Letzter Ferientag

Ich erwache aus einem Schulversagenstraum, ein bei mir nicht unübliches Ritual zu Ferienende. Thema der Stunde ist der Drehimpuls, hinten drin sitzt eine Prüfungskomission (oder ist es nur ein einfacher Unterrichtsbesuch?), jedenfalls wie bei so ner Referendarin. Ich habe keinen Entwurf vorbereitet, keine Experimente aufgebaut, die Schüler wissen besser Bescheid als ich, werfen Formeln von rotierenden Körpern in den Raum, ich habe keine Ahnung, die Schüler aber letztlich auch nicht, und ich versuche angestrengt, meinen Kopf aus der Schlinge der Situation zu ziehen.

Lieber aufwachen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Statt mich in meinen Roman zu vertiefen („Treibsand“ – sehr berührend!), verdaddele ich die erste Morgenstunde bei Twitter. Und ärgere mich; ich sollte wieder mehr Bücher lesen. Was aber ganz allein an mir liegt. Irgendwas muss anders werden mit meinen Alltagsentscheidungen, den zahlreichen Zeitverbringdingern, dem Hin-und-Herspringen zwischen allem, was mich zu sich zieht. Letztlich bin ich von keinem Einzigen richtig gesättigt, und hätte doch Hunger auf so Vieles.

Dies also meine Erkenntnis zum Morgen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Die Kinder erdrängeln sich Frühstück. Die Tochter wird ungeduldig, beginnt selbst vorzubereiten. Beim Spiegelei zerlaufen ihr alle Eigelbs, der Sohn meckert, weil er kein weißes Stück mehr abbekommt, der Tochter schmeckt es zu angebrannt, der eine bringt der anderen keinen Joghurt mit, so fliegen die Nettigkeiten hin und her. Letztlich haben beide keine Lust und keine Geduld mehr länger am Tisch sitzen zu bleiben.

Na gut, dann trinke ich meinen Kaffee eben allein weiter. Erstmal sitzenbleiben und tief durchatmen.

Gerade kommt mir Lust, der Tag mit seinem Wetter ist ja perfekt dazu, mit der Tochter eine Ferienende-Eisdielen-Radtour zu planen. Da höre ich sie säuselnd am Telefon mit nem Freund flirten. „Ich frag mal meine Mama, ob ich darf„, und schwupp ist sie verabredet. Flügge werdendes Kind. Und meine Eisdielen-Radtour kann ich nun alleine machen, oder wie?

Schade. Es wäre heut so schön gewesen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Beide Kinder tragen seit Tagen Ärger über ihre Lehrer auf der Stirn geschrieben, weil diese am ersten Tag nach den Ferien eine Arbeit zu schreiben gedenken. Beim Blick in die Vorbereitungsunterlagen entdecken sie heute, dass die Arbeiten doch erst am Ende der Woche geschrieben werden. Beide ärgern sich über die umsonst gelernten Vokabeln. Und über mich, als ich nämlich anmerke, dass sie ja auch hätten eher in ihre Unterlagen schauen können. „Boah, Mama, Du hast ja keine Ahnung …

Schön, wenn sich Geschwister einig sind. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Der Garten ist warm, hummeldurchsummt und vögelverzwitschert, und bietet mir nach ein wenig Winterdreckwegwisch-Aktivität seinen Tisch für meine Schulvorbereitungen an. Wenn nicht da nebendran die Nachbarn, von noch wenig Grün wenig schallgedämmt, ihre Grillsaison eröffnen würden. Mit Grillreinigungsgepolter besser als jeder Benzinrasenmäher, lauthalsen Brüllgesprächen in meine Richtung, quer-durch-den-Garten-Haste-noch-ein-Bier-Geschreie (fast möchte ich mitrufen: „Hier, ich hätte sonst auch noch eines.„) und letztlich gevöllt-angetrunkenem Lachgekreische. Danke auch, so kann ich nicht arbeiten.

Wieder reingehen. Erstmal hinsetzen und tief durchatmen.

Bald sind meine Schulvorbereitungen fertig, ungewöhnlicherweise schon am Nachmittag des letzten Ferientages. Nein, nicht mein Verdienst, sondern das einer lieben Kollegin, welche die Parallelklasse unterrichtet und mir anbietet, ihre mühsam erstellte Stationenarbeit auch für meine Klasse zu nutzen. Ich müsse es mir nur abholen. Nichts leichter als das, denn sie wohnt seit neuestem in unserem Dorf. Ich war schonmal da: gelbes Haus, gleich hinter den Feldern, Eingang neben Torbogen, Hausnummer 8. Soweit erinnere ich mich. Und dann suche ich. Und suche. Suche weiter, und suche immer noch. Dort hinter dieser Ecke, und hinter jener. Ich wusste gar nicht, wie viele gelbe Häuser gleich hinter den Feldern unser Dorf hat. Am Ende kenne ich sie alle. Und finde – tata! – auch das gesuchte Haus. Es ist gar nicht gelb. Und es ist nicht die Nummer 8. Aber ich habe es ja gefunden. Und darf eine Tonne Unterrichtsmaterial nach Hause schleppen.

Ein schöner Radfahrnachmittag war es außerdem. Erstmal hinsetzen (auf den Sattel) und tief durchatmen.

Der Nachmittag endet mit einer späten Orchesterprobe der Kinder. Menno, heute, an diesem Tag, wo es eh schwer ist, das Ruder bei den Kindern vom Ferienmodus wieder in den Alltagsrhythmus umzuwerfen. Na gut, ich lasse sie vorher was essen, damit es hinterher schnell geht und sie um 9 im Bett sind. Aber natürlich ist nach dem Orchester doch noch das volle Programm angesagt. Bratkartoffeln und Würstchen bitte. Aber gern doch. „Wenn Ihr Euch in der Zeit umzieht und die Schulranzen …“ (Nein, das konnte man keinesfalls vor dem Orchester … und nein, das kann man auch nicht während des Bratkartoffelmachens erledigen …). Es ist 9, als wir fertig gegessen haben. Danach fehlen die Sporthose, der Mensaausweis, das Geodreieck, der Schülerplaner, der Fahrradschlüssel, die Brotdose, die Unterschrift, ach hier noch der Zettel vom Infoabend („Macht doch nichts, dass das schon vorbei ist, oder?„), das Heft X hat bestimmt der Jan, und das Buch Y muss die Lisa eingesteckt haben. Das Ranzenpacken zieht sich. Das Ausziehen auch. Und Zähneputzen ist an letzten Ferientagen sowieso überbewertet … „Ach so, hab ich vergessen.“ …

Erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Am Tochterbett nämlich. Langes Kuscheln inklusive.

Und jetzt kreischt mich der Schreibtisch an. Da ist doch noch die Überweisung, das Formular, der Brief, die Mail, die Liste, der Bücherstapel, die Kopiervorlagen …

Erstmal hinsetzen und tief durchatmen. Dabei bloggen.

Ehrlich? Hinsetzen und tief durchatmen hilft. Wenn ich meinen Tag hier lese, wirkt er anstrengend. Beim Durchleben war er es nicht. Weil ich heute mein Handy, mein Netbook, meinen Computer weitestgehend ausgeschaltet hatte, weil ich während des Sitzens und Atmens nicht immer noch hierhin und dorthin gezappt bin. Sondern höchstens bisschen was geschrieben habe (nämlich diese Textabschnitte hier), dann aber eben einfach saß und atmete.

Ja, so geht das: Immer mal hinsetzen und tief durchatmen.
Ist ja eigentlich kein Geheimnis, dass dies als Kraftquelle wirkt.
Vergesse ich nur zu oft.

 

5 Kommentare

  1. Das klingt gut, wenn du deine technischen Geräte nicht ständig nutzt. In Tagen, die so voll sind, sollte man sich immer einfach nur durchatmen gönnen und abschalten.
    Aus diesem Grunde (obwohl meine Tage ja eher sehr leer sind) habe ich twitter gar nicht als app.
    Ich benutze mein Handy nur noch zum Telefonieren und Simsen und natürlich für whatsapp.
    Ich habe so viel mehr Zeit für mich. Und es spart natürlich auch enorm viel an Batterie.
    Oftmals nehme ich es auch nicht mehr mit, wenn ich Einkaufen fahre.
    Auch eine gute Erfahrung.
    Früher hab ich ja auch mal ganz ohne gelebt.
    Schön, dass du einen Garten hast … ich musste natürlich lachen über deine geräuschintensiven Nachbarn. Nicht mal dort hast du deine Ruhe … Doch es wird bestimmt besser. Das war Angrillen … beim nächsten Mal sind sie bestimmt schon leiser.
    Einen guten Wochenstart für dich … einen möglichst sanften.

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    1. Danke! Es war kein gar so sanfter Start. Aber das ist nach den Ferien selten so.
      Ich habe mein Handy weiterhin ausgeschaltet mit mir herumgetragen … únd glaube, ich muss diese „Enthaltsamkeit“ noch ein wenig verfolgen, um letztlich einen gangbaren Mittelweg zu finden. Mal schauen …
      (Die Nachbarn, übrigens, sind leider immer schon und bestimmt für immer so laut. Sich damit im Innern zu arrangieren, lautet die Aufgabe. Ich hatte ja schon ein paar Jahre Zeit daran zu üben:))

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      1. Irgendwas ist anscheinend immer … In der Stadt ist es so ein monotones Hintergrundgeräusch … auf dem Land hast du dann Nachbarn, die ihre Laubbläser anschmeissen zu unmöglichen Zeiten. Auch nicht schön.
        Nun ja … dir bleibt wohl nichts anderes übrig. Ändern werden die sich wahrscheinlich nicht, oder hast du mal mit ihnen gesprochen?

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  2. Die Aufmerksamkeitsftesserchen (Handy und Co.) werden uns eines Tages noch auffressen, wenn wir nicht.

    Genau.
    Die Hyperaktivität, die die Virtualität mit sich bringt, tut mir nicht gut. Nicht immer.

    Durchatmen. Gestern, auf meiner kleinen Radtour an der Aare dachte ich: Was würde ich jetzt tun, wenn ich (noch) eine Familie hätte?

    Ich mag das Alleinseim. Bestimmt wäre es auch schön anders, aber eben: Die Alleinzeit, das Durchatmen & Innehalten, brauche ich so sehr.

    Habt alle einen guten Wochenstart!

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    1. Mir geht es genauso, ich brauche das auch sehr. Meine Kinder wissen darum und kennen mich ja nicht anders. Schon immer habe ich mich sehr viel zurückgezogen, sehr viel Alleinzeit gelebt. Schwierig waren die Jahre, in denen das hier in der Familie nicht möglich war. Jetzt – schon seit einigen Jahren – ist es viel besser.
      Wir haben ja auch keinen anderen Weg als uns das zu nehmen, was wir brauchen, oder? Jedenfalls wenn es so essentielle Dinge wie das Alleinsein sind.

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