Tag 13: Lebehn – Rieth

Merke: Der Inhalt zweier Fahrradtaschen lässt sich mühelos auf die Fläche einer riesigen Ferienwohnung ausbreiten. Merke auch: Es braucht Ewigkeiten, das morgens alles wieder einzusammeln. — So kommen wir erst gegen 10 los. Aber das macht nichts – der stets für nachmittags angekündigte Regen tritt sowieso nicht ein, auch heute nicht.
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als ich morgens die Tüte mit den restlichen Essensbergen auf das Tochterfahrrad schnalle, weil bei mir kein Platz mehr ist, sagt sie aus tiefster Seele: endlich komme sie sich nicht mehr so nutzlos vor – wieso denn nutzlos? frage ich – weil sie sich doch bisher mit dem Gepäck so habe bedienen lassen, sagt sie, und nun könne sie auch endlich einen Beitrag leisten – und dann ist sie tatsächlich den ganzen Tag hocherfreut und stolz, nun keinen leeren Gepäckträger mehr zu haben — ach Mensch, denke ich, von außen schauend, Du hast doch genug zu tun mit Deinem Riesenrad, das fast noch mehr wiegt als Du, das Du auch ohne Gepäck nur mit vollem Körpereinsatz über Stock und Stein und die Berge hoch bekommst, Du bist noch so mit Schalten beschäftigt, hast die Kraft in der linken Hand noch gar nicht, so dass ich Dir diese Seite manchmal einstellen muss, Dich pustet der Wind fast von der Straße, wenn er plötzlich heranböt, und die Kilometerzahlen muss man in Deinem Alter auch erstmal schaffen — aber das zählt eben nicht, wenn Deine Innensicht Dir sagt, dass es ohne Gepäck auf dem Träger nicht genug geleistet ist …
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das viel zu viele Essen von gestern soll uns heute übrigens noch gute Dienste leisten, denn wir befahren die größte Durst- bzw. Hungerstrecke der Tour: über 40 km kein Gasthaus, kein Café, kein Kiosk, kein Laden – da man dies der Karte aber nicht ansieht und außerdem überall Hinweisschilder stehen, flammt vor jedem Dorf neue Hoffnung auf (bei der Tochter vor allem auf ein Eis), und dann sitzen wir doch wieder auf einer Picknickbank und knabbern an unseren Vorräten — in Hintersee, kurz vor unserem Tagesziel, treffen wir an einer Bushaltestelle auf eine ebenso ausgehungerte Familie und ein weiteres Radlerpaar, wir bilden eine Gummibär-Keks-Wasser-Teile-Schicksalsgemeinschaft, stellen uns den Kaffee dazu vor und fahren danach ein kleines Stück zusammen weiter, was vor allem die Kinder sehr erfreut
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ähnlich kompliziert ist es mit Telefonieren und Internet – meist nur polnisches Netz, was dann aber auch nicht funktioniert – wir können keine weiteren Quartiere buchen, keine Wettervorhersage sehen (na, der Himmel wird von Tag zu Tag blauer, der Wind kommt stetig aus Südwest – das reicht) und heute auch diesen Blogeintrag nicht einstellen
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ansonsten aber – das fehlende Eis ist verschmerzt – ist hier Wunderwelt für uns beide: Dörfer mit Tieren, bei fast jedem halten wir an – Wälder und Felder, wie ich sie brauche – Wiesen zum Liegen und Wolkenschauen — und am Ende des Tages zwar noch nicht das Meer, aber mit dem Neuwarper See eine Ausbuchtung des Stettiner Haffs und damit so etwas wie ein kleines Meergefühl
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am Ziel ist die Tochter einen persönlichen Rekord von 54 km gefahren, wir fallen über ein Café her, beziehen eine kuschlige Mansarde in der Alten Dorfschule (im Lehrerzimmer wollte ich dann doch nicht schlafen:), zumal das teurer gewesen wäre) und spazieren zum Naturhafen, wo die Tochter ihre Liebe zu Backfischbrötchen (und zu den Originalen, die in diesem Dorf leben) entdeckt
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ja, Originale: einige Menschen hat es aussteigend, so kann man es nennen, hierher in den Riether Winkel verschlagen – es gibt kreative Cafés, Kurse, Malerei, ein vegetarisches Restaurant – all das, was man nach den Erfahrungen des Tages nicht unbedingt erwartet – vielleicht ist hier ein guter Rückzugsort zum Verlassen eines alten Lebens, vielleicht finden sich gerade hier am Ende der Welt Reisende, die genau das suchen … wir jedenfalls würden hier auch bleiben, würde nicht übermorgen ein Ziel an der Ostsee auf uns warten, so können wir nur für wenige Stunden in diesen besonderen Ort eintauchen

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