Cello #3 – Spiegelbilder

Es wird Zeit, mal wieder ein wenig über mein Cello zu schreiben. Diesmal über mein Ich, welches sich mir im Cello spiegelt. Hat mir doch die Tochter heute einen unmissverständlichen Fingerzeig gegeben.
Wie ich übe und sie nebenher auf dem Sofa herumturnt, da grummelt sie plötzlich irgendetwas unter ihren Haaren hervor.
Hä, frage ich, ziemlich gedankenabwesend.
Na, richtet sie sich auf, stimmt doch.
Was, frage ich, stimmt?

So viel Selbstzweifel muss man erstmal hinbekommen.
Oh.
Bei jedem Ton, den Du spielst, verziehst Du das Gesicht, oder zuckst zusammen, oder murmelst das Sch… Wort, oder denkst es Dir.
Oh.
Du hörst halt gut genug, so dass Du hörst, dass es noch nicht gut ist. Das ist doch gut!
Oh.

Was für ein Spiegel, den die Tochter mir da vorhält. Sie beobachtet glasklar. Und hat so Recht. Kindermund tut Wahrheit kund und so.

Vielleicht ist mir das ganze Instrument überhaupt nur als Spiegel zugelaufen? Vielleicht habe ich in ihm hauptsächlich den Spiegel gesucht?
Ganz gleich, wer da suchte, zulief, führte – ich will mich dem fügen, was sich mir hier zeigt. War mir doch auch bei der Lehrerinnensuche von vornherein klar: Eine Frau sollte es sein. Und zwar eine, die deutlich älter ist als ich. Damit ich mich einfügen und aufs Geführtwerden einlassen kann.
Eine solche Lehrerin habe ich gefunden, das ging sehr schnell. Vielleicht, weil so klar war, dass ich genau diese brauchte. Und nun, da ich Stunde um Stunde nicht nur vom Instrument, sondern auch von der Lehrerin den Spiegel vorgehalten bekomme – die beiden haben sich verbündet:) – da wird mir manches deutlich.

Ich will alles auf einmal. Immer. Sofort. Ich will sogar mehr als alles, ich will 150%. Weil 120% noch zu wenig sind.
Wenn in einer Übung eine Phrase zunächst einmal pro Bogen gespielt werden soll, dann zweimal, dann erst dreimal und letztlich viermal, dann versuche ich immer zuerst den Vierer, ich will es sofort ganz schnell spielen. Die Schleife über das Langsame nehme ich erst nach dem Scheitern an der Geschwindigkeit.
Wenn ein Griff nicht klappt, weil meine Hand vielleicht zu klein ist – ja, ich habe recht kleine Hände, einige Griffe kann ich nur durch Springen schaffen, wenn ich nicht im Laufe der Zeit noch einige Millimeter durch Dehnung gewinne, und Springen ist schwieriger als gleichzeitiges Aufsetzen, gleichwohl aber möglich (die Tochter mit ihren Minihänden springt derzeit auf ihrem 3/4-Cello auch und schafft es einwandfrei sauber und gebunden, und bei Belesen in Netzforen finde ich genau das: Frauen mit kleineren Händen müssen sich eben so behelfen, was aber durchaus möglich ist, nur einen längeren Lernweg erfordert) – wenn also eine solche Stelle mit Weitgriff mich derzeit stark fordert und anfangs grob unsauber klingt, dann fühle ich mich sofort als zu schlecht, als zu unfähig. Wider besseres Wissen, dass hier tatsächlich eine objektive Handgröße verantwortlich ist, zunächst.
Wenn ich mich auf die Intonation einer Stelle konzentriere und diese stimmiger wird, rutscht mir im Gegenzug der Bogenkontakt weg, wenn die Gleichmäßigkeit des Tons zunimmt, verschiebt sich die Haltung der linken Hand, wenn die Bindungen zwischen den Tönen anfangen sich zu glätten, verspannen sich mein Kiefer und meine große Zehe. Weil man die Dinge nacheinander lernen müsste, ich aber stets an allen gleichzeitig arbeite und alles auf einmal will. So gibt es stets etwas, bei jedem einzelnen Ton, das mir nicht reicht. Und weil alle Abläufe so komplex miteinander verschachtelt sind, weil eine Schraube gleichzeitig alle anderen verdreht und ich von Körpergefühl und Ohr her alle alle wahrzunehmen vermag (was, wie die Tochter ganz richtig sagt, doch eigentlich ein wunderbarer Vorteil ist), deswegen finde ich  stets einen Grund, das Gesamtspiel unzureichend zu finden.
Nie sehe ich, wie viel ich in diesen vier Monaten geschafft habe, ich übersehe geflissentlich, wie Lehrerin und Geigenbauer und Tochter und überhaupt alle, die sich ein bisschen auskennen, von anerkennend bis fasziniert nicken, ich vergesse, dass ich vor einem halben Jahr nie gedacht hätte, in wenigen Monaten erste Stücke und einfache Sonaten anzugehen. Es ist mir nie genug.

Schaffe ich auch mal Zufriedenheit? Es würde mir gut tun.

Dabei ist mir vom Kopf her natürlich klar, dass mich derart überkritisches Fordern hemmt, dass mir meine eigenen Ansprüche als Barrieren quer im Weg liegen, dass ich viel sanfter vorangehen würde, könnte ich diese beiseite räumen.
Und vor allem: dass ich mich nicht, wie schon geschehen, in die Unfähigkeit hineinübe, wenn an einem Tag nach zwei Stunden, manchmal schon eher, die Kräfte nachlassen. Cellospielen ist eine körperlich sehr anstrengende Sache – vermutlich ist dies ja bei jedem Instrument so – und daher wird der Körper irgendwann müde. Zu Recht, er ist ja kein Hochleistungssportler und soll auch keiner werden. Ich aber zwinge ihn dennoch weiterzumachen. Ich übe oft so lange, bis mir das Spielen kaum mehr möglich ist, bis alle Körperempfindungen auf taub stellen, bis ich mich nicht mehr spüre. Manchmal sogar, bis es irgendwo anfängt zu schmerzen. Den linken kleinen Finger hatte ich schon so weit, den hatte ich überübt. (In der Osterferienpause konnte er sich erholen. Aber vor Wiederholung der Übertreibung bin ich wohl nicht geschützt. Wenngleich gewarnt.) Ich übe also offenbar immer so lange, bis es zu viel war.

Ist das mein Muster? Und schaffe ich es, die Bewusstwerdung dieses Musters zu nutzen, um Geduld zu lernen? Es wäre an der Zeit.

Und noch etwas bemerke ich: Wie ich von anderen abhängig bin. Nicht in dem Sinne, dass alle Welt – oder ein Teil der „alle Welt“ – natürlich meint, es wäre sinnlos, verrückt und vermessen, in diesem hohen Alter noch ein solch komplexes Instrument zu erlernen. Dieses Sagen interessiert mich nicht, sollen die Leute reden, ich weiß es besser.
Aber das andere, das lässt mich gelegentlich erstarren: die Bewertungen. Kommen sie nun tatsächlich, diese Wertungen von außen, oder habe ich nur alle inneren Ohren auf Empfang gestellt, so dass ich gar nichts anderes erwarte als Kritik? Jedenfalls fällt es mir auch nach so vielen Wochen der Gewöhnung noch schwer, zu üben, wenn jemand anderes im Haus ist. Natürlich ist ständig jemand im Haus, insofern spiele ich seltenst allein ohne Zuhörer, es dröhnt ja schon durch die Etagen. Aber ich registriere es jedes Mal. Jedes einzelne Mal. Zurückhaltung erfasst mich dann, und Scham. Ja, Scham. Sobald irgendwo oben Besuch von außen ist, und sei es nur ein Kinderbesuch, kann ich gar nicht mehr spielen. Sogar im Unterricht schießt mir öfter durch den Kopf, wie furchtbar es gerade klingen muss und dass ich mich vor der Lehrerin schäme.
Die Tochter sagt, das gehe ihr bei ihrer neuen Lehrerin ebenso, jetzt in den ersten Stunden. Dass es aber bald wieder nachlasse, wenn man sich erstmal kennengelernt habe. Möglicherweise ist sie mir auch hier weit voraus, die Tochter. Ich jedenfalls schäme mich. Wie ein kleines Kind.
Und freue mich über Lob, ja, ich brauche dies sogar. Auch wie ein kleines Kind.

Kann ich hierbei erwachsen(er) werden? Oder ist Kind-Erwachsener in diesem Zusammenhang die falsche Kategorie? Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob es das trifft. Es geht jedenfalls um eine Form der Reife, um Unabhängigkeit im Zu-mir-Stehen, um Unangreifbarkeit von den Bewertungen anderer, um ein selbstsicheres In-mir-Ruhen.

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Ich glaube, ich muss noch viel Cello spielen. Es gilt viel zu üben.

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.

Die bisherigen Cello-Texte finden sich hier und hier.

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18 Kommentare

  1. Du bist schon ewig weit, wenn ich es mit meinen „Fortschritten“ vergleiche. Aber wenn der eigene Antreiber so groß ist … Das Problem mit den Maßstäben ist ja, dass sie immer weiter nach oben geschraubt werden können.
    Ich schaffe gerade mal 20 Minuten Übezeit (fast) täglich.
    Gutes Maß halten :)

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    1. Woraus genau mein Antreiber sich speist, das ist sicher vielfältig, aber eine Hauptquelle ist sicherlich die viele (Cello)Musik, die mir nah ist und deren (Wunsch)Klang in meinem Ohr immer präsent ist. Und dieser Abgleich, der ist natürlich … ähm … schwierig, und wird schwierig bleiben, und zwar dauerhaft. Insofern wirklich danke für Deinen Maßhaltenswunsch, den kann ich gut gebrauchen:)

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  2. Liebe Frau Rebis,
    du hast so eine kluge und besonders so eine ehrliche Tochter, das ist so toll zu lesen!!! Und wie sie dich kennt, ich schmunzel- ja, da hast du in und mit ihr einen wunderbaren Spiegel und ist es nicht so, dass jede Generation die Vorhergehende überholt und können dann nicht wir „Alten“ wieder von den Jungen lernen und ist es nicht auch genau das, was das Leben in seinen Kreisen und Spiralen so wertvoll, kostbar und bunt macht?
    Auch mit der Wahl des Cellos hast du dir einen Spiegel geschaffen, einen, der dir von der inneren Antreiberin, der ewig Unzufriedenen erzählt, du weisst selbst, dass all das ein Prozess ist, ein langwieriger, aber eben auch ein sehr lohnender. Allein dene Offenheit und Ehrlichkeit in der Eigenwahrnehmung ist eine weitere Kostbarkeit, darin liegt die Chance JA zu sagen, erst einmal, ja, so bin ich und das will ich langsam wandeln, das Cello wird mich darin unterstützen, das Cello, die Tochter und vieles andere, viele andere, weil du offen bist!
    herzlichste Grüsse
    Ulli

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    1. Liebe Ulli,
      so vieles gäbe es jetzt zu Deinem liebevoll blickenden Kommentar zu sagen … Ja, wie unmittelbar die Tochter sich äußerte, das hat mich regelrecht verblüfft. Sie hat mich – in so manchem übrigens – schon jetzt „überholt“, wie Du es nennst, und das ist ein tolles Gefühl!
      Und ja, ich habe mir den Spiegel selbst geschaffen. Unbewusst, denn im Herbst, als mir das Instrument „zulief“, habe ich mir ja nicht direkt gesagt: Wunderbar, hier setze ich mal einen inneren Prozess in Gang. Aber der Instinkt hat natürlich vom ersten Tag an gewusst, dass genau das geschehen wird. Ich freu mich drauf, mich weiterhin ein wenig von der Seite, ein wenig von innen dabei zu beobachten:)
      Herzensdank für Deine Einfühlsamkeit,
      einen warmen Morgengruß,
      Frau Rebis

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    1. Liebe Sonja,
      sapperlot ist ein wunderbares Wort:)
      Und ich finde gut, dass Du so lieb begleitend immer hier bist, wie mich das freut, immer wieder!
      Einen Morgengruß in Deinen neuen Tag hinein von Frau Rebis

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  3. Üben, leben, sich selbst wahrnehmen – es ist eins. Es sind drei Perspektiven, die sich kreuzen, bündeln. Aber die Musik kann nur fließen, wenn ich gelassen bin, wenn ich aufhöre zu denken und einfach nur (Klavier) spiele/übe. Klar geht mal ein Ton, ein Akkord daneben. Und? Dann spiele ich’s noch mal. Und wenn’s beim dritten Mal nicht geht, dann ist heute vielleicht die rechte Zeit zum Üben vorbei. Morgen vielleich. Wir Amateurmusiker haben doch Zeit.

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    1. Wahrscheinlich habe ich doch (etwas) mehr Gelassenheit als dieser Text hier widerspiegelt, er ist ja doch Extrakt und Verdichtung dieser einen Facette, und es gibt daneben bzw. damit vermengt immer noch die entspannt während des Musizierens vor sich hinlächelnde Frau Rebis, die sich – schon jetzt – in die Musik fallenlassen kann.
      Es kommt wohl – wie bei allem im Leben:) – auf die goldene Mitte an, darauf für sich ein Maß zu finden, dass die eigenen Erwartungen nicht bedrängen, aber eben auch kein Egal daraus wird. Sicherlich ist das Cello mir da ein guter Lebenslehrer, denn in anderen Lebensdingen täte mir das rechte Maß zuweilen auch gut. Ich übe weiter …

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  4. Hach, es ist schön zu lesen… soviel Enthusiasmus beim Üben und so eine Tochter, die dir so herrlich den Spiegel vorhält… das ist doch das Beste, was dir passieren kann!

    Ich habe auch eine sehr ehrgeizige Schülerin, viel älter als du. Sie ist so begeistert dabei, lernt viel und schnell und merkt oft nicht, wie sie vor lauter Begeisterung über manches hinausschießt und sich bis zur Überforderung striezt. Dann kommt sie in den Unterricht und sagt: „Es geht gar nichts mehr richtig. Ich bin so unglücklich. Aber es muss doch nun mal gehen.“ Die Ungeduld in Person also, sie hat so schnell gelernt und will sofort mehr, mehr, mehr, versteift sich darauf, dass es jeden Tag vorwärts geht, dass man immer nur aufbauen kann, verkrampft sich dabei nicht nur körperlich. Seit dem oben genannten Satz hat sich schon einiges getan, denn seit einiger Zeit kommt sie in den Unterricht und sagt: „Ja, ich weiß, erst auf mich achten und dann geht es wieder. Ich höre Ihre Worte schon in meinem Übezimmer und dann geht´s auch, vor allem, wenn ich kurz das Dorf hinauf und hinunter gegangen bin.“ Hihi. Was habe ich im Unterricht immer angesprochen? „Atmen Sie tief durch, entspannen Sie sich, gehen Sie das Stück/die Übung/ect. auf einem kurzen Spaziergang im Kopf durch und kommen Sie dann zurück, sie werden anders darüber denken. Und wenn keine Übezeit mehr übrig ist, dann setzen Sie nur das Instrument an und spielen Sie die erste Zeile. Es wird anders sein.“ Das ist wirklich ein Schlüssel, sich selbst zuhören und fühlen, mit der Musik atmen und sie genießen, sie hineinlassen und erst einmal „auf dem Feld oder im Wald“ üben. (Ich selbst habe auch lange gebraucht, das zu lernen und ich kann meine Ungeduld, gerade wenn Zeitnot herrscht, auch nur schwer beherrschen, denn es muss ja gehen so als Profi. Aber das ist der falsche Weg. Es geht erst, wenn man mit Gelassenheit geht. Ich glaube, das lernt man ein Leben lang.)

    Du schaffst das!!

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    1. Liebe Susanne,
      wieviel Du mir hier schreibst und schenkst, diese „Geschichte“, Deine Erfahrung, hach!
      Und gern nehme ich weitere Stunden bei Dir:) Es kommt ja auf das konkrete Instrument bei manchem gar nicht an, es ist vermutlich sogar ohne Instrument etwas, das es ein Leben lang zu lernen gilt. Das Thema ist ja ohnehin „dran“, insofern kam mir das Cello gerade Recht.
      Immer wieder bin ich Dir dankbar, dass Du „damals“ im Herbst so mit auf mich „eingeredet“ hast es zu wagen. Ohne Euren Zuspruch stünde das Instrument vielleicht (noch) gar nicht hier. Das werde ich Euch nie vergessen, Ihr habt mich reich beschenkt!
      Weißt Du denn nun schon Genaueres über Deine Pläne in zwei Wochen? Ich würde mich sooo freuen, wenn es klappen würde<3
      Liebgruß zu Dir von Frau Rebis

      Gefällt 1 Person

  5. Ja! Das ist ganz ähnlich, was Du schreibst, soeben las ich Deinen Text nochmals. Das Perfekte ist immer ein Gemachtes und mit viel Anstrengung verbunden, die noch dazu letztlich nutzlos bleibt (da ja kein Ende möglich ist). Das Vollkommene als das voll (aus mir heraus) Gekommene ist, was ich mir als „Ziel“ setzen könnte. Das Wort Ziel trifft es ja gar nicht. Es bleibt ja Prozess, Bewegung und Weichheit darin, etwas, was „Ziele“ im klassischen Sinne sonst nicht haben. Irgendwie so: wenn zwischen mir und meinem Ausgedrückten keine falschen Erwartungen(?) mehr stehen, dann wird es vollkommen. Sinnen wir weiter darüber nach …
    Das Buch ist sicher sooo toll. Gestern kam es hier an – DANKE! (Mir springen nur gerade die Termine nur so wild in der Gegend herum, dass ich Dir erst in den nächsten Tagen schaffe zu schreiben. Aber erstmal ein riesiges und bewegtes DANKE!)
    Liebgruß zu Dir und J.

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