HarzBerlin

Unterwegs – Tag 4: Kirchmöser – Potsdam/Berlin

Frühstück mit Seeblick: wow, so schön saßen wir selten — ebenso verzaubernd die Strecke, anfangs am morgenerwachenden See entlang — wir fahren wie von selbst bis Brandenburg (Asphalt und Rückenwind fühlen sich an wie bergab, was aber jedenfalls physikalisch – flussaufwärts – ja nicht sein kann) — dort lassen wir uns Zeit und durch die alte Stadt treiben, es gibt etwas zu essen (wir haben dazu gelernt und nutzen die Gelegenheit) — und dann plötzlich beginnen wir zu rechnen, dass wir ganz schön treten müssen, wenn wir abends den Zug bekommen wollen, der uns quer durch Berlin zum Opa bringen soll – also treten wir, und treten, und treten – fast ohne Pause oder Päuschen – das macht dann doch müde, bei allem Rückenwind der Welt — unbedingt möchte ich diesen Havelradweg später mal allein fahren, mit mehr Ruhe, um in der Landschaft zu versinken, die immer wieder, mit so manchem Blick, mit ihren Geräuschen, vor allem aber mit ihren Gerüchen mein Kindheitserleben wach ruft — heute ist es sehr eilig, der Sohn möchte sogar aus Effizienzgründen den stets in Wassernähe im Grünen führenden Weg durch abkürzende Landstraßenstücke ersetzen: ich verweigere mich vehement, an unserem letzten Reisetag, an dem ich aufatmen möchte — zum Ende der Strecke werde ich müde, da der Sohn immer schneller tritt (ein Magnet am Ziel?) — kurze Einkehr-Trink-und-Telefonier-Pause in Werder auf der Insel — bis Potsdam ein Katzensprung — Erinnerung: wir treffen auf die Abzweigung, an der wir letztes Jahr zu unserer langen Tour Richtung Heimat aufgebrochen sind: hach (und wir erzählen uns, wie wir uns damals auf dieser Brücke gefühlt haben – so unterschiedlich, so interessant, das auszutauschen) — plitzplautz (gefühlt) stehen wir vor dem Potsdamer Hauptbahnhof, geworfen ins Getümmel, das ich kaum ertrage, all die Menschenmassen, die Hektik, das Gedränge und Geschubse im Zug, in den wir kaum hineinpassen, gequetscht mit den Rädern mühsam stehen, beim Umsteigen die S-Bahn verpassen – der Sohn spricht aus, was auch ich denke: diese zwei Bahnstunden erschöpfen mehr als der ganze Tag — kurz vor acht Ankunft Berlin-zu-Hause, und mit etwas zu viel Wucht ist plötzlich der Alltag wieder da. Ich werde von dieser Reise zehren, aber heute erscheint sie mir zunächst unendlich weit weg.

Unterwegs – Tag 3: Magdeburg – Kirchmöser

ein so wunderbar wohltuend gefüllter Tag, dass mir fast die Worte fehlen — wir brechen wieder früh auf, verlassen Magdeburg nach Kaffee am Elbufer und ein paar Kilometern entlang des Flusses — dort, wo der Elbe-Havel-Kanal den großen Fluss überquert (beeindruckend, diese Trogbrücke mit einer ganzen Wasserstraße darinnen, und die Dimensionen der Schleuse, um den Kanal überhaupt erst mal auf diese Höhe zu bringen), dort verlassen wir den Fluss, um querfeldein letztlich Richtung Berlin zu treiben —- und das tun wir dann: suchen uns auf der Karte eine Route entlang von Dörfern, die der Luftlinie möglichst nahe kommen, und fragen uns dann von Dorf zu Dorf durch: ob man auf diesem Weg mit dem Fahrrad durchkomme, und wie der Weg beschaffen sei — wir bekommen so liebevolle, geduldige Insider-Erklärungen und Tipps für Schleichwege, dass man glatt jeden Reiseführer wegwerfen könnte, und wenn man dann noch Vertrauen hat, in die engsten Pfade einzubiegen, weil der Mann das eben so beschrieben hat … dann gerät man an Orte und auf Wege, die man sonst nie betreten hätte und bei denen sogar dem Sohn entfährt, wie schön das hier sei, und dass wir uns jetzt unbedingt mal ans Ufer setzen sollten, auf die fünf Minuten komme es jetzt doch nicht an — nur einmal verfahren wir uns in einer Baustelle und stehen vor lauter verschlossenen Toren (na, man soll ja auch nicht unter Schranken durchklettern und statt dessen der Erklärung besser zuhören, die nämlich sagte, wo vorher abzubiegen sei), und gelegentlich wird es dann doch die Landstraße, weil wir keine Mountainbikes haben bzw. keinen Platten riskieren wollen — der Tag mit seinen 90 Kilometern geht ganz unbemerkt vorbei, wir fühlen uns nicht mal besonders ausgelaugt – vielleicht auch, weil wir uns zwischendurch zweimal zu warmem Essen niedergesetzt haben, oder weil wir so viele Wortspiele gespielt haben (das ist für den Sohn die Freude schlechthin, im Moment), oder weil wir morgens gar keinen Vorsatz hatten, wie weit wir kommen wollten und dies spontan entschieden haben, oder weil mich – erste Kiefernwälder – ein Heimatgefühl, eine so liebevoll gefühlte Vertrautheit erfasst hat … wer weiß — jedenfalls sind wir plötzlich da, in einem (wieder mal – wir sollten es langsam wissen) dienstags-Ruhetag-Dorf, beziehen unser kleines Zimmer, und ich breche nochmal auf – der Sohn will lesen und auf keinen Fall mehr fahren, während ich so lange am See entlang fahre, bis ein Gasthaus auftaucht, von dessen Bänken aus ich fast die Füße ins Wasser hängen könnte (oh ja, nach Baden wäre mir jetzt wirklich) — Blick auf den See, Versinken im Auf und Ab der Wellen und in den Wolkenspielen, den Gedanken nachhängen und den Erinnerungen an den Tag — auf dem Rückweg wird die 100 noch voll, die rote Sonne versinkt vor meinen Augen im See, und der Sohn ist glücklich, dass ich ihm etwas zu essen mitgebracht habe — der Rest ist dankbares In-den-Schlaf-Fallen.

Unterwegs – Tag 2: Schadeleben – Magdeburg

schon wieder früh aus dem Bett gesprungen, schon wieder kurz nach acht auf dem Weg – was ist denn mit uns los? (Starthilfe: der 18-Uhr-Termin des Sohnes mit dem Fernseher :)) — der Tag beginnt mit einem Stück klavierlackglattem Asphalt, wir wähnen uns schon verirrt, doch hinter der nächsten Ecke wieder Rüttelasphalt und Schüttelschotter des R1, dichtflankiert von Gräsern inklusive Brennnesseln (meine hosenfreie Wade zählt jede einzelne), unsere Helme sammeln Blätter für ein ganzes Herbarium ein, also alles bestens; heute dann noch eine neue Variante: Betonplattenweg á la DDR-Autobahn, nur in klein, für Radreifen angepasst, so dass es auch hier so richtig schön dedupp-dedupp-dedupp macht — familienintern sind wir übrigens uneins bei der Bewertung der Wegequalität: während der Sohn in seinen noch nicht wachsenden Bart grummelt, so habe er sich eine Radtour ja nicht vorgestellt, denke ich bei mir ein Oh-doch, weil nämlich unsere Einsamkeit (so gut wie kein Radfahrer bis zur Elbe) wohl genau daher rührt und ich dankbar bin: für die Stille und das Alleinsein mit der wunderbaren Geräuschewelt, in der ich mich schweigend verliere — zum Abschied schenkt uns der R1 eine totalgesperrte Brücke und damit einen Querfeldeinweg durch verwunschene Gehöfte, über verschlungene Pfade, durch Flüsschenauen, in denen ich mich niederlassen könnte … weiter aber geht es mit Straßen- und Radwegehopping quer durch nach Schönebeck, u.a. auf dem Börde-Hamster(sic!)-Radweg (ja, dunkle Erinnerung an den Geographieunterricht: Magdeburger Börde – Kornkammer der DDR, oder so) — der Sohn macht heute wirklich Tempo und wirft mir über die Schulter zu, ich könne mir ja ein Ebike kaufen (pa, dann fahre ich eben ab nächstem Jahr nur noch mit dem kleinen Kind) — Tempo haben wir auch was die Ernährung angeht: wir passieren etliche frischfassaden-, (sitz)bank- und gastronomiefreie Ortschaften, hoffen immer auf die nächste, lassen dann aber Schönebecks Einkehrmöglichkeiten mangels Gemütlichkeit aus, um anschließend festzustellen, dass der Elberadweg montags-dienstags Ruhetag hat, gastronomisch gesehen – jedenfalls ernähren wir uns von am Feldrand schnell eingeworfenen Bananen, Studentenfutter, Müsliriegeln (und Kirschen, wieder)– und überleben auch das (wobei ich gestehe: so eine Sitzpause hat ihren Wert – und morgen werde ich welche einfordern) — berührende Erlebnisse vom Wegesrand: dass so viele Menschen lächeln, wenn man sie grüßt, und dann wieder diese bitterarmen Orte (mittendrin in einer ein „Wohnpark“ mit Edelvillen, umzäunt – ein Stück Südafrika mitten in Ostdeutschland???), und der Friedhof an der Elbe, auf einem Gedenkstein der Name meines Großvaters, den ich nie kennengelernt habe, hier war ich wohl nur als Kind mal, wir sitzen lange davor, still — und dann treten wir weiter durch die Elbauen — merke: in einem Land mit vielen Windrädern ist viel Wind, und vorzugsweise ist dieser dem redlichen Radler entgegengerichtet — wir sind trotzdem mittags bei 50 km (mit dem für uns einmaligen Schnitt von 17 km/h) und am frühen Nachmittag in Magdeburg, so dass wir vor Quartiersbezug noch ein warmes Mittagessen in den Bauch bekommen, durch den Dom und seinen Kreuzgang treiben (man wird ganz still und ergriffen in diesen Räumen), und danach im Café des Hundertwasserhauses sitzen (durch welches ich mich nun überhaupt nicht ergriffen fühle) — der 18-Uhr-Termin ist locker geschafft, der Sohn darf sogar beim netten Vermieter mit am Großbildschirm schauen (und ich ruhe ruhig im Zimmer derweil), nur das anschließende Getöse in der Stadt beängstigt, und die jungen Menschen, die betrunken auf einem Elbbrückengeländer hoch über dem Fluss turnen — wir schlendern noch durch eine stille Ecke der Stadt, sitzen am Fluss, reden über den Tag und so manches – und das äußerlich herumhüpfende Glück des Kindes (nee, nicht wegen Fußballtoren) überträgt sich auf mich, mindestens im Innern, ja.

Unterwegs – mal wieder – Tag 1: Wernigerode – Schadeleben

ein neunter Ferientag fast wie ein erster: nach dichtgedrängter erster Woche (sogar in den Ferien) endlich durchatmend-radfahrend zu mir kommen — äußerlich den ganzen Tag treten (und wie! – der Harz ist ja ein Gebirge, wie der Sohn heute entsetzt feststellt, als das Auf und Ab gar nicht enden will:)) und innerlich innehalten — Aufbruch im Morgennebel, Sonne hinter Schleiern, Dörfer im Sonntagmorgenschlaf (und alle Cafés auch) — es ist ganz ruhig, es fährt sich wie von allein, ich komme zu mir, es ist gut, ich könnte stundenlang, tagelang so weitertreiben — erst als der Magen grummelt und die Beine darauf bestehen, die eine oder andere Burg mit Aussicht links liegen zu lassen (und am liebsten nur noch auf Höhenlinien entlang zu fahren – leider haben die Wegebauer diesen unseren Wunsch nicht beherzigt), erst da wird es wieder ein bisschen irdischer, sozusagen, mit Essenssuche (so einen 12jährigen muss man erstmal sattbekommen!), Durst, Müdigkeit, dem Ich-will-endlich-da-sein-Gedanken — apropos Wegebauer – für einen europäischen Fernradweg sind wir über den Asphalt erstaunt: wahlweise kindskopfgroße Löcher oder eisenbahnschwellenartige Riffelung (erstmals in unserer jungen Fernradfahrerkarriere freuen wir uns auf und über Schotterwege, da rupft es einem wenigstens nicht ständig das Vorderrad weg) — auch bei der Beschilderung ginge noch was: wir haben wirklich vier wache Augen, aber dennoch geraten wir ungewollt auf Abseitspfade und in den einen oder anderen entlegenen Ortsteil, Kopfsteinpflaster satt, leergewohnte Ruinenhäuser auch, trostlose Dorfanblicke, die mir das Kamerazücken vergehen lassen und in mir die Frage hinterlassen, wie man hier wohl leben könne (und ob ich nur auf die falschen Dinge schaue, ja: überhaupt auf Dinge eben, die vielleicht nichts sagen …) — dafür (?) an anderer Stelle Begegnung mit drei sonntagfeiernden Männern, die uns Geschichten über den Harz erzählen, und über vorbeigeradelte Typen (dabei sind sie selbst die originellsten Originale) — und sie schenken uns von ihren Kirschen, so wie später die Bäume am Wegesrand (Schlaraffenlandgefühl: man hätte schon die Köpfe einziehen müssen, um nicht mit dem Mund mitten hindurch zu fahren) – Kirschkernweitspucken – der Sohn entwickelt eine ausgereifte Technik und gewinnt :)) — am Ende des Tages liegt der Harz hinter uns, wir sind dankbar über die letzte Stunde Flussradweggefühl (die Selke: vermutlich auf keiner Karte verzeichnet) und den alten Bauernhof, der uns, als Pension umgebaut, aufnimmt — warmes Essen bekommt man in diesem Dorf sonntags nicht, wird uns gesagt, und ins Nachbardorf zu fahren geht nicht, denn der Sohn hat einen sehnlichen Fußballguckwunsch (ui, das ist neu in unserer Familie), also Pizzaservice als rettende Lösung – naja, das muss ich nicht jeden Tag haben, aber satt sind wir jedenfalls — und satt (hier positiv gemeint) bin ich auch von diesem Tag, ich sitze noch lange draußen auf dem Hof, mit Blick über die Wiesen und Felder, und gegen 9 fallen uns die Augen zu, es war gut – DANKE