Danke

Lichtstimme

Noch ganz in meinem Tagesprogramm gefangen, im To-do-Gerüst eines Sonntags, in welchen die vorzubereitende Schulwoche ihre Arme wie immer weit hineingestreckt hat, vom Orchestertermin der Tochter kommend, mit Fast-schon-Montagsblick auf die hetzende Uhr eile ich hierher. Vom Parkplatz sind es ein paar Meter im Freien, endlich frische Luft nach dem Schreibtischtag, ich suche die kleine Kapelle, gehe langsamer, betrete den Raum.
Ich bin da. Und doch noch nicht. Schulgedanken wirbeln, Erschöpfung und Müdigkeit, Überforderungsgefühl, das streife ich nicht einfach an der Türschwelle ab. — Der Sohn braucht für eine Bewerbung hier und jetzt eine Auskunft per WhatsApp – ich sehe die Nachricht, als ich das Handy ausschalten will. Na gut, schnell und verstohlen tippe ich die drei Wörter ein. Mich schämend, dass ich das Handy in diesem Raum nutze. — Ob ich die Tochter pünktlich werde abholen können? Was wenn es länger dauert? — Ich setze mich an den Rand der letzten Reihe, um eher gehen zu können. Ich bin noch nicht hier. Da ist ein Abstand zu den Menschen vor mir, ein Abstand zu allem, eigentlich will ich schlafen.

Und dann beginnt es sich zu bewegen. Den Raum zu bewegen. Mich zu bewegen.
Wie ihr Strahlen vom ersten Moment an den Raum erfüllt. Wie ihre Stimme sich kraftvoll verschenkt. Wie ihr Gesang uns trifft, mich trifft. Wie wir uns unter dem Tanz der Töne öffnen, aus der Zugeknöpftheit starrer Wintermäntel herausbersten. Wie sich unser unhörbares Summen allmählich zu tönendem Klang wandelt. Mehr und mehr. Wie es licht wird, und warm. Wie sich alles öffnet und empfängt, immer stärker …
Ich bin da.
Es ist unglaublich. Ein kleines Mysterium.

Und doch schweife ich immer wieder ab, in meine Räume außerhalb von diesem hier.
Wem ich diese wohltuende Helligkeit alles wünschen würde. Meinen Schüler*innen, denen so oft so viel im Leben fehlt. Wie sehnsüchtig, wie empfänglich sind viele von ihnen für helle Berührungen. Ob nun genau in dieser Form, nein, nicht unbedingt. Aber eben: Berührungen einer Lichtstimme, wie auch immer sie tönt.
Meine Alltagsbereiche ziehen im Innern vorbei. So viel Unbeachtetes, Unerlöstes auch. So viel Sehnsucht in mir, Wogen zu glätten, so lange schon. Während wir singen, überkommt mich eine Ahnung, wie ein Schlüssel zu gestalten wäre. Mein Cello wird mir – mal wieder – zum Lehrmeister werden: hier in der Bank sitzend, begreife ich etwas sehr Starkes – ich werde später erzählen.
Mich erfassen Erinnerungen an Schritte, Wege, Zeiten, die lange vergangen sind, an Verschüttetes und Vergrabenes. Da pochen schmerzende Versäumnisse, manche halten an, es wäre Zeit. Meine Einsamkeiten der letzten Jahre, meine Ängste davor weiterzugehen, wie lange ich dies wohl noch schaffe?, zu Boden ziehende Traurigkeit, mein Wundsein, mit dem ich mich so gern vor mir selbst verstecke, um es auszuhalten. All das. Ich ahnte manches lange nicht mehr, und hier springt es mir plötzlich in die Bewusstheit.
Öffnung schmerzt. Öffnung nimmt schützende Schilde von Wunden. Öffnung – und das weiß ich ja – heilt letztlich.
Ich sitze, stehe, tanze dort hinten in der letzten Reihe und weine. Die Tränen fühlen sich weich an. Weich und verbunden.

Verbunden mit anderen Menschen, die ich hierher mitgebracht habe – ist dies doch ein spezieller Ort. Noch nie war ich hier, obwohl ich Jahrzehnte schon in seiner Nähe lebe. Viele nahe Menschen aber waren und sind hier, manche häufig.
A., die jeden Tag um’s Überstehen, um’s Weitergehen ringt, ja, eigentlich um’s Überleben.
L., der oft hier ist, immer wieder, dessen Weg sich im Kreis windet – wie schmerzhaft dies schon von außen anzuschauen ist – , der aus seiner Verlorenheit in der Welt nicht herauszufinden vermag.
M., die erst vor kurzem die allerobersten Schichten ihres tiefsten vorzustellenden Schmerzes abtrug. Oder bedeckte. Oder verwandelte – was weiß schon ich.
So viele nahe Menschen, die so viel zu tragen haben. Sie alle sind mit mir hier, irgendwie.
Und doch weiß ich nicht, ob die Helligkeit dieses Stimmraums zu ihnen dringen würde? Ob sich Kraft und Vertrauen ins Leben von Mensch zu Mensch weitergeben lassen? Ob diese Worte und Lieder in ein jedes Ohr, ein jedes Herz hineinfinden können?
Auch zu ihr, die die Verwundungen und Schläge der Kindheit nicht aus sich herauszulösen vermag, seit fünfzig Jahre schon nicht?
Und zu ihr, die das Vertrauen in einen tragenden Boden so grundlegend verloren hat, als ihr Kostbarstes ging, dass all ihr Ringen und Suchen immer nur in neue Verzweiflung mündet?
Oder zu ihr, die ihrem Kind ein Grab graben musste? Und zu ihr, die es bald wird tun müssen?
Ich weiß nichts.
Während sie singt, während es singt, während ich singe, während sie singt …

Ja, sie. Sie steht da einfach.
Spricht, und es wird friedlich.
Versprüht ihr Strahlen, und es wird hell.
Tanzt, und es schwingt bis in jede Fingerspitze.

Sie singt.
Es singt.
Alles.

Danke, I.
Danke.

 

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Angeradelt

Der Januar war Durststrecke, in die Februarferien schlingerte ich in Bodenschwere und voller Tränen. Was sich da alles zusammengeballt hatte, dies ist – für hier und im Moment – unwichtig. Ganz sicher aber war das Dunkel mitausgelöst davon, dass ich einen ganzen Monat lang nicht draußen, nicht im Freien war, nicht auf den Pfaden rund um unser Dorf, nicht auf ferneren Wegen, nicht per Rad, nicht zu Fuß, dass ich kein Sonnenlicht, keine Winterluft um mich hatte. Dies wurde mir erst im Nachhinein bewusst. WIE sehr fehlte mir das Draußensein, WIE sehr trübte sich alles um mich ein …

Nun, die Ferienwoche im Schnee hellte auf und gab den Fingerzeig, wie heilsam Unterwegssein im Draußen und freies Atmen sind. Nach dieser Woche pumpte ich mein Rad neu auf und fahre seither mit ihm zur Arbeit, Minustemperaturen hin oder her. Dies bewegt, dies belebt. Dies setzt dem Düsteren eine Kraft entgegen.

Als schließlich am Samstag eine strahlende Sonne zaghaft winzige Plusgrade anbot, tat ich, was wohl ein Novum für mich ist: eine Winterradtour. Na gut, sie wurde klein, nicht mehr als 50 Kilometerchen – die aus dem Stirnband herauslugenden Ohrläppchen und die Zehen hätten kaum mehr Eisigkeit ausgehalten – , aber dennoch: Das Tourenjahr ist angeradelt:)

Wie hell dieser Weg war. Wie wärmend. Wie zuversichtlich ich nach all den schweren Tagen plötzlich wurde.

Noch fließen meine Worte tröpfelnd, bewegt sich auch das Kameraauge nur gelähmt. Ja, der Januar hat mich innerlich ausgetrocknet und ins Elementare zurückgeworfen. Doch um nicht ganz ohne Bilder zurückzukehren, tat ich wie schon im Herbst:
Genau alle fünf Kilometer fotografierte ich. Ein Bild in Fahrtrichtung, eines rückwärts, eines nach rechts, eines nach links. Bei Blende, Perspektive und Tiefenschärfe gab ich mir keine Wahl. Ungeschminktes Leben, wie der Wegrand es darbietet. Kein Fokus auf das „Schöne“, das Ansehnliche, das Idyllische, sondern zufällige Lebensblicke, wo sie halt hinfallen.

Wieder war mir dies wie damals schon eine Übung im Annehmen. Welche idyllischen Anblicke der Kamera entgehen und welche nüchternen Bilder dafür vor die Linse geraten: so wie sich Tage und Wege eben zuweilen zeigen. Kaum Aushaltbares im Fokus, das Nährende in Verborgenheit, und ich inmitten. Hoffend, dass ich nie vergesse, wieviel Unsichtbares den Hintergrund bildet.

Hier also Wegebilder: Unten in groß jeweils der Vorwärtsblick, darüber der Blick zurück, und seitlich rechte und linke Wegesränder.

Kilometer 5:

Kilometer 10:

Kilometer 15:

Kilometer 20:

Kilometer 25:

Kilometer 30:

Kilometer 35:

Kilometer 40:

Kilometer 45:

Kilometer 50:

Danke.

Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten drei Jahren begann ich unter derselben Überschrift um dieselbe Zeit hier mit etwa diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch jung. Seine ersten Tage, ja Wochen gehören dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen und diese dann oft sehr ruhig verläuft, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen und bewusst hinüberzugehen. So kann ich mich an viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken und Empfindungen. Und auch an gute Vorsätze erinnere ich mich, natürlich.
Wie es aber ist und immer war: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch kaum berührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße an und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei. Von nun an laufe ich also richtig …“
Natürlich aber können solche Vorsätze nicht lange verhindern, dass wir weiterhin schlurfen, torkeln, trampeln, irren wie zuvor … und was ist überhaupt falsch, was richtig? — Ich gehe, wie ich eben gehe. Ich bin, wie ich eben bin. — Vielleicht gibt es nur einen einzigen sinnvollen Vorsatz: Ich möchte mir meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein erlauben.
So also stehe ich vor dieser kaum berührten Jahresfläche und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen. Sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los.
Aber ich darf mir etwas wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre – die Texte finden sich hier, hier und hier – ein wenig erfüllt haben? Wenn ich sie rückblickend lese, sehe ich kleine Schritte. Ich sehe aber vor allem, dass sich alles zu wiederholen scheint, möchte ich doch für dieses Jahr ganz Ähnliches formulieren. Der Weg ist eine Spirale und windet sich an immer gleichen Aufgaben hinauf. Die jungen Jahre der steten äußeren Veränderungen sind vorbei, nun ziehen sich innere Entwicklungen über Jahres- und Jahrzehntzeiträume.
So mag es wie Wiederholung klingen, wenn ich diese Jahresfläche mit Wünschen betrete, die denen der Vorjahre ähneln. Bei jedem einzelnen aber spüre ich Entwicklung und Veränderung gegenüber früher, in so vielen Bereichen weiß ich, dass ich vorangegangen bin.

Ich wünsche mir – das kann man nicht oft genug sagen – für mich und meine Lieben, dass wir gesund bleiben dürfen. Dies ist kaum selbstverständlich, ich muss mich nur umschauen.
Innig hoffe ich, dass die Tochter in ihrer oft schwierigen Situation weiterhin mutige Schritte setzt, dass der Sohn im Sommer heil aus der Ferne zurückkehrt, und dass meine Liebsten und Nächsten auf guten Wegen unterwegs sind.

Für mich selbst wünsche ich mir, meine Bedürfnisse immer wieder erspüren und ertasten zu können und sie aus ihren Käfigen und Gerüsten herauszulassen. Dies bleibt wohl mein lebenslanges Übungsfeld: mich zu öffnen, wenn mich etwas bedrängt, mich in einen Dialog zu begeben, wo Klärung heilsam wäre, und das Nein-Sagen zu üben.

Ja, ich wünsche mir Offenheit für ein Aufeinanderzu in jeglichen Begegnungssituationen, selbst in unscheinbarsten Alltags-Smalltalks. Bei diesem Weg fühle ich mich immer wieder sehr am Anfang. Mich im wahrhaftigen Zuhören zu üben – und nicht in lamentierendes Widersprechen und in Bewertungsrituale zu verfallen – wie schwer, wie schwer dies immer wieder ist. Nicht für alle meiner unguten Beziehungsfäden habe ich genug Gelassenheit, Geduld, Nachsicht und Selbstliebe. Die Nähe dennoch zuzulassen – aber auch die Entfernung, wenn diese heilsamer ist – dies würde ich gern etwas besser lernen.

Das wichtigste Aufeinanderzu ist dabei sicherlich dasjenige mit mir selbst: Wie oft fehlt mir die Fähigkeit, mich selbst in den Arm zu nehmen, wie oft fühle ich mich klein – ich wünsche mir Wege in ein heilsameres Zugehen auf mich selbst. Ich würde gern Behutsamkeit in allen Dimensionen und einen sanften Umgang mit meiner Lebensenergie, meinem Körper und seinen Ressourcen finden. Dazu gehören auch Tränenräume, in die ich mich von Zeit zu Zeit zurückziehe.

Für meine Alltags- und Arbeitsberge wünsche ich mir ein stetes Weitergehen auf dem bisherigen Weg, auf dem ich schon viel Bedrängnis von mir geschoben habe, auf dem schon viel Versöhnlichkeit und Gelassenheit eingekehrt ist. Dennoch ist und bleibt es viel, das alles, und wenn ich meine vielen Listenpunkte und meinen Zugang dazu immer wieder schreibend sortiere, so steckt darin unter anderem die Hoffnung auf Klarheit. Ja, ich wünsche mir, immer wieder im Inneren – wie im Äußeren:) – aufräumen zu können, so viel ich es brauche und es vermag.

Inmitten der täglichen To-Do’s bewusst mit meiner Zeit und meinen Kräften umzugehen und in die Gegenwart hineinzufinden, dies möchte ich stündlich und täglich üben. Es braucht Mut zur Langsamkeit und gelegentlich zum Nichts-Tun, damit sich die reiche Fülle meines Lebens wirklich und intensiv entfalten und ich mich dem einzelnen Moment hingeben kann.

Ich wünsche mir und uns Musik, hier im Haus und in der Welt, in und um jede und jeden von uns. Musik als Seelenatmen, so möchte ich es gern immer wieder und immer tiefer erleben, vor allem an meinem geliebten Cello. (Übrigens: Ob es wohl das Jahr wird, in dem ich mein eigenes Cello finden werde?)

Ich wünsche mir und uns Unterwegssein, allein oder gemeinsam, gern wieder auf dem Rad (ein vages Plänchen ist in Sicht:)), in jedem Falle aber als stete Reise zu uns selbst.

Und Frieden wünsche ich mir und uns nicht zuletzt, Hoffnung und Zuversicht für alle Bewegung, die unsere einzelnen und unser gemeinsames Leben erfasst. Nie versiegenden Mut zu träumen, Tanz in jeder Form, Staunen und Stille …

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Ich habe mir Zeit genommen, schreibe sie erst jetzt in der Nacht fertig, wo man in Russland – und wer weiß wo noch – das Staryj novyj god begeht, das Neujahr nach altem Kalender.
Abschließen möchte ich meine Wünsche mit denselben Worten wie die vergangenen Jahrestexte:

Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


Danke an ein reiches Jahr

Meine Ferien gehen ebenso wie die Raunächte dem Ende zu, und damit die stille Zeit, in der ich im gerade noch vergehenden Jahr umherstreife, mich in Gedanken und Bildern zurückversetze, durch Kalender und Tagebücher blättere und das Jahr kaleidoskopartig noch einmal zu mir zurückkehren lasse.
Unglaublich, welch Fülle und Überfülle sich vor mir ausbreitet. Ich staune.

Wie dankbar ich bin, dass ich mein prallvolles Leben – bei aller zeitlichen Enge – als unendlich weit wahrnehme. Danke, dass ich gesund bleiben durfte. Danke für meine Dankbarkeit.

Danke für meine inneren Schritte dieses Jahres, es waren nicht wenige, sie waren nicht klein …
… in mancher Hinsicht ist Gelassenheit und Versonnenheit, eine Sanftheit gar eingezogen …
… zu einigen meiner Bedürfnisse vermochte ich besser hinzuspüren, begann, mich ihrer anzunehmen …
… kleine mutige Schritte ging ich beim Ziehen meiner eigenen Grenzen …
… und der „gute Ort“ in mir, mein innerer Tempel, oder wie auch immer ich dieses Zentrum des ureigenen Friedens benenne, war mir zuweilen gut spürbar und präsent.

Danke für all die Momente, Orte und Dinge, die mir dabei geholfen zu haben, weiter zu mir zu finden …
… die kleine neue Feuerschale im Garten …
… die Wege rund um unser Dorf …
… Stifte und Papier (und Tastatur natürlich:)) …
… Bücher, Kerzen, Kamera, all das …
… zuweilen das Nichts, mit dem es sich wunderbar beieinander sitzen lässt …
… und – natürlich – mein Cello.

Ja, danke in ganz besonders tiefer Weise für mein Cello, welches sich mir in diesem Jahr geschenkt hat …
… für die Musik, die es täglich zu mir bringt und durch die ich mich und das Singen in mir auf intensivste Weise erlebe …
… für die wunderbare Lehrerin, die mich dabei sanft an die Hand nimmt …
… für all die Spiegel, all die Lebenslehren, die ich täglich durch dieses Instrument aufgezeigt bekomme …
… für die Geduld, die gefordert ist, und für die große Chance, meine eigene Musik lieben zu lernen.

Danke für überhaupt jede Musik, die mein Leben bereichert …
… für das Musizieren der Kinder – wie sehr es zu meinem Alltag gehört, spüre ich, seitdem der Sohn nicht mehr vor unseren Ohren, sondern in der Ferne übt – wie still unser Haus geworden ist …
… apropos Ferne: für seine dortige Lehrerin, die zu ihm passt wie der hiesige – was für ein Glück …
… für die Celloschritte der Tochter, die in ihren verschiedenen Ensembles immer schöner und inniger spielt …
… und besonders für die Freundschaften, die beide Kinder durch ihr gemeinsames Musikerleben mit Gleichaltrigen gewinnen.

Danke für mein Leben mit den Kindern, immer und immer wieder …
… für ihr Reifen und Wachsen vor meinen Augen, in diesem Jahr ja besonders sichtbar, als der Sohn zu seinem Italienjahr aufbrach und dort nun seine eigenen Wege sucht, in den Händen und Herzen einer wundervollen Familie gelandet …
… dafür, dass unser Band dennoch hält und trägt, auch ohne tägliche Alltagsnähe …
… für all die Erfahrungen, die auch für mich mit diesem Loslöseprozess, mit unserem Abschied von der Kindheit verbunden sind …
… für alles, was die Kinder in mein Leben hineintragen: ihre Offenheit, ihr unverstelltes Sein, ihre Empathie, ihre Kreativität, ihr Leuchten, und dazu ihre wachsende Selbstständigkeit – das alles ist alltägliches Geschenk …
… für unser Zusammenleben mit der Gasttochter, für all die bereichernden spannenden neuen Aspekte unseres Familienalltags.

Danke für Begegnungen mit Menschen, für meine Familie, für unsere Freundinnen und Freunde …
… für neue Menschen, mit denen ich in diesem Jahr Nähe gefunden habe …
… für lange Tage und Abende voller Nahrung hier an unserem Tisch oder an den Tischen befreundeter Familien …
… für kleine und große funkelnde Alltagskontakte, im Dorf, im Schulumfeld, in den Kreisen der Kinder …
… und für die eine oder andere schwierige Kommunikationssituation auch, in der ich eine Übechance hatte, das, was nicht zu mir gehört, bei der oder dem anderen zu belassen.

Danke für meine Schule, meinen Arbeitsort mit der so offenen Atmosphäre, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann …
… für all die Klassen, die mir immer wieder ans Herz wachsen, und für die täglichen Apfelbäumchen-Situationen, die dieser Beruf schenkt (und dafür, dass ich mir dessen bewusst bin, bei aller Bedrängnis, der man im Schulsystem alltäglich ausgesetzt ist) …
… für meine Schulleitung und mein Kollegium, in dem es warm und geborgen ist (und sich trotzdem nicht nach Kuschelkurs anfühlt), in dem zuweilen Ideen, Visionen und Träume reifen – und konkretisiert werden …
… für meinen Abschied vom zweiten Dienstort, inklusive innerem Frieden mit dieser Entscheidung.

Danke für mein Unterwegssein …
… für unsere große Tochterradreise nach Berlin, für meine Pfingstrunde, für all die kleineren Radwege …
… für eine riesige New-York-Reise und nicht ganz so riesige Italien- und Deutschland-Urlaube …
… für die Wege rund um mein Dorf, zu meinem Baum und um ihn herum und weiter hinauf …
… und für ruhige Ferientage hier im Haus.

Und danke für die Alltagszeiten …
… für die Versöhnlichkeit, die ich gegenüber meinen Alltagsbergen gewonnen habe, für eine sanfte Ruhe und eine Tempoverringerung in allem Viel-bleibt-viel …
… für ein wenig Umlenken des Fokus vom To-do- auf ein Done-Gefühl, welches zuweilen gelingt – und dass ich es so oft thematisiere, auch hier im Blog ja, dies ist vielleicht mein Weg, damit umzugehen, mich damit zu arrangieren, jedes Jahr ein Stückchen mehr?

Danke – nicht zuletzt – für all das, was in diesem Jahr fehlt und fehlte …
… für die Freundin, an deren Grab wir in diesem Frühjahr standen – für die Erinnerung an alles, was wir teilten …
… für Menschen, zu denen mir in diesem Jahr einen Faden zu knüpfen (wieder) nicht gelang – für die Aufgaben, die sich mir damit beim Weitergehen stellen …
… für das, was ich versäumte, was ich bereue, was ich schlicht vergaß zu tun – eine lange Liste bleibt für den weiteren Weg.

Eine Liste, ein Weg voller Aufgaben, die nur zum Teil mein aktives Zutun benötigen. Alles andere fordert zum Bereitsein auf, so wie ich schon die letzten Jahre schrieb:

Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

Wege ohne Farben

Es gibt Wundertage, und es gibt Graubrottage. Genau genommen gibt es wohl mehr von letzteren, wenn man sich die Mühe des Zählens machte, wenn es auf die Zahl denn ankäme.

 

Hügelige Landschaft, braun-grün, unter grauem Himmel.

 

Gestern morgen waren wir draußen, suchten uns eine kleine Wanderung für Füße und Herz. Es war einer der kürzesten, lichtlosesten Tage des Jahres; die Kamera, das Fotoauge lief trotzdem mit. Obwohl da nichts war, was bewahrenswert oder ergreifend schien, oder auch nur mit einem Hauch von farbigem Funkeln versehen. Alles düster, wirr, trüb verwoben … und irgendwie normal, für diese Zeiten. Ich drückte dennoch von Zeit zu Zeit auf den Auslöser – ohne mir Mühe mit der Motivsuche zu machen. Ohnehin wirkte alles gleich in gleich.
Wozu eigentlich, dachte ich, als wir noch unterwegs waren, halte ich dies hier fest. Wozu eigentlich, dachte ich umso mehr, als ich diese farbigen, lichtsprühenden Bilder sah. Ein wahres Wunder: Bilder, die mich staunend und berührt hinterlassen, Bilder, welche den Zauber der Liebe in sich tragen. (Sie sind vermutlich zur gleichen Stunde aufgenommen wie meine.) Meine sind farblos, langweilig und nur zum Löschen gut, war mein erster Impuls.

Nun, und jetzt sind sie hier doch zu sehen, meine Graubrotbilder. Als Kontrapunkt zu den strahlenden eben, als Bilder eines ebenso wahren Wunders, eines noch viel größeren Wunders vielleicht? Weil sie das Eigentliche darstellen, das Alltägliche, welches nicht immer berstende Farben bereithält, und nicht den Pik der Zeiten, in denen das umgebende Strahlen von allein trägt?
Oh nein, ich will nicht vergleichen. Alles hat seine Zeit. Es gibt diese Momente, und es gibt jene. Manchmal fühle ich mich beschenkt, manchmal beraubt. Täler und Berge wechseln einander ab, in einer einzigen Wellenbewegung.
Und doch gibt es Menschen, gibt es Leben, deren Tage vor allem so ausschauen wie meine Bilder: Menschen, welche sich in Zauberhöhen nie emporzubewegen vermögen, warum auch immer. Zuweilen haben auch meine Tage diese jubel- und zauberlose Gestalt, fühlen sich düster und gebeugt an, und verharren lange darin. Schritt-für-Schritt-Zeiten eben, ohne jedes Fliegen.

 

 

Und dann gehe ich los. Und gehe. Suche, dennoch. Oder nein, „suchen“ ist nicht das richtige Wort. Etwas in mir geht weiter, ohne zunächst den Blick auf ein Ziel zu richten.

 

Ein grauer Werg inmitten eines düsteren Waldes. In der Ferne eine Wegverzweigung.

 

Bis das Auge begreift, welche Wege da sind, lichtarm und weit. Es ist immer beides.

 

Ein schlammiger Weg führt in weitem Bogen von einer Anhöhe in ein Tal mit einem Dorf.

 

Bis der Schritt erfasst, wie auch dieser farblos graue Boden trägt und führt.

 

Eine Baumkrone mit feinen Verästelungen ragt in den grauen Himmel.

 

Bis das Herz erahnt, welche feinen Verästelungen, welche Verzweigungen sich ihm bieten können, jenseits des Jubels.

 

Die Silhouetten einer verdorrten Wiese und einer kahlen Baumkrone vor einem sehr düstergrauen Himmel.

 

Und bis über verdorrtem Vergangenen eine kleine Öffnung Lichts mich demütig macht.

 

Silhouettenartig ragen verdorrte Gräser in den Vordergrund. Darüber zeigt ein graumelierter Himmel eine winzige Öffnung, durch die blaues Licht lugt.

 

Denn ja, „Leuchten und Lieben“, das ist es. Gerade und erst recht, wenn dies an grauen Tagen manchmal unmöglich erscheint, wenn es kein lichtschenkendes Geflecht gibt, welches trägt, wenn der Weg ganz allein zu gehen ist.
Es ist viel schwerer. Ich übe.

 

Ein durchgeschnittener Baumstamm, in welchem assymetrische Jahresringe sichtbar werden.

 

„Leuchten und Lieben“ als Aufgabe, aus welcher sich die Ringe eines Lebens gestalten. In guten wie in schlechten Zeiten. Vor allem aber in schlechten.

Farbigkeit ergibt sich auch dann. Von allein.

Danke.

 

Alltagsglück #3

Ein Tisch voller Schüsseln mit bunten Süßigkeiten. Viele kleine und größere Hände bauen mehrere Lebkuchenhäuser zusammen.

 

Still und leise ist es manchmal, das kleine Glück im Alltag. Ganz unspektakulär.

 

Rund un einem Tisch stehen sechs Mädchen und bauen vertieft an mehreren Lebkuchenhäusern.

 

Wie diese sechs Mädchen miteinander am Tisch werkeln, lachen und glucksen, sich gegenseitig wegen der Schiefheit ihrer Rohbauten aufziehen, zwischendurch aus Versehen kurz ein Schulthema anschneiden, es aber keinesfalls zu etwas Bedeutsamem werden lassen, dann wieder konzentriert weiterschöpfen, jede in ihrer eigenen Weise, wie sie sich gegenseitig bewundern, Ideen teilen und vor allem lachen, immer wieder lachen …

 

Ein Lebkuchenhand wird von einer kleinen Hand mit Gummibärchen und Eischnee verziert.

 

Und ich, ich darf aus der Küche lauschen, während ich stundenlang und ganz versonnen Klebemasse einrühre – mein rechter Arm tut noch immer weh:)

 

Ein Lebkuchenhaus mit Schornstein, mit Eischnee und Smarties beklebt.

 

Das kleine Glück steht in unserer Stube und baut Lebkuchenhäuser.

 

Fünf bunte Lebkuchenhäuser unterschiedlichsten Stils stehen auf einem Tisch aufgereiht.

 

 

Und als diese letztlich fertig stehen, da kommt es in anderen Formen, das kleine Glück.
Als gute Nachricht, dass er gesundet. (Und ich bald wieder Cellounterricht haben kann.)
Als Zusammensein mit Freunden, mit denen wir in ruhiger Vertrautheit am Tisch sitzen.
Als Fröhlichkeit der Tochter, weil sie nicht – wie so oft – einen Korb bekommt.
Als Hoffnungsschimmer, dass Sohnes Nikolaus- und Weihnachtspakete nun wohl doch noch bei ihm ankommen.
Als Lachsalve mit der Bonustochter.
Und nicht zuletzt als warme Freude darüber, dass das, was ich immer „Schneeballprinzip des Guten“ nenne, tatsächlich greift. In diesen Tagen bringt mehrmals direkt vor meinen Augen ein winziges Schneeflöckchen eine kleine oder große Lawine ins Rollen.

All dieses.
Ich jubele nicht. Ich freue mich still.

 

Cello #4 – Vom Klang

Das habe ich heute gebraucht, genau das.
Und ich werde es weiterhin brauchen, werde es weiterhin suchen. Auch wenn morgen vielleicht alles wieder ganz anders ist, wenn es wieder in weite Ferne gerückt sein sollte.
Heute habe ich es erfahren. Heute, als ich nach Tagen der grauen Traurigkeit und verzagten Mutlosigkeit mich dann doch ans Cello setzte. Nicht vorfreudig, nicht erwartend, mit entwöhnten Fingern, einfach nur zu meiner nach der Reise wieder aufzunehmenden Übezeit.

Ich setze den Bogen an – und plötzlich ist es da. Ein bis in die Brust vibrierender Klang. Laut, aber nicht einfach laut. Ein klares, ungewohntes Tönen leuchtet schon im Stimmton. Dann in der ersten Tonleiter. In der ersten Etüde, im ersten Übungsstück, in allem.
Das sind ganz andere Töne als die, die ich zurückgelassen hatte. Fester zwischen meinen Händen eingespannt, aufgehängt in den rechten, bogenführenden Fingern, vibrierend im linken, greifenden Finger bis hinein in die Hand, ja in den Unterarm. Gestaltet von beiden Händen, und fest mit mir verbunden.
Ein heller Paukenschlag erklingt, von meinen ausgeruhten Händen und Armen ausgehend. Als hätten diese eine Woche lang Anlauf genommen.

Was an Bewegungsabläufen für einen solchen Klang nötig ist, dies bekomme ich nun seit fast einem Jahr Cellounterricht Woche für Woche gesagt und gezeigt, dies ertaste ich seither Tag für Tag.
Der rechte Arm muss sein Gewicht auf dem Bogen ablegen. Ohne jedoch Muskelkraft einzusetzen, die Schwerkraft reicht. Der rechte Zeigefinger muss das Gewicht auf den Bogen übertragen, mal mehr, mal weniger, je nach Lage, Tempo, Dynamik, Rhythmik und Klang. All die rechten Finger müssen in einem steten Balanceakt zwischen Anspannung und Entspannung in einem jeden Moment den Kontakt zur Saite herstellen, auch wenn diese fast einen halben Meter entfernt ist (und deswegen die physikalischen Gesetze der Hebelwirkung im Weg sind). Das rechte Handgelenk  muss wie auch Ellbogen und Schulter locker sein, jedoch ohne die Spannung in den Fingern aus den Augen zu lassen.
Die gesamte linke Hand muss solidarisch zusammenarbeiten, muss all ihr Vermögen zusammennehmen, um auch noch den kleinsten, den schwächsten, den unflinkesten Finger zu stützen, wenn dieser – stellvertretend – die schwere Saite mit festem Druck auf das Griffbrett legt. Der eine Finger muss stets von den Nachbarfingern begleitet werden, welche in einer schier nicht zu vereinbarenden Vorstellung durch ihre Beweglichkeit die Statik des tongreifenden Fingers erst hervorbringen.
Der gesamte linke Arm muss aus der Schulter heraus alles geben, damit ein winziger Finger auf dem Griffbrett einen Ton vorbereitet. Der gesamte rechte Arm muss in all seinen Gelenken – und derer sind viele – zusammenspielen, damit Kraft, Bewegung und Fluss stimmig werden und Klang hervorbringen können. Der gesamte Körper umarmt das Instrument und singt im Ganzen, so dass Arme und Hände ihrem Werk nachkommen können.

Müssen müssen müssen müssen. So viele Müssen’s habe ich im Laufe der Monate erfahren, gezeigt und erklärt bekommen, selbst erfühlt und ertastet. Und nie hatte ich die geringste Vorstellung davon, wie es gelingen kann, dass das alles zusammenspielt.

Und heute war jedes Müssen aufgehoben. Heute war es einfach so da. Für kurz nur, aber es war. Meine Finger und mein Körper fühlen sich noch ganz benommen von dieser Erfahrung.

„Anderthalb Jahre braucht man, bis man auf dem Cello einen Ton hervorbringen kann“, sagte mal jemand, als ich noch nicht im Traum daran dachte, dass ich dieses Instrument eines Tages spielen werde. Damals verstand ich nicht. Heute beginne ich zu erahnen. Ob anderthalb Jahre oder drei, ob ein halbes oder zehn Jahre – es ist ein langer, mühsamer Weg, den eigenen Ton auf diesem Instrument zum Klingen zu bringen.
Bisher vernahm ich oft nur Unsauberkeit, Quietschen, Scheppern, die gesamte Palette des Unschönen. Oder es geschah alles in großer Flachheit, ohne dass irgendeine Schwingung in die Tiefe drang. Oder ich knirschte mit der Unvollkommenheit um die Wette.
Heute nun eine lichte Ahnung.

Und sogleich zog es sich wieder zurück. Denn natürlich wurde der Ton im Laufe der Übezeit wieder flacher, uneigentlicher, unschöner, entfernter, bis er ganz verschwand. Und wie er morgen sein wird, ist ungewiss.
Aber ich habe ihn wahrgenommen. Heute.

(Natürlich lese ich dies alles, wie immer, symbolisch, als eine Lebensmetapher. Es ist nicht nur Musik. Es ist – wie jede Musik – Lebenlernen.)

Die bisherigen Cello-Texte:

#3 – Spiegelbilder

#2 – Lagenwechsel

#1 – Aufeinanderzu

 

Lebensschimmern

Nun … sind diese Bilder schon wieder alt, und doch auch wieder nicht,
ist die Reise eine vergangene, und doch noch nicht ganz,
mischt sich ein fortgesetztes Bunt aus Lebensfroh, Verwurzelung, Gereiftsein und Lichtspiegelungen, während tief unter der Decke neue Keime wachsen, damals, als die Bilder vermeintlich entstanden, und heute. Ja, heute besonders.

schimmern (1)

Der Weg verlief und verläuft ja nicht immer so geradeaus wie hier, blieb und bleibt nicht ohne Hindernisse, wurde und wird nicht auf jedem Meter behütet von schützenden Baumdächern. Und doch setzt sich am Ende, in der Rückschau, die Leichtigkeit. Ja, vor allem diese.

Geborgen und geschützt von einer schwebenden Dachkrone, tief bis zur Erde reichend,
wächst, was zu wachsen sich einst anschickte, der Schwerkraft sich widersetzend.
Und im Farbentanz ist Leben, so viel Leben.

Wohin sich das Rot noch ranken wird? Wohin hinauf? Wohin hinunter? Und welche Rolle spielen schon Richtungen und Orte?

Was im gelbgoldenen Schimmer noch erstrahlen wird? Und was nicht? Wie durchscheinend er sein mag? Und wie verbergend? Und ob er wohl als Lebenshintergrund trägt?

Lang ist es vorbei, dass man mir sagte „Auf die nächsten … Jahre“. Gleichgültig, wie viele es noch sein werden: Wenn nur Raum ist für die Farben des Lebens, für alle Farben.

schimmern (18)

Und wenn sich nur über allem der Himmel nie ganz verdunkelt, dann will ich’s schon zufrieden sein.

schimmern (19)

Danke für alles, was war.
Danke für alles, was ist.
Danke für alles, was wird.

(Diese Bilder – hier lebensreisegelesen – stammen von einer wirklichen, konkreten Reise, einen Monat mag sie her sein. Andere Bilder jener Reise-Tage sind diese und diese.)

 

Baumwandelweg #9

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Schritt. Noch ein Schritt. Und noch einer.
Auf wen zu? Auf was zu?
(Dabei weiß ich doch: Zu Dir, zu meinem Baum. Jetzt. Für einmal mich lösen aus der Schwere.)

Es geht sich zäh. Alles voller Bodenleim. Bleiernes Waten.
Ein Willkommen lässt sich in diesen Tagen kaum spüren. Erstarrung des Umgebenden. Oder bin das ich, deren Lebendigkeit sich verschlossen hat?
Funktioniere. Als Imperativ. Gib nur nicht zu viele Gedanken hinein.

 

Ein großer Baum, ein kleiner Baum. Kahl schon. Vor einem leicht abendrötlichen Himmel.

 

Freitag Abend. Das, was Ferien heißt, hat begonnen. Im Kalender steht: Zum Baum gehen. So weit ist es schon.
Am nächsten Tag fährt der Zug in den Norden. Unter dem blauen Himmel dort flackern Erinnerungen an andere Zeiten.

Und wieder Schritt.
Um Schritt.
Um Schritt. Um Schritt.
Es hallt in den Gassen, was im Innern an Resonanz fehlt.

Ich schaue hinauf dabei, ganz hinauf in unendliche Weiten.
Immer findet sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel öffnet, zeigt, weitet, entfaltet, empfangend schenkt.

 

Rötlicher Abendhimmel über Schemen eines Dorfes.

 

 

Rote Abendlichtsilhouette eines kahlen Baumes.

 

Nun, es bleibt zu betrachten. Das alles.

 

 

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Baumwandelweg #8

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Ein großer und ein kleiner Baum im rötlich-herbstlichen Abendlicht. ImHintergrund spielen Wolken am Himmel.

 

Welch ein Licht!

 

Eine hügelige Feldlandschaft im rötlichen Abendlicht.

 

 

Ein rötlich beleuchtetes Feld vor einem wolkig lichtdurchspielten Himmel. Im Vordergrund der langgezogene Schatten der Fotografierenden.

 

Mehr möchte ich gar nicht sagen zu diesen Bildern, zu meinen Wegen am frühen Samstagabend, und zu diesen Tagen überhaupt.

 

 

Doch, eines noch: Wie wichtig es immer wieder ist, den Blick auf das Kleine, Unspektakuläre zu richten.

 

Äpfel am Boden, eine bunte Mischung aus unreifen, reifen und verfaulten Früchten.

 

 

Goldscheinende Gräser im Gegenlicht.

 

Und auf das Große.

 

Gegenlichtaufnahme. Unter den Wolken lugt eine Sonne hervor. Unten breitet sich ein Feld aus.

 

 

Ein Himmelsblick, gesäumt von Wolken und Baumkronen.

 

Danke.

 

 

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Baumwandelweg #7

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Du Baum, Du.
Als hättest Du mich gerufen. Lange war ich ja nicht da, konnte nicht da sein. Nun bin ich zurück. Und Du lässt mir keine Ruhe. Wenige Stunden erst ist es her, dass ich unter mein Dach zurückgekehrt bin. Und schon laufe ich zu Dir, den Hügel hinauf, in der Abendhitze, über die versengt wirkenden Felder. Dabei sind sie nur abgeerntet. Der Sommer ist am Gehen.

Und Du stehst. Stehst wie seit Jahr und Tag. Wie jedes Mal, wenn ich Dich besuche. Aus fast unverändertem Antlitz blickst Du mich an, und ich staune. Über diese Konstanz, diesen Gleichmut, diese Beharrlichkeit, sich den Zeiten nicht auszuliefern. Oder kaum. Ein wenig ja schon. Zartfarbig leuchtet es aus Dir, Deine Früchte sind am Reifen. Deine Blätter haben sich noch dunkler gefärbt. Während Dein kleiner Bruder begonnen hat, sein Blattgewand zu lichten. (Schon?) Und das Dich bergende Feld ist im Schwinden begriffen. Nur bei Dir: Alles beim Alten.

(Was für ein langweiliges Motiv habe ich da gewählt, denkt es in mir. Für ein Projekt, welches den Wandel zeigen möchte, ein schier unbewegliches Objekt zu suchen, das ist mir ja wieder gelungen. – Der innere Zensor nimmt sich seine Macht, und ich, ich habe zuweilen keine Kraft, ihm Einhalt zu gebieten.)

 

 

Ich gehe also auf Dich zu. Es scheint leicht, sich Dir zu nähern, aus der Ferne gesehen. Kein Feld ist mehr zu durchwaten, es ist zu einer staubigen Kruste geworden, welche ein Querfeldein erlaubt. Doch je näher ich komme … Der Boden liegt voll von Deinen Früchten. Ich mag sie nicht zerquetschen, ich suche mir einen Pfad. Doch da sind Wespen. Tausende von Wespen. Und ich trage Sandalen ohne Socken. Mein Blick starrt ihn an, den schmerzenden Stich, der mich jederzeit treffen kann, da schwingt Angst in jedem Schritt.

In einigem Abstand bleibe ich stehen. Dein Stamm scheint unerreichbar, ich habe keinen Mut für den Weg durch dies Unberechenbare. In Dein Oben zu schauen, dies ist mir leichter. Schon bin ich Deiner Krone nahe. Das Lichtspiel der Blätter fasziniert und macht neugierig. Wie mag es ausschauen, wenn ich leicht nach links blicke und gehe? Und leicht nach rechts? Wenn ich den Blick wandele? Wenn der Blick mich wandelt? Mich wandeln lässt …

Bis ich plötzlich bei Dir bin. Unvermittelt finde ich mich an Deinem Stamm wieder. — Welche Schritte sich setzten, welchen Weg die Füße genommen habe, dies wird sich mir nicht mehr erschließen. Es ist auch nicht wichtig. Ich bin ja da. Ich bin gegangen. Es ist gegangen. Wie von selbst.

Ich bin zu Dir gekommen. Doch hinsetzen – wie sonst – dies ist heute nicht möglich. Noch immer liegen unter mir Früchte mit Wespen. Ich stehe am Stamm, lehne mich an. Ein Kompromiss. Manchmal braucht es Kompromisse. Das Leben ist kein … naja … keine Sprüche jetzt, bitte.

Ich lehne also an Dir. Es ist mühselig. Die durchgedrückten Knie melden sich, sie mögen die Anspannung nicht. Vor meinem Auge fliegen Fliegen über Fliegen. Vor meinem Ohr tun sie dies auch. Lautes unruhiges Gewirr, kaum kann ich das Rascheln Deiner Blätter vernehmen. Aus der Ferne nähert sich eine Menschengruppe. (Wie selten geht jemand hier spazieren, denke ich in diesem Moment.) Lärmendes Reden, schreiendes Zurückrufen des Hundes, der schon auf dem Weg zu mir ist. Auch das noch. Ein Riese springt an mir hoch, bellt, will lecken, ich mag das so gar nicht. Und unter mir immer noch tausende Wespen.

Fast lache ich los. Ein Lachen der Hilflosigkeit. Was alles mich heute von meinem ruhigen Sein abhalten will. Fliegen, Wespen, Menschen, Hunde. Sie alle zerren an mir, dass ich mich von mir wegbewegen solle. Eine wahre Lektion spielt sich um mich herum ab. Ein Symbol meines Alltags, meiner Beziehungen, meines Selbstbildes, meines gesamten inneren Wirbelns. — Wo ist mein Stamm, an den ich mich lehnen kann, bei all dem?

Da! Da bist Du ja! Wie lebendig Dein Stamm meinen Rücken berührt! Was da alles strömt.

Ich atme. Aus und ein. Ein und aus.

Wir stehen ja. Wir haben ja Ruhe. Wir sind ja.
Einfach nur hier. Oder da. Je nachdem.
Ich stehe. Ich finde Ruhe. Ich bin.

Es ist mehr Baum in mir, als ich immer ahnte. Ich bin mehr im Baum, als ich zu hoffen wagte.
Ich – Du – Er – Wir.
Und noch viel mehr.

Danke.

Sie wollte mir eine Geschichte erzählen, diese Ruhe, in der Du die Gezeiten und Stürme durchstehst. Während ich hier schrieb, öffnete sich mir eine Tür. Durch einen winzigen Spalt blickte ich hinein in das Es …

 

 

 

Und als ich dann von Dir ging, vorgestern war es, da war ich bereit für weitere Schritte. Ich folgte dem Weg, den ich so oft schon wählte, heute die lange Runde. Vertrautes, oft Gesehenes.
Heute im Licht, das Konturen sichtbar macht, das Farben schenkt, das wärmt.
(Und dass die Bilder fast schon als Kitsch durchgehen könnten, ist mir für heute egal. Manchmal verweise ich Herrn Zensor eben einfach an seinen Platz:))

 

 

 

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Baumwandelweg #6

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Da ich an diesem letzten Monatssonntag schon weg bin, nicht mehr in Baumes Nähe, habe ich ihn mir mitgenommen. Als Bild, aufgenommen am letzten Tag zu Hause.
Am letzten Tag, es war der Mittwoch, als es morgens im Schulhaus noch wie im Taubenschlag zuging, als gegen Mittag die Zeugnisse verteilt und die somit jetzigen Sechstklässler in die Ferien verabschiedet waren, als wir KollegInnen dann zu einer letzten Dienstbesprechung und einer langandauernden Kolleginnenverabschiedung zusammensaßen, als die Arbeitsplätze in Lehrerzimmer und Physiksammlung von allerlei Gegenständen – was sich über ein Jahr so ansammelt! – befreit werden mussten, als ich am späten Nachmittag müde, gehetzt und endlich zu Hause eintraf, als ich die Kinderzeugnisse sah (und feststellte, dass der Sohn das seine überhaupt nicht richtig angeschaut hatte:)), als ich einen Blick auf den Fortgang der Urlaubsvorbereitungen warf und feststellte, dass es nun gilt die Beine in die Hand zu nehmen, wenn wir wie geplant am nächsten Morgen abreisen wollten, als ich noch einmal ausflog, um letzte Einkäufe zu tätigen, als vor mir nur noch ein Abend und eine Nacht, aber Unmengen zu packen zu tun zu packen zu tun lag, als schließlich noch das Essen für die Fahrt und das Haus für die Abfahrt vorzubereiten war, als es also über Stunden und Stunden so wirbelte wie es dieser Satz hier tut …
… da riss ich mich zwischendrin einfach los und ging zu ihm, meinem Baum. Ging zu ihm, lehnte mich an, atmete durch, kurz oder lang? ich weiß nicht mehr, jedenfalls: Es tat gut. Auch wenn ich diesmal blind war, nicht richtig bei ihm, wenn ich nicht wahrnehmen konnte, welche Bewegung, welche Veränderung er erfahren hat, in welche Form es ihn gezogen hat und zieht.

 

 

Es tat gut.
Danke.

Und nun sind wir verreist, erst an dem einen Ort, später an einem anderen.
Pünktlich zum nächsten Monatsende, zum nächsten Monatsbild werden wir wieder da sein. Dann – so hoffe ich – mit mehr Ruhe, mit mitgebrachtem Ferienfrieden, mit einem neu geöffneten Blick …

 

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hinauswinden

So Tage und Zeiten, in denen das Gefühl der Verlorenheit übermächtig ist, der Hilflosigkeit, des Versinkens in einsamer Verdorrtheit. Als fünftes Rad am Lebenswagen dem wirbelnden Treiben der Welt zuschauend, hält eine Wortlosigkeit das Zepter fest in der Hand.
Sehnsüchte ziehen vorbei, so viele Sehnsüchte.
Danach, Teil von etwas zu sein. Nicht übersehen zu werden. Umsorgt zu sein. Nach einem Blick aus warmen Augen. Danach, dass jemand fragt: Wie geht es Dir? Wie geht es Dir wirklich?

Graue Tage sind Kleinmädchentage.
Nur: Jetzt bin ich schon ein wenig größer. Kann mich besser durch diese Zeiten atmen und danach wieder emporfinden. Aus langer Erfahrung heraus, vielleicht. Und weil ich – vermutlich – seither gewachsen bin.

Und so suche ich. Und beginne zu verwandeln.

Einsamkeit tönt allmählich wieder wie gutes Alleinsein. So dass die Musik in mir und um mich eine Chance bekommt. Ich bin ihr zugewandt und nicht taub, wenn der Sohn spielt – und wie! -, und wenn die Stimmen in mir endlich wieder mit dem Celloklang mitsummen.

Schmerzende Traurigkeit wird zu sanfter Melancholie, die mit ihrem wiegenden Rhythmus zu trösten und zu betten weiß. Aus hilfloser Umherirrerei entsprungen, liegen plötzlich Wege und wogende Wellen vor mir. Ich laufe zu meinem Baum und lasse Tränen über die Wangen rollen.

Mitten in meiner wortlosen Erstarrung keimt eine Ahnung von Bewegung. Wenn ich auch zunächst nur das banale Hin und Her eines Putzlappens, eines Rechens, eines Küchenmessers als bewegt erfahre. Es dehnt sich und reckt und streckt sich, dieses Bewegtsein, bis auch meine inneren Pendel meditativ mitschwingen.

Erste Wörter krabbeln hervor, purzeln kreuz und quer, heben auf dem noch staubigen Boden zu tanzen an. Sind bereit für einen Reigen, dessen Hände ich nur noch ergreifen muss. Ich schaue staunend. Und ziere mich noch ein wenig. Noch.

Einmal mehr bleibt mir nur zu atmen.
Und zu danken.

 

Baumwandelweg #5

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Du lieber Baum,

so hatte ich mir das ja nicht vorgestellt. Dass ich mich so selten – nicht einmal jede Woche – zu Dir auf den Weg machen würde. Dass mir so oft die Zeit zum Tagesende doch nicht reichen würde. Dass mich, bei allem Wünschen und Wollen und Sehnen, stets andere Dinge von der kurzen Reise in Deine Welt abhalten würden.

Dabei tust Du mir gut. Unendlich gut, möchte ich emphatisch ausrufen. Von jeder kurzen Reise zu Dir komme ich beschenkt und gestärkt zurück. Ich bringe Bilder mit, die – eingebrannt in die Seele – weitertragen durch meine Tage. Ich darf mich bei Dir anlehnen – und gehe hernach leichter meine eigenen Schritte. Ich sehe Dein Ringsumher, eine Welt des Blühens, Reifens und Vergehens, und fühle mich getröstet. Alles wird leichter, wenn ich nur kurz bei Dir war.

Nun, ich bin wohl nicht besonders gut darin, gut auf mich aufzupassen. Sonst käme ich viel öfter. Vielleicht kann ich dies noch lernen. Für den Anfang aber haben wir wenigstens diese monatliche Begegnung, durch das äußere Ritual des Fotoprojekts fest vereinbart. Vor dieser fliehe nichtmal ich:)

Danke für die Geborgenheit, die Du mir gestern schenktest. Die Felddecke um Deinen Fuß hat sich nun deutlich sichtbar in die zweite Jahreshälfte aufgemacht. Kaum kam ich noch durch zu Deinem Stamm.

Doch dann sitze ich, rücklings an Dich gelehnt …

 … und schaue in all die satte Reife, die wärmenden Farben des erwachsenen Korns. Die zuweilen schmerzlich schnell verlaufende Zeit hält für einen Moment inne, nimmt mich bei der Hand und zeigt, dass es gut ist, so wie es ist. Dass Felder und Bäume eben reifen. Und Kinder auch.
Ja, der Sohn zum Beispiel. Noch nennt man ihn nicht erwachsen. Aber gemessen an dem kleinen Bündel, welches ich vor fast 16 Jahren im Arm hielt, ist er es eben doch. – Noch knapp 11 Wochen, bis er weggehen wird. Für lange, und ein bisschen schon für immer. Knapp 11 Wochen, von denen wir kaum eine Handvoll noch gemeinsam verbringen werden. Eine kleine Träne darf ich darum weinen, an Deinen Stamm gelehnt. Ich lerne die Lektion ja dennoch.

Weitergehen.
Obwohl zu Hause die Korrekturen, das Abendessen, die Wäsche, die Schulliste wartet, gehe ich weiter. Wenn auch nicht die große Runde.
Viele Spuren …

… in regelmäßigen und unregelmäßigen Schwüngen. Stimmt meine Vermutung – ich bin ja doch ein ewiges Stadtkind – dass diese Spuren schon mit der Aussaat gelegt werden, dass sie, anfangs noch unsichtbar, bereits im Boden angelegt sind, wenn das Korn noch nicht mal seine Spitzen ans Licht zu strecken beginnt?
Und ist das nicht wie mit meinem Tages-, Wochen- und Jahreslauf? Seine Richtung ist seit langem feststehend. In welchen Spuren sich mein Familien- und mein Schulleben bewegen wird, dies habe ich vor langer Zeit entschieden. Dass mein Leben und Alltagsleben damit überwältigend prall und zuweilen überfordernd gefüllt sein werden, diese Spur habe ich bewusst gesetzt.
Ich seufze. Es stimmt ja, Ihr Spuren. Ich gehe Euch. Es ist alles gut, wie es ist. Mögen da auch 120 Korrekturen auf dem Schreibtisch liegen, und die Kinderterminliste nie abreißen. Es ist gut.

Es ist gut.
Dieser Satz trägt mich nach Hause. Im goldenen Farbenrad der Felder und unter dem fallenden Abendlicht …

… wird plötzlich klein, was mich vorhin noch ganz verzagt gemacht hat.
Dass plötzlich der Kühlschrank seinen Geist aufgegeben hat und die Jahreszeit eiliges Handeln gebietet. Dass sich das Durcheinander nicht lichten will. Dass der so wichtige Kontakt holpert und im Moment durch nichts zu glätten ist. Dass sich die Versicherung schon wieder nicht meldet. Dass ich vor dem Brief sitze, Wort um Wort zusammenstolpere und doch am Ende immer alle verwerfe. Dass ich mit vielem zu spät dran bin …

Ich schaue den Himmel an, und Dich, Du Baum.
Dann werden diese Dinge klein.
So wie sie zu sein haben, weil sie es sind.

Und in mir wird es weit.
Weil es so zu sein hat?
Nein, dies ist Geschenk. Weitwerdendürfen ist Gnade.

Danke.

 

 

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Mittsommernacht

Es hallt in mir wider, dieses Feuer,
das mir noch vor kurzem hier bei mir, in meinem Garten, überhaupt nicht vorstellbar schien,
das – oder: dessen bergende Schale – ein wenig zufällig hierher fand,
so dass ich es gestern, als der (All)Tag voll und hitzig und bis zur Erschöpfung drückend sich seinem Ende zuneigte, entzünden konnte,
verwindend und verwandelnd das Unleichte eines Tages, der zum Entmutigen geeignet gewesen wäre, hätte ich dies zugelassen,
weil mich nämlich sehnte nach einem sanften Ausklang der Schwerigkeit, und ja – in größerem Bogen geschwungen – dieses gewachsenen hellen halben Jahres,
weil ich hineingeben wollte von meinem Gewesenen und herausziehen wollte für mein zu Werdendes,
weil das Helle – in mir, in der alles umfangenden Dämmerung, im Ahnen – sich zu verbinden trachtet mit elementarem Licht, wie die Flamme es schenkt,
weil mein irrender Blick zu sich und in mich hinein findet durch das Tänzeln der Flamme um ihre Mitte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und während sich vor meinen Augen alles zu Glut wandelt, belebt mich innerer Tanz.

In Demut.
In Dankbarkeit.
In Hingabe.

Alltagsglück #2

Eigentlich sind wir ja noch auf Reisen. Was uns soeben geschah, ist also nicht direkt Alltagsgeschehen.
Andererseits könnte genau solches im Alltag geschehen, hängt es nicht vom Reisesein ab, ist dies nur zufällig ein Unterwegserlebnis.

Wir kommen auf einen Campingplatz. Dies ist immer Lotterie, zuweilen sind die Plätze eng, dicht, voll, man steht mit seinem Minizelt manchmal zwischen großen Wohnwagen und fühlt sich bedrängt. Oft ist es mit den benachbarten Zeltenden schwierig, da einer den anderen als zu nah empfindet oder die gegenseitige Lautstärke nicht zueinander passt. Am glücklichsten bin ich immer, wenn ich weit weg von anderen mein Zelt aufschlagen kann, wenn die Kontakte also spärliche oder gar keine sind. Darum ist dieses heutige Erleben so besonders.

Es beginnt schon in der Rezeption, in die wir hineinstürmen, da ein Gewitter uns jagt und wir gern noch im Trockenen aufbauen würden. Ich sollte heut noch Lotto spielen, sagt der Zeltwart, es ist just ein Wasserblickplatz frei, einer von fünf. A23. Wir sollten schnell aufbauen gehen, anmelden könne man auch bei Regen.
Es fühlt sich ja schon unbehaglich an, so eine Parzelle zwischen Wohnwagen zu bekommen und nicht auf die große Zeltwiese zu gehen. Die Tochter sagt gleich, wir sollten noch andere Radler mit auf die Riesenfläche nehmen. Ja. Es kommt bloß niemand mehr:)
Jedenfalls denke ich noch ein paar Sekunden darüber nach, wie wir jetzt unter Beobachtung zwischen den Wagenburgen sind, und wie sich unser Minizelt wohl ausnehmen wird, in welche Ecke des Areals wir es stellen sollten, damit wir uns behaglich fühlen könne. Und schon geht es los …

Zwei recht kleine Mädchen kommen. Mit einer Vierteltorte und Papptellern. Sie hätten die auch geschenkt bekommen, und nun wollten sie weiterverschenken. Wir hätten doch bestimmt Hunger nach der Fahrt. Ich bin ganz verdutzt. Wir nehmen uns zwei Stück und sind völlig perplex: Torte zum Campingplatzempfang.
Bald darauf kommt eine junge Frau vom Wohnwagen schräg gegenüber. Es würde ja gleich losgewittern. Wir dürften gern unsere Räder bei ihnen unterstellen, sie könnten den Tisch im Vorzelt wegschieben, dann wäre Platz für die Räder. Und für uns auch, sagt sie. Und schaut zum gewitterdrohenden Himmel. Ich bin überwältigt. Dies ist mir auf einem Zeltplatz noch nie passiert.
In der nächsten Minute – wir bauen eilig das Zelt auf – kommt die Nachbarin von links. Ob wir Hilfe bräuchten. Und ob wir zu trinken wollten. Wo wir heute herkämen. Und ihr Dach stünde uns offen. Dort lugt auch schon die kleine Lena hervor. Die nach kurzem Anlächel-Warmup mit der Tochter für den Rest des Tages fest mit dieser verschweißt sein wird.
Ich bin immer noch perplex, wie offen hier alle ihre Hände anbieten, als der Nachbar von rechts einen Hammer bringt. Weil er aus dem Saarland gerade Orkan-Hagel-Horror-Wettergeschichten höre. Und falls dies auch hierherkomme, da sollte ich die Heringe mal besser nicht nur mit dem Fuß eintreten. Er fragt, ob er noch irgendwie helfen könne.
Später kochen wir, die kleine Lena setzt sich fasziniert dazu. Sie isst mit – ihr eigenes Abendessen hatte sie stehenlassen, war mir nicht entgangen:) – und fragt nach dem Essen, ob sie beim Abwaschen helfen dürfe. Ein Kind zum Fasziniertkopfschütteln:)
Kaum haben die Mädchen gespült, kommt ein weiterer Zeltnachbar von schräg gegenüber, ob es uns gut gehe. Ob er mich zum Bier einladen dürfe. (Darf er:)) Wohin unsere Tour weiterginge …

Ich bin wirklich überwältigt. Mittlerweile haben wir alles im Zelt, dieses ist himalajafest vertäut, die kleine Lena hilft eifrig mit, nun auch noch die Räder sturmfest festzuzurren, und alle Menschen ringsum waren und sind für uns da. Was für ein warmes Erleben.

Kurz darauf trübt sich dies noch einmal ein – wie gewonnen so zerronnen, denke ich kurz – als sich vier Angler just vor unserem Zelt niederlassen, unser im Vorzelt gekochtes Essen vollqualmen und zwei Meter vor unserer See-Idylle laut palavern. Bis ich mir ein Herz fasse, sie ruhig anspreche, darum bitte, dass sie nicht gerade in meinem Zelteingang sitzen mögen, die Seen seien doch so groß – und sie schließlich mit ihren Stühlen, Bierflaschen und Rauchfahnen abziehen.

Seither sitze ich am See, atme die Stille ein, bin noch immer am Wundern und Michfragen: Warum gelingt uns Menschen dies nicht immer und allezeit: Füreinander da sein. Aufeinander zu gehen. Zugewandt schauen, was die und der andere braucht.

Entschuldigung, ich bin noch unterwegs. Mein Schreibgefühl hat noch nicht wieder zu mir gefunden. Vielleicht liest es sich daher holprig. Aber ich wollte es unbedingt erzählen: Wie viel Gutes ist uns in wenigen Minuten geschenkt worden. Wie offen sind die Menschen – ALLE Menschen ringsum! – auf uns zugekommen.

Wie gut können wir Menschen es miteinander haben. Wenn wir einander nur anlächeln, uns gegenseitig helfen, füreinander da sind.

Es war heute fast wie in Utopia. Jedenfalls aber: Es war ein Alltagsglück, das ich mitnehmen werde von der Reise. Und das wir weiterteilen sollten. Lasst uns aufeinanderzu gehen …

Elf Dinge …

… die ich an Dir liebe …
Mein klein-großes Geburtstagskind mit Deiner ersten Schnapszahl („Der einzige Schnapsgeburtstag im Leben, an dem ich keinen Schnaps trinken darf.„:)), mir wird es sicher leicht fallen, für jedes Deiner Jahre eines zu finden. Also los:

Deine tanzende Lebensfreude,
mit der Du aus dem Nichts heraus alle in Dein Strahlen mitreißen kannst. Du springst und schwingst durch den Raum, ganz gleich, ob laute Musik ertönt oder Du sie nur in Deinem Innern hörst. Du greifst uns an den Händen, damit wir mit Dir tanzen. Bis wir es tun. Bis wir alle mitgerissen sind von Deinem unbändigen Wirbeln.

Dein so offenes Herz,
in dem andere Wesen, ob Mensch, ob Tier, ob Blume, Platz finden. Du schaust hin, fühlst Dich ein, Du verstehst. Du bist mittraurig für andere, weinst mit, bist mitfröhlich, lässt Dich von jedem Lächeln und Lachen anstecken. Du nimmst mit Deinem Blick alles in den Arm und versuchst es zu wärmen.

Die Lieder, die aus Dir singen,
auf dem Cello, mit Deiner Stimme, mal laut herausgetönt, mal leise vor Dich hingesummt, während Du auf einer Blumenwiese träumst, es singt und klingt immer aus Dir.

 

 

Deine in alle Richtungen aussprühende Neugierde,
ob Vulkanausbrüche, abstrakte Gemälde, schreckliche Weltereignisse oder Streit zwischen nächsten Menschen, der sich Dir nicht erschließt – es gibt keine Frage, die Du nicht stellst, und keine Antwort, die Du nicht aufsaugst. Um sie – nach eventuell wochenlanger Pause – in eine neue Frage münden zu lassen.

Deinen lebendig plaudernden Mund,
wenn dies oder jenes geschehen ist, wenn Dich etwas ergriffen hat, wenn Du mit jemandem mitbebst, wenn Du etwas ungerecht findest … Alles alles erzählt dann aus Dir, manchmal möchte ich einen Schalter suchen, doch nein, ich fühle mich auch durch stundenlange Fußballspielschilderungen und minutiöse Schultagsdarstellungen beschenkt, denn immer spricht aus Dir so viel mehr als nur das tatsächlich Erzählte.

Wie es Dich zornig macht, und fassungslos,
wenn Du Ungerechtigkeiten entdeckst, die kleinen in der Schule, die großen in der Welt. Du stampfst mit dem Fuß auf und zeigst in Deinem bebenden Körper, dass dies alles so nicht bleiben darf. Du erklärst auch gleich warum, und wie man es anders machen könnte. (Ich möchte für die Welt hoffen, dass Du dies nie nie nie verlernst.)

Deine Tapferkeit,
so vieles auszuhalten. Ja, es war viel in den letzten Monaten. Du hattest lange mit Dir gerungen, bevor Du etwas erzähltest, und dann flossen auch Tränen, viele Tränen. Aber durch die Tränen hindurch hast Du uns fragend angeschaut, hast offen zugehört, welche Ideen wir für Deine Lage haben – es war manchmal gar nicht so leicht, dies auszuhalten, oft wollte ich mitweinen – und hast gekämpft, immer wieder. Bist nicht nur einmal über Deinen Schatten gesprungen, hast so vieles gewagt. Und nun hast Du ein bisschen was erreicht, für den Moment jedenfalls hat sich Deine Situation verbessert, wie stolz Du auf Dich sein kannst.

 

 

Deine Ausdauer,
wenn Du etwas willst, dann willst Du es. Deine Ideen sind unerschöpflich, um es zu Wirklichkeit werden zu lassen. Ob Du per Rad auf einen Berg strampelst, eine Familienausflugsidee gegen uns andere durchsetzen möchtest oder sich die Wolle um Deine Häkelnadel immer weiter verwickelt, Du gibst nicht auf, wo andere längst den Sattel verlassen, sich gefügt oder den Faden abgeschnitten hätten. Du machst weiter. Und immer arbeitet Deine Zunge eifrig mit:)

Dein kreatives Chaos,
um es mal vorsichtig zu formulieren:) Was Dich überkommt, das muss geschaffen werden. Unser Haus ist überreich an Deinen Kunstwerken, Deinen Bildern, Deinen Geschichten, Deinem Geformten. Oft lässt Du es genau dort, wo es Dir eingefallen ist. Doch Stolpern über die Dinge, das ist das Problem der anderen:)

Deine Gelassenheit,
vor allem mit meiner Nichtgelassenheit. Ich glaube, Du verzeihst vieles. Immer wieder, wenn sich in mir etwas aufspult, kommst Du angekuschelt und sagst, noch bevor Du mich damit vollends eingewickelt hast, erstmal in ganz ernsthaftem Ton und zuweilen mit erhobenem Zeigefinger: Chill down. Gesagt getan, Du schaffst es immer:)

Deine „Kuschelattacken“,
wie Du sie nennst. Wenn Dich das ungestüme Bedürfnis nach Nähe überkommt, gibt es kein Halten mehr. Mal wild mal sanft springst oder krabbelst Du auf einen Schoß oder lehnst Dich an, und dann lässt Du Dich fallen in „das Beste auf der Welt“, wie Du das Kuscheln nennst.

 

 

Dies alles, meine kleine Große, dies alles und noch viel mehr liebe ich an Dir, unendlich, bis zum Mond und zurück, wie Du immer sagst. Jetzt beim Schreiben fällt mir immer mehr und mehr ein, was ich hier aufzählen könnte. Du darfst also getrost auch 12, 17, 37 oder 99 Jahre alt werden, meine Liste wird nicht leer bleiben:)

Welch ein Geschenk, dass Du vor 11 Jahren zu uns gekommen bist!

Danke!

 

 

Alltagsglück #1

Einen Dienstort in 35 km Entfernung könnte man als Anlass nutzen, um sich zu ärgern. Oder aber, um eine kleine Radtour drumherum zu bauen.

Es ist früh, als ich aufbreche, hinauf und hinab ins Tal, das zum Fluss führt.
Wie sogleich die Bluse im Wind flattert, und der Wind in der Bluse. Ich bin schon da.

 

 

Der Fluss schenkt seinen weisen Lauf und nimmt mich an die Hand, damit meine Bewegung nicht stockt. Ich rolle und rolle, an seiner Seite durch die große Stadt hindurch, auf altbekannten Pfaden ins jenseitige flache Land.

 

 

Dort dann, am Dienstort, widme ich mich meinen Aufgaben, fokussierter und klarer als häufig, während in mir stille Vorfreude auf den Rückweg blüht. Über die Hügel werde ich fahren, schließlich muss ich nicht wie vormittags in gefasster äußerer Form an einer Arbeitsstelle ankommen:)

Windjacke, Fleeceshirt und Schal auf dem Gepäckträger schmunzeln leise, während ich in Sommerhitze hinauftrete. Die Sonnencreme ruft laut von zu Hause aus, dass ich sie vergessen habe. Man wird sehen, morgen auf meiner Nase.
Heute aber, heute hier zu fahren, war meine beste Idee seit langem. Gemäß diesem hier:
Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde. (Franz von Sales)

 

 

Welch kleine feine Dörfer, die mir bisher entgangen sind. Welch Landschaft zum Verlieben. Ich frage mich, warum ich dies bisher kaum getan habe.

 

 

Lediglich, dass keine Eiscafés am Wegesrand liegen … nun ja … kurz vor dem Heimatdorf findet sich doch noch eines. Dafür, dass morgen ein prallevoller Schultag und noch nichts vorbereitet ist, sitze ich in größter Gelassenheit dort und habe die Ruhe weg. Ich wundere mich selbst.

 

Von Zeit zu Zeit die Augen öffnen für das klein-große Glück am Wegesrand …

 

Als Gefäß

Binnen weniger Tage, Stunden fast, begegne ich ihnen allen, was für ein Zufall.
Sie, deren Schwester starb, kaum zwei Wochen ist es her.
Sie, die selbst den Krebs in sich trug. Und trägt, wer weiß.
Er, der, fast als Kind noch, seinen Vater verlor, über lange Zeit schon, endgültig aber erst vor wenigen Monaten.
Sie, deren Tochter ging, noch keine zwei Monate ist es her.

Vier Begegnungen an nur zwei Tagen. Vier intensive Gespräche. Gespräche, in denen ich vor allem zuhöre. Ich frage auch ein wenig, aber eigentlich höre ich zu. Dem Klang, dem Gesang des Fließens.

Ein Fließen, gebettet in die weite Mulde der Trauer.
Ein Fließen von Lebensfreude, von sonnebeschienenem Lebenwollen, Weiterlebenwollen, von purem Glück am kleinen Moment, von Innigkeit in unverstelltem Aufeinanderzu.
Ein Fließen von Mut und Kraft, sich dem zu stellen, dem allen. Der Forderung, einander eher loszulassen als man es je wünschte und ahnte. Der Dichtigkeit einer viel zu schnell hinauströpfelnden Lebendigkeit. Der unvermittelten Augenöffnung über das, was wir sind, was uns ausmacht, und was auch nicht. Dem Wandel im Sein, in jeder Faser des Seins, wenn man sich der Sprache des nahen Todes nur nicht versperrt. Der Aufgabe – und dann: dem Geschenk – das kleine Zarte als Großes zu spüren, und das bisher übermächtige Unwesentliche abzustreifen. Der unfassbaren Endgültigkeit. Dem ebenso unfassbaren Licht, in das plötzlich alles getaucht ist. Der Ehrlichkeit in allen Begegnungen, die nun folgen, Ehrlichkeit, die schmerzt, Ehrlichkeit, die guttut. Dem Abschied. Dem Neubeginn.

Was für ein Strom, der da fließt.
An seiner Oberfläche glitzert es. Sonnenfünkchen spiegeln sich und tanzen, geführt und gestreichelt vom Wind, dem behutsamen. Über allem ein Himmel. Dieser gute Himmel in seiner Weite.

Dankbar bin ich für diese Gespräche, für die Worte, die mit mir geteilt wurden, und für ihre stumme Fortsetzung in mir. Gern bin ich Zuhörerin. Was ich höre, trage ich mit. Was ich höre, trägt mich mit. Es durchflutet, es schenkt Geborgenheit im Leben. Es strahlt auf mein Sein, ich fühle mich beschenkt. Wie in ein Gefäß lasse ich alles fließen, was Ihr erzählt, was der Tod spricht. Es ist Gelegenheit, sich einer Verwandlung anzubieten. Jede und jeder für sich. Wir zusammen.

Und doch, bei allem Tröstlichen und Lichten … diese Gespräche, diese Häufung in den vergangenen Stunden, die muss ich erst einmal veratmen, die muss ich deponieren. Noch weiß ich nicht wohin. Diese wenigen Worte hier sind nur ein zögerlicher, unbeholfener Anfang.

enturteilt

Da gibt es etwas, das Du Dir sehnlichst wünschst, etwas, das Du nie anders denken konntest, als dass es so wird wie Du es Dir vorstellst, eine dringende Herzenssehnsucht.
Und dann … dann ist plötzlich alles anders. Dann kannst Du dies nicht bekommen, darfst es nicht leben, wirst nicht in diesem sein, was Du so sehnlichst bräuchtest.
Bäm.
Es gibt keine Schuld, keinen Schuldigen, der dies verursacht hat, es ist einfach eine ungeschickte Fügung. Ein Stück Universum hat sich quergestellt, einfach so.

Wiederum gibt es jemanden, der die Situation auflösen könnte, ein einziger Mensch, der vielleicht eingreifen könnte. Wenn er wollte. Wenn er Dich verstünde. Wenn er die Dringlichkeit deiner Herzenssache mitfühlen könnte. Wenn wenn wenn. Denn: all dies traust Du ihm nicht zu. Im Gegenteil, Du denkst, dass gerade dieser … ach nein, Du möchtest nicht mal darüber sprechen. Es macht Dich bitter, es entfernt Dein Herz von seiner Sehnsucht, dies wäre ein zu hoher Preis.

Also gibst Du auf. Es ist wie es ist.
Ein paar Stunden lang hast Du aufgegeben.
Und doch nagt es. Was, wenn da nicht doch ein Weg wäre. Was, wenn nicht doch jemand anderes einschreiten könnte. Was, wenn Du nicht alle Möglichkeiten ausgelotet hast. Jetzt etwas zu versäumen, lässt sich nie mehr nachholen. Das alles kreist in Dir. Ein paar Stunden lang.

Bis … bis Du das Mailfenster öffnest. Nein, nicht an diesen einen Menschen, an jemand anderen schreibst Du, beschreibst Deine gesamte Seelensehnsucht.
Und siehe da, es kommt Antwort. Sofort, noch in der Nacht, unmittelbar, verstehend, mitfühlend, zugewendet. Mit einem kleinen Bündel an Ideen, was vielleicht doch ginge. Und mit der Ermutigung, es zu versuchen.
Dazu musst Du eine weitere Mail schreiben. An einen anderen Menschen. Nein, immer noch nicht an diesen einen, an noch jemand anderen. Wieder beschreibst Du Deine gesamte Seelensehnsucht. Und siehe da, wieder kommt Antwort. Sofort, noch in der Nacht, unmittelbar, verstehend, mitfühlend, zugewendet. Mit einer sehr konkreten Idee, wie es vielleicht doch ginge. Und mit einer erneuten Ermutigung, es zu versuchen.
Doch dazu musst Du Dich an jenen Menschen wenden, an jenen einen, schreibt der andere. Uff. Du zuckst zurück. Denn diesen einen wolltest Du doch nicht … und nie …
Und doch. Irgendwann in der Nacht, oder ist es schon Morgen?, nimmst Du noch einmal das Mailfenster her, ein drittes Mal. Schreibst wieder, in verhalteneren Worten, mit der zitternden Angst, Dich zu verletzlich zu machen, von Deiner Seelensehnsucht. Eine Überwindung, ein Mut, auf den Sende-Knopf zu drücken. Und doch … Du schaffst es. Mitten in der Nacht, ganz allein, Du mit Deiner Seelensehnsucht.

Antwort kommt keine mehr, dafür ist es zu spät. Du schläfst, Du beginnst Deinen neuen Tag, die Mail muss längst angekommen sein. Stunden später erst ist Zeit, zum Telefon zu greifen. Es zittert in Dir. Jetzt oder nie. Er nimmt ab.

Du kannst kaum glauben, was Du hörst. Eine weiche Stimme. Zuhörend. Verständnisvoll. Mitfühlend. Dich wahrnehmend. Auf eine Weise, wie Du sie ihm nie – NIE! – zugetraut hättest. Als völlig neuer Mensch ersteht er vor Deinem inneren Auge, während Ihr noch miteinander sprecht und alle Ideen auslotet. Denn ja, es gibt eine kleine Möglichkeit für Deine Seelensehnsucht, wenigstens teilweise darf sie zu Wirklichkeit werden. Nicht alles, aber ein winziges Stück davon.

Er müsste dies nicht ermöglichen. Er tut es für Dich. Weil er Dich wahrgenommen hat.
Du sagst danke. Mehr fällt Dir im Moment gar nicht ein.

Es bleibt, nach dem Auflegen, ein Lächeln in Deinem Gesicht. Ein ungläubiges Staunen. Eine innere Wärme. In Dir klingen die zugewandten Worte aus dem Telefonhörer nach.
Und Du schüttelst den Kopf über Dein eigenes Urteil, über Deine Vorverurteilung, dass dieser jene nie nie nie … wie Du Dich getäuscht hast. Wie Du ihn abgeurteilt hattest.

Urteile nicht. Du irrst vielleicht.