Geübt

Und dann …

… ist es wie jedes Mal: Wenn ich mich schreibend sortiere, als Eruption in Postform, als Bewusstwerdung beim Antworten auf eure Kommentare, dann beginnt das Dickicht sich zu lichten. Dann weiß ich wieder, an welchen Fäden ich ziehen kann, und an welchen auch nicht. Dann sehe ich mein konkretes Knäuel und den darunter liegenden Seelenmorast deutlicher. Dann beginnt das Gefühl der Bedrängnis sich in Traurigkeit zu verwandeln. Was ein guter Schritt ist, weil er wieder Tränen und Worte zulässt. Fließen ist immer gut …

Und dann mache ich mich auf den Weg. Es ist ja auch zu wunderbar draußen.

 

 

 

Zu sehen,

dass Karg und Zart zuweilen an einem Ast wachsen,

 

 

 

dass Farbe, bevor sie zu Fülle werden kann. ganz unscheinbar beginnt,

 

 

 

und dass sich manchmal auch ohne festen Boden unter den Füßen Halt finden lässt.

 

 

 

Zu erkennen,

dass, was wir als festes Bild im Kopf haben, etwa die Töne eines beginnenden Herbstes, zuweilen in ganz anderen Nuancen gefärbt ist als erwartet,

 

 

 

welches dann doch nahtlos in das Vertraute eingebettet liegt,

 

 

 

und dass ich nur aus nächster Nähe, nur bei genauestem Hinschauen Muster zu erkennen vermag.

 

 

 

Was für Geschenke am Wegesrand.

Ich bleibe und suche weiter. Nach meinem Gleichgewicht. Und nach den Himmelsfäden, in die ich mich getrost fallen lassen kann.

 

 

 

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hinauswinden

So Tage und Zeiten, in denen das Gefühl der Verlorenheit übermächtig ist, der Hilflosigkeit, des Versinkens in einsamer Verdorrtheit. Als fünftes Rad am Lebenswagen dem wirbelnden Treiben der Welt zuschauend, hält eine Wortlosigkeit das Zepter fest in der Hand.
Sehnsüchte ziehen vorbei, so viele Sehnsüchte.
Danach, Teil von etwas zu sein. Nicht übersehen zu werden. Umsorgt zu sein. Nach einem Blick aus warmen Augen. Danach, dass jemand fragt: Wie geht es Dir? Wie geht es Dir wirklich?

Graue Tage sind Kleinmädchentage.
Nur: Jetzt bin ich schon ein wenig größer. Kann mich besser durch diese Zeiten atmen und danach wieder emporfinden. Aus langer Erfahrung heraus, vielleicht. Und weil ich – vermutlich – seither gewachsen bin.

Und so suche ich. Und beginne zu verwandeln.

Einsamkeit tönt allmählich wieder wie gutes Alleinsein. So dass die Musik in mir und um mich eine Chance bekommt. Ich bin ihr zugewandt und nicht taub, wenn der Sohn spielt – und wie! -, und wenn die Stimmen in mir endlich wieder mit dem Celloklang mitsummen.

Schmerzende Traurigkeit wird zu sanfter Melancholie, die mit ihrem wiegenden Rhythmus zu trösten und zu betten weiß. Aus hilfloser Umherirrerei entsprungen, liegen plötzlich Wege und wogende Wellen vor mir. Ich laufe zu meinem Baum und lasse Tränen über die Wangen rollen.

Mitten in meiner wortlosen Erstarrung keimt eine Ahnung von Bewegung. Wenn ich auch zunächst nur das banale Hin und Her eines Putzlappens, eines Rechens, eines Küchenmessers als bewegt erfahre. Es dehnt sich und reckt und streckt sich, dieses Bewegtsein, bis auch meine inneren Pendel meditativ mitschwingen.

Erste Wörter krabbeln hervor, purzeln kreuz und quer, heben auf dem noch staubigen Boden zu tanzen an. Sind bereit für einen Reigen, dessen Hände ich nur noch ergreifen muss. Ich schaue staunend. Und ziere mich noch ein wenig. Noch.

Einmal mehr bleibt mir nur zu atmen.
Und zu danken.

 

Cello #3 – Spiegelbilder

Es wird Zeit, mal wieder ein wenig über mein Cello zu schreiben. Diesmal über mein Ich, welches sich mir im Cello spiegelt. Hat mir doch die Tochter heute einen unmissverständlichen Fingerzeig gegeben.
Wie ich übe und sie nebenher auf dem Sofa herumturnt, da grummelt sie plötzlich irgendetwas unter ihren Haaren hervor.
Hä, frage ich, ziemlich gedankenabwesend.
Na, richtet sie sich auf, stimmt doch.
Was, frage ich, stimmt?

So viel Selbstzweifel muss man erstmal hinbekommen.
Oh.
Bei jedem Ton, den Du spielst, verziehst Du das Gesicht, oder zuckst zusammen, oder murmelst das Sch… Wort, oder denkst es Dir.
Oh.
Du hörst halt gut genug, so dass Du hörst, dass es noch nicht gut ist. Das ist doch gut!
Oh.

Was für ein Spiegel, den die Tochter mir da vorhält. Sie beobachtet glasklar. Und hat so Recht. Kindermund tut Wahrheit kund und so.

Vielleicht ist mir das ganze Instrument überhaupt nur als Spiegel zugelaufen? Vielleicht habe ich in ihm hauptsächlich den Spiegel gesucht?
Ganz gleich, wer da suchte, zulief, führte – ich will mich dem fügen, was sich mir hier zeigt. War mir doch auch bei der Lehrerinnensuche von vornherein klar: Eine Frau sollte es sein. Und zwar eine, die deutlich älter ist als ich. Damit ich mich einfügen und aufs Geführtwerden einlassen kann.
Eine solche Lehrerin habe ich gefunden, das ging sehr schnell. Vielleicht, weil so klar war, dass ich genau diese brauchte. Und nun, da ich Stunde um Stunde nicht nur vom Instrument, sondern auch von der Lehrerin den Spiegel vorgehalten bekomme – die beiden haben sich verbündet:) – da wird mir manches deutlich.

Ich will alles auf einmal. Immer. Sofort. Ich will sogar mehr als alles, ich will 150%. Weil 120% noch zu wenig sind.
Wenn in einer Übung eine Phrase zunächst einmal pro Bogen gespielt werden soll, dann zweimal, dann erst dreimal und letztlich viermal, dann versuche ich immer zuerst den Vierer, ich will es sofort ganz schnell spielen. Die Schleife über das Langsame nehme ich erst nach dem Scheitern an der Geschwindigkeit.
Wenn ein Griff nicht klappt, weil meine Hand vielleicht zu klein ist – ja, ich habe recht kleine Hände, einige Griffe kann ich nur durch Springen schaffen, wenn ich nicht im Laufe der Zeit noch einige Millimeter durch Dehnung gewinne, und Springen ist schwieriger als gleichzeitiges Aufsetzen, gleichwohl aber möglich (die Tochter mit ihren Minihänden springt derzeit auf ihrem 3/4-Cello auch und schafft es einwandfrei sauber und gebunden, und bei Belesen in Netzforen finde ich genau das: Frauen mit kleineren Händen müssen sich eben so behelfen, was aber durchaus möglich ist, nur einen längeren Lernweg erfordert) – wenn also eine solche Stelle mit Weitgriff mich derzeit stark fordert und anfangs grob unsauber klingt, dann fühle ich mich sofort als zu schlecht, als zu unfähig. Wider besseres Wissen, dass hier tatsächlich eine objektive Handgröße verantwortlich ist, zunächst.
Wenn ich mich auf die Intonation einer Stelle konzentriere und diese stimmiger wird, rutscht mir im Gegenzug der Bogenkontakt weg, wenn die Gleichmäßigkeit des Tons zunimmt, verschiebt sich die Haltung der linken Hand, wenn die Bindungen zwischen den Tönen anfangen sich zu glätten, verspannen sich mein Kiefer und meine große Zehe. Weil man die Dinge nacheinander lernen müsste, ich aber stets an allen gleichzeitig arbeite und alles auf einmal will. So gibt es stets etwas, bei jedem einzelnen Ton, das mir nicht reicht. Und weil alle Abläufe so komplex miteinander verschachtelt sind, weil eine Schraube gleichzeitig alle anderen verdreht und ich von Körpergefühl und Ohr her alle alle wahrzunehmen vermag (was, wie die Tochter ganz richtig sagt, doch eigentlich ein wunderbarer Vorteil ist), deswegen finde ich  stets einen Grund, das Gesamtspiel unzureichend zu finden.
Nie sehe ich, wie viel ich in diesen vier Monaten geschafft habe, ich übersehe geflissentlich, wie Lehrerin und Geigenbauer und Tochter und überhaupt alle, die sich ein bisschen auskennen, von anerkennend bis fasziniert nicken, ich vergesse, dass ich vor einem halben Jahr nie gedacht hätte, in wenigen Monaten erste Stücke und einfache Sonaten anzugehen. Es ist mir nie genug.

Schaffe ich auch mal Zufriedenheit? Es würde mir gut tun.

Dabei ist mir vom Kopf her natürlich klar, dass mich derart überkritisches Fordern hemmt, dass mir meine eigenen Ansprüche als Barrieren quer im Weg liegen, dass ich viel sanfter vorangehen würde, könnte ich diese beiseite räumen.
Und vor allem: dass ich mich nicht, wie schon geschehen, in die Unfähigkeit hineinübe, wenn an einem Tag nach zwei Stunden, manchmal schon eher, die Kräfte nachlassen. Cellospielen ist eine körperlich sehr anstrengende Sache – vermutlich ist dies ja bei jedem Instrument so – und daher wird der Körper irgendwann müde. Zu Recht, er ist ja kein Hochleistungssportler und soll auch keiner werden. Ich aber zwinge ihn dennoch weiterzumachen. Ich übe oft so lange, bis mir das Spielen kaum mehr möglich ist, bis alle Körperempfindungen auf taub stellen, bis ich mich nicht mehr spüre. Manchmal sogar, bis es irgendwo anfängt zu schmerzen. Den linken kleinen Finger hatte ich schon so weit, den hatte ich überübt. (In der Osterferienpause konnte er sich erholen. Aber vor Wiederholung der Übertreibung bin ich wohl nicht geschützt. Wenngleich gewarnt.) Ich übe also offenbar immer so lange, bis es zu viel war.

Ist das mein Muster? Und schaffe ich es, die Bewusstwerdung dieses Musters zu nutzen, um Geduld zu lernen? Es wäre an der Zeit.

Und noch etwas bemerke ich: Wie ich von anderen abhängig bin. Nicht in dem Sinne, dass alle Welt – oder ein Teil der „alle Welt“ – natürlich meint, es wäre sinnlos, verrückt und vermessen, in diesem hohen Alter noch ein solch komplexes Instrument zu erlernen. Dieses Sagen interessiert mich nicht, sollen die Leute reden, ich weiß es besser.
Aber das andere, das lässt mich gelegentlich erstarren: die Bewertungen. Kommen sie nun tatsächlich, diese Wertungen von außen, oder habe ich nur alle inneren Ohren auf Empfang gestellt, so dass ich gar nichts anderes erwarte als Kritik? Jedenfalls fällt es mir auch nach so vielen Wochen der Gewöhnung noch schwer, zu üben, wenn jemand anderes im Haus ist. Natürlich ist ständig jemand im Haus, insofern spiele ich seltenst allein ohne Zuhörer, es dröhnt ja schon durch die Etagen. Aber ich registriere es jedes Mal. Jedes einzelne Mal. Zurückhaltung erfasst mich dann, und Scham. Ja, Scham. Sobald irgendwo oben Besuch von außen ist, und sei es nur ein Kinderbesuch, kann ich gar nicht mehr spielen. Sogar im Unterricht schießt mir öfter durch den Kopf, wie furchtbar es gerade klingen muss und dass ich mich vor der Lehrerin schäme.
Die Tochter sagt, das gehe ihr bei ihrer neuen Lehrerin ebenso, jetzt in den ersten Stunden. Dass es aber bald wieder nachlasse, wenn man sich erstmal kennengelernt habe. Möglicherweise ist sie mir auch hier weit voraus, die Tochter. Ich jedenfalls schäme mich. Wie ein kleines Kind.
Und freue mich über Lob, ja, ich brauche dies sogar. Auch wie ein kleines Kind.

Kann ich hierbei erwachsen(er) werden? Oder ist Kind-Erwachsener in diesem Zusammenhang die falsche Kategorie? Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob es das trifft. Es geht jedenfalls um eine Form der Reife, um Unabhängigkeit im Zu-mir-Stehen, um Unangreifbarkeit von den Bewertungen anderer, um ein selbstsicheres In-mir-Ruhen.

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Ich glaube, ich muss noch viel Cello spielen. Es gilt viel zu üben.

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Die bisherigen Cello-Texte finden sich hier und hier.

Krank

Wahrscheinlich soll ich das lernen, das Annehmen. Mich verlangsamen oder gar anhalten zu lassen von den Bedürfnissen meines Körpers, ihnen nachspüren und nachgeben. Ein wirkliches Übefeld für mich. Und deswegen – oder warum auch immer – kam heute das Kranksein erneut zu mir, nach nur wenigen Tagen Gesundgefühl.

Es fängt an wie vor drei Wochen. Gestern Kratzen im Hals, Kopfschmerzen, eine leise Ahnung. Heute Schmerzen beim Sprechen, und sobald mein Unterricht um war und ich mich auf einen Stuhl im Lehrerzimmer fallen ließ, dieses Schlappgefühl. Zu Hause dann Bett, Bett, Bett, ein Nachmittag voller Schlaf. Im Wattegefühl, mit wirr-bunten Träumen, jedoch ernüchterndem Hals-, Glieder- und Nasenweh beim Aufwachen – Ihr kennt das.
Wenn es so weitergeht wie letztes Mal, werde ich morgen, vielleicht unter Tabletten gesetzt, noch halbwegs in der Lage sein, meine einstündige Unterrichtsprüfung abzunehmen. Ich muss ja nur kurz zuhören und dann benoten, nicht viel sprechen, nicht stehen.
Ja, ich weiß, krank ist krank. Krank wäre krank. Aber … Morgen ist jedenfalls machbar, ich gehe jetzt ja gleich wieder schlafen.

Und dann schaue ich. Wenn es morgen Abend nicht besser ist, dann bleibt ja noch der Freitag zum Krankmelden. Ich fange schon mal an, mich dazu durchzuringen, das braucht eine Weile. Immerhin ist Elternsprechtag, das schlechte Gewissen pocht. Andererseits: fünf Stunden Unterricht und dann zwanzig Gespräche in fünf Nachmittagsstunden ist schon in gesundem Zustand für mich kaum zu schaffen. Wenn es also nicht geht, geht es nicht. — Ich schreibe das extra hier schon hin, um der Entscheidung nicht wieder auszuweichen:)

Und ja, es wäre eigentlich normal, sich um sich selbst und seinen Körper zu kümmern, auf sich aufzupassen, sich dem Ruhebedürfnis zu widmen und sich selbst hierbei das Wichtigste zu sein. Allein: ich kann das nicht. Pflichtgefühl und sogenannte Disziplin, gepaart mit einem Ich-schaffe-das-schon-irgendwie-Wahn. Auch das kennt Ihr. Jedenfalls einige von Euch.

Wenn ich mich also diesmal wirklich besser um mich kümmern werde als letztes Mal und schon so häufig, dann hat das erneute Kranksein etwas erreicht. Und wenn nicht … dann werde ich also neuerliche Grippeanflüge brauchen. Nur falls ich mich dann wundern sollte, warum es mich wieder erwischt.

So lange, bis ich’s verstanden haben werde.

„Done“ statt „to do“

Es war ein Versuch. Oder: Es ist ein Versuch. Denn er läuft ja noch, ich habe ihn nicht abgebrochen. Da ist zuviel Bewahrenswertes. Aber auch Unmögliches. Ich werde eine andere Variante finden müssen, experimentieren, modifizieren, es passender für mich gestalten.

Es ging und geht – wie schon so oft – um meinen Umgang mit der Zeit, mit dem engen Terminkorsett, den vielen anstehenden Aufgaben. Schon lange bedrängt mich zusätzlich zu der Tatsache, dass sie nunmal da sind, die vielen Aufgaben, was sich weder verhindern noch leugnen lässt, mein Umgang mit dem Vielen.
Obwohl der Kopf es besser wusste, hielt er über lange Jahre meine Hand nicht davon ab, bei jeder Gelegenheit – morgens, nach der Schule, zu Wochenendbeginn, zum Ferienanfang – lange lange To-do-Listen zu schreiben. Als bereite es mir besonderes Vergnügen, mir stets vor Augen zu führen, wieviel Unschaffbares ständig auf mich wartet. Denn allein die optische Länge der Liste machte sie zu einer Überforderung, mir war immer vorher schon klar, dass all das im gesetzten Zeitrahmen nie und nimmer zu erledigen sei. Zwar verschafft es mir Befriedigung, im Laufe der Zeit einen Punkt nach dem anderen auszustreichen, doch zu einem Ende der Liste kam ich nie. Stets blieb noch mehr offen als erledigt war. Auch wenn es mir nicht bewusst im Kopf hämmerte, irgendwie sagte ich mir damit ja doch immer wieder selbst, dass ich es nicht schaffe. Dass alles viel zu viel ist. Oder ich eben zu langsam. Oder zu abgelenkt. Zu verzettelt. Zu undiszipliniert. Irgendwie so.
Warum ich mich so lange auf diese Listen fokussierte, sie mir fast als Lebensgeländer dienten, ich mich ihnen und ihrem permanenten Zugzwang aussetzte, weiß ich gar nicht. Ich litt nicht sonderlich darunter. Es war eben normal, die Dinge nicht zu schaffen.
Die erste unschaffbare Liste schrieb ich übrigens mit etwa 12 Jahren. Ich weiß heute noch, welche Punkte ich in meinem damals schon vollen Leben nicht unterbrachte. Ich holte das Undurchgestrichene von damals übrigens nie mehr auf. Das meiste hat sich nur im Laufe des Lebens erledigt. Von meiner Liste, die ich mit Beginn des Mutterschutzes des Sohnes, jetzt 15einhalb, schrieb, ist übrigens auch noch etwas offen. Und wahrscheinlich von allen Listen, die ich im Laufe meines Lebens schrieb.

Möglicherweise findet Ihr das befremdlich. Ich selbst ja auch:)  Wie kann man seine eigenen Lebensbereiche nur so vollpacken, dass es zwangsläufig überläuft? Warum will ich immer mehr als möglich ist? Warum bin ich hier nicht Realistin genug? Warum setze ich mich dem immer wieder aus?

Und wie fühlt es sich eigentlich an, wenn ich auf solche Listen verzichte?

Die Idee hatte ich schon lange: Nicht mehr den Fokus auf das Unbewältigte legen, sondern auf das, was hinter mir liegt, das Geschaffte, das Getane. Nicht notieren, was vor mir liegt, sondern was ich hinter mich gebracht habe. Jeder Tag ist ein leeres Blatt, das zu füllen ist. Und kein volles, das ich Zeile für Zeile auszulöschen habe.
Eine völlig neue Sichtweise.

Seit Beginn des Jahres probiere ich es aus. Und – was ja nicht überrascht – es hat meinen Alltag veändert.
Tatsächlich spüre ich, wie mich To-do-Listen bedrängen. Erst jetzt, wo sie weg sind, spüre ich das. Ich erlebe eine für mich neue Langsamkeit, jedenfalls phasenweise. Mir gelingt es besser, mir selbst gut zu tun. Etwa indem ich eher und ohne Gewissensbisse schlafen gehe, indem ich mich ans Cello setze, oder ans Buch, oder an die Schreibtastatur, zuweilen auch stundenlang. Ich schaffte es, mich krankzumelden. Ich gab Klassenarbeiten ein paar Tage später zurück, um nicht mehr nachts zu arbeiten. Ich ließ Nichtdringendes liegen.
Stattdessen füllte ich meine Tage so, wie es für mich stimmig war. Reichten die Kräfte weit, füllte sich die Done-Liste des entsprechenden Tages – manchmal schrieb ich sie auf Papier, manchmal nur in meinen Gedanken – zügig und mit Vielem. War ich müde und erschöpft oder mit anderem angefüllt, fanden sich am Abend nur sehr wenige Punkte darauf, na und.
Es war insgesamt gemächlicher, ruhiger, gesünder und in allem mir und meinen Bedürfnissen angemessener.

Aber.
Natürlich gibt es ein Aber. Ein großes sogar.
Es passt nämlich nicht. Es passt hinten und vorn nicht. Dieser Monat war ja nur ein einzelner kurzer Zeitraum im Laufe des Alltagsstroms. Natürlich ist es nicht von Belang, dass in diesen Wochen etliches liegenblieb. Nur: Irgendwann muss das alles getan werden. Das Liegengebliebene nachgeholt, das dann Akute zusätzlich getan und ein paar Langzeitdinge auch endlich angegangen werden.
Im Haushalt, das klingt so banal, sind Dringlichkeiten offengeblieben. Noch fault keine Wäsche im Korb vor sich hin, aber fast, im übertragenen Sinne jedenfalls. Die akuten Familienorganisationsdinge habe ich alle untergebracht, ein paar Langzeitpflichten aber schön verdrängt, für später. Kontakte liegen brach, selbst solche, die mir ein Herzensanliegen sind. In der Schule habe ich von der Hand in den Mund gearbeitet, das wird sich in den nächsten Wochen rächen.

Was also tun? Wie lässt sich das Dilemma lösen?
So Fragen an mich selbst. Ich werde weiterexperimentieren … 

Pausiertes

Wie ungewohnt das für mich ist: am Abend nicht an den Schreibtisch gehen. Mein Alltagsleben spielt sich seit nunmehr Jahrzehnten permanent rund um dieses hölzerne Rechteck auf vier Beinen ab, es gibt kaum Tage und Tageszeiten – Ferien und Urlaube ausgenommen – in denen ich nicht um diesen Ort kreise, und sei es auch nur in Gedanken mit Ich-müsste-, Ich-könnte- oder Ich-will-Färbung.
Immer mal wieder wurde und wird mir das bewusst, immer häufiger irritiert es mich. Denn selbst neben einem Traumberuf – das ist er zweifellos und bislang fast ohne Einschränkungen – wollen andere Orte gelebt werden, Sehnsuchtsorte zumal, wollen Zeiten mit Anderem gefüllt werden. Oder einfach nur leer bleiben. Und zwar bewusst und gewählt, und nicht aus reiner Eschöpfung. Und so übe ich daran, mir solche Zeiten zu schaffen, genauer zu spüren, wann und wie intensiv ich sie brauche – und möchte – und im Alltag ausgewogener unterwegs zu sein.

Gestern dann, zum Beispiel. Ein ewig langer Schultag, neun Stunden im Schulhaus, sechs bis sieben davon vor der Klasse, ein Elterngespräch, etliche Absprachen, viel Organisatorisches und kaum Mittagspause. Und doch immer noch lange nicht alle Schuljahresstartdinge erledigt.
Ich fahre müde nach Hause, radle an solchen Tagen langsam und tief atmend meine wenigen Kilometer, und wälze im Kopf schon wieder den Abend. Nach dem Essen, wenn die Kinder eh in ihre Zimmer verschwinden, könnte ich die längst fälligen Listen abtippen, die Stoffverteilung anpassen und versenden, der F. wartet ja schon, die Notentabellen auf die neue Skala formatieren, lauter so Sachen, zu denen auch ein müder Kopf noch in der Lage ist. Automatisch springen mir diese Punkte meiner To-do-Liste in den Blick, zumal ich für morgen keinen Unterricht mehr vorzubereiten habe.
Doch dann bin ich zu Hause. Niemand da, alle im Musikunterricht. Eine Kaffeemaschine. Eine Terrasse mit Stuhl und Tisch. Ein milder Himmel. Ein Buch. DAS ist meine Übungschance. Nicht die Tasche ins Arbeitszimmer tragen. Nicht die Unterlagen ausräumen. Nicht bei der Gelegenheit noch eben schnell eine Notiz machen. Nicht die Mailbox abrufen, weil doch sicher … Und: auch nicht die Wäsche im Haus zusammensuchen und in die Maschine stopfen. Nein. NEIN.
Terrasse. Himmel. Kaffee. Buch. Jetzt.

Für gestern und heute habe ich es geschafft. Der Abend war lang, ich las oder las nicht, je nach minütlicher Stimmung. Irgendwann kamen die Kinder, wir aßen in Ruhe, sie erzählten ein paar Dinge aus der Schule, wir kruschtelten in der Küche. Als alle schlafen gegangen waren, stellte ich den Kaffee für morgens auf. Spielte etwas Klavier, seit der Reise tue ich dies wieder. Las weiter. Oder nein, eigentlich kaum, ich saß eigentlich nur da und sann vor mich hin.
Ebenso begann der heutige Tag. Bevor ich die Kinder weckte, setzte ich mich nach draußen, es war kühl und gleichzeitig wärmend, dort draußen im Morgenerwachen. Die Kinder standen nach ein paar Weckanläufen auf, verschwanden alsbald in die Schule. Und ich blieb da. Heute ist Heimarbeitstag, weil mein zweiter Dienstort nach den Ferien noch nicht wieder begonnen hat. Es blieben weitere ruhige Stunden zum Pausieren. Erst wenn ich hier auf „Veröffentlichen“ gedrückt haben werde, wird es an den Schreibtisch gehen.

Warum ich davon schreibe?
Weil es eines meiner Hauptthemen ist: Auf dem schmalen Grat zwischen zuviel und zuwenig Widmung für den Beruf meine eigene Verortung zu finden. Ich drohe ja überwiegend in die erste Richtung abzurutschen. Und zwar nicht nur punktuell, sondern vermutlich auch auf lange Sicht, Selbstschädigung nicht ausgeschlossen. Ich muss mich den Übungen, mit denen ich mich selbst schütze, also intensiver widmen. Je älter, umso mehr. Je mehr andere Sehnsüchte, ebenfalls umso mehr.
Und weil mir – ein Nebeneffekt, ein sehr augenöffnender – ausgerechnet gestern Abend und heute Morgen, während dieser Zeiten des Nichtstuns, einige sehr neue Ideen zufielen.
Etwas Grundsätzliches für meinen Physikunterricht, mit dem ich latent unzufrieden bin. (Und nicht nur ich.) Ein Ansatz für ein neues Ritual, dessen Einführung vielleicht in kleinen Schritten lösen könnte, was mich lange schon beschäftigt. Es wird zu konkretisieren und auszuarbeiten sein, aber es hat Potential, glaube ich.
Etwas sehr Konkretes für meinen morgigen Mathekurs, eine Lösung vielleicht für die Situation, die sich in der Freitagsstunde gravierender als in den Vorjahren gezeigt hat, die mit dem Unterrichtsplan der bisherigen Kurse nicht zu bewältigen sein wird. Also braucht es einen anderen Zugang zum Thema.
Etwas noch Diffuses für unsere 5er-Klassensituation, an der wir seit erst sieben Tagen, aber dafür umso intensiver, arbeiten und wirken.
Lauter so Ansätze. Siehe da, sie kamen mir, ganz unerwartet, während ich in den Himmel und ins Nichts blickte.
Das ist wohl kein Zufall.
Es braucht die leeren Zeiten, um Fülle schöpfen zu können.

 

im Mai

das Thema Treppenhaus und seine Renovierung rahmte den Monat ein:

er begann mit der wohltuenden Erfahrung, dass dieser Arbeitsberg, vor dem ich innerlich hufte, weil mir Ausräumen, Abkleben, Organisieren, all das unüberwindlich schienen, dass also solch riesiger Berg doch abzutragen ist, und zwar unerwartet schnell und leicht,
und damit einhergehend kam mir der Gedanke, dass ein Teil meines Belastungsgefühls immer im Vorgestellten, im Antizipierten verortet ist … was da für Möglichkeiten inneren Freiwerdens durchschimmern … und wie viel es noch zu üben gilt …

und er endete mit dem gleichen Thema, nämlich: „All die Tapeten an den betroffenen Wänden müssen ab“, so sagte der Mann von der Trocknungsfirma, nachdem er mit Hightech-Geräten vermessen hatte, was vom Ereignis drei Tage zuvor als Zeugnis verblieben war: feuchter Boden, auch unter dem Estrich, feuchte Wände, feuchte Möbelfüße, und feuchte Dinge ja sowieso
*
drei Tage zuvor nämlich war im Moment unserer Urlaubsheimkehr die Wasserzuleitung im Haus geplatzt – ganz großes Kino: binnen Minuten Kellerboden vollgelaufen, inmitten der Fontäne irgendwie doch den Hauptwasserhahn abgedreht, die Wasserströme durch Textilien- und Bettenberge versucht aus den Wohnräumen fernzuhalten (mäßiger Erfolg), bis endlich die Feuerwehr kam und auspumpte, und der Nachtschichtinstallateur das Rohr reparierte …
*
in dem Moment trat Entspannung ein, und Dankbarkeit: für all die Helfer (selbst der Bürgermeister kam, so ist das auf dem Dorf:)), für die sofortige Reparatur, obwohl wir schon Klo- und Duschangebote vom halben Dorf hatten, für die schnelle und kompetente Versicherung (bisher jedenfalls …) und vor allem dafür, dass es nicht während unserer Reise passiert war
(und im Nachhinein – zwei Tage später begannen überall ringsum die großen Unwetter und Überschwemmungen – dafür, dass es bei uns vergleichsweise glimpflich aussieht)
*
jetzt also ein neuer Berg Arbeit: immer noch Dinge weitertrocknen, Regale ausräumen und von den Wänden wegrücken, all das Geraffel in den Zimmermitten stapeln, Wände und Böden durch Geräte trocknen lassen, danach tapezieren lassen, Fußboden vielleicht neu machen lassen … (aber das ist schon nicht mehr im Mai, und vermutlich wird auch der Juni dafür nicht reichen)
*
Themensprung, es gab im Mai auch anderes:
zum Beispiel unseren wunderbaren Italien-Radreise-Urlaub
(ich empfehle übrigens ausdrücklich häusliche Unglücke der oben beschriebenen Art im erholten Zustand anzugehen, dann kann man sie entspannt und lächelnd wegstecken:))
*
noch ein wenig mehr verreisten wir: der Sohn zu einem Matheseminar nach Magdeburg (in den Ferien, ganz freiwillig;-)) und beide Kinder zusammen mit dem Schulorchester nach Frankreich in die Nähe von Paris, während ich auf einer kurzen Pfalzfahrt liebsten Freunden begegnete
*
kurz vor den Ferien gab es für den Sohn ein letztes Klaviervorspiel bei seiner alten, nun schon ehemaligen Lehrerin; nach 8 Jahren hatte ich Tränchen in den Augen, und er wohl auch (innerlich natürlich nur, wie das mit 14 so ist); dennoch sind sich alle sicher, dass Lehrerwechsel die richtige Entscheidung war und er bei dem neuen Lehrer ebenfalls aufblühen wird (seinem Spiel jedenfalls ist nach der kurzen Zeit schon so manches anzuhören)
*
und Schule?
ja, Schule habe ich auch gemacht, ein bisschen, ohne Extratermine und Extrajobs, einfach Unterricht vorbereitet und gehalten: solche Zeiten muss man ja auch mal festhalten (auch wenn sie nur 9 Schultage lang währten:))

 

Tag 1: Trezzano (bei Milano) – Pavia

Und plötzlich bin ich unterwegs. Sie sind unspektakulär losgegangen diesmal, die Ferien. Nicht wie schon so oft: mit wochenlanger Vorfreude, Zählen der Tage, Verfluchen des immer noch davor liegenden Alltags. Diesmal war der Abfahrtstag plötzlich da. Natürlich nicht so plötzlich, dass ich nicht noch alles hätte packen und vorbereiten können, aber es war ein sanfter Übergang. Gerade noch war ich arbeiten, und jetzt sitze ich eben im Auto auf dem Weg nach Norditalien.

Die ganze Hinfahrt lässt mich dieses besondere, neue Gefühl des Unspektakulären nicht los. Der Urlaub, die Reise trägt nicht mehr die Last, ein hervortretender Sehnsuchtsort zu sein, der alles an Träumen erfüllen muss, an denen es im Alltag mangelt.

Nun ja, so neu ist das eigentlich nicht. Schon längere Zeit nehme ich es wahr. Nicht dass ich mich in den letzten Jahren weniger auf mein Reisen freuen würde, nicht dass es mir weniger wichtig wäre. Ich vermute, es hängt zusammen mit einem neuen Blick, einem neuen Angekommensein in dem, was man Alltag nennt, in dem, was da Tag für Tag an Aufgaben vor mir liegt. Ich bin im Frieden mit all dem, so etwas ist es vermutlich.

Das Notizbüchlein, welches mir die Freundin, die beste, neulich schenkte, mit dem Titel „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, dies fülle ich seither regelmäßig. Auf den linken Seiten mit Momenten, die ich als verlorene bezeichnen könnte, auf der rechten Seite mit Stärkendem, Nährendem. Was ich dabei erkenne? Rechts steht viel, so viel, dass ich es oft auf Stichpunkte verknappe, um die Spalte nicht länger als die linke werden zu lassen. Links dagegen gibt es an vielen Tagen nicht viel zu notieren, und wenn, dann sind es am ehesten Momente, in denen mich Emotionen gefangenhalten, welche mir Raum nehmen. Selten sind es Tätigkeiten und To-do-Dinge, welche sich dort finden.

Doch darüber wäre ein andermal nachzusinnen. Für heute wollte ich vom Reisen erzählen. Plötzlich also sind wir unterwegs. Direkt vom Schulschluss auf die Autobahn, mit mäßiger Stauzeit am Gotthard-Tunnel, mit rechtzeitiger Ankunft im kleinen Agriturismo oberhalb des Comer Sees, um dort noch ein wunderbares Abendessen mit viel Rotwein zu bekommen. Die Kinder – sie sind inzwischen auch schon italophil – vertiefen sich in spontan heruntergeladene Italienisch-Lern-Apps. Der Sohn entrüstet sich, dass sich das Italienische partout nicht in die Grundzüge der lateinischen Grammatik fügt, und dass die App gleich am Anfang den Satz „Lei é cane grande.“ (muss da nicht ein „un“ rein?) bietet, wo man den als Tourist ja wirklich nicht brauchen könne. Wobei, fällt ihm dann auf, es gebe schon etliche Situationen, in denen genau dieser Satz außerordentlich witzig wäre. Findet er. Die nächsten Tage werden geprägt sein vom Einwerfen dieses Satzes durch den Sohn in alle erdenklichen Gesprächssituationen. Wir lachen viel. Ja, doch, es war selten so entspannt mit unseren pubertierenden Kindern. Sie genießen das Land, die Sonne, die Stimmung, das Essen. Wir auch.

Und wir erinnern uns. Fahren am nächsten Tag mit der Fähre nach Bellaggio auf die innere Halbinsel des Sees, wo wir vor sieben Jahren eine Herbstferienwoche verbrachten. Alles erscheint so nah. Nur die Kinder sind ein Ende größer geworden.

Am Sonntag dann fahren die Kinder mit dem Papa für eine Woche nach Rom weiter, während sie mich und mein Fahrrad in einem Vorort von Milano abwerfen, damit ich dort die lang schon geplante Po-Radtour beginne. Schon in den letzten beiden Jahren nämlich stand sie auf dem Plan für die Pfingstferien. Beide Jahre jedoch kam unerwarteterweise der Jugend-musiziert-Bundeswettbewerb des Sohnes dazwischen. Und im Sommer wollte sich niemand in diese Hitze hier begeben. Jetzt aber. Es ist warm, es ist trocken, es ist ideales Radelwetter.

Wir trinken inmitten von Hochhäusern noch einen Kaffee zusammen, ich baue alles ans Fahrrad, die Tochter schaut traurig und weint ein bisschen, mit den Worten: „Wenn wir uns wiedersehen, bin ich nicht mehr klein, dann bin ich schon 10.“ (Sie wird in Rom Geburtstag haben; wir feiern dann etwas später, wenn wir uns im Po-Delta wiedersehen.) Und dann sind sie weg.

Ich bin direkt auf dem Radweg entlang des Naviglio-Kanals. So wie alle, alle Italiener, es ist schließlich Sonntag. Auf den Straßen dürfte demnach niemand mehr sein. (Doch, da sind noch welche, ich mache meine ersten Erfahrungen im Umgang mit dem italienischen Straßenverkehr. Es ist anders. Ich erzähle es morgen vielleicht ausführlich, wie ich hier überlebe. Wenn ich bis dahin überlebe:))

Trotz der vielen Radler ist es doch bald sehr ruhig. Rechts am Horizont eine schneebedeckte Alpenkette, neben mir der plätschernde, froschquakende Kanal, die flacheste Landschaft der Welt mit mohngesprenkeltem Grün – es fühlt sich nach wenigen Minuten schon sehr, sehr, sehr richtig an.

Bald liegt das Kloster Morimondo am Wegesrand. Ich suche mir dort eine Bank für mein noch sehr deutsch-lebensmitteliges Picknick inmitten einer volksfestartigen Sonntagsatmosphäre auf den Klosterwiesen. Es ist lebendig, aber nicht laut. Gut, so richtig gut.

Viele weitere Kilometer geht es ruhig am Kanal entlang, bevor ich für eine Weile auf die Straße muss. Hui, das ist unerwartet heftig. Mit Kindern – so wie vor zwei Jahren eigentlich geplant – wäre das wenigstens nervenaufreibend.

Es geht über den Fluss Ticino, und zwar über eine riesige Pontonbrücke. Wie die gewellte Brücke da auf unterschiedlich hohen Schwimmkörpern liegt, die wiederum mit Seilen an dicken Pfeilern hängen, wie es klingt und mit jedem Auto wackelt, das ist schon speziell.

Südlich des Flusses muss ich noch ein bisschen Straße schaffen, bevor es wieder ruhig wird. Hin und wieder mit Ticino-Flussblick, häufiger aber mit Reisfeldern rechts und links des Damms (wie ich auf Twitter lerne), ab und zu mit der Assoziation Havelradweg und in traumhafter Einsamkeit (bis auf ein Packtaschenradlerpaar aus Paris) fahre ich dahin.

Bis ich mich plötzlich auf einem Straßenfest in Pavia wiederfinde. Die Stadt ist voll, die Gassen sind so verstopft, dass ich mein Radl kaum hindurchzuschieben schaffe. Eigentlich wollte ich erst morgen früh in die Stadt, aber der Weg von der Brücke zum Campingplatz führt mitten hindurch. Na gut, so schiebe ich eben. (Morgen werde ich lernen, dass es auch anders geht. Doch davon später:))

Nicht weit vor der Stadt liegt mein Campingplatz, ich bekomme, als Exotin zwischen lauter Wohnmobilen, einen kuscheligen Eckplatz und werde – außer von den deutschen Nachbarn mit den dauerkreischenden Kindern – von allen freundlich beäugt, gegrüßt und angesprochen.

Sitzen, duschen, schreiben, träumen. Und mich dann für die Pizzeria um die Ecke entscheiden, weil diese doch verlockender ist als meine deutsche Tütensuppe. Es scheint hier übrigens mehr als in Deutschland eine Besonderheit zu sein, als Frau (oder überhaupt) allein essen zu gehen. Zwar wird gefragt „sola?“ und das zweite Gedeck weggeräumt, aber danach werde ich lange nicht bedient. Ich schließe zwar die Karte und schaue sehr auffordernd (für das Rufen treffender Worte fehlen mir Italienisch-Kenntnisse), aber nichts passiert. Ich weiß auch nicht, warum. Jedenfalls entscheide ich mich irgendwann für Winken und bekomme – was lange währt, wird endlich gut – wunderbarste Rucola-Pizza mit Vino bianco.

Die Nacht wird gut. Es ist so warm, dass ich den Schlafsack von mir werfe, und so still in der schlafenden Stadt, dass ich den Fluss fließen höre. Was will man mehr. 

Letzter Ferientag

Ich erwache aus einem Schulversagenstraum, ein bei mir nicht unübliches Ritual zu Ferienende. Thema der Stunde ist der Drehimpuls, hinten drin sitzt eine Prüfungskomission (oder ist es nur ein einfacher Unterrichtsbesuch?), jedenfalls wie bei so ner Referendarin. Ich habe keinen Entwurf vorbereitet, keine Experimente aufgebaut, die Schüler wissen besser Bescheid als ich, werfen Formeln von rotierenden Körpern in den Raum, ich habe keine Ahnung, die Schüler aber letztlich auch nicht, und ich versuche angestrengt, meinen Kopf aus der Schlinge der Situation zu ziehen.

Lieber aufwachen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Statt mich in meinen Roman zu vertiefen („Treibsand“ – sehr berührend!), verdaddele ich die erste Morgenstunde bei Twitter. Und ärgere mich; ich sollte wieder mehr Bücher lesen. Was aber ganz allein an mir liegt. Irgendwas muss anders werden mit meinen Alltagsentscheidungen, den zahlreichen Zeitverbringdingern, dem Hin-und-Herspringen zwischen allem, was mich zu sich zieht. Letztlich bin ich von keinem Einzigen richtig gesättigt, und hätte doch Hunger auf so Vieles.

Dies also meine Erkenntnis zum Morgen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Die Kinder erdrängeln sich Frühstück. Die Tochter wird ungeduldig, beginnt selbst vorzubereiten. Beim Spiegelei zerlaufen ihr alle Eigelbs, der Sohn meckert, weil er kein weißes Stück mehr abbekommt, der Tochter schmeckt es zu angebrannt, der eine bringt der anderen keinen Joghurt mit, so fliegen die Nettigkeiten hin und her. Letztlich haben beide keine Lust und keine Geduld mehr länger am Tisch sitzen zu bleiben.

Na gut, dann trinke ich meinen Kaffee eben allein weiter. Erstmal sitzenbleiben und tief durchatmen.

Gerade kommt mir Lust, der Tag mit seinem Wetter ist ja perfekt dazu, mit der Tochter eine Ferienende-Eisdielen-Radtour zu planen. Da höre ich sie säuselnd am Telefon mit nem Freund flirten. „Ich frag mal meine Mama, ob ich darf„, und schwupp ist sie verabredet. Flügge werdendes Kind. Und meine Eisdielen-Radtour kann ich nun alleine machen, oder wie?

Schade. Es wäre heut so schön gewesen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Beide Kinder tragen seit Tagen Ärger über ihre Lehrer auf der Stirn geschrieben, weil diese am ersten Tag nach den Ferien eine Arbeit zu schreiben gedenken. Beim Blick in die Vorbereitungsunterlagen entdecken sie heute, dass die Arbeiten doch erst am Ende der Woche geschrieben werden. Beide ärgern sich über die umsonst gelernten Vokabeln. Und über mich, als ich nämlich anmerke, dass sie ja auch hätten eher in ihre Unterlagen schauen können. „Boah, Mama, Du hast ja keine Ahnung …

Schön, wenn sich Geschwister einig sind. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Der Garten ist warm, hummeldurchsummt und vögelverzwitschert, und bietet mir nach ein wenig Winterdreckwegwisch-Aktivität seinen Tisch für meine Schulvorbereitungen an. Wenn nicht da nebendran die Nachbarn, von noch wenig Grün wenig schallgedämmt, ihre Grillsaison eröffnen würden. Mit Grillreinigungsgepolter besser als jeder Benzinrasenmäher, lauthalsen Brüllgesprächen in meine Richtung, quer-durch-den-Garten-Haste-noch-ein-Bier-Geschreie (fast möchte ich mitrufen: „Hier, ich hätte sonst auch noch eines.„) und letztlich gevöllt-angetrunkenem Lachgekreische. Danke auch, so kann ich nicht arbeiten.

Wieder reingehen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Bald sind meine Schulvorbereitungen fertig, ungewöhnlicherweise schon am Nachmittag des letzten Ferientages. Nein, nicht mein Verdienst, sondern das einer lieben Kollegin, welche die Parallelklasse unterrichtet und mir anbietet, ihre mühsam erstellte Stationenarbeit auch für meine Klasse zu nutzen. Ich müsse es mir nur abholen. Nichts leichter als das, denn sie wohnt seit neuestem in unserem Dorf. Ich war schonmal da: gelbes Haus, gleich hinter den Feldern, Eingang neben Torbogen, Hausnummer 8. Soweit erinnere ich mich. Und dann suche ich. Und suche. Suche weiter, und suche immer noch. Dort hinter dieser Ecke, und hinter jener. Ich wusste gar nicht, wie viele gelbe Häuser gleich hinter den Feldern unser Dorf hat. Am Ende kenne ich sie alle. Und finde – tata! – auch das gesuchte Haus. Es ist gar nicht gelb. Und es ist nicht die Nummer 8. Aber ich habe es ja gefunden. Und darf eine Tonne Unterrichtsmaterial nach Hause schleppen.

Ein schöner Radfahrnachmittag war es außerdem. Erstmal hinsetzen (auf den Sattel) und tief durchatmen.

Der Nachmittag endet mit einer späten Orchesterprobe der Kinder. Menno, heute, an diesem Tag, wo es eh schwer ist, das Ruder bei den Kindern vom Ferienmodus wieder in den Alltagsrhythmus umzuwerfen. Na gut, ich lasse sie vorher was essen, damit es hinterher schnell geht und sie um 9 im Bett sind. Aber natürlich ist nach dem Orchester doch noch das volle Programm angesagt. Bratkartoffeln und Würstchen bitte. Aber gern doch. „Wenn Ihr Euch in der Zeit umzieht und die Schulranzen …“ (Nein, das konnte man keinesfalls vor dem Orchester … und nein, das kann man auch nicht während des Bratkartoffelmachens erledigen …). Es ist 9, als wir fertig gegessen haben. Danach fehlen die Sporthose, der Mensaausweis, das Geodreieck, der Schülerplaner, der Fahrradschlüssel, die Brotdose, die Unterschrift, ach hier noch der Zettel vom Infoabend („Macht doch nichts, dass das schon vorbei ist, oder?„), das Heft X hat bestimmt der Jan, und das Buch Y muss die Lisa eingesteckt haben. Das Ranzenpacken zieht sich. Das Ausziehen auch. Und Zähneputzen ist an letzten Ferientagen sowieso überbewertet … „Ach so, hab ich vergessen.“ …

Erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Am Tochterbett nämlich. Langes Kuscheln inklusive.

Und jetzt kreischt mich der Schreibtisch an. Da ist doch noch die Überweisung, das Formular, der Brief, die Mail, die Liste, der Bücherstapel, die Kopiervorlagen …

Erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Dabei bloggen.

Ehrlich? Hinsetzen und tief durchatmen hilft. Wenn ich meinen Tag hier lese, wirkt er anstrengend. Beim Durchleben war er es nicht. Weil ich heute mein Handy, mein Netbook, meinen Computer weitestgehend ausgeschaltet hatte, weil ich während des Sitzens und Atmens nicht immer noch hierhin und dorthin gezappt bin. Sondern höchstens bisschen was geschrieben habe (nämlich diese Textabschnitte hier), dann aber eben einfach saß und atmete.

Ja, so geht das: Immer mal hinsetzen und tief durchatmen.
Ist ja eigentlich kein Geheimnis, dass dies als Kraftquelle wirkt.
Vergesse ich nur zu oft.

 

Erfüllende Zerrissenheiten

Warum es hier schon so lange still ist?
Seit meinen Sommerreisen sind kaleidoskopbunte Tage, Wochen mittlerweile vergangen. Ein roter Faden dieser Zeiten wird mir nicht sichtbar, möglicherweise gibt es gar keinen. Alles verwürfelt sich miteinander. Ein neues Schuljahr bricht sich Bahn. Das Würfeln und das Brechen knirschen und rütteln – innerlich wie äußerlich.
Zuweilen überfordert es mich, wirft mich in Unruhe, zerrt an mir, und zehrt. Voll und übervoll, zum Dürsten und Sehnen nach Leerwerden.
Nicht leicht finden sich Worte dies auszudrücken. Zumal meine Sucht, in einen jeden Text Struktur, Linie und Form zu bringen, vor diesem Potpourri an Lebenseruptionen unweigerlich resignieren muss.

Ob das also geht: von der Fülle erzählen?
Ein Kind wird groß und größer, verheddert sich schon wieder im Gestrüpp seiner vielen selbstgewollten Lebensdinge – ein Mutterschaftstest erübrigt sich:) – und arrangiert sich noch schwer mit der pubertierenden Selbstständigkeit. Wohin diese sich in den nächsten Monaten auswachsen wird? Es bleibt spannend.
Das andere Kind wird auch groß, besucht stolz und lebensstrahlend die neue Schule, und seine überbordene Freude fordert inneres wie äußeres Beteiligtsein. Eine Hand wird gebraucht und ergriffen, damit die Suche nach neuen Freundinnen, nach Schlafruhe im aufregenden Landheim und nach der eigenen Rolle an der großen Schule gut begleitet sind.
Mit dem neuen Schuljahr greift auch meine Schule neu nach mir, wie immer zu Beginn eines Jahres. 90 neue Schüler fordern. Und beglücken. All diese sich öffnenden Türen.
Unser Haus ist voller sich die Klinke in die Hand gebender Besucher. Eine Gastfamilie, und dann noch eine. Eine Freundin in diesem Bett, eine in jenem. Ein Übernachtungskind, und noch eines.
Musik fließt allmählich in das Gefäß des neuen Jahres, ein Überhythmus stellt sich ein, wir alle auf unseren vielen Instrumenten.
Und die Dinge, die anfassbaren, wollen mittanzen. Sie tun es. Gehen kaputt oder verloren. Sind zu klein geworden oder verbraucht. Stellen sich quer oder in den Weg. Haben vielleicht im Moment die Aufgabe, für ein wenig Haftung an Alltäglichem zu sorgen. Zu viel Haftung schon, quasi Bodenleim, verschaffen die lebensverwaltenden Nervigkeiten. Steuer, Krankenversicherung, Beihilfe und wie sie alle heißen. Auch das ist Teil des satten Alles.
Von hier in gedanklichem Salto zum anderen Ende der Fülle-Skala gesprungen: Eine kurze Reise hielt und hält mich dieser Tage in ihren warmen Netzen. Und das staunenmachende Bild des roten Mondes lässt Kälte vergessen.

Lese ich diese Aufzählung, kommt sie mir unbeholfen vor. So dass ich mit hochgezogenen Schultern und eingezogenem Kopf denke, ich hätte besser gar nichts geschrieben.
Wie soll man solche Tage auch in der Draufsicht erzählen? Eine Lupe, ein Eckchen hier, ein Zipfelchen dort, ein Sezieren mit Blicken wäre passender gewesen.
Und doch steht nun alles hier, unverbunden aufgereiht. Peng.
Ein Herumgekratze auf den äußeren Gegebenheiten ist das. Oberfläche? Gern würde ich ein überzeugtes Nein hierherschmettern. Es gelingt mir nicht. Ich spüre selbst den Mangel an Innerlichkeit bei meinem hamsterradähnlichen Tun auf allen Ebenen. Das meditative Gefühl im Teetassenspülen macht sich rar, die Ahnung, dass und wie der immerwährende Spagat aufzulösen sei, ebenfalls.

Mein Spagat – und das ist das schwer Lösbare – besteht ja nicht zwischen Polaritäten, wie sie im neudeutschen Wort Work-life-balance so hässlich ausgedrückt werden. Es sind alles Herzensdinge, die mich manchmal schier zerreißen. Von allem etwas – das ist mir nicht genug. Alles ganz will ich. Meine Lebensnahrung. Das ist auch mein Schulsein, mein Familiensein, mein Alltägliches. (Gut, bis auf die Steuer vielleicht.)
Wieviel es da gibt. Soviel, und noch viel mehr. Gespürt ganz intensiv auf dem Begegnungsfest der Herzen, überwältigt vom Reichtum des Lebens und seiner Menschen, der Menschen und ihres Lebens. So beglückt kehrte ich zurück. Der Aufprall hier tut fast schon weh.

Wirklich, jetzt weine ich. Warum, weiß ich gar nicht genau.