Danke

Baumwandelweg #6

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Da ich an diesem letzten Monatssonntag schon weg bin, nicht mehr in Baumes Nähe, habe ich ihn mir mitgenommen. Als Bild, aufgenommen am letzten Tag zu Hause.
Am letzten Tag, es war der Mittwoch, als es morgens im Schulhaus noch wie im Taubenschlag zuging, als gegen Mittag die Zeugnisse verteilt und die somit jetzigen Sechstklässler in die Ferien verabschiedet waren, als wir KollegInnen dann zu einer letzten Dienstbesprechung und einer langandauernden Kolleginnenverabschiedung zusammensaßen, als die Arbeitsplätze in Lehrerzimmer und Physiksammlung von allerlei Gegenständen – was sich über ein Jahr so ansammelt! – befreit werden mussten, als ich am späten Nachmittag müde, gehetzt und endlich zu Hause eintraf, als ich die Kinderzeugnisse sah (und feststellte, dass der Sohn das seine überhaupt nicht richtig angeschaut hatte:)), als ich einen Blick auf den Fortgang der Urlaubsvorbereitungen warf und feststellte, dass es nun gilt die Beine in die Hand zu nehmen, wenn wir wie geplant am nächsten Morgen abreisen wollten, als ich noch einmal ausflog, um letzte Einkäufe zu tätigen, als vor mir nur noch ein Abend und eine Nacht, aber Unmengen zu packen zu tun zu packen zu tun lag, als schließlich noch das Essen für die Fahrt und das Haus für die Abfahrt vorzubereiten war, als es also über Stunden und Stunden so wirbelte wie es dieser Satz hier tut …
… da riss ich mich zwischendrin einfach los und ging zu ihm, meinem Baum. Ging zu ihm, lehnte mich an, atmete durch, kurz oder lang? ich weiß nicht mehr, jedenfalls: Es tat gut. Auch wenn ich diesmal blind war, nicht richtig bei ihm, wenn ich nicht wahrnehmen konnte, welche Bewegung, welche Veränderung er erfahren hat, in welche Form es ihn gezogen hat und zieht.

 

 

Es tat gut.
Danke.

Und nun sind wir verreist, erst an dem einen Ort, später an einem anderen.
Pünktlich zum nächsten Monatsende, zum nächsten Monatsbild werden wir wieder da sein. Dann – so hoffe ich – mit mehr Ruhe, mit mitgebrachtem Ferienfrieden, mit einem neu geöffneten Blick …

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

hinauswinden

So Tage und Zeiten, in denen das Gefühl der Verlorenheit übermächtig ist, der Hilflosigkeit, des Versinkens in einsamer Verdorrtheit. Als fünftes Rad am Lebenswagen dem wirbelnden Treiben der Welt zuschauend, hält eine Wortlosigkeit das Zepter fest in der Hand.
Sehnsüchte ziehen vorbei, so viele Sehnsüchte.
Danach, Teil von etwas zu sein. Nicht übersehen zu werden. Umsorgt zu sein. Nach einem Blick aus warmen Augen. Danach, dass jemand fragt: Wie geht es Dir? Wie geht es Dir wirklich?

Graue Tage sind Kleinmädchentage.
Nur: Jetzt bin ich schon ein wenig größer. Kann mich besser durch diese Zeiten atmen und danach wieder emporfinden. Aus langer Erfahrung heraus, vielleicht. Und weil ich – vermutlich – seither gewachsen bin.

Und so suche ich. Und beginne zu verwandeln.

Einsamkeit tönt allmählich wieder wie gutes Alleinsein. So dass die Musik in mir und um mich eine Chance bekommt. Ich bin ihr zugewandt und nicht taub, wenn der Sohn spielt – und wie! -, und wenn die Stimmen in mir endlich wieder mit dem Celloklang mitsummen.

Schmerzende Traurigkeit wird zu sanfter Melancholie, die mit ihrem wiegenden Rhythmus zu trösten und zu betten weiß. Aus hilfloser Umherirrerei entsprungen, liegen plötzlich Wege und wogende Wellen vor mir. Ich laufe zu meinem Baum und lasse Tränen über die Wangen rollen.

Mitten in meiner wortlosen Erstarrung keimt eine Ahnung von Bewegung. Wenn ich auch zunächst nur das banale Hin und Her eines Putzlappens, eines Rechens, eines Küchenmessers als bewegt erfahre. Es dehnt sich und reckt und streckt sich, dieses Bewegtsein, bis auch meine inneren Pendel meditativ mitschwingen.

Erste Wörter krabbeln hervor, purzeln kreuz und quer, heben auf dem noch staubigen Boden zu tanzen an. Sind bereit für einen Reigen, dessen Hände ich nur noch ergreifen muss. Ich schaue staunend. Und ziere mich noch ein wenig. Noch.

Einmal mehr bleibt mir nur zu atmen.
Und zu danken.

 

Baumwandelweg #5

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Du lieber Baum,

so hatte ich mir das ja nicht vorgestellt. Dass ich mich so selten – nicht einmal jede Woche – zu Dir auf den Weg machen würde. Dass mir so oft die Zeit zum Tagesende doch nicht reichen würde. Dass mich, bei allem Wünschen und Wollen und Sehnen, stets andere Dinge von der kurzen Reise in Deine Welt abhalten würden.

Dabei tust Du mir gut. Unendlich gut, möchte ich emphatisch ausrufen. Von jeder kurzen Reise zu Dir komme ich beschenkt und gestärkt zurück. Ich bringe Bilder mit, die – eingebrannt in die Seele – weitertragen durch meine Tage. Ich darf mich bei Dir anlehnen – und gehe hernach leichter meine eigenen Schritte. Ich sehe Dein Ringsumher, eine Welt des Blühens, Reifens und Vergehens, und fühle mich getröstet. Alles wird leichter, wenn ich nur kurz bei Dir war.

Nun, ich bin wohl nicht besonders gut darin, gut auf mich aufzupassen. Sonst käme ich viel öfter. Vielleicht kann ich dies noch lernen. Für den Anfang aber haben wir wenigstens diese monatliche Begegnung, durch das äußere Ritual des Fotoprojekts fest vereinbart. Vor dieser fliehe nichtmal ich:)

Danke für die Geborgenheit, die Du mir gestern schenktest. Die Felddecke um Deinen Fuß hat sich nun deutlich sichtbar in die zweite Jahreshälfte aufgemacht. Kaum kam ich noch durch zu Deinem Stamm.

Doch dann sitze ich, rücklings an Dich gelehnt …

 … und schaue in all die satte Reife, die wärmenden Farben des erwachsenen Korns. Die zuweilen schmerzlich schnell verlaufende Zeit hält für einen Moment inne, nimmt mich bei der Hand und zeigt, dass es gut ist, so wie es ist. Dass Felder und Bäume eben reifen. Und Kinder auch.
Ja, der Sohn zum Beispiel. Noch nennt man ihn nicht erwachsen. Aber gemessen an dem kleinen Bündel, welches ich vor fast 16 Jahren im Arm hielt, ist er es eben doch. – Noch knapp 11 Wochen, bis er weggehen wird. Für lange, und ein bisschen schon für immer. Knapp 11 Wochen, von denen wir kaum eine Handvoll noch gemeinsam verbringen werden. Eine kleine Träne darf ich darum weinen, an Deinen Stamm gelehnt. Ich lerne die Lektion ja dennoch.

Weitergehen.
Obwohl zu Hause die Korrekturen, das Abendessen, die Wäsche, die Schulliste wartet, gehe ich weiter. Wenn auch nicht die große Runde.
Viele Spuren …

… in regelmäßigen und unregelmäßigen Schwüngen. Stimmt meine Vermutung – ich bin ja doch ein ewiges Stadtkind – dass diese Spuren schon mit der Aussaat gelegt werden, dass sie, anfangs noch unsichtbar, bereits im Boden angelegt sind, wenn das Korn noch nicht mal seine Spitzen ans Licht zu strecken beginnt?
Und ist das nicht wie mit meinem Tages-, Wochen- und Jahreslauf? Seine Richtung ist seit langem feststehend. In welchen Spuren sich mein Familien- und mein Schulleben bewegen wird, dies habe ich vor langer Zeit entschieden. Dass mein Leben und Alltagsleben damit überwältigend prall und zuweilen überfordernd gefüllt sein werden, diese Spur habe ich bewusst gesetzt.
Ich seufze. Es stimmt ja, Ihr Spuren. Ich gehe Euch. Es ist alles gut, wie es ist. Mögen da auch 120 Korrekturen auf dem Schreibtisch liegen, und die Kinderterminliste nie abreißen. Es ist gut.

Es ist gut.
Dieser Satz trägt mich nach Hause. Im goldenen Farbenrad der Felder und unter dem fallenden Abendlicht …

… wird plötzlich klein, was mich vorhin noch ganz verzagt gemacht hat.
Dass plötzlich der Kühlschrank seinen Geist aufgegeben hat und die Jahreszeit eiliges Handeln gebietet. Dass sich das Durcheinander nicht lichten will. Dass der so wichtige Kontakt holpert und im Moment durch nichts zu glätten ist. Dass sich die Versicherung schon wieder nicht meldet. Dass ich vor dem Brief sitze, Wort um Wort zusammenstolpere und doch am Ende immer alle verwerfe. Dass ich mit vielem zu spät dran bin …

Ich schaue den Himmel an, und Dich, Du Baum.
Dann werden diese Dinge klein.
So wie sie zu sein haben, weil sie es sind.

Und in mir wird es weit.
Weil es so zu sein hat?
Nein, dies ist Geschenk. Weitwerdendürfen ist Gnade.

Danke.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
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Mittsommernacht

Es hallt in mir wider, dieses Feuer,
das mir noch vor kurzem hier bei mir, in meinem Garten, überhaupt nicht vorstellbar schien,
das – oder: dessen bergende Schale – ein wenig zufällig hierher fand,
so dass ich es gestern, als der (All)Tag voll und hitzig und bis zur Erschöpfung drückend sich seinem Ende zuneigte, entzünden konnte,
verwindend und verwandelnd das Unleichte eines Tages, der zum Entmutigen geeignet gewesen wäre, hätte ich dies zugelassen,
weil mich nämlich sehnte nach einem sanften Ausklang der Schwerigkeit, und ja – in größerem Bogen geschwungen – dieses gewachsenen hellen halben Jahres,
weil ich hineingeben wollte von meinem Gewesenen und herausziehen wollte für mein zu Werdendes,
weil das Helle – in mir, in der alles umfangenden Dämmerung, im Ahnen – sich zu verbinden trachtet mit elementarem Licht, wie die Flamme es schenkt,
weil mein irrender Blick zu sich und in mich hinein findet durch das Tänzeln der Flamme um ihre Mitte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und während sich vor meinen Augen alles zu Glut wandelt, belebt mich innerer Tanz.

In Demut.
In Dankbarkeit.
In Hingabe.

Alltagsglück #2

Eigentlich sind wir ja noch auf Reisen. Was uns soeben geschah, ist also nicht direkt Alltagsgeschehen.
Andererseits könnte genau solches im Alltag geschehen, hängt es nicht vom Reisesein ab, ist dies nur zufällig ein Unterwegserlebnis.

Wir kommen auf einen Campingplatz. Dies ist immer Lotterie, zuweilen sind die Plätze eng, dicht, voll, man steht mit seinem Minizelt manchmal zwischen großen Wohnwagen und fühlt sich bedrängt. Oft ist es mit den benachbarten Zeltenden schwierig, da einer den anderen als zu nah empfindet oder die gegenseitige Lautstärke nicht zueinander passt. Am glücklichsten bin ich immer, wenn ich weit weg von anderen mein Zelt aufschlagen kann, wenn die Kontakte also spärliche oder gar keine sind. Darum ist dieses heutige Erleben so besonders.

Es beginnt schon in der Rezeption, in die wir hineinstürmen, da ein Gewitter uns jagt und wir gern noch im Trockenen aufbauen würden. Ich sollte heut noch Lotto spielen, sagt der Zeltwart, es ist just ein Wasserblickplatz frei, einer von fünf. A23. Wir sollten schnell aufbauen gehen, anmelden könne man auch bei Regen.
Es fühlt sich ja schon unbehaglich an, so eine Parzelle zwischen Wohnwagen zu bekommen und nicht auf die große Zeltwiese zu gehen. Die Tochter sagt gleich, wir sollten noch andere Radler mit auf die Riesenfläche nehmen. Ja. Es kommt bloß niemand mehr:)
Jedenfalls denke ich noch ein paar Sekunden darüber nach, wie wir jetzt unter Beobachtung zwischen den Wagenburgen sind, und wie sich unser Minizelt wohl ausnehmen wird, in welche Ecke des Areals wir es stellen sollten, damit wir uns behaglich fühlen könne. Und schon geht es los …

Zwei recht kleine Mädchen kommen. Mit einer Vierteltorte und Papptellern. Sie hätten die auch geschenkt bekommen, und nun wollten sie weiterverschenken. Wir hätten doch bestimmt Hunger nach der Fahrt. Ich bin ganz verdutzt. Wir nehmen uns zwei Stück und sind völlig perplex: Torte zum Campingplatzempfang.
Bald darauf kommt eine junge Frau vom Wohnwagen schräg gegenüber. Es würde ja gleich losgewittern. Wir dürften gern unsere Räder bei ihnen unterstellen, sie könnten den Tisch im Vorzelt wegschieben, dann wäre Platz für die Räder. Und für uns auch, sagt sie. Und schaut zum gewitterdrohenden Himmel. Ich bin überwältigt. Dies ist mir auf einem Zeltplatz noch nie passiert.
In der nächsten Minute – wir bauen eilig das Zelt auf – kommt die Nachbarin von links. Ob wir Hilfe bräuchten. Und ob wir zu trinken wollten. Wo wir heute herkämen. Und ihr Dach stünde uns offen. Dort lugt auch schon die kleine Lena hervor. Die nach kurzem Anlächel-Warmup mit der Tochter für den Rest des Tages fest mit dieser verschweißt sein wird.
Ich bin immer noch perplex, wie offen hier alle ihre Hände anbieten, als der Nachbar von rechts einen Hammer bringt. Weil er aus dem Saarland gerade Orkan-Hagel-Horror-Wettergeschichten höre. Und falls dies auch hierherkomme, da sollte ich die Heringe mal besser nicht nur mit dem Fuß eintreten. Er fragt, ob er noch irgendwie helfen könne.
Später kochen wir, die kleine Lena setzt sich fasziniert dazu. Sie isst mit – ihr eigenes Abendessen hatte sie stehenlassen, war mir nicht entgangen:) – und fragt nach dem Essen, ob sie beim Abwaschen helfen dürfe. Ein Kind zum Fasziniertkopfschütteln:)
Kaum haben die Mädchen gespült, kommt ein weiterer Zeltnachbar von schräg gegenüber, ob es uns gut gehe. Ob er mich zum Bier einladen dürfe. (Darf er:)) Wohin unsere Tour weiterginge …

Ich bin wirklich überwältigt. Mittlerweile haben wir alles im Zelt, dieses ist himalajafest vertäut, die kleine Lena hilft eifrig mit, nun auch noch die Räder sturmfest festzuzurren, und alle Menschen ringsum waren und sind für uns da. Was für ein warmes Erleben.

Kurz darauf trübt sich dies noch einmal ein – wie gewonnen so zerronnen, denke ich kurz – als sich vier Angler just vor unserem Zelt niederlassen, unser im Vorzelt gekochtes Essen vollqualmen und zwei Meter vor unserer See-Idylle laut palavern. Bis ich mir ein Herz fasse, sie ruhig anspreche, darum bitte, dass sie nicht gerade in meinem Zelteingang sitzen mögen, die Seen seien doch so groß – und sie schließlich mit ihren Stühlen, Bierflaschen und Rauchfahnen abziehen.

Seither sitze ich am See, atme die Stille ein, bin noch immer am Wundern und Michfragen: Warum gelingt uns Menschen dies nicht immer und allezeit: Füreinander da sein. Aufeinander zu gehen. Zugewandt schauen, was die und der andere braucht.

Entschuldigung, ich bin noch unterwegs. Mein Schreibgefühl hat noch nicht wieder zu mir gefunden. Vielleicht liest es sich daher holprig. Aber ich wollte es unbedingt erzählen: Wie viel Gutes ist uns in wenigen Minuten geschenkt worden. Wie offen sind die Menschen – ALLE Menschen ringsum! – auf uns zugekommen.

Wie gut können wir Menschen es miteinander haben. Wenn wir einander nur anlächeln, uns gegenseitig helfen, füreinander da sind.

Es war heute fast wie in Utopia. Jedenfalls aber: Es war ein Alltagsglück, das ich mitnehmen werde von der Reise. Und das wir weiterteilen sollten. Lasst uns aufeinanderzu gehen …

Elf Dinge …

… die ich an Dir liebe …
Mein klein-großes Geburtstagskind mit Deiner ersten Schnapszahl („Der einzige Schnapsgeburtstag im Leben, an dem ich keinen Schnaps trinken darf.„:)), mir wird es sicher leicht fallen, für jedes Deiner Jahre eines zu finden. Also los:

Deine tanzende Lebensfreude,
mit der Du aus dem Nichts heraus alle in Dein Strahlen mitreißen kannst. Du springst und schwingst durch den Raum, ganz gleich, ob laute Musik ertönt oder Du sie nur in Deinem Innern hörst. Du greifst uns an den Händen, damit wir mit Dir tanzen. Bis wir es tun. Bis wir alle mitgerissen sind von Deinem unbändigen Wirbeln.

Dein so offenes Herz,
in dem andere Wesen, ob Mensch, ob Tier, ob Blume, Platz finden. Du schaust hin, fühlst Dich ein, Du verstehst. Du bist mittraurig für andere, weinst mit, bist mitfröhlich, lässt Dich von jedem Lächeln und Lachen anstecken. Du nimmst mit Deinem Blick alles in den Arm und versuchst es zu wärmen.

Die Lieder, die aus Dir singen,
auf dem Cello, mit Deiner Stimme, mal laut herausgetönt, mal leise vor Dich hingesummt, während Du auf einer Blumenwiese träumst, es singt und klingt immer aus Dir.

 

 

Deine in alle Richtungen aussprühende Neugierde,
ob Vulkanausbrüche, abstrakte Gemälde, schreckliche Weltereignisse oder Streit zwischen nächsten Menschen, der sich Dir nicht erschließt – es gibt keine Frage, die Du nicht stellst, und keine Antwort, die Du nicht aufsaugst. Um sie – nach eventuell wochenlanger Pause – in eine neue Frage münden zu lassen.

Deinen lebendig plaudernden Mund,
wenn dies oder jenes geschehen ist, wenn Dich etwas ergriffen hat, wenn Du mit jemandem mitbebst, wenn Du etwas ungerecht findest … Alles alles erzählt dann aus Dir, manchmal möchte ich einen Schalter suchen, doch nein, ich fühle mich auch durch stundenlange Fußballspielschilderungen und minutiöse Schultagsdarstellungen beschenkt, denn immer spricht aus Dir so viel mehr als nur das tatsächlich Erzählte.

Wie es Dich zornig macht, und fassungslos,
wenn Du Ungerechtigkeiten entdeckst, die kleinen in der Schule, die großen in der Welt. Du stampfst mit dem Fuß auf und zeigst in Deinem bebenden Körper, dass dies alles so nicht bleiben darf. Du erklärst auch gleich warum, und wie man es anders machen könnte. (Ich möchte für die Welt hoffen, dass Du dies nie nie nie verlernst.)

Deine Tapferkeit,
so vieles auszuhalten. Ja, es war viel in den letzten Monaten. Du hattest lange mit Dir gerungen, bevor Du etwas erzähltest, und dann flossen auch Tränen, viele Tränen. Aber durch die Tränen hindurch hast Du uns fragend angeschaut, hast offen zugehört, welche Ideen wir für Deine Lage haben – es war manchmal gar nicht so leicht, dies auszuhalten, oft wollte ich mitweinen – und hast gekämpft, immer wieder. Bist nicht nur einmal über Deinen Schatten gesprungen, hast so vieles gewagt. Und nun hast Du ein bisschen was erreicht, für den Moment jedenfalls hat sich Deine Situation verbessert, wie stolz Du auf Dich sein kannst.

 

 

Deine Ausdauer,
wenn Du etwas willst, dann willst Du es. Deine Ideen sind unerschöpflich, um es zu Wirklichkeit werden zu lassen. Ob Du per Rad auf einen Berg strampelst, eine Familienausflugsidee gegen uns andere durchsetzen möchtest oder sich die Wolle um Deine Häkelnadel immer weiter verwickelt, Du gibst nicht auf, wo andere längst den Sattel verlassen, sich gefügt oder den Faden abgeschnitten hätten. Du machst weiter. Und immer arbeitet Deine Zunge eifrig mit:)

Dein kreatives Chaos,
um es mal vorsichtig zu formulieren:) Was Dich überkommt, das muss geschaffen werden. Unser Haus ist überreich an Deinen Kunstwerken, Deinen Bildern, Deinen Geschichten, Deinem Geformten. Oft lässt Du es genau dort, wo es Dir eingefallen ist. Doch Stolpern über die Dinge, das ist das Problem der anderen:)

Deine Gelassenheit,
vor allem mit meiner Nichtgelassenheit. Ich glaube, Du verzeihst vieles. Immer wieder, wenn sich in mir etwas aufspult, kommst Du angekuschelt und sagst, noch bevor Du mich damit vollends eingewickelt hast, erstmal in ganz ernsthaftem Ton und zuweilen mit erhobenem Zeigefinger: Chill down. Gesagt getan, Du schaffst es immer:)

Deine „Kuschelattacken“,
wie Du sie nennst. Wenn Dich das ungestüme Bedürfnis nach Nähe überkommt, gibt es kein Halten mehr. Mal wild mal sanft springst oder krabbelst Du auf einen Schoß oder lehnst Dich an, und dann lässt Du Dich fallen in „das Beste auf der Welt“, wie Du das Kuscheln nennst.

 

 

Dies alles, meine kleine Große, dies alles und noch viel mehr liebe ich an Dir, unendlich, bis zum Mond und zurück, wie Du immer sagst. Jetzt beim Schreiben fällt mir immer mehr und mehr ein, was ich hier aufzählen könnte. Du darfst also getrost auch 12, 17, 37 oder 99 Jahre alt werden, meine Liste wird nicht leer bleiben:)

Welch ein Geschenk, dass Du vor 11 Jahren zu uns gekommen bist!

Danke!

 

 

Alltagsglück #1

Einen Dienstort in 35 km Entfernung könnte man als Anlass nutzen, um sich zu ärgern. Oder aber, um eine kleine Radtour drumherum zu bauen.

Es ist früh, als ich aufbreche, hinauf und hinab ins Tal, das zum Fluss führt.
Wie sogleich die Bluse im Wind flattert, und der Wind in der Bluse. Ich bin schon da.

 

 

Der Fluss schenkt seinen weisen Lauf und nimmt mich an die Hand, damit meine Bewegung nicht stockt. Ich rolle und rolle, an seiner Seite durch die große Stadt hindurch, auf altbekannten Pfaden ins jenseitige flache Land.

 

 

Dort dann, am Dienstort, widme ich mich meinen Aufgaben, fokussierter und klarer als häufig, während in mir stille Vorfreude auf den Rückweg blüht. Über die Hügel werde ich fahren, schließlich muss ich nicht wie vormittags in gefasster äußerer Form an einer Arbeitsstelle ankommen:)

Windjacke, Fleeceshirt und Schal auf dem Gepäckträger schmunzeln leise, während ich in Sommerhitze hinauftrete. Die Sonnencreme ruft laut von zu Hause aus, dass ich sie vergessen habe. Man wird sehen, morgen auf meiner Nase.
Heute aber, heute hier zu fahren, war meine beste Idee seit langem. Gemäß diesem hier:
Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde. (Franz von Sales)

 

 

Welch kleine feine Dörfer, die mir bisher entgangen sind. Welch Landschaft zum Verlieben. Ich frage mich, warum ich dies bisher kaum getan habe.

 

 

Lediglich, dass keine Eiscafés am Wegesrand liegen … nun ja … kurz vor dem Heimatdorf findet sich doch noch eines. Dafür, dass morgen ein prallevoller Schultag und noch nichts vorbereitet ist, sitze ich in größter Gelassenheit dort und habe die Ruhe weg. Ich wundere mich selbst.

 

Von Zeit zu Zeit die Augen öffnen für das klein-große Glück am Wegesrand …

 

Als Gefäß

Binnen weniger Tage, Stunden fast, begegne ich ihnen allen, was für ein Zufall.
Sie, deren Schwester starb, kaum zwei Wochen ist es her.
Sie, die selbst den Krebs in sich trug. Und trägt, wer weiß.
Er, der, fast als Kind noch, seinen Vater verlor, über lange Zeit schon, endgültig aber erst vor wenigen Monaten.
Sie, deren Tochter ging, noch keine zwei Monate ist es her.

Vier Begegnungen an nur zwei Tagen. Vier intensive Gespräche. Gespräche, in denen ich vor allem zuhöre. Ich frage auch ein wenig, aber eigentlich höre ich zu. Dem Klang, dem Gesang des Fließens.

Ein Fließen, gebettet in die weite Mulde der Trauer.
Ein Fließen von Lebensfreude, von sonnebeschienenem Lebenwollen, Weiterlebenwollen, von purem Glück am kleinen Moment, von Innigkeit in unverstelltem Aufeinanderzu.
Ein Fließen von Mut und Kraft, sich dem zu stellen, dem allen. Der Forderung, einander eher loszulassen als man es je wünschte und ahnte. Der Dichtigkeit einer viel zu schnell hinauströpfelnden Lebendigkeit. Der unvermittelten Augenöffnung über das, was wir sind, was uns ausmacht, und was auch nicht. Dem Wandel im Sein, in jeder Faser des Seins, wenn man sich der Sprache des nahen Todes nur nicht versperrt. Der Aufgabe – und dann: dem Geschenk – das kleine Zarte als Großes zu spüren, und das bisher übermächtige Unwesentliche abzustreifen. Der unfassbaren Endgültigkeit. Dem ebenso unfassbaren Licht, in das plötzlich alles getaucht ist. Der Ehrlichkeit in allen Begegnungen, die nun folgen, Ehrlichkeit, die schmerzt, Ehrlichkeit, die guttut. Dem Abschied. Dem Neubeginn.

Was für ein Strom, der da fließt.
An seiner Oberfläche glitzert es. Sonnenfünkchen spiegeln sich und tanzen, geführt und gestreichelt vom Wind, dem behutsamen. Über allem ein Himmel. Dieser gute Himmel in seiner Weite.

Dankbar bin ich für diese Gespräche, für die Worte, die mit mir geteilt wurden, und für ihre stumme Fortsetzung in mir. Gern bin ich Zuhörerin. Was ich höre, trage ich mit. Was ich höre, trägt mich mit. Es durchflutet, es schenkt Geborgenheit im Leben. Es strahlt auf mein Sein, ich fühle mich beschenkt. Wie in ein Gefäß lasse ich alles fließen, was Ihr erzählt, was der Tod spricht. Es ist Gelegenheit, sich einer Verwandlung anzubieten. Jede und jeder für sich. Wir zusammen.

Und doch, bei allem Tröstlichen und Lichten … diese Gespräche, diese Häufung in den vergangenen Stunden, die muss ich erst einmal veratmen, die muss ich deponieren. Noch weiß ich nicht wohin. Diese wenigen Worte hier sind nur ein zögerlicher, unbeholfener Anfang.

enturteilt

Da gibt es etwas, das Du Dir sehnlichst wünschst, etwas, das Du nie anders denken konntest, als dass es so wird wie Du es Dir vorstellst, eine dringende Herzenssehnsucht.
Und dann … dann ist plötzlich alles anders. Dann kannst Du dies nicht bekommen, darfst es nicht leben, wirst nicht in diesem sein, was Du so sehnlichst bräuchtest.
Bäm.
Es gibt keine Schuld, keinen Schuldigen, der dies verursacht hat, es ist einfach eine ungeschickte Fügung. Ein Stück Universum hat sich quergestellt, einfach so.

Wiederum gibt es jemanden, der die Situation auflösen könnte, ein einziger Mensch, der vielleicht eingreifen könnte. Wenn er wollte. Wenn er Dich verstünde. Wenn er die Dringlichkeit deiner Herzenssache mitfühlen könnte. Wenn wenn wenn. Denn: all dies traust Du ihm nicht zu. Im Gegenteil, Du denkst, dass gerade dieser … ach nein, Du möchtest nicht mal darüber sprechen. Es macht Dich bitter, es entfernt Dein Herz von seiner Sehnsucht, dies wäre ein zu hoher Preis.

Also gibst Du auf. Es ist wie es ist.
Ein paar Stunden lang hast Du aufgegeben.
Und doch nagt es. Was, wenn da nicht doch ein Weg wäre. Was, wenn nicht doch jemand anderes einschreiten könnte. Was, wenn Du nicht alle Möglichkeiten ausgelotet hast. Jetzt etwas zu versäumen, lässt sich nie mehr nachholen. Das alles kreist in Dir. Ein paar Stunden lang.

Bis … bis Du das Mailfenster öffnest. Nein, nicht an diesen einen Menschen, an jemand anderen schreibst Du, beschreibst Deine gesamte Seelensehnsucht.
Und siehe da, es kommt Antwort. Sofort, noch in der Nacht, unmittelbar, verstehend, mitfühlend, zugewendet. Mit einem kleinen Bündel an Ideen, was vielleicht doch ginge. Und mit der Ermutigung, es zu versuchen.
Dazu musst Du eine weitere Mail schreiben. An einen anderen Menschen. Nein, immer noch nicht an diesen einen, an noch jemand anderen. Wieder beschreibst Du Deine gesamte Seelensehnsucht. Und siehe da, wieder kommt Antwort. Sofort, noch in der Nacht, unmittelbar, verstehend, mitfühlend, zugewendet. Mit einer sehr konkreten Idee, wie es vielleicht doch ginge. Und mit einer erneuten Ermutigung, es zu versuchen.
Doch dazu musst Du Dich an jenen Menschen wenden, an jenen einen, schreibt der andere. Uff. Du zuckst zurück. Denn diesen einen wolltest Du doch nicht … und nie …
Und doch. Irgendwann in der Nacht, oder ist es schon Morgen?, nimmst Du noch einmal das Mailfenster her, ein drittes Mal. Schreibst wieder, in verhalteneren Worten, mit der zitternden Angst, Dich zu verletzlich zu machen, von Deiner Seelensehnsucht. Eine Überwindung, ein Mut, auf den Sende-Knopf zu drücken. Und doch … Du schaffst es. Mitten in der Nacht, ganz allein, Du mit Deiner Seelensehnsucht.

Antwort kommt keine mehr, dafür ist es zu spät. Du schläfst, Du beginnst Deinen neuen Tag, die Mail muss längst angekommen sein. Stunden später erst ist Zeit, zum Telefon zu greifen. Es zittert in Dir. Jetzt oder nie. Er nimmt ab.

Du kannst kaum glauben, was Du hörst. Eine weiche Stimme. Zuhörend. Verständnisvoll. Mitfühlend. Dich wahrnehmend. Auf eine Weise, wie Du sie ihm nie – NIE! – zugetraut hättest. Als völlig neuer Mensch ersteht er vor Deinem inneren Auge, während Ihr noch miteinander sprecht und alle Ideen auslotet. Denn ja, es gibt eine kleine Möglichkeit für Deine Seelensehnsucht, wenigstens teilweise darf sie zu Wirklichkeit werden. Nicht alles, aber ein winziges Stück davon.

Er müsste dies nicht ermöglichen. Er tut es für Dich. Weil er Dich wahrgenommen hat.
Du sagst danke. Mehr fällt Dir im Moment gar nicht ein.

Es bleibt, nach dem Auflegen, ein Lächeln in Deinem Gesicht. Ein ungläubiges Staunen. Eine innere Wärme. In Dir klingen die zugewandten Worte aus dem Telefonhörer nach.
Und Du schüttelst den Kopf über Dein eigenes Urteil, über Deine Vorverurteilung, dass dieser jene nie nie nie … wie Du Dich getäuscht hast. Wie Du ihn abgeurteilt hattest.

Urteile nicht. Du irrst vielleicht.

im März

Der Monat beginnt, während wir uns noch auf unserer Bergschneereise befinden, führt uns nach der Heimkehr in zaghaft frühlingsprießendes Wetter und endet mit ersten Fast-Sommer-Tagen. Im T-Shirt und dennoch schwitzend sitze ich am letzten Nachmittag des Monats am Fluss und ertrinke fast im Blütenbunt.
Ich bin viel draußen, schaffe mir ein neues Wegeritual rings um unser Dorf, am Wegesrand liegt immer wieder mein Baum, der tägliche Schulweg wird wieder auf den Fahrradsattel verlegt, Hängematte und Liegestühle bekommen eine Grundreinigung und anschließend häufigen Besuch von der Tochter und mir.
*
Die Schule startet nach den Ferien heftig mit einem Stapel Vertretungsstunden, manchmal ist das eben so. Aber, hej: Ich fühle mich vor den Klassen mehr denn je wie ein Fisch im Wasser. In unserer kleinen Fünften gibt es unruhige Konstellationen und noch wenige Lösungsideen. Diese KollegInnen zu haben jedoch, mit denen man alles alles alles besprechen (und manchmal beweinen) kann, ist goldwert. Gerade in solch schwierigen Situationen.
Vom zweiten Dienstort verabschiede ich mich allmählich, mit einer langen Serie an Terminen, bei deren jedem ich innerlich ein kleines Häkchen setze. Gleichwohl zuckt es kurz in mir, als mich ein dritter Dienstort anspricht, sie hätten gehört, ich würde dort aufhören, ob ich nicht zu ihnen kommen wolle. Das schmeichelt und verlockt kurz, aber ich glaube, ich sollte bei meinem Nein bleiben.
*
Der Sohn verbringt zwei Wochenenden auf Vorbereitungsseminaren für sein Italienjahr und bekommt wichtige Mailpost: Seine Gastfamilie. Es passt wie erträumt und führt zu jubelnder Aufregung hier im Haus. Die konkreten Planungen beginnen, vor allem, wie sich sein Klavierunterricht nun nach Mailand verlegen lässt. Das Klavier nämlich wird ihm gerade mal wieder zum wichtigsten Lebenselexier, er übt morgens mittags abends, lernt eine Sonate nach der anderen, ich komme mit dem Notenbestellen gar nicht hinterher. Und spielt am Ende des Monats auf dem Landeswettbewerb „Jugend musiziert“, Ergebnis gibt’s erst am Sonntag.
Die Tochter ist vom Weiterüben nach dem Januarwettbewerb weniger begeistert und schleppt sich mit Mühe durch die seit einem Jahr gleichen Stücke, sie wartet nur darauf, dass es morgen Nachmittag vorbei sein wird. Damit sie dann endlich auf ihr neues Cello umsteigen und sich der neuen Lehrerin widmen kann. Ja, der Monat endet mit der letzten Stunde bei ihrem sechsjährigen ersten und besten Cellolehrer.
In der Schule gibt es viele Klassenarbeiten, den Känguru-Wettbewerb und darüber hinaus Tochtertränen. Die tragen wir weiter in den nächsten Monat.
Der Sohn wählt eine neue Brille und verabschiedet sich vom langjährigen Harry-Potter-Nickelbrillen-Style, nun hat er auf der Nase, was alle tragen, das ist doch auch mal was. Die Tochter sucht ebenfalls nach ihrem eigenen Kleidungsstil und garniert das Ganze mit Unmengen an Kosmetik, deren Sinn und Funktion sich mir im Leben noch nicht erschlossen hat, ich lerne dazu;-)
*
Wir schaffen es mal wieder ein paar liebe Menschen zu treffen, es beginnt schon in unserem Ferienbergdorf, und auch hier findet sich ab und zu Zeit für ein Weinchen mit Freunden. Ich schicke einen Stapel Papierpöste auf den Weg, von dieser Altmodischkeit will ich nicht lassen. Ein kleines Mädchen stirbt, ein Dorf weint, und der kranken Freundin geht es auch nicht gut. Wir sprechen in der Schule und zu Hause viel über’s Sterben und über die Netze, welche die Weiterlebenden nun haben. Und was wir dazu geben können. Ausgelöst dadurch formuliere ich erstmals im Leben auf einem Blatt Papier, im Moment noch in der Stichpunktversion, was ich mir für mein eigenes letztes Weggehen wünsche. Sollen hinterher ja nicht die anderen entscheiden müssen. Und man weiß nie, wann es soweit ist. Siehe letzten Monat …
Das Leben hat immer alles auf einmal in sich, eine große Osterreise will vorbereitet werden und strengt mich mit dem notwendigen Organisationskram schon ein wenig an, mal schauen, wie es dann dort wird. Im Moment bin ich müde, müde und müde, ich schlafe mal wieder viel zu wenig.
*
Bei all dem trägt mich meine Musik, und wie. Der Monatsbeginn bringt ein neues Leihcello, welches das Wow nochmals steigert. Ich beginne eine erste Sonate von Cirri zu spielen (ab 2.45 vor allem: mein Traumsatz:)), die Tochter korrigiert: zu üben;-), und ich merke immer mehr, wie sehr mir dieses Instrument vorher im Leben gefehlt hat.
Und Lesen trägt, Schreiben noch viel mehr. Und natürlich – ein würdiger Schlusspunkt für diesen prallvollen Monat – Ihr, denen ich hier im Schreibraum begegne, Ihr tragt auch.
Danke für alles.

lichtspürig

Eine Kollegin, mit der wir am Freitag den Weg zum Grab geteilt hatten,
eine, die zunächst unsicher war, ob und wie wir gehen, ob es für die Familie stimmig sei, wie sie das mit der Klasse besprechen solle, und wie wir überhaupt weitermachen könnten, jetzt, wo der Tod so nah in unsere Räume eingedrungen sei,
eine, mit der ich die Woche über viel gesprochen hatte und die sich am Freitag, als alle auseinandergingen, bedankte, weil sie sich durch mich ermutigt gefühlt hatte sich dem allen zu öffnen, und wie gut und richtig dies letztlich gewesen sei,
diese Kollegin also bittet mich heute im Lehrerzimmer um meinen Laptop. Sie wolle probieren, wie sie mit der kleinen Tastatur zurechtkomme. Weil sie überlege, ob so ein kleines Gerät auch etwas für sie sei.
Ich öffne ihr ein Fenster, damit sie sich im Schreiben ausprobieren kann.

Gerade finde ich ihre Datei. Ich lese:
Die Sonne scheint heute nur für Dich.
Und dann schreibt sie noch vom Laufen und Sich-Entscheiden, vom Wechseln der Richtung und den Orten, die wiederum dann ihre Spur ändern. Zeilen voller Rätsel. Und zum Weiterspüren.

Vielleicht war die Laptop-Leihe ja nur ein Vorwand, wer weiß. Aber das ist egal. Denn dort steht:
Die Sonne scheint heute nur für Dich.

(Danke, liebe C. Wenn Du wüsstest, wie sehr ich diesen Satz heute brauchte.)

 

Relativierung

Was für ein Chaos! Schon wieder drei verschimmelte Dosen unter ihrem Bett!

Sie leben und sind gesund.

Wieso neue Schuhe? Wir haben doch gerade erst?!

Sie leben und sind gesund.

Und warum hat er’s nicht besser vorbereitet? Er hätt’s doch wissen können?

Sie leben und sind gesund.

Tausend Mal hab ich ihnen gesagt, dass ich morgens nichts mehr unterschreibe und sie ihre Sachen abends packen sollen.

Sie leben und sind gesund.

Die können das jetzt selbst geradebiegen, wieso muss ich immer an ihre Termine denken?

Sie leben und sind gesund.

Wer hat, verdammt, schon wieder den Hausschlüssel verbummelt?

Sie leben und sind gesund.

Orrr, wie können zwei Kinder sooo viel Haarspraygestank im Haus hinterlassen???

Sie leben und sind gesund.

Die könnten ruhig mal mit anfassen. Bin ja nicht ihr Dienstmädchen.

Sie leben und sind gesund.

Hej, die sollen pubertieren so viel sie wollen. Aber diesen Ton will ich hier nicht!

Sie leben und sind gesund.

An Tagen, an denen man hinter einem Kindersarg her geht, rücken sich die Dinge wieder in die richtige Dimension.

im Februar

verlief manches anders als gedacht, wobei sich dies vor allem auf meine inneren Prozesse bezieht und ich jetzt zum Monatsende kaum ausmachen kann, was dieses „manches“ alles beinhaltet, und wann genau ich mich so außerhalb meiner selbst zu fühlen begann
*
natürlich war es in der Schule heftig, mit Elternsprechtag und Elternabend und Wettbewerben und Konferenzen und vielen Vertretungen (alle sind krank, mich traf es ja auch ein zweites Mal) und der Terminhäufung am zweiten Dienstort – aber das ist es ja immer
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war ich erleichtert, als die Kinder ein paar Tage zu Schulorchesterproben verreist waren und die Termindichte darum ein wenig nachließ
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hatten wir lieben Berliner Besuch hier im Haus, was zwar einerseits kaum in den Alltag zu integrieren ist, aber andererseits in wohltuende, hilfreiche Gespräche führte
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spielte ich viel Cello – was sonst:) – und dies ist mir tatsächlich in so kurzer Zeit zu meinem wichtigsten Seelenbalsam geworden
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überlebte ich den 15. Februar und werde ihn von nun an als meinen zweiten Geburtstag im Jahr feiern (mehr möchte ich hier nicht davon erzählen)
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versuche ich nun, in den kurzen Ferientagen in unserer wohlvertrauten Bergwelt wieder in die Ruhe des Jahresanfangs zurückzufinden, was mir durch den heute gefallenen Schnee erleichtert wird, wenn dieser auch ziehende, schmerzende, traurige Erinnerungen aufwirbelt
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habe ich große Sehnsucht nach dem Frühling mit seiner lindernden Lichtheit

erwachend

Klirrendkalter Boden tönt sich mit einem Hauch Sonnenwärme.
In der Kargheit der Hölzer scheut ein Grün.
Enge lichtet sich durch weiße Nebel hindurch.
Färbungen des Graus wandeln sich zu zartem Bunt.
Starre erweicht in blauer Bewegung.
Schmerzen gebären orangeschimmernde Knospen.

Zittrig noch singen die Farben der Lieder.
Doch der Zufall wirkt durchwoben von goldenen Fäden der Fügung.

 

Die kleinen Gesten

Schon vor dem Musikschulvorspiel weiß ich, dass mein Husten dies nicht durchhalten würde. Und so kommt es. Gerade noch das Tochter-Streichquartett steht er durch, bevor er beim nächsten Klavierbeitrag, stille Stelle natürlich, sein Recht einfordert. Verstohlen nach einem Hustenbonbon rascheln, den Reiz unterdrücken bis ich ihn fast hinauswürgen muss, ein paarmal schüchtern in den Schal husten – dann hilft nichts mehr, ich schleiche mich hinten aus dem Saal. Renne noch ein paar Treppenstufen hinab, denn das Musikschulhaus ist ein großes halliges, das Gebelle daher flureweit zu hören, nur weg vom Vorspielsaal.
Kurz nach mir ereilt die Quartettlehrerin das gleiche Los, auch sie war vor ein paar Tagen noch flach im Grippebett gelegen, hustend kommt sie mir auf der Treppe hinterher. Wir beschließen, den Rest des Konzerts unten im Foyer abzuwarten und haben, als wir uns so die Treppe hinunterhusten, vor Lachen fast schon Tränen in den Augen. Wir im Duett, nicht schlecht.
Unten sitzt auch zu dieser späten Stunde noch der treue liebe Hausmeister in seinem Zimmerchen – wieviele Überstunden der wohl wegen all der Jugend-musiziert-Vorspiele hier sitzen muss? Trotzdem schaut er immer noch freundlich, lächelt – und beginnt tief in seinen Taschen herumzukramen. Bis er fündig wird. Wortlos kommt er zu uns und streckt uns entgegen, wonach er gesucht hatte: drei Hustenbonbons. Dies sei alles, was er habe.

Wie mich diese kleine Geste berührt. Ich weiß gar nicht genau warum. Weil in der ausgestreckten Hand so viel Wärme steckt. So viel Miteinander. So viel Geteiltes. So viel Füreinanderdasein.
Eigentlich ist es so einfach. Knüpfen wir ein Netz aus kleinen Gesten voller Hilfe und Lächeln und Wärme …

 

Feriengeschenke

Vorbei sind sie, die Ferien. Mein Kerzenteller, der mich durch die Zeit begleitet hat, spürt das; soeben ist die zweite von sechs Kerzen erloschen, den restlichen verbleiben noch wenige kurze Stündchen. Schnell ist die Zeit vergangen, die anfangs wie eine ewige, unberührte Decke vor mir gelegen hatte. Wie immer fühlt es sich am Ende zu kurz an. Doch wie viele Geschenke haben die Tage bereitgehalten …

… wie die Kinder sich bei allem Großwerden, bei aller pubertierender Scham doch dem Weihnachtsbaumschmücken nicht entziehen wollen; da werden sie plötzlich wieder zu Kindern. Nur eines hat sich verändert, wie der Sohn bemerkt: „Ich wollte gerade fragen: ‚Mama, kannst Du die Sterne da oben aufhängen?‘, da fiel mir ein, ich bin ja größer als Du.“ :) …

… wie ich am Geschenk meiner wilden fünften Klasse eine Karte voll liebevoll gestalteter blumen- und smilieverzierter Unterschriften finde, keine wie die andere – hej, Kinder, das hat mir die Tränchen ins Auge getrieben (was ich Euch morgen unbedingt gleich als erstes sagen muss) …

… wie wir allmählich in die Ruhezeit „zwischen den Jahren“, in unsere „Schlafanzugtage“ hineingleiten, mit viel Lesen, Puzzlen, gemeinsamem Musizieren, Spielen, Schreiben, Filmschauen, Basteln, vor allem aber: ohne irgendwelche Planungen …

… wie ich es endlich schaffe, meiner Sommerradtour wiederzubegegnen, weil ich erstmals Zeit habe, die Fotos richtig anzuschauen, wie ich dazu die Live-Blogposts wiederlese, mich in jeden einzelnen Tag zurückversetze, ihm Farben gebe und vor mich hinträume …

… wie ich auf einem Abiturjubiläumstreffen eingeladen bin, meine ehemalige Klasse wiedertreffe und wir in gute Gespräche finden – über erstaunliche Lebenswege mit Schleifen und Unerwartetheiten, die sich sehr gesund, eigenständig und selbstbestimmt anfühlen; einiges überrascht auch mich. In manchen Gesprächen darf ich weiterhin beratende Begleiterin sein, in manchen haben sich die Rollen schon umgekehrt – sie sind schließlich inzwischen FastlehrerInnen, FastärztInnen, DoktorandInnen, Ingenieure, Sozialarbeiterinnen, Weltreisende und Weltgereiste, Ehefrauen und -männer und ganz einzeln schon Väter. Erwachsen, wie man so sagt. Und doch hätte ich ihnen eines voraussagen können: „Wir dachten immer, mit 25 sei man erwachsen. Jetzt aber fühlt es sich gar nicht so an …“

… wie am Altjahrstag Schnee fällt und Glückseligkeit in unsere Augen zaubert …

… wie wir zufällig an Silvester den besten Film erwischen, noch nie hatte ich von ihm gehört, hatte ihn nur zufällig in der Bibliothek gegriffen: „Das Konzert“. Und während ich noch mit der Musik im Ohr und Tränen in den Augen dasitze, beginnt zum Abspann ganz andere Musik, mir aus der Kindheit bekannt, die Tochter juchzt auf, und kurz darauf tanzen und springen wir im Zimmer herum …

… wie ich den Sohn um Mitternacht dann sogar umarmen darf (die Tochter ja sowieso) und auch er kurz sehr still wird, weil ja nun das Jahr beginnt, in dem er weit weit weg gehen wird …

… wie mir an den ersten Tagen des neuen Jahres das Gespür für mich selbst zurückkehrt, und die Kraft, und die Schreibstimme, und so vieles, was mich nun auch durch die ersten Arbeitstage am Schreibtisch geführt hat …

… wie der Sohn so intensiv, so ergriffen von seiner Musik erzählt, derzeit sind es Prokofjewsonaten, wie er sie gedanklich zerlegt und versteht und seine Faszination teilen möchte – und am liebsten noch mehrere Kubikmeter weiterer Noten bestellen würde …

… wie die Kinder zu ihren Probentagen in der Musikschule gehen und immer freudeerfüllt zurückkehren, obwohl sie teilweise ganze Tage dort verbringen (ein unendliches Danke an ihre Lehrer übrigens, die sie dort mit Hingabe begleiten – und die ja eigentlich auch Ferien gehabt hätten) …

… wie ich – Zufall? – das Teetrinken sozusagen wiederentdecke und damit mein Bei-mir-Sitzen eine neue Dimension des Wohlseins hinzugefügt bekommt …

… wie ich in mehreren Büchern versinke und gar nicht mehr aufhören möchte mit Lesen …

… und immer wieder: wie ich dankbar bin für den Weg zum Cello hin, und jetzt mit ihm zusammen. Es vergeht kein Tag mehr ohne, und morgen ist die nächste Stunde:)

Danke.

Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten beiden Jahren begann ich unter derselben Überschrift etwa um dieselbe Zeit hier mit diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig …“
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)
So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre erfüllt haben, ein wenig? Darüber mag ich heute nicht zu tief nachdenken. Möglicherweise öffnete sich damit eine Spirale des Zweifelns und des Haderns. Lieber lasse ich das soeben Gelesene in mir stehen – die Texte finden sich hier und hier -, als Brücke zu meinem heutigen Ich. Man darf sich Dinge ruhig wieder und wieder wünschen, das Ganze ist ein Weg. Ein ewiger, möglicherweise, aber ein Weg.

Wieder also stehe ich vor einer unberührten Jahresfläche, mit konkreten Wünschen, aus meiner derzeitigen Lebenssituation geboren.

Ich wünsche mir, das kann man nicht oft genug sagen, gesund zu bleiben. Der Blick zu nahen und fernen Menschen meines und jüngeren Alters zeigt: es ist nicht selbstverständlich. Das war es noch nie. Es wird mir nur mit jedem Lebensjahr bewusster.

Ich wünsche mir, mich meiner Bedürfnisse annehmen zu können. Ebenfalls ein „ewiger“ Wunsch. Sie zu erspüren, darin fühle ich mich weiter als noch vor ein paar Jahren. Ihnen Stimme zu geben allerdings, Raum und Ausdruck und Gestalt zu verleihen, das bleibt ein intensives Übungsfeld. Dazu gehört auch, dass ich es irgendwann schaffe Verantwortung abzugeben, wo sie meine nicht ist.

Ja, das Stimmegeben überhaupt. Ich wünsche mir mehr Mut zur Öffnung und Offenheit in Begegnungssituationen. Ich möchte nicht immer nur dem inneren Fluchtreflex nachgeben, wenn Kommunikation schwierig zu werden scheint, möchte mich in so mancher Situation nicht länger verschlossen zeigen. In einer jeden Begegnung, selbst dem Alltags-Smalltalk, die Chance eines wirklichen Aufeinanderzus zu finden, das würde ich gern lernen.

Dazu gehört wohl auch das Loslassen von Bewertungsmustern. Wieviele das sind, durch die ich täglich auf die Welt blicke, auf nahe und ferne Menschen in ihrem Sosein, das wird mir bewusst, wenn ich nur wenige Stunden lang meinen Fokus darauf richte. Urteile und Wertungen verletzen nicht nur das Gegenüber, sie halten auch mich selbst gefangen, verhindern Öffnung und ein Miteinander in tiefem inneren Frieden. Ich wünsche mir Wertungen loslassen zu können. (Dass sie oft mit mir selbst zu tun haben, dass ich aggressiv insbesondere bei den Dingen reagiere, die in mir selbst stecken, dies ist mir bewusst. Es sind wichtige Fingerzeige. Umso wichtiger und dringlicher meine Sehnsucht, mich versöhnlich gegenüber Fremdem zeigen zu können.)

Versöhnlichkeit wünsche ich mir auch gegenüber meinen Alltagsbergen. Diese enthalten viel Potential, mich in unguten Emotionen zu verlieren. Ich wünsche mir die Fähigkeit mehr und mehr bei mir zu bleiben. Ich würde gern mit derselben meditativen Gelassenheit, mit der ich Knöpfe annähe, Korrekturstapel abarbeite oder Acrylfarbflecke im ganzen Haus wegwische, auch das alltägliche Kinderzimmerchaos, die Stapel an lebensverwaltenden Organisationsdingen – Versicherung, Beihilfe, Ämter, Termine und Co – und die selbstnachwachsenden Wäscheberge angehen, um nur mal meine Schlechte-Laune-Generatoren ersten Ranges zu nennen. Die sich daran stets anschließenden Ungedulds- und Ungehaltenheitswellen innerer und äußerer Ausprägung hätte ich gern niedriger, sie brauchen ja nicht gleich ganz zu verschwinden.

Letztes Jahr schrieb ich, ich sollte vom To-do-Listen- auf ein Done-Listen-Gefühl umstellen, um nicht permanent die Berge und damit die Unzulänglichkeit vor mir zu sehen, um damit nicht dauerhaft in der immer schon verplanten und gefüllten Zukunft zu leben. Zwar geht es nicht ohne Listen – mein Gedächtnis reicht nicht für die täglich tausend Details in allen Alltagsbereichen -, aber das Gefühl umzustellen, dies ist ein immer noch dringlicher Wunsch. Nicht permanent zu sehen, was noch ansteht, sondern abends dankbar zurückzublicken: Was der Tag alles enthielt, wie reich er gefüllt war, wie satt ich in ihm werden durfte.

Diese reiche Fülle wirklich und intensiv zu leben, dies wünsche ich mir. Ohnehin muss ich meine verschiedenen Seelendinge allesamt etwas zähmen, ein Leben reicht nicht für die Musik, die noch zu spielen wäre, für die Schreibe- und Lesewelten, die ich mir noch öffnen würde, für all die Luft, die noch zu atmen ich ersehne. Ich wünsche mir den rechten Blick dafür, was in welchem Augenblick jeweils zu leben ist. Und es dann zu schaffen, mich in einem jeden Moment dem hinzugeben, was dieser sich als Seinszustand gewählt hat – wenn ich lese, wirklich im Buch zu sein, wenn ich musiziere, wirklich in der Musik zu sein, wenn ich fotografiere, wirklich die Augen dem Bildlichen zu widmen – und nicht immer schon innerlich vorauszueilen, zu schwanken zwischen Verschiedenem, zu hadern und zu springen. So gern würde ich es vermögen, mich wirklich und mit Allem in die Augenblicke hineinzubegeben.

Und ja, ich wünsche mir Kraft. All das, was hier ringsum zu leben ist, benötigt große Mengen davon. Ich würde gern mehr und mehr einen gangbaren Weg für meinen Alltag finden: mit den notwendigen Stillezeiten, den immer dringlicher werdenden Erholungspausen – ich spüre seit 2-3 Jahren die sich ansammelnden Lebensjahre deutlich -, dem verlangsamten Tempo und dem Mut mich zurückzuziehen, wenn ich es brauche. Mit mir selbst in dieser Hinsicht behutsam umzugehen kostet mich viel Kraft. Von der hätte ich gern immer ein Quäntchen im Vorrat.

Ich wünsche mir Musik – mir und uns, auf welchen Instrumenten auch immer Du und Ihr und ein jeder und eine jede glücklich zu werden vermag – ich wünsche uns allen ein Lebensorchester voller Beseelung.

Und Frieden wünsche ich mir und uns – Hoffnung und Zuversicht für das kleinere und größere Weltgeschehen. Möge uns nie der Mut verlassen, kleine eigene Schritte zu gehen, oder sie für den Anfang auch nur zu träumen.

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Abschließen möchte ich sie mit denselben Worten wie den vergangenen Jahrestext:


Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


Danke an ein reiches Jahr

An seinen letzten Tagen streife ich im vergehenden Jahr umher, schweife mit Blicken und Gedanken durch Geschriebenes, Bilder und Erinnerungen, durchblättere die Kalender und lasse das Jahr kaleidoskopartig noch einmal zu mir zurückkehren. Unglaublich, welch Reichtum sich vor mir ausbreitet. Ich staune und danke.

Danke für mein Leben mit diesen wundervollen Kindern, immer und immer wieder …
… wie sie vor meinen Augen wachsen und reifen, sich ihre eigenen Wege suchen, immer weiter weg vom Zuhause kreisen, und wir – bei aller Pubertät, Türenknallen, Schminke und Co – doch den Gesprächsfaden nicht verlieren …
… wie sie – im Kontrast zu uns Erwachsenen – ein noch unkonstruiertes, unverstelltes Sein leben: diese ursprüngliche Offenheit so alltäglich vor Augen zu haben, ist heilsam und augenöffnend, wenn ich nur bereit bin, mir dies als Spiegel zu nehmen, mich an die Hand nehmen zu lassen …
… dass sie nach allen Erkrankungen wieder gesund wurden …
… dass sie in ihrem prallgefüllten Alltag gut unterwegs sind, ihre Schritte in immer größerer Selbstständigkeit gehen, dass sie Erfolge und Rückschritte reflektiert durchleben und dass sie dabei Freundinnen und Freunde an ihrer Seite haben.

Danke für alle Begegnungen mit anderen Menschen, die immer auch Begegnungen mit mir selbst sind …
… für augenöffnende Erfahrungen, die sich mir in diesem Jahr schenkten, für die Konfrontation mit mir selbst, die mich zuweilen erschreckte und erschreckt, die mich zweifeln ließ und lässt, mich auf mich selbst zurückwarf …
… für die neuerliche Erfahrung, dass ich schlecht für mich einstehen kann, dass ich mich meinen Bedürfnissen zuwider verhalte, wenn mich der Mut verlässt … aber all das setzte und setzt eben auch Entwicklung in Gang, hinterlässt Spuren, in diesem Jahr sehr viele …
… für die überraschenden Momente, in denen nichts so ist, wie es scheint, nicht mal in mir selbst …
… und für all die nahen Menschen, die rückenstärkend, handhaltend und manchmal auch einfach nur weinglasanstoßend trotz allem immer wieder da sind.

Danke dafür, dass mein Beruf immer noch der wunderbarste der Welt ist, meine Schule, mein Kollegium, meine Schulleitung inbegriffen …
… und dass ich nun endgültig den Schritt weg vom zweiten Dienstort schaffte, aus dem Gespür heraus, dass das Dortige nicht meine Herzenstätigkeit ist …
… um wieder mehr in die Lebensfülle der jungen Menschen eintauchen zu können, in das Aufeinanderzu mit ihnen, ins Teilen und Begegnen …
… und in die Lachsalven, Rückenmassagen und Trostgespräche unseres Lehrerzimmers.

Danke für mein Unterwegssein …
… insbesondere für meine Sommerradreise, die ich als kaum endenwollende Zeit erlebte, die ich hätte immer noch weiter fahren können und wollen – was für eine Erfahrung! …
… für die kleineren Touren, in Italien, hier in der Nähe, für das Sein im Zelt …
… und für ruhige Ferientage hier im Haus.

Ja, danke auch für Alltagszeiten …
… für Versöhnung mit so manch Tätigkeit, die nicht auf meiner Wunschliste stand, Renovierung und Haustrocknung nach Überschwemmung etwa …
… und für meine zunehmende Gelassenheit dem Haushalt gegenüber, die schon fast in gleichgültige Vernachlässigung umgeschlagen ist:) …
… und für einen neuen Blick auf all mein materielles Zeug, das mich umgibt, für Entschlackungsschritte als Loslassübung.

Danke besonders – wie jedes Jahr – für all die Musik hier im Haus …
… für die behutsamen Lehrer der Kinder, für die gelungenen Lehrerwechsel, für die neuen Impulse (verbunden mit derzeitig immenser Notenkaufsucht, täglich wird dem Postboten aufgelauert:)) und die neue Beziehung, die beide zu ihren neuen „Hauptfach“lehrern im Begriff sind aufzubauen …
… für die Musikreisen, die sie dieses Jahr nach Frankreich, Tschechien und – den Sohn – nach Südafrika führten und von denen sie jeweils tief beglückt zurückkommen …
… für das gemeinsame Musizieren, das uns ab und zu erfasst …
… und für das Cello, das nun auch mich ergriffen hat und das sich wie ein Wunder und meine ganz eigene Stimme anfühlt.

Danke für alle Momente, in denen ich bei mir sein durfte …
… mit dem Schreibstift in der Hand …
… mit Büchern als Wegbegleiter …
… durch die Kamera schauend …
… oder vor Kerzen sitzend, einfach nur sitzend.

Danke dafür, dass ich mein prallvolles Leben, in dem es zeitlich meist eng, aber in jedem anderen Sinne unendlich weit ist, dass ich dieses Leben so dankbar anschauen kann, zufrieden und gelassen auch, aber vor allem: Dankbar.

Danke für all das, was in diesem Jahr fehlte, was ich bereue, was ich versäumte. Es wäre eine lange Liste, wenn ich sie denn aufschriebe. Eine Liste, ein Weg voller Aufgaben, die nur zum Teil mein aktives Zutun benötigen. Alles andere fordert zum Bereitsein auf, so wie ich schon die letzten Jahre schrieb:

Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)