übergeflossen

In manchen Tagen ist es zuviel.

Die Schülerin, von der wir nur ahnen, dass es ihr in der Klasse nicht gut geht. Kurz angetippt, fließt aus der Wunde plötzlich viel mehr. Rosenkrieg zu Hause, Streitobjekt sind die Kinder und deren künftiger Lebensort, es geht um das Wegziehen auf einen anderen Kontinent. Das Jugendamt ist schon in der Familie, so genau aber weiß das Mädchen gar nicht, was das für eine Frau ist, die immer zu ihnen nach Hause kommt und von der die Kinder die Telefonnummer haben, für dringende Situationen.
Nur wir als Schule wissen mal wieder gar nichts. Datenschutzbestimmungen, die es uns unmöglich machen, über die Lebensdinge der Kinder informiert zu sein, absurder geht es in diesem Bereich kaum. Aber jetzt bloß keine Kraft ins Aufregen stecken, das Mädchen braucht uns. Mit der Klasse können wir arbeiten, so dass sie dort besser integriert wird. Die Familiensituation können wir ihr nicht abnehmen. Ich werde diese Frau mal anrufen, sie kann immer noch sagen, dass sie nichts sagen darf. Vielleicht aber doch. Und dann hoffen wir auf ein Wunder.
Aber selbst wenn dies beides sich beruhigt haben sollte, irgendwann, steht als nächste Baustelle die hoffnungslose Überforderung des Mädchens auf unserer Schulform an. Soweit können wir uns noch gar nicht kümmern.

*

Im Gespräch mit unserer Klasse. Kollegen haben uns informiert, dass sich die Atmosphäre dramatisch verschlechtert habe. Oder überhaupt noch nie annähernd befriedigend war. Wir Klassenlehrerinnen waren naiv, das müssen wir uns vorwerfen, weil es bei uns beiden gut läuft. Das ist der Bonus, den wir als akzeptierte „Alphatiere“ haben, den Kollegen geht es anders.
Wir wollen das aus dem Munde der Klasse wissen. Je länger wir zuhören, umso mehr kommt ans Tageslicht. Wir ahnten ja nicht. Eine kleine Schülergruppe nur, bei uns lange nicht mehr auffallend, verhält sich offenbar andernorts so, dass die Begriffe Respektlosigkeit und Unter-der-Gürtellinie kaum noch ausreichen. Sie greifen Menschen in ihrer Würde an. Ich möchte hier überhaupt nichts genaueres erzählen, der Kollegin und mir entgleiten im Laufe des Gesprächs immer mehr die Gesichtszüge.
Dringend, alles ist plötzlich dringend. Die Klasse muss geschützt werden, die Kollegen auch. Und wir führten monatelang Gespräche über Gespräche, hatten verharmlosende und die Kinder beschützende Eltern vor uns sitzen, die auf unsere Aufforderung, dem Kind irgendeine Form von psychologischer Unterstützung zukommen zu lassen, mit Angriff oder Gleichgültigkeit reagierten. Wir sprachen mit scheinbar einsichtigen Schüler, immer wieder, immer wieder, hörten wohlformulierte Verhaltensreflexionen, investierten endlos Zeit und Kraft in diese Handvoll Kinder. Mit genau gar keinem Erfolg. Es ist alles beim Alten. Wir sind fassungslos. Und fühlen uns unfähig.
Später im Lehrerzimmer, wir wissen nicht weiter, wollen über’s Wochenende Ideen sammeln, wird uns jedenfalls klar, dass wir alles falsch gemacht haben, dass wir von nun an Fokus und Kräfte primär auf die anderen Kinder richten müssen. Dass wir in erster Linie den riesigen „Rest“ der Klasse schützen und betreuen und umsorgen müssen, weil diese viel zu lange alles ausgehalten haben.
Wie es aber nun mit „jenen“ weitergeht, wir haben keine Ahnung. Natürlich gibt es eine Maßnahmenskala, wir können die starten lassen. Am Ende – wenn sich nichts ändert – wird der Schulausschluss stehen, es wäre nicht das erste Mal. Und dann? An welcher Schule, an welchem Ort werden sie dann sein? Gibt es dort mehr und bessere Lehrer, die diesen Kindern helfen und sie nicht ebenso überfordert weiterschicken werden? Gibt es dort vielleicht Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Familienhelfer? Profis also, und nicht so Laien wie uns, die wir – mangels Ausbildung – küchenpsychologisch herumdoktern? Ja, wo ist das Netz für diese Kinder? Wir haben es mit aller Kraft, guten Willens und mit offenem Herzen versucht. Das reichte nicht.

*

Lehrerzimmer, Mittagszeit. Die junge Kollegin kommt blass hinein und setzt sich einfach nur hin. So ist sie sonst nie. Ob die Klassenarbeit zu schwer sei, fragt sie herum. Quatsch, sagen wir erst noch flapsig, ganz normale Arbeit, eher zu leicht. Und bei Dir, sagen wir ihr, können die Kids doch eh vor Glück im Kreis tanzen, dass sie Dich haben.
Die Klasse habe sie angegriffen, erzählt sie. Nach dem, was sie im Wortlaut wiedergibt, ist das Wort Angriff eher noch untertrieben. Eine Suada an Unflätigkeiten ist ihr an den Kopf geworfen worden. Und das ihr, die besser als jede andere auf jedes Kind, jede Frage, jede Sorge einzugehen weiß, von der mein Sohn einfach nur sagt: „Die Kinder lieben sie.“ Offenbar hat sie das nicht geschützt. Und nun sitzt sie da, selbstzweifelnd, hadernd mit sich, geknickt. Und im nächsten Atemzug überlegend, welche Änderungen in ihrem Unterricht hilfreich wären, was sie für diese Klasse tun könnte.
Immer nur denkt sie im Kreis, was sie selbst tun könne. Nicht dass es an der Klasse wäre, wie wir alle, die wir um sie herumsitzen, befinden. Sich zunächst zu entschuldigen. Und dann, wenn ihnen an einer Problemlösung gelegen ist, gemeinsam nach konstruktiven Zugängen zu suchen. Eine offenere Kollegin als diese werden die Schüler im Leben nicht finden.
Gern würde ich länger mit ihr reden, ihr Trost und Rat geben, nach ein paar Berufsjahren hat man sowas ja schon öfter erlebt, das schult Reaktions- und Handlungsmuster, immerhin. Aber es ist keine Zeit, wir müssen los. Ich umarme sie, mehr geht im Moment nicht.

*

Zur Trauerfeier hoch auf dem Berg, oberhalb der Streuobstwiesen, mit Blick auf Wälder und Felder. So viele sind da. In den Lieblingsfarben der kleinen M., in blau und lila. Ein Regenbogen, bunte Welten aus Blumen gemalt, Fotos eines strahlenden kleinen Mädchens, meditativer Gesang trägt weit über den Berg. Und dann hören wir, welche Lebensweisheit sie ihrer Familie mitgegeben hat – und nun auch uns, die wir hier stehen. Wie sie ihrer Krankheit mit dem Lächeln ihres Herzens und oft auch mit einem laut herausgelachten Glucksen begegnet ist, das vor allem, das berührt und brennt sich ein. Wie könnten ihre aufsteigenden Luftballons anders als geradewegs in die Sonne fliegen, das Hinterherschauen schmerzt ein wenig. Wir singen ganz leise, und irgendwann findet der buntbemalte Sarg seinen Weg in die Erde. Es ist hell, es ist licht, es ist tröstend. Inmitten all der Tränen. Seltsam, diese Attribute hier zu schreiben.
Einige Freundinnen und Freunde der Schwestern sind da, manche mit, manche ohne ihre Eltern. Sie tragen – neben vielem anderen – auch Fragen in den Augen. Natürlich. Es gibt ja kaum Antworten. Ich werde sehen, wie es sich ergibt, vielleicht suchen sie einen Gesprächsraum, dann haben wir den Montagmorgen in der Schule. In Physik – das passt. Licht und Sehen. Das Licht bricht sich in unseren Tränen. Und in der kleinen M. spiegelt sich alles Strahlen des Universums.

*

Zu Hause wartet die Tochter. Sie hatte nicht mitgehen wollen, und jetzt hätte sie doch gewollt. Wir sprechen lange, schauen die Bilder des kleinen Gesichtchens an, reden über die Schwestern und dass diese zwischendurch einen Tag in der Schule waren. Wir reden darüber, dass Trauer nicht unbedingt in schwarz und mit schleichendem Gang gelebt werden will. Wie es sich anfühlen mag, wenn in der Familie plötzlich ein Mensch weniger mit am Tisch sitzt. Wo die kleine M. denn jetzt sei, fragt die Tochter. Ich gebe keine Antwort.
Aber eines, das weiß ich, das sage ich der Tochter ganz fest: Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, dass sie nicht auf Friedhöfe und Beerdigungen passe, wie sie sagt. Warum das denn, frage ich. Weil ich immer gleich wieder hüpfen muss, sagt sie. Ich hüpfe eigentlich immer, und das passt doch dort nicht. Oh doch, sage ich, das passt sehr wohl. Mindestens die kleine M. – und die sei ja wohl die wichtigste – die wird sich sicher sehr freuen, wenn Du zu ihrem Grab gehüpft kommst. Wenn das schon die Großen nicht schaffen …

*

Das Gespräch mit der Tochter versetzt mich am Ende in Tränen. Wie auch anders, nach diesem Tag. Ich schaffe noch, ein paar Zeilen an die junge Kollegin zu schreiben, die ich mittags so ohne wirkliches Gespräch stehenlassen musste. Unterlagen und Überlegungen für unsere Klasse lege ich weg bis Sonntag.
Denn jetzt brauche ich nur noch Tränen und mich. Einen hellen Menschen zum Anlehnen, das wär’s jetzt. Der muss ich mir selbst sein. Ich weine und weine. Und gehe mit meinen Tränen schlafen.

*

Am Morgen ist alles noch da.
Manchmal scheint mir, dass wir all das Schwere, Kranke, Verzweifelte, Ausweglose und Finstere der Gesellschaft bei uns in der Schule austragen. Natürlich lebt auch viel hoffnungsfrohes Lachen, Wachsen und Strahlen in unseren Räumen. Aber je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto mehr wird das Schwierige und Unlösbare zum Mittelpunkt meiner Tätigkeit.
Weil ich mehr sehe? Weil ich mich nicht mehr verschließe? Weil es wirklich zunimmt? Weil die Überforderung der Gesellschaft immer mehr in den Kindern ausgetragen wird?
Mathematik und Physik habe ich studiert, Didaktik erlernt, aber viel mehr auch nicht. Für den „Rest“ bin ich nie ausgebildet worden, wir haben nie professionelle Handlungsmuster für die meisten Situationen erlernt, sind in zentralen Bereichen unserer Tätigkeit Autodidakten. Familienhelferin. Schulpsychologin. Sozialarbeiterin. Trauerbegleiterin. Und vieles mehr.
An Tagen wie gestern fühle ich mich überfordert, schlecht und ungenügend. Die Kinder haben Besseres verdient. In solchen Grenzsituationen, wie sie gestern aufeinanderprallten, sowieso. Daneben aber auch im ganz normalen Schulalltag. In riesigen Klassen mich jedem Kind widmen, selbst wenn dessen Probleme sich allein auf Mathematik- und Physikverständnis beziehen würden – allein die schiere Menge an Anforderungen ist nicht zu bewältigen. Schon früher schrieb ich einmal darüber: Ich bin eine schlechte Lehrerin.
Ja, der Kopf weiß, dass es menschenunmöglich ist, was da eigentlich zu leisten wäre. Und doch flüstert er mir Selbstzweifel ein. Und das Herz blutet. Zaubern müsste man können.

*

Bis Montag werde ich – hoffentlich – wieder genug Licht auf meinen Wegen rund ums Dorf gesammelt, genug Kraft beim Schreiben gewonnen, genug Ermutigung durch Gespräche erfahren und genug Besänftigung in der Musik gefunden haben, um strahlend und offen vor meine Klassen zu treten. Vor all die Schüler – die, von denen ich hier erzählte, und die 150 anderen, die es da noch gibt.

Relativierung

Was für ein Chaos! Schon wieder drei verschimmelte Dosen unter ihrem Bett!

Sie leben und sind gesund.

Wieso neue Schuhe? Wir haben doch gerade erst?!

Sie leben und sind gesund.

Und warum hat er’s nicht besser vorbereitet? Er hätt’s doch wissen können?

Sie leben und sind gesund.

Tausend Mal hab ich ihnen gesagt, dass ich morgens nichts mehr unterschreibe und sie ihre Sachen abends packen sollen.

Sie leben und sind gesund.

Die können das jetzt selbst geradebiegen, wieso muss ich immer an ihre Termine denken?

Sie leben und sind gesund.

Wer hat, verdammt, schon wieder den Hausschlüssel verbummelt?

Sie leben und sind gesund.

Orrr, wie können zwei Kinder sooo viel Haarspraygestank im Haus hinterlassen???

Sie leben und sind gesund.

Die könnten ruhig mal mit anfassen. Bin ja nicht ihr Dienstmädchen.

Sie leben und sind gesund.

Hej, die sollen pubertieren so viel sie wollen. Aber diesen Ton will ich hier nicht!

Sie leben und sind gesund.

An Tagen, an denen man hinter einem Kindersarg her geht, rücken sich die Dinge wieder in die richtige Dimension.

#3wegsam-bilder-9: Begegnungen

Schon viel habe ich gelernt auf diesem Reiseweg. Zum Beispiel, dass ich am gar nicht so frühen Nachmittag weiterfahre, ohne noch zu wissen wohin. Immer weniger brauche ich das feste (Tages)Ziel, kann ich eine gewisse Unbestimmtheit aushalten.
Hier an der Talsperre Spremberg ist schonmal Wasser, solche Plätze sind mir die liebsten. Allerdings ist es zu steril, befinde ich, und zu früh am Tage außerdem.

 

Und während ich so gedankenverloren weitertreidele, bin ich plötzlich in Sachsen.

 

Und noch überraschender: Ich bin in meinem Geburtskreis, und der liegt doch eigentlich an der östlichen Bundeslandgrenze, während ich hier im nördlichen Zipfel bin … naja, Geographie war nicht mein Lieblingsfach, und irgendwie fühlt es sich sehr heimelig an, unerwartet „zu Hause“ zu sein:)

 

Wasser findet sich auch, ein Zeltplatz in untergehender Sonne – am Horizont immer ein Kraftwerk, es ist Braunkohletagebaugegend.

 

 

 

Im morgendlichen Büro entsteht zunächst der tägliche Livebericht …

 

… bevor sich mir der Weg versperrt. Diese Furt nämlich ist im Weg. Nicht wirklich, natürlich. Ein Winzling an Furt. Aber die Schilder auf der anderen Seite weisen kilometerweit das Umkehren an, und entgegenkommende Radler berichten von Nichtpassierbarkeit und fast schon hochwasserartigen Zuständen. Nun ja, zehn Umwegkilometern und der Wahrheitsgehalt von Gerüchten und so …

 

Ein weiterer Tagebausee, Renaturierung nennt sich das Wiederherstellen der Landschaft. Auch wenn wiederum ein Kraftwerk aus der Ferne winkt und es der Landschaft etwas an Naturbelassenheit fehlt: Ich bin beeindruckt. Tatsächlich wächst und gedeiht es hier wieder.

 

Vorbei am Schloss Uhyst, welches wirkt, als ließe sich hier sehr authentisch ein Tbc-Sanatoriumsfilm drehen …

 

… und auf von der Welt verlassenen Sträßlein …

 

… komme ich irgendwann in Bautzen an.
Ein Minitwittertreffen winkt – hier im Bild der Blick von diesem auf Spree und Stadt – und erfreut mich sehr. Danke! Der Abend, die Gespräche und der Wein sind nicht auf Bildern festgehalten.

 

Der nächste Morgen bringt den Abschied vom Spree-Fluss mit sich, und viele viele Dörfer. Überall kontrastieren sich Alt und Neu, ist das Ursprüngliche mit neuer Farbe übertüncht, manchmal stehe ich verständnislosd davor, weiß ja aber, dass ich nicht im mindesten weiß, wie sich das Leben in diesen Dörfern im Wesen anfühlt.

 

Eines der Dörfer – ja, es liegt am Wegesrand, ich bin keinen Umweg gefahren – ist unsere Partnergemeinde. Huch – ich hatte das auf der Karte vorher nicht gesehen – und hach: als ich beim Dorfbäcker erwähne, woher ich komme, ist die Gastfreundschaft in Form geschenkter Kekspakete groß und fast zu voluminös für mein Fahrrad:) Ich freue mich heute noch an dieser Begegnung.

 

Und radele der nächsten entgegen.
Du Liebe, die Du  mir diesen Weg abseite der Haupttrasse empfohlen hast, leider weiß ich den Namen des Schlösschens nicht mehr (und bin jetzt, spät nachts) zu faul, dies zu recherchieren:)

 

Ich begegne einer Artgenossin …

 

… und Hügellandschaft zum Seeletanzenlassen. Was ich tue.

 

In Vorfreude zumal, dass ich gleich in Dresden erwartet werde. Und mir sogar entgegengefahren wird, hach. Ein Treffen mitten auf der Kreuzung, ein Weg durch die Dresdner Heide mit Plätzen, die Lieblingsortpotential haben, sollte ich jemals wieder in diese Stadt ziehen.

 

Für heute aber beziehe ich als Gast ein wärmendes Haus mit Speis und Trank und langen Lagerfeuer-Seelengesprächen.
Danke! Auch wenn es schon so lange her ist: Es wärmt noch immer.

 

Die Live-Berichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

Auszeit

Wenn der Tag plötzlich eine unverhoffte Lücke in seinem pochenden Ablauf aufreißen lässt und die Bücherei am Wegesrand liegt und ohnehin alles – schlagen doch die inneren Wogen gerade hoch – nach einem Rückzug ruft, dann …
… finde ich mich plötzlich in einem dieser so wunderbar nicht zusammenpassenden Sofas sitzend, oben im zweiten Stock, dort in der Ecke, wo einen der Straßenlärm glasfenstergedämmt zwar noch erreicht, aber ebenso abgeschirmt wirkt wie all das andere, was ich in der Tasche unten am Eingang ließ, die Kalender, die Aufgaben, das Handy.
Vor mir weite Regalschwaden, büchergefüllt, Leseimperative wohin man schaut. In meiner Hand liegt mein derzeitiges Buch, das, welches zu mir kam wie gerufen. Unter mir das Sofa, bequemer als es wirkt, zum sich-hinein-winkeln, neben mir all die anderen Auszeitenden. Lesend, träumend, zettelsortierend, schlafend, schnarchend. Die Stille der Sofaecke dimmt das Straßensurren hinunter, bis es sich auflöst. So wie das Schweifen der Gedanken, das ich immer wieder einsammle und ans Buch in meiner Hand führe, bis ich hineinversunken bin.

Es sind die kleinen Dinge. Immer wieder.

 

#3wegsam-Bilder-8: Längs der Spree

Oh, das tat gut gestern, das Blättern in den alten Bildern und Erinnerungen. So lasse ich gleich heute – nachdem der Tag mich erschöpft hat – weitere folgen.

 

Ein ruhiger Streckenabschnitt beginnt. Wieder treffe ich die Spree, sie wird jünger und jünger, bis Bautzen werde ich in ihrer Nähe bleiben. Doch zunächst verzweigt sie sich zum Spreewald, der hier seine ersten Ausläufer tastend vorausschickt …

 

… und dann die Landschaft allmählich zur Ruhe bringt.

 

 

 

 

 

Das Wasser kommt näher …

 

… bis ich das erste „Spreewaldboot“ entdecke, hach.

 

Leider ist der Lübbener Zeltplatz laut, kleiner Planungsfehler, ich hätte ja gleich in die mittige Stille der Wasserarme fahren können. So bleibt mir für morgens noch ein Stück Kanalweg …

 

… ein wenig Unruhebeobachtung  in den Stocherkahnhäfen …

 

 

… und dann bin ich allein.

 

Ich finde den idyllischsten Zeltplatz bisher. Vor lauter Einatmen-Ausatmen und seligem Seufzen vergesse ich zu fotografieren:)
Und dann ist da ein kurzzeitiger Fahrzeugwechsel, ich hatte mich darauf so hingefreut, auch dies wieder eine wärmende Erinnerung. Man treidelt so einsam durch die Wasserkanälchen, außer dem Eintauchen des Paddels (was in der Fachsprache sicher anders heißt:)), den Wasser- und Baumgeräuschen und dem eigenen Atem ist nichts zu vernehmen. Die Schleusen stören nicht durch Motorgeräusche, man bedient sie kurbelnd per Hand. Nur wenn man allein ist, kann man das Boot ja schlecht leer in der Schleusenwanne lassen. Also trägt man es einfach auf dem Landweg um die Schleuse herum. Das geht leichter als es sich anhört. Was danach allerdings weit schwerer als vermutet geht: Das Einsteigen ins Boot – ohne jeden Halt am Ufer. Nuja, ich möchte mein Eiern und Schwanken nicht von außen gesehen haben, aber nass geworden bin ich jedenfalls nicht:)

 

 

Am Morgen hat es geregnet, ich halte den tropfendnassen Zeltplatz doch noch auf einem Bild fest …

 

… und bewege mich weiter Richtung Süden. Die verschiedenen Gestalten des Weges, immer den Fluss an der Seite, Asphalt und Sand wechseln sich ab, es ist wohltuend leer …

 

 

… und ja, er kann auch bürgerlich-brav-parkartig, der Spreeradweg, wie man sieht.

 

 

Und plötzlich, in solchen Momenten merke ich immer, wie sehr ich versunken bin im Grün, steht man an so einer Ecke. Ein Schreck, weil die Welt eben doch keine bukolische ist.

 

Cottbus. (Nach)Mittagspause. Neben meinen Brötchen und Äpfeln ausgebreitet liegt die Karte, und es kreist im Kopf die Überlegung, wo ich wohl heute zelten könnte.

 
Doch davon später …

Die Live-Berichte dieser Reisetage finden sich hier, hier und hier.

#3wegsam-Bilder-7: Erinnerungen rund Berlin

Ob ich die Bilder der letzten noch bis zur nächsten Radreise sortiert haben werde???
Das gegenwärtige Leben ist allzu prall gefüllt, immer wieder lasse ich den nächsten Bilderordner „für morgen“ liegen, wie das so ist.

Nun aber, da hier ringsum soviel Unschreibbares geschieht, wo ich in den Gegenwartsdingen schwer ins Innehalten finde, nehme ich mir für einen Abend das Versenken in vergangene Reisetage als Ruhepol.

Das letzte Mal über diese Reise erzählte ich hier. Dort schrieb ich auch, wie dicht hier die Erinnerungen am Wegrand lagern und wieviel verschlossene Erinnerungskammern sich plötzlich öffnen. Dies ist mit der Stadtgrenze Berlins mitnichten vorbei, im Gegenteil.

Bahnhof Fangschleuse. Der Name lässt Glocken in mir klingen, der Blick auf die Karte verrät, dass ich es richtig erinnere. Mönchwinkel und der Störitzsee, häufiger Kindheitswochenendverbringort …

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… ich muss dorthin, unbedingt. Ein Pfad durch den Wald lässt mich den See finden. Und ja, er ist’s:) Auch wenn ein Jugendcamp das gewohnte Ufer belegt und der Blickwinkel ein anderer ist, ich sitze an genau diesem See …

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… und fahre durch genau diesen Wald wie damals. Nur das Haus, in dem wir immer wohnten, das steht wohl nicht mehr. Keines von denen, die ich sehe, kommt in Frage … ich fahre weiter.

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An Ferienlager-, Klassentreffen- und Tagesausflugsorten vorbei, bis zum Scharmützelsee, dessen spezieller Name mir heute erstmals auffällt. Doch nein, die Recherche bei wikidingens ergibt, dass das Wort überhaupt nicht bedeutet, was es nahelegt. Man kann sich also beruhigt an den Ufern des Sees niederlegen.

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Oder auch sich einen Campingplatz suchen. Auf einem mit Telefon am Eingang, ha. Soweit begeistert mich der Blick in die Vergangenheit.

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Als ich mich am späteren Abend dann allerdings ans Seeufer zur Badestelle aufmache und nur marode Holztritte finde …

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… umgeben von einer in der Vergangenheit schon verrotteten Feriensiedlung …

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… deren einziger Seezugang von Yachtbadenden belegt ist, da ist mir die Romantik des nostalgischen Blicks zusammen mit der Badelust vergangen.

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Ich begnüge mich mit dem Schauen aufs Wasser. Auf’s gegenüberliegende Ufer, auf jenen Hafen, in dem viele Jahre lang „unser“ Boot lag.

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Und in die Abendrotstille …

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Nach einer ersten Nacht im Zelt …

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… führt mein Weg weiter am See entlang, wenn er nicht durch Golfplätze oder Wellness-Ressorts versperrt ist. Oder aber durch neue Ferienanlagen, jetzt wird auch klar, warum alles Alte verrotten muss. Ich irre ein wenig durch diese immer gleichen Häuserzeilen, auch jetzt noch geschüttelt von deren Monotonie und Sterilität, ein Schnell-weg-Bedürfnis macht sich in mir breit.

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Zumal der See vollbebootet und ferienmenschenumlagert ist.

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Es gibt stillere Pfade. Entlang dem Kleinen und dem Großen Glubigsee zum Beispiel. Das klingt schon wieder, als wäre ich hier im Ferienlager gewesen … was ich aber nicht mehr herausfinden kann.

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Ob das hier war?

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Egal. Ich lasse mich auf den Wald ein, es duftet nach Kindheit, nach Heimat, nach Geborgenheit, mehr kann ein Reisetag kaum schenken.

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Und wenn sich dann am Wegesrand noch eine Mittagessensbank findet …

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Die Live-Reiseberichte der damaligen Tage finden sich hier und hier.

Cello #2 – Lagenwechsel

Da ist ein Ton. Ein Ton will gespielt werden
Nehmen wir das D, das gehört zu meinen Lieblingstönen …

Ich kann es zum Beispiel in der Tiefe spielen, auf der untersten C-Saite, der vollen, warmen mit dem sonoren Klang. Hier wird es vom starken ersten Finger gehalten, das ist leicht. Hier ist andererseits Kraft nötig, um die mächtige Saite ins Schwingen zu bringen, das fordert. Ist das schwer oder leicht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls: Der Ton strahlt am Ende Kraft aus.

Eine Oktave höher liegt ein D auf der leeren G-Saite. Es braucht keine linke Hand, das ist noch leichter, aber. Aber? Sauber ist das D, ja. Man kann einfach nicht irren im Griff. Dafür aber ist es nicht formbar. Oder weniger formbar, nur mit der rechten Hand zu gestalten. Das Leichte ist nicht immer das Passende. Und es ist nicht immer, was ich möchte.

Das gleiche D liegt noch einmal auf einer anderen Saite, in der sogenannten vierten Lage, die linke Hand wandert. Der gleiche Ton, und doch nicht gleich. Heller, schmaler im Klang, dafür zielstrebiger, fordernder und fokussierter. Und: ich muss ihn mit der Hand erst suchen, ertasten, erspüren. Dann aber bekomme ich ein Klanggeschenk.

Noch eine Oktave höher, in bequemer erster Lage, greift der schwache kleine Finger ein D. Weil dieser es in der Bewegung am schwersten hat, ist er doch vom Alltag her das Greifen nicht gewohnt, muss er am meisten lernen. Und hat dabei am meisten Verantwortung zu tragen für den Klang, für die sauberen Tonhöhen. Er muss sich immer wieder aufs Neue strecken, es ist zuweilen harte Arbeit für den kleinen Finger. Nun, er schlägt sich wacker, und sein D gehört zu meinen Lieblingstönen und -gefühlen. Hier auf der schmalen hohen A-Saite fühlt der kleine Finger sich wohl. Die Saite und er sind wohl seelenverwandt in ihrer Verletzlichkeit.

Nun, noch eine Oktave höher, dort wo das Cello fast wie eine Geige klingt, vermag ich noch nicht zu spielen. Dort ahne ich wunderbar leichte vom Fliegen beselte D’s. Dort oben am Griffbrett wird sich noch eine ganze Welt von D’s und weiteren Klängen öffnen …

Alle sind sie D’s. Es ist immer nur das gleiche D.
Und doch: Unterschiedlicher könnten die Töne und Klänge nicht sein.

Ob das bei meiner Lebensmusik ebenso ist?
Und bin nicht immer ich es, die spielt?

Zarte Pflanze Hoffnung

 

Sie wächst karg, in sich zurückgezogen.

 

 

Das Grün in sich verborgen, streckt sie ihre Fühler zum Licht …

 

 

… und duckt sich immer wieder in den Schatten.

 

 

Sie beginnt aus dem Nichts zu wachsen …

 

 

… und setzt ihr filigranes Wesen den Stürmen aus.

 

 

Wie ein Wink weist sie in die Weite.

 

 

Für sie.
Und für die kleine M., die ihren Weg auf die andere Seite sucht.
Für ihre Familien.
Und für uns alle.

 

Die Menschen am Fuße der Berge #1

Ob sie schon immer in diesem Ort gelebt hat, weiß ich  nicht. Erzählt hat sie uns aus ihrem Leben nur von jenem Tag an, als ihr Mann verunglückte und sie plötzlich mit drei kleinen Kindern allein dastand. Diese mussten ernährt werden, und so begann sie zu tun, was sie am besten konnte: zu kochen. Zunächst in den Küchen fremder Gasthäuser. Später, als sie ihre Kraft einzuschätzen gelernt hatte, im eigenen Haus. „Da Anita“ stand von da ab über der Tür.

Als wir sie kennenlernten, war das Gasthaus schon gut besucht. Es hatte sich im Laufe der Jahre herumgesprochen, was und wer sich hinter der düsteren Fassade in jener Seitengasse verbirgt. Auf den schlichten Holzbänken war zuweilen kaum ein Platz zu finden; manchmal verließen wir die Stube notgedrungen wieder, um anderswo zu Abend zu essen.

Oft aber saßen wir dort. Und Anita kochte. Sie kochte mit Liebe und mit Schürze. Das Bild, wie sie aus der Küche tritt, immer in ihrer vom Kochen gezeichneten Schürze, an diesem Tisch ein Ciao in die Runde winkt, sich an jenem kurz niedersetzt, zwischendurch, die Arme in die Hüften gestemmt, in der Ecke der Wirtsstube verharrt und beobachtet, was ihre Gäste brauchen. Manchen gibt sie ihr Lächeln, den meisten gleich eine Umarmung mit Küsschen-rechts-Küsschen-links, und wer sie offen anschaut, mit dem beginnt sie ein Gespräch über diese und jene Lebensfrage. Wenn ein Kind seine Eltern nicht in Ruhe essen lässt, nimmt sie es auf den Schoß, spielt, lacht, singt, ruft mit ihm in unsere Richtung „Ciao“, bis wir zu Ende gegessen haben. Ja, wir. Unser Sohn saß oft bei Anita auf dem Schoß. Kein Jahr, dass sie ihn nicht zu Beginn unseres Urlaubs mit fliegender Begrüßung im Kreis gewirbelt und am Ende der Woche mit fester Umarmung für ein weiteres Jahr verabschiedet hätte.
Ihre eigenen Kinder waren damals schon groß und arbeiteten mit.

Zeitsprung. Jahre später.
„Da Anita“ ist aus der engen verwinkelten Gasse in ein weites Haus gezogen. Ein eigens neu gebautes, mit Bergblick, mit mehr Raum, mit einer ganzen Flotte an hellen Tischen, und nunmehr mit Gästezimmern, wenn man die Treppe hinaufgeht.
Die aus alten Holzbalken herausgehobelte Modernität will sich für mich bis heute nicht mit dem vertrauten Namen verbinden. Wie ein schlecht angepasster Anzug, denke ich jedes Mal, umgibt das neue Haus die Seele des Ortes, Anita eben.

Anita. Lange schon steht sie nicht mehr allein in der Küche. Die Tischanzahl lässt auf eine ganze Riege von Köchinnen schließen. Die Drehtür zur Küche kommt kaum zur Ruhe, und um die Tische schwirrt eine Reihe unbekannter Gesichter.
Nie aber dauert es lange, bis uns eines der Anita-Kinder erkennt, umarmt und – wenn wir etwa gerade aus einem kalten Schneesturm hereinflüchten – mit Caffè corretto und Strudel di mele aufs Haus aufwärmen lässt. Und immer kommt Anita aus der Küche uns zu begrüßen.
Es ist ja doch noch derselbe Ort. Dieselbe Herzwärme, mit derselben Schürze bekleidet. Die Jahre scheinen spurlos an den strahlenden Augen und dem flinken Schritt vorbeigegangen zu sein. Küsschen-rechts-Küsschen-links, vor allem für den Sohn, zu dem sie sich längst auf Zehenspitzen recken muss. Manchmal reicht die Zeit, sich kurz niederzusetzen. Sie plaudert mit uns, wir lachen zusammen, sie fragt nach unseren Lebensdingen, manchmal lässt sie sich zu einem Grappa einladen. Auf sich anstoßen zu lassen jedoch, das mag sie nicht.
Irgendwann eilt sie zurück in die Küche. Oder zu anderen Gästen.

Und wir reisen ab, um nächstes Jahr wieder bei ihr einzukehren.

Wie viele Menschen hier im Laufe der Jahrzehnte wohl Wärme und Nahrung gefunden haben. Wie viele sich an ihren Tischen heimisch gefühlt haben und noch fühlen.
Wie viel Liebe ein einzelner Mensch in die Welt hinausschenken kann.

12 von 12 im März

Spät, aber doch: Meine 12-von-12-Bilder vom gestrigen Sonntag. Meine Wortfindungsfähigkeit hat sich zu so vorgerückter Stunde wohl schon schlafengelegt, daher bleiben die Bilder wortarm.

 

Vom Terrassenkaffee, dem allerersten des Jahres ….

 

… mit hindernisverstelltem Blick hinunter ins Dorf (noch: bald wird er hinter den Blättern verschwunden sein) …

 

… zieht die Sonne mich auf einen Spätvormittagsspaziergang …

 

… und mitten hinein in die noch karge …

 

… aber aufknospende Frühlingswelt.

 

Ein Gruß winkt von diesem Bild:))

 

Und zu Hause, als ich wieder angekommen bin, versucht die Tochter in Schwung zu kommen, ohne aus der Hängematte zu fallen.

 

Mittlerweile ist es mittags und die Arbeit ruft laut, zum Warmwerden einen Wettbewerb organisieren …

 

… und dann korrigieren korrigieren korrigieren.

 

Die Tochter ist auch beschäftigt, ein Referat steht an – das Thema ist ja nicht schwer zu erraten.) – und ich helfe, wenn auch nur dadurch, dass ich meine Druckerdienste anbiete.

 

Nebenher läuft ein wenig Haushalt.
(Socken lassen sich einfach nicht apart aufs Bild drapieren,da  kann noch so viel Natur ringsum sein).

 

Nicht viel reizvoller sehen Wäscheberge aus, aber das war nun einmal das letzte Bildmotiv, was mir vor dem Schlafengehen über den Weg lief. Immerhin liegt ein Lieblingsshirt des Sohnes obenauf …

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

 

Zeitgedanken

Für mich sind Uhren Illusionsmaschinen. Man hört sie ticken, man sieht, wie ihre Zeiger sich bewegen, und mehr können sie eigentlich nicht. Mit diesem kleinen Trick aber gaukeln sie uns vor, dass die Zeit, die sie so offensichtlich messen, etwas Regelmäßiges sei, portionierbar wie ein Kilo Rinderhackfleisch. Doch das ist sie nicht. Eine Sekunde ist vielleicht eine Sekunde, vielleicht eine Sekunde – doch eine Sekunde ist deshalb noch lange keine Zeit.
[…]
So geht es mir mit der Zeit. Fast immer ist sie sehr lebendig für mich. Sie schlägt Purzelbäume, überholt sich manchmal selbst. Und dass sie vergeht, merke ich eigentlich nur dann, wenn sie mit der gemessenen Zeit kollidiert. Wenn mich zum Beispiel also irgend so ein dummes Monatsende dazu zwingt, meine Miete zu bezahlen. Oder ein Fahrplan dazu, meinen Flieger zu erwischen. Ansonsten aber ist Zeit für einen Weltumradler wie mich einfach der Fluss der Dinge. Und der fließt manchmal schnell und manchmal langsam.

Mir ist das besonders aufgefallen, als ich mir für dieses Buch mein kunterbuntes Leben noch einmal vor Augen führte. Sofort präsent sind all die wunderbaren Geschichten, die Landschaften, die Begegnungen, meine Empfindungen und all das, was unterwegs geschah. Doch als ich versuchte, das Ganze in ein zeitliches Korsett zu pressen, es mit präzisen Daten und Jahreszahlen zu etikettieren, wie es wahrscheinlich einige Leser erwarten, da merkte ich, wie ich Schwierigkeiten bekam. Rückblickend scheint es mir heute, als wären manche Dinge, die eigentlich kaum etwas miteinander zu tun hatten, in Wirklichkeit parallel zueinander passiert, also gleichzeitig. Andere scheinen sich, gemessen an ihrer Bedeutung, über Jahre zu erstrecken, dauerten vielleicht aber nur wenige Tage oder Wochen.
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Daher stelle ich einmal frech das Folgende in den Raum: Eine Wirklichkeit, in der allein die Kausalität im Takt der funkgesteuerten Weltuhren sämtliche Parameter bestimmt, die hat schon Einstein abgeschafft! Und seitdem die Quanten-Theorie als moderne Grundlage der Wissenschaft gilt, lässt sich das altväterliche Newton’sche Weltbild erst recht nicht mehr aufrechterhalten! Das Dumme ist nur, die Menschen haben aus diesen zutiefst befreienden Erkenntnissen noch keine Konsequenzen für ihr Leben, ihre Wahrnehmung und Weltsicht gezogen – das alles beginnt gerade erst: in diesen Monaten und Jahren, um diesem Satz wenigstens zu seinem Ende noch etwas Greifbares mitzugeben.

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Der größte – wiederum gefühlte – Unterschied zu Asien: Alles ist so grandios abseh- und vorhersehbar! Ein Preis ist hierzulande eben ein Preis, in Asien hingegen wird gefeilscht. Busse und Züge haben feste Abfahrtzeiten, in Asien wartet man, bis sie geruhen, vorbeizukommen. Die politischen Verhältnisse in Europa sind so stabil, dass es fast langweilig wird, und wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, dann muss man sich an Hunderte von Verkehrsregeln halten, wie alle anderen auch.

Ich denke, dass es in großem Maße diese verknöcherte Zeit ist, die den Europäern zum einen so viel Sicherheit vermittelt, sie zugleich aber auch um die meisten der überraschenden, funkelnden Wendungen bringt, die das Leben für uns Menschen eigentlich in petto hat. Man übersieht sie einfach, weil sie nicht in den Plan passen. Sie haben schlicht „keinen Termin“.

(aus Tilmann Waldthaler: Sieh diese Erde leuchten!)

 

Winterwoche

Während sich in den letzten Tagen der Frühling entfaltet hat und heute der erste richtige Garten- und Terrassentag Leib und Seele erwärmt hat, platzen diese Bilder jetzt vielleicht etwas unerwartet ins aufsprießende Grün. Trotzdem. Für mich selbst wenigstens bin ich nochmals zurück in die Ferienwoche gereist und erinnere mich …

 

… an Francescas kleines Hotelchen, das wir nun im zehnten Jahr besuchten (Jubiläum:)) …

 

 

… an den so vertrauten Blick aus unserem Zimmer, jeden Tag sich wandelnd …

 

 

 

 

 

 

 

 

… an Himmel und Weite …

 

 

 

 

 

 

 

 

… an die weißen Weiten …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

… an die eindrückliche Gestalt der Berge …

 

 

 

 

 

 

 

 

… und natürlich an Dolce Vita:)

 

 

 

 

Bis zum nächsten Jahr dann …

 

 

 

Es ist Liebe

Wie sie angesprudelt kommen, die Siebener, noch mit dem halben Mittagessen in der Hand, und mir als erstes erzählen, dass sie nicht in der Mensa waren, sondern … Das sehe ich, sage ich mit einem Seitenblick auf ihr Imbiss-Essen. Sie beginnen die Regeln zu brechen, Aufenthaltsorte in der Mittagspause und so, müssen sich dabei aber stets noch rückversichern, dass dies auch ja wahrgenommen wird, und dass die Beziehung zum Erwachsenen (in dem Falle: zu mir) nicht gestört wird.
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Wie ich ihm hinterherrufe: Danke, dass Du mir die Tür aufgehalten hast, während ich selbige an den Kopf bekomme und mein Heftestapel zu Boden donnert, und er daraufhin stottert, er hätte mich nicht gesehen, und ich grinse, weil der Blickkontakt zuvor, der war intensiv. Das merkt er selbst und schaut hilflos zu Boden. Er braucht dringend die Erlösung in Form einer Einladung, mit mir zusammen die Hefte wieder aufzuheben, dann erst kann er entschuldigend schauen. Und ich grinse ihn an: Alles klar.
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Wie sie das Beste für ihre Klausur herausschlagen wollen, dabei über das Erwartbare hinaus anspruchsvoll werden und in den Ferienmails nicht ganz den Ton treffen. Als wir – alle Kurslehrer gemeinsam – ihnen dies nach den Ferien spiegeln und darlegen, wie wir ihnen im Künftigen Anstöße zum Weiterreifen und zur Verantwortungsübernahme geben werden, da schauen sie plötzlich ganz verstehend. Wissen, was wir meinen. Sehen, dass schon das, was sie bekommen, mehr als das Erwartbare ist, und dass man mit Meckern jedenfalls an dieser Stelle keinen konstruktiven Schritt weiterkommt. Wir reden über all das. Und ich staune: wie sie in den vergangenen Wochen gereift sind.
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Wie die Kleinen versuchen bei uns anzukommen und sich in das Schulgefüge hineinzutasten, dabei unverdrossen ihr kindliches Jungsein weiterleben, ungeachtet dessen, dass sie damit an die Geduldsgrenzen sämtlicher älterer Jahrgänge stoßen. Und wie sie dann, als sie realisieren, dass es wohl zu viel war, die Tafel voll mit Kinderzeichungen gestalten, mich mit großen Augen anschauen und darauf warten, dass ich sage: Es ist alles wieder gut.
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Wie sie unauffällig, aber sowas von unauffällig:) immer wieder an mir vorbeispazieren, während ich hofaufsichtführend umherschlendere. Wie sie dafür sorgen, dass ich alles höre, was sie sich gegenseitig erzählen, und dass ich ihre Spiele sehe, und ihr Wettrennen, und wer da gerade mit wem, das soll ich auch noch wahrnehmen. Und falls ich das alles nicht schnell genug kapiere, geben sie mir in der nächsten Physikstunde Zaunpfahlwinke, was ich noch alles über sie wissen soll. Denn zuschauen sollen wir ihnen natürlich schon, während sie aus ihren Larvenhüllen krabbeln und als Schmetterlinge zu fliegen beginnen. Zuschauen, wenn sie dies einfordern. Und wegschauen, wenn sie dies einfordern. Zuhören, wenn sie so tun, als sollte es niemand hören. Und weghören, wenn sie Dinge sagen, die ich tatsächlich besser nicht hören sollte. Wir regeln das schon, das mit Nähe und Distanz. Sie zeigen ja freimütig, was sie jeweils brauchen.
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Und tausende solche Szenen mehr …

Es ist ja nicht nur ihre Pubertät. Es ist auch unsere Mischrolle, immer zwischen Arzt und Richter, wie man so sagt. Ständiger Blickrichtungswechsel in unseren Beziehungen. Das hält wach und achtsam, das schenkt ein tägliches reiches Miteinander, das beglückt und wärmt und – vor allem – das stimmt hoffnungsfroh.

Ich glaube, ich liebe meinen Beruf. Sehr. Ich liebe es, mit Pubertierenden zusammenzutreffen und zuweilen auch zu -prallen. Ich liebe die bunte Welt all dieser jungen Menschen.
Aber das sagte ich ja bestimmt schonmal.

Abendwegspüren

Es war schon dunkel, als ich eben an meinem Baum vorbeiging. So dunkel, dass ich trotz hellem Mond nur die Farbe Schwarz auf der Kamera mitgebracht habe. Dabei leuchteten helle Wolkentürme zwischen Sternen und silbrige Mondspiegelungen auf dem Weg. Aber so ist das mit dem Dunklen und dem Hellen, es verschiebt und relativiert sich, ist nicht auf einer Skala festzuzurren und hebt sich gegenseitig auf.

Ich könnte nun erzählen von der Unheimlichkeit der Geräusche (und der Lautstärke dessen, was unten aus dem Tal hochdröhnte), von der Rastlosigkeit in meinem Kopf, der in solch intensiven Tagen weit mehr als einen solchen kurzen Weg bräuchte um annähernd in so etwas wie Ruhe zu finden, von meinem Bedürfnis, mich von den Häusern und ihrem abendlichen Leben fernzuhalten, von Wind und Wärme (ja: Wärme!) im Gesicht, von der Geborgenheit, welche die Hügel ausstrahlen, und vom Rhythmus meiner Schritte. Oder auch davon, was mein Atem mir erzählte, von welchen Punkten ich energisch davonschritt, fast schon floh, und was mir die Tränen in die Augen trieb.

Nun bin ich aber müde. Ich zeige deswegen einfach nur noch ein paar Bilder, rundgeblickt von jenem Baumort, als ich am Sonntag dort war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neue Ufer

Das muss jetzt einfach erzählt werden, es rüttelt uns hier ja alle durch und durch: Heute hat der Sohn seine Gastfamilie „bekommen“.

Dass er für ein Schuljahr nach Italien gehen wird, habe ich bestimmt irgendwann erzählt. Dass er das seit Jahren wollte, vielleicht auch. Dass ich bei der Zusage der Organisation – im November war das – zunächst einen Kloß im Hals und ein paar Tränen im Auge hatte, das auch, oder?
Dass er aber insgeheim immer davon ausgegangen war, an seinem italienischen Ort ein Klavier und die Möglichkeit zum Weiterspielen vorzufinden und er es anderenfalls nicht schaffen würde wegzugehen, weil das Klavier eben in den letzten Monaten so immens wichtig für ihn geworden ist, das äußerte er in dieser Klarheit erst vor wenigen Tagen. Ich schluckte kurz, keine Austauschorganisation der Welt kann eine Gastfamilie mit Klavier zusichern. Und so dachte ich, wir werden eben sehen, wie es kommt.

Nun, und heute kam es. Alles. Das perfet match. Soweit man das aus der bunten PDF-Datei, die wir per Mail bekamen, herauslesen kann.
Eine Familie, in der Nähe von Mailand leben sie, mit Sohn und Tochter und unendlich viel warmem, verschmitztem Lachen im Gesicht. Allein von vier Fotos ist mein Herz warmgeworden. Und beruhigt. Wenn es das gibt, dass man aus kurzen Zeilen und wenigen Bildern Vertrauen fassen kann, dann habe ich es heute getan. Zu dieser Frau, zu der der Sohn sicherlich – wie die meisten Austauschschüler – nächstes Jahr Mamma sagen wird, zu dieser Mamma also lasse ich ihn friedlichen und freudigen Herzens ziehen. Der zugehörige Pappa (schreibt man das so? wir müssen jetzt alle ein wenig italienisch lernen) sieht nicht minder sympathisch aus. Und die Kinder erst … die würde ich ja vom Fleck weg hier bei mir aufnehmen. Der Sohn, also: der Gastbruder, scheint ein ähnlicher Typ wie der unsere zu sein:) Dazu gibt es eine kleine Schwester, gleichalt der unsrigen und mit dem Namen von deren bester Freundin:)  (Dass die Eltern so heißen wie ich früher meine Kinder immer nennen wollte – in der italienischen Variante natürlich – und dass der Gastbruder so heißt wie der unsrige Vater, das fällt mir jetzt erst auf, es ist ja wirklich erstaunlich.)

Jedenfalls: der Sohn springt im Dreieck vor Vorfreude. So habe ich ihn selten erlebt. Heute Nachmittag nach dem Durchscrollen der Familienvorstellung und beim Betrachten der Bilder zog ein glückliches Lächeln über sein Gesicht, wie ich es selten bei ihm gesehen habe.

Und: es gibt ein Klavier im Haus, wenn auch – im Moment – nur ein digitales. Es gibt auch sonst Musik. Und Malen. Und Lesen. (Und der Gastbruder spielt ebenfalls nicht Fußball:))
Da scheint Offenheit für alles, was unser Sohn mitbringt. Die Familienvorstellung und die Selbstvorstellung des Sohnes scheinen in manchen Passagen wie voneinander abgeschrieben.
So macht das nämlich die Organisation: Beide Seiten müssen sich ausführlichst schriftlich, mit Fragebögen und mit Fotos vorstellen. (Damit war unser November komplett gefüllt.) Und dann versuchen sie zusammenzufügen, was möglichst gut zueinander passt. Ich weiß ja nicht, wie viele Jugendliche AFS-Italien zu vermitteln hatte, und wie viele Gastfamilienprofile ihnen vorlagen, aber für uns kann ich sagen: Besser hätte es kaum kommen können – von dem, was wir bisher ahnen.

Ein Klavier jedenfalls ist da. Und was der Sohn heute schon ersuchmaschint hat: Eine Musikschule vor Ort, und in Mailand ein Konservatorium. Klavierlehrerprofile stehen im Netz, er kann nur noch nicht genug italienisch, um sie zu lesen. An der Deutschen Schule gibt es über „Jugend musiziert“ Kontaktadressen. Und das alles in S-Bahn-Nähe (was dort sicherlich nicht S-Bahn heißt). Heute also löste sich seine größte Sorge in Luft auf.

Den Rest des Tages surfte er via Guugle-strieht-wjuh an seinem künftigen Haus und Liceo vorbei, zappte durch die Webseiten seines Wohnortes, las die Familienvorstellung und lernte sie anscheinend auswendig, jedenfalls wusste er schon genau, dass montags immer die Großeltern – nonna und nonno – im Haus übernachten und an den restlichen Tagen ein „Kinder“mädchen (Au pair?) aus Moldavien (? – ich hab’s nicht auswendig gelernt:)) Teil der Familie ist. Er guckte sich die Italienkarte an, um herauszufinden, wo Ligurien liegt, denn dort gibt es ein Ferienhaus, in welches die Familie an Wochenenden fährt, womöglich noch am Meer (uiuiui, schwierig, jetzt nicht neidisch zu werden:)) und stellte voller Beruhigung fest, dass er ja nach dem Jahr, wenn er dort richtige Freunde gefunden haben wird, von hier aus in einer Handvoll Stunden immer mal nach Mailand zu Besuch wird fahren können. Dass also dieses bevorstehende Jahr gar kein singulärer Punkt in seinem Leben bleiben muss, sondern später eine Fortsetzung erfahren kann, und zwar einfach und unkompliziert. (Das wäre in Süditalien schon anders, und in Übersee erst …)

Jedenfalls: Mein großes, ach so großes Kind ist glücklich. Er breitet die Flügel aus und macht sich ans Davonfliegen.
Und meine Tränen vom November sind weg, weil es ihm so gut geht. Da werde ich das Loslassen ja wohl hinbekommen …
(Nur am Flughafen Anfang September, da ist es erlaubt zu weinen:))

Baumwandelweg #1

Ich habe mir ein neues Ritual geschaffen: diesen Weg zu gehen. Einmal in der Woche, oder häufiger.

Es war mein Weg in jener Nacht, als ich lief und später schrieb:
Diese besuchte ich, diese ungleichen Freunde – oder sind sie zwei Seiten ein und desselben? Es zog mich zu ihnen, zu ihrem nahen Beieinander von Kargheit und Fülle, von Kraft und Schwäche. Lehnte mich an sie an, an beide, zu lauschen und zu tasten und zu riechen und einzuatmen, was sie mir mit auf den Weg geben können. Ich nahm es mit.

 

 

Das Ritual wird wichtig werden, weil ich noch zu verwandeln habe. Zu verwandeln, was damals nur erst begonnen hat. Vieles bin ich nicht bis zum Ende gegangen. So werde ich diesen Weg immer wieder gehen.
An Tag Eins des (noch erst entstehenden) Rituals formuliere ich es also im Perfekt: „Ich habe geschaffen“. Die Sprache erzählt von der Sicherheit meines Entschlusses.

Auf dem Weg stellen sich mir Aufgaben.
Erstens sind da Dinge, die ich noch nie im Leben gesehen habe. Ich werde hinsehen üben.
Mehr und mehr möchte ich Stücke des Weges mit geschlossenen Augen gehen. Um mehr Dimensionen des Sehens zu erfahren.
Abgesehen davon, dass mir Bewegung überhaupt nötig geworden ist.

Der Auslöser aber ist der Baum. Mein Baum. Mein starker Baum, damals noch neben seinem schwachen, kargen Begleiter, hat diesen inzwischen verloren. Warum und wie, dies habe ich nicht miterlebt.
Etwas spricht zu mir aus diesen beiden, von denen nur noch einer sichtbar ist.

Und wie es sich oft ergibt, treffen zwei Dinge in Passung aufeinander. Vor wenigen Tagen – wir waren auf Bergreise – stieß ich auf Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Über ein Jahr lang soll ein Motiv, seine Veränderungen oder seine Konstanz, mit der Kamera begleitet werden.
Nun, so sei also der Baum mein „Gegenstand“.

 

 

Gestern ging ich, ihn erstmals zu treffen. (Mit ein paar Tagen Verspätung, der Bergreise geschuldet.) Ich probierte Blickrichtungen aus. Aus verschiedenen schrägen Winkeln fotografierte ich, diese kommen mir jedoch künstlich vor. Weil ich da etwa auf einen Hügel klettern muss, ich weiß nicht, ob man dort immer wird hinaufklettern können. Oder weil ich durch andere Bäume hindurch fotografiere, die im Sommer wer weiß wie dicht zugewachsen sein werden. Wann immer ich mich vom Weg wegbewege, stellt sich mir das Bild als unstimmig dar. Also bleibt die Perspektive von genau dem damaligen Weg aus.

Dazu soll ein zweiter Baum mit auf’s Bild. Etwas abseits steht er, gehört schon zur nächsten Baumgruppe. Und doch erinnert er mich an den damaligen schwachen Freund. Und daran, dass der Große nicht allein steht, dass er seine Stärke nicht im Vakuum lebt. Da ist ein Vieles, von dem ein Jedes nur Teil ist.

Und noch etwas: Es ist von Vorteil, dass sich dieser Baum nicht direkt bei mir zu Hause befindet. Ich kenne mich, meine Kontrollwut würde dazu führen, dass – bei einem Fenster- oder Gartenblick etwa – ich ewig ewig ewig durch die Kamera schauen würde, bis das Licht vermeintlich perfekt, ausgewogen, harmonisch ist, bis es die Farbe hat, die ich mir vorstelle. Ich würde am Fenster sitzen und den ganzen Tag auf das richtige Bild lauern.
Durch den kleinen Abstand hoffe ich nun, mein Kontrollierenmüssen etwas zu kontrollieren:) Weil ich mich zu meinem Motiv nämlich auf den Weg machen muss. Bis dorthin ist es nicht sehr weit, aber schon ein paar Meter zu gehen. Von zu Hause aus sehe ich diese Himmelsrichtung, diesen Blick und diese Kuppe nicht. Wenn ich losgehe, weiß ich nicht, was mich dort erwarten wird. Weil ich zumeist nicht den ganzen Tag dort verweilen kann, werde ich vielleicht die eine oder andere Wolke ziehen lassen, aber ich kann nicht die gesamte Bildstimmung beeinflussen.
Das wird dem Bild gut tun.
Einem Bild des Wandels mit einer Prise Absichtslosigkeit.