Natur

Bannwaldrunden

Zuerst war da eine verlorene Reise. In meinen Ferienräumen, die sonst immer – Jahr für Jahr, seit jeher – gefüllt waren mit Unterwegssein, mit Wegen per Rad, die eine Brücke schlugen zwischen kalten Wintertagen und großer Sommerfahrt, in all diesen freien Räumen war dieses Jahr: Nichts. Oder jedenfalls: Fast nichts.
Immerhin, ein Plan war da. Und die mit ihm verbundene Vorfreude. Während über Ostern, an Himmelfahrt und über den ersten Mai noch das Lähmende der Zeit – die Reisebeschränkungen, die nicht abreißende Arbeit, die Ungewissheit, die Strukturlosigkeit – gewann, sah es in den Pfingstferien zunächst anders aus.
Jetzt endlich, dachte ich. Endlich endlich, es war spät genug für dieses Jahr. Die Wochen des Fernunterrichts hatten mich bodenlos erschöpft. Seit März kaum je freie Tage, Arbeit von morgens bis nachts, ich will davon gar nicht viel erzählen – es reicht, dass es ist wie es ist. Ein paar Tage Unterwegssein waren bitter nötig. Radreisezeiten laden meinen Akku mehr auf als alles andere. Eine Woche wie ein Jahresurlaub, so wenig braucht es für mich. Und so dringend war es mir. Ich hatte sogar Wildzelten geübt. Auch wenn dann pünktlich zu den Pfingtferien die Campingplätze wieder öffneten.

Doch dann begann mein Reiseplan zu bröckeln. Ein Termin nach dem anderen, die Anzahl der möglichen Reisetage immer mehr beschnitten. Und letztlich das Wetter.
Jedenfalls: Zwei ganze Tage war ich unterwegs, letztlich …

In innerem Jubel fahre ich los, glücklich im vertrauten Gefühl auf dem schweren Rad voller Packtaschen mit meiner Unterwegswohnung, mit Nahrung, Küche und Wärmendem. Der nur träge reagierende Lenker, die sanften Bögen, die das Rad mit Vollgepäck schlägt, als wäre es gleich mir gezähmt in allem, was unruhig klappern und zittern macht, wie Schloss und Schlüssel fügen sich mein Körper und das Rad ineinander, wann immer ich mich darauf setze.
Geliebte weiße Schilder mit der grünen Schrift, Dorfbrunnenpausen, einsame Waldwege ohne Ziel, Entdeckungen in weiten Wiesen, die Zeit verschwommen, der Tag ist lang und kurz zugleich. Ist es viel oder wenig, was ich fahre und trete, bergauf und bergab, wohin wird es gehen, wer hält, was hält, der Tag mündet in Stille. An diesem Fleckchen der Welt allemal. – Keine halbe S-Bahnstunde von meinem Zuhause entfernt, übrigens.
Ein Platz für mein Zelt, eine Nacht voller Frieden.
Ein nächster Tag mit freiem Horizont. Viel Auf und Ab im Odenwald, die Beine tun als hätten sie sich nie anders bewegt als so, ich schwebe. 1000 Höhenmeter, eine kleine Quasi-Alpen-Etappe.
Bis das Gewitter kommt. Von allen Seiten, immer dichter, immer lauter, vor mir, hinter mir, immer näher kommend. Die Wettervorhersage stimmt damit überein. Heute, morgen, übermorgen, und die nächste Woche auch gleich: Es wird regnen.
Es ist früher Abend, als ich mein Haus erreiche. Gewitter im Zelt – nein, das brauche ich nicht.

Der Rest ist schnell erzählt. Alle erreichbaren Orte haben auch Regen Regen Regen. Diese Woche, nächste Woche. Odenwald, Kraichgau, Schwarzwald, Alb … schweren Herzens resigniere ich und lade ab. So schnell ist meine Pfingstreise also vorbei. Keine 36 Stunden.

Ich fühle mich zerrissen. Für die Natur jubele ich, wissend, wie nötig ihr der Regen ist. Zwei Seelen in meiner Brust, ein Paradebeispiel: In der Trauer des Reiseabbruchs vollführe ich – auf meinem Balkon nunmehr – wahre Regentänze vor Freude.
Aber. Warum genau an meinen wenigen Tagen. Genau jetzt. Warum.

Die Radtaschen bleiben unausgepackt stehen, noch lange. Sie zu verräumen fühlt sich an wie meine Sehnsüchte in den Keller tragen. Wo genau die Wunde im Innern klafft, wird mir nicht klar. Es ist einfach Schmerz. Wundes Weh, gepaart mit Erschöpfung.

Bis ich – in einer Atempause des Regens – mein leeres, leichtes Rad nehme und in den Bannwald hinterm Haus fahre. Nahe Wege, die ich noch nie betreten habe, eine Bergkuppe voller Geheimnisse, ein steil bergauf tragendes Rad, schmale Pfade, nicht für meine Reifen gemacht, und doch. Ich steige kaum ab, keuche mich durch’s Dickicht, durch die Waldwildnis, hebe das Rad über Stämme, ächze sogar auf den Abwärtspassagen, schiebend vor Steilheit. Darüber beginnt meine Traurigkeit einen hellen Schimmer zu bekommen … Irgendwann bin ich oben. Glücklich, für den Moment. Während meine Tränen im Stillen weiterweinen.
Unten, am Ende des Bannwaldweges, finde ich uralte Gemäuer. Ein Ort zum Niedersetzen. Ich bin da.

Wie oft saß ich seither in der verwunschenen Burgruine. Mit mir und den Mauern und dem wilden Grün und der Weite des Flusstales unter mir. Wie oft ist dies mein Abendtrost. Meist nehme ich den Weg durch den Bannwald. Nicht immer über die Kuppe, nicht immer den steilsten Pfad. Aber immer über Unebenheiten.
Ohne die verlorene Reise wäre ich nicht hierhergekommen und hätte nicht meinen Ort am Ende des Bannwaldweges gefunden. Oder jedenfalls nicht sofort.

Vielleicht ist das Leben ein Bannwald. Unaufgeräumte Bäume, kreuz und quer. Wir können sie nicht ordnen. Nein, wir sollen es nicht einmal. Wald ist Wald. Nicht aufzuräumen, nicht zu richten. Niemand nimmt sie uns vom Weg. Ein Kreuz und Quer der Hindernisse, unerwartetes Gebremstwerden, hinter jeder Ecke eine andere Form der Unplanbarkeit.
Und wenn der Weg zu beschwerlich wird, ob bergauf oder bergab, dann gilt es zu schieben. Oder anzuhalten. Auch wenn ein Rad zum Rollen bestimmt ist. Und zuweilen heißt es umzukehren und einen neuen Weg zu finden.

Vielleicht habe ich einfach nur dies gelernt auf meiner verlorenen Reise.

Herbstradeln

 

 

Ganz früh im Morgenlicht des gerade erst erwachenden Sonntags sitze ich auf dem Sattel, der Fahrtwind ist kalt, jeder Sonnenstrahl sehr willkommen. (Später am Tag werde ich in kurzen Hosen und Top radeln und bedauern, dass die Sonnencreme zu Hause liegt. Und das im Oktober.)

 

 

Von der Haustür weg führen meine bekannten Wege, die bald schon in neue münden. Ortschaften, in denen ich – trotz der Nähe – in all den Jahren nie war. Manche führten mir immer zu weit hinauf ins Hügelland des Kraichgau. Nun, nach der Bergfahrt meines Sommers, auf der ich lernte, dass jeder Anstieg zu gehen ist, wenn man nur nicht mit ihm hadert, nun wage ich alles zu fahren, was sich vor mir ausbreitet. Ohne Plan und Ziel rolle ich durch die Sonntagsstille, hinauf, hinab, rechts, links – immer den Weg entlang, nach dem mir gerade zumute ist.

 

 

Ort- und Landschaften, die ich nur von der Karte her kenne, oder aus dem Auto, oder gar nicht, ziehen an mir vorbei. Ich staune über das mir fast völlig unbekannte „Hinterland“, so nah an meinem Dorf. Treideln durch wunderbare Hügelwelt, zeitverloren.
(Am Abend gerate ich plötzlich in Eile, der Rückweg zieht sich länger als gedacht, und zu Hause warten die Kinder.)

 

 

Farben bringe ich mit nach Hause, Seelenwärmeherbstfarben, für einen vielleicht langen Winter.

 

 

Und den Himmel. Den sowieso.

Danke.

Vom guten Ort

Nagst Du an mir, Wasser, oder formst Du mich? Peitschst Du mich, Wind, oder bist Du selbst ein getriebener? Fließt Du davon, Sand, der mich trägt, oder bereitest Du in Deiner Bewegung Boden für Neues?
Fragt der Stein im Meeresbranden.

Neigst Du Dich über mich mir das Licht zu nehmen, Baum, oder bist Du selbst vom Wind gebeugt? Wendest Du Dich von mir ab, Blatt, oder tanzt Du im Reigen für mich? Willst Du mich zum Fall verführen, Baumstumpf, oder vertraust Du mir den Schmerz Deiner Wunde an?
Fragt die Lichtung im Wald.

Versuchst Du mir die Sonne zu nehmen, Fels, oder suchst Du nur selbst ihre Wärme? Brüllst Du Dein Getöse mir zum Schmerz in die Ohren, Bergbach, oder fällst Du nur und weinst im Fallen? Verzerrst Du, was ich zu sagen meine, Echo, oder bist Du Spiegel?
Fragt die Wiese am Fuße der Felswand.

Nimmst Du mir den Atem, Wind, oder teilst Du Deinen Hauch mit mir? Flimmerst Du mir zur Verwirrung, Luftstrom, oder lädst Du mich zum Staunen ein? Betäubst Du meine Sinne, Blumenduft, oder bettest Du mich in Wohlsein?
Fragt die Bank an der Wiese.

Ich bin dies und das, da und dort. Wandere, irre umher, reihe mich ein, drehe mich mit, suche mich, wiege mich im Tanz, werde geworfen, falle, stehe auf, und bin. Der Stein im Meeresbranden. Die Lichtung im Wald. Die Wiese am Fuß der Felswand. Die Bank an der Wiese.

Früher, als Kind, da wusste ich um meinen inneren Ort wie um ein Geheimnis, in welchem ein jedes war, um dies und das, um da und dort zu sein.
Glückliche Kindheit. Auf Alleinwegen ganz bei mir unterwegs. Im Spiel völlig ins Schaffen vertieft. Im Weinen stimmig mich fühlend. Bei mir, an meinem guten Ort.

Später verlor ich immer öfter die Verbindung zu jenem Ort in mir. Der Stein im Wasser versunken. Die Lichtung zugewuchert. Die Wiese gemäht und verbaut. Die Bank verrottet und zerbrochen.
Das ist dieses Erwachsenwerden, dachte ich lange Zeit. Ein tröstlicher Irrglaube, den Verlust allein dem Lauf der Jahre zuzuschreiben.

Nun, ich bin wieder losgegangen, länger schon, auf der Suche. Wandere,, irre umher, reihe mich ein, drehe mich mit, suche mich, wiege mich im Tanz, werde geworfen, falle, stehe auf, und bin. Der Stein. Die Lichtung. Die Wiese. Die Bank.

Baumwandelweg #12

Durch ein Jahr hindurch begleitete ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies war ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben worden ist.

 

Großer Baum, kleiner Baum, nebeneinander. In kahlem Winterkleid, auf rötlichscheinendem Feld.

 

Erst mit diesem zwölften Bild fühlt es sich rund an. Aufgenommen vor mehr als einem Monat, fast noch Ende Januar war es also, so wie auch alle anderen Bilder jeweils zum Monatsende entstanden. Eingestellt erst heute, ein Jahr etwa nach dem ersten Bild. Womit sich ein Kreis schließt.
Ein Kreis, den zu gehen ich mir selbst aufgetragen hatte, ein selbsterschaffenes Ritual: zu jedem Monatsende meinen Baum hier abzubilden, immer mit gleichem Fokus, auf dass Veränderungen und die Konstanz in den Veränderungen sichtbar würden.

Hier nun – schaut selbst:

 

 

Nun, und jetzt?
Höre ich auf.

Es fiel mir – zugegeben – schwer und schwerer, mich meiner selbstverordneten Regel zu fügen. Die anfängliche Euphorie, dass dieses Ritual mich regelmäßig auf einen Weg bringt, der mir etwas zu schenken weiß, ist verflogen. Statt dessen wuchs in mir das Bedürfnis, mich aus dem Ritual herauszuwinden, seine Starre abzuschütteln.
Zwar, das nehme ich durchaus wahr, hatte ich viele gute Stunden mit meinem Baum, meinem Weg, hat sich mir Monat für Monat etwas eröffnet, bin ich tatsächlich jeweils ein Stück auf mich zu gegangen, so wie es meine persönliche Geschichte dieses Weges ja von vornherein nahelegte. Und doch war es ein Gerüst, ein starres, zwingendes, unbiegsames, einengendes Gerüst.
Ohnehin bewegt sich mein Alltag in viel zu vielen Käfigen, fehlt es ihm in vielerlei Hinsicht an Freiheitsgraden. Wenn ich mir dann noch selbst zusätzliche Starre verordne …

Was für ein Spiegel! De facto beträgt der Fußweg zum Baum kaum zehn Minuten, sind die Bilder schnell gemacht und noch schneller bearbeitet, es gab ja keine Motivsuche, keine Bearbeitungsentscheidungen zu fällen, zeitlich gesehen also war mein Baumweg selbst in engste Zeitraster zu integrieren. Noch dazu zieht es mich im Grunde immer nach draußen. Und doch blockierte ich mehr und mehr.

Ein Anlass mich einzulassen auf Fragen wie:
Wo setze ich mir selbst Beschränkungen, die mir nicht gut tun?
Wo lebe ich starre, einschnürende Regeln, obwohl ich sie aufweichen oder gar von mir nehmen könnte?
Wieso empfinde ich so manche Alltagsbeziehungen als Korsett, obwohl ich tief innen weiß, dass ich allein durch gedankliches Umstülpen wieder Freiheitsgrade gewinne?
Welche Imperative lebe ich, obwohl niemand außer mir selbst sie ausspricht?
Wohin wird es mich führen, wenn ich von Geländern ablasse und frei zu tanzen beginne?

Punkt.
Und Fragezeichen.

 

Alle meine Baumwandelwege finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Angeradelt

Der Januar war Durststrecke, in die Februarferien schlingerte ich in Bodenschwere und voller Tränen. Was sich da alles zusammengeballt hatte, dies ist – für hier und im Moment – unwichtig. Ganz sicher aber war das Dunkel mitausgelöst davon, dass ich einen ganzen Monat lang nicht draußen, nicht im Freien war, nicht auf den Pfaden rund um unser Dorf, nicht auf ferneren Wegen, nicht per Rad, nicht zu Fuß, dass ich kein Sonnenlicht, keine Winterluft um mich hatte. Dies wurde mir erst im Nachhinein bewusst. WIE sehr fehlte mir das Draußensein, WIE sehr trübte sich alles um mich ein …

Nun, die Ferienwoche im Schnee hellte auf und gab den Fingerzeig, wie heilsam Unterwegssein im Draußen und freies Atmen sind. Nach dieser Woche pumpte ich mein Rad neu auf und fahre seither mit ihm zur Arbeit, Minustemperaturen hin oder her. Dies bewegt, dies belebt. Dies setzt dem Düsteren eine Kraft entgegen.

Als schließlich am Samstag eine strahlende Sonne zaghaft winzige Plusgrade anbot, tat ich, was wohl ein Novum für mich ist: eine Winterradtour. Na gut, sie wurde klein, nicht mehr als 50 Kilometerchen – die aus dem Stirnband herauslugenden Ohrläppchen und die Zehen hätten kaum mehr Eisigkeit ausgehalten – , aber dennoch: Das Tourenjahr ist angeradelt:)

Wie hell dieser Weg war. Wie wärmend. Wie zuversichtlich ich nach all den schweren Tagen plötzlich wurde.

Noch fließen meine Worte tröpfelnd, bewegt sich auch das Kameraauge nur gelähmt. Ja, der Januar hat mich innerlich ausgetrocknet und ins Elementare zurückgeworfen. Doch um nicht ganz ohne Bilder zurückzukehren, tat ich wie schon im Herbst:
Genau alle fünf Kilometer fotografierte ich. Ein Bild in Fahrtrichtung, eines rückwärts, eines nach rechts, eines nach links. Bei Blende, Perspektive und Tiefenschärfe gab ich mir keine Wahl. Ungeschminktes Leben, wie der Wegrand es darbietet. Kein Fokus auf das „Schöne“, das Ansehnliche, das Idyllische, sondern zufällige Lebensblicke, wo sie halt hinfallen.

Wieder war mir dies wie damals schon eine Übung im Annehmen. Welche idyllischen Anblicke der Kamera entgehen und welche nüchternen Bilder dafür vor die Linse geraten: so wie sich Tage und Wege eben zuweilen zeigen. Kaum Aushaltbares im Fokus, das Nährende in Verborgenheit, und ich inmitten. Hoffend, dass ich nie vergesse, wieviel Unsichtbares den Hintergrund bildet.

Hier also Wegebilder: Unten in groß jeweils der Vorwärtsblick, darüber der Blick zurück, und seitlich rechte und linke Wegesränder.

Kilometer 5:

Kilometer 10:

Kilometer 15:

Kilometer 20:

Kilometer 25:

Kilometer 30:

Kilometer 35:

Kilometer 40:

Kilometer 45:

Kilometer 50:

Danke.

Baumwandelweg #11

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Mein letzter Baumweg des Jahres, an seinem fastletzten Tag. Am späteren Nachmittag gehe ich hinauf, schon ist es wieder möglich, nach 16 Uhr genug Licht für ein Bild zu finden, noch keine zehn Tage nach der Sonnenwende.
Wie intensiv mich diese Silhouette in diesem Jahr begleitet hat. Dieser Blick, dieser Baumgefährte, und die Wege, die von dort immer noch weiter hinauf führten …

 

Großer Baum und kleiner Baum vor einem abendlich dunkelblauen Himmel.

 

Dort hinauf, dort hinten, wo sich mir das Hügelland mal behütend, mal fordernd entgegenstreckte. Heute schaue ich ihm nur aus der Ferne beim Sein zu. So wie der Mond. Und: so wie dem Mond.

 

Dunkelblauer Abendhimmel mit einigen hellen Wolken, dem Mond und im Vordergrund eine Baumreihe.

 

Heute wandere ich einen anderen Weg weiter, treffe Baumgeschwister des meinen, verliere mich mit meinem Blick im Geäst. So wie – wiederum – der Mond es tut. Wie er durch den Baum wandert …

 

 

Und falls es jemandem auffällt, dass die Richtung der Mondbewegung nicht die astronomische ist: Es war – in jenen Momenten – auch nicht der Mond, der wanderte, sondern ich. Aber was macht das schon, sind doch Bewegungen eh relativ, gehen ineinander über, verwandeln sich ineinander.

 

Dunkelblauer Abendhimmel mit Baumreihe und Mond.

 

Und dann gehe ich zurück in mein Haus. Wieder vorbei am weiten Horizont, wieder vorbei an meinem Baum.

 

Großer Baum und kleiner Baum vor einem dunklen Abendhimmel.

 

Manchmal möchte ich so sehr danken, dass mir die Worte fehlen.

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
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Schneegrund

Wie fragil er ist. Sinkt er doch beinahe unter seinem eigenen Gewicht zusammen. Umso mehr unter bleiernen Schritten.
Schritte zerreißen Stille, knirschender Gang in zerbrechlicher Schneeruhe.
Spuren, die nicht verwehen?

 

 

Schneegrund ist leicht wehend fließend, macht sichtbar, was sonst verborgen, zeigt Täler und Anhöhen, gibt dem Weg eine Wellenform.
Und nimmt sie wieder. Weil sich doch alles gleichen wird in dieser weiß-weißen Umhüllung?

 

 

Schneegrund ist behutsam wegweisend, zeigt sanft, wie wichtig der Ort des Schrittes ist, und wer hier ging. Deutet an, wo zu gehen ist, wo gegangen sein wird.

 

 

Schneegrund besteht aus Wolken und Wölkchen. Schaut her, wie sich das Weiß in wagemutigen Ballen auf allerdünnste Zweige niedersetzt, wie es sich hält, ohne zu klammern, wie es der Schwerkraft widerstrebt und friedlich sein eigenes Gesetz lebt, dieses Weiß.

 

 

Das Zerbrechliche des Grundes bekommt mir ein anderes Gesicht. Nicht mehr fragil will ich ihn nennen.
Ich sehe zu, wie er mich trägt. Und dass ich meine Spuren vor mir selbst nicht länger verbergen kann.
Nicht als zerstörende will ich sie lesen, sondern als ein Es-ist-wie-es-ist, und als ein Etwas, welches sich im späteren Tauen in die Aufhebung begeben wird.
Schnee, zeigst du mir das?

 

 

Wohin wirst du führen? Was wird an deiner Schwelle erscheinen, in welches Kleid und Licht wirfst du das alles?
Und wie kann ich deine Stille in mich nehmen, wie kann ich beginnen in ihr zu leben, du sanfter Schneegrund?

 

Wege ohne Farben

Es gibt Wundertage, und es gibt Graubrottage. Genau genommen gibt es wohl mehr von letzteren, wenn man sich die Mühe des Zählens machte, wenn es auf die Zahl denn ankäme.

 

Hügelige Landschaft, braun-grün, unter grauem Himmel.

 

Gestern morgen waren wir draußen, suchten uns eine kleine Wanderung für Füße und Herz. Es war einer der kürzesten, lichtlosesten Tage des Jahres; die Kamera, das Fotoauge lief trotzdem mit. Obwohl da nichts war, was bewahrenswert oder ergreifend schien, oder auch nur mit einem Hauch von farbigem Funkeln versehen. Alles düster, wirr, trüb verwoben … und irgendwie normal, für diese Zeiten. Ich drückte dennoch von Zeit zu Zeit auf den Auslöser – ohne mir Mühe mit der Motivsuche zu machen. Ohnehin wirkte alles gleich in gleich.
Wozu eigentlich, dachte ich, als wir noch unterwegs waren, halte ich dies hier fest. Wozu eigentlich, dachte ich umso mehr, als ich diese farbigen, lichtsprühenden Bilder sah. Ein wahres Wunder: Bilder, die mich staunend und berührt hinterlassen, Bilder, welche den Zauber der Liebe in sich tragen. (Sie sind vermutlich zur gleichen Stunde aufgenommen wie meine.) Meine sind farblos, langweilig und nur zum Löschen gut, war mein erster Impuls.

Nun, und jetzt sind sie hier doch zu sehen, meine Graubrotbilder. Als Kontrapunkt zu den strahlenden eben, als Bilder eines ebenso wahren Wunders, eines noch viel größeren Wunders vielleicht? Weil sie das Eigentliche darstellen, das Alltägliche, welches nicht immer berstende Farben bereithält, und nicht den Pik der Zeiten, in denen das umgebende Strahlen von allein trägt?
Oh nein, ich will nicht vergleichen. Alles hat seine Zeit. Es gibt diese Momente, und es gibt jene. Manchmal fühle ich mich beschenkt, manchmal beraubt. Täler und Berge wechseln einander ab, in einer einzigen Wellenbewegung.
Und doch gibt es Menschen, gibt es Leben, deren Tage vor allem so ausschauen wie meine Bilder: Menschen, welche sich in Zauberhöhen nie emporzubewegen vermögen, warum auch immer. Zuweilen haben auch meine Tage diese jubel- und zauberlose Gestalt, fühlen sich düster und gebeugt an, und verharren lange darin. Schritt-für-Schritt-Zeiten eben, ohne jedes Fliegen.

 

 

Und dann gehe ich los. Und gehe. Suche, dennoch. Oder nein, „suchen“ ist nicht das richtige Wort. Etwas in mir geht weiter, ohne zunächst den Blick auf ein Ziel zu richten.

 

Ein grauer Werg inmitten eines düsteren Waldes. In der Ferne eine Wegverzweigung.

 

Bis das Auge begreift, welche Wege da sind, lichtarm und weit. Es ist immer beides.

 

Ein schlammiger Weg führt in weitem Bogen von einer Anhöhe in ein Tal mit einem Dorf.

 

Bis der Schritt erfasst, wie auch dieser farblos graue Boden trägt und führt.

 

Eine Baumkrone mit feinen Verästelungen ragt in den grauen Himmel.

 

Bis das Herz erahnt, welche feinen Verästelungen, welche Verzweigungen sich ihm bieten können, jenseits des Jubels.

 

Die Silhouetten einer verdorrten Wiese und einer kahlen Baumkrone vor einem sehr düstergrauen Himmel.

 

Und bis über verdorrtem Vergangenen eine kleine Öffnung Lichts mich demütig macht.

 

Silhouettenartig ragen verdorrte Gräser in den Vordergrund. Darüber zeigt ein graumelierter Himmel eine winzige Öffnung, durch die blaues Licht lugt.

 

Denn ja, „Leuchten und Lieben“, das ist es. Gerade und erst recht, wenn dies an grauen Tagen manchmal unmöglich erscheint, wenn es kein lichtschenkendes Geflecht gibt, welches trägt, wenn der Weg ganz allein zu gehen ist.
Es ist viel schwerer. Ich übe.

 

Ein durchgeschnittener Baumstamm, in welchem assymetrische Jahresringe sichtbar werden.

 

„Leuchten und Lieben“ als Aufgabe, aus welcher sich die Ringe eines Lebens gestalten. In guten wie in schlechten Zeiten. Vor allem aber in schlechten.

Farbigkeit ergibt sich auch dann. Von allein.

Danke.

 

entlaubt

 

 

Zweige in markanter Kahlheit, entblößt nach dem großen Abschütteln, zeichnen ihre Muster in den Himmel.

 

 

Da ist kein Buntkleid mehr, welches – vermeintlich sanft – sture Kantigkeit länger verbergen könnte. Schon immer ja wirkte diese im Kern. Schnörkellos, bar jeden Schön-Schöns tritt zugige Kälte in den Blick, zerschneiden verirrte Linien den Himmel.

 

 

Ein Puzzle von Zerbrochenem … selbst vor dem inneren Auge schwer wieder zusammensetzbar. Eine Welt voll von entlaubten, kalten Zweigen.
Zwar atmet ahnungsloses Wissen um Lebensadern, welche waren. Und sein werden. Nur …
Fragezeichen.

 

 

Kahle Wahrheit ist zutage getreten. Ehrlich und unverblümt. (Unverlaubt.)

 

 

Und und aber:
Kann ich dies alles auch anders lesen? Als was? Als Befreiung? Von was denn? Als Beginn eines Neuanfangs? Als Raumöffnung für neues Keimen? Als Teil des ewigen Kreislaufes?

 

PS.
Da waren viele Auslöser für diesen Text. Blicke in die Welt, die immer wieder sprachlos machen. Ungut sprachlos. Ich möchte aber (m)eine Stimme finden. Zunächst greife ich hier – etwas hilflos – in die (Wort)Bilderkiste. Immerhin, sage ich mir.
Wortreicher schreibt Irgendlink in einem großartigen Text darüber, „wie die Welt derzeit tickt und wie … die Welt ticken könnte“.

Baumwandelweg #10

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

Ein Weg im Regen, in nieseligem, alles durchdringendem, sich an die Haut klammerndem Regen.

Seit Tagen ist dieses Wetter, lädt es nicht ein zu einem Gang hinaus, verbirgt sich alles hinter novembrigem Himmel. Seit Tagen suche ich das Wolkenloch am Himmel, durch welches Licht dringt.

Seit Wochen war dieses Grau, ließ mich mich im Haus verkriechen, nahm ich die Welt nur durch einen Schleier wahr. Seit Wochen suchte ich die Öffnung, das Fenster, durch welches es wieder hell wird.

 

Herbstkahle Bäume, ein großer, ein kleiner, vor einem Himmel, dessen Farbspektrum vom Düstergrauen zum Lichtvollen reicht.

 

Nun, in den vergangenen Tagen, öffnete sich ein Spalt, zeigte sich mir zaghaft dieses Dahinter, dieses Darunter, dieses Überallem.
Der Himmel antwortet.
Immer.

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
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Außen und innen

Seit Tagen hüllt ein Grau die neue Jahreszeit ein, ein Grau mit verwehenden Farbtupfen. Der noch gar nicht so ferne Leuchtherbst schimmert in einem jeden am Boden liegenden Blatt, in einem jeden sich kahl schüttelnden Zweiglein. Vergangen ist diese Lebensrunde, vergangen, so ruft das verwehte Grün von überallher. Und lässt gleichzeitig durchscheinen, dass darunter schon der nächste Kreis keimt. Im Vergehen ihres Nährbodens verströmen sich Ahnungen neuen Wachsens. Ich weiß ja, wo es knospen wird. Irgendwann. Bald.

Und plötzlich reißt sie auf, die alles einhüllende Nebeldecke, für einen Moment nur, dem ein kurzes staunendes Aaahhh! entfährt, denn tatsächlich ist da, vergessen schon hinter den grauen Schichten, ein offener Blick ins freudige Blau des schwarzen Universums. Jene leuchtende Farbe, welche der gleichen Quelle entspringt wie jede Wolkendecke, jeder Nebel, jedes Wetter.

Vielleicht ist das alles ja jahreszeitenlos, vielleicht schaffen wir uns diese Konzepte nur für eine innere Ordnung, ohne die wir uns nicht in der Lage sehen, uns durch unser Auf und Ab zu hangeln?

 

Vielleicht ist ein jedes Blau ja von Wolken gesäumt, und ein jedes Lebendige von Erstorbenem?

 

Wie frische Lebensadern Verblühtes durchdringen, und wie sich verdorrende Fasern auf pulsierendes Gewebe stützen, um ein gemeinsames verwobenes Netz zu bilden …

 

… wie sich Gereiftes, Tragendes, Eigentliches hinter schützenden Hüllen verbirgt, welche die Geste des Gebärens doch immer schon bereithalten …

 

… wie die überreifen Früchte immer schon neue Saat in sich tragen, wenn nur ein nährender Lichtstrahl sein Ja dazugibt …

 

… wie, wenn ich mich nur in weit geöffneter Gebärde empfangend bereithalte, einem jeden Verblühen eine neue Lebenswelt entspringt …

 

… wie ich all dies sehe, erkenne, erahne, immer wieder. Weil ein Licht hindurchleuchtet, durch alles.

 

Vielleicht, und hier schließt sich der Kreis, vielleicht sind ja jegliche Wolken wirklich immer von Blau gesäumt, und jegliches Erstorbene von Lebendigem.

 

Ganz ursprünglich, als fast noch Sommer war, da nahm ich diese Bilder auf, inspiriert von Ullis Maisfreuden. Zu ihren Maisschöpfen und -fasern wollte ich Maisgesichter suchen. Doch ich merkte schon am Feldrand, dass ich für Porträtfotos wohl zu ungeduldig bin, dass ich einzelne Gesichter kaum zu erkennen vermag. Stattdessen nahm ich einen Zyklus wahr, zunächst einen Ausschnitt davon, einen Teil des großen All-Kreises, später immer mehr und mehr. Ich sah, wie jeder Teil das Ganze in sich trägt. Und dass es bei all dem immer auch um mein inneres Kreisen geht, mein stetes Gebären, Sein und Ersterben.
Welche Erschütterungen brachten die letzten Wochen mit sich, und welche zögernden Schritte setzten diese in Gang. Nun gehe ich wieder. Und finde – auch mit diesem Text – in einen Frieden hinein, zunächst. Bis zur nächsten Wehe.

 

Lebensschimmern

Nun … sind diese Bilder schon wieder alt, und doch auch wieder nicht,
ist die Reise eine vergangene, und doch noch nicht ganz,
mischt sich ein fortgesetztes Bunt aus Lebensfroh, Verwurzelung, Gereiftsein und Lichtspiegelungen, während tief unter der Decke neue Keime wachsen, damals, als die Bilder vermeintlich entstanden, und heute. Ja, heute besonders.

schimmern (1)

Der Weg verlief und verläuft ja nicht immer so geradeaus wie hier, blieb und bleibt nicht ohne Hindernisse, wurde und wird nicht auf jedem Meter behütet von schützenden Baumdächern. Und doch setzt sich am Ende, in der Rückschau, die Leichtigkeit. Ja, vor allem diese.

Geborgen und geschützt von einer schwebenden Dachkrone, tief bis zur Erde reichend,
wächst, was zu wachsen sich einst anschickte, der Schwerkraft sich widersetzend.
Und im Farbentanz ist Leben, so viel Leben.

Wohin sich das Rot noch ranken wird? Wohin hinauf? Wohin hinunter? Und welche Rolle spielen schon Richtungen und Orte?

Was im gelbgoldenen Schimmer noch erstrahlen wird? Und was nicht? Wie durchscheinend er sein mag? Und wie verbergend? Und ob er wohl als Lebenshintergrund trägt?

Lang ist es vorbei, dass man mir sagte „Auf die nächsten … Jahre“. Gleichgültig, wie viele es noch sein werden: Wenn nur Raum ist für die Farben des Lebens, für alle Farben.

schimmern (18)

Und wenn sich nur über allem der Himmel nie ganz verdunkelt, dann will ich’s schon zufrieden sein.

schimmern (19)

Danke für alles, was war.
Danke für alles, was ist.
Danke für alles, was wird.

(Diese Bilder – hier lebensreisegelesen – stammen von einer wirklichen, konkreten Reise, einen Monat mag sie her sein. Andere Bilder jener Reise-Tage sind diese und diese.)

 

Baumwandelweg #9

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Schritt. Noch ein Schritt. Und noch einer.
Auf wen zu? Auf was zu?
(Dabei weiß ich doch: Zu Dir, zu meinem Baum. Jetzt. Für einmal mich lösen aus der Schwere.)

Es geht sich zäh. Alles voller Bodenleim. Bleiernes Waten.
Ein Willkommen lässt sich in diesen Tagen kaum spüren. Erstarrung des Umgebenden. Oder bin das ich, deren Lebendigkeit sich verschlossen hat?
Funktioniere. Als Imperativ. Gib nur nicht zu viele Gedanken hinein.

 

Ein großer Baum, ein kleiner Baum. Kahl schon. Vor einem leicht abendrötlichen Himmel.

 

Freitag Abend. Das, was Ferien heißt, hat begonnen. Im Kalender steht: Zum Baum gehen. So weit ist es schon.
Am nächsten Tag fährt der Zug in den Norden. Unter dem blauen Himmel dort flackern Erinnerungen an andere Zeiten.

Und wieder Schritt.
Um Schritt.
Um Schritt. Um Schritt.
Es hallt in den Gassen, was im Innern an Resonanz fehlt.

Ich schaue hinauf dabei, ganz hinauf in unendliche Weiten.
Immer findet sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel öffnet, zeigt, weitet, entfaltet, empfangend schenkt.

 

Rötlicher Abendhimmel über Schemen eines Dorfes.

 

 

Rote Abendlichtsilhouette eines kahlen Baumes.

 

Nun, es bleibt zu betrachten. Das alles.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
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Wegpunktzufälle

Irgendwann tat ich es schon einmal. Damals strengte mich meine ewige Bildsuche sehr an, ich hatte diese Idee und war neugierig auf das, was geschehen würde.
Diesmal liegt mein Motiv noch etwas tiefer: Überfordert fühl(t)e ich mich, hilflos gegenüber dem Vielen, unfähig eine Auswahl zu treffen. Beim Fotografieren so wie bei sonstigen Dingen.

Und so tue ich plötzlich, was ich auch damals tat, und was mir der Herr Irgendlink hoffentlich nicht als Plagiat auslegen wird, denn es ist keines: Ich radle los und fotografiere meinen Weg in vorgegebenen Abständen. Genau dort, wo der Kilometerzähler Stopp gebietet, und nirgends sonst.
Hätte ich am Morgen schon geahnt, wie weit mich meine „kurze“ Samstagsrunde tragen würde, hätte ich wohl einen weiteren Rhythmus als 5 km gewählt, 7 oder 13 oder so. Doch auf einen 10-km-Abstand möchte ich die Bilder jetzt nicht mehr ausdünnen – dies ist ja keine Primzahl (;-)), und dies wäre dann tatsächlich Irgendlinks Zahl.
Nun also: Viele viele Bilder werden es. Alle 5 km nehme ich vier Blicke auf, in jede Richtung einen. Ich fotografiere mit festgelegter Brennweite und gebe mir auch sonst keine großen Entscheidungsmöglichkeiten bei Motivwahl, Tiefenschärfe oder Ausleuchtung. Was an jenen Fleckchen sich befindet und wie es sich im Licht des Moments zeigt, genau dies hält meine Kamera fest. Was aber in den Zwischenzeiten und Zwischenorten meinen Weg kreuzt, bleibt unfotografiert …

Wie schwer dies anfangs ist. Gänzlich unfotogene Ansichten landen im Apparat, wohingegen ich an zauberhaften Herbstnebelfarben, an fließenden Lichtwolken, an schimmernden Landschaftswellen vorbeirauschen „muss“, ohne sie mir auf mein Speichermedium zu bannen.

Wie das eben so ist, hier an der Strecke, und auf meinen täglichen Wegen, denkt es in mir. Haben wir eine Wahl, welche Bilder wir aufnehmen? Können wir dem Unschönen ausweichen, können wir immer nur das Wohltuende vom Wegesrand pflücken, so wie ich es beim Fotografieren sonst gern mache? Während doch immer das gesamte Spektrum an der Strecke liegt?
Ja, die unansehnlichen, gar hässlichen Ansichten sind da, ob ich will oder nicht. Heute landen auch sie in der Kamera, bunt untergemischt unter Fotogeneres, alles in allem ein wahrer Auszug aus der Wirklichkeit. Nichts ist geschönt, nichts ausgeblendet, ich verzerre nicht durch Auswahl und Verwerfen. Das was ist, das ist. Ich lebe darin.
Und doch: eine Stunde ist nicht eine Stunde, ein Kilometer nicht ein Kilometer, ein Bild nicht ein Bild. Meinen Kopf kann ich immer noch wenden wie ich möchte, selbst im Nachhinein. Kann die unliebsameren Blicke kaum mehr beachten, kann meinen Fokus auf das Labende richten, kann es vermischen mit stärkenden inneren Bildern, derer ich genug in mir trage und von denen ich heute emsig weitere einsammle. Das Panorama, welches ich von meiner Kurzreise mitbringe, wird von mir geformt und gefärbt, und nicht von den Bits und Bytes auf der Speicherkarte. Von einer statistischen Verteilung des Guten und des Unguten am Wegesrand möchte ich mir nicht vorschreiben lassen, was ich im Innern letztlich sehe …

Was bedeutet das überhaupt: das Gute, das Ungute, das Schöne, das Lichte? Sind dies nicht selbsterschaffene Kategorien? Ist ein Bild per se wohltuend, oder mache ich es mir zu einem solchen? Kommt das Licht der Dinge von ihrem äußeren Anblick her? Oder kann ich es ein Stück weit selbst erschaffen?
Wenn ich doch versuchte, auch in einem jeden Unbedeutenden – und sogar im vemeintlich Hässlichen – etwas aufzuspüren, das mich stärken könnte? Schließlich fügt sich jede Wegstrecke aus letztlich unbedeutenden Orten zusammen. Weder für mich noch für Euch als von außen Betrachtende ist es vermutlich von Belang, ob ich auf meiner Kurzreise am Rhein war (war ich nicht) oder am Neckar (war ich). Beide Flüsse sind hier weder zu sehen noch sind sie nicht zu sehen. Möglicherweise spielen sie gar keine Rolle.

Was für eine Entlastung, wenn ich nicht mehr Bedeutsames auszuwählen versuche, wenn ich nicht werte, nicht sortiere zwischen Leuchtturmanblicken und Grauackertönen, zwischen erstrebenswerten Reisezielen und dem ermüdenden immer ein wenig monotonen Tritt des Alltags.
Eine Entlastung für mich, da ich nicht allezeit nach tragenden und stärkenden Momenten auf meiner Lebenswegstrecke suchen muss, während ich gleichzeitig vor anderen Etappen die Augen verschließe oder gar fliehe.
Eine Entlastung auch für die Dinge und ihr äußeres Kleid, wenn sie nicht mehr die Bürde der Verantwortung dafür tragen, mir meine Tage zu retten, wenn auf ihnen nicht mehr das Gewicht der Sinngebung für andere Zeiten liegt.

Nun also: Was hat sich mir unterwegs gezeigt? Dies alles, dies viele, was folgt …
(Unten in groß ist jeweils das Bild in Fahrtrichtung zu sehen. Oben etwas kleiner das Rückwärtsbild, daneben die Bilder in seitlicher Richtung.)

Kilometer 5:

 

Kilometer 10:

 

Kilometer 15:

 

Kilometer 20:

 

Kilometer 25:

 

Kilometer 30:

 

KIlometer 35:

 

Kilometer 40:

 

Kilometer 45:

 

Kilometer 50:

 

Kilometer 55:

 

Kilometer 60:

 

Kilometer 65:

 

Kilometer 70:

 

Kilometer 75:

 

Kilometer 80:

 

Kilometer 85:

 

Kilometer 90:

 

Kilometer 95:

 

Kilometer 100:

 

Vielleicht sollte ich öfter so wahl- und entscheidungslos durch die Linse schauen?
Nun, „schöne“ Bilder werde ich natürlich weiterhin suchen und zeigen, mit aller Freude und Leichtigkeit, welche die Hingabe an ästhetische Wunder schenkt. Aber ich suche, lebe und fotografiere schon recht idyllezentriert.
Vielleicht gibt es einen Mittelweg. Beim Fotografieren, und im Leben.

blicken

Wie ein Zeitensprung fühlt es sich an, die Bilder jenes Wochenendes anzuschauen, welches nun lange vergangen ist. An einem Tag wie heute, an dem grelle Herbstfarben fast schmerzhaft ins Auge gleißen, kommt mir der damalige Nebel wie ein Traum, wie ein Korrektiv, wie eine Besänftigung daher.

Als wäre die Undurchsichtigkeit der nebligen Trübnis eine Heimat, in die ich mich fallen lasse, weil ein Bild, auf dem ich die Weite nur erahne und nicht sehe, sich dem Meinigen näher anfühlt als jede Durchschaubarkeit.

 

Ein Waldweg im Nebel, durch ein Asttor hindurch schimmert grauverhüllt der ferne Wald.

 

Ein weiter Blick von oben auf einen nebelschwadenumtanzten Herbstwald..

 

Weiter Blick von oben auf eine hügelige Waldlandschaft mit einigen herausstehenden Bäumen und zu erahnenden Ortschaften.

 

 

Immer wieder geraten Mauern in den Blick, und ich weiß nie, ob ich auf ihre Stärke oder ihre Härte fokussiere, ob ich es Schutz oder Abschottung nennen soll, und wieviel Stein es überhaupt braucht, um die nötige Stabilität zu erreichen.

 

Eine herbstliche Hügellandschaft mit Häuserreihen, die sich an die Hügelflanken schmiegen.

 

Der regennasse Burghof der Wartburg mit ihren starren Gemäuern erhebt sich vor einer weiten regenverhangenen Ebene.

 

Eine Treppe lehnt sich an eine steile Felsenmauer und trennt damit das Gemäuer vom abfallenden Waldhang.,

 

 

Eine Ahnung von Licht und Bunt kleidet sich in verhüllende Schleier …

 

DIe Wartburg erhebt sich im herbstlichen Wald, alles ist nebelverhangen. Durch den Schleier hindurch ist die Sonne zu erahnen.

 

Ein nebeltrüber Herbstwald, aus dem an einzelnen Stellen Gelb und Orange herausleuchtet.

 

Vor einem trübgrauen Himmel erheben sich Kirchtürme und ein Riesenrad. Leise zu erahnen ist die Sonne.

 

 

… und vielleicht wäre das vermeintlich Verschlossene ja doch zu öffnen?

 

Durch ein grünes Blättertor wird auf einen Teich geblickt.

 

Durch ein rhombenförmiges Metallgitter wird auf eine Wand voller alter Bücher geschaut.

 

Ein Blick hinaus durch ein Fenster auf eine Straßenszene mit Kopfsteinpflaster, Bäumen, Menschen und zwei Pferdekutschen.

 

 

Urplötzlich ist es unwirklich hell, ein Fenster zwischen den alten und den neuen Wolken in der Ferne.

 

Ein weiter Blick auf eine Bergkette, im Vordergrund eine Holzballustrade. Über allem öffnen sich zwischen Wolken einzelne blaue Himmelsflecken.

 

 

Und ja, es findet sich ein Weg hindurch, sicherlich. Gerahmt von Schatten setzt sich Schritt um Schritt.

 

Eine Zoomaufnahme eines herbstlichen Waldweges mit zwei spazierenden Frauen. Der herbstlich-farbige Weg ist im Vordergrund von schattigen Bäumen umrahmt.

 

 

Und Berge, ja, die sind. Sie abzutragen, oder sie am Wegesrand liegenzulassen. Welch eine Aufgabe, immer wieder.

 

An einen großen Stein lehnt sich ein aufgeschichteter Turm von kleineren Steinen, das Ganze inmitten eines herbstlichen Waldbodens.

 

 

Und um einen Bogen in den heutigen Tag hinein zu finden: Es gab in jenen Unterwegs-Tagen auch farbenfreudigere Bilder; hier habe ich sie gezeigt.

 

blühen

 
Unterwegs war ich, ein paar gedrängte Tage nur, doch mit offenen Augen.
Und fand …

 

gelbleuchtende Blüten vor dunkelgrün verschwommenem Hintergrund

 … ein überraschendes Strahlen des Herbstes … 

knallorangene Blüte vor grünem Hintergrund, daneben ein verblühter und ein sehr verblühter, ja, schon verdorrter Blütenrest

 

 

Distelkugeln, mit zarten Spinnweben im Gegenlicht verwoben

 … filigrane Kleinode … 

Schmetterling - ein Pfauenauge - auf zartlilafarbenem Blütengrund

 

 

rosaleuchtende Blüte in grünem Gezweige

 … leuchtende, unerwartete Farben … 

rosafarbene Blüte im Gegenlicht

 

 

eine pinkfarbene Blütendolde leuchtet im Gegenlicht

 — und so manches, was zum Versenken einlädt. 

ein großer Wassertropfen schwimmt auf den sternförmigen Adern eines großen Blattes und wirft ein Himmelsbild zurück

 

Wohin wir unsere Blicke und Schritte setzen, und was wir fortan bei uns tragen von den Funden auf unseren Wegen … 

ein Bündel von Wanderwegweisern an einem rötlichen Holzstamm, an dessen Astgabel mehrere Paar benutzter Schuhe hängen

 … ist dies nicht immer unsere Entscheidung?

 

Und dann …

… ist es wie jedes Mal: Wenn ich mich schreibend sortiere, als Eruption in Postform, als Bewusstwerdung beim Antworten auf eure Kommentare, dann beginnt das Dickicht sich zu lichten. Dann weiß ich wieder, an welchen Fäden ich ziehen kann, und an welchen auch nicht. Dann sehe ich mein konkretes Knäuel und den darunter liegenden Seelenmorast deutlicher. Dann beginnt das Gefühl der Bedrängnis sich in Traurigkeit zu verwandeln. Was ein guter Schritt ist, weil er wieder Tränen und Worte zulässt. Fließen ist immer gut …

Und dann mache ich mich auf den Weg. Es ist ja auch zu wunderbar draußen.

 

 

 

Zu sehen,

dass Karg und Zart zuweilen an einem Ast wachsen,

 

 

 

dass Farbe, bevor sie zu Fülle werden kann. ganz unscheinbar beginnt,

 

 

 

und dass sich manchmal auch ohne festen Boden unter den Füßen Halt finden lässt.

 

 

 

Zu erkennen,

dass, was wir als festes Bild im Kopf haben, etwa die Töne eines beginnenden Herbstes, zuweilen in ganz anderen Nuancen gefärbt ist als erwartet,

 

 

 

welches dann doch nahtlos in das Vertraute eingebettet liegt,

 

 

 

und dass ich nur aus nächster Nähe, nur bei genauestem Hinschauen Muster zu erkennen vermag.

 

 

 

Was für Geschenke am Wegesrand.

Ich bleibe und suche weiter. Nach meinem Gleichgewicht. Und nach den Himmelsfäden, in die ich mich getrost fallen lassen kann.

 

 

 

Baumwandelweg #8

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Ein großer und ein kleiner Baum im rötlich-herbstlichen Abendlicht. ImHintergrund spielen Wolken am Himmel.

 

Welch ein Licht!

 

Eine hügelige Feldlandschaft im rötlichen Abendlicht.

 

 

Ein rötlich beleuchtetes Feld vor einem wolkig lichtdurchspielten Himmel. Im Vordergrund der langgezogene Schatten der Fotografierenden.

 

Mehr möchte ich gar nicht sagen zu diesen Bildern, zu meinen Wegen am frühen Samstagabend, und zu diesen Tagen überhaupt.

 

 

Doch, eines noch: Wie wichtig es immer wieder ist, den Blick auf das Kleine, Unspektakuläre zu richten.

 

Äpfel am Boden, eine bunte Mischung aus unreifen, reifen und verfaulten Früchten.

 

 

Goldscheinende Gräser im Gegenlicht.

 

Und auf das Große.

 

Gegenlichtaufnahme. Unter den Wolken lugt eine Sonne hervor. Unten breitet sich ein Feld aus.

 

 

Ein Himmelsblick, gesäumt von Wolken und Baumkronen.

 

Danke.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

 

Baumwandelweg #7

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Du Baum, Du.
Als hättest Du mich gerufen. Lange war ich ja nicht da, konnte nicht da sein. Nun bin ich zurück. Und Du lässt mir keine Ruhe. Wenige Stunden erst ist es her, dass ich unter mein Dach zurückgekehrt bin. Und schon laufe ich zu Dir, den Hügel hinauf, in der Abendhitze, über die versengt wirkenden Felder. Dabei sind sie nur abgeerntet. Der Sommer ist am Gehen.

Und Du stehst. Stehst wie seit Jahr und Tag. Wie jedes Mal, wenn ich Dich besuche. Aus fast unverändertem Antlitz blickst Du mich an, und ich staune. Über diese Konstanz, diesen Gleichmut, diese Beharrlichkeit, sich den Zeiten nicht auszuliefern. Oder kaum. Ein wenig ja schon. Zartfarbig leuchtet es aus Dir, Deine Früchte sind am Reifen. Deine Blätter haben sich noch dunkler gefärbt. Während Dein kleiner Bruder begonnen hat, sein Blattgewand zu lichten. (Schon?) Und das Dich bergende Feld ist im Schwinden begriffen. Nur bei Dir: Alles beim Alten.

(Was für ein langweiliges Motiv habe ich da gewählt, denkt es in mir. Für ein Projekt, welches den Wandel zeigen möchte, ein schier unbewegliches Objekt zu suchen, das ist mir ja wieder gelungen. – Der innere Zensor nimmt sich seine Macht, und ich, ich habe zuweilen keine Kraft, ihm Einhalt zu gebieten.)

 

 

Ich gehe also auf Dich zu. Es scheint leicht, sich Dir zu nähern, aus der Ferne gesehen. Kein Feld ist mehr zu durchwaten, es ist zu einer staubigen Kruste geworden, welche ein Querfeldein erlaubt. Doch je näher ich komme … Der Boden liegt voll von Deinen Früchten. Ich mag sie nicht zerquetschen, ich suche mir einen Pfad. Doch da sind Wespen. Tausende von Wespen. Und ich trage Sandalen ohne Socken. Mein Blick starrt ihn an, den schmerzenden Stich, der mich jederzeit treffen kann, da schwingt Angst in jedem Schritt.

In einigem Abstand bleibe ich stehen. Dein Stamm scheint unerreichbar, ich habe keinen Mut für den Weg durch dies Unberechenbare. In Dein Oben zu schauen, dies ist mir leichter. Schon bin ich Deiner Krone nahe. Das Lichtspiel der Blätter fasziniert und macht neugierig. Wie mag es ausschauen, wenn ich leicht nach links blicke und gehe? Und leicht nach rechts? Wenn ich den Blick wandele? Wenn der Blick mich wandelt? Mich wandeln lässt …

Bis ich plötzlich bei Dir bin. Unvermittelt finde ich mich an Deinem Stamm wieder. — Welche Schritte sich setzten, welchen Weg die Füße genommen habe, dies wird sich mir nicht mehr erschließen. Es ist auch nicht wichtig. Ich bin ja da. Ich bin gegangen. Es ist gegangen. Wie von selbst.

Ich bin zu Dir gekommen. Doch hinsetzen – wie sonst – dies ist heute nicht möglich. Noch immer liegen unter mir Früchte mit Wespen. Ich stehe am Stamm, lehne mich an. Ein Kompromiss. Manchmal braucht es Kompromisse. Das Leben ist kein … naja … keine Sprüche jetzt, bitte.

Ich lehne also an Dir. Es ist mühselig. Die durchgedrückten Knie melden sich, sie mögen die Anspannung nicht. Vor meinem Auge fliegen Fliegen über Fliegen. Vor meinem Ohr tun sie dies auch. Lautes unruhiges Gewirr, kaum kann ich das Rascheln Deiner Blätter vernehmen. Aus der Ferne nähert sich eine Menschengruppe. (Wie selten geht jemand hier spazieren, denke ich in diesem Moment.) Lärmendes Reden, schreiendes Zurückrufen des Hundes, der schon auf dem Weg zu mir ist. Auch das noch. Ein Riese springt an mir hoch, bellt, will lecken, ich mag das so gar nicht. Und unter mir immer noch tausende Wespen.

Fast lache ich los. Ein Lachen der Hilflosigkeit. Was alles mich heute von meinem ruhigen Sein abhalten will. Fliegen, Wespen, Menschen, Hunde. Sie alle zerren an mir, dass ich mich von mir wegbewegen solle. Eine wahre Lektion spielt sich um mich herum ab. Ein Symbol meines Alltags, meiner Beziehungen, meines Selbstbildes, meines gesamten inneren Wirbelns. — Wo ist mein Stamm, an den ich mich lehnen kann, bei all dem?

Da! Da bist Du ja! Wie lebendig Dein Stamm meinen Rücken berührt! Was da alles strömt.

Ich atme. Aus und ein. Ein und aus.

Wir stehen ja. Wir haben ja Ruhe. Wir sind ja.
Einfach nur hier. Oder da. Je nachdem.
Ich stehe. Ich finde Ruhe. Ich bin.

Es ist mehr Baum in mir, als ich immer ahnte. Ich bin mehr im Baum, als ich zu hoffen wagte.
Ich – Du – Er – Wir.
Und noch viel mehr.

Danke.

Sie wollte mir eine Geschichte erzählen, diese Ruhe, in der Du die Gezeiten und Stürme durchstehst. Während ich hier schrieb, öffnete sich mir eine Tür. Durch einen winzigen Spalt blickte ich hinein in das Es …

 

 

 

Und als ich dann von Dir ging, vorgestern war es, da war ich bereit für weitere Schritte. Ich folgte dem Weg, den ich so oft schon wählte, heute die lange Runde. Vertrautes, oft Gesehenes.
Heute im Licht, das Konturen sichtbar macht, das Farben schenkt, das wärmt.
(Und dass die Bilder fast schon als Kitsch durchgehen könnten, ist mir für heute egal. Manchmal verweise ich Herrn Zensor eben einfach an seinen Platz:))

 

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.