Wege ohne Farben

Es gibt Wundertage, und es gibt Graubrottage. Genau genommen gibt es wohl mehr von letzteren, wenn man sich die Mühe des Zählens machte, wenn es auf die Zahl denn ankäme.

 

Hügelige Landschaft, braun-grün, unter grauem Himmel.

 

Gestern morgen waren wir draußen, suchten uns eine kleine Wanderung für Füße und Herz. Es war einer der kürzesten, lichtlosesten Tage des Jahres; die Kamera, das Fotoauge lief trotzdem mit. Obwohl da nichts war, was bewahrenswert oder ergreifend schien, oder auch nur mit einem Hauch von farbigem Funkeln versehen. Alles düster, wirr, trüb verwoben … und irgendwie normal, für diese Zeiten. Ich drückte dennoch von Zeit zu Zeit auf den Auslöser – ohne mir Mühe mit der Motivsuche zu machen. Ohnehin wirkte alles gleich in gleich.
Wozu eigentlich, dachte ich, als wir noch unterwegs waren, halte ich dies hier fest. Wozu eigentlich, dachte ich umso mehr, als ich diese farbigen, lichtsprühenden Bilder sah. Ein wahres Wunder: Bilder, die mich staunend und berührt hinterlassen, Bilder, welche den Zauber der Liebe in sich tragen. (Sie sind vermutlich zur gleichen Stunde aufgenommen wie meine.) Meine sind farblos, langweilig und nur zum Löschen gut, war mein erster Impuls.

Nun, und jetzt sind sie hier doch zu sehen, meine Graubrotbilder. Als Kontrapunkt zu den strahlenden eben, als Bilder eines ebenso wahren Wunders, eines noch viel größeren Wunders vielleicht? Weil sie das Eigentliche darstellen, das Alltägliche, welches nicht immer berstende Farben bereithält, und nicht den Pik der Zeiten, in denen das umgebende Strahlen von allein trägt?
Oh nein, ich will nicht vergleichen. Alles hat seine Zeit. Es gibt diese Momente, und es gibt jene. Manchmal fühle ich mich beschenkt, manchmal beraubt. Täler und Berge wechseln einander ab, in einer einzigen Wellenbewegung.
Und doch gibt es Menschen, gibt es Leben, deren Tage vor allem so ausschauen wie meine Bilder: Menschen, welche sich in Zauberhöhen nie emporzubewegen vermögen, warum auch immer. Zuweilen haben auch meine Tage diese jubel- und zauberlose Gestalt, fühlen sich düster und gebeugt an, und verharren lange darin. Schritt-für-Schritt-Zeiten eben, ohne jedes Fliegen.

 

 

Und dann gehe ich los. Und gehe. Suche, dennoch. Oder nein, „suchen“ ist nicht das richtige Wort. Etwas in mir geht weiter, ohne zunächst den Blick auf ein Ziel zu richten.

 

Ein grauer Werg inmitten eines düsteren Waldes. In der Ferne eine Wegverzweigung.

 

Bis das Auge begreift, welche Wege da sind, lichtarm und weit. Es ist immer beides.

 

Ein schlammiger Weg führt in weitem Bogen von einer Anhöhe in ein Tal mit einem Dorf.

 

Bis der Schritt erfasst, wie auch dieser farblos graue Boden trägt und führt.

 

Eine Baumkrone mit feinen Verästelungen ragt in den grauen Himmel.

 

Bis das Herz erahnt, welche feinen Verästelungen, welche Verzweigungen sich ihm bieten können, jenseits des Jubels.

 

Die Silhouetten einer verdorrten Wiese und einer kahlen Baumkrone vor einem sehr düstergrauen Himmel.

 

Und bis über verdorrtem Vergangenen eine kleine Öffnung Lichts mich demütig macht.

 

Silhouettenartig ragen verdorrte Gräser in den Vordergrund. Darüber zeigt ein graumelierter Himmel eine winzige Öffnung, durch die blaues Licht lugt.

 

Denn ja, „Leuchten und Lieben“, das ist es. Gerade und erst recht, wenn dies an grauen Tagen manchmal unmöglich erscheint, wenn es kein lichtschenkendes Geflecht gibt, welches trägt, wenn der Weg ganz allein zu gehen ist.
Es ist viel schwerer. Ich übe.

 

Ein durchgeschnittener Baumstamm, in welchem assymetrische Jahresringe sichtbar werden.

 

„Leuchten und Lieben“ als Aufgabe, aus welcher sich die Ringe eines Lebens gestalten. In guten wie in schlechten Zeiten. Vor allem aber in schlechten.

Farbigkeit ergibt sich auch dann. Von allein.

Danke.

 

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10 Kommentare

    1. Hm, eigentlich sagt man „Graubrot“ hier auch nicht (mehr). Ich kenne es von früher, vor allem als Metapher – für das „Gewöhnliche“, „Alltägliche“, in Abgrenzung zum „Besonderen“, was dann Weißbrot war/wäre. Früher, wie gesagt. Unabhängig davon, dass die Brotsorten heute wohl nicht mehr so gewertet werden, hat sich dieses Wort – in seiner alten Bedeutung – ganz von allein geschrieben:)
      Herzlichste Grüße zu Dir, liebe SoSo.

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  1. Auch graue Natur kann schoen sein, wie z.B. jetzt und hier, mit leichtem Nebel. Mit geht es uebrigenbs viel zu oft – eigentlich fast immer – so, dass ich Sonne und Farben in meinen Fotos haben will. Bloed eigentlich, denn auch ohne kommen – wie hier bei Deinen – oft prima Bilder raus.
    LG, und einen guten Rutsch ins Neue Jahr,
    Pit

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Pit, mir geht es ebenso, auch ich versuche immer das „Schöne“ auf Bildern festzuhalten. Und nein, ich finde diese hier eben nicht (so) „schön“. Nun kommt es aber vielleicht darauf an, dies nicht (mehr) zu werten, nicht mehr zu sortieren nach den einen und den anderen Bildern/Tagen/Dingen/Zeiten …
      Sei herzlich gegrüßt
      Frau Rebis

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  2. danke für deine gedanken.

    bei alle dem grau das manchmal vorhanden ist vergißt mensch so leicht, wieviel darin verborgen liegt, was dieses agrau alels möglich macht. was wäre denn zb die natur ohne den regen, den die grauen wolken bergen?

    herzliche grüße und frohe geruhsame weihnachts- und wintertage!

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    1. Ja, Du Liebe, ich fühle mich verstanden … All die Farben inmitten des Grau … Und sein Dasein, losgelöst von jeglicher Bewertung …
      Ich grüße Dich herzlichst in diese stille, magische Zeit hinein,
      alles Liebe
      Frau Rebis

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  3. Liebe Frau Rebis, ich sehe so viel Farbe! Grau, so sagt man, lässt sie besonders leuchten ;)
    Bestimmt ist es schwerer an Graubrottagen froh zu sein oder zu werden, aber du hast es wieder auf deine so eigene und stille Art geschafft! Und dabei verstreust du noch Freude in die Welt, die kreist jetzt in meiner Stube, während das Feuer knistert und der Regen sein Lied auf die Dachfenster singt.
    „Graubrottage“, da muss ich Soso einfach zustimmen, ist ein wunderbares Wort, und ich kenne auch das Graubrot, damit bin ich groß geworden, das war das Alltagsbrot, Schwarz- und Weißbrot war den besonderen Momenten vorenthalten.
    Herzliches sende ich dir und meinen Dank für diese Zeilen und Bilder,
    Ulli

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    1. Liebe Ulli,
      wie mich das freut, dass meine Freude in Deiner Stube kreist, dass auch Du die(se) Farben sehen kannst … und aus der Ferne höre ich jetzt Feuerknistern und Regensingen …
      Diese stillen Tage derzeit tragen soviel Keimendes in sich, und in allem Grau immer auch eine Leichtigkeit – wie dankbar ich bin, immer wieder.
      Sei von Herzen gegrüßt auf Deinen Winterberg hinauf
      Frau Rebis

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