Berlin2013

Tag 15: Zwingenberg – Zuhause

Die Vorfreude auf den Geburtstags-Geschenke-Tisch treibt den Sohn sensationell früh aus dem Bett und aufs Rad und dann noch zu ungeahntem Tempo an. Er lässt sich auf keine Diskussionen mehr ein – wollen wir nicht doch den flachen Weg über Lorsch nehmen, der ist aber ein bisschen weiter? – es soll schnell gehen, heißt die einzige Devise. Wir fahren also frei nach Gefühl (und ein bisschen Navi), immer nahe an der Direttissima. Immerhin kennen wir uns hier mit dem Ortsnamen gut aus, und die Bergkette links des Weges gibt Orientierung, Verfahren unmöglich. Das Tempo allerdings droht mich umzuhauen. 30 km ohne jedes Päuschen bei ausreichend Gegenwind rast er vor mir her, dann ertrotze ich mir, einem Kleinkind mit stampfendem Fuß gleich, eine Verschnauf-Kaffeepause. Die unromantischste Ecke, an der wir je gesessen haben. Aber sie liegt halt gerade am Weg. 10 km später bestehe ich auf einem Mittagsimbiss mit längerer Pause, Ladenburg bietet sich dafür an. Wenn wir nichts zu uns nehmen, kollabieren wir noch, denke ich inzwischen wirklich. — Noch 30 km bis nach Hause. Wir fahren dann doch ein wenig ruhiger. Sprechen über Ankommens- und Heimatgefühle, wie wir „unsere“ Welt hier wiederfinden, wie wir uns dabei fühlen, wie es wohl hier für Fremde ausschauen mag, wie wir anders blicken als vor der Reise. Es erstaunt mich, wie viel Vertrautheit ich empfinde, bzw. wie mich diese erwärmt. Selbst die Dörfer in der Rheinebene – schnurgerade Straßen mit Häusern, die man nicht wirklich abwechslungsreich nennen kann, eng eines am anderen, typischerweise mit den Giebeln zur Straße gestellt, man sieht also nicht mal warmziegelrote Dächer – lassen mich ein Hach fühlen. Nun haben wir zwei Wochen lang die verschiedensten Dorfantlitze durchfahren, immer wieder ein Wie-schön empfunden, ein Wohlgefühl beim Betrachten des Neuen, Anderen, Ungewohnten – aber nur bei diesen hiesigen Dörfern stellt sich mein heimatliches Hach ein. Ist ja eigentlich klar. Und andererseits doch wieder nicht. Denn als ich vor 23 Jahren hier in die Gegend zog, durchflutete mich eher ein Nein-wie-schrecklich-Fühlen. In all den Jahren hat sich dieses also verwandelt … — Auch der Sohn zeigt Berührung – durch „unseren“ Fluss, „unsere“ nächste Stadt, „unsere“ Wege. Es fühlt sich seltsam an, quasi auf touristischen Pfaden durch die eigene Gegend zu fahren. Vorbei an „unserem“ Eisladen – der leider in der Sommerpause ist. Wir wollten uns dort eigentlich eine letzte Stärkung gönnen. Dafür trinken wir dann dort unser letztes Wasser aus. — Apropos touristisch: Während ich unterwegs irgendwannn völlig enthemmt war, was touristisch anmutende Kleidung anging – der Zweck ging ja doch vor – durchzuckt es mich kurz vor dem Ziel: Hier könnte man ja schon Bekannte, schlimmstenfalls Schüler treffen. Ich ordne unwillkürlich mein Äußeres etwas:)) — Meine Güte, warum haben wir aber auch in einer hügeligen Gegend gebaut! Wir wären natürlich gern locker in unser Dorf eingerollt. Es ergibt sich aber eine mühsame Ankunft unter keuchenden Atemgeräuschen. Geschafft. Fühlt sich unspektakulär an. — Gepäck abbauen (wie immer), Fahrräder verstauen (wie immer), Dusche und Umziehen (wie immer) – und dann beginnt der Nicht-wie-immer-Teil. Geburtstagskuchen, Kaffee, Sekt, Geschenke auspacken. Erzählen, erzählen, erzählen. Ankommen.
PS: Ungeheuerlich, wie bequem sich eine Normaltastatur anfühlt. Und ein Normalcomputer. Nur der Konsequenz halber blieb ich jetzt beim zeilenumbruchlosen Stil. — Und weil es die technische Ausstattung endlich zulässt, lade ich ein erstes Foto (von über 900) hoch.

(Wir hätten vor der Ankunft natürlich noch eine Runde ums Dorf fahren können. Andererseits hätte der Zähler uns dann plötzlich 000.00 angezeigt – und ob wir das gewollt hätten;)

Tag 14: Hanau – Zwingenberg

Nach abendlicher konspirativer Besprechung mit der Hotelwirtin steht morgens ein Kuchen umringt von 12 Teelichtern auf unserem Frühstückstisch. (Daher die Supermarktdringlichkeit am Vortag.) Der Sohn ist berührt, zeigt es aber nur verhalten und erst später. So wie man als 12jähriger eben ist. —- Herzlichen Glückwunsch, mein Großer! Wie unendlich glücklich ich bin, dass das Leben uns zusammengeführt hat. Diese Reise und überhaupt die Lebensreise mit Dir zusammen beschenkt mich immer wieder so reich! — Wir verlassen Hanau nicht ohne ein Wir-waren-da-Foto mit und vor den Grimm-Brüdern. Dann teilen wir 10 km Main-Radweg (mir scheint, wir lassen auch wirklich keinen Fluss aus) mit Sonntagsausflüglern, halten die Romantik des Mains bei Offenbach fotografisch fest und verschwinden im Wald. Da wir nun im Wesentlichen nur noch südwärts müssen, haben wir die Wahl zwischen Wegen in der Rhein-Ebene (weiter westlich) oder in der Hügellandschaft (weiter östlich). Ratet mal, für was wir uns entschieden haben. – Ja richtig. Sogar um den Preis, dass wir Waldwege gegen Stadtasphalt eintauschen müssen. Lieber Stadt als nur das kleinste Hügelchen, heute mal. Unglaublich, wie schnell und einfach sich 76 Flachlandkilometer fahren! — Geburtstagskinder bekommen tagsüber bei kleinen Pausen immer wieder kleine Überraschungen gereicht. Leckeres, was wir hier nicht jeden Tag hatten. (Auch wieder: Daher die Supermarktdringlichkeit am Vortag.) Oder auch Anrufe und SMSs. Und Caches. — Darum sind wir trotz wehender Fahrt erst spätnachmittags in Darmstadt. Dort feiern eine Million Menschen ein Fest. Es erschließt sich uns nicht welches. Wir haben zu tun, mit unseren Rädern schiebend durchs Gedrängel zu kommen. Und werden dabei als Sonntagsfahrer beschimpft:) Ein Widerspruch lohnt der Worte nicht, wir suchen Nahrung. Und finden welche. — Ein letztes 20-Kilometer-Flachlandstück vor einem wirklichen Heimatgefühl – aus der flachen Rheinebene auf die ersten Odenwaldberge blicken! — Es folgt die letzte Überraschung des Tages. Auch konspirativ vereinbart, sogar größtenteils vor den Ohren des Sohnes. Kurz vor dem Ziel bekomme ich schon einen Schreck, als er auf der Straße plötzlich sagt, da stehe unser Auto. Er meint aber nur Typ und Farbe. An unserem wirklich-wahrhaftigen auf dem Hof der Jugendherberge fährt er dann, noch ganz strapaziert von der Auffahrt (Jugendherbergen liegen so wie Ortsteile immer auf Bergen) blicklos vorbei. Ebenso wenig Blicke hat er dafür, wer sich sonst noch so im Garten der JH herumtreibt. Ich winke ihnen schon hinter dem Rücken und drehe mich unauffällig so, dass sie einfach in sein Gesichtsfeld fallen MÜSSEN. Es dauert trotzdem noch – bis zu dem Ausruf: „Was macht Ihr denn hier?!“ — Der Rest des Abends ist gemütlich Geburtstagsessen mit Papa und Schwester. (Auch ich bin ganz erfreut. Hatte ich doch mein Töchterchen SEHR vermisst.) — Die einen fahren dann 45 min mit dem Auto wieder nach Hause, die anderen legen sich ins karge Jugendherbergszimmer und lassen sich diese letzte Etappe nicht nehmen. Nicht mal ein Stück Gepäck geben wir mir. (Was aber eher mit unserer Müdigkeit zu tun hat und dem Unwillen, zu später Stunde noch sortierend in den Taschen zu wühlen.)

(Tag 14: Hanau – Zwingenberg)

Wir sind fast zu Hause, von hier (Zwingenberg) ist es noch eine harmlose Tagesetappe. Deswegen setzen wir uns jetzt schnell und außergewöhnlich früh (d.h. zu meiner üblichen Blogschreibzeit) auf die Räder und geben dem nach, dass es uns nun doch spürbar nach Hause zieht. Tag 14 und Tag 15 erzähle ich dann bequem von der heimischen Riesentastatur aus, heute oder morgen …

Tag 13: Crainfeld – Hanau

Teil zwei der Auffahrt nach Hartmannshain – es sind doch noch 140 Höhenmeter, die wir uns einsam schnaufend hocharbeiten. Gerade als der Kopf vom Gequält- und Fluchmodus in den meditativen Zustand übergeht und ich im Treten versinke, sind wir oben. 570 m – höchster Punkt der Reise. Wir feiern dies mit Milchkaffee und Schorle und verlassen den Biergarten, als erste Radlerhorden – es ist Wochenende – eintreffen. Die Landschaft, die Blicke, der Radweg weiterhin traumhaft, während wir viele viele Kilometer abwärts rollen. Wenn wir zwischendurch mal treten müssen, Ortsdurchfahrten und so, fühlen wir uns gleich angestrengt. Wirklich, wir rollen über weite Strecken bis Ortenberg – das sind 25 km und 450 Höhenmeter. In die umgekehrte Richtung hätte ich das ja nicht fahren wollen, stelle ich mir vor. Wären wir aber, wenn nicht die Zecke … Na, vielleicht hätten wir das auch geschafft. — Jedenfalls sind wir jetzt so tief wie seit der Elbe nicht, glaube ich. Um der ungewohnten Tiefluft und Wärme – spürbar anders als oben! – zu entfliehen und noch etwas vor dem Mittagsimbiss getan zu haben, schrauben wir uns zum Ortskern von Ortenberg hoch. — Die restlichen 40 km, mit einem Wort gesagt, ziehen sich. Die Zivilisation kommt näher, die Autofahrer werden unfreundlicher, der Horizont ist häuser- und industrieüberschüttet. Der Bahnradweg ist weiterhin fabelhaft ausgeschildert und asphaltiert, aber die Hügel, DIE HÜGEL!!! Irgendwann quälen wir uns beide, brauchen immer häufiger Pausen, wollen nur noch ankommen. Abwechslung durch zwei Caches am Wegesrand, immer wieder Trinkpausen, und dann tatsächlich noch Anhalten, um die Regenjacken herauszuholen. Es hatte schon den ganzen Tag danach ausgesehen, abends erwischt es uns noch. — Übrigens: Wir kamen den ganzen Tag an keinem einzigen Supermarkt vorbei. Es ist zwar löblich, dass die Radwegeplaner den gemeinen Radler vor einem unbedachten Großeinkauf an Getränken schützen wollen, aber heute – Samstag und Geburtstagsvortag – hätte ich einen gebraucht. Doch doch, in Hanau Stadt war dann einer. — Diesmal keine Adressen aus dem Radwanderführer nutzen können, keine Lust stundenlang zu googeln, völlig überhöhte Preise hier im Rhein-Main-Gebiet, daher habe ich einfach bei booking com das Günstigste gegriffen (naja, günstig geht anders). Was man dem nicht ansah: wir schlafen hier umgeben von Spielhallen und Erotikshops. Ein paar andere Hotels sind auch noch in der Nachbarschaft, und das unsere ist wirklich in Ordnung, aber es gibt schon Typen auf der Straße, wo der Sohn nur den Kopf dreht. Ich eigentlich auch, doch ich habe im Leben schon mehr gesehen. — Vorteil der Lage allerdings: nur ein paar Schritte in die Fußgängerzone, und dort eine leckerste Pizzeria. Danach fallen wir erschöpft wie selten ins Bett.

Tag 12: Queck – Crainfeld

Morgenspaziergang in Nebelfeldern, Sonne im Schleier kaum zu erahnen, taubenetzte Spinnweben – so beginnt immer der Herbst. Kurz vor acht zieht es auf, der Himmel ist blau. — Ein paar Kilometer bis Schlitz, wunderbare Altstadt auf einem Berg, nicht überlaufen, da nicht geschäftsgepflastert, nur ein einzelner Autofahrer irrt wie wir da herum. Das kleine Cafe hat leider geschlossen. Wieder unten an der Straße suchen wir dann nach einem solchen, eine ältere Frau bietet uns Hilfe an, wir sollten in das kleine gute gehen, da hinten in der Gasse, und dann … ach was, sie bringe uns hin. Es ist nicht diese Gasse, auch nicht die nächste und übernächste, und es geht immer bergauf – und so stehen wir das zweite Mal auf dem Marktplatz:) Cafe hat immer noch zu, aber sportlich war unsere Suche. — Kaffeelos fahren wir weiter – wow, was für ein Radweg! Bis Bad Salzschlirf (diese Ortnamen merkt sich doch kein Mensch, ich muss jetzt beim Schreiben ständig nachschauen) fliegen wir, dort Eis und Kaffee. Echte Kurstadt, wir wirken in dieser Umgebung etwas fremd. — Lauterbach – wir bummeln etwas herum, finden auch die Figur des kleinen Weiß-nicht-wie-er-heißt, der nach der Legende seinen Strumpf in der Lauter verloren hat – dies passiert uns zum Glück nicht:) – und kaufen Mittagspicknickzeugs. — Aufwärts, immer aufwärts geht es jetzt auf dem Vulkanradweg – nach den ersten 50 Höhenmetern finden wir einen Picknickplatz mit Aussicht. Felswände rechts und links des Weges, Spuren des Vulkans, der hier feuerte, und ein Landschaftsbild, von dem ich die zwei Stunden der Auffahrt gern einen Film mitgedreht hätte. Kann mich nicht sattsehen. — Weil der Weg auf ausgedienten Bahntrassen gelegt ist, geht es nie richtig steil, immer gleichmäßig bergauf. Gut zu fahren, gut zu schaffen. Ab und zu taucht aus dem Dickicht ein stillgelegter Bahnhof auf, ein verwunschenes Schloß plötzlich neben dem Weg (so sieht es aus), eine kleine Stadt am Horizont. Und wir fahren völlig auto- und kreuzungsungestört auf der schmalen Asphaltspur – was für ein toller Radweg. (Es gibt hier noch viel mehr davon, ich glaube hier komme ich wieder her. Ist von uns ja nicht weit.) — Ubernachtung noch vor dem höchsten Punkt, 100 Höhenmeter haben wir uns für morgen gelassen. Ein Dorf, von dem der Blick in die Ferne schweifen kann, kaum drei Straßen, Tante-Emma-Laden, die alten Frauen sitzen auf Bänken vor ihren Häusern, dahinter in einem kleinen Stall ein paar Kühe … Und für den Sohn gibt es hier sogar einen Cache. — Morgen wird es uns nach 5 km Auffahrt und 40 km Abfahrt ins Rhein-Main-Gebiet führen. Wir werden einen Zivilisationsschock erleiden. — PS: Wir sind so sehr aus der Zeit geworfen, dass mir erst heute beim Blick auf den 30.08. aufgefallen ist – grübel grübel – dass der August ja 31 Tage hat und folglich der 1. erst am Sonntag… Wir waren zwei Wochen davon ausgegangen, dass der Sohn am Samstag Geburtstag hat. Um ein Haar hätte ich einen Frühstart hingelegt beim Gratulieren.

Tag 11: Berka/Werra – Schlitz OT Queck

(Jetzt habe auch ichs kapiert mit diesen OTs:)) Herbstnebelige Stimmung vor dem Fenster, Luft und Morgentemperaturen auch sehr herbstlich. Daraus wird ein wunderbarer Spätsommertag. Überhaupt hier mal ein Hoch auf das Wetter dieser Tage: perfekt würde ich es nennen. Nicht auszudenken, wie wir all das bei 36 Grad im Juli/Anfang August hätten fahren wollen … — Ein Frühstücksgespräch mit der Wirtin über Leben im Grenzland, über den Umgang mit Unterschieden, über früher und heute. — Und wieder verlassen wir den Ort erst um halb elf. Wir sind eben einfach so spät dran:) — Das letzte thüringische Dorf. Und mit Thüringen endet der Asphaltweg. Jedenfalls da wo wir fahren. Abrupt geht es mit einem Trampelpfad weiter, man könnte es auch naturbelassen nennen. Dann Buckelpiste über Baustelle, dann Holzbohlen durch Schilfmeer, mit Lücken und Brücken. Spätestens hier beginnt das Abenteuer Spaß zu machen. Zumal die Landschaftsstimmung einfach nur zum Einatmen ist. Den ganzen Tag lang, überall. (Nur was es mit diesen eigenartigen Kali(?)Bergen auf sich hat – Bergbau im wahrsten Sinne des Wortes? – das muss mir später mal jemand erklären.) — Aber um die hessischen Radwege gleich mal zu rehabilitieren: später werden sie wunderbar. Vor allem mit vorbildlicher Beschilderung. Unsere R7- bzw. R1-Pfeile stehen an jeder Ecke. Sogar da, wo selbst wir uns nicht verfahren hätten. Dazu wunderbar gute Untergründe. Autoarme Streckenführung. Wenn jetzt bitte noch der Gegenwind ausgeschaltet werden könnte … — Pausen in Heringen und in Bad Hersfeld – wir landen jeweils an sehr gesichtslosen Ecken von Fußgängerzonen und haben auch keine Lust nach Attraktiverem zu suchen – „draußen“ wartet die Landschaft. Hangeln uns von Fluss zu Fluss, heute Werra und Fulda, und ein paar kleinere. Über-/Unterqueren zum x-ten und (x+1)-ten Male die Autobahn, auf der wir sonst den Weg Berlin-Zuhause zurücklegen. Werratalradweg, später einer der Bahnradwege Hessens. — Dazwischen ein Berg (bzw. was man mit dem Fahrrad so Berg nennt). Hochschrauben bis auf 400 Meter, ich nutze glaube ich zum allerersten Mal den allerkleinsten Gang, schaffe streckenweise gerade noch so Schrittgeschwindigkeit und weiß spätestens in dem Moment, dass ich für eine Alpenüberquerung nicht geeignet bin. Oben wieder Betrug um die schöne Aussicht, denn da liegt ein Dorf. Ist ja auch kein Berg im eigentlichen Sinne. — Auf der anderen Seite darf man hinabrollen, mit Tempo 30-40, in geschwungenen Kurven, Asphalt glatter geht es nicht, wir allein, der Wind im Gesicht und in den Ohren. (So stelle ich mir Bobbahnfahren vor. Ich wusste gar nicht, dass eine kleine Rennfahrerseele in mir steckt:)) — Dazu das Licht im Laub, das Grün, Wiesen wie auf der Alm, all die Blüten. — Später, im Fuldatal, wo wir auch übernachten, stellen wir beide fest, dass es aussieht wie in unserem Tal zu Hause. Ja, wir nähern uns. Noch vier Tage wohl.

Tag 10: Eisenach – Berka/Werra

Eisenach entpuppt sich morgens doch als normal belebte Stadt. — Um das Bach-Museum unbesorgter besuchen zu können, bauen wir alles Gepäck vom Fahrrad ab und schleppen es – wie angeboten – hinter den Empfangstresen. Dann ist dort voll. Die Damen sind trotzdem noch freundlich zu uns:) — Wir lassen uns stundenlang durch das Museum und die Musik treiben. Alle halbe Stunde fragt einer den anderen, ob wir gehen wollen. Nö, sagt der andere dann. So wird es zwei, bis wir – ganz beseelt – wieder draußen sind. Nach dem Besuch im Museumsshop wird es in den Packtaschen etwas enger. — Ein Imbiss, die Georgskirche (in der der kleine Johann Sebastian im zarten Alter von zwei Tagen getauft wurde) und dann fällt uns ein, dass da ja noch eine Radtour war. Die Wartburg lassen wir für diesmal links liegen (im wörtlichen Sinne). Beim Rausfahren aus der Stadt den Blick starr nach links oben gerichtet, sehe ich sie wenigstens einmal zwischen den Häusern aufscheinen. Aber wirklich nur einmal. Der Blick wiederholt sich nicht. So fahre ich für ein Foto zurück, und der Sohn stöhnt mal wieder wegen meiner Fotogelüste. — Wir fahren ein Stück auf dem Herkules-Wartburg-Weg (nomen est omen), dann ein wenig Rennsteigradweg (auch nicht gerade seicht) und sind damit für heute eigentlich schon bedient. Selbst die Motivation des Sohnes schwächelt. Als dann auch noch der Werratalradweg mit einer saftigen Steigung anschließen will, verlieren wir ganz freudsch mal wieder die Schilder und landen auf der (flacheren) Landstraße. — Ein erstes Zipfelchen Hessen – wir merken es an den Wahlplakaten -, eine Kaffeepause und ein Gespräch mit dem Wirt, dass hier früher das Ende der Welt war. Und weiter, immer zwischen den Bundesländern hin und her. Grenzen nicht mehr zu sehen. — Von hinten treibt uns nun eine Gewitterfront an, das beschleunigt unseren Tritt. Doch kurz vor dem geplanten Ziel Gerstungen erwischt sie uns doch. Brrr. — Apropos geplantes Ziel. Das mobile Internet hatte eine beruhigend lange Liste an Unterkünften ausgespuckt, doch merke: OT heißt Ortsteil. Dies sollte auch von der flüchtigen Routenplanerin mitbedacht werden. OTs befinden sich nämlich vorzugsweise auf dem Berg, eine halbe Stunde entfernt in die Richtung, wo man vor einer halben Stunde noch war, oder am anderen Ende des Bundeslandes. — Ganze zwei also befinden sich im Kernort und sind natürlich belegt. Wir telefonieren weiter, bibbernd und mit klammnassen Fingern unter einem Vordächlein hockend. Also: Berka/Werra ist es geworden. Und wieder nach dem letztlichen Ankommen der Gedanke, wie gut es uns hier getroffen hat. Nochmal Thüringen, von seiner freundlichsten Weise. Eine letzte Soljanka, eine letzte Vita-Cola:) — Hier war es so nah zur Grenze, dass die Menschen damals nicht mal einfach so Besuch in ihre Häuser bekommen durften. Unvorstellbar. +nd heute: Als ich abends durch die dämmernden Straßen laufe, ist hier für mich weniger Ende der Welt zu sehen als etwa in den abgeschiedenen brandenburgischen Dörfern oder in so manchem Dorf in der Ecke, wo wir wohnen. — Ach ja, wo wir wohnen: das rückt näher. Wir teilen schon Kilometer duch Tage. Ich will gar nicht eilen. Nicht nur, weil es noch 100 km lang heftig auf und ab gehen wird …

Tag 9: Erfurt – Eisenach

(Ich habe die Übersicht über (Wochen)Tag und Datum verloren, musste jetzt nachrechnen. Immerhin weiß ich noch, von wo nach wo wir heute gefahren sind :)) — Um halb zehn Start an der Pension. Eine Stunde und 6 km später können wir sagen, dass wir Erfurt jetzt allmählich hinter uns lassen. Dazwischen lagen mehrere Ehrenrunden und einige Kreuzungen, die wir mehrfach passierten. Und die slapstickartige Situation, dass Karte, Navi, Passantenaussagen, Radwegschilder, Sonnenstand und Bauchgefühl stets in sechs verschiedene Richtungen wiesen. Nicht vorstellbar? Mir bis dahin auch nicht. Erst als wir beschlossen, die Schilder konsequent zu ignorieren (ich glaube, die führen einen da echt im Kreis) und die Passanten auch, uns nur noch auf Karte und Überlegung einzulassen, da ging es. — Den ganzen Tag hatten wir Weitblick aufs wunderbare Land, links in der Ferne die Thüringer-Wald-Ketten, sonnenleuchtende Felder, Wellenformen überall – wirkt beruhigend. — Ein paar Kilometer fahren wir auf dem Bach-Radweg mit – für die ganze Rundreise bis nach Arnstadt und Ohrdruf reicht die Zeit nicht (aber das ist was zum Später-mal-machen). Heute liegt auf dem Weg das Bach-Stammhaus in Wechmar, wo JSBs Großvater lebte und wo – so sagt man hier – das musikalische Leben der großen Bachfamilie begonnen hat. — Ein paar Kilometer weiter eine schnelle Runde in Gothas unspektakulärem Zentrum, wo wir schon sehr auf die Uhr schauen müssen und uns nur schnell Bratwurst vom Imbiss und ein Eis einwerfen. — Der Sohn ist heute der Motivierer und Tempomacher (und in der Pause auch der Essensholer und Mamaversorger, weil diese recht schlapp auf der Pausenbank hängt). Ja, ich muss sagen – dieser 88-km-Tag mit 500 Aufwärts-Höhenmetern insgesamt war mir ein bisschen zu viel. Hätten wir nicht schon ein Quartier in Eisenach gehabt und den Plan, morgens dann gleich ins Bach-Museum zu gehen, hätte ich auch 20 km vorher schon genug gehabt an Landschaften, Dörfern, Blicken, Bergen und vor allem an Verausgabung. — Jedenfalls: noch vor sieben sind wir da, und etwas später, beim letzten Tageslicht streifen wir durch Eisenachs Zentrum auf der Suche nach Essbarem. Die Stadt wirkt ausgestorben, nur ein paar einzelne Gestalten, die wohl das Gleiche suchen wie wir, sind unterwegs. — Heute haben wir uns unser Essen verdient – bemerken wir in Erinnerung an den gestrigen Abend:) – und dann fallen wir auch schon ins Bett. Keiner will mehr lesen.

Tag 8: Weimar – Erfurt

Weil wir morgens Weimars Zentrum vermeiden – wir konnten uns schon letztes Mal schwer davo losreißen, es scheint irgendwie magnetisch zu sein, also umfahren wir es – und weil der Sohn engagiert ohne Pause duchbrettert, sind wir ganz früh schon in Erfurt. Eher als die Pension uns Einlass gewährt. — Hätte ich ja ein paar mehr Fotos versuchen können von der Landschaft, die hinter jeder Kurve ein anderes ihrer unzähligen Gesichter zeigt, all die Tage schon. Damit wir vorankommen, versage ich mir dies oft. Ohnehin wäre es ja nur ein (wohl misslingender) Versuch, den Zauber von Farben, Licht, Formen und Stimmungen festzuhalten. Wir werden auch so genug Bilder mitbringen, die meisten im Innern. — Alle hatten geschwärmt, wie unglaublich toll Erfurt sei. – Liegt es daran, dass ich mich fertigen Urteilen nicht unbedingt anschließe, oder ist es mir hier zu perfekt restauriert (überall da, wo gerade nicht noch Baustellen herrschen), oder sind es Unruhe und Unwirtlichkeit der größeren Stadt, die mir nach unseren größtenteils einsiedlerischen Pfaden nicht bekommen? Die Stadt schafft es jedenfalls nicht in meine Lieblingsortliste dieser Reise. — Apropos Unwirtlichkeit: So gehäuft unfreundlich wie hier sind wir das letzte Mal am Starttag in Berlin behandelt worden. Angeraunzt auf dem Radweg, weil wir auf der Seite etwas anschauen wollen, Augen gerollt, weil wir beim Eisbecher Sorten nach Wahl haben wollen, die Thüringer Rostbratwurst einfach so nebens Brötchen geklatscht und floskellos den Preis an den Kopf geknallt bekommen – vielleicht hatten wir hier einfach nur Pech. Oder die Menschen sind wie in jeder Großstadt von Enge und Gehetze angestrengt, oder alles ist so unruhig, weil heute hier Schulanfang, also Ferienende war, oder es gibt zu viele Touristen. Oder wir sind verwöhnt von der Freundlichkeit und Geduld und Hilfsbereitschaft, die wir bisher auf den kleineren Pfaden erfahren haben. — Nichtsdestotrotz: wir lassen uns ein paar Stunden durch die Stadt treiben, haben nichts groß vor, schauen hier, schauen da. Als der Sohn keine Lust mehr hat, lasse ich ihn lesend auf einer Treppe sitzen und schlendere allein eine Runde. — Am Abend überrede ich ihn, mich auf einem kurzen Abstecher in meine Vergangenheit zu begleiten. An einen Ort am Stadtrand (gefunden durch sachdienliche Hinweise der Touristeninformation), der mit einer sehr speziellen Art von Erfolgen meiner Schulzeit verbunden ist. Ein Teil meiner Vergangenheit, der mich lange beherrscht und den ich daher später lange verdrängt hatte. Dem ich mich mittlerweile wieder gut annähern kann. Der Sohn staunt und stellt eine Frage, die schon viele gestellt haben, laut oder unausgesprochen. Wie soll ich es ihm erklären? Wir reden über seine Erfolge und Begabungen, und über seine Träume, und dass diese nicht unbedingt in die gleiche Richtung weisen. Und dass er sich lieber auf den Weg seiner Herzträume machen wollte und sollte, das spürt er nur zu gut. So kann er wohl ein bisschen auch meine spätere Lebensentscheidung nachvollziehen. Jedenfalls sagt er, dass er es jetzt versteht. Obwohl ich ihm ansehe, dass es im Kopf noch weiterrattert. — Zurück zum Radfahren: Im lauschigen Biergarten stellen wir beide fest, dass wir uns dieses üppige Abendessen heute gar nicht richtig „verdient“ haben. Es wird Zeit, dass wir wieder länger auf unseren Rädern sitzen. Morgen wieder … denn Eisenach liegt nicht um die Ecke.

Tag 7: Jena – Weimar

Langes Frühstück und viel Zeitlassen an diesem Kurzstreckentag – sehr entspannend, sind wir doch eh nicht die Es-fällt-uns-ganz-leicht-früh-loszufahren-Radler (wie scheinbar alle anderen). Schaffen wir es mal vor zehn, klopfen wir uns gleich vor Stolz auf die Schulter. Meist wird es bisschen bis deutlich später. – Heute also ist das legitim:) — Die Karte zeigt als Beginn einen 200-Höhenmeter-Anstieg, verteilt auf 9 Kilometer. Wir erwarten Schrecklichstes und stellen uns seit gestern Abend mental darauf ein, gedenken mehr oder weniger den Vormittag damit zu verbringen – und dann ist der Berg plötzlich in 45 Minuten geschafft. War auch gar nicht so schwer. Weil es ganz gleichmäßig hochging? Weil wir uns drauf eingestellt und eingelassen hatten? Oder weil unsere Beinchen sich einfach schon gewöhnt haben? Jedenfalls ist es beruhigend für die weitere Reise, denn Hessen wird uns noch mehrere solche Berge in den Weg legen. — Auf den letzten dann doch gekeuchten Metern die Hoffnung auf eine Pausenbank, mit weitschweifendem Blick übers wunderschöne thüringische Land – hach Thüringen (ich glaub ich bin in dieses Land verliebt…). Aber wie das so ist mit den Hoffnungen und Erwartungen: Oben steht dem Schweifen des Blicks eine alte LPG und ein Hochspannungsmastenwald im Wege, und Bänke gibt es hier schon gar nicht. Wir fahren also gleich weiter, bzw. wir rollen. 6 Kilometer bergab nämlich, ohne eine Pedalbewegung. Das ist wie Fliegen. Aber schon ein bisschen „Verschwendung“, wie unsere mühsam erstrampelten Höhenmeter so dahinfließen. — Die Pausenbank finden wir dann unten an einem Flüsschen, und eine Handvoll Kilometer später sind wir in Weimar. Über den Park an der Ilm hereinfahrend, ist man schon gleich bei Goethe und in der Weimarer Atmosphäre angekommen. Wieder: hach. — Übernachtung durch Touristeninformation vermitteln lassen, kurz hochstrampeln bzw. schieben (uiui, auch die Stadt ist Bergland), in Dachzimmer in alter Villa einziehen, begeistert sein, umziehen, duschen, zu Fuß in die Stadt. Erinnerungen von vor zwei Jahren kommen hoch – damals hatten wir hier schonmal übernachtet, wir wollen unbedingt am gleichen Ort, am gleichen Tisch sogar zu Abend essen wie damals:) Vorher Bauhaus-Museum und schlendern. Im Abendregen zurück nach „Hause“ in unser Dachzimmer, Korbstühle, Füße hoch, lesen … Nachts ein erster Schultraum – och nö, noch nicht bitte, sind doch noch zwei Wochen. Aber klar, liebes Unterbewusstsein, das ist natürlich nicht mehr ewig. Genauso wie diese Reise nicht. Wir dürften jetzt etwa Halbzeit und Halbkilometerstand haben: 470. So schnell schon – ich könnte hier noch ewig weiterfahren. Und der Sohn auch, sagt er. — Kaffee- und Brötchenduft ziehen jetzt durch die alte Villa – ich werde mal mein Kind wecken. — Und während ich auf der Bettkante sitze und ihn wachkraule, wandert mein Blick durchs Zimmer: Unglaublich, wie sich zwei Menschen in einem halben Tag ausbreiten können, und vor allem, dass dieses ganze Zeugs nachher wieder an zwei Fahrrädern verstaut sein soll …

Tag 6: Naumburg – Jena

Mit Morgennebelbetrachtungen, Quartiersuchetelefonaten, Apotheken- und Drogerieeinkäufen, Fotografieren und Dombesuch geht der Vormittag rum, hoppla – es ist schon halb eins, und wir sind noch nicht mal auf dem Weg. Da wird plötzlich auch der eigentlich kurze Tag von 50 km zur leicht eiligen Angelegenheit. Außerdem ist Thüringen echt bergig – wahrscheinlich wurde hier das E-Bike erfunden? – und wir mühen uns redlich mit dem Auf und Ab. Warm ist es … und wir sind wohl auch müde. — Bei Ankunft in Jena sind wir so k.o. wie lange nicht, und durstig. So wollen uns nach einer Woche Leitungswasser auch mal was anderes in den Trinkflaschen gönnen und fallen in einen Getränkemarkt ein. Nun, in unserem Durst haben wir es wohl etwas übertrieben. Mit den Vorräten kommen wir noch bis Hessen:) — Nein, kein erschöpftes Jammern, jetzt am nächsten Morgen geht es schon wieder. Und zwar gleich auf den nächsten Aufstieg. So ein Navi mit Höhenprofil kann auch was Ernüchterndes haben. — Dafür haben wir beschlossen, hier durch Thüringen ein wenig zu „bummeln“. Kurztouren heute nur bis Weimar, morgen Erfurt. Bergig und sehenswert genug ist es ja. Und nach dem Wochenende gibt es auch wieder Übernachtungsbetten. — Hier in Jena war es ebenso schwierig etwas zu finden wie in Naumburg. Für etwas mehr Geld sind wir dann aber doch noch untergekommen, gleich neben der studentischen Kneipenmeile, die wir abends kulinarisch zu nutzen wissen. Und beim Einschlafen noch akustisch. — Das Saaletal entlang der Strecke wieder sehr sehenswert – wir durften es ja immer wieder von oben betrachten. Bei aller Anstrengung: das sind schon die schöneren Blicke. — Dicht vorbei an einem mir sehr bekannten Ortsnamen, ohne Wiedersehensbedürfnis allerdings. Hier verbrachte ich im Januar 1989 fünf paramilitärische Lagerwochen (wir waren also der letzte Jahrgang, den es traf). Schon die Ortsschilder versetzen mich in die depressive Stimmung von damals, in der wir wieder und wieder Gasmasken und Atomschutzanzüge nach Zeit anzogen und doch die Sollzeit nicht schafften (und daher noch abends bis zum Schlafengehen zu trainieren hatten – was aber auch schon egal war, weil wir den „Feierabend“ eh nur liegend und deprimiert auf unseren Feldbetten zubringen konnten). Einer der glücklichen Tage dieser Wochen: als mir eine Füllung rausfiel und ich Zahnweh bekam. Da durfte ich nämlich morgens statt Frühsport zum Lagerarzt, und der – das Loch war groß genug, dass ich nicht Simulantin geschimpft werden konnte wie so manch andere – gab mir einen Ausgangsschein. Mitten am Tag durfte ich damit ins freie Dorf spazieren, den Blick schweifen lassen, zum Zahnarzt gehen, in einem freien Wartezimmer sitzen … das Bohren (ohne Spritze, sowas gab es nicht) nahm ich dafür lächelnd in Kauf. Alle beneideten mich um diesen Extraausgang. In den fünf Wochen durften wir sonst nur fünfmal raus, glaube ich. — Ja, so war das damals. Ab und zu erzähle ich dem Sohn von damals, das ergibt sich hier auf der Reise an jeder Ecke. Manches kann ich ihm mit Worten nicht begreiflich machen. Diese Lagergeschichte zum Beispiel. – Wie gut, dass er aufwachsen darf, ohne von so etwas eine Vorstellung zu haben!

Tag 5: Halle – Naumburg

Heroisch starten wir mit 10 km ohne was im Bauch, weil wir nämlich das Pensionsfrühstück (teuer und nicht gut) ausgeschlagen und ganz naiv an lecker Bäcker am Wegesrand gedacht hatten und dann aber keiner kam, erst nach 5 km ein Supermarkt und nach weiteren 5 km eine gemütliche Stelle zum Hinsetzen am Wasser (auf nem Parkplatz hatten wir dann doch nicht frühstücken wollen:)) Haben es also überlebt. — Zur Abwechslung mal wieder Regen. Erst kamen uns die Nieseltröpfchen noch gemütlich vor, später kramten wir die Ganzkörpermontur ganz von unten aus den Taschen. Drin ist es auch bei Schüttregen warm, zu warm eher, und schwitzig. Darum zweimal längere Pause in überdachten Imbissen (ist das der Plural von Imbiss?), und als es gegen drei doch trockener wurde, schalteten wir den Feuerwehrmodus ein und sausten noch die 30 km bis Naumburg. — Ich merke, wie das bisschen Regen gleich dämpfend auf mich wirkt. Weil das Unplanbare einzubrechen droht? Weil es sich mir als Angriff auf die Behaglichkeit zeigt? Da werde ich nächste Woche noch zu üben haben … — Die Radwegeleger haben es übrigens trotz der abschreckend klingenden Namen am Wegesrand (Leuna, Schkopau) geschafft, uns fast durchgängig durch grüne Idylle-Wege zu führen. Nur ab und zu sieht man Chemie-Riesenbauten am Horizont. Die Landschaft wird immer schöner und schöner, ich kann mich nicht sattsehen und fahre wohl nur noch mit einem seligen Lächeln im Gesicht. Jedenfalls lächeln mich die Entgegenkommenden alle an:) — Fast unser gesamter Weg der letzten Tage verlief unter dem Wasserspiegel von vor ein paar Wochen. Man sieht nichts mehr. Manchmal zeigen einem die Einheimischen, bis wo es stand. Man kann es nicht glauben. In einer Ortschaft finden wir dick auf die Straße gesprüht ein „Danke Bahndamm“, derselbige hat den Ort also trocken gehalten, und mir treiben diese zwei Worte die Tränen in die Augen. — Naumburg ist, als wir ankommen, schon zu. Also der Dom natürlich, der wegen meiner Namensfigur (bei der ich noch nie war) ein Muss ist. Da außer uns noch die Wildecker Herzbuben in der Stadt sind, und ein Weinfest, und Millionen von Wochenendbesuchern, tritt das Unerwartete ein: es gibt kein Zimmer mehr. (Da probieren wir es schonmal ohne Vorbuchung, und dann das.) Also nehme ich dem Sohn das Versprechen ab, dass er mit mir morgens nochmal hochstrampelt (die Stadt liegt vom Radweg aus gefühlte 100 Meter hoch), wegen der Uta eben, und nehmen ein Zimmer außerhalb, unten am Fluss. — Und siehe da: Besser hätten wir es nicht treffen können. Abendessen bei Saale-Sonnenuntergang, Aufwachen bei Saale-Sonnenaufgang, in den Fluss-Morgennebel hinaustreten – hier will man gar nicht wieder weg. — Nur noch einen Tag längs der Saale fahren: schade …

Tag 4: Nienburg – Halle

Und zwischendurch lauter Ortsnamen, die ich noch nie im Leben gehört hatte. Der für mich schönste Streckenabschnitt bisher. Lange zwischen urwaldigen Bäumen gefahren, mittelalterlich anmutende Dörfer, sanft hügelige Landschaft zuerst, und dann wachsen rechts und links des Flusses sogar erste kleine Berglein. — Entsprechend geht der Weg auf und ab, aber ich muss sagen: Man gewöhnt sich dran. Die Hände schalten, die Beine treten, und der Kopf rumort nicht mehr die ganze Zeit, dass das jetzt soooo anstrengend sei, und dass ich hier nicht hochwill … Nein: Stille im Kopf, meditativ fast. — Überhaupt wundere ich mich, wie gut es geht – so als ziemlich unsportlicher Mensch, auch noch eingerostet vom ewigen Sitz-Steh-Job – staune ich ein bisschen. — Übrigens: den Wert dieser Polsterradhosen habe ich immens unterschätzt. Ich dachte bisher, die hätten eher eine mentale Wirkung, Plazebos sozusagen. Bis wir also nach Ankunft im Pensiönchen frisch geduscht und umgezogen die Räder nehmen um den Weg ins Stadtzentrum abzukürzen – hoppla aua, da war ja doch noch ein Popo :) (Unterwegs hatte ich mich ehrlich gesagt schon gewundert, dass mir nix wehtut :)) — Halle hat unglaubliche Parks zwischen den Armen der Wilden Saale (den Namen lese ich gerade auf dem Plan, durch die Parks hat uns der Radweg geführt), ein paar Caches und die urigen Prager Bierstuben (oder so ähnlich) mit tollem böhmischen Essen (plus Budweiser). Viel mehr haben wir hier nicht sehen können, denn wenn wir den Ausgang aus der Stadt finden, fahren wir jetzt gleich weiter. Mal den Sohn wachrütteln. Der hatte zwar kein Bier;), aber es war spät gestern.

Tag 3: Wittenberg – Nienburg

Elbe, Mulde, Saale, Bode überquert. Wörlitzer Park und Dessauer Bauhaus passiert, nur von außen gesehen leider – man kann nicht alles haben, will man vor Ferienende zu Hause sein. — Die heutige Richtung ist für unser letztliches Reiseziel eher kontraproduktiv – Flüsse (und Urstromtäler) haben bei ihrer Bildung nicht bedacht, wo wir wohnen und wohin wir also wollen. – Aber so etwas idyllisches Kontraproduktives! — Die Landstreicherseite meiner Seele blüht täglich mehr auf. — Nach dem Flämingtag fliegt es sich nur so durch die brettlebenen Elbauen. Bis auf Deichüberquerungen keine Anhöhen. — Die befürchteten Räderscharen bleiben aus. (Warum?) Nur einmal geraten wir in einen Ebike-Pulk. Bergauf ziehen sie ohne jede Oberkörperneigung und -bewegung an einem vorbei, und dann sind sie bergab aber auch nicht schneller und versperren im Rudel den Weg, auf dem wir ausrollen wollen. Grmpf. — Merke: Unter regionalen Radrouten versteht man hier zuweilen Kopfsteinpflasterstraßen jeglicher Machart, gern kilometerlang. Wir kennen jetzt alle Steingrößen. Denn wir sind heute 30 km auf regionalen Routen gefahren. Meine Handballen vibrieren immer noch. — Außerdem noch eine Erfahrung, damit wir nicht zu sehr im Genussradeln aufgehen: Einmal verlieren wir die Wegbeschilderung, und schwupps sind wir auf ner Fernverkehrsstraße. Ganz dicht an die rechte Leitplanke schmiegen, Augen auf und durch. – So gingen Radtouren früher ja eigentlich immer. — Der Herr Navi erweist sich in solchen Verfahrsituationen übrigens als der dritte Dickkopf im Bunde. Können wir ja gar nicht gebrauchen. Manchmal fahren wir ihn nur noch an, er solle sein Mündchen halten. — Der Sohn übrigens bewundernswert: Tempo- und Motivationsmacher, vor allem am Ende des Tages. Er möchte gern längere Tagesetappen. Die 83 km heute fand er noch zu wenig. Na gut, dann werde ich mich jetzt eben als Klotz am Bein entpuppen :) (Vielleicht hätte ich ihm sein Fahhrad nicht schmieren sollen. Letztes Jahr waren unsere Rollen noch umgekehrt.) — Ein PS: Die Bloggerkommentarfunktion und mein Minihandy vertragen sich nicht: Ich kann keine Kommentare schreiben. Aber Eure lesen und dankeschön sagen! Und gestern Abend ist hier über Nienburg wohl offenbar gerade kein Satellit geflogen. Daher erst jetzt dieser Text (wenns klappt). — PPS: Und jetzt in Halle sehe ich, dass es nicht geklappt hat. Das Veröffentlichen zu einer zurückgesetzten Zeit klappt auch nicht, also jetzt hier mit falschem Datum … macht ja nix.

Tag 2: Brück – Wittenberg

Den Sohn hat heute die Tempoversessenheit gepackt – konnte er aber nicht ausleben, bzw. nur unter Abhängung seiner alten Mutter. Er hat dann immer brav gewartet :) — Ob die heutigen Hügel (der Fläming) auch eiszeitverusacht sind? Hier lässt mich mein Erdkundewissen im Stich. Wir haben es sportlich genommen. Und gut geschafft, die 60 Auf-und-ab-Kilometer (selbst ich:)) — Einsamste Dörfer, Wege, Wälder. Die Landschaften meiner Kindheitsjahre. Vertrautheits- und Glücksgefühle. — Nebeneffekt der Einsamkeit: Essenfassen sehr schwierig. Nur jedes zehnte Dorf hat ein Gasthaus. Und dann muss man erst den Wirt im ganzen Dorf suchen. — Also: Mittagspicknick auf einem Dorfplatz, wo sich Fuchs und Hase und so … Der Sohn so: „Lebt hier eigentlich überhaupt jemand?“ — Ab morgen längs Elbe und Saale. Wahrscheinlich Radfahrerautobahnen: Wir werden die Einsamkeit vermissen. — Und nun: Schlafen neben Luthers Thesen.

Tag 1: Berlin – Brück

(Brück muss man nicht kennen. Auch nicht nachdem man dort gewesen ist. Höchstens weil die befahrenste Eisenbahnlinie Europas mitten hindurch führt.) — Der Tacho verrät: 65 Kilometer in 4 Stunden. Den Rest der 7,5 Unterwegsstunden haben wir wohl irgendwo in der Gegend herumgestanden oder -gesessen. — Regenschauer über -schauer: Gleich zeigt uns der Weg, dass es nicht so geht wie wir gern hätten. Nun wissen wir wenigstens, dass wir die Regensachen nicht vergessen haben. — Endmoränenland ist Hügelland. Das haben wir ja schon in Erdkunde Klasse 5 gelernt. Bei der ersten Steigung (von 27) fällt es mir wieder ein. — Fahrräder mit Packtaschen unterliegen einer besonders starken Form der Erdanziehungskraft. Gegen Abend verstärkt sich das Phänomen noch. — Geocaching in einem sich rasch verdunkelnden einöden brandenburgischen Dorf ist gruselig, spätestens wenn man den Rückweg über finstere tieffurchige Äcker sucht. Der Sohn hüpft vor Begeisterung. — Also: alles bestens.

Tag 0: Berlin – Berlin

Genaugenommen war das ja der Start unserer Reise: vom Vater/Opa-Haus 15 km östlich des Zentrums zum Mutter/Oma-Haus 15 km südwestlich desselben. Waren wir schon am Freitag gefahren. Gepäck war im Begleitfahrzeug, es war ohnehin heiß, staubig, stickig, menschen-auto-voll, eng und überfüllt genug. Stadtfahren lässt kein rechtes Urlaubsgefühl aufkommen. Je mehr Brandenburger Tor, Alex, Siegessäule etc. in der Nähe ist, desto anstrengender.
Aber andererseits: Es hatte was, an den Orten meiner Kindheit und sonstiger Erinnerungen vorbeizuradeln. So richtig hatte ich Berlin noch nie vom Sattel aus erlebt.
Man fährt stets mit ca. 917 anderen Radfahrern im Pulk. Die wenigen Autos wagen dagegen gar nicht anzugehen, man ist vor Geschnittenwerden oder Bedrängungen durch Autos sicher. Was man von anderen Radfahrern nicht sagen kann. Oder wir sind halt defensive Dorfradler: lassen alle vor, überholen nie, lassen uns immer an den Rand des Pulks drängen.
Mancherorts gibt es plötzlich wundersam auftauchende Radwege inmitten von Grün oder längs von Kanälen und Buchten, wo man sich fragt, ob da nicht eben noch eine Großstadt ringsum war. Ich habe Ecken gesehen, die mir als Berlinerin noch nie unter die Füße gekommen waren. Es war ein ganz neuer Blick auf „meine“ Stadt, den ich so nicht erwartet hätte.
Eine gute nullte Tagestour.