Familie

Jetzt …

… vor elf Jahren wusste ich noch nicht, dass ich in genau elf Jahren – wie an einem jeden 18. Mai-Abend seither – Geschenke einpacken und Kuchen backen werde. Ich ahnte nicht, dass mir dabei das eine oder andere Mal das Backpulver ausgegangen sein wird – so ein Geburtstagskuchen kommt doch immer wieder überraschend:) – und dass ich jedes Jahr auf’s Neue die Tage vorher und nachher in innigster Weise, in fast minütlicher Erinnerung und mit wohliger Wehmut durchleben werde. Vor allem aber hatte ich nicht die leiseste Vorstellung davon, was für ein Lebensfeuerwerk da in meinem dicksten aller Bäuche herumstrampelt.
Wie strahlend, wie atemlos, wie wunderbar es seither mit ihr ist.

Und nun organisiere ich mir hier im Dorf erstmal Backpulver …

 

im April

Der Monat beginnt in frühlingshafter Wärme und wie immer mit dem 1. April, in den ich erstmals (?) von niemandem geschickt werde, nicht von den Kindern, nicht von Schülern. Bei letzteren liegt das wohl einfach daran, dass ich sie am Samstag nicht sehe:) Mir fehlt nichts, aber es fällt mir auf.
Zum Ende des Monats hin hat sich der heftige Frühling vom Monatsanfang zunächst wieder versteckt und schaut nur schüchtern um die Ecke. Man hofft ja doch, dass er sich im Mai endlich wieder hinaustrauen wird.
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Der Monat ist geprägt und dominiert von unserer New-York-Reise, von all dem Anstrengend-Spannenden schon vor dem Start (für uns, die wir sonst nie fliegend verreisen), von der Eindrucksflut der Riesenstadt, die zuweilen überfordert, von Jetlags, einer Tonne voller Fotos und Erinnerungen und von daraus geborenen neuen Reiseplänen:)
Durch die Reise übrigens fällt das Eierfärben natürlich aus, was vor allem ich ein wenig schade finde, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle.
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Vor und nach den Ferien gibt es natürlich Schulzeit, ein wenig nur. Aber auch eine einzelne Woche kann im Anstrengungsgewand auftreten, was vor den Ferien vor allem daran liegt, dass nebenher die Packvorbereitungen laufen und derart fordern, dass kaum mehr genug Schlafzeit bleibt.
Nach den Ferien ist natürlich alles liegengeblieben – die kompletten Ferien wegzufahren bedeutet ja, dass das reinigende Alles-weg-Korrigieren, Alles-weg-Aufräumen, Alles-weg-Kommunizieren und Alles-weg-Vorbereiten, womit zweiwöchige Ferien gut gefüllt sein können, nicht stattfinden kann und die angrenzenden Schulwochen mit kaum zu bewältigender Arbeitsdichte gefüllt sind. (Darum übrigens werde ich ab nächstem Jahr ein wenig mehr Teilzeit nehmen, also ein wenig weniger Deputat haben: Um in Ferien wegfahren zu können, ohne mich vorher und nachher in die Erschöpfung zu arbeiten.)
Die Reste des in den Ferien Nichtgeschafften schleppe ich in den Mai, nicht zu Ende korrigierte und nicht fertig erstellte Klassenarbeiten, nicht vorbereitete mündliche Prüfungen, ein Schulcurriculum im Rumpfzustand und (psst!) ein paar längst fällige GBUs. (Wer nicht naturwissenschaftlehrend ist, möge sich nicht beunruhigen: diese Abkürzung muss man nicht kennen, und das Dahinterstehende ebenfalls nicht.)
Ich hechle den Erfordernissen hinterher und finde mich seit langem wiedermal in der Situation, dass ich spätabends ganz knapp und sozusagen von der Hand in den Mund erst vorbereite. Da kommt der ganztägige Pädagogische Tag gerade Recht, selbst wenn er an meinem unterrichtsfreien Tag liegt: muss ich am Vorabend wenigstens mal nichts vorbereiten.
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Den Kindern geht es mit ihren Schulaktivitäten besser, die Klassenarbeitsdichte ist gering, die Hausaufgabenmenge wohl auch. Jedenfalls sehe ich sie kaum mal etwas für die Schule tun und auch nicht fluchen.
Ihre Musik im Haus dagegen erfährt heftige Belebung. Die Tochter hat ein neues Cello und eine neue Lehrerin, neue Stücke, neuen Schwung, alles lässt sich gut an.
Der Sohn ist nach dem Jugend-musiziert-Wettbewerb regelrecht manisch in der Erarbeitung von Neuem. Prokofjew, Liszt, Chopin, Beethoven tönen durchs Haus, ich komme mit dem Notenkaufen kaum hinterher. Vor allem die Dauer des täglichen Übens stellt hohe Anforderungen an alle Zuhörendennerven, denn ja, ein Flügel ist laut und tönt durch alle Wände. Dafür wurden also Silent pianos erfunden.
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Für viel mehr ist kein Raum in diesem Monat, ich bin wenig draußen (außer natürlich in New York), ich lese wenig, komme kaum zum Celloüben. Es fließen Tränen, denn die Freundin stirbt. Andere nahe Menschen beenden ihren Lebenskreis. Im Kollegium werden zwei Kinder geboren, und eines darf nach Intensivstationsmonaten wieder nach Hause. Mein Knie – nur das Knie, aber doch – muckert und erinnert sanft daran, dass auch mein Platz in diesem Lebenskreis zwischen Geborenwerden und Sterben kein unveränderlicher ist.
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Mein innerer Grundzustand dieses Monats ist gehetzt und unzufrieden. Alles ist viel zu viel. Sehnsüchte liegen brach vor mir, ich habe zu üben.
Sei mir das am letzten Monatstag im Garten aufgebaute Zelt ein Hoffnungsschimmer, dass mit bald beginnenden Rad-und-Zelt-Zeiten endlich wieder Tage des Ruhens kommen werden, ich brauche sie so.

 

Die Menschen hinter den Events

Es ist ja doch viel. Natürlich ist es das, das war ja klar. Aber dass wir so intensiv durch diese Stadt treiben, so kreuz und quer, mit so vielen täglichen Stationen, und dass die Füße dabei kaum müde werden, nichtmal die der Kinder, dass wir von morgens bis abends ständig Lust haben, noch diese und jene Ecke zu entdecken und dass am Abend auch beim dritten Museum noch Ja gesagt wird, das hätte ich nun doch nicht gedacht.

Dafür geht es abends zu Hause – so nennen wir Joannas Haus:) – dann nur noch schnell essen und ins Bett, keine Zeile findet mehr in irgendein Tagebuch oder die Tastatur. Dito morgens. Beharrlich wacht mein Körper irgendwann zwischen vier und fünf hiesiger Zeit auf, ebenso beharrlich versuche ich mich mit einem selbstsuggestiven „Schlaf!“ wieder in einen Ruhezustand zu versetzen. (Es gelingt zunehmend besser. Bis wir in 6 Tagen zurückfliegen, werde ich die innere Umstellung geschafft haben;-))

Jedenfalls: Es ist ein Taumel. Jeder von uns springt an seinen Wunschstationen sehr glücklich im Kreis, während er bei anderen Programmpunkten nur hinterhertrottet, so ist das, wenn vier Menschen mit individuellen Vorstellungen Tage gemeinsam planen.
Und ich tue mich schwer mit dem Erzählen, täglich geht das schon gar nicht. Doch dann habe ich Sorge zu vergessen.
Nun ja: Da sind mittlerweile an die 1000 Fotos auf der Kamera, die wollen hinterher erzählend begleitet werden. Vieles wird sich im langsamen Nacherinnerungsflow wieder einstellen.

Doch das Kleine, das Zarte, das Feine am Wegesrand, welches da auch ist, immer wieder, täglich, was vor allem in den kurzkürzesten Menschenbegegnungen steckt, das soll in kurzen Wortpinselskizzen festgehalten werden. Es sind ja doch fragile Momente, diese winzigkleinen. Und der Kopf manchmal zu löchrig.

***

Wie die indischen Händler morgens auf der Straße zur U-Bahn vor ihren Geschäften sitzen. Sie sitzen da einfach und warten auf den Tag. Oder auf Kundschaft, so genau erschließt sich uns das indische Stadtviertel noch nicht. Jedenfalls sitzen sie da. Mit Turban und in hingebungsvoller Ruhe. Da kann die Straße lärmen wie sie will. Wenn wir vorbeilaufen, schauen sie. Ob sie zu jedem aufschauen? Die Tochter bekommt immer ein Lächeln. (Überhaupt bekommt sie in der Stadt an jeder Ecke ein Lächeln. Inzwischen zählt sie sie:)) Fast möchte man meinen, die indischen Händler erkennen uns schon, die Blicke wirken wie Grüße …

Die Frau an der Metrostation, die mit den Kindern in ein kurzes lächelndes Gespräch kommt, während wir uns mit dem Ticketkauf abmühen. Die den Bruder beauftragt, auf die kleine Schwester aufzupassen, man wisse schließlich nie. Und die zur Schwester sagt, sie solle dicht bei den Großen bleiben. Sie wird wissen, warum sie das sagt …

Die schwerbewaffneten Milizionäre, die vor dem Trump-Tower stehen müssen und von allen Seiten offen fotografiert werden. Überhaupt wird nirgends sonst (außer an den Familientischen) soviel über Trump gelacht, gelästert und geschimpft wie dort, es werden Karrikaturen verkauft, es gibt Protestplakate. Und diese Milizionäre eben. Von allen Seiten werden sie offen angeschaut, fast angefasst wie Puppen, es wird ihnen ins Gesicht fotografiert, sie werden wie Unpersönlichkeiten behandelt. Natürlich, sie sind nicht zufällig in diesem Beruf, vielleicht aber eben auch nicht freiwillig. Was mag in ihnen vorgehen, während sie dort zu stehen haben …

Der brasilianische Gastwirt, dessen Lebenswurzeln mit italienischen, österreichischen und amerikanischen Fäden vermischt sind und doch immer das Brasilianische als Hauptlinie gefühlt haben, der hier in der Stadt aufwuchs und inbrünstiger als jeder „echte“ Brasilianer seine Nationalgerichte anpreist, der vom Lebensgefühl erzählt, der – by the way – der handyspielenden Tochter Buntstifte hinlegt, die Tischdecke ist eh aus Papier, weil wir unsere kreativen Seiten leben müssen, und dann, als sie mehrere Gemälde auf ihre Tischecke gemalt hat, ihr lächelnd ins Gesicht sagt: Jetzt siehst Du auch viel glücklicher aus als am Handy;-) …

Die Politesse, die als eine von vielen die Aufgabe hat, auf den Kreuzungen jene Autos, die mitten in der Mitte stehenblieben, weil sie gegenüber nicht mehr in die Straße hineinpassten, mit einem Knöllchen zu versehen – eine Sisyphosarbeit, in jeder Ampelphase trifft es mehrere Autos. Aber ohne das würden hier sicherlich Stau und Verstopfung total herrschen. Diese Politesse also, die ganz ruhig das Nummernschild notiert, sich sonstige Notizen macht, dann ans Fahrerfenster klopft, höflich, lächelnd, und dem Fahrer sein Knöllchen hineinreicht.
Dieser hatte es bislang nicht bemerkt. Zuckt zusammen, als es klopft, öffnet dann und nimmt das Knöllchen ebenso lächelnd höflich entgegen. Kurze Konversation, dann geht sie wieder. Und er, ein Taxifahrer, schleudert erst in diesem Moment das Papier wutentbrannt auf den Beifahrersitz. Trommelt noch kurz auf’s Lenkrad, bevor er weiterfährt. Vielleicht waren das seine Tageseinnahmen …

Der Fahrstuhlwart auf der Dachterrasse des Rockefellercenters. Oder nee: Fahrstuhlwart ist falsch. Einer von den unzähligen Menschen, die die Menschenschlangen kanalisieren, in die richtigen Richtungen schicken, sie in kleinere Portionen aufteilen, vor den Fahrstühlen bündeln, damit dieser gewaltige Menschenstrom möglichst effizient durchgeschleust wird. (Ich hatte ja keine Vorstellung davon, was Menschenmassen sind. Obwohl ich in meinem Leben schon in Berlin, Moskau, Paris und London war.)
Jedenfalls: Dieser Vor-dem-Fahrstuhl-Menschengruppen-Portionierer, der wartet ja ebenso wie wir auf den Lift. Nur stundenlang. Oder ein Leben lang. Und während wir so stehen, beginnt er mit den Kindern zu kokettieren. Spielt ihnen sich selbst als Marionette vor. Guckt den Kindern in die Augen, strahlt, lockt ein schüchternes Lächeln, später ein Lachen hervor. Und bekommt auch die Begeisterung der Erwachsenen.
Und dann führt uns der Fahrstuhl wieder 67 Etagen nach unten …

Der Busfahrer, dessen Ticketmaschine kaputt ist, der dennoch die französische Familie einfach raussetzen könnte, da mitten auf der 1rst Avenue, sollen die sich doch ihre Tickets an einem der Straßenautomaten kaufen. Der genau das zu ihnen sagt, dann aber eben nicht abfährt. Sondern wartet, bis sie einer nach dem anderen mit den Geistermaschinen klargekommen sind. Und wir im Bus, wir warten mit. Rutschen dann noch ein wenig zusammen, damit die vier Franzosen noch hineinpassen. So ein Busfahrer …

Die Volunteer-Guide in der Carnegie-Hall, die uns über eine Stunde durch Hallen, Emporen, Flure und die Geschichte der Konzerthalle führt. Vom Akzent her ist sie klar russischer Herkunft, mir bestätigt sich das, als sie Tschaikovskijs Namen ausspricht. Wie sie erzählt: voller Seele. Von all diesen großen Musikern, von den sich darum rankenden Geschichten, vom Haus und dessen Fastzerstörung, weil das Geld nicht reichte. Und wie ein beharrlicher Musiker zusammen mit vielen New Yorkern und am Ende mit Hilfe der Stadt den Konzertsaal retten konnte – all das erzählt sie, als wäre es ihre Seele, um deren Rettung es hier ging. Wir hängen ihr gebannt an den Lippen. Danke …
(Übrigens, so fragen wir bei unseren Gastgeberinnen nach, es ist sehr üblich, als Volunteer in Museen zu arbeiten. Viele RentnerInnen tun das, viele begeisterte Kunst- und Musikliebende sind auf diese Weise tätig. Und die Museen können nur dadurch all ihre Angebote für die Menschen aufrecht erhalten.)

Der Taschenkontrolleur in der Public Library. Eine von vielen Kontrollen, die kaum mehr als formalen Charakter haben. Jedenfalls schmuggle ich ein Buch hinaus. Es ist mein eigenes und war schon beim Hineingehen im Rucksack. Aber es wäre nicht bemerkt worden, wäre es nicht meines. Der Taschenkontrolleur also, der mit jedem Besucher einen kurzen Witz macht, liebevoll, der die Taschen blicklos vorbeiwinkt, der den Kindern einen Schulterklopfer mitgibt und jedem, der nur wahrnehmen will, das Strahlen seiner Augen …

Der Mann, der im Washington-Square Schach spielt, so wie viele andere auch. Der aber heftig ärgerlich abwinkt, als er bemerkt, dass er wohl auf die Ecke meines Fotos geraten ist. Ich will ihn beruhigen, führe ich doch nichts böses im Schilde, fühle mich zu unrecht verdächtigt, und doch wird er immer aggressiver. Ich lösche das Foto, und er ist doch gar nicht zu beruhigen. Oh je, guter Mann, ich wollte doch nicht …

Die Frau an der Bushaltestelle, die uns darauf hinweist, dass wir an der falschen Stelle stehen. Und überhaupt die vielen Menschen, die immer wieder von allein zu uns kommen, fragen, wohin wir wollen, die uns den Weg und mehr erklären …

Die Menschen am Boden. Die von den Vorbeiströmenden einen winzigen Teil erbetteln. Es gibt sehr viele. Die Schere ist hier sichtbar größer. Vor allem die Tochter fragt mich immer wieder. Ich weiß doch auch keine Antworten. All diese bitterarmen Menschen …

***

Und über all dem explodiert in diesen Tagen der Frühling. Es ist wärmer als bei Euch, viel wärmer. Die Bäume, die zu unserer Ankunft noch kahl und mit kaum einer grünschimmernden Knospe geschmückt waren, die färben sich stündlich ins Blütenbunt und strahlen plötzlich so viel Hellgrün aus. Hach.

Klein-groß und andere Vergleichsdinge

Drei Tage sind wir mit Joanna auf dem Land unterwegs, sie zeigt uns ihre Wurzeln und noch viel mehr. Dazu packt sie uns in ihr Auto, in das wir zu fünft nur knapp hineinpassen. Automäßig sind wir sozusagen underdressed. Was wiederum beruhigt: dass es in diesem Land auch Autos unter 2 Metern Breite gibt. Wenigstens eines:)
Von der Garage geht es direkt auf die Hochstraße, die sich zunächst mit Skylineblick, später mitten durch Bronxhochhäuser bis an den nördlichen Stadtrand schlängelt. So viele Gesichter der Stadt, schon vom Auto aus. Das Reiseprospektmanhattan ist tatsächlich nur eine Facette dieser Stadt. Hier in den nördlichen Stadtteilen wird es grauer, hier blicken einen wenig beneidenswert scheinende Leben durch trübe gesprungene Fensterscheiben an.

Die Häuser lichten sich, wilde Wälder ersetzen bald die letzten Stadtausläufer, und wir sind in der Wildnis des Hudsontals. Naturbelassener Forst, abgebrochene Bäume verweilen in unaufgeräumter Lage, alles in grau-braun gefärbt, noch keine Zeichen des Frühlings zu sehen. Bis auf die Sonne, die uns ins Schwitzen und in Sommerstimmung hineinknallt, das alles ist ein eigenartiger Kontrast. Es verlockt in der Natur unterwegs zu sein – hin und wieder verweisen Schilder zum Appalachian-Trail – und es schreckt doch gleichzeitig ab. Ich weiß nicht so recht, ob ich in dieser wilden Kargheit ausgesetzt sein wollte. Zumindest bräuchte ich eine Zeit der Akklimatisierung, des Anpassens an die Ungeordnetheit.

Aber diese Frage stellt sich ohnehin nicht, wir schlängeln uns durch’s Hudson-Tal und später entlang eines Flusses, dessen Namen ich vergessen habe, obwohl doch unser Zielort an selbigem liegt und der Name im Laufe der drei Tage ständig fällt, naja, Namen sind Schall und Rauch. In dieser Wildnis zelten hingehen, an einem der Seen, oh ja! Mit den Stunden, die wir sie durchfahren, wird sie vertrauter. So ist das ja immer.
Kurz queren wir Connecticut, bevor wir Massachusetts erreichen. Stockbridge heißt unser Zielort, wo Joanna aufgewachsen ist und wo wir zwei Tage bei ihrer Schwester zu Gast sein werden.

Joanna führt uns zu Fuß durch den Ort, zu anderen Plätzen fahren wir. Sie erzählt uns eine Menge Details aus alten Zeiten, die Geschichte und die Geschichten der Hiesigen – have you heard of xxx? noo??? – es ist sehr viel.
Sind wir doch noch damit beschäftigt, das Straßenbild aufzusaugen. Die vielen Flaggen, die Trucks, die Schulbusse, die Westernschriftschilder. Holzhäuser jeglicher Farbe, aber immer ähnlichen Stils, wie direkt einer historisch-amerikanischen Filmsaga entsprungen, jedenfalls nach unserer dürftigen Vorstellung. Die Bücherei mit ihren weißen Regalen scheint direkt aus dem 19. Jahrhundert hierher transportiert worden zu sein, nur dass Solzhenicyn und Susan Sontag einträchtig nebeneinander stehen, belegt ihre Verortung in jüngerer Zeit. Es ist ein Ort der nicht eben armen Menschen, das sehen sogar wir sofort.

Und während wir so durch die Stadt treiben, begleiten uns Erzählungen über dieses und jenes. Wie viele first-american, biggest-american, most-important thing’s es hier gibt, wir wundern uns. Jeder Stein, jedes Haus, jedes Denkmal, jede Ecke scheint voller bedeutungsvoller Historie. Jedoch: Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Städte, andere Countys in ihren Erzählungen ebensoviele first-biggest-important’s aufzuweisen haben. Eine Flut an Superlativen, über die wir im Laufe der Stunden ins Lächeln kommen. Größtenteils haben wir von den Dingen noch nie gehört. Und doch werden sie permanent in Relation zu den Dingen der übrigen Welt gesetzt. Wie gesagt: wir lächeln darüber.
Aber: Ist das nicht europäische Überheblichkeit? Was verstehen wir schon vom hiesigen Selbstwertgefühl? Wir haben schließlich nicht ein Leben lang in diesen Schuhen hier gelebt.
Als wir etwa Boscobel besichtigen und guten Willens die Führung durch das alte Herrenhaus mitmachen, wohl wissend, dass Anwesen dieses Alters bei uns wie Sand am Meer restauriert wurden. Als dann schließlich das 13. Detail zur Geschichte des 17. Löffels erzählt wird, die Führung in die zweite Stunde geht und wir noch nicht mal das Obergeschoss erreicht haben, da kapitulieren nicht nur die Kinder. Wir schleichen uns mitten aus dem Redefluss hinaus ins Freie.
Arrogante Deutsche, werden sie sich gedacht haben. Und ein wenig fühle ich mich tatsächlich so.

Schließlich sind die Menschen, denen wir in Stockbridge begegnen, allesamt Weitgereiste, sie kennen mehr von der Welt als wir. Lebten in Deutschland, Iran, Libanon, China, Österreich und und und, waren viel unterwegs, wissen vieles in Relation zu setzen, was ich in meinem Leben nicht einmal erahnen kann.
Und doch kommt es uns seltsam falsch vor, als die Frau in der Bücherei regelrecht entsetzt ist, dass wir nur zwei Tage in Stockbridge und dafür über eine Woche in New York bleiben wollen. Sie kann nicht verstehen, was dort – selbst für die Kinder – besser und attraktiver sein soll als hier in diesem kleinen Ort.
Eigentlich stimmt es ja: wenn wir unseren Kindern nicht vermitteln, dass das Denkmal für den tapferen Indianerstamm, der hier eine lange Periode der friedlichen Koexistenz (so würde man es heute nennen) mit den Neuzuziehenden gelebt und verteidigt hat, mindestens von ebensolcher Bedeutung ist wie eine Freiheitsstatue gleich welcher Dimension, dann reihen wir uns in den Superlativ-Wettlauf ja eigentlich unhinterfragt ein. So geben auch wir den großen Dinge mehr Bedeutung als den kleinen, so sind wir Teil des Vergleichs-Overflows.

Und dabei sind die Dinge hier überhaupt nicht so klein und unbedeutend. Tanglewood etwa, eine im Moment idyllisch verlassene Parkanlage, ist der Ort des Sommerfestivals des Boston Symphonie Orchestras, welches mitnichten irgendein Orchester ist. Der Sohn bekommt leuchtende Augen, als er die Plakate mit den Konzerten und Solisten des kommenden Sommers liest. Sehr verlockend sich vorzustellen, hier auf einer der Rasenflächen zu sitzen und der Musik zu lauschen. Zwei Parkranger sprechen uns an, fragen und erzählen und schenken den Kindern Erinnerungstaschenlampen. „Streng Dich an“ sagen sie zum Sohn, dessen Klavier-T-Shirt seine Passion verrät, dann kannst Du eines Tages hier on the stage sein:)
Oder Jacob’s pillow, eine Tanzschule und -bühne mit modernem Kurskonzept, mitten im Wald in und um eine alte Scheune errichtet, eine wundersame Fügung von Natur, Historie und Kunst, auch dies ist nicht irgendein Ort.

Wir tragen vieles mit aus den Tagen auf dem Land, viele Fragen insbesondere. Als wir am Ende der drei Tage nach New York zurückkehren und uns wieder in die Fülle der Riesenstadt stürzen, da setzt sich diese in mir immer wieder in Relation zur Ruhe des kleinen Ortes.
Das Konzept von groß und klein, von bedeutend und unbedeutend – wer legt das eigentlich fest?
Und wie gefangen sind wir darin?

Manhattan zum Eingewöhnen

Schreiben ist schwierig: Das Viele, das Andere, das ununterbrochen auf einen Einströmende.
Ohne Schreiben ist auch schwierig: Wohin soll das Viele, das Andere, das ununterbrochen auf einen einströmende denn dann fließen?
Auf jeden Fall lasse ich mal den Anspruch los, hier jeden Tag etwas zu produzieren. Und auch den, auf jeden Kommentar zu antworten. Das finde ich selbst schade und ein wenig unhöflich, aber weder Zeit noch Datenvolumen sind ausreichend dafür. Also wisst: Ich lese Euch alle, wenn ich zwischendurch Netz habe (erkennbar an meinem Sternchen:)) und freue mich sehr über jeden Kommentar. Auch wenn ich nur in Gedanken antworte. Kompromisse müssen sein:)

***

Ein erster Tag in Manhattan beginnt mit dem Weg zur Underground, auf dem wir uns einig sind, dass es hier eigentlich völlig unerwartet aussieht. Mittelhohe holländisch anmutende Wohnblöcke mit ruhigem Sonntagmorgenstraßenschlenderleben, das sich erst in der Nähe der Station in ein Little-India-Straßenbild wandelt.
Später am Abend erzählt uns Joanna, dass Jackson Heights einer der multiethnischsten Stadtteile ist, und dass wir hier in der Nähe auch alle anderen Little xxx’s dieser Welt finden würden. Berlin ist gar nichts dagegen, bemerken die Kinder. — Sie werden es im Laufe des Tages immer wieder mit Berlin vergleichen. Viel mehr Großstadterfahrungen haben sie ja noch nicht.

Jackson Heights Underground also. Das Ankommen in einer fremden Großstadt beginnt immer mit dem Ticketkauf für den Nahverkehr. Finde ich. Hier, ähm, scheitern wir zunächst. Am Automaten nämlich. Eine freundliche Frau verweist auf den menschenbedienten Verkauf am Ende der Straße, genau das brauchen wir jetzt. Nach mehrphasiger Erklärung und Entscheidungsfindungsdiskussion halten wir letztlich ein Magnetkartenpapierchen in der Hand, welches wir nur noch viermal durch den Schlitz ziehen müssen. Aha, die Geschwindigkeit muss stimmen. Zu schnell – geht nicht. Zu langsam – geht nicht. Jeder von uns braucht mehrere Versuche. Die Frau, die hinter uns durch dieselbe Schranke will, schaut genervt. Soll sie. (Gibt doch noch andere Schranken? Sie ist übrigens die einzige, die uns im Laufe des langen Tages angestrengt und gestresst begegnen wird. Der Rest strahlt erstaunliche Gelassenheit aus.)

Die Underground – jedenfalls die 7 – fährt hier entgegen ihrem Namen als Hochbahn, wir stehen direkt hinter dem Fahrer, und irgendwann reißen alle die Fotoapparate heraus, weil durch das kleine Fahrerfenster in der Ferne die Skyline auftaucht. Die Kinder zeigen sich beeindruckt, klar. (Später am Tag allerdings werden sie sagen, sie hätten es sich noch höher vorgestellt. Ja wie hoch denn noch bitteschön?)

Dann taucht die Bahn ab, wo sie hingehört, und am Times Square steigen wir aus. Wir geben uns gleich die volle Dröhnung, wenn schon denn schon. Es flutet einen ja wirklich, zumal wenn man diese schrille Welt noch nie gesehen hat. Ich werde hier auch gar nicht erst versuchen, irgendwelche Wortbilder für die überfordernde Buntgrellheit zu finden. Vermutlich ist selbst die Kamera damit überfordert. Ich halte einfach drauf, und sicherlich enthält jedes einzelne Bild viel zu viel. Ausschneiden kann ich später am heimischen Bildschirm, meine Augen können es derzeit nicht.

Da stehen wir also im trubeligsten Trubel, den man sich vorstellen kann und sind zunächst damit beschäftigt beieinanderzubleiben. So viel permanentes Aufeinanderachtgeben sind insbesondere die Dorfkinder nicht gewohnt. Zwar haben sie Adresse, Stadtplan und ein paar Notdollar im Bauchgurt, Handynummern funktionieren auch, dennoch hat niemand Lust, dass wir uns hier gegenseitig suchen müssen, weil wir uns aus den Augen geraten sind. Die Tochter ist außerdem nervös, dass ihr nichts geklaut wird. Ich vermute allerdings, es ist nicht gefährlicher als in Berlin oder Frankfurt. Jedenfalls packt sie ihre Kamera lieber in die Tiefen ihres Rucksacks und will später von meinen Fotos abhaben, na klar doch.

So treiben wir also, oder eher: werden geschoben. Ein Stück 7th Avenue, ein bisschen Times Square, und dann flüchten wir erstmal in eine der schmaleren Streets. In eine, wo sich kleinere Häuser an die Rückseiten der Glasmetalltürme schmiegen und dabei noch nicht mal schüchtern aussehen, wo kaum ein Auto, dafür ab und zu ein Fahrrad fährt, wo Müllsäcke kurz vor dem Aufplatzen über die Straße rollen, wo die vorbeieilenden Menschen alle so aussehen als wohnten sie hier, wo in kleinen Straßencafés ein ganz normales Sonntagmorgenleben durchscheint. Natürlich, hier leben schließlich Menschen.
Dennoch, das werden wir im Laufe des Tages noch öfter überlegen, hier wohnen? Wie soll das gehen? Wie sich das wohl anfühlt? Ich schaue denjenigen, die einheimisch wirken, ins Gesicht. Sie tragen Umzugskartons, radeln, lamentieren miteinander, schleppen Einkäufe, kehren ihren Balkon, bosseln an ihrem Auto herum, plaudern an der Ecke, sitzen in der Sonne. Alles ganz normal. Und doch: Hier leben?

Irgendwann, hier sind alle Wege weit, sind wir am Hudson River. Kurz vorher kreuzt eine Bike Lane (heißt das so?), da haben Räder Vorfahrt, und ich, ausgerechnet ich!, latsche denen mitten hinein. Werde zu Recht angeflucht. Dabei würde ich jetzt gern selbst auf einem Rad sitzen. — Der New York Pass, den wir nächste Woche haben werden, beinhaltet auch ein paar Stunden Radausleihe. Psst, ich muss die Familie noch überzeugen, ich finde ja, das ist ein Muss!

Wir sind heute wenig zielstrebig, nach kurzer Beschau des Flusses kehren wir in die wirbeligen Straßen zurück, diesmal entlang einer der größeren. Mit Skyscraperglasfassaden, in denen sich gegenüberliegende Skyscraperglasfassaden spiegeln, in denen wiederum die Sonne reflektiert wird, hach. Geometrische Strukturen, sich kreuzende Linien, Kubusästhetik. Irgendwie hat das riesig verrückt Überdimensionierte ja doch was. Jedenfalls liefert es Stoff für ein paarhundert Fotos. Und das am ersten Tag.
Dem Sohn geht es ähnlich. Er hält mit seiner Kamera drauf und drauf und drauf. Während die Tochter einfach fotolos staunt. Und, als sie eine 15-m-lange weiße Limousine erblickt, beselt seufzt, dass sie jetzt schon gesehen hat, was sie einmal im Leben sehen wollte. (Was wissen wir schon über die heimlichen Träume unserer Kinder, denke ich mal wieder.)

Ein Glück übrigens, denke ich bei manchen Motiven, dass die Bäume noch nicht belaubt sind. Manches könnte man sonst gar nicht erblicken.
Huch, hatte ich den Frühling nicht antizipierend schon gedanklich vermisst, war mir das nicht vorher ein querliegender Mangel dieser Reise? — Und jetzt hat die Stadt meine Sehnsüchte verwandelt? Brauche ich das Grün plötzlich nicht mehr? — Oh doch, die ersten zarten Blüten erfreuen mich schon. Es gibt tatsächlich mehr Bäume als erwartet.
Und vor allem gibt es mehr Wärme als erwartet. Genaugenommen schwitzen wir ziemlich. Hochsommerkleidung allerorten. Und dazwischen Menschen mit Winterjacken. Die Stadt ist wirklich in jeder Hinsicht bunt.

Und wir treideln weiter. Ein Imbiss tut not. Das landestypische Angebot lässt die Kinder jubeln (noch!). Danach queren wir den Times Square ein zweites Mal und sind diesmal wacher und mutiger als vorhin. Fasziniert starren wir auf gelbe Taxi-Rudel, wedeln die Broschüren, die von rechts und links aufgedrängt werden, souverän beiseite, geraten in ein Schwätzchen an der Straßenecke, lauschen der Krankenwagensirenensymphonie, lassen den Blick immer wieder nach oben schweifen – wie jetzt, die Kinder hätten es sich noch höher vorgestellt? – und fallen von einem Guck-mal-Mama ins nächste Guck-mal-Tochter. Am Ende halten wir unsere New-York-Pässe in den Händen und können den Times Square für heute verlassen. Reicht auch.

Weiter geht’s vorbei am Rockefellercenter, der Bryant Park verlockt mit Bänken und hej: hier spielen alte Männer einfach Boule, inmitten all des Trubels. Die Lust auf ein Eis kommt auf, doch noch mehr lockt am Eck gegenüber der Steinway&Sons-Showroom. Der Sohn schaut sehnsüchtig durchs Fenster. Ob wir noch einmal herkommen, wenn geöffnet ist, und ob er sich dann wirklich traut, die Flügel auszuprobieren? Ob das überhaupt erlaubt ist, wo wir ja nicht gerade so aussehen, als würden wir ein Flügelchen kaufen und unterm Arm mitnehmen?

Kurze Lagebesprechung, alle wollen noch ein bisschen weiter, ein bisschen mehr sehen. Also führt uns die Underground gen Süden, mal kurz sitzen, hurra, und lässt uns am Ground Zero wieder heraus.
Hier – wie auch an vielen anderen Ecken – wundere ich mich, wie sich meine Erinnerungen damals eingebrannt haben. Nur 48 Stunden war ich in der Stadt, und es ist 20 Jahre her. Und doch erkenne ich so viele Straßenzüge wieder, so viele Blicke, so viele Details. Hier also auch. Das alte Haus mit der riesigen Feuertreppe. Gleich daneben ging man in einen der beiden Türme hinein und fuhr hinauf. Von oben schwankte alles, das weiß ich noch zu genau. Der Nachbarturm schien zum Greifen nahe, und dahinter zog sich ein klarer weiter Blick über Mantattan von einem Ende des Horizonts zum anderen.
— Und heute stehen wir an zwei Gedenkbrunnen. Das Wasser fließt und fließt, und die Sonne spiegelt sich darin.
— Joanna hat erzählt, sie wollten damals am liebsten auswandern. Die Stimmung in der Stadt sei so gedrückt gewesen. Jeder kannte mindestens jemanden, der jemanden kannte. Und sie selbst hatte auch drei Freunde, die in dem Gebäude gearbeitet haben. Die nur an jenem Morgen wegen irgendwelcher Zufälle – Zahnarzttermin, Bücherei und so – noch nicht zur Arbeit gegangen waren.
— Das Wasser fließt und fließt, und die Sonne spiegelt sich darin.

Wir sind müde. Das ist erlaubt, nach so vielen Stunden in der Stadt. Nur noch schnell – wie oft wohl werden wir auf die Dimensionen hereinfallen? – rüber zum Hudson, am Ufer entlang runter zum Battery Park, so ist der Plan. Und schnell vorher noch in den riesigen Wintergarten, und mal eben schnell diese Ecke, und jene. Uff, es sind weite Strecken.
Unsere Schrittfrequenz nimmt ab, es fängt an anstrengend zu werden. Dabei ist der Uferpark herrlich ruhig, wunderschön, immer mit Blick aufs Wasser, die Freiheitsstatue in der Ferne, Familien auf Sonntagsausflug, gelassene freudige Atmosphäre.
Aber was für eine Hitze, niemand hat damit gerechnet. Und kein einziger Eiswagen am Wegesrand. Tausend Eiswagen rund um den Times Square, und kein einziger hier. Das ließe sich optimieren, finden wir. Nützt uns jetzt aber nichts.
Erst ganz an der Südspitze, wir machen echt schon eine jämmerlich schlurfende Figur, endlich. Zwar mit Schlange (ging es also nicht nur uns so), aber das ist ausnahmsweise egal. Auch dass es eines der schlechtesten Softeise meines Lebens ist – egal.
Sitzen, Wasserblick, Eis, bella vita.

Für weitere Wege ist die Kraft aufgebraucht, dabei ist es erst halb sechs. Ich wäre ja jetzt noch bis zur Brooklyn brigde weitergelaufen, aber die Kinder sind nicht mehr zu motivieren. Außerdem benötigt der Heimweg seine Zeit – wie in Berlin: man braucht immer eine Stunde. Wir wollen abends mit Joanna essen gehen, dann wird es also tatsächlich Zeit heimzukehren.

Zum Abschied vom ersten Manhattan-Tag werfen wir einen kurzen Blick vom Fährterminal auf die Brücke, ich freue mich jetzt schon aufs Drüberlaufen, dann versenken wir uns in die Underground. Wow, nach Jackson Heigths kommen wir ohne Umsteigen.
Nach einem Erschöpftheitsnickerchen in unseren Zimmern (selbst die Kinder jetlaggen heftig) geht es zum Essen im wirbelnden hellen indischen Abendleben. Töchterchen verliebt sich in die indischen Festkleider und bedauert, dass man solche bei uns nicht tragen kann. Das Essen aber wenigstens können wir gustieren. Fünf verschiedene Gerichte, wir wollten gar nicht so viel. Schon am ersten Abend erlernen wir, dass man unverdrossen ganz viel bestellt und die Reste dann nach Hause trägt. Alle machen das. Joanna auch. Wir hätten uns das jetzt wohl nicht getraut.

Wow, der Tag hatte viel. Wir fallen ins Bett. Keiner möchte mehr beieinandersitzen.
Am nächsten Morgen werden wir aufs Land zu Verwandtenbesuchen fahren.

***

Irgendwie bin ich unzufrieden, den Text würde ich gern runder und stimmiger schreiben, mit mehr Zeit ginge das. Allerdings werde ich das in diesen zwei Wochen hier nicht hinbekommen. Entweder ich schreibe so wie jetzt, mehr oder weniger ungeplant ohne großes Konzept, additiv aufzählend, oder ich bekomme es nicht unter. Also lieber so. Nehmt es also, und meckert nicht zu viel daran herum;-)


Über den Teich

Ich war übervorsichtig. Drei Stunden vor Abflug da sein, hieß es, weil man nie weiß, Fahrzeit von uns zum Flughafen eine Stunde, eher mehr, und man weiß ja auch hier nie, also lieber zwei Stunden. Das Taxi könnte sich verspäten, wir bestellen es ein paar Minuten eher. Dreifache Absicherung, da hätte unterwegs auch wirklich alles passieren können, wir hätten den Flug bekommen.
Warum gleich sind wir um sechs Uhr losgefahren, spöttelt die Familie, als wir Stunden um Stunden im Vorgatebereich herumwarten. Ach, sage ich, das gehört zum Spiel dazu, sage ich, und lasse mich nicht beirren. Wer mit mir verreist, muss diese Regeln mitspielen.

Überhaupt ist das ganze Reisen ja ein einziges Spiel. Festgelegte Regeln wohin man schaut, Zumeist nicht von mir oder uns selbst gemacht. Sicherheitschecks, Wartezeiten, Einsteigeordnungen, Laufwegsregelungen, Papiervorzeigeroutinen, Zwischenterminalwege, alles alles alles ist festgelegt. Die Freiheitsgrade, wenn man sich als Rädchen in diesen Menschenumschlagplätzen zur Verfügung stellt, sind annähernd Null. Man wird geschickt, geschoben, gefahren, ausgeladen, abgefragt, bestempelt, entpackt, banderolisiert und zuweilen ein wenig abgetastet und ausgezogen (nuja: Gürtel nur, und wenn sie piepen, auch die Schuhe).
So ist das eben. Die Regeln stehen vorher fest, man kennt sie. Wenn man die nicht will, verreist man besser nicht auf diesem Wege. Und wenn man auf diesem Wege verreist, hat man vorher in die Regeln eingewilligt. Eine freie Wahl bestand ja. Vor dem Ticketkauf nämlich.
Also alles bestens. Ewig weite Wege in Heathrow? Selbstgewählt. Rucksack komplett auspacken in Frankfurt? Selbstgewählt. Schere und Deo abgeben? Selbstgewählt. (Und mea culpa übrigens. Töchterchen hatte ihr Handgepäck selbstgepackt. Ich hab nicht kontrolliert. Und so hatte sie’s nicht gewusst.) Anderthalb Stunden Wartezeit bei der Einreisekontrolle? Selbstgewählt.
Und dies sage ich nicht etwa selbstsuggestiv, um mich oder uns wieder von Verärgerung, Groll oder Genervtheit wegzubekommen. Diese steigen gar nicht erst auf. Es ist eben wie es ist. Wir spielen hier ja freiwillig.
(So wie das übrigens bei vielen Lebensschritten ist, fällt mir auf. So oft hätten wir eine Wahl – vorher, in einem gewissen Sinne – anstatt uns in eine destruktive, schwächende Verärgerung zu begeben. Wenn man sich dies mal im Alltag klarmachen würde …)

Hier jedenfalls bewirkt diese Freiwilligkeit dabeizusein und mitzuspielen wohl auch, dass der Grad an Gelassenheit der umherströmenden Menschen den in der Berliner S-Bahn um ein Vielfaches übertrifft. In Heathrow fällt es mir besonders auf. Selbst die Eilenden wirken kaum gehetzt. Dabei könnte man meinen. Es ist wirklich unglaublich weit, unglaublich gerammelt voll, unglaublich lärmend. Und trotzdem diese Ruhe. Mag sein, weil gestresste Dienstreisende an Samstagen kaum unterwegs sind. Weil viele der Mitspieler Osterferienvorfreudefamilien sind.

Apropos Vorfreude. Die konnte sich ja vorher bei mir nicht so recht einstellen. Seit dem Moment aber, da wir mit dem Taxi unser Haus verlassen, blüht sie in einer fast schon kindlichen Version auf. Ich hüpfe mit der Tochter bei jedem Flugzeug, das startet und landet, erinnere mich an lang zurückliegende Flugerlebnisse aus Studienzeiten und gebe diese zum Besten – ja, damals war ich viel fliegend unterwegs -, finde das Flughafenambiente so spannend, dass ich mit Töchterchen mehrere Gatebereiche abwandere, hinter jede Ecke schaue, an allen Enden mitstaune und überhaupt bester Laune bin. Ist ja auch aller Grund dazu.
Fliegen ist sooo aufregend, in London sehen wir von oben die Tower bridge und fahren mit dem Flughafenbus ein bisschen Linksverkehr, auf dem größten Flughafen Europas finden wir dank Sohnes Adleraugen eine Rest and relaxation lounge for free mit Liegesesseln und schlafermöglichender Ruhe, direkt vor dem Abfluggate breitet ein italienisches Café seine Arme aus, die Menschen an den Kontrollen sind alle unglaublich freundlich und höflich und in London außerdem witzig, in der Boardingschlange dürfen wir „with the little one“ – welche dem Quengelalter doch längst entwachsen ist? aber wir nehmen das Angebot trotzdem gern an:) – ganz nach vorn, die Bordunterhaltungsanlage hat Cellomusik, mit einem Nackenkissen kann man wunderbar wegnicken (den Sinn solcher Kissen entdecke ich also heute, mit 48 Jahren:)), die Essensqualität übersteigt die bei Aeroflot früher deutlich, die Kinder lassen mich an ihren Nasen vorbei auch mal aus dem Fenster schauen (es ist Gutsichtwetter!), und als die Reise schließlich in die zwanzigste Stunde geht, fast schon beim Landeanflug New York, gerate ich lesend bei Patti Smith in Erinnerungen an’s Café Pasternak in Berlin, in welchem ich erst vor kurzem mit E. saß und das mit all meinen Russlandreisen verbunden ist, und die ja auch wieder mit dem Fliegen und so … Hier schließt sich der Kreis, denke ich, als ich lesend bei wachhaltender Cola mit innerer Uhr auf Nachmitternacht gestellt in leichter Irritation wegen gleißender Sonne über amerikanischer Atlantikküste auf meinem Fastfensterplatz sitze. Das Leben ist schön.

Apropos: Die Freundlichkeit der Flughafenangestellten. Wahnsinn. Ich ziehe meinen Hut. Man stelle sich das mal vor. Acht Stunden Tasche um Tasche öffnen, immer freundlich und mit einem Scherz, mit einem kleinen Schwätzchen. Oder aber acht Stunden an der Piepsschranke. Oder acht Stunden Boardingpässe abstempeln. Oder acht Stunden den Weg erklären. Oder acht Stunden Essenswägen durch die Gänge schieben, die Optionen vorlesen, austeilen, einsammeln, lächeln, freundlich sein. Ich ziehe echt meinen Hut. Nur einmal, ein einziges Mal heute in den vielen Stunden sehe ich bei einer Stewardess ein Lächeln, dem man Künstlichkeit und Erschöpfung entnehmen kann. Alle anderen … das ist der Wahnsinn, was die hier vollbringen. (Steward(ess) soll übrigens ein Beruf mit einer der größten Burnout-Gefährdungen sein. Ich glaube das sofort.)

Tja, und dann sind wir da. Letztlich doch ein wenig müde, die innere Uhr zeigt Zwei. Ewig lange Gänge zur Einreisekontrolle, dort eine ewig lange Schlange, lehrbuchhaft in absperrbandgeordneten Mäandern gefaltet. Es wird etwa 60 Leseseiten und zwei Toilettenrunden, dauern, ich glaube die äußere Uhr sagte dazu 90 Minuten. Die Tochter setzt sich dann doch mal erschöpft hin, hält sich aber wacker – andere Kinder schlafen längst bei ihren Müttern auf dem Schoß, das alles auf dem Boden. Ein Hoch auf meine Russlandgeduld, gegen das Früher ist das hier gar nichts, es kann ja nichts passieren, irgendwann sind wir dran. Immer noch sind alle höflich, man wird nicht angeschrien, niemand trägt Kalaschnikows (Grenzkontrollerinnerungen aus den 80ern!), und die Fragen nach eventuellen Reisen nach Syrien beantworten wir auch ganz brav mit Nein.
Die Koffer – tata! – sind da, das hat man auch schon anders erlebt, der Check, ob wir drin kleine Leguane oder auch nur Mandarinen einschmuggeln wollen, ergibt grünes Licht. (Unsere letzten Salamibrötchen und Apfelschnitze allerdings, die sind nun doch illegal in dieses Land geraten, wir waren bei der Abfragung einfach schon zu müde und noch nicht einmal bösen Willens:))

Und dann stehen wir also auf New Yorker Pflaster. Die Kinder jubeln oder lächeln, je nach Temperament und Müdigkeitsgrad. Die Großen erreichen an einem der Handys Joanna und kündigen uns an. Es bleibt mehrere dubiose Taxi-driver-Angebote abzuwimmeln und sich brav in die Schlange bei den gelben Wagen einzureihen.
Sieht gar nicht so anders aus, bemerkt der Sohn, wie ne Großstadt halt. Während die Tochter in wohlverdienten Taxischlaf fällt. Doch da: „Trump pavillion“, da geht’s schon los, sagt der Sohn mit müdigkeitsverlangsamter Stimme. Manhattan allerdings, das hat sich uns heute noch nicht gezeigt. Diese Dimensionen zu erblicken, bleibt uns für den nächsten Tag.

Ein herzliches Willkommen in Joannas Haus, welches im Innern wunderbar altertümlich wirkt. Und ein bisschen aussieht wie in amerkanischen Filmen, klar, wir nähren unsere Vorstellungen ja immer auch aus Klischees:) Fenster zum Schieben, Wasserhähne in die andere Richtung, Klimaanlagenkästen, die klassische 3.Etage-3rd-floor-Verwechslung, stoffbespannte Türen, eingeklemmte Bettdecken zum Drunterkrabbeln. Was wir nach einem kurzen Schwätzchen auch tun. Es ist Elf. Äh Fünf. Also vierundzwanzig Stunden nach dem Aufstehen.
Einschlafen ist aber gar nicht so leicht. Und um Acht bin ich wieder wach. Äh um Zwei. Also Ihr wisst schon …

(Es ist auch gar nicht leicht an Euch zu Hause in „Echtzeit“ zu denken, was Ihr jetzt wohl gerade tut und so: ständig rechne ich herum. Und meist in die falsche Richtung. Aber das werde ich schon noch lernen. Wenn ich erstmal wacher bin.)

Abflug

Es war sozusagen eine Reißleine, als ich heute vor einer Woche plötzlich aufhörte, mich hier zu melden. Ganz unerwartet ging es nicht mehr. Nie kam ich vor Elf zum Schreiben. Fast immer verschob sich das Schlafengehen in die Nachmitternachtszeit. Der Wecker klingelte wie immer vor sechs. Zu viel. Besser gesagt: Zu wenig. Viel zu wenig Schlaf. Totale Übermüdung. Und Erschöpfung. All das, was sich vor den Ferien halt immer ansammelt.

Dabei hat mir das tägliche Schreiben gut getan. Etliche Texte, Halbtexte, Ideen, Fotos, Gedanken und Ahnungen liegen auf Halde. Nur: es kollidiert(e) mit der Fülle des Sonstigen. (Insbesondere auch mit dem Cello. Ich gebe ja zu: dieses hat Priorität. Bis vor zwei Tagen habe ich meine tägliche Spielstunde noch geschafft, dann wurde es selbst dafür zu eng.)
Wie es später sein wird, wird sich zeigen. Man weiß ja nie so genau, wie es in der Zukunft wird.

Nun beginnt erstmal eine Reise. Eine in sehr weite Ferne mit gefühlten Unmengen an Papierkramvorbereitungen. Wir werfen ja sonst immer nur die Taschen ins Auto oder ans Rad und fahren los. Diesmal war schon allein das Thema Tasche ein Problem. Kaum eine in unserem Besitz, deren Reißverschlüsse nicht aufplatzen. Koffer mussten also her. (Ich habe glaube ich noch NIE im Leben einen Koffer gekauft:))
Tickets, Mietwagen, Adapter, Auslandskrankenversicherung, ESTA, Flughafentransfer, Online-Checkin (was’n das? mein letzter Flug war eher so im letzten Jahrtausend?) Und der New-York-Pass. Womit nun auch das Ziel geoutet wäre.

Mich strengte es bisher eher an, all das vorzubereiten, und ich weiß noch gar nicht, wie ich mich mit dem Stadtmoloch arrangieren werde. Einmal war ich in den 90ern für 2 Tage dort, fand es äußerst faszinierend, aber das ist eben 20 Jahre und damit fast die Hälfte meines Lebens her.
Die Kinder dagegen freuen sich wie die Springbälle – selbst der Große lässt lächelnde Vorfreude heraus, und das will in diesem Alter etwas heißen:)

Nun aber, heute morgen mit dem Taxiaufbruch nach Frankfurt und mit den Stunden, die wir jetzt schon hier am Flughafen verbringen, wächst auch bei mir eine positive Gespanntheit. Hach. Es wird schon gut werden.

Wir sind ja totale Fluganfänger. Fühlte sich vorhin beim Ankommen im riesigen Terminal 2 schon etwas unbehaglich an, wenn man so gar nicht weiß, was man jetzt machen muss. Offenbar aber waren wir dafür nicht schlecht. Als ich bei der letzten Kontrolle zur Familie anmerkte, dass wir bis hierher ja immerhin alle Papiere beieinander gehabt hätten, meinte die Frau am Schalter: „Und das schaffen auch nicht alle.“ :)

Die Begeisterung der Tochter ist ungestüm, sie juchzt bei jedem startenden, landenden, wartenden Flugzeug laut heraus, sehr zur Freude der Mitreisenden. Der Sohn gibt sich gelassen und kennt alles schon vom Flug nach Südafrika, wie er immer wieder betont (das wichtige Detail aber: gibt es hinter der Passkontrolle noch Briefkästen? hat er mir falsch beantwortet; so fliegt also die Post jetzt mit über’n Teich…). Und die Erwachsenen erzählen sich Geschichten vom Fliegen in den 90ern, 80ern, 70ern und so. Alte Kamellen. Ausnahmsweise finden die Kinder diese mal spannend.

Nun sitzen wir an unserem Gate und werden gleich einsteigen. In London wieder aussteigen. Wieder warten. Nochmals einsteigen. Und heute Abend (nach dortiger Zeit) von Joanna begrüßt werden und das Gästezimmer in ihrem Haus beziehen. Hach – sagte ich das schon?

Und falls es dort drüben auf dem anderen Kontinent Wlan geben sollte – könnte ja sein – hört Ihr vielleicht hier von mir. Von Zeit zu Zeit, oder täglich, damit ich die mich überflutenden Eindrücke loswerden kann, oder gar nicht. Wir werden mal sehen.
Und spätestens in zwei Wochen bin ich wieder da. Also hier.

Neue Ufer

Das muss jetzt einfach erzählt werden, es rüttelt uns hier ja alle durch und durch: Heute hat der Sohn seine Gastfamilie „bekommen“.

Dass er für ein Schuljahr nach Italien gehen wird, habe ich bestimmt irgendwann erzählt. Dass er das seit Jahren wollte, vielleicht auch. Dass ich bei der Zusage der Organisation – im November war das – zunächst einen Kloß im Hals und ein paar Tränen im Auge hatte, das auch, oder?
Dass er aber insgeheim immer davon ausgegangen war, an seinem italienischen Ort ein Klavier und die Möglichkeit zum Weiterspielen vorzufinden und er es anderenfalls nicht schaffen würde wegzugehen, weil das Klavier eben in den letzten Monaten so immens wichtig für ihn geworden ist, das äußerte er in dieser Klarheit erst vor wenigen Tagen. Ich schluckte kurz, keine Austauschorganisation der Welt kann eine Gastfamilie mit Klavier zusichern. Und so dachte ich, wir werden eben sehen, wie es kommt.

Nun, und heute kam es. Alles. Das perfet match. Soweit man das aus der bunten PDF-Datei, die wir per Mail bekamen, herauslesen kann.
Eine Familie, in der Nähe von Mailand leben sie, mit Sohn und Tochter und unendlich viel warmem, verschmitztem Lachen im Gesicht. Allein von vier Fotos ist mein Herz warmgeworden. Und beruhigt. Wenn es das gibt, dass man aus kurzen Zeilen und wenigen Bildern Vertrauen fassen kann, dann habe ich es heute getan. Zu dieser Frau, zu der der Sohn sicherlich – wie die meisten Austauschschüler – nächstes Jahr Mamma sagen wird, zu dieser Mamma also lasse ich ihn friedlichen und freudigen Herzens ziehen. Der zugehörige Pappa (schreibt man das so? wir müssen jetzt alle ein wenig italienisch lernen) sieht nicht minder sympathisch aus. Und die Kinder erst … die würde ich ja vom Fleck weg hier bei mir aufnehmen. Der Sohn, also: der Gastbruder, scheint ein ähnlicher Typ wie der unsere zu sein:) Dazu gibt es eine kleine Schwester, gleichalt der unsrigen und mit dem Namen von deren bester Freundin:)  (Dass die Eltern so heißen wie ich früher meine Kinder immer nennen wollte – in der italienischen Variante natürlich – und dass der Gastbruder so heißt wie der unsrige Vater, das fällt mir jetzt erst auf, es ist ja wirklich erstaunlich.)

Jedenfalls: der Sohn springt im Dreieck vor Vorfreude. So habe ich ihn selten erlebt. Heute Nachmittag nach dem Durchscrollen der Familienvorstellung und beim Betrachten der Bilder zog ein glückliches Lächeln über sein Gesicht, wie ich es selten bei ihm gesehen habe.

Und: es gibt ein Klavier im Haus, wenn auch – im Moment – nur ein digitales. Es gibt auch sonst Musik. Und Malen. Und Lesen. (Und der Gastbruder spielt ebenfalls nicht Fußball:))
Da scheint Offenheit für alles, was unser Sohn mitbringt. Die Familienvorstellung und die Selbstvorstellung des Sohnes scheinen in manchen Passagen wie voneinander abgeschrieben.
So macht das nämlich die Organisation: Beide Seiten müssen sich ausführlichst schriftlich, mit Fragebögen und mit Fotos vorstellen. (Damit war unser November komplett gefüllt.) Und dann versuchen sie zusammenzufügen, was möglichst gut zueinander passt. Ich weiß ja nicht, wie viele Jugendliche AFS-Italien zu vermitteln hatte, und wie viele Gastfamilienprofile ihnen vorlagen, aber für uns kann ich sagen: Besser hätte es kaum kommen können – von dem, was wir bisher ahnen.

Ein Klavier jedenfalls ist da. Und was der Sohn heute schon ersuchmaschint hat: Eine Musikschule vor Ort, und in Mailand ein Konservatorium. Klavierlehrerprofile stehen im Netz, er kann nur noch nicht genug italienisch, um sie zu lesen. An der Deutschen Schule gibt es über „Jugend musiziert“ Kontaktadressen. Und das alles in S-Bahn-Nähe (was dort sicherlich nicht S-Bahn heißt). Heute also löste sich seine größte Sorge in Luft auf.

Den Rest des Tages surfte er via Guugle-strieht-wjuh an seinem künftigen Haus und Liceo vorbei, zappte durch die Webseiten seines Wohnortes, las die Familienvorstellung und lernte sie anscheinend auswendig, jedenfalls wusste er schon genau, dass montags immer die Großeltern – nonna und nonno – im Haus übernachten und an den restlichen Tagen ein „Kinder“mädchen (Au pair?) aus Moldavien (? – ich hab’s nicht auswendig gelernt:)) Teil der Familie ist. Er guckte sich die Italienkarte an, um herauszufinden, wo Ligurien liegt, denn dort gibt es ein Ferienhaus, in welches die Familie an Wochenenden fährt, womöglich noch am Meer (uiuiui, schwierig, jetzt nicht neidisch zu werden:)) und stellte voller Beruhigung fest, dass er ja nach dem Jahr, wenn er dort richtige Freunde gefunden haben wird, von hier aus in einer Handvoll Stunden immer mal nach Mailand zu Besuch wird fahren können. Dass also dieses bevorstehende Jahr gar kein singulärer Punkt in seinem Leben bleiben muss, sondern später eine Fortsetzung erfahren kann, und zwar einfach und unkompliziert. (Das wäre in Süditalien schon anders, und in Übersee erst …)

Jedenfalls: Mein großes, ach so großes Kind ist glücklich. Er breitet die Flügel aus und macht sich ans Davonfliegen.
Und meine Tränen vom November sind weg, weil es ihm so gut geht. Da werde ich das Loslassen ja wohl hinbekommen …
(Nur am Flughafen Anfang September, da ist es erlaubt zu weinen:))

Abendleben

Unser Besuch spielt mit den Kindern „Siedler“, ich sitze nebendran auf dem Sofa und lege Wäsche, das Ganze an Sekt, wir haben schließlich Besuch. Die Tochter ruft im Minutentakt Könntest-du-mir-ein-Erz-geben?, was sich in der Spielrunde zum Running gag entwickelt zu haben scheint und nur noch übertönt wird von des Besuchssohns ausdauernder Schafsuche. Dass wir alle morgen in die Schule müssen, ist für den Moment vergessen, auf dem Boden liegt aber ein Lateinbuch, eines der Kinder scheint am Nachmittag gelernt zu haben, morgen schreiben beide irgendeine Arbeit, glücklicherweise muss ich mich dafür nicht interessieren. Und so reden wir lieber über die anvisierte Alpendurchwanderung und dass die Freundin in der Zeit ihr Geschäft schließen muss, was soll’s. Das bunte Gästeleben führte uns heute Mittag schon an touristische Stätten, morgen wieder. Die Mahlzeitenfolge für morgen steht, wobei das Planen eher darin bestand, wann wir uns wo treffen können, um gemeinsam zu essen, schließlich läuft hier nebenher das normale Alltagsleben. Erstaunlich, was noch so alles nebenbei in einen Tag passt. Wirbelndes Besuchsleben durchwirkt Alltagstrott. Ärgernisse und Kümmernisse des Tages verlieren an Dimension, was soll ich mich über die kühle Mail erregen, und über die nichtgelungene Terminvereinbarung. Auf das Helle blicken, statt dessen. So wie meine Cellolehrerin, welche sich vorhin voller Neid – nein: Mitfreude<3 – über unseren baldigen Skiurlaub erkundigte, und zwar so ausführlich und ausgiebig, als wollte sie sich selbst dort einmieten, und dabei können sie und ihr Mann das nicht mehr. Und sie freute sich trotzdem so an meinem Erzählen …

Und dann bin ich müde. Klar. Der Tag ist doppelt so dicht wie sonst. Ich bin nicht geschaffen dafür. Fühle mich müde wie mein Arm, der heute erlernt hat, wie er sich zu heben hat, um den kleinen Finger bestmöglich zu unterstützen, so dass nun die Anstrengung des schwächsten Gliedes in den riesigen Armbruder verlegt ist. Jedenfalls: wir sind müde. Mein Arm und ich.

Die Sache mit dem Kranksein

Nein, ich kann das nicht. Jedenfalls bin ich nicht besonders gut darin. Ich meine in dem Sinne, dass ich wenig Übung habe krank zu sein. Alle Jubeljahre mal, und dann immer nur ein bisschen. So wie jetzt, dass es mich drei Tage ins Bett gehauen hat, das war schon selten. Welch Glückspilz, ich.

Und doch ist diese Erfahrung nicht unwichtig.

Abgeben. Loslassen. Das Alltagsgeschäft den anderen übertragen. Vertrauen. Klingt wenig spektakulär. Ist es aber nicht für eine, die gern die Fäden in der Hand hält und schwer glauben kann, dass es ohne ihre Kontrolle läuft. Echt, so bin ich, jedenfalls hier zu Hause. — Und was soll ich sagen: Es läuft. Es lief. Und dieses Laufen stand nie in Gefahr. Ganz im Gegenteil: Die Tochter bäckt mir einen Kuchen, kocht Tee, macht zum Abendessen Spiegelei, wir essen das im Schneidersitz auf meinem Bett und fühlen uns ein wenig wie beim Picknick (die Lagerfeuerwärme wird mir durch’s Fieber gratis dazugeliefert). Der Sohn schleicht alle Stunden mal vorbei und schaut ernsthaft besorgt und später nur noch interessiert, wie mein Besserungsprozess voranschreitet. Das Leben im Haus läuft ganz  normal weiter, keiner versäumt lebenswichtige Termine, die Zimmer verwüsten nicht, der Kühlschrank wird nicht leer, alles gut. Was mich vor mir selbst ein bisschen lächerlich dastehen lässt mit meinem Kontrollzwang.

Mein Körper und ich. Wann verbringen wir schon so viel intensive Zeit miteinander. Ich bin fast ein wenig fasziniert, wie genau das alles zu spüren ist. Schlägt der Puls heftig, steigt das Fieber, ich brauche gar nicht zu messen. Schwitze ich die Bettwäsche nass, sinkt es wieder, pro halben Grad ein Liter, mindestens, ich brauche ebenfalls nicht zu messen. Das Kopfweh ist zuweilen höllisch, aber – von Zeit zu Zeit mit Aspirin aufgelockert – insgesamt erträglich, da ich auf ein baldiges Ende hoffen darf. Das gleichermaßen ekelige Halsweh ficht mich schon eher an, einer der unangenehmsten Schmerzen, aber auch das endet nach zwei Tagen. Ich lerne ein bisschen Geduld – und, ja, Dankbarkeit. Dass ich einen harmlosen Infekt haben darf. Und keine wirkliche Erkrankung. Das alles in einem warmen, kuscheligen Bett in einem trockenen Haus, mit Getränken und Medikamenten zur freien Verfügung, alles in allem Luxuskranksein. Ich habe in diesen Liegetagen viel Gelegenheit, mich dankbar, glücklich und privilegiert zu fühlen.

Mich und die Ansprache meines Körpers wichtig zu nehmen. Eines der schwersten Dinge hierbei. Schleppte ich mich doch am Donnerstag Vormittag zur Arbeit, obwohl es mir schon nicht gut ging. Fühlte mich anschließend wie erschlagen. Schleppte mich am Freitag immer noch zur Schule, nur für eine Stunde. Fiel anschließend fiebernd ins Bett. War mit den Gedanken die ganze Zeit schon beim Montag, welche Stunden ich möglichst kraftschonend gestalten könne, und wie ich zwischendurch all die Noten noch einzutragen schaffe ohne mich wieder restlos zu verausgaben, bis … ja, es dauerte ein wenig … es mir dämmerte. Dass ich nicht wirklich schulgesund bin. Dass mich jedes Aufstehen in neue Schweißausbrüche treibt. Dass es anstrengend genug war, in den drei Liegetagen mit Matschekopf doch noch all die Noten fertigzumachen, liegend mit Laptop im Bett. Dass mein Husten kaum im Zaum zu halten ist, wenn ich nicht Kodein nehme. Dass ich mich elend schwach fühle.
Also – tata – ich habe es entschieden: Ich halte morgen keinen Unterricht. Nicht leicht, mich dazu durchzuringen, ich fühle mich sofort faulenzend, zumal ich ja am Morgen erstmal in der Schule auftauchen werde, drei Nachschreiber an ihre Arbeiten setzen und meine 140 Noten eintippen werde, während parallel schon eine Kollegin oder ein Kollege aus der Bereitschaft vor meiner Klasse stehen wird, mit den von mir gestellten Aufgaben. Ui, das ist überhaupt nicht leicht. Genauso wie die Coklassenlehrerin zu versetzen, wir müssten eigentlich die Notenkonferenz für Mittwoch vorbereiten. Und für die Nachmittagsklasse fällt der Unterricht komplett aus, das geht doch nicht. Mir ist das schwer.
Denn ich werde in der Zeit einfach zu Hause liegen, wahrscheinlich nicht mal mehr im Bett, sondern auf dem Sofa, und es mir gut gehen lassen. Tee, Hustensaft, dösen, ab und zu mal einschlummern. Sicherlich fieberfrei, das fühlt sich heute schon sehr gut an. Also könnte ich doch morgen … neeeee.
Ist das schwer. Ich stelle mich an. Aber nun, ich habe mich entschieden.

Ganz schön lehrreich und heilsam, die Sache mit dem Kranksein.

 

 12 von 12 im Januar

Das Ende der Weihnachtsferienzeit ist auch das Ende meines Kerzentellers, der mich durch die letzten Wochen begleitet hat. Er leuchtet seiner letzten Stunde entgegen, morgens mit nur noch 4/6, abends mit 2/6 Lichtern, und am nächsten Morgen wird er die Dunkelheit erreicht haben.

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Noch nicht ganz am Ende ist dieses packende Buch, ich lese und lese, und vergesse darüber fast die Kinder zu wecken.

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Als sie aus dem Haus sind, ist zunächst Tagebuchzeit. Ein Ritual an meinen schulfreien Vormittagen: morgens, wenn die Seele noch wach aus der Nacht, noch unberührt vom Tag und seinen Anforderungen sich selbst in Klarheit gegenübertritt, da schreibt es sich aus mir heraus. Heute ins Cellotagebuch, seit der Stunde am Montag war viel geschehen. Und – wie fast jeden Tag – in mein „Notizbuch der verlorenen Zeit“, in welches ich mittlerweile nicht nur Zeiten, sondern jegliche Verlorenheiten fließen lasse. Beide Büchlein sind mir im Moment wichtige Lebenslehrer.

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Irgendwann beginne ich zu arbeiten. Heute ist Telefontag, ich hasse das, sieben Termine mit Menschen an sieben verschiedenen Schulen sind zu vereinbaren. Natürlich ist kaum jemand auf Anhieb zu erreichen – klar, normalerweise steht man ja im Unterricht:) – ich brauche mehrere Anläufe und manchmal eine zweite Runde zum Verlegen des eben schon Vereinbarten. Denn die zugehörigen Stundenpläne stehen sich gegenseitig und alle zusammen meinem eigenen Unterricht im Weg. Große Terminrochade also.
Nach gefühlt zwanzig Stunden habe ich alles im Kalender, mit nur drei Ausfallstunden bei mir selbst. Das ist Rekord! Und Rekord ist auch, dass ich’s trotz meiner Telefonphobie durchgezogen habe. Nichts auf morgen, nichts auf nächste Woche verschoben, einfach fertig gemacht. Boah.

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Klar, jetzt muss Besänftigung her. Da kommt im Moment nur eine in Frage.

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Weiter mit Unterrichtsvorbereitung. Tee dazu, alles ist gut.

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Kurz bevor die Kinder kommen, wage ich einen Schritt nach draußen. Eine Minirunde im Garten, mehr nicht. Durchatmen als Nachmittagsauftakt.

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Das große Kind braucht ganz dringend – natürlich sind wir nicht so organisiert, dass wir die in den langen Ferien besorgt hätten:( – eine BahnCard. Morgen geht er nämlich auf Alleinfahrt in den Norden, zu einem Wochenendseminar, auf das er seit Monaten hinhibbelt.

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Während ich also noch beim Sachenpacken assistiere, will die Schwester mit mir für ihre Mathearbeit lernen. Mir scheint, Abgefragtwerden und zusammen lernen hat die Rolle des früheren Vorlesens übernommen. Eigentlich sind beide Kinder schulisch absolut selbstständig und bekommen es auch ohne uns hin. Holen sich aber gern Ich-will-noch-mit-Dir-lernen-Geborgenheit, bei der dann wahlweise gekuschelt, gewitzelt, doch noch was gelernt oder eben gemeinsam das neue bunte Lehrbuch angeschaut wird.

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Für ein bisschen mehr Buntheit im Tag beschließen wir am Abend, die Weihnachtssachen wegzuräumen. Ohnehin werden am Samstag die Bäume abgeholt, wir schmücken alles ab und räumen es zusammen mit Lichterstadt & Co wieder in die Kisten.

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Fast hätte ich es vergessen: in der Ecke steht noch ein Päckchen vom Postboten heute morgen. Denn nein, in der mittelgroßen Stadt hier um die Ecke gibt es keine schwarzen Hemden für schmalgewachsene junge Männer wie den meinen. Wir haben es vergeblich in einer Rieseneinkaufsstraße voller Läden versucht. In solchen Situationen ist man dann doch froh, dass das Internet voll von Dingen besonderen Bedarfs ist. Hier ist also die Rettung für die Jugend-musiziert- und sonstigen Konzerte der nächsten Zeit. Bis zum Weihnachtskonzert musste er sein 164er-Hemd tragen, das lief seit dem Sommerwachstumsschub unter der Kategorie bauchfrei und sah nur auf den ersten Blick witzig aus. Jedenfalls: es gibt nun Hemden in schwarz und weiß, Wettbewerb und Konzerte können kommen. (Und wehe, ein Orchesterchef möchte nun in hellblau oder rot spielen!)

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Zu guter Letzt verschwinden die Kinder im Bett, und ich habe Lust auf Nadel und Faden, das ist fast so meditativ wie Cellospielen. Nach einer Tochtermütze und einem T-Shirt bekommen endlich auch Emma und Nucki die längst fälligen Nadelreparaturen ab. Zwei Gefährten meiner Kindheit, sie schauen also nicht zufällig schon ein wenig altersschwach aus. Nun aber sind sie wieder heil an Panzer und Kopf, nur ein zweites Auge fehlt dem Nucki noch. Wir werden mal Ausschau halten …

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Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

Weihnachtsferienbeginn

Es ist der am längsten ersehnte schulfreie Tag des Jahres. Mehr als vor jeder anderen freien Zeit, mehr noch als vor den Sommerferien dürstet man darauf hin. Beim Abschiedsglühwein in der Schule unterhalten wir uns, es geht allen so. Weil die Wochen seit den Herbstferien pausenlos dahinströmen, weil es mehr Schuljahresaufgaben gibt als zu jeder anderen Zeit im Jahr, weil die Sonne kaum scheint, all das wird es sein, warum wir diesen ersten Ferientag in so erschöpftem Zustand erreichen.

Und dann ist er da. Das schulische Terminhamsterrad hört mit einem Mal auf zu drehen, das muss erstmal bewältigt werden. Der Körper lässt sich plötzlich kaum noch in Schwung halten, die Seele sowieso nicht, all die Ferienvorfreude ertrinkt in mattdunkler Traurigkeit, die Stunden wollen durchwatet werden, eine nach der anderen.
Sich aufs Fahrrad setzen wie zu Beginn der Sommerferien, wegfahren, aus dem Alltag entschwinden, jetzt sofort – das wär’s. Wenn auch das Fahrrad natürlich eher symbolisch zu verstehen ist, bei diesen Außentemperaturen. Eine Lese-Musik-Schreibreise ins Innere, zum Beispiel.

Doch nein, unmöglich. Da ist weiterhin fordernder Alltag, ein unschulischer, ein von den letzten Schulwochen mitverursachter. Fünf Trommeln Wäsche warten, die Schränke der Kinder sind leer. Der Haushalt liegt brach. Und wer jetzt entgegnen möchte, dies sei doch nicht wichtig: Bitte einmal den Blick durch unsere völlig verramschten Zimmer schweifen lassen , sogar die Kinder stellen schon fest, dass wir ja keine Ecke zum ruhigen Sitzen und Spielen mehr haben. Und dann noch ein paarmal an all die klebrigen Türklinken fassen … Der Haushalt also braucht ein paar energische Eingriffe. Die Tochter hat eine Probe in der Stadt und muss hingefahren werden. Immerhin liegt direkt daneben die Stadtbücherei und versorgt uns mit Ferienbüchern und -filmen. Pässe und Personalausweise müssen wir beantragen, es eilt – im Rathaus ist man fast erschrocken über so späte Kundschaft. Ein paar Schulnotizen und Mails sind fertigzumachen, bevor ich in der zweiten Ferienhälfte nicht annähernd mehr weiß, worum es ging und geht. Schultasche und Schulschreibtisch wollen aufgeräumt werden, oder nein: ich will, dass sie in den aufgeräumten Zustand übergehen. Nicht nur wegen eventueller Brotdosen, die bis zum Ferienende sonst Beine bekommen werden, sondern auch, weil der Tisch für meine Weihnachtsferienpuzzletradition gebraucht wird.
Es ist dicht. Viel, das.

Zwischen all dem sacke ich immer wieder zusammen. Versuche mich zu erinnern, worauf ich mich die Wochen zuvor fast wie irre gefreut habe. Aufs Spielen mit den Kindern – ach ja, zwei neue Spiele werden unterm Baum liegen. Und mir fällt ein, dass ich dieses Jahr nicht nur keinerlei Post geschafft habe, sondern dass noch keines der kleinen Dinge in den Hinterkatakomben des Schranks (Kinder: bitte weglesen:)) bisher eingepackt ist, hoffentlich haben wir noch Papier, hoffentlich vergesse ich das nachher nicht;-) Also: aufs Spielen freue ich mich. Aufs Alleinsein und Wenigreden auch – und die Kinder ebenso. (Die sind übrigens schon in ihre Lesewelten abgetaucht, wie das am ersten Ferientag sein muss:)) Aufs Wiederhellerwerden, das man sich ja wenigstens vorstellen kann, wenn schon der Blick aus dem Fenster nichts davon zeigt. Aufs Puzzlen, aufs Legobauen, aufs Lesen, aufs Schreiben, auf Tage im Schlafanzug, ohne Blick auf die Uhr und ohne jede Strukturierung durch irgendwelche Mahlzeitenpläne. Verhungert sind wir dabei noch nie. Eher gesättigt in unserem Ruhehunger.
Und auf meine Musik freue ich mich. Zum Klavier ist ein Cello eingezogen. Es begeistert, fasziniert und belebt mich mehr als je erträumt und erhofft. Wenn auch ein Berg an Ungeduld zu zügeln ist. Wäre es doch am sinnvollsten, im Moment nur leere Saiten zu streichen – in zwei Unterrichtsstunden habe ich erspüren dürfen, wie sich der Körper dabei anfühlen kann, bin in meditative Bewegungen hineingekommen. Dennoch ist da das unbändige Bestreben, schon die linke Hand mitzubenutzen, Töne und Melodien zu formen. So quietschig und unsauber die noch klingen, ich habe mit der Tochter erste Duette gespielt, und das fühlt sich unglaublich an! Und doch: Das Cello wird mir zum Geduldslehrer werden, ich freue mich drauf.
Auf Bücher freue ich mich, der ungelesene Stapel ist ins Unendliche gewachsen. Auf Fotos freue ich mich, denn die Sommerbilder sind noch nicht mal sortiert, geschweige denn irgendwie bearbeitet und verblogpostet. Auf Spaziergänge freue ich mich. Aufs Schreiben. Auf meditatives Einfach-nur-da-sitzen.

Ich werde sehen, was die Ferien schenken. Ich hoffe, ein wenig Stille. Ein wenig nur.

Die wünsche ich Euch auch. Und Frieden. Den wünschen wir uns wohl alle …

Herbstfarbenhügel

Lange war ich nicht auf meinen eigenen Füßen unterwegs. Jedenfalls nicht eine so weite Strecke, nicht so lange, nicht mit so viel Ruhe. Eher wähle ich ja das Fahrrad, um mich ins Unterwegssein zu begeben, selbst die Kinder haben diesen Impuls schon verinnerlicht, können wir nicht eine Radtour machen? Nein, diesmal nicht, ich wollte mal wieder laufen, oder wandern, wie immer man es nennt, wünschte es mir sehnlichst. Und die Kinder mussten mit, manchmal haben Kinder eben keine Wahl:)

Es war großartig, es war mehr als das, es war wie ein Bad im ureigenen Element. Ein paar raschelnde Goldblätter unter den Füßen drängen alles Gedankenknirschen mit einem Schlag in die Unbedeutsamkeitsecke. Weg und Blick über die hügelige Welt mit ihrem Auf und Ab legen eine So-ist-das-Leben-Metapher nahe und machen sie mit jedem Schritt, mag er auch seufzend und keuchend sein, überflüssiger. Das schräg durch die kahlen Bäume strömende Licht schiebt sich auch in dunklere Gemütsecken und zeigt einfach: Da bin ich. Da bist Du ja, sage ich.

Zwar murrt der Sohn gelegentlich, dass es ihm zu langsam sei, und warum wir denn an jeder Ecke stehen blieben, schließlich wolle er nicht erst im Dunkeln heimkehren, er müsse heute noch so viel machen. Für ihn ist also das Ziel das Ziel, naja, er ist fünfzehn und folglich in den Fußstapfen der Ungeduld unterwegs, mit fünfzehn waren Waldwanderungen auch nicht mein Lieblingszeitvertreib, ich gestehe es. Auf dem Rückweg lassen wir ihn vorausgehen, er möchte schneller zu Hause sein. Ich sorge mich nur, er so allein den weiten Weg durch den Wald. „Mama, ich bin fünfzehn! FÜNF!ZEHN! Fünf sechstel auf dem Weg zur Volljährigkeit hab ich überlebt, da werd ich wohl diesen Waldweg schaffen …
Wo er Recht hat. Loslassen ist schwer. Sie werden so schnell groß.

Die Tochter dagegen genießt den Weg sichtlich, bei aller Erschöpfung zum Ende hin. Sie singt, vor allem auf den letzten Kilometern, unterbrochen von kurzen Ich-kann-nicht-mehr-Rufen. Doch dann singt sie wieder, Lieder vom Glücklichsein, Lebensfreude pur, sich verschenkend an die ganze Welt. Es steckt an. Meine Füße tun schon gar nicht mehr weh.

Auch wenn sich das alles kaum in Bildern wiedergeben lässt, habe ich ein paar mitgebracht.

 

Von uns

1-wir

 

2-wir

 

3-wir

 

auf dem farbigen Weg

4-weg

 

5-weg

 

6-weg

 

mit durchscheinendem Licht

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8-licht

 

9-licht

 

und immer einem Stück Himmel zwischen all dem Goldgelb.

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11-himmel

 

12-himmel

 

Kaum zu glauben, wie sich der blaue Himmel in der Ferne in Nebel verwandelt

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und wie Nebel mit leuchtenden Farben in friedlicher Nachbarschaft leben kann.

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18-nebel

 

Die kleinen Dinge am Wegesrand

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21-kleinedinge

 

und die nicht ganz so kleinen (mit Gruß: extra für Herrn Irgendlink:))

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hinterlassen – wie jedes Unterwegssein – Spuren,

25-spuren

 

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machen innerlich weit

27-weite

 

29-weite

 

und verwandeln alles in warme leuchtende Farben. Sattsehen kann ich mich nicht.

30-farben

 

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(Deswegen: Der Wanderrucksack blieb gepackt und steht jetzt hier an der Tür. Die Ferien haben ja noch ein paar Tage.)

 

Ungleiche Gespräche übers Gleiche

Beim Aufräumen alter Texte, lauter Entwürfe, Bruchstücke, weggelegte Anfänge und Enden, fiel mir am Wochenende ein vier Jahre alter Text in die Hände:

 

Er ist wie er ist. Sage ich mir. Und sage ich zu denen, die da sagen: Er ist nicht wie er sein soll.
Elterngespräch in der Sohnesschule.

Ich bin mit offenem Ohr gekommen. Aber das Nicht-wie-er-sein-soll kommt so schrill daher, ich möchte weglaufen. Und weiß doch, dass ich jetzt für ihn hier sitze und sitzenbleiben muss. Das anhören, das aushalten, über ihn sprechen, die harte Sicht aufzuweichen versuchen – das bin ich ihm schuldig.
Ich weiß nicht, ob sie am Ende des Gesprächs ein anderes Bild von meinem Sohn mitnehmen. Ich habe getan, was ich konnte.
(Wieso eigentlich, wenn es doch so schwierig mit ihm ist, sind sie in den vergangenen anderthalb Jahren nie auf uns zugekommen???)

Von dem Moment an, da ich das Gespräch verlasse, bellt das laute Nicht-wie-er-sein-soll mein tiefahnendes Er-ist-wie-er-ist an. Ob ich nicht verharmlose, verkläre, zu sehr liebe, zu wenig achtgebe, zu wenig fordere, zu gelassen, zu wenig präsent bin für ihn. So nagt es in mir.
Tränen fließen, als wir reden. Bei mir im Innern, bei ihm brechen sie sich Bahn. Er wisse ja gar nicht, was die beiden Lehrerinnen meinen. Und erzählt, wie er seine Schultage erlebt. Alles ist ganz anders, als mir vorhin erklärt wurde, und mir wird sichtbar, wie er all diese schwierigen Situationen empfindet. Mir wird alles verständlich, und irgendwie ist es gut so. Er ist eben wie er ist.
Und doch pocht es in meinem Ohr … nicht wie er sein soll … nicht wie er sein soll … nicht wie er sein soll …

Der weitere Tag öffnet mir die Augen.
Beim Einkaufen treffe ich eine Mutter, die auch ein „solches“ Kind hat. Sie weiß, wovon ich spreche. Ihrer ist nun schon groß, sie haben es geschafft, diese schwierigen Jahre. Das macht Mut.
Am Abend spielt mein Nicht-wie-es-sein-soll-Kind ein kleines Konzert mit einer Cellofreundin. Sensible Musik, ergreifend, tröstend. Das kann er eben auch.
Und als wolle er sich mir in seinem ganzen Wie-er-ist zeigen, macht er noch später am Abend seiner Schwester ein Geschenk, gibt nach, springt über seinen Schatten, wie ich es noch nie wahrnehmen durfte.

So als wolle er sagen: Vertraue doch, das wird schon mit mir.
Ich höre und sehe. Und vertraue.

 

Vier Jahre ist das her. Beim Lesen kamen mir immer noch die Tränen. Es war keine leichte Zeit damals für ihn, und für uns mit ihm.
Jetzt ist in der Schule schon lange alles gut. Am Gymnasium – er ist ja an meinem – schlich ich anfangs sehr um die Kollegen herum, immer meine Nicht-wie-er-sein-soll-Angst im Hintergrund, jede beruhigende Andeutung, dass alles gut sei, dankbar aufsaugend. (Ja, so ein Elterngespräch hinterlässt einen nicht unberührt. Das damalige hat lange Monate und Jahre nachgeweht.)
Jetzt hatte und habe ich tatsächlich das Gefühl, dass er, jedenfalls von den meisten Kollegen, in seinem Er-ist-wie-er-ist gesehen wird. Und dass all die Eigenheiten, mit welchen er sich wahrlich nicht leicht einfügt in den eng getakteten Schulbetrieb, zu ihm gehören dürfen und liebevoll gesehen werden.

Um so ernster nahm ich, als mich gestern seine Klassenlehrerin ansprach. Sie würde mich jetzt auch anrufen, wenn ich nicht Kollegin wäre, sagte sie. Erstmals wolle sie ein Elterngespräch führen. Und weil es passte, redeten wir gleich.
Es ging vom Inhalt her um das Gleiche wie damals. Alles war sofort wieder da. Nur jetzt, bei dieser Lehrerin, hatte das Gespräch einen völlig anderen Fokus. Da schimmerte nirgends der Hauch eines Nicht-wie-er-sein-soll durch, sondern sie schilderte ganz einfach ihre zahlreichen Beobachtungen.
Wie sehr er sich im Moment selbst im Weg steht„, sagte sie. Und: „Ich sorge mich.“ Damit war das Wichtigste gesagt.
Die Details, die zu ihrer Sorge führen, sind gar nicht wichtig. (Ohnehin würde ich sie hier nicht ausbreiten.) Sie stimmen mit dem überein, was wir auch zu Hause wahrnehmen. Ja, möglicherweise ist die Sorge berechtigt. Vielleicht ist es auch nur seine spezielle Form des Pubertierens. Wie sollen wir das wissen …

Vereinbart haben wir, dass wir Eltern zu Hause mit ihm sprechen. Und dass sie mit ihm spricht, noch diese Woche, über all ihre Beobachtungen. Dass wir uns dann in einigen Wochen wieder austauschen, um zu schauen, ob er die Gespräche für sich nutzen konnte, um seinen Weg wieder mehr selbst in die Hand zu nehmen. Dass er dies vermag und dass er es tief im Innern will, darin waren sich die Kollegin und ich einig, das trauen wir ihm beide zu.
Ja, dass ich nach dem damaligen Gespräch ein „Vertraue doch, das wird schon mit mir“ aus ihm lesen durfte, das hilft mir jetzt.
Und die Kollegin trägt dieses Vertrauen ebenfalls in sich. Sie liebt ihre Schüler einfach sehr.

Mit Dankbarkeit (und doch einem etwas flauen Gefühl im Magen) radelte ich nach Hause. Das Gespräch am Küchentisch ergab sich ganz einfach. Und blieb so einfach. Weil ich ohne irgendetwas zu verändern oder wegzulassen erzählen konnte, wie seine Lehrerin ihn derzeit erlebt und worüber sie sich Sorgen macht. Da war kein Vorwurf, keine Erwartungshaltung, keine Forderung an ihn. Einfach nur dieser liebevolle Blick von außen.
Durch all seine Erklärungen hindurch – es wäre nicht mein Sohn, würde er nicht für alles und jedes eine detaillierte Erklärung aus dem Hut zaubern können:) – wurde ihm wohl das Wesentliche sichtbar: Dass es hier nicht um die Erwachsenen und ihre Vorstellungen seines Seins geht, sondern um ihn selbst. Und dass diese Lehrerin – die beste!, wie er sagt – ihm helfen will, seinen Blick wieder mehr auf sich selbst zu lenken, um durch die nächsten Jahre und darüber hinaus einen gangbaren Weg zu finden. Vor allem für sich selbst muss er den finden.

Und während wir dann am Küchentisch die vielen Schulbeobachtungen anschauten und konkrete Schritte sortierten, mussten wir zwischendurch immer mal lachen. Über die bizarren Ausprägungen seiner Pubertät nämlich, die er – im Spiegel – selbst zu sehen und zu beschmunzeln vermag. Gemeinsames Lachen tut gut.
Gut tat auch, was er sagte. Bei Einigem wurde mir sichtbar, wie er seine Schritte wieder selbst in die Hand nehmen will. Ich war schon jetzt – beim Miteinanderreden – ein bisschen stolz auf ihn, auf seine Offenheit, auf seine Bereitschaft, sich einzulassen, auf seine durchschimmernde Eigenverantwortung.
(Hier blinzelte mich übrigens meine eigene Baustelle an: Verantwortung abgeben. Auch oder gerade bei ihm.)

Jedenfalls: Das Gespräch mit dem Sohn fühlte sich gut an. Bestimmt auch deswegen, weil das vorangegangene Gespräch mit der Lehrerin gut war. Besser kann man sich Schulgespräche kaum wünschen.

 

Letzter Ferientag

Ich erwache aus einem Schulversagenstraum, ein bei mir nicht unübliches Ritual zu Ferienende. Thema der Stunde ist der Drehimpuls, hinten drin sitzt eine Prüfungskomission (oder ist es nur ein einfacher Unterrichtsbesuch?), jedenfalls wie bei so ner Referendarin. Ich habe keinen Entwurf vorbereitet, keine Experimente aufgebaut, die Schüler wissen besser Bescheid als ich, werfen Formeln von rotierenden Körpern in den Raum, ich habe keine Ahnung, die Schüler aber letztlich auch nicht, und ich versuche angestrengt, meinen Kopf aus der Schlinge der Situation zu ziehen.

Lieber aufwachen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Statt mich in meinen Roman zu vertiefen („Treibsand“ – sehr berührend!), verdaddele ich die erste Morgenstunde bei Twitter. Und ärgere mich; ich sollte wieder mehr Bücher lesen. Was aber ganz allein an mir liegt. Irgendwas muss anders werden mit meinen Alltagsentscheidungen, den zahlreichen Zeitverbringdingern, dem Hin-und-Herspringen zwischen allem, was mich zu sich zieht. Letztlich bin ich von keinem Einzigen richtig gesättigt, und hätte doch Hunger auf so Vieles.

Dies also meine Erkenntnis zum Morgen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Die Kinder erdrängeln sich Frühstück. Die Tochter wird ungeduldig, beginnt selbst vorzubereiten. Beim Spiegelei zerlaufen ihr alle Eigelbs, der Sohn meckert, weil er kein weißes Stück mehr abbekommt, der Tochter schmeckt es zu angebrannt, der eine bringt der anderen keinen Joghurt mit, so fliegen die Nettigkeiten hin und her. Letztlich haben beide keine Lust und keine Geduld mehr länger am Tisch sitzen zu bleiben.

Na gut, dann trinke ich meinen Kaffee eben allein weiter. Erstmal sitzenbleiben und tief durchatmen.

Gerade kommt mir Lust, der Tag mit seinem Wetter ist ja perfekt dazu, mit der Tochter eine Ferienende-Eisdielen-Radtour zu planen. Da höre ich sie säuselnd am Telefon mit nem Freund flirten. „Ich frag mal meine Mama, ob ich darf„, und schwupp ist sie verabredet. Flügge werdendes Kind. Und meine Eisdielen-Radtour kann ich nun alleine machen, oder wie?

Schade. Es wäre heut so schön gewesen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Beide Kinder tragen seit Tagen Ärger über ihre Lehrer auf der Stirn geschrieben, weil diese am ersten Tag nach den Ferien eine Arbeit zu schreiben gedenken. Beim Blick in die Vorbereitungsunterlagen entdecken sie heute, dass die Arbeiten doch erst am Ende der Woche geschrieben werden. Beide ärgern sich über die umsonst gelernten Vokabeln. Und über mich, als ich nämlich anmerke, dass sie ja auch hätten eher in ihre Unterlagen schauen können. „Boah, Mama, Du hast ja keine Ahnung …

Schön, wenn sich Geschwister einig sind. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Der Garten ist warm, hummeldurchsummt und vögelverzwitschert, und bietet mir nach ein wenig Winterdreckwegwisch-Aktivität seinen Tisch für meine Schulvorbereitungen an. Wenn nicht da nebendran die Nachbarn, von noch wenig Grün wenig schallgedämmt, ihre Grillsaison eröffnen würden. Mit Grillreinigungsgepolter besser als jeder Benzinrasenmäher, lauthalsen Brüllgesprächen in meine Richtung, quer-durch-den-Garten-Haste-noch-ein-Bier-Geschreie (fast möchte ich mitrufen: „Hier, ich hätte sonst auch noch eines.„) und letztlich gevöllt-angetrunkenem Lachgekreische. Danke auch, so kann ich nicht arbeiten.

Wieder reingehen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Bald sind meine Schulvorbereitungen fertig, ungewöhnlicherweise schon am Nachmittag des letzten Ferientages. Nein, nicht mein Verdienst, sondern das einer lieben Kollegin, welche die Parallelklasse unterrichtet und mir anbietet, ihre mühsam erstellte Stationenarbeit auch für meine Klasse zu nutzen. Ich müsse es mir nur abholen. Nichts leichter als das, denn sie wohnt seit neuestem in unserem Dorf. Ich war schonmal da: gelbes Haus, gleich hinter den Feldern, Eingang neben Torbogen, Hausnummer 8. Soweit erinnere ich mich. Und dann suche ich. Und suche. Suche weiter, und suche immer noch. Dort hinter dieser Ecke, und hinter jener. Ich wusste gar nicht, wie viele gelbe Häuser gleich hinter den Feldern unser Dorf hat. Am Ende kenne ich sie alle. Und finde – tata! – auch das gesuchte Haus. Es ist gar nicht gelb. Und es ist nicht die Nummer 8. Aber ich habe es ja gefunden. Und darf eine Tonne Unterrichtsmaterial nach Hause schleppen.

Ein schöner Radfahrnachmittag war es außerdem. Erstmal hinsetzen (auf den Sattel) und tief durchatmen.

Der Nachmittag endet mit einer späten Orchesterprobe der Kinder. Menno, heute, an diesem Tag, wo es eh schwer ist, das Ruder bei den Kindern vom Ferienmodus wieder in den Alltagsrhythmus umzuwerfen. Na gut, ich lasse sie vorher was essen, damit es hinterher schnell geht und sie um 9 im Bett sind. Aber natürlich ist nach dem Orchester doch noch das volle Programm angesagt. Bratkartoffeln und Würstchen bitte. Aber gern doch. „Wenn Ihr Euch in der Zeit umzieht und die Schulranzen …“ (Nein, das konnte man keinesfalls vor dem Orchester … und nein, das kann man auch nicht während des Bratkartoffelmachens erledigen …). Es ist 9, als wir fertig gegessen haben. Danach fehlen die Sporthose, der Mensaausweis, das Geodreieck, der Schülerplaner, der Fahrradschlüssel, die Brotdose, die Unterschrift, ach hier noch der Zettel vom Infoabend („Macht doch nichts, dass das schon vorbei ist, oder?„), das Heft X hat bestimmt der Jan, und das Buch Y muss die Lisa eingesteckt haben. Das Ranzenpacken zieht sich. Das Ausziehen auch. Und Zähneputzen ist an letzten Ferientagen sowieso überbewertet … „Ach so, hab ich vergessen.“ …

Erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Am Tochterbett nämlich. Langes Kuscheln inklusive.

Und jetzt kreischt mich der Schreibtisch an. Da ist doch noch die Überweisung, das Formular, der Brief, die Mail, die Liste, der Bücherstapel, die Kopiervorlagen …

Erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Dabei bloggen.

Ehrlich? Hinsetzen und tief durchatmen hilft. Wenn ich meinen Tag hier lese, wirkt er anstrengend. Beim Durchleben war er es nicht. Weil ich heute mein Handy, mein Netbook, meinen Computer weitestgehend ausgeschaltet hatte, weil ich während des Sitzens und Atmens nicht immer noch hierhin und dorthin gezappt bin. Sondern höchstens bisschen was geschrieben habe (nämlich diese Textabschnitte hier), dann aber eben einfach saß und atmete.

Ja, so geht das: Immer mal hinsetzen und tief durchatmen.
Ist ja eigentlich kein Geheimnis, dass dies als Kraftquelle wirkt.
Vergesse ich nur zu oft.

 

Der Weg wird

Da teilst Du ein Stück Alltag. Es platzt einfach aus Dir heraus, weil am Morgen das Fass überläuft, weil die ganze Suppe mal wieder über den Rand trieft. Aus jenem Fass, welches ohnehin ständig bis zur Kante gefüllt ist, welches Du nur mit Mühe immer wieder oberflächlich leerst, so dass es gerade so geht. Gerade so, unter Aufbietung aller Kräfte. Nun also, am Morgen, läuft es über, mal wieder.

Du teilst Dein Stück Alltag, verpackst es in eine rhetorische Frage, und denkst schon gar nicht mehr daran, als Du zur Arbeit losfährst. Es ist ja doch zu sehr Dein ewiger Alltag, es sind Deine gewohnten, nie in Frage gestellten, jedenfalls nie abgeschüttelten Rituale.

Und dann geschieht, woran Du nicht ansatzweise gedacht, womit Du  überhaupt nicht gerechnet hast. Du wirst gelesen. Und nicht nur das – Dir wird geantwortet. Du entdeckst dies nach der Schule. Starrst auf all die Mitteilungen, all die Textstückchen, in denen rückgefragt, von Eigenem erzählt, Erfahrungen geteilt werden. Du antwortest zögerlich, gibst ein paar Details preis, wirst immer offener … und erhältst im Dialog immer mehr zurück. Es wird gefragt, wieder und wieder, und jedes Mal weisen die klitzekleinen Gesprächsfäden woanders hin. In Richtungen, an die Du schon längst gedacht, sie probiert, als aussichtslos verworfen hast. Aber auch in Richtungen, die neu sind oder wären, wenn Du denn den Mut hättest, Dich hineinzubegeben.

Vieles kommt zu Dir. Fragen, vor allem die Fragen sind es, die Deine Gedanken in Bewegung setzen, und Deine Emotionen mit ihnen. Da wird Schmerz wach, vergangener und zukünftiger. Es rüttelt Dich durch und durch, in diesen heftigen Nachmittagsstunden. Damit hattest Du am Morgen nicht gerechnet.

Was bleibt? Das, was ein Gewitter immer hinterlässt: Etwas Reinigung, etwas Klärung, fürs Erste im Inneren. Die Bewusstwerdung, dass es Zeit ist. Und dass wohl auch Hilfe nötig sein wird. Dass es Hilfe gibt, das auch. Dass zum Beispiel Gespräche helfen. Schon diese schriftlichen Minigespräche am Nachmittag, die haben Dich ein Stück zu Dir geführt.

Du bist dankbar für diese heftigen Stunden und das, was sie mit sich gebracht haben. Und Du hoffst, dass der Tag ein Schritt war. Einer von wer weiß wie vielen, auf einem wer weiß wie langen Weg. Dass es endlich-endlich weitergehen muss, und wird!, das steht an diesem Nachmittag klar vor Dir. Du spürst eine Kraft in Dir, für weitere Schritte, für Spagate, für Abgründe auch. Wer weiß schon, was kommen wird. Aber Kraft, die kann nicht schaden. Die nimmst Du Dir mit aus diesem Nachmittag.

Als es dann Abend wird und Du wieder zu Hause bist, läuft das Fass erneut über. Ein ähnlicher Anlass wie am Morgen, eine ähnliche Konstellation. Nicht zufällig wohl. Denn Du hörst Dich mit fester Stimme das Deine darlegen. Deine Sicht, Deine Grenzen, Deine Position. In klarer und ruhiger Form – Du staunst. Du staunst noch mehr, als Du genau dieses kurz darauf der Freundin am Telefon wiedergibst. In ebenso klarer und fester Form. Die Freundin staunt auch: Was ist denn mit Dir passiert?

Och, Du sagst lieber erstmal nichts. Registrierst, dass Dein Sagen gehört und angenommen wurde, für den Moment. Ob mit knirschenden Zähnen oder nicht, das weißt Du nicht. Es ist Dir aber auch egal. Ohnhin musst Du jetzt endlich – der Tag ist ja fast vorbei – ein bisschen Schule vorbereiten. Spät ist es geworden für Deine Vorbereitungen. Aber das ist heute egal. Du hast an diesem Tag etwas anderes geschafft.

Ja, Du hast ein bisschen Arbeit im Innern geleistet. Du siehst es Dir selbst an. Aus Dir leuchtet plötzlich wieder die kleine Ahnung, die Dir lang verborgen war. Die Ahnung nämlich, dass der Weg sich Dir zeigen und öffnen wird.

Ja. Da ist Zuversicht.
Der Weg wird.

Danke.
(Insbesondere an alle, die hier heute – und überhaupt – beteiligt waren.)

 

Wünsche an ein neues Jahr

Vor einem Jahr begann ich einen Eintrag unter derselben Überschrift mit diesen Worten:
Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig …“
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)

So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ein Jahr später stehe ich wieder vor einer unberührten Jahresfläche, und es geht mir ganz genau so. Nur meine Wünsche, die ganz konkreten, die haben sich ein wenig verändert. Die damaligen, die finden sich hier. Ich möchte jetzt überhaupt nicht auseinandernehmen, welche erfüllt, welche offen geblieben sind. Ich schreibe einfach von meinem diesjährigen Wünschen.

Ich wünsche mir gesund zu bleiben. Immer noch wünsche ich mir das. Das „oder zu werden“ des letzten Jahres kann ich weglassen. Wie gut es sich anfühlt, dies schreiben zu können. Ich spüre mich als gesundet, fast rundum. Sehe aber – ich muss mich nur ein wenig umschauen -, wie schnell sich das ändern kann.

Ich wünsche mir, dass es mir gelingt, mich meiner Bedürfnisse anzunehmen. Was so einfach klingt, so einfach sein könnte, für andere ja auch einfach ist, das ist für mich oft unendlich schwer. Bin ich dabei weitergekommen in diesem Jahr? Ich weiß es nicht. Ja, doch, ich fühle mich von innen nicht mehr so zernagt. Ich glaube, ich bin mir bewusster geworden, wohin es mich zieht, dürstet, drängt, sehnt. Was nun fehlt? Worte zu finden. Noch nichtmal an konkrete Adressaten gerichtet, sondern zunächst einmal überhaupt meinen Mund verlassende Worte. Klare oder verschwommene Worte, egal, für den Anfang.
So viele Situationen, in denen ich mich nicht um mich kümmere – ich wünsche mir, dass ich fürsorglicher mit mir selbst umzugehen vermag, dass ich offen kommuniziere, was ich brauche, dass ich mich nicht verkrieche hinter einem dauernden „ach, es wird schon so gehen“.

Ich wünsche mir auch die Bedürfnisse anderer Menschen wahrnehmen zu können. Bei einigen der mir nah Seienden ist das gar nicht so einfach. Gern würde ich Geduld, Gelassenheit, Ausdauer, Humor und all das, was für dauerhafte gute Beziehungsfäden nötig ist, in Überfülle haben. Das ist ja aber wohl zu vermessen gewünscht, und darum wünsche ich mir einfach ein bisschen davon.

Ich wünsche mir immer noch mehr Begegnungen. Das letzte Jahr war schon nicht schlecht, hm, genaugenommen war es großartig gut, was Begegnungen angeht. Aber es gibt Momente, wo ich mich ungut einsam fühle. Ich würde gern weniger verloren, weniger fremd durch mein Leben reisen. Das ist natürlich nicht damit getan, dass ich einfach mehr Menschen treffe. Eher sollte ich versuchen zu lernen, in jeglichen Kontakten nicht so viel Kraft aus mir ziehen zu lassen, nicht so viel negative Energie in mich dringen zu lassen, innerlich frei zu bleiben, auch in schwierigen Kommunikationssituationen. Begegnungen, die keine mehr sind, mit offenen Worten abzubrechen. Und dann: bei neuen, wirklichen Begegnungen mich hineinzugeben und demütig das zarte Pflänzchen zu nähren.

Ich wünsche mir Unterwegssein. In Form von Reisen, von offenem In-die-Fremde-gehen. Neugier wünsche ich mir, und unängstliches Zugehen auf neue Situationen. Und auf mich selbst zu. Ja, mein Unterwegssein als stetige Reise zu mir selbst zu begreifen, das wäre nicht das schlechteste Reiseziel.

Ich wünsche mir – immer noch – mehr loslassen zu können. Selbstgestrickte Terminkorsetts, selbstaufgebürdete Verantwortungen, selbstgeschaffene Erwartungen, all das.
Besonders dringlich scheint mir mein Umgang mit der Zeit. Meine To-do-Listenobsession kommt fast schon als Gegenwartstötung daher. Permanent rutsche ich in Unbehaglichkeitsgefühle, weil das Zukünftige schon vor seinem Eintreten übervoll, ja, nicht zu bewältigen scheint. Meine Listen sind nie „abgearbeitet“, so als ob mich das Gefühl nicht alles zu schaffen, stets nicht zu genügen, nicht ausreichend schnell zu sein, magisch anziehen würde. Was verschafft mir denn solche Befriedigung beim Auflisten meiner Aufgaben, warum führe ich mir das Zuviel so beharrlich vor Augen? Ich sollte vielleicht von To-do- auf Done-Listen umstellen. Oder überhaupt keine Listen mehr führen. Jedenfalls wünsche ich mir, dass Daten und Termine weniger Macht auf mich ausüben. Dass ich nicht so häufig über die Gegenwart hinausdenke, dass ich im Jetzt der Zeit die Weite des Raumes dankbar erfahre. Vielleicht schaffe ich es sogar, mein Morgenstille-Ritual wieder einzuführen? Vielleicht schreibe ich wieder mehr?

Ich wünsche mir mehr vom Schneegefühl. Was ich, glaube ich, erklären muss. Schnee schenkt mir im selben Moment Jungsein mit kindlicher Freude – der Schneeball formt sich sozusagen von allein in der Hand:) – und Altsein, was ich als den Frieden einer besänftigenden Decke erfahre. Zwei Sehnsüchte werden gleichermaßen genährt, in einem Atemzug. So müssten alle meine Tage verlaufen: in einem Bogen vom Geborenwerden durch die erst noch zu formende Form hindurch in ein besänftigendes Ende mündend. Und dann würde ich leise hoffen, dass mir solche Schneegefühlstage klarere Formen und eine deutlichere Antwort auf die Frage mitbringen, worin meine Lebensenergie aufgehen soll.

Und ich wünsche mir etwas, was scheinbar gar nicht zu mir passt: mehr Mut zu Verrücktheiten, zu Unvernünftigem, zu Ungewohntem, zu Dingen, die „man“ nicht tut.

Hm, eine lange Liste.
Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.

Zurückerinnert in ein reiches Jahr

Ja, ich bin zu spät. Die letzten Tage lag ich so erkältet und mit matschigem Kopf im Bett wie lange nicht. Aber auch ohne dies ist die Verspätung dieses Blogeintrags passend, ist doch eines der mich umtreibenden Themen, derzeitig besonders, ein anderer Umgang mit selbstgeschneiderten Terminkorsetts. Nichts anderes ist es, wenn einem das Kalenderdatum zum Zwang gerät. Besser wäre es doch, hier einfach sagen zu können: Ganz gleich ob am 31. Dezember oder am 2. Januar oder am 37. Juni – ich danke für ein vergangenes reiches Jahr. Und dafür, dass ich dies jederzeit, auch heute, am 5. Januar, tun darf.

An seinen letzten Tagen streifte ich – wie immer – gedanklich im vergehenden Jahr umher. Ließ meine Blicke durch Fotoordner, Tagebuch und Blogeinträge wandern, nahm den Familienplaner von der Wand und blätterte, ebenso im Taschenkalender. Ein Kaleidoskop des vergehenden, nun vergangenen Jahres kam zu mir zurück. Es entfaltete sich vor mir mit all seinen Schätzen, seiner Weite, seiner Fülle.
Ich staune. Ja, ich möchte danken.

Danke für mein Leben mit diesen wundervollen Kindern, immer und immer wieder …
… wie jedes auf seine Art, auf sehr eigenen Füßen durchs Leben geht und zuweilen mich sanft an die Hand nimmt, so dass auch ich neu schauen und meine Schritte anders setzen kann …
… wie der Sohn voll in die Pubertät eingetaucht ist (inklusive Schlafen bis 2 und größtenteils liegendem Absolvieren der Tagesstunden:)) und wir trotzdem nicht den Beziehungsfaden verloren haben, nach jedem – beiderseitigem – Laut- und Ungeduldigwerden wieder aufeinanderzu gehen können und uns eine neue Form der Nähe erarbeiten …
… wie die Tochter ihren Schulwechsel mit jauchzender Freude bewältigt hat, neue Freiheiten und Möglichkeiten gustiert, in ungeahnter Selbstständigkeit zurechtkommt (und auch ich – bei Kind2 nun also – lerne loszulassen, mich nicht mehr so sehr für ihr Lernen verantwortlich fühle und es darum umso besser läuft) und – das Wichtigste – endlich in einer Klasse gut angenommen ist, neue Freundinnen gefunden hat, sich verabredet, übernachtet, Geburtstage feiert, all das, was manche Kinder immer schon haben und hatten, darf sie nun auch erleben.

Danke für die Menschen, die ich als Geschenk auf meinen Wegen erleben darf …
… für nahe und fernere Freunde, mit denen wir häufig oder selten zueinanderfinden …
… für neue Menschen hier im Ort, die wir erst in diesem Jahr kennengelernt haben und mit denen es spontan so herzlich warm ist, dass wir uns auf mehr freuen dürfen …
… für innige Begegnungen in diesem Schreibraum; in diesem Jahr sind kostbarste Fäden hinzugekommen, die weit über das Virtuelle hinausreichen.

Danke für meine Arbeit, in der ich mich nach wie vor im schönsten Beruf der Welt wähne …
… für die täglich geschenkte Lebensfülle der jungen Menschen, die ich im Aufeinanderzugehen sehen darf …
… für meine in jeder Hinsicht herausfordernden 10. Klassen, mit denen wir noch Berge besteigen müssen, dann allerdings zum Ende des Schuljahres – als Belohnung? – gemeinsam nach Berlin fahren dürfen …
… für die Fragen in den Augen der 7t-Klässler, für die sie kaum Worte finden können, und für meine Ideen, die mir hin und wieder kommen, so dass manchmal ein „Ach so“ aus Schülermund und -augen mich ganz demütig macht …
… für unser Lehrerzimmer voller Kollegialität, Hilfsbereitschaft und Lachsalven, und für meine Schulleitung, die nach wie vor und immer noch mehr die beste der Welt ist.

Danke für mein Unterwegssein …
… für mehrere lange Radl-Alleinreisen, erstmals mit Zelt, mit noch intensiverem Draußenleben, an den frühlingskalten Mecklenburger Seen vorbei, sommers entlang der Ehemalsgrenze, und dann im herbstlichen Bayern  …
… für Reisen in den italienischen Schnee, nach München, nach Hamburg, nach Berlin, zu einem wiederum belebenden Klassentreffen, auf ein einsames Gehöft (das an jenem Wochenende alles andere als einsam war) …
… und nicht zuletzt für die Wege rund um unser Dorf.

Danke für die viele Musik hier in unserem Hause …
… wie die Kinder sich im Musizieren zu Hause fühlen, sich in immer neue Projekte stürzen, beglückt von Musikwochen zurückkehren, immer wieder gutgelaunt in ihren Unterricht gehen und von ihren Lehrern zurückkehren …
… dass wir nun das schwierige Thema des Klavierlehrerwechsels beim Sohn angegangen sind, mit hoffentlich erfolgreichem Ausgang …
… und auch wieder für unser Wettbewerbsdurchleben (wobei es dieses Jahr an unsere Grenzen ging, weil beide Kinder zum Landeswettbewerb und der Sohn wiederum zum Bundeswettbewerb fuhr; uns allen wurde spätestens dort bewusst, dass die Kinder unbedingt vor der Ehrgeiz- und Erfolgsfalle zu schützen sind, zumal beide dies selbst aus dem Bauch heraus signalisieren).

Danke für jeden Moment, in dem ich bei mir sein durfte …
… schreibend, lesend, fotografierend, Klavier spielend, Dinge betrachtend, staunend, atmend, sitzend, einfach nur da sitzend …
… insbesondere für die Ruhe, welche sich im letzten Vierteljahr in mir ausbreitete, da ich meine Teilzeitfreiheit vor allem dafür nutzte, alles langsamer anzugehen.

Danke auch für all das, was in diesem Jahr fehlte. Es wäre, schriebe ich es auf – wie vielleicht bei jedem Menschen? – eine lange Liste.
Wie letztes Jahr schon schreibe ich mir dies dazu:
Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

Herbstradeln Tag 5: Bad Wimpfen – Zuhause

Ein paar wenige Restkilometer bleiben. Weniger als ich gern noch fahre würde. Gemessen an den vergangenen Etappen ist es ein Katzensprung. Ich möchte das Ankommen hinauszögern. Sitze stundenlang beim Frühstück, Kaffee schlürfend, lesend, aus dem Fenster sinnierend. Lasse mir beim Packen Zeit. Obwohl heute alles schneller gehen könnte: das Saubere an den Leib, den Rest in die Taschen stopfen, Ordnung nicht mehr erforderlich. Ich trödele trotzdem vor mich hin.
Und stehe noch lange vor dem Gästehaus, weil drinnen ein Orchester probt. Mit Seelenmusik, mich nicht loslassender.

Irgendwann bin ich doch auf dem Weg. Es ist brennend heiß. In Zeiten von Wetterapps hätte ich das ja vorher herausfinden und glauben können. Doch der Kalender – fast Mitte November steht dort – hatte mich abgehalten von allzuviel Sommerlichkeit bei der Kleidungswahl. Ich bereue es umgehend, fahre sehr bald im kurzärmligen T-Shirt und leide unter meiner langen Unterhose. Die sonntagsausflugsgefüllten Wege lassen mich lange ausharren, bis ich ein halbwegs verdecktes Plätzchen finde, um mich ihrer zu entledigen. Von da ab stören nur noch die warmen Schuhe. Ersatzschuhe sind jedoch nicht im Gepäck. Wir schwitzen uns zusammen bis nach Hause.

Ja, nach Hause. Unweigerlich kommt es näher. Eine Richtung, aus der ich mich sonst nie annähere. Noch in Steinwurfnähe meines Dorfes finden sich Ortsnamen, die ich nie bewusst wahrgenommen, Wege, die ich nie betreten habe. Welch Reservoir an Unerlebtem für Tagesausflüge – würden wir denn welche machen:)
Irgendwann erreiche ich den Bereich, in dem es mich arbeitend umhertreibt, und bald auch die Dörfer, in welchen meine Schüler wohnen. Dass ich niemand Bekanntes treffe, erleichtert mich. Ein Schwätzchen am Wegesrand, womöglich mit Schülereltern, hätte mich, noch ganz in Unterwegsstimmung, überfordert. Ich darf in Ruhe ausrollen. Es rollt sich zum Ende hin so schnell, dass ich selbst fast erschrecke, als ich plötzlich vor unserer Garage stehe.

Der Sohn sagt zur Begrüßung kurz hallo, die Tochter ist irgendwo im Dorf unterwegs, die Terrasse trägt Sommerwärme und ich endlich keine Schuhe mehr.
Später am Tag taucht das kleine Kind doch noch auf, schart um sich Freundinnen zum Picknick (die anschließend gleich im Garten Laub rechen:)), murrt der Sohn mich an, ich solle mal nicht solche Hektik machen, türmen sich Wäschemassen vor der Maschine und springen die familiären Vorbereitungen für den morgigen Schulstart im Zickzack. Alles bestens also.

Welch eine gute Entscheidung, die zweite Ferienhälfte radfahrend zu verbringen. Ich fühle mich so erholt wie sonst nur nach wochenlangen Ferien.
Für die morgigen Schulstunden weiß ich nichts mehr. NICHTS. Gerade noch, wie ich meinen Namen buchstabiere und wie das Fach heißt, das ich unterrichten soll. Steht da aber in meinen Aufzeichnungen „Bemerkungen zum Test“, muss ich passen. Welcher Test? Was wollte ich dazu sagen? Was gibt es überhaupt zu sagen? Was kann schon wichtig gewesen sein bei einem solchen Miniphysiktest? Über das Leben, über die Sonne, die Wege, das Atmen und das Sein sollten wir sprechen. Und dann werden wir rudernd auch irgendwie in die Physik hineinfinden.

Ein wenig über 400 Kilometer waren es, dabei 2000 Höhenmeter. Zeitfenster zum Unterwegssein (im Dunklen fahre ich nicht gern) von 7 bis 17 Uhr. Temperaturen von 2 bis 25 Grad. Regen: quasi keiner. Oder doch: 8 Stunden lang Nieseln ist in der Summe doch schon wie ein ausgewachsener Regenguss.
Überquerte Flüsse und Flüsschen: 9 (hier mag ich vielleicht kleine Rinnsale übersehen haben). Begegnete Packtaschenradler: 0. Am Wegesrand gesehene Straußenvögel: 1. Tassen Kaffee und Stücke Kuchen: nicht gezählt (und ob ich das dann verrraten hätte:)). Bilder im Fotoordner: 588, noch unsortiert.
Nicht benötigte Dinge aus den Packtaschen: der warme Rolli, das dritte Fleece, die Ersatzhose, die richtig warme lange Unterwäsche, die umfangreiche SchalMützeHandschuhe-Ausstattung, das Regenzeug, das Erste-Hilfe-Set, die Ersatzakkus fürs Navi, der Nottraubenzucker, der Fahrradreparaturkrempel, die Luftpumpe, die Ersatzbrille. Und das Zweitbuch auf dem E-Book-Reader.
Eine gute Reise.

Grenzblicke Tag 3: Salem – Büchen

Unsere erste Zeltnacht ist wassereingerahmt: vor dem Schlafengehen im See baden, nach dem Aufstehen im See baden. (Das Wasser ist so warm, dass sogar ich das nicht auslasse. Psst: Ich bin nämlich  ausgesprochene Warmbaderin.)

 

Das Einpacken braucht (und bekommt) seine Zeit …

 

 

… die Wege werden gefahren, ob erlaubt oder nicht …
(keiner der sich dort scharenden Radler weiß, wozu diese Absperrungen gut sein sollten)

 

 

… das Mittagessen wird gegessen, wenn es am Wegrand vorbeikommt, notfalls auch vor dem 20. Kilometer …
(ja, das Salatdressing schmeckt so künstlich wie es aussieht:(  )

 

 

… und am See zu sitzen ist überhaupt das Größte.

 

 

Ein Hauch von dörflichem Norden …

 

 

… und gleich nebendran eine Tankstelle, welche die frühere Grenzabfertigungsstelle nicht mehr erahnen  lässt.

 

 

Ein „geschleiftes Dorf“, „Aktion Ungeziefer“, 1952, sagen die Gedenktafeln. Die Tochter fragt, ich erzähle und erkläre.

 

 

Und mitten aus dem härtesten Beton sprießen doch zuweilen zarte Blumen …

 

 

Das letzte Bild vom Tage: eine Brücke, die frühere Transitstrecke. Auch meine Eltern müssen hier entlanggefahren sein, als sie Mitte der 80er Jahre erstmals die Verwandtschaft im „Westen“ besuchen durften.

Heute stehen unscheinbar ein paar Angler unter der Brücke. Ob es dort zum Campingplatz ginge. Sie wissen es nicht genau. Aber es würden immer so viele Leute mit Gepäck vorbeifahren. Bestimmt also.

Hier habe ich damals über den Tag erzählt.