Eltern

Schulgedanken, lang in mir getragene

Es ist Zeugniszeit, Notenzeit, die Zeit vieler Tränen.
Ich gebe die letzten Klassenarbeiten zurück, spreche dabei mit jedem Kind, mit jedem Jugendlichen einzeln. Einmal im Jahr, mindestens, muss Zeit sein für ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Was nehme ich von Dir wahr, über die Zahl, die unter der Arbeit steht, hinausgehend? Worin bestehen – in meinen und in Deinen Augen – Deine größten Schritte der letzten Zeit? Wie geht es Dir in meinem Fach, in meinem Unterricht, was brauchst Du, was wünschst Du Dir von mir?
Etwa 150mal versuche ich in den letzten Wochen, in ein kurzes Gespräch über all das zu kommen, oft gelingt es. Und oft, viel zu oft fließen dabei Tränen. Auf die Schüler mit den „schwierigen“ Noten hatte ich mich vorher ausführlich vorbereitet, hatte für jeden einzelnen überlegt und aufgeschrieben, was ich an Tröstendem, Ermutigendem und Besänftigendem sagen könnte. Doch die meisten Tränen gibt es für mich völlig unerwartet. Oft sind die Noten nur der Anlass, es fließt zumeist sehr viel mehr mit. Immer geht es um Überforderung, bis hin zu Verzweiflung, die ganz unmittelbar mit der jeweiligen Schulsituation des jungen Menschen verbunden ist.
Viele Gespräche gehen mir innerlich nach. Einige haben sofortigen Elternkontakt zur Folge, andere trage ich ins nächste Schuljahr mit. Manches teile ich mit Kollegen, mit der Schulleitung auch, hin und wieder können wir ganz unmittelbar etwas ändern. Das meiste aber bleibt zunächst ungelöst.
Es folgen die Zeugniskonferenzen. Allzu oft müssen wir entscheiden, dass ein Kind eine Klasse nicht „geschafft“ hat. Welcher Weg für das Kind nun der beste ist, dafür versuchen wir beratend zur Seite zu stehen. Zunächst aber versetzen wir mit der telefonischen Mitteilung so manche Familie in einen Schockzustand. Kein anderer Weg scheint angedacht, kein anderer Weg als das Turbogymnasium. Zuweilen brechen vor unseren Ohren Welten zusammen, prallt der ganze Schock ungedämpft auf ein Kind ein. Wieder Tränen Tränen Tränen.

„Was läuft da schief in unseren Schulen?“ Diese Frage stand wie ein Fazit unter einem Twitterkurzgespräch vor längerer Zeit, in dem es um Schulängste und -tränen, um Schule und die Schulen allgemein, um unsere Kinder in diesen Schulen und die im Hintergrund das Schulerleben stets mittragenden Familien ging. Diese Frage blieb in mir hängen, bis heute.
Was also läuft schief in den Schulen? Warum fließen dort so viele Tränen? Wie fühlen sich die Kinder und Jugendlichen, die diese weinen? Welche Ängste und Nöte tragen sie in sich? Warum fliehen so viele Jugendliche in psychische Erkrankungen, in Essstörungen, Depressionen und selbstverletzendes Verhalten?
Kaum einer Familie mit Schulkindern werden diese Fragen völlig fremd sein, vermute ich. Wir hier zu Hause erleben sie glücklicherweise nur in Ansätzen, weil meine Kinder es im Großen und Ganzen gut getroffen haben. Als Lehrerin aber bin ich jeden Tag involviert. Kinder weinen beim Erblicken der Klassenarbeitsnote – selbst schon bei einer 2 – los, Jugendliche fragen mit ängstlicher Stimme, ob der Test unterschrieben werden solle, ich werde angefleht, über die wiederum vergessenen Hausaufgaben nichts den Eltern mitzuteilen – das ist mein Arbeitsalltag. Ich möchte aufschreien.

Unser Schulsystem ist voll von Bewertungen. So sehr mich das Verteilen von Noten manchmal selbst schmerzt: Nun gibt es Noten aber einmal, an dieser Schraube lässt sich im Moment und in der konkreten Situation nicht drehen. Statt mich an eine Schulform ohne Noten wegzubewegen, habe ich in den letzten Jahren immer und immer wieder darüber nachgesonnen, wie ich, wie wir mit diesem Bewertungssystem umgehen könnten.
Meine vielen Beobachtungen und Überlegungen lassen sich vielleicht am ehesten so – in fast schon unzulässiger Verkürzung – zusammenfassen:
Noten sind zunächst Zahlen, mit deren Hilfe eine Schüler“leistung“ mit einer im System festgelegten Skala des erwarteten Könnens und Wissens abgeglichen wird. Wer oder was diese Skalen in einzelnen Schularten, Schulen und Fächern jeweils festlegt, nach welcher Formel der erbrachte Anteil in eine Notenzahl umgerechnet wird, dass es dabei selten völlig objektiv zugeht und dass solche mathematischen Verfahren wie Notendurchschnitte und Ausgleichsregelungen bei der Versetzung höchst strittig sind, geschweige denn dass zahlreiche andere Faktoren als nur das Erlernte auf die konkreten Noten Einfluss haben, um all diese Aspekte soll es jetzt nicht gehen. Ganz schlicht gesagt also: Mittels Noten wird abgeglichen, welchen Anteil des zu Lernenden zu einem jeweiligen Zeitpunkt als Erlerntes dargeboten werden kann. Nicht mehr, und nicht weniger.

Was Lernende aus diesen Noten allerdings oft ablesen, ist weit mehr. Da fällt das Attribut „schlecht“ – „Ich bin ein schlechter Schüler. Ich bin 4.“, wenn im Gegenzug die „guten“, die „Einserschüler“ hervorgehoben werden. Diese Wertung wird auch nicht besser, wenn stattdessen „schwach“ oder „leistungsschwach“ gesagt wird. Da sind die Notenbezeichnungen „mangelhaft“, „ungenügend“ und „ausreichend“ geradezu prädestiniert, als Persönlichkeitsbewertungen gelesen zu werden. Doch halt, es geht nicht um diese Bezeichnungen. Mögen diese meinetwegen so bleiben.
Es geht darum, dass die damit verbundenen Bewertungen nicht in die Seelen der jungen Menschen eindringen. Dass sich also nicht ein ganzer Mensch bewertet fühlt, wo die erhaltene „Zahl“ einzig das im Prüfungskontext gezeigte Können oder Nichtkönnen meint.

So klar, so schwierig. Denn wie kann sich eine kleine Seele dieser verletzenden Sprache entziehen, wie kann sie sich vor dem Gefühl des Klein- und Minderwertigseins schützen, wie kann sie verhindern, dass sie sich bis ins Innerste persönlich bewertet fühlt?
Dies kann nur gelingen, wenn die Verbindung zwischen Notenzahl und Persönlichkeitsbewertung so weit wie möglich gekappt wird, und zwar in erster Linie durch die das Kind umgebenden Erwachsenen.
Ja, darin liegt in meinen Augen unsere allererste Verantwortung. „Unsere“, das meint: die der Eltern und die der Schule. In der allerletzten Stunde vor dem schriftlichen Mathematik-Abitur sage ich zu meinem angstschlotternden Kurs immer einen Satz, den ich jedem Kind und Jugendlichen als verinnerlichtes Mantra wünsche:
Eine Note ist eine Zahl ist eine Zahl ist eine Zahl.“

Nun wäre es allerdings naiv, diesen letzten Satz als Fazit stehen zu lassen. Er gilt so uneingeschränkt allerhöchstens bis zum Ende der Mittelstufe, nur in den Fächern, in denen nicht Wissen und Können gravierend aufeinander aufbauen, und auch nur, wenn sich die Noten – auf der hierzulandigen Skala – zwischen 1 und (sicherer) 4 bewegen. Außerhalb dessen kommen Versetzungsregelungen, Uni-NC-Fächer und überhaupt die Notwendigkeiten langfristigen Lernens ins Spiel. Äußere Gegebenheiten also, die es doch nicht gleichgültig sein lassen, mit welchen Zahlen man den Schulparcours absolviert. Lebensentscheidungen hängen davon ab, Schulart und Schulwechsel, Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, Chancen auf Praktika, Preise, gesellschaftliche Anerkennung etc. Die Gesellschaft lebt in weiten Bereichen vor, dass man (erst?) durch Leistung etwas zählt, dass das Attribut „wertvoll“ viele Überschneidungen mit „leistungsfähig“ hat. In die Schule ist dies längst tief eingedrungen, dem entzieht sich niemand durch Augenverschließen.
Insbesondere Eltern haben dies alles vor Augen. Ängste flackern auf, man möchte das Beste für sein Kind, es soll doch seine Wege „erfolgreich“ gehen können, es soll „bestehen“ und „weiterkommen“, es soll die nötigen Voraussetzungen erwerben, um etwas zu „werden“. — Nein, ich mache dies nicht lächerlich, stelle mich nicht darüber, blicke nicht distanziert darauf hinab. Auch mir als Mutter schießen solche Dinge durch den Kopf, auch ich sorge mich um die Zukunft meiner Kinder, auch mich haben schon manche Rückmeldungen aus der Schule erschreckt, weil ich mich daraufhin um den künftigen Weg meiner allerliebsten Menschen ängstigte.

Als ich vor Jahren eine ältere Kollegin fragte, was sie Eltern sage, gerade wenn sich die schulische Situation des Kindes problematisch darstelle, bekam ich eine Antwort, die ich seither fest in mir trage: „Machen Sie keinen Druck. Ihr Kind hat das Recht auf eine glückliche Kindheit. Machen Sie also in erster Linie keinen Druck.“
Ja, ja und ja!
Machen wir keinen Druck. Der Satz ist an mich gerichtet, an meine KollegInnen, an die Eltern, und vielleicht auch ein wenig ans Kind. Dieses aber kann sich selten wehren und verinnerlicht oft nur den von außen hineintransportierten Druck.
Sagen wir stattdessen lieber: „Du bist gut, so wie Du bist. Auch wenn Du schlechte Noten hast.“ Oder besser: ohne „auch“. Damit der Wert des Kindes und seine Schulnoten in keinerlei Zusammenhang gebracht werden.
Manche Kinder tragen dieses „Du bist gut, so wie Du bist.“ ja in einer gesunden Natürlichkeit in sich. Die meisten allerdings sind – zumal in der Pubertät – abhängig davon, dass Eltern und LehrerInnen dies in sie hineintragen. Ja, Eltern und LehrerInnen. In dieser Reihenfolge, sage ich.

Beginne ich trotzdem bei uns als Schule. Wir als Schulart stehen – im Moment – vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Eingebunden zwischen Grundschule und (Zentral)Abitur, sollen wir mit immer mehr, immer jüngeren, immer weniger reifen, immer unkonzentrierteren Schülern in nur acht Jahren das Gleiche wie immer schon erreichen. Die Hochschulen und Industrieverbände merken an, dass uns dies nicht gelingt, sie haben wohl Recht; manche Studiengänge lassen sich nur noch nach universitären Vorbereitungskursen bewältigen. Eine Drucksituation für alle Beteiligten.
Und doch, bei aller unmöglichen Quadratur des Kreises dürfen wir als Schule diesen Druck nicht an die Kinder weitergeben und sie damit kaputtmachen. Leben wir also diesen Satz – „Du bist gut, so wie Du bist.“ – für jedes Kind in jeder Situation. Wer dies nicht kann oder nicht tun will, sollte den Beruf wechseln. (Was im System aber nicht vorgesehen ist, fatal.)

Allerdings geht ein schlechter Lehrer, auch wenn er „großer Mist“ ist, irgendwann vorbei „wie das Wetter“, wie eine Nachbarin, Vierkindmutter mit schwierigen Schulerfahrungen, immer zu ihren Kindern sagte. Ich gebe ihr Recht und sage diesen Satz inzwischen auch zu meinen Kindern, wenn er denn nötig wird.
Eltern dagegen, die ihr Kind mit Ängsten, Besorgnis und übermäßigen Forderungen erdrücken, sind nicht nur „großer Mist“, sie wirken zuweilen tragisch. Sie tun etwas, was sie als allerletztes wollen: Sie verweigern ihrem Kind ein freies, glückliches Aufwachsen, wenn sie an ihm reißen und zerren und das Kindsunmögliche verlangen. Bessere Noten etwa, wenn das Kind einfach nicht mehr kann. Den Verbleib auf dem Gymnasium, wenn das dortige Turbotempo in keinem Bereich zum Kind passt. Selbst wenn das Kind schon aus allen Poren signalisiert, dass es an dem permanenten Gefühl, nicht zu genügen, krank wird, verweigern manche Eltern ihrem Kind einen Schulwechsel. Dabei gibt es zahlreiche Wege, die dem Kind wieder zu einem glücklicheren Sein verhelfen könnten. Wir bieten gerade den Familien, deren Kinder es bei uns nicht „schaffen“, Beratung zu allen denkbaren Facetten an, nehmen uns mehr als für andere Familien Zeit. Allzu oft jedoch werden unsere Einschätzungen und Empfehlungen einfach nur vom Tisch gewischt. Das sind die Gespräche, die Situationen, in denen ich weinen möchte (und es zuweilen tue). Da gehen Kinder vor aller Augen kaputt …

Viele weitere Gedanken dazu finden sich in diesem lesenswerten Artikel, ebenso wie in diesem Blogpost.  Den Satz „Wie schlimm eine schlechte Note ist, das definieren die Eltern“ nehme ich mir mit.
Ebenso wie die Empfehlungen: „Gehen Sie in die Apotheke, kaufen Sie eine große Flasche ‚Heitere Gelassenheit‘ und nehmen Sie davon dreimal täglich 20 Tropfen.“ Und: „Immer fröhlich Gesundheit und Glück der Kinder im Blick behalten.“
Kinder, deren Eltern dies verinnerlicht haben, haben es leichter, im Schulsystem mit seinen Unzulänglichkeiten zurechtzukommen. Als Lehrerin habe ich immer nur eine nachgeordnete Rolle.
(Und nein, ich möchte nicht, dass dies als Schuldzuweisung gelesen wird. Jeder Mensch, Mütter, Väter, wir alle, handelt immer aus dem Korsett des eigenen Erfahrens und Erlebens heraus. Den tragischen Schülergeschichten gehen tragische Elterngeschichten voraus, weit über die in meinem Fach verbreitete Ich-konnte-das-auch-nie-Tradition hinaus.)

Wie man es jedoch dreht und wendet: Es bleibt schwierig für alle Seiten. Für die Kinder, für die Eltern, für die Schulen. Wir alle sind mit der Situation überfordert, fühlen uns alleingelassen und finden manchmal keinen anderen Ausweg, als den allseitigen Druck immer nur gegenseitig aufeinander abzuwälzen. Eltern auf Lehrer, Lehrer auf Eltern, und alle zusammen auf’s Kind.
Das darf nicht sein. Das darf so nicht bleiben.

Ich träume von viel mehr Schulpsychologen, von viel mehr professionellen Beratenden, die für uns alle da sind.
Ich träume von einem Netz an Unterstützenden aus der Gesellschaft, damit wir mit Angeboten und Projekten unsere enge Klassenzimmerwelt verlassen können und sich weitere Teile der Gesellschaft mit an der Erziehungsaufgabe, dem Ermutigen, Stärken und Aufrichten der Kinder – und eben dem Abfangen von Druck – beteiligen.
Ich träume von kleineren Klassen und von weniger Unterrichtsstunden, damit Zeit für viele, viele Gespräche bleibt. Denn ja, in Eltern-Kind-Lehrer-Gesprächen mit dem Fokus: „Was wollen wir, was ist realistisch, womit dürfen wir zufrieden oder stolz sein, und warum ist eine 3 nicht schlimm?“ könnte man vieles aufbrechen und abfangen, könnte viele Familien im Umgang mit der Schulsituation unterstützen. Wenn ich solche Gespräche derzeit im notwendigen Umfang anbieten würde, wäre ich wohl bei einer Wochenarbeitsstundenzahl von 100. Ganz ernsthaft. Soviel Gesprächs- und Begleitungsbedarf gibt es. Dem meisten kann ich beim besten Willen und Gespür für die Bedürfnisse der Kinder nicht nachkommen.
Ich träume also von einer tragbaren Arbeitsmenge für mich und meine KollegInnen, so dass wir jedem einzelnen Kind gerecht werden können.

Und nun? Was bleibt nach dem Träumen? Manchen KollegInnen und manchen Eltern meiner Schüler eine Kopie dieses Artikels in den Briefkasten zu werfen? Das würde ich in einigen Fällen wirklich gern tun. Doch das traue ich mich nicht.
Vielleicht ist es ja weit wichtiger und fruchtbarer, wenn ich bei mir selbst anfange. Was also kann ich persönlich tun, selbst wenn meine Träume nur Träume bleiben werden und wenn nach wie vor Familien in ihrer Schulsituation eben sind wie sie sind
Immerhin kann ich mit den Kindern im Gespräch bleiben, im Unterricht, in den Pausen, bei zusätzlichen Treffen.
Ich kann ihnen sagen und – wichtiger! – vorleben, dass man sich nicht an Zahlen messen lassen muss, dass sich das Wesentliche des Lebens ganz woanders findet.
Ich kann mit ihnen darüber sprechen, dass und wie man sich selbst – und eben nicht primär seine Leistungen – im Blick behalten sollte, damit man gesund bleibt und mit sich selbst in einem stimmigen Gefühl lebt.
Und: Ich kann jedem einzelnen Kind spiegeln, was für ein wunderbarer, wertvoller, einzigartiger Mensch es ist.
Wenn dies in den Kinderherzen ankommen würde, wäre schon viel erreicht.

Relativierung

Was für ein Chaos! Schon wieder drei verschimmelte Dosen unter ihrem Bett!

Sie leben und sind gesund.

Wieso neue Schuhe? Wir haben doch gerade erst?!

Sie leben und sind gesund.

Und warum hat er’s nicht besser vorbereitet? Er hätt’s doch wissen können?

Sie leben und sind gesund.

Tausend Mal hab ich ihnen gesagt, dass ich morgens nichts mehr unterschreibe und sie ihre Sachen abends packen sollen.

Sie leben und sind gesund.

Die können das jetzt selbst geradebiegen, wieso muss ich immer an ihre Termine denken?

Sie leben und sind gesund.

Wer hat, verdammt, schon wieder den Hausschlüssel verbummelt?

Sie leben und sind gesund.

Orrr, wie können zwei Kinder sooo viel Haarspraygestank im Haus hinterlassen???

Sie leben und sind gesund.

Die könnten ruhig mal mit anfassen. Bin ja nicht ihr Dienstmädchen.

Sie leben und sind gesund.

Hej, die sollen pubertieren so viel sie wollen. Aber diesen Ton will ich hier nicht!

Sie leben und sind gesund.

An Tagen, an denen man hinter einem Kindersarg her geht, rücken sich die Dinge wieder in die richtige Dimension.

Neue Ufer

Das muss jetzt einfach erzählt werden, es rüttelt uns hier ja alle durch und durch: Heute hat der Sohn seine Gastfamilie „bekommen“.

Dass er für ein Schuljahr nach Italien gehen wird, habe ich bestimmt irgendwann erzählt. Dass er das seit Jahren wollte, vielleicht auch. Dass ich bei der Zusage der Organisation – im November war das – zunächst einen Kloß im Hals und ein paar Tränen im Auge hatte, das auch, oder?
Dass er aber insgeheim immer davon ausgegangen war, an seinem italienischen Ort ein Klavier und die Möglichkeit zum Weiterspielen vorzufinden und er es anderenfalls nicht schaffen würde wegzugehen, weil das Klavier eben in den letzten Monaten so immens wichtig für ihn geworden ist, das äußerte er in dieser Klarheit erst vor wenigen Tagen. Ich schluckte kurz, keine Austauschorganisation der Welt kann eine Gastfamilie mit Klavier zusichern. Und so dachte ich, wir werden eben sehen, wie es kommt.

Nun, und heute kam es. Alles. Das perfet match. Soweit man das aus der bunten PDF-Datei, die wir per Mail bekamen, herauslesen kann.
Eine Familie, in der Nähe von Mailand leben sie, mit Sohn und Tochter und unendlich viel warmem, verschmitztem Lachen im Gesicht. Allein von vier Fotos ist mein Herz warmgeworden. Und beruhigt. Wenn es das gibt, dass man aus kurzen Zeilen und wenigen Bildern Vertrauen fassen kann, dann habe ich es heute getan. Zu dieser Frau, zu der der Sohn sicherlich – wie die meisten Austauschschüler – nächstes Jahr Mamma sagen wird, zu dieser Mamma also lasse ich ihn friedlichen und freudigen Herzens ziehen. Der zugehörige Pappa (schreibt man das so? wir müssen jetzt alle ein wenig italienisch lernen) sieht nicht minder sympathisch aus. Und die Kinder erst … die würde ich ja vom Fleck weg hier bei mir aufnehmen. Der Sohn, also: der Gastbruder, scheint ein ähnlicher Typ wie der unsere zu sein:) Dazu gibt es eine kleine Schwester, gleichalt der unsrigen und mit dem Namen von deren bester Freundin:)  (Dass die Eltern so heißen wie ich früher meine Kinder immer nennen wollte – in der italienischen Variante natürlich – und dass der Gastbruder so heißt wie der unsrige Vater, das fällt mir jetzt erst auf, es ist ja wirklich erstaunlich.)

Jedenfalls: der Sohn springt im Dreieck vor Vorfreude. So habe ich ihn selten erlebt. Heute Nachmittag nach dem Durchscrollen der Familienvorstellung und beim Betrachten der Bilder zog ein glückliches Lächeln über sein Gesicht, wie ich es selten bei ihm gesehen habe.

Und: es gibt ein Klavier im Haus, wenn auch – im Moment – nur ein digitales. Es gibt auch sonst Musik. Und Malen. Und Lesen. (Und der Gastbruder spielt ebenfalls nicht Fußball:))
Da scheint Offenheit für alles, was unser Sohn mitbringt. Die Familienvorstellung und die Selbstvorstellung des Sohnes scheinen in manchen Passagen wie voneinander abgeschrieben.
So macht das nämlich die Organisation: Beide Seiten müssen sich ausführlichst schriftlich, mit Fragebögen und mit Fotos vorstellen. (Damit war unser November komplett gefüllt.) Und dann versuchen sie zusammenzufügen, was möglichst gut zueinander passt. Ich weiß ja nicht, wie viele Jugendliche AFS-Italien zu vermitteln hatte, und wie viele Gastfamilienprofile ihnen vorlagen, aber für uns kann ich sagen: Besser hätte es kaum kommen können – von dem, was wir bisher ahnen.

Ein Klavier jedenfalls ist da. Und was der Sohn heute schon ersuchmaschint hat: Eine Musikschule vor Ort, und in Mailand ein Konservatorium. Klavierlehrerprofile stehen im Netz, er kann nur noch nicht genug italienisch, um sie zu lesen. An der Deutschen Schule gibt es über „Jugend musiziert“ Kontaktadressen. Und das alles in S-Bahn-Nähe (was dort sicherlich nicht S-Bahn heißt). Heute also löste sich seine größte Sorge in Luft auf.

Den Rest des Tages surfte er via Guugle-strieht-wjuh an seinem künftigen Haus und Liceo vorbei, zappte durch die Webseiten seines Wohnortes, las die Familienvorstellung und lernte sie anscheinend auswendig, jedenfalls wusste er schon genau, dass montags immer die Großeltern – nonna und nonno – im Haus übernachten und an den restlichen Tagen ein „Kinder“mädchen (Au pair?) aus Moldavien (? – ich hab’s nicht auswendig gelernt:)) Teil der Familie ist. Er guckte sich die Italienkarte an, um herauszufinden, wo Ligurien liegt, denn dort gibt es ein Ferienhaus, in welches die Familie an Wochenenden fährt, womöglich noch am Meer (uiuiui, schwierig, jetzt nicht neidisch zu werden:)) und stellte voller Beruhigung fest, dass er ja nach dem Jahr, wenn er dort richtige Freunde gefunden haben wird, von hier aus in einer Handvoll Stunden immer mal nach Mailand zu Besuch wird fahren können. Dass also dieses bevorstehende Jahr gar kein singulärer Punkt in seinem Leben bleiben muss, sondern später eine Fortsetzung erfahren kann, und zwar einfach und unkompliziert. (Das wäre in Süditalien schon anders, und in Übersee erst …)

Jedenfalls: Mein großes, ach so großes Kind ist glücklich. Er breitet die Flügel aus und macht sich ans Davonfliegen.
Und meine Tränen vom November sind weg, weil es ihm so gut geht. Da werde ich das Loslassen ja wohl hinbekommen …
(Nur am Flughafen Anfang September, da ist es erlaubt zu weinen:))

Elternsprechtag

Sie schauen gespannt in unsere Gesichter, was wir wohl zu berichten wüssten.
Sie fragen ängstlich nach.
Sie hören mit zweifelndem Blick zu.
Sie berichten atemlos von den letzten Fortschritten.
Sie strahlen mit jeder Faser Misstrauen aus.
Sie freuen sich selig, wenn wir eine Entwicklung wahrnehmen.
Sie empören sich, wenn wir unsere Einschätzung offen äußern.
Sie tasten sich vorsichtig an den wunden Punkt heran.
Sie verschließen die Augen und wollen das alles gar nicht wissen.
Sie platzen vor Stolz.
Sie verteidigen alles, was geschah, mit jeder Pore und stellen sich wie eine Löwenmutter vor ihr Junges.
Sie lächeln leise, wenn ich nicht verbergen kann, wie mich ihr Kind anrührt.
Sie empören sich über diese und jene Regel und deren Unangemessenheit.
Sie nehmen ihr Kind in Schutz, bedingungslos.
Sie bedanken sich dafür, wie ich auf ihr Kind schaue.
Sie erklären mir, wie ich meine Arbeit zu tun hätte.
Sie fragen, wie sich mich unterstützen könnten.
Sie wissen natürlich besser, was gut für ihr Kind ist.
Sie werden rot, wenn ich aus dem Landheim und von den Flirtfähigkeiten ihrer jungen Tochter erzähle.
Sie beschimpfen mich.
Sie wiederholen mantraartig, wie fleißig ihr Kind zu Hause sei, und dass sie das mit den Noten überhaupt nicht verstehen könnten.
Sie schmunzeln mit mir zusammen über die letzten Schelmereien ihres Sohnes.
Sie greifen mich an, weil ich dies und jenes sagte oder tat oder entschied.
Sie können kaum glauben, dass ihr Kind solche Großartigkeiten vor meinen und den Augen der Klasse vollbringen konnte.
Sie verstehen die Noten nicht, ich könne ihr Kind nicht leiden.
Sie staunen darüber, was ich alles bemerkt habe.
Sie wollen und wollen es nicht wissen.
Sie wollen alles und mehr wissen.
Sie hören meiner Sorge zu.
Sie wehren meine Sorge ab.
Sie kämpfen gegen mich.
Sie teilen mit mir die Frage „Wie können wir dem Kind helfen?“

Und alles sind Zeichen der tiefen, behütenden, fürsorglichen Liebe von Eltern zu ihren einzigartigen Kindern.

Du hast einiges zu lernen

Was wir unseren Kindern am dringendsten
beibringen möchten,
haben wir selbst noch nicht begriffen.
Also versuchen wir ständig zu lehren,
was wir selbst nicht wissen.

Das ist unsinnig.
Versuche statt dessen zu schweigen.
Schau dir die Situation genau an.
Höre aufmerksam zu.
Öffne deinen Geist für neue Sichtweisen.
So lernst du, was du wissen musst.
Und du zeigst deinen Kindern,
wie sie ihre Lektionen lernen können.

***

Nichts ist für Kinder lehrreicher
als Eltern, die zum Lernen bereit sind.
Welche Verhaltensweisen deiner Kinder
beunruhigen dich?
Was sagt dir das über dich selbst?

(William Martin: Das Tao te king für Eltern)

Der einzig wichtige Schritt

Du brauchst aus deinen Kindern
keine wundervollen Menschen zu machen.
Du musst sie nur daran erinnern,
dass sie wundervolle Menschen sind.
Tust du dies konsequent
vom Tag ihrer Geburt an,
fällt es ihnen leicht, es zu glauben.

Du kannst anderen Menschen
deinen Willen nicht aufzwingen.
Du kannst deine Kinder
auf dem Weg zur Reife nicht antreiben.
Der einzig wichtige Schritt
auf der langen Reise ihres Lebens
ist der nächste, winzig kleine.

(William Martin: Das Tao te king für Eltern)

WmDedgT 12/2016

Der Wecker klingelt, statt meiner Morgenlesestunde döse ich noch eine Weile im Bett und wecke gegen sechs die Kinder. Beide blättern vor dem Aufstehen intensiv in irgendwelchen Klassenarbeitsvorbereitungen – ich hab früher auch immer morgens vor der Schule gelernt:) – und kommen erst kurz vor knapp zum Frühstück runter, das bei uns eh keiner ernsthaft zu sich nimmt. Im Moment aber ist das unsere Adventskalenderzeit, beide haben täglich je ein Sprichwort darin, der Sohn auf italienisch, die Tochter auf englisch. (Schimpft mich Lehrermutter – sie finden es anhaltend gut:) und wir kommen oft ins Gespräch darüber. Nicht nur über Grammatik und Wortschatz …)

Kurz nach sieben, Abfahrt. Mein Auto, das zu enteisende, wird derzeit gern genutzt, um mit in die Schule zu fahren, so sind sie immer die ersten im Foyer und finden es zu früh, wie mir die Autofahrt hindurch erläutert wird. Aber bitte, es gäbe ja Fahrrad oder Bus;-)
Heute ist mal keine Schlange am Kopierer (die Kollegen schwächeln?), so bleibt Zeit für einen Lehrerzimmerkaffee. Mit dem Adventskalender bin ich auch dran, ein MilkyWay ziehe ich heraus, alles bestens also vor dem Start.

Die Montagmorgenphysiksiebte gibt sich müde, wie immer. Dass es zudem direkt um 7.45 losgeht, überrascht sie wie jede Woche aufs Neue, wir versuchen das Beste aus dem Fach und der Tageszeit zu machen. Ein bisschen Experimentieren hilft gegen’s Weiterschlafen, und ein wenig Umherlaufen im Raum während des Arbeitens.

Bereitschaftsstunden könnten so schön frei sein. Heute nicht, leider. Ich finde mich in einer fremden Gruppe wieder, von der ich nicht einen einzigen Namen kenne, und soll Fragen zu Bodeninsekten beantworten. Man lernt immer noch dazu.
Nach Ablösung durch eine Musikkollegin – ob die mehr über Bodeninsekten weiß? – werkele ich ein halbes Stündchen am Kopierer, schneide, klebe, loche, tackere, so Sachen halt. Aber immer, wenn ich parallel dazu mit den Kolleginnen ein Schwätzchen halten will, vertackere oder verloche ich mich. Diese Abläufe scheinen komplexer zu sein als man gemeinhin denkt.

Dritter Block, die kleinen Fünfer, die inzwischen durchaus „gezähmt“ und heute besonders still sind. Die Angst vor meinem Test hat ihre Nasenspitzen weiß gefärbt, hej, das wollte ich doch nicht. Allerdings will ich etwas anderes, nämlich dass Ihr endlich auswendig wisst, dass ein Kilometer 1000 Meter und ein Meter aber nur 100 Zentimeter hat, während eine Stunde in Sekunden umgerechnet … naja, das habe ich ja nur in die Zusatzaufgabe gepackt. Ich ahne, dass es nicht ganz leicht wird, durch’s (Schul)Leben zu gehen, wenn man sich dem Auswendiglernen dieser paar Basisfakten hartnäckig verweigert und sie sich auch nach sieben Übungsstunden nicht eingeprägt hat. Das sage ich nicht laut, fühle mich aber im Moment stark gefordert in dieser Gruppe, wo andererseits Kinder sitzen, die sich über Nanometer, Moleküle, biochemische Vorgänge in Nervenbahnen und Mikroprozessoren unterhalten. Spagat ist gar kein Ausdruck.
Und dazu die Elternschaft im Hintergrund, gleichermaßen heterogen. Die Mails, in denen ich als pingelig beschimpft werde, weil ich Wert darauf lege, dass man Quotient mit T, Summand dagegen mit D am Ende schreibt, wie unwichtig das sei, und ob wir in der Schule keine anderen Probleme hätten. Doch, auch, das kommt noch hinzu. Und die Anwaltsvatermails des Tenors, dass die anderen Kinder für das eigene Kind nicht gut genug seien. Langweilig wird es in dem Beruf jedenfalls nie, aber ich bin abgeschweift.

Mittagspause. Nachdem ich den entlaufenen Ordnungsdienst spontan durch einen neuen ersetzt habe, dieser dann aber zum Fegen so lange braucht, dass ich nebenher schon den halben Test korrigiert habe, bleibt mir noch ein klägliches 20-Minuten-Restchen. Die Schlange an der Mikrowelle ist schon abgeklungen, ein letzter Kollege steht mit einem Riesentopf Kürbissuppe davor. Er hätte aber viel vor, witzele ich, gar nicht mit Absicht, echt nicht. Und doch bekomme ich einen Riesenteller von der leckeren Suppe ab. Wow. Umso besser, als ich heute nur Brot mithatte. Dass ich mit vollgeschlagenem Bauch jetzt gleich noch Physik unterrichten soll, naja …

Die Nachmittagsklasse ist nicht munterer als ich, wir ergänzen uns. Bloß gut, dass ich nur die Morgenstunde wiederholen muss, keine neuen gedanklichen Sprünge erforderlich sind. Es geht rum, irgendwie.
Sieben Stunden in jüngeren Klassen sind für mich die Grenze des Schaffbaren. Die Kommunikationsdichte ist so riesig, die Aufmerksamkeitsnotwendigkeit so lückenlos … ich weiß gar nicht, wie das noch ältere KollegInnen schaffen ..
Es geht also rum. Die Klasse stürzt mit dem Klingeln aus dem Zimmer, nur F. bleibt noch lange da, während ich den Experimentiertisch aufräume. Fragt was zur Akustik, zu „Physik im Advent“, zu etwas, das er mal gehört hat. Eigentlich will er wohl etwas anderes. Sein Vater ist vor Kurzem gestorben. Ich habe das die ganze Zeit im Kopf …

Zu Hause, es ist kurz vor vier, steht nichts Dringendes mehr an, zum Glück. Meine Dienstagsveranstaltung fällt morgen aus, ich kann also den Rest des Nachmittags in Ruhe vor mich hinkruschteln. Testkorrektur, Emails zum Kopfschütteln (siehe oben), Klausurplanung für die 11er, Hefte durchsehen und so Zeugs.
Zwischendurch verschwinden die Kinder zu ihren Musikstunden, wollen Hausaufgaben ausgedruckt haben, putzen Stiefel (upps? das wär halt so’ne kleine Regel, antwortet mir die Tochter auf mein Erstaunen), lösen schnell „Mathe im Advent“ und „Physik im Advent“, merken bei der Essensbestellung, dass die Mensakonten fast leergelaufen sind und bringen Jahreszahlen für Geschichte mit Flächenzahlen für Erdkunde durcheinander. Der ganz normale nachmittägliche Wahnsinn mit Schulkindern halt.
Und ich hatte den Nikolaus ganz vergessen. Wenn ich nicht nachts fremde Stiefel im Dorf durchstöbern will, um mich daraus für die eigenen zu bedienen, wird es karg morgen früh. Na gut, so ist das eben. (Am Morgen, der ja nun schon hinter uns liegt, wird sich herausstellen: Auch die klägliche Variante ist in Ordnung;-))

Ein bisschen Zeit für mich passt auch noch in den Tag: Ich streiche auf dem Cello herum. Naja, es klingt noch immer schräg – sind ja aber erst drei Tage, hi hi. Der Plan, ein großes für mich auszuleihen, steht jedenfalls, ich recherchiere Details. Was dann damit wird, werden wir sehen …

Pubertierende Kinder gehen ja gern erst gegen zehn ins Bett, so auch heute. Trotz fortgeschrittenen Alters und Stunde darf bzw. soll ich noch über Köpfe und Schultern streichen, gerade so halte ich die Augen bis dahin offen. Bleibt, zu den eiskalten Stiefeln zu wanken und mein Nikolauswerk zu tun – beinahe hätte ich es jetzt wirklich noch vergessen:))
Eine Seite im Buch, dann bin ich eingeschlafen. Immerhin habe ich vorher wohl das Licht ausgemacht …

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

Wunschtagung

So oder so ähnlich wird das hier an der Akademie genannt, wenn eine ganze Schule sich auf den Weg macht: Kollegiums-Wunschtagung.
Wir sind hier, weil wir hier zu sein wünschen. Alle, all mein Kollegium. Weil wir an uns arbeiten wollen. Weil wir eine gemeinsame Vision haben. Dabei sind „wir“ natürlich nicht 100%, die 100%ig von allem überzeugt sind, das kann ja kaum sein. Aber eine große Mehrheit von uns ist es doch, dieses „wir“. Die anstößt, die weitergeht, die zündet, die mitzieht. Und zwar bei allem, was da aus uns heraus wächst.

„Das merkte ich Ihrer Schule sofort an, als ich sie betrat“, sagt der Referent, der uns schon länger kennt, „dass es hier stimmt. Dass ich hier auch als Kind gern hätte sein wollen.“
Na, das geht selbst einem erfahrenen Kollegium wie uns runter wie Öl, das hört man so direkt ja auch nicht jeden Tag. Wir hören es am Nachmittag noch häufiger. Von den anderen Fremdreferentinnen ebenfalls. In den Rollenspielen, während des Gedankenaustauschs, bei den Lachern in den Vortragsphasen: Die Atmosphäre ist stimmig. Wir sind ja hier auch auf unserer Wunschtagung.

Viele Impulse, Übungen, Gespräche, Rollenspiele treffen mitten hinein in meine derzeitige (berufliche) Befindlichkeit, in meine Suche nach dem Kern unserer Aufgabe und meine Rolle darin.

Von Resonanz ist die Rede. Dass wir unsere schulischen Beziehungen, ja, Beziehungen im Leben überhaupt, auch die zur Welt schlechthin, nur in Form von Resonanz gestalten können. Wir suchen danach, ineinander etwas auszulösen, ein Mitschwingen, ein Gleichzeitig-in-einen-Klang-kommen, ein Sich-gegenseitig-verstärken. Das wäre das Ideal von Beziehung, von Gesellschaft, von unserer innerschulischen Gemeinschaft, und von einer jeden Unterrichtsstunde. Spricht unser Chef in sehr eindrücklichen Worten.

Dass jeder Unterricht im Kern Kommunikation sei, fügt der Referent ein. Dass Kommunikation also nicht etwas sei, was wir jetzt auch noch – neben oder nach allem Unterricht – obendrauf tun müssten, nein. Sondern dass ein jeder Moment des Unterrichtens auf purer Kommunikation basiere. Dass Lernen nie außerhalb von Beziehungen geschehe. Je gesünder die Beziehungen, desto gelingender das Lernen. Das klingt so platt, wirkt aber – in der Illustration durch konkrete Situationen, die uns allen geläufig, nur nicht immer in ihrer Bedeutung präsent sind – einmal mehr augenöffnend. Dieses Wirkungsgeflecht kann man gar nicht oft genug anschauen und verinnerlichen.

Dass im Gegenzug misslingende Kommunikation, nicht wertschätzend gestaltete Beziehungen der Hauptauslöser von Burnout bei Lehrern sei. Das glaube ich sofort. Mir ist schon sehr bewusst, wie glücklich ich mich schätzen darf, unter einer solchen Schulleitung, in einem solchen Kollegium zu arbeiten. Freiwillig werde ich hier wohl auch nicht weggehen. Weiß ich schon lange.

Und dass missglückte Elterngespräche ihre Ursache immer darin haben, dass nicht beide Gesprächspartner mit gleichermaßen positiv-wertschätzender Sicht sowohl auf sich selbst als auch auf das Gegenüber schauen. Wenn sich einer klein fühlt etwa oder den anderen klein macht.
Wir üben uns in solch schwierigen Kommunikationssituationen, als Rollenspiel, ich hasse das eigentlich, aber mit meinen Kolleg*innen traue ich mich. Mir werden Muster sichtbar, in die ich mich begebe wenn. Aus denen ich hier im Rollenspiel ausbrechen kann, hier ist das so einfach. Beim nächsten Elterngespräch ist es vielleicht wieder weg, aber Bewusstmachung hilft. Und Übung, immer wieder.

Dass wir unseren Schülerinnen und Schülern noch viel viel mehr individuelle Rückmeldung geben müssen, darüber tauschen wir uns aus. Wir alle erleben täglich, wie die jungen Menschen danach dürsten. Wir überlegen, wie wir dies möglich machen können, trotz riesiger Klassen, trotz voller Stundenpläne. Im Kollegium gibt es schon so viele Ideen, das lässt sich hier in unseren Workshoprunden gut streuen.
Beim Abendessen spreche ich mit der Coklassenlehrerin, was wir nächste Woche in unserer Fünften beginnen. Und mit der Parallelkurskollegin überlegen wir noch vor dem Nachtisch eine oberstufenkompatible Variante.

Wow, ein kreativer Flow überall. Erst sechs Stunden hier. Schon so vieles im Gepäck für zu Hause. Und morgen ist noch ein Tag …

Es ist ja üblich geworden, dieses Lehrerbashing. In der Presse, in der „Volksmeinung“, am Stammtisch, bei Eltern, in Kommentarspalten der Zeitungen. Kaum ein Tag, an dem ich nichts über Deutschlands schlechte Lehrerinnen und Lehrer lese, über uns also, und über unsere sämtlichen und ständigen Überforderungen.
Darum wollte ich nur mal kurz ein Piep von unserer Wunschtagung senden: Es gibt auch gute Lehrerinnen und Lehrer. Die sich nicht permanent überfordert fühlen. Die ihre Arbeit mit Freude und Engagement ausüben. Die es dabei auch noch ziemlich gut machen. Und sich dennoch bewusst sind, dass es immer gilt, die Dinge weiterzuentwickeln. Im Rahmen der oft sehr einengenden Möglichkeiten. Unter den oft nicht sehr raumgebenden Bedingungen. Die sich immer bewusst sind, dass sie nur Menschen sind, dass ihnen Fehler passieren, dass sie nie jedem Kind gerecht werden können. Und es trotzdem versuchen. Immer mit einem wertschätzenden Blick auf die ihnen anvertrauten Kinder. Und mit ganz viel Herz.
Wir sind hier einige solche. Und ich weiß, es gibt an vielen vielen Schulen an vielen vielen Orten viele viele von uns.
Wollte ich nur mal sagen. Danke fürs Zuhören.

Und jetzt werden wir Rotwein trinken. Wer lange arbeitet, soll auch lange feiern:)

Ungleiche Gespräche übers Gleiche

Beim Aufräumen alter Texte, lauter Entwürfe, Bruchstücke, weggelegte Anfänge und Enden, fiel mir am Wochenende ein vier Jahre alter Text in die Hände:

 

Er ist wie er ist. Sage ich mir. Und sage ich zu denen, die da sagen: Er ist nicht wie er sein soll.
Elterngespräch in der Sohnesschule.

Ich bin mit offenem Ohr gekommen. Aber das Nicht-wie-er-sein-soll kommt so schrill daher, ich möchte weglaufen. Und weiß doch, dass ich jetzt für ihn hier sitze und sitzenbleiben muss. Das anhören, das aushalten, über ihn sprechen, die harte Sicht aufzuweichen versuchen – das bin ich ihm schuldig.
Ich weiß nicht, ob sie am Ende des Gesprächs ein anderes Bild von meinem Sohn mitnehmen. Ich habe getan, was ich konnte.
(Wieso eigentlich, wenn es doch so schwierig mit ihm ist, sind sie in den vergangenen anderthalb Jahren nie auf uns zugekommen???)

Von dem Moment an, da ich das Gespräch verlasse, bellt das laute Nicht-wie-er-sein-soll mein tiefahnendes Er-ist-wie-er-ist an. Ob ich nicht verharmlose, verkläre, zu sehr liebe, zu wenig achtgebe, zu wenig fordere, zu gelassen, zu wenig präsent bin für ihn. So nagt es in mir.
Tränen fließen, als wir reden. Bei mir im Innern, bei ihm brechen sie sich Bahn. Er wisse ja gar nicht, was die beiden Lehrerinnen meinen. Und erzählt, wie er seine Schultage erlebt. Alles ist ganz anders, als mir vorhin erklärt wurde, und mir wird sichtbar, wie er all diese schwierigen Situationen empfindet. Mir wird alles verständlich, und irgendwie ist es gut so. Er ist eben wie er ist.
Und doch pocht es in meinem Ohr … nicht wie er sein soll … nicht wie er sein soll … nicht wie er sein soll …

Der weitere Tag öffnet mir die Augen.
Beim Einkaufen treffe ich eine Mutter, die auch ein „solches“ Kind hat. Sie weiß, wovon ich spreche. Ihrer ist nun schon groß, sie haben es geschafft, diese schwierigen Jahre. Das macht Mut.
Am Abend spielt mein Nicht-wie-es-sein-soll-Kind ein kleines Konzert mit einer Cellofreundin. Sensible Musik, ergreifend, tröstend. Das kann er eben auch.
Und als wolle er sich mir in seinem ganzen Wie-er-ist zeigen, macht er noch später am Abend seiner Schwester ein Geschenk, gibt nach, springt über seinen Schatten, wie ich es noch nie wahrnehmen durfte.

So als wolle er sagen: Vertraue doch, das wird schon mit mir.
Ich höre und sehe. Und vertraue.

 

Vier Jahre ist das her. Beim Lesen kamen mir immer noch die Tränen. Es war keine leichte Zeit damals für ihn, und für uns mit ihm.
Jetzt ist in der Schule schon lange alles gut. Am Gymnasium – er ist ja an meinem – schlich ich anfangs sehr um die Kollegen herum, immer meine Nicht-wie-er-sein-soll-Angst im Hintergrund, jede beruhigende Andeutung, dass alles gut sei, dankbar aufsaugend. (Ja, so ein Elterngespräch hinterlässt einen nicht unberührt. Das damalige hat lange Monate und Jahre nachgeweht.)
Jetzt hatte und habe ich tatsächlich das Gefühl, dass er, jedenfalls von den meisten Kollegen, in seinem Er-ist-wie-er-ist gesehen wird. Und dass all die Eigenheiten, mit welchen er sich wahrlich nicht leicht einfügt in den eng getakteten Schulbetrieb, zu ihm gehören dürfen und liebevoll gesehen werden.

Um so ernster nahm ich, als mich gestern seine Klassenlehrerin ansprach. Sie würde mich jetzt auch anrufen, wenn ich nicht Kollegin wäre, sagte sie. Erstmals wolle sie ein Elterngespräch führen. Und weil es passte, redeten wir gleich.
Es ging vom Inhalt her um das Gleiche wie damals. Alles war sofort wieder da. Nur jetzt, bei dieser Lehrerin, hatte das Gespräch einen völlig anderen Fokus. Da schimmerte nirgends der Hauch eines Nicht-wie-er-sein-soll durch, sondern sie schilderte ganz einfach ihre zahlreichen Beobachtungen.
Wie sehr er sich im Moment selbst im Weg steht„, sagte sie. Und: „Ich sorge mich.“ Damit war das Wichtigste gesagt.
Die Details, die zu ihrer Sorge führen, sind gar nicht wichtig. (Ohnehin würde ich sie hier nicht ausbreiten.) Sie stimmen mit dem überein, was wir auch zu Hause wahrnehmen. Ja, möglicherweise ist die Sorge berechtigt. Vielleicht ist es auch nur seine spezielle Form des Pubertierens. Wie sollen wir das wissen …

Vereinbart haben wir, dass wir Eltern zu Hause mit ihm sprechen. Und dass sie mit ihm spricht, noch diese Woche, über all ihre Beobachtungen. Dass wir uns dann in einigen Wochen wieder austauschen, um zu schauen, ob er die Gespräche für sich nutzen konnte, um seinen Weg wieder mehr selbst in die Hand zu nehmen. Dass er dies vermag und dass er es tief im Innern will, darin waren sich die Kollegin und ich einig, das trauen wir ihm beide zu.
Ja, dass ich nach dem damaligen Gespräch ein „Vertraue doch, das wird schon mit mir“ aus ihm lesen durfte, das hilft mir jetzt.
Und die Kollegin trägt dieses Vertrauen ebenfalls in sich. Sie liebt ihre Schüler einfach sehr.

Mit Dankbarkeit (und doch einem etwas flauen Gefühl im Magen) radelte ich nach Hause. Das Gespräch am Küchentisch ergab sich ganz einfach. Und blieb so einfach. Weil ich ohne irgendetwas zu verändern oder wegzulassen erzählen konnte, wie seine Lehrerin ihn derzeit erlebt und worüber sie sich Sorgen macht. Da war kein Vorwurf, keine Erwartungshaltung, keine Forderung an ihn. Einfach nur dieser liebevolle Blick von außen.
Durch all seine Erklärungen hindurch – es wäre nicht mein Sohn, würde er nicht für alles und jedes eine detaillierte Erklärung aus dem Hut zaubern können:) – wurde ihm wohl das Wesentliche sichtbar: Dass es hier nicht um die Erwachsenen und ihre Vorstellungen seines Seins geht, sondern um ihn selbst. Und dass diese Lehrerin – die beste!, wie er sagt – ihm helfen will, seinen Blick wieder mehr auf sich selbst zu lenken, um durch die nächsten Jahre und darüber hinaus einen gangbaren Weg zu finden. Vor allem für sich selbst muss er den finden.

Und während wir dann am Küchentisch die vielen Schulbeobachtungen anschauten und konkrete Schritte sortierten, mussten wir zwischendurch immer mal lachen. Über die bizarren Ausprägungen seiner Pubertät nämlich, die er – im Spiegel – selbst zu sehen und zu beschmunzeln vermag. Gemeinsames Lachen tut gut.
Gut tat auch, was er sagte. Bei Einigem wurde mir sichtbar, wie er seine Schritte wieder selbst in die Hand nehmen will. Ich war schon jetzt – beim Miteinanderreden – ein bisschen stolz auf ihn, auf seine Offenheit, auf seine Bereitschaft, sich einzulassen, auf seine durchschimmernde Eigenverantwortung.
(Hier blinzelte mich übrigens meine eigene Baustelle an: Verantwortung abgeben. Auch oder gerade bei ihm.)

Jedenfalls: Das Gespräch mit dem Sohn fühlte sich gut an. Bestimmt auch deswegen, weil das vorangegangene Gespräch mit der Lehrerin gut war. Besser kann man sich Schulgespräche kaum wünschen.

 

Elternsprechtag

Diese Nachmittage sind wirkliche Herausforderungen. Als unerträglich, als regelrechten Horror habe ich sie früher empfunden, als Stunden, nach denen ich meinen Namen nicht mehr buchstabieren und mein Auto nicht mehr wiederfinden konnte. Und nach denen ich oft unangenehme Begegnungen zu  verarbeiten hatte.

Seit ein paar Jahren geht es mir besser damit. Was anders ist, weiß ich nicht genau. Natürlich bin ich im Laufe der Zeit routinierter geworden, und ruhiger. Früher war ich für alle und jeden da, habe noch eben schnell hier wie dort versucht, im Gespräch die Welt zu retten.
Wenn ich jetzt die 18 Gespräche im 180-Minuten-Fenster festgezurrt habe, und vorher oder nachher oder zwischendurch ein Kopf durch die Tür gesteckt wird, ob ich mal eben Zeit hätte, sage ich einfach nein. Wissend, dass ich sonst Kraftreserven anzapfen müsste, die ich nicht habe. (Ich verstehe nicht, wie die Kollegin mit den 28 Gesprächen das schafft. Sie ist nichtmal jünger als ich.) Und die Welt zu retten versuche ich schon lange nicht mehr.

Statt dessen höre ich mehr zu. Ich versuche so wenig wie möglich selbst zu sagen, und schon gar nicht rede ich als Erste.
Da musste ich erst drauf kommen. In meinen Anfangsjahren bereitete ich – in meiner Unerfahrenheit und Aufregung – für jedes Gespräch einen kleinen Vortrag vor. Ich übergoss die Eltern, ob sie wollten oder nicht, mit meiner Sicht auf ihr Kind. Wie oft ich dabei wohl am Gesprächsanliegen vorbeigeredet habe?
Jetzt beginne ich immer mit der Frage an die Eltern, was sie herführe, und was ich für sie tun könne. Und wenn dann nur ein „wegen meines Kindes … ich wollte mal hören …“ kommt, frage ich nach, was es, das Kind, denn zu Hause erzähle, was es beschäftige.

Dieser Zugang hat sich bewährt. In der Regel weiß ich nach zwei Minuten, ob und wo es brennt. Bleiben acht Minuten für gegenseitiges Informieren, Abgleich unserer Beobachtungen und gelegentlich sogar erste Ideen einer Problemlösung. Oh ja, weil wir weniger Zeit an Nebenschauplätzen verplaudern, sind die Gespräche viel häufiger als früher wirklich lösungsorientiert.
Was mein Wenigersprechen, mein Mehrhören aber in jedem Falle als „Ertrag“ für mich mit sich bringt, ist ein neuer Blickwinkel, eine Zwischen-den-Zeilen-Information oder einfach nur eine kurze Berührung, welche ich mitnehmen darf.

Mit C.s und M.s Müttern hätte ich aus meiner Sicht gar nicht sprechen müssen. Dabei wäre es für meine Psychohygiene gut, noch viel mehr solche Gespräche einzustreuen, in denen ich nämlich ausschließlich Staunen, Freude und Respekt über solch großartige, selbstständige und umsichtige junge Menschen mitteilen kann. Der Satz „Ihr Kind ist toll“ lässt nicht nur eine Mutter strahlen.
Diese beiden Gespräche habe ich mir übrigens an den Anfang und ans Ende gelegt. Die strahlen so nämlich auf alle dazwischenliegenden Gespräche aus.

K.s Mutter sorgt sich wegen der schriftlichen 3. Ich runzele innerlich die Stirn und versuche nach außen zu tragen, wie frei und offen, wie selbstbestimmt und glücklich ich ihre Tochter erlebe. Wie wach auch, und mit welch tiefem Verständnis der Materie. Welch Zufall dann aber immer mit hineinspielt, ob nun eine 3 oder eine 2 unter der Arbeit steht, und dass sie sich doch um diese Zahl nicht sorgen solle. Ihr „trotzdem“ kann ich nicht ganz zerstreuen – und kann nur hoffen, dass K. sich in ihrer Unbeschwertheit dem Leistungsdruck entgegenstellen kann.
Bei S. bin ich mir da nicht so sicher, und als ich die nervöse, zweifelsgeplagte, fahrige Mutter vor mir sitzen habe, verstehe ich auch ihn weit besser. Von nichts kommt nichts, und immerhin weiß ich nun, vor welchem Hintergrund er sich selbst zerknirscht. Und dass ich manche „Hebel“ wohl eher in einem weiteren Elterngespräch als am Kind allein ansetzen müsste.

O.s und G.s Eltern wollen eine feste Aussage, ob ihr Kind in der Kursstufe Physik abwählen solle; H.s Mutter möchte von mir eine Anleitung für den bevorstehenden Jahresvortrag der Tochter. Dass ich all das mit den Schülern selbst besprechen werde (oder bereits habe) und dass ich es für extrem wichtig halte, den Kindern nicht die Verantwortung in ihren eigenen Bereichen abzunehmen, wird vielleicht nicht gern gehört, aber zähneknirschend akzeptiert. Ich gebe nämlich diesbezügliche Informationen einfach nicht an die Eltern heraus:)

W.s Eltern beschweren sich massiv über Kollegen und über die damit verbundene Unglaubwürdigkeit unserer Schule; folglich hätte meine Arbeitsweise ja keinerlei Basis, und meine Einschätzung der Arbeitshaltung  der Klasse wäre eine Unverschämtheit. Upps, ich zucke kurz zusammen. (Das waren die Gespräche, die mich früher überfordert haben.)
Heute bleibe ich ruhig, verwahre mich gegen die untragbare Form der Kritik, verweise auf Aufgaben und Grenzen (!) meiner Rolle als Klassenlehrerin sowie auf die Notwendigkeit einer konstruktiven Kommunikation mit der Schulleitung. (Die Elternvertreterin hatte mir – als ob sie geahnt hätte – wenige Minuten zuvor mitgeteilt, wie passiv sich die Elternmehrheit verhalte, so dass sie keinen Kommunikations- und Vermittlungsauftrag der Klasse mehr herauslesen konnte.)
Ich schaffe es, das Gespräch dann doch noch auf meinen Physikunterricht und W. in ihm zu lenken.

L.s Eltern verlangen, dass ich gegen die Passivität und Introvertiertheit ihres Sohnes Maßnahmen ergreife. Beide sitzen vor mir zehn Minuten lang quasi ohne Blickkontakt, die Mutter scheut jede Silbe, der Vater pult während seiner äußerst langsamen Worte beständig am Heftpflaster seines Daumens herum. Hm, lege ich die beiden Bilder übereinander, sitzt eins zu eins  der L. vor mir. Bei dem Anliegen der Eltern weiß ich nun auch nicht …

F.s Pflegemutter kommt zum fünften Mal in diesem Schuljahr zu mir, wir brauchen nur fünf Minuten, tauschen kurz den Stand der Entwicklung zu Hause und bei mir auf der Schulbank aus. Diese Frau beeindruckt mich tief. Sie holt gerade mit einer Tonne voller Liebe einen jungen Menschen aus einem frühkindlichen Lebensabgrund in ein gelingendes Leben zurück. Ja, F. wächst vor unseren Augen. Im Moment reift in ihr der Satz: „Ich kann ja etwas„, das sehen wir schon. Dürfte ich diesen Satz noch aus F.s Munde hören, bevor ich sie wieder abgeben muss, wäre dies ein großes Geschenk.

Um genau diesen Satz geht es übrigens in mehreren Gesprächen, wenn auch bei keinem anderen Kind so global gemeint, sondern lokal auf mein Fach bezogen. Das Selbstbild Ich-kann-Mathe-nicht-und-werde-es-auch-nie-können ist weitverbreitet.
Während ich früher eher vom „Tropf der Nachhilfe“ abgeraten habe – weil sich viele Kinder beginnen im Unterricht zurückzulehnen, ihr eigenständiges Denken aufgeben und letztlich bis zum Abitur auf Hilfe von außen angewiesen sind – scheint mir mittlerweile wichtiger, dass manche Kinder die notwendige Unterstützung von außen bekommen, um ihr negatives Selbstbild wandeln zu können. Auf lange Sicht – so hoffe ich wenigstens – können sie vielleicht nicht unbedingt oder nicht nur in der Mathenote gewinnen, sondern in etwas viel Wichtigerem: im Selbstwertgefühl.
Genau so offen sage ich das den Eltern, wenn ich zu Nachhilfe befragt werde. Ich bin übrigens überzeugt, dass die Kinder in der Regel selbst wissen, ob ihnen diese Form der Hilfe gut tun würde, und rate deswegen immer, das Kind die Entscheidung selbst treffen zu lassen.

Eines der wichtigsten Anliegen hat O.s Mutter. Sie bekam von ihrer Tochter keine Befugnis, mir dies mitzuteilen, wir sprechen sozusagen im Geheimen, aber sie findet es extrem wichtig. Ich auch, als ich alles gehört habe.
O. ist der festen Überzeugung, ich „kann sie nicht leiden“. Sie macht es an zwei konkreten Punkten fest und lässt sich dabei seit Wochen weder von ihren älteren Geschwistern, die mich alle aus dem Unterricht kennen, noch von ihren Eltern, die mich folglich auf vielen Elternabenden erlebt haben, beirren.
Der Mutter ist es ganz unangenehm, mir die harten Aussagen der Tochter über mich mitzuteilen, aber ich bin nur dankbar. Nicht nur, weil wir kurz aufdecken können, welche Situationen O. damals missverständlich interpretiert haben könnte und woher ihr für mich unverständlich verschlossenes Gesicht rührt. Sondern vor allem, weil wir nun gemeinsam überlegen können, wie ich dieses Beziehungsmissverständnis vielleicht wieder aufzulösen schaffe. Der Satz „Deine Mutter hat mir erzählt …“ darf dabei nicht andeutungsweise fallen. Ich hoffe es gelingt trotzdem.

Am Ende des Nachmittags bin ich ganz bewegt, in wie vielfältigen Formen sich die immer gleiche Sorge um das eigene Kind äußert, wie sehr in den Blick- und Zugangsweisen all der Eltern auch immer deren eigene Schulbiographie sowie die eigenen Ängste und Nöte sichtbar werden, und wie sehr manche Kinder Kopien ihrer Eltern zu sein scheinen. Oder umgekehrt?
Und mir kommt es mehr und mehr, dass diese Gesprächsnachmittage möglicherweise für mich wichtiger sind als für die Eltern?

Jedenfalls, es sind Eindrücke genug für ein langes Ausschlaf- und Erholungswochenende. Als ich ins Lehrerzimmer komme, sinkt gerade die 28-Gespräche-Kollegin auf ihren Stuhl. Ich flachse herum, ob jetzt nicht noch wir ein Elterngespräch machen wollten. Sie ist in diesem Jahr die Deutschlehrerin meiner beiden Kinder.
Ja, müssen wir„, sagt sie, „bloß nicht mehr heute.
Ich schaue wohl irritiert, denn eigentlich wusste ich von keinerlei Problemen, und ohnehin bekomme ich in der Schule mehr als genug mit, als dass ich offizielle Elterngespräche bräuchte.
Unbedingt müssen wir reden. Deine Kinder in Deutsch – ich muss Dir so viel Tolles erzählen …
Oh.
Ja: Der Satz „Dein Kind ist toll“ lässt nicht nur die Lehrerin strahlen:)

 

Ein Freitag

Irgendwann fand ich in irgendeinem anderen Blog: Wie läuft mein ganz alltäglicher Tag ab?
Ich las mich fest in dieser und jener fremden Tagesschilderung. Und fragte mich, wie eine solche Auflistung bei mir aussehen würde. — Gestern nun bin ich mit Stift und Notizblock durch meinen Tag gezogen.
(Vorsicht: lang! Ich ahnte vorher nicht wie …)

5.55 Weckerklingeln. Etwas zu früh – ich liebe es nicht hetzen zu müssen. Bin ich wach, lese ich ein wenig, oder sitze einfach nur da, habe eine kurze Für-mich-Zeit. Im Moment bin ich zu müde, schalte den Wecker ein paarmal auf Snooze, froh, dass ich noch weiterdösen darf.
6.20 dann aber aufstehen, Kaffee holen (Zeitschaltuhr-Segen:)), ein paar Barfußschritte auf der Terrasse, kalte Winterluft spüren, Tisch decken. Und plötzlichahnend zusammenzucken … das ist doch bestimmt schiefgegangen: Ja, richtig geahnt :( – die Haare der schlafenden Tochter triefen fettig (gestern Läuseinfo aus der Grundschule, prompt bei ihr auch wieder Nissen – wie das???, also Nyda drauf, anschließend habe ich sie ganz allein mit Shampoo waschen lassen und nicht dran gedacht, dass sie das so flüchtig macht, dass es nicht reicht zum Fettauswaschen). Ich werfe sie aus dem Bett: Schnell schnell, nochmal Haare waschen – eigentlich bin ich bei meinen Kindern optisch anspruchsarm, aber sooo kann sie nicht in die Schule. Sie springt verstehend auf, flitzt unter die Dusche, ich schäume heftig (nur Shampoo:)), ziehe mich nebenher an, wecke rufend den Sohn, rubble sie trocken, hektisches Essen und Brotdosenpacken, nebenher hält immer eine von uns den Fön in die tropfnassen Haare – Zähne, Schuhe, Ranzen … puh … 7.15 alle im Auto. Stolz auf mich, dass ich nicht laut geworden bin. Und die Kinder waren toll:)

7.30 Schulparkplatz, alle drei in bester Laune: Tschüß, bis nachher, schon sind die Kinder weg.
Heute mal nichts mehr zu kopieren, entspannt ins Lehrerzimmer, nen Tee kochen und sogar dran schlürfen (Luxus!), nebenher sortieren: die Sachen für die erste Stunde in die Tasche, den Rest aufs Tischchen, Tablet hochfahren, Klassenbuch holen, Blick aufs Schwarze Brett und auf meine Vorbereitung: Wie starte ich jetzt gleich die Stunde?, mit der Kollegin Wandertagstermin abklären (oder eben nicht: Ich mail dir am Wochenende.), auf der großen Liste einen Klassenarbeitstermin umtragen, plötzlich fällt mir’s wieder ein: Oh doch, ich hab ja das Arbeitsblatt verändert, zum Glück keine Schlange am Kopierer. Und zum Glück tut er, was er soll, der Kopierer.

7.40 Es klingelt zum Reinkommen, eine Traube 8er kommt zum Protokollabgeben vors Lehrerzimmer gestürmt: Doch nicht jetzt, ich muss zum Unterricht (sie offenbar nicht?) – Ok, gebt schon her (ist ja Deadline), sie kramen gemächlich in ihren Taschen. Ich drücke einem vorbeieilenden 6er den Klassenzimmerschlüssel in die Hand, damit sie schon in den Raum können, die 8er suchen immer noch: Macht schon hin, sonst bin ich weg (sie schauen flehend) – es klingelt zum Unterricht – Also zack zack jetzt. Der Flur ist lang …

7.47 Mist, ich bin zu spät (das wird ein wiederkehrendes Thema …), sind aber erst zehn Schüler da. Upps, da ist wohl der Zug … naja … um 7.52 kommt dann der Rest. Auch die, die jetzt eigentlich im Chor sein sollten wegen der Gute-Laune-Aktion … – Ähm, was macht ihr denn hier? – Wir wollten keine ganze Mathestunde versäumen. – Doch doch, das bekommt ihr schon hin, kommt halt um neun Uhr zurück, dann besprechen wir noch das Wichtigste. Ab mit euch.
7.55 endlich Anfang, Hausaufgabenvergleich, die Schüler erklären sie sich gegenseitig, ich lausche, es ist eine Freude: Komma unter Komma, ganz einfach. – Aber wohin kommt dann die 6, die hat doch kein Komma??? Ich greife das nochmal im Klassengespräch auf. Und taste mich fragend durchs Thema: Wo ist Unklares geblieben? Stelle ein paar Denkfragen rund um die Regeln. Es läuft, es sitzt, es geht gut heute.
8.08 „Forschungshefte“ austeilen, in Gruppen die ersten Erkenntnisse zum neuen Thema abgleichen, ich freue mich wie ein kleines Kind über jeden emphatischen Achso-Ausruf. Als ich dann auch noch meinen neuen orangefarbenen Folienstift ins Spiel bringen kann, um den „Nachdenkstand“ an einem besonders sonnigen Beispiel zu skizzieren, ist meine Lehrerfreude perfekt:) So kann ich sie beruhigt in die weitere Denkarbeit entlassen.
8.21 also Schreibphase: sie zeichnen, grübeln, probieren aus, versuchen sich an Regelformulierungen. Sichtbarer Trainingseffekt der letzten Monate: inzwischen machen sie das großartig, trauen sich, Eigenes niederzuschreiben, sind konzentriert – ich könnte ihnen stundenlang zuschauen. Habe leider nebenher zu tun. Entschuldigungen abhaken, Klassenbucheintrag, Material für fehlende Schüler in Hüllen stecken, Notizen über offene Fragen eintippen, Tafelbild vorbereiten.
8.29 klopft es: der Gute-Laune-AK mit Gitarre, Chor und Süßigkeiten. Naja, die können ja nicht ahnen, dass sie mitten in unsere schöne Schreibruhe hineinplatzen. Singen, Malen, Raten, und dann gibt es Schoki für alle. Nur nicht für mich, ich ziehe eine Schnute (ich weiß ja: später im Lehrerzimmer wird in unseren Fächern auch was liegen.) Im Moment grinst Silas erstmal: Vielleicht waren die Lehrer ja nicht brav genug? Fünf andere Schüler strecken mir ihren Riegel hin: Nein nein, so habe ich meine Schnute nicht gemeint:)
8.37 der Versuch, in die vorherige Konzentration zurückzukehren, was natürlich nicht funktioniert. Zu viel Aufregung. Ohnehin sind Helen und Robert schon fertig, flüstern mir ihre Regel ins Ohr (bingo – während andere gerade noch ihr Blatt einkleben: so ist das ja immer). Schnell den beiden eine Zusatzdenkaufgabe geben, Arbeitsende für alle ankündigen, ach so: die Zeit nutzen, um Klassenarbeitshefte und „Problem des Monats“ einzusammeln.
8.46 besprechen wir an der Tafel, wie das Addieren von Brüchen denn nun geht. Wunderbar: auch die Stillen können erklären, was sie herausgefunden haben, erste Rechnungen klappen. Eintragen ins Merkheft, eigene Beispiele dazu, immer mit Zeichnung. Ich schreibe ein geeignetes Hausaufgabenpotpourri an die Tafel: Fangt schon an damit. (Was ich sonst nie mache, aber heute kommen ja noch die Chorkinder zurück, die gleich eine Extrakurzversion der Stunde brauchen.)
9.05 sitze ich mit denen also zusammen: Bruchaddition im Schnelldurchlauf, die wichtigsten gedanklichen Schritte, wo können sie Hilfe bekommen, falls etwas unklar ist. Sorgenfalten vor allem auf Karas Stirn, beruhigende Worte: Ich weiß, dass du das hinbekommst.
9.15 Klingeln, die anderen packen ein, wir am Schnelldurchlaufstisch sind noch nicht ganz fertig. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Ordnungsdienst entfleuchen, pfeife ihn zurück, vorher schnell noch ein Foto vom Tafelbild gemacht, mit den Chorkindern alles Restliche abklären, sie zum Sport losschicken, mein Geraffel zusammenpacken.
9.19 Raum verlassen, der Flur ist wiederum lang. In Gedanken noch in der Klasse: warum Sarah schon so lange fehlt, und dass Huberts Eltern wohl die richtige Entscheidung getroffen  haben, warum Hendrik immer so auftrumpfen muss, und wie Verena, Hella und Piet in letzter Zeit aus sich herausgehen.

Zwischenstation Lehrerzimmer. Umpacken, kurzer Gruß nach rechts und links. Wie lange ich manche Kollegen nicht richtig gesehen habe. Aber jetzt erstmal: Klo oder nicht Klo? Ich muss ins Außengebäude und werde zu spät kommen. Trotzdem. Zumal dort keine Toilette ist. Also schnell.

9.25 Klingeln, und ich eile gerade erst die Treppe runter. Unten treffe ich den Differenzierungskollegen – er sei heute in 012, sagt er mir. Hä – ich dachte, du bist heute nicht da? Ich hab das jetzt gar nicht vorbereitet. Oh je, wie machen wir denn jetzt, damit’s sinnvoll wird? *grübel* Am besten, du kommst nachher rüber und holst dir die Schüler ab, bis dahin habe ich mir überlegt, was du mit denen machst. – Mist, er hatte doch wirklich gesagt … Aber die Differenzierungsstunde (eine Stunde von vier wöchentlich sind wir zu zweit in der Klasse) soll nicht einfach so verpuffen. *grübel grübel – wie konzipiere ich jetzt um?* Zum Glück ist der Weg ins Außengebäude weit, und als ich ankomme, habe ich die Stunde im Kopf umgebaut.
Die Schüler stehen natürlich noch vor der Tür, ich dämme den immerwährenden Mitteilungsdrang der 9er etwas schneller als sonst ein und fühle mich selbst ganz gehetzt, als ich – die Uhr vor Augen: in 35 Minuten kommt der Kollege – „Potenzgleichungen“ an die Tafel schreibe.
Zunächst mal Lücken Lücken Lücken, so ist das in Mathe Klasse 9. Hier mal schnell Potenzfunktionen wiederholt, dort das ewige Alles-auf-eine-Seite-bringen, Minus-mal-minus-ist-plus, Warum-ist-die-Parabel-nach-oben-geöffnet und Ja-die-p-q-Formel-musst-du-auswendig-kennen. Kunstturnen mit Dauerspagat zwischen Anspruch und Umfang des Bildungsplans und dem, was die Schüler leisten können. Ja, können. Diese hier wollen nämlich. Sie wollen so richtig. Ich fühle mich durch die Klasse reich beschenkt. Sie engagieren sich, fragen, haken nach, arbeiten selbstständig, sind einsichtig und emsig. Dass es das heutzutage noch gibt, möchte man fast sagen. Und trotzdem ist da eine Kluft. Wir rattern durch die Themen und Fragen, sie verblüffen mich heute mit ihrer Mitarbeit (aha, die Einzelgespräche zeigen Wirkung *freu*), sie sind sooo schnell und kommen mit mir zusammen außer Atem …
10.05 haben wir’s geschafft: eine Übersicht ist erstellt, warum es mal zwei, mal eine, mal keine Lösung gibt, wie man’s erkennt, wie man umstellt, wie man’s löst. Ein erster Überblick scheint vorhanden.
10.10 kommt der Differenzierungskollege, wir scrollen in meinen Vorbereitungen, überlegen schnell, wie wir in der knappen Dreiviertelstunde jetzt am besten vorgehen, wie weit wir kommen können, welche Übungen dann Hausaufgabe sind. Er fotografiert sich mein Tablet ab und rennt seiner Gruppe hinterher ins Haupthaus.
10.18 sind nur noch 15 Schüler im Raum, es wird ruhig, fast intim. Platz und Zeit, sich bei jedem mal danebenzusetzen. Sie brauchen jetzt Zeit, die Hetze der ersten Stundenhälfte setzen zu lassen. Dafür klappt es ganz gut. Viele Aufgaben, unterschiedlich schwierig. Manche bräuchten eine Eins-zu-Eins-Betreuung. (Ja, 15 ist immer noch viel, denke ich, während ich von Platz zu Platz hopse.) Zwischendurch trage ich ins Klassenbuch ein, notiere in meinen Aufzeichnungen, wie ich heute abgeändert vorgegangen bin, was in die nächste Stunde verschoben ist …
10.42 klopft der Chef, upps? Die Mutter von Stina sei da. Schreck – hoffentlich nichts Schlimmes? Nein nein, Stina habe nur einen Kliniktermin vergessen. Ich plaudere kurz mit der Mutter, wie sich die Tochter denn so mache, klar, ich kann verstehen, dass sie die Gesprächsgelegenheit nutzt, Stina packt derweil ihre Sachen zusammen – Schönes Wochenende! – und ist weg.
10.50 Welche Fragen sind offengeblieben? Viele, immer noch. Zwei Beispiele nochmal gemeinsam an der Tafel, diese Umformungen sind aber wirklich tückisch, finde ich ja selbst. Ich versuche sie zu beruhigen: Fehler sind nicht schlimm. Rechnet zu Hause, so weit ihr kommt. Bringt eure Fragen mit in die nächste Stunde.
10.57 Die andere Gruppe kommt zurück. Wie weit seid ihr gekommen? – Es passt zu unserem. Ab mit euch in die Pause. Nur mit Lara, Saskia und Kathi will ich noch kurz sprechen: dass ich sie heute erstmals im Unterricht wahrnehmen konnte, und wie toll ich das finde. Und mit Doreen: Wie beeindruckt ich bin, dass sie sich nicht entmutigen lässt. Wirklich.
11.03 kommt die Aufsicht, fast schließt sie mich ein. Ich sitze nur still am Tischlein und mache noch meine Notizen. Es ist meine 6er-Parallelkollegin, also schnell mal die Gelegenheit nutzen, dass wir uns sehen: Wie weit bist du bei den 6ern? Wie ist deine Arbeit ausgefallen?
11.07 Der lange Weg ins Haupthaus.Ich komme an, als es schon wieder zum Reingehen klingelt. Blöd, muss ich mitten im Geschubse die Treppe hoch.

Zwischenstation Lehrerzimmer. Wieder umpacken. Aus Versehen fahre ich mein Tablet runter. Gleich darauf wieder hoch. Mit Passwortvertipper, natürlich. Der 12er Parallelkollege fragt was wegen der nächsten Klausur. Stimmt, noch fünf Doppelstunden bis dahin, wir sollten uns langsam absprechen (Lass uns am Wochenende mailen.) Eine andere Mathekollegin sitzt am Tisch, schüttelt den Kopf über ihre Unterrichtssituation: Was würdest du denn machen? Kurzaustausch, nur ein paar Sätze, über Ideen, so zwischen Tür und Angel, manchmal hilft das schon. Es tut uns in dem Moment beiden gut. Auch wenn wir schon wieder zu spät kommen.
Ich nehme die restlichen 8er-Protokolle aus meinem Fach, damit ich sie nachher nicht vergesse, bemerke meinen Durst und dass die Wasserflasche in der Tasche leer ist. Auffüllen muss jetzt noch sein, auch wenn es schon wieder klingelt.

11.17 Einen Stock nach oben, der Flur ist lang. Ich bin zu spät. Eine Schülerin auch. Wir können uns gegenseitig verstehen:) und plaudern auf dem Weg zum Raum. Der 12er-Kurs ist wie immer freitags müde, ich hebele ziemlich herum, um die Grundgedanken der letzten Stunde – Hessesche Normalenform – nochmals klar herauszustellen. Im Grunde ist ihnen vieles klar, es ist nur eben Freitag letzte Stunde. Ein paar Unklarheitspünktchen sind geblieben, ich denke mir schnell zwei „Klarheitsbeschaffungsübungen“ aus und lasse sie miteinander die Hausaufgaben besprechen.
11.42 Wir sind soweit, die letzten verbleibenden Abstandssituationen anzugehen – das Anschauungsmaterial habe ich natürlich komplett in meinem Fach im Lehrerzimmer vergessen. Naja, ich habe hier Besen, Klapptafeln, Buchdeckel, Stifte, Finger und Arme – geht doch. Von letzteren leider nur zwei, daher komme ich beim Veranschaulichen irgendwann an meine Grenzen (sieht wahrscheinlich eh schon abizeitungsbeschreibungswürdig aus, wie ich da herumfuchtele). Aber ohnehin sollen die’s jetzt selbst erarbeiten.
12.02 darf ich mich hinsetzen. Wie gut ein Stuhl tut, ein einfacher Stuhl. Unterschreibe Entschuldigungsformulare, fülle das Kursheft aus, überlege, welche Gruppen ich nachher ihre Ergebnisse vorstellen lasse, schaue denen also zwischendurch über die Schulter, finde tolle Lösungswege vor und probiere schonmal aus, ob der Projektor funktioniert, das weiß man schließlich nie. Zwischendurch lausche ich den Diskussionen: dass man doch eigentlich auch Extremwerte bestimmen könnte, wenn beide Punkte auf beiden Geraden wandern. Ja, recht haben sie. Funktionen von zwei Variablen. Haben wir in der Schule leider nicht – „leider“ nur für diesen Kurs bzw. diese Schüler, die hier gerade ganz eigene gedankliche Wege gehen.
12.18 Arbeitsende, weil nun in allen Gruppen der Ideenpool erschöpft zu sein scheint. Benjamin und Willo erklären ihre Lösung, sie erfinden noch die Faust zur Veranschaulichung von Punkten:) und geben überhaupt alles. Der Kurs ist begeistert, es gibt Szenenapplaus, ich bin beeindruckt.
12.30 Weil das heute nicht mehr zu toppen ist, und weil die Denkgeschwindigeit am Freitagmittag ohnehin schon reduziert ist, plane ich schnell um und lasse ein paar neue Aspekte für kommenden Mittwoch übrig. Die Schüler sind nicht undankbar, vor allem diejenigen, die noch nicht dranwaren. Dafür lasse ich sie heute noch eine erste „echte“ Abituraufgabe lösen. Wie immer leicht unsinnig eingekleidet: Schatten von Laternenstäben auf Zelte und Abstände von Zeltstangen und Lampenschnüren – wann im Leben wird man sowas jemals berechnen??? (Die Pseudoanwendungsaufgaben im Mathematikunterricht, das wäre ein eigenes Thema …)
12.42 Ich lese die Schattenwurflänge vor, höre einige Juchzer, schreibe Hausaufgaben an und wünsche schönes Wochenende. Benjamin und Willo bekommen noch eine differenziertere Rückmeldung und strahlen. Karsten fragt, ob ich bemerke, dass er sich jetzt mehr bemühe – klar tue ich das! Und Muriel wischt wie immer die Tafel.

12.47 Ruhe. Sitzen. Trinken.
Ich räume mein Zeugs auf, mache mir Notizen zu allen Schülern, die mir heute im Laufe des Tages aufgefallen sind, in allen drei Klassen. Mündliche Noten sind ja irgendwie keine Bauchnoten. Und am Nachmittag habe ich das Wichtigste vielleicht schon wieder vergessen. Zumal: nach diesem Nachmittag. Außerdem tippe ich in meine Vorbereitungsdokumente gleich noch ein, wie ich in der nächsten Stunde weitermachen werde. Das weiß ich jetzt viel besser als in ein paar Tagen. Von außen wirke ich in dem Moment wohl wie: einsame Lehrerin, schlaff über Tisch hängend, in verlassenem Lehrerzimmer auf verlassenem Schulflur …
13.02 Ich breche Richtung Lehrerzimmer auf. Aus den anderen Klassenzimmern kommen auch noch Kollegen gekrochen. Keiner sagt mehr was. Es reicht für den Moment mit Reden.
Vor dem Lehrerzimmer sitzt schon Kind 1. Es wird ein Weilchen warten müssen. Kind 2 fehlt noch, und ich habe meinen restlichen Kruscht zu erledigen. Packe ein, was mitgeht, und aus, was hierbleibt (und entdecke zu Hause dann doch, dass ich einen dicken Ordner zuviel mitgeschleppt habe). Der Differenzierungskollege ist jetzt da, wir tauschen aus, was wir in unserer Parallelstunde gemacht haben. Mein Lieblingskollege weint über seinen 11er-Kurs: Was er mit den Null-Punkte-Schülern machen solle? Kurzer Ideenaustausch. Teetasse in die Spülmaschine, Mitteilungsfach leerräumen – die Blätter wachsen von allein nach:( – ich überfliege alles und sortiere: Tasche, Tisch, zurück ins Fach. Der Wer-kommt-mit-Pizza-essen-Ruf erschallt. In anderthalb Stunden ist Elternsprechtag. Die meisten Kollegen bleiben hier. Beneidenswert, denke ich. Mittagspause haben, das wär’s jetzt …

Draußen warten die Kinder, wir schlurfen zum Auto. (Nein, stimmt nicht: Die Kinder hüpfen. Auch das noch. Jetzt bitte keine Aktivität mehr von mir erwarten.)
13.20 Abfahrt. 13.35 Zu Hause. Der Papa hat für uns alle Pizza auf den Tisch gestellt, ohne die würde ich heute nicht … nein, jetzt kein Selbstmitleid, bitte. Solch ein Glück, für den Moment einfach nur zu sitzen und zu essen. Die Kinder reden über lineare Funktionen und über das Zählen von Buchstaben in Deutsch – hä? Wenn ich nachfrage, erzählen sie mir nie was?! Zum Glück erwartet niemand einen Redebeitrag von mir.

14.00 Ich kann entscheiden: Kurz wegnicken oder Kaffee? Ich wähle ersteres, kippe aufs Sofa und bin zu schlapp mir einen Wecker zu stellen, also habe ich Sorge einzuschlafen und raffe mich nach zehn (gefühlt zwei) Minuten wieder auf.
14.15 rufe ich durchs Haus, dass wir in fünf Minuten fahren müssen. Die Kinder packen ihre Sachen, Cello, Noten, Bücher, Handys, Fahrkarte.
14.20 sitzen wir im Auto, ab in den Musikschulnachmittag, 14.35 lasse ich sie aus dem Auto. Heute müssen sie allein dableiben: Ich lasse mein Handy eingeschaltet, du fährst mit dem 15.47-Zug – hast du einen Schlüssel? – und dich holt der Papa um fünf ab. Und ich düse zur Schule.
14.50 mit quietschenden Reifen einbiegen, natürlich kein Parkplatz frei, was kommen diese Eltern aber auch alle mit Auto …
15.00 ein besonderer Termin: ich als Mutter, das habe ich noch nie gemacht. Aber dieser eine muss sein. Ist mir so lieber als im Lehrerzimmer im Arbeitsalltag.

15.30 dann beginnen meine eigenen Termine. 15 eingeplante, sechs noch schnell dazwischengeschobene, das alles in drei Stunden. Gute Gespräche werden es, 21 mal in die Welt eines Schülers eintauchen, einvernehmlich. Ich hatte schon andere Elternsprechtage und bin ganz glücklich mit dem Verlauf des heutigen. Der Kaffee der SMV rettet mich immer wieder aus Zwischentiefs, und das Fenster muss ich, um ein Minimum an Konzentration zu bewahren, so weit geöffnet halten, dass alle Eltern in Jacken sitzen bleiben. Dafür sind die Worte warm, wenigstens.
Aber mehr erzählen mag ich davon jetzt nicht mehr. Auch noch heute fühle ich mich müde von diesem Tag.
(Apropos müde: Lese ich meine Vormittagsschilderung jetzt durch, verstehe ich endlich, warum ich nach der Schule immer müde bin. So richtig richtig müde. Elternsprechtag ist selten, aber dieser Vormittag, der ist ganz normaler Alltag. Es war noch nicht mal ein schwieriger Tag. Keine besonderen Vorkommnisse, keine Aufsicht, keine Physikexperimente in den Pausen aufgebaut, keine Schüleremotionsausbrüche, keine Tränen, keine prekären Situationen.)

Als ich gegen 19 Uhr das Schulhaus verlasse, weiß ich immerhin noch meinen Namen und wo ich das Auto geparkt habe. Den Autoschlüssel zu finden dauert dann etwas länger. Und dass man am Radioknopf kein Licht einschalten kann, das erschließt sich mir auch erst nach längerem Versuchen.
19.20 Ich bin zu Hause, die Kinder auch. Alles hat gut geklappt, sie warten aufs Abendessen. Nö, heute nicht ich, kann ich noch aus dem Sessel dahinhauchen. Sie haben Erbarmen mit mir und decken den Tisch. Nur die Sektflasche, die hole ich mir selbst aus dem Kühlschrank.
Waren es zwei Gläser, oder drei? Habe ich um acht schon geschlafen, oder erst um neun?
Der letzte Gedanke ist: Wochende, nur noch Wochenende.
Und: Noch eine Woche bis zu den Ferien …