Gedacht

Bannwaldrunden

Zuerst war da eine verlorene Reise. In meinen Ferienräumen, die sonst immer – Jahr für Jahr, seit jeher – gefüllt waren mit Unterwegssein, mit Wegen per Rad, die eine Brücke schlugen zwischen kalten Wintertagen und großer Sommerfahrt, in all diesen freien Räumen war dieses Jahr: Nichts. Oder jedenfalls: Fast nichts.
Immerhin, ein Plan war da. Und die mit ihm verbundene Vorfreude. Während über Ostern, an Himmelfahrt und über den ersten Mai noch das Lähmende der Zeit – die Reisebeschränkungen, die nicht abreißende Arbeit, die Ungewissheit, die Strukturlosigkeit – gewann, sah es in den Pfingstferien zunächst anders aus.
Jetzt endlich, dachte ich. Endlich endlich, es war spät genug für dieses Jahr. Die Wochen des Fernunterrichts hatten mich bodenlos erschöpft. Seit März kaum je freie Tage, Arbeit von morgens bis nachts, ich will davon gar nicht viel erzählen – es reicht, dass es ist wie es ist. Ein paar Tage Unterwegssein waren bitter nötig. Radreisezeiten laden meinen Akku mehr auf als alles andere. Eine Woche wie ein Jahresurlaub, so wenig braucht es für mich. Und so dringend war es mir. Ich hatte sogar Wildzelten geübt. Auch wenn dann pünktlich zu den Pfingtferien die Campingplätze wieder öffneten.

Doch dann begann mein Reiseplan zu bröckeln. Ein Termin nach dem anderen, die Anzahl der möglichen Reisetage immer mehr beschnitten. Und letztlich das Wetter.
Jedenfalls: Zwei ganze Tage war ich unterwegs, letztlich …

In innerem Jubel fahre ich los, glücklich im vertrauten Gefühl auf dem schweren Rad voller Packtaschen mit meiner Unterwegswohnung, mit Nahrung, Küche und Wärmendem. Der nur träge reagierende Lenker, die sanften Bögen, die das Rad mit Vollgepäck schlägt, als wäre es gleich mir gezähmt in allem, was unruhig klappern und zittern macht, wie Schloss und Schlüssel fügen sich mein Körper und das Rad ineinander, wann immer ich mich darauf setze.
Geliebte weiße Schilder mit der grünen Schrift, Dorfbrunnenpausen, einsame Waldwege ohne Ziel, Entdeckungen in weiten Wiesen, die Zeit verschwommen, der Tag ist lang und kurz zugleich. Ist es viel oder wenig, was ich fahre und trete, bergauf und bergab, wohin wird es gehen, wer hält, was hält, der Tag mündet in Stille. An diesem Fleckchen der Welt allemal. – Keine halbe S-Bahnstunde von meinem Zuhause entfernt, übrigens.
Ein Platz für mein Zelt, eine Nacht voller Frieden.
Ein nächster Tag mit freiem Horizont. Viel Auf und Ab im Odenwald, die Beine tun als hätten sie sich nie anders bewegt als so, ich schwebe. 1000 Höhenmeter, eine kleine Quasi-Alpen-Etappe.
Bis das Gewitter kommt. Von allen Seiten, immer dichter, immer lauter, vor mir, hinter mir, immer näher kommend. Die Wettervorhersage stimmt damit überein. Heute, morgen, übermorgen, und die nächste Woche auch gleich: Es wird regnen.
Es ist früher Abend, als ich mein Haus erreiche. Gewitter im Zelt – nein, das brauche ich nicht.

Der Rest ist schnell erzählt. Alle erreichbaren Orte haben auch Regen Regen Regen. Diese Woche, nächste Woche. Odenwald, Kraichgau, Schwarzwald, Alb … schweren Herzens resigniere ich und lade ab. So schnell ist meine Pfingstreise also vorbei. Keine 36 Stunden.

Ich fühle mich zerrissen. Für die Natur jubele ich, wissend, wie nötig ihr der Regen ist. Zwei Seelen in meiner Brust, ein Paradebeispiel: In der Trauer des Reiseabbruchs vollführe ich – auf meinem Balkon nunmehr – wahre Regentänze vor Freude.
Aber. Warum genau an meinen wenigen Tagen. Genau jetzt. Warum.

Die Radtaschen bleiben unausgepackt stehen, noch lange. Sie zu verräumen fühlt sich an wie meine Sehnsüchte in den Keller tragen. Wo genau die Wunde im Innern klafft, wird mir nicht klar. Es ist einfach Schmerz. Wundes Weh, gepaart mit Erschöpfung.

Bis ich – in einer Atempause des Regens – mein leeres, leichtes Rad nehme und in den Bannwald hinterm Haus fahre. Nahe Wege, die ich noch nie betreten habe, eine Bergkuppe voller Geheimnisse, ein steil bergauf tragendes Rad, schmale Pfade, nicht für meine Reifen gemacht, und doch. Ich steige kaum ab, keuche mich durch’s Dickicht, durch die Waldwildnis, hebe das Rad über Stämme, ächze sogar auf den Abwärtspassagen, schiebend vor Steilheit. Darüber beginnt meine Traurigkeit einen hellen Schimmer zu bekommen … Irgendwann bin ich oben. Glücklich, für den Moment. Während meine Tränen im Stillen weiterweinen.
Unten, am Ende des Bannwaldweges, finde ich uralte Gemäuer. Ein Ort zum Niedersetzen. Ich bin da.

Wie oft saß ich seither in der verwunschenen Burgruine. Mit mir und den Mauern und dem wilden Grün und der Weite des Flusstales unter mir. Wie oft ist dies mein Abendtrost. Meist nehme ich den Weg durch den Bannwald. Nicht immer über die Kuppe, nicht immer den steilsten Pfad. Aber immer über Unebenheiten.
Ohne die verlorene Reise wäre ich nicht hierhergekommen und hätte nicht meinen Ort am Ende des Bannwaldweges gefunden. Oder jedenfalls nicht sofort.

Vielleicht ist das Leben ein Bannwald. Unaufgeräumte Bäume, kreuz und quer. Wir können sie nicht ordnen. Nein, wir sollen es nicht einmal. Wald ist Wald. Nicht aufzuräumen, nicht zu richten. Niemand nimmt sie uns vom Weg. Ein Kreuz und Quer der Hindernisse, unerwartetes Gebremstwerden, hinter jeder Ecke eine andere Form der Unplanbarkeit.
Und wenn der Weg zu beschwerlich wird, ob bergauf oder bergab, dann gilt es zu schieben. Oder anzuhalten. Auch wenn ein Rad zum Rollen bestimmt ist. Und zuweilen heißt es umzukehren und einen neuen Weg zu finden.

Vielleicht habe ich einfach nur dies gelernt auf meiner verlorenen Reise.

Traumwachheit

Im Traum sprangen mich meine Sorgen an, kläfften an mir hoch, bellten mir ins Ohr, umringten mich von allen Seiten. Ich stand verängstigt in der Ecke. Die Aufgabe, die ich nicht bestand und bestehe und bei der ich doch immer wieder versuche, einen Fuß in die Tür zu bekommen, vergebens bislang. Der Beziehungsfaden, der riss und den wieder aufzunehmen ich nicht bewältige. Die Verantwortung, die ich stümperhaft wahrnehme, mit wer weiß wie hohen Schäden auf allen Seiten, da hilft auch all mein Bemühen nicht. Die Schmerzen, die ich zufüge, bewusst und unbewusst. Der Angstberg, an dessen Fuß ich verharre, wie das Kaninchen auf die Schlange starrend, in Resignation nahezu. All das, was nicht gelingt, was nicht wird, was ich nicht zu gestalten vermag, was mich überfordert.

Ich träumte davon. Eine ganze Nacht lang stand ich Aug in Auge mit Nichtbewältigtem. Und doch verlief alles unspektakulär. Es war ein ruhiger Traum. Von Berg zu Berg ging seine Handlung voran, von Krater zu Krater. Nichtgenügen zog sich als roter Faden durch den Film, Ungenügend war mein zweiter Vorname. Wohin ich auch kam: ich spürte es, wurde damit konfrontiert.
Und ging dann doch weiter, immer weiter. Am nächsten Ort zwar das Gleiche erlebend, nirgends kam ich meinen Aufgaben nach, und doch setzte ich Schritt vor Schritt.
Stundenlang.
Was für ein Traum.

Und dann, am Ende?
Wachte ich auf. Ruhig und friedlich. Versonnen damit, überhaupt geschlafen zu haben. Gleichzeitig irritiert davon, dass mich das Traumgeschehen nicht innerlich zerreißt, sondern mich, ganz im Gegenteil, in solche Ruhe versetzt.

Ist das schon die Antwort? Ein Traum voller Es-ist-wie-es-ist’s, in dem ich von einem Geht-nicht zum nächsten vorankomme. In dem ich mich nicht bewertet fühle und mich – noch viel wichtiger – nicht selbst bewerte.
Und, schon halb im Erwachen, eine Einsicht: Die Kette meiner Es-geht’s habe letztlich doch ich selbst geknüpft.

Zeit für eine Neusortierung.
Was geht?
Was geht nicht (mehr)?
Wie grenze ich mich ab gegen alte, wie wähle ich neue Aufgaben?
Und was ist überhaupt Aufgabe?
Wer gibt auf?

 

Fragmente

Ein Buchgedanke*: Das unerwartet Fremde, das Schwierige und Beängstigende durch eine äußere Ordnung überleben lernen. – Ich höre. Diese ordnende Struktur kann nur Eigenkreation sein, was sonst.

Aus demselben Buch*: Solange es noch eine Anwesenheit gibt, bleibt Abwesenheit undenkbar. Erst später dann wird das Licht aus dem Hoffnungsraum in den Raum der Erinnerung getragen. Wobei es dort nur noch flackert. Überschattet vom nicht mehr seienden Hoffnungslicht.
Weise Gedanken über das Sterben.

Flughafentränen. Den Kindern wachsen Flügel. Wer hätte gedacht, dass auch ich welche brauche.
Welch vermessene Idee: Sie aus abgestreiften Häuten zu bauen.

Ein Netz. Ein Netz ist allemal gut. Ich knüpfe. Gelähmt durch Angst, antizipierte Trauer, Verzagtheit.
Eine Feiglingin bin ich, will ich herausschreien. Mich fügend und einpassend. Wem auch immer dies in all den Zeiten genützt hat.
Ein Netz für den Mut also. Ob „für“ hier die richtige Präposition ist, darüber dürfen andere streiten.

Was für eine verschlingende Traurigkeitsleere. Wer nimmt sie wahr? Ich trotte allein, immer hinter den anderen her, ich bin die letzte.

Und mitten durch das Gestrüpp blinkt eine Vision. Mein Leben wieder zu gestalten. Mich neu zu formen. In der Ferne ist alles hell. – Bislang dachte ich immer, „Licht und Liebe“ wäre nur eine Floskel.

Ich gehe los. Voller Fragen.

(* aus Esther Kinsky: Hain)

Vom Wünschen, vom Wollen

Ich hatte es so gewünscht, ich hatte es so gewollt. Fast zwei Wochen lang hatte ich darauf hingearbeitet. Hart gearbeitet. Vom ersten Moment an, in dem mir diese Idee gekommen war. Ich hatte mich dafür angestrengt, mich fast zerrissen, mich an den Rand des Erschöpfungskraters gewagt, sehenden Auges, weil ich es doch so sehr wollte, so sehr, so sehr. Niemandem erzählte ich davon, es war mein ganz eigener Plan. Niemanden wollte ich mitenttäuschen, wenn es nicht gelingen sollte. Und so arbeitete ich einsam vor mich hin. Tagelang. Ta.ge.lang. Nächtelang, das bedeutet ja immer auch nächtelang.
Es waren einsame Tage, in denen ich mich zum Hartsein zwang, in denen ich mehrmals beinahe stolperte, gnadenlos mir selbst gegenüber war, verschwenderisch mit meinen Kraftvorräten, welche eben doch nicht unbegrenzt sind. Tränen flossen, die Tage bekamen Grauschleier, ich rutschte fast ab. Doch ich wollte es ja so sehr, so sehr. Also hielt ich durch.

Eines Abends konnte ich absehen, dass es zu schaffen war. Die Kräfte zwar am Ende, aber das Ziel vor Augen. Alles gut. Nur noch wenige Stunden, die Vorfreude schon greifbar.

Bis zum nächsten Morgen. Da zerbrach mein Vorhaben. Etwas anderes war geschehen, etwas, an dem ich nichts ändern konnte, ich nicht, und niemand. Etwas, das sich unserem Einfluss entzieht.
Worauf ich zwei Wochen lang hingearbeitet hatte, wurde plötzlich unmöglich. Und unwichtig, das auch. Weil sich Wesentlicheres davorgeschoben hatte.
Ich merkte erst nicht, wie mich dies traf. Denn weiterhin waren meine Kräfte gefordert, jetzt auf andere Weise. Auch die neue Situation war zehrend, mich vereinnahmend, mich auslaugend. Ich stellte mich hinein. Bis auch diese geschafft war.
Alles wurde letztlich gut. Alles ist gut.

Erst in diesem Moment realisiere ich, wie ich von Erschöpfung und Kraftlosigkeit durchdrungen bin. Von Enttäuschung auch. Über mein nichtgelungenes Wollen, an dem niemand Schuld hat. Und das dennoch so weh tut.
Das kleine Mädchen in mir will nur noch auf den Arm. Und die Große ist zu schwach, um ihr dies zu geben. Ich sitze hier und weine und weine und schluchze, bin leer und einsam.

So ist das eben mit dem Wollen und dem Wünschen, mit dem Planen zumal.
Ungut, starr fokussiert zu sein. Ungut, die Dinge unter enge Kontrolle bringen zu wollen. Ungut, zu lenken, ohne noch Freiheitsgrade offen zu lassen. Ein Wollen ohne Offenheit für Nichtgelingen, ein Wünschen ohne die Gelassenheit, andere Ausgänge zuzulassen, gerät zur Fessel. Wie oft ich dem schon aufgesessen bin. Das ist mir ja nicht unbekannt. Wie blind verrannte ich mich ein erneutes Mal.
Ich fühle mich selbst schuld an meiner Enttäuschung (was sie nicht kleiner macht). Ich fühle mich unreif, weil ich meinem Vorhaben eine Allmacht geben wollte (auch über meine eigenen Emotionen). Ich fühle mich vermessen, weil ich zu viel in die Hand nehmen wollte.

Wieder einmal gilt es Demut zu lernen, mich zu fügen, mich mit einem Ja hineinzustellen. Ich verstehe das ja.
Aber ich weine. Das Weinen, das lasse ich zu. Die Nacht ist noch lang.

Vom guten Ort

Nagst Du an mir, Wasser, oder formst Du mich? Peitschst Du mich, Wind, oder bist Du selbst ein getriebener? Fließt Du davon, Sand, der mich trägt, oder bereitest Du in Deiner Bewegung Boden für Neues?
Fragt der Stein im Meeresbranden.

Neigst Du Dich über mich mir das Licht zu nehmen, Baum, oder bist Du selbst vom Wind gebeugt? Wendest Du Dich von mir ab, Blatt, oder tanzt Du im Reigen für mich? Willst Du mich zum Fall verführen, Baumstumpf, oder vertraust Du mir den Schmerz Deiner Wunde an?
Fragt die Lichtung im Wald.

Versuchst Du mir die Sonne zu nehmen, Fels, oder suchst Du nur selbst ihre Wärme? Brüllst Du Dein Getöse mir zum Schmerz in die Ohren, Bergbach, oder fällst Du nur und weinst im Fallen? Verzerrst Du, was ich zu sagen meine, Echo, oder bist Du Spiegel?
Fragt die Wiese am Fuße der Felswand.

Nimmst Du mir den Atem, Wind, oder teilst Du Deinen Hauch mit mir? Flimmerst Du mir zur Verwirrung, Luftstrom, oder lädst Du mich zum Staunen ein? Betäubst Du meine Sinne, Blumenduft, oder bettest Du mich in Wohlsein?
Fragt die Bank an der Wiese.

Ich bin dies und das, da und dort. Wandere, irre umher, reihe mich ein, drehe mich mit, suche mich, wiege mich im Tanz, werde geworfen, falle, stehe auf, und bin. Der Stein im Meeresbranden. Die Lichtung im Wald. Die Wiese am Fuß der Felswand. Die Bank an der Wiese.

Früher, als Kind, da wusste ich um meinen inneren Ort wie um ein Geheimnis, in welchem ein jedes war, um dies und das, um da und dort zu sein.
Glückliche Kindheit. Auf Alleinwegen ganz bei mir unterwegs. Im Spiel völlig ins Schaffen vertieft. Im Weinen stimmig mich fühlend. Bei mir, an meinem guten Ort.

Später verlor ich immer öfter die Verbindung zu jenem Ort in mir. Der Stein im Wasser versunken. Die Lichtung zugewuchert. Die Wiese gemäht und verbaut. Die Bank verrottet und zerbrochen.
Das ist dieses Erwachsenwerden, dachte ich lange Zeit. Ein tröstlicher Irrglaube, den Verlust allein dem Lauf der Jahre zuzuschreiben.

Nun, ich bin wieder losgegangen, länger schon, auf der Suche. Wandere,, irre umher, reihe mich ein, drehe mich mit, suche mich, wiege mich im Tanz, werde geworfen, falle, stehe auf, und bin. Der Stein. Die Lichtung. Die Wiese. Die Bank.

Außen und innen

Seit Tagen hüllt ein Grau die neue Jahreszeit ein, ein Grau mit verwehenden Farbtupfen. Der noch gar nicht so ferne Leuchtherbst schimmert in einem jeden am Boden liegenden Blatt, in einem jeden sich kahl schüttelnden Zweiglein. Vergangen ist diese Lebensrunde, vergangen, so ruft das verwehte Grün von überallher. Und lässt gleichzeitig durchscheinen, dass darunter schon der nächste Kreis keimt. Im Vergehen ihres Nährbodens verströmen sich Ahnungen neuen Wachsens. Ich weiß ja, wo es knospen wird. Irgendwann. Bald.

Und plötzlich reißt sie auf, die alles einhüllende Nebeldecke, für einen Moment nur, dem ein kurzes staunendes Aaahhh! entfährt, denn tatsächlich ist da, vergessen schon hinter den grauen Schichten, ein offener Blick ins freudige Blau des schwarzen Universums. Jene leuchtende Farbe, welche der gleichen Quelle entspringt wie jede Wolkendecke, jeder Nebel, jedes Wetter.

Vielleicht ist das alles ja jahreszeitenlos, vielleicht schaffen wir uns diese Konzepte nur für eine innere Ordnung, ohne die wir uns nicht in der Lage sehen, uns durch unser Auf und Ab zu hangeln?

 

Vielleicht ist ein jedes Blau ja von Wolken gesäumt, und ein jedes Lebendige von Erstorbenem?

 

Wie frische Lebensadern Verblühtes durchdringen, und wie sich verdorrende Fasern auf pulsierendes Gewebe stützen, um ein gemeinsames verwobenes Netz zu bilden …

 

… wie sich Gereiftes, Tragendes, Eigentliches hinter schützenden Hüllen verbirgt, welche die Geste des Gebärens doch immer schon bereithalten …

 

… wie die überreifen Früchte immer schon neue Saat in sich tragen, wenn nur ein nährender Lichtstrahl sein Ja dazugibt …

 

… wie, wenn ich mich nur in weit geöffneter Gebärde empfangend bereithalte, einem jeden Verblühen eine neue Lebenswelt entspringt …

 

… wie ich all dies sehe, erkenne, erahne, immer wieder. Weil ein Licht hindurchleuchtet, durch alles.

 

Vielleicht, und hier schließt sich der Kreis, vielleicht sind ja jegliche Wolken wirklich immer von Blau gesäumt, und jegliches Erstorbene von Lebendigem.

 

Ganz ursprünglich, als fast noch Sommer war, da nahm ich diese Bilder auf, inspiriert von Ullis Maisfreuden. Zu ihren Maisschöpfen und -fasern wollte ich Maisgesichter suchen. Doch ich merkte schon am Feldrand, dass ich für Porträtfotos wohl zu ungeduldig bin, dass ich einzelne Gesichter kaum zu erkennen vermag. Stattdessen nahm ich einen Zyklus wahr, zunächst einen Ausschnitt davon, einen Teil des großen All-Kreises, später immer mehr und mehr. Ich sah, wie jeder Teil das Ganze in sich trägt. Und dass es bei all dem immer auch um mein inneres Kreisen geht, mein stetes Gebären, Sein und Ersterben.
Welche Erschütterungen brachten die letzten Wochen mit sich, und welche zögernden Schritte setzten diese in Gang. Nun gehe ich wieder. Und finde – auch mit diesem Text – in einen Frieden hinein, zunächst. Bis zur nächsten Wehe.

 

Stille

Stille ist, wenn etwas sein darf, wie es ist. Wenn es sein eigenes Lied singt, seine eigene Harmonie, seine eigene Klangfarbe. Stille misst sich nicht in Dezibel, nicht in von außen vernehmbaren Tönen, nicht in der Anzahl gesprochener Worte gar. Nein, Stille ist der aus einer Mitte ertönende Frieden, ein innewohnendes Gleichgewicht, eine sich verströmende Ruhe.

Vermutlich kann jemand anderes kaum nachempfinden, ob ich in einer Situation, einem Menschen, einer Begegnung Stille empfinde. Oder ob ich eben Lärm höre.

Lärm ist, wenn der natürliche Gesang der Dinge übertönt wird. Dies kann ganz lautlos geschehen, allein durch Blicke, Kopfschütteln und Gesten. Oder durch beurteilendes, verwerfendes, kleinmachendes Geschrei, welches – möglicherweise – auch wieder nur für meine Ohren laut erscheint. Im Lärm ist Zerbrechen, ist Sich-Verlieren, ist Aus-der-Welt-Fallen.

Und ich selbst?
Ich sehne mich nach Stille. Nach einem Sein, in welchem ich nicht von mir weggezogen werde. In welchem ich die sein darf, die ich bin. In welcher ich nicht verworfen, sondern wahrgenommen werde. Gesprächsvoll kann meine Sehnsuchtsstille sein, oder in Musik gekleidet, ja sie kann sich sogar in einer lauten Fabrikhalle finden. Wenn ich nur mein Ich und ganz in meiner Mitte sein darf.
(Natürlich: Der lauten Fabrikhalle ziehe ich den leisen Radweg vor, der belebten Asphaltpiste den einsamen Waldpfad. Und doch ist das zentrale Moment: Darf ich bei mir bleiben?)

(PS. Mir schwebten diese Gedanken schon lange in den Sinnen herum. Angeregt sie in Worte zu fassen wurde ich durch Kai und seine Lektüre über die Stille. Und durch mein Suchen dieser Tage natürlich.)

Wegpunktzufälle

Irgendwann tat ich es schon einmal. Damals strengte mich meine ewige Bildsuche sehr an, ich hatte diese Idee und war neugierig auf das, was geschehen würde.
Diesmal liegt mein Motiv noch etwas tiefer: Überfordert fühl(t)e ich mich, hilflos gegenüber dem Vielen, unfähig eine Auswahl zu treffen. Beim Fotografieren so wie bei sonstigen Dingen.

Und so tue ich plötzlich, was ich auch damals tat, und was mir der Herr Irgendlink hoffentlich nicht als Plagiat auslegen wird, denn es ist keines: Ich radle los und fotografiere meinen Weg in vorgegebenen Abständen. Genau dort, wo der Kilometerzähler Stopp gebietet, und nirgends sonst.
Hätte ich am Morgen schon geahnt, wie weit mich meine „kurze“ Samstagsrunde tragen würde, hätte ich wohl einen weiteren Rhythmus als 5 km gewählt, 7 oder 13 oder so. Doch auf einen 10-km-Abstand möchte ich die Bilder jetzt nicht mehr ausdünnen – dies ist ja keine Primzahl (;-)), und dies wäre dann tatsächlich Irgendlinks Zahl.
Nun also: Viele viele Bilder werden es. Alle 5 km nehme ich vier Blicke auf, in jede Richtung einen. Ich fotografiere mit festgelegter Brennweite und gebe mir auch sonst keine großen Entscheidungsmöglichkeiten bei Motivwahl, Tiefenschärfe oder Ausleuchtung. Was an jenen Fleckchen sich befindet und wie es sich im Licht des Moments zeigt, genau dies hält meine Kamera fest. Was aber in den Zwischenzeiten und Zwischenorten meinen Weg kreuzt, bleibt unfotografiert …

Wie schwer dies anfangs ist. Gänzlich unfotogene Ansichten landen im Apparat, wohingegen ich an zauberhaften Herbstnebelfarben, an fließenden Lichtwolken, an schimmernden Landschaftswellen vorbeirauschen „muss“, ohne sie mir auf mein Speichermedium zu bannen.

Wie das eben so ist, hier an der Strecke, und auf meinen täglichen Wegen, denkt es in mir. Haben wir eine Wahl, welche Bilder wir aufnehmen? Können wir dem Unschönen ausweichen, können wir immer nur das Wohltuende vom Wegesrand pflücken, so wie ich es beim Fotografieren sonst gern mache? Während doch immer das gesamte Spektrum an der Strecke liegt?
Ja, die unansehnlichen, gar hässlichen Ansichten sind da, ob ich will oder nicht. Heute landen auch sie in der Kamera, bunt untergemischt unter Fotogeneres, alles in allem ein wahrer Auszug aus der Wirklichkeit. Nichts ist geschönt, nichts ausgeblendet, ich verzerre nicht durch Auswahl und Verwerfen. Das was ist, das ist. Ich lebe darin.
Und doch: eine Stunde ist nicht eine Stunde, ein Kilometer nicht ein Kilometer, ein Bild nicht ein Bild. Meinen Kopf kann ich immer noch wenden wie ich möchte, selbst im Nachhinein. Kann die unliebsameren Blicke kaum mehr beachten, kann meinen Fokus auf das Labende richten, kann es vermischen mit stärkenden inneren Bildern, derer ich genug in mir trage und von denen ich heute emsig weitere einsammle. Das Panorama, welches ich von meiner Kurzreise mitbringe, wird von mir geformt und gefärbt, und nicht von den Bits und Bytes auf der Speicherkarte. Von einer statistischen Verteilung des Guten und des Unguten am Wegesrand möchte ich mir nicht vorschreiben lassen, was ich im Innern letztlich sehe …

Was bedeutet das überhaupt: das Gute, das Ungute, das Schöne, das Lichte? Sind dies nicht selbsterschaffene Kategorien? Ist ein Bild per se wohltuend, oder mache ich es mir zu einem solchen? Kommt das Licht der Dinge von ihrem äußeren Anblick her? Oder kann ich es ein Stück weit selbst erschaffen?
Wenn ich doch versuchte, auch in einem jeden Unbedeutenden – und sogar im vemeintlich Hässlichen – etwas aufzuspüren, das mich stärken könnte? Schließlich fügt sich jede Wegstrecke aus letztlich unbedeutenden Orten zusammen. Weder für mich noch für Euch als von außen Betrachtende ist es vermutlich von Belang, ob ich auf meiner Kurzreise am Rhein war (war ich nicht) oder am Neckar (war ich). Beide Flüsse sind hier weder zu sehen noch sind sie nicht zu sehen. Möglicherweise spielen sie gar keine Rolle.

Was für eine Entlastung, wenn ich nicht mehr Bedeutsames auszuwählen versuche, wenn ich nicht werte, nicht sortiere zwischen Leuchtturmanblicken und Grauackertönen, zwischen erstrebenswerten Reisezielen und dem ermüdenden immer ein wenig monotonen Tritt des Alltags.
Eine Entlastung für mich, da ich nicht allezeit nach tragenden und stärkenden Momenten auf meiner Lebenswegstrecke suchen muss, während ich gleichzeitig vor anderen Etappen die Augen verschließe oder gar fliehe.
Eine Entlastung auch für die Dinge und ihr äußeres Kleid, wenn sie nicht mehr die Bürde der Verantwortung dafür tragen, mir meine Tage zu retten, wenn auf ihnen nicht mehr das Gewicht der Sinngebung für andere Zeiten liegt.

Nun also: Was hat sich mir unterwegs gezeigt? Dies alles, dies viele, was folgt …
(Unten in groß ist jeweils das Bild in Fahrtrichtung zu sehen. Oben etwas kleiner das Rückwärtsbild, daneben die Bilder in seitlicher Richtung.)

Kilometer 5:

 

Kilometer 10:

 

Kilometer 15:

 

Kilometer 20:

 

Kilometer 25:

 

Kilometer 30:

 

KIlometer 35:

 

Kilometer 40:

 

Kilometer 45:

 

Kilometer 50:

 

Kilometer 55:

 

Kilometer 60:

 

Kilometer 65:

 

Kilometer 70:

 

Kilometer 75:

 

Kilometer 80:

 

Kilometer 85:

 

Kilometer 90:

 

Kilometer 95:

 

Kilometer 100:

 

Vielleicht sollte ich öfter so wahl- und entscheidungslos durch die Linse schauen?
Nun, „schöne“ Bilder werde ich natürlich weiterhin suchen und zeigen, mit aller Freude und Leichtigkeit, welche die Hingabe an ästhetische Wunder schenkt. Aber ich suche, lebe und fotografiere schon recht idyllezentriert.
Vielleicht gibt es einen Mittelweg. Beim Fotografieren, und im Leben.

Schulgedanken, lang in mir getragene

Es ist Zeugniszeit, Notenzeit, die Zeit vieler Tränen.
Ich gebe die letzten Klassenarbeiten zurück, spreche dabei mit jedem Kind, mit jedem Jugendlichen einzeln. Einmal im Jahr, mindestens, muss Zeit sein für ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Was nehme ich von Dir wahr, über die Zahl, die unter der Arbeit steht, hinausgehend? Worin bestehen – in meinen und in Deinen Augen – Deine größten Schritte der letzten Zeit? Wie geht es Dir in meinem Fach, in meinem Unterricht, was brauchst Du, was wünschst Du Dir von mir?
Etwa 150mal versuche ich in den letzten Wochen, in ein kurzes Gespräch über all das zu kommen, oft gelingt es. Und oft, viel zu oft fließen dabei Tränen. Auf die Schüler mit den „schwierigen“ Noten hatte ich mich vorher ausführlich vorbereitet, hatte für jeden einzelnen überlegt und aufgeschrieben, was ich an Tröstendem, Ermutigendem und Besänftigendem sagen könnte. Doch die meisten Tränen gibt es für mich völlig unerwartet. Oft sind die Noten nur der Anlass, es fließt zumeist sehr viel mehr mit. Immer geht es um Überforderung, bis hin zu Verzweiflung, die ganz unmittelbar mit der jeweiligen Schulsituation des jungen Menschen verbunden ist.
Viele Gespräche gehen mir innerlich nach. Einige haben sofortigen Elternkontakt zur Folge, andere trage ich ins nächste Schuljahr mit. Manches teile ich mit Kollegen, mit der Schulleitung auch, hin und wieder können wir ganz unmittelbar etwas ändern. Das meiste aber bleibt zunächst ungelöst.
Es folgen die Zeugniskonferenzen. Allzu oft müssen wir entscheiden, dass ein Kind eine Klasse nicht „geschafft“ hat. Welcher Weg für das Kind nun der beste ist, dafür versuchen wir beratend zur Seite zu stehen. Zunächst aber versetzen wir mit der telefonischen Mitteilung so manche Familie in einen Schockzustand. Kein anderer Weg scheint angedacht, kein anderer Weg als das Turbogymnasium. Zuweilen brechen vor unseren Ohren Welten zusammen, prallt der ganze Schock ungedämpft auf ein Kind ein. Wieder Tränen Tränen Tränen.

„Was läuft da schief in unseren Schulen?“ Diese Frage stand wie ein Fazit unter einem Twitterkurzgespräch vor längerer Zeit, in dem es um Schulängste und -tränen, um Schule und die Schulen allgemein, um unsere Kinder in diesen Schulen und die im Hintergrund das Schulerleben stets mittragenden Familien ging. Diese Frage blieb in mir hängen, bis heute.
Was also läuft schief in den Schulen? Warum fließen dort so viele Tränen? Wie fühlen sich die Kinder und Jugendlichen, die diese weinen? Welche Ängste und Nöte tragen sie in sich? Warum fliehen so viele Jugendliche in psychische Erkrankungen, in Essstörungen, Depressionen und selbstverletzendes Verhalten?
Kaum einer Familie mit Schulkindern werden diese Fragen völlig fremd sein, vermute ich. Wir hier zu Hause erleben sie glücklicherweise nur in Ansätzen, weil meine Kinder es im Großen und Ganzen gut getroffen haben. Als Lehrerin aber bin ich jeden Tag involviert. Kinder weinen beim Erblicken der Klassenarbeitsnote – selbst schon bei einer 2 – los, Jugendliche fragen mit ängstlicher Stimme, ob der Test unterschrieben werden solle, ich werde angefleht, über die wiederum vergessenen Hausaufgaben nichts den Eltern mitzuteilen – das ist mein Arbeitsalltag. Ich möchte aufschreien.

Unser Schulsystem ist voll von Bewertungen. So sehr mich das Verteilen von Noten manchmal selbst schmerzt: Nun gibt es Noten aber einmal, an dieser Schraube lässt sich im Moment und in der konkreten Situation nicht drehen. Statt mich an eine Schulform ohne Noten wegzubewegen, habe ich in den letzten Jahren immer und immer wieder darüber nachgesonnen, wie ich, wie wir mit diesem Bewertungssystem umgehen könnten.
Meine vielen Beobachtungen und Überlegungen lassen sich vielleicht am ehesten so – in fast schon unzulässiger Verkürzung – zusammenfassen:
Noten sind zunächst Zahlen, mit deren Hilfe eine Schüler“leistung“ mit einer im System festgelegten Skala des erwarteten Könnens und Wissens abgeglichen wird. Wer oder was diese Skalen in einzelnen Schularten, Schulen und Fächern jeweils festlegt, nach welcher Formel der erbrachte Anteil in eine Notenzahl umgerechnet wird, dass es dabei selten völlig objektiv zugeht und dass solche mathematischen Verfahren wie Notendurchschnitte und Ausgleichsregelungen bei der Versetzung höchst strittig sind, geschweige denn dass zahlreiche andere Faktoren als nur das Erlernte auf die konkreten Noten Einfluss haben, um all diese Aspekte soll es jetzt nicht gehen. Ganz schlicht gesagt also: Mittels Noten wird abgeglichen, welchen Anteil des zu Lernenden zu einem jeweiligen Zeitpunkt als Erlerntes dargeboten werden kann. Nicht mehr, und nicht weniger.

Was Lernende aus diesen Noten allerdings oft ablesen, ist weit mehr. Da fällt das Attribut „schlecht“ – „Ich bin ein schlechter Schüler. Ich bin 4.“, wenn im Gegenzug die „guten“, die „Einserschüler“ hervorgehoben werden. Diese Wertung wird auch nicht besser, wenn stattdessen „schwach“ oder „leistungsschwach“ gesagt wird. Da sind die Notenbezeichnungen „mangelhaft“, „ungenügend“ und „ausreichend“ geradezu prädestiniert, als Persönlichkeitsbewertungen gelesen zu werden. Doch halt, es geht nicht um diese Bezeichnungen. Mögen diese meinetwegen so bleiben.
Es geht darum, dass die damit verbundenen Bewertungen nicht in die Seelen der jungen Menschen eindringen. Dass sich also nicht ein ganzer Mensch bewertet fühlt, wo die erhaltene „Zahl“ einzig das im Prüfungskontext gezeigte Können oder Nichtkönnen meint.

So klar, so schwierig. Denn wie kann sich eine kleine Seele dieser verletzenden Sprache entziehen, wie kann sie sich vor dem Gefühl des Klein- und Minderwertigseins schützen, wie kann sie verhindern, dass sie sich bis ins Innerste persönlich bewertet fühlt?
Dies kann nur gelingen, wenn die Verbindung zwischen Notenzahl und Persönlichkeitsbewertung so weit wie möglich gekappt wird, und zwar in erster Linie durch die das Kind umgebenden Erwachsenen.
Ja, darin liegt in meinen Augen unsere allererste Verantwortung. „Unsere“, das meint: die der Eltern und die der Schule. In der allerletzten Stunde vor dem schriftlichen Mathematik-Abitur sage ich zu meinem angstschlotternden Kurs immer einen Satz, den ich jedem Kind und Jugendlichen als verinnerlichtes Mantra wünsche:
Eine Note ist eine Zahl ist eine Zahl ist eine Zahl.“

Nun wäre es allerdings naiv, diesen letzten Satz als Fazit stehen zu lassen. Er gilt so uneingeschränkt allerhöchstens bis zum Ende der Mittelstufe, nur in den Fächern, in denen nicht Wissen und Können gravierend aufeinander aufbauen, und auch nur, wenn sich die Noten – auf der hierzulandigen Skala – zwischen 1 und (sicherer) 4 bewegen. Außerhalb dessen kommen Versetzungsregelungen, Uni-NC-Fächer und überhaupt die Notwendigkeiten langfristigen Lernens ins Spiel. Äußere Gegebenheiten also, die es doch nicht gleichgültig sein lassen, mit welchen Zahlen man den Schulparcours absolviert. Lebensentscheidungen hängen davon ab, Schulart und Schulwechsel, Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, Chancen auf Praktika, Preise, gesellschaftliche Anerkennung etc. Die Gesellschaft lebt in weiten Bereichen vor, dass man (erst?) durch Leistung etwas zählt, dass das Attribut „wertvoll“ viele Überschneidungen mit „leistungsfähig“ hat. In die Schule ist dies längst tief eingedrungen, dem entzieht sich niemand durch Augenverschließen.
Insbesondere Eltern haben dies alles vor Augen. Ängste flackern auf, man möchte das Beste für sein Kind, es soll doch seine Wege „erfolgreich“ gehen können, es soll „bestehen“ und „weiterkommen“, es soll die nötigen Voraussetzungen erwerben, um etwas zu „werden“. — Nein, ich mache dies nicht lächerlich, stelle mich nicht darüber, blicke nicht distanziert darauf hinab. Auch mir als Mutter schießen solche Dinge durch den Kopf, auch ich sorge mich um die Zukunft meiner Kinder, auch mich haben schon manche Rückmeldungen aus der Schule erschreckt, weil ich mich daraufhin um den künftigen Weg meiner allerliebsten Menschen ängstigte.

Als ich vor Jahren eine ältere Kollegin fragte, was sie Eltern sage, gerade wenn sich die schulische Situation des Kindes problematisch darstelle, bekam ich eine Antwort, die ich seither fest in mir trage: „Machen Sie keinen Druck. Ihr Kind hat das Recht auf eine glückliche Kindheit. Machen Sie also in erster Linie keinen Druck.“
Ja, ja und ja!
Machen wir keinen Druck. Der Satz ist an mich gerichtet, an meine KollegInnen, an die Eltern, und vielleicht auch ein wenig ans Kind. Dieses aber kann sich selten wehren und verinnerlicht oft nur den von außen hineintransportierten Druck.
Sagen wir stattdessen lieber: „Du bist gut, so wie Du bist. Auch wenn Du schlechte Noten hast.“ Oder besser: ohne „auch“. Damit der Wert des Kindes und seine Schulnoten in keinerlei Zusammenhang gebracht werden.
Manche Kinder tragen dieses „Du bist gut, so wie Du bist.“ ja in einer gesunden Natürlichkeit in sich. Die meisten allerdings sind – zumal in der Pubertät – abhängig davon, dass Eltern und LehrerInnen dies in sie hineintragen. Ja, Eltern und LehrerInnen. In dieser Reihenfolge, sage ich.

Beginne ich trotzdem bei uns als Schule. Wir als Schulart stehen – im Moment – vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Eingebunden zwischen Grundschule und (Zentral)Abitur, sollen wir mit immer mehr, immer jüngeren, immer weniger reifen, immer unkonzentrierteren Schülern in nur acht Jahren das Gleiche wie immer schon erreichen. Die Hochschulen und Industrieverbände merken an, dass uns dies nicht gelingt, sie haben wohl Recht; manche Studiengänge lassen sich nur noch nach universitären Vorbereitungskursen bewältigen. Eine Drucksituation für alle Beteiligten.
Und doch, bei aller unmöglichen Quadratur des Kreises dürfen wir als Schule diesen Druck nicht an die Kinder weitergeben und sie damit kaputtmachen. Leben wir also diesen Satz – „Du bist gut, so wie Du bist.“ – für jedes Kind in jeder Situation. Wer dies nicht kann oder nicht tun will, sollte den Beruf wechseln. (Was im System aber nicht vorgesehen ist, fatal.)

Allerdings geht ein schlechter Lehrer, auch wenn er „großer Mist“ ist, irgendwann vorbei „wie das Wetter“, wie eine Nachbarin, Vierkindmutter mit schwierigen Schulerfahrungen, immer zu ihren Kindern sagte. Ich gebe ihr Recht und sage diesen Satz inzwischen auch zu meinen Kindern, wenn er denn nötig wird.
Eltern dagegen, die ihr Kind mit Ängsten, Besorgnis und übermäßigen Forderungen erdrücken, sind nicht nur „großer Mist“, sie wirken zuweilen tragisch. Sie tun etwas, was sie als allerletztes wollen: Sie verweigern ihrem Kind ein freies, glückliches Aufwachsen, wenn sie an ihm reißen und zerren und das Kindsunmögliche verlangen. Bessere Noten etwa, wenn das Kind einfach nicht mehr kann. Den Verbleib auf dem Gymnasium, wenn das dortige Turbotempo in keinem Bereich zum Kind passt. Selbst wenn das Kind schon aus allen Poren signalisiert, dass es an dem permanenten Gefühl, nicht zu genügen, krank wird, verweigern manche Eltern ihrem Kind einen Schulwechsel. Dabei gibt es zahlreiche Wege, die dem Kind wieder zu einem glücklicheren Sein verhelfen könnten. Wir bieten gerade den Familien, deren Kinder es bei uns nicht „schaffen“, Beratung zu allen denkbaren Facetten an, nehmen uns mehr als für andere Familien Zeit. Allzu oft jedoch werden unsere Einschätzungen und Empfehlungen einfach nur vom Tisch gewischt. Das sind die Gespräche, die Situationen, in denen ich weinen möchte (und es zuweilen tue). Da gehen Kinder vor aller Augen kaputt …

Viele weitere Gedanken dazu finden sich in diesem lesenswerten Artikel, ebenso wie in diesem Blogpost.  Den Satz „Wie schlimm eine schlechte Note ist, das definieren die Eltern“ nehme ich mir mit.
Ebenso wie die Empfehlungen: „Gehen Sie in die Apotheke, kaufen Sie eine große Flasche ‚Heitere Gelassenheit‘ und nehmen Sie davon dreimal täglich 20 Tropfen.“ Und: „Immer fröhlich Gesundheit und Glück der Kinder im Blick behalten.“
Kinder, deren Eltern dies verinnerlicht haben, haben es leichter, im Schulsystem mit seinen Unzulänglichkeiten zurechtzukommen. Als Lehrerin habe ich immer nur eine nachgeordnete Rolle.
(Und nein, ich möchte nicht, dass dies als Schuldzuweisung gelesen wird. Jeder Mensch, Mütter, Väter, wir alle, handelt immer aus dem Korsett des eigenen Erfahrens und Erlebens heraus. Den tragischen Schülergeschichten gehen tragische Elterngeschichten voraus, weit über die in meinem Fach verbreitete Ich-konnte-das-auch-nie-Tradition hinaus.)

Wie man es jedoch dreht und wendet: Es bleibt schwierig für alle Seiten. Für die Kinder, für die Eltern, für die Schulen. Wir alle sind mit der Situation überfordert, fühlen uns alleingelassen und finden manchmal keinen anderen Ausweg, als den allseitigen Druck immer nur gegenseitig aufeinander abzuwälzen. Eltern auf Lehrer, Lehrer auf Eltern, und alle zusammen auf’s Kind.
Das darf nicht sein. Das darf so nicht bleiben.

Ich träume von viel mehr Schulpsychologen, von viel mehr professionellen Beratenden, die für uns alle da sind.
Ich träume von einem Netz an Unterstützenden aus der Gesellschaft, damit wir mit Angeboten und Projekten unsere enge Klassenzimmerwelt verlassen können und sich weitere Teile der Gesellschaft mit an der Erziehungsaufgabe, dem Ermutigen, Stärken und Aufrichten der Kinder – und eben dem Abfangen von Druck – beteiligen.
Ich träume von kleineren Klassen und von weniger Unterrichtsstunden, damit Zeit für viele, viele Gespräche bleibt. Denn ja, in Eltern-Kind-Lehrer-Gesprächen mit dem Fokus: „Was wollen wir, was ist realistisch, womit dürfen wir zufrieden oder stolz sein, und warum ist eine 3 nicht schlimm?“ könnte man vieles aufbrechen und abfangen, könnte viele Familien im Umgang mit der Schulsituation unterstützen. Wenn ich solche Gespräche derzeit im notwendigen Umfang anbieten würde, wäre ich wohl bei einer Wochenarbeitsstundenzahl von 100. Ganz ernsthaft. Soviel Gesprächs- und Begleitungsbedarf gibt es. Dem meisten kann ich beim besten Willen und Gespür für die Bedürfnisse der Kinder nicht nachkommen.
Ich träume also von einer tragbaren Arbeitsmenge für mich und meine KollegInnen, so dass wir jedem einzelnen Kind gerecht werden können.

Und nun? Was bleibt nach dem Träumen? Manchen KollegInnen und manchen Eltern meiner Schüler eine Kopie dieses Artikels in den Briefkasten zu werfen? Das würde ich in einigen Fällen wirklich gern tun. Doch das traue ich mich nicht.
Vielleicht ist es ja weit wichtiger und fruchtbarer, wenn ich bei mir selbst anfange. Was also kann ich persönlich tun, selbst wenn meine Träume nur Träume bleiben werden und wenn nach wie vor Familien in ihrer Schulsituation eben sind wie sie sind.
Immerhin kann ich mit den Kindern im Gespräch bleiben, im Unterricht, in den Pausen, bei zusätzlichen Treffen.
Ich kann ihnen sagen und – wichtiger! – vorleben, dass man sich nicht an Zahlen messen lassen muss, dass sich das Wesentliche des Lebens ganz woanders findet.
Ich kann mit ihnen darüber sprechen, dass und wie man sich selbst – und eben nicht primär seine Leistungen – im Blick behalten sollte, damit man gesund bleibt und mit sich selbst in einem stimmigen Gefühl lebt.
Und: Ich kann jedem einzelnen Kind spiegeln, was für ein wunderbarer, wertvoller, einzigartiger Mensch es ist.
Wenn dies in den Kinderherzen ankommen würde, wäre schon viel erreicht.

Unsichtbarkeiten

„Du hattest ein Geheimnis. Du trugst einen Makel in dir, den es vor der Welt zu verbergen galt, und weil dir schon bei der bloßen Vorstellung, entdeckt zu werden, sterbenselend zumute wurde, warst du gezwungen, dir nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht dein wahres Gesicht war. Später an diesem Vormittag, als George dir gestand, dass auch er früher mit genau diesem Geheimnis gelebt hatte, kam dir der Gedanke, dass wohl die meisten Leute ihre Geheimnisse hatten, vielleicht alle Leute, ein ganzes Universum von Leuten, die, ihr Herz von einem Dornenkranz aus Schuld und Schande umwunden, auf Erden wandelten, sie alle gezwungen, sich nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht ihr wahres Gesicht war. Was sagte das über die Welt? Dass jeder dort mehr oder weniger im Verborgenen lebte, und weil wir alle anders waren als das, was wir zu sein schienen, war es so gut wie unmöglich, von irgendjemandem zu wissen, wer er war.“

(Paul Auster: Bericht aus dem Inneren)

Gedankenumkehr

Nicht:
Hat, was ich tue, einen Nutzen und welchen, und ist der gut und groß genug?
Nicht:
Was will ich in meinem Rings-um-mich verändern?

Sondern:
Ist, was ich tue, für mich und für mein Rings-um-mich richtig? Stehe ich mit meinem Selbst ganz dahinter?
(Ohne dass es vollkommen oder weise sei.)
Und:
Wo könnten wir hingelangen, wenn das jede und jeder so handhaben würde?
(Ohne dass dies für jede und jeden so passen würde.)

 

Unausgegorene Gedankensplitter. In einer wild-chaotischen Gedankenblase vor sich hin reifend.

 

sichtgewandelt

Man könne das Leben nicht durch gleichförmig ablaufende Zeiteinheiten ausmessen, weil es nicht aus einem Gleichtakt von „so und so vielen Tagen, Wochen, Jahren“ bestehe, so las ich neulich. Diese Täuschung versuche dem „Ernst der Einmaligkeit auszuweichen.“
Wir schieben die mechanische Gleichförmigkeit der abstrakten Stunden oder Tage vor. In Wahrheit sind jede Stunde, jeder Tag, jedes Jahr lebendige Phasen unseres konkreten Daseins, deren jede nur einmal kommt, da sie eine unvertauschbare Stelle in dessen Ganzem bildet.
Darin, daß jede neu ist, noch nicht da war, einzig ist und für immer vergeht, liegt ja auch die Spannung des Daseins; der innerste Anreiz, es zu leben. Sobald er nicht mehr empfunden wird, entsteht ein Gefühl der Monotonie, das sich bis zur Verzweiflung steigern kann. Ebendaraus wächst aber auch die Schwere der Tatsache, daß nichts Vergangenes einzuholen ist, und damit die Not des Verloren-Habens.
(Aus: Romano Guardini „Die Lebensalter“)

Mich springen diese Worte an. War das doch lange Zeit – bis jetzt sogar? – auch meine Täuschung. Das Ganze des Lebens schien mir unendlich, jeder Lebensmoment wiederholbar zu sein. Nicht in einem naiven Sinne, wie ein Kind etwa noch kaum daran denkt, dass es einst sterben wird, aber eben doch. Mich täuschte es darin, dass ein jeder Lebenspunkt, ein jeder Lebensbogen jederzeit wieder aufzugreifen, fortzusetzen, in ein Neues zu verwandeln wäre.
Eine Illusion in zweierlei Hinsicht lebte (und lebe?) ich damit: Das schon Gewesene scheint unendlich fortsetzbar zu sein. Und das noch nicht Gewesene scheint immer nur mit diesem bereits Gewesenen zu tun zu haben.

Und nun – merke ich auf. Wie wäre es denn, wenn ich einen jeden Lebenspunkt als ein Neues lebte, als einen einzigartigen Moment mit einzigartigem Charakter? Wenn mir Wiederholungen, der äußeren Abläufe etwa, nicht als Wiederholungen erschienen, weil sie dies letztlich nicht sind? Schaut man nämlich über die äußere Form in ihrer Ähnlichkeit zu schon Gewesenem und noch Werdendem hinaus, wird in jeder Wiederholung etwas Eigenes, Unvertauschbares sichtbar. Was öffnete sich mir, wenn ich den routinegefüllten, sich hohl anfühlenden Tagen ihre jeweilige Einzigartigkeit abzugewinnen vermöchte? Und den besonderen, spektakulären Momenten ebenfalls? Auch diese sind ja nicht unendlich wiederholbar, möglicherweise gar nie wiederkehrend. Wie wäre es, die Einzigartigkeit eines jeden Lebensmomentes beim Wort zu nehmen?
Dann wäre ein jedes Das-mache-ich-beim-nächsten-Mal oder Hier-fahren-wir-wieder-her oder Der-Tag-kann-weg oder Wenn-nur-die-Woche-erst-vorbei-ist Täuschung, wäre fortgesetztes Verkennen der Einzigartigkeit.
Kann ich ohne diese irreführenden Sätze leben? Kann ich nicht nur vermeiden, sie auszusprechen, sondern kann ich sie selbst im Unbewussten löschen?

Es ist ja auch so: Wenn mich zuweilen Wehmut über Vergangenes überfällt, weil es mir als Verlorenes daherkommt, dann vielleicht, weil ich diese Momente damals nicht als Unvertauschbare, sondern als stets und beliebig oft zu Wiederholende gelebt habe. Irrtümlich. Ich war jung.

Einzigartigkeit löscht Momente sozusagen aus. Im Augenblick ihres Vergehens werden sie zu Gewesenem. Zu einem Es-war. Es-wird-nicht-mehr-sein. Ein Satz, gegen den man sich häufig wehrt. Andererseits – und das wurde mir noch nie so klar – eröffnet erst das Vergehen Raum für Neues. Ja, zu begreifen, dass ein jeder Lebenspunkt mir etwas vom bisher Ungelebten bringt, vom noch nie Ge- und Erlebten, bedeutet Öffnung. Die von mir schon erfahrenen Dimensionen münden stets in einen geweiteten und immer noch zu weitenden Raum.

Sagte ich vor einigen Jahren zu mir selbst, dass ich nicht hadern würde, träfe mich von heute auf morgen das Wissen um mein Baldsterbenmüssen, denn ich hätte ja alles gehabt, was das Leben schenken kann, so beginne ich nun wieder zu fürchten, dass es alsbald zu Ende sein könnte, dieses wunderbare Leben. Die tiefe Dankbarkeit für alles was war, ist weiterhin und unauslöschlich in mir. Ich bin mir nach wie vor bewusst, wie viel Reichtum sich mir im Laufe meines Lebens geschenkt hat. Insofern bin ich bereit.
Und doch ist ein Stachel gewachsen. Dass das nicht alles gewesen sein darf. Dass es nicht gerade jetzt enden solle, wo so vieles, was zu mir gehört, von mir noch nicht gelebt wurde.

Mit neuem Fokus aber, scheint meine Sehnsucht nach einem Mehr zu sein. Ich möchte nicht einfach weitergehen, weiter Schätze ansammeln, weiter beschenkt werden. Eher entspräche mein Weiter einer Umkehr, wenn ich es räumlich fassen wollte. (Umkehr und Umkehrung. Enthält Öffnung und Weitung immer auch Umkehrung? Weil das umfassendste Öffnen zu jedem Ding sein Gegending enthält?)
Bisher habe ich vor allem empfangen und genommen, was das Leben schenkte. Die Kinder, die insbesondere. Diesen beglückenden Beruf. Die Geborgenheit im Leben. So vieles. Zurückgegeben jedoch, so fühlt es sich an, habe ich noch nicht viel. Darum wäre ich arm, fühlte es sich arm an, wenn ich jetzt schon ginge. Weil die Zeit des Weitergebens, des Durchmichströmenlassens ja gerade erst beginnt.

Mich erahnt, dass sich hierbei neue Räume öffnen werden. Mein Alltagswirken, natürlich, das wird bleiben. In diesem lebe ich wie bisher Verantwortung, mit allem, was dieser Begriff umfasst. (Dass mir dies nicht in allen Belangen gelingt, so wie ich gern möchte, das ist Teil des Weges. Ich lerne dies zu akzeptieren.). Auch hier schon ist Empfangen und Weitergeben in einer Dichte verflochten, dass es zuweilen kaum zu trennen ist.
Aber mir scheint mehr und mehr, dies sei nur der erste Schritt. Ich kann noch nicht fassen, in Worte schon gar nicht, was da beginnen will. Es hat mit Loslösen aus Seilen zu tun, mit Träumen, mit Fliegen, mit Befreiung, aus der Innensicht betrachtet. Mit weit umfassenderer Verantwortung als bisher, für das mich Umgebende, aus der Außensicht benannt. Und mit einem neuen Blick auf das, was im Außen – so sind diese Zeiten – immer schwärzer zu werden droht. Mit einer hoffnungsvolleren Sicht auf das Ganze.

Ach, ich kann nicht erklären, was genau mich da anweht, worin genau das neu Empfundene besteht. Sichtbar wird es mir selbst an scheinbar marginalen Dingen wie dem Weggehen von meinem zweiten Dienstort, an dem ich vor Kruste kaum mehr atmen kann, an meiner größeren Sorgfalt im Umgang mit mir selbst, mit meinen Kräften und meiner Gesundheit, an meinem langen Reisen, auf dem ich Ähnliches suche wie am Klavier, mit den farbigen Stiften und mit meiner Schreibhand. Nicht einen Zustand des Mit-mir-und-in-mir-Seins nämlich, sondern … ja, doch, diesen Zustand suche ich auch. Aber mit deutlich vernehmbarem Mitschwingen eines Um-zu’s. Um zu … ja, was?
Ich stochere im Nebel. Noch. Vielleicht so: Um Wege zu finden, und Gefährten auch, die in Heilung hineinführen. Für die Welt möchte ich sagen. Das klingt zu groß, ich zucke zurück. Also gut, für das mich Umgebende, zunächst. Dies versperrt sich dem Geschrieben- und Gewünschtwerden nicht sofort.
Heilung also. Wollen doch Kopf und Vernunft in diesen Zeiten resignieren, Anlass genug haben sie. Darum sind Kopf und Vernunft nicht ausreichend. Es kann nur im Herzen beginnen, und in den Träumen. In unbenennbaren Sphären wird sie möglich: die Hoffnung auf Frieden.

Wie war ich an diesen Punkt gekommen? Erstaunlich, wohin sich dieser Text seinen Bogen geschlagen hat, fast könnte man es einen Haken nennen. Von meinen eigenen Lebenspunkten in ihrer Unwiederholbarkeit über meine Verortung in dem mich Umgebenden zu den Lebensmomenten der Welt als Ganzes. Viel zu groß, diese Wortgruppe.
Ich wollte ja nur anmerken, dass die Einzigartigkeit von Allem stets Neues gebiert. Und dass wir das Neue träumen dürfen …

 

PS.
Der Text lag lange im Entwürfe-Ordner. Ihm fehlte ein Ende. Beziehungsweise der Mut zu einem Ende. Erst als ich das Wort Träumen fand, in diesem Text nämlich und in diesem, und den Mut dazu es einzusetzen, wagte ich, ihn als fertig zu sehen. Als vorläufig fertig. Und so steht er jetzt hier. (Danke.)

 

Morgenfärbung

Aus den Traumfetzen – eine Reise, eine Gruppe naher Menschen, ein Wettstreit, eine Wegsuche der anderen Art – lässt sich kein Traum mehr zusammenfügen, es bleiben Schemen einer Welt, die gerade eben noch da und warm war und jetzt nur noch als Gefühl nachhallt. Das wüsste ich zu gern, was mir da immer im Traum erscheint. Ich bin eine schlechte Traummerkerin, spüre morgens immer nur noch die Farbe, kann nur hoffen, dass diese vermutlich reiche Welt auf unbewusste Weise doch in mir bewahrt bleibt und wirkt. Der heutige Traum war sanftbeige-ocker und lässt deswegen Frieden in mir zurück. Irgendetwas gelang da.

Dagegen fühlt sich mein heutiger Tag eher schrillfarbig an, als einer von jenen, in denen unbarmherziges Gerattere aus Aufgaben, Dringlichkeiten, Terminen sich in großer Einigkeit verzahnt mit Gedankenketten unendlicher und kreisender Art.
Wie wär’s denn, flüstert mir mein holprig in die Tasse stolpernder Kaffee zu, wenn Du mich nicht gleich beim Eingießen verschütten würdest. Und den Tag auch nicht.
Ha, denke ich, dem Tag also eine andere Farbe geben, wie das wohl wäre? Eine samtige Kaffeefarbe vielleicht?

Nee, Farben sind Farben, schrill bleibt schrill. Sie hat ja irgendwie Recht, diese mich mit Entmutigung volldröhnende Stimme, mein Auge sieht, was mein Auge eben sieht. Jetzt schreibe ich hier zum Beispiel auf der mir unangenehmsten der fünf Farben meiner Kladdenblätter, und auch nach mehrfachem Umblättern und so vielen Zeilen hört diese Farbe nicht auf mich zu stechen. Es könnte sich doch auch mal einen Hauch wärmenden Oranges anziehen, dieses grelle Rosa, denke ich, nur für mein inneres Auge und Wohlgefühl könnte es das. Statt mich weiter zu pieken und zu irritieren.
Überhaupt: Farben im Innern umfärben können. Das alarmierende Hellrot in ein besänftigendes Sattgrün etwa. Oder für den Anfang wenigstens das Alarmene in Richtung Bordeaux umtönen. Ob das geht? Ob man das lernen kann?

Ach, das ist nur Wünschen und Hoffen, und mittendrin immer ein saftiges Stück Unfähigkeitsgefühl, weil es mir einfach nicht gelingen will, anders zu sehen.
Bei Räumen ja auch. Zum Beispiel, was ich als groß und weit oder als klein und eng empfinde, das müsste ich mir doch ändern können. Den Raum, etwa auf dem Schreibtisch, oder in einem Zimmer, einer Bahnhofshalle oder wo immer, mir größer dehnen im Inneren, wenn es im Äußeren einfach nicht da, nicht machbar, nicht schaffbar ist, dieses Weite, was ich zu brauchen glaube. Anders sehen also, um mich nicht von außen in Enge gepresst zu fühlen, mich nicht durch Äußeres eingrenzen zu lassen.

Ja, das wär’s: Alles auch anders sehen können. Menschen etwa, die ich stets und ständig einordne in meine innere Welt, meine Raster, meine Vorstellungen und Interpretationen, meine Empfindungen und Empfindlichkeiten – diese einfach zu belassen, ihnen zuzusehen und zuzuhören, sie aufzunehmen als Erweiterung meines Raums. Und mich selbst dann in diesem geweiteten Raum nur als Steinchen, Körnchen, Eckensteherchen zu erleben. In einer Ecke stehen muss ja gar nichts Kleinmachendes sein. In großen Räumen stehe oder sitze ich gern in der Ecke, einfach um den gesamten Raum aufnehmen zu können.

Sprung. (Vielleicht.)

Was diese Woche alles aufzunehmen war, wie wir alle so unterschiedlich reagierten – Eltern, Kollegen, Schüler – auf diesen furchtbaren Unfall, der in die heile Dorfwelt hineinbrach. An einer Stelle, die wir alle immer schon als gefährlich wahrgenommen hatten, ist es jetzt passiert, das lang Befürchtete.
Wir alle reagierten aus unserem je eigenen Muster heraus. Ganz schnell wurde mir mein Muster zum einzig möglichen. Und das, was andere lebten – Rückzug, Angst, Verdrängung, Panik, Entscheidungen für die Kinder: sie dürfen nun gar nicht mehr mit dem Rad zur Schule oder nicht mehr diesen Weg fahren, oder gerade doch dort, aber nur noch auf dem Gehweg – alle diese Reaktionen waren mir so fern.
Ich kann diese fremden Innenwelten abwehren, weil sie der meinen nicht entsprechen. Oder ich kann versuchen hineinzugehen und mich zu fragen, ob ich mir nicht etwas mitnehmen kann. Wenigstens das: Ich nehme mir mit, dass meine eigene Farbe, in der ich alles töne, die mir als die beste oder passendste erscheint, dass diese Farbe nur eine ist von unzähligen Farben, Sichten, Zugängen.

Ich ahne ja nicht: Vielleicht sieht ein anderer Mensch sein Rot ganz anders als ich mein Rot sehe. Vielleicht sieht er es als das, was ich als Blau sehe, oder als jenes Sattgrün etwa, nach dem ich mich gerade so sehne, während ich bei Rot immer Alarm empfinde. Und vielleicht sieht er dafür mein Sattgrün als Düstergrau, empfindet Getrübtheit und Aussichtslosigkeit, wo ich Wärme und Geborgenheit erlebe.
Vielleicht also können wir unsere Bilder nie abgleichen. Unsere Bilder sind so sehr unterschiedlich, so unvergleichbar, wir schauen ja nie mit den Augen eines anderen.
Und trotzdem können wir unsere Bilder teilen. Ja, doch, ich glaube, man kann – zuhörend und zuschauend – die je eigenen Bilder teilen. Man sollte und muss dieses Teilen vielleicht sogar versuchen, wenn man nicht im Käfig des Eigenen gefangen bleiben möchte.

Ich taumele hier durch meine Morgengedanken, der Tag drängt an, ja, er bleibt ein wenig schrill. Und dennoch habe ich ihn gerade an seinem Beginn wenigstens umgefärbt. Die Verzahnung von Dringlichkeiten und Gedankenkreisen ist geblieben, ist – könnte man so sehen – sogar noch drängender geworden, da ich ihm diese Schreibstunde „weggenommen“ habe. Aber die neue Morgenfärbung tönt den gesamten Tag ein wenig sanfter.

PS:

Auch Zeiträume sind Räume.
Zeiträume kann ich schon sehr unterschiedlich färben. Was heißt ’schon‘? Das konnte ich nicht immer. Das lerne ich mehr und mehr: Mir die engen Zeiten dehnen. Vor allem durch inneres Es-anders-erleben-wollen. Die Dichtigkeit der inneren Ereignisse hat ja wenig mit einem äußeren Sekundentakt zu tun.
Heute habe ich – zur Unterstützung meines inneren Es-Wollens sozusagen – erstmals ein winziges Hilfsmittel genutzt, mit dem ich schon lange liebäugele. Dieser Text nämlich war in mir, in Gänze, sofort beim Aufstehen. Aber er war viel zu lang, um ihn in der knappen Morgenstunde vor dem Tagesbeginn der Kinder niederzuschreiben. Statt ihn – wie sonst notgedrungen – zu verwerfen und damit für immer zu verlieren, griff ich heute erstmals im Leben zur Diktierfunktion meines Telefons (und damit erstmals überhaupt zu irgendeinem Diktiergerät). Ich diktierte mich selbst dort hinein, um später abzuschreiben. (Auf Papier übrigens, bevor ich nun tippe. Stift und Papier auszulassen geht nicht.)

Es ist ein neuer Weg, den kleinen Zeitraum, den ich hatte und habe, auszudehnen, zu weiten, so dass sich mir die Enge öffnet. Vielleicht finden sich solche Wege auch in anderen Räumen, ja, bei all meinen Farben möglicherweise. Ein Diktiergerät zum Umtönen von Farbräumen, das müsste ich mir schaffen …

 

Es einfach mal versuchen

Wie das wäre, einfach losschreiben zu können. Über irgendetwas, das in diesem Moment geschieht, an der Stelle der Welt, an der ich in diesem Moment sitze.
Hier zum Beispiel, auf einem Sofa einer kleinen Wohnung in einer kleinen Stadt – fremd und nichtfremd gleichermaßen, das alles – hier tippe ich drauflos, ohne zu wissen, wohin die Reise dieses kleinen Textes gehen wird.
Oder gestern abend in der Pizzeria, mit dem Füller, der mir plötzlich in die Hand gedrückt wurde, und der aus völliger Unbeholfenheit und dem Nichts heraus ein paar Zeilen auf den Schulschmierzettelrest warf. Beobachtungen, Gedankenanfänge, die Fortsetzungen in sich bergen. Ich war selbst erstaunt.

Es einfach mal versuchen: das schreibende Durchleben dessen, was geschieht. Und dessen, was nicht geschieht. Dessen, was ich also erschaffen kann und könnte. Eine Wortwelt, meine Wortwelt, aus Bausteinen zusammenzusetzen, welche mir in meinen Tagen entgegenfliegen. Oder nein: diese Bausteine als Gerüst zu sehen, allerhöchstens, um das herum sich Erfindungen ranken könnten, oder Träume – Fiktion jedenfalls, an Reales angeknüpft.

Möglicherweise ist das Leben weit weniger real als es den Anschein hat. Möglicherweise braucht es Fiktion, um das Tatsächliche auszuhalten. Möglicherweise kann das Schreiben und das Geschriebene Gedankenspielwiese sein, nicht mehr. Und nicht weniger.

Da ist eine Ahnung in mir, länger schon, dass ich mehr Worte aus mir herauslassen möchte und muss, damit es innen nicht überläuft. Ich weiß das ja.
Und dennoch habe ich meinen Alltag, meine ganz realen Zeitverfügbarkeiten, nicht darauf eingerichtet. Ich halte keine Räume bereit, um aus all den Wörtern in meinem Kopf, aus all dem Fließen, welches mich insbesondere in ungelegenen Momenten überkommt, Zeilen, Absätze, Texte zu formen.
Noch halte ich diese Räume nicht bereit. Die Ahnung sagt mir, dass ich dies sollte. Und dass ich dies werde.

Ja, doch, vielleicht versuche ich dies eines Tages ja: vom Stuhl zu erzählen, auf dem ich gerade sitze, und vom Muster der perlenden Tropfen am Badezimmerspiegel. Von der Kälte und Wärme des Biers und des Weins, und von ihren Farben. Von den Geräuschen der vorbeifahrenden Autos, die dem ins Zimmer hineingeworfenen Lichtkegel immer ein Stück hinterherjagen. Von all den anderen Geräuschen im Haus, dem Plätschern, Klopfen, Stapfen, Rauschen und Surren. Vom Spiel der Lichter all der Lampen ringsum, von ihrem Vermischen und Durchdringen.
Und, wenn ich mutig bin, traue ich mich eines Tages vielleicht sogar, aus einem zunächst arglos von einem Füller auf ein Schmierzettelchen gekritzelten, ganz der Realität entsprungenen Sätzchen eine Geschichte zu bauen, eine fiktive Welt zu erfinden. Eine, in der es um etwas ganz anderes, weiteres, allgemeineres geht.

Irgendwie so kann das sein mit dem Schreiben. Ich sollte es einfach mal versuchen.

 

Was wir wohl wissen?

Er ist Arzt, der Freund, Spezialist für eine bestimmte Erkrankung. Genauer: Er ist DER Experte für diese Erkrankung, an einem bekannten Klinikum in einer großen Stadt. Einer, bzw. DER, an den sich die Kollegen der Stadt – und darüber hinaus – wenden, wenn sie bei einem „Fall“ nicht weiterwissen. Einer, der in seinem Bereich mehr kann und weiß als die meisten seiner Kollegen.
Nicht, dass er uns dies in den Jahren unserer Freundschaft so dargestellt hätte. Nein, seine Arbeit war nie ein großes Thema in unseren Gesprächen. Und wenn, dann sprach er darüber in bescheidenen Worten, immer mit einem leicht ironischen Seitenblick auf sich selbst. Nur zwischen den Zeilen ließ sich ablesen, welch bedeutenden Namen er auf seinem Gebiet hat.

Vor einigen Monaten nun wurde er mit „seiner“ Erkrankung am eigenen Leibe konfrontiert. Wir wussten dies noch nicht, als wir uns kürzlich wiedertrafen.
Er erzählt. Von seinem Erleben des Krankseins. Unweigerlich erzählt er dabei von seinem Arztsein. Weil es nämlich in diesen Monaten untrennbar mit seinem Kranksein verschmolz.

Er erzählt von seiner Arztsuche: Wie einen Arzt finden, dem er vertrauen kann, und gleichzeitig: der sich traut, ausgerechnet ihn zu behandeln?
Niemand wagte dies. Die Spezialisierten scheuten sich, zitterten vor eigenen Behandlungsfehlern oder auch nur der eigenen Unsicherheit. Es ging ja nicht nur darum, sich vor dem „Meister“ die Blöße zu geben; es ging letztlich um Leben und Tod.
Er selbst hatte lange keine Idee, von wem er sich behandeln lassen sollte. Eine kaum zu lösende Aufgabe.
Letztlich lief es darauf hinaus, dass er die meisten Behandlungsentscheidungen selbst traf. Und sich dabei – aus einer Intuition heraus – auf die Station und in die Hände eines älteren Kollegen aus einem benachbarten Spezialgebiet begab. Damit jemand von anderer Seite, mit dem unverbildeten, offenen Blick eines „Unkundigen“ und dennoch professionell auf ihn schaute.
Wie erhellend dies war, sagt er. Durch die Beobachtungen und die Erfahrungen des „fachfremden“ Kollegen, im Dialog mit diesem wurden ihm Aspekte seiner Erkrankung bewusst, die er noch nie im Leben auch nur erahnt hatte. Neue Blickwinkel, ergänzende Sichtweisen, ein abgerundeteres Bild als je zuvor öffnete sich ihm:
„Ich wusste nicht, dass ich so vieles nicht weiß.“

Er erzählt von seiner Therapeutensuche: Wie sich auf Therapien einlassen, bei denen man schon vorher jeden Schritt durchschaut und sich mit dem Kopf daher selbst im Weg steht?
Eine jede physiotherapeutische Übung etwa, erzählt er, wurde durch seinen Kopf torpediert. Ratterte dieser doch permanent quer durch sein Wissen, deckte alle Tricks und Schliche der Therapeuten auf, mit denen diese – nach Lehrbuch – hofften, seinen Körper wieder in gewohnte Gänge zu bringen. Ein solcher Kopf vereitelt in der Regel einen großen Teil der Wirksamkeit.
(Ich erinnere mich an diese Erfahrung aus eigenem Gesangsunterricht. Sobald ich durchschaut hatte, worauf es hinauslaufen sollte, wurden alle meine technischen Bemühungen unwirksam. Ich war eine komplizierte Gesangsschülerin.)
Er jedenfalls quälte sich von wirkungsloser zu noch wirkungsloserer Therapie. Bis er eines Tages auf einen fast schon steinalten Physiotherapeuten traf, der ihm viele Lebensjahre und einen Berg weiser Erfahrung voraushatte. Der das grundlegende Problem erkannte und es vermochte, im Kopf querstehende Hindernisse zu umschiffen – mit Übungen, die selbst dem Experten nicht preisgeben, worauf sie hinauslaufen, die völlig fernliegende Bewegungsmuster wachrufen, die den Fokus nicht auf Einschränkungen, sondern auf Vermögen richten, die – so übersetzte ich die Erzählung für mich – vom unbedingten Willen zur Gesundung ablenken.
Ich verstehe von all dem wenig und konnte nur gebannt zuhören, wie der Experte von seinem Meister erzählte. Wie er staunt:
„Ich wusste nicht, dass ich so vieles nicht weiß.“

Er erzählt von seiner Rückkehr in die Klinik, auf seine Station, als Arzt nun wieder: Wie mit immer noch stark eingeschränkter Gesundheit von den Kollegen für voll genommen werden, und wie vor allem von den Patienten?
Das Aufeinandertreffen mit den Kollegen war wohl schwierig, er sagt wenig darüber, möglicherweise halten die Schwierigkeiten an.
Von den Veränderungen in seinen Patientenbegegnungen erzählt er dafür umso mehr. Wie diese ihn vom ersten Moment an als einen der ihren erkennen, jetzt, da er ja einer der ihren ist. Wie ihm mit Betreten des ersten Krankenzimmers klar wurde, was er all die Jahre versäumt, übersehen, vernachlässigt und nicht geahnt hatte. Was er dafür an Unverständnis, Unsensibilität und Nichtwissen regelmäßig in die Ohren und Augen der Kranken geschüttet hatte – weil es einfach so im Lehrbuch steht, weil man es so macht als Arzt im Krankenhaus, und weil man darüber nie nachgedacht hat.
„Ich hatte ja keine Ahnung, wie es sich wirklich anfühlt, da zu liegen, am Morgen nach der nächtlichen Notfallrettung. Ich hatte keine Ahnung, wieviel Überflüssiges kommuniziert wird. Ich hatte keine Ahnung, was man in diesen Momenten seines Lebens wirklich von einem Arzt möchte.“
Er sorgt dafür, dass er, dass sein Team von jetzt ab vieles anders macht. Auf seiner Station wird auf neue Weise gearbeitet. Einiges gilt gemeinhin wohl als „falsch“. Und ist vermutlich richtiger als alle Lehrbuchsätze der Welt:
„Ich wusste nicht, dass ich so vieles nicht weiß.“

Sein Erzählen hat mich sehr berührt. Er, der jetzt wahrscheinlich mehr denn je DER Experte für seine Erkrankung ist, steht in Demut vor dem Geschehenen. Das Wissen darum, dass sein kleines Wissen von so viel Ungeahntem umgeben ist, dass jeder Verstehensschritt in einem Meer von Unverstandenem schwimmt, möglicherweise für immer, eröffnet ihm ein tieferes Sehen als je zuvor.

Bei wie vielen Dingen im Leben mag das noch so sein?

 

Ferienbrücke

Der erste Ferientag ist immer auch ein letzter Schultag.
Ich sehe uns da noch durch die Gänge hasten, Broschüren, Unterschriftenlisten, Klassenarbeiten, Januarplanungen, tausend Zettel verteilen, ausfüllen, besprechen, abgleichen, kopieren, tackern, abheften. Es ist gar nicht lange her.
Wie wir dann aus der Unruhe heraus auf die Dienstbesprechungsstühle sinken, sehr persönliche Worte vom Chef hören, ins alte Jahr hineinerinnernd, ins neue hinausblickend. Und dass wir nun alle in den Ferien auftanken sollten.
Wir beginnen damit umgehend, mit einem Glühwein vor dem Lehrerzimmer, als Schritt über die Ferienschwelle. Die Lieblingskollegin hat sich wegbeworben, das überrascht mich nicht, und es tut weh. Ich bin noch stiller als sonst. Die umherschwirrende Fragerei Was machst du in den Ferien, fahrt ihr weg, hast du schon alles fertig für Heiligabend? geht mich kaum etwas an. Wunderbare Kollegen sind es, mit denen ich zusammenarbeite, aber in den Ferienwelten trennen sich unsere Wege. Da sitze ich schon jetzt ein wenig fremd im Raum.

Irgendwann gehen wir nach Hause, mit Korrekturenstapeln unterm Arm und noch nicht verebbter innerer Unruhe. Die ersten Ferienstunden leiden unter der angespannten Erwartung, die ich ihnen aufbürde. Das ist ja immer so. Niemals falle ich sofort in die Ferien und fühle mich befreit. Ein Übergang will Weile haben. Ich nutze diese Stunden für Schreibtischarbeit. Etwa, die Unterlagenstapel des Schuljahres 14/15 aufzuräumen. Liegen ja lange genug hier herum.
Irgendwann – es ist kurz vor Heiligabend – wird es Zeit, mich von der Schreibtischarbeit loszueisen. Ich muss dies konsequent und abrupt tun: Tisch leerräumen und ein Puzzle auf ihm ausbreiten.

 

Ja, meine jahrzehntealte Weihnachtsferientradition – ich baue tagelang riesige Puzzle zusammen – hilft wie immer, die Schule für den Moment hinter mir zu lassen. Diesmal entsteht auf dem Tisch ein Blick in eine Mittelmeerwelt; er ist mir zu bunt. In einem anderen, größeren Bild setze ich eine Weltkarte zusammen. Sehr symbolisch, sinniere ich. Teile und Teilchen des alten Jahres, welche sich über den Jahreswechsel hinweg allmählich zu einem Ganzen zusammenfügen werden.

 

Mit dem Puzzle auf dem Tisch breitet sich Ruhe in mir aus. Das Gefühl rastloser Enge wird an den gedanklichen Rand gedrängt, und ich seufze. Durchatmen gebiert zuweilen tiefes Seufzen. Und Leere. Ich weiß gar nicht, wie viele der ersten Ferienstunden ich einfach nur dasitze. Auf dem Sofa, auf dem Boden, selbst im Auto, vor dem Aussteigen. Mit Kerzen, abends mit Wein, mit Stift in der Hand, und ohne. Ohne alles, nur mit mir selbst.

Die Weihnachtstage kommen und gehen, ich werde krank. Kaum hat jegliche Spannung nachgelassen, setzt mein Körper ein Zeichen, zieht mich in die Waagerechte, tut weh, hustet, niest, fühlt sich zittrig an. Polstert die Welt mit Watte aus, bettet mich in eine dumpfe Höhle. Der Körper nimmt sich sein Recht, nach all den vergangenen „gesunden“ Monaten, in denen ihm außer Funktionieren nichts gestattet war.
Ungeduldig und zähneknirschend gestehe ich ihm dies zu, brauche ein paar Tage, bis ich es zu genießen beginne. Ja, doch, genießen, auf eine Art. Körperliches Ruhiggestelltsein als Beet, als Nährboden für frisch aufknospende Kräfte. Geist und Seele dürfen wach sein und unbeirrt wandern, suchen und sich sehnen, während der matte Körper mich davon abhält, mich erneut dem Hasten auszusetzen.

Und irgendwo dort, in meinen Krankseinstagen, muss sich mir ein gewaltiges Kraftreservoir aufgetan haben. Ich merke es beim Auftauchen aus dem Fieber, während ich mich schon dem Ferienende nähere. Später als sonst, langsamer auch, gehe ich es an. Nicht – wie geplant – schon letzten Montag, nicht mit diszipliniert abgearbeiteten Pensen, sondern allmählich, in einem verträumten Tempo drifte ich durch die Aufgabenberge und singe dabei innerlich. Meine üblichen Arbeitswutanfälle sind diesmal kurz, die zugehörige innere Erstarrung bleibt ganz aus.
Und nein, ich schaffe bis zum ersten Schultag nicht alles, lang nicht alles, starte mit großen Überhängen auf der To-do-Seite in den ersten Schultag.

Vielleicht ist es aber gerade das, was sich jetzt gut anfühlt: ein Stück Selbstdisziplin und Strukturiertheit abgeschüttelt zu haben, für dieses eine Mal?
Als ich mit einer viel jüngeren Kollegin, die ähnlich durchorganisiert und perfektionistisch wie ich durch ihr Berufsleben marschiert, eine warme Neujahrsumarmung austausche, sprechen wir über unseren Begriff von „guten Ferien“, von „gut“ allgemein.
Nicht gut„, sagt sie, „weil ich nicht alles weggeschafft habe.
Das kenne ich„, sage ich, „und doch war es diesmal bei mir anders, dieses ‚gut‘.
Oh„, sagt sie, „ich möchte von Deiner Weisheit etwas abhaben.
Sie zwinkert dabei, und ich zwinkere auch. Und doch wissen wir beide, dass wir hier einen wahren Kern gestreift haben.

Der erste Schultag ist immer auch ein letzter Ferientag.
Wenn ich heute lockere, witzige, wortgewandte Stunden halten, offen (und vielleicht strahlend?) in Schüleraugen blicken, mich im Lehrerzimmer an Dutzenden Umarmungen erfreuen und dabei sogar dieses hingeknallte „Frohes Neues!“ tapfer ertragen konnte, dann blitzen hier deutlich meine Ferien in den ersten Schultag hinein. Das Durcheinander mit all den Zetteln, Absprachen, Plänen und Vorbereitungen ist ein ähnliches wie am letzten Schultag, nur ich bin eine andere. Ich gehe mitten hinein in die Gespräche, mit der Referendarin über ihre Lehrprobenängste und die Bedrängnisse der abzugebenden Prüfungsarbeit, mit dem Seminarkollegen über Planungen und Nichtplanungen, mit dem Coklassenlehrer über seinen sterbenden Vater und seine Misskommunikation mit den Eltern unserer Klasse – beides -, mit der Parallelkollegin über unsere Zeitnöte und all das, was eigentlich schon bis vorgestern fertig gewesen sein sollte und wir jetzt irgendwie aus dem Boden improvisieren müssen. Für all das kann ich  mich heute öffnen, so zwischen Tür und Angel der Unterrichtsstunden, weil ich mich von der Vorferienerschöpftheit erholt fühle.

Es ist wirklich unglaublich, wie sich ein letzter und ein erster Schultag unterscheiden können. Wieviel Energie einem die dazwischenliegende Ferienbrücke zu schenken vermag. Ferienzeiten als Geschenkezeiten. Als Zu-mir-find-Zeiten. Auf so vielen Ebenen. So ist das in den Ferien.

still und leise

„Und wenn wir ihr einen Regenbogenstern basteln?“
Es ist Tochters Idee. Es war ja auch ihre Lieblingslehrerin an der Grundschule. Deren kleines Kind, so haben wir es gestern erfahren, kaum je wieder gesund wird, ja möglicherweise nicht weiterleben darf.
Wir können gar nicht erahnen, wie das ist, wenn man plötzlich so schwer krank ist. Wie das für die Mama sein muss. Und für den Papa. Darüber sprechen wir mit der Tochter, während wir schneiden und falten und kleben. Und überlegen, wie wir diesen riesigen Stern morgen in den Briefkasten hineinbekommen. Nein, das wird nicht gehen. Wir haben es mit der Größe zu gut gemeint. Wir werden also an der Tür klingeln. Gut so.
In Gedanken schicken wir ihn schon heute auf die Reise, den bunten Stern zur kleinen R. und ihren Eltern. Wir denken an Euch und lassen unsere Kerzen für euch brennen.

Dass ich vorher auf dem Weihnachtsmarkt zufällig noch jene Frau getroffen hatte, welche ich als einzige im Dorf einzuweihen wage bei dem anonymen Geschenk, das ich der krebsschicksalsgeplagten Familie aus unserer Schulgemeinde machen möchte (und die ich nun als Überbringerin „nutze“), dass sich meine langgehegte Idee also doch in die Tat umsetzen lässt,

und dass unser kleines Dorf jetzt, da sich der Bau des Containerwohngebiets auf unbestimmte Zeit verschiebt und so schnell wohl niemand hierherziehen kann, ganz schnell einen „Balkan-Konvoi“ auf die Beine stellt und durch einen Stand am Weihnachtsmarkt so viel zu organisieren schafft, dass die Autos und Helfer noch in den nächsten Tagen auf die Reise gehen können,

und dass sich da zwischen Glühwein- und Glitzerdekoständen plötzlich eine unserer 5. Klassen hinstellt, mein Musikkollege ein Klavier herbeischleppt, und die Kinder anfangen zu singen, vom weiten Himmel in und über uns, mit so großen Augen, so ehrlich, so wahrhaftig, diese kleinen 10jährigen, und dabei jedes Kind so anders vertieft in die Musik ist,

das alles klingt mir wie eine Antwort auf den gestrigen Tag.
Vielleicht muss man sich nur weit genug öffnen.
Leise Antworten lassen sich in der lauten Welt sonst nicht vernehmen.

Morgennebelwege

Ein Impuls drängt mich zur Tür, lässt sich nicht aufhalten vom Regen, der einen draußen empfängt,
lediglich einen Tausch bewirkt die Nassheit, Kapuzenjacke gegen Fototasche, mich einhüllen statt Bilder auszuwerfen,
und einen Wechsel des sonst immer eingeschlagenen Weges, heute lieber Asphalt. (Später werde ich mich doch noch ins Gras wagen.)

Das Dorf bald nur noch als Neubaudächerkulisse vor Hügelkette erahnbar, und durch seinen Baustellenlärm, der die Stille durchdröhnt,
das ungleiche Baumpaar, dessen schwacher Teil schon lange nur noch in mir weiterlebt (ob sich sonst noch jemand erinnert?),
die mich anstarrenden behäbig kauenden Rinder, darüber ruhelos wirbelnde Vögel, wie kann es sein, dass man solch konträre Wesen gleichermaßen Tiere nennt?

Der Streuobstapfel mit der faulen und der frischen Seite, der ins Gras weiterziehen darf, während sein roter heiler Bruder vom Ast in meine Tasche wandert, ein Frühstücksanfang,
der Mountainbiker, der wohl das sucht, was man körperliche Ertüchtigung nennt, und ich, was suche ich? seelische Erbauung? (wenn wir schon bei antiquierten Wörtern sind),
der Winterraps, dessen frisches Grün irritiert wie ein aus der Zeit Gefallenes und mich dennoch innerlich belebt, mich Herbstkind, was mich fast schon wieder ärgert.

Das dunkle Schild vor hellem Himmel, welches, starrt man nur lange darauf und ändert dann leicht die Richtung des Blicks, zu leuchtender Weisung vor tiefem Grau wird, wie kurz greift hier die Erklärung mit den Stäbchen und Zäpfchen im Auge, wie kurz,
der verdorrte Wald von Sonnenblumen, mit ihren hängenden Köpfen stehen sie tapfer im Wind, geborgen von einer Bäumeschar, deren Äste nie erlernt haben, aufrecht zu wachsen, wie gut und wie richtig sieht ein Baum dabei aus – oh, jetzt komme ich mir immer näher,
die Erinnerung an mich selbst, wie ich jüngst das Angebot liebevollen Berührtwerdens nicht anders beantworten konnte als durch Rückzug in meinen Käfig aus Sprödigkeit, welch Erfahren und Erleben liegt all dem zugrunde, und wie wäre es wohl, meine einengenden Stäbe einzuweichen, allmählich, so dass sie sich auflösten, ohne zu splittern, ohne zu bersten, ohne sich in irgendjemandes Wunden zu bohren.

Morgenwege durch den Nebel.
Nebel schenkt zuweilen die klarste Sicht.

sonntags, immer

Mir fehle das Ausflugsgen, sagte ich neulich zu jemandem. Ich habe keine Sehnsucht danach und kein Talent dafür, den Samstag mit Plänemachen und Vorbereitungen, den Sonntagmorgen mit Broteschmieren, Kinderwecken und hastigem Aufbruch und den Sonntagabend mit hektischen Alltagsvorbereitungen und stetem Blick auf die schon viel zu weit fortgeschrittene Uhr zu verbringen. Was dazwischen liegt – das Sonntagsausflugsdasein selbst – das könnte mir gefallen. Weil ich aber das Drumherum nicht ausstehen kann, krieche ich selten aus meinem Wochenendschneckenhaus. Kurzum, wir bleiben meist daheim.

Neulich aber, da sattelten wir unsere Räder, schlossen uns tausenden anderen Familien an und fuhren an den Rhein. Es war ein guter Tag, ja doch. In der Erinnerung ein farben- und wärmegefluteter Tag, im Innen wie im Außen. So verlockend wohltuend, dass wir, bevor wir noch die Rückfahrt antraten, sogleich neue Pläne geschmiedet hatten. Ins Elsass, das so nah ist. An die Quelle des Bächleins, das uns täglich vor den Füßen herumplätschert. In die große Stadt nur wenig südlich von uns, die wir noch kaum kennen.

Gesagt, nicht getan. Die Wochenenden für diese Unternehmungen sind schon längst wieder vergangen. Keiner hat die Pläne mehr erwähnt, so als wären alle froh, dass wir uns das Packen und Satteln sparen und unsere Sonntage einfach ganz ruhig verbringen. Angefüllt mit dem, was Sonntage eben zu Sonntagen macht.

In der meditativen Stimmung des Bilderbetrachtens und -sortierens nämlich springt mir vor und in die Augen, dass es ganz gleich ist, wo ich bin. Ein Sonntag ist ein Sonntag ist ein Sonntag. Und ist zuweilen auch ein Samstag oder ein ganz anderer Wochentag. Auf den Hügeln meines Dorfes verbracht, oder am heimischen Kachelofen (der ja schon längst keiner mehr ist), oder eben „im Grünen“, das auch schon keines mehr ist. Sonntag ist, was ich zu einem Sonntag mir mache.

Wenn ich nämlich eingefahrene Gleise des Alltags verlasse. Sei es auch nur, um abends wieder zurückzukehren.

 

 

Wenn ich die Zeit zwar im Augenwinkel behalte, sie nicht ganz vergesse, aber sie doch nicht mehr im Mittelpunkt meines Schauens steht.

 

 

Wenn ich mich freimache, den gewohnten Trott verlasse, hinauslaufe, im Innern wenigstens.

 

 

Wenn ich ein Stück Himmel entdecke. Das versteckt sich manchmal auch unter der Bettdecke.

 

 

Wenn ich einen Blick auf ungewohntes Licht in ungeahnten Weiten erhasche. Die Augen eines anderen Menschen reichen dazu, oder die Zeilen meines Tagebuchs.

 

 

Wenn ich mir selbst den Fluss sichtbar mache, in all seinen Dimensionen, seiner Behäbigkeit, seiner Kraft.

 

 

Wenn ich dahintreibe, auf genau diesem Fluss. Oder manchmal nur auf einem Rinnsal. Sonntage dürfen sich auch dürstend anfühlen.

 

 

Wenn ich all die Farben am Ufer sehe. Am anderen, oder an meinem.

 

 

Oder aber Farben, für die es keine Ufer braucht.

 

 

Wenn ich einen Weg gehe, der ins Irgendwo führt. Das manchmal im Innern, manchmal im Äußeren, manchmal im Nichts liegt.

 

 

Wenn ich mir dort – vielleicht gerade am Punkt des tiefsten Nichts? – meine Kathedrale bis in den Himmel errichten kann. (Wo habe ich nur dieses Bild von der Kirche im Inneren gefunden? Es ist mir zugeflogen.)

 

 

Wenn mir die eine oder andere morsche Stelle, manch Riss im Alltagsgefüge sichtbar wird.

 

 

Wenn Struktur, Ordnung, Muster für einen Moment verborgen und unerkannt bleiben dürfen.

 

 

Wenn scheinbare Unscheinbarkeit sich unversehens als atemberaubend Geschöpftes entpuppt.

 

 

Wenn Zeit ist, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen. Wie Astrid Lindgren es so schön sagt.

 

 

So ist es hier, sonntags.
Wobei, wie gesagt, sonntags auch samstags sein kann. Oder alltags. Oder allnachts.
Oder gar immer?

 

Herzenstreffen

Es ist schon eine Woche her. Alle anderen haben ihre Bilder längst gezeigt, das ihre längst gesagt …„, ruft eine Stimme in mir.
Es ist nicht zu spät dafür. Sie sind doch nicht vergessen, die Bilder. Und vergangen schon gar nicht …„, murmelt leise eine andere Stimme.

Der zweiten gebe ich – nach einigem Zögern – Recht. Das Leise sagt ja öfters das Wahrere.
Und diese Stimme fügt sich so gut in meine derzeitigen Tage ein, in denen ich versuche, ruhiger und ungehetzter, ausgeglichener und mit mir selbst im Reinen unterwegs zu sein. Dazu gehört eben auch, dass die äußerlich verlaufen(d)e Zeit nicht der alleinige Maßstab für Rechtzeitigkeit ist. Ich übe daran …

Und erinnere mich, wie das letzte Wochenende gefüllt war. Unbegrenztes Fließen, irgendwie aus der Zeit gehoben sein, in einem Zustand wachester Gelassenheit. Das alles.
Und noch viel mehr …

 

img_1755

 

img_1730

 

… ein urwüchsiger Ort …

 

img_1756

 

 

 

img_1714

 

… mit der Harmonie von Licht und Schatten …

 

img_1696

 

 

 

img_1694

 

… mit Nähe zu zarten, unscheinbaren Dingen …

 

img_1686

 

 

 

img_1789

 

img_1795

 

… und sich weit nach oben tastendem Himmelsfühlen …

 

img_1727

 

 

 

img_1786

 

… gemeinsames Unterwegssein …

 

img_1792

 

 

 

img_1677

 

img_1780

 

… mit Weit- und Ausblick …

 

img_1703

 

img_1800

 

 

 

img_1728

 

… mich zu spüren als Teil des Ganzen …

 

img_1678

 

 

 

img_1687

 

… inmitten eines Netzes so vieler Menschen …

 

img_1779

 

img_1752

 

 

 

img_1775

 

img_1761

 

… genährt durch Speis und Trank …

 

img_1745

 

 

 

img_1731

 

… und durch ein Feuer mit seinem Davor und Danach …
(danke, dass ich erstmals im Leben eines mit entzünden durfte)

 

img_1821

 

 

 

img_1802

 

… vor allem aber durch die Begegnungen.

 

img_1804

 

DANKE.