Baumwandelweg #12

Durch ein Jahr hindurch begleitete ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies war ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben worden ist.

 

Großer Baum, kleiner Baum, nebeneinander. In kahlem Winterkleid, auf rötlichscheinendem Feld.

 

Erst mit diesem zwölften Bild fühlt es sich rund an. Aufgenommen vor mehr als einem Monat, fast noch Ende Januar war es also, so wie auch alle anderen Bilder jeweils zum Monatsende entstanden. Eingestellt erst heute, ein Jahr etwa nach dem ersten Bild. Womit sich ein Kreis schließt.
Ein Kreis, den zu gehen ich mir selbst aufgetragen hatte, ein selbsterschaffenes Ritual: zu jedem Monatsende meinen Baum hier abzubilden, immer mit gleichem Fokus, auf dass Veränderungen und die Konstanz in den Veränderungen sichtbar würden.

Hier nun – schaut selbst:

 

 

Nun, und jetzt?
Höre ich auf.

Es fiel mir – zugegeben – schwer und schwerer, mich meiner selbstverordneten Regel zu fügen. Die anfängliche Euphorie, dass dieses Ritual mich regelmäßig auf einen Weg bringt, der mir etwas zu schenken weiß, ist verflogen. Statt dessen wuchs in mir das Bedürfnis, mich aus dem Ritual herauszuwinden, seine Starre abzuschütteln.
Zwar, das nehme ich durchaus wahr, hatte ich viele gute Stunden mit meinem Baum, meinem Weg, hat sich mir Monat für Monat etwas eröffnet, bin ich tatsächlich jeweils ein Stück auf mich zu gegangen, so wie es meine persönliche Geschichte dieses Weges ja von vornherein nahelegte. Und doch war es ein Gerüst, ein starres, zwingendes, unbiegsames, einengendes Gerüst.
Ohnehin bewegt sich mein Alltag in viel zu vielen Käfigen, fehlt es ihm in vielerlei Hinsicht an Freiheitsgraden. Wenn ich mir dann noch selbst zusätzliche Starre verordne …

Was für ein Spiegel! De facto beträgt der Fußweg zum Baum kaum zehn Minuten, sind die Bilder schnell gemacht und noch schneller bearbeitet, es gab ja keine Motivsuche, keine Bearbeitungsentscheidungen zu fällen, zeitlich gesehen also war mein Baumweg selbst in engste Zeitraster zu integrieren. Noch dazu zieht es mich im Grunde immer nach draußen. Und doch blockierte ich mehr und mehr.

Ein Anlass mich einzulassen auf Fragen wie:
Wo setze ich mir selbst Beschränkungen, die mir nicht gut tun?
Wo lebe ich starre, einschnürende Regeln, obwohl ich sie aufweichen oder gar von mir nehmen könnte?
Wieso empfinde ich so manche Alltagsbeziehungen als Korsett, obwohl ich tief innen weiß, dass ich allein durch gedankliches Umstülpen wieder Freiheitsgrade gewinne?
Welche Imperative lebe ich, obwohl niemand außer mir selbst sie ausspricht?
Wohin wird es mich führen, wenn ich von Geländern ablasse und frei zu tanzen beginne?

Punkt.
Und Fragezeichen.

 

Alle meine Baumwandelwege finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

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Lichtstimme

Noch ganz in meinem Tagesprogramm gefangen, im To-do-Gerüst eines Sonntags, in welchen die vorzubereitende Schulwoche ihre Arme wie immer weit hineingestreckt hat, vom Orchestertermin der Tochter kommend, mit Fast-schon-Montagsblick auf die hetzende Uhr eile ich hierher. Vom Parkplatz sind es ein paar Meter im Freien, endlich frische Luft nach dem Schreibtischtag, ich suche die kleine Kapelle, gehe langsamer, betrete den Raum.
Ich bin da. Und doch noch nicht. Schulgedanken wirbeln, Erschöpfung und Müdigkeit, Überforderungsgefühl, das streife ich nicht einfach an der Türschwelle ab. — Der Sohn braucht für eine Bewerbung hier und jetzt eine Auskunft per WhatsApp – ich sehe die Nachricht, als ich das Handy ausschalten will. Na gut, schnell und verstohlen tippe ich die drei Wörter ein. Mich schämend, dass ich das Handy in diesem Raum nutze. — Ob ich die Tochter pünktlich werde abholen können? Was wenn es länger dauert? — Ich setze mich an den Rand der letzten Reihe, um eher gehen zu können. Ich bin noch nicht hier. Da ist ein Abstand zu den Menschen vor mir, ein Abstand zu allem, eigentlich will ich schlafen.

Und dann beginnt es sich zu bewegen. Den Raum zu bewegen. Mich zu bewegen.
Wie ihr Strahlen vom ersten Moment an den Raum erfüllt. Wie ihre Stimme sich kraftvoll verschenkt. Wie ihr Gesang uns trifft, mich trifft. Wie wir uns unter dem Tanz der Töne öffnen, aus der Zugeknöpftheit starrer Wintermäntel herausbersten. Wie sich unser unhörbares Summen allmählich zu tönendem Klang wandelt. Mehr und mehr. Wie es licht wird, und warm. Wie sich alles öffnet und empfängt, immer stärker …
Ich bin da.
Es ist unglaublich. Ein kleines Mysterium.

Und doch schweife ich immer wieder ab, in meine Räume außerhalb von diesem hier.
Wem ich diese wohltuende Helligkeit alles wünschen würde. Meinen Schüler*innen, denen so oft so viel im Leben fehlt. Wie sehnsüchtig, wie empfänglich sind viele von ihnen für helle Berührungen. Ob nun genau in dieser Form, nein, nicht unbedingt. Aber eben: Berührungen einer Lichtstimme, wie auch immer sie tönt.
Meine Alltagsbereiche ziehen im Innern vorbei. So viel Unbeachtetes, Unerlöstes auch. So viel Sehnsucht in mir, Wogen zu glätten, so lange schon. Während wir singen, überkommt mich eine Ahnung, wie ein Schlüssel zu gestalten wäre. Mein Cello wird mir – mal wieder – zum Lehrmeister werden: hier in der Bank sitzend, begreife ich etwas sehr Starkes – ich werde später erzählen.
Mich erfassen Erinnerungen an Schritte, Wege, Zeiten, die lange vergangen sind, an Verschüttetes und Vergrabenes. Da pochen schmerzende Versäumnisse, manche halten an, es wäre Zeit. Meine Einsamkeiten der letzten Jahre, meine Ängste davor weiterzugehen, wie lange ich dies wohl noch schaffe?, zu Boden ziehende Traurigkeit, mein Wundsein, mit dem ich mich so gern vor mir selbst verstecke, um es auszuhalten. All das. Ich ahnte manches lange nicht mehr, und hier springt es mir plötzlich in die Bewusstheit.
Öffnung schmerzt. Öffnung nimmt schützende Schilde von Wunden. Öffnung – und das weiß ich ja – heilt letztlich.
Ich sitze, stehe, tanze dort hinten in der letzten Reihe und weine. Die Tränen fühlen sich weich an. Weich und verbunden.

Verbunden mit anderen Menschen, die ich hierher mitgebracht habe – ist dies doch ein spezieller Ort. Noch nie war ich hier, obwohl ich Jahrzehnte schon in seiner Nähe lebe. Viele nahe Menschen aber waren und sind hier, manche häufig.
A., die jeden Tag um’s Überstehen, um’s Weitergehen ringt, ja, eigentlich um’s Überleben.
L., der oft hier ist, immer wieder, dessen Weg sich im Kreis windet – wie schmerzhaft dies schon von außen anzuschauen ist – , der aus seiner Verlorenheit in der Welt nicht herauszufinden vermag.
M., die erst vor kurzem die allerobersten Schichten ihres tiefsten vorzustellenden Schmerzes abtrug. Oder bedeckte. Oder verwandelte – was weiß schon ich.
So viele nahe Menschen, die so viel zu tragen haben. Sie alle sind mit mir hier, irgendwie.
Und doch weiß ich nicht, ob die Helligkeit dieses Stimmraums zu ihnen dringen würde? Ob sich Kraft und Vertrauen ins Leben von Mensch zu Mensch weitergeben lassen? Ob diese Worte und Lieder in ein jedes Ohr, ein jedes Herz hineinfinden können?
Auch zu ihr, die die Verwundungen und Schläge der Kindheit nicht aus sich herauszulösen vermag, seit fünfzig Jahre schon nicht?
Und zu ihr, die das Vertrauen in einen tragenden Boden so grundlegend verloren hat, als ihr Kostbarstes ging, dass all ihr Ringen und Suchen immer nur in neue Verzweiflung mündet?
Oder zu ihr, die ihrem Kind ein Grab graben musste? Und zu ihr, die es bald wird tun müssen?
Ich weiß nichts.
Während sie singt, während es singt, während ich singe, während sie singt …

Ja, sie. Sie steht da einfach.
Spricht, und es wird friedlich.
Versprüht ihr Strahlen, und es wird hell.
Tanzt, und es schwingt bis in jede Fingerspitze.

Sie singt.
Es singt.
Alles.

Danke, I.
Danke.

 

im Februar

Wann immer ich zum Monatsende hin – meist wird es ja ein paar Tage später – mein buntes Blatt hernehme, auf welchem sich in verschiedenen Tagesfarben angesammelt hat, was der Monat an Fülle bereithielt, suche ich zunächst nach dem Grundgefühl, der Grundfarbe, welche den Monat ausmachte.
Immer schon taucht bei diesem Rücktasten gleich zuvorderst das Engegefühl auf, welches meine viele Arbeit in mir auslöst. Dies Monat für Monat extra noch zu erwähnen, scheue ich fast schon, es zieht sich ja offenbar als Konstante durch meinen Alltag.
In den letzten Monaten – oder sind auch dies schon Jahre? – kommt wie ein roter Faden das Schlingern in seelischen Achterbahnfahrten hinzu, immer wieder, immer noch, mal mehr, mal weniger.
Nicht anders ist es in diesem Februar. Im Januar hatte ich mich weit aus meiner Mitte werfen lassen, im Februar torkele ich noch immer mit beträchtlicher Amplitude – glücklicherweise schenkt der Monat einigen Freiraum, auch zeitlicher Art, in welchem ich wieder anfangen kann zu atmen.
*
Riesig – und im Alltag kaum zu erfüllen – ist immer wieder mein Bedürfnis nach Alleinzeiten. Rückzug von der Welt in eine selbstbestimmte Stille hinein ist mir so nötig wie dem Fisch das Wasser, um Heilung zu finden für das, was in mir wundgeschürft ist.
Darum kommt mir das erste (korrektur)freie Wochenende des Jahres gerade zur rechten Zeit, darum bin ich dankbar, dass ich mich während der Skireise zuweilen allein auf weite Schneespaziergänge begeben kann, darum atme ich während meiner kleinen Winterradtour – ich schrieb davon – endlich wieder einige Quäntchen Zuversicht, darum beginne ich schon jetzt, aus vagen (Rad)Reise-Ideen für Pfingst- und Sommerferien konkretere Routen zu gießen. Allein die Vorfreude hellt mich auf.
Es kommt wieder innere und äußere Bewegung in meine Tage, und dass der Monat sich mit bis zu zweistelligen Minusgraden verabschiedet, hält mich nicht davon ab, von nun an wieder mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.

Wie gut sich das anfühlt.

*
Etwas in mir richtet mich auf, als zöge ein Marionettenfaden an meinem Hinterkopf. Ich kann den Kopf wieder wenden, mich umschauen und nach kleinen Begegnungen tasten. Die Schnecke verlässt ihr Haus.
Andere Eltern am Rande von Schulveranstaltungen, Kolleg*innen bei einem Kneipenabend, eine Lieblingskollegin während eines Ausflugs, Nachbarn auf der Straße – ich schaffe wieder Worte auszutauschen.
Mehr und mehr allerdings werde ich allergisch gegen Small talk, mische mich nur noch ins Gespräch, wenn es nicht um Banales geht. Und siehe da: Ich habe es selbst in der Hand, spüre ich in diesem Monat oft. Ich selbst bin es, die einem Gespräch Gewicht geben kann. Oder die – falls dies partout nicht gelingt – es verlässt.
Mein Schreiben ist noch immer eingerostet, ich presse Wort um Wort heraus, es fühlt sich zäh und falsch an. Dennoch verlassen ein paar Texte, Karten, Mails, Briefe meine Feder – „eingerostet“ ist offenbar relativ:)

Mein Fotoauge schläft. So ist es eben.

*
In der Schule steht uns mehr als in den letzten Monaten unsere verfahrene Klassensituation vor Augen. Erschöpfung und Tränen bei der Cokollegin und mir, was der Schulleitung nicht verborgen bleibt, woraufhin wir stärkste Rückendeckung und konkrete Unterstützungsangebote bekommen. Wir nehmen alles an, und dennoch fühlt es sich mies an, diesen Kindern einfach nicht gerecht werden zu können. Während der Ferien lässt mich das Thema kaum los, im Schnee stapfend, formen sich in mir neue Ideen: was wir noch alles tun könnten. Stopp, sagt die Schulleitung, Eure Kräfte, Eure Gesundheit. Wo sie Recht haben, haben sie Recht.
Wie froh bin ich im Moment, noch viele andere Klassen zu unterrichten. Dort ist vieles rund und stimmig – einschließlich zahlreicher Gespräche auf dem Elternsprechtag – dort blühe ich auf.
Neue Referendare kommen an die Schule, einige Stunden wird bei mir hospitiert, ich bekomme wertvolle Rückmeldungen. Darunter eine – hach – auf die ich vielleicht 20 Jahre gewartet habe:) Jedenfalls habe ich dies damals bei meiner Mentorin im Referendariat so gesehen, bewundert und mir als Ziel für meinen Weg gesetzt – und jetzt gibt der junge Mann mir einfach ungefragt genau dieses Spiegelbild. Ich weiß noch gar nicht, ob ich ihm glauben darf:)
Mit meinem „eigenen“ Referendar beginnt eine intensive Arbeitsphase, ich erzähle hier lieber nichts, denn es ist ein wenig kompliziert.
Mit einer Handvoll Kolleg*innen initiieren wir eine schulinterne Arbeitsgruppe KUH (Kollegiale Unterrichtshospitation) und machen in einer langabendlichen Sitzung gleich Nägel mit Köpfen.
Erstmals im Leben habe ich Aufsicht bei einer VERA8-Englisch-Vergleichsarbeit, und das erwähne ich hier nur, weil ich sooo aufgeregt bin, ob ich mit den Audiodateien und dem Vorlesen der Anweisungen zurechtkomme:) Mein Cochef kann sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, wie ich da plötzlich mit dem Flattern einer Berufsanfängerin vor ihm stehe.
Der jährliche Mathe-Unitag führt die Kollegin und mich in Erinnerungsgefilde, wir kennen kaum noch Professor*innennamen und fühlen uns folglich alt, während es einfach – wie immer – wunderbar ist, den vielen Schulteams in den Riesenhörsälen beim Knobeln, Basteln, Forschen, Grübeln und Wettstreiten zuzusehen.
*
Auch die Tochter hat es in unser Schulteam hineingeschafft und muss dabei – wie früher schon der Sohn – mich als Lehrerinbegleitung verkraften. Sonst haben wir auf dem Schulflur ja nie direkt miteinander zu tun. Sie überlebt es;-)
Hach, sie wird groß. Erstmals im Leben kann ich sie allein „Klamottenshoppen“ schicken – in Anführungszeichen, weil dies ihr Begriff ist. Auch wenn es sich nur um klar definierte Mengen an Unterwäsche, Socken und Shirts handelt – sie fühlt sich stolz. Und ich bin erleichtert, wieder eine nervige Aufgabe losgeworden zu sein. Zur Unterstufenparty schminkt sie sich und kehrt später verschwitzt, mit tanzwunden Füßen und glücklich zurück.
In der Schule gibt es die Halbjahresinformation und rundherum einige Wochen Sparflamme, was ihr sehr gut tut.
Mit dem Orchester fährt sie zu den jährlichen Probentagen nach Weikersheim, mit ihrem Trio und auf einem Kammermusikabend der Schule tritt sie auf, ihre Wettbewerbsstücke aber lässt sie in maximaler Gelassenheit ruhen. Bis Mitte März sind ja noch mehrere Monate Zeit;-)
Während sie das Zusammenspiel mit ihrem Klavierpartner als immer anstrengender empfindet, seufzt sie plötzlich laut heraus, wie sehr sie ihren Bruder vermisst, und dass hoffentlich nächstes Jahr er wieder mit ihr spielt. Als er darauf spontan per WhatsApp Gleiches äußert – hach, das freut und wämt. Ja, der Bruder fehlt ihr, wer hätte das vor einem Jahr gedacht:)
Ob wir diesem auch fehlen, bezweifle ich. So genau aber weiß ich es nicht, denn wir kommunizieren über knappe organisierende WhatsApps hinaus kaum. Seine Stimmung, Sehnsüchte, Sorgen bleiben bei ihm und seinen dortigen Menschen, und ich staune selbst, wie stimmig sich das für mich anfühlt. Gäbe es Gravierendes, wären wir ja da.
Seine Wege führen ihn jedenfalls weit herum: Zur Klassenfahrt fährt er nach Neapel, bald geht es zum Jugend-musiziert-Landeswettbewerb nach Istanbul (ja, seltsam, aber so ist das an den deutschen Auslandsschulen organisiert), und parallel organisiert er sich einen inneritalienischen Kurzzeitaustausch nach Sizilien. Nebenher bewirbt er sich für einen Musikwettbewerb und ein Mailänder Musikfestival – wir werden aus der Ferne bei der Wahl der Bewerbungsfotos und -videos zu Rate gezogen -, und ich glaube, zur Schule geht er dort auch noch;-)
Gleichzeitig besuche ich hier auf Elternseite einen Informationselternabend für die Kursstufe, seine Kurswahl muss er demnächst aus der Ferne durchführen. Mit den Miteltern schauen wir uns an: War es nicht erst gestern, dass wir zuammen Kindergartensommerfeste organisierten? Abitur 2020 also, sie werden so schnell groß.
*
Was noch? Die Musik. … Immer häufiger schreibe ich von ihr in diesem Rückblick an letzter Stelle. Weil sich hier das Unsagbare und das tausendfach Nochzusagende die Hand geben, weil mich drängt, von dieser meiner zentralen Lebendigkeitsquelle zu erzählen, und mir dann doch die Worte fehlen.
Über Lieder, die ich hörte – ich werde darüber noch schreiben – , und über die, die ich selbst sang – erstaunlich: meine Stimme kann es noch:) – , über ein Zurückgeworfenwerden in meine musikalische Heimat mit ihrem Tanzen, und über mein Weitergehen in der jetzigen Cellogeborgenheit. Über inniges Zusammentreffen in meinen Unterichtsstunden, und über daraus erwachsendes Erkennen. Etwa – und das ist nur eines von vielem – dass ich meine Lagenwechsel auf dem Griffbrett nicht als ängstliches und angestrengtes Müssen, als notwendiges Übel zwischen die Töne pressen darf, sondern dass erst sie den Gesang formen, dass ich sie als ein Wollen, ein freudiges Tanzen begreifen darf. Wieder einmal braucht es ein Ja. Wie im Leben.
Ach je, das versteht ja nun doch niemand …

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ich weiß, dass Wittgenstein es nicht so meinte. Jedenfalls hatte er nicht die Musik im Sinn. Ich lasse diesen letzten Satz dennoch stehen.

Angeradelt

Der Januar war Durststrecke, in die Februarferien schlingerte ich in Bodenschwere und voller Tränen. Was sich da alles zusammengeballt hatte, dies ist – für hier und im Moment – unwichtig. Ganz sicher aber war das Dunkel mitausgelöst davon, dass ich einen ganzen Monat lang nicht draußen, nicht im Freien war, nicht auf den Pfaden rund um unser Dorf, nicht auf ferneren Wegen, nicht per Rad, nicht zu Fuß, dass ich kein Sonnenlicht, keine Winterluft um mich hatte. Dies wurde mir erst im Nachhinein bewusst. WIE sehr fehlte mir das Draußensein, WIE sehr trübte sich alles um mich ein …

Nun, die Ferienwoche im Schnee hellte auf und gab den Fingerzeig, wie heilsam Unterwegssein im Draußen und freies Atmen sind. Nach dieser Woche pumpte ich mein Rad neu auf und fahre seither mit ihm zur Arbeit, Minustemperaturen hin oder her. Dies bewegt, dies belebt. Dies setzt dem Düsteren eine Kraft entgegen.

Als schließlich am Samstag eine strahlende Sonne zaghaft winzige Plusgrade anbot, tat ich, was wohl ein Novum für mich ist: eine Winterradtour. Na gut, sie wurde klein, nicht mehr als 50 Kilometerchen – die aus dem Stirnband herauslugenden Ohrläppchen und die Zehen hätten kaum mehr Eisigkeit ausgehalten – , aber dennoch: Das Tourenjahr ist angeradelt:)

Wie hell dieser Weg war. Wie wärmend. Wie zuversichtlich ich nach all den schweren Tagen plötzlich wurde.

Noch fließen meine Worte tröpfelnd, bewegt sich auch das Kameraauge nur gelähmt. Ja, der Januar hat mich innerlich ausgetrocknet und ins Elementare zurückgeworfen. Doch um nicht ganz ohne Bilder zurückzukehren, tat ich wie schon im Herbst:
Genau alle fünf Kilometer fotografierte ich. Ein Bild in Fahrtrichtung, eines rückwärts, eines nach rechts, eines nach links. Bei Blende, Perspektive und Tiefenschärfe gab ich mir keine Wahl. Ungeschminktes Leben, wie der Wegrand es darbietet. Kein Fokus auf das „Schöne“, das Ansehnliche, das Idyllische, sondern zufällige Lebensblicke, wo sie halt hinfallen.

Wieder war mir dies wie damals schon eine Übung im Annehmen. Welche idyllischen Anblicke der Kamera entgehen und welche nüchternen Bilder dafür vor die Linse geraten: so wie sich Tage und Wege eben zuweilen zeigen. Kaum Aushaltbares im Fokus, das Nährende in Verborgenheit, und ich inmitten. Hoffend, dass ich nie vergesse, wieviel Unsichtbares den Hintergrund bildet.

Hier also Wegebilder: Unten in groß jeweils der Vorwärtsblick, darüber der Blick zurück, und seitlich rechte und linke Wegesränder.

Kilometer 5:

Kilometer 10:

Kilometer 15:

Kilometer 20:

Kilometer 25:

Kilometer 30:

Kilometer 35:

Kilometer 40:

Kilometer 45:

Kilometer 50:

Danke.

im Januar

Was für ein dichtgedrängter Monat, was für eine kaum wegzuatmende Intensität auf so vielen Ebenen. Wie gut, dass ich in den Jahreswechselferien Stille und Gelassenheit tanke, wie gut, dass der Februar zunächst gelassener beginnt – die schwingendste Schaukel braucht Ruhepole, an denen sie aufgehängt ist. So wie wir in der Silvesternacht am Feuer sitzen und uns inmitten der lärmenden Böllerei an seiner Stille freuen, so gehe ich in diesem Monat durch mein Leben. Es tost, und ich suche mir Ruheinseln, auf die ich meinen Fokus richte. Einige Wochenendtage bleiben wohltuend terminfrei, einmal fahre ich zum Korrigieren in die Stadtbücherei, um meine Rotstifteinsamkeit in deren Atmosphäre zu besänftigen, und wann immer es der Stundenplan erlaubt, gehe ich zu frühen und anderen unkonventionellen Zeiten schlafen, wenn es sich danach anfühlt.
Ein Novum: durch eigens besorgten Gehörschutz kümmere ich mich um meine Ohren, die an der Schnittstelle zwischen äußerer und innerer (Un)Ruhe zunehmend um Hilfe flehen.
*
Wie immer ist der Januar Korrekturmonat. Dieses Jahr aber habe ich es übertrieben, habe den Fehler begangen, sechs Klassenarbeiten in diesen kurzen Monat zu legen. 160 Korrekturen und 160 Zeugnisnoten in einer Dreiwochenfrist ist zu viel (was ich mir für’s nächste Jahr merken sollte, die Verteilung der Arbeiten kann ich ja mitentscheiden). Ich korrigiere und korrigiere also, 23 Tage in Folge.
Dazu ist Konferenzzeit, Sitzungen, Absprachen.
Unsere schwierige Klassensituation spitzt sich durch ungute Kommunikation mit Eltern zu, auch die beste Mitklassenlehrerin der Welt hat schlaflose Nächte, wir richten uns gegenseitig auf, kaufen uns Blumen, brechen aber vor der Schulleitung in Tränen aus. Nun bekommen wir Hilfe, und Rückenstärkung sowieso, aber nun: es ist eine vertrackte, nicht zu lösende Situation.
Die neuen Referendare kommen an die Schule, einer ist „meiner“ und will in die ersten Schritte des Lehrerseins eingeführt werden.
Am anderen Dienstort gebe ich nach der letzten Amtshandlung den Schlüssel ab (und eine zwischenmenschliche Begegnung während dieses Termins zeigt mir ein weiteres Mal, wie richtig es war, dort wegzugehen).
Ach ja, und zwischendurch unterrichte ich noch.
*
Daneben ist der Monat wie immer musikgefüllt, beide Kinder bereiten sich auf „Jugend musiziert“ vor – ja, auch in Mailand gibt es das -, und beide spielen sich in die nächste Runde. Während die Tochter hier im Ländle verreisen wird, darf der Sohn dafür nach Istanbul fliegen, na, schon dafür hat es sich gelohnt.
Was mich aber – bei aller Freude an der Musik, die sie mit ihren jeweiligen Ensemblepartnern gestalten – noch mehr beglückt: Beide sprechen deutlich aus, wie sehr sie sich darauf freuen, nächstes Jahr wieder zusammen zu spielen. Das haben wir so deutlich von ihnen auch noch nicht gehört:)
Ansonsten scheint es dem Sohn an seinem neuen Lebensort blendend zu gehen, er hat in die Sprache hineingefunden und weitet seinen Aktionsradius aus, findet neue Freunde und neue Hobbys, reist im Land umher und bindet sich nur noch mit spärlichen Fäden ans Hiesige.
Unsere Gasttochter führt verglichen damit ein ruhiges, fast schon zurückgezogenes Schul- und sonstiges Leben, ist – bis auf ein Camp der Austauschorganisation – kaum unterwegs, trifft sich nur hin und wieder mit Mitschülerinnen und ist noch auf der Suche nach ihrem inneren Ort während dieses Jahres. Wir tasten weiter, ob wir ihr dabei irgendwie helfen können.
Zwischen den beiden Großen blüht die kleine Schwester auf, wirft Haare und Klamotten immer pubertierender um sich, versinkt im Chaos ihres Zimmers (einmal darf das hier so deutlich gesagt werden;-)) und tanzt dabei auf Lebensfreudewellen durch ihre Tage.
*
Vor allem in den Ferien zu Monatsbeginn haben wir mehr als im Alltag Besuch im Haus, befreundete Familien, die ehemalige Klavierlehrerin der Kinder, Nachbarn und eine italienische Studentin.
Dazu treffen wir die Gastfamilie des Sohnes, welche traditionell in einem der Nachbardörfer ihr Silvester verbringen – eine lange Geschichte voller unglaublicher Zufälle. Den Sohn haben sie für diese Deutschland-Kurzreise nicht mitgebracht, das wollte weder er noch wir. Wir bekommen aber viel über ihn erzählt und spüren, was wir aus der Ferne schon vermuteten: Wie wunderbar er es in dieser Familie getroffen hat.
Und übrigens: Während der Begegnung teste ich erfolgreich, dass ich mich auf Italienisch bereits ein wenig verständigen kann, sogar über den Kaffee-Smalltalk hinaus in wirkliche Themen hinein. Nach einigen Monaten Italienischlernen im Selbststudium ermutigt das ungemein, so dass ich umgehend einen Sprachkurs ab März buche, damit die Kommunikation im Sommer dann noch glatter geht:)
*
Mein Cello begleitet durch all das. Wie konnte ich all die Jahre ohne dieses Instrument leben?
Täglich wird es reicher und beglückender. Der Zauber des Anfangs – welcher jetzt genau ein Jahr zurück liegt – ist mitnichten verflogen, im Gegenteil. In den Unterrichtsstunden fühle ich mich geborgen im gemeinsamen Musikerleben, es ist warm und intensiv, und manchmal gelingt mir dort, unter der Hand der Lehrerin, was ich zu Hause beim Üben noch als große Unzufriedenheit erlebte. Darüber sprechen wir auch: wie gehe ich mit mir um, wie sehe ich mich selbst, wie erlebe ich mich, wie schaffe ich es mich anzunehmen und meine Töne schön zu finden. Am Instrument gehe ich hierbei Schritt um Schritt weiter, und vielleicht lassen sich solche Schritte auch in meine Lebensdinge hinüberbringen?
Zeichen meines Weitergehens ist jedenfalls auch ein neuer Cellobogen. Als ich den Cellobauer wegen des Kratzen und Knarren des alten befrage, vermutet der, ich sei für den einfachen „zu weit“, wie er sagt, worauf ich einen anderen (besseren? teureren? ich frage nicht nach:)) bekomme. Der neue Bogen jedenfalls bringt sanftere, weichere Töne und Übergänge, mit ihm lassen sich plötzlich Phrasen auf eine Weise gestalten, an der ich mich bisher vergebens abmühte. — Das bräuchte man ja manchmal auch für’s Leben, so einen neuen Bogen …
*
Nun, auch wenn ich es in diesem Monat so gut wie nie nach draußen schaffe, keine Rundwege ums Dorf gehe, mich nicht mit meinem Baum treffe … hm … was natürlich auf lange Sicht so nicht sein darf … bleibe ich innerlich bei mir.
Die leise juchzende Lebensfreude, die Stille, das Innehalten des ersten Januarmorgens tragen durch den ganzen Monat, ich staune selbst.

Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten drei Jahren begann ich unter derselben Überschrift um dieselbe Zeit hier mit etwa diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch jung. Seine ersten Tage, ja Wochen gehören dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen und diese dann oft sehr ruhig verläuft, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen und bewusst hinüberzugehen. So kann ich mich an viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken und Empfindungen. Und auch an gute Vorsätze erinnere ich mich, natürlich.
Wie es aber ist und immer war: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch kaum berührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße an und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei. Von nun an laufe ich also richtig …“
Natürlich aber können solche Vorsätze nicht lange verhindern, dass wir weiterhin schlurfen, torkeln, trampeln, irren wie zuvor … und was ist überhaupt falsch, was richtig? — Ich gehe, wie ich eben gehe. Ich bin, wie ich eben bin. — Vielleicht gibt es nur einen einzigen sinnvollen Vorsatz: Ich möchte mir meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein erlauben.
So also stehe ich vor dieser kaum berührten Jahresfläche und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen. Sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los.
Aber ich darf mir etwas wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre – die Texte finden sich hier, hier und hier – ein wenig erfüllt haben? Wenn ich sie rückblickend lese, sehe ich kleine Schritte. Ich sehe aber vor allem, dass sich alles zu wiederholen scheint, möchte ich doch für dieses Jahr ganz Ähnliches formulieren. Der Weg ist eine Spirale und windet sich an immer gleichen Aufgaben hinauf. Die jungen Jahre der steten äußeren Veränderungen sind vorbei, nun ziehen sich innere Entwicklungen über Jahres- und Jahrzehntzeiträume.
So mag es wie Wiederholung klingen, wenn ich diese Jahresfläche mit Wünschen betrete, die denen der Vorjahre ähneln. Bei jedem einzelnen aber spüre ich Entwicklung und Veränderung gegenüber früher, in so vielen Bereichen weiß ich, dass ich vorangegangen bin.

Ich wünsche mir – das kann man nicht oft genug sagen – für mich und meine Lieben, dass wir gesund bleiben dürfen. Dies ist kaum selbstverständlich, ich muss mich nur umschauen.
Innig hoffe ich, dass die Tochter in ihrer oft schwierigen Situation weiterhin mutige Schritte setzt, dass der Sohn im Sommer heil aus der Ferne zurückkehrt, und dass meine Liebsten und Nächsten auf guten Wegen unterwegs sind.

Für mich selbst wünsche ich mir, meine Bedürfnisse immer wieder erspüren und ertasten zu können und sie aus ihren Käfigen und Gerüsten herauszulassen. Dies bleibt wohl mein lebenslanges Übungsfeld: mich zu öffnen, wenn mich etwas bedrängt, mich in einen Dialog zu begeben, wo Klärung heilsam wäre, und das Nein-Sagen zu üben.

Ja, ich wünsche mir Offenheit für ein Aufeinanderzu in jeglichen Begegnungssituationen, selbst in unscheinbarsten Alltags-Smalltalks. Bei diesem Weg fühle ich mich immer wieder sehr am Anfang. Mich im wahrhaftigen Zuhören zu üben – und nicht in lamentierendes Widersprechen und in Bewertungsrituale zu verfallen – wie schwer, wie schwer dies immer wieder ist. Nicht für alle meiner unguten Beziehungsfäden habe ich genug Gelassenheit, Geduld, Nachsicht und Selbstliebe. Die Nähe dennoch zuzulassen – aber auch die Entfernung, wenn diese heilsamer ist – dies würde ich gern etwas besser lernen.

Das wichtigste Aufeinanderzu ist dabei sicherlich dasjenige mit mir selbst: Wie oft fehlt mir die Fähigkeit, mich selbst in den Arm zu nehmen, wie oft fühle ich mich klein – ich wünsche mir Wege in ein heilsameres Zugehen auf mich selbst. Ich würde gern Behutsamkeit in allen Dimensionen und einen sanften Umgang mit meiner Lebensenergie, meinem Körper und seinen Ressourcen finden. Dazu gehören auch Tränenräume, in die ich mich von Zeit zu Zeit zurückziehe.

Für meine Alltags- und Arbeitsberge wünsche ich mir ein stetes Weitergehen auf dem bisherigen Weg, auf dem ich schon viel Bedrängnis von mir geschoben habe, auf dem schon viel Versöhnlichkeit und Gelassenheit eingekehrt ist. Dennoch ist und bleibt es viel, das alles, und wenn ich meine vielen Listenpunkte und meinen Zugang dazu immer wieder schreibend sortiere, so steckt darin unter anderem die Hoffnung auf Klarheit. Ja, ich wünsche mir, immer wieder im Inneren – wie im Äußeren:) – aufräumen zu können, so viel ich es brauche und es vermag.

Inmitten der täglichen To-Do’s bewusst mit meiner Zeit und meinen Kräften umzugehen und in die Gegenwart hineinzufinden, dies möchte ich stündlich und täglich üben. Es braucht Mut zur Langsamkeit und gelegentlich zum Nichts-Tun, damit sich die reiche Fülle meines Lebens wirklich und intensiv entfalten und ich mich dem einzelnen Moment hingeben kann.

Ich wünsche mir und uns Musik, hier im Haus und in der Welt, in und um jede und jeden von uns. Musik als Seelenatmen, so möchte ich es gern immer wieder und immer tiefer erleben, vor allem an meinem geliebten Cello. (Übrigens: Ob es wohl das Jahr wird, in dem ich mein eigenes Cello finden werde?)

Ich wünsche mir und uns Unterwegssein, allein oder gemeinsam, gern wieder auf dem Rad (ein vages Plänchen ist in Sicht:)), in jedem Falle aber als stete Reise zu uns selbst.

Und Frieden wünsche ich mir und uns nicht zuletzt, Hoffnung und Zuversicht für alle Bewegung, die unsere einzelnen und unser gemeinsames Leben erfasst. Nie versiegenden Mut zu träumen, Tanz in jeder Form, Staunen und Stille …

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Ich habe mir Zeit genommen, schreibe sie erst jetzt in der Nacht fertig, wo man in Russland – und wer weiß wo noch – das Staryj novyj god begeht, das Neujahr nach altem Kalender.
Abschließen möchte ich meine Wünsche mit denselben Worten wie die vergangenen Jahrestexte:

Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


Danke an ein reiches Jahr

Meine Ferien gehen ebenso wie die Raunächte dem Ende zu, und damit die stille Zeit, in der ich im gerade noch vergehenden Jahr umherstreife, mich in Gedanken und Bildern zurückversetze, durch Kalender und Tagebücher blättere und das Jahr kaleidoskopartig noch einmal zu mir zurückkehren lasse.
Unglaublich, welch Fülle und Überfülle sich vor mir ausbreitet. Ich staune.

Wie dankbar ich bin, dass ich mein prallvolles Leben – bei aller zeitlichen Enge – als unendlich weit wahrnehme. Danke, dass ich gesund bleiben durfte. Danke für meine Dankbarkeit.

Danke für meine inneren Schritte dieses Jahres, es waren nicht wenige, sie waren nicht klein …
… in mancher Hinsicht ist Gelassenheit und Versonnenheit, eine Sanftheit gar eingezogen …
… zu einigen meiner Bedürfnisse vermochte ich besser hinzuspüren, begann, mich ihrer anzunehmen …
… kleine mutige Schritte ging ich beim Ziehen meiner eigenen Grenzen …
… und der „gute Ort“ in mir, mein innerer Tempel, oder wie auch immer ich dieses Zentrum des ureigenen Friedens benenne, war mir zuweilen gut spürbar und präsent.

Danke für all die Momente, Orte und Dinge, die mir dabei geholfen zu haben, weiter zu mir zu finden …
… die kleine neue Feuerschale im Garten …
… die Wege rund um unser Dorf …
… Stifte und Papier (und Tastatur natürlich:)) …
… Bücher, Kerzen, Kamera, all das …
… zuweilen das Nichts, mit dem es sich wunderbar beieinander sitzen lässt …
… und – natürlich – mein Cello.

Ja, danke in ganz besonders tiefer Weise für mein Cello, welches sich mir in diesem Jahr geschenkt hat …
… für die Musik, die es täglich zu mir bringt und durch die ich mich und das Singen in mir auf intensivste Weise erlebe …
… für die wunderbare Lehrerin, die mich dabei sanft an die Hand nimmt …
… für all die Spiegel, all die Lebenslehren, die ich täglich durch dieses Instrument aufgezeigt bekomme …
… für die Geduld, die gefordert ist, und für die große Chance, meine eigene Musik lieben zu lernen.

Danke für überhaupt jede Musik, die mein Leben bereichert …
… für das Musizieren der Kinder – wie sehr es zu meinem Alltag gehört, spüre ich, seitdem der Sohn nicht mehr vor unseren Ohren, sondern in der Ferne übt – wie still unser Haus geworden ist …
… apropos Ferne: für seine dortige Lehrerin, die zu ihm passt wie der hiesige – was für ein Glück …
… für die Celloschritte der Tochter, die in ihren verschiedenen Ensembles immer schöner und inniger spielt …
… und besonders für die Freundschaften, die beide Kinder durch ihr gemeinsames Musikerleben mit Gleichaltrigen gewinnen.

Danke für mein Leben mit den Kindern, immer und immer wieder …
… für ihr Reifen und Wachsen vor meinen Augen, in diesem Jahr ja besonders sichtbar, als der Sohn zu seinem Italienjahr aufbrach und dort nun seine eigenen Wege sucht, in den Händen und Herzen einer wundervollen Familie gelandet …
… dafür, dass unser Band dennoch hält und trägt, auch ohne tägliche Alltagsnähe …
… für all die Erfahrungen, die auch für mich mit diesem Loslöseprozess, mit unserem Abschied von der Kindheit verbunden sind …
… für alles, was die Kinder in mein Leben hineintragen: ihre Offenheit, ihr unverstelltes Sein, ihre Empathie, ihre Kreativität, ihr Leuchten, und dazu ihre wachsende Selbstständigkeit – das alles ist alltägliches Geschenk …
… für unser Zusammenleben mit der Gasttochter, für all die bereichernden spannenden neuen Aspekte unseres Familienalltags.

Danke für Begegnungen mit Menschen, für meine Familie, für unsere Freundinnen und Freunde …
… für neue Menschen, mit denen ich in diesem Jahr Nähe gefunden habe …
… für lange Tage und Abende voller Nahrung hier an unserem Tisch oder an den Tischen befreundeter Familien …
… für kleine und große funkelnde Alltagskontakte, im Dorf, im Schulumfeld, in den Kreisen der Kinder …
… und für die eine oder andere schwierige Kommunikationssituation auch, in der ich eine Übechance hatte, das, was nicht zu mir gehört, bei der oder dem anderen zu belassen.

Danke für meine Schule, meinen Arbeitsort mit der so offenen Atmosphäre, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann …
… für all die Klassen, die mir immer wieder ans Herz wachsen, und für die täglichen Apfelbäumchen-Situationen, die dieser Beruf schenkt (und dafür, dass ich mir dessen bewusst bin, bei aller Bedrängnis, der man im Schulsystem alltäglich ausgesetzt ist) …
… für meine Schulleitung und mein Kollegium, in dem es warm und geborgen ist (und sich trotzdem nicht nach Kuschelkurs anfühlt), in dem zuweilen Ideen, Visionen und Träume reifen – und konkretisiert werden …
… für meinen Abschied vom zweiten Dienstort, inklusive innerem Frieden mit dieser Entscheidung.

Danke für mein Unterwegssein …
… für unsere große Tochterradreise nach Berlin, für meine Pfingstrunde, für all die kleineren Radwege …
… für eine riesige New-York-Reise und nicht ganz so riesige Italien- und Deutschland-Urlaube …
… für die Wege rund um mein Dorf, zu meinem Baum und um ihn herum und weiter hinauf …
… und für ruhige Ferientage hier im Haus.

Und danke für die Alltagszeiten …
… für die Versöhnlichkeit, die ich gegenüber meinen Alltagsbergen gewonnen habe, für eine sanfte Ruhe und eine Tempoverringerung in allem Viel-bleibt-viel …
… für ein wenig Umlenken des Fokus vom To-do- auf ein Done-Gefühl, welches zuweilen gelingt – und dass ich es so oft thematisiere, auch hier im Blog ja, dies ist vielleicht mein Weg, damit umzugehen, mich damit zu arrangieren, jedes Jahr ein Stückchen mehr?

Danke – nicht zuletzt – für all das, was in diesem Jahr fehlt und fehlte …
… für die Freundin, an deren Grab wir in diesem Frühjahr standen – für die Erinnerung an alles, was wir teilten …
… für Menschen, zu denen mir in diesem Jahr einen Faden zu knüpfen (wieder) nicht gelang – für die Aufgaben, die sich mir damit beim Weitergehen stellen …
… für das, was ich versäumte, was ich bereue, was ich schlicht vergaß zu tun – eine lange Liste bleibt für den weiteren Weg.

Eine Liste, ein Weg voller Aufgaben, die nur zum Teil mein aktives Zutun benötigen. Alles andere fordert zum Bereitsein auf, so wie ich schon die letzten Jahre schrieb:

Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

im Dezember

(Offenbar ist diese Form des Monatsrückblicks nicht mehr ganz meine, wenn ich mehrere Tage lang um sie herumschleiche, letzten Monat ja auch schon, und wenn ich mich regelrecht überwinden muss, den Kalender durchzugehen, um das Geschehene zusammenzutragen. Ich bringe dieses Jahr nun trotzdem auf diese Weise zu Ende, und in einem Monat schaue ich, ob sich diese Form halten wird, sich in eine andere verwandelt oder möglicherweise verschwindet …)

 

Ruhigen Schrittes durch einen Dezember zu kommen ist eine Kunst für sich. Offenbar aber habe ich mich in den letzten Jahren ausreichend darin geübt, denn es gelingt. Jedenfalls gemessen an dem Wirbel, der ringsum tobt, gehen wir gelassen durch unsere Dezemberwochen.
*
Eine unserer langjährigen Traditionen dieses Monats, das Plätzchenbackwochenende mit der Freundin, findet erstmals ohne unsere großen Kinder statt. Dafür bauen wir mit mehreren Tochterfreundinnen zusammen seit langer Zeit wieder einmal Lebkuchenhäuser. Einige dieser Hausbausätze wandern in die Ferne, nach Italien und Slowenien beispielsweise, und kommen in Form von Fotos zu uns zurück, hach.
*
Erstmals ohne den Sohn verbringen wir auch das Weihnachtsfest, was nicht so schwer wie erwartet fällt. Am Heiligabend senden wir ein paar Fotos und Videos hin und her – sie singen dort deutsche Lieder nach Smartphonetexten mit italienischem Akzent:) – und am zweiten Feiertag skypen wir kurz, um zu sehen, dass es allen sehr gut geht und der Sohn lediglich unter den riesigen Essensmengen leidet.
Schwieriger ist es für mich allerdings in den Wochen davor, als alle unsere Pakete partout nicht in Milano ankommen wollen und das Auffinden und Abholen in Depots zur großangelegten deutsch-italienischen Familiensache wird. Hierbei spüre ich mehr als deutlich, dass doch ganz schön viel Mutterherz in den verpackten Dingen steckt, und dass es auch dem Sohn unerwartet wichtig ist, diese Dinge zu bekommen.
*
Natürlich ist es ein Monat mit viel Glühwein auf verschiedenen Weihnachtsmärkten und Freundesabenden, wir dürfen ein paar Mal durch den Schnee stapfen und gelegentlich auch durch Regenmatsch, die Menge der adventlichen Vorspiele und Weihnachtskonzerte ist drastisch reduziert, es sind – bei nur noch einem musizierenden Kind im Haus – nur drei, was ich als sehr erholsam empfinde.
*
Wir feiern staunend und begeistert die Habilitation der Freundin, besuchen mit einer anderen Freundin Frankfurt und dort eine bewegende Ausstellung, zeigen uns mit einer dritten Freundin, dass sich auch in der Vorweihnachtszeit einfach so ein Abend zum Biertrinkengehen finden lässt und verbringen überhaupt viele Abende mit anderen Menschen zusammen, um gemeinsam zu essen, zu trinken, zu reden, zu träumen.
*
Nach langer Zeit habe ich endlich wieder Cellounterricht und eine sehr innige Begegnung mit meiner Lehrerin. Es ist Geschenk, zu diesem Instrument – und zu ihr – gefunden zu haben, mein Leben ist reicher und erfüllter geworden. Auf der Rückfahrt von dieser Cellostunde weine ich im Auto vor Glück.
*
In der Schule durchlaufe ich wie viele Kolleg*innen den monatstypischen Korrekturmarathon, entsprechend schreibt die Tochter eine Klassenarbeit nach der anderen. Das erschöpft alle Seiten, und als am 22. Dezember um 11 Uhr endlich die Schule aus ist, fallen wir alle ausgelaugt in eine Art Winterschlaf, oder jedenfalls in die schönsten Ferien des Jahres, in denen es – wie immer – ein paar Schlafanzugtage zwischen den Jahren gibt (die Gasttochter wird in diese innerfamiliäre Tradition eingeweiht und trägt sie mit Fassung:)).
*
Im Tochterzimmer werden Legoberge verbaut (und zuvor sortiert – über weite Strecken von mir), von meinem Schreibtisch verschwinden für zwei Wochen sämtliche Schuldinge, so dass Platz für ein paar 1000er und 2000er Puzzle ist, die Spazierwege rund ums Dorf begrüßen uns nach teils mehrmonatiger Abwesenheit innig, und die Tage sind erfüllt von Stillephasen jeglicher Form und Farbe. Da sind Bücher und Tagebücher, Schreib- und Malstifte, Musik und Stille, Erinnerungen und Träume … und Wintersonnenwende- sowie Silvesterfeuer voller Hoffnung.
Wie intensiv und nahe bei mir ich in diesen Tagen immer bin. Wie wichtig es mir ist, dass das Jahr auf diese ruhige Weise ausklingen darf. Wie sehr ich wieder Kraft und Lebensfreude in mir finde.

 

staunend

Das Staunen gehört zu den stärksten Kräften, die uns in die Wiege gelegt wurden. Und gleichzeitig ist es eine der schönsten Fähigkeiten, die es gibt.
(Erling Kagge)

Wie ich von strahlender Morgensonne an blauwildem Himmel geweckt werde,

und es auf der Terrasse warm und mild ist, fast wie an einem Frühlingsmorgen,

mit welch innerer Stille mich dieses Jahr an einem ersten Morgen empfängt und sanft in seine Arme nimmt,

wie ich ruhig und vorfreudig Schritt für Schritt durch diesen Tag gehe, obwohl er eine unerwartete und fast fordernde Begegnungsdichte bereithält,

wie mich Tochters Cellospiel – sie hat meine Celloschule stibitzt und spielt Lektion für Lektion durch – in mein Wachsen des vergangenen Jahres rückentführt (nicht nur am Cello ja), und ich tief beglückt zuhöre,

wie sich eine Herzensunruhe der vergangenen Tage allmählich in frohe Gelassenheit verwandelt,

wie wir der Gast(groß)familie des Sohnes begegnen, über alles und ihn sprechen, und es, obwohl wir uns vorher alle nicht kannten, ein rundum vertrauter Nachmittag wird,

wie ich ebendort von Gastmutter und Gasttante einige Dinge erfahre, über die mein Sohn mit mir nie sprach, und wie ich dies ohne eine Winzigkeit von Eifersucht wahrnehme, ja im Gegenteil riesig berührt bin, mit wie viel Vertrauen er diesen neuen Menschen in seinem Leben begegnet,

wie ich einen Nachmittag lang auf Italienisch kommuniziere und – hej – es geht!,

wie ich abends in großer Müdigkeit mehr schlecht als recht auf dem Cello kratze und mich dennoch nicht – wie so oft – darüber gräme,

wie sich die vielen kleinen Freuden des Tages, ja der vergangenen Tage in einem warmen Bauchkribbeln in mir ansammeln.

Wie viel dies ist. Ich staune, wie sehr dieser Tag vom Staunen getragen war, was aus der Stille eines Tages alles zu klingen vermag, .

Und Ihr, worüber habt Ihr heute gestaunt?

Baumwandelweg #11

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Mein letzter Baumweg des Jahres, an seinem fastletzten Tag. Am späteren Nachmittag gehe ich hinauf, schon ist es wieder möglich, nach 16 Uhr genug Licht für ein Bild zu finden, noch keine zehn Tage nach der Sonnenwende.
Wie intensiv mich diese Silhouette in diesem Jahr begleitet hat. Dieser Blick, dieser Baumgefährte, und die Wege, die von dort immer noch weiter hinauf führten …

 

Großer Baum und kleiner Baum vor einem abendlich dunkelblauen Himmel.

 

Dort hinauf, dort hinten, wo sich mir das Hügelland mal behütend, mal fordernd entgegenstreckte. Heute schaue ich ihm nur aus der Ferne beim Sein zu. So wie der Mond. Und: so wie dem Mond.

 

Dunkelblauer Abendhimmel mit einigen hellen Wolken, dem Mond und im Vordergrund eine Baumreihe.

 

Heute wandere ich einen anderen Weg weiter, treffe Baumgeschwister des meinen, verliere mich mit meinem Blick im Geäst. So wie – wiederum – der Mond es tut. Wie er durch den Baum wandert …

 

 

Und falls es jemandem auffällt, dass die Richtung der Mondbewegung nicht die astronomische ist: Es war – in jenen Momenten – auch nicht der Mond, der wanderte, sondern ich. Aber was macht das schon, sind doch Bewegungen eh relativ, gehen ineinander über, verwandeln sich ineinander.

 

Dunkelblauer Abendhimmel mit Baumreihe und Mond.

 

Und dann gehe ich zurück in mein Haus. Wieder vorbei am weiten Horizont, wieder vorbei an meinem Baum.

 

Großer Baum und kleiner Baum vor einem dunklen Abendhimmel.

 

Manchmal möchte ich so sehr danken, dass mir die Worte fehlen.

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Schneegrund

Wie fragil er ist. Sinkt er doch beinahe unter seinem eigenen Gewicht zusammen. Umso mehr unter bleiernen Schritten.
Schritte zerreißen Stille, knirschender Gang in zerbrechlicher Schneeruhe.
Spuren, die nicht verwehen?

 

 

Schneegrund ist leicht wehend fließend, macht sichtbar, was sonst verborgen, zeigt Täler und Anhöhen, gibt dem Weg eine Wellenform.
Und nimmt sie wieder. Weil sich doch alles gleichen wird in dieser weiß-weißen Umhüllung?

 

 

Schneegrund ist behutsam wegweisend, zeigt sanft, wie wichtig der Ort des Schrittes ist, und wer hier ging. Deutet an, wo zu gehen ist, wo gegangen sein wird.

 

 

Schneegrund besteht aus Wolken und Wölkchen. Schaut her, wie sich das Weiß in wagemutigen Ballen auf allerdünnste Zweige niedersetzt, wie es sich hält, ohne zu klammern, wie es der Schwerkraft widerstrebt und friedlich sein eigenes Gesetz lebt, dieses Weiß.

 

 

Das Zerbrechliche des Grundes bekommt mir ein anderes Gesicht. Nicht mehr fragil will ich ihn nennen.
Ich sehe zu, wie er mich trägt. Und dass ich meine Spuren vor mir selbst nicht länger verbergen kann.
Nicht als zerstörende will ich sie lesen, sondern als ein Es-ist-wie-es-ist, und als ein Etwas, welches sich im späteren Tauen in die Aufhebung begeben wird.
Schnee, zeigst du mir das?

 

 

Wohin wirst du führen? Was wird an deiner Schwelle erscheinen, in welches Kleid und Licht wirfst du das alles?
Und wie kann ich deine Stille in mich nehmen, wie kann ich beginnen in ihr zu leben, du sanfter Schneegrund?

 

Wege ohne Farben

Es gibt Wundertage, und es gibt Graubrottage. Genau genommen gibt es wohl mehr von letzteren, wenn man sich die Mühe des Zählens machte, wenn es auf die Zahl denn ankäme.

 

Hügelige Landschaft, braun-grün, unter grauem Himmel.

 

Gestern morgen waren wir draußen, suchten uns eine kleine Wanderung für Füße und Herz. Es war einer der kürzesten, lichtlosesten Tage des Jahres; die Kamera, das Fotoauge lief trotzdem mit. Obwohl da nichts war, was bewahrenswert oder ergreifend schien, oder auch nur mit einem Hauch von farbigem Funkeln versehen. Alles düster, wirr, trüb verwoben … und irgendwie normal, für diese Zeiten. Ich drückte dennoch von Zeit zu Zeit auf den Auslöser – ohne mir Mühe mit der Motivsuche zu machen. Ohnehin wirkte alles gleich in gleich.
Wozu eigentlich, dachte ich, als wir noch unterwegs waren, halte ich dies hier fest. Wozu eigentlich, dachte ich umso mehr, als ich diese farbigen, lichtsprühenden Bilder sah. Ein wahres Wunder: Bilder, die mich staunend und berührt hinterlassen, Bilder, welche den Zauber der Liebe in sich tragen. (Sie sind vermutlich zur gleichen Stunde aufgenommen wie meine.) Meine sind farblos, langweilig und nur zum Löschen gut, war mein erster Impuls.

Nun, und jetzt sind sie hier doch zu sehen, meine Graubrotbilder. Als Kontrapunkt zu den strahlenden eben, als Bilder eines ebenso wahren Wunders, eines noch viel größeren Wunders vielleicht? Weil sie das Eigentliche darstellen, das Alltägliche, welches nicht immer berstende Farben bereithält, und nicht den Pik der Zeiten, in denen das umgebende Strahlen von allein trägt?
Oh nein, ich will nicht vergleichen. Alles hat seine Zeit. Es gibt diese Momente, und es gibt jene. Manchmal fühle ich mich beschenkt, manchmal beraubt. Täler und Berge wechseln einander ab, in einer einzigen Wellenbewegung.
Und doch gibt es Menschen, gibt es Leben, deren Tage vor allem so ausschauen wie meine Bilder: Menschen, welche sich in Zauberhöhen nie emporzubewegen vermögen, warum auch immer. Zuweilen haben auch meine Tage diese jubel- und zauberlose Gestalt, fühlen sich düster und gebeugt an, und verharren lange darin. Schritt-für-Schritt-Zeiten eben, ohne jedes Fliegen.

 

 

Und dann gehe ich los. Und gehe. Suche, dennoch. Oder nein, „suchen“ ist nicht das richtige Wort. Etwas in mir geht weiter, ohne zunächst den Blick auf ein Ziel zu richten.

 

Ein grauer Werg inmitten eines düsteren Waldes. In der Ferne eine Wegverzweigung.

 

Bis das Auge begreift, welche Wege da sind, lichtarm und weit. Es ist immer beides.

 

Ein schlammiger Weg führt in weitem Bogen von einer Anhöhe in ein Tal mit einem Dorf.

 

Bis der Schritt erfasst, wie auch dieser farblos graue Boden trägt und führt.

 

Eine Baumkrone mit feinen Verästelungen ragt in den grauen Himmel.

 

Bis das Herz erahnt, welche feinen Verästelungen, welche Verzweigungen sich ihm bieten können, jenseits des Jubels.

 

Die Silhouetten einer verdorrten Wiese und einer kahlen Baumkrone vor einem sehr düstergrauen Himmel.

 

Und bis über verdorrtem Vergangenen eine kleine Öffnung Lichts mich demütig macht.

 

Silhouettenartig ragen verdorrte Gräser in den Vordergrund. Darüber zeigt ein graumelierter Himmel eine winzige Öffnung, durch die blaues Licht lugt.

 

Denn ja, „Leuchten und Lieben“, das ist es. Gerade und erst recht, wenn dies an grauen Tagen manchmal unmöglich erscheint, wenn es kein lichtschenkendes Geflecht gibt, welches trägt, wenn der Weg ganz allein zu gehen ist.
Es ist viel schwerer. Ich übe.

 

Ein durchgeschnittener Baumstamm, in welchem assymetrische Jahresringe sichtbar werden.

 

„Leuchten und Lieben“ als Aufgabe, aus welcher sich die Ringe eines Lebens gestalten. In guten wie in schlechten Zeiten. Vor allem aber in schlechten.

Farbigkeit ergibt sich auch dann. Von allein.

Danke.

 

Alltagsglück #3

Ein Tisch voller Schüsseln mit bunten Süßigkeiten. Viele kleine und größere Hände bauen mehrere Lebkuchenhäuser zusammen.

 

Still und leise ist es manchmal, das kleine Glück im Alltag. Ganz unspektakulär.

 

Rund un einem Tisch stehen sechs Mädchen und bauen vertieft an mehreren Lebkuchenhäusern.

 

Wie diese sechs Mädchen miteinander am Tisch werkeln, lachen und glucksen, sich gegenseitig wegen der Schiefheit ihrer Rohbauten aufziehen, zwischendurch aus Versehen kurz ein Schulthema anschneiden, es aber keinesfalls zu etwas Bedeutsamem werden lassen, dann wieder konzentriert weiterschöpfen, jede in ihrer eigenen Weise, wie sie sich gegenseitig bewundern, Ideen teilen und vor allem lachen, immer wieder lachen …

 

Ein Lebkuchenhand wird von einer kleinen Hand mit Gummibärchen und Eischnee verziert.

 

Und ich, ich darf aus der Küche lauschen, während ich stundenlang und ganz versonnen Klebemasse einrühre – mein rechter Arm tut noch immer weh:)

 

Ein Lebkuchenhaus mit Schornstein, mit Eischnee und Smarties beklebt.

 

Das kleine Glück steht in unserer Stube und baut Lebkuchenhäuser.

 

Fünf bunte Lebkuchenhäuser unterschiedlichsten Stils stehen auf einem Tisch aufgereiht.

 

 

Und als diese letztlich fertig stehen, da kommt es in anderen Formen, das kleine Glück.
Als gute Nachricht, dass er gesundet. (Und ich bald wieder Cellounterricht haben kann.)
Als Zusammensein mit Freunden, mit denen wir in ruhiger Vertrautheit am Tisch sitzen.
Als Fröhlichkeit der Tochter, weil sie nicht – wie so oft – einen Korb bekommt.
Als Hoffnungsschimmer, dass Sohnes Nikolaus- und Weihnachtspakete nun wohl doch noch bei ihm ankommen.
Als Lachsalve mit der Bonustochter.
Und nicht zuletzt als warme Freude darüber, dass das, was ich immer „Schneeballprinzip des Guten“ nenne, tatsächlich greift. In diesen Tagen bringt mehrmals direkt vor meinen Augen ein winziges Schneeflöckchen eine kleine oder große Lawine ins Rollen.

All dieses.
Ich jubele nicht. Ich freue mich still.

 

im November

Wenn ein Monat so dicht gepackt ist mit äußeren Aufgaben, mit inneren Prozessen, mit Unerwartetem, mit gesuchten und mit unfreiwilligen Begegnungen,
wenn der monatelange Talgang in einen vorläufigen Erschöpfungstiefpunkt mündet, an welchem es nötig – und plötzlich möglich – wird, sich zu wenden,
wenn diese Wendung in zunächst ganz bedächtigen Schritten beginnt und mehr denn je ein Eins-nach-dem-Anderen erforderlich macht,
wenn also dieses

Wenn ich stehe, dann stehe ich.
Wenn ich gehe, dann gehe ich.
Wenn ich sitze, dann sitze ich …

zum tastenden und aufbauenden Lebensprinzip wird, weil alles andere nicht mehr funktioniert,
dann haben die Tage plötzlich zwar wieder Lebbarkeit, aber doch zu wenige Stunden. Nämlich: Wenn alle täglichen Aufgaben in Ruhe getan sind, eines nach dem anderen, einschließlich dem notwendigen Schlaf, dann bleiben plötzlich Dinge liegen. Blogtexte wie zum Beispiel die Selbstverpflichtung, immer zum Monatsende ein berichtartiges Fazit für mich selbst zu ziehen.
Sicherlich aber habe ich diesen Monatstext auch deswegen so lange vor mir hergeschoben, weil ich nach einer Form des Erzählens suchte. Und nun doch spüre: Der Kern des Monatsgeschehens liegt in meinem Innern. Und zwar so tief innen, dass es für hier unerzählbar bleibt.
*
Da ich aber ein Mensch mit Vollständigkeitssyndrom bin (fragt nicht;-)), folgt nun doch noch ein wenig Bericht über die Novembertage, über meinen Fastlieblingsmonat nämlich. Unter anderem deshalb, weil ich ja ein Kind dieses Monats bin.
Dieses Jahr feiern wir in Lüneburg, wo wir noch die letzten Herbstferientage mit den Freunden verbringen. Ich schenke mir selbst Bücher über Bücher, was ja immer Welten über Welten bedeutet. Mal schauen, was mit diesen Welten für mein fünfzigstes Lebensjahr angebahnt ist.
*
Nach Hause zurückgekehrt, erwarten uns frühlingshafte Temperaturen, wir grillen und sitzen draußen – an einem vierten November! -, während bald darauf unsere Weihnachtsbäckerei beginnt. Abrupter Zeitenwechsel.
Es fühlt sich tatsächlich als Frühstart an, weil die Lebkuchenhäuser nicht nur gebacken, geschnitten und verpackt werden müssen, sondern auch noch möglichst pünktlich (u.a.) in Italien und Slowenien ankommen sollen. (Der Plan geht letztlich nicht auf, weil DPD das Advents-Nikolaus-Päckchen vertrödelt, erst auf Nachfrage wiederfindet, es – nach einer kurzen Runde über Mailand – dann aber nicht dort ausliefert, sondern zu uns zurückschickt. Wo es bis heute nicht wieder angekommen ist. Der Sohn hat also keinerlei heimatgegenständlichen Advent, worüber ich vermutlich mehr schluchze als er.)
Wir kneten also und backen, die Gasttochter wird nebenher mit den Höhepunkten deutschen Weihnachtsliedertums – *hierbekanntenOhrwurmdenken* – vertraut gemacht, und ein erster Weihnachtsmarktbesuch steht an.
*
Daneben besteht das Familienleben dieses Monats aus einigem zwischenmenschlichen Wirbeln – wir rütteln uns immer noch zurecht, so ein Zusammenleben wächst nicht in wenigen Wochen -, aus Angestrengtheit, weil wie immer in diesem Monat die Schulpensen groß sind, aus ein wenig Tochtermusik (wobei es ohne Sohn im Haus doch sehr, sehr ruhig in dieser Hinsicht geworden ist) und ein paar Kino-, Museums- und Ausflugsortsbesuchen.
*
Die Schule fordert auch bei mir viel, ich lasse mehrere Berge Klassenarbeiten schreiben und befinde mich folglich tage-, nächte- und wochenendenlang in Symbiose mit meinem Rotstift.
Unsere Klassenleitungsaktivitäten sind in der Intensität, wie wir zu Schuljahresbeginn starteten, nicht aufrecht zu erhalten, stellen die Coklassenlehrerin und ich fest: wir hatten ein Tempo angeschlagen, das wir so nicht durchhalten können. Daher bleiben notwendige Dinge liegen, werden dringliche Situationen zunächst aufgeschoben, weil wir nicht mehr können. Es ist schwer, dies einsehen zu müssen. Im Grunde hätten wir Arbeit für mindestens fünf weitere Kolleg*innen, und wir haben nur vier Hände. Mal wieder möchten wir gern zaubern können.
*
Und um nicht mit dieser entmutigten Passage zu enden, setze ich noch ein wenig Musik hierher. Musik, die trägt, in diesem Monat mehr denn je, fanden sich doch Tage, an denen ich meine eigenen Töne plötzlich als Wohlklang erlebte. Wie durch Umlegen eines Schalters.
Und nun übe ich mich unter anderem an diesem hier …

entlaubt

 

 

Zweige in markanter Kahlheit, entblößt nach dem großen Abschütteln, zeichnen ihre Muster in den Himmel.

 

 

Da ist kein Buntkleid mehr, welches – vermeintlich sanft – sture Kantigkeit länger verbergen könnte. Schon immer ja wirkte diese im Kern. Schnörkellos, bar jeden Schön-Schöns tritt zugige Kälte in den Blick, zerschneiden verirrte Linien den Himmel.

 

 

Ein Puzzle von Zerbrochenem … selbst vor dem inneren Auge schwer wieder zusammensetzbar. Eine Welt voll von entlaubten, kalten Zweigen.
Zwar atmet ahnungsloses Wissen um Lebensadern, welche waren. Und sein werden. Nur …
Fragezeichen.

 

 

Kahle Wahrheit ist zutage getreten. Ehrlich und unverblümt. (Unverlaubt.)

 

 

Und und aber:
Kann ich dies alles auch anders lesen? Als was? Als Befreiung? Von was denn? Als Beginn eines Neuanfangs? Als Raumöffnung für neues Keimen? Als Teil des ewigen Kreislaufes?

 

PS.
Da waren viele Auslöser für diesen Text. Blicke in die Welt, die immer wieder sprachlos machen. Ungut sprachlos. Ich möchte aber (m)eine Stimme finden. Zunächst greife ich hier – etwas hilflos – in die (Wort)Bilderkiste. Immerhin, sage ich mir.
Wortreicher schreibt Irgendlink in einem großartigen Text darüber, „wie die Welt derzeit tickt und wie … die Welt ticken könnte“.

Baumwandelweg #10

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

Ein Weg im Regen, in nieseligem, alles durchdringendem, sich an die Haut klammerndem Regen.

Seit Tagen ist dieses Wetter, lädt es nicht ein zu einem Gang hinaus, verbirgt sich alles hinter novembrigem Himmel. Seit Tagen suche ich das Wolkenloch am Himmel, durch welches Licht dringt.

Seit Wochen war dieses Grau, ließ mich mich im Haus verkriechen, nahm ich die Welt nur durch einen Schleier wahr. Seit Wochen suchte ich die Öffnung, das Fenster, durch welches es wieder hell wird.

 

Herbstkahle Bäume, ein großer, ein kleiner, vor einem Himmel, dessen Farbspektrum vom Düstergrauen zum Lichtvollen reicht.

 

Nun, in den vergangenen Tagen, öffnete sich ein Spalt, zeigte sich mir zaghaft dieses Dahinter, dieses Darunter, dieses Überallem.
Der Himmel antwortet.
Immer.

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Außen und innen

Seit Tagen hüllt ein Grau die neue Jahreszeit ein, ein Grau mit verwehenden Farbtupfen. Der noch gar nicht so ferne Leuchtherbst schimmert in einem jeden am Boden liegenden Blatt, in einem jeden sich kahl schüttelnden Zweiglein. Vergangen ist diese Lebensrunde, vergangen, so ruft das verwehte Grün von überallher. Und lässt gleichzeitig durchscheinen, dass darunter schon der nächste Kreis keimt. Im Vergehen ihres Nährbodens verströmen sich Ahnungen neuen Wachsens. Ich weiß ja, wo es knospen wird. Irgendwann. Bald.

Und plötzlich reißt sie auf, die alles einhüllende Nebeldecke, für einen Moment nur, dem ein kurzes staunendes Aaahhh! entfährt, denn tatsächlich ist da, vergessen schon hinter den grauen Schichten, ein offener Blick ins freudige Blau des schwarzen Universums. Jene leuchtende Farbe, welche der gleichen Quelle entspringt wie jede Wolkendecke, jeder Nebel, jedes Wetter.

Vielleicht ist das alles ja jahreszeitenlos, vielleicht schaffen wir uns diese Konzepte nur für eine innere Ordnung, ohne die wir uns nicht in der Lage sehen, uns durch unser Auf und Ab zu hangeln?

 

Vielleicht ist ein jedes Blau ja von Wolken gesäumt, und ein jedes Lebendige von Erstorbenem?

 

Wie frische Lebensadern Verblühtes durchdringen, und wie sich verdorrende Fasern auf pulsierendes Gewebe stützen, um ein gemeinsames verwobenes Netz zu bilden …

 

… wie sich Gereiftes, Tragendes, Eigentliches hinter schützenden Hüllen verbirgt, welche die Geste des Gebärens doch immer schon bereithalten …

 

… wie die überreifen Früchte immer schon neue Saat in sich tragen, wenn nur ein nährender Lichtstrahl sein Ja dazugibt …

 

… wie, wenn ich mich nur in weit geöffneter Gebärde empfangend bereithalte, einem jeden Verblühen eine neue Lebenswelt entspringt …

 

… wie ich all dies sehe, erkenne, erahne, immer wieder. Weil ein Licht hindurchleuchtet, durch alles.

 

Vielleicht, und hier schließt sich der Kreis, vielleicht sind ja jegliche Wolken wirklich immer von Blau gesäumt, und jegliches Erstorbene von Lebendigem.

 

Ganz ursprünglich, als fast noch Sommer war, da nahm ich diese Bilder auf, inspiriert von Ullis Maisfreuden. Zu ihren Maisschöpfen und -fasern wollte ich Maisgesichter suchen. Doch ich merkte schon am Feldrand, dass ich für Porträtfotos wohl zu ungeduldig bin, dass ich einzelne Gesichter kaum zu erkennen vermag. Stattdessen nahm ich einen Zyklus wahr, zunächst einen Ausschnitt davon, einen Teil des großen All-Kreises, später immer mehr und mehr. Ich sah, wie jeder Teil das Ganze in sich trägt. Und dass es bei all dem immer auch um mein inneres Kreisen geht, mein stetes Gebären, Sein und Ersterben.
Welche Erschütterungen brachten die letzten Wochen mit sich, und welche zögernden Schritte setzten diese in Gang. Nun gehe ich wieder. Und finde – auch mit diesem Text – in einen Frieden hinein, zunächst. Bis zur nächsten Wehe.

 

Cello #4 – Vom Klang

Das habe ich heute gebraucht, genau das.
Und ich werde es weiterhin brauchen, werde es weiterhin suchen. Auch wenn morgen vielleicht alles wieder ganz anders ist, wenn es wieder in weite Ferne gerückt sein sollte.
Heute habe ich es erfahren. Heute, als ich nach Tagen der grauen Traurigkeit und verzagten Mutlosigkeit mich dann doch ans Cello setzte. Nicht vorfreudig, nicht erwartend, mit entwöhnten Fingern, einfach nur zu meiner nach der Reise wieder aufzunehmenden Übezeit.

Ich setze den Bogen an – und plötzlich ist es da. Ein bis in die Brust vibrierender Klang. Laut, aber nicht einfach laut. Ein klares, ungewohntes Tönen leuchtet schon im Stimmton. Dann in der ersten Tonleiter. In der ersten Etüde, im ersten Übungsstück, in allem.
Das sind ganz andere Töne als die, die ich zurückgelassen hatte. Fester zwischen meinen Händen eingespannt, aufgehängt in den rechten, bogenführenden Fingern, vibrierend im linken, greifenden Finger bis hinein in die Hand, ja in den Unterarm. Gestaltet von beiden Händen, und fest mit mir verbunden.
Ein heller Paukenschlag erklingt, von meinen ausgeruhten Händen und Armen ausgehend. Als hätten diese eine Woche lang Anlauf genommen.

Was an Bewegungsabläufen für einen solchen Klang nötig ist, dies bekomme ich nun seit fast einem Jahr Cellounterricht Woche für Woche gesagt und gezeigt, dies ertaste ich seither Tag für Tag.
Der rechte Arm muss sein Gewicht auf dem Bogen ablegen. Ohne jedoch Muskelkraft einzusetzen, die Schwerkraft reicht. Der rechte Zeigefinger muss das Gewicht auf den Bogen übertragen, mal mehr, mal weniger, je nach Lage, Tempo, Dynamik, Rhythmik und Klang. All die rechten Finger müssen in einem steten Balanceakt zwischen Anspannung und Entspannung in einem jeden Moment den Kontakt zur Saite herstellen, auch wenn diese fast einen halben Meter entfernt ist (und deswegen die physikalischen Gesetze der Hebelwirkung im Weg sind). Das rechte Handgelenk  muss wie auch Ellbogen und Schulter locker sein, jedoch ohne die Spannung in den Fingern aus den Augen zu lassen.
Die gesamte linke Hand muss solidarisch zusammenarbeiten, muss all ihr Vermögen zusammennehmen, um auch noch den kleinsten, den schwächsten, den unflinkesten Finger zu stützen, wenn dieser – stellvertretend – die schwere Saite mit festem Druck auf das Griffbrett legt. Der eine Finger muss stets von den Nachbarfingern begleitet werden, welche in einer schier nicht zu vereinbarenden Vorstellung durch ihre Beweglichkeit die Statik des tongreifenden Fingers erst hervorbringen.
Der gesamte linke Arm muss aus der Schulter heraus alles geben, damit ein winziger Finger auf dem Griffbrett einen Ton vorbereitet. Der gesamte rechte Arm muss in all seinen Gelenken – und derer sind viele – zusammenspielen, damit Kraft, Bewegung und Fluss stimmig werden und Klang hervorbringen können. Der gesamte Körper umarmt das Instrument und singt im Ganzen, so dass Arme und Hände ihrem Werk nachkommen können.

Müssen müssen müssen müssen. So viele Müssen’s habe ich im Laufe der Monate erfahren, gezeigt und erklärt bekommen, selbst erfühlt und ertastet. Und nie hatte ich die geringste Vorstellung davon, wie es gelingen kann, dass das alles zusammenspielt.

Und heute war jedes Müssen aufgehoben. Heute war es einfach so da. Für kurz nur, aber es war. Meine Finger und mein Körper fühlen sich noch ganz benommen von dieser Erfahrung.

„Anderthalb Jahre braucht man, bis man auf dem Cello einen Ton hervorbringen kann“, sagte mal jemand, als ich noch nicht im Traum daran dachte, dass ich dieses Instrument eines Tages spielen werde. Damals verstand ich nicht. Heute beginne ich zu erahnen. Ob anderthalb Jahre oder drei, ob ein halbes oder zehn Jahre – es ist ein langer, mühsamer Weg, den eigenen Ton auf diesem Instrument zum Klingen zu bringen.
Bisher vernahm ich oft nur Unsauberkeit, Quietschen, Scheppern, die gesamte Palette des Unschönen. Oder es geschah alles in großer Flachheit, ohne dass irgendeine Schwingung in die Tiefe drang. Oder ich knirschte mit der Unvollkommenheit um die Wette.
Heute nun eine lichte Ahnung.

Und sogleich zog es sich wieder zurück. Denn natürlich wurde der Ton im Laufe der Übezeit wieder flacher, uneigentlicher, unschöner, entfernter, bis er ganz verschwand. Und wie er morgen sein wird, ist ungewiss.
Aber ich habe ihn wahrgenommen. Heute.

(Natürlich lese ich dies alles, wie immer, symbolisch, als eine Lebensmetapher. Es ist nicht nur Musik. Es ist – wie jede Musik – Lebenlernen.)

Die bisherigen Cello-Texte:

#3 – Spiegelbilder

#2 – Lagenwechsel

#1 – Aufeinanderzu

 

Lebensschimmern

Nun … sind diese Bilder schon wieder alt, und doch auch wieder nicht,
ist die Reise eine vergangene, und doch noch nicht ganz,
mischt sich ein fortgesetztes Bunt aus Lebensfroh, Verwurzelung, Gereiftsein und Lichtspiegelungen, während tief unter der Decke neue Keime wachsen, damals, als die Bilder vermeintlich entstanden, und heute. Ja, heute besonders.

schimmern (1)

Der Weg verlief und verläuft ja nicht immer so geradeaus wie hier, blieb und bleibt nicht ohne Hindernisse, wurde und wird nicht auf jedem Meter behütet von schützenden Baumdächern. Und doch setzt sich am Ende, in der Rückschau, die Leichtigkeit. Ja, vor allem diese.

Geborgen und geschützt von einer schwebenden Dachkrone, tief bis zur Erde reichend,
wächst, was zu wachsen sich einst anschickte, der Schwerkraft sich widersetzend.
Und im Farbentanz ist Leben, so viel Leben.

Wohin sich das Rot noch ranken wird? Wohin hinauf? Wohin hinunter? Und welche Rolle spielen schon Richtungen und Orte?

Was im gelbgoldenen Schimmer noch erstrahlen wird? Und was nicht? Wie durchscheinend er sein mag? Und wie verbergend? Und ob er wohl als Lebenshintergrund trägt?

Lang ist es vorbei, dass man mir sagte „Auf die nächsten … Jahre“. Gleichgültig, wie viele es noch sein werden: Wenn nur Raum ist für die Farben des Lebens, für alle Farben.

schimmern (18)

Und wenn sich nur über allem der Himmel nie ganz verdunkelt, dann will ich’s schon zufrieden sein.

schimmern (19)

Danke für alles, was war.
Danke für alles, was ist.
Danke für alles, was wird.

(Diese Bilder – hier lebensreisegelesen – stammen von einer wirklichen, konkreten Reise, einen Monat mag sie her sein. Andere Bilder jener Reise-Tage sind diese und diese.)

 

Stille

Stille ist, wenn etwas sein darf, wie es ist. Wenn es sein eigenes Lied singt, seine eigene Harmonie, seine eigene Klangfarbe. Stille misst sich nicht in Dezibel, nicht in von außen vernehmbaren Tönen, nicht in der Anzahl gesprochener Worte gar. Nein, Stille ist der aus einer Mitte ertönende Frieden, ein innewohnendes Gleichgewicht, eine sich verströmende Ruhe.

Vermutlich kann jemand anderes kaum nachempfinden, ob ich in einer Situation, einem Menschen, einer Begegnung Stille empfinde. Oder ob ich eben Lärm höre.

Lärm ist, wenn der natürliche Gesang der Dinge übertönt wird. Dies kann ganz lautlos geschehen, allein durch Blicke, Kopfschütteln und Gesten. Oder durch beurteilendes, verwerfendes, kleinmachendes Geschrei, welches – möglicherweise – auch wieder nur für meine Ohren laut erscheint. Im Lärm ist Zerbrechen, ist Sich-Verlieren, ist Aus-der-Welt-Fallen.

Und ich selbst?
Ich sehne mich nach Stille. Nach einem Sein, in welchem ich nicht von mir weggezogen werde. In welchem ich die sein darf, die ich bin. In welcher ich nicht verworfen, sondern wahrgenommen werde. Gesprächsvoll kann meine Sehnsuchtsstille sein, oder in Musik gekleidet, ja sie kann sich sogar in einer lauten Fabrikhalle finden. Wenn ich nur mein Ich und ganz in meiner Mitte sein darf.
(Natürlich: Der lauten Fabrikhalle ziehe ich den leisen Radweg vor, der belebten Asphaltpiste den einsamen Waldpfad. Und doch ist das zentrale Moment: Darf ich bei mir bleiben?)

(PS. Mir schwebten diese Gedanken schon lange in den Sinnen herum. Angeregt sie in Worte zu fassen wurde ich durch Kai und seine Lektüre über die Stille. Und durch mein Suchen dieser Tage natürlich.)