Lyrimo #7-#8-#9: Fast ein Zyklus

#9: Eine Ver-Geschichte

Verträumt.
Verwoben.
Versprochen.

Versucht.
Verbogen.
Verzagt.

Verloren.
Verzweifelt.
Vergangen.

Verlassen.
Verdorrt.
Verwundet.

Verwinden.
Verzeihen.
Vertrauen.

.

.

.

#8: Einsilbig

Ein Tag
kommt.
Bin wach, zu spät,
es ist grau,
trüb und dumpf,
voll von Weh.
Neu:
die Wut, der Zorn.
Ein Schrei,
zu mir, zu ihm:
Wer bin ich, bist Du, sind wir?

Sie nimmt die Hand:
Es ist gut.
Ja, mein Kind.
Ein Tag
geht.

.

.

.

#7: Ein Elfchen

Leben
rüttelt, mich,
wirft Wogen, hohe.
Stelle ich mich hinein.
Leben

Lyrimo #6: Abendgrün

Der Tag, lang war er,
Begegnung und Trennung mit Tränen,
das fremde Leid, das eigene,
in mehreren Herzen zuhaus.
Verloren in Dingen und Zeiten
und Formen und Sprachen,
ich suche und irre.
Was ist mein Leben, was macht es aus?
Wo war Geborgenheit?
Welch eine Leere.

Der Abend.
Grün – die Farbe der Hoffnung. Sagt man.
Und so hoffe ich.

Lyrimo #5: Medientransfer

Quietschen hinter der Ecke,
ruckelnder Wagen im Kopfsteingleis:
Ja, die Zwei ist’s – Unsere!
Einsteigen ins Vertraute,
Holzgeruch und Polsterschimmern,
Messingkühle, Fensterknarzen,
Glockenbimmeln, Türenschlag.
Mit Geschaukel und Gezuckel
durch die ach so geliebten Straßen.
Und bald schon wieder aussteigen,
ein paar Schritte noch
mit Koffer und Rucksack ins Omahaus.
Angekommen.
„Habt Ihr die Bahn genommen?“
„Klar. Wie immer. Die Zwei.“
Die sich, in der Ferne gerade noch zu sehen, weiterächzt.
In majestätischer Langsamkeit.

Lyrimo #1: Ein Gedicht zu Ehren von …

Zu ihr gekommen
      ein Zufall, ein sogenannter,
      in den Hallen der Wissenschaft
      durch ein fremdes Auge der Faszination geschaut
      in jenes Gesicht der dichten Worte.

Begegnet
      der Muse, den Weg entlanggehend – göttliches Lallen wie Fieberbefall,
      einem Lauschen durch Vorhänge des Nebels und niedagewesene Herbste,
      „Nun ist das Wort aus Stein gefallen“ ,
      „Und das können Sie beschreiben?“, und ich sagte: „Ja.“

Gefunden
      die Tür zu des Poems Spiegelwelten,
      Geheimnisse des Dichterhandwerks,
      unverschämte und zärtliche Verse,
      „Ins Gedicht gehört das Unerhörte“.

Bei ihr. Der Achmatova.

(Zitate, auch über das direkt Zitierte hinaus, sind pure Absicht.)

Mit dem Ohr am eigenen Puls

Leilas Meinung nach waren die meisten Leute an den Wendepunkten ihres Daseins viel zu ungeduldig.
(Elif Shafak: Unerhörte Stimmen)

Aha. Ein Spiegel.
Ich stehe an einem solchen Wendepunkt. Seit Wochen, seit Monaten. (Ehrlicherweise: Seit Jahren. Aber da wusste ich noch nichts davon.)
Und ja: Ich bin ungeduldig. Sehr.
Schaue auf meine Trauer, als gehörte sie nicht hierher. Anstatt sie mir innerlich zu bekräftigen. Bildet sie doch den Boden des Übergangs.
Breche in jeden Morgen mit der Hoffnung auf, er möge in einen leichten hellen Tag münden. Und finde mich allzuoft abends in Schwere wieder, mal mehr, mal weniger tränenreich. Anstatt meine Tage zu öffnen für das, was beweint werden will.
Versuche mit aller Energie einen neuen Alltag zu erschaffen, jetzt, hier und sofort. Wo doch der alte noch Raum fordert zum Nachschwingen. Und das Neue erst Stein auf Stein und Atemzug um Atemzug geschöpft werden will.

So sitze ich also hier, um mich herum Bruchstücke des Alten, und im Kopf ein paar Federstriche, einstweilige Baupläne des Neuen.
Ich sitze. Wie gelähmt oft. Unfähig auch nur einen weiteren Schritt zu tun, über das Nötigste hinaus. Etwas essen zum Sattsein, für die Kinder da sein, Schule machen, die nötigsten Kommunikationsstränge bedienen. Ende der Kraft.

Ungeduldig puckern Reste meines energiegeladenen Strebens. – Pack weiter aus! Schraub was an! Bau was zusammen! Gestalte was! Melde Dich bei X und Y! – Mein forderndes altes Ich. Das, welches monatelang, ja immer schon, alles in die Hand genommen hatte, mit Bravour. (Was ist das überhaupt?) Es hat Unmengen an schier Unbewältigbarem bezwungen, früher. Dieses Ich nagt, klopft, pocht. Es kennt ja nichts anderes als zu treiben, immer voran.
Und nun ist es ausgebremst. Von zähem Bodenleim. Alle Schritte setzen sich nur langsam. Schleichend und tastend bewege ich mich durch die Wohnung. Zuweilen öffne ich eine Kiste, packe drei, vier Dinge aus, dann reicht es wieder. Beim Einkauf irrt mein Blick über die Gemüsestiegen im Laden, was will ich, ich weiß es nicht, nach ewiger Zeit habe ich irgendetwas im Korb, meist zuviel, oder zu wenig. Am Schulschreibtisch bin ich langsam, zu langsam, um die nachwachsende Schlange von Aufgaben abzuarbeiten, der Stapel beginnt schon wieder mich zu erdrücken, in Schulwoche vier. Oder fünf. Schneller kann ich nicht.

Und wenn ich dann erschöpft von all dem sitze, dann ist da zwar Ruhe in mir. Aber eine kurzzeitige, stets der Gefahr des Wegwehens ausgesetzte. Wenn ich weine, dann nur kurz, selbst meine Traurigkeit fühlt sich getrieben. Wenn ich stricke, dann zwei Reihen, irgendwann halten die Nadeln an, ohne dass ich es merke. Wenn ich lese, dann eine halbe Seite, jeden Abend dieselbe, denn ich höre mir beim Lesen sowieso nicht zu. Wenn ich schreibe, dann zwei Zeilen. (Dieser Text hier brauchte zum Entstehen drei Wochen.) Wenn ich Cello spiele, dann irren meine Gedanken sonstwo umher, nur nicht in der Musik.

Und nun?
Suche ich. Suche nach Ruhe. Nach Geduld. Nach der Stimme meines Pulses. Suche nach einem neuen Daseinsteppich. Gewebt aus Ruhefasern, noch unsichtbaren.
Kleinste Fäden finde ich ja, immerhin. Gemüse schneiden – Schnitt Schnitt Schnitt, ganz gleichmäßig, rhythmisch, bis zum Ende der Zucchini. Treppe wischen (Kehrwochenpflicht, das Schwäbische ist nicht weit, und ich bin eine artige neue Hausbewohnerin) – gleichmäßiges Hin-und-Her, monoton wie ein Pendel, Stufe für Stufe. Mein Radweg zur Schule – Feld, Sträucher, Wald, ein täglicher Weg, einer Meditation gleich.

Sind so kleine elementare Dinge. Das Fundament für anderes, für alles.
Ich gedulde mich.

Tastend, im Neuen

Schreiben möchte ich, mich erst noch zu schöpfenden Worten hingeben. Der Tränenschleier will wahrgenommen sein, es gäbe vieles zu beweinen, Nach Trost und Halt taste ich.
Da öffnet sich für einen winzigen Moment eine Tür ins Innere, rückt das Unsichtbare vor’s Auge, um den Spaltbreit gleich darauf wieder zu verschließen. Klack. Die Schienen des Funktionierens bleiben starr. – Sich aus der Kurve schleudern lassen, das wär’s doch mal. –

Innehalten.

Fallenlassen. Was fehlt. Der Mut, mich dem Andrängenden hinzugeben, ohne dass die Kopfvernunftmaschinerie gleich alle Hebel dagegen in Bewegung setzt.
„Ich vermisse mich.“ Andernorts lese ich diesen Satz, schrieb ihn schon oft selbst, finde mich in altvertrautem Gefühl wieder.

Dabei gibt es neues Leben zuhauf. In mir. Rings um mich. Mein Alltag ist auf den Kopf gestellt. Oder besser: Auf die Füße ja eigentlich. – Welche Spur werde ich dort ziehen? Fragen, in Zweifel gebettet.

Aus Lähmung befriedete Langsamkeit gestalten. Aus dem Stapel an Überforderung ein Paket nach dem anderen auf den Boden legen, öffnen, seine Dinge entfalten lassen. Aus strukturloser Verworrenheit einen Faden weben, daran entlanghangeln.
Den sich öffnenden Raum mit Neuem füllen. Keimen, wachsen, reifen lassen.
Unkonkret, das alles? (Die Konkreta stehen, fliegen, liegen, toben hier rings um mich. Wollen eins nach dem anderen auf diese Weise verwandelt werden.)

Schreiben und weinen.
Eine Hand suchen.
Vertrauen, dass der Boden trägt.
Nach Zuversicht tasten.

Am Zwischenort

Zwischen altem Ort und neuem Ort
bin ich unterwegs
die Heimatlosigkeit auszuhalten,
ich hänge im Spagat
zwischen dem, was war,
und dem, was wird.

Verlassen – ohne zu verwerfen, zu bedauern,
mich in Dankbarkeit zurückwendend
mit Tränen der Trauer, nicht der Reue,
mit Zweifeln auch, und der Peitsche des ewigen Schuldgefühls
– das Alte in seiner Enge
und doch voll der Wärme vertrauter Wege.

Mich wenden – in ängstlicher Ungewissheit,
sorgenvoll auf wackligen Füßen, schmalen Bohlen
setzen Gedanken verzagt Schritt vor Schritt
– hin zu dem, was erst noch das meine zu werden beginnt.
Klares Licht scheint fern, so fern,
im Schatten sind nachtgleiche Tage.

Am Zwischenort. Ich fahre. Mich trägt das Rad.
Rauscht ein Fluss, birgt ein Berg, tröstet ein Stern.
Woher? Wohin? Nagt es in mir.
Und: Wer bist du? Und wem?
Tage, konturlos verloren. Verdammt, wo war die Spur,
und wie formt aus Strukturlosem sich Gestalt?

Nimm dieses Ist zwischen War und Wird
als Brücke über den Riss,
und gib mir die Hand, bitte,
halte alles, was fallen will.
Sei. Und zeige und kläre und öffne.
Und empfange. Und werde still.
Ganz still.

Fragmente

Ein Buchgedanke*: Das unerwartet Fremde, das Schwierige und Beängstigende durch eine äußere Ordnung überleben lernen. – Ich höre. Diese ordnende Struktur kann nur Eigenkreation sein, was sonst.

Aus demselben Buch*: Solange es noch eine Anwesenheit gibt, bleibt Abwesenheit undenkbar. Erst später dann wird das Licht aus dem Hoffnungsraum in den Raum der Erinnerung getragen. Wobei es dort nur noch flackert. Überschattet vom nicht mehr seienden Hoffnungslicht.
Weise Gedanken über das Sterben.

Flughafentränen. Den Kindern wachsen Flügel. Wer hätte gedacht, dass auch ich welche brauche.
Welch vermessene Idee: Sie aus abgestreiften Häuten zu bauen.

Ein Netz. Ein Netz ist allemal gut. Ich knüpfe. Gelähmt durch Angst, antizipierte Trauer, Verzagtheit.
Eine Feiglingin bin ich, will ich herausschreien. Mich fügend und einpassend. Wem auch immer dies in all den Zeiten genützt hat.
Ein Netz für den Mut also. Ob „für“ hier die richtige Präposition ist, darüber dürfen andere streiten.

Was für eine verschlingende Traurigkeitsleere. Wer nimmt sie wahr? Ich trotte allein, immer hinter den anderen her, ich bin die letzte.

Und mitten durch das Gestrüpp blinkt eine Vision. Mein Leben wieder zu gestalten. Mich neu zu formen. In der Ferne ist alles hell. – Bislang dachte ich immer, „Licht und Liebe“ wäre nur eine Floskel.

Ich gehe los. Voller Fragen.

(* aus Esther Kinsky: Hain)

Alltag #4 – Worte

https://cafeweltenall.files.wordpress.com/2018/10/alltag-001-2018.jpg

Immer am ersten Wochenende eines Monats sind wir von Ulli in ihrem Projekt „Alltag“ eingeladen, uns gegenseitig an unseren Alltäglichkeiten in ihrem besonderen Licht teilnehmen zu lassen.

Elternsprechtag.

Vor ein paar Tagen kamen sie zu mir, all die Eltern, die Anliegen und Bedürfnisse ihrer Kinder auf Zetteln und Zunge mit sich tragend. Wir redeten, jeweils zehn Minuten waren die Zeitfenster lang. Beziehungsweise kurz, zehn Minuten sind ja nicht viel. Andererseits ist es viel, wenn ich daran denke, dass ich an den Schulvormittagen niemals – niemals! – auch nur annähernd zehn Minuten Zeit für ein einzelnes Kind finde.
Nun also, zehn Minuten. Intensives gegenseitiges Erzählen und Fragen, Austausch und Relativierung der eigenen Sichtweise, oft ist es kompliziert. Eines aber, eines wird mir immer wieder in den Gesprächen mit den Eltern bewusst: Wie vieles ich im Schulalltag mit diesen Kindern erlebe, wie vieles ich an ihnen wahrnehme, wie oft ich am beglückten Staunen über diese jungen Menschen bin, und wie selten ich den Kindern genau das in die Augen hinein sage. Nicht nur nonverbal, nicht nur sich spiegelnd in unserer zumeist gut gelingenden Beziehung, sondern wirklich wörtlich.
Viel häufiger müsste ich zwischendurch immer mal wieder einem Kind einen ganz ihm zugewandten Satz sagen, einen ganz eigenen meiner Augenblicke widmen. Zwischen all den Unterrichtsnotwendigkeiten, zwischen aller Mathematik und Physik, zwischen allen Verfahrensabläufen in dem getriebeartigen Organismus einer Riesenschule muss Raum dafür sein. Jeden Tag, jede Stunde, wenigstens einem kleinen Teil meiner 150 Schülerinnen und Schüler sollte ich solche Dinge sagen wie…

Wie unglaublich Du strahlen kannst, Deine leuchtenden Augen stecken an!

Die Klasse kann froh sein, Dich zu haben. Wie viel Du Dich um andere Kinder kümmerst, und darum, dass alle gut miteinander auskommen, das ist großartig!

Trau Dich doch das nächste Mal, das zu fragen. Das hilft auch allen anderen, und sie sind Dir dankbar. Du kannst tolle Fragen formulieren!

Ich fand es sehr mutig von Dir, wie Du gezeigt hast, dass Du Hilfe brauchst!

Seit ich Dich kenne, seit wenigen Monaten erst, bist Du riesig gewachsen. Du gehst jetzt alle Deine Schritte viel selbstständiger als am Anfang!

Mir macht es große Freude, Dir beim Arbeiten zuzuschauen. Du strengst Dich immer so sehr an, dass Deine Stirn in Falten liegt. Aber danach kannst Du so richtig ansteckend jubeln!

Ich traue Dir zu, dass Du das auch sauber aufschreiben kannst. Dann können die anderen Kinder Deine Lösungen verstehen und etwas von Deinen tollen Ideen lernen!

Du hast ganz schön viel an Mut gewonnen. Wie selbstbewusst Du jetzt in der Klasse auftrittst, beeindruckt mich!

Was tut Dir gut, was brauchst Du von mir? Du kannst so gut in Dich selbst hineinschauen, bestimmt kannst Du es mir auch erzählen, so dass ich es verstehe!

Wie ich mich mitfreue, dass Du an den Schultagen jetzt wieder fröhlicher ausschaust!

Mich berührt es sehr, wie Du die A. und die L. immer tröstest und in den Arm nimmst, wenn sie weinen, wenn es ihnen nicht gut geht. Sie haben großes Glück, Dich als Freundin zu haben!

Es macht Spaß, Dir beim Denken zuzuschauen!

Du machst Dich nicht selbst nervös, und andere werden auch ruhiger, wenn sie in Deiner Nähe sitzen. Deine Gelassenheit beeindruckt mich!

Ich finde es wirklich sehr, sehr stark, wie Du seit anderthalb Jahren nicht aufgibst und Dich in jeder Stunde aufs Neue anstrengst, obwohl es all die Zeit überhaupt nicht leicht ist für Dich!

Mich macht es glücklich, Dein glucksendes Lachen und Deine gute Laune im Klassenzimmer zu hören, oft schon, bevor ich noch um die Ecke gekommen bin!

Dass Du Dich nach so vielen Anläufen neulich endlich getraut hast, ganz allein zu mir an den Lehrertisch zu kommen und Deinen Wunsch auszusprechen, das ist ein riesiger Schritt für Dich, darauf kannst Du stolz sein!

Es tut mir mitweh, wenn ich höre, was Du erleben musstest. Ich finde Dich sehr stark, dass Du das alles aushältst!

Du bist für M. und F. ein großartiger Freund. Ohne Dich hätten sie es im letzten Jahr viel, viel schwerer gehabt!

Du bist so ausdauernd, Du fängst immer wieder neu an, auch wenn es wieder und wieder nicht klappt. Du machst mich staunen, wie viel Geduld Du aufbringst!

Mir machen Deine kreativen Ideen richtig Lust, auch mal solche Konstruktionen auszuprobieren. Da sind Dir faszinierende Muster gelungen!

Wie behutsam Du Deinen Sitznachbarinnen bei den Übungen hilfst. Du schaffst es, dass sie sich dabei nicht bevormundet fühlen und dass sie keine Scheu haben, Dich zu fragen, obwohl Dir alles viel leichter fällt!

Du bist sooo wichtig für die Klasse, weil Du all die Zeit bereit bist zu helfen, wenn jemand es braucht!

Ich mag Deine Fröhlichkeit und Deine witzigen Ideen. Bestimmt hätten wir in der Klasse ohne Dich nicht so oft gute Laune!

Sätze, die ganz gut beschreiben, mit wem ich es alles so zu tun habe in meinem Schulalltag. Am Elternsprechtag habe ich diese Sätze mehr oder weniger wörtlich so gesagt, zu den Eltern dieser Kinder.

Und nun habe ich sie hier schonmal in die erste Person umformuliert. Damit ich sie viel häufiger noch denen gegenüber verwende, an die sie gerichtet sind.

Alltäglich.

Hier ist Ullis neuer Beitrag, unter dem sich weitere Teilnehmende mit ihren Alltagsbetrachtungen finden.

Vom Wünschen, vom Wollen

Ich hatte es so gewünscht, ich hatte es so gewollt. Fast zwei Wochen lang hatte ich darauf hingearbeitet. Hart gearbeitet. Vom ersten Moment an, in dem mir diese Idee gekommen war. Ich hatte mich dafür angestrengt, mich fast zerrissen, mich an den Rand des Erschöpfungskraters gewagt, sehenden Auges, weil ich es doch so sehr wollte, so sehr, so sehr. Niemandem erzählte ich davon, es war mein ganz eigener Plan. Niemanden wollte ich mitenttäuschen, wenn es nicht gelingen sollte. Und so arbeitete ich einsam vor mich hin. Tagelang. Ta.ge.lang. Nächtelang, das bedeutet ja immer auch nächtelang.
Es waren einsame Tage, in denen ich mich zum Hartsein zwang, in denen ich mehrmals beinahe stolperte, gnadenlos mir selbst gegenüber war, verschwenderisch mit meinen Kraftvorräten, welche eben doch nicht unbegrenzt sind. Tränen flossen, die Tage bekamen Grauschleier, ich rutschte fast ab. Doch ich wollte es ja so sehr, so sehr. Also hielt ich durch.

Eines Abends konnte ich absehen, dass es zu schaffen war. Die Kräfte zwar am Ende, aber das Ziel vor Augen. Alles gut. Nur noch wenige Stunden, die Vorfreude schon greifbar.

Bis zum nächsten Morgen. Da zerbrach mein Vorhaben. Etwas anderes war geschehen, etwas, an dem ich nichts ändern konnte, ich nicht, und niemand. Etwas, das sich unserem Einfluss entzieht.
Worauf ich zwei Wochen lang hingearbeitet hatte, wurde plötzlich unmöglich. Und unwichtig, das auch. Weil sich Wesentlicheres davorgeschoben hatte.
Ich merkte erst nicht, wie mich dies traf. Denn weiterhin waren meine Kräfte gefordert, jetzt auf andere Weise. Auch die neue Situation war zehrend, mich vereinnahmend, mich auslaugend. Ich stellte mich hinein. Bis auch diese geschafft war.
Alles wurde letztlich gut. Alles ist gut.

Erst in diesem Moment realisiere ich, wie ich von Erschöpfung und Kraftlosigkeit durchdrungen bin. Von Enttäuschung auch. Über mein nichtgelungenes Wollen, an dem niemand Schuld hat. Und das dennoch so weh tut.
Das kleine Mädchen in mir will nur noch auf den Arm. Und die Große ist zu schwach, um ihr dies zu geben. Ich sitze hier und weine und weine und schluchze, bin leer und einsam.

So ist das eben mit dem Wollen und dem Wünschen, mit dem Planen zumal.
Ungut, starr fokussiert zu sein. Ungut, die Dinge unter enge Kontrolle bringen zu wollen. Ungut, zu lenken, ohne noch Freiheitsgrade offen zu lassen. Ein Wollen ohne Offenheit für Nichtgelingen, ein Wünschen ohne die Gelassenheit, andere Ausgänge zuzulassen, gerät zur Fessel. Wie oft ich dem schon aufgesessen bin. Das ist mir ja nicht unbekannt. Wie blind verrannte ich mich ein erneutes Mal.
Ich fühle mich selbst schuld an meiner Enttäuschung (was sie nicht kleiner macht). Ich fühle mich unreif, weil ich meinem Vorhaben eine Allmacht geben wollte (auch über meine eigenen Emotionen). Ich fühle mich vermessen, weil ich zu viel in die Hand nehmen wollte.

Wieder einmal gilt es Demut zu lernen, mich zu fügen, mich mit einem Ja hineinzustellen. Ich verstehe das ja.
Aber ich weine. Das Weinen, das lasse ich zu. Die Nacht ist noch lang.

Cello #5 – Verausgabung

Alles ist komplex und miteinander verzahnt. Jede einzelne Bewegung im Cellospiel besteht aus einer Kette ineinandergreifender Abläufe. Nehme ich nur mal den linken Arm: Seine vielen Gelenke – ich zähle 17 – bilden in ihrem Tun ein System symbiotischer Vernetzung, in dem jedwede Aktivität eines einzelnen von ihnen das Mittun aller anderen bedingt und bewirkt. Während am unteren Ende die Finger scheinbar wie von allein an die richtigen Stellen auf dem Griffbrett gelangen, sich in ihren je drei Gelenken beugen und strecken und somit das Ihre zu den entstehenden Tönen beitragen, bewegt sich unweigerlich immer auch das Handgelenk, es dreht sich und kippt und stellt sich in geeigneter Neigung auf. Natürlich ist dabei der Unterarm beteiligt. Und folglich der Ellbogen. Daran hängend der Oberarm. Letztlich die Schulter. Zuweilen sogar das Schulterblatt, der halbe Rücken gar. Was für ein Prozedere: Alle Gelenkstellen eines riesigen Armes fügen das Ihre zusammen, um in den winzigen Fingerkuppen zu münden. Ja, letztlich beginnt jeder gegriffene Ton an der linken Schulter.

Nun, es ist leicht, mit der großen Schulter eine Wirkung auf die winzigen Finger auszuüben. Kraft hat sie genug, Einfluss – durch Muskeln und Sehnen vermittelt – auch. Sie kann den Ellbogen hochhalten oder ihn niederdrücken. Sie kann als Hebel den gesamten Unterarm in Schwung bringen. Sie kann sogar den fernen kleinen Finger stützen, wenn dieser – als schwächster von allen – Muskelkraft von anderen Orten leihen muss. Sie hat also Macht.
Doch: Sie sollte dabei nicht zu sehr agieren. Ich weiß das ja. Angespannte Schultern, hochgezogene gar – wie gut ich das aus verschiedensten Lebenssituationen kenne. Immer ist dies ungut. Die Schulter also sollte an ihrem heimischen Ort ruhen, ganz friedlich und entspannt. Und mit ihr sollte der gesamte linke Arm gelassen bleiben. Durch seine Schwere kann er am aufgesetzten Finger mehr oder weniger hängen, die Gewichtskraft als Helferin nutzend, die Eigenaktivität auf ein Minimum reduzierend.
Genau das aber – geringe Aktivität, Passivität gar – halten meine Muskeln offenbar schwer aus. Sobald ich nicht meine volle Konzentration darauf richte, ihnen Gelassenheit zu verordnen, geraten sie ins übereifrige Wirken. Sie halten Arm und Ellbogen hoch, oder sie ziehen diese nieder. In der ausgewogenen Mitte dazwischen zu bleiben, gelingt ihnen kaum je. Meine Muskeln arbeiten gern hart und unverdrossen.

Eine lange Weile ging es ja gut. Obwohl sich bei allen Bewegungen mit ihren unzähligen Freiheitsgraden sicherlich immer schon falsche, ungeschickte, sogar schmerzende Haltungen dazwischengeschoben hatten, machte mein Arm das lange großartig.
Bis ich im Sommer begann, gleichzeitig am Vibrato und an der Daumenlage zu üben. Bei beidem bekommen Schulter und Oberarm eine veränderte Rolle, eine andere Position, variierte Bewegungsabläufe.
Und plötzlich wurde es zuviel. Denn es begann zu schmerzen. Anfangs nur ein bisschen. Wenn ich zu lange Daumenlage geübt hatte, dann zog es im Oberarm. Ich übte daraufhin auch nicht mehr allzu lange weiter, immer nur noch ein bisschen. Wenn ich ganze Tonleitern und Stücke als Vibratoübung genutzt hatte, dann lahmte der Arm. Ich hörte schon wenige Minuten, spätestens eine halbe Stunde danach auf. Ein wenig Schmerz kann man ja aushalten.
Währenddessen versuchte ich, meine offenbar ungeschickten Bewegungsabläufe zu korrigieren – durch Anschauen meiner Lehrerin und anderer Cellisten, durch Nachlesen, durch grübelndes Reflektieren. Es stellt sich aber immer wieder heraus: Die Anatomie zweier Menschen stimmt offenbar nur in groben Zügen überein. Die richtigen, die stimmigen Abläufe lassen sich weder denkend durchdringen und erlernen noch von einem anderen Menschen abschauen. Der Arm meiner Lehrerin ist nicht meiner, ich kann ihn nicht kopieren, das Wesentliche ist unsichtbar, es ist so kompliziert wie im Gesangsunterricht.

Und weil ich keine Lösung für mein Problem fand, übte ich immer weiter. Ich übte durch die Anspannung und das Unbehagen hindurch. Er wird schon verschwinden, der Schmerz, dachte ich all die Monate, mein Körper wird es schon richten. Ich muss nur hartnäckig und ausdauernd und fordernd und eben auch ein bisschen hart zu mir sein. Dann wird das schon.
Seit Monaten also spricht mein Arm zu mir, doch ich höre ihm nicht zu.
Es schmerzt. So weit, so schlecht.

Seit einigen Tagen steht mir klar vor Augen: Es wird eben nicht. Kein einziges Mal verlasse ich den Cellostuhl ohne Unbehagen, inzwischen schmerzt der Arm mal mehr mal weniger auch zwischendurch, der Fingerzeig des Körpers ist offensichtlich.
So trug ich es gestern zu meiner Lehrerin. Aha, sagte sie. Und dann kam aus ihr genau dieser Satz mit dem Fingerzeig. Ich hätte sie dazu ja eigentlich nicht gebraucht. Und: „Nun muss ich Dich doch mal bremsen.“ Wenn ich es schon selbst nicht kann, ergänzte ich stumm für mich.
Und dann sprachen wir über meinen Raubbau an mir selbst. Üben in den Schmerz hinein. Immer weitermachen, wenn es eigentlich nicht mehr geht. Mir keine Pausen gönnen. Voraneilen, wenn Innehalten angezeigt ist. Mit Willen erreichen wollen, wofür der Boden noch nicht bereitet ist.
Ein Spiegel. Mein Cellospiel ist mir mal wieder ehrlichster Spiegel.

Und jetzt?
Setz ihn ab, den Arm, immer wieder. Lass ihn hängen. Er braucht die Pausen zwischendurch. (Machte ich doch noch nie …)
Lass die Schulter unten. Die Schulter hat keinen aktiven Part. Leg Dir ein Kissen darauf, damit Du das nicht vergisst. (Die Schulter war doch so schön praktisch, um Druck nach unten weiterzugeben …)
Lass jede Bewegung aus einer natürlichen Lockerheit erwachsen, lass den Ellbogen immer wieder fallen und hängen, so dass er in keinem Moment fixiert bleibt. (Aber so habe ich zu wenig Kontrolle über alles …)
Wenn es schmerzt, variiere die Haltung. Meist reicht es, Ellbogen, Handgelenk oder Fingerwinkel um einen Millimeter zu verändern. Spür jedes Mal hin, bei jedem einzelnen Ton, bei jedem einzelnen Griff. Und richte die Armhaltung in jedem einzelnen Moment immer wieder neu aus. (Aber dann muss ich ja langsam spielen, kann keine schnellen Läufe mehr üben …)
Versteife Dich nicht, auf keine Haltung, auf keinen Ablauf, auf keine fixierte Bewegung. Bleib immer in Gelassenheit, erfinde jede Bewegung neu. (Aber meine Routinen, mein Gewohntes, die sind mir so sehr Gerüst …)
Übe in den nächsten Wochen nur ein Stück. Wir nehmen den Bach, der liegt gut für die linke Hand. (Aber der Duport, und der Romberg, und der Vivaldi, und der Squire …)
Übe auch nicht mehr so viele Etüden. Nur die Lagenwechsel, nichts anderes, immer nur diese Sprünge. Der linke Arm muss bei jedem Lagenwechsel locker hinunterfallen, genau das braucht er jetzt. Lass die anderen Stellen weg. Und nein, keine neue Etüde. (Aber ich hab doch immer jede Woche eine neue Etüde gemacht …)
Nimm diese Tonleiter, keine neue, und gehe ganz langsam und bewusst in die höheren Lagen. Immer wenn der Arm nicht mehr spannungsfrei liegt, brich die Bewegung ab und suche sie neu zu erfinden. (Aber dann ist es doch keine Tonleiter …)
Übe um Gottes Willen keine Daumenlage im Moment. (Aber … wo bleibt dann die Herausforderung …)

Uiuiui. Schmerz, Langsamkeit, Erschöpfung und Grenzen anzuerkennen – was für ein Lebensthema.
Und das Cello mal wieder – was für ein Lebenslehrer. Im Verbund mit meiner großartigen Lehrerin.

Danke.

.

Weitere Texte über mein Cello findet man über das Menü oben auf der Seite: Hier.

Stille

Der Novembersturm ist vorübergerüttelt,
Hat Regen geschüttet, gewütet, geknüttelt
Mit den hölzernen Läden und Eisen geklirrt.
Und ich lag wach, in Gedanken verirrt,
Die lange Nacht, und es stürzt und stürmt,
Wetter auf schmetternde Wetter getürmt …
Und die Höhle aus Stille, in die ich mich schmiege,
Embryorund als ein Mögliches liege,
Geborgen, als könnt ich die Augen aufschlagen,
Wenn der Sturm sich verbläst, zu nur morgenden Tagen …
Ach so schöne Empfindung, die so mild mich umstreicht …
Mitten im Sturm ward mir linde und leicht,
Als ich dachte nicht mehr und hab nur noch gelauscht,
Wie der Regenwind stürmt und der Sturmregen rauscht …

Eva Strittmatter, wiedergefunden.

Möge das Wochenende ein wenig Höhlengeborgenheit schenken und voller Stille zum Lauschen sein …

Alltag #1 – Alle Tassen im Schrank

https://cafeweltenall.files.wordpress.com/2018/10/alltag-001-2018.jpg„Die Idee ist, das in Szene zu setzen, was mich alle Tage umgibt“, „die Dinge, die während (m)eines Alltags eine Rolle spielen, die immerwiederkehrenden, wie die besonderen; diese zu würdigen, sie in einem speziellen Licht, einer speziellen Perspektive darzustellen“, so lädt uns Ulli zu ihrem Projekt „Alltag“ ein.
Immer am ersten Wochenende eines Monats – ich bin wie so oft ein wenig zu spät, diesmal unserer Herbstferienreise geschuldet – sind wir eingeladen, uns gegenseitig an unseren Alltäglichkeiten in ihrem besonderen Licht teilnehmen zu lassen.
Hier ist Ullis erster Beitrag, unter dem schon weitere Teilnehmende ihre Alltagsbetrachtungen verlinkt haben.

„Das ist keine Frage des Alters oder unseres Einkommens, das ist ein Lebenskonzept“, sagte die Freundin – aber es hätten ebenso meine Worte sein können – einst zu einem aufdringlichen Versicherungsvertreter, der sie zur Absicherung ihres doch wohl nach der studentischen Lebensphase sich unweigerlich ordnenden und verteuernden Hausrats drängen wollte. „Nein, wir werden nie auf andere Weise leben“, schickte die Freundin den konsternierten Mann aus der Tür.
Und so lebt sie tatsächlich. Bis heute.
Und ich? Und was heißt dieses „so“ überhaupt?
Streift mein Blick durch meine Wohnräume, gibt es von allem etwas: Bereiche, die eine durchaus als glatt zu bezeichnende „Erwachsenenwohnungsoptik“ bieten, wechseln mit Räumen ab, in denen sich kaleidoskopartig Familienkrempel in seiner stets wirren Buntheit darbietet. Dazwischen stößt man immer wieder auf Ecken studentisch anmutender Sammelsurien. Ja, Provisorien und Stückwerke sind mir allerorten geblieben. Und wenn ich es richtig erspüre, sitzt genau dort mein Zuhause. Vermutlich wird es bei mir, wenn die Kinder in wenigen Jahren aus dem Haus sein werden, bald wieder so aussehen wie einst in meinen „Buden“. Hach ja.

Einer der sammelsurigsten Plätze in unserem Haus ist wohl unser Tassenschrank.

Alle unsere Tassen. Kaum eine wie eine zweite. — Zwar haben wir in der Küche auch anderes Geschirr. Weiß. Schlicht. Einheitlich. Allerdings – ein Zeichen? – sind von jenem „richtigen“ Geschirr ausgerechnet die Tassen längst zertöppert. Auch ohne dass ich sie nach und nach absichtlich habe fallen lassen:) Sie wollten wohl einfach nicht bei uns bleiben. Und so nutzen wir diese bunte Tassensammlung durchaus auch zu „besonderen“ Gelegenheiten, an Festtagen, bei Besuch, einfach immer. Im Unterschied zu Gläsern etwa kamen wir hier nie auf die Idee, uns einen einheitlichen Satz an Kaffeepötten o.ä. zu kaufen. Wir leben gut mit unseren Tassen. Vielleicht, weil jede von ihnen eine Geschichte erzählt?

Sie liefen uns zu, unsere Tassen. Zumeist war es Zufall, kaum eine von ihnen ist bewusst ausgewählt worden. Bis auf diese metallenen offenbar, denn wir haben mehrere davon.

Es muss an die 20 Jahre her sein, dass wir sie uns zulegten, es war noch in Berlin, ich erinnere mich nicht mehr, wann genau und warum. Weil sie gut isolieren, beim morgendlichen Gartenkaffee länger die Wärme halten? Weil sie unzerstörbar sind? Sind sie ja gar nicht. Inzwischen – nach langen Jahren intensiven Einsatzes – sind sie alt und leck. Aus ihren isolierenden Lufträumen tropft Wasser. An den Lippen fühlen sie sich unbehaglich an. Und trotzdem bleiben sie bei uns wohnen. Denn so wie wir unsere Tassen nie bewusst kaufen, werden sie auch nicht bewusst entfernt. Als hätten wir eine ungeschriebene Regel dafür. Unsere Tassen, auch diese aus Metall, werden schon ihren Weg gehen … einst.

Statt der Metallbecher sind nun schon lange diese hier zu meinen meistgenutzten Lieblingstassen geworden.

Ein Tagesbeginn mit Blick auf Musik – oder eben Bücher – und dann noch mit diesem Volumen: mir fehlte etwas ohne sie.
Genau vor drei Jahren fanden sie zu mir, an meinem 47. Geburtstag. Eine Herbstferienreise, das Münchener Deutsche Museum war eines der Ziele. In dessen Museumsshop mischten sich diese Tassenschwestern plötzlich unter die Bücher in meinem Einkaufskorb. Ohne dass ich noch ahnte, dass sie sehr bald zu meinen Lieblingsalltagsgegenständen zählen würden.

Ebenso glatt, unversehrt und jung scheinend steht daneben meine allerälteste Tasse.

Mit ihr habe ich schon in Dresden studiert, in den 80ern war das. Das falsche DDR-Meißner, ein Design-Klassiker.
Von wem ich sie damals bekommen habe, weiß ich nicht mehr. Dass sie so unbenutzt scheint, ist mir fast ein wenig unheimlich. Denn damals in Dresden und lange Jahre später noch stand sie täglich auf meinem Frühstückstisch. Immer am Vorabend schon, damit wir morgens vor der Vorlesung – Beginn 7.30! – unseren Schlaf um wertvolle Sekunden verlängern konnten. Mitbewohnerin A. legte deswegen sogar abends immer schon ihren Löffel quer auf die Kaffeepulverdose. An was für Details man sich so erinnert.
Meine Veteranin also. Einst hatte sie noch eine gleichgeformte Mitstreiterin. In blauer Jeansoptik, mit rotem Herz, wenn ich mich recht erinnere. Diese scheint in einem meiner späteren Studentenzimmer oder auf einem Umzug in wohlverdiente Scherbenrente gegangen zu sein.

Nun, nach dem ältesten das jüngste Tassenfamilienmitglied: dieses hier.

Sie gehört zwar nicht mir, sondern ist ein Geburtstagsgeschenk an den Sohn zum Siebzehnten, aber erzählt doch unsere gemeinsame Geschichte. Ist er doch in Berlin-Pankow geboren. Und die Berliner U-Bahn-Schild-Optik gehörte lange – bis ich nach dem Abitur aus dem Haus ging – zu meinen alltäglichen Ostberliner Innenstadtwegen.

Mit Berlin sind weitere Tassen verbunden. Diese hier etwa stammen von der letzten Stufenfahrt, welche ich begleitete.

Mit vier zehnten Klassen und acht Kolleg*innen waren wir für eine Woche in Berlin. Das Hostel verschenkte in allen Betreuerzimmern diese Tassen. Warum nicht, dachte ich, und steckte sie ein. So wie die zweier Kollegen, die ihre nicht haben wollten. (Vermutlich führen sie in ihren Haushalten ordentlichere Tassenschränke:))

Auch diese beiden sind von einer Berlin-Stufenfahrt mit zu mir gekommen. Es war meine erste, etwa vor zehn Jahren mag es gewesen sein.

War das meine erste Alleinreise ohne die Kinder? Was waren sie damals klein …
Vermutlich haben sie mir mehr gefehlt als ich ihnen. Jedenfalls brachte ich ihnen diese Tassen von meinem „Ausflug“ mit.

Aus ähnlicher Zeit stammt diese hier.

Angeknabbert, aber immer noch in Gebrauch. Im Gegensatz zu ihren drei verschwundenen Schwestern. Denn vier von ihnen schenkte man uns damals, in einem Pfingsturlaub in den mittelitalienischen Bergen. Es regnete nahezu durchgängig und aus Kannen, so dass der Agriturismo-Wirt sich Sorgen um unsere Stimmung machte und allerlei Programmpunkte vorschlug. Unter anderem einen Ausflug nach Rieti, wo uns eine befreundete Archäologin eine individuelle Führung durch die Ausgrabungen unter der Stadt gab. Ganz allein für uns erzählte sie, sogar so, dass die Kinder viel davon hatten. Es war spannend.
Zum Abschied schenkte sie uns vier Tassen. — Später schrieb diese Archäologin übrigens ein Kinderbuch über die Stadtgeschichte. Vorn in der Widmung werden unsere Kinder erwähnt:)

An eine meiner wichtigsten Alleinreisen – vor etwa acht Jahren an die Nordsee – erinnern mich immer wieder diese windschiefen Becher.

Genau genommen kam nur einer von ihnen im damaligen Gepäck mit heim. Der andere ist ein späterer Ersatz. Beide Kinder beweinten es nämlich sehr, als einer von beiden zerschellte. Und ich wollte meine Erinnerung an die damaligen stürmischen Winde ebenfalls gern in Tassenform aufbewahren.

Erinnerung an Orte, Erinnerung an Menschen – diese Tasse ist mir beides.

Sie war mein Abschiedsgeschenk, als ich nach x Jahren den Chorvorstandsvorsitz meines Studentenchores abgab. Das war schmerzhaft. Der Chor und seine Menschen war einer meiner Seelenorte in den damaligen Jahren. Umso teurer ist mir diese Tasse. Sichtbar be- und abgenutzt, von den Kindern, als sie kleiner waren, fast zu Bruch gespielt, darf sie in ihrer Versehrtheit dennoch weiter in meinem Schrank wohnen. Ganz hinten, denn benutzt wird sie kaum je noch. Stehen wird sie dort aber hoffentlich noch lange.

Viel heiler, obwohl in ähnlichem Alter, ist diese.

Sie stand die meisten Jahre in meinem Zimmer, nicht im Küchenschrank. Den Menschen dazu habe ich leider verloren. Jahrelang studierten wir zusammen Slavistik, gingen durch lustige und trübe Zeiten, waren uns sehr nah. Irgendwann war dies zu Ende.
Blau – dieses Blau – war ihre Lieblingsfarbe, sie verschenkte sie oft. Diese Tasse war ein Mitbringsel von einer ihrer Nordseereisen. Damit ich in den Herbstwinden, die damals auch das Innere meiner undichten Minidachwohnung nicht verschonten, wenigstens mit heißem Tee im Bauch studieren konnte.

Zum Einzug in diese Minidachwohnung – meine erste eigene übrigens, nach Wohnheimen und Untermietzimmern mit teilweise entwürdigenden Regeln und Besuchsbedingungen – schenkten mir andere damalige Freunde eine Reihe schrillhässlicher Weihnachtsmarkttassen.

Zum ersten eigenen Hausstand, sagten sie, weil das Nichtschöne, Zusammengewürfelte so gut zu uns allen passte. Wir lachten gemeinsam, während wir mitten in den Malerarbeiten, von oben betropft, unten in Farbklecksen watend, auf einer im Raum aufgestellten Kochplatte das erste heiße Getränk in meiner eigenen Wohnung zubereiteten. Kaffee? Tee? Keine Erinnerung mehr. Nur, wie gut es uns ging, mit uns und diesen schrillen Tassen.
Ach ja, und Teppich haben wir später noch verlegt. Der erste Fleck darauf stammte auch aus einer Weihnachtsmarkttasse. Rechts vor dem Bett, welches eigentlich nur eine Matratze war. Aber das ist eine andere Geschiche.
Die Wohnung habe ich längst wieder verlassen, mit den Freunden ist der Kontakt eingeschlafen. Das wäre etwas zum Wiederbeleben. Auch wenn wir vergangene Nähe vielleicht nicht zurückholen können? Die Tassen von damals jedenfalls sind irgendwohin weitergewandert. Diese beiden hier sind nämlich nur „Nachrücker“, viel jüngeren Datums. Eine vom Bad Wimpfener Weihnachtsmarkt, als wir diesen erstmals besuchten – da gab es schon den Sohn. Eine aus der Stadt vor den Toren unseres Dorfes, ein vermutlich noch sehr junges Exemplar. Manchmal verliere ich selbst den Überblick.

Eine richtige Schultasse findet sich im Schrank auch. Nach zwei Jahren Klassenlehrerschaft von einer meiner liebsten Klassen geschenkt.

Da stehen wir alle, es war am Wandertag, der über die Hügel zum Minigolfplatz führte. Wie klein sie alle waren, die, welche mir mittlerweile als hochgewachsene junge Frauen und Männer im Schulhaus begegnen. Irgendwann werde ich sie nur noch auf der Tasse sehen können.

Ach ja, und dann gibt es noch diese letzten beiden. Sie wohnen nicht in der Küche, sondern im Regal zwischen meinen Büchern.

Noch viel mehr davon gab es in der warmen Stube meiner Oma, in einem Möbelstück, das man damals Anrichte nannte. Darin stand das gute Geschirr, dasjenige für Feiertage und festlichen Besuch. Bei jedem schnelleren Laufen durch die Stube klirrte es im Schrank, und beim Spielen war sein Klirren ein Pegel dafür, wann wir zu heftig tobten. Alle Tassen haben unser Toben überlebt, und diese beiden haben es in meine Gegenwart geschafft.
Benutzt werden sie kaum – ist dieses „zu schade“ und „für gut“ meiner Oma in sie eingraviert? Sie stehen hier einfach und sind mir kostbar.

Nun, hier höre ich auf. Wie viele Geschichten ich im Schrank gefunden habe, hat mich selbst erstaunt …

 

 

Herbstradeln

 

 

Ganz früh im Morgenlicht des gerade erst erwachenden Sonntags sitze ich auf dem Sattel, der Fahrtwind ist kalt, jeder Sonnenstrahl sehr willkommen. (Später am Tag werde ich in kurzen Hosen und Top radeln und bedauern, dass die Sonnencreme zu Hause liegt. Und das im Oktober.)

 

 

Von der Haustür weg führen meine bekannten Wege, die bald schon in neue münden. Ortschaften, in denen ich – trotz der Nähe – in all den Jahren nie war. Manche führten mir immer zu weit hinauf ins Hügelland des Kraichgau. Nun, nach der Bergfahrt meines Sommers, auf der ich lernte, dass jeder Anstieg zu gehen ist, wenn man nur nicht mit ihm hadert, nun wage ich alles zu fahren, was sich vor mir ausbreitet. Ohne Plan und Ziel rolle ich durch die Sonntagsstille, hinauf, hinab, rechts, links – immer den Weg entlang, nach dem mir gerade zumute ist.

 

 

Ort- und Landschaften, die ich nur von der Karte her kenne, oder aus dem Auto, oder gar nicht, ziehen an mir vorbei. Ich staune über das mir fast völlig unbekannte „Hinterland“, so nah an meinem Dorf. Treideln durch wunderbare Hügelwelt, zeitverloren.
(Am Abend gerate ich plötzlich in Eile, der Rückweg zieht sich länger als gedacht, und zu Hause warten die Kinder.)

 

 

Farben bringe ich mit nach Hause, Seelenwärmeherbstfarben, für einen vielleicht langen Winter.

 

 

Und den Himmel. Den sowieso.

Danke.

Vom guten Ort

Nagst Du an mir, Wasser, oder formst Du mich? Peitschst Du mich, Wind, oder bist Du selbst ein getriebener? Fließt Du davon, Sand, der mich trägt, oder bereitest Du in Deiner Bewegung Boden für Neues?
Fragt der Stein im Meeresbranden.

Neigst Du Dich über mich mir das Licht zu nehmen, Baum, oder bist Du selbst vom Wind gebeugt? Wendest Du Dich von mir ab, Blatt, oder tanzt Du im Reigen für mich? Willst Du mich zum Fall verführen, Baumstumpf, oder vertraust Du mir den Schmerz Deiner Wunde an?
Fragt die Lichtung im Wald.

Versuchst Du mir die Sonne zu nehmen, Fels, oder suchst Du nur selbst ihre Wärme? Brüllst Du Dein Getöse mir zum Schmerz in die Ohren, Bergbach, oder fällst Du nur und weinst im Fallen? Verzerrst Du, was ich zu sagen meine, Echo, oder bist Du Spiegel?
Fragt die Wiese am Fuße der Felswand.

Nimmst Du mir den Atem, Wind, oder teilst Du Deinen Hauch mit mir? Flimmerst Du mir zur Verwirrung, Luftstrom, oder lädst Du mich zum Staunen ein? Betäubst Du meine Sinne, Blumenduft, oder bettest Du mich in Wohlsein?
Fragt die Bank an der Wiese.

Ich bin dies und das, da und dort. Wandere, irre umher, reihe mich ein, drehe mich mit, suche mich, wiege mich im Tanz, werde geworfen, falle, stehe auf, und bin. Der Stein im Meeresbranden. Die Lichtung im Wald. Die Wiese am Fuß der Felswand. Die Bank an der Wiese.

Früher, als Kind, da wusste ich um meinen inneren Ort wie um ein Geheimnis, in welchem ein jedes war, um dies und das, um da und dort zu sein.
Glückliche Kindheit. Auf Alleinwegen ganz bei mir unterwegs. Im Spiel völlig ins Schaffen vertieft. Im Weinen stimmig mich fühlend. Bei mir, an meinem guten Ort.

Später verlor ich immer öfter die Verbindung zu jenem Ort in mir. Der Stein im Wasser versunken. Die Lichtung zugewuchert. Die Wiese gemäht und verbaut. Die Bank verrottet und zerbrochen.
Das ist dieses Erwachsenwerden, dachte ich lange Zeit. Ein tröstlicher Irrglaube, den Verlust allein dem Lauf der Jahre zuzuschreiben.

Nun, ich bin wieder losgegangen, länger schon, auf der Suche. Wandere,, irre umher, reihe mich ein, drehe mich mit, suche mich, wiege mich im Tanz, werde geworfen, falle, stehe auf, und bin. Der Stein. Die Lichtung. Die Wiese. Die Bank.

Notizen aus einer ersten Schulwoche

Montag

Erste Schultage sind immer wie Wirbelstürme, wie Vulkanausbrüche. Nur in positiv. Eine ununterbrochene Kette an freudigen Umarmungen im Lehrerzimmer, ein sich sofort wieder auftürmender Berg an To-do’s, ein einziges Wirbeln, Organisieren, Besprechen, Kopieren, und zwischen all dem erste Unterrichtsstunden. Alle strahlen, selbst in den Klassen flattert gute Laune über die Tische, so ist das an einem ersten Schultag.

Und dann kommt der Abend, mit ihm unsere neuen 5er. 24 davon werden „meine“ sein. In der ersten halben Stunde lässt sich erkennen, was für ein Gesicht eine Klasse hat (oder haben wird). Heute wird dies schon sichtbar, als sie noch in der großen Halle auf den Bänken sitzen. Wie sie gebannt zuhören, zuschauen, wippend mitsingen. Wie sie dann mit strahlenden Augen und ausgestreckten Armen auf uns zukommen. „Dass wir eine coole Klasse werden“, schreibt ein Junge auf seinen Wunschzettel, der kurz darauf mit einem von vielen Luftballons gen Himmel steigt. „Könnte klappen“, denke ich, als ich es lese. Jedenfalls lachen wir in unserer ersten Stunde schon gemeinsam, ein sehr gutes Zeichen. Wir planen für’s Landheim ein Fußballturnier, und für später eine Klassenfahrradtour. Aber zunächst werden wir zusammen eine intensive erste Schulwoche haben. „Bis morgen, ich freu mich auf Euch!“

Dienstag

Ich hatte ganz vergessen, wie intensiv das ist, einen Vormittag lang mit so vielen jungen Menschen in dichtem Kontakt zu sein. Wieviel an Hin-und-Her, an Worten, Augenblicken, Lächeln und Emotionen es da gibt.

Die Kleinen, wie sie am Morgen flitzebogen-gespannt in ihren ersten Schultag kommen, um alles alles alles gierig aufzusaugen. Die 6er, sich nach den Ferien plötzlich wie alte Hasen anfühlend, die ganz selbstverständlich ihre Wiederholungsaufgaben bearbeiten und auch, als ich zwischendurch immer wieder wegmuss zu den Kleinen, selbstständig weitermachen, als bräuchten sie mich gar nicht. Meine neuen Mathe-7er, wie sie in einer Mischung aus kindlicher Entdeckerfreude und pubertär-beäugendem Abwarten durch unsere erste gemeinsame, sondierende Stunde gehen und mir sogleich beibringen, dass ich, da wir unsere Stunden jeweils am Ende des Schulvormittags haben, mir durchaus manches werde einfallen lassen müssen, damit die müden Köpfe sich auch um 12.45 noch auf Mathematik einlassen können. Och, ich hab da immer viele viele Ideen, und ich freu mich drauf.

Alles ist im Guten im Moment, eher beschenkend als zehrend, denke ich. Und doch spüre ich am Spätnachmittag, als ich – nach Besprechung und Konferenz – endlich nach Hause komme, dass ich meinen Kraftvorrat für heute offenbar verbraucht habe. Da geht kein Stillsitzen, kein vertieftes Celloüben, kein Kontakt mit Worten oder Gesten mehr. Ich sitze zu Hause und starre in die Luft.

Hierfür werde ich Wege finden müssen. Für das Leben mit der täglichen Erschöpfung. Denn Schule ist zwar beglückend. Aber vereinbar mit all den Bereichen, in denen ich auch sonst noch intensiv lebe, ist sie nicht. Jedenfalls nicht, wenn sie in so gedrängter Form daherkommt wie heute.

Mittwoch

Offenbar unterrichte ich dieses Schuljahr nur Lieblingsklassen – heute lerne ich die letzte kennen. Wieviel Wachheit und Neugierde da vor mir sitzt, es ist unglaublich. Schon wieder ist alles voller Vorfreude, auf beiden Seiten. Und wenn ich schon einen solch begeisterten Jahrgang vor mir habe, wäre es an der Zeit, endlich einige meiner jahrelang benutzten Zugänge und Materialien umzuarbeiten, mit neuen Ideen zu verweben, mir schießen sie nur so in den Kopf in diesen ersten Stunden. Ich hämmere sie schnell in die Tastatur, damit sie sich nicht wieder aus dem Staub machen.

Es folgt ein dritter Konferenznachmittag, wir hängen schon ein wenig auf den Stühlen, es ist viel in dieser ersten Woche. Die Fachschaftsleitung hat sich um Essen, Trinken, Gutes auf den Tischen gekümmert, das hilft. Ab nächstem Mal also – wie ich in diesen Tagen erfahren habe:) – werde ich es sein, die die Dinge auf den Tischen organisiert. Und nicht nur die. Ab bald nämlich „habe ich“ eine Fachschaftsleitung, wie unerwartet. Ich notiere fleißiger als sonst alles mit, um einen ersten Überblick zu gewinnen, Mathe ist ein Riesenfach mit vielen Baustellen. Ausbau unseres Förderkonzepts für die Unterstufe, Optimierung der Kursstufen-Zusatzangebote, Schaffen einer Schüler-helfen-Schüler-Struktur, kollegiale Hospitationen, Vereinheitlichung von Wiederholungsritualen über die Schuljahre hinweg, Umgang mit den Ergebnissen der Diagnosearbeiten, Abgleich all unserer Wettbewerbsaktivitäten, außerschulische Angebote – welche nehmen wir wahr?, Materialbestellungen für’s restliche Geld, Taschenrechnersituation, Fortbildungsplanung, wer erstellt die nächste Abituraufgabe?, und wer das Curriculum für 9/10? Und dann fragt jemand: Wie geht es der kranken Kollegin. Nicht gut, hören wir. – Wie dankbar wir plötzlich werden, hier bei 30 Grad am Spätnachmittag sitzen zu dürfen, gesund. Wenigstens eine Karte, ein Päckchen können wir ihr immer wieder schicken.

Donnerstag

Mein letzter Unterrichtstag der Woche. Schulhausrallye der Kleinen – während sie durch die Flure flitzen, beobachte ich sie, wer geht mit wem wie um – nebenher versuche ich, ihre Namen zu lernen. Drei neue Klassen, 80 neue Namen habe ich dieses Jahr. Und mein Kopf wird ja nicht jünger:) Am Ende der Rallyestunde räumen wir vom Stuhlkreis zur Tischordnung um, die Einführungstage sollen allmählich in einen normalen Schulalltag münden, ich sage noch „Tschüss bis Montag“, denn ab jetzt lernen sie nach und nach ihre anderen LehrerInnen kennen.

Meine letzte Stunde der Woche, es ist immer noch heiß im Schulhaus, und alles was vor den Ferien war haben wir immer noch vergessen, und ob man bei Frau Rebis Hausaufgaben und Sachen vergessen darf, haben wir hiermit gleich mal ausprobiert, und dieser Hä-ich-kann-mich-gar-nicht-erinnern-Blick ist doch zu niedlich. (Das schreibe ich natürlich nur hier: Den 13jährigen sage ich dies lieber nicht ins Gesicht:))

13 Uhr, Feierabend. Klingt gut, oder? – Auf meinem Arbeitszeitzähler haben sich in vier Tagen 43 Stunden angesammelt. Den Rest des Tages hänge ich im wesentlichen zu Hause herum. Ich bin müde, nur müde. Verständlicherweise.

Freitag

Home Office. Das Sofa ist allerdings magnetisch. Selbst Haushaltsarbeit hat heute riesige anziehende Wirkung auf mich. Und als ich mich dann endlich zum Schreibtisch begeben will, verweigert sich der Computer. Na danke, dies ist genau der richtige Zeitpunkt dafür. Also den Lieblingsspezialisten anrufen, der mich dankenswerterweise in seinen Nachmittagsplan einbauen kann, es läuft dann wieder provisorisch, und nächste Woche baut er richtig daran herum.

Meine Schulaktivitäten jedenfalls sind für heute torpediert, ich schleppe also manches mit ins Wochenende, was ich heute fertig haben wollte, menno.

Wochenende

Klassenlisten, Organisationsmails, Jahresplanungen, Absprachen mit den parallel unterrichtenden Kolleginnen, Vorbereitungen für Montag und Dienstag, Vertretungen sehe ich auch noch auf meinem Plan … All das schiebt sich zwischen mein Familienwochenende.

Nu ja, die erste Woche war schon immer so dicht. Es ist schwer, in diesem Treiben auch nur ein Zipfelchen der Stille, der gerade erst gewesenen, in mir zu finden. Der Kopf ist so voller Wirbeln, beim Einschlafen, beim Aufwachen, beim Cellospielen, selbst jetzt beim Schreiben befinde ich mich in einer Art Parallelspur. Ich werde mich – wie immer – sehr darum bemühen müssen, einen gangbaren Weg durch den Schulalltag zu finden. Damit mir auch außerhalb des Klassenzimmers wache Momente bleiben, damit ich mich zwischen all der Anstrengung immer wieder erden kann.

Mit diesem Satz geht’s jetzt in die zweite Schulwoche …

Versuch einer Öffnung …

… einer Wiederkehr in meinen Schreibraum, einer Lösung aus dem Schweigen …

Es ist leer in mir, immer noch. Nichts drängt mich, kein unbändiges Sagebedürfnis, keine ungeduldigen Worte, die von innen an die verriegelte Tür pochen, keine Eruption nicht zu zähmender Textfragmente. So wie es früher war, über lange Zeit, so ist es derzeit nicht.

Höchstens die Stille, meine Stille – sie drängt, sie fordert. Soll sie ruhig, ich gebe ihr mein Ja. Dieses Ja habe ich ihr versprochen, einst, vor nicht ganz zehn Jahren, als wir beide in inniger Zwiesprache waren wie selten zuvor in meinem Leben. Nun bin ich nicht gut im Mich-Verpartnern, im Ja-Wort-Halten, und so hat es die Stille nicht immer leicht mit mir. Wie schnell ich ihr zu entfliehen weiß, davon kann sie mehr als nur ein Lied singen.
Gleichwohl ist sie mein Herauswinden und Entfliehen gewohnt, so scheint mir, und weiß, sich ihm in stets wandelnder Gestalt entgegenzusetzen. In welchem Kleid sie mich nicht alles umgab in diesen zehn Jahren. Als Schreibfeder (welche zuweilen die äußere Form einer Tastatur annimmt:)), um wirrem Kopf- und Seelengetaumele ein Geländer ruhiger Wörterketten als Halt zu geben. Als Klavier-, später als Cellosaite, um meinen unhörbaren Liedern Klangraum und Realität zu verschaffen. Als Linse, durch die sich die Turbulenzen unruhiger Atemluft zu Bildern formen. Sogar als Fahrradreifen, der im Gleichtakt äußerer Bewegung die innere behutsam an die Hand zu nehmen vermag. All das. Und in Gestalt vieler, vieler Menschen vor allem, die ich vor zehn Jahren noch nicht erahnte und die in Begegnung, Spiegelung und Widerrede ihre je eigene Form der Stille mit mir teilten und teilen.

Ich bin dankbar. Auch wenn zuweilen mein von außen unversehrt und schönglatt wirkendes Gefäß bis an den Rand mit Schmerzendem, Stechendem gefüllt ist. Ich ahne mehr und mehr, dass es sich dabei um die noch nicht vom Zug der Zeit abgeschliffenen und entgrateten Scherben meiner alten Gefäße handelt, in denen ich so viele Jahre verbrachte. Dieser Gang von innen nach außen, dieses Entblättern, Entfalten, Herausbrechen aus Käfigen schmerzt, es ist Wehen und Gebären. Suche ich einen Atem dazwischen zu schöpfen, bietet sich mir die Stille als Boden dar.
Dankbar bin ich. Dankbar für jede einzelne von Stille geleitete Begegnung – viele von ihnen haben hier in diesem Schreibraum ihren Anfang genommen! Dankbar für meine Schreibfeder, meine treue Botin von Nachrichten der Stille an mich – weil sie mein Hasten verlangsamt, weil sie meine Unruhe auf eine Kette fädelt und das Mäandern zwischen Gedanken und Welten eindämmt, weil sie mich immer wieder in Wachheiten hat eintauchen lassen. Ja, immer immer wieder.

Nun sitze ich hier, erstmals seit langer Zeit wieder schreibend für’s Gelesenwerden. Lange habe ich es vage gewollt, aber in der pochenden Unruhe des vergangenen (Schul)Jahres nicht umzusetzen vermocht.
Ungewohnt ist es mir geworden, mein innerer Zensor schaut als Troll von der Schulter und fingert nach der Löschtaste. Mein Kopf schmerzt, ein Migränewochenende, erstmals seit Wochen, ja fast zwei Monaten. Mein ganzes Ich trauert um die gerade erst vergangene Radreise. 2000 Fotos sind nichts Bleibendes, wenn meine Alpenwege keine fortgesetzte Spur durch künftige Tage bahnen und wenn der Himmel über meinem Zelt die bedrängte Enge meines Alltags-Hauses nicht nachschwingend aufzuweiten vermag. Vermutlich haben die Rad-Zelt-Wochen neben allem Äußeren – Kilometern und Höhenmetern, Orten und Wegen, Bildern und Twitternotizen – ja eine sogar vor mir selbst verborgene Schicht von neuem Sein hinterlassen. Ihr gilt es – auch mit meiner Schreibfeder – nachzuspüren, um die Reise letztlich in meine All-Tage münden zu lassen.

PS.
Dass ich das Blog heute wieder eröffne und zuvor die vermeintlich notwendigen Veränderungen einbauen konnte, dazu hat ganz wesentlich Herr Irgendlink beigetragen. Für all die (sogar für mich:)) verständlichen Informationen und Anleitungen: Von Herzen ein Dankeeee <3