Familie

Neue Ufer

Das muss jetzt einfach erzählt werden, es rüttelt uns hier ja alle durch und durch: Heute hat der Sohn seine Gastfamilie „bekommen“.

Dass er für ein Schuljahr nach Italien gehen wird, habe ich bestimmt irgendwann erzählt. Dass er das seit Jahren wollte, vielleicht auch. Dass ich bei der Zusage der Organisation – im November war das – zunächst einen Kloß im Hals und ein paar Tränen im Auge hatte, das auch, oder?
Dass er aber insgeheim immer davon ausgegangen war, an seinem italienischen Ort ein Klavier und die Möglichkeit zum Weiterspielen vorzufinden und er es anderenfalls nicht schaffen würde wegzugehen, weil das Klavier eben in den letzten Monaten so immens wichtig für ihn geworden ist, das äußerte er in dieser Klarheit erst vor wenigen Tagen. Ich schluckte kurz, keine Austauschorganisation der Welt kann eine Gastfamilie mit Klavier zusichern. Und so dachte ich, wir werden eben sehen, wie es kommt.

Nun, und heute kam es. Alles. Das perfet match. Soweit man das aus der bunten PDF-Datei, die wir per Mail bekamen, herauslesen kann.
Eine Familie, in der Nähe von Mailand leben sie, mit Sohn und Tochter und unendlich viel warmem, verschmitztem Lachen im Gesicht. Allein von vier Fotos ist mein Herz warmgeworden. Und beruhigt. Wenn es das gibt, dass man aus kurzen Zeilen und wenigen Bildern Vertrauen fassen kann, dann habe ich es heute getan. Zu dieser Frau, zu der der Sohn sicherlich – wie die meisten Austauschschüler – nächstes Jahr Mamma sagen wird, zu dieser Mamma also lasse ich ihn friedlichen und freudigen Herzens ziehen. Der zugehörige Pappa (schreibt man das so? wir müssen jetzt alle ein wenig italienisch lernen) sieht nicht minder sympathisch aus. Und die Kinder erst … die würde ich ja vom Fleck weg hier bei mir aufnehmen. Der Sohn, also: der Gastbruder, scheint ein ähnlicher Typ wie der unsere zu sein:) Dazu gibt es eine kleine Schwester, gleichalt der unsrigen und mit dem Namen von deren bester Freundin:)  (Dass die Eltern so heißen wie ich früher meine Kinder immer nennen wollte – in der italienischen Variante natürlich – und dass der Gastbruder so heißt wie der unsrige Vater, das fällt mir jetzt erst auf, es ist ja wirklich erstaunlich.)

Jedenfalls: der Sohn springt im Dreieck vor Vorfreude. So habe ich ihn selten erlebt. Heute Nachmittag nach dem Durchscrollen der Familienvorstellung und beim Betrachten der Bilder zog ein glückliches Lächeln über sein Gesicht, wie ich es selten bei ihm gesehen habe.

Und: es gibt ein Klavier im Haus, wenn auch – im Moment – nur ein digitales. Es gibt auch sonst Musik. Und Malen. Und Lesen. (Und der Gastbruder spielt ebenfalls nicht Fußball:))
Da scheint Offenheit für alles, was unser Sohn mitbringt. Die Familienvorstellung und die Selbstvorstellung des Sohnes scheinen in manchen Passagen wie voneinander abgeschrieben.
So macht das nämlich die Organisation: Beide Seiten müssen sich ausführlichst schriftlich, mit Fragebögen und mit Fotos vorstellen. (Damit war unser November komplett gefüllt.) Und dann versuchen sie zusammenzufügen, was möglichst gut zueinander passt. Ich weiß ja nicht, wie viele Jugendliche AFS-Italien zu vermitteln hatte, und wie viele Gastfamilienprofile ihnen vorlagen, aber für uns kann ich sagen: Besser hätte es kaum kommen können – von dem, was wir bisher ahnen.

Ein Klavier jedenfalls ist da. Und was der Sohn heute schon ersuchmaschint hat: Eine Musikschule vor Ort, und in Mailand ein Konservatorium. Klavierlehrerprofile stehen im Netz, er kann nur noch nicht genug italienisch, um sie zu lesen. An der Deutschen Schule gibt es über „Jugend musiziert“ Kontaktadressen. Und das alles in S-Bahn-Nähe (was dort sicherlich nicht S-Bahn heißt). Heute also löste sich seine größte Sorge in Luft auf.

Den Rest des Tages surfte er via Guugle-strieht-wjuh an seinem künftigen Haus und Liceo vorbei, zappte durch die Webseiten seines Wohnortes, las die Familienvorstellung und lernte sie anscheinend auswendig, jedenfalls wusste er schon genau, dass montags immer die Großeltern – nonna und nonno – im Haus übernachten und an den restlichen Tagen ein „Kinder“mädchen (Au pair?) aus Moldavien (? – ich hab’s nicht auswendig gelernt:)) Teil der Familie ist. Er guckte sich die Italienkarte an, um herauszufinden, wo Ligurien liegt, denn dort gibt es ein Ferienhaus, in welches die Familie an Wochenenden fährt, womöglich noch am Meer (uiuiui, schwierig, jetzt nicht neidisch zu werden:)) und stellte voller Beruhigung fest, dass er ja nach dem Jahr, wenn er dort richtige Freunde gefunden haben wird, von hier aus in einer Handvoll Stunden immer mal nach Mailand zu Besuch wird fahren können. Dass also dieses bevorstehende Jahr gar kein singulärer Punkt in seinem Leben bleiben muss, sondern später eine Fortsetzung erfahren kann, und zwar einfach und unkompliziert. (Das wäre in Süditalien schon anders, und in Übersee erst …)

Jedenfalls: Mein großes, ach so großes Kind ist glücklich. Er breitet die Flügel aus und macht sich ans Davonfliegen.
Und meine Tränen vom November sind weg, weil es ihm so gut geht. Da werde ich das Loslassen ja wohl hinbekommen …
(Nur am Flughafen Anfang September, da ist es erlaubt zu weinen:))

Abendleben

Unser Besuch spielt mit den Kindern „Siedler“, ich sitze nebendran auf dem Sofa und lege Wäsche, das Ganze an Sekt, wir haben schließlich Besuch. Die Tochter ruft im Minutentakt Könntest-du-mir-ein-Erz-geben?, was sich in der Spielrunde zum Running gag entwickelt zu haben scheint und nur noch übertönt wird von des Besuchssohns ausdauernder Schafsuche. Dass wir alle morgen in die Schule müssen, ist für den Moment vergessen, auf dem Boden liegt aber ein Lateinbuch, eines der Kinder scheint am Nachmittag gelernt zu haben, morgen schreiben beide irgendeine Arbeit, glücklicherweise muss ich mich dafür nicht interessieren. Und so reden wir lieber über die anvisierte Alpendurchwanderung und dass die Freundin in der Zeit ihr Geschäft schließen muss, was soll’s. Das bunte Gästeleben führte uns heute Mittag schon an touristische Stätten, morgen wieder. Die Mahlzeitenfolge für morgen steht, wobei das Planen eher darin bestand, wann wir uns wo treffen können, um gemeinsam zu essen, schließlich läuft hier nebenher das normale Alltagsleben. Erstaunlich, was noch so alles nebenbei in einen Tag passt. Wirbelndes Besuchsleben durchwirkt Alltagstrott. Ärgernisse und Kümmernisse des Tages verlieren an Dimension, was soll ich mich über die kühle Mail erregen, und über die nichtgelungene Terminvereinbarung. Auf das Helle blicken, statt dessen. So wie meine Cellolehrerin, welche sich vorhin voller Neid – nein: Mitfreude<3 – über unseren baldigen Skiurlaub erkundigte, und zwar so ausführlich und ausgiebig, als wollte sie sich selbst dort einmieten, und dabei können sie und ihr Mann das nicht mehr. Und sie freute sich trotzdem so an meinem Erzählen …

Und dann bin ich müde. Klar. Der Tag ist doppelt so dicht wie sonst. Ich bin nicht geschaffen dafür. Fühle mich müde wie mein Arm, der heute erlernt hat, wie er sich zu heben hat, um den kleinen Finger bestmöglich zu unterstützen, so dass nun die Anstrengung des schwächsten Gliedes in den riesigen Armbruder verlegt ist. Jedenfalls: wir sind müde. Mein Arm und ich.

Die Sache mit dem Kranksein

Nein, ich kann das nicht. Jedenfalls bin ich nicht besonders gut darin. Ich meine in dem Sinne, dass ich wenig Übung habe krank zu sein. Alle Jubeljahre mal, und dann immer nur ein bisschen. So wie jetzt, dass es mich drei Tage ins Bett gehauen hat, das war schon selten. Welch Glückspilz, ich.

Und doch ist diese Erfahrung nicht unwichtig.

Abgeben. Loslassen. Das Alltagsgeschäft den anderen übertragen. Vertrauen. Klingt wenig spektakulär. Ist es aber nicht für eine, die gern die Fäden in der Hand hält und schwer glauben kann, dass es ohne ihre Kontrolle läuft. Echt, so bin ich, jedenfalls hier zu Hause. — Und was soll ich sagen: Es läuft. Es lief. Und dieses Laufen stand nie in Gefahr. Ganz im Gegenteil: Die Tochter bäckt mir einen Kuchen, kocht Tee, macht zum Abendessen Spiegelei, wir essen das im Schneidersitz auf meinem Bett und fühlen uns ein wenig wie beim Picknick (die Lagerfeuerwärme wird mir durch’s Fieber gratis dazugeliefert). Der Sohn schleicht alle Stunden mal vorbei und schaut ernsthaft besorgt und später nur noch interessiert, wie mein Besserungsprozess voranschreitet. Das Leben im Haus läuft ganz  normal weiter, keiner versäumt lebenswichtige Termine, die Zimmer verwüsten nicht, der Kühlschrank wird nicht leer, alles gut. Was mich vor mir selbst ein bisschen lächerlich dastehen lässt mit meinem Kontrollzwang.

Mein Körper und ich. Wann verbringen wir schon so viel intensive Zeit miteinander. Ich bin fast ein wenig fasziniert, wie genau das alles zu spüren ist. Schlägt der Puls heftig, steigt das Fieber, ich brauche gar nicht zu messen. Schwitze ich die Bettwäsche nass, sinkt es wieder, pro halben Grad ein Liter, mindestens, ich brauche ebenfalls nicht zu messen. Das Kopfweh ist zuweilen höllisch, aber – von Zeit zu Zeit mit Aspirin aufgelockert – insgesamt erträglich, da ich auf ein baldiges Ende hoffen darf. Das gleichermaßen ekelige Halsweh ficht mich schon eher an, einer der unangenehmsten Schmerzen, aber auch das endet nach zwei Tagen. Ich lerne ein bisschen Geduld – und, ja, Dankbarkeit. Dass ich einen harmlosen Infekt haben darf. Und keine wirkliche Erkrankung. Das alles in einem warmen, kuscheligen Bett in einem trockenen Haus, mit Getränken und Medikamenten zur freien Verfügung, alles in allem Luxuskranksein. Ich habe in diesen Liegetagen viel Gelegenheit, mich dankbar, glücklich und privilegiert zu fühlen.

Mich und die Ansprache meines Körpers wichtig zu nehmen. Eines der schwersten Dinge hierbei. Schleppte ich mich doch am Donnerstag Vormittag zur Arbeit, obwohl es mir schon nicht gut ging. Fühlte mich anschließend wie erschlagen. Schleppte mich am Freitag immer noch zur Schule, nur für eine Stunde. Fiel anschließend fiebernd ins Bett. War mit den Gedanken die ganze Zeit schon beim Montag, welche Stunden ich möglichst kraftschonend gestalten könne, und wie ich zwischendurch all die Noten noch einzutragen schaffe ohne mich wieder restlos zu verausgaben, bis … ja, es dauerte ein wenig … es mir dämmerte. Dass ich nicht wirklich schulgesund bin. Dass mich jedes Aufstehen in neue Schweißausbrüche treibt. Dass es anstrengend genug war, in den drei Liegetagen mit Matschekopf doch noch all die Noten fertigzumachen, liegend mit Laptop im Bett. Dass mein Husten kaum im Zaum zu halten ist, wenn ich nicht Kodein nehme. Dass ich mich elend schwach fühle.
Also – tata – ich habe es entschieden: Ich halte morgen keinen Unterricht. Nicht leicht, mich dazu durchzuringen, ich fühle mich sofort faulenzend, zumal ich ja am Morgen erstmal in der Schule auftauchen werde, drei Nachschreiber an ihre Arbeiten setzen und meine 140 Noten eintippen werde, während parallel schon eine Kollegin oder ein Kollege aus der Bereitschaft vor meiner Klasse stehen wird, mit den von mir gestellten Aufgaben. Ui, das ist überhaupt nicht leicht. Genauso wie die Coklassenlehrerin zu versetzen, wir müssten eigentlich die Notenkonferenz für Mittwoch vorbereiten. Und für die Nachmittagsklasse fällt der Unterricht komplett aus, das geht doch nicht. Mir ist das schwer.
Denn ich werde in der Zeit einfach zu Hause liegen, wahrscheinlich nicht mal mehr im Bett, sondern auf dem Sofa, und es mir gut gehen lassen. Tee, Hustensaft, dösen, ab und zu mal einschlummern. Sicherlich fieberfrei, das fühlt sich heute schon sehr gut an. Also könnte ich doch morgen … neeeee.
Ist das schwer. Ich stelle mich an. Aber nun, ich habe mich entschieden.

Ganz schön lehrreich und heilsam, die Sache mit dem Kranksein.

 

 12 von 12 im Januar

Das Ende der Weihnachtsferienzeit ist auch das Ende meines Kerzentellers, der mich durch die letzten Wochen begleitet hat. Er leuchtet seiner letzten Stunde entgegen, morgens mit nur noch 4/6, abends mit 2/6 Lichtern, und am nächsten Morgen wird er die Dunkelheit erreicht haben.

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Noch nicht ganz am Ende ist dieses packende Buch, ich lese und lese, und vergesse darüber fast die Kinder zu wecken.

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Als sie aus dem Haus sind, ist zunächst Tagebuchzeit. Ein Ritual an meinen schulfreien Vormittagen: morgens, wenn die Seele noch wach aus der Nacht, noch unberührt vom Tag und seinen Anforderungen sich selbst in Klarheit gegenübertritt, da schreibt es sich aus mir heraus. Heute ins Cellotagebuch, seit der Stunde am Montag war viel geschehen. Und – wie fast jeden Tag – in mein „Notizbuch der verlorenen Zeit“, in welches ich mittlerweile nicht nur Zeiten, sondern jegliche Verlorenheiten fließen lasse. Beide Büchlein sind mir im Moment wichtige Lebenslehrer.

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Irgendwann beginne ich zu arbeiten. Heute ist Telefontag, ich hasse das, sieben Termine mit Menschen an sieben verschiedenen Schulen sind zu vereinbaren. Natürlich ist kaum jemand auf Anhieb zu erreichen – klar, normalerweise steht man ja im Unterricht:) – ich brauche mehrere Anläufe und manchmal eine zweite Runde zum Verlegen des eben schon Vereinbarten. Denn die zugehörigen Stundenpläne stehen sich gegenseitig und alle zusammen meinem eigenen Unterricht im Weg. Große Terminrochade also.
Nach gefühlt zwanzig Stunden habe ich alles im Kalender, mit nur drei Ausfallstunden bei mir selbst. Das ist Rekord! Und Rekord ist auch, dass ich’s trotz meiner Telefonphobie durchgezogen habe. Nichts auf morgen, nichts auf nächste Woche verschoben, einfach fertig gemacht. Boah.

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Klar, jetzt muss Besänftigung her. Da kommt im Moment nur eine in Frage.

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Weiter mit Unterrichtsvorbereitung. Tee dazu, alles ist gut.

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Kurz bevor die Kinder kommen, wage ich einen Schritt nach draußen. Eine Minirunde im Garten, mehr nicht. Durchatmen als Nachmittagsauftakt.

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Das große Kind braucht ganz dringend – natürlich sind wir nicht so organisiert, dass wir die in den langen Ferien besorgt hätten:( – eine BahnCard. Morgen geht er nämlich auf Alleinfahrt in den Norden, zu einem Wochenendseminar, auf das er seit Monaten hinhibbelt.

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Während ich also noch beim Sachenpacken assistiere, will die Schwester mit mir für ihre Mathearbeit lernen. Mir scheint, Abgefragtwerden und zusammen lernen hat die Rolle des früheren Vorlesens übernommen. Eigentlich sind beide Kinder schulisch absolut selbstständig und bekommen es auch ohne uns hin. Holen sich aber gern Ich-will-noch-mit-Dir-lernen-Geborgenheit, bei der dann wahlweise gekuschelt, gewitzelt, doch noch was gelernt oder eben gemeinsam das neue bunte Lehrbuch angeschaut wird.

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Für ein bisschen mehr Buntheit im Tag beschließen wir am Abend, die Weihnachtssachen wegzuräumen. Ohnehin werden am Samstag die Bäume abgeholt, wir schmücken alles ab und räumen es zusammen mit Lichterstadt & Co wieder in die Kisten.

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Fast hätte ich es vergessen: in der Ecke steht noch ein Päckchen vom Postboten heute morgen. Denn nein, in der mittelgroßen Stadt hier um die Ecke gibt es keine schwarzen Hemden für schmalgewachsene junge Männer wie den meinen. Wir haben es vergeblich in einer Rieseneinkaufsstraße voller Läden versucht. In solchen Situationen ist man dann doch froh, dass das Internet voll von Dingen besonderen Bedarfs ist. Hier ist also die Rettung für die Jugend-musiziert- und sonstigen Konzerte der nächsten Zeit. Bis zum Weihnachtskonzert musste er sein 164er-Hemd tragen, das lief seit dem Sommerwachstumsschub unter der Kategorie bauchfrei und sah nur auf den ersten Blick witzig aus. Jedenfalls: es gibt nun Hemden in schwarz und weiß, Wettbewerb und Konzerte können kommen. (Und wehe, ein Orchesterchef möchte nun in hellblau oder rot spielen!)

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Zu guter Letzt verschwinden die Kinder im Bett, und ich habe Lust auf Nadel und Faden, das ist fast so meditativ wie Cellospielen. Nach einer Tochtermütze und einem T-Shirt bekommen endlich auch Emma und Nucki die längst fälligen Nadelreparaturen ab. Zwei Gefährten meiner Kindheit, sie schauen also nicht zufällig schon ein wenig altersschwach aus. Nun aber sind sie wieder heil an Panzer und Kopf, nur ein zweites Auge fehlt dem Nucki noch. Wir werden mal Ausschau halten …

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Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

Weihnachtsferienbeginn

Es ist der am längsten ersehnte schulfreie Tag des Jahres. Mehr als vor jeder anderen freien Zeit, mehr noch als vor den Sommerferien dürstet man darauf hin. Beim Abschiedsglühwein in der Schule unterhalten wir uns, es geht allen so. Weil die Wochen seit den Herbstferien pausenlos dahinströmen, weil es mehr Schuljahresaufgaben gibt als zu jeder anderen Zeit im Jahr, weil die Sonne kaum scheint, all das wird es sein, warum wir diesen ersten Ferientag in so erschöpftem Zustand erreichen.

Und dann ist er da. Das schulische Terminhamsterrad hört mit einem Mal auf zu drehen, das muss erstmal bewältigt werden. Der Körper lässt sich plötzlich kaum noch in Schwung halten, die Seele sowieso nicht, all die Ferienvorfreude ertrinkt in mattdunkler Traurigkeit, die Stunden wollen durchwatet werden, eine nach der anderen.
Sich aufs Fahrrad setzen wie zu Beginn der Sommerferien, wegfahren, aus dem Alltag entschwinden, jetzt sofort – das wär’s. Wenn auch das Fahrrad natürlich eher symbolisch zu verstehen ist, bei diesen Außentemperaturen. Eine Lese-Musik-Schreibreise ins Innere, zum Beispiel.

Doch nein, unmöglich. Da ist weiterhin fordernder Alltag, ein unschulischer, ein von den letzten Schulwochen mitverursachter. Fünf Trommeln Wäsche warten, die Schränke der Kinder sind leer. Der Haushalt liegt brach. Und wer jetzt entgegnen möchte, dies sei doch nicht wichtig: Bitte einmal den Blick durch unsere völlig verramschten Zimmer schweifen lassen , sogar die Kinder stellen schon fest, dass wir ja keine Ecke zum ruhigen Sitzen und Spielen mehr haben. Und dann noch ein paarmal an all die klebrigen Türklinken fassen … Der Haushalt also braucht ein paar energische Eingriffe. Die Tochter hat eine Probe in der Stadt und muss hingefahren werden. Immerhin liegt direkt daneben die Stadtbücherei und versorgt uns mit Ferienbüchern und -filmen. Pässe und Personalausweise müssen wir beantragen, es eilt – im Rathaus ist man fast erschrocken über so späte Kundschaft. Ein paar Schulnotizen und Mails sind fertigzumachen, bevor ich in der zweiten Ferienhälfte nicht annähernd mehr weiß, worum es ging und geht. Schultasche und Schulschreibtisch wollen aufgeräumt werden, oder nein: ich will, dass sie in den aufgeräumten Zustand übergehen. Nicht nur wegen eventueller Brotdosen, die bis zum Ferienende sonst Beine bekommen werden, sondern auch, weil der Tisch für meine Weihnachtsferienpuzzletradition gebraucht wird.
Es ist dicht. Viel, das.

Zwischen all dem sacke ich immer wieder zusammen. Versuche mich zu erinnern, worauf ich mich die Wochen zuvor fast wie irre gefreut habe. Aufs Spielen mit den Kindern – ach ja, zwei neue Spiele werden unterm Baum liegen. Und mir fällt ein, dass ich dieses Jahr nicht nur keinerlei Post geschafft habe, sondern dass noch keines der kleinen Dinge in den Hinterkatakomben des Schranks (Kinder: bitte weglesen:)) bisher eingepackt ist, hoffentlich haben wir noch Papier, hoffentlich vergesse ich das nachher nicht;-) Also: aufs Spielen freue ich mich. Aufs Alleinsein und Wenigreden auch – und die Kinder ebenso. (Die sind übrigens schon in ihre Lesewelten abgetaucht, wie das am ersten Ferientag sein muss:)) Aufs Wiederhellerwerden, das man sich ja wenigstens vorstellen kann, wenn schon der Blick aus dem Fenster nichts davon zeigt. Aufs Puzzlen, aufs Legobauen, aufs Lesen, aufs Schreiben, auf Tage im Schlafanzug, ohne Blick auf die Uhr und ohne jede Strukturierung durch irgendwelche Mahlzeitenpläne. Verhungert sind wir dabei noch nie. Eher gesättigt in unserem Ruhehunger.
Und auf meine Musik freue ich mich. Zum Klavier ist ein Cello eingezogen. Es begeistert, fasziniert und belebt mich mehr als je erträumt und erhofft. Wenn auch ein Berg an Ungeduld zu zügeln ist. Wäre es doch am sinnvollsten, im Moment nur leere Saiten zu streichen – in zwei Unterrichtsstunden habe ich erspüren dürfen, wie sich der Körper dabei anfühlen kann, bin in meditative Bewegungen hineingekommen. Dennoch ist da das unbändige Bestreben, schon die linke Hand mitzubenutzen, Töne und Melodien zu formen. So quietschig und unsauber die noch klingen, ich habe mit der Tochter erste Duette gespielt, und das fühlt sich unglaublich an! Und doch: Das Cello wird mir zum Geduldslehrer werden, ich freue mich drauf.
Auf Bücher freue ich mich, der ungelesene Stapel ist ins Unendliche gewachsen. Auf Fotos freue ich mich, denn die Sommerbilder sind noch nicht mal sortiert, geschweige denn irgendwie bearbeitet und verblogpostet. Auf Spaziergänge freue ich mich. Aufs Schreiben. Auf meditatives Einfach-nur-da-sitzen.

Ich werde sehen, was die Ferien schenken. Ich hoffe, ein wenig Stille. Ein wenig nur.

Die wünsche ich Euch auch. Und Frieden. Den wünschen wir uns wohl alle …

Herbstfarbenhügel

Lange war ich nicht auf meinen eigenen Füßen unterwegs. Jedenfalls nicht eine so weite Strecke, nicht so lange, nicht mit so viel Ruhe. Eher wähle ich ja das Fahrrad, um mich ins Unterwegssein zu begeben, selbst die Kinder haben diesen Impuls schon verinnerlicht, können wir nicht eine Radtour machen? Nein, diesmal nicht, ich wollte mal wieder laufen, oder wandern, wie immer man es nennt, wünschte es mir sehnlichst. Und die Kinder mussten mit, manchmal haben Kinder eben keine Wahl:)

Es war großartig, es war mehr als das, es war wie ein Bad im ureigenen Element. Ein paar raschelnde Goldblätter unter den Füßen drängen alles Gedankenknirschen mit einem Schlag in die Unbedeutsamkeitsecke. Weg und Blick über die hügelige Welt mit ihrem Auf und Ab legen eine So-ist-das-Leben-Metapher nahe und machen sie mit jedem Schritt, mag er auch seufzend und keuchend sein, überflüssiger. Das schräg durch die kahlen Bäume strömende Licht schiebt sich auch in dunklere Gemütsecken und zeigt einfach: Da bin ich. Da bist Du ja, sage ich.

Zwar murrt der Sohn gelegentlich, dass es ihm zu langsam sei, und warum wir denn an jeder Ecke stehen blieben, schließlich wolle er nicht erst im Dunkeln heimkehren, er müsse heute noch so viel machen. Für ihn ist also das Ziel das Ziel, naja, er ist fünfzehn und folglich in den Fußstapfen der Ungeduld unterwegs, mit fünfzehn waren Waldwanderungen auch nicht mein Lieblingszeitvertreib, ich gestehe es. Auf dem Rückweg lassen wir ihn vorausgehen, er möchte schneller zu Hause sein. Ich sorge mich nur, er so allein den weiten Weg durch den Wald. „Mama, ich bin fünfzehn! FÜNF!ZEHN! Fünf sechstel auf dem Weg zur Volljährigkeit hab ich überlebt, da werd ich wohl diesen Waldweg schaffen …
Wo er Recht hat. Loslassen ist schwer. Sie werden so schnell groß.

Die Tochter dagegen genießt den Weg sichtlich, bei aller Erschöpfung zum Ende hin. Sie singt, vor allem auf den letzten Kilometern, unterbrochen von kurzen Ich-kann-nicht-mehr-Rufen. Doch dann singt sie wieder, Lieder vom Glücklichsein, Lebensfreude pur, sich verschenkend an die ganze Welt. Es steckt an. Meine Füße tun schon gar nicht mehr weh.

Auch wenn sich das alles kaum in Bildern wiedergeben lässt, habe ich ein paar mitgebracht.

 

Von uns

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auf dem farbigen Weg

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mit durchscheinendem Licht

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und immer einem Stück Himmel zwischen all dem Goldgelb.

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Kaum zu glauben, wie sich der blaue Himmel in der Ferne in Nebel verwandelt

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und wie Nebel mit leuchtenden Farben in friedlicher Nachbarschaft leben kann.

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Die kleinen Dinge am Wegesrand

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und die nicht ganz so kleinen (mit Gruß: extra für Herrn Irgendlink:))

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hinterlassen – wie jedes Unterwegssein – Spuren,

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machen innerlich weit

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und verwandeln alles in warme leuchtende Farben. Sattsehen kann ich mich nicht.

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(Deswegen: Der Wanderrucksack blieb gepackt und steht jetzt hier an der Tür. Die Ferien haben ja noch ein paar Tage.)

 

Ungleiche Gespräche übers Gleiche

Beim Aufräumen alter Texte, lauter Entwürfe, Bruchstücke, weggelegte Anfänge und Enden, fiel mir am Wochenende ein vier Jahre alter Text in die Hände:

 

Er ist wie er ist. Sage ich mir. Und sage ich zu denen, die da sagen: Er ist nicht wie er sein soll.
Elterngespräch in der Sohnesschule.

Ich bin mit offenem Ohr gekommen. Aber das Nicht-wie-er-sein-soll kommt so schrill daher, ich möchte weglaufen. Und weiß doch, dass ich jetzt für ihn hier sitze und sitzenbleiben muss. Das anhören, das aushalten, über ihn sprechen, die harte Sicht aufzuweichen versuchen – das bin ich ihm schuldig.
Ich weiß nicht, ob sie am Ende des Gesprächs ein anderes Bild von meinem Sohn mitnehmen. Ich habe getan, was ich konnte.
(Wieso eigentlich, wenn es doch so schwierig mit ihm ist, sind sie in den vergangenen anderthalb Jahren nie auf uns zugekommen???)

Von dem Moment an, da ich das Gespräch verlasse, bellt das laute Nicht-wie-er-sein-soll mein tiefahnendes Er-ist-wie-er-ist an. Ob ich nicht verharmlose, verkläre, zu sehr liebe, zu wenig achtgebe, zu wenig fordere, zu gelassen, zu wenig präsent bin für ihn. So nagt es in mir.
Tränen fließen, als wir reden. Bei mir im Innern, bei ihm brechen sie sich Bahn. Er wisse ja gar nicht, was die beiden Lehrerinnen meinen. Und erzählt, wie er seine Schultage erlebt. Alles ist ganz anders, als mir vorhin erklärt wurde, und mir wird sichtbar, wie er all diese schwierigen Situationen empfindet. Mir wird alles verständlich, und irgendwie ist es gut so. Er ist eben wie er ist.
Und doch pocht es in meinem Ohr … nicht wie er sein soll … nicht wie er sein soll … nicht wie er sein soll …

Der weitere Tag öffnet mir die Augen.
Beim Einkaufen treffe ich eine Mutter, die auch ein „solches“ Kind hat. Sie weiß, wovon ich spreche. Ihrer ist nun schon groß, sie haben es geschafft, diese schwierigen Jahre. Das macht Mut.
Am Abend spielt mein Nicht-wie-es-sein-soll-Kind ein kleines Konzert mit einer Cellofreundin. Sensible Musik, ergreifend, tröstend. Das kann er eben auch.
Und als wolle er sich mir in seinem ganzen Wie-er-ist zeigen, macht er noch später am Abend seiner Schwester ein Geschenk, gibt nach, springt über seinen Schatten, wie ich es noch nie wahrnehmen durfte.

So als wolle er sagen: Vertraue doch, das wird schon mit mir.
Ich höre und sehe. Und vertraue.

 

Vier Jahre ist das her. Beim Lesen kamen mir immer noch die Tränen. Es war keine leichte Zeit damals für ihn, und für uns mit ihm.
Jetzt ist in der Schule schon lange alles gut. Am Gymnasium – er ist ja an meinem – schlich ich anfangs sehr um die Kollegen herum, immer meine Nicht-wie-er-sein-soll-Angst im Hintergrund, jede beruhigende Andeutung, dass alles gut sei, dankbar aufsaugend. (Ja, so ein Elterngespräch hinterlässt einen nicht unberührt. Das damalige hat lange Monate und Jahre nachgeweht.)
Jetzt hatte und habe ich tatsächlich das Gefühl, dass er, jedenfalls von den meisten Kollegen, in seinem Er-ist-wie-er-ist gesehen wird. Und dass all die Eigenheiten, mit welchen er sich wahrlich nicht leicht einfügt in den eng getakteten Schulbetrieb, zu ihm gehören dürfen und liebevoll gesehen werden.

Um so ernster nahm ich, als mich gestern seine Klassenlehrerin ansprach. Sie würde mich jetzt auch anrufen, wenn ich nicht Kollegin wäre, sagte sie. Erstmals wolle sie ein Elterngespräch führen. Und weil es passte, redeten wir gleich.
Es ging vom Inhalt her um das Gleiche wie damals. Alles war sofort wieder da. Nur jetzt, bei dieser Lehrerin, hatte das Gespräch einen völlig anderen Fokus. Da schimmerte nirgends der Hauch eines Nicht-wie-er-sein-soll durch, sondern sie schilderte ganz einfach ihre zahlreichen Beobachtungen.
Wie sehr er sich im Moment selbst im Weg steht„, sagte sie. Und: „Ich sorge mich.“ Damit war das Wichtigste gesagt.
Die Details, die zu ihrer Sorge führen, sind gar nicht wichtig. (Ohnehin würde ich sie hier nicht ausbreiten.) Sie stimmen mit dem überein, was wir auch zu Hause wahrnehmen. Ja, möglicherweise ist die Sorge berechtigt. Vielleicht ist es auch nur seine spezielle Form des Pubertierens. Wie sollen wir das wissen …

Vereinbart haben wir, dass wir Eltern zu Hause mit ihm sprechen. Und dass sie mit ihm spricht, noch diese Woche, über all ihre Beobachtungen. Dass wir uns dann in einigen Wochen wieder austauschen, um zu schauen, ob er die Gespräche für sich nutzen konnte, um seinen Weg wieder mehr selbst in die Hand zu nehmen. Dass er dies vermag und dass er es tief im Innern will, darin waren sich die Kollegin und ich einig, das trauen wir ihm beide zu.
Ja, dass ich nach dem damaligen Gespräch ein „Vertraue doch, das wird schon mit mir“ aus ihm lesen durfte, das hilft mir jetzt.
Und die Kollegin trägt dieses Vertrauen ebenfalls in sich. Sie liebt ihre Schüler einfach sehr.

Mit Dankbarkeit (und doch einem etwas flauen Gefühl im Magen) radelte ich nach Hause. Das Gespräch am Küchentisch ergab sich ganz einfach. Und blieb so einfach. Weil ich ohne irgendetwas zu verändern oder wegzulassen erzählen konnte, wie seine Lehrerin ihn derzeit erlebt und worüber sie sich Sorgen macht. Da war kein Vorwurf, keine Erwartungshaltung, keine Forderung an ihn. Einfach nur dieser liebevolle Blick von außen.
Durch all seine Erklärungen hindurch – es wäre nicht mein Sohn, würde er nicht für alles und jedes eine detaillierte Erklärung aus dem Hut zaubern können:) – wurde ihm wohl das Wesentliche sichtbar: Dass es hier nicht um die Erwachsenen und ihre Vorstellungen seines Seins geht, sondern um ihn selbst. Und dass diese Lehrerin – die beste!, wie er sagt – ihm helfen will, seinen Blick wieder mehr auf sich selbst zu lenken, um durch die nächsten Jahre und darüber hinaus einen gangbaren Weg zu finden. Vor allem für sich selbst muss er den finden.

Und während wir dann am Küchentisch die vielen Schulbeobachtungen anschauten und konkrete Schritte sortierten, mussten wir zwischendurch immer mal lachen. Über die bizarren Ausprägungen seiner Pubertät nämlich, die er – im Spiegel – selbst zu sehen und zu beschmunzeln vermag. Gemeinsames Lachen tut gut.
Gut tat auch, was er sagte. Bei Einigem wurde mir sichtbar, wie er seine Schritte wieder selbst in die Hand nehmen will. Ich war schon jetzt – beim Miteinanderreden – ein bisschen stolz auf ihn, auf seine Offenheit, auf seine Bereitschaft, sich einzulassen, auf seine durchschimmernde Eigenverantwortung.
(Hier blinzelte mich übrigens meine eigene Baustelle an: Verantwortung abgeben. Auch oder gerade bei ihm.)

Jedenfalls: Das Gespräch mit dem Sohn fühlte sich gut an. Bestimmt auch deswegen, weil das vorangegangene Gespräch mit der Lehrerin gut war. Besser kann man sich Schulgespräche kaum wünschen.

 

Letzter Ferientag

Ich erwache aus einem Schulversagenstraum, ein bei mir nicht unübliches Ritual zu Ferienende. Thema der Stunde ist der Drehimpuls, hinten drin sitzt eine Prüfungskomission (oder ist es nur ein einfacher Unterrichtsbesuch?), jedenfalls wie bei so ner Referendarin. Ich habe keinen Entwurf vorbereitet, keine Experimente aufgebaut, die Schüler wissen besser Bescheid als ich, werfen Formeln von rotierenden Körpern in den Raum, ich habe keine Ahnung, die Schüler aber letztlich auch nicht, und ich versuche angestrengt, meinen Kopf aus der Schlinge der Situation zu ziehen.

Lieber aufwachen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Statt mich in meinen Roman zu vertiefen („Treibsand“ – sehr berührend!), verdaddele ich die erste Morgenstunde bei Twitter. Und ärgere mich; ich sollte wieder mehr Bücher lesen. Was aber ganz allein an mir liegt. Irgendwas muss anders werden mit meinen Alltagsentscheidungen, den zahlreichen Zeitverbringdingern, dem Hin-und-Herspringen zwischen allem, was mich zu sich zieht. Letztlich bin ich von keinem Einzigen richtig gesättigt, und hätte doch Hunger auf so Vieles.

Dies also meine Erkenntnis zum Morgen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Die Kinder erdrängeln sich Frühstück. Die Tochter wird ungeduldig, beginnt selbst vorzubereiten. Beim Spiegelei zerlaufen ihr alle Eigelbs, der Sohn meckert, weil er kein weißes Stück mehr abbekommt, der Tochter schmeckt es zu angebrannt, der eine bringt der anderen keinen Joghurt mit, so fliegen die Nettigkeiten hin und her. Letztlich haben beide keine Lust und keine Geduld mehr länger am Tisch sitzen zu bleiben.

Na gut, dann trinke ich meinen Kaffee eben allein weiter. Erstmal sitzenbleiben und tief durchatmen.

Gerade kommt mir Lust, der Tag mit seinem Wetter ist ja perfekt dazu, mit der Tochter eine Ferienende-Eisdielen-Radtour zu planen. Da höre ich sie säuselnd am Telefon mit nem Freund flirten. „Ich frag mal meine Mama, ob ich darf„, und schwupp ist sie verabredet. Flügge werdendes Kind. Und meine Eisdielen-Radtour kann ich nun alleine machen, oder wie?

Schade. Es wäre heut so schön gewesen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Beide Kinder tragen seit Tagen Ärger über ihre Lehrer auf der Stirn geschrieben, weil diese am ersten Tag nach den Ferien eine Arbeit zu schreiben gedenken. Beim Blick in die Vorbereitungsunterlagen entdecken sie heute, dass die Arbeiten doch erst am Ende der Woche geschrieben werden. Beide ärgern sich über die umsonst gelernten Vokabeln. Und über mich, als ich nämlich anmerke, dass sie ja auch hätten eher in ihre Unterlagen schauen können. „Boah, Mama, Du hast ja keine Ahnung …

Schön, wenn sich Geschwister einig sind. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Der Garten ist warm, hummeldurchsummt und vögelverzwitschert, und bietet mir nach ein wenig Winterdreckwegwisch-Aktivität seinen Tisch für meine Schulvorbereitungen an. Wenn nicht da nebendran die Nachbarn, von noch wenig Grün wenig schallgedämmt, ihre Grillsaison eröffnen würden. Mit Grillreinigungsgepolter besser als jeder Benzinrasenmäher, lauthalsen Brüllgesprächen in meine Richtung, quer-durch-den-Garten-Haste-noch-ein-Bier-Geschreie (fast möchte ich mitrufen: „Hier, ich hätte sonst auch noch eines.„) und letztlich gevöllt-angetrunkenem Lachgekreische. Danke auch, so kann ich nicht arbeiten.

Wieder reingehen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Bald sind meine Schulvorbereitungen fertig, ungewöhnlicherweise schon am Nachmittag des letzten Ferientages. Nein, nicht mein Verdienst, sondern das einer lieben Kollegin, welche die Parallelklasse unterrichtet und mir anbietet, ihre mühsam erstellte Stationenarbeit auch für meine Klasse zu nutzen. Ich müsse es mir nur abholen. Nichts leichter als das, denn sie wohnt seit neuestem in unserem Dorf. Ich war schonmal da: gelbes Haus, gleich hinter den Feldern, Eingang neben Torbogen, Hausnummer 8. Soweit erinnere ich mich. Und dann suche ich. Und suche. Suche weiter, und suche immer noch. Dort hinter dieser Ecke, und hinter jener. Ich wusste gar nicht, wie viele gelbe Häuser gleich hinter den Feldern unser Dorf hat. Am Ende kenne ich sie alle. Und finde – tata! – auch das gesuchte Haus. Es ist gar nicht gelb. Und es ist nicht die Nummer 8. Aber ich habe es ja gefunden. Und darf eine Tonne Unterrichtsmaterial nach Hause schleppen.

Ein schöner Radfahrnachmittag war es außerdem. Erstmal hinsetzen (auf den Sattel) und tief durchatmen.

Der Nachmittag endet mit einer späten Orchesterprobe der Kinder. Menno, heute, an diesem Tag, wo es eh schwer ist, das Ruder bei den Kindern vom Ferienmodus wieder in den Alltagsrhythmus umzuwerfen. Na gut, ich lasse sie vorher was essen, damit es hinterher schnell geht und sie um 9 im Bett sind. Aber natürlich ist nach dem Orchester doch noch das volle Programm angesagt. Bratkartoffeln und Würstchen bitte. Aber gern doch. „Wenn Ihr Euch in der Zeit umzieht und die Schulranzen …“ (Nein, das konnte man keinesfalls vor dem Orchester … und nein, das kann man auch nicht während des Bratkartoffelmachens erledigen …). Es ist 9, als wir fertig gegessen haben. Danach fehlen die Sporthose, der Mensaausweis, das Geodreieck, der Schülerplaner, der Fahrradschlüssel, die Brotdose, die Unterschrift, ach hier noch der Zettel vom Infoabend („Macht doch nichts, dass das schon vorbei ist, oder?„), das Heft X hat bestimmt der Jan, und das Buch Y muss die Lisa eingesteckt haben. Das Ranzenpacken zieht sich. Das Ausziehen auch. Und Zähneputzen ist an letzten Ferientagen sowieso überbewertet … „Ach so, hab ich vergessen.“ …

Erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Am Tochterbett nämlich. Langes Kuscheln inklusive.

Und jetzt kreischt mich der Schreibtisch an. Da ist doch noch die Überweisung, das Formular, der Brief, die Mail, die Liste, der Bücherstapel, die Kopiervorlagen …

Erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Dabei bloggen.

Ehrlich? Hinsetzen und tief durchatmen hilft. Wenn ich meinen Tag hier lese, wirkt er anstrengend. Beim Durchleben war er es nicht. Weil ich heute mein Handy, mein Netbook, meinen Computer weitestgehend ausgeschaltet hatte, weil ich während des Sitzens und Atmens nicht immer noch hierhin und dorthin gezappt bin. Sondern höchstens bisschen was geschrieben habe (nämlich diese Textabschnitte hier), dann aber eben einfach saß und atmete.

Ja, so geht das: Immer mal hinsetzen und tief durchatmen.
Ist ja eigentlich kein Geheimnis, dass dies als Kraftquelle wirkt.
Vergesse ich nur zu oft.

 

Der Weg wird

Da teilst Du ein Stück Alltag. Es platzt einfach aus Dir heraus, weil am Morgen das Fass überläuft, weil die ganze Suppe mal wieder über den Rand trieft. Aus jenem Fass, welches ohnehin ständig bis zur Kante gefüllt ist, welches Du nur mit Mühe immer wieder oberflächlich leerst, so dass es gerade so geht. Gerade so, unter Aufbietung aller Kräfte. Nun also, am Morgen, läuft es über, mal wieder.

Du teilst Dein Stück Alltag, verpackst es in eine rhetorische Frage, und denkst schon gar nicht mehr daran, als Du zur Arbeit losfährst. Es ist ja doch zu sehr Dein ewiger Alltag, es sind Deine gewohnten, nie in Frage gestellten, jedenfalls nie abgeschüttelten Rituale.

Und dann geschieht, woran Du nicht ansatzweise gedacht, womit Du  überhaupt nicht gerechnet hast. Du wirst gelesen. Und nicht nur das – Dir wird geantwortet. Du entdeckst dies nach der Schule. Starrst auf all die Mitteilungen, all die Textstückchen, in denen rückgefragt, von Eigenem erzählt, Erfahrungen geteilt werden. Du antwortest zögerlich, gibst ein paar Details preis, wirst immer offener … und erhältst im Dialog immer mehr zurück. Es wird gefragt, wieder und wieder, und jedes Mal weisen die klitzekleinen Gesprächsfäden woanders hin. In Richtungen, an die Du schon längst gedacht, sie probiert, als aussichtslos verworfen hast. Aber auch in Richtungen, die neu sind oder wären, wenn Du denn den Mut hättest, Dich hineinzubegeben.

Vieles kommt zu Dir. Fragen, vor allem die Fragen sind es, die Deine Gedanken in Bewegung setzen, und Deine Emotionen mit ihnen. Da wird Schmerz wach, vergangener und zukünftiger. Es rüttelt Dich durch und durch, in diesen heftigen Nachmittagsstunden. Damit hattest Du am Morgen nicht gerechnet.

Was bleibt? Das, was ein Gewitter immer hinterlässt: Etwas Reinigung, etwas Klärung, fürs Erste im Inneren. Die Bewusstwerdung, dass es Zeit ist. Und dass wohl auch Hilfe nötig sein wird. Dass es Hilfe gibt, das auch. Dass zum Beispiel Gespräche helfen. Schon diese schriftlichen Minigespräche am Nachmittag, die haben Dich ein Stück zu Dir geführt.

Du bist dankbar für diese heftigen Stunden und das, was sie mit sich gebracht haben. Und Du hoffst, dass der Tag ein Schritt war. Einer von wer weiß wie vielen, auf einem wer weiß wie langen Weg. Dass es endlich-endlich weitergehen muss, und wird!, das steht an diesem Nachmittag klar vor Dir. Du spürst eine Kraft in Dir, für weitere Schritte, für Spagate, für Abgründe auch. Wer weiß schon, was kommen wird. Aber Kraft, die kann nicht schaden. Die nimmst Du Dir mit aus diesem Nachmittag.

Als es dann Abend wird und Du wieder zu Hause bist, läuft das Fass erneut über. Ein ähnlicher Anlass wie am Morgen, eine ähnliche Konstellation. Nicht zufällig wohl. Denn Du hörst Dich mit fester Stimme das Deine darlegen. Deine Sicht, Deine Grenzen, Deine Position. In klarer und ruhiger Form – Du staunst. Du staunst noch mehr, als Du genau dieses kurz darauf der Freundin am Telefon wiedergibst. In ebenso klarer und fester Form. Die Freundin staunt auch: Was ist denn mit Dir passiert?

Och, Du sagst lieber erstmal nichts. Registrierst, dass Dein Sagen gehört und angenommen wurde, für den Moment. Ob mit knirschenden Zähnen oder nicht, das weißt Du nicht. Es ist Dir aber auch egal. Ohnhin musst Du jetzt endlich – der Tag ist ja fast vorbei – ein bisschen Schule vorbereiten. Spät ist es geworden für Deine Vorbereitungen. Aber das ist heute egal. Du hast an diesem Tag etwas anderes geschafft.

Ja, Du hast ein bisschen Arbeit im Innern geleistet. Du siehst es Dir selbst an. Aus Dir leuchtet plötzlich wieder die kleine Ahnung, die Dir lang verborgen war. Die Ahnung nämlich, dass der Weg sich Dir zeigen und öffnen wird.

Ja. Da ist Zuversicht.
Der Weg wird.

Danke.
(Insbesondere an alle, die hier heute – und überhaupt – beteiligt waren.)

 

Wünsche an ein neues Jahr

Vor einem Jahr begann ich einen Eintrag unter derselben Überschrift mit diesen Worten:
Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig …“
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)

So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ein Jahr später stehe ich wieder vor einer unberührten Jahresfläche, und es geht mir ganz genau so. Nur meine Wünsche, die ganz konkreten, die haben sich ein wenig verändert. Die damaligen, die finden sich hier. Ich möchte jetzt überhaupt nicht auseinandernehmen, welche erfüllt, welche offen geblieben sind. Ich schreibe einfach von meinem diesjährigen Wünschen.

Ich wünsche mir gesund zu bleiben. Immer noch wünsche ich mir das. Das „oder zu werden“ des letzten Jahres kann ich weglassen. Wie gut es sich anfühlt, dies schreiben zu können. Ich spüre mich als gesundet, fast rundum. Sehe aber – ich muss mich nur ein wenig umschauen -, wie schnell sich das ändern kann.

Ich wünsche mir, dass es mir gelingt, mich meiner Bedürfnisse anzunehmen. Was so einfach klingt, so einfach sein könnte, für andere ja auch einfach ist, das ist für mich oft unendlich schwer. Bin ich dabei weitergekommen in diesem Jahr? Ich weiß es nicht. Ja, doch, ich fühle mich von innen nicht mehr so zernagt. Ich glaube, ich bin mir bewusster geworden, wohin es mich zieht, dürstet, drängt, sehnt. Was nun fehlt? Worte zu finden. Noch nichtmal an konkrete Adressaten gerichtet, sondern zunächst einmal überhaupt meinen Mund verlassende Worte. Klare oder verschwommene Worte, egal, für den Anfang.
So viele Situationen, in denen ich mich nicht um mich kümmere – ich wünsche mir, dass ich fürsorglicher mit mir selbst umzugehen vermag, dass ich offen kommuniziere, was ich brauche, dass ich mich nicht verkrieche hinter einem dauernden „ach, es wird schon so gehen“.

Ich wünsche mir auch die Bedürfnisse anderer Menschen wahrnehmen zu können. Bei einigen der mir nah Seienden ist das gar nicht so einfach. Gern würde ich Geduld, Gelassenheit, Ausdauer, Humor und all das, was für dauerhafte gute Beziehungsfäden nötig ist, in Überfülle haben. Das ist ja aber wohl zu vermessen gewünscht, und darum wünsche ich mir einfach ein bisschen davon.

Ich wünsche mir immer noch mehr Begegnungen. Das letzte Jahr war schon nicht schlecht, hm, genaugenommen war es großartig gut, was Begegnungen angeht. Aber es gibt Momente, wo ich mich ungut einsam fühle. Ich würde gern weniger verloren, weniger fremd durch mein Leben reisen. Das ist natürlich nicht damit getan, dass ich einfach mehr Menschen treffe. Eher sollte ich versuchen zu lernen, in jeglichen Kontakten nicht so viel Kraft aus mir ziehen zu lassen, nicht so viel negative Energie in mich dringen zu lassen, innerlich frei zu bleiben, auch in schwierigen Kommunikationssituationen. Begegnungen, die keine mehr sind, mit offenen Worten abzubrechen. Und dann: bei neuen, wirklichen Begegnungen mich hineinzugeben und demütig das zarte Pflänzchen zu nähren.

Ich wünsche mir Unterwegssein. In Form von Reisen, von offenem In-die-Fremde-gehen. Neugier wünsche ich mir, und unängstliches Zugehen auf neue Situationen. Und auf mich selbst zu. Ja, mein Unterwegssein als stetige Reise zu mir selbst zu begreifen, das wäre nicht das schlechteste Reiseziel.

Ich wünsche mir – immer noch – mehr loslassen zu können. Selbstgestrickte Terminkorsetts, selbstaufgebürdete Verantwortungen, selbstgeschaffene Erwartungen, all das.
Besonders dringlich scheint mir mein Umgang mit der Zeit. Meine To-do-Listenobsession kommt fast schon als Gegenwartstötung daher. Permanent rutsche ich in Unbehaglichkeitsgefühle, weil das Zukünftige schon vor seinem Eintreten übervoll, ja, nicht zu bewältigen scheint. Meine Listen sind nie „abgearbeitet“, so als ob mich das Gefühl nicht alles zu schaffen, stets nicht zu genügen, nicht ausreichend schnell zu sein, magisch anziehen würde. Was verschafft mir denn solche Befriedigung beim Auflisten meiner Aufgaben, warum führe ich mir das Zuviel so beharrlich vor Augen? Ich sollte vielleicht von To-do- auf Done-Listen umstellen. Oder überhaupt keine Listen mehr führen. Jedenfalls wünsche ich mir, dass Daten und Termine weniger Macht auf mich ausüben. Dass ich nicht so häufig über die Gegenwart hinausdenke, dass ich im Jetzt der Zeit die Weite des Raumes dankbar erfahre. Vielleicht schaffe ich es sogar, mein Morgenstille-Ritual wieder einzuführen? Vielleicht schreibe ich wieder mehr?

Ich wünsche mir mehr vom Schneegefühl. Was ich, glaube ich, erklären muss. Schnee schenkt mir im selben Moment Jungsein mit kindlicher Freude – der Schneeball formt sich sozusagen von allein in der Hand:) – und Altsein, was ich als den Frieden einer besänftigenden Decke erfahre. Zwei Sehnsüchte werden gleichermaßen genährt, in einem Atemzug. So müssten alle meine Tage verlaufen: in einem Bogen vom Geborenwerden durch die erst noch zu formende Form hindurch in ein besänftigendes Ende mündend. Und dann würde ich leise hoffen, dass mir solche Schneegefühlstage klarere Formen und eine deutlichere Antwort auf die Frage mitbringen, worin meine Lebensenergie aufgehen soll.

Und ich wünsche mir etwas, was scheinbar gar nicht zu mir passt: mehr Mut zu Verrücktheiten, zu Unvernünftigem, zu Ungewohntem, zu Dingen, die „man“ nicht tut.

Hm, eine lange Liste.
Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.

Zurückerinnert in ein reiches Jahr

Ja, ich bin zu spät. Die letzten Tage lag ich so erkältet und mit matschigem Kopf im Bett wie lange nicht. Aber auch ohne dies ist die Verspätung dieses Blogeintrags passend, ist doch eines der mich umtreibenden Themen, derzeitig besonders, ein anderer Umgang mit selbstgeschneiderten Terminkorsetts. Nichts anderes ist es, wenn einem das Kalenderdatum zum Zwang gerät. Besser wäre es doch, hier einfach sagen zu können: Ganz gleich ob am 31. Dezember oder am 2. Januar oder am 37. Juni – ich danke für ein vergangenes reiches Jahr. Und dafür, dass ich dies jederzeit, auch heute, am 5. Januar, tun darf.

An seinen letzten Tagen streifte ich – wie immer – gedanklich im vergehenden Jahr umher. Ließ meine Blicke durch Fotoordner, Tagebuch und Blogeinträge wandern, nahm den Familienplaner von der Wand und blätterte, ebenso im Taschenkalender. Ein Kaleidoskop des vergehenden, nun vergangenen Jahres kam zu mir zurück. Es entfaltete sich vor mir mit all seinen Schätzen, seiner Weite, seiner Fülle.
Ich staune. Ja, ich möchte danken.

Danke für mein Leben mit diesen wundervollen Kindern, immer und immer wieder …
… wie jedes auf seine Art, auf sehr eigenen Füßen durchs Leben geht und zuweilen mich sanft an die Hand nimmt, so dass auch ich neu schauen und meine Schritte anders setzen kann …
… wie der Sohn voll in die Pubertät eingetaucht ist (inklusive Schlafen bis 2 und größtenteils liegendem Absolvieren der Tagesstunden:)) und wir trotzdem nicht den Beziehungsfaden verloren haben, nach jedem – beiderseitigem – Laut- und Ungeduldigwerden wieder aufeinanderzu gehen können und uns eine neue Form der Nähe erarbeiten …
… wie die Tochter ihren Schulwechsel mit jauchzender Freude bewältigt hat, neue Freiheiten und Möglichkeiten gustiert, in ungeahnter Selbstständigkeit zurechtkommt (und auch ich – bei Kind2 nun also – lerne loszulassen, mich nicht mehr so sehr für ihr Lernen verantwortlich fühle und es darum umso besser läuft) und – das Wichtigste – endlich in einer Klasse gut angenommen ist, neue Freundinnen gefunden hat, sich verabredet, übernachtet, Geburtstage feiert, all das, was manche Kinder immer schon haben und hatten, darf sie nun auch erleben.

Danke für die Menschen, die ich als Geschenk auf meinen Wegen erleben darf …
… für nahe und fernere Freunde, mit denen wir häufig oder selten zueinanderfinden …
… für neue Menschen hier im Ort, die wir erst in diesem Jahr kennengelernt haben und mit denen es spontan so herzlich warm ist, dass wir uns auf mehr freuen dürfen …
… für innige Begegnungen in diesem Schreibraum; in diesem Jahr sind kostbarste Fäden hinzugekommen, die weit über das Virtuelle hinausreichen.

Danke für meine Arbeit, in der ich mich nach wie vor im schönsten Beruf der Welt wähne …
… für die täglich geschenkte Lebensfülle der jungen Menschen, die ich im Aufeinanderzugehen sehen darf …
… für meine in jeder Hinsicht herausfordernden 10. Klassen, mit denen wir noch Berge besteigen müssen, dann allerdings zum Ende des Schuljahres – als Belohnung? – gemeinsam nach Berlin fahren dürfen …
… für die Fragen in den Augen der 7t-Klässler, für die sie kaum Worte finden können, und für meine Ideen, die mir hin und wieder kommen, so dass manchmal ein „Ach so“ aus Schülermund und -augen mich ganz demütig macht …
… für unser Lehrerzimmer voller Kollegialität, Hilfsbereitschaft und Lachsalven, und für meine Schulleitung, die nach wie vor und immer noch mehr die beste der Welt ist.

Danke für mein Unterwegssein …
… für mehrere lange Radl-Alleinreisen, erstmals mit Zelt, mit noch intensiverem Draußenleben, an den frühlingskalten Mecklenburger Seen vorbei, sommers entlang der Ehemalsgrenze, und dann im herbstlichen Bayern  …
… für Reisen in den italienischen Schnee, nach München, nach Hamburg, nach Berlin, zu einem wiederum belebenden Klassentreffen, auf ein einsames Gehöft (das an jenem Wochenende alles andere als einsam war) …
… und nicht zuletzt für die Wege rund um unser Dorf.

Danke für die viele Musik hier in unserem Hause …
… wie die Kinder sich im Musizieren zu Hause fühlen, sich in immer neue Projekte stürzen, beglückt von Musikwochen zurückkehren, immer wieder gutgelaunt in ihren Unterricht gehen und von ihren Lehrern zurückkehren …
… dass wir nun das schwierige Thema des Klavierlehrerwechsels beim Sohn angegangen sind, mit hoffentlich erfolgreichem Ausgang …
… und auch wieder für unser Wettbewerbsdurchleben (wobei es dieses Jahr an unsere Grenzen ging, weil beide Kinder zum Landeswettbewerb und der Sohn wiederum zum Bundeswettbewerb fuhr; uns allen wurde spätestens dort bewusst, dass die Kinder unbedingt vor der Ehrgeiz- und Erfolgsfalle zu schützen sind, zumal beide dies selbst aus dem Bauch heraus signalisieren).

Danke für jeden Moment, in dem ich bei mir sein durfte …
… schreibend, lesend, fotografierend, Klavier spielend, Dinge betrachtend, staunend, atmend, sitzend, einfach nur da sitzend …
… insbesondere für die Ruhe, welche sich im letzten Vierteljahr in mir ausbreitete, da ich meine Teilzeitfreiheit vor allem dafür nutzte, alles langsamer anzugehen.

Danke auch für all das, was in diesem Jahr fehlte. Es wäre, schriebe ich es auf – wie vielleicht bei jedem Menschen? – eine lange Liste.
Wie letztes Jahr schon schreibe ich mir dies dazu:
Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

Herbstradeln Tag 5: Bad Wimpfen – Zuhause

Ein paar wenige Restkilometer bleiben. Weniger als ich gern noch fahre würde. Gemessen an den vergangenen Etappen ist es ein Katzensprung. Ich möchte das Ankommen hinauszögern. Sitze stundenlang beim Frühstück, Kaffee schlürfend, lesend, aus dem Fenster sinnierend. Lasse mir beim Packen Zeit. Obwohl heute alles schneller gehen könnte: das Saubere an den Leib, den Rest in die Taschen stopfen, Ordnung nicht mehr erforderlich. Ich trödele trotzdem vor mich hin.
Und stehe noch lange vor dem Gästehaus, weil drinnen ein Orchester probt. Mit Seelenmusik, mich nicht loslassender.

Irgendwann bin ich doch auf dem Weg. Es ist brennend heiß. In Zeiten von Wetterapps hätte ich das ja vorher herausfinden und glauben können. Doch der Kalender – fast Mitte November steht dort – hatte mich abgehalten von allzuviel Sommerlichkeit bei der Kleidungswahl. Ich bereue es umgehend, fahre sehr bald im kurzärmligen T-Shirt und leide unter meiner langen Unterhose. Die sonntagsausflugsgefüllten Wege lassen mich lange ausharren, bis ich ein halbwegs verdecktes Plätzchen finde, um mich ihrer zu entledigen. Von da ab stören nur noch die warmen Schuhe. Ersatzschuhe sind jedoch nicht im Gepäck. Wir schwitzen uns zusammen bis nach Hause.

Ja, nach Hause. Unweigerlich kommt es näher. Eine Richtung, aus der ich mich sonst nie annähere. Noch in Steinwurfnähe meines Dorfes finden sich Ortsnamen, die ich nie bewusst wahrgenommen, Wege, die ich nie betreten habe. Welch Reservoir an Unerlebtem für Tagesausflüge – würden wir denn welche machen:)
Irgendwann erreiche ich den Bereich, in dem es mich arbeitend umhertreibt, und bald auch die Dörfer, in welchen meine Schüler wohnen. Dass ich niemand Bekanntes treffe, erleichtert mich. Ein Schwätzchen am Wegesrand, womöglich mit Schülereltern, hätte mich, noch ganz in Unterwegsstimmung, überfordert. Ich darf in Ruhe ausrollen. Es rollt sich zum Ende hin so schnell, dass ich selbst fast erschrecke, als ich plötzlich vor unserer Garage stehe.

Der Sohn sagt zur Begrüßung kurz hallo, die Tochter ist irgendwo im Dorf unterwegs, die Terrasse trägt Sommerwärme und ich endlich keine Schuhe mehr.
Später am Tag taucht das kleine Kind doch noch auf, schart um sich Freundinnen zum Picknick (die anschließend gleich im Garten Laub rechen:)), murrt der Sohn mich an, ich solle mal nicht solche Hektik machen, türmen sich Wäschemassen vor der Maschine und springen die familiären Vorbereitungen für den morgigen Schulstart im Zickzack. Alles bestens also.

Welch eine gute Entscheidung, die zweite Ferienhälfte radfahrend zu verbringen. Ich fühle mich so erholt wie sonst nur nach wochenlangen Ferien.
Für die morgigen Schulstunden weiß ich nichts mehr. NICHTS. Gerade noch, wie ich meinen Namen buchstabiere und wie das Fach heißt, das ich unterrichten soll. Steht da aber in meinen Aufzeichnungen „Bemerkungen zum Test“, muss ich passen. Welcher Test? Was wollte ich dazu sagen? Was gibt es überhaupt zu sagen? Was kann schon wichtig gewesen sein bei einem solchen Miniphysiktest? Über das Leben, über die Sonne, die Wege, das Atmen und das Sein sollten wir sprechen. Und dann werden wir rudernd auch irgendwie in die Physik hineinfinden.

Ein wenig über 400 Kilometer waren es, dabei 2000 Höhenmeter. Zeitfenster zum Unterwegssein (im Dunklen fahre ich nicht gern) von 7 bis 17 Uhr. Temperaturen von 2 bis 25 Grad. Regen: quasi keiner. Oder doch: 8 Stunden lang Nieseln ist in der Summe doch schon wie ein ausgewachsener Regenguss.
Überquerte Flüsse und Flüsschen: 9 (hier mag ich vielleicht kleine Rinnsale übersehen haben). Begegnete Packtaschenradler: 0. Am Wegesrand gesehene Straußenvögel: 1. Tassen Kaffee und Stücke Kuchen: nicht gezählt (und ob ich das dann verrraten hätte:)). Bilder im Fotoordner: 588, noch unsortiert.
Nicht benötigte Dinge aus den Packtaschen: der warme Rolli, das dritte Fleece, die Ersatzhose, die richtig warme lange Unterwäsche, die umfangreiche SchalMützeHandschuhe-Ausstattung, das Regenzeug, das Erste-Hilfe-Set, die Ersatzakkus fürs Navi, der Nottraubenzucker, der Fahrradreparaturkrempel, die Luftpumpe, die Ersatzbrille. Und das Zweitbuch auf dem E-Book-Reader.
Eine gute Reise.

Grenzblicke Tag 3: Salem – Büchen

Unsere erste Zeltnacht ist wassereingerahmt: vor dem Schlafengehen im See baden, nach dem Aufstehen im See baden. (Das Wasser ist so warm, dass sogar ich das nicht auslasse. Psst: Ich bin nämlich  ausgesprochene Warmbaderin.)

 

Das Einpacken braucht (und bekommt) seine Zeit …

 

 

… die Wege werden gefahren, ob erlaubt oder nicht …
(keiner der sich dort scharenden Radler weiß, wozu diese Absperrungen gut sein sollten)

 

 

… das Mittagessen wird gegessen, wenn es am Wegrand vorbeikommt, notfalls auch vor dem 20. Kilometer …
(ja, das Salatdressing schmeckt so künstlich wie es aussieht:(  )

 

 

… und am See zu sitzen ist überhaupt das Größte.

 

 

Ein Hauch von dörflichem Norden …

 

 

… und gleich nebendran eine Tankstelle, welche die frühere Grenzabfertigungsstelle nicht mehr erahnen  lässt.

 

 

Ein „geschleiftes Dorf“, „Aktion Ungeziefer“, 1952, sagen die Gedenktafeln. Die Tochter fragt, ich erzähle und erkläre.

 

 

Und mitten aus dem härtesten Beton sprießen doch zuweilen zarte Blumen …

 

 

Das letzte Bild vom Tage: eine Brücke, die frühere Transitstrecke. Auch meine Eltern müssen hier entlanggefahren sein, als sie Mitte der 80er Jahre erstmals die Verwandtschaft im „Westen“ besuchen durften.

Heute stehen unscheinbar ein paar Angler unter der Brücke. Ob es dort zum Campingplatz ginge. Sie wissen es nicht genau. Aber es würden immer so viele Leute mit Gepäck vorbeifahren. Bestimmt also.

Hier habe ich damals über den Tag erzählt.

 

Grenzblicke Tag 0: Lübeck

Mein Alltag hat in den letzten Tagen rasant an Fahrt aufgenommen. Ich bin auf der Suche nach Haltegriffen, nach Pausenbänken, nach Ruhepolen. Doch doch, es geht schon. In einer Woche sind ja Ferien, die zumindest eine Pause im Wirbeln schenken werden.
In einer Woche werden wir zu einer Kurzreise aufbrechen, und den Rückweg werde ich, wenn das Wetter hält, was die Vorhersagen versprechen, mit dem Fahrrad zurücklegen. Tataaa! Ich kann meine Vorfreude nicht verhehlen. Wozu sollte ich auch …

Und während ich noch plane und überlege, welche Strecke sinnvoll, passend, stimmig ist, grabe ich meine Sommerreisefotos aus. Ganz untergegangen sind die bisher, nicht näher angeschaut. Da sind genug innere Bilder in meinem Kopf, das ist gut.
Gut aber tat es auch, wie ich gestern erstmals in meinen Fotoordnern versank, einige Blogtexte nochmals las, mich in aller Intensität erinnerte.

Ein paar Bilder werde ich herzeigen, stückchenweise, tageweise, immer mit dem Link zum Blogeintrag von damals. Dieses Sortieren und Sichten wirkt in heftigen Schultagen wie eine Ruhebank auf mich. Wie eine Einladung der Erinnerung: Komm setz dich, schau dich in mir um, weißt du noch?, und nun gehe weiter, ich trage dich, ich begleite dich, und ich lasse dich wieder los, wenn die nächsten Schritte frei gesetzt werden wollen.

Wir starteten in Lübeck mit einem ungeplanten Ruhetag, waren alle ein wenig krank. Der Ferienanfang und wir, das war diesmal ein schwieriges Zueinanderfinden. Lest hier. Oder schaut einfach nur, wie ich mich erinnere …

 

 

… an den Abendspaziergang in der sonnenuntergehenden Stadt, nachdem wir von der Autobahn die Augenklinik und eine Schar von Apotheken aufgesucht hatten. Hier fiel die Anspannung ab, hier entschieden wir, am Startpunkt unserer Reise zunächst innezuhalten.

 

 

Waren doch weder der Sohn noch ich gesund genug, um sofort aufs Rad zu steigen.

 

 

Wie gut das war, hier zu bleiben, unter wärmstem Sommerabendhimmel und …

 

 

… am Wasser (an welchem ich, da es von solchen eigenartig schwankend-stehenden Gestalten bevölkert war, das Wort Stand up Paddler kennenlernte) …

 

 

… rund um das Holstentor meines Kindheitspuzzles (750 Teile, Ravensburger, tausendmal gepuzzelt, und nun wie ein Kind fasziniert davon, dass es dieses Bild auch in Groß-3D gibt ;-))

 

 

Wir treidelten einfach nur zwischen den Altstadtgemäuern umher, es war unendlich heiß (Hitzewelle – wisst ihr noch?), und unser Dauerbedürfnis war: ein Eis!

 

 

Und die Tochter brauchte noch mehr Abkühlung. Was war es aber auch heiß damals …

 

sonntags, immer

Mir fehle das Ausflugsgen, sagte ich neulich zu jemandem. Ich habe keine Sehnsucht danach und kein Talent dafür, den Samstag mit Plänemachen und Vorbereitungen, den Sonntagmorgen mit Broteschmieren, Kinderwecken und hastigem Aufbruch und den Sonntagabend mit hektischen Alltagsvorbereitungen und stetem Blick auf die schon viel zu weit fortgeschrittene Uhr zu verbringen. Was dazwischen liegt – das Sonntagsausflugsdasein selbst – das könnte mir gefallen. Weil ich aber das Drumherum nicht ausstehen kann, krieche ich selten aus meinem Wochenendschneckenhaus. Kurzum, wir bleiben meist daheim.

Neulich aber, da sattelten wir unsere Räder, schlossen uns tausenden anderen Familien an und fuhren an den Rhein. Es war ein guter Tag, ja doch. In der Erinnerung ein farben- und wärmegefluteter Tag, im Innen wie im Außen. So verlockend wohltuend, dass wir, bevor wir noch die Rückfahrt antraten, sogleich neue Pläne geschmiedet hatten. Ins Elsass, das so nah ist. An die Quelle des Bächleins, das uns täglich vor den Füßen herumplätschert. In die große Stadt nur wenig südlich von uns, die wir noch kaum kennen.

Gesagt, nicht getan. Die Wochenenden für diese Unternehmungen sind schon längst wieder vergangen. Keiner hat die Pläne mehr erwähnt, so als wären alle froh, dass wir uns das Packen und Satteln sparen und unsere Sonntage einfach ganz ruhig verbringen. Angefüllt mit dem, was Sonntage eben zu Sonntagen macht.

In der meditativen Stimmung des Bilderbetrachtens und -sortierens nämlich springt mir vor und in die Augen, dass es ganz gleich ist, wo ich bin. Ein Sonntag ist ein Sonntag ist ein Sonntag. Und ist zuweilen auch ein Samstag oder ein ganz anderer Wochentag. Auf den Hügeln meines Dorfes verbracht, oder am heimischen Kachelofen (der ja schon längst keiner mehr ist), oder eben „im Grünen“, das auch schon keines mehr ist. Sonntag ist, was ich zu einem Sonntag mir mache.

Wenn ich nämlich eingefahrene Gleise des Alltags verlasse. Sei es auch nur, um abends wieder zurückzukehren.

 

 

Wenn ich die Zeit zwar im Augenwinkel behalte, sie nicht ganz vergesse, aber sie doch nicht mehr im Mittelpunkt meines Schauens steht.

 

 

Wenn ich mich freimache, den gewohnten Trott verlasse, hinauslaufe, im Innern wenigstens.

 

 

Wenn ich ein Stück Himmel entdecke. Das versteckt sich manchmal auch unter der Bettdecke.

 

 

Wenn ich einen Blick auf ungewohntes Licht in ungeahnten Weiten erhasche. Die Augen eines anderen Menschen reichen dazu, oder die Zeilen meines Tagebuchs.

 

 

Wenn ich mir selbst den Fluss sichtbar mache, in all seinen Dimensionen, seiner Behäbigkeit, seiner Kraft.

 

 

Wenn ich dahintreibe, auf genau diesem Fluss. Oder manchmal nur auf einem Rinnsal. Sonntage dürfen sich auch dürstend anfühlen.

 

 

Wenn ich all die Farben am Ufer sehe. Am anderen, oder an meinem.

 

 

Oder aber Farben, für die es keine Ufer braucht.

 

 

Wenn ich einen Weg gehe, der ins Irgendwo führt. Das manchmal im Innern, manchmal im Äußeren, manchmal im Nichts liegt.

 

 

Wenn ich mir dort – vielleicht gerade am Punkt des tiefsten Nichts? – meine Kathedrale bis in den Himmel errichten kann. (Wo habe ich nur dieses Bild von der Kirche im Inneren gefunden? Es ist mir zugeflogen.)

 

 

Wenn mir die eine oder andere morsche Stelle, manch Riss im Alltagsgefüge sichtbar wird.

 

 

Wenn Struktur, Ordnung, Muster für einen Moment verborgen und unerkannt bleiben dürfen.

 

 

Wenn scheinbare Unscheinbarkeit sich unversehens als atemberaubend Geschöpftes entpuppt.

 

 

Wenn Zeit ist, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen. Wie Astrid Lindgren es so schön sagt.

 

 

So ist es hier, sonntags.
Wobei, wie gesagt, sonntags auch samstags sein kann. Oder alltags. Oder allnachts.
Oder gar immer?

 

Ferienende

Gestern auf der Fähre schaute ich noch mit einer Mischung aus Befremdung und Bewunderung auf all die fleißigen Großfamilienmütter ringsum, welche in perfekt organisierten Abläufen mit ihrer Kinderschar Französischvokabeln und Lateintexte durchexerzierten.

Heute nun schlägt der Sohn selbst das Mathebuch auf, während wir traditionell in unserer Dorfkneipe das Ferienende begehen. Er offenbart, dass er übermorgen eine Arbeit schreibe. Auf seine Aufforderung – Frag mich mal was! – beginne ich in den Kratern seiner Erinnerungsreste zu stochern. Alsbald blaffen wir uns gegenseitig an. – Ich verstehe überhaupt nicht, was du von mir willst! – Hast du im Unterricht eigentlich auf deinen Ohren gesessen? – Solche Fragen kommen in unseren Arbeiten nie dran! – Oh, hast du ne Ahnung … (Wer ist denn hier die Mathelehrerin, denke ich leicht erbost.)

Ich kann das eben nicht so wie diese Fährenmütter. Wir sind uns einig, das Mathebuch jetzt lieber wieder zuzuschlagen. Morgen ist auch noch ein Tag.

Und heute sind Ferien, noch. Das Dorf duftet nach Frühling und strahlt so warm, wie wir es in ganz Sizilien nicht fanden. Der Garten schaut abendsonnenrötlich zu, als ich Kissen und Stühle wieder einsammle. Was für ein Sturm hier gewesen sein muss! Die Waschmaschine rumpelt sich durch die Wäschegebirge, der Rotstift ist leider nicht ausgetrocknet und nimmt sich lustlos der Aufgabe an, weiter in den Abituren herumzukritzeln, wo er vor der Abfahrt stehengeblieben war.
Das eine Kind plätschert singend und stundenlang im Duschwasser, das andere versucht am Klavier, weiße und schwarze Tasten zu sortieren, und keines von beiden gibt mir eine Antwort auf die Frage, was morgen in die Brotboxen hineinsolle.
Alles bestens also. Alltag, wir kommen.

zusammenerinnert

An seinem letzten Tag streife ich im vergehenden Jahr umher. Lasse meine Blicke durch Fotoordner, Tagebuch und Blogeinträge wandern, nehme den Familienplaner von der Wand und blättere, ebenso wie im Taschenkalender. Kaleidoskopartig kommt dieses vergangene Jahr zu mir zurück. Im ersten Erinnerungsgefühl war es mir karg und ärmlich erschienen. Nun entfaltet es sich vor mir mit all seinen Schätzen, seiner Weite, seiner Fülle. Ich staune. Und ich möchte danken.

Danke für mein Leben mit diesen wundervollen Kindern, immer und immer wieder …
… wie jedes auf seine Art tief aus sich heraus strahlt …
… wie sie mich in so verschiedenartigen Lebenssituationen sanft an die Hand nehmen und mir in ihren Fragen und Antworten wichtige Herzens- und Wesensdinge aufzeigen …
…  wie beide ihre eigenen kreativen Wege gehen (und in diesem Zusammenhang lernte ich in diesem Jahr mehr als je zuvor, mich auf ihr Chaos einzulassen, auch auf das in den Kinderzimmern:)) …
… ja, dass wir im Gespräch geblieben sind, egal wie das Pubertieren des großen und das Pubertätsimitieren (?) des kleinen Kindes dazwischen grätschen wollten …
… dass ich einmal erleben durfte, als Lehrerin des Sohnes zu arbeiten (im schulischen Sinne: in einer AG, er mit Gleichaltrigen zusammen – das war schon ein besonderes Gefühl) …
… und zum Thema Schule: Sehr dankbar bin ich dafür, dass beide in diesem Jahr dort lebbare Zeiten verbrachten, dass sie von ihren Lehrern wahrgenommen wurden, dass sie sich mit ihren Mitschülern arrangierten, wenn sich auch Freundschaften im Schulraum spärlich entwickeln. (Wir hatten schon schwerere Schulzeiten. Und bessere kaum, bei beiden Kindern nicht.)

Danke für nahe Menschen, die mit mir und uns Schritte gehen …
… für viele Begegnungen hier im Haus, für Freunde, die nah wohnen und öfter hier sind, und für fernere, denen ich seltener gegenübersitzen kann – besonders beglückt hat mich dieses Jahr, dass wir zweimal mehrere Tage mit der Patenkindsfreundesfamilie verbrachten …
… für die „Backtraditionsfreundin“, mit der jedes Jahr unser Advent (und nicht nur der) verbunden ist …
… für innige Begegnungen, die ich hier in diesem Schreibraum haben darf …
… für eine Freundschaft, die nach längeren Irritationen über das Jahr hinweg vor wenigen Tagen in eine warme Umarmung mündete …
… für wiedergefundene Menschen: Kindheitsfreundinnen auf einem Jubiläumstreffen, dreißig Jahre nicht gesehen, jetzt wieder- und ganz neu begegnet – in einer Intensität, die wir vorher nicht für möglich gehalten hätten …
… und für verlorene: für die Kollegin, die ich gern noch näher kennengelernt hätte, bevor sie uns für immer verließ – tief nachhallend ist die besondere Wärme, die in unserer Schule, in unserem Kollegium durch die erste Trauerzeit trug.

Danke für meine Arbeit, in der ich mich nach wie vor im schönsten Beruf der Welt wähne …
… für all die geschenkte Lebensfülle, das tägliche Aufeinanderzugehen mit den jungen Menschen, das Teilen und Begegnen …
… für neuerwachte Nähe zu meinen Fastabiturienten, für meine immer noch so offenherzigen Sechstklässler, deren Augen strahlen wie zu Beginn der fünften Klasse, als wir uns kennenlernten, und für meine neue erfrischende Pubertätsneunte (sie haben Lieblingsklassenpotential:)) …
… für so viele Unterrichtsideen, die von innen und außen auf mich zugeflogen kommen, dass ich kaum schaffe alles zu Taten werden zu lassen – aber wenn es dann gelingt, dass Ach-so-s aus Schülermund und -augen hervorspringen, oder wenn jemand einfach kurz aufatmet, weil die Angst vor Mathe – für den Moment – verflogen ist – dann möchte ich mich am liebsten still und demütig niedersetzen …
… für ein Lehrerzimmer, in dem miteinander gelacht, gefreut und gesorgt wird, in dem wir uns austauschen, Probleme loswerden und bei Bedarf auch eine Rückenmassage erhalten können, in dem es sich warm und geborgen anfühlt …
… aber auch für ein berufliches Nein, das ich schaffte auszusprechen, was ich nicht zuletzt meinem Körper verdanke, der mir in den letzten Monaten gezeigt hat, dass es zu viel wird. (Jetzt, wo ich davon schreibe, spüre ich gleich wieder seine Reaktionen. Ja, ich höre. Mein Teilzeitantrag ist abgegeben, ein Arzttermin vereinbart.)
… und in diesem Zusammenhang: Danke für meine Schulleitung. Wie gut, dass sie auch oder gerade in einer solchen Situation zuhören, mich bestärken und unterstützen, ja, fast mehr auf mich achten als ich das selbst vermag.

Danke für all das geschenkte Unterwegssein …
… für Radreisen über 1, 2, 4 oder 16 Tage (mein Mathematikerkopf merkt an: es fehlt die 8:)) …
… für Reisen in den Schnee …
… für – wieder mal – ein Klassentreffen mit berührenden Begegnungen …
… für Berlinwege, die mich unter anderem in meine musikalische Kindheit zurückführten …
… und nicht zuletzt für die Hügel rund um unser Dorf, die oft genug, meist spätabends, bereit sind, mein Gedanken- und Emotionenkreisen zu tragen.

Danke für die viele Musik hier in unserem Hause …
… wie gut die Kinder es mit ihren Lehrern getroffen haben, wie liebevolle, warme und fruchtbare Beziehungen sich dort entfalten, teilweise schon über viele Jahre …
… wie ich Jahr für Jahr mehr lernen darf, das Wachsen und Werden von Musik aus sich selbst? aus dem Instrument? aus dem Kind? heraus zu hören (eine sehr weittragende Erfahrung, dass man Hören lernen muss – und kann) …
… für jede Freundschaft, die die Kinder über die Musik gefunden haben …
… und auch für unser Wettbewerbserfahren und -durchleben (ja, ein Thema zum Dranspalten, ich weiß, daher die oft in mir grübelnde Frage, ob meine Rolle eher im Bestärken oder im Bremsen besteht) – dieses Jahr haben wir den Sohn zum Bundeswettbewerb begleitet und dort, oder eher: auf dem langen Weg dorthin staunend beobachtet, wie er geduldig und ausdauernd arbeitet, ringt, kämpft, durchhält, um am Ende den Erfolg selbst staunend, still lächelnd und mit einem fast erschrockenen „das hätte ich nie gedacht“ in Empfang zu nehmen (etwas, was er nirgends sonst so wie hier lernen kann).

Danke für jeden Moment, in dem ich bei mir sein durfte …
… vor allem durch die Musik, in der auch ich so vieles für mich finde; dass sich mein Klavierspielen immer noch wie Wow und Was-ich-schon-immer-wollte anfühlt (und weil ich seit dem Frühjahr  digital spätabends üben kann, werde ich nun wieder regelmäßigen Unterricht vereinbaren) …
… vor Kerzen sitzend, einfach nur sitzend …
… manchmal innig lesend …
… hin und wieder ins Schreiben eintauchend, das heilsam den Lebensfluss und mich selbst zu mir zurückzubringen vermag.

Danke auch für all das, was in diesem Jahr fehlte …
… es wäre vielleicht eine lange Liste, wenn ich sie denn aufschriebe …
… aber sie steht für den Moment nicht mehr wie eine Mauer vor mir, sondern wie ein Weg voller Aufgaben – teils von mir aktives Tun erfordernd, teils mich zum Bereitsein auffordernd, so wie ich – ein Geschenk des Neujahrsmorgens – las:
Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

Ostersonntag

Gesucht und gefunden,

ein Tag in allen Farben

unter diesem Himmel

mit Radfahren und Rasten

über unsere Felder und Hügel.

Und zum Schluss der „Hurra, doch-noch-einen-gefunden„-Cache :)
(Nachdem wir für manche keine Lust gehabt hatten, weil wir dafür durch verlassene Ortschaften hätten ziehen müssen, und einen spannenden nach langer Suche mit nassen Füßen und Dornen in den Händen, doch ohne Erfolg liegen lassen mussten …)

All die Weite und Stille, die ein solcher Tag schenkt, die kann man zwischen den Zeilen lesen.

Schultag Nr. 1

Ich bin die verkörperte lahme Ente.
Auf dem Schreibtisch stapeln sich Mails und Papiere, deren Inhalte mich in häh?-was-wie-wer-wo-und-wozu-und-wer-war-ich-doch-gleich-Verwirrtheit hinterlassen.
Mein Denkapparat ist möglicherweise, als wir und das Auto vor drei Tagen ungewollt seit- und hangabwärts rutschten, noch ein Stückchen weiter geschlittert, in eine Schneespalte gefallen, macht dort noch Urlaub. Oder so.
Dabei habe ich heute noch nicht mal Unterricht. Home Office, so heißt das in anderen Berufen. Mildernde Umstände, würde ich sagen.
Der Muttertiertrieb, immerhin, funktionierte ausreichend. Gepackte Ranzen, gewaschene Kinder, gedeckter Frühstückstisch, gespülte Brotdosen schon am Vorabend. Ich geh mir mal ein Bienchen anheften :)