PragOstsee

Tag 16: Murchin – Bansin

das Frühstücksbüfett setzt der Jugendherberge die Krone auf :) — und wir starten pappesatt nach einer letzten Beladeaktion und einer letzten Navizieleingabe und einer letzten Handschuhsuche auf die letzten Kilometer
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zunächst verläuft der Radweg entlang einer der beiden einzigen Straßen, welche auf die Insel führen: es ist Samstag, Rückreiseverkehr, Stoßstange an Stoßstange wälzen sich die süd- und mittel- und nordwestdeutschen Kennzeichen den Asphalt entlang, so dass wir nur schnell rasen, um dieser Autolärmduftwolke zu entkommen (unglaublich, wie schnell die Tochter mit ihren kurzen Beinen das kann:))
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auf dieser Straße sind wir bestimmt auch 1985 entlanggeradelt, mit der Klasse zum Zelten an die Ostsee, samt Klassenlehrer, dem wir erstmal erklären mussten, wie man bergauf und bergab schaltet (doch ja, wir hatten schon Gänge: 4 Stück – und er benutzte sie genau falsch herum), damals haben wir viel über ihn gelacht, als etwa der Topf, den er zur Campingkochgemeinschaft beisteuerte, ein Loch hatte – er war eine tragisch-komische Gestalt, sicher für diesen Beruf nicht gemacht, so ließ er sich auch nach uns wegversetzen in die „Volksbildung, Abteilung Lehrbücher“ – heute ziehe ich meinen Hut vor ihm, wie er sich da aufs Rad setzt, von Berlin nach Ückeritz fährt, zwei Wochen mit zwanzig 16jährigen in Zelten lebt …
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außer Erinnerungen hält der Tag viel Backfisch, viel Eis, viele Tiere, viel Weitblick und ein paar schöne Gesprächsbegegnungen bereit, dazu gibt es zwei Handküsse für mich (als nämlich ein Fischer am Hafen die Tochter fragt, ob es ihr Spaß mache, mit der Oma Fahrrad zu fahren – oooh, er versinkt im Boden, als die Tochter aufklärt, und dann überrascht er mich mit diesen Handküssen – na, dies ist hier eben die Gegend, wo man mit 20 Kinder bekam (und bekommt?) – und dann passe ich glatt ins Oma-Alter:))
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irgendwann, leider, ist Tagesende, Reiseende – Ankunft im Badetouristenort: ernüchternd, so viele Menschen auf einem Haufen, soviel Jubeltrubelheiterkeit gemischt mit Schickimickibedeutsamkeit muss man erstmal aushalten – all das Lächeln, all die Freundlichkeit, mit der wir auf dieser Reise bedacht worden sind, endet auf dieser Strandpromenade abrupt: angeraunzt, Weg abgeschnitten, geschubst, Fahrrad umgeworfen, das ganze Programm — Fahrradreisen müssen wohl in einem Zivilisationsschockerlebnis enden, damit man ihr Ende begreift?
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noch ein paar Zahlen, Daten, Fakten: um 10.40 fahren wir über die Peenebrücke und betreten also Inselland – um 15.55 sind meine 1000 Kilometer voll und der Tacho springt von 999,99 auf 0,00 (als wenn nie etwas gewesen wäre:)) – kurz danach steht erstmals Ahlbeck auf dem Schild: noch 6 km (die haben es in sich – eine fast unwirkliche, staunenmachende Endmoränenlandschaft, das sind Berg- und Talfahrten, wie wir sie seit Dresden nicht hatten) – um 16.55 taucht das Meer vor unseren Augen auf: die Tochter baut sofort eine Sandburg, und ich darf die Reise nun Prag-Ostsee nennen (was ich zu ihrem Start nicht wissen konnte) – um 19 Uhr erreichen wir bei Zählerstand 1017 (nein: 17:)) die letzte Ferienwohnung und schütteln vor Unglauben den Kopf: dass die Tochter heute 61,5 km gefahren ist, das hätten wir vorher niiieee gedacht, sie hüpft bei aller Erschöpfung ganz glücklich und stolz in der Gegend herum (bevor ihr beim Abendessen der Kopf auf die Tischplatte fällt)
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und nun werden wir noch ein paar Tage hier bleiben, werden versuchen einsamere Strände als den heutigen zu finden, werden die Füße ins Meer stecken (wonach uns heute in dem Gedränge nicht war), am Strand entlanglaufen, Wind und Wellen ohne Strandkörbe und Dudelmusik suchen, ich werde lesen (wofür an den Reisetagen kein Raum war), in den Tag hinein leben — ich bin gespannt, wie sich die Tage anfühlen, wenn ich morgens nicht mehr auf Wetter und Wind schaue, keine Tagesziele plane, keine Übernachtungen herbeitelefoniere, keine Uhr, keine Kraftreserven der Kinder im Blick habe, und keine Essenssuche im Fokus — und dann werden wir allmählich und motorisiert nach Hause treideln
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die Kladde wird jetzt weggesteckt – wie wertvoll sie mir ist, mit wie viel Bewegung gefüllt, wie viel Vorbeigeflogenes enthaltend – sie reicht nun höchstens noch für eine Kurzreise: welche das wohl sein wird? — die Gedanken, vor allem an den letzten Fahrtagen, wandern in Zukünftiges: dass ich all diese Wege gern noch einmal fahren würde, weil es doch nicht sein kann, dass ich sie schon wieder loslassen soll – in umgekehrter Richtung vielleicht, man sieht anderes — und wie viele Wege es noch gibt, anderswo — es wird ganz gleich sein auf welchen Wegen – ich glaube, in diesem Zustand des Fahrens etwas gefunden zu haben, das ich nicht mehr loslassen werde, das mich nicht mehr loslässt — und sollte ich je ein Sabbatjahr nehmen, könnte das mit Radfahren zu tun haben?

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Tag 15: Bugewitz – Murchin

nachts erreicht mich ein erster Schultraum – Zeichen des nahenden Urlaubsendes: obwohl wir ja noch drei Wochen Ferien haben, rücken die Alltagsdinge wieder näher, wenn sich in den nächsten Tagen mein Denken und letztlich dann ich nach Hause bewegen werden
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genaugenommen feiern wir heute Ferienbergfest – die Tochter hat das ausgerechnet, weil sie der Meinung ist, in der ersten Ferienhälfte noch in der dritten und in der zweiten Ferienhälfte in der vierten Klasse zu sein: dann ist also heute Nacht der Klassenwechselsprung
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zunächst aber fahren die Nochdrittklässlerin und ich durchs Moor, was wegen der tiefhängenden Wolken, der kahlen Bäume, der Stille und für die Tochter auch wegen der Schautafeln, auf denen von Schlangen die Rede ist, fast ein wenig unheimlich ist — sie ist froh, als wir auf der Asphaltstraße sind und der Bewuchs rechts und links des Weges wieder „normal“ aussieht
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ein Abstecher nach Kamp: Fähre schauen (und Fischbrötchen essen:)) – die Fährabkürzung auf die Insel nehmen wir aber nicht, denn unsere Jugendherberge liegt auf dem abgekürzten Teil, und ohnehin würde ich am liebsten ja gar nicht ankommen wollen:)
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die nächsten Kilometer sind – nach Karte – das letzte längere Stück der Reise in West- und Südwestrichtung: wenn nicht noch der seit zwei Wochen konstante Wind dreht, ist das damit auch das letzte längere Gegenwindstück – ich verabschiede mich schon mal innerlich von diesem treuen Begleiter meiner Fahrt, der Genügsamkeit und Demut gelehrt hat, der mir dieses Jahr erstmals beigebracht hat, dass man ihn sich ins Gesicht wehen lassen kann, ohne zu fluchen
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Anklam – wir haben heute kurze Strecke = viel Zeit: wie wenig Geld hier in diese Gegend fließt, abseits der Metropolen, abseits des Fokus jeder Landesregierung, wie viele Ruinen aus Kriegs- und DDR-Zeiten hier stehen und wie viele Brachen – das macht traurig — so wird mir bei einem Foto fast die Kamera aus der Hand geschlagen, was es denn hier zu fotografieren gäbe – „mein Kind“, sage ich gerade noch rechtzeitig, denn das radelt in dem Moment vor die Ruine – und woher ich komme: aus Görlitz (ist ja nicht ganz gelogen – und sowohl Hauptstadt Berlin als auch Südwestdeutschland wäre für die um mich stehenden Männer die falsche Antwort gewesen) – dann entlädt sich der ganze Frust: dass hier immer die Wessis kommen, fotografieren, die Häuser ins Internet stellen, weil „die“ hoffen, hier für nen Appel und n Ei alles aufzukaufen – und dass der Bürgermeister ja auch so einer aus dem Westen sei, der mit denen aus Schwerin unter einer Decke stecke (warum der denn gewählt worden wäre? – na, hier will doch sonst niemand diese ganze Sch… anfassen) – und dass in Schwerin nur Lumpen sitzen … so höre ich zu, es ist schwer etwas dazu zu sagen — kurz zuvor war ich noch sehr beeindruckt gewesen, weil die Nikolaikirche vor vier Jahren erst mit viel Initiative von einer Ruine wieder zu einem Kirchenschiff mit Dach werden durfte, und weil für den Aufbau des stadtbildprägenden Turms ebenso visionär und engagiert gearbeitet wird – eine beeindruckende Ausstellung im Kirchenschiff – und weil es eine Bürgerinitiative gibt zur Rettung der Altstadtsubstanz, und weil die Stadt wagt, olle DDR-50er-Jahre-Blöcke wieder abzutragen, wo sie das Marktbild (zer)stören — hier in den Vororten hat Brecht wohl Recht: erst das Fressen, dann die Moral
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auf eine Weise bin ich nach dem Gespräch froh, wieder in der unverfänglichen Natur zu sein: dort liegt gleich unsere Jugendherberge – Hütten im Wald, ein Teich, ein paar Zelte nebendran, draußensitzen, mit der Tochter über die Reise reden – welch ein wunderbarer Übernachtungsort vor dem letzten Fahrtag, zum Abschluss unseres Nichtsesshaftseins

Tag 14: Rieth – Bugewitz

ein sonniger Morgen im kleinen Dorf, wir fahren durch die Straßen und finden schließlich am Hafen, was wir – unter anderem – suchen: Telefonempfang — weil wir uns nämlich dem Wochenende nähern und der Ostsee, möchte ich lieber gleich für die nächsten beiden Tage unser Dach überm Kopf festmachen – es braucht nur ca. 20 Telefonate und so lustige Ansagen wie „90 Euro zu teuer??? das ist noch günstig – sonst geht es bei 140 los“ (nee danke, ich wollte das Hotel eigentlich nicht kaufen, nur drin übernachten …) – und schon haben wir doch was gefunden: Privatzimmer und Jugendherberge; mittlerweile ist die Tochter erfroren, und meine Finger auch (denn der sonnige Morgen ist windig) — die letzten drei Tage, mir ist ein wenig wehmütig, als wir losfahren
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ein Kiefernwald, Sandwege, das Rauschen in den Bäumen, von dem ich mein Leben lang dachte, es sei das Meeresrauschen, weil ich es nämlich immer in den besonders hohen Wäldern direkt an den Dünen hörte – jetzt klingt es genauso, Ostseegefühle kommen auf, doch ein Blick auf die Karte zeigt: kein Wasser weit und breit – so klärt sich ein Kindheitsirrtum auf: allein die Bäume können so rauschen
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und doch komme ich heute noch zum Meeresgefühl: das Stettiner Haff ist noch nicht die Ostsee, hat aber bei Ückermünde einen Sandstrand, und Buhnen, und Schiffe, und Möwen, und einen weiten Himmel – eine kleine Ostsee sozusagen – und so sitzen wir laaaaaange dort, die Tochter baut Kleckerburgen und Sandfiguren und will gar nicht wieder weg, was ich soooo gut verstehen kann — doch liegt unser mühsam gefundenes Quartier noch 20 Kilometer weiter, und so muss ich irgendwann doch zum Aufbruch drängen, leider
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im Ort aber begegnen wir nach einer Brückenöffnung (offener Mund beim Kind, wie da einfach die Straße hochgeklappt wird) noch der Familie, mit der wir gestern das eislose Schicksal geteilt hatten – alle drei Kinder jubilieren, und wir teilen das Eis eben heute – bevor sie dann quasi auf den Heimweg (es sind Berliner, die haben in drei Tagen Ferienende) und wir auf die Weiterfahrt gehen
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die Landschaft ist wieder mit Erinnerungen gespickt, wohlig, doch mir – ist das der Erholungseffekt? – gehen die Attribute aus, ich sitze hier beim Schreiben mit Wortfindungsstörungen — na, so ist es eben nur im Innern gespeichert
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wir kommen sehr spät an heute, es fühlt sich schon dämmrig an, das Tochterkind ist erschöpft — aber sie springt sofort wieder auf, als ihr am Zielort Hund und Katze entgegenlaufen: überhaupt besteht ihr größtes Glück der Reise wohl darin, dass wir überall Tieren begegnen, sie hält bei allen an, spricht, streichelt, sinniert — und wenn mal für ein paar Kilometer keine Pferde, Schafe, Schweine, Rinder, Hunde, Gänse vorbeikommen sollten, dann entdeckt sie Mäuse, Rehe, Störche, Libellen — und wenn nicht mal diese sich zeigen, dann singt und plaudert sie vor sich hin über die Begegnungen des Tages … (ich fühle mich neben ihr so blind und weiß einmal mehr, warum gerade dieses Kind in mein Leben hineingeboren wurde)
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das Dorf, so klein, so unscheinbar, empfängt uns herzlich – der Zimmervermieter, der Kneipenwirt – beide meinen es so gut mit uns – wir wissen jetzt, wie es einen Berliner in dieses Dorf verschlägt, wie man sich hier das Leben gestaltet, wie man das Wetter erlebt, und den Sommer und die vorbeiziehenden Radler, und wir wissen auch, dass wir das nächste Mal, wenn wir uns ein Essen teilen wollen (weil der Tag schon so viele Backfischbrötchen hatte), dazu sagen, dass wir mit Absicht nur ein Essen bestellen – nicht dass es wieder doppelt so groß bereitet wird („weil es doch für zwei reichen muss“:))

Tag 13: Lebehn – Rieth

Merke: Der Inhalt zweier Fahrradtaschen lässt sich mühelos auf die Fläche einer riesigen Ferienwohnung ausbreiten. Merke auch: Es braucht Ewigkeiten, das morgens alles wieder einzusammeln. — So kommen wir erst gegen 10 los. Aber das macht nichts – der stets für nachmittags angekündigte Regen tritt sowieso nicht ein, auch heute nicht.
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als ich morgens die Tüte mit den restlichen Essensbergen auf das Tochterfahrrad schnalle, weil bei mir kein Platz mehr ist, sagt sie aus tiefster Seele: endlich komme sie sich nicht mehr so nutzlos vor – wieso denn nutzlos? frage ich – weil sie sich doch bisher mit dem Gepäck so habe bedienen lassen, sagt sie, und nun könne sie auch endlich einen Beitrag leisten – und dann ist sie tatsächlich den ganzen Tag hocherfreut und stolz, nun keinen leeren Gepäckträger mehr zu haben — ach Mensch, denke ich, von außen schauend, Du hast doch genug zu tun mit Deinem Riesenrad, das fast noch mehr wiegt als Du, das Du auch ohne Gepäck nur mit vollem Körpereinsatz über Stock und Stein und die Berge hoch bekommst, Du bist noch so mit Schalten beschäftigt, hast die Kraft in der linken Hand noch gar nicht, so dass ich Dir diese Seite manchmal einstellen muss, Dich pustet der Wind fast von der Straße, wenn er plötzlich heranböt, und die Kilometerzahlen muss man in Deinem Alter auch erstmal schaffen — aber das zählt eben nicht, wenn Deine Innensicht Dir sagt, dass es ohne Gepäck auf dem Träger nicht genug geleistet ist …
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das viel zu viele Essen von gestern soll uns heute übrigens noch gute Dienste leisten, denn wir befahren die größte Durst- bzw. Hungerstrecke der Tour: über 40 km kein Gasthaus, kein Café, kein Kiosk, kein Laden – da man dies der Karte aber nicht ansieht und außerdem überall Hinweisschilder stehen, flammt vor jedem Dorf neue Hoffnung auf (bei der Tochter vor allem auf ein Eis), und dann sitzen wir doch wieder auf einer Picknickbank und knabbern an unseren Vorräten — in Hintersee, kurz vor unserem Tagesziel, treffen wir an einer Bushaltestelle auf eine ebenso ausgehungerte Familie und ein weiteres Radlerpaar, wir bilden eine Gummibär-Keks-Wasser-Teile-Schicksalsgemeinschaft, stellen uns den Kaffee dazu vor und fahren danach ein kleines Stück zusammen weiter, was vor allem die Kinder sehr erfreut
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ähnlich kompliziert ist es mit Telefonieren und Internet – meist nur polnisches Netz, was dann aber auch nicht funktioniert – wir können keine weiteren Quartiere buchen, keine Wettervorhersage sehen (na, der Himmel wird von Tag zu Tag blauer, der Wind kommt stetig aus Südwest – das reicht) und heute auch diesen Blogeintrag nicht einstellen
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ansonsten aber – das fehlende Eis ist verschmerzt – ist hier Wunderwelt für uns beide: Dörfer mit Tieren, bei fast jedem halten wir an – Wälder und Felder, wie ich sie brauche – Wiesen zum Liegen und Wolkenschauen — und am Ende des Tages zwar noch nicht das Meer, aber mit dem Neuwarper See eine Ausbuchtung des Stettiner Haffs und damit so etwas wie ein kleines Meergefühl
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am Ziel ist die Tochter einen persönlichen Rekord von 54 km gefahren, wir fallen über ein Café her, beziehen eine kuschlige Mansarde in der Alten Dorfschule (im Lehrerzimmer wollte ich dann doch nicht schlafen:), zumal das teurer gewesen wäre) und spazieren zum Naturhafen, wo die Tochter ihre Liebe zu Backfischbrötchen (und zu den Originalen, die in diesem Dorf leben) entdeckt
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ja, Originale: einige Menschen hat es aussteigend, so kann man es nennen, hierher in den Riether Winkel verschlagen – es gibt kreative Cafés, Kurse, Malerei, ein vegetarisches Restaurant – all das, was man nach den Erfahrungen des Tages nicht unbedingt erwartet – vielleicht ist hier ein guter Rückzugsort zum Verlassen eines alten Lebens, vielleicht finden sich gerade hier am Ende der Welt Reisende, die genau das suchen … wir jedenfalls würden hier auch bleiben, würde nicht übermorgen ein Ziel an der Ostsee auf uns warten, so können wir nur für wenige Stunden in diesen besonderen Ort eintauchen

Tag 12: Gartz – Lebehn

die Tochter wacht lange vor dem Frühstück auf – vor Aufregung? – und ist ganz hibbelig vor Losfahrenwollen – dieses zieht sich aber, weil wir uns erst arrangieren müssen: alles Gepäck muss nun in zwei Taschen gestopft werden, worauf mein Rad hinten überlastig ist, sich vorn aufbäumt und wieder mal vom Wind umgeworfen wird, dann klappert was bei der Tochter und aus Solidarität auch gleich bei mir, dann fällt die Flasche vom Gepäckträger, dann verrutscht der Rucksack, dann lockert sich die Schnalle, dann ordnen wir nochmal um, dann muss der Pullover aus, dann muss er an, dann kommt der erste Durst, dann die erste Schautafel, und dann auch schon die erste Guck- und Fotopause
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ja, Schautafeln: sie liest ALLES, was am Wegesrand geschrieben steht, wir verpassen garantiert nie mehr wieder den Weg, wissen jetzt alles über Niederauen und eiszeitliche Geländeformung, sie könnte bestimmt noch die Namen aller vorbeigekommenen Pensionen, Gasthäuser, Firmen aufzählen, saugt den gesamten Wegesrand auf: Tiere, Pflanzen, Licht, Windgerüche, Menschenblicke – Nachholen von zwei Wochen Nichtdabeigewesensein, so scheint mir — als wir nach nur wenigen Kilometern von der Oder abbiegen, verabschiedet sie sich genauso innig vom Fluss wie ich es tue (und hat schon vor mir und für mich ausgerechnet, wie lange ich jetzt hier entlang gefahren bin)
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und überhaupt: wie zwei Kinder sooo unterschiedlich sein können – ich könnte jetzt eine lange Liste aufzählen, was mir allein am ersten Tag alles auffiel – welch ein Kontrast – unglaublich!
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wo sind denn all die anderen Radfahrer hin? bisher war der Weg gut beradelt, in beiden Richtungen – heute treffen wir kaum eine Seele — vielleicht umfährt man diese Strecke mit ihren Hügeln und extremen Gegenwinden besser auf der polnischen Seite, bleibt also gemütlich am Fluss, und nur wir haben von der Komfortvariante nichts mitbekommen?
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ja, extremer Wind (hier in Norddeutschland mag man es „frische Brise“ nennen, für uns ist das fast ein Sturm), ein harter Starttag für die Tochter: zuweilen, wenn es dazu noch bergauf geht, schieben wir vor lauter Nichtmehrkönnen — ich versichere ihr, dass das beim Radfahren nicht immer so sei – noch glaubt sie mir und bleibt guter Dinge — in einer dieser windigen Situationen ihr O-Ton: „Man, bei dem Wind müsste mir die Rotze eigentlich zurück in die Nase laufen.“
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Energiezufuhr: dreimal braucht sie tagsüber warme Würstchen – soviel isst sie sonst in einer Woche — weil wir abends mal wieder in einem Dorf ohne Essen bleiben und auch sonst nicht viel verkauft wird in diesen Dörfern (wovon leben denn die Leute hier?), nutze ich am Mittag den letzten Lebensmittelladen vor dem Ziel und plündere mal prophylaktisch: nun fährt mein Fahrrad morgen also auch noch all das Essen spazieren, was wir heute dann doch nicht geschafft haben
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ansonsten aber: perfekte Bleibe, mitten auf einem bewirtschafteten Bauernhof, seit wir hier sind, bestaunen wir das Hofleben aus Luken und Dachfenstern (seit wir hier sind nämlich regnet es, daher verschieben wir den Hofrundgang auf den Morgen) – und die Ferienwohnung ist so groß, dass ich nachher erstmal suchen muss, in welchem Eck und in welchem Bett sich das Kind schlafen gelegt hat
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ein paar Höhepunktsmomente noch: auf einer stürmischen Kuppe stehen, mitten unter riesigen Windrädern, und die gewaltigen Kräfte hören, sehen, fühlen — ein Freilichtmuseum zum Leben im Mittelalter erkunden, Hütte für Hütte, Handwerk für Handwerk — an kleinen Seen kurz absteigen, weil es in dem Schilf dort so riecht und rauscht, wie es an Seen in Mecklenburg schon immer riecht und rauscht — abends bei den letzten Fahrradtritten den Tag sich schlafenlegen fühlen – der Wind kommt zur Ruhe, es wird still, so still, wir hören nur noch uns selbst atmen – doch dann bricht von hinten die Gewitterfront durch und entlädt sich mit Urgewalt

Tag 11: Hohenwutzen – Gartz

ist ja klar, dass niemand diese Ortsnamen kennt, doch was soll ich machen: größere, bekanntere Orte gibt es hier nicht — und sowieso: in diesen Dörfern ist‘s am besten zu bleiben (so meine Sichtweise – der Sohn hätte lieber abends immer ne Stadt um sich, vorzugsweise Großstadt, und auch der Fluss dürfte – aus der Sicht eines 12jährigen – ruhig etwas weniger naturbelassen sein)
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kurz nach dem Start zeigen Schilder in Richtung Oderberg: wieder Erinnerungen, wieder erzähle ich – hier mussten wir vor Studienbeginn drei Wochen lang in die Kartoffelernte (ohne Ernte kein Studium), was bestimmt nicht die lustigste Zeit meines Lebens war, trotzdem fallen mir ein paar Geschichten von der Kartoffelsortiermaschine ein, über die der Sohn sich schlapplacht
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erstmals haben wir heute über viele Kilometer richtig schiebenden Rückenwind – wir fliegen! — dafür kommen uns lauter schlecht gelaunte, verbiestert überm Fahrradlenker hängende Leute entgegen — ich sage zum Sohn, dass wir uns doch an unseren Gegenwindtagen vergleichsweise gut gehalten hätten, wir hätten immer noch gelacht – darauf er: „Nee, DU hast gelacht. Und ich war voll genervt, dass Du immer gelacht hast.“
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hier im Naturpark Unteres Odertal ein verändertes Bild: die Flussarme und –ärmchen wirken wie eine Seenlandschaft, die Umgebung wird uckermärkisch hügelig, und auf unseren letzten Kilometern bietet sich uns eine atemberaubende Kulisse aus Sonne und Gewittern in der Ferne
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für den Sohn endet die Fahrradreise hier – nicht weil ihm die Landschaft zu naturbelassen ist:), sondern weil die Tochter nun auch mal will, und so war es vorher ausgemacht, dass die letzten fünf Tage der Tour ihre sein sollen — der Papa hat eine Ferienwohnung an der Ostsee und ist so lieb, das eine Kind zu bringen und das andere zu holen, samt Fahrrad und zugehörigem Geraffel — „mit einem weinenden und einem lachenden Auge“, sagt der Sohn, fährt er die letzten Kilometer, im Gespräch schon die Tourpläne für nächsten Sommer erörternd (aber die verraten wir noch nicht) — als wir vor der Pension stehen, zeigt sein Kilometerzähler 777,55 – was für eine tolle Zahl! – und weil die anderen eh noch nicht da sind, fahren wir noch schnell eine kleine Runde zur Kirche und zurück und schieben das Rad auf den Hof, als es genau die 777,77 zeigt — und noch ein Zufall: nach dem Foto, mit dem ich diese Zahl festhalte, ist die Speicherkarte voll
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Bruder und Schwester führen Übergabegespräche: er gibt ihr Tipps zum Umgang mit mir in den verschiedensten Situationen des Radreisens — gern wäre ich bei diesen Gesprächen ja Mäuschen gewesen:)
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die Tochter ist vor dem Einschlafen ganz aufgeregt, weil sie gar nicht weiß, wie das mit dem Radfahren morgen geht – ich lese ihr aus der Tagebuchkladde von unserer ersten Zweitagestour im Juni vor, sie erinnert sich Stück für Stück und schläft dann ganz beruhigt ein, weil sie es ja doch schon ein bisschen weiß — und auch ich werde erst schauen müssen, welches Tempo, welche Menge … und habe für ihren ersten Tag ganz genau herausgesucht, wie die Strecke und der Wind ist (beides etwas weniger gutmütig als heute) und nach einer gemäßigt kurzen Etappe schon einen Bauernhof zum Bleiben gefunden

Tag 10: Frankfurt/Oder – Hohenwutzen

wir stehen noch vor der Stadt auf: die Straßen sind menschenleer, als wir auf der Suche nach einem Frühstücksort kreuz und quer fahren – wohingegen es abends (oder wohl eher: morgens) in der Nähe unseres Bettes grölend laut war — es ist immer schwer, überhaupt den Hauch einer Ahnung vom Lebensgefühl eines Ortes zu bekommen, wenn man ihn nur kurz am Wegesrand berührt
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weil das Bettfinden gestern so schwer war und das vor uns liegende Oderbruch nicht gerade dicht besiedelt ist, setzen wir uns gleich nach wenigen Kilometern auf eine Bank am Wegesrand und telefonieren herum – na bitte, geht doch, wenn auch weiter entfernt als eigentlich geplant (aber wir sind früh genug dran) – später am Tag treffen wir ein Paar, das erst mittags gesucht hat und 15 Mal telefoniert hat … upps … was haben wir Glück gehabt, denke ich
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ich sinne nach: warum ich diese Sicherheit brauche, warum mir unwohl ist, wenn ich nicht weiß wohin es geht, obwohl ich mich ja auch danach sehne, spontan am Weg zu entscheiden, wie weiter und wohin und wo bleiben – immer siegt das Bedürfnis, die Dinge sicher vor mir zu sehen —- nun könnte ich es, jedenfalls beim Radfahren, ja damit begründen, dass ich das Kind bei mir habe und dieses eben ein Dach über dem Kopf braucht, doch das wäre Ausrede: er könnte locker immer noch weiter fahren, auch einen Schlenker vom Weg weg, es gibt zur Not Gartenlauben zum Übernachten, man würde nicht unter der Brücke bleiben müssen – also was ist der wirkliche Grund tief in mir?
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Landschaften: kurz hinter Frankfurt die letzte Anhöhe für lange Zeit – Felder, Hügel, Wälder mir sehr vertraut (und tatsächlich: irgendwo steht ein Radwegweiser: zum S-Bahn-Bereich von Berlin sind es keine 45 Kilometer) — danach endlich wieder an den Fluss, wir begrüßen ihn mit Steinchenspringen und verlassen ihn bis zum Abend nicht mehr — zunächst die Arme der Alten Oder, durch urwüchsige Bäume, Sträucher und Gehölze mäandernd, ein Meer von Grün- und Gelbtönen, und die besonders hellgelben, kargen Ausblicke könnte man mir auch in einem Erdkundebuch mit der Bildunterschrift „Serengeti“ oder „mongolische Steppe“ verkaufen (soviel zu meiner botanischen und geographischen Unbewandertheit) — ab mittags bewegen wir uns für 50 km durchs Oderbruch, fahren fast nur auf dem Deich, es ist flach wie in Friesland, die wenigen Höfe links des Weges wirken wie Warften – nein, sie wären viel zu niedrig, denn Oderbruchland liegt teilweise unter dem Oderspiegel: sollte bei einem nächsten Hochwasser hier ein Deich brechen, würde dieses Stück Land zum Meer werden – überall erzählen Schautafeln von vergangenen kritischen Situationen – wie leben die Menschen mit der allgegenwärtigen Bedrohung vor Augen?
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apropos Oderbruch: schon zu meinen Berliner Zeiten hatte diese Gegend den Ruf, nicht besonders belebt zu sein, um es neutral zu formulieren … ich muss daher lachen, als unsere Wirtin vom Nordrand des Oderbruchs auf meine morgendliche Frage, bis wann es in ihrem Dorf Abendessen gebe oder ob wir uns besser schon unterwegs darum kümmern sollten, spontan herausplatzt: „Im Oderbruch? Da find‘n se doch nüscht.“ — tatsächlich aber hätten wir gefunden, nicht wenig sogar – möglicherweise zieht die Gegend genug ruhesuchende Menschen an, für die ein wenig Gastronomie eingerichtet wurde — wir aber, nicht wissend davon, suchen lieber schon im letzten größeren Ort Küstrin-Kietz nach einem Mittagsimbiss, werden auf der deutschen Seite nicht fündig, fahren auf die polnische, landen am Grillstand eines Sonntagsmarktes, zu dem busseweise Butterfahrten aus Berlin gekarrt werden – naja … — später trifft es uns dafür sehr gut: in der ersten Radwegekirche (sic!) in Kienitz gibt es ein Sonntagscafe, in dem man im unüberdachten Kirchenschiff im Liegestuhl sitzt … dringend notwendige Erholung vor den letzten 30 km des heute sehr langen Ritts
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dazu der Wind – Merke: ab einer gewissen Stärke ist Seitenwind wie Gegenwind! – und einmal wirft er sogar mein Fahrrad um (zum Glück sitze ich gerade nicht drauf)
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ja, sehr lang wird es, Tagesrekord für den Sohn: 98,4 – und ich muss noch zum Geldautomaten radeln (Anfängerfehler: einsame Pension mit Karte bezahlen wollen:)) und schaffe daher die 100
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Belohnung: erstmals wohnen wir direkt am Wasser, ich bleibe bis zum Einschlafen draußen und gehe nach dem Aufstehen sofort wieder hin, sitze dort, lese, schreibe …

Tag 9: Guben – Frankfurt/Oder

Aufwachen mit Blick in einen fast schon reifen Apfelbaum, in die Morgenkälte hinaustreten, unterwegs staunen, wie unglaublich laut sich sammelnde Stare (?) sind, gelbe Farben in den Bäumen entdecken … der Herbst nähert sich (hej, wir haben noch vier Wochen SOMMERferien)
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ein paar Kilometer Neiße noch, dann sind wir an ihrer Mündung in die Oder angelangt – wir steigen ab und zu den Flüssen hinunter, wie still dieses breite Wasser vor uns liegt, wie gut es tut hier zu sitzen, zu schauen, zu sein
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wie gut auch, dass wir diese Flussbegegnung am Morgen hatten – von da ab nämlich bekommen wir den Fluss selten zu Gesicht: wegen Deichbauarbeiten werden wir ins „Landesinnere“ umgelenkt, treffen erst nach vielen Kilometern wieder auf die Flussauen, und dann verläuft der Weg meist unterhalb des Deiches – wir könnten natürlich alle paar Meter hinauf krabbeln, um zu schauen, aber das ist nicht dasselbe wie mit Blick aufs Wasser fahren – ja, ich fühle mich heute richtig des Flusses beraubt und bin erst wieder besser bei mir, als uns abends in Frankfurt der kalte Wind ins Gesicht weht, während wir an der Oder sitzen
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Kontraste: an einer Radlereinkehr am Wegesrand sitzen wir zu sechst, alle sind ganz leise, flüstern miteinander, um ja die anderen nicht zu stören, um niemandem die Stille zu nehmen, die hier alle wohl suchen — an einer anderen sitzen auch nicht mehr Menschen, aber eine radfahrende Mutter erzählt jedem, der neben ihr sitzt, laut und ungefragt von all ihren Motiven, die sie herführen, von allem was sie sucht, dazu die Vorgeschichten, die Lebensgeschichte, die was-weiß-ich-Geschichten, so laut und aufdringlich, dass man nicht anders kann als zuzuhören, alle rühren betreten bis beflissen in ihrem Eintopf, kaum jemand sagt noch etwas, vielleicht fahren die anderen auch alle ein wenig schneller weiter als geplant – ich jedenfalls bin froh, irgendwann wieder nur noch den Wind in den Ohren zu haben (und da ihre Kinder noch sehr klein sind, müssten wir sie nach dieser einen Begegnung wohl abgehängt haben)
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auch heute wieder Regenglück: es betröpfelte uns nur ein einziges Mal, die großen grauen Wolken waren stets nur am fernen Horizont zu sichten, während über uns das Blau-Weiß mit Lichtspielen tanzte
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das Unterwegsgefühl hat eingesetzt: ich wache morgens auf und will aufs Rad (merke ich auch jetzt beim Schreiben ganz intensiv), das Fahren ist zum (momentanen) Lebensgefühl geworden, ich wehre mich nicht mehr, wenn Gegenwind (der wird uns wohl bis zur Ostsee begleiten) oder „Berge“ in die sogenannte Quere kommen, ich will nur noch treten, atmen, sein

Tag 8: Bad Muskau – Guben

wenn man in der ersten Morgenstunde 20 km auf der glatten Asphaltbahn rollt, wie von selbst, fast ohne es zu merken und schneller als je – nennt man das dann einen fliegenden Start?
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außer dieser Landschaft brauche ich nichts … wir lassen den „Ostdeutschen Rosengarten“ einfach so vorbeiziehen, kurven nur kurz durch die Orte, die an der Strecke liegen, bleiben vor allem am Fluss — bewegend hier sind all die abgebrochenen Brücken mit ihrer ungeschriebenen Geschichte: von den Deutschen beim Rückzug gesprengt? – jedenfalls nie wieder aufgebaut an der sogenannten „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ (plötzlich kommt mir dieser Begriff wieder) – abgebrochene Brücken bis heute – nur an einer Stelle, da haben sich die Menschen der Dörfer rechts und links des Flusses einen eigenen Weg zueinander über die verwaisten Brückenpfeiler geschaffen
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die Landschaft befriedet, sie spielt vor dem Auge in immer anderen Variationen und ändert sich doch nicht, sie ist heute schon vertraut, als wäre ich ewig hier gewesen, sie ist Stille, wie ich sie suche, sie lässt die Seele fliegen (und das Fahrrad sowieso) – und sie lässt sich wieder nicht auf Fotos festhalten, obwohl ich es heute versuche
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erstmals mache ich mir Gedanken, wie es wäre an den Abenden zu zelten, um nicht in ein Haus zu müssen, um nicht diese innige Nähe zum Draußen zu verlieren, um voll und ganz hier zu bleiben, am Fluss, im Wald, wo immer – oder ob nicht Zeltplätze Orte sind, an denen man diese Nähe ebenso verliert, weil es voll, eng, laut ist? — ich werde in den nächsten Tagen am Wegesrand hinschauen, wo man bleiben würde, hätte man ein Zelt mit sich – für künftige Reisen vielleicht
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heute aber: die Ortsnamen Klein und Groß Bademeusel inspirieren uns offenbar, jedenfalls machen wir schon vormittags unsere Übernachtung in einem Landgasthof mit Schwimmbecken fest – das motiviert insbesondere den Sohn zu Tempo (und Auslassung von Pausen – würde ich nicht protestieren)
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außerdem treibt uns die Wettervorhersage an (ist die Vorhersagbarkeit nun Fluch oder Segen? ich gehe nicht mehr unbefangen in den Tag, hänge in meinen Erwartungen fest) – es soll später regnen, wir wollen möglichst viele trockene Kilometer wegfahren – aber es tröpfelt nur ein paarmal, und immer wenn wir dem Himmel mit dem Auspacken unserer Mondmänneruniform drohen, hört er sofort wieder auf
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so Begegnungen am Wegesrand: der gesprächige Mann aus Dresden, den es soooo freut, dass wir Südwestdeutschen hier in diesem Teil des Ostens Urlaub machen, dass er uns gleich diverse sächsische Familienfreizeitradlerrennen ans Herz legt, und diverse Anlässe, zu denen wir un.be.dingt nach Dresden kommen müssten (wir werden sehen, was sich einrichten lässt:)) — die uns hinterherschreiende Frau an der Straße: „Das arme Kind! Das ist doch kein Urlaub, was Ihr da macht, das ist Tierquälerei!“ (woraufhin den Sohn sehr bewegt, warum sie uns so anschreit, sie wisse doch gar nichts von uns, und wieso eigentlich TIERquälerei?) — ein Radlerpulk, den wir vormittags ein paar Mal sehen – wir sitzen auf dem Deich, sie rollen auf uns zu, ohne zu wissen, dass der Wind jedes gesprochene Wort zu uns trägt: „Ach, das sind die Jungen.“ (beschämt werde ich fast ein bisschen rot, aber ich freue mich natürlich, dass meine Fahrweise jung wirkt:)) — das Freundespaar, das – in einer speziellen Konstruktion aus Fahrrad und Rollstuhl – den gelähmten Freund mit auf die Reise genommen hat — die Großfamilien, die diverse kleine Kinder in Sitzen, Anhängern, angehängten Fahrrädern transportieren und ein Rudel selbstfahrender Kinder neben sich haben, mit beeindruckenden Packtaschenhäufungen an den Elternfahrrädern, und die ähnliche Tourenlängen wie wir zurücklegen (nur in etwas längerer Zeit) – boah!
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schon am frühen Nachmittag sind wir da, baden und lesen und liegen und bummeln herum (fast hätten wir noch vergessen zu Abend zu essen:))

Tag 7: Görlitz – Bad Muskau

Görlitz entlässt einen nicht so leicht – man muss erstmal die Nordgörlitzer Hügel und Baustellen und Wegsperren hinter sich lassen (ein Mann am Wegesrand weist uns in die besten Umfahrungspfade ein und erzählt dabei gleich noch von all den Wegen, Kämpfen und Straßenbauten der verschiedenen Fronten in dieser Gegend vor, in und nach 45 – er hört gar nicht wieder auf, ich fühle mich von all den Details ertränkt – während der Sohn den Dialekt nicht versteht und daher nur freundlich lächelnd danebensteht:)
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bald – wir sind immer noch nicht viel gefahren – erscheint am Wegesrand auffällig der „Kulturpark Einsiedel“, ein riesiger Holzspielwald (um es kurz zu benennen – obwohl sich der Veranstalter in dieser simplen Bezeichnung sicher nicht wiederfinden wird) – die kindlichen Triebe des Sohnes sind jedenfalls geweckt (so formuliert er es selbst:)), wir machen Essen-, Trink- und Spielpause und bauen am Ende noch eine Schatzsuche „Such den Fahrradhandschuh“ ein
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jetzt – es ist schon spät – geht es nur noch in den Neißeauen entlang … ein wellenförmiger, besänftigender, atemspendender Weg, den ich noch stundenlang hätte weiterfahren können
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jeder Fluss hat irgendwie einen anderen Charakter, finde ich – da ich mich mit Bäumen aber erschreckend wenig auskenne, kann ich es kaum benennen: verwildertes Dickicht, Birken und Kiefern in ganz eigener Mischung, dazwischen vereinzelte Häuser und Höfe, ab und zu ein weiter Blick, oft aber geht es mit dem Fluss zusammen mitten durch die Bäume hindurch
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gerade sehe ich, dass ich von diesen vielen inneren Bildern kaum eines auf der Kamera habe – offenbar lässt es sich nicht festhalten, oder wir waren zu eilig unterwegs, weil wir morgens zu lange gebraucht haben
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es zieht mich wieder in diese Auen, also schnell den Sohn wecken, dann bekommen wir sie vielleicht noch im Morgensonnenschein zu sehen …

Tag 6: Bautzen – Görlitz (und Tag 6a: immer noch Görlitz)

wären wir mal lieber heute für große Anstrengungen gewappnet gewesen – heute kommen sie nämlich, und wir waren ein wenig naiv davon ausgegangen, dass es sich so leicht fahren würde wie gestern – aber dann: Hügel und Berge, Wind aus wechselnden Richtungen (oder hat unser Weg so oft die Richtung gewechselt?), jedenfalls die Summe davon … die lässt japsen
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als Mittagszeit ist, haben wir lächerliche 18 Kilometer geschafft, die (gefühlt) meisten davon bergauf, und der Ort an dem wir uns befinden, heißt Hochkirch: ein sprechender Name (später folgt dann: Grube – und so geht das immer abwechselnd) – mal wieder kann man nirgendwo Milchkaffee o.ä. trinken, immerhin gibt es einen Supermarkt, den wir plündern, um dann eine Bank an einem Teich zu finden, zum Sitzen, Essen und über „Es ist wie es ist“ zu sprechen (beim Radfahren und im Leben)
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für ein paar Kilometer begleiten uns Regenwolken (man muss das wirklich so sagen: rechts blau, links blau, vorn blau, nur über uns, uns hartnäckig folgend, grau) – als es loströpfelt und bald schüttet, greifen wir den nächstgelegenen Baum zum Unterstellen (die trockenste Stelle ist 6 Meter neben dem Baum – dies nur mal zur Windstärke) und wühlen in den Tiefen unserer Taschen nach der kompletten Regenmontur; als wir uns hineingewurschtelt haben, inklusive wilder Kopfschutzkonstruktionen, sehen wir aus wie Mondmänner und lachen uns erstmal schlapp, über unser Aussehen, und vielleicht weil Lachen in diesem Moment einfach dran ist :))
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so – eine Weile beregnet, bald aber wieder in der Sonne – schaffen wir uns, heute wirklich mit wackerer Anstrengung, vor bis Reichenbach, bis zu den Orten, deren vertraute Namen ich schon von Kindheits-Fahrradtouren mit dem Bruder kenne, mit meinem zartlila Klappfahrrad damals, und verdammt – damals sind wir diese Wege doch auch hochgekommen …
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in Reichenbach eine letzte Pause (im einzigen Gasthaus seit Kilometern, mit fast tschechischen Preisen – so erschreckend arm ist es immer noch, hier im abgeschiedenen ehemaligen „Tal der Ahnungslosen“), und dann fliegen wir auf Görlitz zu – ich mit gespannter Erwartung: die Landeskrone am Horizont, bald neben uns, wir umrunden sie, stehen vor der Endhaltestelle der Linie 2 (immer noch die 2!, und immer noch das gleiche Quietschen! – es gibt Dinge, die ändern sich offenbar nicht), brettern die breite Straße hinab – und stehen plötzlich wirklich wirklich vor dem Haus meiner Oma
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seit sie vor 20 Jahren zu uns nach Berlin gezogen war, war ich nicht mehr hier – das berührt, weil alles noch so vertraut ist, weil ich jede Ecke, jeden Blick, jeden Winkel wiedererkenne – und es tut weh, weil „ihr“ Haus das einzige in der Straße ist, das nicht saniert, das verkommen und verfallen ist – es ist zugesperrt (gut: sicher würde es noch viel mehr schmerzen, in einem vermoderten Treppenhaus zu stehen, und in der Wohnung erst …), die kleine Wäschetrocken-Wiese hinter dem Hof ist zugewuchert, man kann kaum noch das Haus sehen – so stehe ich mit dem Sohn, zeige ihm, hinter welchen Fenstern was war … und er, um mich zu trösten: Wir könnten das Haus ja irgendwann kaufen und wieder herrichten (ach nee, Söhnchen, das geht nicht nur deswegen nicht, weil es eine gute Übung im Loslassen ist …)
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der Weg zum Bahnhof dann ebenso voll gespickt mit Erinnerungen und Geschichten, so stehen wir irgendwann mitten aus dem Erzählen heraus plötzlich vor unserer Ferienwohnung
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diese befindet sich – sehr passend gerade – auch in einem bis auf unsere Etage noch nicht sanierten Haus: der Vermieter – wir reden eine Weile mit ihm – scheint so alte Häuser zu kaufen und Schritt für Schritt instand zu setzen: na, wenn ich mit meiner Ferienwohnungsmiete zur Sanierung der Stadt beitrage: bitte gern :)) (es gibt nämlich wirklich noch in jeder Straße Häuser, derer man sich dringend annehmen muss, weil sie sonst vielleicht einstürzen – es ist ein sehr eigenes Bild, diese Mischung aus gut renovierten und fast zusammenbrechenden Häusern)
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natürlich bleiben wir den nächsten Tag noch hier, fahren vormittags nochmals in die Oma-Ecke, in der ich eine Kindheit hindurch jede Ferien verbrachte, immer wochenlang, mein zweites Zuhause sozusagen, wir gehen all die Wege, ich zeige den Garten (wie winzig der ist!) und den Kreuzkirchenpark (erstaunlicherweise gar nicht geschrumpft, immer noch ein Rodelparadies), in dem wir drei Winterferienwochen lang täglich vom Aufstehen bis zum Dunkelwerden Schlitten und Gleitschuhe (kennt die außer mir eigentlich jemand?) fuhren, wir stehen in meiner Taufkirche – und fahren mit der Quietsche-Straßenbahn zurück ins Zentrum, das wir dann, schon leicht ermüdet, auch noch erwandern
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ja, hier ist Erstaunliches geschehen, hier entstand eine wunderbare Altstadt, wo damals nur ruinenartige Häuser waren (die Pläne für den Abriss des gesamten Altstadtzentrums lagen wohl schon in der Schublade, hören wir, die Wende kam gerade noch zur rechten Zeit), hier gibt es jetzt eine Fußgängerbrücke auf die polnische Seite hinüber und man läuft einfach so hin und her (ich erinnere mich an lange Autoschlangen durch die Stadt, ewige Grenzkontrollen, bis es irgendwann überhaupt nicht mehr möglich war, die andere Seite zu besuchen)
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ein guter, erschöpfender Görlitztag – wir können am Abend kaum noch Fuß vor Fuß setzen, schlappen ohne es zu merken, über den 15. Meridian und sind zu müde, nochmals zurückzugehen – dann eben nächstes Mal – fallen völlig ausgehungert über ein griechisches Restaurant her und danach umgehend ins Bett … ab morgen wird flusswärts nach Norden geradelt

Tag 5: Dresden – Bautzen

die Frühstückszeiten sind hier gegenüber Tschechien um eine Stunde nach vorn verschoben und wir noch nicht umgewöhnt, daher sind wir beim Frühstück die Letzten, aber inzwischen packroutiniert, überrunden wir die anderen Radfahrergruppen anschließend doch noch und fahren als Erste ab:)
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wir verlassen heute den Elberadweg in Richtung Osten, wo es hügliger zugeht als unten am Fluss, sind also innerlich für furchtbarste Anstrengungen gewappnet (gibt ja leider keine Profilkarten, wo man die Hügel so richtig abschätzen kann) und werden dann den ganzen Tag lang eigentlich nur überrascht, wie leicht es sich fährt – das Navi zeigt am Ende mehr Höhenmeter an als unsere Beine
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das Wetter hat nämlich ein Einsehen mit uns: etwa 10° kühler als vorgestern, bewölkt (aber die Regenwolken bleiben als solche fein am Himmel hängen oder regnen woanders ab), keinerlei Wind – wir fliegen!
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und wir haben uns, weil wir ja schließlich nicht im Trainingslager sind, für die ersten Meter der Auffahrt die Standseilbahn gegönnt – diejenige nämlich, mit der „Der Turm“ beginnt, und so landen wir mitten im „Turmviertel“, fahren die Plattleite entlang, bei Ardenne vorbei und sind schon gleich in der Dresdener Heide
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weil wir uns wieder ohne „fertigen“ Radweg von Dorf zu Dorf schlängeln, ist an Wegen alles dabei: von verwachsenem Trampelpfad bis Bundesstraße (wobei Ersteres mir deutlich lieber ist), manchmal stehen wir am Ende eines Rüttelweges plötzlich vor einer nagelneuen Mini-Asphaltstraße – diese sind sowieso die besten: kaum ein Auto breit, und kaum von einem befahren, fühlen sie sich an wie extrabreite Radwege nur für uns
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weil es wie gesagt hügelig ist, bekommen wir Blicke übers Land, die man gar nicht mit Worten beschreiben kann, und so Momente: das goldenabgeerntete Feld im Sonnenlicht, dunkle Gewitterwolkenkulisse, Blütenmeerinseln, und plötzlich tausende weiße Schmetterlinge …
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so Ortsnamen: Zockau – Brösang – Drauschkowitz – als Memo vor sich hinzusprechen, damit man nicht alle fünf Meter auf die Karte schauen muss – je öfter man es spricht, desto mehr verselbstständigen sich die Worte, lassen ganz andere Silben wachsen, bilden neue Wörter und Assoziationen … (hier ist sorbisches Gebiet übrigens, daher die für uns fremden Klänge, und daher überall zweisprachige Schilder)
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kurz vor Bautzen treffen wir freudig überrascht auf die noch kleinkindliche Spree (naja, die ist ja eigentlich schon immer hier, hätt halt besser Karte lesen sollen:)), den Fluss, in den ich, wo er schon ausgewachsene Größe hat, als Kind meine Bälle hineingeworfen (und von der Wasserschutzpolizei wieder herausholen lassen) habe – wir sind also wohlig berlinerinnert und mäandern bis zur Stadt mit dem Spreeradweg (der Sohn bemerkt die zusätzlichen Meter zum Glück nicht, sonst hätte er protestiert, denn er ist ein Anhänger effizienter Routen, notfalls unter Aufgabe jeglicher landschaftlicher Reize)
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Bautzen kannte ich nicht – und bin begeistert (für so eine Stadt nimmt man die Lage auf dem Berg gern in Kauf) – abends lasse ich mich durch die stillen Gassen treiben, höre meine Schritte und das Rascheln meiner Tasche, ein paar spielende Kinder in der Ferne, sonst nicht viel – und doch so viel …

Und Tag 4a: immer noch Dresden

der erste Studienort bleibt – obwohl gar keine richtig glückliche Zeit meines Lebens: viel Suche, viel Zweifel, viel Einsamkeit, viel Hadern – aber doch eben der erste Studienort, in der Rückschau also ein Hach-Ort, auf den ich mit freudigem Schaudern zufahre – erstes Ankommensgefühl, als ich unterwegs das erste „nu“ höre (kurz gesprochen, speziell intoniert, und es heißt – man rät es kaum: „ja“), und dann die Elbwiesen (ein so oft überschwemmtes Paradies) mit all den das Wochenende feiernden Menschen, die vielen Biergärten, in die wir neidvoll blinzeln (wir wollen aber erstmal ankommen und keinesfalls mit diesen immer noch am Po klebenden Hosen irgendwo sitzen), die berühmte Silhouette der Stadt, wir treiben mitten durch die Historie, ich schwelge, der Sohn fragt die ganze Zeit, wann wir endlich da sind, ich will Erzählungen von damals loswerden und meine Freude in Ruhe ausleben dürfen, er hört mir gar nicht zu, als ich sage, dass hier mal ein Wohnheim war, in dem nämlich der H. gewohnt hat, dann verfahre ich mich noch, weil die einfach Häuser hingestellt haben, wo früher keine standen und ich meine ewigen Orientierungspunkte verloren habe, nur der Bahnhof, den haben sie gelassen wo er war, und dahinter kommt der Berg, den wir früher immer hochgelaufen sind, wenn Sonntagnacht nach dem letzten Zug aus Berlin keine Straßenbahn mehr fuhr, und den wir jetzt mit letzter Kraft hochtreten … so war das bei der Ankunft in dieser Stadt
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apropos neugebaut: das ist ja wirklich unglaublich – zwischen Bahnhof und Brühlscher Terrasse standen damals etwa sieben Häuser (die drei Klotzhotels, das runde Kino, die Kreuzkirche, der Kulturpalast mit dem Bannergemälde und das Verkehrsmuseum), der Rest war eine einzige Windschneise, man konnte fast so weit schauen wie in Friesland – und jetzt haben sie da eine Million Neubauten hingestellt (wer braucht denn bitte so viele Geschäfte?) und verwirren den nach ewigen Zeiten wiederkehrenden Besucher zutiefst (obwohl ich später noch ein paar Mal hier war, scheint doch der Stadtzustand aus der Studentenzeit tief in mir verankert zu sein – zahlreiche der neuen Gebäude muss ich schon gesehen haben, aber ich empfinde sie alle alle als neu)
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was nicht neu ist: der beeindruckend wilde Verkehr – schon damals standen wir (als Berliner, wohlgemerkt) immer wie die Dorfkinder an den Straßen und fragten uns, wie man wohl lebend auf die andere Seite komme – so auch jetzt: bei Kreuzungen ohne Bordsteinkanten ist nicht zu erkennen, wo Straße, wo Gehweg ist, und aus welcher Richtung selbst dann noch Autos und Straßenbahnen angeschossen kommen, wenn man meint, alles abgecheckt zu haben – in dieser Hinsicht also alles wie gehabt
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erste Besichtigungswege am Morgen führen ins Univiertel – unsere wilde Straße, die gar kein Kopfsteinpflaster mehr hat und nun fußgängerüberbrückt ist, der Tante-Emma-Laden an der Ecke durch einen Computerladen ersetzt, Café Müller gibt’s aber noch, unsere Wege, die wir in den nur 20minütigen Pausen irgendwie stets entlangeilten, der Ort wo unsere (einzige!) Telefonzelle stand, die alte Mensa (genannt wie früher: „Neue Mensa“), wirklich neu dagegen, dass man Essen jetzt per App bestellt (damals graue Papierschnipselchen, immer gern verbummelt), neu sind auch zahlreiche Gebäude ringsum, verschwunden dagegen all die Baracken, in denen wir Übungen und Seminare hatten, die historischen Schon-immer-TU-Gebäude natürlich stehen da und heißen so wie immer, lassen Erinnerungen hochschnipsen (Barkhausen-Bau: wir waren donnerstags morgens da, nur für was, das fällt mir nicht mehr ein, im Beyer-Bau war Russisch bei dem Dozenten, der immer von der Nullkopula sprach und nie erklärte, was das ist, im Försterbau Informatik-Übung, auf der Bayreuther Straße ML – „Marxismus-Leninismus“ – im ersten Jahr, im zweiten Jahr dann PolÖk war mensanah in einer Baracke, und natürlich alles, was uns wirklich interessierte im Willersbau, der noch steht wie damals, ich schlich drumherum, erinnerte mich von allen Seiten, nur nicht von innen, weil ja Sonntag war), dann das Gebäude, in dem damals das Auslandsamt war und wo ich Fahrkarte, Visum und Studienunterlagen für Moskau abholte, und noch mehr Erinnerungen, als wir zum Wohnheim einbiegen, die Pappeln rauschen immer noch, das Haus steht noch, ist noch Wohnheim – ich komme per Zufall hinein und betrete eine nicht veränderte Welt, Wahnsinn, was da alles hochkommt, nur die Duschen sind jetzt gefliest und das Nottelefon im Eingang steht nicht mehr, es sind wohl auch keine Dreibettzimmer mehr, wie die Briefkästen vermuten lassen … sehr seltsam, in den Fluren herumzulaufen, das eigene Fenster von außen zu sehen, die Wiese hinterm Haus, der Betonplattenweg und der Pfad auf die Anhöhe hinauf, welche mit dem Blick über die Stadt Zufluchtsort war …
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ok, ok, ich höre schon auf – auch dem Sohn ging mein permanentes „hier war früher“ sicher auf die Nerven, er war aber fein genug, dies nicht zu zeigen, wofür ich ihm sehr dankbar bin
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der Rest des Tages ist schneller erzählt: wir schauen alles an, was man in Dresden eben so anschaut, nur von außen, denn auf Museen und Ähnliches haben wir beide keine Lust, statt dessen setze ich mein „hier war früher“ noch ein wenig fort: dass nämlich das Schloss noch Ruine war, auf dem man – war man mutig (ich also nicht) – herumklettern konnte, und dass die Kreuzkirche damals noch am Markt stand und nicht dahinter, hier war alle zwei Wochen Kreuzchorvesper, nach der man im Eiscafé („Milchbar“) hinter der Kirche stets einige kleine Kruzianer ein Eis hinunterschlingen sehen konnte, bevor ihr Bus ins Internat wieder abfuhr, ich erzähle wie wir eines Tages mit Wanderstiefeln und Rucksäcken direkt aus der Sächsischen Schweiz ins Theater gingen, natürlich von allen Seiten beäugt wurden und dann auch noch während der Vorstellung einschliefen, mir fällt plötzlich wieder ein, dass an dieser Ecke das Reisebüro war, in dem es am 1. März die Fahr- und Liegewagenkarten nach Bulgarien gab …
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ganz zufällig treffen wir vor der Frauenkirche eine Chorbekannte von zu Hause, die mit ihrer Tochter die Stadt anschaut, um sie vielleicht als Studienort auszuwählen – ich rede wärmstens zu: das Lebensgefühl in dieser Stadt, die Menschen – das kann doch heute gar nicht anders sein als damals (oder kann es? jedenfalls habe ich jetzt mal zugeraten …)
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dass ich kurz danach noch denke, einen meiner wichtigsten Profs von damals auf der Straße zu sehen, das ist vielleicht Einbildung meines gerade nur rückschauenden Sehens, er ist schnell vorbei, und ohnehin hätte ich ihn wohl nicht angesprochen, weil meine Wege mich inzwischen so weit weggeführt haben, was ich jetzt nicht erzählen, nicht erklären will (und wozu eigentlich, wenn man sich kaum oder gar nicht kennt?)
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ich habe genug gesehen, und der Sohn erst recht, für weitere Aktivitäten ist es zu heiß – den Rest des Tages lassen wir uns von Biergarten zu Biergarten treiben …

Tag 4: Hrensko – Dresden

ungewohnt schwer einen festen Bustermin einzuhalten, fast nicht zu schaffen für uns, die wir uns schon sehr an die völlige zeitliche Freiheit gewöhnt haben – aber wir meistern es mit nur einem Minimum an Hektik und stehen pünktlich in der Menschentraube an der Haltestelle (während die Räder fertig gepackt im Hotel warten dürfen)
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da wir in spätestens zwei Stunden wieder unten sein wollen, bewegen wir uns antizyklisch: fahren mit dem Bus ganz hoch, steigen in die Mitte der Schlucht ab, sind dort in der Morgenstunde und der Felsenlandschaft (ohne Worte!) mutterseelenallein und wandern entgegen dem anfangs tröpfelnden, später reißenden Fußgängerstrom
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an der engsten Stelle der Schlucht geht es nur mit Stocherkahn vorwärts – auch hier wieder: wir sitzen fast ganz allein im Boot, während die entgegenkommenden Kähne vor Überladung beinahe kentern (was im Prinzip ganz romantisch wäre, wenn nicht der Fährmann sein volles Programm an extra für Touristen gemachten Witzen auf Deutsch abspulen würde, was vielleicht für angeschickerte Reisegruppen witzig ist, aber so bin ich allein fürs Lachen zuständig – naja, ich gebe mein Bestes:))
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nun, wir kehren glücklich aus dieser Landschaft zurück, in die mich zu Studentenzeiten allzu oft der Sonntagmorgenzug (6:38 ab Dresden Hbf – was mir plötzlich alles wieder einfällt) gebracht hat – nur die Radlerhosen kleben arg am Popo (Anfängerfehler – die hätten wir ja auch noch im Hotel umziehen können)
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statt sofort loszusprinten (hätten wir die Kilometerzahl nicht irgendwie falsch geschätzt und den Wind auch nur geahnt, dann wäre das wohl angeraten gewesen), nehmen wir uns noch einmal Zeit für die Palatschinkentestreihe des Sohnes – leider landet dieses letzte verzehrte Exemplar auch auf dem letzten Platz der Skala – ein Grund mehr, wieder herzukommen: einen besseren nachschieben :))
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halb Eins also sitzen wir endlich auf den Rädern, fahren mit E-Bikern um die Wette (warum wollen die eigentlich abwärts alle nicht schneller fahren?), betrachten Lilienstein, Königstein und Bastei von unten, wundern uns über deutsche Gehorsamkeit (eine Engstelle, gut einzusehen, für zwei Autos etwas knapp, was die Ampel sicher rechtfertigt, aber dass all die Radler davor stehenbleiben???) und gleich anschließend über deutsche Ungehorsamkeit (Schlosspark Pillnitz: „Radfahrer bitte absteigen“, was auch meinem Gefühl für diesen Ort entspricht – erst als alle anderen an uns vorbeiradeln, kann ich auch den Sohn nicht mehr davon abhalten wieder aufzusteigen) — und arbeiten hart
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wirklich, wir schuften nach Kräften: spätes Losfahren, die Hitze, daher Appetitlosigkeit, dann aber plötzlich flaues Gefühl, also Traubenzucker einwerfen, und auf den letzten 40 Kilometern (höhö – von 60) extremer Gegenwind auf den freien Elbwiesen, wie wir ihn noch nie hatten (wir sind froh, wenn wir die Tachonadel mal über die 12 hinausbekommen, das ist etwa unser halbes sonstiges Asphalttempo …) — der Sohn flucht laut, ich leise, ich darf vorn fahren, er im Windschatten, bis sich sein Geschimpfe in leises Singen verwandelt hat – von da ab glaube ich wieder daran, dass wir doch noch ankommen
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tun wir tatsächlich, wenn auch spät, sehr spät – nicht zu spät aber, um kurz vor der Jugendherberge (liegt auf nem Berg, wo sonst?) noch einen Getränkemarkt zu plündern (in unserem Erschöpfungszustand übertreiben wir beim Einkauf gewaltig) und um nach Dusche und Freude über bezogene Betten (wir müssen erst bei Abreise beziehen) noch in eine nahgelegene Kneipe zu torkeln (das ist doch mal ein redlicher Wirtshausbesuch: hinein torkeln, und hinaus mit klarem Schritt kommen)
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und was noch zur Freude des Abends gehört: dass wir morgen nicht weiterfahren, dass wir zwei Nächte hier bleiben, uns ein wenig sortieren können, Wäsche waschen, Ruhe tanken, Stadt erleben, Erinnerungen fließen lassen (das Fließen hat schon begonnen, aber davon erzähle ich morgen)

Tag 3: Litomerice/Pistany – Hrensko

dass es auch in dieser Pension wieder erst ab 8 Uhr Frühstück gibt, erspart uns familieninterne Diskussionen um frühe Aufsteh- und Abfahrzeiten:) – und dass der Tag drückend zu werden droht und wir nicht schon in den frischen Morgenstunden ein paar Kilometer weggeschafft haben, bedaure ich genau so lange, bis wir wieder am Fluss sind und merken, dass dieser uns kühlen Wind schenkt, den ganzen Tag lang (wenn der jetzt bitte noch in unsere Richtung schieben würde – aber man kann eben nicht alles haben)
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die Landschaft wird mittelgebirgig, zunächst sanft und vertraut, fast wie bei uns zu Hause, später tauchen erste Steine auf den Bergkuppen auf, bis wir abends mitten in den Felsen der Böhmischen und Sächsischen Schweiz sind – hach! (in mir kriechen leichte Neidgefühle auf die Leute auf, die gerade in Wanderschuhen vom Berg kommen, dabei weiß ich doch, dass ich mit meiner schmerzenden Haxe keine drei Stunden lang tauschen wollte – es verlockt aber genug, für morgen früh immerhin ein Zu-Fuß-Stündchen einzuplanen)
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es ist doch seltsam: entlang des gesamten Flussweges bisher waren uns diese vielen Imbisse aufgefallen, an jeder idyllischen oder nichtidyllischen Flussecke wurde dem Verhungern und Verdursten Einhalt geboten (wir erinnerten uns dabei fast schon mit Schaudern an so manche Tage in radfahrerversorgungsfreien brandenburgischen und hessischen und sonstigen Landen), nur hatten wir das bisher kaum genutzt – heute aber, wo wir wollen und dürsten und ein wenig schon hungern, da bleiben die Imbisse aus (und die Ortschaften mit Gasthäusern auch, wenn man mal von Usti nad Labem absieht, das wir aber anfangs unserer Durststrecke passierten und, weil man es nicht gesehen haben muss, links liegen ließen) – offenbar sind wir besonders untalentiert darin, unsere Bedürfnisse den Gegebenheiten der Strecke anzupassen – wir üben weiter
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eine unspektakuläre Landesgrenze kurz vor unserem Tagesziel, das wir allerdings noch einmal auf der tschechischen Flussseite gewählt haben, dafür dürfen wir Fähre fahren (Zugang nur über Treppenstufen – nee! – und upps: die deutschen Preise!)
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schade, dass die Tschechientage vorbei sind – gern fahre ich wieder hierher (nicht, weil wir viel zu wenig Oblaten gegessen haben:), und erst recht nicht weil hier alles weniger kostet – das ist manchmal eher zum Schämen, wenn die Leute am Nachbartisch drei Eiskaffees in Folge trinken und über die Preise lachen – irgendwie ist es mir gerade hier wieder besonders präsent, wie wenig Geld wir früher im Urlaub hatten bzw. wie wenig unser Alugeld wert war) – ich habe es bedauert, keine kleinen Schwätzchen am Wegesrand führen zu können, nichts zu wissen, nichts zu erfahren über das Leben hier (außer das, was die Augen sahen), aber ich nehme das Lächeln und die Freundlichkeit der Dörfer mit und schmunzele ein wenig über mich und meine Vorabangst, wie das wohl im fremden Sprachbarriereland werden wird: ich bin mir sicher, hätten wir Weg, Geld oder Luft im Reifen verloren, wäre uns an jeder Ecke geholfen worden, notfalls unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen und des gesamten Dorfes – die Bilder von Immer-noch-Ruinen und hunderten „Na prodaj“-Schildern („Zum Verkauf“) an Häusern, Gehöften, Industrieanlagen nehme ich allerdings auch mit
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Einschlafen unter Bachrauschen, mit Vorfreude auf den Besuch der Schlucht morgen früh, auf das Fahren im Sächsische-Schweiz-Elbtal (daran, dass Samstag ist und folglich noch drei andere Radfahrer unterwegs sein werden, denke ich lieber noch nicht) und auf die Ankunft in „meinem“ Dresden

Tag 2: Melnik – Litomerice/Pistany

wir kommen ins Treten, ins Gleiten, ins Fließen hinein – das ist fast schon das Wichtigste, was von diesem Tag zu erzählen wäre
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was mich sonst noch durchströmt: das Grün einer friedlichen Flusslandschaft, nun also der Elbe, die das Ufer säumenden Angler in ihrer Ruhe, die Berge in der Ferne und damit die Ahnung, dass wir uns morgen mit dem Fluss zusammen mitten hindurch schlängeln werden, der erste Kiefernwald mit dem Geruch seines warmen Sandbodens, wilde Pfade in uriger Landschaft, ein Sonnenuntergang am Seeufer, das Vertrautheitsgefühl mit dem Sohn, Zeit zum Lesen, zum Nachsinnen, mit Blick auf die Spiele der Wolken am Himmel
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wie integriert man Terezin in eine solche Reise? ich weiß es nicht, wir fahren durch, steigen ab, schauen, ich erzähle ein wenig vom Unfassbaren (das im Laufe eines Lebens auch nicht fassbarer wird), erinnere mich, dass ich erstmals mit 15 hier war, was schon schwer genug war, und spüre, dass das Kind noch sehr jung ist – am Friedhof sitzen wir länger, dies ist unser Raum an diesem Ort – das Lager, die Baracken, das Museum sehen wir nur von außen, was für heute, für uns, für ihn genug ist – und dann bleiben wir doch noch länger, weil ein Regen uns zum Unterstellen bringt, gerade gegenüber des Parks für die Theresienstädter Kinder – ich schaue auf diesen Park, auf mein Kind, das gerade versucht, nicht allzu nass zu werden – Dankbarkeit, dass wir solche Sorgen haben dürfen, und Sprachlosigkeit …

Tag 1: Prag – Melnik

ein schweres Losfahren diesmal, eigentlich finde ich den ganzen Tag nicht recht ins Weg-Gefühl hinein, das Treten ist und bleibt schwer bis abends, wohl immer noch aus Schulerschöpfung? oder weil es zu viel gutes Essen und Bier in Prag gab?
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immerhin haben wir den Vorstadtbeton bald hinter uns und kommen aufs Land, entlang einer sich durch Felsen windenden Moldau, mit lebenden und lächelnden Menschen, am Wegesrand verwunschene Hexenhäuschen, abgehalfterte Industriebauten, in jedem Dorf ein Schlösschen, und überall natürlich die Platte – apropos Platte: weil die hier schon immer anders aussah als unsere heimische DDR-Platte, löst selbst dieses für die Landschaft nicht gerade kleidsame Sozialismusüberbleibsel Urlaubsgefühle in mir aus – die Kindheit ist eben fest im Innern verankert
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ach menno, was treten wir heute mühselig, die Kilometer auf dem Tacho wollen gar nicht weiterrutschen (aber das sagte ich ja schon)
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dass wir wenigstens nur gefühlt ein Schneckentempo haben, zeigt sich daran, dass wir andere Radler an jeder Ecke wiedertreffen, unter anderem eine sehr nette italienische Großfamilie (oder sind es zwei oder drei oder vier Familien?) – oder schneckeln heute vielleicht alle? vielleicht weil wir subtilen Gegenwind haben?
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kurz vor Zieleinlauf noch eine wahre Sportseinlage: kein Weg führt an einer Pipeline-Brücke und also daran vorbei, die Räder 50 Stufen hoch und am Ende wieder 50 Stufen runter zu tragen – jetzt wissen wir, dass wir die Räder nicht mit Gepäck geschleppt bekommen (zu Studentenzeiten konnte ich das) und dass ein weiter Ausblick von oben nicht in jeder Situation für einen solchen Kraftakt zu entschädigen vermag
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ein Abendgeschenk: als wir kurz vor Melnik ein paar Dörfer durchqueren, an deren Straßenrändern die alten Frauen sitzen, so wie sie wohl schon immer dort gesessen haben, da scheint in mir das Gefühl auf, jetzt für viele Tage auf der Straße sein zu dürfen und hier Atem zu finden, wie ich ihn brauche
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die Stadt liegt natürlich hoch erhoben über dem Fluss, der Sohn hängt mich bei der Auffahrt gnadenlos ab und fährt dann aber – hihi – zu weit, so dass doch ich zuerst vor unserem Hotelchen stehe :) – der Tag endet abendsonnenbeschienen gut

Radreise – die Tage 0: Prag

was für ein Katzensprung von uns aus dorthin, warum war ich ein Vierteljahrhundert nicht hier? und wundere mich auch noch, dass ich nichts wiedererkenne?
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sicher schaue und suche ich anders als damals, als Fastnochkind – jetzt sehe ich: nichts! – das Gesicht der Stadt weiß sich hinter spektakulären Kulissen, Vermarktung und Touristengedränge gut zu verbergen
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so voll, sooooo voll war es früher hier nicht, man kann nicht Schritt vor Schritt setzen – klar, wir drängen ja mit, wenn auch ohne Tablet vor der Nase (wurden die am Stadttor ausgeteilt? oder trägt man das jetzt so? permanentes Fotografieren oder Filmchen drehen, oder Filmchen schauen – von dem Gebäude, vor dem man gerade steht? – gerade, dass die Figuren der Karlsbrücke noch nicht mit QR-Codes beklebt sind – ich war wohl lange nicht mehr an einem touristisch sehenswürdigen Ort, war mir nicht bewusst, dass der gute alte Papierreiseführer ausstirbt)
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apropos Karlsbrücke: genau diese Maler, genau diese Typen standen doch vor einem Vierteljahrhundert auch schon hier? – ein erster Erinnerungsmoment
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es folgen weitere: beim Lesen tschechischer Wörter falle ich zurück wie sonst nur bei Gerüchen, morgens dann die Hörnchen meiner Kindheit, der Kümmel, die obligatorischen Oblaten (und die Tuben – Eingeweihte wissen;-)), und dann kommt doch noch das olfaktorische Gedächtnis zum Tragen, in der Metro nämlich (die Kinder stoßen auf der unendlichen Rolltreppe das gleiche Aaah und Oooh aus wie wir damals :))), welche, als ich die Station betrete, den Windzug spüre, den nahenden Zug höre, dann sehe, eine geballte Ladung Sentimentalität freisetzt (hier mischt sich wohl bei mir Prag mit Moskau)
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auf der Suche nach dem Leben dieser Stadt – wir fahren Straßenbahn, ziellos bis zu irgendeiner Endstation, spazieren in Parks, in denen Kinderwägen geschoben werden und alte Menschen auf Bänken sitzen, gehen nur essen, wo nicht auf Englisch geworben wird (nein, wir sind nicht verhungert) – schäme ich mich, nicht mal ja-nein-bitte-danke und die Zahlen herauszubekommen – ich suche immer zwischen russisch und polnisch, bevor mir schließlich italienisch entfährt
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das wird besser, als wir eines Abends unsere Klavierlehrerin treffen (sie ist Pragerin und auch gerade hier) und einen Minisprachkurs bekommen – sie zeigt uns ihre Kindheitsorte, erzählt von früher, führt uns durch die Gassen, lässt hauchweise ahnen, dass und wie man hier lebt, abseits aller Fremdenströme
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vielleicht muss man länger an einem Ort sein, um ihn zu spüren, vielleicht bin ich im Moment einfach nicht großstadtgeeignet – jedenfalls bin ich froh, den Großstadtmoloch sehr bald hinter mir zu lassen …