„Done“ statt „to do“

Es war ein Versuch. Oder: Es ist ein Versuch. Denn er läuft ja noch, ich habe ihn nicht abgebrochen. Da ist zuviel Bewahrenswertes. Aber auch Unmögliches. Ich werde eine andere Variante finden müssen, experimentieren, modifizieren, es passender für mich gestalten.

Es ging und geht – wie schon so oft – um meinen Umgang mit der Zeit, mit dem engen Terminkorsett, den vielen anstehenden Aufgaben. Schon lange bedrängt mich zusätzlich zu der Tatsache, dass sie nunmal da sind, die vielen Aufgaben, was sich weder verhindern noch leugnen lässt, mein Umgang mit dem Vielen.
Obwohl der Kopf es besser wusste, hielt er über lange Jahre meine Hand nicht davon ab, bei jeder Gelegenheit – morgens, nach der Schule, zu Wochenendbeginn, zum Ferienanfang – lange lange To-do-Listen zu schreiben. Als bereite es mir besonderes Vergnügen, mir stets vor Augen zu führen, wieviel Unschaffbares ständig auf mich wartet. Denn allein die optische Länge der Liste machte sie zu einer Überforderung, mir war immer vorher schon klar, dass all das im gesetzten Zeitrahmen nie und nimmer zu erledigen sei. Zwar verschafft es mir Befriedigung, im Laufe der Zeit einen Punkt nach dem anderen auszustreichen, doch zu einem Ende der Liste kam ich nie. Stets blieb noch mehr offen als erledigt war. Auch wenn es mir nicht bewusst im Kopf hämmerte, irgendwie sagte ich mir damit ja doch immer wieder selbst, dass ich es nicht schaffe. Dass alles viel zu viel ist. Oder ich eben zu langsam. Oder zu abgelenkt. Zu verzettelt. Zu undiszipliniert. Irgendwie so.
Warum ich mich so lange auf diese Listen fokussierte, sie mir fast als Lebensgeländer dienten, ich mich ihnen und ihrem permanenten Zugzwang aussetzte, weiß ich gar nicht. Ich litt nicht sonderlich darunter. Es war eben normal, die Dinge nicht zu schaffen.
Die erste unschaffbare Liste schrieb ich übrigens mit etwa 12 Jahren. Ich weiß heute noch, welche Punkte ich in meinem damals schon vollen Leben nicht unterbrachte. Ich holte das Undurchgestrichene von damals übrigens nie mehr auf. Das meiste hat sich nur im Laufe des Lebens erledigt. Von meiner Liste, die ich mit Beginn des Mutterschutzes des Sohnes, jetzt 15einhalb, schrieb, ist übrigens auch noch etwas offen. Und wahrscheinlich von allen Listen, die ich im Laufe meines Lebens schrieb.

Möglicherweise findet Ihr das befremdlich. Ich selbst ja auch:)  Wie kann man seine eigenen Lebensbereiche nur so vollpacken, dass es zwangsläufig überläuft? Warum will ich immer mehr als möglich ist? Warum bin ich hier nicht Realistin genug? Warum setze ich mich dem immer wieder aus?

Und wie fühlt es sich eigentlich an, wenn ich auf solche Listen verzichte?

Die Idee hatte ich schon lange: Nicht mehr den Fokus auf das Unbewältigte legen, sondern auf das, was hinter mir liegt, das Geschaffte, das Getane. Nicht notieren, was vor mir liegt, sondern was ich hinter mich gebracht habe. Jeder Tag ist ein leeres Blatt, das zu füllen ist. Und kein volles, das ich Zeile für Zeile auszulöschen habe.
Eine völlig neue Sichtweise.

Seit Beginn des Jahres probiere ich es aus. Und – was ja nicht überrascht – es hat meinen Alltag veändert.
Tatsächlich spüre ich, wie mich To-do-Listen bedrängen. Erst jetzt, wo sie weg sind, spüre ich das. Ich erlebe eine für mich neue Langsamkeit, jedenfalls phasenweise. Mir gelingt es besser, mir selbst gut zu tun. Etwa indem ich eher und ohne Gewissensbisse schlafen gehe, indem ich mich ans Cello setze, oder ans Buch, oder an die Schreibtastatur, zuweilen auch stundenlang. Ich schaffte es, mich krankzumelden. Ich gab Klassenarbeiten ein paar Tage später zurück, um nicht mehr nachts zu arbeiten. Ich ließ Nichtdringendes liegen.
Stattdessen füllte ich meine Tage so, wie es für mich stimmig war. Reichten die Kräfte weit, füllte sich die Done-Liste des entsprechenden Tages – manchmal schrieb ich sie auf Papier, manchmal nur in meinen Gedanken – zügig und mit Vielem. War ich müde und erschöpft oder mit anderem angefüllt, fanden sich am Abend nur sehr wenige Punkte darauf, na und.
Es war insgesamt gemächlicher, ruhiger, gesünder und in allem mir und meinen Bedürfnissen angemessener.

Aber.
Natürlich gibt es ein Aber. Ein großes sogar.
Es passt nämlich nicht. Es passt hinten und vorn nicht. Dieser Monat war ja nur ein einzelner kurzer Zeitraum im Laufe des Alltagsstroms. Natürlich ist es nicht von Belang, dass in diesen Wochen etliches liegenblieb. Nur: Irgendwann muss das alles getan werden. Das Liegengebliebene nachgeholt, das dann Akute zusätzlich getan und ein paar Langzeitdinge auch endlich angegangen werden.
Im Haushalt, das klingt so banal, sind Dringlichkeiten offengeblieben. Noch fault keine Wäsche im Korb vor sich hin, aber fast, im übertragenen Sinne jedenfalls. Die akuten Familienorganisationsdinge habe ich alle untergebracht, ein paar Langzeitpflichten aber schön verdrängt, für später. Kontakte liegen brach, selbst solche, die mir ein Herzensanliegen sind. In der Schule habe ich von der Hand in den Mund gearbeitet, das wird sich in den nächsten Wochen rächen.

Was also tun? Wie lässt sich das Dilemma lösen?
So Fragen an mich selbst. Ich werde weiterexperimentieren … 

12 Kommentare

  1. Das Ding mit dem ‚Ansprüche von unrealistischen 130% auf schaffbare 80-90% runterschrauben‘ steht dann wohl demnächst auch bei dir ins Haus? ;-) Das ist zurzeit mein Thema. Und dein Thema schwabt da jetzt wohltuend zu mir rüber. Obwohl ich viel weniger „äußere“ Zutun-Dinge habe, ist das Problem mit dem Immerzuvielwollen nämlich nicht vom Tisch.

    Danke, dass du deine Erfahrungen teilst!

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    1. Ohnehin glaube ich, dass zumeist – hier auch – überhaupt nicht die äußeren Umstände – hier: die Menge der äußeren Zutun-Dinge – für unsere Befindlichkeit zuständig sind, sondern wir selbst. Insofern ist es wohl auch nicht das Wichtigste, dass ich meine Stundenzahl reduziere, sondern dass ich den „Schalter“ im Innern finde. Das alles auf „schaffbare 80-90% runterschrauben“: Danke für diese Devise.

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  2. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich immer und ja, auch täglich, mit dem lebte, was nicht funktioniert hatte, was dumm gelaufen war oder was ich eben (mal wieder) nicht geschafft hatte- mein Mann war ein ziemlicher Motor doch einmal den Blickwinkel zu verändern und darauf zu schauen was ich stattdessen dann aber doch geschafft hatte- ja, diese Perspektivenverschiebung hat mir gut getan und hat mich aus dem Glaubenssatz herausgetragen, dass ich nichts (oder wenig) tauge.
    Natürlich hast du Recht, wenn du sagst, dass es trotzdem Dinge gibt, die nur aufgeschoben sind, die sich nicht von alleine erledigen, da wünsche ich dir weiterhin ein wohlwollendes Experimentieren-
    herzliche Grüsse
    Ulli

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    1. Ich experimentiere so vor mich hin … im Moment habe ich sogar das Gefühl, dass es vorwärtsgeht. Nur kann ich noch nicht erkennen, wo genau das „vorn“ ist, wo es also landen wird, das Ganze. Aber das macht ja nichts. Übe ich eben gleichzeitig noch ein wenig das unwissende Aushalten:)
      Herzlichgruß zu Dir.

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  3. Ich moechte Ihnen nur eine Hilfestellung zum Weiterdenken geben: Stellen Sie sich einmal die Fragen: Was ist passiert, bzw. was passiert, wenn Sie die Liste nicht fertig haben?🐌Liebe Grüße aus Wien

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    1. Mit diesen sehr hilfreichen Fragen habe ich in den letzten Jahren schon eine Menge Dinge aussortiert. Vielleicht geht noch das eine oder andere, aber ich befürchte, der jetzige „Stamm“ an Aufgaben bleibt. Allerdings bedränge ich mich oft selbst mit meinen Zeitvorgaben. Ich glaube, da geht noch etwas … ich bleibe dran:)

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  4. Tiefsinnig, liebens- und lesenswert der Text… Ich führe keine Listen in dem Sinne, obwohl ich seit einem Jahr halbtags arbeite und damit für Heim, Herd und Kind zuständig bin. Gemacht wird das Unverzichtbare (mit der Tochter lernen, Einkauf, Wäsche, Kochen, Reparaturen, Putzen). Sonst nimmt der Stress keine Ende und ich kann mich nicht ruhigen Gewissens dem Lesen und Klavierspielen widmen und mich erholen. Alles andere ist nice to have. Wenn’s gemacht ist – gut, wenn nicht, dann eben ein ander Mal. Ich vergesse Dinge – na und? Davon geht die Welt nicht unter. Lebensqualität hat auch mit realistischen Ansprüchen an mich selbst zu tun, und ich will mich nicht mehr ständig überfordern (müssen). Also weniger tun. Und die Übersicht ohne Listen – die unübersehbaren Mahner im Hintergrund- halten. Kostet auch Kraft, scheint mir aber gesünder.

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    1. „Lebensqualität hat auch mit realistischen Ansprüchen an mich selbst zu tun, und ich will mich nicht mehr ständig überfordern (müssen).“ – Da sagst Du es so, wie es mir auch geht. Danke fürs Teilen Deines Erlebens – und damit des Trostes, immer wieder wichtig zu sehen, dass es nicht mir allein so geht. Ist ja klar – ich glaube, wir erleben das Gleiche wie alle anderen auch , irgendwie.

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  5. die reduktion auf das unverzichtbare praktiziere ich auch. und manchmal wirds noch weniger, was bedeutet, daß eben auch das geht. listen allerdings helfen mir gegen das vergessen, wenn ich was davon nicht schaffe, egal.

    und du, frau rebis, auch wenn du das nicht durchhalten kannst, hast du dir immerhin einen geruhsamen monat und damit einen gemächlichen start ins jahr geschaffen. januare sollen so sein! ich halte mir dabei immer vor augen, welchen lebensrhythmus die menschen früher gelebt haben.

    alles gute!

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