HamburgBerlin

Vor x Wochen – Tag 8: Ruhlesee – Berlin

Die Nacht ist schultraumdurchweht. Und von der 2 km entfernten Autobahn durchlärmt. Klingt unwahrscheinlich? Aber ich habe es so wahrgenommen. Bin am Morgen gerädert, unausgeschlafen, und falle nach diesem Blick aus dem Zelt nochmals in tiefen Schlaf. Bis mich um halb zehn das Telefon weckt. Oh mein Gott, verschlafen. Um drei wollte ich in Berlin sein. Das wird nun nichts mehr. Ich telefoniere ein wenig herum, um die Berliner Wartenden umplanen zu lassen. Und schon greifen Terminzwänge wieder mit ihren Tentakeln nach mir.

 

 

Zum Glück kann ich dieser Bedrängnis noch ein paar Stunden entfliehen. Packe in Ruhe ein, frühstücke und gestalte mir die letzten Reisestunden bewusst ruhig. Ohnehin dauert heute alles länger. Das Ausschütteln des märkischen Sandes aus sämtlichen Gepäck- und Kleidungsstücken benötigt mindestens eine Extrastunde.

 

 

Kurz vor Mittag bin ich auf dem Weg. Dieser gestaltet sich heute heiß und hügelig, im Inneren tönt die ganze Zeit ein mimimi. Nach 15 Kilometern bin ich in Biesenthal, Berlinnähe – von hier ab sind viele Ortsnamen für mich erinnerungsgetränkt. In diesem Ort zum Beispiel wohnt der beste Referendariatsausbilder von allen – würde ich den jetzt hier treffen, hach. Und hier war ich Ende der 70er im ersten Probenlager meines Lebens.
Heute ist der Ort laut. Und wie gesagt heiß. Außerdem befinde ich mich spürbar schon im Ausflugsbereich von Berlin: Tagesradler, so weit das Auge reicht. Von hier ab grüßt man sich nicht mehr auf den Radwegen. Ich versuche noch ein paar zögerliche Grüße, aber man schaut an mir vorbei. Oder mich komisch an. Ja, die rüde Art und Fahrweise von Autos und Rädern ist ernüchternd. Ein derber Aufprall nach dieser sanften Woche.

 

 

 

 

Nach früheren Touren übrigens bin ich abschließend in die S-Bahn gestiegen, um die Stadteinfahrt zu vermeiden, der Aufprall in der überfüllten, hektischen Realität war immer schlimm. Heute daher der Versuch, mich dem Stadtmoloch auf dem Berlin-Usedom-Radweg zu nähern. Tatsächlich ist der Weg wunderbar geführt, ausgebaut und ausgeschildert, wenn er nur nicht so voll wäre. Ich bleibe gefangen in meinem mimimi-Empfinden, störe mich am Gegenwind, an den Hügeln, an den Straßen, an der Hitze, an allem. Willkommen Ferienende :(
(Brauche ich zum Radfahren Umgebungsidylle? Könnte man fast meinen.)

Kurz vor der Stadtgrenze, in Bernau, ist ein Eis dran. Das muss jetzt einfach noch sein. Ich blicke auf einen Alt-neu-Kontrast (symbolisch?), versuche, die Nachbartischgespräche auszublenden, trage letzte Worte ins Reisetagebuch ein und seufze leise.

 

 

Direkt am S-Bahnhof Bernau vorbei geht es dann. Nein, ich steige nicht ein. Aber ich erinnere mich. Von hier aus starteten wir 1985 mit der Klasse zur Radtour an die Ostsee, was meine erste Mehrtagesradfahrt war. Hier hat also alles angefangen, sozusagen. Kurze Gedenksekunde, und weiter geht’s. Die Freunde in Berlin warten.

 

 

Der Berlin-Usedom-Radweg ist wirklich allererste Sahne-Wahl für diesen Tag. (Berliner, hört! Ein Tagesradausflug par excellence.) Er führt durch die Parks in Buch und Niederschönhausen (in all meinen Berliner Zeiten habe ich die nie entdeckt – und was sagt das jetzt über mich?) , an der Panke entlang, autofrei, in optischer Idylle. Grüner kann Großstadt nicht sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Akustisch natürlich bin ich mitten in Berlin. Mit jedem Kilometer wird es lauter. Nach der Mecklenburgwoche platzt mir fast mein Ohr. Unglaublich, wie ich hier aufwachsen konnte und das NIE wahrgenommen habe. Ja, ich frage mich, wie man in der Großstadt leben kann, ohne sich permanent die Ohren zuhalten zu wollen. (Die Frage beantwortet sich dann schon im Laufe des Abends. Als wir Stunden später mit den Freunden in der Straßenkneipe sitzen, bin ich bereits in der Lage über den Lärm hinwegzuhören. Alles ist wieder normal. So schnell geht Assimilation. Schnief.)

 

 

Nun aber zunächst die letzten Kilometer schaffen. Letzte Kurzpause in Pankow-Heinersdorf. Telefonieren: noch 7 Kilometer. Abschiedsgefühl. Gar nicht wegwollen von diesem Stein am Wegesrand, auf dem ich  mich niedergelassen habe.

 

 

Tatsächlich schaffe ich es noch – dank konsequenten Schildernichtbeachtens – aus den 7 km 11 oder 12 zu machen. Ich besichtige also noch Teile des Weddings, die ich immer schon mal sehen wollte, kurve mich mäanderförmig durch die Straßen und springe dann doch über meinen Schatten: Auch Berlinerinnen dürfen in Berlin ein Navi benutzen.
So. Die vertraute S-Bahn-Brücke. Von hier weiß ich den Weg.

 

 

Und bin angekommen.
Rechtzeitig, um zu den Freunden in der Straßenkneipe dazuzustoßen. Und für den Rest des Abends zu vergessen, dass übermorgen Rückfahrt in den Süden und überübermorgen wieder Schule ist …

 

 

Fazit, sagt der Tacho: Hamburg-Berlin dauert 572 Fahrradkilometer. Da können Autofahrer nur verwirrt den Kopf schütteln …

 

Vor x Wochen – Tag 7: Drosedow – Ruhlesee

Nun ist es passiert: das Schulleben hat mich fast aufgefressen, ich kann kaum noch abschätzen, wie lange meine Reise schon her ist. Eher weiß ich, dass es bis zum Start der nächsten noch drei Wochen sind. Also erzähle ich hier schnell die restlichen Kilometer bis Berlin, bevor ich wieder unterwegs sein werde. Falls ich mich nach so langer Zeit und aus dem derzeitigen Schulendetrubel heraus überhaupt erinnere …

So ein See verströmt Ruhe. Viel Ruhe. Zeltplätze müssten immer an Seen sein.
Ich will mich morgens gar nicht losreißen. Nur meine Vernunft, die rechnet Kilometer und Stunden zusammen (für die mitlesenden Physiker: natürlich dividiert sie diese, gell) und sagt zu mir: Hopp. Auf.
Wie immer brauche ich sehr lange. Die ringsum zusammenpackenden Wasserwanderer sind aber im gleichen gemächlichen Tempo unterwegs, das fühlt sich wunderbar gemeinschaftlich ruhig an.

 

 

Neben meinem Zelt gibt es eine altersangemessene :)  Sitzgelegenheit, ich spüre denn doch beim Bodenhocken die 40+ und nehme diese Bank dankend an. Weil es so gemütlich ist, lese ich mich gleich noch in meinem Roman fest …

 

 

… bevor mir die Rechnung mit den Stunden und Kilometern wieder einfällt und ich Abschied vom See nehme.

 

 

Eigentlich könnte ich heute an jeder Ecke innehalten, irgendwo ist immer Wasser und Stille und Blick und Blätterrauschen. Man sollte in solchen Weltgegenden kein Kilometerpensum haben.
Habe ich aber. Lehrerin muss am Montag wieder vor der Klasse stehen. So ist das eben.

Mehrmals überquere ich die Havel. Ich bin passionierte Schleusenguckerin – dieser Teil meines Selbst kommt heute ausgiebig auf seine Kosten.

 

 

Ebenso wie der Teil in mir, der Orte am Wasser liebt und sich fragt, warum er selbst ein Haus auf nem Berg bewohnt. Ein Heimatgefühl, wie ich es kaum anderswo finde.

 

 

Kurz hinter Fürstenberg dann Abschweifen in eine andere Welt. Eine ganz andere.
Ravensbrück.
Ein seltsames Gefühl vorbeizufahren an den Gebäuden, welche davon zeugen. Erinnerungstafeln zu lesen von einem vergessenen Mädchen-KZ. Die Holzstelen, die dessen Dimensionen markieren, am Wegesrand zu passieren. Ein paar Schritte neben mich treten, von oben auf das große Ganze schauen. Keinen Faden finden, kein Gerüst, das beides verbinden mag: mein sonniges Reisesein mit der damaligen Düsternis. Ich fahre still weiter.

 

 

Ein paar Kilometer weiter eine Abschweifung anderer Art. Die Jahreszeiten scheinen verwechselt. Doch nein, ich lese: Hier in Himmelpfort wohnt der Weihnachtsmann. Aha.

 

 

Zur Beruhigung wieder eine Schleuse (wirkt!) und Weiterfahrt auf Brandenburgs fantastischen Asphaltradwegen.

 

 

An manchen Ecken glaubt man, alle Baugelder seien in eben diese Radwege geflossen, …

 

 

… und der Name Globe.trotter hatte bei mir bislang auch eine frischere Optik.

 

 

Ein See, ein See.
Ich muss heute Kilometer schrubben, aber diese Verweilorte sind es, welche mich trotz der Eile bei mir bleiben lassen.

 

 

In Zehdenick eile ich leider nur durch, hier könnte man sicher gut den Abend verbringen.

 

 

Eine Kanalfahrt bis Liebenwalde …

 

 

… wo mich meine Reifen mangels Campingplätzen in Berlinnähe vom wunderbar ausgebauten Havelradweg wegführen müssen. Vorher noch schnell Abendessenseinkauf, denn ich zweige ins Fuchs-und-Hase-Hinterland ab.

15 km querfeldein. Da soll irgendwo ein Campingplatz sein. Ich muss vertrauen, denn es sieht lange nicht danach aus, dass überhaupt noch etwas kommt. Die hiesigen Menschen aber scheinen verirrte verwirrte Touristen gewohnt und sind sehr freundlich: „Is nich mehr weit, det schaffen’se!“ Ja, darauf hoffe ich.
Tatsächlich, Ruhlsdorf erscheint am Horizont, wird größer, gleitet am Wegesrand vorbei, und schon habe ich die Wahl zwischen zwei Campingplätzen.

 

 

Ich wähle erst den falschen, und auf dem richtigen dann den falschen Eingang. Aber irgendwann haben der Platzwart und ich uns gefunden. Ja, er holt mich sogar mit’m Radel ab, um mich zur richtigen Anmeldung zu bringen. Ein alter DDR-Zeiten-Campingplatz, der Rezeptionswohnwagen und sein Mobiliar versetzen mich zack zurück in Kindheitserinnerungen. Noch älter scheint das vergilbte Buch zu sein, in dem liebevoll mein Ankommen und mein baldiges Abfahren sütterlinnotiert werden. Ich schmunzele und finde diese Szene großartig.

Ebenso großartig wie die Nettigkeit, dass er mir eine zweite Duschmarke schenkt. Und ha, ich werde am Abend natürlich nur einmal duschen, und die zweite Marke für später aufheben. Mir dämmert nämlich, dass es auf allen Campingplätzen der Welt identische Duschmarken zu geben scheint. Mit dieser Vorratsmarke kann ich nun also jegliches verspätetes Ankommen trotzdem beduschen. Ich werde beim Kauf immer eine Duschmarke voraus sein. Plane ich umgehend.

Aber hier erstmal ankommen, Zelt aufbauen, See einatmen, kochen, Beine ausstrecken (es waren heute 102 km), Tee trinken. Und schlafen.

Nicht ganz einfach übrigens, denn ich bin mittlerweile, nach diesen Tagen, sehr lärmempfindlich.
Die beiden Dauercamperinnen, die aus ihrem Leben plaudern, so dass es auch die letzte Stillzelterin noch sthört, gehen wenigstens irgendwann ins Bett.
Aber in 2 km Entfernung ist eine Autobahn – sehe ich auf der Karte. Deren Geräusche wehen mitten auf mich. Unglaublich, wie laut das sein kann, wenn sonst nur Stille ringsum ist.

 

 

 

 

 

 

 

Vor vier Wochen – Tag 6: Klink – Drosedow

Wenn ich die Brille nicht aufsetze, sehe ich die Dauercamper am Horizont nicht, ich darf mich also noch ein wenig in der Wildnis wähnen, bevor ich mich ans Chipkartenduschen wage. Und ans Alles-langsam-Angehen. Ja, die Zeit zu vergessen und das zu tun, was man gemeinhin trödeln nennt, das braucht manchmal Mut. Ich bin so ein Fall: Langsamkeit fällt mir ausgesprochen schwer. Muss ich üben, dringend. Weil ich mich sonst in meinen andauernden Bemühungen, alles zu optimieren, Abläufe und Geschwindigkeiten und so, selbst hinweghetzen werde.

 

 

So Morgengedanken über das Vergehen von Zeit:
Fahre ich, ist eine Stunde prall gefüllt. So viel Welt fließt vorbei. Ich schaue alles an, versuche manches festzuhalten, komme von der äußeren in eine innere Bewegung.
Sitze ich, ist eine Stunde weg wie nichts. Ohne dass Welt des Wegs kommt, scheint alles still zu stehen. Außer der Uhrzeiger.
Was ist die Substanz dieses stillen Nichts‘? Was bleibt von ihr in der Rückschau? Kann man Stille überhaupt anschauen? Hat sie etwas mit rückwärts und vorwärts, mit früher und später zu tun? Oder ist Stille ein uns zeitlos umgebender Nährboden?
So Morgenirrundwirrgedanken halt.

 

 

Nebenbei packt sich mein Geraffel – wie sonst auch – nur langsam ein. Erst irgendwann bin ich auf dem kleinen Pfad am Müritzsee, der nach Waren führt.

 

 

Zunächst ans Ufer. Mit einer anheimelnden Brücke, einfach weil das Wort schon ein Vorgriff auf das Übermorgen in Berlin ist. (Nur das t ist zuviel. Mir war das nicht bewusst: Kiez ist gar kein originär Berliner Wort:))

 

 

 

 

Dann meine gute Tourtradition fortführen: Vormittags auf einen Marktplatz setzen, mit Milchkaffee natürlich, und zuschauen. Zuschauen beim Leben, beim Unterhalten, beim Einkaufen, beim Hasten, beim Schlendern, beim Schubsen, beim Treibenlassen, beim Lebensgefühl dieser Stadt eben. Hier in Waren ist endlich wieder ne Stadt, hier lebt es. Die beiden Frauen etwa, deren Räder hier im Bild sind, … doch das würde jetzt zu weit führen.

 

 

Kurz vor Mittag beginne ich meine Bewegung auf das nächste Ziel zu: die Havelquelle. Zunächst durch einen Zipfel Müritz-Nationalpark. Ganz benommen von dieser wirklich besonderen Waldeslandschaft, rausche ich ohne ein Bild hindurch. Erst an der Ecke, wo alle Welt Fischadler mit den Augen sucht (warum nur kann ich Bio einfach nicht? mir würde es überhaupt nichts bringen, selbst wenn ich sie am Horizont fliegen sehen würde …), da halte ich inne. Der Grund sind nicht die Großvögel, sondern ein älteres Ehepaar, welches verwirrt einen Weg sucht. Ich versuche mit Karte, Navi, Sonnenstand und rationalen Überlegungen zu helfen, vermutlich erfolgreich – die Leute aber drehen sich einfach um und gehen. Ja, in die von mir ermittelte Richtung. Nein, ohne ein Mini-Wort des Dankes oder Abschieds. Ich starre noch ein Weilchen irritiert hinterher.

 

 

Meine Richtung jedenfalls ist Ankershagen, dort gibt es die Heinrich-Schliemann-Schule zum Verkauf (oder war das eine andere Schule in einem anderen Dorf?). Ich kaufe zunächst mal keine Schule, sind ja Ferien.

 

 

Weiter zur Havelquelle, die hat sich gut versteckt. Und ist leider steinisch inszeniert. Und von einer Radlerhorde okkupiert. (Doch, ich habe Verständnis, dass nicht alle Menschen als Alleinradler unterwegs sein wollen. Ich habe nur kein Verständnis für das mit Großgruppen einhergehende Herumgebrülle.)
Jedenfalls: Auf diese Fotos warte ich eine halbe Stunde. Vertreibe mir die Zeit mit Mittagessen. Zuweilen kann ich den Impuls nachzufragen kaum noch unterdrücken. Es macht mich ganz kirre, wenn vor meinem Ohr halbe Plots dargeboten werden, ohne dass man mich einweiht, warum denn die Schwiegermutter nun vorgestern Schwein gehabt habe und wieso denn Herr K das immer schon alles gewusst habe und so. Brüllgespräche in Andeutungen sind wie Handygespräche im Zug.

 

 

 

 

Die Weiterfahrt wird hügelig, Endmoräne halt. Dass Norddeutschland flach ist, ist nur ein Gerücht. Zum Glück komme ich heute endlich in ein meditatives Fahren hinein, schaue nicht mehr ständig auf Kilometerstände, Durchschnitte, Tempi, maximale Kraft, sondern lasse es laufen wie es kommt. Ich habe das schon einige Male bemerkt: in diesem Zustand spüre ich die Hügel nicht, empfinde ich sie nicht als schwer, nicht als hoch, nicht als anstrengend. Der Körper bewegt sich von allein. Hat was vom Gefühl des Fliegens. Jedenfalls stelle ich mir Fliegen so vor.

 

 

Irgendwo auf dem Weg baut man mitten durch den Wald gerade ’ne Straße für mich. Ich rolle am Bagger vorbei und verfestige mit meinem Rad die noch nicht verfugten Platten. Mein heutiger Beitrag zum Aufbau Ost.

 

 

Und dieses Bild hier, auf dem sieht man nicht viel – das ist mir schon klar. Es geht aber nicht ohne. Moorlandschaft, ich fahre durch so viel ursprüngliche Natur.

 

 

Und durch so viel geborgenheitsschenkendes Grünland.

 

 

Gegen Ende des Tages tauchen lang bekannte Ortsnamen auf, Kindheitsurlaube wiedererstehen vor dem inneren Auge.

 

 

Der See, in dem ich als Kind beinahe erfroren wäre – immer wenn wir auf dem fließwasserfreien Campingplatz morgens in den See mussten, der Körperpflege wegen, auch in 12°-Sommern – dieser See ist auch heute nicht wirklich warm. Aber die Erinnerungen. Angeln im Schlauchboot. Regenlesetage im Zelt, manchmal sommerlang. Andere Sommer voller Mastermind- und Schiffeversenken-Exzesse. Brombeeren. Holzsammeln. Über Baumwurzeln stolpern. Plumpsklos riechen eklig. Die Wespen waren damals schon anstrengend. Und Brötchen holte man noch in Synthetikbeuteln. Rahmbutter bestand nach dem Schmelzen aus einer gelben und einer weißen Schicht. Die Zelturlaube waren immer zu kurz. So war das.

 

 

Wäre es schon etwas später am Tag, ginge ich vielleicht genau auf diesen unseren Zeltplatz. So aber hält mich das Übermorgen-in-Berlin-sein-müssen vom Innehalten ab. Ein paar Kilometer noch.
Wesenberg gibt sich ausgestorben, irgendwie noch unheimlicher als all die anderen leeren Orte. Am Ortsrand bietet es mir einen sauren Milchkaffee inklusive unfreundlicher Bedienung – na, da stehen wir doch drüber. Heute überwiegt ohnehin das innere Gefühl zu fliegen.
Ich wähle mir den telefonfreundlichsten Campingplatz aus. Dass ich aus den Ansagen: „Noch 9 km von dort, wo Sie sind“ und „Der Kiosk hat bestimmt noch ne halbe Stunde auf“ Schlüsse ziehen sollte, dazu brauche ich heute ne Weile. Das innere Fliegen umgehend in äußeres Rasen umsetzen: als Preis steht ein Abendessen und ein Bier.
Natürlich schaffe ich es nicht. Die Kioskfrau aber ist unglaublich lieb, schließt wieder auf, kocht mir ne Bockwurst, lässt mich in Ruhe Sachen aus dem Regal suchen und erzählt nebenher, dass sie noch nie im Leben weg war von hier. Noch. Nie. Upps. Manchmal habe ich so gar keine Vorstellung vom Leben der anderen.
Jedenfalls: Oft war mein Abendessen gesünder, aber selten besser als heute.

 

 

Mein Zelt schlage ich auf der Wasserwandererwiese auf, dort ist es immer ruhig. Auch lauter so Menschen, die in der Stille unterwegs sind. Den Rest des Abends schaue ich auf den See.

 

 

Es ist so still, dass man das Plätschern des Kanus mitten auf dem See hört.

 

 

Hach.

 

 

 

Vor vier Wochen – Tag 5: Röbel – Klink

Mein Wecker klingelt um sieben – die Frau an der Rezeption mit der Duschmarke und so. Pflichtbewusst wie ich so bin, im Leben wie auf Reisen. Etwas unordentlich bin ich auch, im Leben wie auf Reisen, und ohne Brille arg kurzsichtig. So vergeht der Rest der ersten Tagesstunde mit dem Suchen des Handtuchs und des Einwurfschlitzes an der Duschkabine.
Danach noch ein wenig im Zelt lümmeln. Es geht mir gut, wunderbar gut. Für nen Müritz-Campingplatz ist es hier vergleichsweise ruhig (so stelle ich mir das jedenfalls vor, denn genaugenommen habe ich überhaupt keine Erfahrung mit Müritz-Campingplätzen). Ich bleibe lange trödelnd mit Frühstücken und meditativem Packen beschäftigt.

 

Wie immer bei kurzen Strecken – es sind heute nur 30 km, und dasein muss ich erst mittags – unterschätze ich diese letztlich. Als ich aufbreche, wird es schon wieder zeitlich eng. Zumal der Weg so lang, so viel länger wird, wenn man an jeder Ecke ans Wasser fährt. Ans Wasser fahren MUSS – das geht hier einfach nicht anders. Zwar fehlt das Meeresrauschen, aber dieser Wasserblick, hach, der reicht mir schon vollends für Herz- und Seelenerwärmung.

 

 

 

 

Und dazwischen so … treibenlassen … dahinwehen … im Grün schwelgen …
Und ein bisschen (damit’s kein Ponyhofpost wird:)) über Ebike-Horden ärgern. Je größer und bekannter der Radweg, desto verebiketer. (Mir erschließt sich nicht: Wenn sie schon bergauf rasen und an mir aufrechtsitzend vorbeiziehen, warum tun sie das dann nicht auch bergab? Warum schleichen sie dann dort, immer in ganzer Radwegbreite, so dass ich bremsen muss?)
Nun, ich versuche dennoch mein eigenes Tempo zu fahren. Hier nicht einfach.

 

 

Und irgendwann bin ich, doch ganz schön schnell, in Klink. Fast flitze ich vorbei, ohne den Ort zu bemerken – zum Glück haben sie mir dieses Schloss an den Wegesrand gestellt, damit ich aufmerke und auf die Idee komme mich zu erkundigen, wo ich eigentlich hin muss.

 

 

An einem windumwehten Telefonierplatz, den ich gar nicht wieder verlassen will – sagte ich schon, dass ich stundenlang an Seen sitzen könnte? – erkundige ich mich genauer nach Lage von Campingplatz und Klinik. (Klinik in Klink: fast schon ein Wortspiel).

 

 

Noch ein kurzer Ritt, eine Eurocampingrezeption, ein Riesenlageplan, Duschen hier mit Plastikkarte (immer wieder neue Herausforderungen für Menschen mit starker Kurzsichtigkeit), und die Überforderung, von 1000 Möglichkeiten sein Zelt abzustellen die eine auszuwählen. Ich kreuze ewig über den Platz, bevor ich dann doch die allererste spontan bauchausgewählte Ecke nehme. (So ist das ja oft im Leben.) Es ist der abgeschiedenste Ort, den der Trubelplatz bietet, der Passendste für mich.

 

 

Schnell aufbauen, Sachen verstauen, Wertsachen am Rad mitnehmen, und ein Auftragseinkauf bei Aldi. Nach Autofahreraussage ist der „gleich dort hinten, nur’n Kilometer„. Alles klar. Es wird ein Autokilometer. Fahrradkilometer sind um den Faktor 2,7 länger, merke ich.
Jedenfalls: Schnell hin, langsamer wieder zurück (Gegenwind, ach nöö), zur Klinik.
Den Rest des Tages Gespräche, Spaziergänge, Wasser, Essen, vor allem Essen (so ein Klinikabendessen – wer hätte das gedacht?), Wein, Aufbruch in der Dunkelheit.

 

 

 

 

Gerade noch so finde ich mein Zelt. Und eine Bank am Wasser. Der Schwan ist auch noch nicht schlafengegangen, und ich schweige eine lange Weile gemeinsam mit ihm. Habe heute eine Menge Stoff zum Schweigen …

 

 

 

Vor vier Wochen – Tag 4: Parchim – Röbel

Vorsätze mit Raster sind vorgesetzte Rastlosigkeit. (Der war jetzt nicht so gut, oder?) – Jedenfalls: Wie hatte ich glauben können, Tag für Tag die Radreise zu erzählen, wenn hier nebenbei das ganze schulische Leben läuft.
Ich bin also um eine Woche verrutscht und taufe um: „Vor vier Wochen …“

Die Frühstückszeit hatte ich abends für 7.30 angegeben. Ehrgeizling, ich. Immer noch gefangen in der irrigen Meinung, ein Radwanderer müsse eben früh aufbrechen. Die lieben Wirtsleute kooperieren mit meinem Schweinehund, indem sie eine 2-Liter-Kaffeekanne auf den Tisch stellen und dafür sorgen, dass ich zunächst meine nächtlichen Träume ins Tagebuch verfrachte und ein paar Kilo Buchseiten inhaliere. Kaffee aber auch. Und weil es eh schon so spät ist, schraube ich vor dem Gepäckbeladen gleich noch an allen Teilen des Fahrrades herum, die ich schon immer richten wollte. Wenigstens habe ich das Rad nicht noch neu angestrichen. Allerdings einen Radladen aufgesucht (Schmiermittelnachschub!) und ganz gebannt einer Diskussion von Vater, Mutter, Verkäuferin gelauscht, ob an dem Retrogeschenkradl für das pubertierende Tochterkind ein Schloss an sich und wenn ja welches denn „cool“ und „angesagt“ ist. Das Diebstahlsargument kam in der Diskussion am Rande vor.

Nun, es ist 11 Uhr, als ich Parchim verlasse. Von dem Tag an sehe ich die Abfahrtszeit gelassen. Gehetzt fühle ich mich im Alltag genug.

 

 

Der Weg ist heute vorzugsweise gelb und hügelig. Wohltuend kraftfordernd und -gebend. Manchmal stehe ich vor einem Tor, von dem es auch wieder … ähm … auf den Weg geht. Immer weiter.

 

 

 

Da sind alte Steine, welche mich nicht überraschen. Und alte Inschriften, welche dies tun. (Für die im anderen Land aufgewachsenen: dies sind kyrillische = russische Buchstaben. Heißt „Plau“ und „Parchim“. Der Putz des Hauses weist also eine beeindruckende Haltbarkeitsdauer auf.)

 

 

Später setze ich mich in Lübz zu einem Nachmittags-zweiten-Frühstück nieder und stelle fest, dass ich hiermit genau das Foto aus dem Bikeline-Radwanderführer aufgenommen habe. Woher wussten die, wo ich mich hinsetze?

 

 

Heute ist ein optisch besonders seelestreichelnder Tag. Als Ausgleich für gestern?
Ich liebe diese alten Alleen, und selbst der Schornstein kann mir das Bild nicht trüben.

 

 

 

Plau am See ist ein wenig, nun, wie sagt man, leer? Leer trifft es nicht ganz. Es ist nicht nur leer. Es ist schmerzend leer. Leergewohnt. Leerverlassen. Leervereinsamt. Irgendwie so.
Touristen natürlich gibt es wie überall in dieser Ecke, das ist klar. Daher ergibt sich beim Fotografieren die absurde Situation, dass man zwar keine „normalen“ Menschen, also Einwohner&Co auf dem Bild hat, aber stets achtgeben muss, dass nicht wer in Ich-war-da-Pose mitten aufs Bild kreuzt.

 

 

Der See von Plau am See dann ist ebenso leer. Dies allerdings würde ich den Temperaturen zuschreiben. Kalt kalt kalt, immer noch. Die Radwegeplaner haben daher vorausschauend und fürsorglich eine Erwärmungsübung von ca. 10 Kilometern eingebaut. Sie haben einfach den Asphalt von der Piste gekratzt, die Bäume§Büsche rechts und links etwas näher an den Weg gerückt und lustige Hügel aufgeschüttet. Zusätzlich haben sie die Wegweiser entfernt und an von der Himmelsrichtung her fraglichen Stellen sternförmig Sackgassen angebaut …

 

 

Nu ja, gefühlt kurz vor der Dämmerung erreiche ich die andere Seite des Plau-am-See-Pfades. Und meine Kraft ihr Ende. Und meine Gangschaltung ihren ausgeleiertsten Zustand seit Kauf. Der höchste Gang vorn will nicht mehr. Zwangsläufig greife ich schon wieder zum Werkzeug. Zum Glück mussten wir früher (damals, im Osten) immer alles selbst reparieren. So finde ich auch ohne you.tube-Anleitung die verdächtigen zwei Schrauben, stelle fest, dass sie locker sind (*was meine Schüler schon immer über mich wissen wollten*) und ziehe sie an. Yep, und *stolzbin*.

Der Rest des Tages ist vom Blick auf die Uhr geprägt. Ich möchte morgen Nachmittag in Klink sein und nehme nun also die Reifen untern Arm. Weil der Radwanderführer wiederum sandige, unwegsame Streckenabschnitte voraussagt und ich vom Mountainbiking für heute genug habe, nehme ich asphaltierte Umwege. Nicht gerade Autobahnen, aber doch fast. Zum Ende des Tages nämlich, als alle verkehrsberuhigten Wege noch über ein Dutzend Dörfer und Umwegkilometer führen, entscheide ich mich für ein Stück Bundesstraße. Ich weiß, das nervt. Das nervt sogar sehr. Kann denn dieses blöde Rad nicht nebendran fahren. Ich schaffe es auch nicht ganz ohne mich zu schämen. Insbesondere vor dem VW-Bus, der mangels Überholmöglichkeit eine Ewigkeit hinter mir tuckern muss und den ich später auf dem Campingplatz wiedertreffe. Hoffentlich erkennen die mich nicht.

 

 

Es ist 19 Uhr, als ich Röbel erreiche. Für diejenigen unter uns, die immer noch nicht mitbekommen haben, wo wir uns befinden: Müritz-Therme. Müritz-Immobilien. Müritz-Bestattungen, gleich neben Müritz-Döner. Für jeden was dabei.

Und für mich: Müritzblick. Das ist jetzt einfach nur gut.

 

 

So gut wie das Ankommen am Zeltplatz, dessen telefongarstige Angestellte schon weg ist. Ich hatte ja am Telefon noch diskutiert, dass sie mir die Duschmarke doch in einem Umschlag an die Rezeption kleben könnte und dass ich sie auch bezahlen würde, falls sie zwischenzeitlich entwendet würde. Nee, ham wa noch nie jemacht. Okee okee. Dafür verspricht sie, morgens extra eher zu kommen, um 7 schon, wegen meiner Duschmarke. Öhm, das hatte ich gar nicht erbeten. Jetzt fühle ich mich unter Druck, weil ich also früh morgen aufstehen muss, und frage mich, ob ich sogar schon durchs Telefon gestunkengerochen habe.

Insbesondere diesen letzten Gedanken verdränge ich erfolgreich, wage mich in die Biergartenzivilisation (nicht ohne vorher noch das letzte Hemd aus der Packtasche anzuziehen), sorge dafür, dass das Detail rechts unten ins Bild gerückt wird und schaue ansonsten nur noch auf den See. Früher dachte ich, man müsse alt sein, um stundenlang nichtstuend auf einen See zu schauen. Heute denke ich das immer noch. Und ich begreife eine Wahrheit über mich ….

 

 

Im Ernst, was hier so flapsig daherkommt, weil die Trubeltage des Schuljahresende kaum noch eine andere Sprache zulassen als die albern kichernde – so wie bei Pubertierlingen immer dann, wenn es ans Eingemachte geht – das ist eine wirkliche Wahrheit meines Unterwegsseins:
Man ist sich selbst Gefährte und lernt sich besser kennen als je im Alltag, wo man stets ein wenig von sich selbst getrennt durch die Welt irrt.
Und mit dieser Küchenphilosophieweisheit sei genug vom heutigen Tag erzählt.

 

Vor drei Wochen – Tag 3: Malliß – Parchim

Warum heißt es eigentlich „bitterkalt“, nicht „zitterkalt“??? Fast friert mir in der Nacht die Nase ab. Ich krieche so tief in meinen Schlafsack, dass ich mich am Morgen selbst kaum finde. Später werden mich besorgte Wohnmobiltourende ansprechen: sie hätten sich gesorgt, ob meine Hütte denn beheizt gewesen sei. Sind anscheinend froh, mich lebend wiederzusehen:)

Nun, draußen scheint die Sonne, und ich jubiliere, meine Warmduschmarke noch nicht verbraucht zu haben. Drei Minuten, Schnellauftauprogramm. Im Campingplatzwaschraum ein olfaktorisches Déjàvu: dieser gemischte Zahnpastageruch, Kindheitsgefühle.

Auf dem kleinen Kocher entsteht mein Kaffee, ich lebe auf. Mein Geraffel hat sich über Nacht vervielfältigt und braucht zwei Stunden, bis es wieder in den Packtaschen verschwunden ist.
Abschied vom Kanal erst gegen 10 – dabei wollte ich auf dieser Tour früher dran sein. Es wird mir bis Berlin nicht gelingen … das ist dann eben so.

Den Tagesstart – ich wage es kaum zu sagen – fahre ich auf dem Radweg verkehrtherum. Wer nimmt schon von der Elbe zur Müritz die nordwestliche Richtung? (Nur der Radweg eben.) Als ich’s merke, kann ich nur noch über Landstraßen korrigieren. Weil Sonntag ist, bleibt das erträglich. Und als ich ihn dann habe, den Mecklenburger-Seen-Radweg mit seinem Herummäandere, kommt er sehr bequem daher. An jeder Ecke ein orangefarbenes Pfeilchen, keine Probleme mehr mit fitzelkleinen Karten und leeren Naviakkus.

Sehr verschlafener Landstrich hier. Mecklenburg, wie ich es aus der Kindheit kenne, gesteigert noch durch den Sonntag. Fast wünsche ich mir mehr Autos, um das vertraute Kopfsteinpflastergeräusch häufiger zu hören:) Ich selbst muss übrigens selten kopfsteinpflastern, denn an den Seiten ist meist ein 1-m-breiter Streifen asphaltiert. Der Radwanderer dankt.

Pause auf dem Dorfplatz – so still, wie sie hier wirkt. Die nichtdokumentierten Wegstücke sehen nicht anders aus. Leergewohnt, scheint es.

Erst in Ludwigslust, welches meine Erinnerung fälschlicherweise mit dem IFA W50 verknüpft (aber mit „Ludwigs…“ war da was), treffe ich auf Zivilisation. Und zwar mal wieder auf vergangenheitsgeschwängerte: eine Konsum-Kaufhalle! Sprich: Kónnsumm – Betonung auf der ersten Silbe. Bei meiner Oma kauften wir immer im Konnsumm ein und klebten ferienlang Konnsumm-Marken, dicke Hefte voll, so war das.

Einmal umgedreht, Blickrichtung gewechselt: Solch ein Blick. Zwei Orte auf einer Straße, das glaubt man kaum.

Und dann öffnet sich vor mir der Schlosspark. Angenehmer kann Mittagspause nicht sein.

Ich tanke optisches Grünbehagen, bevor Neustadt-Glewe dann eher prosaisch daherkommt und mit seiner Milchkaffeewartezeit von gefühlt 45 Minuten und seinem grauen Himmel über grauer Landschaft alles dafür tut, dass sich in mir Traurigkeits-Staubmäuse zusammenballen.

Heute fühle ich Gegenwind sogar dort, wo Windfähnchen lotrecht nach unten zeigen. Kinder-Vermiss-Tag. Letztes Jahr war ich immer mit einem von ihnen unterwegs. Wie gern hätte ich auf diesen einsamen Straßen jetzt jemanden an meiner Seite, der Worträtsel oder Fantasiegeschichten mit mir spielen möchte. (Wie war ich letztes Jahr genervt angestrengt davon …)

Auf dem Müritz-Elde-Kanal (??? das D ist korrekt, aber der Kanalname?) schleicht ein Bootchen unter mir durch. Seine Insassen fläzen sich an Deck. Warum eigentlich lasse ich mich nicht strickend durch Mecklenburg schippern? Ernsthafte Frage an mich selbst. Mentales Schwächeln.

Aber der Mensch braucht vielleicht einfach nur Sonne, ein Fünkchen Licht. Sobald das Grün gegen Abend ein wenig heller leuchtet, klart es sich auch in mir auf. Hier, an diesem lichten Kanal hätte ich bleiben sollen, stelle ich im Nachhinein fest. Hier war ein Zeltplatz, hier war es gut.

Während ich in Parchim am Straßenrand hocke und mir die Finger wund telefoniere. Die Jugendbegegnungsstätte hat den ganzen Tag nicht zurückgerufen, das Sportlermotel hat sich in Luft aufgelöst, bei den Ferienwohnungen geht niemand ans Telefon, und der Gasthof ist „heute geschlossen“ (wie kann ein Gasthof = Hotel „heute geschlossen“ sein?). Bis zum nächsten Campingplatz sind’s 20 km, einfach so das Zelt irgendwo aufzuschlagen traue ich mich nicht. Eine einzige Telefonnummer bleibt auf meiner Liste …

… und die haben noch genau ein Zimmer. Puh. Sogar mit Ausgang zur Frischluft und nicht die Reisekasse ruinierend. Parchim, das hast du ja gerade nochmal hinbekommen.

Den Abend verschlendere ich in den Gassen. Der Rest vom Fest. Die abbauschuftenden Schausteller (als ob sie morgen schon woanders sein wollten?), ein paar müllsammelnde Bedürftigmenschen, und ich. Gespenstisch. Selbst in der Kneipe, die mir ein Abendessen kocht, bin ich die einzige Gästin. Ich gehe dann wohl lieber ins Bett.

Vor drei Wochen – Tag 2: Lüneburg – Malliß

Nach dem Lüneburgtag treiben mich Fernweh und Reiseziel früh aus dem Bett. Ich glaube letzteres hatte ich noch gar nicht erwähnt: Es geht nach Berlin, mit einem Schlenker über die Müritz, die ja nicht gerade auf dem Weg liegt. Ohnehin führen Radwege meist mäandernd durch die Welt, so dass ich den Termin Ferienende im Auge behalten muss. Aber jetzt erstmal los.

Die Freundin zeigt mir einen Schleichweg zum Kloster Lüne, wobei sich „Schleich“ nicht auf ihre Geschwindigkeit bezieht. Sie, Sportlehrerin, pures Federleichtrad, prescht mir davon. Ich muss zusehen, meinen wankenden schwankenden Gaul erstmal in den Griff und auf Tempo zu bringen. Bis zur nächsten Ampel, die immer dort steht, wo es gerade zu rollen beginnen wollte. Ja, das Campingzeug packt einige Kilos drauf, Statik und Kraftaufwand fordern Gewöhnung.

Als wir uns am Stadtrand zum Abschied umarmen, habe ich mich jedenfalls gut warmgefahren und werde von der Freundin beneidet. (Wie vermutlich von jeder working mum, wenn auch nicht jede ihre Kinder-Arbeits-Auszeit auf diesem Fortbewegungsmittel nehmen würde.)

Da ist zunächst ein Schiffshebewerk am Weg. Als nicht besonders technikaffiner Mensch lasse ich es links liegen bzw. fahre ungerührt drunter durch.

Dann Regenschauer, wie sollte es anders sein. Heute häufig und jeweils so kurz, dass ich, kaum ist die Kamera herausgeholt, schon wieder die Sonne auf dem Bild habe. Macht nix.

Eine Elbüberquerung auf stiefmütterchenverzierter Fähre …

… Begegnung mit der Vergangenheit …

… und diese lustigen Stühle am Wegesrand. Hier probiere ich, nachdem ich schon etliche habe vorbeiziehen lassen, doch mal einen aus. Ich glaube, es ist der gleiche Typ Stuhl wie in meinem Lehrerzimmer. Schnell weiter, mit den Gedanken, und mit dem Rad.

Der Himmel sieht harmlos aus, gell? Ich verstehe selbst auch nicht, wie sich hinterrücks so schnell so heftige Hagelwolken anschleichen können. In Darchau erwischt es mich. Das einzige Gasthaus hat „geschlossene Veranstaltung“, die Bäume reichen nicht vorn, nicht hinten zum Unterstellen, und unter das einzige Haltestellendach haben sich bereits zwölf Radfahrer gekuschelt. Weil es sich einhagelt, wechsle ich auf  die andere Seite, habe das dortige Gasthaus für mich und schlürfe eine Hühnersuppe (und würde am liebsten meine Füße drin wärmen – bitte nicht bildlich vorstellen:)).

Gern würde ich gleich südlich der Elbe weiterfahren, doch der Weg ist mir zu lang und zu hügelig, der anvisierte Zeltplatz noch zu weit weg. Vielleicht quere ich auch nur deswegen zurück, damit ich den Spruch des Fährmanns abgreifen kann: „Na, hatt’et Ihnen im Westen nich jefallen?“ Die Vergangenheit lugt um jede Ecke.

Und weiter geht’s …

… bis zum nächsten Hagel.
Große starke Bäume halten relativ lange dicht. So lange jedenfalls, bis ich mich komplett in meine Mondmontur gewickelt, ein Augen-zu-und-durch beschlossen und mit dem Zeltplatz telefoniert habe. Ob ich dort auch nach 20 Uhr was zu essen bekomme. Die Stimme am anderen Ende verspricht mir eine der freien Radfahrerhütten und Nahrung auf jeden Fall: „Bekomm’n wa hin.

Mittlerweile ist der Regen am Abziehen und kommt – weil ich die Montur anbehalte – auch nicht mehr zurück. Guter Trick. Nur schweißtreibend. Das Attribut „atmungsaktiv“ gehört verboten.

Es ist schön in diesem Landstrich. Das klingt etwas platt, trifft aber so ziemlich den Kern, wie ich finde.

Und es ist einsam. Sicherheitshalber, falls die Essenversprechstimme mich doch getäuscht hat, würde ich gern noch etwas einkaufen. Das Handy zeigt eine Horde Supermärkte in Dömitz an. Dieses Nest ist so klein wie unbekannt, ich beäuge aus der Ferne den Kirchturm und die dreieinhalb über die Schafswiesen hinausragenden Dächer und beschließe, dieser Information nicht zu trauen.

Und dass ich statt dessen die Direttissima längs der Bundesstraße nehmen sollte, um den 20-Uhr-Zeltplatztermin zu schaffen.
Aber siehe da, wenn man schon gar nicht mehr damit rechnet …
Ein Fehler, hungrig einzukaufen. Was bleibt mir anderes übrig. Einige der gehamsterten Lebensmittel werden die Packtaschen erst in Berlin wieder verlassen.

Uff. Ernährung gesichert. Die letzten Meter führen über eine alte DDR-Panzerstraße und am Bahnhof Malliß vorbei. Beide haben ihre Funktion weitestgehend verloren. Statt Zügen wohnen hier Menschen, und der Panzer bin heute ich. Gewichtsmäßig vielleicht. Reifenbreite aber suboptimal. In meinem nächsten Leben wünsche ich mir ein Navi mit Straßenbelagsangabe. Kann in Zeiten von goo.gle.street.view doch nicht so schwer sein.

Wie aus dem Nichts dann plötzlich vor mir: ein Kanal, eine Wiese, eine Rezeption. Der Himmel sozusagen. Und eine Hütte, eine Hütte! Zwar nicht vor Kälte, aber vor dem nächsten Hagel schützend. (Und natürlich: weil ich jetzt einen Unterschlupf habe, kommt kein Hagel mehr nach. Immer wieder Regenschirmtrick.)

Himmel Teil 2: Das versprochene warme Essen steht bereit. Zusammen an einem Tisch mit den anderen wackeren 7°-Campern, die auf Drei-Monate-Hausboottour, auf Sechs-Wochen-Elternzeit-Europatrip, auf Vier-Wochen-Seenrundfahrt sind. In jedem der Gespräche wacht ein anderer Zipfel meines Fernwehs auf. Das ist schon absurd, so auf dem Weg zu sein und immer noch nicht genug zu bekommen  …

Vor drei Wochen – Tag 1: Hamburg – Lüneburg

Ein Novum dieser Radreise: Das Internet ist nicht dabei, technikminimiert sollen Kladde und Stift für alles herhalten, was sich so schreiben will. Das ist viel, was herausquillt, sobald der Weg mich hat.
Und nun sitze ich vor meinem Gekritzel und versuche einen Extrakt hierher zu ziehen, drei Wochen zeitverzögert. Hm. Ich glaube, Technik und Flatrate wandern lieber gleich mal in die Packtaschen für die Sommertour, ich brauche das offenbar.

Vor dem Start: Unsere Tage in Hamburg. Wir sind dort und nicht dort, gleichzeitig. Ausgesucht haben wir uns dieses Reiseziel ja nicht, die Musik hat uns hingeführt. Und steht im Vordergrund dieser Tage, für den Sohn und seine Partnerin, und für die mitgereisten Lehrer. Wir als Familien müssen sehen, wo wir bleiben, wir versuchen das Beste draus zu machen. Es gelingt so mäßig.

Schon am ersten Tag machen die Kinder mental schlapp, als wir unser per Rad durch die Stadt schlängeln, in der übervollen S-Bahn geschubst und beim Umsteigentreppengeschleppe umgerannt werden – da schon finden sie diese Stadt viel zu anstrengend. Meine Dorfkinder. Als Fotoobjekt aber darf sie herhalten, die Großstadt.

Selbst das viele Wasser lässt die Kinder kalt. Wobei kalt hier wörtlich zu verstehen ist: Es fühlt sich an wie März. (Allen Beteuerungen der Ferienwohnungsvermieterin zum Trotz, dass das Schietwetter des Nordens nur ein Gerücht sei. Dass das Wetter hier eigentlich immer besser sei als in Süddeutschland. Wir lächeln milde und sagen nichts.) Die Kinder jedenfalls frieren, und mir war auch schon wärmer. Dennoch ertrotze ich mir eine Hafenrundfahrt. Nach drei Stationen geben wir auf. Damit wir nicht am Ende eingefrorene Nasen wiederbeleben müssen.

Jedenfalls: Es wird nicht meine Lieblingsstadt. Muss ja nicht. In den Toiletten- und Fischbrötchenschlangen an den Landungsbrücken drängeln sich auch ohne mich genug Begierigtouristen.

Vielleicht haben wir ja nur keine Gelegenheit, die richtigen Ecken kennenzulernen. Vielleicht wäre mit mehr Zeit, ohne das Korsett des Wettbewerbs alles viel erfrischender gewesen. Vielleicht komme ich doch noch einmal her. Wenigstens um zu schauen, was aus der neuerstehenden Hafencity geworden ist.

Und um zu erfahren, wie die von innen aussieht. (Wo ist da überhaupt der Konzertsaal? Und was füllt den restlichen Raum hinter den vielen Fenstern?)

Und um flanierend zu erleben, wie Perspektiven wandern und mein Bild umgestalten können.

***

Nach 6 Tagen jedenfalls darf ich abfahren, das Rad ruft laut. Und die Freunde in Lüneburg. Von der Ferienwohnung in Bergedorf bin ich nach ein paar Radumdrehungen in einem Gebiet, das wohl „Vierlanden“ heißt und ein bisschen wie Oderbruch riecht. Gut also. Felder und Wiesen. Stille. Weite. Hach, ein einziges Hach. Vor lauter Hach verliere ich meinen Radweg und lande schwupps auf der Landstraße. Nicht schön, nicht mal hier in Idylls Mitte.
Schnellstmöglich und querfeldein schlängele ich mich wieder weg davon. Als ich gerade aufatmen will, kreuze ich den Elberadweg. Verkehrsaufkommen wie auf der Landstraße, echt jetzt. Ich bin wohl eher der kleine-Radwege-Typ.

Dann die Elbe. Ein gewaltiger Wasserstrom vor mir.

Wasserströme leider in diesem Moment auch über und auf mir. Fähren sind ja gern unüberdacht. Wenigstens kann man sich mit dem Gesicht vom Regen wegdrehen.

Am anderen Ufer setze ich mich in ein Wartehäuschen und schaue eine Stunde lang ins Regengrau. Und auf die unermüdlich pendelnde Fähre. Hat was Meditatives.

Als das Wasser ein Einsehen mit mir hat – wenn wir auch von Sonnenschein weit entfernt sind – verlasse ich bestgelaunt mein Unterstelldach und folge der Ilmenau. (Ja: DIE Ilmenau. Ist ein Fluss und hat mit Thüringen nichts zu tun.) Wie toll die sich durch das Grün windet. Es begeistert sich alles in mir, ich fliege und schwebe und merke, dass ich allmählich auf der Straße ankomme. Gut. Nur hin und wieder springt mein Kopf zurück zu der unguten Kommunikation, zu dem schwierigen Miteinander unserer Hamburgtage. Mich vollends davon freizutreten, wird mir erst 3-4 Tage später gelingen.

Ein Café wäre jetzt nicht schlecht. Aber das kennen wir schon: Wenn ich sie ersehne, kommt keine Gastronomie vorbeigeflogen. Ich habe offenbar noch immer nicht gelernt, an den richtigen Orten und zum richtigen Zeitpunkt zu wünschen. Heute müssen Wasser und Müsliriegel reichen.

Apropos Wasser: Ein bisschen viel davon von oben. Irgendwann finde ich mich wieder in einem Unterstand, lesend, schreibend, wartend.

Die Lüneburger aber warten auch. Also beschließe ich Augen-zu-und-durch, hülle mich in meinen Ganzkörperregenschutz und trete los. Noch 20 km. Nach 5 km fallen mir meine nassen Füße auf. Nach weiteren 5 km fällt mir ein, dass ich die Galoschen besser unter statt über die Regenhose ziehen sollte. Die Freundin wird sich später lustig machen über eine, die die abstraktesten Studienfächer mit Auszeichnung absolviert, aber an der Wasserablaufrichtung einer Regenhose scheitert. Sie sagt, sie hat mich trotzdem lieb. (Ich sie auch:))

Jedenfalls: Ich arbeite mich mühsam voran. Trotzdem tut mir all das gut, all das Nass, das Kalt, der Schlamm, der Wind, die Pfützen. Huch, warum? Ich wundere mich selbst, wie glücklich ich mich auf dieser Regenfahrt fühle.

Als ich meine, auf dem Navi nur noch 4,5 km abzulesen (gar nicht so einfach: betropftes Navi, beschlagene Brille, düstere Wolken und meine beginnende Altersweitsichtigkeit), rufe ich die Freunde an. Das Patenkind strahlt mich durchs Telefon an: Sie essen gerade Quarkbällchen. Und im Nachsatz: „Gerade habe ich mir das Letzte in den Mund gesteckt.“ Strolch. Gemein. Mein knurrender Magen schluchzt ein bisschen. Und treibt dann die Beine umso heftiger an.

Leider werden aus den 4,5 km noch 7. Oder 9. Wer weiß das schon. Das Display wird immer unlesbarer, je unwettriger es wird, und nach dem Weg zu fragen, gelingt auch nicht. Da ist niemand auf den Straßen. Alle haben sich in ihre Höhlen verkrochen, bei diesem viel-besseren-als-im-Süden-Wetter. Irgendwann finde ich einen bekannten Punkt in der Stadt, hangele mich optisch von Laterne zu Laterne und – tata! – stehe vor dem vertrauten Türschild.

Die Freundesfamilie streift mir trockene Kleidung über, schleppt mein volles Rad in den Keller, wartet doch noch mit Kuchen auf und nimmt mich in den Arm. (Ich glaube, die Reihenfolge war eine andere.)