Träume

Cello #1 – Aufeinanderzu

Es wurde Zeit.

Ich weiß gar nicht mehr, wann es mich zum ersten Mal ergriff. Als G., wir waren noch Kinder, Schumanns „Fröhlichen Landmann“ spielte und ich die warmdunkle Melodie bis in meine Träume hörte? Als A. ihr Instrument mit auf die Konfirmandenfreizeit genommen hatte und ich heimlich vor ihrem Zimmer stand, um zu lauschen, wie sie übt? Als die W.s in ihrer Wohnung Hausmusik machten und ich immer nur das große braune Instrument anschauen konnte?

Ich glaube, es war Liebe auf den ersten Blick. Oder auf den ersten Klang, wie es richtig heißen müsste.
Lange war ich mir ihrer nicht bewusst. Ich hatte ja keine Möglichkeiten, sie zu einer realen werden zu lassen. Im Unterschied zum Klavier, mit dem mich von früh an eine ähnliche Affinität verband, konnte ich meine Celloliebe nicht ausprobieren. Während ich jedes Klavier, welches mir je am Wegesrand stand, bespielte, soweit ich dies vermochte, kam ein Cello einfach nicht des Wegs. Ein einziges Mal, es muss in den Neunzigern gewesen sein, fragte ich U., ob ich einmal auf seinem ausprobieren dürfte, wie es sich anfühlt. Sein entsetzter Blick lehrte mich, dass man Celli offenbar nicht aus der Hand gibt. Ich stellte eine solche Frage nie wieder.

Später dann hatte ich zwei Kinder, eines davon wählte sich das Klavier, das zweite das Cello. Dies machte mir ein schlechtes Gewissen, weil ich vermutete, ich hätte meine eigenen Träume in die Kinder projiziert. Auch wenn diese ausdauernd versichern, dass sie sich ihre Instrumente wirklich nach den Lehrern ausgesucht hätten, und wenn ihr Aufblühen in der Musik mich beruhigen könnte – ganz frei werde ich von dem Gedanken nicht. Aber nun: es kam, wie es kam.

Vor sechs Jahren hielt also das erste Cello Einzug in unserem Hause. Ich juchzte. Es war aber ein Achtelinstrument und hatte somit etwa die Dimension einer Bratsche. Als ich es zwischen (oder besser: auf) die Knie nahm, konnte ich es als Cello nicht wahrnehmen. Später das Viertelinstrument und das halbe Cello ließ ich aus, sie waren ja immer noch sehr klein.
Und dann zog im Dezember ein Dreiviertelcello ein. Endlich groß genug für mich, um es wie ein „echtes“ im Arm zu halten, zwischen den Knien, und vor allem um zu vermitteln wie sein Klang ertönt.

Es war … das war … als hätte ich es immer gewusst. Wie ich es erahnt hatte, so fühlt es sich wirklich an. Ich halte es im Arm … wie eine Geliebte, möchte ich sagen. Und sage es nun einfach. Es passt genau zu mir und in mich, es liegt dort, als hätte es schon immer dort gelegen. 
Und es vibriert genau so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Vom Instrument in die Brust und zurück. Der Klang dringt bis in die Fingerspitzen. Da sind Töne im ganzen Körper. Es ist ein wenig wie Singen, nur noch inniger, weil die Innen-Außen-Grenze aufgehoben ist.
Eine Passung. Ich brauchte keine Sekunde, dies zu begreifen.
Und dann benötigte ich noch ein paar weitere Tage sowie einen Ruck, den Freunde mir gaben, bis ich mein stimmiges Gefühl wagte in die Tat umzusetzen.
Es sollte so sein.

Bei einem Geigenbauer vor Ort ertelefonierte ich mir ein Leihcello, noch vor Weihnachten. Eigentlich hatte er gerade keines, aber meine Stimme sagte ihm wohl, wie drängend es ist. Wenige Tage später hatte er mir eines aufbereitet.
Ebenso „erquengelte“ ich mir meine ersten beiden Unterrichtsstunden. So schnell hatte ich ja keine eigene Lehrerin finden können, darum erbat ich bei der künftigen Tochterlehrerin zwei Stunden, die sie noch vor den Weihnachtsferien in ihren vollen Terminplan einschob.
So war die Ferienzeit gefüllt mit dem Instrument und meinen ersten Übungen darauf.
Irgendwann in diesen Tagen tat sich auch ein Wink und die Tür auf zu der Lehrerin, bei der ich nun eine Weile bleiben werde, ich wunderte mich schon gar nicht mehr, dass ich so schnell zu ihr und damit dem richtigen Menschen fand.

Und seitdem spiele ich, und spiele, und spiele. Kaum ein Tag vergeht ohne. Ein steter Dialog zwischen Aus-mir-lassen und In-mich-aufsaugen. So beginnt sich Musik unter meinen Händen, in meinen Armen, tief aus mir heraus zu formen.
Gerade spielt sich eine „Erinnerung“ von Chopin. Ich habe sie wohl hunderte Male schon erklingen lassen. Da liegen Töne vor mir, die sich noch erst entwickeln und gestalten lassen wollen, die mich und mein Spüren und Vibrieren aufnehmen und mit mir zusammen etwas Neues schaffen können. Das Geschenk täglichen Erbebens.
(Wie sich das – von außen, noch – anhört, all das Kratzen und Quietschen und Zuhoch und Zutief, und wie ich mit meinen Ansprüchen und meiner Unzufriedenheit umgehe, davon erzähle ich ein anderes Mal.)
Mit der Tochter habe ich die ersten Duette musiziert, beim allerersten habe ich geweint.
Und wenn es abends zu spät für die lauten Töne ist, gehe ich ans Klavier, das ist digital und darum lautlos. Selbst hierher strahlt das Cello aus: mir scheint, ich spiele seither auf dem Klavier viel intensiveres Legato.
Das alles war und ist unglaublich. Und es fängt ja gerade erst an.

Und nun bin ich hier, eine ganze Woche ohne mein Instrument. Das erste Mal trennen wir uns voneinander. Wenigstens habe ich die Schule, die Noten mitgenommen, lese darin, höre und spiele innerlich. Und auch auf dem Player läuft seit Wochen beinahe nur Cellomusik. Ich spüre sie schon ganz in mir. Als würde sie aus mir selbst kommen. Auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist, und selbst wenn ich zu einigen oder vielen Stücken noch lange oder gar nie mehr kommen werde …

Ich spiele Cello.
Es wurde Zeit.

Traumrollen

Einer steht vom Tisch auf und simuliert Kranksein. Er braucht es so.
Andere spielen mit kleinen Käfern, modellautogleich, gemeinsam wuselnd im Sand.
Noch jemand sitzt auf einer Bank, stellt sich schlafend und blinzelt durch die geschlossenen Lider, unablässig sich mühend, nichts zu verpassen.
Eine Frau kommt hinzu. Steht unbeteiligt daneben und doch im Zentrum. Deckt auf, enttarnt, lässt die Rollen der anderen auffliegen.

Was man so träumt.

Mir ist sofort nach dem Aufwachen entfallen, welchen der Spieler ich mich nahe fühlte.

 

Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten beiden Jahren begann ich unter derselben Überschrift etwa um dieselbe Zeit hier mit diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig …“
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)
So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre erfüllt haben, ein wenig? Darüber mag ich heute nicht zu tief nachdenken. Möglicherweise öffnete sich damit eine Spirale des Zweifelns und des Haderns. Lieber lasse ich das soeben Gelesene in mir stehen – die Texte finden sich hier und hier -, als Brücke zu meinem heutigen Ich. Man darf sich Dinge ruhig wieder und wieder wünschen, das Ganze ist ein Weg. Ein ewiger, möglicherweise, aber ein Weg.

Wieder also stehe ich vor einer unberührten Jahresfläche, mit konkreten Wünschen, aus meiner derzeitigen Lebenssituation geboren.

Ich wünsche mir, das kann man nicht oft genug sagen, gesund zu bleiben. Der Blick zu nahen und fernen Menschen meines und jüngeren Alters zeigt: es ist nicht selbstverständlich. Das war es noch nie. Es wird mir nur mit jedem Lebensjahr bewusster.

Ich wünsche mir, mich meiner Bedürfnisse annehmen zu können. Ebenfalls ein „ewiger“ Wunsch. Sie zu erspüren, darin fühle ich mich weiter als noch vor ein paar Jahren. Ihnen Stimme zu geben allerdings, Raum und Ausdruck und Gestalt zu verleihen, das bleibt ein intensives Übungsfeld. Dazu gehört auch, dass ich es irgendwann schaffe Verantwortung abzugeben, wo sie meine nicht ist.

Ja, das Stimmegeben überhaupt. Ich wünsche mir mehr Mut zur Öffnung und Offenheit in Begegnungssituationen. Ich möchte nicht immer nur dem inneren Fluchtreflex nachgeben, wenn Kommunikation schwierig zu werden scheint, möchte mich in so mancher Situation nicht länger verschlossen zeigen. In einer jeden Begegnung, selbst dem Alltags-Smalltalk, die Chance eines wirklichen Aufeinanderzus zu finden, das würde ich gern lernen.

Dazu gehört wohl auch das Loslassen von Bewertungsmustern. Wieviele das sind, durch die ich täglich auf die Welt blicke, auf nahe und ferne Menschen in ihrem Sosein, das wird mir bewusst, wenn ich nur wenige Stunden lang meinen Fokus darauf richte. Urteile und Wertungen verletzen nicht nur das Gegenüber, sie halten auch mich selbst gefangen, verhindern Öffnung und ein Miteinander in tiefem inneren Frieden. Ich wünsche mir Wertungen loslassen zu können. (Dass sie oft mit mir selbst zu tun haben, dass ich aggressiv insbesondere bei den Dingen reagiere, die in mir selbst stecken, dies ist mir bewusst. Es sind wichtige Fingerzeige. Umso wichtiger und dringlicher meine Sehnsucht, mich versöhnlich gegenüber Fremdem zeigen zu können.)

Versöhnlichkeit wünsche ich mir auch gegenüber meinen Alltagsbergen. Diese enthalten viel Potential, mich in unguten Emotionen zu verlieren. Ich wünsche mir die Fähigkeit mehr und mehr bei mir zu bleiben. Ich würde gern mit derselben meditativen Gelassenheit, mit der ich Knöpfe annähe, Korrekturstapel abarbeite oder Acrylfarbflecke im ganzen Haus wegwische, auch das alltägliche Kinderzimmerchaos, die Stapel an lebensverwaltenden Organisationsdingen – Versicherung, Beihilfe, Ämter, Termine und Co – und die selbstnachwachsenden Wäscheberge angehen, um nur mal meine Schlechte-Laune-Generatoren ersten Ranges zu nennen. Die sich daran stets anschließenden Ungedulds- und Ungehaltenheitswellen innerer und äußerer Ausprägung hätte ich gern niedriger, sie brauchen ja nicht gleich ganz zu verschwinden.

Letztes Jahr schrieb ich, ich sollte vom To-do-Listen- auf ein Done-Listen-Gefühl umstellen, um nicht permanent die Berge und damit die Unzulänglichkeit vor mir zu sehen, um damit nicht dauerhaft in der immer schon verplanten und gefüllten Zukunft zu leben. Zwar geht es nicht ohne Listen – mein Gedächtnis reicht nicht für die täglich tausend Details in allen Alltagsbereichen -, aber das Gefühl umzustellen, dies ist ein immer noch dringlicher Wunsch. Nicht permanent zu sehen, was noch ansteht, sondern abends dankbar zurückzublicken: Was der Tag alles enthielt, wie reich er gefüllt war, wie satt ich in ihm werden durfte.

Diese reiche Fülle wirklich und intensiv zu leben, dies wünsche ich mir. Ohnehin muss ich meine verschiedenen Seelendinge allesamt etwas zähmen, ein Leben reicht nicht für die Musik, die noch zu spielen wäre, für die Schreibe- und Lesewelten, die ich mir noch öffnen würde, für all die Luft, die noch zu atmen ich ersehne. Ich wünsche mir den rechten Blick dafür, was in welchem Augenblick jeweils zu leben ist. Und es dann zu schaffen, mich in einem jeden Moment dem hinzugeben, was dieser sich als Seinszustand gewählt hat – wenn ich lese, wirklich im Buch zu sein, wenn ich musiziere, wirklich in der Musik zu sein, wenn ich fotografiere, wirklich die Augen dem Bildlichen zu widmen – und nicht immer schon innerlich vorauszueilen, zu schwanken zwischen Verschiedenem, zu hadern und zu springen. So gern würde ich es vermögen, mich wirklich und mit Allem in die Augenblicke hineinzubegeben.

Und ja, ich wünsche mir Kraft. All das, was hier ringsum zu leben ist, benötigt große Mengen davon. Ich würde gern mehr und mehr einen gangbaren Weg für meinen Alltag finden: mit den notwendigen Stillezeiten, den immer dringlicher werdenden Erholungspausen – ich spüre seit 2-3 Jahren die sich ansammelnden Lebensjahre deutlich -, dem verlangsamten Tempo und dem Mut mich zurückzuziehen, wenn ich es brauche. Mit mir selbst in dieser Hinsicht behutsam umzugehen kostet mich viel Kraft. Von der hätte ich gern immer ein Quäntchen im Vorrat.

Ich wünsche mir Musik – mir und uns, auf welchen Instrumenten auch immer Du und Ihr und ein jeder und eine jede glücklich zu werden vermag – ich wünsche uns allen ein Lebensorchester voller Beseelung.

Und Frieden wünsche ich mir und uns – Hoffnung und Zuversicht für das kleinere und größere Weltgeschehen. Möge uns nie der Mut verlassen, kleine eigene Schritte zu gehen, oder sie für den Anfang auch nur zu träumen.

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Abschließen möchte ich sie mit denselben Worten wie den vergangenen Jahrestext:


Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


sichtgewandelt

Man könne das Leben nicht durch gleichförmig ablaufende Zeiteinheiten ausmessen, weil es nicht aus einem Gleichtakt von „so und so vielen Tagen, Wochen, Jahren“ bestehe, so las ich neulich. Diese Täuschung versuche dem „Ernst der Einmaligkeit auszuweichen.“
Wir schieben die mechanische Gleichförmigkeit der abstrakten Stunden oder Tage vor. In Wahrheit sind jede Stunde, jeder Tag, jedes Jahr lebendige Phasen unseres konkreten Daseins, deren jede nur einmal kommt, da sie eine unvertauschbare Stelle in dessen Ganzem bildet.
Darin, daß jede neu ist, noch nicht da war, einzig ist und für immer vergeht, liegt ja auch die Spannung des Daseins; der innerste Anreiz, es zu leben. Sobald er nicht mehr empfunden wird, entsteht ein Gefühl der Monotonie, das sich bis zur Verzweiflung steigern kann. Ebendaraus wächst aber auch die Schwere der Tatsache, daß nichts Vergangenes einzuholen ist, und damit die Not des Verloren-Habens.
(Aus: Romano Guardini „Die Lebensalter“)

Mich springen diese Worte an. War das doch lange Zeit – bis jetzt sogar? – auch meine Täuschung. Das Ganze des Lebens schien mir unendlich, jeder Lebensmoment wiederholbar zu sein. Nicht in einem naiven Sinne, wie ein Kind etwa noch kaum daran denkt, dass es einst sterben wird, aber eben doch. Mich täuschte es darin, dass ein jeder Lebenspunkt, ein jeder Lebensbogen jederzeit wieder aufzugreifen, fortzusetzen, in ein Neues zu verwandeln wäre.
Eine Illusion in zweierlei Hinsicht lebte (und lebe?) ich damit: Das schon Gewesene scheint unendlich fortsetzbar zu sein. Und das noch nicht Gewesene scheint immer nur mit diesem bereits Gewesenen zu tun zu haben.

Und nun – merke ich auf. Wie wäre es denn, wenn ich einen jeden Lebenspunkt als ein Neues lebte, als einen einzigartigen Moment mit einzigartigem Charakter? Wenn mir Wiederholungen, der äußeren Abläufe etwa, nicht als Wiederholungen erschienen, weil sie dies letztlich nicht sind? Schaut man nämlich über die äußere Form in ihrer Ähnlichkeit zu schon Gewesenem und noch Werdendem hinaus, wird in jeder Wiederholung etwas Eigenes, Unvertauschbares sichtbar. Was öffnete sich mir, wenn ich den routinegefüllten, sich hohl anfühlenden Tagen ihre jeweilige Einzigartigkeit abzugewinnen vermöchte? Und den besonderen, spektakulären Momenten ebenfalls? Auch diese sind ja nicht unendlich wiederholbar, möglicherweise gar nie wiederkehrend. Wie wäre es, die Einzigartigkeit eines jeden Lebensmomentes beim Wort zu nehmen?
Dann wäre ein jedes Das-mache-ich-beim-nächsten-Mal oder Hier-fahren-wir-wieder-her oder Der-Tag-kann-weg oder Wenn-nur-die-Woche-erst-vorbei-ist Täuschung, wäre fortgesetztes Verkennen der Einzigartigkeit.
Kann ich ohne diese irreführenden Sätze leben? Kann ich nicht nur vermeiden, sie auszusprechen, sondern kann ich sie selbst im Unbewussten löschen?

Es ist ja auch so: Wenn mich zuweilen Wehmut über Vergangenes überfällt, weil es mir als Verlorenes daherkommt, dann vielleicht, weil ich diese Momente damals nicht als Unvertauschbare, sondern als stets und beliebig oft zu Wiederholende gelebt habe. Irrtümlich. Ich war jung.

Einzigartigkeit löscht Momente sozusagen aus. Im Augenblick ihres Vergehens werden sie zu Gewesenem. Zu einem Es-war. Es-wird-nicht-mehr-sein. Ein Satz, gegen den man sich häufig wehrt. Andererseits – und das wurde mir noch nie so klar – eröffnet erst das Vergehen Raum für Neues. Ja, zu begreifen, dass ein jeder Lebenspunkt mir etwas vom bisher Ungelebten bringt, vom noch nie Ge- und Erlebten, bedeutet Öffnung. Die von mir schon erfahrenen Dimensionen münden stets in einen geweiteten und immer noch zu weitenden Raum.

Sagte ich vor einigen Jahren zu mir selbst, dass ich nicht hadern würde, träfe mich von heute auf morgen das Wissen um mein Baldsterbenmüssen, denn ich hätte ja alles gehabt, was das Leben schenken kann, so beginne ich nun wieder zu fürchten, dass es alsbald zu Ende sein könnte, dieses wunderbare Leben. Die tiefe Dankbarkeit für alles was war, ist weiterhin und unauslöschlich in mir. Ich bin mir nach wie vor bewusst, wie viel Reichtum sich mir im Laufe meines Lebens geschenkt hat. Insofern bin ich bereit.
Und doch ist ein Stachel gewachsen. Dass das nicht alles gewesen sein darf. Dass es nicht gerade jetzt enden solle, wo so vieles, was zu mir gehört, von mir noch nicht gelebt wurde.

Mit neuem Fokus aber, scheint meine Sehnsucht nach einem Mehr zu sein. Ich möchte nicht einfach weitergehen, weiter Schätze ansammeln, weiter beschenkt werden. Eher entspräche mein Weiter einer Umkehr, wenn ich es räumlich fassen wollte. (Umkehr und Umkehrung. Enthält Öffnung und Weitung immer auch Umkehrung? Weil das umfassendste Öffnen zu jedem Ding sein Gegending enthält?)
Bisher habe ich vor allem empfangen und genommen, was das Leben schenkte. Die Kinder, die insbesondere. Diesen beglückenden Beruf. Die Geborgenheit im Leben. So vieles. Zurückgegeben jedoch, so fühlt es sich an, habe ich noch nicht viel. Darum wäre ich arm, fühlte es sich arm an, wenn ich jetzt schon ginge. Weil die Zeit des Weitergebens, des Durchmichströmenlassens ja gerade erst beginnt.

Mich erahnt, dass sich hierbei neue Räume öffnen werden. Mein Alltagswirken, natürlich, das wird bleiben. In diesem lebe ich wie bisher Verantwortung, mit allem, was dieser Begriff umfasst. (Dass mir dies nicht in allen Belangen gelingt, so wie ich gern möchte, das ist Teil des Weges. Ich lerne dies zu akzeptieren.). Auch hier schon ist Empfangen und Weitergeben in einer Dichte verflochten, dass es zuweilen kaum zu trennen ist.
Aber mir scheint mehr und mehr, dies sei nur der erste Schritt. Ich kann noch nicht fassen, in Worte schon gar nicht, was da beginnen will. Es hat mit Loslösen aus Seilen zu tun, mit Träumen, mit Fliegen, mit Befreiung, aus der Innensicht betrachtet. Mit weit umfassenderer Verantwortung als bisher, für das mich Umgebende, aus der Außensicht benannt. Und mit einem neuen Blick auf das, was im Außen – so sind diese Zeiten – immer schwärzer zu werden droht. Mit einer hoffnungsvolleren Sicht auf das Ganze.

Ach, ich kann nicht erklären, was genau mich da anweht, worin genau das neu Empfundene besteht. Sichtbar wird es mir selbst an scheinbar marginalen Dingen wie dem Weggehen von meinem zweiten Dienstort, an dem ich vor Kruste kaum mehr atmen kann, an meiner größeren Sorgfalt im Umgang mit mir selbst, mit meinen Kräften und meiner Gesundheit, an meinem langen Reisen, auf dem ich Ähnliches suche wie am Klavier, mit den farbigen Stiften und mit meiner Schreibhand. Nicht einen Zustand des Mit-mir-und-in-mir-Seins nämlich, sondern … ja, doch, diesen Zustand suche ich auch. Aber mit deutlich vernehmbarem Mitschwingen eines Um-zu’s. Um zu … ja, was?
Ich stochere im Nebel. Noch. Vielleicht so: Um Wege zu finden, und Gefährten auch, die in Heilung hineinführen. Für die Welt möchte ich sagen. Das klingt zu groß, ich zucke zurück. Also gut, für das mich Umgebende, zunächst. Dies versperrt sich dem Geschrieben- und Gewünschtwerden nicht sofort.
Heilung also. Wollen doch Kopf und Vernunft in diesen Zeiten resignieren, Anlass genug haben sie. Darum sind Kopf und Vernunft nicht ausreichend. Es kann nur im Herzen beginnen, und in den Träumen. In unbenennbaren Sphären wird sie möglich: die Hoffnung auf Frieden.

Wie war ich an diesen Punkt gekommen? Erstaunlich, wohin sich dieser Text seinen Bogen geschlagen hat, fast könnte man es einen Haken nennen. Von meinen eigenen Lebenspunkten in ihrer Unwiederholbarkeit über meine Verortung in dem mich Umgebenden zu den Lebensmomenten der Welt als Ganzes. Viel zu groß, diese Wortgruppe.
Ich wollte ja nur anmerken, dass die Einzigartigkeit von Allem stets Neues gebiert. Und dass wir das Neue träumen dürfen …

 

PS.
Der Text lag lange im Entwürfe-Ordner. Ihm fehlte ein Ende. Beziehungsweise der Mut zu einem Ende. Erst als ich das Wort Träumen fand, in diesem Text nämlich und in diesem, und den Mut dazu es einzusetzen, wagte ich, ihn als fertig zu sehen. Als vorläufig fertig. Und so steht er jetzt hier. (Danke.)

 

Letzter Ferientag

Ich erwache aus einem Schulversagenstraum, ein bei mir nicht unübliches Ritual zu Ferienende. Thema der Stunde ist der Drehimpuls, hinten drin sitzt eine Prüfungskomission (oder ist es nur ein einfacher Unterrichtsbesuch?), jedenfalls wie bei so ner Referendarin. Ich habe keinen Entwurf vorbereitet, keine Experimente aufgebaut, die Schüler wissen besser Bescheid als ich, werfen Formeln von rotierenden Körpern in den Raum, ich habe keine Ahnung, die Schüler aber letztlich auch nicht, und ich versuche angestrengt, meinen Kopf aus der Schlinge der Situation zu ziehen.

Lieber aufwachen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Statt mich in meinen Roman zu vertiefen („Treibsand“ – sehr berührend!), verdaddele ich die erste Morgenstunde bei Twitter. Und ärgere mich; ich sollte wieder mehr Bücher lesen. Was aber ganz allein an mir liegt. Irgendwas muss anders werden mit meinen Alltagsentscheidungen, den zahlreichen Zeitverbringdingern, dem Hin-und-Herspringen zwischen allem, was mich zu sich zieht. Letztlich bin ich von keinem Einzigen richtig gesättigt, und hätte doch Hunger auf so Vieles.

Dies also meine Erkenntnis zum Morgen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Die Kinder erdrängeln sich Frühstück. Die Tochter wird ungeduldig, beginnt selbst vorzubereiten. Beim Spiegelei zerlaufen ihr alle Eigelbs, der Sohn meckert, weil er kein weißes Stück mehr abbekommt, der Tochter schmeckt es zu angebrannt, der eine bringt der anderen keinen Joghurt mit, so fliegen die Nettigkeiten hin und her. Letztlich haben beide keine Lust und keine Geduld mehr länger am Tisch sitzen zu bleiben.

Na gut, dann trinke ich meinen Kaffee eben allein weiter. Erstmal sitzenbleiben und tief durchatmen.

Gerade kommt mir Lust, der Tag mit seinem Wetter ist ja perfekt dazu, mit der Tochter eine Ferienende-Eisdielen-Radtour zu planen. Da höre ich sie säuselnd am Telefon mit nem Freund flirten. „Ich frag mal meine Mama, ob ich darf„, und schwupp ist sie verabredet. Flügge werdendes Kind. Und meine Eisdielen-Radtour kann ich nun alleine machen, oder wie?

Schade. Es wäre heut so schön gewesen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Beide Kinder tragen seit Tagen Ärger über ihre Lehrer auf der Stirn geschrieben, weil diese am ersten Tag nach den Ferien eine Arbeit zu schreiben gedenken. Beim Blick in die Vorbereitungsunterlagen entdecken sie heute, dass die Arbeiten doch erst am Ende der Woche geschrieben werden. Beide ärgern sich über die umsonst gelernten Vokabeln. Und über mich, als ich nämlich anmerke, dass sie ja auch hätten eher in ihre Unterlagen schauen können. „Boah, Mama, Du hast ja keine Ahnung …

Schön, wenn sich Geschwister einig sind. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Der Garten ist warm, hummeldurchsummt und vögelverzwitschert, und bietet mir nach ein wenig Winterdreckwegwisch-Aktivität seinen Tisch für meine Schulvorbereitungen an. Wenn nicht da nebendran die Nachbarn, von noch wenig Grün wenig schallgedämmt, ihre Grillsaison eröffnen würden. Mit Grillreinigungsgepolter besser als jeder Benzinrasenmäher, lauthalsen Brüllgesprächen in meine Richtung, quer-durch-den-Garten-Haste-noch-ein-Bier-Geschreie (fast möchte ich mitrufen: „Hier, ich hätte sonst auch noch eines.„) und letztlich gevöllt-angetrunkenem Lachgekreische. Danke auch, so kann ich nicht arbeiten.

Wieder reingehen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Bald sind meine Schulvorbereitungen fertig, ungewöhnlicherweise schon am Nachmittag des letzten Ferientages. Nein, nicht mein Verdienst, sondern das einer lieben Kollegin, welche die Parallelklasse unterrichtet und mir anbietet, ihre mühsam erstellte Stationenarbeit auch für meine Klasse zu nutzen. Ich müsse es mir nur abholen. Nichts leichter als das, denn sie wohnt seit neuestem in unserem Dorf. Ich war schonmal da: gelbes Haus, gleich hinter den Feldern, Eingang neben Torbogen, Hausnummer 8. Soweit erinnere ich mich. Und dann suche ich. Und suche. Suche weiter, und suche immer noch. Dort hinter dieser Ecke, und hinter jener. Ich wusste gar nicht, wie viele gelbe Häuser gleich hinter den Feldern unser Dorf hat. Am Ende kenne ich sie alle. Und finde – tata! – auch das gesuchte Haus. Es ist gar nicht gelb. Und es ist nicht die Nummer 8. Aber ich habe es ja gefunden. Und darf eine Tonne Unterrichtsmaterial nach Hause schleppen.

Ein schöner Radfahrnachmittag war es außerdem. Erstmal hinsetzen (auf den Sattel) und tief durchatmen.

Der Nachmittag endet mit einer späten Orchesterprobe der Kinder. Menno, heute, an diesem Tag, wo es eh schwer ist, das Ruder bei den Kindern vom Ferienmodus wieder in den Alltagsrhythmus umzuwerfen. Na gut, ich lasse sie vorher was essen, damit es hinterher schnell geht und sie um 9 im Bett sind. Aber natürlich ist nach dem Orchester doch noch das volle Programm angesagt. Bratkartoffeln und Würstchen bitte. Aber gern doch. „Wenn Ihr Euch in der Zeit umzieht und die Schulranzen …“ (Nein, das konnte man keinesfalls vor dem Orchester … und nein, das kann man auch nicht während des Bratkartoffelmachens erledigen …). Es ist 9, als wir fertig gegessen haben. Danach fehlen die Sporthose, der Mensaausweis, das Geodreieck, der Schülerplaner, der Fahrradschlüssel, die Brotdose, die Unterschrift, ach hier noch der Zettel vom Infoabend („Macht doch nichts, dass das schon vorbei ist, oder?„), das Heft X hat bestimmt der Jan, und das Buch Y muss die Lisa eingesteckt haben. Das Ranzenpacken zieht sich. Das Ausziehen auch. Und Zähneputzen ist an letzten Ferientagen sowieso überbewertet … „Ach so, hab ich vergessen.“ …

Erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Am Tochterbett nämlich. Langes Kuscheln inklusive.

Und jetzt kreischt mich der Schreibtisch an. Da ist doch noch die Überweisung, das Formular, der Brief, die Mail, die Liste, der Bücherstapel, die Kopiervorlagen …

Erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Dabei bloggen.

Ehrlich? Hinsetzen und tief durchatmen hilft. Wenn ich meinen Tag hier lese, wirkt er anstrengend. Beim Durchleben war er es nicht. Weil ich heute mein Handy, mein Netbook, meinen Computer weitestgehend ausgeschaltet hatte, weil ich während des Sitzens und Atmens nicht immer noch hierhin und dorthin gezappt bin. Sondern höchstens bisschen was geschrieben habe (nämlich diese Textabschnitte hier), dann aber eben einfach saß und atmete.

Ja, so geht das: Immer mal hinsetzen und tief durchatmen.
Ist ja eigentlich kein Geheimnis, dass dies als Kraftquelle wirkt.
Vergesse ich nur zu oft.

 

Traumwandelei

Meine Träume merke ich mir ja kaum. So kann ich auch gar nichts über den heutigen erzählen, nichts Konkretes jedenfalls. Nur, dass er nah an meiner realen Welt war. Die Kinder spielten mit, und unser ganz normaler Alltag.
Lediglich eine einzige irreale, verworrene Szene – auch diese kann ich nicht genauer erzählen – fügte sich nicht in die  Traumwelt ein. Oder war es ein zu sehr vom Realen abgelöstes Bühnenbild? Oder ein kurzer Moment fehlfarbener Beleuchtung? Ich weiß es nicht mehr. Es lag jedenfalls ein Schimmer von Unentwirrbarem über dem Ganzen, als ich aufwachte.
Ich dämmerte dem Traum nach, wollte wieder einschlafen, es war ja noch früh. Dabei sprang plötzlich in meinen schläfrigen Kopf ein Vorsatz. Der klingt jetzt sehr konstruiert, formulierte sich mir aber im Halbschlafdämmer mit genau diesen Worten:

„Ich nehme mir vor, diesen Traum weiterzuträumen.
Nur realer, nicht so unentwirrbar.“

Und so geschah es. Ja, so. Ich tauchte in genau denselben Traum ein, die Handlung lief weiter, mit allem, was vorher dagewesen war, nur runder und stimmiger zusammengefügt. Jetzt passte es, jetzt war es gut.
Ich wundere mich.
Noch nie habe ich das erlebt, glaube ich. Es fühlt sich unheimlich an, dass ich einfach von außen in meine Traumwelt eingegriffen und einen Schalter umgelegt habe. Bisher hatte ich meine Traumwelten nie bewusst und aktiv ändern können.
Was war das nur heute?

 

Morgenfärbung

Aus den Traumfetzen – eine Reise, eine Gruppe naher Menschen, ein Wettstreit, eine Wegsuche der anderen Art – lässt sich kein Traum mehr zusammenfügen, es bleiben Schemen einer Welt, die gerade eben noch da und warm war und jetzt nur noch als Gefühl nachhallt. Das wüsste ich zu gern, was mir da immer im Traum erscheint. Ich bin eine schlechte Traummerkerin, spüre morgens immer nur noch die Farbe, kann nur hoffen, dass diese vermutlich reiche Welt auf unbewusste Weise doch in mir bewahrt bleibt und wirkt. Der heutige Traum war sanftbeige-ocker und lässt deswegen Frieden in mir zurück. Irgendetwas gelang da.

Dagegen fühlt sich mein heutiger Tag eher schrillfarbig an, als einer von jenen, in denen unbarmherziges Gerattere aus Aufgaben, Dringlichkeiten, Terminen sich in großer Einigkeit verzahnt mit Gedankenketten unendlicher und kreisender Art.
Wie wär’s denn, flüstert mir mein holprig in die Tasse stolpernder Kaffee zu, wenn Du mich nicht gleich beim Eingießen verschütten würdest. Und den Tag auch nicht.
Ha, denke ich, dem Tag also eine andere Farbe geben, wie das wohl wäre? Eine samtige Kaffeefarbe vielleicht?

Nee, Farben sind Farben, schrill bleibt schrill. Sie hat ja irgendwie Recht, diese mich mit Entmutigung volldröhnende Stimme, mein Auge sieht, was mein Auge eben sieht. Jetzt schreibe ich hier zum Beispiel auf der mir unangenehmsten der fünf Farben meiner Kladdenblätter, und auch nach mehrfachem Umblättern und so vielen Zeilen hört diese Farbe nicht auf mich zu stechen. Es könnte sich doch auch mal einen Hauch wärmenden Oranges anziehen, dieses grelle Rosa, denke ich, nur für mein inneres Auge und Wohlgefühl könnte es das. Statt mich weiter zu pieken und zu irritieren.
Überhaupt: Farben im Innern umfärben können. Das alarmierende Hellrot in ein besänftigendes Sattgrün etwa. Oder für den Anfang wenigstens das Alarmene in Richtung Bordeaux umtönen. Ob das geht? Ob man das lernen kann?

Ach, das ist nur Wünschen und Hoffen, und mittendrin immer ein saftiges Stück Unfähigkeitsgefühl, weil es mir einfach nicht gelingen will, anders zu sehen.
Bei Räumen ja auch. Zum Beispiel, was ich als groß und weit oder als klein und eng empfinde, das müsste ich mir doch ändern können. Den Raum, etwa auf dem Schreibtisch, oder in einem Zimmer, einer Bahnhofshalle oder wo immer, mir größer dehnen im Inneren, wenn es im Äußeren einfach nicht da, nicht machbar, nicht schaffbar ist, dieses Weite, was ich zu brauchen glaube. Anders sehen also, um mich nicht von außen in Enge gepresst zu fühlen, mich nicht durch Äußeres eingrenzen zu lassen.

Ja, das wär’s: Alles auch anders sehen können. Menschen etwa, die ich stets und ständig einordne in meine innere Welt, meine Raster, meine Vorstellungen und Interpretationen, meine Empfindungen und Empfindlichkeiten – diese einfach zu belassen, ihnen zuzusehen und zuzuhören, sie aufzunehmen als Erweiterung meines Raums. Und mich selbst dann in diesem geweiteten Raum nur als Steinchen, Körnchen, Eckensteherchen zu erleben. In einer Ecke stehen muss ja gar nichts Kleinmachendes sein. In großen Räumen stehe oder sitze ich gern in der Ecke, einfach um den gesamten Raum aufnehmen zu können.

Sprung. (Vielleicht.)

Was diese Woche alles aufzunehmen war, wie wir alle so unterschiedlich reagierten – Eltern, Kollegen, Schüler – auf diesen furchtbaren Unfall, der in die heile Dorfwelt hineinbrach. An einer Stelle, die wir alle immer schon als gefährlich wahrgenommen hatten, ist es jetzt passiert, das lang Befürchtete.
Wir alle reagierten aus unserem je eigenen Muster heraus. Ganz schnell wurde mir mein Muster zum einzig möglichen. Und das, was andere lebten – Rückzug, Angst, Verdrängung, Panik, Entscheidungen für die Kinder: sie dürfen nun gar nicht mehr mit dem Rad zur Schule oder nicht mehr diesen Weg fahren, oder gerade doch dort, aber nur noch auf dem Gehweg – alle diese Reaktionen waren mir so fern.
Ich kann diese fremden Innenwelten abwehren, weil sie der meinen nicht entsprechen. Oder ich kann versuchen hineinzugehen und mich zu fragen, ob ich mir nicht etwas mitnehmen kann. Wenigstens das: Ich nehme mir mit, dass meine eigene Farbe, in der ich alles töne, die mir als die beste oder passendste erscheint, dass diese Farbe nur eine ist von unzähligen Farben, Sichten, Zugängen.

Ich ahne ja nicht: Vielleicht sieht ein anderer Mensch sein Rot ganz anders als ich mein Rot sehe. Vielleicht sieht er es als das, was ich als Blau sehe, oder als jenes Sattgrün etwa, nach dem ich mich gerade so sehne, während ich bei Rot immer Alarm empfinde. Und vielleicht sieht er dafür mein Sattgrün als Düstergrau, empfindet Getrübtheit und Aussichtslosigkeit, wo ich Wärme und Geborgenheit erlebe.
Vielleicht also können wir unsere Bilder nie abgleichen. Unsere Bilder sind so sehr unterschiedlich, so unvergleichbar, wir schauen ja nie mit den Augen eines anderen.
Und trotzdem können wir unsere Bilder teilen. Ja, doch, ich glaube, man kann – zuhörend und zuschauend – die je eigenen Bilder teilen. Man sollte und muss dieses Teilen vielleicht sogar versuchen, wenn man nicht im Käfig des Eigenen gefangen bleiben möchte.

Ich taumele hier durch meine Morgengedanken, der Tag drängt an, ja, er bleibt ein wenig schrill. Und dennoch habe ich ihn gerade an seinem Beginn wenigstens umgefärbt. Die Verzahnung von Dringlichkeiten und Gedankenkreisen ist geblieben, ist – könnte man so sehen – sogar noch drängender geworden, da ich ihm diese Schreibstunde „weggenommen“ habe. Aber die neue Morgenfärbung tönt den gesamten Tag ein wenig sanfter.

PS:

Auch Zeiträume sind Räume.
Zeiträume kann ich schon sehr unterschiedlich färben. Was heißt ’schon‘? Das konnte ich nicht immer. Das lerne ich mehr und mehr: Mir die engen Zeiten dehnen. Vor allem durch inneres Es-anders-erleben-wollen. Die Dichtigkeit der inneren Ereignisse hat ja wenig mit einem äußeren Sekundentakt zu tun.
Heute habe ich – zur Unterstützung meines inneren Es-Wollens sozusagen – erstmals ein winziges Hilfsmittel genutzt, mit dem ich schon lange liebäugele. Dieser Text nämlich war in mir, in Gänze, sofort beim Aufstehen. Aber er war viel zu lang, um ihn in der knappen Morgenstunde vor dem Tagesbeginn der Kinder niederzuschreiben. Statt ihn – wie sonst notgedrungen – zu verwerfen und damit für immer zu verlieren, griff ich heute erstmals im Leben zur Diktierfunktion meines Telefons (und damit erstmals überhaupt zu irgendeinem Diktiergerät). Ich diktierte mich selbst dort hinein, um später abzuschreiben. (Auf Papier übrigens, bevor ich nun tippe. Stift und Papier auszulassen geht nicht.)

Es ist ein neuer Weg, den kleinen Zeitraum, den ich hatte und habe, auszudehnen, zu weiten, so dass sich mir die Enge öffnet. Vielleicht finden sich solche Wege auch in anderen Räumen, ja, bei all meinen Farben möglicherweise. Ein Diktiergerät zum Umtönen von Farbräumen, das müsste ich mir schaffen …

 

Von Brücken und Furten

Erst nehme ich sie gar nicht wahr, die Frage auf dem kleinen Blättchen, das hier im Hotel ausgelegt ist. Es geht darum, welcher „Waldtyp“ man sei. Wenn man etwa an einen strömenden, tiefen Bach komme, ob man dann
a) viele Kilometer bis zu einer sicheren Brücke laufe,
b) sich einen Übergang aus Steinen quer durch die Strömung lege, auf dem man irgendwie versuche ans andere Ufer zu kommen, oder
c) am selben Ufer bleibe, um sich dort – notgedrungen, oder die Situation akzeptierend – einzurichten.
So etwa übersetze ich mir die italienischen Optionen. Und denke spontan b). Ganz klar b): Ich versuche, mit allen Mitteln, die ich zur Verfügung habe, hier und jetzt auf die andere Seite zu kommen. Ohne leichtsinnig zu werden, vertraue ich doch auch wackligen Steinen. Wenn die Füße nass werden sollten, kann man die Schuhe trocknen. Wenn ich abrutschen sollte, kann ich mich mit den Händen abstützen. Zur Not auf allen Vieren, irgendwie werde ich ans andere Ufer gelangen.
Früher, als wir durch bulgarische und sibirische Berge wanderten, in Gegenden, die außer von uns wohl nur von wenigen Menschen betreten wurden, da kamen wir öfter an urwüchsige Bachübergänge. Auf Brücken durfte man dort nicht hoffen, auf gangbare Furten auch nicht. Daher bauten wir uns unsere eigenen Übergänge. Und es ging immer gut. Immer kamen wir ans andere Ufer. Ein bisschen nass vielleicht, aber das machte nichts.

Heute Nacht dann dieser Traum. Ich muss mit dem Fahrrad durch einen Fluss. Es gibt keine andere Möglichkeit – weder eine Brücke noch eine flache Stelle – als mitten hindurch zu fahren. Die anderen Radler tun das auch, ich treffe und sehe mehrere, und alle kommen wohlbehalten ans andere Ufer.
So mache auch ich mich auf. Zunächst ist es flach, nur die Reifen sind im Wasser. Dann geht es tiefer. Und tiefer. Unerwartet tief plötzlich, das weiß ich noch. Bis mein Fahrrad komplett im Wasser verschwunden ist, nur noch der Lenker herausschaut. Ein Lenker aber reicht um weiterzuschieben, denke ich, und so schiebe ich. Ich habe keine Erinnerung mehr, ob es dabei nass, kalt, strömend, kräftezehrend ist. Ich gehe ganz selbstverständlich weiter, immer auf die andere Seite zu, ohne etwas zu fühlen.
Das nächste Erinnerungsbild zeigt mich am anderen Ufer. Ich habe es geschafft. Einfach so.
Nur: die beiden großen Packtaschen sind in der Strömung abgerissen. Die beiden größten Gepäckstücke mit dem größten Gewicht sind weg. Irgendwie halbherzig mache ich mich noch auf die Suche nach ihnen, gehe nach hinten zum Wehr, suche im Schilf, aber da sind sie nicht. Damit ist es dann gut. Es wird nichts Wesentliches darin gewesen sein, denke ich.

Aha, möchte ich sagen. Dort ist ja alles gesagt, in diesem Traum. Ein Kinderspiel, ihn mir zu übersetzen.
Ich muss nur mein Fahrrad mutig durch eine Furt schieben, oder aber Steine legen, um auf die andere Seite zu gelangen. Das Vertrauen aus dem Traum und von meinen Bergbachwegen mitnehmen. Losgehen und hinüberlaufen. Bis ich drüben bin.

Ach, wenn es so einfach wäre …