Trebon – Jindrichuv Hradec (#3wegsam27)

Was der Abend nicht gab, schenkt der Morgen. Ruhe, so viel Ruhe wie selten an einem Ort. Der See hat noch seine Nebeldecke an, als ich aus dem Zelt blicke. Die Sonne ist hinter den Bäumen erst zu erahnen und kommt kurz darauf hervor. Enten spielen und schnäbeln miteinander, später schwimmen sie in immer größer werdendem Schwarm vor meinem Zelt auf und ab.
Alle Zeltnachbarn sind weit genug weg oder frühstücken so ruhig in der Sonne, dass ich sie kaum bemerke, ebenso wie die Wohnmobilburgen oben auf dem Hügel. Kinder streifen am Ufer umher, mit Keschern auf der Suche nach irgendetwas. Erinnerungen an früher werden wach. Es ist doch noch ein guter Ort geworden.

Die Kinder, so whatsappen sie, brechen gerade erst aus Italien auf, ich habe also Zeit über Zeit, sind ja nur noch 30 Kilometer.
Den ersten und zweiten Kaffee koche ich aus dem Zelt heraus, trinke ihn im Schlafsack sitzend. Auf den See könnte ich stundenlang blicken, da geschieht so Unglaubliches. Zum Frühstück gibt es einen dritten und vierten Kaffee und alle Reste, ich werde in den nächsten Tagen nicht zelten.
Es ist eine seltame Vorstellung, das Zelt nun für eine Weile zu verpacken, heute Abend ein festes Dach überm Kopf zu haben. Aber noch bin ich auf der Straße, für ein paar wenige Stunden.
Diese vergehen schnell. Ich träume vor mich hin, fahre – nach einem kurzen Stück, wo mich das Navi auf eine vierspurige Europastraße geworfen hat: hui, das rauscht und ist unheimlich – auf abgeschiedenen Feldwegen und Sträßlein vor mich hin. Dass ich am Freitag weiterfahren werde, erleichtert mir das Abschiednehmen von dieser Etappe. Denn ja, ich war gut angekommen im Unterwegssein, könnte meinetwegen noch eine Weile darin verweilen.

Doch das Ziel, das Zwischenziel ist schnell da, da kann ich Pausen machen wie ich will, irgendwann stehe ich am Ortseingangsschild.
Geschafft, ist ja trotzdem ein schöner Gedanke. Ich bin wohl sehr in der Gegend herumgeeiert, wenn ich von Berlin hierher 900 Kilometer verfahren habe. Sie hat mich genau an die richtigen Orte gebracht, diese kurvige Fahrt.

Und während wir uns stürmisch begrüßen, ich mein Rad in den Hof zum Radschuppen schiebe, alles Gepäck abnehme, während wir alles alles erzählen, ein wahrer Nachholsturm an Kommunikation auf allen Seiten, während ich im Zimmer dusche und mich die ungewohnte Wärme eines Stadtzimmers im Gesicht glühen lässt, während wir durch die kleine Stadt schlendern, auf der Suche nach Eis und Bier und einem würdigen Ort für diesen Wiedersehensabend, während ich dann ungewohnt in einem hitzewarmen Zimmer in den Schlaf zu finden versuche, während des ganzen Tages bin ich einfach nur dankbar, diese zwei Wochen gehabt zu haben.
Dankbar für das mir wohlgesonnene Wetter und die friedliche Landschaft, die mich getragen hat.
Dankbar für das brave Rad, welches zuließ, dass die Reparatursachen jeden Tag ein Stückchen tiefer in den Packtaschen verschwanden. (Vielleicht sind sie gar nicht mehr da, schon durch den Taschenboden hinausdiffundiert?)
Dankbar für die Zeit mit mir selbst, meinen Gedanken, meinen Sehnsüchten, meiner Suche nach diesem und jenem und den Antworten, die es darauf gab.
Dankbar für meinen inneren Frieden an diesen schlichten Tagen voll lebendigsten Lebens.

Als wir abends durch die vielen hundert Kamerabilder scrollen, einfach weil wir – ich ja auch – neugierig sind, was dort alles abgebildet ist, fällt mir eines auf. Die Landschaft sieht immer unspektakulär aus. Sie ähnelt sich, egal ob sie die Seenlandschaft bei Berlin, den Spreewald, das Bautzener Hügelland, die Berge längs von Elbe und Moldau, die Seenwelt um Trebon zeigt, mein Auge hat sich offenbar an einem Faden des einfachen Seins entlanggehangelt. Meine Seele auch.
Vielleicht sollte ich mir diese Ansichten auf einer Bilderschnur später in mein Zimmer hängen. Ein Faden des einfachen Seins, rings um meinen heimischen Schreibtisch. Damit ich nicht vergesse, dann wieder, in zwei Wochen ja schon, was das Wesentliche ist.

Aber zunächst sind wir hier. Im kleinen Jindrichuv Hradec, bei und mit Freunden, musizierend und (innerlich) singend. Sohnesgeburtstag feiernd, auch das. Tschechische Kerzen stehen schon bereit.
Und dann folgt die Heimfahrt. Am Freitag steige ich wieder aufs Rad.

  

Hnevkovice – Trebon (#3wegsam26)

Um fünf Uhr werde ich wach, muss raus und sehe als Belohnung die ersten Anfänge der Morgendämmerung. Wie schnell die Himmelsecke röter und röter wird …
Das nächste Mal weckt mich die Sonne, als sie unten durch den Zeltboden hineinscheint und dabei bizarre Schatten der Gräser in mein Blickfeld wirft. Es sind die kleinen Dinge …
Der Tag hört nicht auf mich zu beschenken. Barfuß im taufeuchten Gras laufen, in der Stille des Ortes. Später kommt ein kleines Mädchen auf den Spielplatz – ich stehe ja direkt daneben – und spielt versunken vor sich hin. Sie beginnt zu singen – immer wenn ich schaue, hört sie auf, also schaue ich nicht – und ich höre ihrem Glück einfach zu.

Als Weg wähle ich den gestern vom Zeltwart empfohlenen, den auf der anderen Flussseite, die Menschen vor Ort kennen sich schließlich besser aus als meine Radkarten. Ja, es beginnt „horribel“, wie er sagte, mit einem steilen Anstieg. Und die Steigungen reißen auch im Laufe der Strecke nicht ab.
Aber es ist ein Traum dort oben. Bilder fliegen vorbei, zum mittenhineinverlieben. Selten habe ich so oft bei Bergabfahrten gebremst, einfach um länger etwas vom Anblick zu haben. Und die Aufstiege bemerke ich kaum. Nicht nur, weil mich die Welt ringsum gefangennimmt. Auch, weil der Gegenwind weg ist. Jetzt erst fällt es mir so richtig auf: gestern war jeder Höhenmeter (und jeder andere Meter auch) gegen mistralartigen Gegenwind zu erkämpfen. Heute, in Windstille, fliege ich nur so aufwärts:)
Später führt der Weg an den Fluss hinunter. Das gab es seit Prag kaum. Diesmal bleibt er sogar für etliche Kilometer dort unten. Die letzten vor Hluboka, und die gesamte Strecke von dort nach Ceske Budejovice, nach Budweis.

Hluboka, ein mir bekannter Name, Bilder aus dem Kindheitsfotoalbum, ein weißes Schloss, so zeigen es die Schwarz-Weiß-Bilder aus den Achzigern. Nun taucht es in echt vor mir auf, dieses Schloss. Huch: Es steht hoch oben. Und es sind 32°. Ich stöhne auf. Und beschließe umgehend, das Schloss dann eben auf dem Berg liegenzulassen.
Aber in den Ort hinein will ich. Auch der liegt erhöht, macht nichts, ich brauche eh eine Picknickbank, und einfach am Ort vorbeifahren, mag ich nicht.
Oben im Ort ist es voll. Es ist Samstag, es sind viele Menschen unterwegs, auf den Radwegen ja auch schon. Hier kommen österreichische Tagesausflügler hinzu, die Autokennzeichen zeigen die Grenznähe an. Und nicht weit von hier beginnt das südtschechische Seenland, in dem man sicher wunderbar urlauben kann.
Ich sitze also auf meiner schattigen Bank, esse, trinke, schaue den Menschen zu, etliche Hochzeiten und ein historischer Umzug kommen vorbei.
Und plötzlich weiß ich: ich gehe doch zum Schloss hoch. Gehen ist das richtige Verb, schieben ja eigentlich. Ich will das plötzlich. Und so schiebt es sich leicht.
So ist es ja oft, denke ich, wenn man nicht muss und sich selbst die Freiheit gegeben hat, ob oder ob nicht, dann geht es plötzlich viel besser. Oder? Schwer ist nur, was man tun muss, egal ob selbst- oder fremdverordnet. Was man tun will, ganz freiwillig, das wird leicht. Nicht ohne Anstrengung, das meine ich nicht mit leicht, aber eben selbstgewählt und daher doch wie von allein.
Ich schiebe hinauf … und erkenne oben das Schloss tatsächlich wieder. Wobei: ich hätte schwören können, dass es zwei hohe Türme hat. Vielleicht ist der eine davon in den letzten 35 Jahren durch Erosion abgetragen worden:)

Wenig später bin ich in Budweis. Glühende Hitze mittlerweile, so machen Städte erst recht keine Freude. Nur beim Straßenfest bleibe ich gern stehen, spielende Kinder, Menschen, die miteinander wie Nachbarn wirken, eine warme Atmosphäre, nicht nur von den äußeren Temperaturen her. Um ein Haar wäre ich einem Bier erlegen. Nur die Vernunft lässt mich innehalten: ich würde es danach bei der Hitze vermutlich kaum zum Zeltplatz vor den Toren der Stadt schaffen.
So gehe ich weiter, auf den riesigen quadratischen Markt. Eine Kunstinstallation zieht mich an, lauter Flügel aus verrostetem Eisen bilden eine regelrechte Flügelstraße, auf den zentralen Brunnen zu. Die beigefügte Erklärung auf tschechisch verstehe ich natürlich nicht, aber ich fotografiere sie mir ab, für alle Fälle. Ein paar Meter weiter steht ein echtes, verstimmtes:) Klavier. Vorbeikommende setzen sich daran, ab und zu klimpert es über den Platz, manchmal erklingt Musik.
Daneben stehen riesige Bildsäulen. Stadtansichten aus früherer und heutiger Zeit, eine Stadt im Wandel eines Jahrhunderts. Schockierend, dass manche Ecken verschwunden oder durch gesichtslose Quader ersetzt wurden. Faszinierend, wie sich manche typische Straßenzüge doch erhalten haben. Veränderung neben Bewahren, es ist ja immer beides.

Und jetzt? Ich stehe auf dem Markt, die Sonne brennt, es ist noch nicht mal vier Uhr, ich könnte weiterfahren oder mir eine Bleibe suchen. Unentschlossenheit nennt man diesen Zustand, in dem ich über den Markt schleiche.
Ich beginne nach Zeltplätzen in der Nähe zu suchen, für morgen blieben mir dann 60 Kilometer. Nur: in der Richtung, in die ich muss, liegen keine. Für alle hiesigen Plätze müsste ich zurückfahren, und das mag ich nicht. Also: vorwärts.
Aus der Stadt hinaus, das ist gar nicht so einfach. Die Eisenbahntrasse kann ich durch eine Fußgängerbrücke überwinden, die Industrievororte danach ziehen sich grau in grau, ein erschreckender Anblick, abseits der touristischen Wege sieht es im Land also zuweilen so aus. Aha. Jetzt verstehe ich, warum sich in dieser Richtung Zelten einfach nicht anbietet.
Von den staubigen Straßen mehr erschöpft als vom sonstigen Tag, falle ich an der Stadtgrenze noch einmal in einen Supermarkt ein, es ist Samstag Nachmittag, höchste Zeit für Nahrungssuche. Ich schleppe aber vor allem Getränke hinaus, dies entspricht meinem dringlichsten Bedürfnis. (Nein, kein Bier. Da verlasse ich mich in altbewährter Weise auf den Zeltplatz:))

Der Blick auf die Karte, ins Internet und – dann doch mal, weil die Karte zu wenig fein ist – in die Navigationsapp ernüchtert mich. Nächster Zeltplatz in Trebon, knapp 30 Kilometer, dazwischen ein Bergrücken zu überwinden, und es ist schon fast fünf.
Nun ja, sage ich mir, komme ich eben später an, später als es mir lieb ist. Wird schon irgendwie werden. Und strample los.
Und tatsächlich wird es. Die Strecke, die Distanz verliert an Unheimlichkeit, je später es wird. Vielleicht beruhigen mich die Seen, an denen ich vorbeifliege. Oder die schlichte Ruhe in den Dörfern, all das Unspektakuläre. Die sich senkende Sonne, das milde Licht. Was soll mir schon geschehen in einer derart sanften Welt?

Nun, und wirklich, mir geschieht natürlich nichts. Nichts Schlimmes jedenfalls. Nur atemberaubende Blicke. Und ich komme spät an, das ist alles. Finde sogar noch ein ruhiges Plätzchen direkt am Wasser, ganz für mich, optisch jedenfalls.
Denn im Unterschied zu den vorigen ist dieser Platz groß und voll und – ja, auch das – laut. Wohnmobilburgen, doch die passen nicht in den Uferstreifen. Autos über Autos. (Dürfen Radfahrer eigentlich für jede knallende Autotür eine Tüte lautstark platzen lassen?)
Dazu gibt es Samstags Live-Musik, gratis. Gern hätte ich den See ohne diese erlebt. Naja.
Nach einem nur minikleinen Abendessen, wegen Mücken, Dunkelheit, des neben mir ankommenden Motorrads, der lauten Musik gebe ich das Sitzen am Zelt, am See auf und füge ich mich den Tatsachen. Es ist hier eben nicht wie an den vergangenen Tagen, das kann ich mir wünschen wie ich will, da kann ic hadern so sehr ich möchte. Den Abend möchte ich trotzdem nicht an einen Groll verlieren, also gehe ich mir ein Bier holen und setze mich damit auf eine der Bänke am Kinderspielplatz.
Anders, als ich mir meinen vorerst letzten Zeltabend vorgestellt habe, kann ich nur meinen Fokus anderswohin richten. Auf diese Kinder hier etwa, in ihrer Lebensfreude, in ihrem freien Spielen und Toben. Genau zu denen setze ich mich, hier geht es mir gut, hier höre ich das Laute bald gar nicht mehr.
Ein Mädchen schaukelt bis zum Himmel und juchzt dabei. Wäre eigentlich auch mal wieder Zeit dies zu tun …

Stedronin – Hnevkovice (#3wegsam25)

Ganz schön was los in so nem Jugendlager. Frühsport mit rhythmischen Wachwerderufen an allen Ecken des Kemps. Ich hätte das in frühere Zeiten verortet.
Und sowieso sind Kinder, wenn sie mal wach sind, eben wach. Im Gegensatz zu mir. Es ist so früh, dass mein Zelt noch Tautropfenregen produziert, wenn ich versuche es zu öffnen. Weiterdösen also, bis ich trocken rauskomme.
Schreiben dann, bei schon geöffnetem Zelt. Blauer Himmel, gleich kommt die Sonne um den Zelteingang, und Seeblick an Bäumen. Ich nenne es jetzt einfach mal See, obwohl es eine Schleife der oder des Otava ist. Ein Nebenfluss der Vltava, der Moldau. Immer noch weiß ich nicht, was dieser Name bedeutet, und wie es zu der deutschen Entsprechung kommt.

Meine ruhige Zeit am Morgen, die habe ich heute mal beobachtet. Mit dem baldigen Ankommen am zweiten Pausenort der Reise in Jindrichuv Hradec steigen auch Nachhausekommgedanken auf. Schon, so schnell.
Ich möchte Dinge mitnehmen, von hier in den Alltag tragen. Diese Morgenruhe zum Beispiel. Es kommt Euch vielleicht seltsam vor, aber heute schaue ich genau auf die Uhr, um herauszufinden. Was eigentlich? Das Mitzunehmende, das Übertragbare.
Vom Aufwachen bis zum Losfahren sind es ziemlich konstant vier Stunden, die ich mir hier täglich nehme. Ich tue das nicht bewusst, sondern es läuft darauf hinaus. Mit weniger geht es mir nicht gut, dann wird der Morgen gehetzt.
Zu Hause natürlich kann ich ja kaum um drei Uhr aufstehen. Allerdings ist da auch kein Zelt einzupacken. Lässt sich das Ruhespendende aber mitnehmen, und was ist das überhaupt?
Meine erste Stunde ist Wachwerden, Dösen, eine erste Runde in der Umgebung drehen, mit Toilette, klar. Geduscht habe ich meist schon abends, manchmal mache ich das auch auf der Morgenrunde, da ist es immer noch leer im Waschraum.
Die zweite Stunde ist Schreiben und Lesen, oft im Zelt, weil es draußen noch feucht ist. Sitzend am offenen Zelteingang, in der Morgenkühle.
Nach zwei Stunden, spätestens wenn die Sonne das Zelt erwärmt, unerträglich als Kontrast zur Morgenkühle, stehe ich auf. Dann packe ich. Heute mit Blick auf die Uhr. Nach 30 Minuten ist das meiste Zeug vom Zelt auf dem Rad. Nach weiteren 30 Minuten ist das Zelt gewendet, getrocknet, und ich habe gefrühstückt.
Die letzte Stunde – echt, das hätte ich nie gedacht – vergeht mit tausend Minihandgriffen. Zeltzusammenlegen, Esstasche packen, Schuhe anziehen, Tacho zurücksetzen, eincremen, Flaschen füllen, Solarpanel auschnallen, Taschengurte abklipsen&einpacken, Mülltüte wegbringen, trocknende Handtücher einsammeln, Weg auf Karte erinnern, und weitere 989 Dinge. Echt, damit geht eine Stunde rum, wenn ich alles in Ruhe mache, mich nicht beeile.
Hätte ich nicht geglaubt. Eine wunderbare Zeit. Wann habe ich zu Hause schonmal Zeit, so viele Dinge eines nach dem anderen in aller Bewusstheit zu tun. Es geht mir gut dabei.

Aber zu Hause? Ich hoffe ja, dieses gute Gefühl lässt sich mitnehmen. Mich morgens nicht hetzen. Es gibt ja dort keine tausend Handgriffe, höchstens hundert. Und wenn ich abends schon vieles bereitlege, bleiben zwanzig. Für die ist dann die selbe Ruhe wie hier. Und die, die es gibt, kann ich soweit reduzieren, dass sie in aller Ruhe in eine halbe Stunde passen.
Bleiben die zwei Stunden vorher. Was brauche ich davon? Wachwerden dürfen, dösen, im Garten spazieren, lesen und schreiben in viel Ruhe. Ich glaube, das brauche ich. Wenn ich mir dazu im Alltag anderthalb Stunden schenke, dann klingelt der Wecker um fünf. Ja, das ginge. Hört sich gut an. Das versuche ich weiter so zu machen:)
(Seltsam, wie ich hier meinen Alltag antizipiere und vorbereite? Für mich nicht. Weil mir wichtig ist, in zwei Wochen nicht unvorbereitet wieder hineinzuknallen und auf dem Boden der Realität aufzuschlagen.)

Auf dem Weg. Ich halte nochmals an der Stauseebrücke, der Blick fasziniert auch am Morgen. Auch sonst bin ich froher Dinge. Das Reflektieren meiner morgendlichen Bergangst hat diese gelöst. Wäre ja auch eigenartig, wenn es mir tagsüber in meinem Rhythmus immer gut ginge, und ich morgens trotzdem in Unbehagen verfallen würde.
Heute wird es ruhig, ich will nicht so weit fahren, habe Lust, mich in den Dörfern auf die Bänke an den Dorflinden zu setzen und in jedem Ort ein wenig zu verweilen. Statt der langen Waldstrecke hoch hinauf suche ich mir kleine Sträßlein über die Felder. Von Ort zu Ort, damit kann man den Tag verbringen.
Von Laden zu Laden hangele ich mich dabei ebenfalls. Weil ich eine Gaskartusche suche und es in jedem Dorfkonsum erneut versuche, und weil ich wegen der seltenen Geschäfte bei jedem denke, dies könnte das Letzte vor dem Abend sein, also lieber nochmal einkaufe. Auf die Weise ernähre ich mich von einem Joghurt oder Kefir nach dem anderen, von Obst, von immer dem, was ich frisch gekauft habe.
Eine Gaskartusche finde ich dann auch noch, am Abend in einem „Eisenwarengeschäft“ – wie heißt das eigentlich bei uns, vergessene Wörter im Kaufhauszeitalter.

Vielen Menschen schaue ich heute zu, ihrer Ruhe, ihrem normalen Leben.
Im ersten Laden bindet die Verkäuferin seelenruhig ein Lebensmittelpräsent zusammen, addiert alle Preise schriftlich, schwätzt mit den drei Frauen, die inzwischen warten. Diese lassen mich dann vor, vielleicht wirke ich, als hätte ich es eilig? Sie schieben mich nach vorn, wer weiß warum, und ich beginne meinen Frage-Zeige-Stotter-Sucheinkauf. Bekomme dabei erklärt, wie die verschiedenen Teigwaren heißen. Hrolik ist ein Hörnchen, das merke ich mir, Chleb das Brot, das wusste ich schon, und was Brötchen heißt, vergesse ich umgehend.
Draußen vor dem Laden sitzen Männer und haben zahlreiche Bierflaschen geleert, es ist vormittags.
Der Tankwart, den ich nach den Kartuschen frage, erklärt mir mit viel Geduld und Händen und Füßen, wo im Ort ich fragen könnte, wo er eine Chance sieht. Währenddessen blockiere ich mit meinem Rad die Tankspur und den Wart, hier wird noch bedient, das scheint aber niemanden zu stören. Ich bekomme zu Ende erklärt und dann mit Gute-Reise-Wünschen weitergeschickt. Die Autos fahren an die Tanksäule, als ich den Weg freigemacht habe.
Der winzige Eiskiosk am Dorfrand im Nirgendwo, ich wundere mich über die Eisfahne und vermute, dass geschlossen ist. Doch nein, ein junges Mädchen sitzt dort, scheint nur auf mich gewartet zu haben. Ich sage „ein großes Gemischtes“, so wie es geschrieben steht, und – so meine ich – wie die Leute es aussprechen, doch sie versteht mich nicht. Das ist frustrierend, ich habe mir extra die Ausspracheregeln angeschaut, höre den Menschen genau zu, sage das Gleiche, und werde nicht verstanden. Mit Zeigen und Nicken geht es ja, aber trotzdem. Und dass der Kiosk abgeschieden liegt, weit gefehlt. Mal springt ein Kind aus dem Gebüsch, mit Hund an der Leine, kauft ein großes Schoko, dann hält ein Auto, eine ganze Familie klettert heraus, ein Lieferwagen mit zwei Männern, eine Schar Kinder vom Hof gegenüber, alle alle kommen hierher an den Kiosk am Ende der Welt und essen Eis. Während meines Softeises ist die halbe Region vorbeigekommen. Zwischendurch sitzt das junge Mädchen auf der Bank neben mir und wartet auf die nächsten Käufer.
Der Mann im Eisenwarenladen, ich sage nur Camping Gaz, kriecht ins hinterste Regal und findet tatsächlich, was ich suche. Das letzte Mal scheint so etwas vor 50 Jahren gekauft worden sein, er bestaunt das Objekt, bevor er es mir in die Hand drückt. Gleich darauf schließt er den Laden. Ja, das war mir anderswo schon aufgefallen, auf den Dörfern ist teilweise um vier Uhr schon zu, hier in der Stadt ist es 17.30. Er schließt die Tür ab, und gleich darauf kommt eine Frau auf ihn zugeradelt, mit zwei Kindern auf dem Rad. Sie übergibt das Rad an ihn, es sind also seine Kinder, er redet mit ein paar Nachbarn, steckt seinen Kindern Stücke vom Hörnchen in den Mund, fährt dann los. Beim Eisladen sehe ich die drei wieder. Und später noch auf dem Flussradweg vor den Toren der Stadt. Er hat Feierabend und feiert diesen gebührend.
Der Mann auf dem Campingplatz, der mit mir den gewesenen und morgigen Radweg bespricht. Mir zum Weg auf der anderen Flussseite rät, weil zwar beide „horribel“ seien, aber der jenseitige neuer ist, da sei der Asphalt wenigstens gut. Er schaut extra noch mit mir auf seinem großen Monitor und zeigt mir die Qualität des Asphalts bei Goo.gle.maps:)
Oft werde ich auf der Straße angesprochen. Ich kann dann meist nur mit den Achseln zucken, würde gern in so manches Gespräch einsteigen. Ich würde gern wissen, wie die Menschen leben, würde mir von ihren Dingen erzählen lassen. Die Sprache fehlt mir wirklich.

Abends. Ein Zeltplatz wie schon öfter ohne ein einziges Zelt. Aber leer ist es nicht, man verbringt Ferien in Campinghütten, das scheint hier üblicher zu sein als zu zelten. Ich stelle meine kleine grüne Kuppel am Rande der Spielwiese auf, im Laufe des Abends bekomme ich noch kleinen zuschauenden Besuch, sonst aber bin ich weit weg von allem und nahe am Blick in die Weite.
Wieder übrigens, weil ich es ja heute morgen so beobachtet habe, fällt mir die lange Zeit auf, die ich auch abends brauche, um mich wohl zu fühlen. Ankommen nach sechs Uhr ist unbehaglich, weil ich wieder vier ruhige Stunden vor dem Schlafen möchte.
So wie ich morgens lange brauche, um im Tag anzukommen, muss ich auch auf jedem neuen Platz erst ankommen. Einen guten Ort, eine gute Richtung für das Zelt suchen und mich dann erstmal dorthin setzen. Nur wenn das Zelt feucht wäre, würde ich es sofort aufbauen. Wunderbare Tage aber, an denen das nicht drängt. Bestimmt eine Stunde sitze ich einfach so da, schaue auf der Karte nochmal meine Strecke an, dazu in der Kamera die Bilder, erinnere mich, reise meinen Tag nochmals in Gedanken durch. Erst dann kommt – je nach Stimmung, Hunger und Schmutzigkeitsgefühl – Kochen, Zeltaufbau und Auspacken oder Duschen.
Meist ist Kochen das Letzte, es wird dann schon dunkel. Im versinkenden Tageslicht mit meinem Topf sitzen, essen und schauen. Nichts weiter.
Danach noch – weil es mir zu schwer ist und dann nicht kühl wäre, schleppe ich es nicht mit – ein Bier trinken gehen. Das gab es noch auf jedem Zeltplatz. Und es schmeckt immer …

Hrachov – Stedronin (#3wegsam24)

Im noch kühlen Morgenwind zu radeln tut mir gut. Auch wenn es sofort bergauf geht.Warum das heute anders ist als gestern, geht mir durch den Kopf. Ich verausgabe mich nicht, und fahre doch einen Weg, den ich mir selbst kaum zugetraut hätte, vor kurzer Zeit noch. Weil ich ihn im eigenen Tempo gehe, wird es ein guter Weg.
An frühere Zeiten erinnere ich mich, als ich in den Bergen immer die langsamste und letzte war, so hat es sich in meinem Kopf eingeprägt. Schon als Kind, später zu Studienzeiten mit den Freunden, immer genügte ich nicht dem Tempo. Oder konnte dieses nur mithalten, wenn ich keuchte und schnaufte und am Abend restlos erledigt war. Aus dieser Zeit muss der Reflex stammen: Wenn es in die Berge geht, sei vorher bitte angespannt. Dies hat seinen guten Grund.
So war es ja gestern. Mein Uraltmuster hatte leichtes Spiel, mal wieder. Gefangen im Respekt vor den Anstiegen, innerlich angespannt habe ich mich selbst der Strecke in den Weg gestellt. Erst im Laufe des Tretens, des Schiebens auch, konnte ich mich von den Uraltängsten freimachen.
Heute hilft mir das Gestern. Heute weiß ich schon, dass ich auch gestern hochgekommen bin. Dass ich – wie jetzt schon so oft mit dem Rad – einfach Tritt für Tritt fahre, kaum müde werde, alles langsam mache, absteige wenn es passt, so dass ich all die Zeit im gleichen Rhythmus bin. Dass ich dann, egal wie lange es bergauf geht, oben ankomme.

Ja, wenn ich innerlich ruhig bleibe, ist es ein überwältigendes Gefühl, auf die Berge hinaufzufahren. Während des Aufstiegs wird es ganz still in mir. Manchmal begleite ich mich selbst durch ein rhythmisches Klavierspielen der Finger, oder ich lausche meinem Atem, stelle diesen auf die Trittfrequenz ein. Oft aber ist Zeit nach rechts und links zu schauen. Da ist so viel zu sehen und zu hören, wenn ich nur langsam bin. Geschenke des Aufstiegs.
Obensein belohnt durch Abgeschiedenheit, zumeist, durch stille Dörfchen, durch die ich andächtig rolle, und durch den weiten Blick. Atemberaubend, immer wieder. Auf Fotos lässt sich das nicht zeigen. Ein ums andere Mal bin ich enttäuscht, wenn ich auf den Auslöser gedrückt habe.
Die Abfahrt belohnt durch den kühlenden Wind und das Gefühl zu fliegen. Oft bremse ich, um dieses Gefühl länger für mich zu bewahren.
Später am Tag treffe ich auf eine Hochebene, so ähnlich könnte man die nur noch leicht auf und ab schwingende Landschaft nennen. Ganz ungewohnt plötzlich, durch Treten in eine hohe Geschwindigkeit zu kommen und kurvige Landstraßen entlangzuschwingen. Seit zwei Tagen hatte ich das nicht. Auch mal wieder schön:)
Heute ist Glücksgefühlstag, irgendwie. Bei allen Anstrengungen, die der Weg fordert, nicht weniger als gestern sind das, bleibe ich viel mehr in mir und atme die Strecke ein …

Essen, übrigens, Essen finde ich auch. Ich weiß nun schon, dass es in den Dörfern oben oft schlecht aussieht mit Einkaufsmöglichkeiten. Gestern hatte ich nichts mehr gefunden, konnte nur aus den Langzeitvorräten – Nudeln mit rot – kochen und morgens ein trockenes Hörnchen mit den letzten Partnerortkeksen frühstücken.
Jetzt am Fluss, ein Laden, ich kaufe einen Korb voller Essen. Joghurt, Käse, Obst, neue Hörnchen, Waffeln. Bis zur Ankunft am Abend ist das nahezu alles weg. An den besten Picknickplätzen der Welt: unter einer riesigen Kastanie mit Weitblick, an einem Dorfteich in der Mittagsstille, an einem See, der auch in der Berliner Umgebung hätte liegen können.
Und wieder finde ich am Abend keinen Laden, um die Vorräte fürs nächste Frühstück aufzufüllen. Obwohl die Ortschaft recht groß und mit einigen Gasthäusern versehen ist – ein Lebensmittelgeschäft ist nicht dabei. Immerhin habe ich diesmal noch zwei Hörnchen, ein Stück Käse und eine Nektarine übrig. Geradezu fürstlich:)

Im Laden übrigens bin ich – trotz Selbstbedienung – in der Lage, den gesamten Laden aufzuhalten. Als ich nämlich an der Kasse frage, wo die alten Batterien zu entsorgen seien. Sie zeigt auf eine Kiste, ich bin kurz davor, die Batterien hineinzuwerfen, als sie „(a)no“ sagt. Ich verstehe natürlich „no“ und ziehe reflexhaft meine Hand zurück. Weise auf die anderen Kisten, sie redet und redet, die scheinen alle falsch zu sein, ich tue wiederum meine Hand an jene Kiste, sie wiederum „(a)no“, ich zucke wiederum zurück. Letztlich kommt sie um ihren Tisch herum, wirft die Batterien selbst dort hinein, wir lachen, und ich erinner mich: „ano“ heißt „ja“.
(Warum eigentlich klingt „nein“ in allen Sprachen so ähnlich, beginnt jedenfalls immer mit n, und „ja“ hat so unterschiedliche Namen – yes, oui, si, tak, da, ano … wie kommt das?)

Heute habe ich meinen Radweg Nr. 7 wiederbekommen. Warum auch immer – so lange ich im mitteltschechichen Kraj unterwegs war vielleicht? – hatte der andere Nummern. Durch Prag hindurch war es die A2, nach einem kurzen namenlosen Stück wurde die 301 daraus, dann die 111. Erst hier heißt er wieder 7 und hat den dreieckigen blauen Moldau-Aufkleber. Man findet sich wieder ohne langes Kartenstudium zurecht.
So straßenfern wie damals ist er allerdings nicht mehr. Im Gegenteil, man fährt zumeist auf kleinen Autostraßen. Die sind zu 95% unbelebt. Nur die 5% Fernstraße, über die ich am Abend muss, die sind äußerst unangenehm. Ab und zu rasen Autos in beängstigender Nähe vorbei.
Irgendwo auf einer Straßenkreuzung treffe ich eine herumsuchende Alleinradlerin. Sie fragt mich auf englisch nach dem Weg, ich kann helfen, wir reden so über das Radfahren und dies und das, ganz leicht komme ich mit ihr ins Gespräch, als plötzlich – wir stehen ja mitten auf einer Dorfkreuzung – doch mal ein Auto kommt. Es könnte locker hinter uns vorbeifahren, der Rest der Welt hat ihm Platz gemacht, doch es hupt. Klar, wir stehen auf seiner Spur.
„She must be a teacher“, sagt die Frau. Bestimmt hätte sie jetzt schon zu lange Ferien gehabt und hätte es ganz dringend gebraucht, einmal wieder Recht gehabt zu haben. Ich sage, dass ich auch eine Lehrerin bin. Oh, sagt sie, ich auch. Wir lachen gemeinsam, offenbar über genau das Gleiche. Es scheint keine großen Unterschiede zu geben zwischen hier und dort …

Am Abend will ich an den letzten Ausläufern des Orlik-Stausees bleiben. Den Damm hatte ich mir nicht angeschaut, auch sonst bin ich vorher nicht zum See hinuntergefahren. Erst hier muss ich den See ohnehin queren. Eine Brücke mit spektakulärem Blick auf die felsigen steilen Ufer. Ich kann mich kaum sattsehen …
Aber ich bin noch nicht angekommen. Der auf der Karte und im Netz angegebene Campingplatz existiert wieder nicht, das scheint hier öfter vorzukommen.
Aber wieder gibt es keinen Grund für einen längeren Schreck, denn auch hier findet sich in wenigen Kilometern Entfernung eine andere Möglichkeit. Es ist sogar fast ohne Höhenmeter zu erreichen. Erstmals seit Tagen habe ich ein Kemp nicht für mich, hier ist alles voller Jugendgruppen, das scheinen pfadfinderartige Lager zu sein.
Aber: Diese Art von Belebtheit stört mich überhaupt nicht. Die Mädchen in der Dusche, die Kleinen bei ihrer Abendrallye, die Lagerdisko in der Ferne, das Lachen beim Uno-Spiel in großer Runde – das alles tut mir sogar gut. Vielleicht doch ein wenig Sehnsucht nach der Arbeit?
Obwohl ich gerade heute feststelle, dass ich schon fast vier Wochen unterwegs bin und mir ein ewiges Unterwegssein vorstellen könnte. Vielleicht kann ich es mir ja nur deswegen vorstellen, weil ich weiß, dass es unweigerlich enden wird?

Mechenice – Hrachov (#3wegsam23)

Der Morgen ist laut. Ja, ich schlafe neben der Fernverkehrsstraße, auf der ich gestern die letzten und heute die ersten Kilometer zurücklege. Erstaunlich, dass ich dies nachts nicht hörte.
Der Morgen ist neblig. Nichts zieht mich aus dem Zelt. Die Strecke wird bergig, und auch wenn der Wirt (und die Natur, der Blick auf die Karte ja auch) mir sagen, dass es „dort oben“ wieder „romantisch“ wird, fehlt mir der Antrieb, den heutigen Tag zu beginnen.

Schnellstraße also. Bevor die Steigung beginnt, fotografiere ich den Fluss, ich werde ihn für eine Weile verlassen. Länger verweilen aber ist nicht schön, wegen des Autolärms.
Weg geht es von der Moldau, durch ein Gebirgsbachtal, zunächst auf bequemem Asphaltweg hinauf, rechts und links liegen verstreute Häuschen.
Durch eine Furt ist der Bach zu überqueren, zum Hindurchfahren ist es mir zu glitschig, zum Laufen ist das Wasser für meine Schuhe zu hoch. Also barfuß schieben. Hinterher die Füße in der Sonne trocknen lassen.
Von hier ab wird es steil. Der Asphaltweg ist zerbröselt, die 200 Höhenmeter sind auf kaum zwei Kilometer verteilt, ich passe. Das heißt, ich steige ab. Radwandern, so nennt man diese Tätigkeit dann wohl, der ich keuchend nachgehe.
Das fängt ja gut an mit den unbekannten Etappen. Klar, ich hatte davon gelesen, dass es ein bergiger Weg ist. Aber doch nicht so? Wenn das so bleibt, werde ich nicht am Sonntag in Südtschechien sein können. Oder aber auf Straßen ausweichen müssen, die Route neu legen … Anfänge solcher Gedanken sind da im Kopf, während der sehr langen zwei Kilometer. Aber die zwei Kilometer gehen vorbei, die Gedanken auch. Denn im Moment bin ich hier. Was an den nächsten Steigungen wird, weiß ich nicht. Wie weit ich kommen werde, auch nicht. Alles wird sich finden.

Es wird noch den ganzen Tag auf und ab gehen. Doch niemals mehr so heftig wie am Anfang. Die meisten Anstiege schaffe ich ohne abzusteigen, langsam, ganz wie ich kann, aber ich fahre. Es ist das eigene Tempo, was einem die Kraft verleiht hinaufzukommen.
Oben schenken sich unglaubliche Blicke in die Weite der Berge. Immer hoffe ich, da unten irgendwo die Moldau zu entdecken, nein ich bleibe flussfern, ohne Blickkontakt zum Wasser. Aber ein Traum sind die Blicke von hier oben auch so. Wie immer in den Bergen: Der Schweiß lohnt sich.
Ich wundere mich allerdings, wie oft ich von der Landschaft abschweife, ins Denken hinein gerate, wie weit und ob und ob nicht, solche Planungsüberlegungen. Meine sonstige Bergruhe ist nicht bei mir. Vielleicht weil ich nicht absehen kann, wie hoch und weit es noch wird, weil ich die Steigungen immer wieder unterschätze, weil ich der Straßenkarte so gut wie nichts an Informationen entnehmen kann. (Ja, ich weiß, ich könnte das alles elektronisch herausfinden. Doch dazu ist mir die Zeit in der Landschaft zu schade. Ich habe mich in den letzten Tagen an Reisen nach Papier, Schildern und Sonnenstand gewöhnt, das fühlt sich befreit an und soll auch so bleiben:))

Im Laufe des Tages werde ich müde und setze mich immer wieder an den Straßenrand, dort wo es einladend aussieht. Ein Eis, mitten in einem verlassenen Dorf, eine Treppe mit Blick, für mein Mittagspicknick, eine Bank mitten am Berghang, eine Wiese an einem Teich, so Luftholorte.
Nach 40 Kilometern und 600 Höhenmetern sehe ich erstmals wieder den Fluss, bin unten, fahre rüber. Unglaublich, wie weit und still er ist. Ein See quasi.
Drüben schraube ich mich wieder hoch. Nachmittags fällt mir das leichter, nachmittags erst komme ich richtig in Form.

Gegen sechs Uhr laufe ich einen kleinen Campingplatz an, so schön liegt er, direkt am Fluss. Doch: er ist zu. Einfach zu. Ein Mann auf der Straße sagt mir, seit Ende Juli sei er geschlossen. Eine niegelnagelneue Campinganlage steht mit Sicherheitszaun verschlossen in der Landschaft. Sieht aus wie ein Bankrott, als hätten sich all die neuen Einrichtungsteile nicht abbezahlen lassen?
Wo ich denn schlafen könne, frage ich den Mann. Er weiß auch nicht. Orlik, sagt er. Mensch, denke ich, das sind 20 hügelige Kilometer, es ist schon sechs, das schaffe ich im Leben nicht.
Im nächsten Ort sei ein Hotel. Oh je, bloß das nicht. Aber ich fahre hin, hilft ja nichts. Und sehe auf dem Weg an einem See, einer Moldaubucht, ein paar Hütten stehen, das sieht aus wie eine Ferienanlage. Ich spreche einen Mann an, der an seinem Boot werkelt. Ja, dort könne ich fragen, der Weg dorthin führe hinten über den Wald. Und oben in Hrachov gäbe es zwei Privatpersonen, bei denen könne man Zelte aufstellen. Er habe leider die Telefonnummern nicht, sonst würde er für mich anrufen. Trotzdem danke, sage ich, und schlängele mich zur Ferienanlage durch.
Und schon stehe ich an einem Biertisch voller lustiger Menschen. Ja, klar, das ginge. Sie zeigen mir alles, nennen den Preis (wie auf allen Zeltplätzen, immer sind es 200 Kronen), ich trinke vor Erleichterung und Ankommensfreude erstmal ein Bier, und dann bin ich da. Ein riesiger Wald für mich, außer mir zeltet hier niemand, alle anderen wohnen in Hütten.

Als ich aufgebaut und gekocht habe, gehe ich für ein weiteres Bier nach vorn. Gemütlich hier. Viele scheinen sich zu kennen. Das Sprechen ist schwierig, sie können nur wenig deutsch und englisch, sind trotzdem sehr zugewandt. Ich trinke mein Bier mit Blick auf den See, schreibe, sitze, bin in Gedanken noch im Tag. Und in den nächsten. Noch vier, dann werde ich in der südtschechischen Stadt meine Kinder treffen. Noch viermal schlafen. Allmählich freue ich mich aufs zweite Ankommen.
Vorher aber liegen vier weitere Radeltage mit Aufs und Abs. Darauf einen Becherovka. Der wird mir hier gerade ausgegeben, ich sage nicht nein.

Veltrusy – Mechenice (#3wegsam22)

Ein Schleppkahn fährt mitten durch mein Zelt, so scheint es mir, als ich die Luke öffne. Kurz darauf ein Flusskreuzfahrtschiff. Fehlt nur noch die Aida. Nein nein, die ist zu hoch, Brücken sei Dank. Aber sonst ist hier was los, so früh am Morgen. Hauptwasserstraße. Einen Fluss aufwärts radeln hat was: es wird stiller. Mal schauen, ob hinter Prag auch noch so viel Schiffsverkehr herrscht.
Schiffe machen glücklicherweise keinen Lärm, so bleibt der Morgen trotzdem ruhig. Ich sitze und fühle mich gut in und bei mir. Selbst mit dem Gedanken, dass es heute durch Prag geht, freunde ich mich allmählich an. Ich werde dort am Fluss bleiben, nur einmal zum Markt abbiegen, einmal die Karlsbrücke betreten, mehr nicht, wir waren ja erst vor Kurzem hier. Und dann hoffentlich am Abend den Stadtmoloch hinter mir gelassen haben. Ein paar Kilometer hinter Prag gibt es Zeltplätze, bis dorthin sollte es zu schaffen sein.

Schon vor 10 Uhr bin ich auf dem Weg, dem immer noch, für ein letztes Mal, altbekannten, an dem ich jede Wendung erkenne. Bis kurz vor Klecany, wo wir uns damals den Berg hochschraubten, da wage ich diesmal den Uferweg. Der ist ausdrücklich nicht empfohlen, er sei steil und geradezu gefährlich. Aber scharenweise kommen sie dort heraus, ich frage. Doch, der sei machbar, ab und zu müsse man halt schieben. Und so wage ich es.
Es stellt sich als Trampelpfad heraus. Wurzeln, Steine, Sand, alles. Wenn der Pfad weniger als einen Meter von der Uferkante entfernt verläuft, steige ich ab. Wenn die Uferkante mehr als drei Meter über dem Wasser liegt, steige ich ab. Ich steige eigentlich die ganze Zeit ab. Könnte ja sein, dass das Rad sich auf einer der zahlreichen Wurzeln verhoppelt, bei aller Konzentration: Es ist nicht ganz ungefährlich. Zu Fuß fühle ich mich besser. (Wahrscheinlich wäre es oben lang letztlich schneller gegangen. Hinterher ist man schlauer.)
Mit Kindern, übrigens, empfehle ich ausdrücklich, diesen Abschnitt am Ufer keinesfalls zu fahren. Bloß gut, dass wir dies vor zwei Jahren nicht taten.

Und plötzlich tauchen die ersten Häuser auf, ich bin auf den bequemen Asphaltwegen nach Prag hineingerollt, ohne es gemerkt zu haben. Links der Zoo und Schloss Troia, rechts die Kajaktrainingsstrecke auf dem Fluss. Schnell nochmal ins Gebüsch, bevor die Gelegenheiten vorbei sind. Ich stelle mir baldige Häuserschluchten und heftiges Autogedrängel vor.
Doch der Weg hält mich vom wilden Stadtleben fern. Bis kurz vor der Karlsbrücke fahre ich von Autos unbehelligt direkt am Wasser. Erst im unmittelbaren Zentrum ist kein Platz mehr für eine Radspur, deswegen soll man die Straße benutzen, sagt das Schild. Nein danke, die fahren dort dicht an dicht im Schritttempo, ich schiebe lieber auf dem Gehweg.
Schieben wird ohnehin meine Fortbewegungsart über Karlsbrücke und Altstadtmarkt sein. Nur darauf möchte ich einen kurzen Blick werfen, nachdem wir vor zwei Jahren für länger hier waren.

Karlsbrücke und Altstadtmarkt also. Menschendichte wie auf einer Kirmes. Ein volles Fahrrad über einen Weihnachtsmarkt schieben, so etwa ist das. Diese Menschenmassen, was wollen die alle hier? (Andererseits: Was will ich hier?)
Der Touristikbetrieb hat nochmal an Fahrt aufgenommen in diesen zwei Jahren. Was einem da alles angeboten wird. Eis im trdlinek (Schreibung ohne Gewähr) scheint eine neue Mode, alle stehen danach an, alle essen es. Bauchladenverkäufer aller Couleur. Lebendige Werbung für Thai-Massage. Sich mit einer Schlange fotografieren lassen. Magnettäfelchen sind zu erwerben, dazu wird lautstark aufgefordert. Zettel werden einem von allen Seiten in die Hand gedrückt. Es möge bloß nicht langweilig werden.
Fluchtreflexe. Das war mir vorher klar. Noch schnell das Schlagen der Aposteluhr abwarten, dann wühle ich mich hinaus. Bin froh, als ich heil und mit vollständigem Gepäck wieder am Fluss bin.
Von dort muss ich noch wenige Meter Straße schaffen, schon beginnt wieder der separate flussnahe Radweg. Ich atme auf.

Unglaublich: Am Abend bin ich 30 KIlometer durch eine riesige Großstadt gefahren, und davon höchstens 3 Kilometer auf der Straße. Der Rest war separat geführt. Das Gefährlichste waren noch die touristischen Gruppen, die ihre ausgeliehenen Segways, Tandems oder auch nur einfache Fahrräder nicht im Griff hatten.
Anstrengend war allerdings mein Hunger. Ich hatte nur noch trocken Brot im Gepäck. Dort auf den zirkusartigen Plätzen wollte ich einfach nichts essen. Normale Lebensmittelgeschäfte gab es nicht. Die vielen Imbisse am Flussufer, wie sie bis kurz vor der Stadt im dichten Abstand folgten, sind in der Stadt durch Bars ersetzt. Rum, Brandy, Gin, das macht nicht satt:)
So stand ich zitternd vor Unterzuckerung schließlich wieder an der Moldau und rettete mich mit ein paar Keksen aus der Partnergemeinde (noch habe ich reichlich:)) und Traubenzucker.
Später kehrte ich für eine Malinovka, eine Himbeerlimonade, doch noch in einen Imbiss am Fluss ein, als diese wieder „normale“ Gestalt eingenommen hatten.

Am frühen Abend also bin ich durch die Stadt durch, viel besser, als ich zu hoffen gewagt hatte. Das Flusstal ist wieder grün, aber es bleibt laut. Denn es ist eng, Bahn und Fernverkehrsstraße haben nur diesen einen Weg. Der Radweg liegt leider mitten auf dieser Straße, es gibt keine andere Möglichkeit, wenn man alpine Steigungen meiden möchte.
Fernverkehrsstraße mit Feierabendverkehr dröhnt an meinem Ohr. Nicht in, sondern hinter Prag wird der Verkehr anstrengend, wer hätte das gedacht.
Das Tal zieht sich, später wird der Radweg hinaufführen in ruhigere Gegenden. Doch das schaffe ich heute nicht mehr. Meinen Zeltplatz suche ich mir hier an der Strecke, hier an der Straße. Naja, sage ich mir, Zelten in Prag direkt wäre auch nicht stiller gewesen.

Der Ort ist überschaubar, ein winziger Lebensmittelladen verkauft mir mein Frühstück, wiederum agiere ich mit Händen und Füßen, so schnell lerne ich die wichtigen Wörter nun doch nicht. Auf dem Zeltplatz bin ich die einzige. Klar, hier so stadtnah, so laut im engen Tal, das ist keine Ferienlage.
Der Wirt erzählt mir später am Abend, als ich bei ihm ein Bier trinke, dass sie vor allem für Fußballtrainingscamps da sind, dass hier kaum „normale“ Touristen herfinden.
Macht ja nichts. Ist nur ein wenig schwierig, auf der riesigen freien Wiese einen Platz für das Zelt auszusuchen. Wirklich jetzt: wenn so gar nichts dasteht, wenn ich riesige freie Wahl habe, woran orientiere ich mich dann?


Pistany – Veltrusy (#3wegsam21)

Die Morgensonne und ich sind ganz allein, wir spazieren am Strand entlang und zwinkern uns über den Berg hinweg zu, so ein Erwachen ist das.
Später kommen andere Menschen hinzu, in der Ferne nur, am anderen Ende des Platzes – huch, ich meinte, hier die Einzige zu sein. Offenbar kann man im Haus am Ende des Hanges übernachten, oder aber wohnen, das erschließt sich mir nicht.
Der alte Mann und seine so kranke Frau, die wohnen sicher hier, vielleicht gehören sie zum Zeltplatz, immer schon. Er, der neugierig ist, der mit wachen Augen mein Tun beobachtet, kommt zu mir gehumpelt. Fragt mich, woher ich sei. Und dann erzählt er. Ich verstehe nicht wirklich, wovon er redet. Nur die zentralen Wörter sind nicht zu überhören, Kommunismus, Prag, Moskau, Faschismus, Berlin, die prallen immer wieder aus dem Monolog heraus. Ich weiß nicht, was seine Gedankengänge sind, er hat viel erlebt in seinen Jahren, ich kann nur erahnen, worum es ihm geht. Und er lächelt dabei. Am Ende fragt er mich, wie ich heiße, nennt mir seinen Namen (Heiner? kann ich das richtig verstanden haben?) und schüttelt mir die Hand. Eine Friedensbegegnung. Er lächelt und schaut so offen. Später, als ich abfahre, kommt er nochmals. Um mir zu erzählen, dass er jetzt ins Dorf Bier trinken geht. Ich sage, dass ich abends auch Bier trinken werde:)
Der Morgen ist, während meine Zeltsachen in der Sonne trocknen und ich meinen Kaffee trinke, voller Ruhe. Ich genieße es, jeden Handgriff ganz bewusst zu tun, mich nicht zu beeilen, alle Dinge vor dem Einpacken in der Hand zu haben, sie und die Taschen allmählich in ihre Reiseform zu bringen, während parallel der Blogtext wächst, ich mir noch eine Tasse Kaffee koche, und dann noch eine … so beginnt der Tag richtig. Mit vielen Stunden voller Ruhe.
(Wie lässt sich das in den Alltag übertragen? Mir tut es unendlich gut, morgens so viel Zeit zu haben. Ich würde das gern mit nach Hause nehmen …)

Der Weg dann ist ebenso: Voller Stille. Zunächst eine Stadt, Litomerice, eigentlich mag ich keine Städte auf meinem Weg, aber diese hier ist klein und übersichtlich, und mir gefällt das Eintauchen in die Alltagsgeschäftigkeit ihres Marktplatzes, auf dem eingekauft, geschwätzt, Kaffee getrunken und gelächelt wird. Immer wieder diese Freundlichkeit hier, das fällt mir auf. Das war nicht an allen Abschnitten meines Weges so.
Ein Bankomat spuckt mir endlich tschechiches Geld aus – in druckfrischen, riesigen Scheinen, wer weiß, wo ich die loswerde, und an allen Ecken gibt es Zmrzlina – Eis. Ich fühle mich verlockt. Allerdings würde ich gern das alte, echte Softeis haben, mit dem Karamellgeschmack von damals, ich würde es an der Farbe erkennen, und nicht diese neuen Sorten. Wie alt(modisch) ich doch bin, dass ich Eis von vor 30 Jahren herbeiwünsche, das gibt es sicherlich in ganz Tschechien nicht mehr, und ich werde eisfrei durch meine Tage hier driften …

Der Weg also. Still. An der Elbe entlang. Ihre bisher hügelige Nachbarschaft wird allmählich flacher. Später wird man umgeleitet, wegen Bauarbeiten, auf eine Straße. Auch diese lässt sich gut fahren, die Automengen halten sich in Grenzen. Und im Gegensatz zum eigentlichen Elberadweg, der sehr konsequent autofrei gehalten wird – lieber lässt man die Radler vier Treppen überwinden, als 500 Meter Straße einzubauen – komme ich hier durch ein paar Dörfer. Sie sind still ohne so unlebendig zu wirken, wie ich es etwa in Brandenburg oft erlebt habe.
In einem Lebensmittelgeschäft beschaffe ich mir mein Mittagspicknick. Mit Entziffern der Aufschriften, mit polnisch-russischen Wortfetzen und mit viel Geduld der Verkäuferin habe ich irgendwann, was ich will. Zwei Hörnchen, Joghurt, Obst und eine Minipackung Oblaten. Nur die süße Kondensmilch gibt es nicht, naja, es kommen weitere Geschäfte und Tage.

Übrigens muss ich die hiesige Radwegeführung mal laut loben. Der Weg – entlang der Elbe war es die Nr. 2, jetzt an der Moldau wird es die Nr. 7 – ist so gut ausgeschildert, auf kleinen gelben Täfelchen, an jeder Ecke mit Pfeilen versehen, selbst da, wo man gar nicht falsch fahren kann, an schwierigen Stellen durch Pfeile mit gemalten Rädern auf der Straße ergänzt, dass sich so manche Radwegeführung daran ein Beispiel nehmen kann. Wenn das an der Moldau so bleibt, komme ich sicher und wohlbehalten bis Südtschechien. Und falls ich die Strecke ändern möchte – das geht jederzeit. An allen Abzweigungen stehen gelbe Wegweiser mit Nah- und Fernzielen, und jeder Weg hat eine Nummer. Kleine Zahlen gehören zu den Hauptrouten, vermute ich, große Zahlen, bis in die Tausender geht es, führen auf Nebenstrecken entlang. Überall aber, scheint es, sind die Wege für Fahrräder ausgeschildert. Da hat man sich offenbar wirklich Gedanken gemacht und es gut mit Radfahrenden gemeint.
Die Strecke, auf der ich jetzt fahre, gehört übrigens – so erklärt mir eine Schautafel – zum europäischen Fernradwegenetz, nämlich zur „Sonnenroute“ 7 von Malta bis zum Nordkap. Hört hört. Falls ich vergesse abzubiegen, lande ich am Mittelmeer:)
Dann hoffe ich nur noch, dass solche Stücke, wie sie an der Elbe in kurzen Abschnitten vorkamen, unfahrbares Rumpelgelände nämlich, nun überhaupt wegbleiben. Oder aber geschickt zu umschiffen sind. So wie die Treppenbrücke, über die wir vor zwei Jahren die Räder und das Gepäck schleppten. Heute nutze ich die benachbarte Fähre, die ein Privatmensch als Alternative eingerichtet hat. Man muss an seinem Haus klingeln, dann kommt er runter zum Fluss und bringt einen rüber. Das berührt mich richtig, weil es mir ein Gefühl von alten Zeiten vermittelt.
Insgesamt, ich bin schwer begeistert, bekommt der Radweg bisher von mir eine glatte Eins.

Wieder bin ich heute in weiten Strecken auf unserer Prag-Ostsee-Route von damals unterwegs. Nur Terezin-Theresienstadt lasse ich diesmal aus und bleibe dafür nördlich der Elbe. Damals sind wir durchgefahren. Und dann standen wir in diesem Ort, gingen umher, ich erzählte dem Sohn einiges, wir fuhren zu Gedenksteinen und Mahnmalen im Ort, besuchten aber nicht die Gedenkstätte und nicht das Museum, dafür war er zu jung und ich zu unbeholfen, gemeinsam mit ihm einen solchen Ort zu betreten, zumal „einfach so“ unterwegs auf der Reise. Auch heute also lasse ich es aus. Wie ginge das, einen solchen Ort im Durchfahren zu integrieren, mit einem schnellen, kurzen Besuch, ich kann das nicht. Es müsste ein eigenes Ziel werden. Nicht für heute.

Am Ende des Tages verlasse ich die Elbe, nachdem ich den Zusammenfluss von Moldau und Elbe auf ein Foto gebannt habe. Von nun ab ist das „V“ mit der Route Nr. 7 mein Reisesymbol. Moldau heißt nämlich Vltava. Woher auch immer der deutsche Name kommt, eine Lautverschiebung – wie bei Elbe und Labe – kann es kaum sein. Ich vermute eine semantische Entsprechung, habe aber einfach keine Ahnung, welche Bedeutung dahinter stecken könnte.
Hinter dem Zusammenfluss folgt umgehend die erste Schleuse, sie ist mit „Nr. 1 Kilometer 1,0“ markiert. Ich bin gespannt, welche Zahlen in Budweis, wo ich die Moldau (zunächst) verlassen werde, dort stehen werden.

Kurz vor Prag – 30 km zeigen die Schilder noch an – biege ich auf einen Campingplatz am Fluss ab. Wieder bin ich mit meinem Zelt fast allein. Zwei weitere Zelte finde ich in dem riesigen Areal noch, ein paar der Hütten sind bewohnt. Die Abendröte schenkt mir einen malerischen Fluss, so sollte man immer abendessen dürfen.
Als es dunkel wird, kann ich dem Bier in der Zeltplatzbar nicht widerstehen. Wozu sollte ich auch …

Bad Schandau – Pistany (#3wegsam20)

Das ist mir neu: im Zelt liegen, welches eingeregnet wurde und immer noch wird, und mich nicht sorgen. Nicht um meine Sachen, nicht um mich. Endlich endlich im Leben begreifen, dass das nur Wasser ist und wieder trocknen wird. Egal wie, egal wann, mir wird nichts geschehen durch die Nässe. Für diese Erkenntnis habe ich viele Lebensjahre gebraucht.
(Das klingt so banal. Ist es aber nicht. Denn jahrelang empfand ich Eingeregnetwerden im Zelt als etwas sehr Schlimmes, nahezu Dramatisches.)

Ich trete also hinaus in die feuchte Welt, sehe fasziniert den Nebelschwaden überm Tal zu, spaziere einmal über den noch schlafenden Zeltplatz und krieche dann vor dem nächsten Guss wieder ins Zelt, um drinnen zu packen und zu frühstücken. Ohne Kaffee zu kochen allerdings, das traue ich mich nicht:) (Löslicher Kaffee heißt aber deswegen löslich, weil man ihn auch in Milch auflösen kann, in kalter also. Das ergibt auch eine Art Kaffeegetränk. Trick 17, falls man Milch dabei hat. Habe ich heute.)
Ich packe alles im Zelt in die Taschen, es wird nichts nass, jedenfalls nicht mehr als es schon ist. Das Innenzelt hänge ich aus, um es trocken zu belassen, da es aber von unten nassgespritzt ist, naja, es bleibt der gute Wille. Überzelt und Plane kommen pitschenass aufs Fahrrad, die Sandalen sind vollgesogen, Anfängerfehler bei ihrer Platzierung über Nacht, mir passierte das schon einmal. Macht insgesamt bestimmt zwei zusätzliche Kilo durch das ganze Wasser:)

Unten auf dem Markt in Bad Schandau hat es aufgehört zu regnen, ich sitze lange dort, verblogge mein letztes deutsches Netz und staune, als es plötzlich hell wird: die Sonne scheint. Den Gepäckträger funktioniere ich in diesem Moment zum Zelt- und Sandalentrockenständer um, obenauf das Solarpanel, sieht sehr bunt aus. Und muss von jetzt ab vor jedem Tropfen Regen geschützt werden, mir wird dieser Wäschetrockenträger noch Pausen verordnen im Laufe des Tages:)

Die letzten deutschen Kilometer bleibe ich auf der gleichen Elbseite, einfach weil mir jede Fähre gerade vor der Nase wegfährt, das muss man erstmal schaffen. Erst bei der letzten Chance komme ich rüber – und verstehe in dem Moment, dass ich mich auch an den anderen Fähren einfach an den Steg (AN, nicht AUF den Steg: „Könn’n’se denn nich lesen, junge Frau?“) hätte stellen müssen, dann hätte die Fähre mich schon geholt.
Letztlich aber bin ich drüben und sehe von dort aus das in die Landschaft geknallte klotzartige ehemalige Grenzgebäude DDR-Tschechoslowakei, das seit einem Vierteljahrhundert nun funktionslos vor sich hindümpelt. Auf meiner Seite gibt es eine schlichte Grenzsäule, in den Nationalfarben bemalt, ein paar Poller auf dem Weg, Willkommens-Schilder und eine Schautafel. So einfach bin ich in Tschechien. Ich fühle mich sofort wohl, sobald mir die ersten Ahoj-Grüße auf dem Radweg entgegenkommen. Ahoj, das war der Gruß in Kindheitsurlauben, ahoj sagten und schrieben die tschechischen und slowakischen Studenten, die ich auf dem Mathematiktreffen in Sofia kennenlernte, ahoj, das war unsere Wanderung mit genau diesen Studenten durch die Tatra, vor so vielen Jahren, und ahoj sagten wir bei unseren Musiktreffen mit der Partnerstadt, in die ich jetzt auch fahre. Ahoj ist für mich Tschechien:)

Gerade beginne ich mich auf dem tschechischen Asphalt einzufahren, die ersten vertrauten Wörter zu lesen – zmrzlina, otevreno, pivo, kielbasa, mimo potok, hach – , da kommt ein Gewitter des Wegs. Freundlicherweise schickt der Himmel gleichzeitig mit den plötzlichen Tropfen einen überdachten Rastplatz des Wegs. Ich bin zunächst allein, dann kommt ein tschechisches Radlerpaar, dann zwei deutsche Frauen mit Packtaschenrädern, zuletzt noch eine tschechische Familie mit Kleinkind, alle schon völlig durchnässt. Dann ist es voll unter dem Dach, und es kommt auch niemand mehr. Wir verbringen eine kommunikative Stunde mit Händen und Füßen, Kleinkind Martina krabbelt auf dem Tisch und lernt uns alle am besten kennen:), von außen werden wir nassgeweht, im Innern fühlt es sich sehr warm an.

Aus dem Radwanderführer der beiden Frauen fotografiere ich mir noch die Zeltplatzdaten der nächsten Kilometer ab und fahre weiter, es ist schon drei Uhr. Doch es geht schneller voran als ich dachte. Ich fliege über die alten Wege, die ich noch von vor zwei Jahren kenne, als ich sie mit dem Sohn fuhr. Ein wenig Wehmut ist immer dabei, wenn ich die Ecken erkenne, wo wir rasteten, ich weiß noch, wo wer welche Stimmung hatte, wo wir eine Toilette suchten oder einen Fahrradhandschuh, wo wir die Räder über Treppen schleppten (heute umfahre ich die Stelle auf der Schnellstraße), ich weiß noch so viel. Manche Abschnitte atmen die gleiche Stimmung wie damals.
Nur einige Bereiche sind mir wie entfallen, manche Unterführungen und Ortsdurchfahrten kommen mir vor wie nie gewesen. Ob die umgebaut wurden in den zwei Jahren? Oder ob ich in den Abschnitten einfach meditativ vor mich hingeträumt hatte und die äußere Welt spurlos an mir vorbeigeglitten war?

Jedenfalls bin ich schnell, nach der Gewitterpause werden es noch 55 Kilometer, ich erreiche meinen Wunschzeltort an einem kleinen See, wo wir damals auch schliefen, brauche nicht auf ein großes Kemp, und widerstehe, um das zu schaffen, tapfer jedem Bierstand am Wegesrand, es ist Sonntag und sie haben die an jeder Ecke geöffnet:))
Weil Sonntag ist, sind wohl besonders viele Menschen auf den Radwegen unterwegs, aber – hej, ich staune – es ist kein bisschen störend. Egal ob Reiseradler oder Mountainbikesprinter, Inlineskatende oder Menschen zu Fuß – alle lächeln und grüßen. Ob das die Sonntagsstimmung ist, oder ein Spiegel meines eigenen Strahlens, oder ob sie hier eben alle so freundlich sind, einfach so?
Es ist ein großartiger erster tschechischer Reisetag.

Und bei der letzten Sonne bin ich dort, wo ich kaum zu hoffen wagte heute noch anzukommen. Pistany, eine kleine Marina an einem See bei Litomerice, den Zeltplatz habe ich quasi für mich allein, fühlt sich gut an. Und ein wenig seltsam. Vielleicht deswegen, und weil ich doch erschöpft bin nach dem Ritt und es schon spät ist, gehe ich in die benachbarte Marina zu einem Imbiss, vor allem aber für mein erstes tschechisches Bier, und das zweite auch gleich. Den ganzen Tag am Wegesrand hatte es mich verlockt – jetzt endlich bekomme ich es, es schmeckt gut, wie sollte es anders sein, hier in Tschechien.

Dresden – Bad Schandau (#3wegsam19)

Nach einer langen Lagerfeuernacht wird es morgens später. Gut, denn der Regen verzieht sich, während wir frühstücken. Der Himmel wird blau, obwohl die Wetterapp beharrlich auf Regen besteht. Wir sitzen noch lange, es eilt nicht mit dem Losfahren, die Strecke bis zum letzten Zeltplatz vor der Grenze ist nicht weit.

Gegen Mittag verabschiede ich mich von diesem herzlichen, gastfreundlichen Haus (danke nochmals Euch <3) und rolle Richtung Elbe hinab. Hinauf hätte ich diese Strecke ja nicht fahren mögen:)
Mir ist ein bisschen wehmütig, am blauen Wunder in Richtung Sächsische Schweiz abzubiegen, ohne „richtig“ in der Stadt gewesen zu sein, aber so ist das ja jeden Tag beim Unterwegssein: Viele Dinge rechts und links des Wegesrandes bleiben unbeachtet, anders geht es nicht. (Oder?)

Den Weg entlang der Elbe kenne ich gut, immer noch, obwohl wir ihn nur einmal vor zwei Jahren gefahren sind, in umgekehrter Richtung. An jede Ecke kann ich mich erinnern. An den Gegenwind, den ich heute auch wieder habe, vielleicht muss das hier so sein. Und auch an die Unmengen an Menschen, damals war auch Samstag. Ich fahre langsam, lasse mich auf keine Geschwindigkeitskämpfe ein (manohman, warum geht das nicht ohne?) und setze mich ab und zu an den Rand auf eine Wiese, um das Wasser anzuschauen. (Warum sich andere Menschen drei Meter neben mich quetschen, obwohl eine riesige Uferwiese frei ist, erschließt sich mir nicht. Naja, ich muss nicht alles verstehen.)

In Königsstein gibt es eine Soljanka – mir fällt auf, dass ich auf der gesamten Reise noch keine einzige gegessen habe, heute ist die letzte Chance dazu – und eine Fährüberfahrt auf die andere Flussseite. Den hiesigen Zeltplatz lasse ich gern links liegen (eigentlich ja rechts:)), so überfüllt wie er aussieht. Von dem zurückgezogenen weiter oben im Tal erhoffe ich mir mehr Raum und Ruhe.
Ersteres wird sich als Irrtum erweisen. Beim zweiten hatte ich Recht. Am Bergbach im Wald wirken auch die vielen Menschen nicht laut. Oder aber: der Bach dämpft alle störenden Geräusche.
Selbst die Straßenbahn – ja: hier im Tal, direkt an meinem Zelt vorbei, fährt eine echte alte Straßenbahn, mit echtem alten Quietschen – höre ich nach einer Weile nicht mehr.

Gutes Timing: In dem Moment als ich fertig gegessen habe, beginnt der Regen. Herrlich, sich ins fertige Zelt legen und lauschen zu können. Im Geräusch von Bach und Regen fühle ich mich abgeschieden von der Welt. Dass hier auch kein Internet funktioniert, ergänzt dieses Gefühl aufs Beste.
Die ganze Nacht trommelt es aufs Dach, ich bin gespannt, ob am Morgen der Rest der Welt weggeschwommen sein wird. Mein Zelt jedenfalls wankt nicht und schippert noch nicht den Bach hinab. Aber genau weiß ich das natürlich nicht …

Bautzen – Dresden (#3wegsam18)

Ein Auf-und-Ab-Tag, nicht nur von der Hügeligkeit der Landschaft her. Bautzen gibt sich nochmal Mühe mit schwieriger Wegfindung, oder ich stelle mich nur ungeschickt an: Alle Ausgänge aus der Stadt, die in meine Richtung führen, haben Treppen. Auf der Suche nach der einzigen (?) Rampe lerne ich die Altstadt gründlich kennen:)

Unten bleiben mir ein paar Kilometer an der Spree, bevor ich vom Heimatfluss Abschied nehme. Von da ab geht es sportlich durch die Hügelwelt. Und mir ist kraftlos zumute. Beides bedingt einander, vermutlich.
Schon vor zwei Jahren haben wir uns hier durchgearbeitet, Zockau-Brösang-Drauschkowitz, weiß ich noch, haben wir damals beschwörerisch vor uns hin gemurmelt. Diesmal durchächze ich die Orte in umgekehrter Reihenfolge. Es ist heiß, die Höhenmeter nehmen kein Ende, ich kann kaum noch. Ein Durchhängetag – wäre ich nicht am Abend in Dresden verabredet und würde mich darauf freuen, bliebe ich wohl hier irgendwo. Auf der Strecke bleiben, wie man so schön sagt, heute täte ich es.

So aber habe ich ein Ziel, werde erwartet und – sogar! – entgegenfahrend mit dem Rad empfangen. Hach, das baut mich auf, das beschleunigt meinen Tritt.
Wir versuchen unsere Streckenführungen so abzustimmen, dass wir einander nicht verfehlen, es gelingt. Mitten auf einer Kreuzung in Radeberg treffen wir uns tatsächlich: Nochmals hach. In diesem Moment ist es schon wie angekommen sein.

Die letzten Kilometer verlaufen durch die Dresdner Heide, an einem kleinen Stausee vorbei, und führen in ein warmes herzliches Haus mit gedecktem Tisch, mit Lagerfeuergesprächen und Wein bis weit in den Morgen, und nebenher mit Waschmaschine und WLAN, auch das. Eine wahre Reisendenoase für Leib und Seele, ich danke Euch sehr!

Übrigens, noch etwas Wunderbares hielt der Tag in seiner Mitte bereit. Komme ich doch – nicht ganz zufällig – durch die Partnergemeinde meines Schulorts und bin neugierig. Deren Bürgermeisterin hatte ich schon einige Male bei uns erlebt, und nun der Ort selbst. Nicht schlecht dort, ich staune. Und es gibt etliche kleine Läden. So verbringe ich meine Mittagspause hier, gehe zum Bäcker. Es riecht wie früher bei Omas Bäcker, sie sprechen fast wie in Görlitz, in der Lausitz halt, es gibt die gleichen Gebäcke wie früher, hach. In meiner Begeisterung kommen wir ins Gespräch, und ich erwähne, dass ich aus dem Partnerort bin, zufällig hier durchradle. Daraufhin Überschwang im Laden, von der Verkäuferin, von den Kundinnen, alle sind ganz aufgeregt;-) Das wollte ich ja nicht. Ebensowenig die Kuchen- und Keksgeschenke, die ich daraufhin bekomme. Die letzte Tüte trägt sie mir noch zum Fahrrad hinaus, als Wegzehrung. Es wird bis Prag reichen. Mindestens.
Beim Metzger und im Lebensmittelladen dann erwähne ich meinen Herkunftsort lieber nicht mehr. Ein Wurstpaket hätte nicht mehr aufs Rad gepasst:)

Schleife – Bautzen (#3wegsam17)

Zwischen dem einen Minitwittertreffen und dem anderen erzähle ich schnell vom wundervoll ruhigen Tag gestern …

Der Campingplatz am kleinen See ist wie gemacht zum lange Verweilen, ich komme spät weg und begebe mich auf einen ruhigen Weg. Hier fährt kaum noch jemand den Spreeradweg, ich bin die meiste Zeit ganz allein auf Feldern, in Wäldern und Dörfern, an Seen. So gefällt mir das: es passiert einfach nichts. Oder ja doch: die Wiesen, allein die Wiesen. Da stören mich schon meine Radgeräusche, das Rollen der Reifen und der Wind in den Ohren sind zu laut, um das Ringsum zu hören. Ich halte oft an, um den Wiesen zuzuhören.
Später führt der Weg lange an einer Straße  entlang, dort sind ausreichend Autos, um mich dem Ringsum nicht mehr so zuwenden zu können, ich gehe ins Innere. Die Strecke vergeht, ich war ja trotzdem bei mir.

Erst als vor mir die Türme des Kraftwerks (Boxberg? Bärwalde?) auftauchen, schrecke ich aus meinem Gedankengeflecht auf. Was für eine Dimension, wie uneingefügt stehen sie da herum. Bald bin ich am See, am riesigen durch Flutung eines ehemaligen Tagebaus entstandenen See. Wieder: Was für eine Dimension! Es erschreckt mich. Andererseits fahre ich rings um den See durch renaturierten Wald, der ist noch klein, niedrig, in den Kinderschuhen, aber für mein botanisch ungeübtes Auge fühlt er sich nach richtigem Wald an. Vielleicht lässt sich Natur ja stückweise doch wieder zurückgeben?

Rings um den See ist es voll, ein Erholungsgebiet mit Strand und Parkplatz und Kiosk und Rollerblademenschen ist entstanden. Schnell weiter.
Uhyst, das Schloss sucht einen neuen Herrn, es steht unter Denkmalschutz, da liegt wahrscheinlich das Problem, man darf nicht einfach eine Tourismusmaschinerie daraus machen, sonst wäre es doch schon längst unter die Haube gekommen. So aber verwahrlost es vor sich hin, man liest seine jahrhundertelange Geschichte auf einer Schautafel, betrachtet das modernde Gebäude, schüttelt ungläubig den Kopf: bis 1991 hat es als Krankenhaus gedient, unglaublich, es wirkt wie 50 Jahre nicht betreten …
Ich brauche eine Pause nach all der Ruhe:), es gibt aber keine Bäckerei, nur ein Café, was sich als nicht das Schlechteste herausstellt. Genaugenommen ist es der leckerste Kuchen, den ich seit langem gegessen habe, kann man empfehlen, das Café in Uhyst.

Der Rest der Strecke nach Bautzen, wo ich verabredet bin – froi:) – scheint kurz. Aber nur auf der Karte. In Wirklichkeit verleiten mich die Dörfer zum ständigen Verfahren. Vielleicht bin ich auch einfach nicht aufmerksam mit den Schildern. Ich pendele so zwischen den verschiedenen Wegen, versuche wenigstens grob die Himmelsrichtung einzuhalten.
Lange bin ich von einem Bus genervt, von immer demselben, der im Abstand von 37,5 Zentimetern an mir vorbeifährt. Und zwar öfters. Weil er ständig rechts und links abbiegt, an jeder Gießkanne hält, und mich nach fünf Minuten wiederum überholt. Es strengt an. Aber dann, als andererseits ich ihn überhole, sehe ich Schulkinder aussteigen – stimmt, die Ferien sind hier vorbei – und dieser Anblick versöhnt mich, ich weiß gar nicht genau warum.
Kurz vor Bautzen wird der Spreeweg – übrigens habe ich den Fluss heute kaum gesehen – sehr schwer zu finden, da im Hinterland zwischen Teichen entlang laufend, und sehr besänftigend. Ich liebe ja Schotterradwege, kleine Beichte, sie beruhigen mich.

Zeltplatz, Zelt aufbauen, das Nötige in den Abendrucksack packen und weiter in die Stadt, wie gesagt, mein erstes Minitwittertreffen der Reise:) Der Spreeweg führt mitten in die Stadt, zuvor aber durch alpines Gelände, wer hätte das vermutet. Bis zu 12% Steigung auf und ab – das werde ich morgen mit Gepäck sicher nicht fahren. Haben die das extra aufgeschüttet? Man weiß es nicht. Heraus komme ich mitten in einer Plattenbausiedlung. Deren Bewohner sind offenbar von den vorbeiziehenden Radlern so genervt, dass sie die Richtungsschilder schwarz gesprayt haben. Nur weil noch hellerlichter Tag ist, fürchte ich mich nicht. Wobei, ehrlich, doch schon ein wenig. Nachts auf dem Rückweg und morgen werde ich über die dicke Straße fahren, besser als das hier.

Die Stadt erkenne ich mit Freude wieder, hier kamen wir mit dem Sohn vor zwei Jahren auf unserer Prag-Ostsee-Tour durch, ich erinnere mich gut. Nach einem Begrüßungsbier am Fluss unten, an einem Stein sitzend, landen wir dann auch nicht ganz zufällig im Bautzner Senfhaus, wo wir damals schon gegessen haben. Und später mit einer Flasche Wein auf dem Marktplatz, das darf man auch in unserem Alter:) Danke, es war sehr schön.
Und der Rückweg über die große Straße hat halb so viele Kilometer und keinerlei spürbare Höhenmeter. Um elf bin ich am Zeltplatz, das Tor ist wie versprochen zu öffnen – ich bin ja seit meiner Italientour gebranntes Kind, was das angeht – und das Zelt steht noch. Eine gute Nacht nach einem guten Tag.

Burg/Spreewald- Schleife (#3wegsam16)

Es regnet die ganze Nacht. Abends mit dicken lauten Tropfen, manche tun im Ohr richtig weh, morgens nieselartig tröpfelnd. Ich mag gar nicht raus. Doch es muss ja sein, manchmal:)
Was für eine Nebelwelt empfängt mich, der Morgen hat sich in weißzarte Watte gekleidet, hach. Und der Regen ist auch keiner, sondern es tröpfelt von den Bäumen. Den Himmel sieht man nicht, aber es soll trocken bleiben heute. Nur im Moment ist alles, wirklich alles feucht. Draußen kann man nirgends sitzen, ich koche Kaffee drin im Haus, warum nicht mal so. Und packe dann lauter nasse Sachen ein. Bzw. versuche sie so auf dem Gepäckträger zu drapieren, dass sie tagsüber ein wenig trocknen können.

Es wird ein Tag ohne festes Ziel, zunächst. Als sie mich am Zeltplatz fragen, wohin es heute gehe, sage ich, dass ich das noch nicht wisse. Eine junge radelnde Familie empfiehlt mir eine einsame Route und einen Traumzeltplatz, doch der ist mir zu nah, es sind nur 20 Kilometer. Mit dem Spreeradweg will ich es zunächst versuchen, irgendwie weiter südlich kommen. Kurz hinter Burg wird der auch leer, die befürchteten Radlermengen bleiben aus, vielleicht weil hier der Spreewald endet. Der Spreedeich gibt sich verschiedene Gesichter. Mal schaut es aus wie an Elbe, Oder, Po und all den weit größeren Flüssen, die Spree ist dagegen ja eher ein Rinnsal. Mal kleidet er sich in sommerfarbige Wiesen, ich nehme die Farben des Spätsommers wahr, erste verfärbte Baumränder. Mal wellt er über Wiesen neben einer renaturierten Spree.

Renaturierung: das am meisten gebrauchte Wort auf den Schautafeln. Hier ist Braunkohlentagebaugegend. Die Karte zeigt Flächenstücke erschreckenden Ausmaßes, ganze Landkreise, die aufgegraben worden sind. Morgen werde ich an einigen offenen Löchern vorbeifahren. Erst einmal im Leben habe ich einen Tagebau in echt gesehen. Die Dimensionen erschrecken.
Und die Seen, die oft so idyllisch daher kommen, sind größtenteils auch ehemalige Löcher. Immerhin, hier lebt es wieder. Aber wieweit das funktioniert, diese Renaturierung – kann man der Natur wirklich alles zurückgeben? So wie ja auch den Menschen, deren Dörfer ihr Leben beenden mussten, weil sie mitten in der zu nutzenden Fläche lagenP Irgendwo fahre ich durch ein niegelnagelneues Dorf, mit Ortskern, mit Infrastruktur, mit allem Leben, was ein Dorf braucht. Nur: die Häuser sind höchstens zehn Jahre alt. Alle. Der Ort ist auf meiner Karte nicht verzeichnet. Ob das ein umgesiedeltes Dorf ist? Ein hier neugeschaffenes, sozusagen verschobenes? Ich weiß es nicht, habe keine Ahnung, ob es das gibt. Denke auch nicht daran, jemanden auf der Straße zu fragen.

Versunken in solche Gedanken, radle ich auf dem einsamen Schotterweg durch Wälder und sonstige Enden der Welt. Ab und zu halte ich an und wende das feuchte Zeug auf dem Gepäckträger, fotografiere, lausche den Wiesen. Meditativ ist es hier, sehr.
Dabei bin ich wohl so vertieft, dass ich plötzlich – ich weiß wirklich nicht, wann die Stadt begann – in einer Einkaufsvorstadt von Cottbus stehe. Hoppla, plötzlich ist es grell und bunt. Ich habe komplett die Orientierung verloren, kein Radwegeschild, nur Vorstadt über Vorstadt, alles in Plattenbau.
Dazwischen ein kleiner Radladen in einer Flachbaubaracke, DDR-Stil, regenbogenfarbig angemalt. Eine freundliche kleine Oase. Der kommt mir wie gerufen, mein Tretlager oder eine Pedale fiept nämlich seit ein paar Tagen. Ich frage, was dies sein könnte. Der gute Mann nimmt sich viel Zeit, radelt selbst ein paar Runden mit meinem beladenen Rappen, um das Geräusch zu hören, und gibt ihn mir dann beruhigt zurück: Das sei nicht aus dem Tretlager, meint er, dieses laufe einwandfrei rund, ich solle mir mal keine Sorgen machen. Und das Geräusch komme vielleicht aus einer Pedale, die könne er jetzt ausbauen, aber ob ich das wolle. Nein, sage ich, ich werde mich dran gewöhnen. Ist ja auch nur eine Frage des Alters, bis ich diese Frequenz nicht mehr hören werde:)

Der Cottbuser Altmarkt ist ein stiller Picknickplatz, die Stadt strahlt Ruhe aus. Auf der Karte ist die Spremberger Talsperre, wo ich bleiben will, schon sehr nah, ich lasse mir unendlich Zeit zum Sitzen, einfach nur Sitzen.
Und treibe dann nach Himmelsrichtung und Gefühl aus der Stadt, zwar verschlägt es mich dabei ein Stück weit auf den Radweg einer Bundesstraße, aber dafür komme ich durch einen Ort mit dem niedlichen Namen Gallinchen:)

Südwärts zur Talsperre ist es wirklich nicht weit. Aber erstmals seit Tagen wird es hügelig, ich war schon ganz entwöhnt, uff. Mein Gedanke, auf dem Staudamm mit traumhaftem Seeblick entlangradeln zu können – die Karte lässt diese Möglichkeit vermuten -, zerschlägt sich. Der Damm ist natürlich Betriebsgelände, und unterhalb mag ich auch nicht fahren. Also bleibe ich an der Westseite des Sees. Ruhige Feriensiedlungen, auch solche aus alter Zeit, Kiefernwald, ein geschaffener Sandstrand, sonst nichts. Der See ist glatt und irgendwie gesichtslos. Es ist auch erst fünf Uhr, und weil es mir hier nicht so richtig gefällt, fahre ich weiter. Auf der Karte habe ich einen weiteren Zeltplatz entdeckt, ein Stück weiter. Dorthin hangele ich mich, über Dörfer, hügelige Landschaften, nun schon in der Abendstille, kaum eine Seele begegnet mir, dafür lauter uralte Dörfer.

Kurz vor dem Zeltplatz bin ich plötzlich in Sachsen, huch. Das siebte – und letzte – Bundesland. Das Ortseingangsschild zeigt an: Landkreis Görlitz. Nochmals huch. Dass der Kreis so groß ist, soweit in den Norden reicht? Görlitz ist meine Geburtsstadt. Bin also quasi zu Hause hier:)
Der Zeltplatz ist groß, der See, an dem er liegt, klein. Alles gut. Ich finde ein Plätzchen neben einer Holzsitzgruppe, in meinem Alter darf man das:) Koche, baue das Zelt auf, schaue auf den See, spaziere ein Stück an ihm entlang. Ich bin sehr beschenkt worden an diesem Tag, denke ich beim Einschlafen.

Lübben – Burg/Spreewald (#3wegsam15)

Schlecht schlafe ich, lange her, dass ich so etwas von mir sagte. Das viermalige Rausmüssen vom Bier ist erst der Anfang. Dann liege ich lange wach, der Körper fühlt sich anders an, ich kann nicht sagen, was es ist, aber es ist unbehaglich und seltsam unruhig in allen Enden. Es gibt keine für mich spürbare Quelle, nur ein Andersfühlen. Später denke ich, dass dieses Gefühl so schwach, so unscheinbar ist, dass ich es im Alltag überhören würde. Da würde mein Körper einfach funktionieren, da hätte ein zartes Gefühl wie dieses keinen Raum, erst hier kommt es zu seinem Recht. Noch später am Tag merke ich im Kopf eine Migräne aufziehen, wenn auch schwach, und denke Aha. Vielleicht deswegen. So zeigt der Körper dies vorher an. Ob das immer so ist? Und nie nie nie habe ich Raum dafür. Immer übergehe ich dies. Ich müsste mir selbst besser zuhören.

Der Morgen ist unausgeschlafen, glücklicherweise wache ich noch vor den lauten Nachbarn auf. Beginne leise zu packen, koche nebenher Kaffee, setze mich, vom Rad verdeckt, mit Blick auf die Sträucher, und sinniere, warum ich mich so beengt fühle. Dabei sehe ich Blüten und Insekten, höre diese summen, dahinter rauscht Wasser, eigentlich ist alles richtig. Nur diese Nachbarn kann ich ich nicht aus dem Kopf bekommen, warum eigentlich nicht?
Als mich beim Zusammenpacken der eine anspricht, ob es schon weitergehe, woher wohin und so, er ist ein alleinzeltender Angler, und als ich dann noch einen Smalltalk mit der Familie beginne und sie mir ihre geplante Kanutour nach Berlin erzählen, da wird mir klar, dass das Engegefühl in mir selbst steckt. Natürlich ist es hier nicht wie ich es wünsche, man quetscht sich zwischen die Autozeltler, muss sehen, wo man bleibt. Aber was ich daraus mache, ist meine Verantwortung. Ich hätte einfach gestern schon in ein Gespräch finden sollen. Dann wäre all die Unruhe annehmbarer gewesen.
Ich fahre ab mit einem leichten Abschiedsgruß auf den Lippen und bin froh um diese Wendung, vor allem um die in meinem Innern.

Es ist trotzdem gut, so früh abzureisen. Ich bin mit der Morgensonne allein auf dem Gurkenradweg, fahre zwischen Spreewaldkanälchen und Schafen durch die stille Landschaft. Hach.
Gegen zehn wird es voll. Ab zehn scheint man zu radeln. Die meisten sind Tagesausflügler, ein paar mit kleinen Packtaschen, niemand mit Zeltgepäck. Auch auf dem Zeltplatz war ich ja ganz allein unter Autos. Immer noch hoffe ich, dass der heutige Platz ruhiger wird, er liegt abgeschieden, hat eine Wasserwandererwiese, es gibt sicherlich noch andere Unterwegsmenschen dort. Aber bloß nicht zuviel hoffen, sonst ist wieder zu früh gefreut.
Zunächst sitze ich mal in Lübbenau, im Zentrum des Spreewaldtourismus. Hier treffen sich Hektik und Unruhe aller derjenigen, die heute noch Kahnfahren oder Paddeln wollen. An den Nachbartischen beim Bäcker werden schon erbitterte innerfamiliäre Diskussionen über die Sitzordnung im Boot und die richtige Kleiderordnung geführt.
Und während ich dies schreibe, wird mir bewusst, dass ja auch ich genau das will. Paddeln. Nur über die Sitzordnung im Einer brauche ich allein nicht zu streiten. Aber ansonsten unterscheidet mich nichts von ihnen. Auch sie suchen die Abgeschiedenheit, sind vielleicht von mir genervt, weil ich mit meinem Riesenrad seit Stunden den bequemen Ecktisch blockiere, da ich so ewig schreibe und lese. Schwer, sich über Menschen zu erregen, die – in andere Form verpackt – das gleiche suchen wie man selbst.

Ich fahre weiter mit nachdenklichem Blick auf all die Menschen, mit denen ich die Radwege teile. Der Spreewald, das ist eine sehr urtümliche Landschaft, immer noch. Lübbenau muss man hinter sich lassen, dann beginnt die Stille. Trotz der vielen radfahrenden und paddelnden Menschen. Sie alle verhalten sich hier viel ruhiger, die Natur gebietet es. Zwischen Fluss- und Kanalärmchen geht es hindurch, rechts und links fließt ständig Wasser, Schotterwege strahlen den ihnen eigenen Klang ab.
Viel zu schnell bin ich am Zeltplatz, ich hätte noch ewig so weiterfahren mögen. Doch dann sage ich einfach nur Oh. Dass es das in einer Welt voller Trubel gibt. Eine Wiese ist es, mehr nicht, direkt an einem Fließ. Eine Handvoll kleiner Zelte steht verstreut. Autos müssen draußen bleiben. Im Gebäude ist alles, was man braucht, in klein und alt und heimelig. Ich suche mir einen Platz mit Wasserblick, weit ab von allen anderen – dies ist einfach. Hier ist gut bleiben.

Und tatsächlich reicht die Zeit noch, um zum Bootshaus zu radeln und zu tun, was mir vor Tagen als Idee kam, was ich als Erinnerung aus Kindertagen und von einem einmaligen Ausflug, schwanger mit dem Sohn war ich damals, in mir trage: Ich leihe mir ein Boot und paddle los. Zuerst kreuz und quer mit meinen Versuchen, nicht anzustoßen, nicht im Zickzack zu fahren. Die linke Schulter tut bald weh, der rechte Fuß verspannt. Was der Körper so tut.
Irgendwann erinnert dieser sich an die Bewegungen, von damals noch, oder aus Instinkt, und es geht leichter. Die Schulter lockert sich, die Bewegungen werden rund, die Arme tun es von allein.
Hier bin ich nun also, wo es so ist, wie ich es noch von damals vor mir sehe. Schmale grünüberwucherte Wasserarme abseits vom sonstigen Menschenleben, zum inneren Wegdriften, zum Hindurchgleiten. Meist bin ich allein, ab und zu treffe ich ein anderes Boot. Man grüßt sich, erzählt kurz beim Nebeneinanderherfahren, Verirrte bekommen von Menschen mit Karten den Weg erklärt, Überholmanöver enden manchmal im Randgestrüpp, wir lachen. An der einen Schleuse stehen zwei Jungs und bedienen sie für uns drei Boote, an der anderen trage ich das Boot herum, weil ich allein an einer Selbstbedienungsschleuse nur das leere Boot hätte schleusen können, wer weiß, was das gegeben hätte. Beim Aussteigen falle ich fast ins Wasser, na wenn schon. Einsteigen ist leichter.
Die zwei Stunden verfliegen. Wobei, nein, eigentlich sind sie reich und gefüllt. Mit nichts anderem als paddeln und atmen. Mit dem Geräusch des Wassers, mit Vögeln, Libellen, Blätterrauschen und Lichtspielen. Auf den stillen Seitenfließen, deren Strömung gering ist, spiegeln sich in der glatten Wasserfläche die Bäume und der Himmel. Wenn ich nach vorn auf den Bug schaue, sieht es aus, als fliege ich immer weiter nach oben.
Es sind nur zwei Stunden. Zwei Stunden, was zu Hause im Alltag alles in diese kurze Zeitspanne hineingepresst wird. Hier verbringe ich diese zwei Stunden mit so viel mehr. Bei viel weniger Bewegung.
Nachdenklich.

Beim Aussteigen komme ich mit dem Bootshauseigner ins Gespräch, er ist auch Fährmann, stochert einen großen Kahn. Über die Menschen, die hierherkommen, reden wir. Über das, was alle suchen. Und ob es das hier gibt. Wie er hier lebt, schon immer. Was früher anders war als heute. Wie sich die Zeiten ändern, und auch wieder nicht.
Eine Spreewaldgurke esse ich keine. Die gibt es hier als Snack zum Bier. Aber ich will kein Bier. Sondern ein Minzeis.
Radle mit diesem in der Hand zum Zeltplatz zurück. Es sind kaum Zelte dazugekommen. Ein paar Wasserwanderer entladen ihre Boote. (Dass man in einem kleinen Boot den halben Haushalt mit sich führen kann, wusste ich ja nicht. Das junge Paar neben mir: großes Zelt, Stühle, Grill, Bierkiste, ein Berg Packsäcke. Alles in einem schmalen Paddelboot. Raumwunder:))

Der Rest ist kochen, sitzen, aufs Wasser schauen, lesen, schreiben. Bis es beginnt zu regnen. Ich schreibe auf der überdachten Terrasse weiter, einige sitzen hier, bis uns der Gewitterwind auch von dort vertreibt. Drinnen im warmen Aufenthaltsraum sind nun alle, Menschen aus einem Dutzend Zelten. Eigentlich ist es eng. Und doch: so anders. So ruhig, so rücksichtsvoll, so behutsam. So kann es also auch sein auf einem Zeltplatz.

Bad Saarow – Lübben (#3wegsam14)

Wie früh ich erwache, nach wundervollem Zeltschlaf, wie lange hatte ich den nicht, wie lange habe ich mich darauf gefreut. Der Zeltplatz schläft noch, es ist so still, dass ich nicht wage, mit Kaffeegeschirr und Kocher herumzuklirren. Gehe lieber duschen, herrlich russische Armaturen und Dekorationen hier. Als ich später die Frau des Zeltwarts treffe, weiß ich, dass ich richtig lag mit meiner Nationalitätenvermutung:)

Ich lasse den Morgen ziehen – das ist das positive Pendant zu: das Frühstücken, Schreiben, Packen zieht sich – und fahre gegen zehn los. Ohne genaues Ziel für heute, in Richtung Spreewald, südwärts jedenfalls. Der Friedrich-Engels-Damm führt nach Süden, immer längs des Sees. Bis er abrupt endet. Wieder ist der Uferwanderweg angeschrieben, nein danke, der ist mir zu alpin. Ich radle zurück und zurück und zurück, letztlich fast bis zum Zeltplatz, um oben auf die Autostraße zu finden, das ist aber auch wirklich ein verworrener Ort hier.
Beim Umherirren stoße ich auf lauter verlassene Ferienanlagen, immer mehr werden es, das Fotografieren lasse ich, mit den gestrigen Bildern habe ich alles festgehalten, mehr gibt es zu diesem Thema nicht zu zeigen. Es tut weh. Warum fährt niemand mehr hierher, es ist doch so nah an Berlin, es ist eine wunderbare Landschaft, man hat See und Wald und noch mehr Seen und noch mehr Wälder. Nein, dieser Ort wirkt sterbend. Oder schon gestorben.

Ein paar KIlometer weiter, ich bin inzwischen in riesigem Bogen wieder an der Straße gelandet, der, die mich ans Südende des Sees bringt, gibt es eine erste Antwort auf die Frage nach den sterbenden Feriensiedlungen. Tennisplätze. Golfareal. Ein Resort. Spa. Wellness. Riesige Flächen sind abgesperrt, glatt-und-wohlhabend-kultiviert. Die Straßen heißen hier Parkallee und Seeallee, kein Engels und Thälmann mehr. Sprechende Namen.
Später im Ort werde ich auf einem Plan sehen, dass das Golfareal den halben See blockiert. Dass auch ich auf meiner Uferstraße vorhin mehrere Kilometer Umweg radeln musste, um den Geländekoloss zu umfahren. Versperrte Welt.
Die unsäglichen Villen ja auch, kleine Schlösser sind manche, in Bad Saarow hat es begonnen, oder, ach was, kurz hinter Berlin. Wer braucht so viel Haus um sich, fragt man sich. Und wieso dürfen die den See nehmen. Klar, ein Uferweg muss frei zugänglich bleiben, so will es das Gesetz. Dort können wir entlang. Mit Blick auf Teaksitzgruppen an Hightechgrill. Und vielleicht mit nem Golfball am Kopf. Ich verzichte darauf.

Wendisch Rietz. Ich erhoffe mir Seeblick, Sitzen am Wasser, einen Zweitkaffee vielleicht. Strand- und Hafenstraße gibt es auf dem Plan, verheißungsvoll.
Aber dann: eine Ferienanlage vom Sterilsten, Entschuldigung für die Wertung. Es ist Antwort zwei auf die Frage nach den sterbenden Feriensiedlungen im Wald. Haus an Haus an Haus baute man hier, alle identisch, will mir scheinen, kaum Abstand, ein riesiger Park, ich rolle minutenlang hindurch. Bleibe irgendwo stehen zum Fotografieren, gerade an den Mülltonnen, ich habe Talent für gute Plätze.
Der Strand ist entsprechend. Voll. Surfen, SUPen, Paddeln, auch Baden. Voll. Ich fliehe, dies ist nicht mein See, an den ich mich setzen wollte. Es wird noch mehr Wasser am Weg geben …

Glubigsee. Wieder ein vertrauter Name, war das der See vom Ferienlager in der ersten Klasse? Oder war das ein anderes Ferienlager? Wer weiß, wir waren offenbar immer hier in der Gegend, warum auch nicht, es ist eine Traumlandschaft. Dieser See ist auch heute noch ruhiger, nicht okkupiert. Ein kleiner Ferienpark schmiegt sich ans Ufer, welch Kontrast zu dem riesigen vorhin, kleine farbige Bungalows aus Holz zwischen den Bäumen. Viel Stille. Gegenüber eine Bungalowsiedlung von damals noch, so sieht sie aus, mir wird ganz warm.
Eine Kurklinik, eine Gruppe turnender Menschen im Wald. Plötzlich ist dieser Waldbogen voller Frühsporterinnerungen. In jedem Lager gab es Frühsport. Nicht geliebt von mir. Zuweilen geschwänzt, als ich älter war. Ich weiß gar nicht mehr, was dann passierte. Vermutlich nichts. Vielleicht sollte ich öfter mal mir auferlegte Dinge schwänzen:)

Die Stille des Sees, der urwüchsige Wald, der steile Hügel vor dem nächsten See, dem Springsee, ein Rastplatz fast im Schilf, mit nichts außer Rauschen und Plätschern und Vogelzwitschern um mich, der Seeduft der Kindheit, ich bin versöhnt.
Weitere Erinnerungsorte könnten am Wegesrand liegen, sagt mir die Karte. Storkow/Wolfswinkel, die Klassenfahrt in der Zehnten. Schwielochsee, wo wir in einem Campingwagen mit Oma waren, glaube ich. Ich lasse diese aus, es muss ja was fürs nächste Mal bleiben.

Heute möchte ich den Spreewald erreichen, entscheide ich während der Mittagsrast, morgen vielleicht dort bleiben. Ich suche meinen Weg mit Karte und Gefühl, über abgeschiedene Orte und Wege, keine großen Radrouten, darum ist es zuweilen sandig auf den Wegen. Schiebesand.
Anderswo ist eine Straße versperrt. Weil: ein Ferienpark. Man muss das wohl mit Gelassenheit ertragen, Schimpfen hilft ja nicht. Und Umwege schenken oft Unerwartetes am Wegesrand.
Die Landschaft verblüfft mich immer wieder. Wie im Fläming schaut es hier aus. Das liegt aber nur meinem botanischen und geologischen Anaphabetismus, sicherlich gibt es gravierende Unterschiede. Das Quiz, welcher Region rings um Berlin eine Landschaft zuzuordnen ist, würde ich turmhoch verlieren.
Später wird es flach, nicht weil ich finde, für heute genug Hügel erklommen zu haben, sondern weil ganz offensichtlich der Spreewald beginnt. In Schlepzig sieht es zum ersten Mal so aus, wie ich es erinnere. Spreeflüsschen und -kanälchen, Bootsverleihe, Gastronomie und viele Menschen. Vielleicht finde ich hier doch nicht die erhoffte Stille, vielleicht täuschen mich meine Erinnerungen, vielleicht war früher alles anders, vielleicht sollte ich morgen doch nicht paddeln? Nur so eine Ahnung in mir, ich werde es sehen.

Zunächst fahre ich weiter, bis Lübben, beschließe ich, ich habe für heute genug. Der restliche Weg wird zu einer Ode an die Langsamkeit. Der Spreeradweg umspült kilometerlang Teiche. Künstlich geschaffene, wie ich an einer Schautafel erfahre. Ich bin versunken, in der Landschaft und in mir, fahre meditativ. (Und verfahre mich bei der Gelegenheit, übrigens. Vom ausgeschilderten Spreeradweg abzukommen, das muss man erstmal schaffen:))

Irgendwann ist Lübben, es ist erst kurz nach fünf. Ich setze mich an den Kanal vor den Toren der Stadt, fürchte mich vor dem Laut der Stadt, treidele erst nach sechs hindurch, als die Innenstadt schon fast schlafengegangen ist (ja: solche Orte gibt es:)), und bin schnell am Zeltplatz. Ein sehr netter Zeltwart, er erlässt mir sicher einen Teil des Preises, aber ich hake nicht weiter nach, und das Bier später am Abend scheint mir auch sehr billig. Wer weiß. Vielleicht honoriert er, dass ich Exotin bin. Als ich einen Platz für mein Minizelt suche, wird mir dies klar: quasi alle mit Auto. So radreisend muss man sich dazwischenquetschen, ich finde keinen wirklich guten Ort und füge mich irgendwo an den Rand, wo die Bedrängnis nicht gar so groß erscheint.
Nur die akustische Nähe, die lässt sich nicht abschirmen. Als ich gekocht und aufgebaut habe, wird es ringsum so unruhig – direkt neben meinem Zelt wird mit Hammerschlägen ein Kanu gezimmert, Autotüren sind zum Zuschlagen da, und Kinder, naja, nichts gegen Kinder, aber es gibt da Unterschiede im Lautsein – dass ich keine Freude am Dasitzen habe. Bierflaschenhaltend spaziere ich im Park rings um den Platz, das ist eigentlich sehr schön, und mehrere tausend Dezibel ruhiger.
Als ich wiederkomme, ist es immer noch unruhig. Rechts Autotür und Handypiepen, links Szenen einer Ehe. Ich versuche in den Schlaf zu finden, liege noch lange wach. Es wird nicht richtig erholsam, mir ist irgendwie flau. Und wie ein einziges Bier viermal Rausmüssen verursachen kann, das erschließt sich mir ja nicht:)

Berlin – Bad Saarow (#3wegsam13)

Seelenruhig packe ich das per Zug herbeigeschleppte Zeug und alles, was schon vorher auf dem Rad war, es drängt mich nichts, das wird mir erst jetzt so richtig bewusst, da ich am Starten bin. Das geplante Treffen am Freitag in Dresden ist so weit weg bei so wenig Weg, dass ich mich treiben lassen kann. Wir frühstücken lange, bevor ich mich direkt vom Haus weg auf bequemsten Radwegen befinde. Die Ausfahrt aus der Stadt über Köpenick, an Dahme, Spree und Müggelsee vorbei, zieht im intraurbanen Vergleich an so manch anderer Stadt vorbei.

Und sie zieht mich in Erinnerungswolken, wie so vieles, wie eigentlich alles in Berlin. Ich kreuze erstmals die Spree, an der ich aufgewachsen bin, wenn auch an anderer Stelle, und die für die nächsten Tage mein Leitfluss werden wird, so richtungsmäßig. Der Himmel über Köpenick, das Rathaus ohne Hauptmann und das Krankenhaus, in dem ich nicht wollte, dass mein Kind geboren wird und das wir erst später über die Notaufnahme von innen kennenlernten.
Der Müggelsee, ich erinnere mich an Schlittschuhfahren mit und ohne Puck (nein, nicht wieder sagen und denken, diese Winter damals, im Unterschied zu heute – nein, nein, in zwei Jahrzehnten, die ich hier wohnte, gab es das ein einziges Mal) und an Badebesuche. An einen Klassenausflug, Grundschulzeit, mit der blöden Lehrerin, bei dem wir auf der riesigen Sanddüne saßen und Essen aus ner Gulaschkanone bekamen, bis mir beim Ausziehen meine Sandale ausrutschte und eine Ladung Sand in meinen Eintopf schleuderte, aber ich sagte nichts – ich sagte damals überhaupt selten etwas – und aß tapfer den sandigen Eintopf weiter, es knirscht heute noch zwischen den Zähnen. An Radtouren erinnere ich mich, in Kindheitszeiten und später, als wir wiederum in Berlin wohnten, rings um den See ging es, oder aber, weil wir faul waren, nur bis zum nächsten Ausflugslokal und zurück. Apropos Ausflugslokale: warum sind die so leer, es ist Sonntag, es ist warmes Wetter, sie liegen am Wasser, warum überhaupt, Ihr Berliner, seid Ihr nicht alle hier? Man fragt sich das, ein Paradies vor der Haustür.

Die alten Wege, immer wieder. Damals führten sie am See entlang mitten durch den Wald. Über Wurzeln, und durch die ewige Feuchte der Bäume niemals sandig, höchstens matschig. Aber wir fuhren sie, sie fuhren sich nicht schlecht. Wann hat man diesen Asphaltweg daneben gebaut? Und wann dann noch den zweiten Asphaltweg? Zweispurig, wie für Autos. Hier: Fußgehende und Radfahrende getrennt. Praktisch eigentlich, man quengelt sich nicht gegenseitig an, keiner muss jemand anderen per Klingel vom Weg schubsen. Aber man hat zwei Asphaltschneisen geschlagen, breite noch dazu. Der bequeme Uferweg außerdem, für die Nichtasphaltierten. Der glatte Radasphalt fährt sich wie Butter. Doch die Baumwurzeln haben sich ihr Recht erkämpft, haben sich als Holperschwellen über unsere glatten Wege gelegt. Richtig so, ein Minimum an Unglattheit, an Unbequemlichkeit, damit wir nicht vermessen das alles als unseres betrachten. Wobei, das tun wir schon.

Erkner. Berlin begrüßte uns ohne Ortseingangsschild, Berlin verabschiedet mich ohne Ortsausgangsschild. Für die Akten, naja, drehe ich mich um und fotografiere das jetzige Eingangsschild von rückwärts. Erkner – Endstation der S-Bahn-Strecke, an der der Freund wohnte, der erste langjährige. Erkner – konsonantverlängerter Hausvorsprung. (Hirn, was tust Du? Was hat das jetzt hier zu suchen?) Erkner also. Ich bin draußen aus Berlin.
Auf quasikleinstädtischen Wegen, schulterklopf, Ihr Radwegeplaner. Jetzt noch den Berliner Ring queren, es ist laut, na gut, nur noch kurz. Meine Zeltplätze werde ich mir autobahnfern suchen. Vor lauter Freude über weniger Laut in nächster Zeit verlasse ich nach der Autobahnunterquerung den R1. Unabsichtlich. Doch heute ist mein elektronikfreier Tag, habe ich beschlossen, das geht alles mit Karte, Schildern, Sonnenstand und einem Stück Egal am Ende. Als ich den R1 gerade in Gedanken rüge für seine Straßennähe, ist er es gar nicht mehr.

Südlich vom Werlsee fahre ich also vorbei, nicht wie geplant nördlich. Aber hoppla, welch ein Zufall, hier genau treffe ich auf die Badestelle. Auf DIE Badestelle. An die wir fuhren, wenn es hitzefrei gab, selten genug an unserer Schule, wenn wir gegen Zwölf oder Eins schon Schluss hatten. Dann war Zeit genug, nach Hause zu fahren. Räder und Badesachen zu holen, mit der S-Bahn bis Erkner, und dann hierher an den Werlsee. Hier lagen wir am steilabfallenden Ufer und redeten stundenlang, wie man mit 15, 16, 17 eben redet. Kindheit und Jugend in Berlin war doch gar nicht so schlecht. Trotz Großstadt.

Bin ich schonmal südlich des Werlsees, kann ich gleich untenrum fahren, denke ich noch vage. Bis ich auf der Karte einen weiteren Erinnerungsort finde – Störitzsee, Mönchwinkel. Wohin der Zufall mich heute so führt. Ich biege von der Straße auf einen zugewachsenen Waldweg, an dessen Eingang ein paar Autos parken, ganz sicher ist hier der See. Ja, tatsächlich. Mitten im Wald. Leer, abgeschieden, still. Mittagsrastplatz mit Wolkenschauspiel. Viel Raum zum Bleiben, viel Platz zwischen den wenigen Menschen, die hier Ruhe suchen. Bis irgendwann das Kinderferienlager – gab es das damals schon? – von der Mittagsruhe aufwacht und geschlossen baden geht.

Ich fahre weiter. Oder schiebe. Je nach Weg. In dieser Himmelsrichtung müsste Mönchwinkel liegen. Aber es sieht so anders aus. Wobei ich gar nicht mehr weiß, wie es aussah. Wie weit es zum See war. Ob wir damals zu Fuß oder mit dem Rad hinfuhren. Nur, dass ich einmal in ein Wespennest getreten bin und sich ein paar Wespen in meiner Knickerbockerhose verfangen hatten, fragt nicht.
Erinnerungsverloren schiebe ich durch den Wald, gut tut das. Und plötzlich sieht es so aus wie damals: Birken, Unterholz, die kleine Wegbiegung: und ich bin auf der Straße. Ganz sicher ist es die Straße, ich erkenne sie. Doch welches Haus?
Das alte Haus, kommunenartig bewohnt, an Wochenenden jedenfalls, vom Freundeskreis meiner Eltern. Wir gehörten nicht so richtig dazu, ich weiß nicht warum, waren aber oft dort. Das Großstadtplattenbauzentralheizungskind in mir schaudert in der Erinnerung wieder vor der ungewohnten Unbequemlichkeit improvisierten Lebens und fühlt sich gleichzeitig in die Wohligkeit freiesten Spielens im Garten, im Wald, am nahen See zurückversetzt. Und in das Gefühl von Gemeinschaft, das mich als Kind erfasste, das ich gar nicht näher beschreiben kann. Hier waren jedenfalls auch dutzende Wespenstiche in Knickerbockerhosen aushaltbar.
Welches Haus also? Ich streife an allen vorbei. Befürchte, dass es das verlassene, unbewohnte ist. Oder das Grundstück, auf dem abgerissen worden sein muss, um eine futuristische Wohnburg zu errichten. Oder das traurig ausschauende verfallene, in dem – wie eigentlich? – jemand zu wohnen scheint. Am traurigsten wäre mir zumute, wäre es das aufgemotzte, das jetzt in grellstem Orange daherkommt. Nein, bitte nicht dieses. Die Optimistin in mir wünscht, dass es der Biohofladen gewesen sei. Ich weiß es nicht, und brauche es auch nicht zu wissen. Die Erinnerungen sind ja in mir.

Ich reise weiter, es ist Zeit. Schon fast fünf Uhr, und in den nächsten langen Kilometern kommt kein Zeltplatz am Wegesrand vorbei. Dreißig werden es mindestens noch. Also hopp.
Spreeradweg, wunderbar geschlängelt an mäandernder urwaldumgebener Spree, das Reifensurren auf dem Asphalt und das vertraute Geräusch wegspringender Kienäppel. Nur gestört durch den Lärm der nahen Fernverkehrsstraße.
Ortsdurchfahrten durch unendliche Straßendörfer, dort ist der Radweg gern mit diesem neuzeitlichen Kopfsteinpflaster belegt, es holpert. Auf der Straße aber ist es mir zu eng.
Fürstenwalde durchfahre ich ohne anzuhalten, vielleicht ziehen mich auch die vielen Rennradler in dieses Tempo. Sonntagssport, fast wie in Italien. Von hinten habe ich Zeit und Gelegenheit, die verschiedenen Techniken zu studieren. Manche schwanken arg unökonomisch, da ginge sicher noch was;-)

Und verflixt, an der nächsten Ecke schon wieder Erinnerungen. (Wie klein muss Berlin&Umgebung eigentlich sein, dass ich überall etwas erlebt habe? Oder: Wie viel habe ich hier erlebt?) Petersdorf, hier hatten wir unser Klassentreffen zum 20jährigen Abitur. Nächstes Jahr werden es 30 sein. Das Kind, das uns damals zwischen den Beinen herumkrabbelte, kommt im September in die sechste Klasse.

Der Scharmützelsee. Der heißt wirklich so. Mir wird der Name heute erstmals bewusst. Es ist ja so: was man von kleinauf kennt, ist normal. In Wendisch-Rietz war ich im Ferienlager, glaube ich mich zu erinnern. In der ersten Klasse, oder so. Und hier lag „unser“ Boot, in Diensdorf. Ich bin versucht, auf der östlichen Seeseite entlangzufahren und zu schauen. Nur die vorgerückte Uhrzeit und die Tatsache, dass Campingplätze nur auf der westlichen Seite sind, hält mich davon ab. Werde ich den Hafen eben von gegenüber betrachten.
Ein Zeltplatz in Bad Saarow – Strand, das klingt verheißungsvoll, ich freue mich aufs Badengehen. Von der lautesten Kreuzung aus (Ortswahlexpertin, ich;-)) rufe ich den Zeltwart an, um den Weg beschrieben zu bekommen. Uferweg, sagt er. Ich übertreibe gleich und wähle den Uferwanderweg. Kann man machen. Man sollte es nur vielleicht ohne Fahrrad versuchen. Ich schiebe. Es knirscht. Sandboden, sagte ich das schon? Kein Zeltplatz in Sicht. Klar, sind ja auch noch zwei Kilometer. Er meinte wohl doch die Uferstraße. Die hier Friedrich-Engels-Damm heißt. Als ich das verstanden und zu ihr hinaufgeschoben habe, bin ich quasi schon da.

Klein, ruhig, kuschelig hier. Mit einem Wählscheibentelefon am Eingang, um sich anzukündigen, man solle die 66 wählen. Wie lange habe ich das nicht mehr getan – ich würde gern noch ein wenig mit der Wählscheibe spielen:) Die jungen Leute, sagt der Zeltwart, die kennen das nicht mehr. Die versuchen dann, in die Zahl 6 zu drücken, so wird das natürlich nichts.
Überhaupt, ein origineller Ort. Viel Improvisation. Und eigenwillige Dekoration in den Waschräumen, ha, man spricht in der Ecke ohnehin viel Russisch, ich schmunzele.
Nur aus dem Bad im See, auf das ich mich gefreut hatte, aus dem wird nichts. Als ich mich aufmache zum „Strand“, wie sie das hier nennen, stolpere ich in den gegenüberliegenden, verfallenen, ehemaligen Zeltplatz. Abbruchreifes Anmeldegebäude, Ferienhäuser mit eingeschlagenen Scheiben, ein zugenagelter Bootsverleih, ein verwaister Sportboothafen, zugewucherte Zeltflächen, abgeknickte Bäume, Betreten-verboten-Stege, „dieser Schiffsanlieger wird zur Zeit nicht bedient“ und „Durchgang verboten“ am Kassenhäuschen. Der Weg dahinter ist zum Trampelpfad zugewuchert, die ehemalige Strandwiese gestrüppgeflutet, ein paar Lagerfeuerstätten mit Müll (überhaupt: der Müll überall in den Orten und am Wegesrand – mensch mensch, was machen wir!) – und dann das Wasser. Das Wasser, das ist sicherlich im Innern ebenso verfallen wie das Ringsum hier. Man sieht es ihm bloß nicht an. Mir ist traurig.
Als dann noch in der stillen Bucht, inmitten dieser Verwaistheit, drei große Motorjachten ankern, über Nacht sicherlich, mit vergnügt johlenden Menschen darauf, da vergeht mir das Baden. Nein, hier will ich nicht. Ich fotografiere den See, das Abendlicht und den Verfall, ja, auch den Verfall, und gehe zurück zum Zelt.

Der Tag war voll. Ich koche, erst Suppe, dann Tee. Sitze auf einem Baumstumpf. Und atme.

Berlin – Berlin (#3wegsam12)

Der Vollständigkeit halber soll auch dieser zwölfte kurze Radreisetag erwähnt werden. Von Berlin nach Berlin. Vom Mutterhaus zum Vaterhaus zogen wir am Donnerstag um. Diesmal nicht wie vor drei Jahren über das Stadtzentrum, nicht über die touristenvollen Linden und all die Verkehrschaosknotenpunkte, sondern schön am südlichen Stadtrand entlang, dann sind es auch nur 20 Kilometer. (Puh, denke ich dann immer, wie riesig diese Stadt ist.)

Es gibt nicht viel zu berichten. Das Radwegenetz ist durchaus gut, für das, was man anderswo erlebt. Nur der Mauerradweg – ein Stückweit wollte ich auf ihm fahren – war ein wenig unausgeschildert. Ich vermute, wir waren gar nicht drauf:)
Durch kleinstädtisch anmutende Siedlungen radelt man, ab und zu tauchen Hochhausballungen auf, manchmal gerät man mitten hinein. Aber immer mit rotem Seitenradweg, schön viel Platz.
Erst in Schöneweide wird es knackig eng auf der Straße, aber das war schon immer so. Selbst vom Auto aus fühlte es sich früher so an.
Als wir in der Nähe der ehemaligen Wohnung vorbeifuhren, wo der Sohn seine ersten zwei Lebensjahre verbracht hat, sagte dieser nur knapp Aha. Wahrscheinlich habe ich das schon eine Million Mal erzählt.
Der Wuhleradweg am Ende ist Balsam für großstadtangestrengte Dorfmenschen, und überhaupt war ich froh, dass wir nicht ins Zentrum mussten und müssen, dass wir Berlin diesmal nur am Rande tangiert haben.

Für die Akten übrigens: Der Zähler blieb am Ende auf sehr genau 800 Kilometern stehen. Vor drei Jahren waren es ziemlich genau 1000. Was sind wir damals in der Gegend herummäandert …

Bad Belzig – Berlin (#3wegsam11)

Oh je, so viele Tage später noch notieren wollen, was damals geschah, das fühlt sich fast unmöglich an. Damals, vorvorvorgestern, als wir auf Berlin zu- und am Ende hineinrollten. Inzwischen liegen meinem Erinnern Berlin-Tage im Weg, wie immer voll und laut und bunt und überfordernd. Ein scharfer Kontrast: zwischen den Fläming-Radwegen und dem Großstadtmoloch, ich versuche mich zurückzuversetzen …

Wie wir morgens lange im Bett bleiben, uns weder beim Packen noch beim Frühstücken beeilen, das ist Ankommensprokrastination, mindestens unterbewusst. Für mich geht es ja weiter, bald und allein. Die gemeinsame Reise mit dem Sohn aber endet hier. Es war gut, sagt er. Es war gut mit Dir, Großer, sage auch ich. Gern wieder:)

Wir trödeln also –  wir motschen: ich grabe unerwartet ein Kindheitswort aus:) – und suchen nach dem Aufbruch aus der Herberge zunächst eine Bäckerei und ein Frühstück. Schön ausgiebig, schön Zeit lassen. Am Nachbartisch ein älteres französisches Radlerpaar, nach Berlin wollen sie heute auch, danach bis an die Oder, und dort erst entscheiden sie, ob es nach Polen hinein, oder nordwärts ans Meer oder südwärts den Fluss entlang gehen wird. Welch freischwebende Reiseroute, ich bin fasziniert.

Unsere Route ist heute mit einem klaren Endpunkt am Rand von Berlin versehen, und mit einer klaren Kilometerzahl. Die ist hoch, und es ist spät. Um es noch ein wenig enger zu machen, verfahren wir uns gleich an der Kurklinik hinterm Ortsausgang, kann man machen. Der Kurpark ist idyllisch, und die Kurgäste schauen gar nicht so erstaunt, als wir da mit den Rädern an ihren Liegen vorbeifahren. Vielleicht gibt es das öfter.
Ein paar Kilometer weiter treffen wir auf unseren damaligen ersten Übernachtungsort, nostalgische Erinnerungen fluten sogar den Sohn, und der Magnetcache ist nicht mehr an der gleichen Stelle. Im Plattenbauvorort werden wir wiederum – wie damals – angesprochen, als wir die Fotoapparate herausholen. Nicht so agressiv wie damals, aber doch mit Unterton. Irgendetwas stimmt mit dem Fotografieren an diesem Ort nicht, vielleicht haben die Bewohner schlechte Erfahrungen gemacht. Welcher Art auch immer.

Den Weg von damals verlassen wir bald, der fertige R1-Weg über Potsdam würde uns kilometerlang in den großstädtischen Berufsverkehr werfen, es scheint verlockender, quer durch den Speckgürtel zu fahren – so nennt man das wohl, diesen Ring um die Großstadt, in dem es voller an Menschen und dichter an Verkehr wird. Eben, dichter an Verkehr, das wollten wir ja gerade vermeiden.
Doch vermutlich gibt es keinen lärm- und bedrängnisfreien Weg in die Großstadt hinein. Der Berliner Ring, wir kreuzen ihn in der prallen Nachmittagssonne, empfängt uns mit einer Dauerbaustelle, mit Radübergang, immerhin. Schnellstraße an Schnellstraße, wir sind müde. Ein Bahn-Autobahn-Knotenpunkt liegt im Weg, den Radweg hat man drübergeschlängelt, eine Kleeblattkreuzung ist nichts dagegen. Kilometer um Kilometer nähern wir uns, sehen Hochhäuser und Kraftwerke in der Ferne.
Kurz vor dem Ziel will das Navi uns auf die Autobahn locken, feine Tücke am Wegesrand. Es bleibt uns ein Feldweg, der bald quer in die Felder führt. Ein paar Kilometer geht es parallel zur Stadtgrenze, noch einmal autofrei unter wilden abendlichen Wolkenformationen dahintreiben, das entschädigt für den Lärm der letzten Stunden.
Irgendwann landen wir auf dem Mauerradweg. Stadtgrenze in verwilderter Natur, das Ortseingangsschild zum Fotografieren bleibt uns verwehrt, wir sind plötzlich in Berlin. In einer Kleingartenanlage, übrigens, deren Ausgang nur schwer zu finden ist. Die Stadt hat uns.

Es ist ungewohnt, so lange hier zu bleiben, nach diesen Reisetagen. Am nächsten Morgen sagt der Sohn das, was ich auch spüre: Und heute nicht aufs Rad steigen …
(Dem Körper tut die Erholung gut, das Rad bekommt frisches Öl, die Schraubenzieher verlassen kurz mal die Werkzeugtasche und die Wäsche darf in der Maschine baden und wirbeln.)

Etappe zwei beginnt am Sonntag.
Berlin – Jindrichuv Hradec. Viele mir unbekannte Gegenden liegen am Weg, ich bin gespannt.

Dessau – Bad Belzig (#3wegsam10)

Es ist ein Radfahrtag, der mich glücklich macht, von A bis Z, an dem alles stimmt, alles passt, alles genau richtig ist.
Was ich mich frage: Ob ich die Sonne nur so wahrnehme und genieße, weil wir sie die letzten Tage nicht hatten? Ob mir der Gegenwind nur so nichtig vorkommt, weil er gestern so stark war und wir diesen im Vergleich kaum als Hindernis spüren? Ob mich die unfreundlichen Tischnachbarn nur deswegen nicht verdrießen, weil sie seit langem den einzigen Kontrast zu all den positiven Begegnungen bilden? Ob mir das – unbeabsichtigte, auf ein Verirren folgende – Schieben der Räder durch den Wald nur deswegen kein Ärgernis ist, weil es mich in Kindheitszeiten zurückversetzt und mich deswegen lächeln lässt?

Es ist ein kurzer Radfahrtag. Kaum 50 km zeigte das Navi in seiner Planung. Da ich die Kunst beherrsche, noch jeden geplanten Weg auszumäandern, man will sich ja nicht zur Sklavin der Navi-Anzeige machen;-), werden es am Ende knapp 60. Immer noch eine Wohlfühldistanz, die schon vom Morgen an Ruhe aufkommen lässt. Wir haben alle Zeit der Welt für alles, was wir unterwegs wollen.

Wir frühstücken und starten spät. Früh fahren ja schon die anderen los. Wir sind immer die letzten Radfahrer, die aus der Herberge aufbrechen.

Und gleich läuft uns ein Flugzeugmuseum über den Weg. Da wir ja nie Reiseführer oder sonstige Informationsquellen über die Orte lesen, die wir durchfahren, trifft uns touristisch „Sehenswertes“ immer überraschend. Was auch immer sehenswert heißt – wir wollen diese Flugzeuge anschauen, und wir schauen sie an. Der Sohn verblüfft mich mit fundiertem Detailwissen zum Flugwesen, woher und warum weiß er das denn alles?

Immer noch in Dessau, treffen wir auf den R1, den europaduchquerenden Radweg, der hier mit dem Elberadweg zusammenfällt. Wir lassen uns für ein paar Kilometer in seiner bequemen Beschilderung treiben, biegen immer ab, wie es die Pfeile sagen, sind von der Wegsuche also befreit, und haben Augen noch und noch für Parks und das sonstige Grün rechts und links des Weges, für die Mulde und gleich darauf die Elbe mit ihren Auen. Mein Fotoapparat will einfach nicht stillhalten, der Sohn schaut leicht genervt:)

Jenseits der Elbe geht es in den Fläming hoch. Nach den mitteldeutschen Gebirgen wirken die Anhöhen wie der Schatten eines Gebirges, misst man es in Höhenmetern. Die Landschaft aber, die ist neu und anders als bisher. Es gab schon Kiefernwälder auf dem Weg, es gab sandige Böden, es gab hügelige Blicke. Aber es gab noch nicht all dies zusammen. Mit jedem Meter werde ich mehr in heimatliche Kindheitsgefühle entrückt.
So roch es, wenn wir am Wochenende aus Berlin herausfuhren. Inmitten solcher Hügel lagen die Seen, in denen wir badeten. Ferienlagerzeiten fanden in solchen Wäldern statt. Der Geruch, die kalt durchsetzte warme Luft, der staubige Sand, das Licht. Die typischen Dörfer, die Häuser einstöckig, Dachfirste parallel und brav längs der Straße ausgerichtet, weit entfernt stehen sie von der Fahrbahn, dazwischen ein Grünstreifen, oder auch Brache, in manchen Dörfern eine Mittelinsel mit Kirchlein. Hinter allen Ecken lugt Verlassenheit hervor, nicht nur Gasthäuser, ehemalige Gasthäuser, muss man ja sagen, stehen leer, auch Wohnhäuser, Wohnblocks, ganze Ortsteile, LPG-Gebäude. Das Kopfsteinpflaster mit seinem Geräusch, die Sprache, allmählich vom Berlinerischen durchsetzt (viel stärker als in Berlin selbst).
Das alles: hier ist Heimat. Dabei weiß ich gar nicht, was ich mit Heimat meine. Sie hat mit Menschen zu tun, immer. Und mit mir selbst vor allem. Und doch kommt mir dieses Wort. Vielleicht meine ich: wohliges Erinnern an Geborgenheit in guten Kindheitszeiten. Irgendwie das ist es, was mich trifft, was ich hier treffe.

Da macht es nichts, dass wiederum – wie schon beim letzten Durchradeln – der Wunsch nach einem Eis oder einem Pausenimbiss nicht erfüllt wird. Dorf um Dorf wirkt verlassen, das beginnt schon lange, bevor wir Brandenburg erreichen, das beginnt genaugenommen unmittelbar hinter der Elbe. Wir wissen dies ja, spätestens, seitdem wir vor drei Jahren genau hier entlang fuhren und uns irgendwann halb verhungert auf einer verlassenen Dorfstraße wiederfanden, an unseren Keksen knabbernd, weil es seit Stunden nichts gegeben hatte. Damals. Wir sind also gewappnet.

Dafür haben wir heute Glück und finden ein Wochenendausflüglergasthaus. Es ist überfüllt. Wir erkämpfen uns einen Platz an einem Tisch, teilen diesen Tisch mit einem Paar. Mit der unfreundlichsten Begegnung seit langem. Nein, darüber mag ich hier nicht schreiben, wozu mir selbst die Laune verderben. Wer weiß schon, was ihr Problem mit uns war. Oder ob es gar nicht an uns lag, sondern sie einfach immer unfreundlich sind. Fremde Menschen, man schaut nicht hinein.
(Als der Mann der Frau – nicht seiner, sonst hätte die das längst gewusst? – von seinem neuen Ebike vorschwärmte, mit dem man in drei Tritten auf 25 käme, welches sogar einen „Schiebemodus“ habe, wenn man es also schiebe, führe es von allein nebenher, da hätte ich gern genauer in ihn hineingeschaut. Wozu braucht er diese Geschwindigkeit, diese Anstrengungslosigkeit? Was sucht er auf seinen Ausflügen? Warum stopft er sich sein Essen hinein, schweigend zumeist, und geht dann grußlos? Was bewegt ihn? Was sind seine Sehnsüchte? Tue ich ihm Unrecht, wenn ich so über ihn schreibe? So wie all den Menschen, über die ich meine Urteile fälle, weil ich sie einfach nicht verstehen kann?)

Kurze Zeit später verlieren wir unseren Weg, weil mitten auf dem Radweg eine stacheldrahtumzäunte, längst verlassene, aber dennoch abgesperrte Anlage unbestimmbaren Zwecks platziert ist. Wir wollen das Gelände umfahren, geraten auf Sandwege, finden keine Rückkehr zum alten Weg, stoßen immer tiefer in den Wald hinein, auf immer unwegsamere, „unradsame“ Wege, und schieben schließlich. Immer geradeaus, weil man am anderen Ende ja doch aus dem Wald hinausgelangen müsste. Tatsächlich, wir finden hinaus, stoßen auf eine Straße und sind plötzlich näher am Ziel als erahnt. Das Schieben, das Hindernis als scheinbare Verlangsamung ist letztlich keine, im Gegenteil. Und es bringt Ruhe und Durchatmen in den Tag. Gar nicht so schlecht, mitten in der Radtour eine Schiebestrecke einzubauen:)

Ungeahnt und ungeplant geraten wir so auf alte Bahnen, sind kurz vor Bad Belzig plötzlich wieder auf dem R1-Radweg. Damals in umgekehrter Richtung gefahren, überkommen mich Erinnerungen. Die kleine Dorfkirche, unser Japsen bei dem Anstieg (jetzt ist es ja ein Hinabsausen), hier suchten wir einen Cache (und fanden ihn nicht), dort gab es nichts zu essen, dieser Blick hat mich damals fasziniert. Der Blick fasziniert mich heute aufs Neue.

Wir sind da. Unser Pensionszimmer liegt oberhalb eines Eiscafés, gehört zu einer Brauerei. Nach dem Duschen sich nicht entscheiden können, ob zuerst Eis oder zuerst Bier – das ist ein wahres Luxusproblem:)))

 

Querfurt – Dessau (#3wegsam9)

Jeder Post braucht einen ersten Satz. Manchmal springt der mich beim Fahren schon an, bohrt sich stundenlang in meine Gedanken. Meist aber fällt mir lange keiner ein. Oder nur einer, den ich nicht will. Heute zum Beispiel: Es ist anstrengend. Oder: Es ist windig. Oder: Es ist anstrengend, weil es windig ist.
Nun, nicht gut, aber ich fange jetzt mit diesem Satz an …

Der Tag ist anstrengend. Vor allem an seinem Ende, weil es so unglaublich starkwindig wird, und weil wir bis dahin schon viele viele Kilometer getreten sind. 60, glaube ich, als der Wind beginnt.
Warum wir so weit fahren? Weil wir den Plan, am Montag Abend in Berlin zu sein, nun doch aufrechterhalten. Weil in der weiten, einsamen Ebene zwischen Halle und Dessau kein einziges müdes Pensiönchen unseren Weg kreuzt. (Und hätten wir intensiver gesucht, das war schon in der windigen Zeit, dann hätten wir noch viel mehr umherkurven müssen, nein, danach war uns nicht zumute.) Und weil wir in Halle zu wenig Strecke für die Montagsankunft gehabt hätten, wurde Dessau unser Tagesziel.

So also. So weit. Zu weit fast.
Am Morgen jagt der Wind noch mit uns, vermute ich im Nachhinein. Rückenwind spürt man ja nicht so, wenn man nicht darüber nachdenkt. Wir sind nur sehr, sehr schnell, haben die 35 Kilometer bis Halle in zwei Stunden geschafft, das glauben wir selbst kaum. Zumal wir auch Schotter fahren, zwischen und durch Mais hindurch, ewig weite Felder, nichts anderes bis zum Horizont zu erblicken. Also: es muss stark geweht haben, da am Morgen schon.

Die letzten 10 Kilometer vor Halle regnet es, och nööö. Es ist bereits der dritte Tag, an dem die Wetter-App uns linkt. Heute steht bei Halle für die Mittagszeit 1% Regenwahrscheinlichkeit. So bedeutend muss man erstmal sein, dass man dieses eine Prozent abbekommen darf:)
Pitschnass jedenfalls und soeben noch neben der Straßenbahnschiene auf glitschiger Kopfsteinpflasterstraße gestürzt (harmlos zum Glück, und die Straßenbahn hielt extra an, bis jemand unsere Trinkflasche aus der Schiene geholt hatte:)), fallen wir in den erstbesten Imbiss auf Halles Marktplatz ein. Trocken, Essen, Toilette, Sitzen, Ausruhen.

Währenddessen wechselt die Wetterkulisse vor dem Fenster in rasanter Geschwindigkeit. Ehe wir ein zweites Mal hinschauen, ist der Himmel blau. Oh, wir wollen nach tagelangem Trübhimmel endlich wieder einmal bei Sonne fahren. Brechen also schnell auf, ein Einkauf noch für nötige Notnahrung, und dann raus aus der Stadt. Gen Nordosten geht es, direkter Weg nach Dessau. Leider landen wir erst auf einer Kopfsteinpflasterschnellstraße, von der wir über einen Hoppelasphaltweg zu einem benachbarten Radweg fliehen, diese Lautstärke hätte ich keine weiteren 10 Minuten ausgehalten. Es reicht schon, dass wir im Laufe des Tages viel zu oft auf Landstraßen fahren werden. Neben der nie ganz abreißenden Angst macht mich vor allem der Lärm müde.
Aber zunächst sind wir auf dem Petersberg-Radweg (Name ohne Gewähr, aber selbiger Berg stand links am Wegesrand) und sehr verlassenen Landsträßchen unterwegs. Erstmals seit Tagen scheint mir beim Fahren die Sonne auf den Rücken, ich werde von warmer Luft gestreift, wie gut das tut. Eine einsame Baumallee, noch nicht ganz brandenburgisch, aber schon nahe daran, reife Felder, der Blick über die fast ebene Landschaft, Wolkenkulisse – es geht uns gut.

Bis ringsum aus Haufenwolken Gewitterwolken werden, wir ab und zu einen Tropfen abbekommen, und – viel schlimmer – der Wind einsetzt. So plötzlich, so heftig. Es weht uns fast von der Straße. Ich merke erstmals, dass mit Seitenwind noch schwieriger zu fahren ist als mit Rückenwind. Noch langsamer, noch mühsamer, weil sich das Rad kaum in der Spur halten lässt, weil jedes überholende Auto mit seinem Windschatten zur Gefahr wird, weil man seitlich einander keinen kraftsparenden Windschatten geben kann.
Es ist wirklich heftig. 20 Kilometer vor der Pension, wie gesagt der einzigen, die wir fanden, hier am Ortseingang von Dessau, 20 lange Kilometer vorher biegen wir verzweifelt in eine kleine Ortschaft ab, setzen uns auf den verwaisten, heruntergekommenen Spielplatz, und essen Nüsse und Riegel. Völlig ermüdet, inzwischen wollen auch Po und Hände kaum mehr – es gibt viele Kopfsteinpflasterabschnitte hier im Hinterland. Und der Kopf lässt sich leider nicht abschalten. Wenn es so weiterweht, kommen wir kaum mehr in den zweistelligen Tempobereich. Bei 20 Kilometern macht das reine Fahrzeit … und die Verschnaufpausen dazu … und wenn es jetzt noch richtig regnet … Nee nee nee. Schreit es in mir. Dem Sohn gegenüber äußere ich das nicht so laut, aber auch er spürt, dass ich mit meinen Kräften am Ende bin.
Wir werden still und treten einfach. Mehr bleibt uns ja doch nicht übrig. Ich versuche, diese Kilometerzahl auszublenden. Der Hügel da vorn. Der nächste Baum. Das nächste Verkehrsschild …
Am Ende brauchen wir wirklich zwei lange Stunden. Zwei Stunden gegen den heftigen Wind, so schwierig war es auf der ganzen Tour noch nirgends.

Aber irgendwie schafft man das. Irgendwann steht Dessau auf dem Ortsschild. Wegen der Bebauung ist plötzlich auch der Wind weg, oder weil sich Winde zum Abend ja legen. Jedenfalls wird es mit einem Mal leichter. Wir treten trotzdem im Schneckentempo weiter, mehr geht nicht. Dafür kommt uns die Sprache wieder.
„Dessau? Wessau?“, sagt der Sohn. Und dass es ja eigentlich „Dersau“ heißen müsste, als korrekter Genitiv. Werwolf-artig dekliniert er das Wort, am Ende versucht er es auf Latein. Sau-e sei der Vokativ, meint er, wir sollten das dem Stadtrat mal vorschlagen. Hoffentlich hat der Sohn Recht mit seiner Deklinationsvariante, sonst müssen wir am Ende noch Leben-des-Brian-artig irgendein Diesau-dersau-demseinsau-Konstrukt 1000mal an die Dessauer Stadtmauer schreiben.

Die Pension wartet auf uns. Es gibt eine Dusche, ein Bett, vorher ein Essen und etwas zu trinken, natürlich.
Uns wohlfühlen im Ankommen, das können wir gut:)

 

Sömmerda – Querfurt (#3wegsam8)

Es wird Zeit, einmal zu erwähnen, wie viele Menschen uns all die Tage schon am Wegesrand begegnen. Richtig davon zu erzählen, mit allem, was jeweils in mir berührt wird, das wäre schwierig, wie wollte ich das in wenige Zeichen pressen?
Und wieso überhaupt sage ich Wegesrand? Das ist ja nur unsere Sicht, die der Vorbeirollenden. Für diese wiederum sind wir die Vorbeiziehenden, die nur eben kurz auftauchen, um gleich wieder zu verschwinden. Gegenseitiges Streifen von Lebenswelten. Wir mit unserem Gepäck, all unserem Geraffel, äußerlich gesehen, mit unserem Erleben, Denken, Sehen, Wahrnehmen dazu. Diese mit ihrem Wohnort zumeist, all den Dingen, die dazu gehören, mit ihrem Leben und Erspüren. Ob sich diese Universen begegnen können? Wir sind einander nur ein kurzes Aufblitzen.
Und doch gibt es manchmal einen wirklichen Blick in ein Gesicht. Dann sieht man in den Augen, im Lächeln, in einem Satz, in einer Geste eine ganze Welt aufscheinen.

Die Postfrau, die sich durch unsere Frage von ihrer (sicher drängenden) Arbeit abhalten lässt, um uns ausgiebig zu erklären, zu erzählen gar, wie das mit den Radwegen und den Wegen überhaupt hier rings um ihr Dorf ausschaut. Sie fahre auch viel Fahrrad, aber nein, diesen Weg im Wald, den würde sie nicht machen. Aber die Straße, das geht.
Die beiden vor dem Kloster, die erst den Sohn, dann mich ausfragen, woher und wohin wir fahren, und staunen und von sich erzählen und wir so über die verschiedenen Reisen ins Gespräch kommen.
Der Mann auf dem quietschenden Fahrrad, sicher auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, der uns die Bergrouten eine nach der anderen schildert, dazu ganze Epen erzählt, wie er die Wege jeweils erlebt und dass es ohne Berge nunmal nicht ginge.
Die Wirtsfamilien in den kleinen Pensionen, mit denen es so leicht, so selbstverständlich ist ins Gespräch zu kommen. Sie haben oft ein Leben in Grenzgeschichten hinter sich, schon letztes Jahr hörte ich viele davon, Geschichten vom Überleben und Wegfinden in Zeiten großer Veränderungen. Mit lustigen Anekdoten garnieren sie ihre Erzählungen.
Die Wirte, die uns Essen bereiten, obwohl das Gasthaus geschlossen hat, die uns das letzte Getränk schenken, und das vorletzte vielleicht auch schon.
Vielleicht, so denke ich in jeder einzelnen der familiengeführten Pensionen und Gasthäuser, wo eine Kleinfamilie Tag und Nacht hart arbeitet, damit der Minibetrieb funktionieren kann, vielleicht sind das sehr besondere Menschen. Die viel aushalten, die die Arbeitslast klaglos ertragen, die sich dem Gast unterordnen, und für die es ein Bedürfnis ist, viel zu teilen. Wie wertvoll diese kleinen Gasthäuser auf dem Weg sind.
Manchmal trifft man abends in der Gaststube andere Unterwegsseiende. Eine Pilgerin und ein Vielgewanderter waren es neulich, mit denen ich in ein langes Gespräch kam, über die Fragen, die sich hinter dem Unterwegssein auftun. Über ein paar Antworten auch. Gespräche, die ins Innere des Lebens hineinreichen. Dabei kennen wir nichtmal unsere Vornamen.
Und dann sind da auf der Straße all die Menschen, die quasi auf uns zuspringen, wenn wir nur an einer Ecke stehenbleiben und kurz die Karte oder das Navi anschauen wollen. Dazu kommt es oft gar nicht. Weil uns überall und stets sofort der Weg erklärt, gezeigt, beschrieben, erzählt wird. Wir kommen kaum zum Selbersuchen. In den Dörfern längs der Unstrut etwa, wo die Wegweiser (oder unsere Aufmerksamkeit?) kleinere Lücken enthalten, da brauchen wir nur fragend zu schauen, irgendjemand weist dann von allein in die richtige Richtung oder erklärt oder verwickelt uns in ein Gespräch über das Woher und Wohin.
Mit den anderen Packtaschenradlern spricht man ja ohnehin meist kurz. Es sind wenige hier, weil wir zumeist abseits der großen Radurlaubsrouten fahren, weil die Wege leer sind, wir sie nur mit Einzelnen (und ein paar Rennradlern) teilen müssen. Fühlt sich gut an …

So viel freundliche Gesichter also strahlten uns schon entgegen. Vielleicht ein Spiegel? Umso mehr fallen mir die gegenteiligen auf.
Die Kioskfrau oben am Rennsteig, die Wurst um Wurst in Brötchen stopft, die die Preise über die Theke schleudert, die keinen Blick erwidert, auch nicht, als ich sie grüße und so lächelnd ich kann anspreche – da bleibt Starre im Gesicht. Vielleicht ist sie überhaupt nicht richtig hier, weil ihr Leben ganz woanders abläuft?
Die Frau des Radlerpaares in Würzburg, die konsequent von uns wegschaut, keine Silbe sagt, als wir mit ihrem Mann sprechen, selbst dann nicht antwortet, als er mit ihr spricht, die mit verdrossenem Gesicht auf der Straße wartet und mit den Füßen scharrt wie ein kleines Kind – vielleicht mag sie im Urlaub gar nicht radeln? Sie sieht so unglücklich aus, man möchte sie einfach nur in den Arm nehmen.
Der Mann, der zufällig vorbeigefahren kommt, als wir gerade die gestürzte Frau am Wegesrand gefunden hatten, wo ich schnell die Lage checke – ich staune selbst über mich:) – und rede und beruhige und merke, dass bis auf das Bein alles soweit in Ordnung zu sein scheint, ihr aber nicht aufzuhelfen ist, weswegen ich Sohnes Jacke unter ihren Kopf lege, während ich in Gedanken schon die 112 wähle und mich frage, wie ich den Ort – hier mitten in der Pampa, in der ich mich nicht auskenne – wohl beschreiben könnte. Der Mann also, der in dieser Sekunde dazukommt und nichts anderes zu sagen hat als mich anzupflaumen, warum ich nicht die 112 gerufen hätte. Ich gucke wohl sehr verdutzt. Und lasse ihn den Anruf machen, er kann den Weg eh besser beschreiben. Im Weiteren wechselt er kein Wort mehr mit mir. Ist er nur so erschrocken, so hilflos, dass dieser Ton aus ihm bricht? Argwöhnt er, wir hätten die Fußgängerin angefahren? Wieso spricht er nicht mit mir? Das werde ich wohl nie mehr herausfinden. Denn nachdem noch ein weiteres Auto angehalten hat, fahren wir mit unseren Rädern weiter. Die Einheimischen sind unter sich und ignorieren uns. Tja.

Nun sitze ich schreibend, es sind die frühen Morgenstunden, meine Lieblingsschreibstunden, während der Sohn noch schläft. Bald ist Aufbruchszeit, schnell noch ein paar Worte zur Tagesetappe.
Der Unstrutradweg bleibt wunderbar, auch wenn das Tal sich allmählich weitet, dafür regnet es nicht. Sonnig kann man es noch nicht nennen, aber Trockenheit ist ein Anfang.
Wir rollern dahin, wirklich, so kann man es sagen, viel mehr passiert in den ersten Stunden nicht. Ab und zu hält einer von uns an, um Schafe oder Felder oder Blätter zu fotografieren, ansonsten treiben wir durch die Welt.
Die Mittagszeit erwischt uns in Artern, Imbisse und Geschäfte gibt es auch, Pause also, auf dem zentralsten Platz, den wir finden. Ein paar Marktstände werden hastig zusammengepackt, auf dem Weg in den Feierabend, der Platz gehört nun gleich den Fremden. Eine Motorbike-Ausflugsgesellschaft, die sich von den Ecken des Platzes gegenseitig die Imbisspreise zuschreit, pokemonende Bundeswehrsoldaten neben uns auf der Bank, zwischen sich ein Brathähnchen zerlegend, wir mit unseren Pausengeschäften – essen, trinken, schreiben, sitzen – andere Radler, die noch den Ratskeller umschwirren, dann aber auch mit einer Wurst auf der Bank landen. Der asiatische Imbiss drei Straßen weiter ist menschenverlassen, er liegt halt nicht am Platz. Wovon lebt der?
Nach der Stadt biegen wir vom Unstrut-Weg ab, haben uns entschieden, nicht den weiteren Weg über Nebra, an der Himmelsscheibe vorbei, zu nehmen, sondern direkt nach Querfurt zu stechen. Direkt heißt in diesem Fall: obenrüber und auf der Landstraße. Keine Lieblingsstrecke, kein angenehmes Fahren, aber wir sind beide müde und wollen heute Kilometer sparen.
Irgendwann zwischen 3 und 4 Uhr überqueren wir die Landesgrenze, Sachsen-Anhalt empfängt uns mit drohender Gewitterkulisse, ist aber so freundlich, uns noch trocken von Ziegelroda nach Querfurt hinabrollen zu lassen. Dort haben wir ein Zimmer, dort ist alles gut.
Den späteren Gang auf die Burg – es hat sich ausgewittert, es gibt Abendsonne – unternehme ich allein, der Sohn hat keine Lust. Es ist leer auf der Burg und in den Gassen der Stadt, fast hallen meine Schritte. Ich fotografiere die Gemäuer, und ich bin in Gedanken schon fast wieder weg. Vielleicht sind wir in drei Tagen in Berlin.