Pausiertes

Wie ungewohnt das für mich ist: am Abend nicht an den Schreibtisch gehen. Mein Alltagsleben spielt sich seit nunmehr Jahrzehnten permanent rund um dieses hölzerne Rechteck auf vier Beinen ab, es gibt kaum Tage und Tageszeiten – Ferien und Urlaube ausgenommen – in denen ich nicht um diesen Ort kreise, und sei es auch nur in Gedanken mit Ich-müsste-, Ich-könnte- oder Ich-will-Färbung.
Immer mal wieder wurde und wird mir das bewusst, immer häufiger irritiert es mich. Denn selbst neben einem Traumberuf – das ist er zweifellos und bislang fast ohne Einschränkungen – wollen andere Orte gelebt werden, Sehnsuchtsorte zumal, wollen Zeiten mit Anderem gefüllt werden. Oder einfach nur leer bleiben. Und zwar bewusst und gewählt, und nicht aus reiner Eschöpfung. Und so übe ich daran, mir solche Zeiten zu schaffen, genauer zu spüren, wann und wie intensiv ich sie brauche – und möchte – und im Alltag ausgewogener unterwegs zu sein.

Gestern dann, zum Beispiel. Ein ewig langer Schultag, neun Stunden im Schulhaus, sechs bis sieben davon vor der Klasse, ein Elterngespräch, etliche Absprachen, viel Organisatorisches und kaum Mittagspause. Und doch immer noch lange nicht alle Schuljahresstartdinge erledigt.
Ich fahre müde nach Hause, radle an solchen Tagen langsam und tief atmend meine wenigen Kilometer, und wälze im Kopf schon wieder den Abend. Nach dem Essen, wenn die Kinder eh in ihre Zimmer verschwinden, könnte ich die längst fälligen Listen abtippen, die Stoffverteilung anpassen und versenden, der F. wartet ja schon, die Notentabellen auf die neue Skala formatieren, lauter so Sachen, zu denen auch ein müder Kopf noch in der Lage ist. Automatisch springen mir diese Punkte meiner To-do-Liste in den Blick, zumal ich für morgen keinen Unterricht mehr vorzubereiten habe.
Doch dann bin ich zu Hause. Niemand da, alle im Musikunterricht. Eine Kaffeemaschine. Eine Terrasse mit Stuhl und Tisch. Ein milder Himmel. Ein Buch. DAS ist meine Übungschance. Nicht die Tasche ins Arbeitszimmer tragen. Nicht die Unterlagen ausräumen. Nicht bei der Gelegenheit noch eben schnell eine Notiz machen. Nicht die Mailbox abrufen, weil doch sicher … Und: auch nicht die Wäsche im Haus zusammensuchen und in die Maschine stopfen. Nein. NEIN.
Terrasse. Himmel. Kaffee. Buch. Jetzt.

Für gestern und heute habe ich es geschafft. Der Abend war lang, ich las oder las nicht, je nach minütlicher Stimmung. Irgendwann kamen die Kinder, wir aßen in Ruhe, sie erzählten ein paar Dinge aus der Schule, wir kruschtelten in der Küche. Als alle schlafen gegangen waren, stellte ich den Kaffee für morgens auf. Spielte etwas Klavier, seit der Reise tue ich dies wieder. Las weiter. Oder nein, eigentlich kaum, ich saß eigentlich nur da und sann vor mich hin.
Ebenso begann der heutige Tag. Bevor ich die Kinder weckte, setzte ich mich nach draußen, es war kühl und gleichzeitig wärmend, dort draußen im Morgenerwachen. Die Kinder standen nach ein paar Weckanläufen auf, verschwanden alsbald in die Schule. Und ich blieb da. Heute ist Heimarbeitstag, weil mein zweiter Dienstort nach den Ferien noch nicht wieder begonnen hat. Es blieben weitere ruhige Stunden zum Pausieren. Erst wenn ich hier auf „Veröffentlichen“ gedrückt haben werde, wird es an den Schreibtisch gehen.

Warum ich davon schreibe?
Weil es eines meiner Hauptthemen ist: Auf dem schmalen Grat zwischen zuviel und zuwenig Widmung für den Beruf meine eigene Verortung zu finden. Ich drohe ja überwiegend in die erste Richtung abzurutschen. Und zwar nicht nur punktuell, sondern vermutlich auch auf lange Sicht, Selbstschädigung nicht ausgeschlossen. Ich muss mich den Übungen, mit denen ich mich selbst schütze, also intensiver widmen. Je älter, umso mehr. Je mehr andere Sehnsüchte, ebenfalls umso mehr.
Und weil mir – ein Nebeneffekt, ein sehr augenöffnender – ausgerechnet gestern Abend und heute Morgen, während dieser Zeiten des Nichtstuns, einige sehr neue Ideen zufielen.
Etwas Grundsätzliches für meinen Physikunterricht, mit dem ich latent unzufrieden bin. (Und nicht nur ich.) Ein Ansatz für ein neues Ritual, dessen Einführung vielleicht in kleinen Schritten lösen könnte, was mich lange schon beschäftigt. Es wird zu konkretisieren und auszuarbeiten sein, aber es hat Potential, glaube ich.
Etwas sehr Konkretes für meinen morgigen Mathekurs, eine Lösung vielleicht für die Situation, die sich in der Freitagsstunde gravierender als in den Vorjahren gezeigt hat, die mit dem Unterrichtsplan der bisherigen Kurse nicht zu bewältigen sein wird. Also braucht es einen anderen Zugang zum Thema.
Etwas noch Diffuses für unsere 5er-Klassensituation, an der wir seit erst sieben Tagen, aber dafür umso intensiver, arbeiten und wirken.
Lauter so Ansätze. Siehe da, sie kamen mir, ganz unerwartet, während ich in den Himmel und ins Nichts blickte.
Das ist wohl kein Zufall.
Es braucht die leeren Zeiten, um Fülle schöpfen zu können.

 

Wochenbogen

Wie eine Rakete startete die erste Woche – Anlauf genommen, gezündet, beschleunigt, abgehoben, an Fahrt aufgenommen, in die Schuljahresumlaufbahn aufgestiegen – rasant und kaum aushaltbar, wie erste Schulwochen halt immer starten. Völlig unerheblich, ob ich in den letzten Ferientagen schon am Schreibtisch gesessen hatte oder ob ich übergangslos aus dem Feriensein kam, die erste Woche ist eine Rakete.

An ihrem Ende, das Schuljahr hat da oben also zu kreisen begonnen, ist es höchste Zeit für ein erstes Innehalten. Freitagabend, sieben Uhr, ich verlasse die Schule, puh.
Wochenende. Das soll in diesem Jahr heißen: 40 Stunden am Stück ohne Erwerbsarbeit. So mein Vorsatz. Und zwar: Jede Woche. Je.de!
Dazu an den Abenden nicht länger am Schreibtisch als bis zehn. Bis auf den allerersten Abend gelang das schonmal. Ich sollte das dauerhaft schaffen. Weil.
(Über Konsequenz oder Inkonsequenz bei diesen beiden Selbstschutzregeln werde ich berichten. Ich kenne mich ja. Aber. Aber meine nicht mehr ganz jungen Lebensjahre weisen mich an, die Regenerationspausen zu verlängern. Es ist nötig. Es wird mit jedem Jahr nötiger werden. Wenn ich die noch vorgesehenen 20 Jahre durchhalten will.)
Also: Schreibtisch maximal bis zehn Uhr abends. Ein Wochenende von mindestens 40 Stunden. Hiermit laut verkündet. So schaut Ihr ein bisschen mit drauf, gelle …

Samstag also. In den Garten, das erdet. Das bietet Raum für Gedankenkreisen. Denn dass sich der Kopf wie die äußeren Tätigkeiten zum Wochenende von der Schule wegbewegt, diese mentale Fähigkeit fehlt mir (noch). Das Drehen im Kopf wird häufiger in die 40 Wochenendstunden hineinragen, das kann ich im Moment kaum ändern. Zumal wenn der Bogen der Ereignisse so weitgespannt, so emotional aufwühlend war wie in dieser ersten Woche.
Und so stehe ich am Samstag im Grün, wir schneiden und ziehen und mähen und werkeln an unserem sommerwilden Gärtchen soweit herum, dass wir in den kommenden noch warmen Wochen inmitten der zugewucherten Pflanzenwelt ein Plätzchen für uns finden werden. Privilegiert durch wärmeres Klima als an vielen anderen Orten, wird es noch viel Gelegenheit zum Draußensitzen, -spielen, -schlafen geben.
Und während meine Hand das Verdorrte entfernt sowie Bäume und Büsche stutzt, manches schon vor der Zeit, einfach weil die unteren Pflanzen durch das Blätterdach kaum mehr Licht und Wasser bekommen, da dreht sich die vergangene Woche in meinem Kopf.

Das Üppige, was der lange Sommer hat wachsen lassen, das was mich hier erstaunt und erfreut, ist es nicht das, was in meiner neuen kleinen Klasse auch sichtbar wird? Wie unerwartet beides ist, die Füllepracht unseres Gartens, und die Unbändigkeit der 30 kleinen Fünftklässler.
Nur, ich nehme es je anders wahr, werte es unterschiedlich. Das hier im Garten außer Form Geratene beglückt mich, während es mich bei den Schülern irritiert. Bei den 10-15 jedenfalls, die uns mit ihren sehr eigenen, unerwartet heftigen Lebensäußerungen von Stunde Eins an in Atem halten.
Solch eine Klasse hatte ich noch nie, gab es an unserer Schule selten. Wir sind ja bisher eher die Schulart für die „Braven“. Sicherlich werden wir uns auf lange Sicht umgewöhnen müssen, werden es bald verinnerlicht haben, dass auch bei uns die elementarste Regelerziehung – wir tragen Konflkte nicht körperlich aus, wir verhalten uns so, dass niemand gefährdet wird, wir respektieren das Anderssein des Anderen – vor allem Deutsch- und Mathematikunterricht erfolgen muss. Es ist im Moment noch ungewohnt.
Nun, arbeitet es weiter in mir, Ihr seid wild, Ihr Jungs, Eure Gruppe, die sich schon in festgefahrenen Beziehungsmustern zu befinden scheint, die Ihr von allein nicht mehr lösen könnt. Wir werden Euch zunächst eng an die Hand nehmen müssen, damit niemandem von Euch oder von den anderen etwas geschieht. Wir – alle Eure Lehrkräfte und Ihr – werden das gemeinsam hinbekommen, das weiß ich. Und „hinbekommen“ wird nicht heißen, dass wir Euch Euer lebendiges Wesen nehmen wollen. Nur Regelzäune zum Schutz von uns allen, die sind wohl dringend nötig.
Und dann, wenn wir diesen Schritt Null geschafft haben werden, dann fängt die Arbeit ja erst richtig an. Dann wollen wir, dass Ihr eine Klasse werdet. Dass Ihr lernt, Euch als eine Gruppe zu fühlen, die gemeinsam die Zeit in der Schule durchlebt, in der alle wahrgenommen werden, ihren Platz finden, in der jede und jeder mit jeder und jedem zusammenarbeiten kann. Und in der jede und jeder auf seine Weise wachsen und blühen darf.
Hoffentlich für viele Jahre, hämmert es in mir. Denn …

Denn noch etwas kreist in meinen Gedanken, während ich in den Beeten stehe, die abgestorbenen Pflanzen sehe, die ersten Herbstblätter am Boden, mich umschaue in der Symbolik des Lebenskreislaufs.
All das Keimen, das jüngst erst begonnen hat, ist über den Sommer in Wachstum und Blühen übergegangen, manches zeigt sich noch in voller Blüte, vieles aber ist nun zu Herbstbeginn am Zusammenfallen, am Verdorren, am Absterben. So ist die Natur. Manches lebt nur ein Jahr lang, manche Blumen, andere kleine Pflanzen auch. Manches lebt lange, scheinbar ewig. Die Bäume, sie werden und werden nicht älter, haben eine unendlich lange Zeit vor sich. So unterschiedlich.
So ist es auch bei uns Menschen, ich weine im Innern. Manche dürfen hundert Jahre alt werden. Andere sollen nach kürzester Zeit schon wieder gehen. Kleine M., wir haben es gestern erst erfahren, Deine Eltern wollten, dass wir als Schule Bescheid wissen. Am Montag werde ich Deine große Schwester erstmals in einer Physikstunde unterrichten. Vielleicht ist sie auch nicht da, weil sie sich lieber Zeit nimmt für den Abschied von Dir. Das wäre richtiger.
Und nein, es tröstet auch nicht, dass die kurzlebenden Blumen eine viel farbigere Pracht entwickeln als die uralten knorrigen Bäume, das tröstet überhaupt nicht. Bei uns Menschen sollte niemand nach einem so kurzen Blumenleben schon wieder gehen müssen. Und doch, so heißt es, wirst Du es wohl bald tun …
Schreien und weinen möchte man.
Ich wende mich wieder den vertrocknenden Blumen zu. Lausche, was sie zu erzählen haben. Ob nicht doch ein tröstender Klang mitschwingt …

Reiseweise

Nun bin ich zu Hause, in den Alltag hineingestolpert, schneller und heftiger, als es mir am Sonntag vorstellbar war. Während ich morgens im Garten saß, ruhig, schweigend, nichtstuend, nach meiner ersten Freiluftnacht zu Hause, noch bevor die Kinder heimkamen, noch ohne dieses To-do-Korsett im Kopf, innerlich noch ganz reiseruhend, da hatte sich der Alltag, obwohl er unmittelbar vor der Tür stand, in eine unendliche Ferne verschoben. Nicht als Realität, die ja doch in wenigen Stunden beginnen würde, sondern als innerer Zustand.
Alltag ist innerer Zustand. Reisen ist innerer Zustand. Gehetztsein ist innerer Zustand. Ruhe ist innerer Zustand. Eine Polarisierung, die sich in mir selbst bildet, nicht durch das äußere Geschehen. Wie klar mir das war, als ich auf der Sonnenterrasse saß, damals. Damals vor fünf Tagen

Und nun ist es soweit: Es ist Alltag. Im Äußeren, das lässt sich nicht abstreiten. Knall auf Fall ging das. So ist Schuljahresanfang ja immer, und diesmal ist es noch ein wenig heftiger. So dass – unter anderem – vor diesem ruhigen Vormittag jetzt am Donnerstag noch kein einziges Minütchen blieb, um mich zu besinnen, wer und wo und wie ich bin.
Und doch.
Doch, spüre ich, hat mich mein Sonntagmorgengefühl nicht getäuscht. Es ist anders als sonst zu Schuljahresbeginn, es ist anders als vor den Ferien, es ist tatsächlich etwas im Innern verblieben von meinem Unterwegssein. Ich lebe weiter in einer Reiseweise, oder sagt man: auf Reiseweise?
Äußeres Indiz ist für mich ganz klar: ich habe keine Kopfschmerzen. Kopfschmerz ist mein übliches Symptom der ersten Schulwoche. Der Kopfschmerz gehörte dazu wie der neue Stundenplan. Von der ungestümen Beschleunigung, der fordernden Aufgabenvielzahl und -vielfalt, der plötzlichen Begegnungsdichte bekam ich im Laufe der ersten Woche immer immer Kopfweh. Diesmal kommt noch die Hitze dazu, wir werden gut gargekocht hinter unseren Glasfenstern auf der Südseite, diesmal kommt eine schwierige Klassenkonstellation mit unerwarteten Anforderungen hinzu. Und dennoch: mein Kopf fühlt sich ruhig und sanft an.
Und: ich habe keine Herzrasensmomente. Auch dieses geschah mir immer. Wenn die andrängenden Haufen zu dicht wurden, wenn ich meinte, mein Tempo erhöhen und gleichzeitig an allen Fäden knüpfen zu müssen, so dass letztlich keiner mehr in Ruhe verarbeitet wurde, dann immer gab es diese Klopfzeichen aus der Brust. Diesmal nicht. An keinem einzigen Tag, in keiner einzigen Situation.
Selbst in der hochkomplexen Klassensituation, in die wir geworfen wurden, schaffe ich es im Moment noch, den Kopf oben zu behalten, meine Kollegin aufzumuntern, Ideen zu entwickeln, die Dinge mit Zuversicht in die Hand zu nehmen und dabei zu lächeln. Sogar das. Obwohl es eine wirklich herausfordernde, arbeitsintensive und traurigstimmende Konstellation ist.

Warum mag das so sein? Ist eine Reise, wenn sie nur doppelt so lang währt, gleich zehnmal so nachhaltig? Oder sind das die Reiseveränderungen all der Reisen, all der Jahre, die plötzlich gesammelt zum Tragen kommen? Oder wird es nur kurzfristig so sein? (Das hoffe ich natürlich nicht.)
Ich lebe ja schon noch ein wenig reisend. Schlafe seither draußen, nicht im Zelt, sondern unter freiem Himmel. So kann ich nachts weiterhin freie Reiseluft einatmen.
Habe meine Radtaschen noch nicht vollständig ausgepackt, nehme immer wieder ein Päckchen in die Hand, verräume all das Gegenständliche erst Schritt für Schritt.
Auf dem Boden liegen die Radkarten ausgebreitet, ein Netz aus gelben Linien – die abgefahrenen Routen – bildend. Die Kamera liegt auf dem Tisch, die Fotos auf ihrer Speicherkarte bereithaltend, noch gänzlich unbetrachtet. Das Zelt räkelt sich, schon längst trocken, im Garten. Das Rad ist und bleibt ungeputzt, gibt der Schulbluse ein wenig Staub von der Altmühl und der Bürotasche eine Spur Donauschlamm ab, und wenn es heimwärts bergauf leicht knirscht, ist das der märkische Sand im Getriebe. Da ist noch so viel offenes Reiseende.

Bedeutsamer aber ist, dass meine innere Reiseweise bislang nicht versiegt ist.
Die Dinge nach und nach, Tritt für Tritt, wie auf einer Perlenkette aufgefädelt erleben, das zum Beispiel. Ein Teil der Alltagsüberforderung besteht ja gerade in permanenter Gleichzeitigkeit von viel zu Vielem. Während dieser Tage meine Hände bewusster über die Gegenstände streichen, wie als würden sie nach wochenlangen Lenkergriffen das Gegenständliche des restlichen Universums erst wieder ertasten wollen, in bewusster Langsamkeit und mit innehaltenden Pausen versehen, gehe auch ich im Ganzen, mit Kopf und Herz und allem, langsamer, innehaltender und vor allem Schritt für Schritt durch die Dinge. Oft erlebte ich mich anders, oft sprang ich von einem zum anderen, zum einen zurück, zum dritten mal eben auch noch, und dann sowieso, das vierte kann man mit dem Stift schnell bearbeiten, während der Kopf schonmal ins fünfte lugt usw. So bin ich, so war ich oft. Im Moment ist es anders. Das erste darf das erste sein, und das siebzehnte das siebzehnte.
Dazwischen finde ich in Pausen hinein. Gestern im Lehrerzimmer, eine Viertelstunde mein aufgewärmtes Essen am Tisch essen, nicht mit den Kollegen reden, nicht lesen, möglichst wenig grübeln, sondern: essen. Abends, die Arbeitstage sind derzeit elend lang, gegen neun Uhr müde sein, mich mit der Tochter aufs Bett legen, sie in den Schlaf plaudern, und anschließend sofort selbst hinlegen. Wie oft konnte ich mir dies nicht gestatten, im Moment kann ich es. Die Arbeitszeit nach Stunden einteilen, nicht nach Fertigwerden. Also: wenn es zehn Uhr ist, ist Schluss. Und nicht, wenn die Listen fertig sind. Und so weiter und so weiter.
Es sind diese kleinen Momente, die das Ruhebett bilden für den Tagesfluss.

Überhaupt, ich bin bedürfnisspüriger. Eine so eindrückliche Reiselehre war das, wie ich über Wochen intensiv wahrnehmen konnte, wann ich Bewegung wann Ausruhen, wann Essen wann Trinken, wann Lesen wann augenschließendes Träumen, wann ein Gespräch wann Schweigen brauchte.
Ein Teil dieser Spürigkeit ist mir für den Moment geblieben. Sonst würde ich nicht den halben Vormittag schon sitzen und schreiben, einfach weil es mich drängt, sondern würde mich „vernünftig“ meiner Arbeit zuwenden. Sonst würde ich nicht mehr schlafen, mehr trinken, anders essen als sonst. Sonst hätte ich nicht die Klarheit in mir gehabt, die Begegnung abzusagen, die mir sehr am Herzen gelegen hatte und liegt, einfach weil der Raum dieser Woche nicht genügt, um ein Treffen in Ruhe – und nicht übers Knie gebrochen – zu erleben. Sonst würde ich zwischen den vielen Aufgaben dieser Tage nicht immer wieder sitzen, stehen, liegenbleiben, den Blick auf Wolken oder Bäume gerichtet, ohne irgendetwas zu tun.
Kurzum: Sonst wäre ich schon viel weiter in meinem Ankommen im Schuljahr. Inklusive Kopfschmerzen, Herzrasen, erster Ungeduld den Kindern gegenüber und der ach so modernen Floskel „… als hätte ich gar keine Ferien gehabt …“ auf den Lippen.

Vielleicht wird das ja doch noch was mit mir und meiner Reiseweise durchs Leben? Vielleicht werde ich ja doch noch reiseweise?

 

Krautheim – Zuhause (#3wegsam36)

Am Abend und am nächsten Morgen vom gerade noch gewesenen Unterwegssein erzählen, das ist schon Übergangsschreibe, das fühlt sich schon anders an. Statt im Zelt sitze ich beim Tippen auf einem Stuhl, statt der baldigen Weiterfahrt habe ich beim Erinnern den Schulstart vor Augen, statt eines auf Fortsetzung hinzielenden Textendes sollte es nun … ach Quatsch, gar nichts sollte es. Das ist ja mal die erste Reiselehre: Die Solls dieser Welt sollen nicht mehr so viel Macht über mich haben. Hihi, „sollen“, schreibe ich. Besser vielleicht: „sollten“ oder „mögen“. Einer der Wünsche, die ich von der Reise mitbringe. Derlei Dinge gibt es etliche. Doch zunächst erzähle ich den letzten Radtag, den letzten Tag des physischen Unterwegsseins.

Es fühlt sich richtig an, heute anzukommen. Ich bin satt vom Reisen, ohne übersättigt zu sein. Ich bringe genug Dinge mit für ein Jahr. Ich fühle mich rundum ruhig genug, um ab übermorgen wieder Schul- und Workingmum-Alltag zu leben.
Bei aufgehender Sonne sitze ich im Zelt und betrachte liebevoll das bunt durcheinandergewürfelte Chaos der Dinge um mich herum. Dies war nun wochenlang meine Heimat, ich mag diesen Anblick im speziellen Zeltlicht und fotografiere ihn zum Abschied. Beim Packen – schon nicht mehr ganz so geordnet, außer dem Essen muss ich kaum noch etwas finden – habe ich keine Eile, denn ich kann abends getrost in die Dunkelheit hineinfahren, und ich kenne den Weg. Ein letztes Mal das Zelt abbauen. Nein, nicht ganz, am Abend oder in den nächsten Tagen wird es noch im Garten eine Heimstatt finden. Und ich werde noch in ihm schlafen, bevor der Winter kommt …

Los geht es, auf die bekannten Wege. Dass ich doch nicht jede Ecke und jede Kurve wiedererkenne, beruhigt mich selbst ein wenig, es war mir schon unheimlich, wie sich das alles eingebrannt hat. Was mich aber heute ständig überflutet, ist das gute Gefühl vom ersten Tag, wie wir mit dem Sohn so schnell in ein so vertrautes Reise“verhältnis“ kamen, wie beschenkt ich mich von den ersten Stunden an fühlte, dass das – Pubertät hin oder her – so möglich ist.
Am Biergarten des ersten Abends, in Kloster Schöntal, halte ich an, möchte einen Kaffee trinken. Es ist noch vor 11, noch nicht geöffnet, man verkauft mir mürrisch trotzdem einen. Na gut, auch unfreundlicher Kaffee kann schmecken.
Auch einer Eispause in Möckmühl, wie damals rettend bei über 30 Grad, kann ich nicht widerstehen. Erst die Essenspause in Bad Wimpfen lasse ich aus bzw. verlege sie, man muss ja nicht alles wiederholen:)

Vor Bad Wimpfen aber liegen viele Kilometer sommerheißer Fahrt. Unglaublich, dieser September. Von äußeren Dingen der Strecke kann ich nicht viel erzählen, der Tag passiert vorwiegend in meinem Kopf.
Antizipiertes Ankommen. Gedanken über das Mitbringenswerte. Warum mir zum Beispiel die kommende Woche und vor allem der volle Mittwoch in den Sinn schießen, inklusive einem winzigen Vorab-Sorgegefühl, wo ich doch hier auf Reisen niemals – NIE! – mir auch nur den Hauch eines Gedankens gemacht habe, ob und wie und wann ich in vier Tagen einkaufen, essen und schlafen werde.
Die innere Das-kann-man-nicht-vergleichen-Stimme bekommt von mir ein Doch. Ein sehr zuversichtliches Doch. Da geht was, da lässt sich doch mental etwas einrichten. Heute ist noch nicht kommende Woche, heute ist noch nicht der volle Mittwoch, das ist das Wichtigste. Tritt für Tritt für Tritt lautete die Ereigniskette der Reise. Die Dinge des Alltags lassen sich vielleicht auch auf eine Kette fädeln, so dass sie Schritt für Schritt für Schritt geschehen dürfen?
Nächste Übung: Die Schulbrote für Montag fallen mir ein, und in dem Zusammenhang der vermutlich leere Kühlschrank zu Hause. Vor drei Wochen, als hier alle abfuhren, hat ja sicher niemand vorsorgend schon daran gedacht. Die Übung ist leicht, als ich gegen vier Uhr dran denke, weiß ich sofort, dass ich bis sieben Uhr Zeit habe, um unterwegs einzukaufen. Und dass wenn nicht, es auch Sonntagslösungen geben wird.
Gedankensplitter zu Schulfragen. Was da alles in der Mailbox stehen müsste. Mein Bauch weiß sofort, dass ich das jetzt noch nicht möchte, dass ich all das auch nicht mit dem Ankommen vermischen möchte, also überredet er den Kopf, die Schulmailfächer, also den Computer überhaupt, erst am Sonntag Abend zu öffnen. Der Tag davor wird dem Ankommen gewidmet sein. Bloß gut, merke ich da, dass ich doch nicht erst am Sonntag heimkehre. Mir würde dieser sanfte Übergang fehlen.

Am späteren Nachmittag kommt Bad Wimpfen in Sicht, es liegt ja hoch genug, um über Kilometer sichtbar zu sein. Vorher fließt der Neckar, tief unten natürlich. Schiebearbeit von dort hinauf bei immer noch über 30 Grad. Und noch etwas höher, irgendwo hinter Bad Rappenau stehe ich am höchsten Punkt der Tagesstrecke und weiß, dass ich nun nur noch hinabrollen muss. Von ein paar kleineren Anstiegen, die ein Hügelland eben ausmachen, mal abgesehen.
20 oder 30 Kilometer bis nach Hause, ich rolle schnell, kaufe ein, telefoniere, und sehe dann, dass ich tatsächlich in die Dunkelheit hineinfahren werde.
Nicht gerade angenehm, das Dunkel ängstigt mich. Zum Glück kenne ich die Wege von hier aus. Weil die Radwege aber so verwinkelt und noch dunkler sind (und voll kleiner ständig in die Augen fliegender Insekten), weiche ich öfter auf die Straßen aus als ich es im Hellen tun würde. Die dunklen Wege ziehen sich. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das doch so unheimlich wird …

Ganz genau um neun Uhr stehe ich vor dem Haus, sogar den letzten Berg ohne abzusteigen geschafft:)
Das Haus steht noch und empfängt mich diesmal nicht mit Wasserrohrbruch. Die Taschen und ich trennen uns vom Radl, als ich es in die Garage schiebe, streichle ich es liebevoll und bedanke mich. Du warst großartig!
Die Taschen dürfen noch ein wenig bleiben, als Behältnis meine ich. Auspacken ist erst später dran, vielleicht morgen oder übermorgen, Abschied in Häppchen. Doch, nun bin ich traurig. Gut-traurig, mit einem erfüllten Gefühl.
Ich öffne ein paar Rollläden, finde im Kühlschrank Proseco (großartig!), verwerfe den Plan, im Garten zu zelten, zugunsten einer nicht ganz neuen, aber lange nicht erfahrenen Schlafensweise: Unter freiem Himmel. Ich baue mir ein Bett auf der Terrasse, trinke im Abenddunkel meinen Prosecco und lege mich dann unter die Sterne.
Gut.

Ach ja, und die Zahlen habe ich schön:
Genau 6 Wochen und 36 Stunden war ich unterwegs. Darunter waren 36 Radeltage.
Der letzte Fahrtag fügt sich in den Reigen der schönen Zahlen ein: 99,11. Nur die Gesamtzahl, die hat zwar eine 63 = umgedrehte 36 nach dem Komma, aber vorne, die 2510 ist nichtmal durch 6 teilbar. 10 mehr, und es wäre durch 36 teilbar gewesen. Ich hätte nochmal ums Dorf fahren sollen …
(Sorry. Mit Zahlen spiele ich einfach gern.)

Geslau – Krautheim (#3wegsam35)

Was soll ich sagen, mir ist, als ob sich alles am heutigen Tag zu einem fulminanten Finale verabredet hätte …

Ich erwache mit dem Blick in die aufgehende Sonne, durch Schilf hindurch, und werde bald von der Wärme aus dem Zelt getrieben. Und das im September. So manch Juli hatte nicht diese Kraft. Erstmals seit Tagen packe ich ein trockenes Zelt ein, Sonne und Wind vermögen das schon am frühen Morgen.
Kurz vor der Abfahrt spreche ich mit einem Radlerpaar, von Trier sind sie nach Venedig unterwegs, und bekomme Tipps für den Weg nach Rothenburg. Über die stillen Dörfer seien sie gefahren, da sage ich nicht nein.

Dort dann, dort auf der ansteigenden Straße ist es wirklich still, und flimmernd schon fast in der Morgenwärme. Es geht hinauf zur Wasserscheide. Und wieder ist kein Hinweisschild angebracht, ein solches, wie ich es von Autobahnen kenne, das hätte ich gern auch auf Radwegen. Woher soll ich sonst wissen, ob ich schon drüber bin? Woher vor allem aber soll ein heranfliegender Wassertropfen wissen, ob er auf diese oder jene Seite fallen soll, ob er also ins Schwarze Meer oder in die Nordsee wandern wird? Im Ernst: ein winziger, zufälliger Windhauch, und dem Tröpfchen wird plötzlich ein gänzlich anderes Leben zuteil als ohne den Hauch. Ist das in unserem Leben nicht auch zuweilen so?
Auf der Wasserscheide also. Ich schwitze beim Hochfahren. Noch mehr aber schwitzen die, welche von der Rothenburger Seite kommen, von dort ist es tatsächlich ein langer steiler Anstieg. Drei Frauen treffe ich oben schweißgebadet, ich überbringe die frohe Botschaft, dass sie es nun gleich geschafft haben. Außerdem erwähne ich die hinweisschildlose Wasserscheide, und siehe da, sie wissen gar nicht, was das ist, ich erkläre, und sie bedanken sich:)

Hinabsausen nach Rothenburg. Immer noch bin ich in der Gegend der rasenden, heulenden, quietschenden Fahrweise, es nervt, echt. Ich werde ein paarmal heftig geschnitten, und wenn man hinter mir zum Überholen wartet, dann erfolgt dieses schließlich mit aufjaulendem Motor. Warum ist das hier so?
Es mag auch an der Enge der Stadt liegen. Der Verkehrsfluss ist nicht gerade günstig geregelt, da muss man sehen, wo man bleibt, vielleicht deswegen. Ich flüchte in die Fußgängerzone, die ist ebenfalls überlaufen, voll und voller, man spricht japanisch und amerikanisch, man posiert und selfiet, och nee, eine solche Stadt ist nicht zum Verweilen gut. Eine Bäckerei, einen normalen Lebensmittelladen suche ich vergebens, die Übertouristisierung stößt mich ab, ich mag weg. Noch schnell einen Blick in die Kirche mit ihrer Atmosphäre, ihrer Kühle werfen. Davor sitzt eine Mutter mit Sohn und Jakobsmuschel. Sie passen erst auf mein Rad auf, und dann reden wir lange. Es finden sich auch in solchen Orten Juwele …

Hinaus aus Rothenburg, hinab zur Tauber, die ich kaum sehe, deren Tal ich diesmal keinen Meter entlangfahre – obwohl mich kurz Anstrengungsprokrastination verlockt: noch ein paar Kilometer tauberabwärts, und dann erst auf die Anhöhe? – ich steige dann doch gleich auf. Etliche Höhenmeter, ich weiß nicht wie viele. Es ist die Höhe, die wir am zweiten Reisetag überwinden mussten, um von der Jagst zur Tauber zu kommen. Von der anderen Seite her ist es nicht weniger hoch. Und steil. Ich schiebe, ich keuche, es ist heiß. Und doch, ich bin irgendwann oben.
Was für ein Land! Was für eine Entdeckung! Ich wusste das nicht, dieses Hohenloher Hochland (oder wie es „richtig“ heißt), das ist eine Traumlandschaft. Verschlafen und verträumt, sanft wellig, immer die Weite in Sicht, Felder und einzelne Bäume, Baumreihen, es wirkt südlich, einige Dörfer sind eingesprengselt. Und kein Mensch dort oben. Doch, eine Handvoll Radelnde. Aber eben: wenige. Hier verlaufen einige überregionale Wege entlang. Der Paneuropäischer Radweg, der Burgenradweg, ein Hohenloher Radweg. Merken zum später ausgiebig befahren, denke ich so.
Und treibe dahin. Es geht auf und ab, ich komme durch Dörfer, dort würde ich gern länger verweilen. Der Geschichte der geschnitzten Fensterrahmen lauschen, die Historie, das Geschehene aus dem Seienden herauslesen, den Altersspuren der Gemäuer beim Weiteraltern zuschauen. Ich bin fasziniert über diese Landschaftsneuentdeckung. Und gar nicht so weit von mir zuhause. Ich ahnte ja nicht.

Ich verbringe Fahrstunden in wirklicher Begeisterung, könnte ewig hier oben bleiben. Aber die Weiterfahrwelt ist von Flüssen durchfurcht, auf einer Hochebene komme ich nicht heim, also Abfahrt. Um ehrlich zu sein: von der Gegenrichtung her möchte ich diese Steigung nicht bewältigen müssen.
Unten. Die Jagst. Unser Flusstal des ersten Tages. Das ist schon fast wie zu Hause. Ich könnte von hier am Wasser entlang heim kommen. Wobei, dies kann man natürlich immer, sobald man nur an einem fließenden Gewässer wohnt und sich an einem anderen befindet. Notfalls über Gibraltar:) Aber hier könnte ich es tatsächlich, immer an Flüssen entlang. Ich bräuchte nur einen Tag mehr. So aber werde ich morgen wieder abkürzen und über eine Anhöhe fahren.
Im Jagsttal, im Tal des Reisebeginns. Ein paar Kilometer brauche ich noch, dann stehe ich an der Ecke, wo wir vor sechs Wochen – ja, genau, morgen vor sechs! Wochen – abgebogen sind nach Norden, um in Richtung Berlin zu fahren.
Kurz vor fünf schließt sich in Dörzbach der Kreis, ich bin einen vollständigen Ring gefahren und muss nun nur noch die Aufhängung dieses Rings ans Zuhause zurückfahren.
Nun geht das mit den Erinnerungen los. An jeder Ecke: Hier haben wir angehalten. Hier haben wir den Mann gefragt. Hier haben wir fotografiert. Es hat sich alles ins Gedächtnis eingebrannt. (Ob das mit allen Reisetagen so ist?)

Krautheim. Zelten unten am Fluss, oder oben in 80 Höhenmetern auf einem Bauernhof. Klar, was näherliegt. Allein, ich finde den Zeltplatz nicht. Kein Zelt zu sehen, und an der angegebenen Adresse ist Ort, Bushaltestelle, Stall und Häuser. Zurück zur Wiese, dort frage ich einen Liegeradfahrer. Ob er auch den Platz suche. Nein, er sei hier aus der Nähe, wisse aber, dass hier gelegentlich Zelte stünden. Aber wenn das nicht möglich sei, er habe sein Auto in [nichtweitvonhier] stehen und könne mich mitnehmen, irgendwohin bringen. Wie nett, ich bedanke mich, meine aber, dass ich schon noch einen Weg finde. Und tatsächlich. Der Zeltwirt lässt sich im Dorf auftreiben. Alles, alles hier könne ich benutzen. Die gesamte Wiese, unten am Fluss auch, bis dahinten, fast bis zum nächsten Dorf, ich solle mir aussuchen.
Gar nicht so einfach. Ich entscheide letztlich nach dem Ort mit dem lautesten Flussrauschen, mit Wasserzugang. Auch wenn ich es am Abend nicht mehr schaffe zu baden, es wird bald dunkel, ich koche noch gerade bei Tageslicht, bin ich hier wunderbar gelandet. Ganz allein in einer riesigen abendroten, später dunklen Welt.
Ich gebe aber zu, als es dunkler wird, werden mir die Geräusche unheimlich. Ich bin ja wirklich weit weg von allen anderen Menschen, bin ganz allein. Aber. Ein Drangewöhnen wird ja wohl machbar sein. Wenn ich nur auf den Mond schaue, und das tue ich den Abend lang, dann fühle ich mich schon weniger allein und weniger ängstlich. Also.

 

Breitenfurt – Geslau (#3wegsam34)

Wie die einzelnen Tage so unterschiedlich sein können, fällt mir als erstes ein, als ich von diesem erzählen möchte. So anders, so grundverschieden zum vorherigen und zu allen der letzten Woche. Wie im Leben, denke ich gleich dazu, wie sich die einzelnen Tage des Alltags ja auch unterscheiden.
Das so andere, was diesen Tag von allen vorhergehenden unterscheidet, ist ein Gefühl des Befreitseins. Ich weiß zunächst gar nicht so recht wovon, spüre nur vom frühen Morgen an ein inneres Fliegen, das abgeschüttelt hat, was in den letzten Tagen für Bodenhaftung gesorgt hat. Nun, das klingt vielleicht zu gewaltig, gemeint ist Fliegen versus Bodenhaftung nur in einer sehr sanften, fast unmerklichen Form.
Die Gedanken an die bisherigen Abschnitte, an die noch vor mir liegende Strecke sind weg. Auch der leichte Selbstvorwurf, dass ich hier durch dieses Altmühltal rase, fast ohne nach rechts und links zu schauen. Das Planenmüssen oder -wollen, ob ich denn bis Samstag zu Hause sein kann, hat sich aufgelöst. Und der Groll über die entgegenkommenden Radler, ich kann sie heute gut ignorieren. Auch die Ohrwürmer, die sich in mir singen, was ja eigentlich gut ist, die aber mit dem Treten automatisch immer zum Marsch geraten, auch die werden stiller, weniger leierkastenhaft. Ganz schön viel los gewesen in meinem Kopf in den letzten Tagen. Heute nun fahre ich ein wenig, als wenn es ein erster Tourtag einer ersten Radtour meines Lebens wäre, einer ziellosen noch dazu, so vielleicht kann ich es am besten zusammenfassen.

Urlaub hin oder her, ich wache um fünf Uhr auf, wie so oft in den letzten Tagen, ich bin rundum ausgeschlafen. So soll es zu Ferienende sein. Ich wache also früh auf, lese und schreibe eine Stunde vor mich hin, fühle mich dann aber aufstehenwollend. Der Zeltplatz ist so leise, dass ich mich mit dem Packen und Anziehen fast als Lärmstifterin fühle. Mir fällt in dieser absoluten Stille auf, wieviel von meinem Zeugs ich in knisternden Plastiktüten verpackt habe. Interessant. Ich gebe mir beste Mühe, trotzdem geräuscharm zu bleiben. Und mache mich für meine Verhältnisse außerordentlich früh auf den Weg, es ist kaum acht.

Hach, wie wundervoll, an diesem nebligen Morgen so früh auf dem Weg zu sein. Er ist morgendunstverhangen, still, leer, ich bin allein, die felsige Talwelt bettet mich in ihren Zauber. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dies eine meiner eindrücklichsten Reisestunden war. Vielleicht schafft diese auch die Ruhe in meinem Kopf. Und vielleicht sollte ich öfter so früh aufbrechen.

Pappenheim, die Stadt zur Redewendung, ich hatte ja keine Ahnung, dass es diese gibt und was es damit auf sich hat. Nun weiß ich ein wenig mehr. Es gelingt mir allerdings nicht, mich auf den Markt zu setzen und meine Pappenheimer zu beobachten, es sind einfach noch keine Leute auf der Straße:)
Kurz danach hört das starke Mäandern des Wegs, bei dem ich nie wusste, ob ich nicht aus Versehen die Richtung umgekehrt habe, auf. Das schmale Tal ist zu Ende, die Altmühl fließt nun unscheinbar in einer weiten Ebene. Welch plötzlicher Wechsel des Bildes um mich.
Mich erfreut der, ich mag Ebenen und ihre Weite. Es sieht zwar nicht aus wie rund um Berlin, aber es ist eine verwandte Landschaftsform, deswegen vielleicht. Es fliegt sich so dahin. Von hier ab, übrigens, scheint der Radweg weniger frequentiert. Vielleicht weil er nicht mehr so spektakulär ist, nicht mehr so einzigartig? Dabei finde ich es großartig, mich auf kleinen Sträßlein durch die Dörfer treiben zu lassen.

Kurz vor dem Altmühlsee kaufe ich ein und setze mich zum Mittagspicknick an den See. Es ist heiß, unglaublich, dieser September. Der See ist trotzdem nicht überfüllt, jedenfalls nicht in meiner Pausenbucht. Mag sein, ich habe inzwischen ein gutes Gespür für einsame Plätze.
Das Tal bleibt flach und weit, kaum kann man es noch als Tal bezeichnen. Eine ganze Weile fahre ich noch. Die Gedanken schweifen immer mal wieder in den vor mir liegenden Schulbeginn, zu den Kindern und ihren Plänen, in meine bevorstehende Ankunft, und zurück in viele Szenen dieser Reise. Locker springen sie hin und her, um dann wieder abrupt abzubrechen, weil eine Naturszene fesselt, ein Blick gefangennimmt. Ich liebe es, Rad zu fahren, sagte ich das schon;-)?
(Einer der Gedanken geht auch in den Kalender. Dass der 3. Oktober auf einen Montag fällt. Dass ich freitags um 11 Uhr Schulschluss habe. Wohin ich von zu Hause aus in dreieinhalb Tagen fahren könnte. Und überhaupt: Ob in unseren späten Herbstferien dieses Jahr wieder so radelgeeignetes Wetter sein wird wie letztes Jahr? Da bin ich noch gar nicht angekommen, und dann macht mein Kopf sowas. Verrückt …)

Abends lande ich in einer zeltplatzarmen Gegend, ich habe keine Wahl, es gibt nur den einen, hier in Geslau. Seit dem Altmühlsee habe ich jedenfalls nichts anderes gefunden. Wieder werden es über hundert Kilometer und nach sechs Uhr, als ich ankomme. Heute hätte ich gern früher aufgehört, naja, ging eben nicht. Ich bin müde, es ist den ganzen Tag heiß gewesen.
In Leutershausen, kurz vor dem Ziel, möchte ich mir ein Eis gönnen, finde aber keines, ich mag auch nicht mehr suchen. Dafür gibt es jede Menge quietschender Reifen, trainiert man hier für eine Rallye oder was, ich erschrecke mehrmals heftig. Selbst Radler überholen im Abstand von 37 Zentimetern, offenbar macht man das hier so.
Unmerklich ist aus der Ebene eine hügelige Welt geworden, die Wasserscheide naht. Hier in Geslau muss sie ganz nah sein, denn es sind noch zwei Handvoll Kilometer nach Rothenburg am Tauber, dort ist Nordseewasser. Ob ich schon drüber bin?

Der vorletzte Zeltabend also. Ein großer Zeltplatz, nicht so still wie die vergangenen, aber ich setze meine grüne Hütte direkt ans Seeufer, mit Öffnung zum Wasser, dann sehe ich die vielen Wohnwagen nicht. Und auch laut ist es nicht, ich bin weit genug von allen anderen entfernt, es ist ja doch schon Nachsaison und leer.
Der Blick auf die Karte zeigt, dass ich die nächste Nacht auf unserer Strecke des ersten oder zweiten Tages verbringen werde. Es fühlt sich gut an, stimmig. So wird mein letzter Reisetag nahezu dem ersten entsprechen, in umgekehrter Richtung. Ich bin vorfreudig gespannt auf dieses Dejavu.
Und das Ankommen im Haus stelle ich mir schön vor. Möchte ich doch für die erste Nacht mein Zelt im Garten aufstellen. Als sanften Übergang …

Kelheim – Breitenfurt (#3wegsam33)

Alles ändert sich so plötzlich. Das fängt schon mit dem Foto an. Ich meine, mein letztes Donaubild aufzunehmen, um mich zu verabschieden. Da entdecke ich auf dem Stadtplan von Kelheim, dass der Fluss neben mir unbemerkt zur Altmühl geworden war. Na gut.
Das Tal, des neuen Flusses Tal, wird enger und felsiger. Der Fluss wird schmaler und sanfter. Der Weg wird schottrig und direkter am Fluss verlaufend.
Alles gut. Aber. Es gibt ein Aber. Es wird nämlich nicht leerer auf dem Weg, im Gegenteil. Jetzt fängt die Radreisendenfülle erst richtig an. Ich hatte wohl zuviel Hoffnung in das stille Tal gesetzt, muss erst ein paarmal durchatmen, bevor ich mich daran gewöhne: Hier ist es richtig voll. Auch in meine Richtung.

Nun gut, so ist das eben. Ich blicke den Menschen, die mir in Scharen entgegenkommen, ins Gesicht. Manche schauen wenigstens zurück, einige wenige grüßen. Und ich sehe: Sie sind fast durchgängig älter als ich, ein bisschen älter bis sehr viel älter. (Erst am Nachmittag begegnet mir das erste Kind. Es bleibt fast das Einzige.) Die E-Bike-Dichte ist groß. Die Quote derjenigen, die in Rudeln fahren, auch.
Wie abfällig das klingt: Rudel. Und überhaupt, diese Einlassungen über E-Bikes. Ich überlege hin und her, was mich daran eigentlich irritiert, ja, stört.
Es ist ja nicht so, wirklich nicht, dass ich mich störe, wenn Menschen, egal welchen Alters, egal welcher Radvorerfahrung, welcher Kondition auf diese Weise reisen. Im Gegenteil. Das Meditative, das Spirituelle des Unterwegsseins in einem Tal wie diesem, das einen zu pausenlosem Staunen bewegt, das wünsche ich einem jeden Menschen. Ich freue mich mit, wenn jemandem diese Erfahrung zuteil werden darf.
Aber. Viele der mir entgegenkommenden sehen gar nicht zufrieden aus. (Wobei: sehe ich zufrieden aus, wenn ich fahre?) Da sieht man in manchen Gruppen, in manchen Paaren die Spannung förmlich auf die Gesichter gemalt. Was hat sie hierhergeführt? Na gut, das ist ihre Sache.
Aber. Ich bin auch noch da. Ich, und andere Alleinreisende. Oder eben Stillreisende, nicht in Rudeln unterwegs seiende. Ich möchte nicht abgedrängt werden vom Weg, weil sie mir zu zwölft entgegenkommen. Ich möchte am Pausenplatz mein Fahrrad nicht zugestellt bekommen von zehn anderen Rädern. Ich möchte nicht kurz vor einer Bank von einer Gruppe überholt werden, so dass mir Bank und Pausenbucht vor der Nase weggeschnappt werden. Ich möchte nicht durch lautes Schreien von einer Karte verdrängt werden, die ich gerade betrachte. Ich möchte nicht, dass ich irgendwo still sitze und plötzlich umringt bin von einer lustig-grölenden Truppe, die so tut, als wäre ich da nicht.
All das ist mir auf der gesamten Reise nie passiert. Heute habe ich es in wenigen Viertelstunden erlebt. Alles. Dicht nacheinander. Es waren immer andere Gruppen.
Rudel also. Und ich war die Außenstehende. Mensch mensch. Ich fühle mich erinnert an das Leben im Allgemeinen: Wie oft drängen Gruppen Einzelne an den Rand. Wie oft werden Andersseiende nicht in ihren Bedürfnissen wahrgenommen und respektiert. Wie oft wird über das stille Sein von stillen Menschen hinweggeplärrt.
Nun also auch hier auf dem Radweg. Bisher erlebte ich Radfahrbegegnungen als solidarisch, zugewandt, offen und interessiert. Heute mache ich eine gegenteilige Erfahrung.
Warum ist es hier so anders? Vielleicht, weil gerade hierher – ein so liebliches Tal, eine so anziehende Landschaft – Menschen gelockt werden, die sich diese Form des Reisens doch nicht von ganz allein ausgewählt haben? Im Laufe des Tages entdecke ich an vielen Rädern spezielle blaue oder grüne Radtaschen, die Aufschriften kann ich nicht lesen. Sie scheinen von einem Reiseveranstalter zu kommen, sind zu klein für Tagesgepäck. Vermutlich also handelt es sich um organisierte Touren, wo einem das „echte“ Gepäck von A nach B gebracht wird und man dann quasi unbelastet die Strecke fährt. Ich habe ja gar nichts gegen diese Form des Radwanderns. Nur bitte: Trampelt hier auf den Wegen nicht alles kaputt. Bitte. Danke.

So. Das musste ich mir von der Seele schreiben. Es hat mich den Tag über arg bewegt. Bin ich doch pausenlos damit in Kontakt gekommen.
Aber auch, denn ich kann mein Auge ja zweiteilen, mit dem atemberaubenden Altmühltal. Vom felsig Engen geht es in immer mehr sich öffnende Weite über. Natürlich ist es manchmal zu weit, so dass neben Straße, Bahn und Ortschaften auch das eine oder andere Gewerbegebiet seinen Platz findet. Keine Idylle pur eben, muss ja auch nicht. Später wandelt sich die Art der einrahmenden Felsen. Es wirkt zuweilen sehr südlich, wie eine trockene Vegetation an kargen Felsen in der Sonne steht. Andernorts fühle ich mich schon fast wie zu Hause, so ähnlich wie im Kocher- oder Jagsttal schaut es aus, und dort bin ich schon wirklich fast heimisch.
Orte sehe ich nicht viele, genaugenommen fliehe ich sie. Nicht auch dort noch einer Touristenfülle begegnen. Vor allem Eichstätt bleibt mir unsichtbar hinter den Fassaden, den Bauten von touristischem Interesse. Ein fast schon steriles Zentrum, ich finde wohl den Zugang zu diesem Ort im Moment nicht.

Was ich aber finde, nach jeder Menge abschreckender Zeltplätze, auf denen ich um nichts in der Welt bleiben möchte, das ist ein guter Ort zum Bleiben. Ein kleiner stiller familiengeführter Zeltplatz, auf dem sich nur stille Menschen versammelt haben. Glückstreffer, wieder mal.
Hier ist gut ankommen, kochen, Bier trinken, am Fluss sitzen, der hier so still wie ein See ist. Mein drittletzter Zeltabend, übrigens. Vermutlich. Ich bin traurig.
Und: Es ist Schnapszahltag. Radltag 33. Ein wenig mehr als 111,11 km heute zurückgelegt. Und in der Summe die 2222,22 km überschritten, kurz vor der Ankunft. Schnapszahltag ohne Schnaps. Aber mit Sitzen unter Sternenhimmel. Das ist fast noch besser.

Waltendorf – Kelheim (#3wegsam32)

Ein Donauradwegtag, von morgens bis abends. Der wievielte Fluss dieser Reise mag das sein? Ich habe aufgehört zu zählen. Viele habe ich nur kurz gestreift, manche länger begleitet. Keiner von ihnen hat in so kurzer Zeit so viel Veränderung durchgemacht. (Oder aber: an keinem von ihnen bin ich so schnell entlanggefahren?)
Gestern und heute morgen noch erlebte ich ein breites behäbiges Etwas, sich durch ein weites Tal ziehend, dessen haltgebende Berge erst in einiger Entfernung aufscheinen, und dachte bei mir, wie ähnlich sich doch all diese weiten Flusstäler sind. Zum Verwechseln.
Doch flussaufwärts wandelt sich das. Es wird enger, Felsen ragen ins Bild, der Fluss windet sich, hat sich in Schleifen durchs Land gearbeitet, hält sich durch helle Felsen in Form und gibt sich auf der gegenüberliegenden Seite mit kleinen Steinstränden sehr zugänglich. Seine Altarme, so nennt man das wohl – das Pendant „Altdonau“ zu Altrhein habe ich nicht gefunden – sind zugewuchert mit Baumurwüchsigkeit, ich möchte immerfort in dieser Wildnis stehenbleiben, sitzenbleiben, mich hinlegen und durch die Zweige nach oben schauen. Ab und zu tue ich das. Der Fluss hat mich. Schade, dass ich ihn morgen schon wieder verlassen werde. Eine Donaufahrt für die Zukunft anvisieren, das steht nun auf meiner Liste.

Allerdings: Der Donauradweg ist voll. In meine Richtung geht es noch. Genau genommen bin ich von keinem einzigen Packtaschenradelnden überholt worden noch habe ich selbst welche überholt, das heißt, ich habe schlicht keine getroffen. Entgegen kommen sie mir dagegen im Minutentakt. Das stört mich überhaupt nicht, allerdings würde ich ungern auch in diese volle Richtung fahren. Wie anstrengend das ist, weil man nie sein eigenes Tempo finden kann, wenn man ständig mit Überholen oder Überholtwerden beschäftigt ist, dabei kann ich meine eigene Fahrruhe einfach nicht finden.
Jedenfalls: ich finde es voll. Wenn ich dann noch höre, am Abend von der Zeltplatzwirtin nämlich, dass es jetzt schon abgeflaut sei, dass hier seit dem Wochenende nichts mehr los sei, im Vergleich zu den Wochen vorher, als die anderen Bundesländer noch Ferien hatten, dann wird mir doch ein wenig unheimlich mit diesem Weg. Vielleicht bei künftigen Reisen doch lieber auf unscheinbare Nebenwege ausweichen.
So wie ich es heute ein Stück weit tue, aus Lust und Laune. Auf unbelebten Nebenstraßen durch einsame Dörfer, voll mit kleinen Kirchlein, die genauso aussehen, wie man sich kleine Kirchlein in Bayern vorstellt. Das sind die Wege, auf denen man das Leben beobachten kann. Die ausgebauten Radstrecken führen an diesem oft vorbei. Also im Sinne: sie fähren daran eben nicht vorbei.
Ebenso ist es auch mit Einkaufsmöglichkeiten. Vielleicht soll man sich von den Schönheiten der Natur nähren. Oder aber einkehren, die Anzahl der Biergärten am Wegesrand ist quasitschechisch. Und doch. Mein Essen ist alle, ich greife das „Notbrot“ an, meine Essenstasche scheppert vor Leere, ich suche und frage letztlich in Bad Abbach. Oben auf dem Berg seien die Supermärkte, mehr gäbe es hier nicht. Die kleinen Läden haben alle zugemacht. Das sieht man dem Ort an, leerstehende Tristesse. – Oben also dann. Vor dem Markt sitzen noch andere erschöpfte Radler, alle wohl in der gleichen Situation wie ich. Ich kaufe gleich mal größere Mengen ein, der Hunger ist ein schlechter Einkaufsberater. Der Lowrider und das Vorderrad überleben es trotzdem:)

Die beiden größeren Städte auf dem Weg durchfahre ich nur kurz. In Straubing trinke ich auf dem Markt einen Kaffee, esse etwas vom Bäcker, weil meine Frühstückstasche nur noch ein trockenes Hörnchen hergegeben hatte – die Einkaufssituation war am Vortag schon nicht besser. In Regensburg hole ich die bestellte Radkarte ab, schiebe ein wenig durch die Stadt, in ein paar Erinnerungen findend, und fahre dann gleich weiter.
Städte taugen nicht für Radtouren. Beziehungsweise meine Radtouren taugen nicht für Städte. Ich bräuchte viel mehr Zeit, um eine Stadt wirklich zu besuchen, das will ich aber hier gar nicht. Die kleinen Ortschaften mit ihrer Atmosphäre öffnen sich mir viel mehr, ich finde mehr Zugang.
In Städten kann ich in der Kürze der Zeit höchstens Erinnerungen wachrufen, oder aber – bei mir unbekannten Städten – eine kurze Weile durch die Straßen spazieren und mich in ein Straßencafé setzen, um die Atmosphäre aufzunehmen. Aus dem Bauch heraus weiß ich dann meist, ob ich mit dieser Stadt warm werden kann oder nicht. Im ersteren Fall weiß ich, dass ich wiederkommen möchte, irgendwann, aber dann vermutlich nicht mit dem Rad. Im zweiten Fall kann ich mich ja getäuscht haben und trotzdem irgendwann wiederkommen.

Eine gut frequentierte Radstrecke also. Umso erstaunlicher, dass es hier Menschen gibt, die zwar Tag für Tag, Jahr für Jahr tausende Radfahrende vorbeizischen sehen, sich aber immer noch für das Woher und Wohin und das Drumherum interessieren. Heute werde ich einige Male angesprochen. Wie kann das noch interessant sein, was wir Vorbeiziehenden zuhauf mit uns führen? Und doch, ich staune. Und ich bekomme Tipps, Empfehlungen für meine Weiterreise. Und eigene Geschichten erzählt. Die Frau, die mit ihren Kindern ähnlich radreist wie ich, die hat mich einfach auf dem Parkplatz angesprochen. Der Mann, der mir die Burg zeigt, da müsse ich hinauf (nächstes Mal, bestimmt), und dann erzählt, dass er im Leben nur eine einzige Radreise gemacht hat, als junger Mann. Zum Nordkapp und zurück. Mit einer 3-Gang-Nabenschaltung, die man damals noch selbst auseinandernehmen und pflegen konnte, die gute alte Technik. Das Paar im Café, das mit mir über Bayern und Baden-Württemberg spricht, über das Verwandte und das Trennende, über die Grenzen, die wir haben und die wir machen, all das. So viele kurze Gespräche. Ich scheine heute wohl offen dafür gewesen zu sein.

Ja, doch, ich bin offen. Wieder geöffnet für das Michfortbewegen. Vielleicht ist es das Morgenlicht, das mich erst um die Zeltecke, später auf dem morgendämmernden Flussdeich hineinzieht in eine verzauberte Neugierde, wie die Dinge jetzt und später und hinter der nächsten Windung wohl aussehen werden. Ich schaue wieder hin, besänftigt nach dem gestrigen Tag, in eine Selbstverständlichkeit hineinfindend, wie sie mir viele der vergangenen Reisetage geschenkt worden ist..
Dabei nehme ich im Innern schon Abschied, es ist ja nicht mehr weit bis nach Hause. Als ich etwa durch den kleinen Ort Bach an der Donau fahre, da beginnt in mir Bach zu singen, und mir scheint, ich will nun doch lieber am Samstag heimkehren, weil ich dann am Sonntag noch Zeit für das Klavier hätte. Überhaupt freue ich mich auf den Moment, da ich der Route vom ersten Reisetag begegnen werde. Da es sich nach den tschechischen Bergetappen auf brettlebener Strecke wie mit einem E-Bike fährt, so ganz von allein, bin ich schnell. Schnell genug, um die nördlichere Route zu fahren, über Altmühl und Jagst. So werde ich die letzten 100 Kilometer im Dejavu-Zustand sein. Gut, zum Abschiednehmen.

Passau – Waltendorf (#3wegsam31)

Was mir dieser Tag sagen wollte? Ich weiß es noch nicht. Ich weiß nur, dass man nie genug an (Reise)Gelassenheit haben kann. Und dass ich heute jedenfalls ungewohnt wenig davon hatte. So wenig, dass ich den Tag im Grunde im Zustand des Kampfes zugebracht habe. Gegen den Wind, gegen den Regen, gegen die klebrig-matschigen Wege, gegen die Autos, gegen die Uhr – im Zusammenhang mit den nicht am Wegrand liegenden Zeltplätzen. Und gegen mein besseres Wissen. Dass ich immer irgendwo ankomme. Dass ich jederzeit einfach aufhören kann. Dass ich immer wieder trocknen werde. Dass sich ein Bett finden wird. Und doch.

Schon von Passau komme ich nicht weg. Das hat gute Gründe, ich schwätze lange mit einem Berliner Radler, der die Donau bis zum Schwarzen Meer, jedenfalls bis November radeln will. In der Stadt suche ich eine Radkarte, die ich zu Hause vergessen habe, bekomme sie in der Buchhandlung nicht, aber dafür – sehr nett – rufen sie für mich in Regensburg an und organisieren, dass ich mir sie morgen dort abholen kann. Die Stadt, überhaupt, ich war ja noch nie hier, die will ich nicht ohne Hindurchspazieren links liegen lassen. Im faszinierenden Gewitterlicht liegen die Türme vor mir, und das Dreiflüsse-Eck. Alles aber verdeckt von einer Flotte an Flusskreuzfahrtschiffen, ich erschrecke über diese Ansammlung, was machen die alle hier, so gleichzeitig, und wo sind die zugehörigen Menschen, hoffentlich trifft man die nicht alle in den Gassen.

Jedenfalls bin ich lange nicht auf dem Weg. Als ich es dann bin, windet es, und wie. Genau mir entgegen. Beim Überqueren der Sperrstufe kurz vor Passau bläst es mich fast von der Brücke. Mir kommen spontane Erinnerungen ans Eidersperrwerk, das liegt an der Nordsee. Mich als (mittlerweile) Süddeutsche erschrecken diese Windstärken. Kurz darauf kommt Regen hinzu, ebenso heftig. Ich flüchte in eine Bushaltestelle, sitze neben einer Spinne und schätze, dass der Winkel des vorbeifliegenden Regens etwa 30° beträgt. Zur Senkrechten, immerhin, nicht zur Waagerechten.
Gegenwind und mich anpeitschender Regen werden zum Thema des Tages. Letzterer ist immerhin von Wolkenlöchern unterbrochen, von Kurzzeitsonne gar, das ewige Spiel Regenjacke-an-Regenjacke-aus, später ergänzt durch das Gleiche mit der Regenhose.
Die Wege werden regelmäßig gut durchfeuchtet. Die Sand-Schotter-Wege, viele Kilometer lang. Ein Untergrund, als würde ich in Leim fahren. So einer meiner wiederkehrenden Träume, ich laufe und laufe und komme doch nicht vom Fleck, hier wird dieser Traum zur Wirklichkeit. Und wo der Weg nicht klebt, da ist er – Deichmaterial soll ja grundsätzlich nicht wasseraufsaugend sein, das verstehe ich – pfützendurchzogen. Tiefe Pfützen, Matschepfützen, in denen Ausrutschen droht, in denen man nur die Wahl hat, rechts oder links vom Deich hinabzuschlittern, oder aber doch mitten hindurch: meine Hosen sprechen Bände über die Anzahl der durchstobenen Pfützen.

Wenn ich all das jetzt schreibe und selbst lese, denke ich, wie harmlos, wie wenig es eigentlich war, was mich da in meinen Groll geworfen hat. Gab es doch immer wieder eine Brücke zum Unterstellen, hatte ich doch Regensachen und jede Option, mich in ein warmes Café zu setzen – tat ich auch zwischendurch -, hätte ich doch viel eher schon mein Zelt aufschlagen können. Und trotzdem war ich nicht gut in mir und bei mir.
Jeden erneut einsetzenden Regen begleitete ich mit innerem und äußerem Och-nö, und als mich irgendwo ein aggressives Auto ausbremste, entlud sich mein Groll in ein lautes Schimpfen, so kenne ich mich nicht.

Nun, und jetzt? Jetzt sitze ich da, im immer noch von außen beregneten Zelt, von lärmendem Windtosen begleitet, das von keiner meiner Wetterapps angezeigt wird, und sinne nach. Warum es mich heute tagsüber so aus der Fassung geworfen hat. Warum in mir nicht überwiegen konnte, was von außen sonst noch auf mich zukam.
Das Licht vor allem, immer wieder das Licht. Solches Wechselwetter, das bietet ja die faszinierendsten Lichtspiele. Beleuchteter Vordergrund vor dunkler Himmelskulisse. Dunkel-hellgraue Himmelsgemälde, durch die ab und zu ein Sonnenstreif fällt. Blaues Licht aus einzelnen Himmelslöchern. So vieles.
Der behäbige Fluss mit seinen Uferstillleben von so verschiedenem Charakter. Die vom Wasser ausgestrahlte Ruhe, wenn der Weg nicht gerade von einer Straße überdröhnt wird.
Mein Ankommen. Bei dem ich immerhin gelassen genug bin, zwei sehr unkuschelige Zeltplätze am Wegesrand liegen zu lassen, weil ich eben, was die Schlafstätten angeht, inzwischen von stillen Orten verwöhnt und daher wählerisch bin. So dass ich in einem einsamen Dorf lande, in dem man neben einem Gasthof zelten darf. Ich bin die einzige, die heute auf diese Idee gekommen ist, und die Wirtsleute sind gleichmal nicht da. Montag Ruhetag. Trotzdem baue ich auf, die Regenlücke ist günstig, und ich möchte noch vor dem Dunkelwerden kochen, Tee und Nudeln, Wasser habe ich genug. (Grog wär jetzt nicht schlecht. Nachdem ich die Idee von noch zu erfindendem Instantbier und Instantwein gleich wieder verworfen habe.) Irgendwann kommt auch der Sohn des Wirtes, hoch leben Mobiltelefone, und bringt mir den Schlüssel zum Duschraum. Alles gut also. Der Raum könnte zur Not als Unterschlupf für ein nächtliches Gewitter dienen, so riesig ist er. Warm noch dazu, ich lasse gleich mein Handtuch darinnen, zum Trocknen.

Nun also, am Abend ist alles gut. Und was mir der Tag sonst noch gebracht hat, ganz tief im Innern, daran gilt es weiterzuarbeiten.

Volary – Passau (#3wegsam30)

Der dreißigste Tag, den ich auf dem Fahrrad verbringe. Das ist viel. Das ist mehr, als ich jemals im Leben hatte, mehr als ich mir vorstellen konnte. Auch mehr, als ich gebraucht hätte? Was heißt schon brauchen, natürlich. Aber ich spüre eine Müdigkeit. Es ist viel, jeden Tag Neues zu erleben. Neue Orte, neue Straßen, neues Wetter, neue Berge, neue Pflanzen, neue Holzstapel am Wegesrand, neue Formen der Stille, neue Begegnungen mit mir selbst. In diesem Nur-Radfahren-und-Treten liegt eine Intensität, das hätte ich vorher nicht geglaubt.
Fast, oder nein: wohl nicht nur fast, oder doch fast? – jedenfalls: ich sehne mich nach der Routine des bevorstehenden Schuljahresanfangs. Zwar werde ich – mal wieder – 120 neue Schülerinnen und Schüler bekommen, zwar wird es in neuen Teams und neuen Konstellationen wieder anders sein als jedes Mal bisher, aber doch. Routine. Alltag. Ohne diese Fülle an immer wieder Neuem.

Das überrascht mich, schien mir doch bisher, ich könne nicht sattwerden von diesem hier. Anscheinend kann ich doch. Nicht vom Leben im Zelt, nicht vom einfach-bescheidenen Essen, nicht vom täglichen An- und Abreisen mit all dem Packen, das ist mittlerweile ebenfalls schon eine heimatgebende Routine geworden. Satt bin ich von Eindrücken am Wegesrand. Vielleicht wäre es anders in weitläufigeren Landschaften wie Sibirien, der Sahara oder auch Nordschweden, wo man nur alle 50 bis 500 Kilometer auf eine Ortschaft trifft, wo sich nicht in jedem Tal der Charakter von Dörfern und Menschen ändert, wo nicht eine Landschaft der anderen die Klinke in die Hand gibt, so dass keine zwei Tage auch nur Ähnliches bereithalten. Vielleicht.
Meine bisherigen Reisewelten jedenfalls – das heimische Hügelland, die fränkischen Flüsse, das Thüringische südlich und nördlich des Rennsteigs, die allmähliche Flachlandigkeit Sachsen-Anhalts, der Fläming, die Verdichtung auf Berlin zu, die Großstadt selbst, die Seen um sie herum, der Spreewald, die Braunkohlewiederaufforstungswälder, die Hügelwelt vor Dresden, die Elbe, erst das deutsche Ende, dann die tschechische, die Moldau mit Pragtrubel und späteren Schluchtenwegen, die böhmische Bergabgeschiedenheit, die Seenlandschaft um Trebon, Tschechisch-Kanada genannt, der Anstieg in den Böhmerwald mit dem breiten Lipno-See, der von der Natur her unmerkliche Übergang in den Bayerischen Wald mit seinen plötzlich so anderen Dörfern und Menschen, und nun also die Donau, hier ab Passau aufwärts – die haben mich gesättigt.
Ich merke das beim Fahren: ich schaue weniger hin. Will und kann gar nicht mehr jeden Lufthauch, jede Pflanze, jede Farbe, jede Ahnung wahrnehmen. Es fliegt an mir vorbei, denke ich erstmals.

Der Morgen mit meinem inneren Abschied vom stillsten aller stillen Zeltplätze zunächst, dann vom Land und seinen sonntagfeiernden Menschen, eine letzte (und fast die einzige) Einkehr an der Grenze, für einen „Abschiedskaffee“, der in meinem Fall (mangels Malinovka) aus Kofola und Palatschinken besteht.
Da bin ich schon in mich gekehrt. An den Nachbartischen spricht man deutsch, ich schalte ab. Keinen Kilometer entfernt ist der Fußgänger-Grenzübergang, unspektakulär, eine winzige Brücke mit ein paar Schildern, dahinter stehen reihenweise deutsche Autos. Tagesausflügler, auch in die Gastronomie, das hätte ich mir denken können. Dort wo gefragt wird „zahlen Sie in Kronen oder Euro“, dort sollte man nicht einkehren, Anfängerfehler. Aber ich bin in mir versunken, es stört mich nicht weiter. Meine übrigen Kronen haben ja nun ihren Sinn: zum Wiederkommen.

Von jetzt ab heißt es Bayerischer Wald. Die tschechische Eisenbahnlinie endet abrupt, niemand hat sie nach dem Fall der trennenden Grenze wieder zusammengesetzt. Die Linie von Waldkirchen hoch nach Haidmühle existiert nicht mehr. Oder doch – Glück für mich heute – als Radweg. Auf der alten Bahntrasse, das bedeutet für nicht so bergbegeisterte Radfahrerinnen wie mich: konstant flache Steigung, später konstant flaches Gefälle. Keine Zwischenhügel, wie die Landschaft sie en masse aufweist. Die Trasse ist als Schlucht in den Fels geschlagen, als Brücke über Täler geführt, windet sich in Bögen durch die Landschaft und kann, wenn erstmal die Wasserscheide bei Frauenberg (? es war mal wieder kein Schild da) geschafft ist, hinabgerollt werden. Ehrlich: etwas 20 Kilometer hinabrollen, wo kann man das sonst? Und während dieses Rollens eben, da spüre ich, wie ich immer weniger nach rechts und links schaue, wie ich in mich gekehrt bleibe, wie das Außen nicht mehr zu mir dringt. An einem ersten Reisetag hätte ich hier eindrucksgeflutet an jeder Ecke angehalten, mich gesetzt, die Blicke und den Wind und die Weite und die Stille eingeatmet.

Später wird es doch noch hügelig. Von Waldkirchen einfach zur Donau runterfahren, das mag für die B12-Riesenstraße gelten. Im Prinzip geht es nur abwärts. Nach ein paar Kilometern auf dieser aber fliehe ich entsetzt. Die Autodichte ist größer als in Tschechien, fährt schneller und dichter vorbei, hupt (wie lange hatte ich das nicht!) und schreckt mich. Also doch auf Nebensträßlein längs der großen Trasse. Jeden Hügel, der sich am Wegesrand bietet, nimmt diese Nebenroute mit, manchmal haben sie die doch extra noch aufgeschüttet, oder? Ich habe genug von diesem Auf-und-Ab. Aber es ist absehbar, nach einer letzten steilen Abfahrt stehe ich plötzlich in Passau. Ein kleiner Zeltplatz an der (? dem?) Ilz, das Stadtzentrum sehe ich noch gar nicht, hier bleibe ich. Radfahrercamp, ganz bescheiden, ganz ruhige Menschen, niemand lärmt, alle sitzen vor ihren Zelten und kochen, und es ist viel Platz zum Abseitszelten. Hach.

Ja, es ist viel. Wie werde ich die kommenden Tage erleben? Bis auf die letzten hundert Kilometer sind das alles unbekannte Gegenden für mich. Es wird anders sein als in der ersten Reisephase. Vielleicht ist dies eine weitere Lehre des Reisens: Dass ich für mich sortieren und filtern muss, was ich aufnehme, damit es nicht zu viel wird. Dass ich meine Erlebensdichte selbst steuere, durch Rückzug ins Innere. Dass ich abschalte, wenn es innen überzulaufen droht. All das. Mir scheint, im Alltag kann ich das besser, dort bin ich es gewohnt. Mein Alltag ist ja, wie der vieler Menschen, permanent überflutet und überfordernd. Eigentlich. Darum habe ich lange gelernt, mich auf meine Weise zurückzuziehen, mich nicht der Fülle auszuliefern, wenn diese zur Überfülle wird. Dass mir dies nun auch hier auf Reisen vor Augen geführt wird, das ist unerwartet. Aber gut. Gut zu lernen, welche inneren Schutzräume ich noch so habe. Auch diese kann ich mir ja mit nach Hause bringen, zur „Weiterverwendung“. Ich bin gespannt.

Zlata Koruna – Volary (#3wegsam29)

Ein Tag zum Bersten voll, ich weiß gar nicht, wie das alles hineingepasst hat und wieso sich an einem einzigen Tag so viel Geschehenes ansammeln konnte. Ich weiß nur, dass ich am Abend müde bin, entsprechend und rechtschaffen müde. Und dass ich es genieße, meinen letzten tschechischen Abend auf einem verwilderten, abgelegenen Zeltplatz zu verbringen, auf dem außer Moldaurauschen und ein paar Lagerfeuern nicht viel ist. Doch, das „Bufet“, an dem sich alle sammeln und an dem gesungen wird. Von allen, mit allen. Mit vier Zupfinstrumenten verschiedenster Bauart. So höre und sehe ich es schon aus der Ferne, als ich noch am Zelt sitze und mein Abendessen koche.

Mein letzter Abend in diesem Land. Ich fahre morgen mit zwei weinenden Augen über die Grenze. Und komme wieder, ganz bestimmt.
Mir hat sich dieses Land und seine Menschen von einer sehr wohltuenden Seite gezeigt. Mal abgesehen von Prag und heute noch von Cesky Krumlov, ähnlich touristisch überrannt, habe ich viel Stille und Innerlichkeit erlebt. Ja, wirklich, die Menschen scheinen mir stiller, leiser, bescheidener durchs Leben zu gehen als ich es von unserer Öffentlichkeit gewohnt bin. Das ist nur meine Sicht und der Blick von außen, aber immerhin habe ich ja nun zwei Wochen lang täglich verschiedenste Menschen gesehen, beobachtet, in kleinen Begegnungen erlebt … und mich bei allem sehr sehr wohl gefühlt.
Unabhängig von der fehlenden Sprache begegneten mir von überall her Lächeln, viel Offenheit und eine stille Lebensfreude, deren angenehme zweite Seite ich als eine Art In-sich-Gekehrtheit, eine Versunkenheit wahrgenommen habe. Und als eine tiefe Liebe zur Natur. Ja, doch, in diesem Land mit seinen Menschen, seinen Wäldern und seinen Wegen fühlte ich mich geborgen. Wie gesagt: ich werde wieder herkommen, unbedingt.

Heute nun mein letzter hiesiger Reisetag, in einem Feuerwerk an Natur, wie man es sich eindrücklicher kaum vorstellen kann.
Ein früher Start am Morgen bringt mich schon in der mildwarmen Morgensonne am Kloster vorbei auf erste Hügel, von denen aus ich das Moldautal erahne und die fernen Berge mit einem leichten Schauder wahrnehme: heute arbeite ich mich hoch, morgen hinüber, und übermorgen bleibt mir wohl immer noch ein Rest davon. Aber wenn ich von der bevorstehenden Anstrengung absehe, liegt vor meinem Auge eine Traumlandschaft.
Vor die ersten wirklichen Anhöhen schiebt sich Cesky Krumlov, eine touristische Hochburg, ich bleibe unten am Fluss, staune, wie viele Touristenbusse schon morgens vor zehn Uhr hier ausgeschüttet wurden und flüchte ganz schnell vor den regenschirmhebenden Stadtführungen.
Weg aus dem Rummel in stille bergige Welten. Hinaufschrauben ins stille Bergland mit Weitblick nach rechts und links, mit einem kleinen Voralpengefühl und der Unheimlichkeit, dass ich hier oben ganz allein bin. (Die Vernunft – was, wenn mir hier etwas passiert? – muss ich ausschalten. Dann geht es mir gut in der Einsamkeit.)
Irgendwann bin ich oben auf der Kuppe, der Blick auf die andere Seite wird frei. Da unten, ganz klein noch, liegt der Lipno-Stausee. Lipno, Zauberwort aus vergangenen Kindheitsurlauben. Ein riesiger See, von oben als winziger weißer Spiegel zu sehen. Zu dem darf ich hinabrauschen.
Am See. Wie ein Meer fast. Na gut, die Bergketten gegenüber sind zu gut sichtbar für ein Meer, trotzdem. Boote, Strände, Wind. Ob ich nicht hier zelten sollte, frage ich mich, es ist schon Nachmittag. Der genauere Blick auf die Zeltplätze lässt mich dagegen entscheiden. Zu voll, zu viel Trubel, zu viele Menschen. Wie überall an Orten mit viel Zauber. Weiter nördlich in der Abgeschiedenheit gibt es weitere Zeltorte.
Am See entlang, immer nordwärts also. Bald wird er schmaler, nur noch eine Schilflandschaft, als hätte man ihm das Wasser abgelassen. Bald ist er wieder zum Flüsschen geworden. Im schrägen Nachmittagslicht rolle ich auf Hügeln längs des Ufers, die Landschaft könnte in Bayern sein. Ist sie ja auch fast. Luftlinie zur Grenze sind es kaum zehn Kilometer.
Dazwischen liegt der Böhmische Nationalpark, für ein paar Kilometer rolle ich durch seine Wälder am Fuß der Berge, ein Ort zum Auftanken.
Und dann bin ich da. Abgelegen, verwildert, verwunschen fast, so kommt mir der kleine Platz am Moldaubach entgegen. Ein Geschenk zum letzten Abend.

Ich bin erschöpft. Ein großer Teil der Strecke ist sehr anstrengend. Immer der Zwiespalt, ob ich lieber die abgelegenen Radwege fahre, unter der Gefahr, dass sie so schottrig daherkommen, dass ich aufwärts wie abwärts schieben muss, dafür aber – den Mehrhöhenmetern gedankt – mich mitten ins Herz der Natur werfen, oder ob ich Teilstücke zur Abwechslung auf der lauten Autostraße zurücklege. Dazwischen pendele ich.
Es ist heiß, meine Beine lassen mich zunehmend die schon bewältigten Höhenmeter spüren. Manche Stellen sind so steil, dass ich schiebe.

Mittags treffe ich drei deutsche Radler, die ebenfalls lange in Tschechien herumgefahren sind und morgen nach Hause wollen. Bei einem Kaffee am See reden wir über das, was wir erlebt haben. Über das, was uns jeweils entgangen ist, fürs nächste Mal:)
Dass sie von hier aus nach Passau runterfahren, sagen sie. Meine Pläne waren eigentlich andere, ich wollte etwas weiter westlich erst auf die Donau treffen. Aber das heutige Hoch-und-Runter-Gekurve lässt mir die Idee, möglichst schnell zum großen Fluss zu kommen, verlockend erscheinen.
Abends dann im Camp, bei einem Gespräch mit Hiesigen, lasse ich mich endgültig darauf ein. Nicht über die Straße, sondern über Waldwege zu einem südlicheren Grenzübergang, von dort auf einer ehemaligen Bahntrasse, ausgebaut als Radweg, nach Südwesten, und dann irgendwie nach Passau runterschlängeln. So werde ich es machen.

Apropos abends im Camp: Nach dem Kochen setze ich mich dazu. Es ist voll unter dem kleinen Dach des „Bufets“, des einzigen Gebäudes hier. Erstaunlich, wie viele Lieder gesungen werden, bei denen alle – alle! – mitsingen, mit Text von mehreren Strophen.
Ich werde angesprochen, von mehreren. Von einigen, die sehr gut deutsch können auch. Wir reden über das hier, das miteinander Singen, über meine Eindrücke vom Land, über ihre Wege in unserem Land, ja, sowieso, über die täglichen Kontakte durch die nahe Grenze.
Dazu fließt viel Bier und Schnaps. Ja, so sagen sie: so sind wir Tschechen, wir freuen uns beim Singen und mit Bier am Leben. In jungen Jahren sei es hier – in der Gegend? im ganzen Land? – üblich, in Pfadfinderlager zu fahren, das gehöre dazu. Deswegen kennen sie alle 300-400 Lieder, auswendig, das sei einfach Teil ihrer Kultur. Ich bin ein bisschen neidisch:)  Und diese musizierenden Männer verbringen immer in den ersten Septembertagen eine Woche hier auf dem Platz, deswegen kämen dann schon die Menschen aus den nahen Dörfern, weil sie um diese Abende wüssten. Einer, ein Lehrer, mit dem ich mich gerade noch unterhalten hab, holt seine Gitarre aus dem Auto, spielt einfach mit. Später sieht es aus, als wirft er weitere 300-400 Lieder in die Runde, und wieder kennen alle die.
Ich bin beschämt, denn ich leugne nicht ab, auch Gitarre zu spielen, aber einfach so ein Lied anzustimmen, etwas Englisches, was sie vielleicht auch kennen, da muss ich passen. Ich kann das einfach nicht. Sie glauben es mir nicht, vermute ich. Aber leider kann ich es wirklich nicht.
Mir bleibt, glücklich in der Runde dabeizusitzen, bis weit nach Mitternacht. Von den reihum ausgegebenen Schnäpsen nehme ich immer nur kleine, halbe. Sonst würde mein Kopf das nicht überleben …
Bestimmt bekräftigt dies ihr Bild von den freudlosen Deutschen. Oder nicht? Habe nur ich dieses Bild? Bei unserem Gespräch über die Sicht auf das je andere Land sagte der eine, man sei ja immer mit dem eigenen Volk etwas zu streng, wenn man es bewertet. Diesen Satz will ich mir mal mitnehmen, wenn ich nun über die Grenze ins eigene Land fahre.

Jindrichuv Hradec – Zlata Koruna (#3wegsam28)

Die Weiterfahrt ist schwieriger als vermutet. Ich brauche viele Kilometer, bis ich das Treten wieder als Treten nehme, es nicht mehr permanent registriere und nicht überfrachte mit Bedeutungen wie: ans Ziel bringend, Geschwindigkeit erzeugend, Zeitabläufe verwirklichend, Orte erreichend und so weiter. Die ersten Tagesstunden vergehen, bis ich in so etwas wie einen Fluss zurückfinde.

Haben doch die vergangenen Tage das Ankommen am heimischen Ort in greifbare Nähe gerückt. Von der Anzahl der verbliebenen Fahrtage her sowieso, es werden vermutlich unter zehn sein, wenn ich nicht direkt vom Fahrrad an den Lehrertisch springen will.
Meine Gedanken schweifen ab, vom Hiersein ins Heimkehren. Schuljahresvorfreude kommt auf, wie es mir immer ein bis zwei Wochen vor dem Schulstart geschieht. Dazwischen springen die Erinnerungen an unsere vergangene Nachferienankunft, an das Wasser im Keller, das lässt sich nicht beiseiteschieben. Und selbst simple Überlegungen, ob ich den Haustürschlüssel im Gepäck und zu Hause noch Brot im Tiefkühlschrank habe, grätschen mir in meine ersten Fahrtkilometer.

Dabei ist, was noch vor mir liegt, ein ausgewachsener Radurlaub. 700-800 Kilometer, bis auf die ersten heute und die letzten am letzten Tag sind es lauter unbekannte Strecken, es gibt Berge, einen großen Stausee, Flüsse am Weg, mein Zelt wird mir genauso Heimat geben wie in den vergangenen zwei Wochen, und vielleicht darf dies alles in einer trockenen Spätsommerwoche geschehen.
Und trotzdem bleibt ein Heimfahrgefühl in mir. Nach den vielen Tagen fast ziellosen Umhertreibens hat diese letzte Etappe jetzt eine andere Qualität. In zehn Tagen muss ich zu Hause sein. Das erste und einzige echte Muss der Reise. Ich werde mit ihm fahren lernen. Fahren lernen müssen:)

Und noch etwas nimmt mir die Präsenz. Mich fluten Erinnerungen an die vergangenen Tage. Fahre ich doch fast am Haus der Freunde vorbei, während ich die Stadt verlasse. Sehe noch einmal auf das Flüsschen, an dem wir gestern Abend geburtstagfeiernd saßen. Komme durch die Orte, welche in diesen Tagen unsere Ausflugsziele waren. Bin in Gedanken noch in der Musik und in allem, was die Woche mit sich gebracht hat.
Dazu habe ich meinen Zeittakt verloren. In die Tagesabläufe der Pausenwoche hinein hatte sich permanent die Wann-Frage gedrängt. Überlegungen, was man jetzt tun sollte, wie lange man dies tun sollte, wann man sich treffen, wann verabreden, wann aufstehen, wann losfahren sollte. Alles Fragen, die sich beim reisenden Sein nicht stellen.
Nun stehen sie mir im Weg, diese Wann-Fragen, ich muss sie erst wieder aus meinem Innern verdrängen, um mich von elementaren Entscheidungen befreit zu fühlen.
(Es gibt noch mehr solche Fragen: Die Was-Frage beim Essen, zum Beispiel, und beim Beschäftigen. All dies stellt sich hier nicht. Ich muss eine Menge Fragen loswerden.)

So kommt es, dass ich heute zu schnell unterwegs bin, für mein Gefühl. Zu früh schon bin ich losgefahren, weil auch die anderen früh aufbrechen wollten. Das schräge Licht des noch sehr kühlen Spätsommertages erinnert mich, dass um diese Zeit für gewöhnlich das Zelt trocknet. Schräges Licht kenne ich nur von den Abenden, jetzt ist es mir ungewohnt. Na, ich brauche wohl noch ein wenig, um wieder zu mir zu kommen.
Dies geschieht, je mehr ich mich vom Bekannten entferne. Der Turm Trebons winkt nur noch vom anderen Ufer des riesigen spiegelglatten Sees. Meine Strecke wähle ich über andere kleine Sträßlein als vor ein paar Tagen. Nach Budweis komme ich über eine nördlichere Straße hinein, die Bahngleisüberquerung wird dadurch ungleich leichter, der riesige quadratische Platz – heute ist Freitag – wirkt viel belebter, fast als wäre es eine andere Stadt.

Von hier ab führt es mich in neue, fremde Gegenden. Die Moldau aufwärts, das bedeutet heute: nach Südwesten. Der Fluss ist schmaler und schmaler geworden, heute erscheint er erstmals in der faszinierenden Bewegtheit eines Gebirgsflusses.
Entsprechend wird die Landschaft bergig, mein Weg auch. Und meine Beine sind noch müde, sind voller tagelanger Pensionsträgheit.
Als dann noch ein Mensch von hier, ein „Engel“, wie man ihn nennen könnte, mir empfiehlt, auf keinen Fall auf einen der Krumlauer Zeltplätze zu gehen, weil diese alle vom Rafting-Hype überschwemmt seien, statt dessen sei das Kemp in Zlata Koruna zu Füßen des Klosters ruhig und inmitten der Natur gelegen, als dieser Wink auch noch kommt, kehre ich erstmals schon gegen vier Uhr meinem Weg den Rücken und stelle mein Zelt auf.

Gut ist das. Zeit. Unendlich viel Zeit. Die Moldau lockt. Sie lockt sogar stärker als mein Magen knurrt. Ich lasse mich darauf ein … und stehe bald mit den Füßen drinnen. Es ist nicht kalt. Oder besser: ich will, dass es nicht kalt ist. Ich möchte nämlich in dieses Wasser hinein. Und tue es. Schwimme. Eine ideale Gegenschwimmanlage, die Moldau hat genau mein Tempo, egal ob ich vorwärts oder rückwärts schwimme.
Es ist übrigens mein erstes Bad in diesem Sommer. Ich bade nicht gern, eigentlich. Es muss schon viel zusammenkommen, dass ich mich vom Wasser angezogen fühle. Hier war es so. Das lebendige Fließen. Die Sonne schräg hinter den Bäumen. Die glitzernde Oberfläche. Die Schemen des Klosters und sein Läuten. Die Alleinsamkeit. Das alles.

Später wird es noch voll auf dem Platz. Wasserwanderer, zahlreiche. Am dichtesten an einen dran stellen sich übrigens die Deutschen. (Oder sagen wir mal vorsichtiger: Die nichttschechisch-sprechenden Menschen. Dies ist wohl tatsächlich wahr. Und nicht nur auf diesem Platz.) Warum denn bitte, wenn eine halbe Moldau mit ihren Ufern frei ist? Man könnte problemlos in eine der Ecken der vielen Wiesen ziehen.
Dies ist, was ich dann tue. Mit meinem Buch, meinem Bier, mit mir allein. Ich muss ja den langen Abend nicht in der Nähe meines Zelts verbringen:)

Trebon – Jindrichuv Hradec (#3wegsam27)

Was der Abend nicht gab, schenkt der Morgen. Ruhe, so viel Ruhe wie selten an einem Ort. Der See hat noch seine Nebeldecke an, als ich aus dem Zelt blicke. Die Sonne ist hinter den Bäumen erst zu erahnen und kommt kurz darauf hervor. Enten spielen und schnäbeln miteinander, später schwimmen sie in immer größer werdendem Schwarm vor meinem Zelt auf und ab.
Alle Zeltnachbarn sind weit genug weg oder frühstücken so ruhig in der Sonne, dass ich sie kaum bemerke, ebenso wie die Wohnmobilburgen oben auf dem Hügel. Kinder streifen am Ufer umher, mit Keschern auf der Suche nach irgendetwas. Erinnerungen an früher werden wach. Es ist doch noch ein guter Ort geworden.

Die Kinder, so whatsappen sie, brechen gerade erst aus Italien auf, ich habe also Zeit über Zeit, sind ja nur noch 30 Kilometer.
Den ersten und zweiten Kaffee koche ich aus dem Zelt heraus, trinke ihn im Schlafsack sitzend. Auf den See könnte ich stundenlang blicken, da geschieht so Unglaubliches. Zum Frühstück gibt es einen dritten und vierten Kaffee und alle Reste, ich werde in den nächsten Tagen nicht zelten.
Es ist eine seltame Vorstellung, das Zelt nun für eine Weile zu verpacken, heute Abend ein festes Dach überm Kopf zu haben. Aber noch bin ich auf der Straße, für ein paar wenige Stunden.
Diese vergehen schnell. Ich träume vor mich hin, fahre – nach einem kurzen Stück, wo mich das Navi auf eine vierspurige Europastraße geworfen hat: hui, das rauscht und ist unheimlich – auf abgeschiedenen Feldwegen und Sträßlein vor mich hin. Dass ich am Freitag weiterfahren werde, erleichtert mir das Abschiednehmen von dieser Etappe. Denn ja, ich war gut angekommen im Unterwegssein, könnte meinetwegen noch eine Weile darin verweilen.

Doch das Ziel, das Zwischenziel ist schnell da, da kann ich Pausen machen wie ich will, irgendwann stehe ich am Ortseingangsschild.
Geschafft, ist ja trotzdem ein schöner Gedanke. Ich bin wohl sehr in der Gegend herumgeeiert, wenn ich von Berlin hierher 900 Kilometer verfahren habe. Sie hat mich genau an die richtigen Orte gebracht, diese kurvige Fahrt.

Und während wir uns stürmisch begrüßen, ich mein Rad in den Hof zum Radschuppen schiebe, alles Gepäck abnehme, während wir alles alles erzählen, ein wahrer Nachholsturm an Kommunikation auf allen Seiten, während ich im Zimmer dusche und mich die ungewohnte Wärme eines Stadtzimmers im Gesicht glühen lässt, während wir durch die kleine Stadt schlendern, auf der Suche nach Eis und Bier und einem würdigen Ort für diesen Wiedersehensabend, während ich dann ungewohnt in einem hitzewarmen Zimmer in den Schlaf zu finden versuche, während des ganzen Tages bin ich einfach nur dankbar, diese zwei Wochen gehabt zu haben.
Dankbar für das mir wohlgesonnene Wetter und die friedliche Landschaft, die mich getragen hat.
Dankbar für das brave Rad, welches zuließ, dass die Reparatursachen jeden Tag ein Stückchen tiefer in den Packtaschen verschwanden. (Vielleicht sind sie gar nicht mehr da, schon durch den Taschenboden hinausdiffundiert?)
Dankbar für die Zeit mit mir selbst, meinen Gedanken, meinen Sehnsüchten, meiner Suche nach diesem und jenem und den Antworten, die es darauf gab.
Dankbar für meinen inneren Frieden an diesen schlichten Tagen voll lebendigsten Lebens.

Als wir abends durch die vielen hundert Kamerabilder scrollen, einfach weil wir – ich ja auch – neugierig sind, was dort alles abgebildet ist, fällt mir eines auf. Die Landschaft sieht immer unspektakulär aus. Sie ähnelt sich, egal ob sie die Seenlandschaft bei Berlin, den Spreewald, das Bautzener Hügelland, die Berge längs von Elbe und Moldau, die Seenwelt um Trebon zeigt, mein Auge hat sich offenbar an einem Faden des einfachen Seins entlanggehangelt. Meine Seele auch.
Vielleicht sollte ich mir diese Ansichten auf einer Bilderschnur später in mein Zimmer hängen. Ein Faden des einfachen Seins, rings um meinen heimischen Schreibtisch. Damit ich nicht vergesse, dann wieder, in zwei Wochen ja schon, was das Wesentliche ist.

Aber zunächst sind wir hier. Im kleinen Jindrichuv Hradec, bei und mit Freunden, musizierend und (innerlich) singend. Sohnesgeburtstag feiernd, auch das. Tschechische Kerzen stehen schon bereit.
Und dann folgt die Heimfahrt. Am Freitag steige ich wieder aufs Rad.

  

Hnevkovice – Trebon (#3wegsam26)

Um fünf Uhr werde ich wach, muss raus und sehe als Belohnung die ersten Anfänge der Morgendämmerung. Wie schnell die Himmelsecke röter und röter wird …
Das nächste Mal weckt mich die Sonne, als sie unten durch den Zeltboden hineinscheint und dabei bizarre Schatten der Gräser in mein Blickfeld wirft. Es sind die kleinen Dinge …
Der Tag hört nicht auf mich zu beschenken. Barfuß im taufeuchten Gras laufen, in der Stille des Ortes. Später kommt ein kleines Mädchen auf den Spielplatz – ich stehe ja direkt daneben – und spielt versunken vor sich hin. Sie beginnt zu singen – immer wenn ich schaue, hört sie auf, also schaue ich nicht – und ich höre ihrem Glück einfach zu.

Als Weg wähle ich den gestern vom Zeltwart empfohlenen, den auf der anderen Flussseite, die Menschen vor Ort kennen sich schließlich besser aus als meine Radkarten. Ja, es beginnt „horribel“, wie er sagte, mit einem steilen Anstieg. Und die Steigungen reißen auch im Laufe der Strecke nicht ab.
Aber es ist ein Traum dort oben. Bilder fliegen vorbei, zum mittenhineinverlieben. Selten habe ich so oft bei Bergabfahrten gebremst, einfach um länger etwas vom Anblick zu haben. Und die Aufstiege bemerke ich kaum. Nicht nur, weil mich die Welt ringsum gefangennimmt. Auch, weil der Gegenwind weg ist. Jetzt erst fällt es mir so richtig auf: gestern war jeder Höhenmeter (und jeder andere Meter auch) gegen mistralartigen Gegenwind zu erkämpfen. Heute, in Windstille, fliege ich nur so aufwärts:)
Später führt der Weg an den Fluss hinunter. Das gab es seit Prag kaum. Diesmal bleibt er sogar für etliche Kilometer dort unten. Die letzten vor Hluboka, und die gesamte Strecke von dort nach Ceske Budejovice, nach Budweis.

Hluboka, ein mir bekannter Name, Bilder aus dem Kindheitsfotoalbum, ein weißes Schloss, so zeigen es die Schwarz-Weiß-Bilder aus den Achzigern. Nun taucht es in echt vor mir auf, dieses Schloss. Huch: Es steht hoch oben. Und es sind 32°. Ich stöhne auf. Und beschließe umgehend, das Schloss dann eben auf dem Berg liegenzulassen.
Aber in den Ort hinein will ich. Auch der liegt erhöht, macht nichts, ich brauche eh eine Picknickbank, und einfach am Ort vorbeifahren, mag ich nicht.
Oben im Ort ist es voll. Es ist Samstag, es sind viele Menschen unterwegs, auf den Radwegen ja auch schon. Hier kommen österreichische Tagesausflügler hinzu, die Autokennzeichen zeigen die Grenznähe an. Und nicht weit von hier beginnt das südtschechische Seenland, in dem man sicher wunderbar urlauben kann.
Ich sitze also auf meiner schattigen Bank, esse, trinke, schaue den Menschen zu, etliche Hochzeiten und ein historischer Umzug kommen vorbei.
Und plötzlich weiß ich: ich gehe doch zum Schloss hoch. Gehen ist das richtige Verb, schieben ja eigentlich. Ich will das plötzlich. Und so schiebt es sich leicht.
So ist es ja oft, denke ich, wenn man nicht muss und sich selbst die Freiheit gegeben hat, ob oder ob nicht, dann geht es plötzlich viel besser. Oder? Schwer ist nur, was man tun muss, egal ob selbst- oder fremdverordnet. Was man tun will, ganz freiwillig, das wird leicht. Nicht ohne Anstrengung, das meine ich nicht mit leicht, aber eben selbstgewählt und daher doch wie von allein.
Ich schiebe hinauf … und erkenne oben das Schloss tatsächlich wieder. Wobei: ich hätte schwören können, dass es zwei hohe Türme hat. Vielleicht ist der eine davon in den letzten 35 Jahren durch Erosion abgetragen worden:)

Wenig später bin ich in Budweis. Glühende Hitze mittlerweile, so machen Städte erst recht keine Freude. Nur beim Straßenfest bleibe ich gern stehen, spielende Kinder, Menschen, die miteinander wie Nachbarn wirken, eine warme Atmosphäre, nicht nur von den äußeren Temperaturen her. Um ein Haar wäre ich einem Bier erlegen. Nur die Vernunft lässt mich innehalten: ich würde es danach bei der Hitze vermutlich kaum zum Zeltplatz vor den Toren der Stadt schaffen.
So gehe ich weiter, auf den riesigen quadratischen Markt. Eine Kunstinstallation zieht mich an, lauter Flügel aus verrostetem Eisen bilden eine regelrechte Flügelstraße, auf den zentralen Brunnen zu. Die beigefügte Erklärung auf tschechisch verstehe ich natürlich nicht, aber ich fotografiere sie mir ab, für alle Fälle. Ein paar Meter weiter steht ein echtes, verstimmtes:) Klavier. Vorbeikommende setzen sich daran, ab und zu klimpert es über den Platz, manchmal erklingt Musik.
Daneben stehen riesige Bildsäulen. Stadtansichten aus früherer und heutiger Zeit, eine Stadt im Wandel eines Jahrhunderts. Schockierend, dass manche Ecken verschwunden oder durch gesichtslose Quader ersetzt wurden. Faszinierend, wie sich manche typische Straßenzüge doch erhalten haben. Veränderung neben Bewahren, es ist ja immer beides.

Und jetzt? Ich stehe auf dem Markt, die Sonne brennt, es ist noch nicht mal vier Uhr, ich könnte weiterfahren oder mir eine Bleibe suchen. Unentschlossenheit nennt man diesen Zustand, in dem ich über den Markt schleiche.
Ich beginne nach Zeltplätzen in der Nähe zu suchen, für morgen blieben mir dann 60 Kilometer. Nur: in der Richtung, in die ich muss, liegen keine. Für alle hiesigen Plätze müsste ich zurückfahren, und das mag ich nicht. Also: vorwärts.
Aus der Stadt hinaus, das ist gar nicht so einfach. Die Eisenbahntrasse kann ich durch eine Fußgängerbrücke überwinden, die Industrievororte danach ziehen sich grau in grau, ein erschreckender Anblick, abseits der touristischen Wege sieht es im Land also zuweilen so aus. Aha. Jetzt verstehe ich, warum sich in dieser Richtung Zelten einfach nicht anbietet.
Von den staubigen Straßen mehr erschöpft als vom sonstigen Tag, falle ich an der Stadtgrenze noch einmal in einen Supermarkt ein, es ist Samstag Nachmittag, höchste Zeit für Nahrungssuche. Ich schleppe aber vor allem Getränke hinaus, dies entspricht meinem dringlichsten Bedürfnis. (Nein, kein Bier. Da verlasse ich mich in altbewährter Weise auf den Zeltplatz:))

Der Blick auf die Karte, ins Internet und – dann doch mal, weil die Karte zu wenig fein ist – in die Navigationsapp ernüchtert mich. Nächster Zeltplatz in Trebon, knapp 30 Kilometer, dazwischen ein Bergrücken zu überwinden, und es ist schon fast fünf.
Nun ja, sage ich mir, komme ich eben später an, später als es mir lieb ist. Wird schon irgendwie werden. Und strample los.
Und tatsächlich wird es. Die Strecke, die Distanz verliert an Unheimlichkeit, je später es wird. Vielleicht beruhigen mich die Seen, an denen ich vorbeifliege. Oder die schlichte Ruhe in den Dörfern, all das Unspektakuläre. Die sich senkende Sonne, das milde Licht. Was soll mir schon geschehen in einer derart sanften Welt?

Nun, und wirklich, mir geschieht natürlich nichts. Nichts Schlimmes jedenfalls. Nur atemberaubende Blicke. Und ich komme spät an, das ist alles. Finde sogar noch ein ruhiges Plätzchen direkt am Wasser, ganz für mich, optisch jedenfalls.
Denn im Unterschied zu den vorigen ist dieser Platz groß und voll und – ja, auch das – laut. Wohnmobilburgen, doch die passen nicht in den Uferstreifen. Autos über Autos. (Dürfen Radfahrer eigentlich für jede knallende Autotür eine Tüte lautstark platzen lassen?)
Dazu gibt es Samstags Live-Musik, gratis. Gern hätte ich den See ohne diese erlebt. Naja.
Nach einem nur minikleinen Abendessen, wegen Mücken, Dunkelheit, des neben mir ankommenden Motorrads, der lauten Musik gebe ich das Sitzen am Zelt, am See auf und füge ich mich den Tatsachen. Es ist hier eben nicht wie an den vergangenen Tagen, das kann ich mir wünschen wie ich will, da kann ic hadern so sehr ich möchte. Den Abend möchte ich trotzdem nicht an einen Groll verlieren, also gehe ich mir ein Bier holen und setze mich damit auf eine der Bänke am Kinderspielplatz.
Anders, als ich mir meinen vorerst letzten Zeltabend vorgestellt habe, kann ich nur meinen Fokus anderswohin richten. Auf diese Kinder hier etwa, in ihrer Lebensfreude, in ihrem freien Spielen und Toben. Genau zu denen setze ich mich, hier geht es mir gut, hier höre ich das Laute bald gar nicht mehr.
Ein Mädchen schaukelt bis zum Himmel und juchzt dabei. Wäre eigentlich auch mal wieder Zeit dies zu tun …

Stedronin – Hnevkovice (#3wegsam25)

Ganz schön was los in so nem Jugendlager. Frühsport mit rhythmischen Wachwerderufen an allen Ecken des Kemps. Ich hätte das in frühere Zeiten verortet.
Und sowieso sind Kinder, wenn sie mal wach sind, eben wach. Im Gegensatz zu mir. Es ist so früh, dass mein Zelt noch Tautropfenregen produziert, wenn ich versuche es zu öffnen. Weiterdösen also, bis ich trocken rauskomme.
Schreiben dann, bei schon geöffnetem Zelt. Blauer Himmel, gleich kommt die Sonne um den Zelteingang, und Seeblick an Bäumen. Ich nenne es jetzt einfach mal See, obwohl es eine Schleife der oder des Otava ist. Ein Nebenfluss der Vltava, der Moldau. Immer noch weiß ich nicht, was dieser Name bedeutet, und wie es zu der deutschen Entsprechung kommt.

Meine ruhige Zeit am Morgen, die habe ich heute mal beobachtet. Mit dem baldigen Ankommen am zweiten Pausenort der Reise in Jindrichuv Hradec steigen auch Nachhausekommgedanken auf. Schon, so schnell.
Ich möchte Dinge mitnehmen, von hier in den Alltag tragen. Diese Morgenruhe zum Beispiel. Es kommt Euch vielleicht seltsam vor, aber heute schaue ich genau auf die Uhr, um herauszufinden. Was eigentlich? Das Mitzunehmende, das Übertragbare.
Vom Aufwachen bis zum Losfahren sind es ziemlich konstant vier Stunden, die ich mir hier täglich nehme. Ich tue das nicht bewusst, sondern es läuft darauf hinaus. Mit weniger geht es mir nicht gut, dann wird der Morgen gehetzt.
Zu Hause natürlich kann ich ja kaum um drei Uhr aufstehen. Allerdings ist da auch kein Zelt einzupacken. Lässt sich das Ruhespendende aber mitnehmen, und was ist das überhaupt?
Meine erste Stunde ist Wachwerden, Dösen, eine erste Runde in der Umgebung drehen, mit Toilette, klar. Geduscht habe ich meist schon abends, manchmal mache ich das auch auf der Morgenrunde, da ist es immer noch leer im Waschraum.
Die zweite Stunde ist Schreiben und Lesen, oft im Zelt, weil es draußen noch feucht ist. Sitzend am offenen Zelteingang, in der Morgenkühle.
Nach zwei Stunden, spätestens wenn die Sonne das Zelt erwärmt, unerträglich als Kontrast zur Morgenkühle, stehe ich auf. Dann packe ich. Heute mit Blick auf die Uhr. Nach 30 Minuten ist das meiste Zeug vom Zelt auf dem Rad. Nach weiteren 30 Minuten ist das Zelt gewendet, getrocknet, und ich habe gefrühstückt.
Die letzte Stunde – echt, das hätte ich nie gedacht – vergeht mit tausend Minihandgriffen. Zeltzusammenlegen, Esstasche packen, Schuhe anziehen, Tacho zurücksetzen, eincremen, Flaschen füllen, Solarpanel auschnallen, Taschengurte abklipsen&einpacken, Mülltüte wegbringen, trocknende Handtücher einsammeln, Weg auf Karte erinnern, und weitere 989 Dinge. Echt, damit geht eine Stunde rum, wenn ich alles in Ruhe mache, mich nicht beeile.
Hätte ich nicht geglaubt. Eine wunderbare Zeit. Wann habe ich zu Hause schonmal Zeit, so viele Dinge eines nach dem anderen in aller Bewusstheit zu tun. Es geht mir gut dabei.

Aber zu Hause? Ich hoffe ja, dieses gute Gefühl lässt sich mitnehmen. Mich morgens nicht hetzen. Es gibt ja dort keine tausend Handgriffe, höchstens hundert. Und wenn ich abends schon vieles bereitlege, bleiben zwanzig. Für die ist dann die selbe Ruhe wie hier. Und die, die es gibt, kann ich soweit reduzieren, dass sie in aller Ruhe in eine halbe Stunde passen.
Bleiben die zwei Stunden vorher. Was brauche ich davon? Wachwerden dürfen, dösen, im Garten spazieren, lesen und schreiben in viel Ruhe. Ich glaube, das brauche ich. Wenn ich mir dazu im Alltag anderthalb Stunden schenke, dann klingelt der Wecker um fünf. Ja, das ginge. Hört sich gut an. Das versuche ich weiter so zu machen:)
(Seltsam, wie ich hier meinen Alltag antizipiere und vorbereite? Für mich nicht. Weil mir wichtig ist, in zwei Wochen nicht unvorbereitet wieder hineinzuknallen und auf dem Boden der Realität aufzuschlagen.)

Auf dem Weg. Ich halte nochmals an der Stauseebrücke, der Blick fasziniert auch am Morgen. Auch sonst bin ich froher Dinge. Das Reflektieren meiner morgendlichen Bergangst hat diese gelöst. Wäre ja auch eigenartig, wenn es mir tagsüber in meinem Rhythmus immer gut ginge, und ich morgens trotzdem in Unbehagen verfallen würde.
Heute wird es ruhig, ich will nicht so weit fahren, habe Lust, mich in den Dörfern auf die Bänke an den Dorflinden zu setzen und in jedem Ort ein wenig zu verweilen. Statt der langen Waldstrecke hoch hinauf suche ich mir kleine Sträßlein über die Felder. Von Ort zu Ort, damit kann man den Tag verbringen.
Von Laden zu Laden hangele ich mich dabei ebenfalls. Weil ich eine Gaskartusche suche und es in jedem Dorfkonsum erneut versuche, und weil ich wegen der seltenen Geschäfte bei jedem denke, dies könnte das Letzte vor dem Abend sein, also lieber nochmal einkaufe. Auf die Weise ernähre ich mich von einem Joghurt oder Kefir nach dem anderen, von Obst, von immer dem, was ich frisch gekauft habe.
Eine Gaskartusche finde ich dann auch noch, am Abend in einem „Eisenwarengeschäft“ – wie heißt das eigentlich bei uns, vergessene Wörter im Kaufhauszeitalter.

Vielen Menschen schaue ich heute zu, ihrer Ruhe, ihrem normalen Leben.
Im ersten Laden bindet die Verkäuferin seelenruhig ein Lebensmittelpräsent zusammen, addiert alle Preise schriftlich, schwätzt mit den drei Frauen, die inzwischen warten. Diese lassen mich dann vor, vielleicht wirke ich, als hätte ich es eilig? Sie schieben mich nach vorn, wer weiß warum, und ich beginne meinen Frage-Zeige-Stotter-Sucheinkauf. Bekomme dabei erklärt, wie die verschiedenen Teigwaren heißen. Hrolik ist ein Hörnchen, das merke ich mir, Chleb das Brot, das wusste ich schon, und was Brötchen heißt, vergesse ich umgehend.
Draußen vor dem Laden sitzen Männer und haben zahlreiche Bierflaschen geleert, es ist vormittags.
Der Tankwart, den ich nach den Kartuschen frage, erklärt mir mit viel Geduld und Händen und Füßen, wo im Ort ich fragen könnte, wo er eine Chance sieht. Währenddessen blockiere ich mit meinem Rad die Tankspur und den Wart, hier wird noch bedient, das scheint aber niemanden zu stören. Ich bekomme zu Ende erklärt und dann mit Gute-Reise-Wünschen weitergeschickt. Die Autos fahren an die Tanksäule, als ich den Weg freigemacht habe.
Der winzige Eiskiosk am Dorfrand im Nirgendwo, ich wundere mich über die Eisfahne und vermute, dass geschlossen ist. Doch nein, ein junges Mädchen sitzt dort, scheint nur auf mich gewartet zu haben. Ich sage „ein großes Gemischtes“, so wie es geschrieben steht, und – so meine ich – wie die Leute es aussprechen, doch sie versteht mich nicht. Das ist frustrierend, ich habe mir extra die Ausspracheregeln angeschaut, höre den Menschen genau zu, sage das Gleiche, und werde nicht verstanden. Mit Zeigen und Nicken geht es ja, aber trotzdem. Und dass der Kiosk abgeschieden liegt, weit gefehlt. Mal springt ein Kind aus dem Gebüsch, mit Hund an der Leine, kauft ein großes Schoko, dann hält ein Auto, eine ganze Familie klettert heraus, ein Lieferwagen mit zwei Männern, eine Schar Kinder vom Hof gegenüber, alle alle kommen hierher an den Kiosk am Ende der Welt und essen Eis. Während meines Softeises ist die halbe Region vorbeigekommen. Zwischendurch sitzt das junge Mädchen auf der Bank neben mir und wartet auf die nächsten Käufer.
Der Mann im Eisenwarenladen, ich sage nur Camping Gaz, kriecht ins hinterste Regal und findet tatsächlich, was ich suche. Das letzte Mal scheint so etwas vor 50 Jahren gekauft worden sein, er bestaunt das Objekt, bevor er es mir in die Hand drückt. Gleich darauf schließt er den Laden. Ja, das war mir anderswo schon aufgefallen, auf den Dörfern ist teilweise um vier Uhr schon zu, hier in der Stadt ist es 17.30. Er schließt die Tür ab, und gleich darauf kommt eine Frau auf ihn zugeradelt, mit zwei Kindern auf dem Rad. Sie übergibt das Rad an ihn, es sind also seine Kinder, er redet mit ein paar Nachbarn, steckt seinen Kindern Stücke vom Hörnchen in den Mund, fährt dann los. Beim Eisladen sehe ich die drei wieder. Und später noch auf dem Flussradweg vor den Toren der Stadt. Er hat Feierabend und feiert diesen gebührend.
Der Mann auf dem Campingplatz, der mit mir den gewesenen und morgigen Radweg bespricht. Mir zum Weg auf der anderen Flussseite rät, weil zwar beide „horribel“ seien, aber der jenseitige neuer ist, da sei der Asphalt wenigstens gut. Er schaut extra noch mit mir auf seinem großen Monitor und zeigt mir die Qualität des Asphalts bei Goo.gle.maps:)
Oft werde ich auf der Straße angesprochen. Ich kann dann meist nur mit den Achseln zucken, würde gern in so manches Gespräch einsteigen. Ich würde gern wissen, wie die Menschen leben, würde mir von ihren Dingen erzählen lassen. Die Sprache fehlt mir wirklich.

Abends. Ein Zeltplatz wie schon öfter ohne ein einziges Zelt. Aber leer ist es nicht, man verbringt Ferien in Campinghütten, das scheint hier üblicher zu sein als zu zelten. Ich stelle meine kleine grüne Kuppel am Rande der Spielwiese auf, im Laufe des Abends bekomme ich noch kleinen zuschauenden Besuch, sonst aber bin ich weit weg von allem und nahe am Blick in die Weite.
Wieder übrigens, weil ich es ja heute morgen so beobachtet habe, fällt mir die lange Zeit auf, die ich auch abends brauche, um mich wohl zu fühlen. Ankommen nach sechs Uhr ist unbehaglich, weil ich wieder vier ruhige Stunden vor dem Schlafen möchte.
So wie ich morgens lange brauche, um im Tag anzukommen, muss ich auch auf jedem neuen Platz erst ankommen. Einen guten Ort, eine gute Richtung für das Zelt suchen und mich dann erstmal dorthin setzen. Nur wenn das Zelt feucht wäre, würde ich es sofort aufbauen. Wunderbare Tage aber, an denen das nicht drängt. Bestimmt eine Stunde sitze ich einfach so da, schaue auf der Karte nochmal meine Strecke an, dazu in der Kamera die Bilder, erinnere mich, reise meinen Tag nochmals in Gedanken durch. Erst dann kommt – je nach Stimmung, Hunger und Schmutzigkeitsgefühl – Kochen, Zeltaufbau und Auspacken oder Duschen.
Meist ist Kochen das Letzte, es wird dann schon dunkel. Im versinkenden Tageslicht mit meinem Topf sitzen, essen und schauen. Nichts weiter.
Danach noch – weil es mir zu schwer ist und dann nicht kühl wäre, schleppe ich es nicht mit – ein Bier trinken gehen. Das gab es noch auf jedem Zeltplatz. Und es schmeckt immer …

Hrachov – Stedronin (#3wegsam24)

Im noch kühlen Morgenwind zu radeln tut mir gut. Auch wenn es sofort bergauf geht.Warum das heute anders ist als gestern, geht mir durch den Kopf. Ich verausgabe mich nicht, und fahre doch einen Weg, den ich mir selbst kaum zugetraut hätte, vor kurzer Zeit noch. Weil ich ihn im eigenen Tempo gehe, wird es ein guter Weg.
An frühere Zeiten erinnere ich mich, als ich in den Bergen immer die langsamste und letzte war, so hat es sich in meinem Kopf eingeprägt. Schon als Kind, später zu Studienzeiten mit den Freunden, immer genügte ich nicht dem Tempo. Oder konnte dieses nur mithalten, wenn ich keuchte und schnaufte und am Abend restlos erledigt war. Aus dieser Zeit muss der Reflex stammen: Wenn es in die Berge geht, sei vorher bitte angespannt. Dies hat seinen guten Grund.
So war es ja gestern. Mein Uraltmuster hatte leichtes Spiel, mal wieder. Gefangen im Respekt vor den Anstiegen, innerlich angespannt habe ich mich selbst der Strecke in den Weg gestellt. Erst im Laufe des Tretens, des Schiebens auch, konnte ich mich von den Uraltängsten freimachen.
Heute hilft mir das Gestern. Heute weiß ich schon, dass ich auch gestern hochgekommen bin. Dass ich – wie jetzt schon so oft mit dem Rad – einfach Tritt für Tritt fahre, kaum müde werde, alles langsam mache, absteige wenn es passt, so dass ich all die Zeit im gleichen Rhythmus bin. Dass ich dann, egal wie lange es bergauf geht, oben ankomme.

Ja, wenn ich innerlich ruhig bleibe, ist es ein überwältigendes Gefühl, auf die Berge hinaufzufahren. Während des Aufstiegs wird es ganz still in mir. Manchmal begleite ich mich selbst durch ein rhythmisches Klavierspielen der Finger, oder ich lausche meinem Atem, stelle diesen auf die Trittfrequenz ein. Oft aber ist Zeit nach rechts und links zu schauen. Da ist so viel zu sehen und zu hören, wenn ich nur langsam bin. Geschenke des Aufstiegs.
Obensein belohnt durch Abgeschiedenheit, zumeist, durch stille Dörfchen, durch die ich andächtig rolle, und durch den weiten Blick. Atemberaubend, immer wieder. Auf Fotos lässt sich das nicht zeigen. Ein ums andere Mal bin ich enttäuscht, wenn ich auf den Auslöser gedrückt habe.
Die Abfahrt belohnt durch den kühlenden Wind und das Gefühl zu fliegen. Oft bremse ich, um dieses Gefühl länger für mich zu bewahren.
Später am Tag treffe ich auf eine Hochebene, so ähnlich könnte man die nur noch leicht auf und ab schwingende Landschaft nennen. Ganz ungewohnt plötzlich, durch Treten in eine hohe Geschwindigkeit zu kommen und kurvige Landstraßen entlangzuschwingen. Seit zwei Tagen hatte ich das nicht. Auch mal wieder schön:)
Heute ist Glücksgefühlstag, irgendwie. Bei allen Anstrengungen, die der Weg fordert, nicht weniger als gestern sind das, bleibe ich viel mehr in mir und atme die Strecke ein …

Essen, übrigens, Essen finde ich auch. Ich weiß nun schon, dass es in den Dörfern oben oft schlecht aussieht mit Einkaufsmöglichkeiten. Gestern hatte ich nichts mehr gefunden, konnte nur aus den Langzeitvorräten – Nudeln mit rot – kochen und morgens ein trockenes Hörnchen mit den letzten Partnerortkeksen frühstücken.
Jetzt am Fluss, ein Laden, ich kaufe einen Korb voller Essen. Joghurt, Käse, Obst, neue Hörnchen, Waffeln. Bis zur Ankunft am Abend ist das nahezu alles weg. An den besten Picknickplätzen der Welt: unter einer riesigen Kastanie mit Weitblick, an einem Dorfteich in der Mittagsstille, an einem See, der auch in der Berliner Umgebung hätte liegen können.
Und wieder finde ich am Abend keinen Laden, um die Vorräte fürs nächste Frühstück aufzufüllen. Obwohl die Ortschaft recht groß und mit einigen Gasthäusern versehen ist – ein Lebensmittelgeschäft ist nicht dabei. Immerhin habe ich diesmal noch zwei Hörnchen, ein Stück Käse und eine Nektarine übrig. Geradezu fürstlich:)

Im Laden übrigens bin ich – trotz Selbstbedienung – in der Lage, den gesamten Laden aufzuhalten. Als ich nämlich an der Kasse frage, wo die alten Batterien zu entsorgen seien. Sie zeigt auf eine Kiste, ich bin kurz davor, die Batterien hineinzuwerfen, als sie „(a)no“ sagt. Ich verstehe natürlich „no“ und ziehe reflexhaft meine Hand zurück. Weise auf die anderen Kisten, sie redet und redet, die scheinen alle falsch zu sein, ich tue wiederum meine Hand an jene Kiste, sie wiederum „(a)no“, ich zucke wiederum zurück. Letztlich kommt sie um ihren Tisch herum, wirft die Batterien selbst dort hinein, wir lachen, und ich erinner mich: „ano“ heißt „ja“.
(Warum eigentlich klingt „nein“ in allen Sprachen so ähnlich, beginnt jedenfalls immer mit n, und „ja“ hat so unterschiedliche Namen – yes, oui, si, tak, da, ano … wie kommt das?)

Heute habe ich meinen Radweg Nr. 7 wiederbekommen. Warum auch immer – so lange ich im mitteltschechichen Kraj unterwegs war vielleicht? – hatte der andere Nummern. Durch Prag hindurch war es die A2, nach einem kurzen namenlosen Stück wurde die 301 daraus, dann die 111. Erst hier heißt er wieder 7 und hat den dreieckigen blauen Moldau-Aufkleber. Man findet sich wieder ohne langes Kartenstudium zurecht.
So straßenfern wie damals ist er allerdings nicht mehr. Im Gegenteil, man fährt zumeist auf kleinen Autostraßen. Die sind zu 95% unbelebt. Nur die 5% Fernstraße, über die ich am Abend muss, die sind äußerst unangenehm. Ab und zu rasen Autos in beängstigender Nähe vorbei.
Irgendwo auf einer Straßenkreuzung treffe ich eine herumsuchende Alleinradlerin. Sie fragt mich auf englisch nach dem Weg, ich kann helfen, wir reden so über das Radfahren und dies und das, ganz leicht komme ich mit ihr ins Gespräch, als plötzlich – wir stehen ja mitten auf einer Dorfkreuzung – doch mal ein Auto kommt. Es könnte locker hinter uns vorbeifahren, der Rest der Welt hat ihm Platz gemacht, doch es hupt. Klar, wir stehen auf seiner Spur.
„She must be a teacher“, sagt die Frau. Bestimmt hätte sie jetzt schon zu lange Ferien gehabt und hätte es ganz dringend gebraucht, einmal wieder Recht gehabt zu haben. Ich sage, dass ich auch eine Lehrerin bin. Oh, sagt sie, ich auch. Wir lachen gemeinsam, offenbar über genau das Gleiche. Es scheint keine großen Unterschiede zu geben zwischen hier und dort …

Am Abend will ich an den letzten Ausläufern des Orlik-Stausees bleiben. Den Damm hatte ich mir nicht angeschaut, auch sonst bin ich vorher nicht zum See hinuntergefahren. Erst hier muss ich den See ohnehin queren. Eine Brücke mit spektakulärem Blick auf die felsigen steilen Ufer. Ich kann mich kaum sattsehen …
Aber ich bin noch nicht angekommen. Der auf der Karte und im Netz angegebene Campingplatz existiert wieder nicht, das scheint hier öfter vorzukommen.
Aber wieder gibt es keinen Grund für einen längeren Schreck, denn auch hier findet sich in wenigen Kilometern Entfernung eine andere Möglichkeit. Es ist sogar fast ohne Höhenmeter zu erreichen. Erstmals seit Tagen habe ich ein Kemp nicht für mich, hier ist alles voller Jugendgruppen, das scheinen pfadfinderartige Lager zu sein.
Aber: Diese Art von Belebtheit stört mich überhaupt nicht. Die Mädchen in der Dusche, die Kleinen bei ihrer Abendrallye, die Lagerdisko in der Ferne, das Lachen beim Uno-Spiel in großer Runde – das alles tut mir sogar gut. Vielleicht doch ein wenig Sehnsucht nach der Arbeit?
Obwohl ich gerade heute feststelle, dass ich schon fast vier Wochen unterwegs bin und mir ein ewiges Unterwegssein vorstellen könnte. Vielleicht kann ich es mir ja nur deswegen vorstellen, weil ich weiß, dass es unweigerlich enden wird?

Mechenice – Hrachov (#3wegsam23)

Der Morgen ist laut. Ja, ich schlafe neben der Fernverkehrsstraße, auf der ich gestern die letzten und heute die ersten Kilometer zurücklege. Erstaunlich, dass ich dies nachts nicht hörte.
Der Morgen ist neblig. Nichts zieht mich aus dem Zelt. Die Strecke wird bergig, und auch wenn der Wirt (und die Natur, der Blick auf die Karte ja auch) mir sagen, dass es „dort oben“ wieder „romantisch“ wird, fehlt mir der Antrieb, den heutigen Tag zu beginnen.

Schnellstraße also. Bevor die Steigung beginnt, fotografiere ich den Fluss, ich werde ihn für eine Weile verlassen. Länger verweilen aber ist nicht schön, wegen des Autolärms.
Weg geht es von der Moldau, durch ein Gebirgsbachtal, zunächst auf bequemem Asphaltweg hinauf, rechts und links liegen verstreute Häuschen.
Durch eine Furt ist der Bach zu überqueren, zum Hindurchfahren ist es mir zu glitschig, zum Laufen ist das Wasser für meine Schuhe zu hoch. Also barfuß schieben. Hinterher die Füße in der Sonne trocknen lassen.
Von hier ab wird es steil. Der Asphaltweg ist zerbröselt, die 200 Höhenmeter sind auf kaum zwei Kilometer verteilt, ich passe. Das heißt, ich steige ab. Radwandern, so nennt man diese Tätigkeit dann wohl, der ich keuchend nachgehe.
Das fängt ja gut an mit den unbekannten Etappen. Klar, ich hatte davon gelesen, dass es ein bergiger Weg ist. Aber doch nicht so? Wenn das so bleibt, werde ich nicht am Sonntag in Südtschechien sein können. Oder aber auf Straßen ausweichen müssen, die Route neu legen … Anfänge solcher Gedanken sind da im Kopf, während der sehr langen zwei Kilometer. Aber die zwei Kilometer gehen vorbei, die Gedanken auch. Denn im Moment bin ich hier. Was an den nächsten Steigungen wird, weiß ich nicht. Wie weit ich kommen werde, auch nicht. Alles wird sich finden.

Es wird noch den ganzen Tag auf und ab gehen. Doch niemals mehr so heftig wie am Anfang. Die meisten Anstiege schaffe ich ohne abzusteigen, langsam, ganz wie ich kann, aber ich fahre. Es ist das eigene Tempo, was einem die Kraft verleiht hinaufzukommen.
Oben schenken sich unglaubliche Blicke in die Weite der Berge. Immer hoffe ich, da unten irgendwo die Moldau zu entdecken, nein ich bleibe flussfern, ohne Blickkontakt zum Wasser. Aber ein Traum sind die Blicke von hier oben auch so. Wie immer in den Bergen: Der Schweiß lohnt sich.
Ich wundere mich allerdings, wie oft ich von der Landschaft abschweife, ins Denken hinein gerate, wie weit und ob und ob nicht, solche Planungsüberlegungen. Meine sonstige Bergruhe ist nicht bei mir. Vielleicht weil ich nicht absehen kann, wie hoch und weit es noch wird, weil ich die Steigungen immer wieder unterschätze, weil ich der Straßenkarte so gut wie nichts an Informationen entnehmen kann. (Ja, ich weiß, ich könnte das alles elektronisch herausfinden. Doch dazu ist mir die Zeit in der Landschaft zu schade. Ich habe mich in den letzten Tagen an Reisen nach Papier, Schildern und Sonnenstand gewöhnt, das fühlt sich befreit an und soll auch so bleiben:))

Im Laufe des Tages werde ich müde und setze mich immer wieder an den Straßenrand, dort wo es einladend aussieht. Ein Eis, mitten in einem verlassenen Dorf, eine Treppe mit Blick, für mein Mittagspicknick, eine Bank mitten am Berghang, eine Wiese an einem Teich, so Luftholorte.
Nach 40 Kilometern und 600 Höhenmetern sehe ich erstmals wieder den Fluss, bin unten, fahre rüber. Unglaublich, wie weit und still er ist. Ein See quasi.
Drüben schraube ich mich wieder hoch. Nachmittags fällt mir das leichter, nachmittags erst komme ich richtig in Form.

Gegen sechs Uhr laufe ich einen kleinen Campingplatz an, so schön liegt er, direkt am Fluss. Doch: er ist zu. Einfach zu. Ein Mann auf der Straße sagt mir, seit Ende Juli sei er geschlossen. Eine niegelnagelneue Campinganlage steht mit Sicherheitszaun verschlossen in der Landschaft. Sieht aus wie ein Bankrott, als hätten sich all die neuen Einrichtungsteile nicht abbezahlen lassen?
Wo ich denn schlafen könne, frage ich den Mann. Er weiß auch nicht. Orlik, sagt er. Mensch, denke ich, das sind 20 hügelige Kilometer, es ist schon sechs, das schaffe ich im Leben nicht.
Im nächsten Ort sei ein Hotel. Oh je, bloß das nicht. Aber ich fahre hin, hilft ja nichts. Und sehe auf dem Weg an einem See, einer Moldaubucht, ein paar Hütten stehen, das sieht aus wie eine Ferienanlage. Ich spreche einen Mann an, der an seinem Boot werkelt. Ja, dort könne ich fragen, der Weg dorthin führe hinten über den Wald. Und oben in Hrachov gäbe es zwei Privatpersonen, bei denen könne man Zelte aufstellen. Er habe leider die Telefonnummern nicht, sonst würde er für mich anrufen. Trotzdem danke, sage ich, und schlängele mich zur Ferienanlage durch.
Und schon stehe ich an einem Biertisch voller lustiger Menschen. Ja, klar, das ginge. Sie zeigen mir alles, nennen den Preis (wie auf allen Zeltplätzen, immer sind es 200 Kronen), ich trinke vor Erleichterung und Ankommensfreude erstmal ein Bier, und dann bin ich da. Ein riesiger Wald für mich, außer mir zeltet hier niemand, alle anderen wohnen in Hütten.

Als ich aufgebaut und gekocht habe, gehe ich für ein weiteres Bier nach vorn. Gemütlich hier. Viele scheinen sich zu kennen. Das Sprechen ist schwierig, sie können nur wenig deutsch und englisch, sind trotzdem sehr zugewandt. Ich trinke mein Bier mit Blick auf den See, schreibe, sitze, bin in Gedanken noch im Tag. Und in den nächsten. Noch vier, dann werde ich in der südtschechischen Stadt meine Kinder treffen. Noch viermal schlafen. Allmählich freue ich mich aufs zweite Ankommen.
Vorher aber liegen vier weitere Radeltage mit Aufs und Abs. Darauf einen Becherovka. Der wird mir hier gerade ausgegeben, ich sage nicht nein.

Veltrusy – Mechenice (#3wegsam22)

Ein Schleppkahn fährt mitten durch mein Zelt, so scheint es mir, als ich die Luke öffne. Kurz darauf ein Flusskreuzfahrtschiff. Fehlt nur noch die Aida. Nein nein, die ist zu hoch, Brücken sei Dank. Aber sonst ist hier was los, so früh am Morgen. Hauptwasserstraße. Einen Fluss aufwärts radeln hat was: es wird stiller. Mal schauen, ob hinter Prag auch noch so viel Schiffsverkehr herrscht.
Schiffe machen glücklicherweise keinen Lärm, so bleibt der Morgen trotzdem ruhig. Ich sitze und fühle mich gut in und bei mir. Selbst mit dem Gedanken, dass es heute durch Prag geht, freunde ich mich allmählich an. Ich werde dort am Fluss bleiben, nur einmal zum Markt abbiegen, einmal die Karlsbrücke betreten, mehr nicht, wir waren ja erst vor Kurzem hier. Und dann hoffentlich am Abend den Stadtmoloch hinter mir gelassen haben. Ein paar Kilometer hinter Prag gibt es Zeltplätze, bis dorthin sollte es zu schaffen sein.

Schon vor 10 Uhr bin ich auf dem Weg, dem immer noch, für ein letztes Mal, altbekannten, an dem ich jede Wendung erkenne. Bis kurz vor Klecany, wo wir uns damals den Berg hochschraubten, da wage ich diesmal den Uferweg. Der ist ausdrücklich nicht empfohlen, er sei steil und geradezu gefährlich. Aber scharenweise kommen sie dort heraus, ich frage. Doch, der sei machbar, ab und zu müsse man halt schieben. Und so wage ich es.
Es stellt sich als Trampelpfad heraus. Wurzeln, Steine, Sand, alles. Wenn der Pfad weniger als einen Meter von der Uferkante entfernt verläuft, steige ich ab. Wenn die Uferkante mehr als drei Meter über dem Wasser liegt, steige ich ab. Ich steige eigentlich die ganze Zeit ab. Könnte ja sein, dass das Rad sich auf einer der zahlreichen Wurzeln verhoppelt, bei aller Konzentration: Es ist nicht ganz ungefährlich. Zu Fuß fühle ich mich besser. (Wahrscheinlich wäre es oben lang letztlich schneller gegangen. Hinterher ist man schlauer.)
Mit Kindern, übrigens, empfehle ich ausdrücklich, diesen Abschnitt am Ufer keinesfalls zu fahren. Bloß gut, dass wir dies vor zwei Jahren nicht taten.

Und plötzlich tauchen die ersten Häuser auf, ich bin auf den bequemen Asphaltwegen nach Prag hineingerollt, ohne es gemerkt zu haben. Links der Zoo und Schloss Troia, rechts die Kajaktrainingsstrecke auf dem Fluss. Schnell nochmal ins Gebüsch, bevor die Gelegenheiten vorbei sind. Ich stelle mir baldige Häuserschluchten und heftiges Autogedrängel vor.
Doch der Weg hält mich vom wilden Stadtleben fern. Bis kurz vor der Karlsbrücke fahre ich von Autos unbehelligt direkt am Wasser. Erst im unmittelbaren Zentrum ist kein Platz mehr für eine Radspur, deswegen soll man die Straße benutzen, sagt das Schild. Nein danke, die fahren dort dicht an dicht im Schritttempo, ich schiebe lieber auf dem Gehweg.
Schieben wird ohnehin meine Fortbewegungsart über Karlsbrücke und Altstadtmarkt sein. Nur darauf möchte ich einen kurzen Blick werfen, nachdem wir vor zwei Jahren für länger hier waren.

Karlsbrücke und Altstadtmarkt also. Menschendichte wie auf einer Kirmes. Ein volles Fahrrad über einen Weihnachtsmarkt schieben, so etwa ist das. Diese Menschenmassen, was wollen die alle hier? (Andererseits: Was will ich hier?)
Der Touristikbetrieb hat nochmal an Fahrt aufgenommen in diesen zwei Jahren. Was einem da alles angeboten wird. Eis im trdlinek (Schreibung ohne Gewähr) scheint eine neue Mode, alle stehen danach an, alle essen es. Bauchladenverkäufer aller Couleur. Lebendige Werbung für Thai-Massage. Sich mit einer Schlange fotografieren lassen. Magnettäfelchen sind zu erwerben, dazu wird lautstark aufgefordert. Zettel werden einem von allen Seiten in die Hand gedrückt. Es möge bloß nicht langweilig werden.
Fluchtreflexe. Das war mir vorher klar. Noch schnell das Schlagen der Aposteluhr abwarten, dann wühle ich mich hinaus. Bin froh, als ich heil und mit vollständigem Gepäck wieder am Fluss bin.
Von dort muss ich noch wenige Meter Straße schaffen, schon beginnt wieder der separate flussnahe Radweg. Ich atme auf.

Unglaublich: Am Abend bin ich 30 KIlometer durch eine riesige Großstadt gefahren, und davon höchstens 3 Kilometer auf der Straße. Der Rest war separat geführt. Das Gefährlichste waren noch die touristischen Gruppen, die ihre ausgeliehenen Segways, Tandems oder auch nur einfache Fahrräder nicht im Griff hatten.
Anstrengend war allerdings mein Hunger. Ich hatte nur noch trocken Brot im Gepäck. Dort auf den zirkusartigen Plätzen wollte ich einfach nichts essen. Normale Lebensmittelgeschäfte gab es nicht. Die vielen Imbisse am Flussufer, wie sie bis kurz vor der Stadt im dichten Abstand folgten, sind in der Stadt durch Bars ersetzt. Rum, Brandy, Gin, das macht nicht satt:)
So stand ich zitternd vor Unterzuckerung schließlich wieder an der Moldau und rettete mich mit ein paar Keksen aus der Partnergemeinde (noch habe ich reichlich:)) und Traubenzucker.
Später kehrte ich für eine Malinovka, eine Himbeerlimonade, doch noch in einen Imbiss am Fluss ein, als diese wieder „normale“ Gestalt eingenommen hatten.

Am frühen Abend also bin ich durch die Stadt durch, viel besser, als ich zu hoffen gewagt hatte. Das Flusstal ist wieder grün, aber es bleibt laut. Denn es ist eng, Bahn und Fernverkehrsstraße haben nur diesen einen Weg. Der Radweg liegt leider mitten auf dieser Straße, es gibt keine andere Möglichkeit, wenn man alpine Steigungen meiden möchte.
Fernverkehrsstraße mit Feierabendverkehr dröhnt an meinem Ohr. Nicht in, sondern hinter Prag wird der Verkehr anstrengend, wer hätte das gedacht.
Das Tal zieht sich, später wird der Radweg hinaufführen in ruhigere Gegenden. Doch das schaffe ich heute nicht mehr. Meinen Zeltplatz suche ich mir hier an der Strecke, hier an der Straße. Naja, sage ich mir, Zelten in Prag direkt wäre auch nicht stiller gewesen.

Der Ort ist überschaubar, ein winziger Lebensmittelladen verkauft mir mein Frühstück, wiederum agiere ich mit Händen und Füßen, so schnell lerne ich die wichtigen Wörter nun doch nicht. Auf dem Zeltplatz bin ich die einzige. Klar, hier so stadtnah, so laut im engen Tal, das ist keine Ferienlage.
Der Wirt erzählt mir später am Abend, als ich bei ihm ein Bier trinke, dass sie vor allem für Fußballtrainingscamps da sind, dass hier kaum „normale“ Touristen herfinden.
Macht ja nichts. Ist nur ein wenig schwierig, auf der riesigen freien Wiese einen Platz für das Zelt auszusuchen. Wirklich jetzt: wenn so gar nichts dasteht, wenn ich riesige freie Wahl habe, woran orientiere ich mich dann?


Pistany – Veltrusy (#3wegsam21)

Die Morgensonne und ich sind ganz allein, wir spazieren am Strand entlang und zwinkern uns über den Berg hinweg zu, so ein Erwachen ist das.
Später kommen andere Menschen hinzu, in der Ferne nur, am anderen Ende des Platzes – huch, ich meinte, hier die Einzige zu sein. Offenbar kann man im Haus am Ende des Hanges übernachten, oder aber wohnen, das erschließt sich mir nicht.
Der alte Mann und seine so kranke Frau, die wohnen sicher hier, vielleicht gehören sie zum Zeltplatz, immer schon. Er, der neugierig ist, der mit wachen Augen mein Tun beobachtet, kommt zu mir gehumpelt. Fragt mich, woher ich sei. Und dann erzählt er. Ich verstehe nicht wirklich, wovon er redet. Nur die zentralen Wörter sind nicht zu überhören, Kommunismus, Prag, Moskau, Faschismus, Berlin, die prallen immer wieder aus dem Monolog heraus. Ich weiß nicht, was seine Gedankengänge sind, er hat viel erlebt in seinen Jahren, ich kann nur erahnen, worum es ihm geht. Und er lächelt dabei. Am Ende fragt er mich, wie ich heiße, nennt mir seinen Namen (Heiner? kann ich das richtig verstanden haben?) und schüttelt mir die Hand. Eine Friedensbegegnung. Er lächelt und schaut so offen. Später, als ich abfahre, kommt er nochmals. Um mir zu erzählen, dass er jetzt ins Dorf Bier trinken geht. Ich sage, dass ich abends auch Bier trinken werde:)
Der Morgen ist, während meine Zeltsachen in der Sonne trocknen und ich meinen Kaffee trinke, voller Ruhe. Ich genieße es, jeden Handgriff ganz bewusst zu tun, mich nicht zu beeilen, alle Dinge vor dem Einpacken in der Hand zu haben, sie und die Taschen allmählich in ihre Reiseform zu bringen, während parallel der Blogtext wächst, ich mir noch eine Tasse Kaffee koche, und dann noch eine … so beginnt der Tag richtig. Mit vielen Stunden voller Ruhe.
(Wie lässt sich das in den Alltag übertragen? Mir tut es unendlich gut, morgens so viel Zeit zu haben. Ich würde das gern mit nach Hause nehmen …)

Der Weg dann ist ebenso: Voller Stille. Zunächst eine Stadt, Litomerice, eigentlich mag ich keine Städte auf meinem Weg, aber diese hier ist klein und übersichtlich, und mir gefällt das Eintauchen in die Alltagsgeschäftigkeit ihres Marktplatzes, auf dem eingekauft, geschwätzt, Kaffee getrunken und gelächelt wird. Immer wieder diese Freundlichkeit hier, das fällt mir auf. Das war nicht an allen Abschnitten meines Weges so.
Ein Bankomat spuckt mir endlich tschechiches Geld aus – in druckfrischen, riesigen Scheinen, wer weiß, wo ich die loswerde, und an allen Ecken gibt es Zmrzlina – Eis. Ich fühle mich verlockt. Allerdings würde ich gern das alte, echte Softeis haben, mit dem Karamellgeschmack von damals, ich würde es an der Farbe erkennen, und nicht diese neuen Sorten. Wie alt(modisch) ich doch bin, dass ich Eis von vor 30 Jahren herbeiwünsche, das gibt es sicherlich in ganz Tschechien nicht mehr, und ich werde eisfrei durch meine Tage hier driften …

Der Weg also. Still. An der Elbe entlang. Ihre bisher hügelige Nachbarschaft wird allmählich flacher. Später wird man umgeleitet, wegen Bauarbeiten, auf eine Straße. Auch diese lässt sich gut fahren, die Automengen halten sich in Grenzen. Und im Gegensatz zum eigentlichen Elberadweg, der sehr konsequent autofrei gehalten wird – lieber lässt man die Radler vier Treppen überwinden, als 500 Meter Straße einzubauen – komme ich hier durch ein paar Dörfer. Sie sind still ohne so unlebendig zu wirken, wie ich es etwa in Brandenburg oft erlebt habe.
In einem Lebensmittelgeschäft beschaffe ich mir mein Mittagspicknick. Mit Entziffern der Aufschriften, mit polnisch-russischen Wortfetzen und mit viel Geduld der Verkäuferin habe ich irgendwann, was ich will. Zwei Hörnchen, Joghurt, Obst und eine Minipackung Oblaten. Nur die süße Kondensmilch gibt es nicht, naja, es kommen weitere Geschäfte und Tage.

Übrigens muss ich die hiesige Radwegeführung mal laut loben. Der Weg – entlang der Elbe war es die Nr. 2, jetzt an der Moldau wird es die Nr. 7 – ist so gut ausgeschildert, auf kleinen gelben Täfelchen, an jeder Ecke mit Pfeilen versehen, selbst da, wo man gar nicht falsch fahren kann, an schwierigen Stellen durch Pfeile mit gemalten Rädern auf der Straße ergänzt, dass sich so manche Radwegeführung daran ein Beispiel nehmen kann. Wenn das an der Moldau so bleibt, komme ich sicher und wohlbehalten bis Südtschechien. Und falls ich die Strecke ändern möchte – das geht jederzeit. An allen Abzweigungen stehen gelbe Wegweiser mit Nah- und Fernzielen, und jeder Weg hat eine Nummer. Kleine Zahlen gehören zu den Hauptrouten, vermute ich, große Zahlen, bis in die Tausender geht es, führen auf Nebenstrecken entlang. Überall aber, scheint es, sind die Wege für Fahrräder ausgeschildert. Da hat man sich offenbar wirklich Gedanken gemacht und es gut mit Radfahrenden gemeint.
Die Strecke, auf der ich jetzt fahre, gehört übrigens – so erklärt mir eine Schautafel – zum europäischen Fernradwegenetz, nämlich zur „Sonnenroute“ 7 von Malta bis zum Nordkap. Hört hört. Falls ich vergesse abzubiegen, lande ich am Mittelmeer:)
Dann hoffe ich nur noch, dass solche Stücke, wie sie an der Elbe in kurzen Abschnitten vorkamen, unfahrbares Rumpelgelände nämlich, nun überhaupt wegbleiben. Oder aber geschickt zu umschiffen sind. So wie die Treppenbrücke, über die wir vor zwei Jahren die Räder und das Gepäck schleppten. Heute nutze ich die benachbarte Fähre, die ein Privatmensch als Alternative eingerichtet hat. Man muss an seinem Haus klingeln, dann kommt er runter zum Fluss und bringt einen rüber. Das berührt mich richtig, weil es mir ein Gefühl von alten Zeiten vermittelt.
Insgesamt, ich bin schwer begeistert, bekommt der Radweg bisher von mir eine glatte Eins.

Wieder bin ich heute in weiten Strecken auf unserer Prag-Ostsee-Route von damals unterwegs. Nur Terezin-Theresienstadt lasse ich diesmal aus und bleibe dafür nördlich der Elbe. Damals sind wir durchgefahren. Und dann standen wir in diesem Ort, gingen umher, ich erzählte dem Sohn einiges, wir fuhren zu Gedenksteinen und Mahnmalen im Ort, besuchten aber nicht die Gedenkstätte und nicht das Museum, dafür war er zu jung und ich zu unbeholfen, gemeinsam mit ihm einen solchen Ort zu betreten, zumal „einfach so“ unterwegs auf der Reise. Auch heute also lasse ich es aus. Wie ginge das, einen solchen Ort im Durchfahren zu integrieren, mit einem schnellen, kurzen Besuch, ich kann das nicht. Es müsste ein eigenes Ziel werden. Nicht für heute.

Am Ende des Tages verlasse ich die Elbe, nachdem ich den Zusammenfluss von Moldau und Elbe auf ein Foto gebannt habe. Von nun ab ist das „V“ mit der Route Nr. 7 mein Reisesymbol. Moldau heißt nämlich Vltava. Woher auch immer der deutsche Name kommt, eine Lautverschiebung – wie bei Elbe und Labe – kann es kaum sein. Ich vermute eine semantische Entsprechung, habe aber einfach keine Ahnung, welche Bedeutung dahinter stecken könnte.
Hinter dem Zusammenfluss folgt umgehend die erste Schleuse, sie ist mit „Nr. 1 Kilometer 1,0“ markiert. Ich bin gespannt, welche Zahlen in Budweis, wo ich die Moldau (zunächst) verlassen werde, dort stehen werden.

Kurz vor Prag – 30 km zeigen die Schilder noch an – biege ich auf einen Campingplatz am Fluss ab. Wieder bin ich mit meinem Zelt fast allein. Zwei weitere Zelte finde ich in dem riesigen Areal noch, ein paar der Hütten sind bewohnt. Die Abendröte schenkt mir einen malerischen Fluss, so sollte man immer abendessen dürfen.
Als es dunkel wird, kann ich dem Bier in der Zeltplatzbar nicht widerstehen. Wozu sollte ich auch …