt. Ein warmes Glas Leben trinken, ein Stückchen Familienkuchen dazu. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie das schmeckt.

Später am Nachmittag gestalteten sich noch unsere Adventskerzen. Ich war planlos, kranzlos, drahtlos gewesen, hatte nur rote Kerzen und ein paar Zweige, mehr nicht.
Mehr ist da nicht …

Die Zweige lose drumherum gelegt, beweglich, veränderbar. Wer weiß, ob wir nicht in diesem Advent die Zweige noch einmal ganz anders legen müssen. Oder wollen.

Und wer weiß, wer in den nächsten Wochen alles an meine inneren Türchen anklopfen wird.
Werde ich wirklich öffnen?
Wem?
(Und darf ich Dich, liebe Ruhe, die Du gestern als erste zu mir kamst, bitten, alle weiteren Gäste mit mir gemeinsam in Empfang zu  nehmen? Danke.)

PS. Was im Heute durch ein Türchen eintreten wird – oder eingetreten ist – sehe ich manchmal erst, wenn ich abends im Bett liege und der Tag durch meinen Kopf zieht. So gehe ich ihn jetzt ziehen lassen …

Es wärmt das Herz

– so sagte die Mutter, die heute mit ihren Kindern erstmals dabei war. Ja, wirklich. Der Tag fand in ungeahnte Fülle.

Vorher:

Start – man beachte die noch vorhandene Ordnung auf dem Tisch:

Kreationen 11jähriger – Tanz auf dem Dach, Balkone und Hundehütten, Torbögen, Raucher auf dem Balkon (mit Hut), Agentenschar (auch mit Hüten) – sucht das alles mal :)
Sie beflügelten sich nur so mit ihren Ideen , die fünf großen Jungs. (Schade, ich habe nicht annähernd all die Dinge fotografiert. Aber dazu war die sprühende Fantasie und Begeisterung der Kinder viel zu spannend.)

Ende – in kreativer Unordnung.

Dann ein Prosecco. (Nicht für die Kinder, natürlich.)
Dann Tischputz. (Auch nur die Mütter (natürlich?).)
Dann Lasagne.
Jetzt schlafen.
Gut.

Momente einer Woche

Dieser Tränenpaukenschlag. Noch selten so traurigschwer vor den Klassen gestanden – die Kleinen sind irritiert, die Großen ganz still – die Stunden ziehen sich.
Nein, ich kann das nicht machen.“ (Notiz an mich: Diesen Satz bitte für Friedenszeiten aufbewahren. Öfter mal einsetzen.)
Meine Kollegen sind Schätzchen. Wirkliche, ehrlich. Meine Schulleitung auch.

Allmählich komme ich zur Ruhe. Lenkt mich die Arbeit ab, wohltuend, für den Moment. Treffe die Kollegen vom anderen Arbeitsort. Auch dort gut aufgehoben, gut einander begegnet. Das alles ist ein großes Glück.

Der Tränenstrom ist für den Moment versiegt. Nicht weil ich ihn absichtlich gestoppt hätte. Sondern vielleicht, weil er zunächst genug mit sich gebracht hat? Flusssteine – Treibsand – Kindheitserkennen. So klar wie selten. So schmerzend, so heilsam.

Mittwochmorgen: Wäsche –  ein paar Dringlich-Emails – Äpfel nicht vergessen – Computer aus – Abflug in eine andere Welt – schnell schnell. Trotzdem fast zu spät.
Schlossambiente, entsprechendes Essen – hui! – bei Lehrerfortbildungen wird man sonst oft billig abgespeist. Naja, dies hier läuft ja auch unter dem Schlagwort „Führungskräfteentwicklung“. (Upps: bin ich eine solche? Will ich eine werden? – Die anderen Teilnehmer sehen eigentlich auch alle ganz normal aus :) Aber was heißt „ganz normal“ – habe ich ein gestörtes Verhältnis zu beruflichen Hierarchien? – Muss ich für den Moment nicht verstehen. Steht aber als langfristige Rollenklärung an.)
Hier also: Wer hätte das gedacht. Unerwartet wohlfühlen. Mitmenschlich, und inhaltlich. Drei Tage gefüllt und gewinnbringend wie selten.
Alles hat mit mir zu tun. Für mein Wirken geschult zu werden, heißt auch, mein Wirken zu hinterfragen, und mein Ich zu hinterfragen. Selbsttests sind dabei, drei Tage voller Spiegel. Die Ergebnisse überraschen mich nicht. Meine Antreiber, meine Ich-Anteile, meine inneren Stimmen. Klar, so klar stehe ich mir selbst wieder einmal gegenüber. Zwischenzeitlich tropfen ein paar Tränen aufs Papier, mitten in der Sitzung. Vor sich selbst kann man nicht weglaufen.
Aber, und das macht diesen Lehrgang für mich einzigartig, ich bekomme eine Ahnung, dass ich mein Ich nicht beiseite schieben soll. Sondern dass es zu integrieren ist, dass all mein berufliches Wirken drumherum aufzubauen ist. Dass dies möglich ist, lebt die Lehrgangsleiterin auf überzeugende Weise vor. Professionalisierung muss nicht außerhalb von mir geschehen, sondern ich kann dabei in mir bleiben, in meinem Es-ist-wie-es-ist. Mir war dies bisher nicht klar. Nun weiß ich. Dankbar. — Als ich diesen Punkt in mein Abschluss-Feedback aufnehme und eben auch der Trainerin persönlich danke, nickt ein Teil der Runde. Die anderen verstehen nicht, wovon ich rede. Macht ja nichts. Heterogenität als Chance, hieß es immer wieder in den drei Tagen. Und dass mit mir alles in Ordnung ist. (Dieser letzte Satz war in andere Worte gepackt. Ich habe mir die Coaching-Sprache hier für mich übersetzt.)

Nebenbei:
Eine erste Mahlzeit, wir kennen uns alle überhaupt noch nicht. An unserem Tisch sind zufällig alle Nicht-small-talk-Fähigen des Kurses versammelt. Wir schweigen. Und essen. – Seltsam, still, ungewohnt. In mir Erinnerungen an mein Schweigewochenende, vor einiger Zeit. Wie sehr man das Essen wahrnimmt, den Geschmack, den Geruch, das Gefühl im Mund, und alles andere, was sonst im Gespräch ertrinkt. Mich begeistert, dass das hier geht. Gleichzeitig der Gedanke: wie es wohl den anderen gerade gehen mag? Als wir die Gabeln weglegen, sagt einer: Danke. Aha – nicht nur ich habe das Schweigen als Geschenk erlebt.
*
Das Internet reicht nicht in mein Zimmer. Nehme das als Zeichen – schleppe das Netbook nicht in die Sitzung mit, nicht in den Speisesaal, sondern: Keine Mails, kein Bloggen, keine Kontakte – das soll wohl so sein. Und ist gut so.
*
Abends im Gewölbekeller – ich setze mich zu all diesen Mitteilnehmern (was ich sonst auf Fortbildungen selten tue). Kann und will plaudern, einfach so, beruflich und anders. Nicht in meinem Zimmer mit meinem Buch, meinen Worten, meinem schweren Kreisen sein. Die Leichtigkeit des Gewölbekellers.
*
Draußen ist Nebel. Nebel über Nebel. Passt. Als am dritten Tag die Sonne herauskommt, fühle ich mich geblendet. Merke, dass ich sie gar nicht bräuchte. (Damit bin ich wohl die Einzige im Raum.)
*
Abschied. Wir werden in gleicher Runde im Februar wieder zusammen kommen. Und später noch einmal. Das ist gut.

Gestern dann – ich komme heim aus der anderen Welt. Nicht mal eine Stunde Fahrzeit – ich bin dort noch gar nicht weg, als ich die Haustür aufschließe. Entgegenfliegende Kinder. Entgegenfliegende Aufgaben. Nicht alles so gelaufen in den drei Tagen wie es sollte.
Müde. Unendlich müde. Das Glas Rotwein übernachtet auf dem kleinen Tisch, weil ich vorher einschlafe.

Vorhin – Aufwachen aus einem Traum-Gedanken-Mosaik mit einer Billion Bestandteilen, noch nicht zusammengepuzzelt. Decke über den Kopf. — Doch ich muss die schützende Höhle der Bettdeckenwärme verlassen, hinaus ins Was-will-das-Leben-jetzt-wieder-von-mir.

Heute, nachher, wird ein Schwarm Kinder mit Lebkuchenbauvorfreude in den Augen hier hereinfliegen. To do bis 15 Uhr – nein, nicht jetzt dran denken. Noch sitze ich hier.

Morgen, früheste Morgenstunde, in den Zug nach Berlin, mit den Kindern. Zur Oma, zur Uroma. Viel mehr mag ich dazu gerade nicht sagen. Mein Herz pocht so sehr, mein Lebensspiegelbild kommt mir entgegen, und jede Menge Bangigkeit, das Gefühl von Überforderung, Fragen, Zweifel, Demut, Leere, Hoffnung.

Zu viel zu Lebendes in zu kurzer Zeit.
Seit Tagen spüre ich die kleinen Stellen innen unter den Augen. Dort wo die Tränen hervorquellen. Dort wo die Altersfältchen reifen. Seit Tagen fühle ich dort Müdigkeit, Druck, Erschöpfung.

Am Montag und Dienstag werden meine Kollegen für mich meine Arbeit tun. Ich sagte doch: Schätzchen. Und das ist viel zu flapsig gesagt.
Jetzt: die Kinder sind aufgewacht. Nun doch To-do-Listen – jeder bekommt seine. Ich erkläre, dass sie heute gut mittun müssen, weil es so viel ist. Ein Packen also für jeden von uns. Sie nicken.
Auf geht’s, unser Samstag beginnt.“ Sie flitzen hoch. Ich schreibe hier die letzten Sätze.

nachts

Jetzt – genau jetzt – bräuchte ich jemanden, der mich sanft in den Arm nimmt, der mich hält, ganz fest hält. So dass ich weinen könnte, weinen wie ein Kind.
Es ist so viel plötzlich, so viel zu viel. Und so wenig, woraus ich zehren könnte.
Ich möchte jetzt ganz klein sein dürfen. Einfach nur noch klein.

Zweimal

Kaum zwei Wochen lagen dazwischen.
Zweimal in so kurzer Zeit stehen wir im Glockenläuten einer kleinen Kapelle, inmitten von Gräbern, mit Blick über ein Dorf auf die Weite der umliegenden Hügel. Beide Male inszeniert das Licht abrupte Wechsel von herbstenem Leuchten und windiger Düsterkeit, unwirklich fast. In die Menschentraube hinein – zu viele sind gekommen, um Platz im kleinen Kirchenraum zu finden –  tönen Lautsprecherworte, vermischen sich mit Hagelgeprassel auf Schirmen, mit geweintem Schneuzen, mit dem freien Himmel über uns.
Zweimal in so kurzer Zeit, zweimal stehen wir dort.

Ich weiß nicht, wo all das deponieren. Muss innehalten. Hier. Jetzt. Am Wochenendvormittag. Ein bisschen was lassen. Erzählen …

… davon, dass diese beiden, rechnet man ihre Lebensalter zusammen, immer noch ein Vierteljahrhundert jünger waren als meine Oma, welche sich in diesen Tagen – mag sein? – allmählich auf ihren letzten Weg begibt. In all der Ruhe, die sie immer in sich trug. Als ich da auf den Hügeln stehe, in diese beiden fremden Leben hineinlausche, von denen Abschied genommen wird, da fließt mein eigener Schmerz des Loslassens mit, und Dankbarkeit. Beides. Es ist vielleicht ein und dasselbe.

… von der Hilflosigkeit, mit der all die jungen Menschen am Grab stehen, ihre Tränen unterdrückend, unterdrückt habend (wer weiß wie lange schon), bis diese sich laut schluchzend Bahn brechen. Mitten hinein in die Worte, die einer von ihnen versucht zu setzen. Worte, dem Freund mitzugeben, Worte, von denen wir noch vor wenigen Monaten nicht ahnten, wie bald sie zu sagen sein werden – damals, als diese noch auf unseren Schulbänken saßen. Sie wissen sich nicht anders zu helfen als die Erwachsenensprache zu wählen, diese Nachruf-Sprache voller Unfassbar!-wirwerdenihmeinehrendesAndenkenwahren-Erschüttert!-Worthülsen für das Unsagbare.
Die Erwachsenen vermögen ihre Sprachlosigkeit ja auch nicht anders zu kleiden. Schicken dem gewesenen Arbeitskollegen Kränze von zwei Meter Durchmesser hinterher – mir wird kalt – all diese Berufskränze an den Wänden der kleinen Kapelle – und mir wird warm: das kleine Blumenherz, zart am Boden liegend, mit innigen Worten auf kleine lebendige Herbstblätter geschrieben, von seinen drei allerliebsten Menschen.
Und noch wärmer: als die kleine Schwester spricht, voller humorvoller augenzwinkernder Liebe ihrem großem Bruder sagt, was sie ihm schon immer mal sagen wollte … und ich denke beruhigt, mit dieser Tante an Deiner Seite, und mit solcher Vaterliebe in Dich hineingeschenkt, da wirst Du gut geführt werden bei all Deinen nächsten Schritten, kleine J. So bleiern sie auch sein mögen.

… von den Urteilen, die ich vorher in mir trug. Oder nein: von deren sanfter Auflösung – als sie von ihrem Sohn erzählen, als in einem kleinen Stück Holz, welches wir da draußen noch nicht mal sehen können, so alles sichtbar wird über diesen Menschen, und über seine Familie, die ihn noch einmal zu sich nach Hause geholt hatte. Wie ich mich getäuscht hatte …

… von einer Mutter und einem Vater am Grab, andere Menschen umarmend – kraftsuchend, und dabei noch kraftspendend, so will es mir scheinen. Ich wage kaum, von dieser Umarmung anzunehmen, denn nicht ich bin es doch, die jetzt Trost braucht …. Und von einer Ehefrau, die auf ihre tränengeschüttelten Töchter sich stützt, stützen muss, um weitergehen zu können. — Bilder, ich nehme sie in aller Tiefe mit.

… von ihr, wie sie plötzlich auf dem Schulflur steht, sich glaubt entschuldigen zu müssen, dass sie den Vortrag in diesen Tagen nicht wird halten können – und ich sie nur wortlos in den Arm nehme. Und ihr zu ihren Gedanken – das hätte mein Papa doch nicht gewollt, dass ich mich nun gehen lasse – versuche ein paar von meinen zu geben – über Schwachsein und Starksein und darüber was das Herz braucht und sucht und entscheidet. Ich ahne, dass dies in den nächsten Monaten unsere dringliche Aufgabe ihr gegenüber sein wird: sie vor ihrem Sichverpflichtetfühlen, ihrem eigenen Ich-muss-doch-aber zu schützen.

Und dann das Gefühl von Schuld. Schwer zu fassen. Seine blauen Augen, da links in der Bank, noch so klar vor mir. — Was habe ich versäumt? Versäumt zu sagen, zu tun, zu spüren, zu halten, zu hören. Wie mag diese Frage erst in seinen Nächsten kreisen …

Und das Gefühl von Leere. So viele Nichtbegegnungen, Uneigentlichkeiten, Nichtwesentlichmomente im alltäglichen Schulleben. Und Hilflosigkeit, auch das, unter uns Kollegen. Vieles wäre zu sagen, mit vielem wären die Tränen zu füllen, die wir gemeinsam an den Gräbern geweint haben. — Und schon ist wieder kein Raum dafür im Schulalltag. Oder richtiger: nehmen wir uns diesen Raum nicht. Schon gehen wir weiter, jeder für sich. Wachgerüttelt, ja, gewiss, und wie. Aber ob der Same, den eine jede Begegnung mit dem Tod schenkt, nun auch keimen, wachsen, reifen darf?

… dieser November …

Schon wieder eine Todesanzeige im Lehrerzimmer.
Schon wieder dieser Imperativ:  Mensch, lebe wesentlich.

Danke, ich habe vernommen.
Ich brauche keine weiteren Fingerzeige.

Ich will weinen.
Jetzt.
(Meine Tränen tropfen auf die Karte, die ich morgen auf den Weg schicken werde. Liebe J., schreibe ich. Für die weiteren Zeilen fehlen mir die Worte. Dieses Kind ist zu jung, eine solche Karte zu bekommen.)

rückgeblickt, vorgeschaut

Was für eine Woche!

Der Versuch, aus dem Beben heraus wieder in die Arbeit hineinzufinden. In der Mitte des Lehrerzimmers die schwarzumrandete Anzeige mit den so vertrauten hellen Augen. Nicht zu realisieren, immer noch nicht. Die Beerdigung – Stunden wie in anderer Sphäre. Zurückzukehren in die Alltäglichkeiten, irgendwie.

Mitten hinein in diese Woche treffen Sohnesschulnachrichten, die mich weinen lassen, den Sohn dann auch, weil nach wochenlangem Hochgefühl – all sein Schul(er)leben würde endlich gut – doch die altvertrauten Sorgen wieder auftauchen. (Es wäre ja ein Wunder gewesen, wenn nicht.) Wir sprechen lange an dem Tag, bleiben beide ratlos. Vielleicht doch mal professionelle Beratung holen?

Und eine Begegnung, die tief in mir meine ureigensten Fragen aufwühlt, meine so unbeantworteten. Hin und hergerissen zwischen Gefühlen jeglicher Art. In dieser Woche musste so manches Platz finden.

Wie schon so oft sind es unsere Musiklehrer am Freitagnachmittag, die mit ihrer liebevollen Fürsorge für die Kinder (und für mich – ich darf ja dort auch lernen :)) die Woche besänftigt, befriedet enden lassen.

Und weil ich durch die Tage wie gelähmt gegangen bin – oder nein: nicht gelähmt, sondern in der dem Ganzen angemessenen Geschwindigkeit, lediglich kollidierend mit dem von der Arbeitswelt geforderten Tempo – und weil ich in meinen Ferien (Ferien – waren da irgendwann Ferien???) dem Wichtigsten Raum gegeben hatte, den Kindern, den Träumen, den Begegnungen, dem Ich, fast ausschließlich all diesem, statt den Arbeitsbergen, und weil ohnehin jetzt im November unsere dichteste Arbeitszeit beginnt, deswegen werde ich hier von den ausstehenden Aufgaben schier erdrückt. Das presst mir die Kehle zu, das lässt das Herz holpern, das fühlt sich nach Fliehenwollen an …

Bis ich heute Morgen hier sitze, mit Kerze und Kaffee, mir die Gespräche der vergangenen Tage durch den Kopf ziehen lasse – und plötzlich weiß, dass es Lebkuchenteig-Zeit ist. Dass wir dieses Jahr wieder eigene Häuser backen werden, mit den Kindern tagelang Teig kneten, ausrollen, backen, zuschneiden, mit „Mörtel“ zusammenkleben – viele kleine Häuser. Und dann an einem der Adventstage Freunde der Kinder einladen werden, vielleicht auch deren Mütter, um die Häuschen zu verzieren. Nachher werden wir herumtelefonieren, einen Termin suchen und hoffentlich finden (das ist in der Adventszeit ja nicht so einfach), uns verabreden.

Gleich fühlen sich meine Arbeitsberge leichter an – mit der Aussicht auf den Teig in der anderen Wagschale. Denn dort liegt ja nicht nur der Teig, der zu formende, zu gestaltende. Dort liegen die Kraft, die hineinzustecken, und die, die herauszuziehen ist, und die Kinder mit ihren Strahleaugen, ihren süßigkeitenglücklichen Mündern, all das.
All das. Bald.
Und damit schon jetzt, irgendwie.

abrupt

Mal abgesehen davon, dass einen das Ferienende immer irgendwie unerwartet überfällt, zumal nach solch wunderbar stimmigen Tagen, aus denen es viel zu erzählen und weiterzutragen gäbe, mal abgesehen davon, kam es diesmal mit besonderer Wucht. Solche Nachrichten tragen immer Wucht in sich. Geeignet, einen Teil des Seienden von seinem Platz zu schleudern. Um an neuem Ort Blüten blühen zu lassen, später irgendwann. In dieses Später können wir uns nur allmählich hineinbewegen, kriechend, strauchelnd, ungläubig – selbst wenn wir den Weg schon kennen und eigentlich wissen – wissen könnten – er fühlt sich an wie beim ersten Mal.
Im Moment ist Schweigen – es formen sich keine Worte – wie auch. „Endlichkeit und Ewigkeit ziehen in mir ihre Kreise“, das las ich heute, hier bei ihr, und ich nehme es mir mit, um mehr zu erzählen als nur nichts.

Und noch etwas, nicht unwichtig: Nun trafen jene Zeilen genau in dem Moment ein, als ich mich hierher an die Tasten begab um zu danken für die unglaublich liebevollen Worte, welche mich am Freitag erreichten. – Ich bin seither verstummt. Wir alle. Solch ein Schweigen im Reden heute in der Schule … – Ich danke daher kurz von hier aus: Mich hat alles erreicht, mich hat alles berührt. Und welche Verbindung sogar zu den Geschehnissen seither, in manchen Eurer Worte … Staunend.

Tochterwissen

Neulich, im Auto nach dem Cellounterricht, erzählt sie mir, dass sie heute die 4. Lage kennengelernt hat. Boah, staune ich, das sei ja ganz schön schwer (und stelle mir vor, wie ihre kleinen Fingerchen nun von der vertrauten Position nach oben zu rutschen haben, wie sie dort auf der richtigen Höhe Halt finden müssen; und auch das Notenlesen bekommt ganz neue Dimensionen, da der bisherige Zusammenhang zwischen Note und Fingersatz aufgelöst wird – ich weiß das noch von meiner Gitarrenlernzeit). Das sei wirklich schwer, sagt sie von der Rückbank. (Und ich male mir schon aus, wie unser tägliches Üben nun von weiteren Facetten ihres „Böckchens“ begleitet sein wird.)

Nach einer Weile: „Aber es ist gut, dass der Herr R. mir so schwere Aufgaben gibt.“ — „Warum das denn?“ (Mir dabei vor Augen, wie gesagt, das tägliche Übe-Böckchen.) — „Na weil ich bei so schweren Aufgaben ja nie von allein sagen würde, dass ich die will. Darum ist es gut, dass er mir die gibt, ohne mich zu fragen.“ — „Ja, aber dann musst Du die schweren Lieder doch auch üben???“ — „Ja, das ist ja gut, wenn ich die übe. Das macht sogar Spaß. Nur würde ich eben allein nicht Ja sagen dazu. Sowas sucht man sich doch nicht von allein aus. Und deswegen ist es gut, dass der Herr R. mir die aufgibt.“

Ich werde vor Staunen still. Sie hat das Wesen schwerer Aufgaben irgendwie tief begriffen. Nie selbst gewählt, immer eine Herausforderung, und letztlich … irgendwie „gut“. Auch wenn das „gut“ bei den wahrlich tiefen schweren Aufgaben des Lebens eine neue Bedeutung erlangt. Von solchen Aufgaben weiß sie zum Glück noch nichts. Sie macht ihre Lebenserfahrung an den Cellohausaufgaben. Und darin steckt irgendwie schon alles …

Noch am selben Tag abends geht sie es an, und jeden Tag seither. Ganz ohne Böckchen. Manchmal schickt sie mich weg, um mit ihrer Herausforderung allein zu sein. Dann lausche ich nur von meinem Arbeitszimmer her, wie sie die G-Dur-Tonleiter hoch hinauf spielt. Und bis zum hohen g mitsingt, mit glockenreinem Stimmchen. Es berührt mich zutiefst.

(Zu den schweren Aufgaben des Lebens Ja zu sagen – und sich ihrer anzunehmen – dabei noch zu singen – so wie Du es mir vormachst. Tochter: ich höre.)

zugemutet

Nun auch hier: ein Hauch von Reif auf den Blättern, kaum sichtbar zwar, aber von deutlichen Minusgraden umgeben. Es riecht nach Kälte, nach Winter. Und als ich morgens auf die Terrasse trete, fallen neben mir die Blätter. Ich bin irritiert.
Warum?

Erst allmählich wird mir das Ungewohnte bewusst:
Sie fallen nicht sanft und schwebend, sondern schnell – von der Schwere des Reifs zu Boden gezogen – geradlinig, zügig.
Sie fallen nicht leise und raschelnd, sondern mit einem hartgefrorenen Geräusch – jedes Landen von einem Klick begleitet – unaufhörliches Blätterfallklicken.

Seltsame Vermengung von Bildern, Geräuschen, Stimmungen, die so nicht zusammengehören, die nicht recht zusammenpassen wollen, die wir jedenfalls sonst nie zusammen erleben. In eine Welt der Gegensätzlichkeiten zieht uns dieser Herbstwinter hinaus, vermischt Widersprüchliches, bringt Kontraste einander nahe, führt sich als Bruch, als Einbruch in Gewohntes auf.

So wie das Leben. So wie die Seiten des Lebens jedenfalls, die wir allzuoft und allzugern glätten wollten, dass sie seichter, sanfter, behutsamer mit uns wären. Nein, all das ist dieser Herbstwinter nicht. Er kommt unverstellt, kommt als er selbst, denkt nicht daran uns zu schonen. Wie das Leben eben.
Vielleicht würde ich an Tagen, an denen ich mich stark wähnte, danke sagen. Danke für diese Zumutung. — An einem Tag wie diesem bin ich ganz still. Lausche zaghaft, verzagt fast. Die Natur lehrt uns – ja, doch – oft tut sie das. Nur mag ich manche Lektionen nicht so gern hören …

Erschreckt

Als er aus dem Landheim zurückkam – aus jenem, bei dessen Abreise ich schon ein wenig geschluckt hatte, weil die Kinder uns begleitende Mütter nicht mal mehr mit einem Winken bedachten, wie wir da überflüssigerweise und „peinlich“ herumstanden – als er also nach drei Tagen zurückkam, konnte ich gar nicht so schnell schauen, wie er sich aus der kurzen Umarmung – ja, doch, er kam angeflogen, wie immer, wie es ihn wohl auch drängte – wieder löste. Mich regelrecht wegstieß. Das mit dem Umarmen, das möge er nun nicht mehr. Erzählen sei in Ordnung, ich dürfe auch was fragen, aber nicht mehr umarmen. Er sei jetzt in der Pubertät, und da sei das eben so.
So sehr wie ich über diesen ernsthaft ausgestoßenen Satz schmunzeln könnte, spräche ihn ein fremdes Kind zu einer fremden Mutter, so sehr bekomme ich einen Schreck. Einen richtigen, tiefen. Ich sitze vor ihm – ungläubig, verloren, tief getroffen. Bin doch eine alte Nichtloslasserin. Möchte mein Kind, mein immer noch kleines, so sehr an mich drücken. So wie es immer war – bis letzte Woche doch war es so. Er war so verkuschelt, er brauchte Kuscheln vor dem Einschlafen, zum Aufwachen, zum Erzählen von der Schule, und einfach so zwischendurch. Und nun? Ist er mit einem Schlag weg davon? — Ich kann es immer noch nicht glauben. Mir tut es weh, und ich erschrecke über diesen Schmerz. Denn mein Kopf, der ist voll von Freude, ein großes, ein immer selbstständiger werdendes Kind begleiten zu dürfen, der ist fasziniert von all den Schritten, die er gerade in jüngster Zeit geht, über seine Wege ins „Jugendlichwerden“ (so nennt er selbst es :)). Und meiner Herzensfreundin, die jeden Tag mit ihrem drei Jahre älteren Sohn genießt, der glaube ich gern, welch besondere Zeit auch die jetzt anbrechende sein mag. — Aber tief in mir, in meinem ebenso verkuschelten Kleinkindmamaherzen, da tut es gewaltig weh. Ich weiß, dass ich diesen Schmerz ihm gegenüber nicht zeigen sollte, dass ich schon gar nicht ein „Recht“ auf irgendeine Form der Nähe habe, aber mir treibt es die Tränen in die Augen. Ich fühle mich so unfähig. Er wächst so viel schneller als ich …
Und dann – nun sind ja schon ein paar Tage vergangen seither – bemerke ich, dass da nicht nur Schmerz ist. Etwas hat sich geändert. Zunächst: so ganz hundertprozentig, so ganz abrupt ist er doch nicht weg aus den Umarmungen. Immer wieder mal kommt er, holt sich eine Berührung. Ich passe sorgfältig auf, dass ich ihm keine aufdränge, doch er holt sich den Körperkontakt wirklich selbst. Kurz nur, seltener als früher, und manchmal wirkt er dabei wie erschreckt über sich selbst, kann nicht einordnen, dass er dies doch noch braucht, obwohl er eigentlich nicht mehr wollte :)  Und jedes Mal durchfährt es mich freudig und wehmütig – wer weiß wie lange noch? – und mit einer neuen Achtsamkeit. Ich spüre in unsere nahen Begegnungen anders hinein, tastender, horchender, mit größerer Bereitschaft neue Klänge wahrzunehmen, das Altvertraute loszulassen. Ja, da sind neue Töne – und was für welche! Ich muss nur aufwachen, muss mich mit allen Fasern auf meinen großen Sohn einlassen … was wird sich mir alles offenbaren???

(Und nun wage ich kaum, dies zu veröffentlichen. Schaue voller Bewunderung zu all Euch Großkindmüttern da draußen – wie Ihr diesen Schritt geschafft habt, zu dem ich mich noch so unfähig fühle. — Mut macht, dass alle Mütter dieser Welt ihn gehen. Und ihn zu gehen schaffen. — Mut macht auch, dass ich in der Schule mit den Älteren viel lieber, vielleicht auch viel besser arbeite als mit den Kleinen, dass also das Alter, welches ich bei meinen Schülern am meisten liebe, bei meinen Kindern erst noch bevorsteht, noch lange nicht erreicht ist …)

Soeben …

… bei uns im Garten. Die Schneebilder, andernorts zu sehen, kann ich kaum glauben. Ebenso wenig wie die Temperaturen, die das Thermometer neben mir anzeigt. Meine Haut sagt anderes. Vielleicht lässt sie sich vom Auge über ihre Wahrnehmung hinwegtäuschen? Vielleicht bin ich ein so augendominierter Mensch, dass ich auch nicht spüren kann, was der Sohn jetzt gerade erstaunt durchs Haus ruft: „Draußen riecht’s nach Winter …“

Arbeitsweg

Bin gestern sehr früh eingeschlafen, so erschöpft, noch bevor ich erzählen konnte: Ja, ich habe es getan, wieder mal! Mit dem Fahrrad zur Arbeit nämlich, zu meiner Dienstagsarbeit. So sieht es unterwegs aus …

Das war auf dem Rückweg, in der warmen Mittagszeit.

Morgens ist es stockfinster, ich kann das schwarze Wasser hinter den schwarzen Bäumen nur erahnen. Eine unglaubliche Stimmung. Und ein sehr erlösendes Schwarz. Denn bevor ich auf den Fluss treffe, liegen 10 km Bundesstraße hinter mir. Gegen halb sieben morgens über die abgeschiedenen Felder traue ich mich nicht. Deswegen der Radweg dicht an der Straße, auf der mich jedes entgegenkommende Auto dermaßen blendet, dass ich mein eigenes Fahrradlicht und den Weg vor mir kaum noch sehe, immer nur hoffen kann, dass mein Reifen stets die Mitte zwischen Böschung rechts und Fahrbahn links beibehält. Deswegen: erlösendes Schwarz des Flusses. Von hier ab ist alles gut. — Wie unterschiedlich die gleiche Farbe wirken kann …

Und noch ein Sehenserlebnis. Weil ich mit dem Fahrrad mal eben schnell in die Stadt hinein fahren konnte, ließ ich endlich meine Brille richten bzw. austauschen – seit Wochen spricht der Optiker auf meinen AB, ich solle vorbeikommen. Spontanentschlossen tat ich’s gestern. Hatte aber keine Ersatzbrille dabei und musste die Wartestunde „blind“ verbringen. Naja, nicht blind. Aber so verschwommen, dass ich niemanden und nichts außer Konturen erkenne. Vielleicht habe ich also Menschen verprellt, die mich freundlich anlächelten und ich hab’s nicht bemerkt, vielleicht hab ich Bekannte übersehen, hab sonstige Ungeschicklichkeiten begangen. Hilflos, war mein Gefühl.
Bis ich mich setzte, auf den Innenhof meiner Studentenjahre, verschwommene Wolken von Farben und Licht schauend, in vertrauter Umgebung, und alles war gut. Aber doch ungewohnt. Und Neugier war in mir … so dass ich meine Kamera beauftragte, für mich zu entdecken, was sich in den Farbwolken verbirgt. — Sehr faszinierend: da waren Konturen, da war Erahntes und Nichterahntes, Vertrautes und Überraschendes …

Nein, da ist nichts „Besonderes“ auf den Fotos. Mich faszinierte lediglich, dass ich von all dem nichts – NICHTS – gesehen hatte. Manches habe ich in all den Jahren mit Brille auf der Nase nie wahrgenommen.
Insofern … ist es also doch etwas „Besonderes“?
Wie oft mag uns das mit unserem „normalen“ Sehen auch so gehen – wir sehen, und sehen doch wieder nicht …

Herbstwetterfahrtgedanken

Mein Fotoapparat sollte im Auto liegen, bei diesen Farben, jetzt, hier, für all diese Bilder – das denke ich schon seit Tagen, da ich wieder regelmäßig durch die Landschaft fahre, durch meine Studentenstadt, an meinem Fluss entlang, über die Hügel, morgens, abends, mittags – sehe allerorten fotografierende Menschen, vom Rad gestiegene, schaue neidvoll, rechne immer wieder durch, ob nicht auch ich – nein, knapp 100 km Tagestour sind einfach zu viel für das langsamere Vehikel – und bin noch ganz betäubt von dem Licht, das mich soeben nach Hause begleitet hat. War auch schon im Auto betäubt, so sehr, dass ich das an der Tankstelle gekaufte Feierabend-Eis auf dem Beifahrersitz liegenließ. Bis zu Hause. Da schwimmt es nun …

Den angekündigten Temperatursturz mag ich nicht glauben, und kann es nicht, und sehe ihn nicht vor mir, da er in dieser goldgefärbten Luft nicht greifbar wird (und will es nicht, jedenfalls solange der Sohn im Landschulheim ist, für Winterwetter nicht eingekleidet, so wie seine Klassenfreunde wohl auch nicht, diese großgewordenen, die sich heute morgen aber sowas von nicht verabschiedet haben von uns Müttergrüppchen, die wir beginnen peinlich zu werden :) – nunja, wer so schnell lospubertiert, würde wohl auch mit einem Temperatursturz fertigwerden, versuche ich meine Muttersorgen loszulassen).

Und doch, wer weiß wie schnell – alles geht derzeit schnell. Vieles unerwartet. Sechs Blaulichtwagen bin ich heute begegnet – sechsmal eilige Fahrt ins Werweißwohin, sechsmal eine ungeahnte Lebenswende, und kurz vor meinem Dorf noch das Kreuz, das seit einigen Wochen auf unsere Landstraße schaut – einige Kilometer nur von dem Kreuz entfernt, das seit sechseinhalb Jahren daran erinnert, dass nicht jedes Kind neben seiner Mutter großwerden darf, und nicht jeder Vater seine Tochter am Ende eines Schultages wieder in die Arme schließen darf. Tagtäglich fahre ich an diesen Kreuzen vorbei.

Die Tochter liegt oben im Bett, ungewöhnlich um die Zeit, der Schulstart fordert seinen Tribut – in vier Tagen sind Ferien. Alle drei sehnen wir sie herbei. Alle drei brauchen wir mehr Schlaf, mehr Ruhe, brauchen uns, brauchen das sich in Ferientagen so herrlich ausbreitende Nichtstun.

Und über all dem schwebt seit Tagen eine Wolke dumpfen Misshagens – oder schwebt sie in mir? – des Misshagens über meine Wege, meine Aufgaben, meinen bevorstehenden Rollenwechsel – vom Arzt zum Richter (wie es in der Pädagogik oft genannt wird).
Wer bin ich, dass ich in fremde Lebenswege eingreifen darf? — Und werde es doch bald tun müssen. Mit Zahlen, die ich in Formulare eintrage. Und die darüber entscheiden, ob der- oder diejenige … oder ob eben nicht. — Wer bin ich? — Aus dieser Aufgabe möchte ich meinen Kopf wie aus einer Schlinge ziehen. Am liebsten mich drücken. — Und bin darum sehr dankbar, heute als willkommene Ärztin, sozusagen, empfangen worden zu sein. Dort wo ich heute war, beratend, helfend, gemeinsamwegsuchend.

Mein Heimkommensgedankenpotpourri …