Schreiben

Abflug

Es war sozusagen eine Reißleine, als ich heute vor einer Woche plötzlich aufhörte, mich hier zu melden. Ganz unerwartet ging es nicht mehr. Nie kam ich vor Elf zum Schreiben. Fast immer verschob sich das Schlafengehen in die Nachmitternachtszeit. Der Wecker klingelte wie immer vor sechs. Zu viel. Besser gesagt: Zu wenig. Viel zu wenig Schlaf. Totale Übermüdung. Und Erschöpfung. All das, was sich vor den Ferien halt immer ansammelt.

Dabei hat mir das tägliche Schreiben gut getan. Etliche Texte, Halbtexte, Ideen, Fotos, Gedanken und Ahnungen liegen auf Halde. Nur: es kollidiert(e) mit der Fülle des Sonstigen. (Insbesondere auch mit dem Cello. Ich gebe ja zu: dieses hat Priorität. Bis vor zwei Tagen habe ich meine tägliche Spielstunde noch geschafft, dann wurde es selbst dafür zu eng.)
Wie es später sein wird, wird sich zeigen. Man weiß ja nie so genau, wie es in der Zukunft wird.

Nun beginnt erstmal eine Reise. Eine in sehr weite Ferne mit gefühlten Unmengen an Papierkramvorbereitungen. Wir werfen ja sonst immer nur die Taschen ins Auto oder ans Rad und fahren los. Diesmal war schon allein das Thema Tasche ein Problem. Kaum eine in unserem Besitz, deren Reißverschlüsse nicht aufplatzen. Koffer mussten also her. (Ich habe glaube ich noch NIE im Leben einen Koffer gekauft:))
Tickets, Mietwagen, Adapter, Auslandskrankenversicherung, ESTA, Flughafentransfer, Online-Checkin (was’n das? mein letzter Flug war eher so im letzten Jahrtausend?) Und der New-York-Pass. Womit nun auch das Ziel geoutet wäre.

Mich strengte es bisher eher an, all das vorzubereiten, und ich weiß noch gar nicht, wie ich mich mit dem Stadtmoloch arrangieren werde. Einmal war ich in den 90ern für 2 Tage dort, fand es äußerst faszinierend, aber das ist eben 20 Jahre und damit fast die Hälfte meines Lebens her.
Die Kinder dagegen freuen sich wie die Springbälle – selbst der Große lässt lächelnde Vorfreude heraus, und das will in diesem Alter etwas heißen:)

Nun aber, heute morgen mit dem Taxiaufbruch nach Frankfurt und mit den Stunden, die wir jetzt schon hier am Flughafen verbringen, wächst auch bei mir eine positive Gespanntheit. Hach. Es wird schon gut werden.

Wir sind ja totale Fluganfänger. Fühlte sich vorhin beim Ankommen im riesigen Terminal 2 schon etwas unbehaglich an, wenn man so gar nicht weiß, was man jetzt machen muss. Offenbar aber waren wir dafür nicht schlecht. Als ich bei der letzten Kontrolle zur Familie anmerkte, dass wir bis hierher ja immerhin alle Papiere beieinander gehabt hätten, meinte die Frau am Schalter: „Und das schaffen auch nicht alle.“ :)

Die Begeisterung der Tochter ist ungestüm, sie juchzt bei jedem startenden, landenden, wartenden Flugzeug laut heraus, sehr zur Freude der Mitreisenden. Der Sohn gibt sich gelassen und kennt alles schon vom Flug nach Südafrika, wie er immer wieder betont (das wichtige Detail aber: gibt es hinter der Passkontrolle noch Briefkästen? hat er mir falsch beantwortet; so fliegt also die Post jetzt mit über’n Teich…). Und die Erwachsenen erzählen sich Geschichten vom Fliegen in den 90ern, 80ern, 70ern und so. Alte Kamellen. Ausnahmsweise finden die Kinder diese mal spannend.

Nun sitzen wir an unserem Gate und werden gleich einsteigen. In London wieder aussteigen. Wieder warten. Nochmals einsteigen. Und heute Abend (nach dortiger Zeit) von Joanna begrüßt werden und das Gästezimmer in ihrem Haus beziehen. Hach – sagte ich das schon?

Und falls es dort drüben auf dem anderen Kontinent Wlan geben sollte – könnte ja sein – hört Ihr vielleicht hier von mir. Von Zeit zu Zeit, oder täglich, damit ich die mich überflutenden Eindrücke loswerden kann, oder gar nicht. Wir werden mal sehen.
Und spätestens in zwei Wochen bin ich wieder da. Also hier.

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Vom Schreiben

„… es zeigte sich, daß es unmöglich ist, zumindest für mich, was in diesem Fall zuletzt auf dasselbe hinausläuft, daß es also unmöglich ist, über das Glück zu schreiben, vielleicht ist das Glück zu einfach, als daß man darüber schreiben könnte, schrieb ich, wie ich gerade auf einem meiner damals beschriebenen Zettel lese und von dort auch abschreibe, das glücklich verbrachte Leben ist demnach ein stumm verbrachtes Leben, schrieb ich. Es zeigte sich, daß über das Leben schreiben soviel ist wie das Leben in Frage stellen, sein eigenes Leben aber stellt nur der in Frage, der an eigenen Lebenselementen erstickt oder irgendwie widernatürlich darin verkehrt. Es zeigte sich, daß ich nicht schreibe, um Freude zu finden, sondern daß ich, im Gegenteil, mit meinem Schreiben den Schmerz suche, den größtmöglichen, beinahe schon unerträglichen Schmerz, ja, das ist wahrscheinlich der Grund, denn der Schmerz ist die Wahrheit, auf die Frage jedoch, was Wahrheit ist, schrieb ich, gibt es eine sehr einfache Antwort: Wahrheit ist, was mich verzehrt. Alles das konnte ich natürlich nicht meiner Frau mitteilen. Andererseits wollte ich sie auch nicht belügen. So stießen wir im Laufe unseres Zusammenlebens, unserer Gespräche bald auf gewisse Schwierigkeiten, vornehmlich, wenn von meiner Arbeit, am vornehmlichsten aber, wenn von den erwarteten Ergebnissen meiner Arbeit die Rede war, vom Schreiben als Literatur, von der mir fernliegenden, gleichgültigen und unsagbar uninteressanten Frage des Gefallens oder Nichtgefallens, von der Frage des Sinns meiner Arbeit, von Fragen also, die letztlich meist im Umkreis der erbärmlichen, schmutzigen, höhnischen und beschämenden Frage von Erfolg oder Erfolglosigkeit mündeten …“

(aus Imre Kertesz: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind)

leergelauscht

Das hätte ich ja nicht gedacht: dass ich beginne jeden Tag einen Blogpost zu schreiben. Seit dem 1. Januar geht das nun schon so. Das war nicht etwa ein Vorsatz, schon gar keiner zum neuen Jahr. Es ist einfach so passiert, ich bin da so reingerutscht.

Erstaunlicherweise spüre ich nunmehr eine kleine Bindung an dieses Ritual. Sprich, ich möchte es nicht am 28. Tag einfach so abbrechen. Obwohl mir heute so überhaupt nicht nach Schreiben zumute ist. Ich bin leergeredet, leergelebt, vor allem leergelauscht. Ein Tag voller Musik, voller Emotionen, voller Fragen und Hinspüren. Das zehrt mich aus, so erfüllend es auch ist.

Und nun?
Nun lasse ich diesen Minitext hier stehen. Habe eben einfach dieses Wenige erzählt. Alles weitere bleibt für morgen. Morgen, wenn ich die erschöpfende Fülle dieses Tages überschlafen und in neue Wachheit verwandelt haben werde.

Morgenfärbung

Aus den Traumfetzen – eine Reise, eine Gruppe naher Menschen, ein Wettstreit, eine Wegsuche der anderen Art – lässt sich kein Traum mehr zusammenfügen, es bleiben Schemen einer Welt, die gerade eben noch da und warm war und jetzt nur noch als Gefühl nachhallt. Das wüsste ich zu gern, was mir da immer im Traum erscheint. Ich bin eine schlechte Traummerkerin, spüre morgens immer nur noch die Farbe, kann nur hoffen, dass diese vermutlich reiche Welt auf unbewusste Weise doch in mir bewahrt bleibt und wirkt. Der heutige Traum war sanftbeige-ocker und lässt deswegen Frieden in mir zurück. Irgendetwas gelang da.

Dagegen fühlt sich mein heutiger Tag eher schrillfarbig an, als einer von jenen, in denen unbarmherziges Gerattere aus Aufgaben, Dringlichkeiten, Terminen sich in großer Einigkeit verzahnt mit Gedankenketten unendlicher und kreisender Art.
Wie wär’s denn, flüstert mir mein holprig in die Tasse stolpernder Kaffee zu, wenn Du mich nicht gleich beim Eingießen verschütten würdest. Und den Tag auch nicht.
Ha, denke ich, dem Tag also eine andere Farbe geben, wie das wohl wäre? Eine samtige Kaffeefarbe vielleicht?

Nee, Farben sind Farben, schrill bleibt schrill. Sie hat ja irgendwie Recht, diese mich mit Entmutigung volldröhnende Stimme, mein Auge sieht, was mein Auge eben sieht. Jetzt schreibe ich hier zum Beispiel auf der mir unangenehmsten der fünf Farben meiner Kladdenblätter, und auch nach mehrfachem Umblättern und so vielen Zeilen hört diese Farbe nicht auf mich zu stechen. Es könnte sich doch auch mal einen Hauch wärmenden Oranges anziehen, dieses grelle Rosa, denke ich, nur für mein inneres Auge und Wohlgefühl könnte es das. Statt mich weiter zu pieken und zu irritieren.
Überhaupt: Farben im Innern umfärben können. Das alarmierende Hellrot in ein besänftigendes Sattgrün etwa. Oder für den Anfang wenigstens das Alarmene in Richtung Bordeaux umtönen. Ob das geht? Ob man das lernen kann?

Ach, das ist nur Wünschen und Hoffen, und mittendrin immer ein saftiges Stück Unfähigkeitsgefühl, weil es mir einfach nicht gelingen will, anders zu sehen.
Bei Räumen ja auch. Zum Beispiel, was ich als groß und weit oder als klein und eng empfinde, das müsste ich mir doch ändern können. Den Raum, etwa auf dem Schreibtisch, oder in einem Zimmer, einer Bahnhofshalle oder wo immer, mir größer dehnen im Inneren, wenn es im Äußeren einfach nicht da, nicht machbar, nicht schaffbar ist, dieses Weite, was ich zu brauchen glaube. Anders sehen also, um mich nicht von außen in Enge gepresst zu fühlen, mich nicht durch Äußeres eingrenzen zu lassen.

Ja, das wär’s: Alles auch anders sehen können. Menschen etwa, die ich stets und ständig einordne in meine innere Welt, meine Raster, meine Vorstellungen und Interpretationen, meine Empfindungen und Empfindlichkeiten – diese einfach zu belassen, ihnen zuzusehen und zuzuhören, sie aufzunehmen als Erweiterung meines Raums. Und mich selbst dann in diesem geweiteten Raum nur als Steinchen, Körnchen, Eckensteherchen zu erleben. In einer Ecke stehen muss ja gar nichts Kleinmachendes sein. In großen Räumen stehe oder sitze ich gern in der Ecke, einfach um den gesamten Raum aufnehmen zu können.

Sprung. (Vielleicht.)

Was diese Woche alles aufzunehmen war, wie wir alle so unterschiedlich reagierten – Eltern, Kollegen, Schüler – auf diesen furchtbaren Unfall, der in die heile Dorfwelt hineinbrach. An einer Stelle, die wir alle immer schon als gefährlich wahrgenommen hatten, ist es jetzt passiert, das lang Befürchtete.
Wir alle reagierten aus unserem je eigenen Muster heraus. Ganz schnell wurde mir mein Muster zum einzig möglichen. Und das, was andere lebten – Rückzug, Angst, Verdrängung, Panik, Entscheidungen für die Kinder: sie dürfen nun gar nicht mehr mit dem Rad zur Schule oder nicht mehr diesen Weg fahren, oder gerade doch dort, aber nur noch auf dem Gehweg – alle diese Reaktionen waren mir so fern.
Ich kann diese fremden Innenwelten abwehren, weil sie der meinen nicht entsprechen. Oder ich kann versuchen hineinzugehen und mich zu fragen, ob ich mir nicht etwas mitnehmen kann. Wenigstens das: Ich nehme mir mit, dass meine eigene Farbe, in der ich alles töne, die mir als die beste oder passendste erscheint, dass diese Farbe nur eine ist von unzähligen Farben, Sichten, Zugängen.

Ich ahne ja nicht: Vielleicht sieht ein anderer Mensch sein Rot ganz anders als ich mein Rot sehe. Vielleicht sieht er es als das, was ich als Blau sehe, oder als jenes Sattgrün etwa, nach dem ich mich gerade so sehne, während ich bei Rot immer Alarm empfinde. Und vielleicht sieht er dafür mein Sattgrün als Düstergrau, empfindet Getrübtheit und Aussichtslosigkeit, wo ich Wärme und Geborgenheit erlebe.
Vielleicht also können wir unsere Bilder nie abgleichen. Unsere Bilder sind so sehr unterschiedlich, so unvergleichbar, wir schauen ja nie mit den Augen eines anderen.
Und trotzdem können wir unsere Bilder teilen. Ja, doch, ich glaube, man kann – zuhörend und zuschauend – die je eigenen Bilder teilen. Man sollte und muss dieses Teilen vielleicht sogar versuchen, wenn man nicht im Käfig des Eigenen gefangen bleiben möchte.

Ich taumele hier durch meine Morgengedanken, der Tag drängt an, ja, er bleibt ein wenig schrill. Und dennoch habe ich ihn gerade an seinem Beginn wenigstens umgefärbt. Die Verzahnung von Dringlichkeiten und Gedankenkreisen ist geblieben, ist – könnte man so sehen – sogar noch drängender geworden, da ich ihm diese Schreibstunde „weggenommen“ habe. Aber die neue Morgenfärbung tönt den gesamten Tag ein wenig sanfter.

PS:

Auch Zeiträume sind Räume.
Zeiträume kann ich schon sehr unterschiedlich färben. Was heißt ’schon‘? Das konnte ich nicht immer. Das lerne ich mehr und mehr: Mir die engen Zeiten dehnen. Vor allem durch inneres Es-anders-erleben-wollen. Die Dichtigkeit der inneren Ereignisse hat ja wenig mit einem äußeren Sekundentakt zu tun.
Heute habe ich – zur Unterstützung meines inneren Es-Wollens sozusagen – erstmals ein winziges Hilfsmittel genutzt, mit dem ich schon lange liebäugele. Dieser Text nämlich war in mir, in Gänze, sofort beim Aufstehen. Aber er war viel zu lang, um ihn in der knappen Morgenstunde vor dem Tagesbeginn der Kinder niederzuschreiben. Statt ihn – wie sonst notgedrungen – zu verwerfen und damit für immer zu verlieren, griff ich heute erstmals im Leben zur Diktierfunktion meines Telefons (und damit erstmals überhaupt zu irgendeinem Diktiergerät). Ich diktierte mich selbst dort hinein, um später abzuschreiben. (Auf Papier übrigens, bevor ich nun tippe. Stift und Papier auszulassen geht nicht.)

Es ist ein neuer Weg, den kleinen Zeitraum, den ich hatte und habe, auszudehnen, zu weiten, so dass sich mir die Enge öffnet. Vielleicht finden sich solche Wege auch in anderen Räumen, ja, bei all meinen Farben möglicherweise. Ein Diktiergerät zum Umtönen von Farbräumen, das müsste ich mir schaffen …

 

im Februar

(Meine entschuldigende Vorrede ist diesmal schon keine mehr. Ich lerne dazu und merke seit Tagen, seit Dienstag dem Ersten genaugenommen, dass es richtig und stimmig ist, wenn ich meinen Monatsrückblick erst am Wochenende schreibe. Dann nämlich, wenn ich Zeit und Ruhe dafür habe.)

einen hellen, heilen Monat durchlebt, mit der Ahnung künftiger Räume, nicht nur zum Schreiben …
damit sich diese allerdings öffnen könn(t)en, müss(t)en Schule und sonstige Arbeit, ja, so manches in meinem derzeitigen Alltag, auf lange Sicht weniger Raum ein- und wegnehmen, mich weniger fordern und erschöpfen, was sie im Moment arg tun
*
nämlich, da war viel Schule:
wie immer prallvolle Vorferientage, durch die man sich so schleppt und an denen man sooo viel liegen lässt für die Woche nach den Ferien, in der man dann ja frischerholt sein wird;-)
die Nachferientage mit einem emotional schwierigen Pädagogischen Tag begonnen, mit der Beleuchtung einer schweren Situation für unsere Schule, aber einer umso friedlicheren Stimmung, einer berührenden Schulleiterrede (unter Tränen) und einem Abschluss dieser Phase, die uns nicht nur geknickt hinterlässt;
ansonsten noch Fachkonferenz, Elternsprechtag und zwei Elternabende gedrängt in zwei Wochen, naja, man ist das ja gewohnt:(
erstmals seit Monaten wieder an andere Schulen gefahren und Referendare besucht
*
zwischen all dem unsere traditionelle Fastnachtsferienskireise nach Italien, diesmal mit nur einem Kind;
dort in „unserem“ Ort trafen wir übrigens auf der Straße ewig nicht wiedergesehene Freunde (der Zufall ist kleiner als er scheint, denn vor 12 Jahren hatten wir sie genau dort auch kennengelernt)
*
die Kinder bei etlichen aufregenden Dingen begleitet:
Jugend-musiziert-Preisträger-und  Kammerkonzerte sind wir ja gewohnt, die Schulorchester“frei“zeit auch (diesmal allerdings neu: auch die Tochter darf mit und ist stolz und beglückt gleichermaßen);
neu: ein spannender Robotikwettbewerb des Sohnes (mit Zuschaumöglichkeit) und ein Mathewochenendseminar (ohne Zuschauer – was will man da auch sehen:));
das Aufregendste aber: seine Südafrikareise mit dem Musikschulorchester, für ihn ein Wow-Erlebnis vom Feinsten
*
und dann gab es in diesem Monat noch meine kleine „Schreibreise“, in der der Raum zwischen Stiften und Papier mit ganz viel von allem gefüllt war …
*
erste Male:
einen Blog erfolgreich zu WordPress umgezogen;
ein Kind „allein“ in ein Flugzeug steigen lassen, und dann gleich noch in eines auf die andere Erdhalbkugel – und meine Aufregung überlebt:)
ein Kinderinstrument kaputtgehen sehen und ersetzen müssen (was neben Versicherungsaufwand vor allem Herzblut kostete);
im Winterurlaub kein Meterchen Ski gefahren (einfach weil ich’s nicht (mehr) mag und dies eingestehen und äußern konnte);
drei Tage lang beide Kinder gleichzeitig nicht im Haus gehabt – so freie Tagesgestaltung im Schulalltag hatte ich das letzte Mal vor etwa 15 Jahren:)

Der Weg wird

Da teilst Du ein Stück Alltag. Es platzt einfach aus Dir heraus, weil am Morgen das Fass überläuft, weil die ganze Suppe mal wieder über den Rand trieft. Aus jenem Fass, welches ohnehin ständig bis zur Kante gefüllt ist, welches Du nur mit Mühe immer wieder oberflächlich leerst, so dass es gerade so geht. Gerade so, unter Aufbietung aller Kräfte. Nun also, am Morgen, läuft es über, mal wieder.

Du teilst Dein Stück Alltag, verpackst es in eine rhetorische Frage, und denkst schon gar nicht mehr daran, als Du zur Arbeit losfährst. Es ist ja doch zu sehr Dein ewiger Alltag, es sind Deine gewohnten, nie in Frage gestellten, jedenfalls nie abgeschüttelten Rituale.

Und dann geschieht, woran Du nicht ansatzweise gedacht, womit Du  überhaupt nicht gerechnet hast. Du wirst gelesen. Und nicht nur das – Dir wird geantwortet. Du entdeckst dies nach der Schule. Starrst auf all die Mitteilungen, all die Textstückchen, in denen rückgefragt, von Eigenem erzählt, Erfahrungen geteilt werden. Du antwortest zögerlich, gibst ein paar Details preis, wirst immer offener … und erhältst im Dialog immer mehr zurück. Es wird gefragt, wieder und wieder, und jedes Mal weisen die klitzekleinen Gesprächsfäden woanders hin. In Richtungen, an die Du schon längst gedacht, sie probiert, als aussichtslos verworfen hast. Aber auch in Richtungen, die neu sind oder wären, wenn Du denn den Mut hättest, Dich hineinzubegeben.

Vieles kommt zu Dir. Fragen, vor allem die Fragen sind es, die Deine Gedanken in Bewegung setzen, und Deine Emotionen mit ihnen. Da wird Schmerz wach, vergangener und zukünftiger. Es rüttelt Dich durch und durch, in diesen heftigen Nachmittagsstunden. Damit hattest Du am Morgen nicht gerechnet.

Was bleibt? Das, was ein Gewitter immer hinterlässt: Etwas Reinigung, etwas Klärung, fürs Erste im Inneren. Die Bewusstwerdung, dass es Zeit ist. Und dass wohl auch Hilfe nötig sein wird. Dass es Hilfe gibt, das auch. Dass zum Beispiel Gespräche helfen. Schon diese schriftlichen Minigespräche am Nachmittag, die haben Dich ein Stück zu Dir geführt.

Du bist dankbar für diese heftigen Stunden und das, was sie mit sich gebracht haben. Und Du hoffst, dass der Tag ein Schritt war. Einer von wer weiß wie vielen, auf einem wer weiß wie langen Weg. Dass es endlich-endlich weitergehen muss, und wird!, das steht an diesem Nachmittag klar vor Dir. Du spürst eine Kraft in Dir, für weitere Schritte, für Spagate, für Abgründe auch. Wer weiß schon, was kommen wird. Aber Kraft, die kann nicht schaden. Die nimmst Du Dir mit aus diesem Nachmittag.

Als es dann Abend wird und Du wieder zu Hause bist, läuft das Fass erneut über. Ein ähnlicher Anlass wie am Morgen, eine ähnliche Konstellation. Nicht zufällig wohl. Denn Du hörst Dich mit fester Stimme das Deine darlegen. Deine Sicht, Deine Grenzen, Deine Position. In klarer und ruhiger Form – Du staunst. Du staunst noch mehr, als Du genau dieses kurz darauf der Freundin am Telefon wiedergibst. In ebenso klarer und fester Form. Die Freundin staunt auch: Was ist denn mit Dir passiert?

Och, Du sagst lieber erstmal nichts. Registrierst, dass Dein Sagen gehört und angenommen wurde, für den Moment. Ob mit knirschenden Zähnen oder nicht, das weißt Du nicht. Es ist Dir aber auch egal. Ohnhin musst Du jetzt endlich – der Tag ist ja fast vorbei – ein bisschen Schule vorbereiten. Spät ist es geworden für Deine Vorbereitungen. Aber das ist heute egal. Du hast an diesem Tag etwas anderes geschafft.

Ja, Du hast ein bisschen Arbeit im Innern geleistet. Du siehst es Dir selbst an. Aus Dir leuchtet plötzlich wieder die kleine Ahnung, die Dir lang verborgen war. Die Ahnung nämlich, dass der Weg sich Dir zeigen und öffnen wird.

Ja. Da ist Zuversicht.
Der Weg wird.

Danke.
(Insbesondere an alle, die hier heute – und überhaupt – beteiligt waren.)

 

Es einfach mal versuchen

Wie das wäre, einfach losschreiben zu können. Über irgendetwas, das in diesem Moment geschieht, an der Stelle der Welt, an der ich in diesem Moment sitze.
Hier zum Beispiel, auf einem Sofa einer kleinen Wohnung in einer kleinen Stadt – fremd und nichtfremd gleichermaßen, das alles – hier tippe ich drauflos, ohne zu wissen, wohin die Reise dieses kleinen Textes gehen wird.
Oder gestern abend in der Pizzeria, mit dem Füller, der mir plötzlich in die Hand gedrückt wurde, und der aus völliger Unbeholfenheit und dem Nichts heraus ein paar Zeilen auf den Schulschmierzettelrest warf. Beobachtungen, Gedankenanfänge, die Fortsetzungen in sich bergen. Ich war selbst erstaunt.

Es einfach mal versuchen: das schreibende Durchleben dessen, was geschieht. Und dessen, was nicht geschieht. Dessen, was ich also erschaffen kann und könnte. Eine Wortwelt, meine Wortwelt, aus Bausteinen zusammenzusetzen, welche mir in meinen Tagen entgegenfliegen. Oder nein: diese Bausteine als Gerüst zu sehen, allerhöchstens, um das herum sich Erfindungen ranken könnten, oder Träume – Fiktion jedenfalls, an Reales angeknüpft.

Möglicherweise ist das Leben weit weniger real als es den Anschein hat. Möglicherweise braucht es Fiktion, um das Tatsächliche auszuhalten. Möglicherweise kann das Schreiben und das Geschriebene Gedankenspielwiese sein, nicht mehr. Und nicht weniger.

Da ist eine Ahnung in mir, länger schon, dass ich mehr Worte aus mir herauslassen möchte und muss, damit es innen nicht überläuft. Ich weiß das ja.
Und dennoch habe ich meinen Alltag, meine ganz realen Zeitverfügbarkeiten, nicht darauf eingerichtet. Ich halte keine Räume bereit, um aus all den Wörtern in meinem Kopf, aus all dem Fließen, welches mich insbesondere in ungelegenen Momenten überkommt, Zeilen, Absätze, Texte zu formen.
Noch halte ich diese Räume nicht bereit. Die Ahnung sagt mir, dass ich dies sollte. Und dass ich dies werde.

Ja, doch, vielleicht versuche ich dies eines Tages ja: vom Stuhl zu erzählen, auf dem ich gerade sitze, und vom Muster der perlenden Tropfen am Badezimmerspiegel. Von der Kälte und Wärme des Biers und des Weins, und von ihren Farben. Von den Geräuschen der vorbeifahrenden Autos, die dem ins Zimmer hineingeworfenen Lichtkegel immer ein Stück hinterherjagen. Von all den anderen Geräuschen im Haus, dem Plätschern, Klopfen, Stapfen, Rauschen und Surren. Vom Spiel der Lichter all der Lampen ringsum, von ihrem Vermischen und Durchdringen.
Und, wenn ich mutig bin, traue ich mich eines Tages vielleicht sogar, aus einem zunächst arglos von einem Füller auf ein Schmierzettelchen gekritzelten, ganz der Realität entsprungenen Sätzchen eine Geschichte zu bauen, eine fiktive Welt zu erfinden. Eine, in der es um etwas ganz anderes, weiteres, allgemeineres geht.

Irgendwie so kann das sein mit dem Schreiben. Ich sollte es einfach mal versuchen.

 

Zurückerinnert in ein reiches Jahr

Ja, ich bin zu spät. Die letzten Tage lag ich so erkältet und mit matschigem Kopf im Bett wie lange nicht. Aber auch ohne dies ist die Verspätung dieses Blogeintrags passend, ist doch eines der mich umtreibenden Themen, derzeitig besonders, ein anderer Umgang mit selbstgeschneiderten Terminkorsetts. Nichts anderes ist es, wenn einem das Kalenderdatum zum Zwang gerät. Besser wäre es doch, hier einfach sagen zu können: Ganz gleich ob am 31. Dezember oder am 2. Januar oder am 37. Juni – ich danke für ein vergangenes reiches Jahr. Und dafür, dass ich dies jederzeit, auch heute, am 5. Januar, tun darf.

An seinen letzten Tagen streifte ich – wie immer – gedanklich im vergehenden Jahr umher. Ließ meine Blicke durch Fotoordner, Tagebuch und Blogeinträge wandern, nahm den Familienplaner von der Wand und blätterte, ebenso im Taschenkalender. Ein Kaleidoskop des vergehenden, nun vergangenen Jahres kam zu mir zurück. Es entfaltete sich vor mir mit all seinen Schätzen, seiner Weite, seiner Fülle.
Ich staune. Ja, ich möchte danken.

Danke für mein Leben mit diesen wundervollen Kindern, immer und immer wieder …
… wie jedes auf seine Art, auf sehr eigenen Füßen durchs Leben geht und zuweilen mich sanft an die Hand nimmt, so dass auch ich neu schauen und meine Schritte anders setzen kann …
… wie der Sohn voll in die Pubertät eingetaucht ist (inklusive Schlafen bis 2 und größtenteils liegendem Absolvieren der Tagesstunden:)) und wir trotzdem nicht den Beziehungsfaden verloren haben, nach jedem – beiderseitigem – Laut- und Ungeduldigwerden wieder aufeinanderzu gehen können und uns eine neue Form der Nähe erarbeiten …
… wie die Tochter ihren Schulwechsel mit jauchzender Freude bewältigt hat, neue Freiheiten und Möglichkeiten gustiert, in ungeahnter Selbstständigkeit zurechtkommt (und auch ich – bei Kind2 nun also – lerne loszulassen, mich nicht mehr so sehr für ihr Lernen verantwortlich fühle und es darum umso besser läuft) und – das Wichtigste – endlich in einer Klasse gut angenommen ist, neue Freundinnen gefunden hat, sich verabredet, übernachtet, Geburtstage feiert, all das, was manche Kinder immer schon haben und hatten, darf sie nun auch erleben.

Danke für die Menschen, die ich als Geschenk auf meinen Wegen erleben darf …
… für nahe und fernere Freunde, mit denen wir häufig oder selten zueinanderfinden …
… für neue Menschen hier im Ort, die wir erst in diesem Jahr kennengelernt haben und mit denen es spontan so herzlich warm ist, dass wir uns auf mehr freuen dürfen …
… für innige Begegnungen in diesem Schreibraum; in diesem Jahr sind kostbarste Fäden hinzugekommen, die weit über das Virtuelle hinausreichen.

Danke für meine Arbeit, in der ich mich nach wie vor im schönsten Beruf der Welt wähne …
… für die täglich geschenkte Lebensfülle der jungen Menschen, die ich im Aufeinanderzugehen sehen darf …
… für meine in jeder Hinsicht herausfordernden 10. Klassen, mit denen wir noch Berge besteigen müssen, dann allerdings zum Ende des Schuljahres – als Belohnung? – gemeinsam nach Berlin fahren dürfen …
… für die Fragen in den Augen der 7t-Klässler, für die sie kaum Worte finden können, und für meine Ideen, die mir hin und wieder kommen, so dass manchmal ein „Ach so“ aus Schülermund und -augen mich ganz demütig macht …
… für unser Lehrerzimmer voller Kollegialität, Hilfsbereitschaft und Lachsalven, und für meine Schulleitung, die nach wie vor und immer noch mehr die beste der Welt ist.

Danke für mein Unterwegssein …
… für mehrere lange Radl-Alleinreisen, erstmals mit Zelt, mit noch intensiverem Draußenleben, an den frühlingskalten Mecklenburger Seen vorbei, sommers entlang der Ehemalsgrenze, und dann im herbstlichen Bayern  …
… für Reisen in den italienischen Schnee, nach München, nach Hamburg, nach Berlin, zu einem wiederum belebenden Klassentreffen, auf ein einsames Gehöft (das an jenem Wochenende alles andere als einsam war) …
… und nicht zuletzt für die Wege rund um unser Dorf.

Danke für die viele Musik hier in unserem Hause …
… wie die Kinder sich im Musizieren zu Hause fühlen, sich in immer neue Projekte stürzen, beglückt von Musikwochen zurückkehren, immer wieder gutgelaunt in ihren Unterricht gehen und von ihren Lehrern zurückkehren …
… dass wir nun das schwierige Thema des Klavierlehrerwechsels beim Sohn angegangen sind, mit hoffentlich erfolgreichem Ausgang …
… und auch wieder für unser Wettbewerbsdurchleben (wobei es dieses Jahr an unsere Grenzen ging, weil beide Kinder zum Landeswettbewerb und der Sohn wiederum zum Bundeswettbewerb fuhr; uns allen wurde spätestens dort bewusst, dass die Kinder unbedingt vor der Ehrgeiz- und Erfolgsfalle zu schützen sind, zumal beide dies selbst aus dem Bauch heraus signalisieren).

Danke für jeden Moment, in dem ich bei mir sein durfte …
… schreibend, lesend, fotografierend, Klavier spielend, Dinge betrachtend, staunend, atmend, sitzend, einfach nur da sitzend …
… insbesondere für die Ruhe, welche sich im letzten Vierteljahr in mir ausbreitete, da ich meine Teilzeitfreiheit vor allem dafür nutzte, alles langsamer anzugehen.

Danke auch für all das, was in diesem Jahr fehlte. Es wäre, schriebe ich es auf – wie vielleicht bei jedem Menschen? – eine lange Liste.
Wie letztes Jahr schon schreibe ich mir dies dazu:
Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

Sonntagsgeschreibe

ein Blogpost
fünf private Mails
dreizehn dienstliche Mails
ein Gutachten für einen Schüler
mein Lehrerkursbericht für die Abizeitung
eine Begründung für einen GLK-Antrag
eine Trauerkarte
eine Gesundwerdekarte
eine Geburtstagskarte
Tagesfragen im Tagebuch

Ich springe wie ein Sprach-Chamäleon zwischen Stilebenen, Wortschätzen, Ausdrucksformen hin und her, zwischen nah und nüchtern, zwischen flapsig und formell, und muss aufpassen, nicht Du mit Sie zu verwechseln oder mit der falschen Schlussfloskel zu enden.
Quasi alle meine Lebensrollen sind sich heute in meiner Feder begegnet. Zum Glück hat sich diese nicht verknotet, auch wenn das müde Gefühl bleibt, ich müsse jetzt zum Ende des langen Tages eine Art Verwirrung erlösen.
Also werde ich mich ans Klavier setzen, die Klarheit einer Bach-Invention sprechen lassen, und danach wiederum das Tagebuch betreten. Dorthin also gehen, wo das reine Nur-Ich die Worte formt. Damit ich nicht im Gewand einer meiner zahllosen Rollen ins Land der Träume steigen muss.

Schreibelust

Soeben überkommt sie mich. Einfach so, aus dem Nichts. Ohne mir mitzuteilen, worüber dies Schreiben eigentlich gehen soll. Ich sitze also und warte. Welche Gedanken losfließen. Welche Bilder aus meinem Erlebenswirbel herausquellen. Welche Wörter sich dazu einstellen.

Zum Beispiel Sonnenflut. Durch die Fensterscheibe mitten hinein ins Gesicht. Ob im Auto oder im Klassenzimmer, überall grellt sie ins Auge. Wunderhelles Gefühl. Selbst die nun sichtbar schmutzig-streifigen Scheiben lassen lächeln.

Oder Pubertätsgekichere. Klassenräume voll davon. Sonne lässt junge Menschen noch mehr sprießen als ohnehin schon. Manchmal will ich gar nicht die Lehrerin sein. Müsste die doch jetzt zur Arbeit gemahnen. Statt dessen pfeift sich in mir ein Liedchen und der Gedanke (kann sich ein Gedanke pfeifen?), dass diese auch ohne mein FürRuheGesorge durch den Tag kommen werden. Durch den heutigen zumal.

In der Altstadt im Café sitzen. Wartend. Will ja nicht zu früh an der fremden Schule aufschlagen. Studentische Vorbeiradelscharen (früher auch ich hier, gegen die Einbahnstraße, klar), von denen kommt niemand hier herein. Erst ab Jungmütteralter kauft man beim Bäcker, verstaut Frischgekauftes in Kitabrotboxen und braucht, je älter, desto mehr Zeit zum Herauspfriemeln des Kleingeldes aus der Börse. Wunderbare Gelassenheit auf allen Seiten. Da kommt ein Wie-immer-Herr-Müller? und ein stummer Stockfischkunde. Ein paar Morgenmuffel, eigentlich die Mehrzahl, gelegentlich eingestreut die morgens schon Tänzelnden. Fürs Tasse-zur-Theke-Zurückbringen bekomme ich ein Danke. Das müsste mir zu Hause mal passieren.

Wie hieß das Wort doch gerade: tänzelnd. Barfußtänze nämlich. Andere mögen in meiner Bewegung einfach nur Laufen sehen. Innerlich fühlt sich das anders an. Sobald mein Fuß im Frühjahr den Latsch von innen nackt berühren darf, geht es mir schwebend. Und mit den bloßen Zehen Bilder auf Staubgartentische malen – hach!

Wäsche-und-kein-Ende-in-Sicht. Das Haus ist voll davon. Wie kann ein sooo großes Haus sooo voll davon sein. Bestimmt spielt die Wäsche mit mir Hase und Igel. Oder bietet sich mir als Meditationsobjekt dar. Falten, legen, stapeln, und dabei immer schön bei mir bleiben. Nicht abschweifen.
Tema con variazioni: Unausgepackte-Reisetaschen-und-kein-Ende-in-Sicht. Usw.
Aber Augen und Gedanken bleiben nicht, wo Wäsche und Taschen es gern wollen. Unwillkürlich geraten in den Blick:
Staubmäuse. Sockennirvana. Was nicht alles hinter dem Regal liegt. Vielleicht finde ich dort auch all die italienischen Wörter, die letzte Woche noch meinen Kopf belebten und nun weggepustet sind. Wieso sind Ärmel und Hosenbeine immer nach innen verkrumpelt. Wer schleppt eigentlich immer die vielen überflüssigen Sachen mit auf die Reise. Wer hat schon wieder den Schrank der Tochter nicht aufgeräumt. Und warum trägt die ganze Familie die gleichen schwarzen Socken. Sortiert man die nicht besser mit der Luxzahl von Flutlicht?
Apropos: Kommt da allmählich die Notwendigkeit einer neuen Gleitsichtbrille in Sicht? Wiederum kann man das Lesen mit halbhimmelwärts gerichtetem Kopf ja auch als Gymnastik auffassen, oder nicht? (Und: wer das jetzt nicht versteht, ist vermutlich noch zu jung.)

Tastentolpatsch. Familienintern wurde der Titel mir zugesprochen, unangefochten. Wobei, dies Kriechen in der Ungeschicklichkeit nährt akustische Erkenntnis. Nämlich dass, worüber ich zuvor hinweggefegt bin (hinwegzufegen vermochte!), Substanzielles enthält. Im Ton für Ton erst höre ich mir zu. Und entdecke. Und forme. Langsamkeit als Hörbarmachung.

Wiedersehenswoche. Von den „Kleinen“ schrieb ich schon. Die Kollegen haben nur den Montag als Anlauf gebraucht, um schon wieder im Vorferientempo dahinzugaloppieren. Ich ja mit ihnen. Und die Abiturienten sind in ihre Nachprüfungsdepression gefallen und reiben einem diese unter die Nase. Von den Erfahrungen der älteren Generation (wie das klingt …) – das sei normal, von Prüfungsfreude könne man eben nicht ein Leben lang zehren – wollen sie nichts hören.
Und dann Zufallsbegegnete an jeder Ecke. Den einen dreimal in zwei Tagen getroffen. In drei verschiedenen Schulen. Huch? Dann die aus ferner Vergangenheit. Auf dem Schulflur gegenseitig angelugt. Studienbekannte – das war sie bestimmt. Die Faltenschicht von zwanzig Jahren verhindert Soforterkennen. Mich selbst würde ich ja auch nicht als Ich benennen, hätte sich die Alterung über Nacht (dr)aufgetan. Dafür sieht der Kollege mit dem 50. Geburtstag jungbrunnengebadet aus. Der liebste  Chef der Welt sorgengegrämt und -gebeugt. Und dann gibt es noch die Alterslosen. Also: die, bei denen sich kein Gedanke auf irgendein Alter richtet. Nur auf das Sich-gegenseitig-Sehen, welches Tage reich machen kann.

Wiederkehrerleben. Heraus aus dem Zustand, die Tage immer nur wegarbeiten zu müssen, zurück in ein sich lebendig anfühlendes Sein. Zurück? Lange war ich nicht dort. Oder hier. Jedenfalls: Da. Ferien sind ja doch für etwas gut. Wenn diese Erkenntnis wenigstens im Nachhinein kommt.

Sicher war dieses Schreibegelüste jetzt unbewusst prokrastinierenden Ursprungs. Daher beende ich es abrupt und abrundungslos. Die gelben Mappen des Abiturs liegen Schlange und würden sich in quängelnder Ungeduld am liebsten gegenseitig überholen.

Schreibmüdigkeit

Zu dicht, all diese Lebensdinge hier. Zu wenig bleibt am Abend, um noch Worte zu setzen.

Manchmal denke ich ja, ich mache das selbst. Unbewusst irgendwie. Sobald in mir ein Kapazitätseckchen droht freizuwerden , springt sofort ein raumgreifendes Etwas herbei, die leere Stelle wieder zu besetzen. Als stünden die Lebensdinge in mir Schlange, zinnsoldatengleich aufgereiht, immerbereit, nur auf ein leeres Zeit- oder Kraftplätzchen lauernd – und schon ist wieder eines da. Nur kein Räumchen frei lassen. Was allein in dieser Woche alles zu mir kam. Oder eben aus mir kam. Das weiß ich noch nicht so genau … sind das äußere (wie es den ersten Anschein hat) oder eher innere Aufgaben?

Bin so müde. Werde mich jetzt in ein Buch zurückziehen. In eines, das mit meinem Leben so gar nicht viel gemein hat. Die Dichtigkeit ein Weilchen vor der Tür zu lassen. Meinem Atem zu lauschen, wie er sich beruhigt. Mich in das letzte Flackern der Adventskerzenstümpfe hineinversenken.
(Ja, hier bei mir sparsamem Mensch werden die „aufgebraucht“. Sie tragen ja noch all ihr Herbeisehnen in sich. Und Wärme genug für ein Jahr. Und für eine neue Umgebung, in der sie jetzt leuchten dürfen …)