Pausiertes

Wie ungewohnt das für mich ist: am Abend nicht an den Schreibtisch gehen. Mein Alltagsleben spielt sich seit nunmehr Jahrzehnten permanent rund um dieses hölzerne Rechteck auf vier Beinen ab, es gibt kaum Tage und Tageszeiten – Ferien und Urlaube ausgenommen – in denen ich nicht um diesen Ort kreise, und sei es auch nur in Gedanken mit Ich-müsste-, Ich-könnte- oder Ich-will-Färbung.
Immer mal wieder wurde und wird mir das bewusst, immer häufiger irritiert es mich. Denn selbst neben einem Traumberuf – das ist er zweifellos und bislang fast ohne Einschränkungen – wollen andere Orte gelebt werden, Sehnsuchtsorte zumal, wollen Zeiten mit Anderem gefüllt werden. Oder einfach nur leer bleiben. Und zwar bewusst und gewählt, und nicht aus reiner Eschöpfung. Und so übe ich daran, mir solche Zeiten zu schaffen, genauer zu spüren, wann und wie intensiv ich sie brauche – und möchte – und im Alltag ausgewogener unterwegs zu sein.

Gestern dann, zum Beispiel. Ein ewig langer Schultag, neun Stunden im Schulhaus, sechs bis sieben davon vor der Klasse, ein Elterngespräch, etliche Absprachen, viel Organisatorisches und kaum Mittagspause. Und doch immer noch lange nicht alle Schuljahresstartdinge erledigt.
Ich fahre müde nach Hause, radle an solchen Tagen langsam und tief atmend meine wenigen Kilometer, und wälze im Kopf schon wieder den Abend. Nach dem Essen, wenn die Kinder eh in ihre Zimmer verschwinden, könnte ich die längst fälligen Listen abtippen, die Stoffverteilung anpassen und versenden, der F. wartet ja schon, die Notentabellen auf die neue Skala formatieren, lauter so Sachen, zu denen auch ein müder Kopf noch in der Lage ist. Automatisch springen mir diese Punkte meiner To-do-Liste in den Blick, zumal ich für morgen keinen Unterricht mehr vorzubereiten habe.
Doch dann bin ich zu Hause. Niemand da, alle im Musikunterricht. Eine Kaffeemaschine. Eine Terrasse mit Stuhl und Tisch. Ein milder Himmel. Ein Buch. DAS ist meine Übungschance. Nicht die Tasche ins Arbeitszimmer tragen. Nicht die Unterlagen ausräumen. Nicht bei der Gelegenheit noch eben schnell eine Notiz machen. Nicht die Mailbox abrufen, weil doch sicher … Und: auch nicht die Wäsche im Haus zusammensuchen und in die Maschine stopfen. Nein. NEIN.
Terrasse. Himmel. Kaffee. Buch. Jetzt.

Für gestern und heute habe ich es geschafft. Der Abend war lang, ich las oder las nicht, je nach minütlicher Stimmung. Irgendwann kamen die Kinder, wir aßen in Ruhe, sie erzählten ein paar Dinge aus der Schule, wir kruschtelten in der Küche. Als alle schlafen gegangen waren, stellte ich den Kaffee für morgens auf. Spielte etwas Klavier, seit der Reise tue ich dies wieder. Las weiter. Oder nein, eigentlich kaum, ich saß eigentlich nur da und sann vor mich hin.
Ebenso begann der heutige Tag. Bevor ich die Kinder weckte, setzte ich mich nach draußen, es war kühl und gleichzeitig wärmend, dort draußen im Morgenerwachen. Die Kinder standen nach ein paar Weckanläufen auf, verschwanden alsbald in die Schule. Und ich blieb da. Heute ist Heimarbeitstag, weil mein zweiter Dienstort nach den Ferien noch nicht wieder begonnen hat. Es blieben weitere ruhige Stunden zum Pausieren. Erst wenn ich hier auf „Veröffentlichen“ gedrückt haben werde, wird es an den Schreibtisch gehen.

Warum ich davon schreibe?
Weil es eines meiner Hauptthemen ist: Auf dem schmalen Grat zwischen zuviel und zuwenig Widmung für den Beruf meine eigene Verortung zu finden. Ich drohe ja überwiegend in die erste Richtung abzurutschen. Und zwar nicht nur punktuell, sondern vermutlich auch auf lange Sicht, Selbstschädigung nicht ausgeschlossen. Ich muss mich den Übungen, mit denen ich mich selbst schütze, also intensiver widmen. Je älter, umso mehr. Je mehr andere Sehnsüchte, ebenfalls umso mehr.
Und weil mir – ein Nebeneffekt, ein sehr augenöffnender – ausgerechnet gestern Abend und heute Morgen, während dieser Zeiten des Nichtstuns, einige sehr neue Ideen zufielen.
Etwas Grundsätzliches für meinen Physikunterricht, mit dem ich latent unzufrieden bin. (Und nicht nur ich.) Ein Ansatz für ein neues Ritual, dessen Einführung vielleicht in kleinen Schritten lösen könnte, was mich lange schon beschäftigt. Es wird zu konkretisieren und auszuarbeiten sein, aber es hat Potential, glaube ich.
Etwas sehr Konkretes für meinen morgigen Mathekurs, eine Lösung vielleicht für die Situation, die sich in der Freitagsstunde gravierender als in den Vorjahren gezeigt hat, die mit dem Unterrichtsplan der bisherigen Kurse nicht zu bewältigen sein wird. Also braucht es einen anderen Zugang zum Thema.
Etwas noch Diffuses für unsere 5er-Klassensituation, an der wir seit erst sieben Tagen, aber dafür umso intensiver, arbeiten und wirken.
Lauter so Ansätze. Siehe da, sie kamen mir, ganz unerwartet, während ich in den Himmel und ins Nichts blickte.
Das ist wohl kein Zufall.
Es braucht die leeren Zeiten, um Fülle schöpfen zu können.

 

Advertisements

10 Kommentare

  1. Genau. Ich sehe eine Balkenwaage vor mir. In der Regel ist die eine Schale knallvoll und die andere fast leer.
    Ungleichgewicht, Unausgewogenheit führen zu Krankheiten aller Art. Ich bin froh, dass du das Thema anschneidest und dass dir – in deiner Behutsamkeit – die Dinge zufallen. Das macht Mut.

    Gefällt 2 Personen

    1. Und nun, nur wenige Tage später, stockt die Waage. (Hä, können Waagen stocken??)
      Ist das vielleicht das Neue, dieses Mühsame, durch das ich seit einigen Tagen wate, damit sich später ein neues Gleichgewicht einstellen kann?
      Fragen über Fragen …

      Gefällt mir

  2. Liebe Frau Rebis, heute Morgen schaute ich nach, was ich denn eigentlich im Februar zu „Imbolc“ säte, denn heute ist Erntezeit- u.a. las ich: Nichtstun, nichts forcieren, abwarten, den Dingen ihren Lauf und ihren Raum geben, damit sie sich zeigen können oder verworfen werden. Durch meine zwei Augen-OPs in diesem Sommer war ich ja zu einem gewissen Stillstand gezwungen. Jetzt schaue ich auf eine reiche Ernte, tatsächlich haben sich Wünsche erfüllt, tatsächlich habe ich Räume weiten können, ist die Unabhängigkeit gewachsen. Ich denke an den Zen-Satz: Nichtstun und alles ist getan, der zwar missverständlich ist und doch eine tiefe Wahrheit in sich trägt, so, wie du es hier beschreibst. Wir sind Übende, Gesellinnen auf dem Weg und das ist gut so!
    Herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

        1. Stimmt, das ist auch ein Anfang, das Immer-wieder-Losfahren. Ja, wir fahren gleich. Die Tochter muss nur noch aus der Schule kommen.
          Aber auch im Allgemeinen ist mir gerade wie am Anfang, so bei den inneren Prozessen. Wie ja bei Wellen auch zwischendurch immer wieder Strömungen rückwärts treiben. Und später wieder nach vorn …

          Gefällt 1 Person

  3. Liebe Frau Rebis,
    ich kann dich gut verstehen, denn so habe ich viele, viele Jahre gelebt, oder besser gearbeitet. Selbst danach kreise ich noch um, wie hast du es genannt, dieses hözerne Rechteck auf vier Beinen. Irgendwie ist es gut so.
    Nur dir wünsche ich nebenher ganz viele ruhige, andere Momente.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s