Natur

Baumwandelweg #2

Durch ein Jahr hindurch werde ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera begleiten.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Heute sehe ich meinen Baum in rotem Abendlicht. Und er sieht mich in traurigem Gewand. Erschöpft und vom Weinen müde schleiche ich zu ihm und kann mich nicht dafür öffnen, was sich an und um ihn im Vergleich zum letzten Mal verändert hat.
Dabei bin ich seit meinem letzen Bild häufig hier entlang gegangen. Doch ich trage oft so viel mit mir herum, dass ich den Blick kaum auf das Außen zu richten vermag. Auch heute bin ich zu sehr in mir gefangen. Dabei täte es gut hinzuschauen. Dass die Knospen gewachsen sind im letzten Monat. Das weiß mein Kopf, mein Auge hat es nicht wahrgenommen. Dass das Feld gemäht (oder wie sagt man?) ist, bemerke ich nur dunkel, erst auf dem Foto wird es mir bewusst. Dass das rötliche Licht wärmt, auch dieses Erleben tröpfelt nur langsam in mich.

Vor allem ist mein Bedürfnis heute mich anzulehnen. So wie es unter meinen letzten Fotos in einem Kommentar steht: „An Bäumen anlehnen ist wie Handy an Akku stöpseln, nur in Mensch.“ Genau so.

Danke, Du Baum.

 

Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekts kann man hier finden.

 

Zarte Pflanze Hoffnung

 

Sie wächst karg, in sich zurückgezogen.

 

 

Das Grün in sich verborgen, streckt sie ihre Fühler zum Licht …

 

 

… und duckt sich immer wieder in den Schatten.

 

 

Sie beginnt aus dem Nichts zu wachsen …

 

 

… und setzt ihr filigranes Wesen den Stürmen aus.

 

 

Wie ein Wink weist sie in die Weite.

 

 

Für sie.
Und für die kleine M., die ihren Weg auf die andere Seite sucht.
Für ihre Familien.
Und für uns alle.

 

12 von 12 im März

Spät, aber doch: Meine 12-von-12-Bilder vom gestrigen Sonntag. Meine Wortfindungsfähigkeit hat sich zu so vorgerückter Stunde wohl schon schlafengelegt, daher bleiben die Bilder wortarm.

 

Vom Terrassenkaffee, dem allerersten des Jahres ….

 

… mit hindernisverstelltem Blick hinunter ins Dorf (noch: bald wird er hinter den Blättern verschwunden sein) …

 

… zieht die Sonne mich auf einen Spätvormittagsspaziergang …

 

… und mitten hinein in die noch karge …

 

… aber aufknospende Frühlingswelt.

 

Ein Gruß winkt von diesem Bild:))

 

Und zu Hause, als ich wieder angekommen bin, versucht die Tochter in Schwung zu kommen, ohne aus der Hängematte zu fallen.

 

Mittlerweile ist es mittags und die Arbeit ruft laut, zum Warmwerden einen Wettbewerb organisieren …

 

… und dann korrigieren korrigieren korrigieren.

 

Die Tochter ist auch beschäftigt, ein Referat steht an – das Thema ist ja nicht schwer zu erraten.) – und ich helfe, wenn auch nur dadurch, dass ich meine Druckerdienste anbiete.

 

Nebenher läuft ein wenig Haushalt.
(Socken lassen sich einfach nicht apart aufs Bild drapieren,da  kann noch so viel Natur ringsum sein).

 

Nicht viel reizvoller sehen Wäscheberge aus, aber das war nun einmal das letzte Bildmotiv, was mir vor dem Schlafengehen über den Weg lief. Immerhin liegt ein Lieblingsshirt des Sohnes obenauf …

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

 

Winterwoche

Während sich in den letzten Tagen der Frühling entfaltet hat und heute der erste richtige Garten- und Terrassentag Leib und Seele erwärmt hat, platzen diese Bilder jetzt vielleicht etwas unerwartet ins aufsprießende Grün. Trotzdem. Für mich selbst wenigstens bin ich nochmals zurück in die Ferienwoche gereist und erinnere mich …

 

… an Francescas kleines Hotelchen, das wir nun im zehnten Jahr besuchten (Jubiläum:)) …

 

 

… an den so vertrauten Blick aus unserem Zimmer, jeden Tag sich wandelnd …

 

 

 

 

 

 

 

 

… an Himmel und Weite …

 

 

 

 

 

 

 

 

… an die weißen Weiten …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

… an die eindrückliche Gestalt der Berge …

 

 

 

 

 

 

 

 

… und natürlich an Dolce Vita:)

 

 

 

 

Bis zum nächsten Jahr dann …

 

 

 

Abendwegspüren

Es war schon dunkel, als ich eben an meinem Baum vorbeiging. So dunkel, dass ich trotz hellem Mond nur die Farbe Schwarz auf der Kamera mitgebracht habe. Dabei leuchteten helle Wolkentürme zwischen Sternen und silbrige Mondspiegelungen auf dem Weg. Aber so ist das mit dem Dunklen und dem Hellen, es verschiebt und relativiert sich, ist nicht auf einer Skala festzuzurren und hebt sich gegenseitig auf.

Ich könnte nun erzählen von der Unheimlichkeit der Geräusche (und der Lautstärke dessen, was unten aus dem Tal hochdröhnte), von der Rastlosigkeit in meinem Kopf, der in solch intensiven Tagen weit mehr als einen solchen kurzen Weg bräuchte um annähernd in so etwas wie Ruhe zu finden, von meinem Bedürfnis, mich von den Häusern und ihrem abendlichen Leben fernzuhalten, von Wind und Wärme (ja: Wärme!) im Gesicht, von der Geborgenheit, welche die Hügel ausstrahlen, und vom Rhythmus meiner Schritte. Oder auch davon, was mein Atem mir erzählte, von welchen Punkten ich energisch davonschritt, fast schon floh, und was mir die Tränen in die Augen trieb.

Nun bin ich aber müde. Ich zeige deswegen einfach nur noch ein paar Bilder, rundgeblickt von jenem Baumort, als ich am Sonntag dort war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Baumwandelweg #1

Ich habe mir ein neues Ritual geschaffen: diesen Weg zu gehen. Einmal in der Woche, oder häufiger.

Es war mein Weg in jener Nacht, als ich lief und später schrieb:
Diese besuchte ich, diese ungleichen Freunde – oder sind sie zwei Seiten ein und desselben? Es zog mich zu ihnen, zu ihrem nahen Beieinander von Kargheit und Fülle, von Kraft und Schwäche. Lehnte mich an sie an, an beide, zu lauschen und zu tasten und zu riechen und einzuatmen, was sie mir mit auf den Weg geben können. Ich nahm es mit.

 

 

Das Ritual wird wichtig werden, weil ich noch zu verwandeln habe. Zu verwandeln, was damals nur erst begonnen hat. Vieles bin ich nicht bis zum Ende gegangen. So werde ich diesen Weg immer wieder gehen.
An Tag Eins des (noch erst entstehenden) Rituals formuliere ich es also im Perfekt: „Ich habe geschaffen“. Die Sprache erzählt von der Sicherheit meines Entschlusses.

Auf dem Weg stellen sich mir Aufgaben.
Erstens sind da Dinge, die ich noch nie im Leben gesehen habe. Ich werde hinsehen üben.
Mehr und mehr möchte ich Stücke des Weges mit geschlossenen Augen gehen. Um mehr Dimensionen des Sehens zu erfahren.
Abgesehen davon, dass mir Bewegung überhaupt nötig geworden ist.

Der Auslöser aber ist der Baum. Mein Baum. Mein starker Baum, damals noch neben seinem schwachen, kargen Begleiter, hat diesen inzwischen verloren. Warum und wie, dies habe ich nicht miterlebt.
Etwas spricht zu mir aus diesen beiden, von denen nur noch einer sichtbar ist.

Und wie es sich oft ergibt, treffen zwei Dinge in Passung aufeinander. Vor wenigen Tagen – wir waren auf Bergreise – stieß ich auf Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Über ein Jahr lang soll ein Motiv, seine Veränderungen oder seine Konstanz, mit der Kamera begleitet werden.
Nun, so sei also der Baum mein „Gegenstand“.

 

 

Gestern ging ich, ihn erstmals zu treffen. (Mit ein paar Tagen Verspätung, der Bergreise geschuldet.) Ich probierte Blickrichtungen aus. Aus verschiedenen schrägen Winkeln fotografierte ich, diese kommen mir jedoch künstlich vor. Weil ich da etwa auf einen Hügel klettern muss, ich weiß nicht, ob man dort immer wird hinaufklettern können. Oder weil ich durch andere Bäume hindurch fotografiere, die im Sommer wer weiß wie dicht zugewachsen sein werden. Wann immer ich mich vom Weg wegbewege, stellt sich mir das Bild als unstimmig dar. Also bleibt die Perspektive von genau dem damaligen Weg aus.

Dazu soll ein zweiter Baum mit auf’s Bild. Etwas abseits steht er, gehört schon zur nächsten Baumgruppe. Und doch erinnert er mich an den damaligen schwachen Freund. Und daran, dass der Große nicht allein steht, dass er seine Stärke nicht im Vakuum lebt. Da ist ein Vieles, von dem ein Jedes nur Teil ist.

Und noch etwas: Es ist von Vorteil, dass sich dieser Baum nicht direkt bei mir zu Hause befindet. Ich kenne mich, meine Kontrollwut würde dazu führen, dass – bei einem Fenster- oder Gartenblick etwa – ich ewig ewig ewig durch die Kamera schauen würde, bis das Licht vermeintlich perfekt, ausgewogen, harmonisch ist, bis es die Farbe hat, die ich mir vorstelle. Ich würde am Fenster sitzen und den ganzen Tag auf das richtige Bild lauern.
Durch den kleinen Abstand hoffe ich nun, mein Kontrollierenmüssen etwas zu kontrollieren:) Weil ich mich zu meinem Motiv nämlich auf den Weg machen muss. Bis dorthin ist es nicht sehr weit, aber schon ein paar Meter zu gehen. Von zu Hause aus sehe ich diese Himmelsrichtung, diesen Blick und diese Kuppe nicht. Wenn ich losgehe, weiß ich nicht, was mich dort erwarten wird. Weil ich zumeist nicht den ganzen Tag dort verweilen kann, werde ich vielleicht die eine oder andere Wolke ziehen lassen, aber ich kann nicht die gesamte Bildstimmung beeinflussen.
Das wird dem Bild gut tun.
Einem Bild des Wandels mit einer Prise Absichtslosigkeit.

 

Heimkehr

Die Berge hinter Nebelschwaden versteckt, als verweigerten sie den Abschied. Was der kleine Mensch nur immer interpretiert, denken sich die großen Berge. Und verstecken sich weiterhin.
Wolken schütteln sich aus, ein Frau-Holle-Schneeregen grüßt.
Die Sonne malt einen Regenbogen, wir fahren mitten hindurch. Frühlingswärme unter Schneegipfeln, Farbdurcheinander zum Schwindeligwerden.
Dazu Erinnerungen aus einem halben Reiseleben, Gewitter gab es viele, sie liegen längs der Strecke und winken.
Ein Drama, was der Himmel heute bietet.

Und dann sind wir daheim. Ein einziges Wetterwirbeln im Kopf. Und jetzt?

erwachend

Klirrendkalter Boden tönt sich mit einem Hauch Sonnenwärme.
In der Kargheit der Hölzer scheut ein Grün.
Enge lichtet sich durch weiße Nebel hindurch.
Färbungen des Graus wandeln sich zu zartem Bunt.
Starre erweicht in blauer Bewegung.
Schmerzen gebären orangeschimmernde Knospen.

Zittrig noch singen die Farben der Lieder.
Doch der Zufall wirkt durchwoben von goldenen Fäden der Fügung.

 

Stillezeit

 

1-stille-decke

Unter einer stillen schützenden Decke ist so vieles.

 

 

2-verletzlich

Verletzliches.

 

 

3-unentwirrbar

Unentwirrbares.

 

 

4-erschoepft

Erschöpftes.

 

 

5-trostsuchend

Trostsuchendes.

 

 

6-bedeckt

Bedecktes.

 

 

7-haltsuchend

Haltsuchendes.

 

 

8-oeffnend

Sich öffnendes.

 

 

9-aufkeimend

Neu aufkeimendes.

 

 

10-vortastend

Sich vortastendes.

 

So vieles.

 

12 von 12 im November

(Mal wieder ein 12 von 12 . Mal wieder später als alle anderen:))

Sich auf den Weg machen, nur für kurz, nur mal eben unterwegs sein mit dem ältesten aller Reisegepäckstücke, in dem erinnerungsträchtig so vieles mitreist.

12-von-12-im-november-1

 

Auf dem Weg zum Bahnhof, unter den sich auflösenden Wolken. Nebel und Dunst ziehen sich zurück, der Himmel verheißt.

12-von-12-im-november-2

 

In die Spur finden, immer wieder. (Das Leben hat aber keine Schienen. Manchmal leider, manchmal zum Glück.)

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Herbst fliegt vor dem Fenster vorbei. Das Glas ist trüb, und doch sind da diese Farben.

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Heute ist wohl Tag der beschmutzten Scheibe:), aber nun, die Sonne, was will ich mehr.

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Erinnerungsvertrautheit. In jeder Jahreszeit anders. Mit immer der gleichen Angekommens-Wohligkeit.

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Eine kurze Wanderung, wir zusammen, unter einem Himmel voller Von-allem-etwas.

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Lichtdurchbrüche.

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Scherenschnittstandhaftigkeit.

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Vorbilder im Loslassen.

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Und kaum zu erahnen: ein Himmel auch hier, oben, schwach durchscheinend.

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Der Tag endet in Abendwärme. Wie könnte es besser sein …

12-von-12-im-november-12

 

Herbstfarbenhügel

Lange war ich nicht auf meinen eigenen Füßen unterwegs. Jedenfalls nicht eine so weite Strecke, nicht so lange, nicht mit so viel Ruhe. Eher wähle ich ja das Fahrrad, um mich ins Unterwegssein zu begeben, selbst die Kinder haben diesen Impuls schon verinnerlicht, können wir nicht eine Radtour machen? Nein, diesmal nicht, ich wollte mal wieder laufen, oder wandern, wie immer man es nennt, wünschte es mir sehnlichst. Und die Kinder mussten mit, manchmal haben Kinder eben keine Wahl:)

Es war großartig, es war mehr als das, es war wie ein Bad im ureigenen Element. Ein paar raschelnde Goldblätter unter den Füßen drängen alles Gedankenknirschen mit einem Schlag in die Unbedeutsamkeitsecke. Weg und Blick über die hügelige Welt mit ihrem Auf und Ab legen eine So-ist-das-Leben-Metapher nahe und machen sie mit jedem Schritt, mag er auch seufzend und keuchend sein, überflüssiger. Das schräg durch die kahlen Bäume strömende Licht schiebt sich auch in dunklere Gemütsecken und zeigt einfach: Da bin ich. Da bist Du ja, sage ich.

Zwar murrt der Sohn gelegentlich, dass es ihm zu langsam sei, und warum wir denn an jeder Ecke stehen blieben, schließlich wolle er nicht erst im Dunkeln heimkehren, er müsse heute noch so viel machen. Für ihn ist also das Ziel das Ziel, naja, er ist fünfzehn und folglich in den Fußstapfen der Ungeduld unterwegs, mit fünfzehn waren Waldwanderungen auch nicht mein Lieblingszeitvertreib, ich gestehe es. Auf dem Rückweg lassen wir ihn vorausgehen, er möchte schneller zu Hause sein. Ich sorge mich nur, er so allein den weiten Weg durch den Wald. „Mama, ich bin fünfzehn! FÜNF!ZEHN! Fünf sechstel auf dem Weg zur Volljährigkeit hab ich überlebt, da werd ich wohl diesen Waldweg schaffen …
Wo er Recht hat. Loslassen ist schwer. Sie werden so schnell groß.

Die Tochter dagegen genießt den Weg sichtlich, bei aller Erschöpfung zum Ende hin. Sie singt, vor allem auf den letzten Kilometern, unterbrochen von kurzen Ich-kann-nicht-mehr-Rufen. Doch dann singt sie wieder, Lieder vom Glücklichsein, Lebensfreude pur, sich verschenkend an die ganze Welt. Es steckt an. Meine Füße tun schon gar nicht mehr weh.

Auch wenn sich das alles kaum in Bildern wiedergeben lässt, habe ich ein paar mitgebracht.

 

Von uns

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auf dem farbigen Weg

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mit durchscheinendem Licht

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und immer einem Stück Himmel zwischen all dem Goldgelb.

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Kaum zu glauben, wie sich der blaue Himmel in der Ferne in Nebel verwandelt

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und wie Nebel mit leuchtenden Farben in friedlicher Nachbarschaft leben kann.

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Die kleinen Dinge am Wegesrand

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und die nicht ganz so kleinen (mit Gruß: extra für Herrn Irgendlink:))

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hinterlassen – wie jedes Unterwegssein – Spuren,

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machen innerlich weit

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und verwandeln alles in warme leuchtende Farben. Sattsehen kann ich mich nicht.

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(Deswegen: Der Wanderrucksack blieb gepackt und steht jetzt hier an der Tür. Die Ferien haben ja noch ein paar Tage.)

 

12 von 12 im Oktober

(Mal wieder ein 12 von 12 . Mal wieder später als alle anderen:))

 

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Noch ganz in einem unangenehmen Traum befangen, schweife ich mit den Augen durch’s Zimmer, auf der Suche nach Halt. Eine Schale gibt diesen, einer meiner Schalen, die mir, unabhängig von ihrem realen Inhalt – Sand, Steine, Natur, Räucherstäbe – je nach Bedürfnis verschiedenste Wunschdinge enthalten. Einfach nur für mich in meiner Vorstellung. Heute möchte ich in ihrem Inneren bitte Geborgenheit finden. Oder Wahrgenommenwerden. Oder beides. Ja, beides.

 

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Die frühe Morgenstunde liest sich schnell weg. Der Roman, in den ich gestern Abend zufällig und flüchtend vor meinen eigenen Tränen geraten bin, der mit mir nichts zu tun hat, den lasse ich heute liegen. Statt dessen sind da die „Lebensalter“, deren scheinbar antiquierte Sprache und Gedankenwelt für mich soviel Universelles enthält, in dem ich mich wiederfinde, oder besser noch, das mich auf neue Spuren schickt. Die Abschnitte über die Krisen zwischen den verschiedenen Lebensaltern, die sind es besonders. Heute, und häufiger schon.

 

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Ich schreibe ein paar Worte, etwas, was herausdrängt. Zwar würde ich jetzt lieber auf Papier schreiben, aber die Uhr sitzt im Nacken, die Kinder müssen geweckt, die Morgenroutine begonnen werden. Tippen, digitales Schreiben als Kompromiss. Nicht so befreiend wie händisches, aber eben doch: Schreiben.

 

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Der Schultag wird unglaublich voll, zwischen sechs Unterrichtsstunden drängeln sich unerwartet viele Kurzgespräche, wieder massive Schwierigkeiten mit unserer 5. Klasse, schnell zur Schulleitung, mal eben die weitere Strategie beraten. Und dann ist da noch der nicht deutsch sprechende Gastschüler, die physikvortragenden Jungs, die Klagen der Mädchen über die anderen Mädchen, die an einem Vortrag Interessierten, die sich vor der Klausur Ängstigenden, all das. Keine Sekunde, um ein Bild aufzunehmen. Dabei steht die Kamera neben mir. Erschreckend, in solcher Deutlichkeit vor Augen geführt zu bekommen: Ein Schulvormittag bedeutet 6,5 Stunden Dauerstrom, ohne eine Minute des Nachlassens, ohne einen Moment des Beimirseins. Das kann man doch so nicht schaffen?!
Jedenfalls: Dieses Kaffeebild entstammt dem Nachmittag, als ich mich auf dem Sofa langlege und kurz wegträume. Der Kaffee wird derweil kalt, macht nichts, er tut trotzdem gut.

 

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Weil zu Vieles am Schreibtisch ansteht, ist für einen Spazierweg keine Zeit. Ein paar Minuten im Garten nehme ich mir dennoch, um Herbstfarben, um die Muster des Älterwerdens zu betrachten.

 

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Und die kleinen Wunder des Aufblühens.

 

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Und die Kraft, die noch immer im Grün liegt. Da wäre viel Gelegenheit, ins Metaphorische abzugleiten …

 

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Doch wie gesagt, der Schulschreibtisch. Ich bin heute langsam, arbeite nur mühsam manches weg. Als mein Tempo dem einer Schnecke immer näher kommt, werfe ich zusammen, es reicht. Feierabend, es ist spät genug.

 

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Der Gang zum Briefkasten, jetzt erst, bringt große Freude: Eine Postkarte, eine echte Postkarte – wow!

 

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Dazu schenkt die Tochter mir ein Sandbild. Sie spürt wohl, dass ich Farben gerade dringend brauche.

 

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Letzte Tagestätigkeit: den Kaffee für morgen vorbereiten, die Zeitschaltuhr stellen. ich weiß, das Aroma verdunstet oder so ähnlich, aber es ist egal. Es ist gut so für mich:)

 

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Und eine letzte Leserunde auf dem Sofa. Um nicht schon wieder das gleiche Buch zu fotografieren:), schwenke ich zum Sofa und zur Decke, unter der meine Beine liegen. So genau habe ich die noch nie betrachtet. Und vor allem habe ich noch nie bemerkt, was für einen Berg meine Füße dort unten bilden:)

Ein guter Tag. Trotz allem.

Mehr 12-von-12’s gibt es hier zu sehen.

 

Herbstradeln

Langes Wochenende – kurze Zeltradtour. Mama- und Tochterrad warten, dass wir aus der Schule kommen …

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… um uns auf die Hügel hinauf zu führen. Anders als durch Bergaufarbeit, notfalls mit Pausen und Schieben, kommen wir von unserer Wohngegend kaum weg.

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So nah vom Zuhause sind wir noch, und doch bemerken wir, dass wir diese Ecken überhaupt nicht kennen, dass wir uns in den letzten Jahren so wenig in unserer nächsten Umgebung umgeschaut haben …

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… dass gerade das Nahe wie oft so fremd ist.

Und dass es Herbst wird, das bemerken wir auch. Drum sind die Radtaschen voller warmer, regendichter Sachen.

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Der erste Zeltplatz, wir erreichen ihn kurz vor’m Dunkelwerden, ist von sturen Reglementierungen unsinnigster Art geflutet, wir dürfen nur in einem sehr unkuscheligen Eck stehen, aber lachen das weg. Zumal wir den Abend in der Kneipe am See und den Morgen – wegen Regen – ausschließlich im Zeltinnern verbringen.

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Ja, das Zelt ist groß genug, um darin zu frühstücken, die Tochter deckt einen liebevollen „Handtuchtisch“, und wir frühstücken sozusagen gegen den Regen an.

Die Kastanien am Wegesrand hatten kein Zelt zum Trockenbleiben:)

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Und übrigens: Ganz gleich wie alt Du bist, Kastanien bleiben Kastanien, und die Vorder- und Seitentaschen sind viel zu schnell voll, so viele müssen wir liegenlassen:(

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Es ist Herbst, es ist bunt, meine Lieblingsjahreszeit beginnt …

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… ich könnte ewig in diesen Parks und Wäldern bleiben, würde ihnen gern zusehen, wie sie sich immer mehr einfärben …

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… wie die Bäume ihre Blätter abwerfen, wie ihre karge Gestalt dabei umso markanter hervortritt …

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Wir haben ein paar halbsonnige Fahrstunden, bis der Regen gewinnt und uns – nun ja – ausbremst …

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… in dem Sinne jedenfalls, dass wir heute nun doch nicht mehr bis an den Rhein fahren, sondern bei nächster Gelegenheit unser Zelt aufbauen.

In der Nacht wird plötzlich der Sternenhimmel sichtbar – hach: so kann ich nicht lesen:) – und am Morgen weckt uns blauer Kleinweißwölkchenhimmel.

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Die Rheindeiche lassen sich vom Wind durchpusten …

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… und wir mit ihnen, wobei wieder einmal das faszinierende Phänomen auftritt, dass der Wind einem immer entgegenkommt, wie man auch längs des Flusses mäandert.

Wenigstens werden wir beim Picknick am breiten, behäbigen Wasser nicht wie unsere Brottüte weggeweht …

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… und ja, die Anblicke lenken vom steten Gegenwindfahren ab, lassen vergessen, dass die Beine allmählich wehtun.

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Ab und zu verlassen wir den Damm am Fluss, in der Hoffnung, auf der unteren oder auf der weiter im Innern gelegenen Straße könnten wir ein paar leichtere Kilometer fahren – nein. Es windet überall …

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… und oben am Fluss ist es doch am schönsten.

Die Tochter zieht es nach Strasbourg, sie hält tapfere 70 Gegenwindkilometer durch …

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… und vermag dabei noch zu singen sowie ihre Augen für das Ringsum offenzuhalten. Vielleicht hätte ich diesen Flussstein ohne sie gar nicht entdeckt? Es ist ein Myriameterstein (eine Einheit, die ich noch nie gehört hatte), das erklärt die seltsamen Entfernungswerte.

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Wir schaffen es bis nach Kehl, bauen kurz vor dem Abendregen unser Zelt auf, und bedauern, dass wir morgen schon wieder nach Hause müssen.

Zunächst aber noch ein warmes Sonnenfrühstück am Fluss, gegenüber liegt Frankreich, dessen Ufer, wie die Tochter erstaunt befindet, auch nicht anders aussehen als die hiesigen.

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Also schauen wir uns das mal aus der Nähe an, über die Fußgängerbrücke …

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… da in der Flussmitte muss die Grenze sein …

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… sind wir gleich in Strasbourg, ein im Grunde gut durchdachtes Radwegenetz ist nur leider von Großbaustellen durchlöchert, so dass ich bereits, als wir das Zentrum noch gar nicht erreicht haben, diejenigen Radler beneide, welche die Stadt schon wieder verlassen:)

Nuja, irgendwann sind wir in der Stadtmitte, zusammen mit Scharen anderer vorwiegend deutscher Touristen. Feiertagsauslands-Hopping und -Shopping.

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Es ist mir zu voll; der 3. Oktober war sicher nicht der günstigste Termin für einen Besuch in dieser grenznahen Stadt …

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… aber wir können ja wiederkommen, weit ist es nicht von uns. Mit dem Auto legen wir unsere Dreitagesfahrt in 2 Stunden zurück, ernüchternd irgendwie, dieses allzu schnelle Zurückkatapultiertwerden in den Alltag. Morgen ist Schule, lange Wochenenden sind irgendwie immer zu kurz.

Wochenbogen

Wie eine Rakete startete die erste Woche – Anlauf genommen, gezündet, beschleunigt, abgehoben, an Fahrt aufgenommen, in die Schuljahresumlaufbahn aufgestiegen – rasant und kaum aushaltbar, wie erste Schulwochen halt immer starten. Völlig unerheblich, ob ich in den letzten Ferientagen schon am Schreibtisch gesessen hatte oder ob ich übergangslos aus dem Feriensein kam, die erste Woche ist eine Rakete.

An ihrem Ende, das Schuljahr hat da oben also zu kreisen begonnen, ist es höchste Zeit für ein erstes Innehalten. Freitagabend, sieben Uhr, ich verlasse die Schule, puh.
Wochenende. Das soll in diesem Jahr heißen: 40 Stunden am Stück ohne Erwerbsarbeit. So mein Vorsatz. Und zwar: Jede Woche. Je.de!
Dazu an den Abenden nicht länger am Schreibtisch als bis zehn. Bis auf den allerersten Abend gelang das schonmal. Ich sollte das dauerhaft schaffen. Weil.
(Über Konsequenz oder Inkonsequenz bei diesen beiden Selbstschutzregeln werde ich berichten. Ich kenne mich ja. Aber. Aber meine nicht mehr ganz jungen Lebensjahre weisen mich an, die Regenerationspausen zu verlängern. Es ist nötig. Es wird mit jedem Jahr nötiger werden. Wenn ich die noch vorgesehenen 20 Jahre durchhalten will.)
Also: Schreibtisch maximal bis zehn Uhr abends. Ein Wochenende von mindestens 40 Stunden. Hiermit laut verkündet. So schaut Ihr ein bisschen mit drauf, gelle …

Samstag also. In den Garten, das erdet. Das bietet Raum für Gedankenkreisen. Denn dass sich der Kopf wie die äußeren Tätigkeiten zum Wochenende von der Schule wegbewegt, diese mentale Fähigkeit fehlt mir (noch). Das Drehen im Kopf wird häufiger in die 40 Wochenendstunden hineinragen, das kann ich im Moment kaum ändern. Zumal wenn der Bogen der Ereignisse so weitgespannt, so emotional aufwühlend war wie in dieser ersten Woche.
Und so stehe ich am Samstag im Grün, wir schneiden und ziehen und mähen und werkeln an unserem sommerwilden Gärtchen soweit herum, dass wir in den kommenden noch warmen Wochen inmitten der zugewucherten Pflanzenwelt ein Plätzchen für uns finden werden. Privilegiert durch wärmeres Klima als an vielen anderen Orten, wird es noch viel Gelegenheit zum Draußensitzen, -spielen, -schlafen geben.
Und während meine Hand das Verdorrte entfernt sowie Bäume und Büsche stutzt, manches schon vor der Zeit, einfach weil die unteren Pflanzen durch das Blätterdach kaum mehr Licht und Wasser bekommen, da dreht sich die vergangene Woche in meinem Kopf.

Das Üppige, was der lange Sommer hat wachsen lassen, das was mich hier erstaunt und erfreut, ist es nicht das, was in meiner neuen kleinen Klasse auch sichtbar wird? Wie unerwartet beides ist, die Füllepracht unseres Gartens, und die Unbändigkeit der 30 kleinen Fünftklässler.
Nur, ich nehme es je anders wahr, werte es unterschiedlich. Das hier im Garten außer Form Geratene beglückt mich, während es mich bei den Schülern irritiert. Bei den 10-15 jedenfalls, die uns mit ihren sehr eigenen, unerwartet heftigen Lebensäußerungen von Stunde Eins an in Atem halten.
Solch eine Klasse hatte ich noch nie, gab es an unserer Schule selten. Wir sind ja bisher eher die Schulart für die „Braven“. Sicherlich werden wir uns auf lange Sicht umgewöhnen müssen, werden es bald verinnerlicht haben, dass auch bei uns die elementarste Regelerziehung – wir tragen Konflkte nicht körperlich aus, wir verhalten uns so, dass niemand gefährdet wird, wir respektieren das Anderssein des Anderen – vor allem Deutsch- und Mathematikunterricht erfolgen muss. Es ist im Moment noch ungewohnt.
Nun, arbeitet es weiter in mir, Ihr seid wild, Ihr Jungs, Eure Gruppe, die sich schon in festgefahrenen Beziehungsmustern zu befinden scheint, die Ihr von allein nicht mehr lösen könnt. Wir werden Euch zunächst eng an die Hand nehmen müssen, damit niemandem von Euch oder von den anderen etwas geschieht. Wir – alle Eure Lehrkräfte und Ihr – werden das gemeinsam hinbekommen, das weiß ich. Und „hinbekommen“ wird nicht heißen, dass wir Euch Euer lebendiges Wesen nehmen wollen. Nur Regelzäune zum Schutz von uns allen, die sind wohl dringend nötig.
Und dann, wenn wir diesen Schritt Null geschafft haben werden, dann fängt die Arbeit ja erst richtig an. Dann wollen wir, dass Ihr eine Klasse werdet. Dass Ihr lernt, Euch als eine Gruppe zu fühlen, die gemeinsam die Zeit in der Schule durchlebt, in der alle wahrgenommen werden, ihren Platz finden, in der jede und jeder mit jeder und jedem zusammenarbeiten kann. Und in der jede und jeder auf seine Weise wachsen und blühen darf.
Hoffentlich für viele Jahre, hämmert es in mir. Denn …

Denn noch etwas kreist in meinen Gedanken, während ich in den Beeten stehe, die abgestorbenen Pflanzen sehe, die ersten Herbstblätter am Boden, mich umschaue in der Symbolik des Lebenskreislaufs.
All das Keimen, das jüngst erst begonnen hat, ist über den Sommer in Wachstum und Blühen übergegangen, manches zeigt sich noch in voller Blüte, vieles aber ist nun zu Herbstbeginn am Zusammenfallen, am Verdorren, am Absterben. So ist die Natur. Manches lebt nur ein Jahr lang, manche Blumen, andere kleine Pflanzen auch. Manches lebt lange, scheinbar ewig. Die Bäume, sie werden und werden nicht älter, haben eine unendlich lange Zeit vor sich. So unterschiedlich.
So ist es auch bei uns Menschen, ich weine im Innern. Manche dürfen hundert Jahre alt werden. Andere sollen nach kürzester Zeit schon wieder gehen. Kleine M., wir haben es gestern erst erfahren, Deine Eltern wollten, dass wir als Schule Bescheid wissen. Am Montag werde ich Deine große Schwester erstmals in einer Physikstunde unterrichten. Vielleicht ist sie auch nicht da, weil sie sich lieber Zeit nimmt für den Abschied von Dir. Das wäre richtiger.
Und nein, es tröstet auch nicht, dass die kurzlebenden Blumen eine viel farbigere Pracht entwickeln als die uralten knorrigen Bäume, das tröstet überhaupt nicht. Bei uns Menschen sollte niemand nach einem so kurzen Blumenleben schon wieder gehen müssen. Und doch, so heißt es, wirst Du es wohl bald tun …
Schreien und weinen möchte man.
Ich wende mich wieder den vertrocknenden Blumen zu. Lausche, was sie zu erzählen haben. Ob nicht doch ein tröstender Klang mitschwingt …

12 von 12 im Juni

Im Haus übernachtet ein Dachgeschoss voller Tochter-Geburtstagsgäste, sie schlafen genau bis 7.47. Wäre ich eher wach gewesen, hätte mich ihr langes Schlafen gefreut und gerührt. So aber werde ich von ihrem Getuschel geweckt, aus dem immer eindringlicher die Worte „Frühstück“ und „Deine Mutter“ dringen. So sei es also, ich füge mich.

Sie frühstücken kaum von den Millionen Brezeln, welche ich auf Geheiß der Tochter gekauft habe. Dafür brauchen sie heiße Milch, und ich hab mindestens dreißig Jahre keine mehr warmgemacht. Zum Glück haben wir überhaupt welche im Haus.

Während der Mädchentisch also frühstückt und weiter spielt und plappert wie seit gestern Nachmittag, schleiche ich mich in ihr Nachtlager. Gemütlich.

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Auf der Terrasse finden sich ein Restestillleben des gestrigen Abends

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und der Kerzenteller.

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Als alle Mädchen abgeholt sind, bringe ich den Sohn und seinen Freund zum großen Bahnhof in die große Stadt. Zusammen mit ein paar anderen Jugendlichen aus ganz Baden-Württemberg fahren sie zu einem Mathewettbewerb nach Thüringen. Ich habe ein Dejàvu, war das doch allzu oft auch mein Reiseziel. Aber ihm geht es gut damit, und mit meinen Damals-Erzählungen.

Wir sind zu früh, ich biete mich als Kofferwärterin an, während die Jungs in größter Gelassenheit bis kurz vor Zugabfahrt im Buchladen blättern.

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Der Zug ist schon da, die Gruppe auch, alles gut. Natürlich darf ich mich nur mit den Augen verabschieden; welche Mutter eines 14jährigen kennt das nicht.

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Und nein, ich bin nicht peinlich und winke, sondern fotografiere den Zug, bevor er abfährt, und gehe dann.

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Der Rückweg über die Dörfer und Hügel ist immer noch verregnet,

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vernebelt

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und auf seine Art stimmig.

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Der Nachmittag gehört den Aufräumaktivitäten nach der Party, einem mehr als ausgedehnten Mittagsschlaf (ohne Bilder:)) und viel Gartensitzen.

Mit Eis

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Gedankenhängen im verregneten Grün

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und einem Himmelsblick mit Aussicht.

12 von 12 im Juni (12)

 

 

Mehr 12-von-12’s gibt es hier zu sehen.

 

Herbstgereist: Bad Wimpfen – Zuhause

Wenn das Draußen Schnee und Hagel kann, dann kann ich auch Herbst. Ein letztes Mal per Bildreihe an die vergangene Herbstreise erinnern, der letzte Reisetag, von dem ich damals hier geschrieben habe.

 

Wie ich morgens an meinem Hochhaus-Pensionszimmerfenster stehe, in die bald zu durchfahrende Landschaft schaue, fühlt sich die Reise als rundum gut an, und der Abschied als wehmütig.

Bad Wimpfen Zuhause (1)

 

Bad Wimpfen Zuhause (2)

Ein letztes Mal packen und losreisen.

Bad Wimpfen Zuhause (3)

 

Bad Wimpfen Zuhause (4)

Hinein in einen Sommerhitzetag, wie ihn ein November selten erlebt hat.

Bad Wimpfen Zuhause (5)

 

Bad Wimpfen Zuhause (6)

Es sind erstaunlich verwaiste Landschaften, da ganz in der Nähe meines Dorfes schon.

Bad Wimpfen Zuhause (7)

 

Bad Wimpfen Zuhause (8)

Von dieser Richtung aus habe ich mich noch nie angenähert. Lauter fremde Ortsnamen, lauter Entdeckungen – vielleicht sollte ich viel mehr rund um mein Dorf herum reisen.

Auf jeden Fall sollte ich bald wieder Radreisen. Und es immer wieder tun.

 

Herbstgereist: Gaildorf – Bad Wimpfen

Heute ist ein Sonntag, an dem mir herbstlich zumute ist. Ich weiß gar nicht genau, was ich damit meine. Eine in mich versunkene Stimmung, kein Auge für die Sonne vor dem Fenster, ein wenig Schneckenhaus mit ein paar hinausgestreckten Fühlern.
Der damaligen Herbststimmung, von der ich hier mitten aus der Reise erzählt habe, fühle ich mich heute sehr nahe.

 

Gaildorf Bad Wimpfen (1)

Wie ich im Morgengrauen losfahre, mich in den nieseligen Nebel hineinbegebe, der dem Tag lange keine Helligkeit gestatten möchte, und versuche, die Sprache der Trübheit zu lesen.

Gaildorf Bad Wimpfen (2)

Als ich den Ort mit seinen beleuchteten Straßen und ein paar wenigen, ebenfalls um halb sieben schon umherirrenden Gestalten verlasse, wird es mir schwer. Unheimlich ist es dort auf den verlassenen, düsteren Wegen, es wirft mich in eine beklommene Stimmung. Schnell durch, mein einziger Impuls.

Gaildorf Bad Wimpfen (3)

Erleichtert bin ich erst, als von der Anhöhe aus alles ein wenig heller scheint, als die Ferne wieder sichtbar wird …

Gaildorf Bad Wimpfen (4)

… und als ein Wolkenloch ein Stück farbigen Himmel eröffnet.
Dennoch, es sind schwere Kilometer bis Schwäbisch Hall, nicht nur wegen des ständigen Auf-und-Abs.

Gaildorf Bad Wimpfen (5)

Ein erster Blick, ich bin noch gar nicht richtig in der Stadt, fällt auf meine Fortbildungsburg – dort oben war ich oft. Nicht der schlechteste Ort für dienstliches Sein:)

Gaildorf Bad Wimpfen (6)

Der Weg in die Stadt führt über eine der typischen Holzbrücken.

Gaildorf Bad Wimpfen (7)

Und dann stehe ich mitten am Fluss, am anderen Ufer, getrennt von den Gassen, in denen wir abends so oft gingen, oder mittags, wenn wir mangels Stau viel zu früh da waren …

Gaildorf Bad Wimpfen (8)

… und durch die wir mit der Tochter unsere Räder schoben, damals auf ihrer ersten Zweitagestour. Hier war sie noch ganz aufgeregt, wie das wohl werden würde, zwei Tage lang auf dem Fahrrad.

Gaildorf Bad Wimpfen (9)

Unsere komplette Strecke von damals und noch ein wenig mehr werde ich heute am Stück fahren. Überall werden die Erinnerungen stecken, überall wird mich die Tochter begleiten. Hier zum Beispiel, an dieser Autobahnbrücke, da hatte sie ihren ersten Durchhänger. Also haben wir uns selbst ein Eis versprochen, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit. Die ließ dann natürlich auf sich warten.

Gaildorf Bad Wimpfen (10)

Hier kämpfte sie im ständigen Auf-und-ab des Radweges mit ihrem neuen gerade noch ein Stück zu großen 24er-Fahrrad. Ich war beeindruckt wegen ihrer Ausdauer, ihrer Beharrlichkeit, wirklich nicht abzusteigen, ihrer Kraft.

Gaildorf Bad Wimpfen (11)

Und hier in Künzelsau war verdiente Pommes-Pause, damals. Ich erinnere mich so gern an das Unterwegssein mit ihr …

Gaildorf Bad Wimpfen (12)

… und an unser Lachen, als wir hier an dieser jetzt herbstlich verwaisten Imbissecke saßen und uns die Sonne auf die Nasen schienen ließen. Fast zwei Jahre ist das her.

Gaildorf Bad Wimpfen (13)

Erstaunlich, wie unterschiedlich sich mir die Blicke am Wegesrand eingeprägt haben. Diese hier sind überhaupt nirgends in mir festgehalten.

Gaildorf Bad Wimpfen (14)

Möglicherweise waren die Hänge damals ja unauffällig. Klar, weit weniger farbig waren sie auf jeden Fall.

Gaildorf Bad Wimpfen (15)

Hier erst wieder, in Forchtenberg, spult in mir der Erinnerungsfilm weiter. Hier haben wir damals übernachtet.

Gaildorf Bad Wimpfen (16)

Und jetzt rase ich einfach so durch. Es wird heller, die Wolken bekommen Struktur.

Gaildorf Bad Wimpfen (17)

Und lichten sich, als es fast schon abends ist.

Gaildorf Bad Wimpfen (18)

Wohltuend, von der Sonne geblendet zu werden, bin ich doch fast den ganzen Tag im Nieselregen gefahren.

Gaildorf Bad Wimpfen (19)

Die anderen Tage waren so hell, dass ich dies überhaupt nicht wahrzunehmen vermochte – so ist es ja oft im Leben mit dem (scheinbar) Selbstverständlichen. Erst wenn es nicht mehr da ist, wird es uns bewusst.

Gaildorf Bad Wimpfen (20)

So wie mir heute das Licht, in dem ich gar nicht oft genug staunend stehenbleiben kann.

Gaildorf Bad Wimpfen (21)

Auch im Gegenlicht, auf dem fast schon letzten Wegabschnitt kurz vor Bad Wimpfen.

Gaildorf Bad Wimpfen (22)

Der Neckar. Er geht schon schlafen.

Gaildorf Bad Wimpfen (23)

Und Bad Wimpfen. Irgendwo da oben zwischen den Türmen wartet ein Zimmerchen auf mich.

 

Herbstgereist: Nördlingen – Gaildorf

Na bitte, es ging doch. Es fühlte sich noch nicht mal sooo seltsam an mit den Herbstfotos in der Frühlingszeit. Genaugenommen katapultiert es mich weniger aus der Gegenwart heraus als mir das etwa beim Korrigieren geschieht, oder bei manchen Arbeiten, mit denen meine Tage gefüllt sind. Hier, bei diesen Reisebildern, bin ich mehr denn je in meiner eigenen Erinnerung, bei mir selbst unterwegs. Diese Fotos schenken mir Luftholmomente, unabhängig von der Blattfärbung.

Mache ich mal gleich weiter, mit dem nächsten Reisetag, von dem ich hier erzählt habe.

 

Noerdlingen Gaildorf (1)

Weil ich Nördlingen abends erst im Fastdunkel erreicht hatte, bin ich nun umso erstaunter, was sich mir im mystischen Morgenlicht zeigt. Man kann zu frühester Stunde – bin ich doch als erste aus der Herberge aufgebrochen – durch fast menschenleere Gassen schlendern.

Noerdlingen Gaildorf (2)

Nur bauzaun-, baustellen- oder lieferwagenfreie Fotos, die sind nicht zu haben. Irgendwas scheint immer zu reparieren zu sein.

Noerdlingen Gaildorf (3)

Außer wenn man den Blick nach oben richtet: dort ist Bauruhe.

Noerdlingen Gaildorf (4)

Abfahrt. Immer noch morgenstimmig.
Diese tafelartigen Berge, hier noch in der Ferne, werden mich die erste Tageshälfte hindurch begleiten. Und mein Versuch, sie zu umfahren. Bin ich doch ein Bergauf-Muffel.

Noerdlingen Gaildorf (5)

Entweder aber bin ich in der Morgenfaszination gefangen und damit unaufmerksam, oder den von mir geplanten (flachen) Weg gibt es tatsächlich nicht, jedenfalls schraube ich mich schon bald hinauf …

Noerdlingen Gaildorf (6)

… für solche Blicke, immerhin …

Noerdlingen Gaildorf (7)

… um drüben wieder hinunterzurollen.
„Drüben“ heißt leider immer noch diesseits der Wasserscheide, die ich heute queren sollte. Dass ich ein paar Höhenmeter vor mir habe, ist nicht zu vermeiden.

Noerdlingen Gaildorf (8)

So heißen die Wege unterhalb der Wasserscheide, zu Beginn einer langen stetigen Bergauffahrt …

Noerdlingen Gaildorf (9)

… bis zu einer letztlich unspektakulären Anhöhe. Die Europäische Wasserscheide also. Nicht wie an der Autobahn von Schildern kommentiert, sondern einfach als flacher Hügel in der Landschaft liegend.

Noerdlingen Gaildorf (10)

Es ist warm genug für eine Schreibpause mitten im kahlen Herbstwald, …

Noerdlingen Gaildorf (11)

… so sieht das dann aus in meinem mobilen Büro.

Noerdlingen Gaildorf (12)

Mit diesem Bild oute ich mich – mal wieder – als geographische Analphabetin. Steht ein Schloss am Wegesrand, und ich habe keine Ahnung welches. Ja, es interessiert mich meist nichtmal, wie es heißt und wo und wer und was man noch alles dazu wissen könnte. Falls ich also einen Namen auf einem Schild oder der Karte gelesen habe: vergessen. Ich atme einfach den Blick ein.

Noerdlingen Gaildorf (13)

Und diesen, diesen auch. Wasser ist ja immer gut. Ein Stausee an der noch  jungen Jagst. Nun bin ich an vertrauten Flüssen, welche ich weiter flussabwärts schon per Kanu befahren habe.

Noerdlingen Gaildorf (14)

Zunächst nochmals vom Fluss weg, hinüber zum Kocher, habe ich entschieden, der Weg nach Hause ist dort entlang kürzer. (Und der Schulbeginn leider so nahe.) Der Himmel ist inzwischen im feinsten Blauer-geht-es-kaum-Zustand angekommen.

Noerdlingen Gaildorf (15)

Dieser Stein offenbart mir noch mehr geographisches Nichtwissen: Welche Seite war römisch, welche germanisch? Und wie kommt der Limes von hier an den Rhein, wo er doch viel weiter nördlich verläuft?

Noerdlingen Gaildorf (16)

Wieder unten, am noch winzigkleinen Kocher …

Noerdlingen Gaildorf (17)

… gibt es Auflösung wenigstens der ersten Frage. Ist ja irgendwie logisch, ich fahre nach Norden, also …

Noerdlingen Gaildorf (18)

… geht es nach Germanien hinein.

Noerdlingen Gaildorf (19)

Dort laufen übrigens Vögel Sträuße herum, einfach so am Radwegesrand. das begegnet einem ja selten.

Noerdlingen Gaildorf (20)

Der Rest des Weges ist Erholflussradweg vom Feinsten. Hätte ich ihn an allen Ecken fotografisch festgehalten, hätte es über 30 km im Prinzip so ausgesehen. Ich fliege entlang. Gut das.

Noerdlingen Gaildorf (21)

Und ich schaffe es, bei Einbruch der Dämmerung ein Zimmerchen zu finden. Leicht unwirtlich von außen, aber Lesebett und Kneipe bieten alles, was ich zum Abend brauche.

 

Herbstgereist: Augsburg – Nördlingen

Soll ich das wagen: Mitten in den Frühlingsaufbruch hinein Herbstbilder stellen? Meine Herbstradreisebilder? Es sind ja Bilder aus einer ganz anderen Übergangszeit als der derzeitigen. Und doch sind sie mir – heute, und überhaupt in diesen Tagen – wieder merkwürdig nah. Weil ich im Kopf gerade schon die Radfahrten des Jahres bereitlege? Oder eher, weil ich in mir eine stille Zeit spüre, so wie auch der Herbst eine war? Oder weil ich mich in diesen Tagen ebenso auf eine innere Suche begebe wie oft beim Radunterwegssein?

Jedenfalls: Ich trau mich mal.
Hier schrieb ich übrigens damals live über meinen zweiten Reisetag.

Und jetzt gehe ich erinnernd durch meine Bilder.

Augsburg Nördlingen (1)

Wie ich noch ganz in den Gesprächen der Nacht versunken, den Ausgang aus der morgenstillen Stadt suche, immer am Lech entlang, der hier kanalgerade die Landschaft durchschneidet, mich irgendwann doch auf seine andere (einsamere) Seite queren lässt …

Augsburg Nördlingen (2)

… und dann für lange Zeit von einem solchen Weg begleitet wird.

Augsburg Nördlingen (3)

Und von einem solchen Wasserspiegelschein.

Augsburg Nördlingen (5)

Irgendwann muss ich den Fluss leider verlassen, es wird hügelig und straßennah.

Augsburg Nördlingen (4)

Der Weg ist von kleineren oder größeren Wallfahrtsstätten gesäumt und die ganze Zeit menschenleer.

Augsburg Nördlingen (6)

Sowie verpflegungsstättenleer – das Thema kennt man ja von Radreisen.

Augsburg Nördlingen (7)

Irgendwo, ich erwarte schon nichts mehr, der Ort heißt Holzen, steht ein Kloster am Wegesrand.

Augsburg Nördlingen (8)

Mit einer Gaststube, Riesentortenstücken, viel Sonne, einer Walkerin mit Musik im Ohr und …

Augsburg Nördlingen (9)

… (ich fliehe, weil mir das nach außen dringende BumBum zu laut ist) einem solchen Garten.

Augsburg Nördlingen (10)

Fast schon unheimlich ist die Einsamkeit oben auf den Hügeln, ich bin froh, unten an der Donau in ein wenig mehr Zivilisation einzutauchen. Wenn auch der Ort – Donauwörth – mich nicht zum Anhalten verlocken kann.

Augsburg Nördlingen (11)

Das Wasser, das schon eher.

Augsburg Nördlingen (12)

Und die Bänke da oben, nun schon auf der anderen Flussseite, die erst recht. Es ist unglaublich warm, ein solcher November war noch nie, soweit ich mich erinnere.

Augsburg Nördlingen (14)

Der Weg führt ein Flüsschen namens Wörnitz hinauf …

Augsburg Nördlingen (15)

… an spektakulärer Abgrundnähe vorbei …

Augsburg Nördlingen (16)

… und lässt immer wieder Lichtspiele tanzen.

Augsburg Nördlingen (17)

Damit man aber nicht zu sehr in bukolischer Idylle versinkt, kann er auch Radwegebaustellen.

Augsburg Nördlingen (18)

Hier die bei Schloss Harburg, welches man dank Umleitung also aus nächster Nähe und ungeplanter Höhe betrachten kann.

Augsburg Nördlingen (19)

Nun ja, es ist sportlich. Von oben aber schaut es sich ohnehin besser in die Weite.

Augsburg Nördlingen (20)

Ja, an das Hach, das mich dort oben überkam, erinnere ich mich nur zu gut. Und daran, wie intensiv dieser Tag war. Ich wollte ihn am Ende, ein paar Kilometer vor der Einfahrt nach Nördlingen, gar nicht mehr loslassen und stand ewig versunken in dieser Landschaft. (Ja, ich stand. Es gibt keine Bänke. Und der Boden war dann doch kalt. Ebenso wie der Moment, als plötzlich – gegen halb fünf – die Sonne hinterm Berg verschwand und ich daran erinnert wurde, dass wir fast Winter haben.)

Ein Hach-Tag. Das vermögen die Bilder wohl gar nicht so recht zu zeigen.

 

Es ist seltsam, sich an eine solch ferne Reise zu erinnern. Und aus der Stille heraus nach Worten zu suchen sowieso …