WmDedgT 12/2016

Der Wecker klingelt, statt meiner Morgenlesestunde döse ich noch eine Weile im Bett und wecke gegen sechs die Kinder. Beide blättern vor dem Aufstehen intensiv in irgendwelchen Klassenarbeitsvorbereitungen – ich hab früher auch immer morgens vor der Schule gelernt:) – und kommen erst kurz vor knapp zum Frühstück runter, das bei uns eh keiner ernsthaft zu sich nimmt. Im Moment aber ist das unsere Adventskalenderzeit, beide haben täglich je ein Sprichwort darin, der Sohn auf italienisch, die Tochter auf englisch. (Schimpft mich Lehrermutter – sie finden es anhaltend gut:) und wir kommen oft ins Gespräch darüber. Nicht nur über Grammatik und Wortschatz …)

Kurz nach sieben, Abfahrt. Mein Auto, das zu enteisende, wird derzeit gern genutzt, um mit in die Schule zu fahren, so sind sie immer die ersten im Foyer und finden es zu früh, wie mir die Autofahrt hindurch erläutert wird. Aber bitte, es gäbe ja Fahrrad oder Bus;-)
Heute ist mal keine Schlange am Kopierer (die Kollegen schwächeln?), so bleibt Zeit für einen Lehrerzimmerkaffee. Mit dem Adventskalender bin ich auch dran, ein MilkyWay ziehe ich heraus, alles bestens also vor dem Start.

Die Montagmorgenphysiksiebte gibt sich müde, wie immer. Dass es zudem direkt um 7.45 losgeht, überrascht sie wie jede Woche aufs Neue, wir versuchen das Beste aus dem Fach und der Tageszeit zu machen. Ein bisschen Experimentieren hilft gegen’s Weiterschlafen, und ein wenig Umherlaufen im Raum während des Arbeitens.

Bereitschaftsstunden könnten so schön frei sein. Heute nicht, leider. Ich finde mich in einer fremden Gruppe wieder, von der ich nicht einen einzigen Namen kenne, und soll Fragen zu Bodeninsekten beantworten. Man lernt immer noch dazu.
Nach Ablösung durch eine Musikkollegin – ob die mehr über Bodeninsekten weiß? – werkele ich ein halbes Stündchen am Kopierer, schneide, klebe, loche, tackere, so Sachen halt. Aber immer, wenn ich parallel dazu mit den Kolleginnen ein Schwätzchen halten will, vertackere oder verloche ich mich. Diese Abläufe scheinen komplexer zu sein als man gemeinhin denkt.

Dritter Block, die kleinen Fünfer, die inzwischen durchaus „gezähmt“ und heute besonders still sind. Die Angst vor meinem Test hat ihre Nasenspitzen weiß gefärbt, hej, das wollte ich doch nicht. Allerdings will ich etwas anderes, nämlich dass Ihr endlich auswendig wisst, dass ein Kilometer 1000 Meter und ein Meter aber nur 100 Zentimeter hat, während eine Stunde in Sekunden umgerechnet … naja, das habe ich ja nur in die Zusatzaufgabe gepackt. Ich ahne, dass es nicht ganz leicht wird, durch’s (Schul)Leben zu gehen, wenn man sich dem Auswendiglernen dieser paar Basisfakten hartnäckig verweigert und sie sich auch nach sieben Übungsstunden nicht eingeprägt hat. Das sage ich nicht laut, fühle mich aber im Moment stark gefordert in dieser Gruppe, wo andererseits Kinder sitzen, die sich über Nanometer, Moleküle, biochemische Vorgänge in Nervenbahnen und Mikroprozessoren unterhalten. Spagat ist gar kein Ausdruck.
Und dazu die Elternschaft im Hintergrund, gleichermaßen heterogen. Die Mails, in denen ich als pingelig beschimpft werde, weil ich Wert darauf lege, dass man Quotient mit T, Summand dagegen mit D am Ende schreibt, wie unwichtig das sei, und ob wir in der Schule keine anderen Probleme hätten. Doch, auch, das kommt noch hinzu. Und die Anwaltsvatermails des Tenors, dass die anderen Kinder für das eigene Kind nicht gut genug seien. Langweilig wird es in dem Beruf jedenfalls nie, aber ich bin abgeschweift.

Mittagspause. Nachdem ich den entlaufenen Ordnungsdienst spontan durch einen neuen ersetzt habe, dieser dann aber zum Fegen so lange braucht, dass ich nebenher schon den halben Test korrigiert habe, bleibt mir noch ein klägliches 20-Minuten-Restchen. Die Schlange an der Mikrowelle ist schon abgeklungen, ein letzter Kollege steht mit einem Riesentopf Kürbissuppe davor. Er hätte aber viel vor, witzele ich, gar nicht mit Absicht, echt nicht. Und doch bekomme ich einen Riesenteller von der leckeren Suppe ab. Wow. Umso besser, als ich heute nur Brot mithatte. Dass ich mit vollgeschlagenem Bauch jetzt gleich noch Physik unterrichten soll, naja …

Die Nachmittagsklasse ist nicht munterer als ich, wir ergänzen uns. Bloß gut, dass ich nur die Morgenstunde wiederholen muss, keine neuen gedanklichen Sprünge erforderlich sind. Es geht rum, irgendwie.
Sieben Stunden in jüngeren Klassen sind für mich die Grenze des Schaffbaren. Die Kommunikationsdichte ist so riesig, die Aufmerksamkeitsnotwendigkeit so lückenlos … ich weiß gar nicht, wie das noch ältere KollegInnen schaffen ..
Es geht also rum. Die Klasse stürzt mit dem Klingeln aus dem Zimmer, nur F. bleibt noch lange da, während ich den Experimentiertisch aufräume. Fragt was zur Akustik, zu „Physik im Advent“, zu etwas, das er mal gehört hat. Eigentlich will er wohl etwas anderes. Sein Vater ist vor Kurzem gestorben. Ich habe das die ganze Zeit im Kopf …

Zu Hause, es ist kurz vor vier, steht nichts Dringendes mehr an, zum Glück. Meine Dienstagsveranstaltung fällt morgen aus, ich kann also den Rest des Nachmittags in Ruhe vor mich hinkruschteln. Testkorrektur, Emails zum Kopfschütteln (siehe oben), Klausurplanung für die 11er, Hefte durchsehen und so Zeugs.
Zwischendurch verschwinden die Kinder zu ihren Musikstunden, wollen Hausaufgaben ausgedruckt haben, putzen Stiefel (upps? das wär halt so’ne kleine Regel, antwortet mir die Tochter auf mein Erstaunen), lösen schnell „Mathe im Advent“ und „Physik im Advent“, merken bei der Essensbestellung, dass die Mensakonten fast leergelaufen sind und bringen Jahreszahlen für Geschichte mit Flächenzahlen für Erdkunde durcheinander. Der ganz normale nachmittägliche Wahnsinn mit Schulkindern halt.
Und ich hatte den Nikolaus ganz vergessen. Wenn ich nicht nachts fremde Stiefel im Dorf durchstöbern will, um mich daraus für die eigenen zu bedienen, wird es karg morgen früh. Na gut, so ist das eben. (Am Morgen, der ja nun schon hinter uns liegt, wird sich herausstellen: Auch die klägliche Variante ist in Ordnung;-))

Ein bisschen Zeit für mich passt auch noch in den Tag: Ich streiche auf dem Cello herum. Naja, es klingt noch immer schräg – sind ja aber erst drei Tage, hi hi. Der Plan, ein großes für mich auszuleihen, steht jedenfalls, ich recherchiere Details. Was dann damit wird, werden wir sehen …

Pubertierende Kinder gehen ja gern erst gegen zehn ins Bett, so auch heute. Trotz fortgeschrittenen Alters und Stunde darf bzw. soll ich noch über Köpfe und Schultern streichen, gerade so halte ich die Augen bis dahin offen. Bleibt, zu den eiskalten Stiefeln zu wanken und mein Nikolauswerk zu tun – beinahe hätte ich es jetzt wirklich noch vergessen:))
Eine Seite im Buch, dann bin ich eingeschlafen. Immerhin habe ich vorher wohl das Licht ausgemacht …

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im November

boten Himmel und Wetter alles dar, was sich auf ihrer Farbenpalette fand: vom goldenen ersten Tag, den wir für eine Herbstlaubwanderung nutzten, über nebliggraukalte „echte“ Novemberstimmung, bis hin zu den wieder blauhimmeligen frostweißen letzten Monatstagen
*
standen bei beiden Kindern aufregende Neuigkeiten an:
für die Tochter fanden wir ein spektakulär gut klingendes 3/4-Cello und eine neue Cellolehrerin, mit der es sofort stimmte – auf beides muss sie jetzt zwar noch ein halbes Jahr warten, aber die Vorfreude und so…;
derweil sind die Jugend-Musiziert-Anmeldungen abgeschickt und das Üben am Klavier und in den Streicherensembles in vollem Gange – an Proben und Vorspielen bestand diesen Monat also kein Mangel;
viel wichtiger aber: der Sohn bekam nach einem Bewerberseminar eine Zusage für ein Schuljahr in Italien, jubelte laut, hatte mit uns zusammen eine dicke Bewerbungs- und Unterlagenmappe auszufüllen, muss nun in der Schule so manches regeln und bereitet sich innerlich darauf vor, hier – zunächst – auszuziehen (ja, das Mutterherz, das bis zuletzt ein wenig egoistisch auf eine Absage spekuliert hatte, weinte natürlich los, als die Zusage kam, hat sich aber mittlerweile in echte Mitfreude begeben und hofft einfach nur, den Moment des Abschieds am Flughafen im September dann irgendwie zu überstehen);
vielleicht ist es kein Zufall, dass wir uns gerade in diesen aufregenden Zeiten erstmals seit Jahren wieder eine Magen-Darm-Grippe ins Haus holten? (andererseits können wir uns ja glücklich schätzen, dass es ein solch banaler Infekt in die Monatserinnerungen schafft, weil er Seltenheitswert hat:))
*
hatte ich nach den Ferientagen natürlich auch ein pralles Leben in der Schule, mit einem Pädagogischen Tag, viel Steuergruppenarbeit, der Organisation einiger Mathe- und Physikwettbewerbe und einem dreitägigen Schullandheim mit unseren lebendigen 5ern, das sich als unerwartet unkompliziert und berührend-erfreulich erwies;
nahm ich allmählich innerlich Abschied von meiner zweiten Dienststelle, weil meine Tätigkeit dort auslaufen wird, wie ich nun endlich offiziell regelte
*
versuchten wir in unserem Haushalt ein wenig zu entschlacken – die Tochter ihre Kinderspiele, denen sie entwachsen ist, sowie eine Million Kleinstgeraffelteile, wie sie sich in einem Mädchenzimmer nunmal so ansammeln, und ich in den diversen Bereichen des Hauses, in denen sich die Kann-man-nochmal-gebrauchen-Dinge ballen; wir begannen damit, täglich je 10 Dinge auszusortieren, das wurde aber nach drei Wochen zu schwierig, daher müssen wir alltagskompatiblere Wege finden, oder aber den nächsten Entschlackungsschub einfach erst in den nächsten Ferien stattfinden lassen, mal schauen – der Prozess fühlt sich jedenfalls grundsätzlich sehr gut und erleichternd an
*
reiste ich ein wenig mehr als sonst herum: ein Wochenende zu liebsten Freunden, und eines zu einem Jubiläumsschultreffen und damit in meine Vergangenheit – beides war innerlich sehr wärmend (wenn es auch schwer ist, mitten im Alltagsbetrieb übers Wochenende wegzufahren, weil der Arbeitsstapel danach fast nicht mehr aufzuholen ist);
planten wir eine große Reise für die Osterferien;
verlockte mich das neue Tochtercello, welches einem „ausgewachsenen“ schon sehr nahe kommt, es auch einmal zu probieren – und so streiche ich seit Tagen mit wachsender Faszination darauf herum, bin also infiziert und erwäge ernsthaft … naja, mal schauen, was der nächste Monatsrückblick darüber zu berichten weiß …;
bastelte ich erstmals eigene Adventskalender für die Kinder (macht ja sogar Spaß:)): da müssen sie also erst aus dem Haus gehen, damit ich das mal schaffe

12 von 12 im November

(Mal wieder ein 12 von 12 . Mal wieder später als alle anderen:))

Sich auf den Weg machen, nur für kurz, nur mal eben unterwegs sein mit dem ältesten aller Reisegepäckstücke, in dem erinnerungsträchtig so vieles mitreist.

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Auf dem Weg zum Bahnhof, unter den sich auflösenden Wolken. Nebel und Dunst ziehen sich zurück, der Himmel verheißt.

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In die Spur finden, immer wieder. (Das Leben hat aber keine Schienen. Manchmal leider, manchmal zum Glück.)

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Herbst fliegt vor dem Fenster vorbei. Das Glas ist trüb, und doch sind da diese Farben.

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Heute ist wohl Tag der beschmutzten Scheibe:), aber nun, die Sonne, was will ich mehr.

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Erinnerungsvertrautheit. In jeder Jahreszeit anders. Mit immer der gleichen Angekommens-Wohligkeit.

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Eine kurze Wanderung, wir zusammen, unter einem Himmel voller Von-allem-etwas.

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Lichtdurchbrüche.

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Scherenschnittstandhaftigkeit.

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Vorbilder im Loslassen.

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Und kaum zu erahnen: ein Himmel auch hier, oben, schwach durchscheinend.

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Der Tag endet in Abendwärme. Wie könnte es besser sein …

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Gedankenumkehr

Nicht:
Hat, was ich tue, einen Nutzen und welchen, und ist der gut und groß genug?
Nicht:
Was will ich in meinem Rings-um-mich verändern?

Sondern:
Ist, was ich tue, für mich und für mein Rings-um-mich richtig? Stehe ich mit meinem Selbst ganz dahinter?
(Ohne dass es vollkommen oder weise sei.)
Und:
Wo könnten wir hingelangen, wenn das jede und jeder so handhaben würde?
(Ohne dass dies für jede und jeden so passen würde.)

 

Unausgegorene Gedankensplitter. In einer wild-chaotischen Gedankenblase vor sich hin reifend.

 

Vom Selbst werden

Die größte Gefahr für den werdenden Menschen ist das „Man“: das anonyme Schema, wie man zu denken, zu urteilen, zu handeln habe, getragen durch Parteien, Zeitungen, Radio, Kino; der Zwang der Maßnahmen und Normierungen, der Behörden und Organisationen, der Staatsgewalt mit ihren Eingriffen in das individuelle Leben. Sobald das alles überwiegt, wird die Person ohnmächtig. So muß der junge Mensch lernen, selbst zu denken, selbst zu urteilen. Er muß ein gesundes Mißtrauen gegen die fertigen Rezepte theoretischer wie praktischer Art bekommen. Er muß sich in seiner Freiheit behaupten.

(Romano Guardini: Die Lebensalter)

WmDedgT 11/2016

Der Wecker klingelt kurz nach sechs. Obwohl ich sicher auch ohne aufgewacht wäre, heute dürfen wir nicht verschlafen, der Sohn hat später ein Seminar, zu dem ich ihn bringen muss. Vorher, bevor ich ihn wecke, möchte ich meine Morgenruhestunde. Heute lesend, viel lesend, ich lasse mich gerade durch mehrere Bücher gleichzeitig treiben.
Kurz nach sieben schüttele ich ihn aus dem Bett, er muss vor der Abfahrt noch packen. (Nur Menschen, die das Chaos nicht bewältigen, tun dies schon am Abend.)
Frühstück und letzte Dinge in den Ruchsack werfen, morgenmuffliger Frühstückstalk, die Tochter darf hier bleiben und schläft weiter. In Anbetracht der möglicherweise WLAN-freien Zeit, die vor ihm liegt, zappt er noch schnell das Internet leer, ich quengele, wir kommen fast zu spät. (Dass es ja eigentlich sein Termin ist, muss ich auch noch lernen.)
Hinaus in die Regenwelt, brrr, unvorstellbar, dass wir vor vier Tagen noch durch goldene Herbstwälder wanderten, schnell ins Auto und weg.

Seminarorte liegen gern in abgeschiedenen Gegenden, da bot sich wohl unsere Ecke an. Jedenfalls: Eine so kurze Anfahrt hatten wir selten. Halb zehn sind wir da, andere Jugendliche und ihre Eltern auch. Bevor wir wieder fahren, gibt es einen Vortrag für uns, sehr informativ, spannend erzählt – und ich hatte mich schon wegen des dort abzusitzenden Vormittags gegrämt. War ja gar nicht schlimm:) Im Gegenteil, alles steht sehr plastisch vor uns. Morgen werden wir erfahren, wie es dem Sohn dort erging, und was sich letztlich ergibt. (Ich weiß noch nicht mal, welches Ergebnis mir lieber wäre.)

Mittags sind wir wieder zu Hause, die Tochter ist inzwischen aufgestanden, hat alle Hausaufgaben für die nächste Woche gemacht, für die Mathearbeit gelernt, das halbe Zimmer aufgeräumt und 37 (von etwa 50) Kuscheltieren als weggebenswert aussortiert. Beim Mittagessen plaudert sie vor sich hin, dass es eigentlich ganz cool ist ohne Fernseher zu leben, und dass sie erst, seit sie mit dem Handy nicht mehr ins Internet kommt, merkt, wie langweilig das doch dort ist, und wieviel Zeit sie jetzt hat, und dass sie eigentlich ganz gern Mathe lernt. Aber auch den Roman möchte sie mit ihrer Freundin bald weiterschreiben. Von der E. könne man richtig schreiben lernen.
Huch? Man lässt das Kind ein paar Stunden allein und bekommt es um Jahre gereift zurück? Was ist hier los?

Mittagsruhezeit muss heute leider ausfallen, der Schulschreibtisch ist noch zu voll. Bis vier Uhr rödele ich vom Berg weg, was geht. Physik für die nächsten Wochen, Experimente und Schülervorträge planen. Mailen mit Kolleginnen wegen diesem und jenem, zwei Schülerinnen brauchen Vortragscoaching, ein paar Mails gehen hin und her, einer meiner Fünfer schreibt wegen des Wettbewerbs, die Elftklässlerin und eine Mutter auch. Die Steuergruppendokumente schaffe ich nicht zu lesen, aber lege sie wenigstens mal ordentlich als Datei ab. Die junge Kollegin fragt an ob, die Coklassenlehrerin wann, der Kollege sagt zu dass. Ganz schön was los an unseren Schulschreibtischen am Samstagmittag, denke ich so.

Um vier machen wir uns Kaffee und – nein, kreisch: wer hat das denn gekauft? – Stollengebäck. Ich kann das noch nicht essen. Na gut, doch, ein winziges Stück. Kaffee pur ist für unter der Woche.
Danach, es wird draußen dunkel, darf der Schreibtisch ruhen, ich möchte noch ein wenig aufräumen. Wobei „aufräumen“ zu einfach gesagt ist. Eine Hausentschlackung, initiiert von der Tochter und mir. Aufräumen ist nur ein Aspekt dabei. Viele Antriebe spielen mit hinein, vor allem wohl die Erfahrung meines spartanischen Lebens des Sommers, dass hier Zoix – materielles, terminliches, virtuelles, digitales – en masse blockiert, was frei im Raum sich bewegen möchte. Seit zwei Wochen also haben Tochter und ich uns das zum Thema gemacht: Entschlacken. Sie hat ihren Teil für heute schon erledigt, ich suche mir noch meine Ecke. Der Keller wird es, dort ist dankbarer Boden für raumöffnende Tätigkeit. Ich schaffe, bis der Magen in der Kniekehle hängt, gut tut das. Sichtbare Leere. Fühlbare Erschöpfung.

Ein gedeckter Abendessenstisch, es ist acht, wie gut, dass wir nicht auf die Uhr schauen müssen, weil morgen Schule ist. Die Tochter ist in Gesprächslaune. Sie würde ja dafür sein, dass alle Menschen gleich würdig leben dürfen. Sagt sie so vor sich hin, während sie Käse auf ihr Brot legt. Oh ja, ich auch. Und dann erzählt sie, was sie über Südafrika gelesen hat, und über den Trump, und was sie gut und was bescheuert findet. Ich kann ihr nur zustimmen.

Schlafenszeit für sie, ein paar Abendruhestunden für mich. Gerade überlege ich noch, ob ich eher nähen möchte (also: reparieren, so mit Nadel und Faden, ein T-Shirt, eine Tasche, eine Mütze warten) oder endlich die Radreisebilder sortieren, oder einfach nur lesen? Als die Freundin anruft, die längste, beste. Der Abend wird Gespräch, und was für eines.

Ein guter Tag, an dem ich nicht in Minuten, nur in ganzen Stunden, und auch nur so ungefähr über meine Zeitverbringdinge Bescheid weiß. Es hat keine Uhr im Hintergrund getickt, und der Erlebensraum war reich. Was will ich mehr.

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

Lesenswelt

Mich in die Phantasie meines eigenen Südens hineinwärmen,
den Schauer einer in all mein Sein hineingreifenden Gesundheitsdiktatur auf dem Rücken spüren,
mich über die skurrilen Abenteuer eines Deutschen im postsowjetischen Sankt Petersburg – erinnernd und wiedererkennend – ausschütten,
in der Depression der Zwischenkriegswiener Vorstädte oder auch des New Yorks der 60er Jahre mitverzweifeln,
in den großen Bögen von Menschen- und Menschheitskrankheiten das eigene Oben und Unten suchen,
angestoßen werden, gedanklich, warum die Kinder gerade auf diesen und jenen Pfaden unterwegs sind, und ich auf anderen, und die Eltern wiederum auf jenen, und überhaupt alle Menschen in ihren jeweils verschiedenen Phasen,
einen milden Blick auf die eigene Erschöpfung bekommen, wenn ich lesend die klare Botschaft beginne zu begreifen …

Lesend, gelesen, all das, von all diesem. Und noch viel mehr.
Eine ganze Welt, hier, unter der Decke auf meinem Lesesofa.
Während sich vor dem Fenster der erste Reif niedergesetzt hat.

 

Fragen ans Ich

„Die Menschen sind geradezu süchtig nach dem, was ihnen nicht guttut. Sie glauben offenbar, es wäre blamabel, gemäß ihren tatsächlichen Talenten zu leben. Dieses sich zum eigenen Vorteil nicht bescheiden können und an den Angebereien und G’schaftelhubereien teilhaben zu wollen, ist eine Geisteskrankheit. Von den daraus abgeleiteten Überforderungen werden sie dann herumgeschubst und geraten ins Trudeln. Es ist wie bei denen, die nicht die geringste Begabung fürs Reiten haben, und eines Tages lesen sie irgendwo den Spruch ˋDas Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferdeˋ, den gewiss ein Sattelerzeuger als Reklame erfunden hat, und jetzt wollen sie unbedingt auf ein Ross hinauf. Sie tun es. Dann passiert, dass sie abgeworfen werden, und während sie mit ihrem Zuckergoscherl im Gatsch liegen und ihnen alles weh tut, flüstert ihnen der innere Hausteufel: ˋDu musst zurück in den Sattel, denn dort wirst du ja das Glück erfahren.ˋ Sie tunˋs wieder und, bumsti, liegen sie wieder auf der Erdˋ und so weiter ad infinitum, bis sie halt endgültig zerschmettert sind.“

„Diejenigen, die sich für nützlich halten, sind oft eine Pest für die Menschheit und machen das Einfache mit Leidenschaft kompliziert. Die Taugenichtse, zu denen auch ich mich, mit Stolz, zähle, hinterlassen keine Kriege und andere Tragödien, sie spazieren im Dasein herum und können genießen, was es gerade im Angebot gibt. Sie kennen den Wert des vermeintlich Wertlosen und sehen das Talmihafte der Kronjuwelen der Weltenlenker, oder so ähnlich, oder was weiß ich.“

Julian übte gerne, seine ganze Aufmerksamkeit in einzelne Schritte zu legen. Dann spürte er den Druck, den die Begegnung seiner Schuhsohlen mit dem Granit der Pflasterung hervorrief, ebenso das Anspannen und Entspannen seiner Waden und Oberschenkelmuskeln, das Abfedern, das die Ferse leistete, oder die makellosen Bewegungen seiner Kniegelenke. Ein andermal nahm er bewusst die Gerüche wahr […] So lernte er bald, dass alle Stunden aus derart vielen, für gewöhnlich überhörten, übersehenen, überrochenen, überfühlten Nuancen und Vorkommnissen bestanden, dass man sich fragte, an wen all dies Getümmel eigentlich adressiert war. Gab es für jedes Signal, das ausgesandt wurde, einen Empfänger? Dienten sie als Orientierungshilfe für Luftgeister oder Dybbuks? Waren etwa die Millionen von Geräuschen Grundlage und Impulsgeber für bestimmte unerforschte Abläufe bei Fauna und Flora? Es gab eine Welt hinter der Welt, dessen war er sich sicher. Aber wo befanden sich die Durchschlüpfe in diese Dimension, und welche Techniken musste man beherrschen, um dort Fuß zu fassen? […] Was er als besonders bemerkte, entsprach allerdings für die meisten seiner Leser dem reichlich Unauffälligen und Leisen, das häufig überhaupt erst durch seine Beschreibungen in ihre Wirklichkeit trat. In einer Gesellschaft des groben Rasters und der Vereinfachungen war er ein altmodischer Parteigänger der Zwischentöne und Verästelungen.

Der vollkommene Süden. Er wusste nicht genau, was die Eigenschaften dieses Gebiets waren, aber deren Wirkungen glaubte er zu ahnen: allen voran jene bedeutende innere Ruhe, die Antworten von Klarheit auf wichtige Fragen zuließ. Ganz bei sich selbst würde man dann sein, keiner und keinem die Macht gebend, einen zu verletzen. Imstand, den eigenen Wert zu erkennen und zu achten und endlich Vertrauen zu stiften zwischen Körper, Geist und Seele. Versöhnt mit sich selbst, Augenblick um Augenblick die Herausforderung annehmend, die eigenen Möglichkeiten bis zum Äußersten zu leben.

Ein Potpourri, das mich aufhorchen lässt. Gefunden in André Hellers „Das Buch vom Süden“.

Es sind ja immer wieder diese Fragen, an mein Ich, an seine Entscheidungen, die kleinen alltäglichen, und die großen weiterreichenden:

In welche Sattel klettere ich, obwohl sie mir nicht passen? Wo erliege ich dem groben Raster, den Vereinfachungen, wo sitze ich dem Talmihaften auf und lasse mich blenden? An welche „Nützlichkeiten“ verschwende ich meine Zeit und Kraft?

Und:

Durch welche Augen muss ich blicken, damit mir die Welt hinter der Welt sichtbar wird, mehr und mehr? Wie öffne ich mich für das „vermeintlich Wertlose“, für all die „Zwischentöne und Verästelungen“? Was bedeutet das für mich: im Dasein herumzuspazieren?
Und wo finde ich meinen eigenen Süden? Er muss ja nicht vollkommen sein …

Fragen, die ich jetzt einfach so stehenlasse. Die weitergetragen werden wollen und weitertragen.

Herbstfarbenhügel

Lange war ich nicht auf meinen eigenen Füßen unterwegs. Jedenfalls nicht eine so weite Strecke, nicht so lange, nicht mit so viel Ruhe. Eher wähle ich ja das Fahrrad, um mich ins Unterwegssein zu begeben, selbst die Kinder haben diesen Impuls schon verinnerlicht, können wir nicht eine Radtour machen? Nein, diesmal nicht, ich wollte mal wieder laufen, oder wandern, wie immer man es nennt, wünschte es mir sehnlichst. Und die Kinder mussten mit, manchmal haben Kinder eben keine Wahl:)

Es war großartig, es war mehr als das, es war wie ein Bad im ureigenen Element. Ein paar raschelnde Goldblätter unter den Füßen drängen alles Gedankenknirschen mit einem Schlag in die Unbedeutsamkeitsecke. Weg und Blick über die hügelige Welt mit ihrem Auf und Ab legen eine So-ist-das-Leben-Metapher nahe und machen sie mit jedem Schritt, mag er auch seufzend und keuchend sein, überflüssiger. Das schräg durch die kahlen Bäume strömende Licht schiebt sich auch in dunklere Gemütsecken und zeigt einfach: Da bin ich. Da bist Du ja, sage ich.

Zwar murrt der Sohn gelegentlich, dass es ihm zu langsam sei, und warum wir denn an jeder Ecke stehen blieben, schließlich wolle er nicht erst im Dunkeln heimkehren, er müsse heute noch so viel machen. Für ihn ist also das Ziel das Ziel, naja, er ist fünfzehn und folglich in den Fußstapfen der Ungeduld unterwegs, mit fünfzehn waren Waldwanderungen auch nicht mein Lieblingszeitvertreib, ich gestehe es. Auf dem Rückweg lassen wir ihn vorausgehen, er möchte schneller zu Hause sein. Ich sorge mich nur, er so allein den weiten Weg durch den Wald. „Mama, ich bin fünfzehn! FÜNF!ZEHN! Fünf sechstel auf dem Weg zur Volljährigkeit hab ich überlebt, da werd ich wohl diesen Waldweg schaffen …
Wo er Recht hat. Loslassen ist schwer. Sie werden so schnell groß.

Die Tochter dagegen genießt den Weg sichtlich, bei aller Erschöpfung zum Ende hin. Sie singt, vor allem auf den letzten Kilometern, unterbrochen von kurzen Ich-kann-nicht-mehr-Rufen. Doch dann singt sie wieder, Lieder vom Glücklichsein, Lebensfreude pur, sich verschenkend an die ganze Welt. Es steckt an. Meine Füße tun schon gar nicht mehr weh.

Auch wenn sich das alles kaum in Bildern wiedergeben lässt, habe ich ein paar mitgebracht.

 

Von uns

1-wir

 

2-wir

 

3-wir

 

auf dem farbigen Weg

4-weg

 

5-weg

 

6-weg

 

mit durchscheinendem Licht

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8-licht

 

9-licht

 

und immer einem Stück Himmel zwischen all dem Goldgelb.

10-himmel

 

11-himmel

 

12-himmel

 

Kaum zu glauben, wie sich der blaue Himmel in der Ferne in Nebel verwandelt

13-himmelnebel

 

14-himmelnebel

 

15-himmelnebel

 

und wie Nebel mit leuchtenden Farben in friedlicher Nachbarschaft leben kann.

16-nebel

 

17-nebel

 

18-nebel

 

Die kleinen Dinge am Wegesrand

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21-kleinedinge

 

und die nicht ganz so kleinen (mit Gruß: extra für Herrn Irgendlink:))

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23-hochsitz

 

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hinterlassen – wie jedes Unterwegssein – Spuren,

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machen innerlich weit

27-weite

 

29-weite

 

und verwandeln alles in warme leuchtende Farben. Sattsehen kann ich mich nicht.

30-farben

 

31-farben

 

32-farben

 

(Deswegen: Der Wanderrucksack blieb gepackt und steht jetzt hier an der Tür. Die Ferien haben ja noch ein paar Tage.)

 

im Oktober

war es warm und fast noch sommerlich, so wie in den letzten Jahren öfter um diese Zeit
*
kam das Schulleben so richtig in Fahrt, so wie immer in diesem ersten Schuljahresabschnitt;
sind die neuen Klassen fürs Erste kennengelernt (inklusive aller Beglückungen und Schwierigkeiten, die solch ein Bezehungsaufbau mit sich bringt);
haben uns vor allem die neuen Kleinen anhaltend auf Trab gehalten, da liegt noch viel Arbeit vor uns, auch mit den Eltern, welche sich mehr als wir sorgend und fast schon panikmachend zeigen;
sind wir mit dem ganzen Kollegium zu einem fruchtbaren Pädagogischen Wochenende gefahren, was mir mal wieder gezeigt hat, wie dankbar ich mich an dieser Schule fühlen darf;
haben wir in der Steuergruppe getagt – u.a. wegen dieses Wochenendes -, in Konferenzen gesessen und sehr viele kleine Teamtreffen sitzend, stehend oder mailend absolviert
*
habe ich ausnahmsweise mal auf der Mutterseite Elternabende besucht;
gab es nur wenige besondere Ereignisse im Leben der Kinder, aber dafür sehr viele Gespräche – über Schul- und Lebensdinge, über Freunde und Freundinnen, über Dinge, von denen Eltern „einfach keine Ahnung“ haben – hach, es ist so toll, große Kinder zu haben;
ja, das wurde mir mal wieder bewusst, wie groß sie geworden sind, rein körperlich schon: beim allfälligen Klamotten- und Schuhkauf nämlich, beim Sohn wird das immer komplizierter (zu groß für Kinder-, zu schmal für Männergrößen …)
*
bin ich mit der Tochter am warmen langen Feiertagswochenende auf kleiner Radtour nach Strasbourg gewesen, sogar im Zelt, mit allen Freuden, die das Reisen in drei kurzen Tagen mit sich bringen kann;
habe ich versucht, in einen mit mir selbst verträglichen Alltagsrhythmus zu finden, was sich mehr und mehr als schwierig herausstellt – es sind wohl einfach zu viele Aufgaben, zu viel regelmäßig Anstehendes, als dass es gut machbar bleibt: hier steht Veränderung an, im Äußeren und im Innern;
habe ich daher mehr als sonst auf die Herbstferien hingehibbelt, einfach nur um dringende Dinge von allen möglichen Stapeln abzuarbeiten, ohne permanent die Uhr im Nacken zu spüren;
sind wir einen lang schon vor uns her geschobenen Möbelkauf angegangen: die Kinder durften von ihren Minikinderschreibtischstühlen auf richtig große aufsteigen, und ich habe mir ein Bett ausgesucht und bestellt, nachdem das derzeitige nicht nur klappert und wackelt, sondern mich mehr und mehr durch widerborstig aus der Matratze herauspiekende Federn zu wecken versucht (nicht witzig, das:));
bin ich schließlich – im Moment, wo ich dies schreibe – in der Mitte der Ferien und wohl dem Punkt größter Ruhe angekommen

sichtgewandelt

Man könne das Leben nicht durch gleichförmig ablaufende Zeiteinheiten ausmessen, weil es nicht aus einem Gleichtakt von „so und so vielen Tagen, Wochen, Jahren“ bestehe, so las ich neulich. Diese Täuschung versuche dem „Ernst der Einmaligkeit auszuweichen.“
Wir schieben die mechanische Gleichförmigkeit der abstrakten Stunden oder Tage vor. In Wahrheit sind jede Stunde, jeder Tag, jedes Jahr lebendige Phasen unseres konkreten Daseins, deren jede nur einmal kommt, da sie eine unvertauschbare Stelle in dessen Ganzem bildet.
Darin, daß jede neu ist, noch nicht da war, einzig ist und für immer vergeht, liegt ja auch die Spannung des Daseins; der innerste Anreiz, es zu leben. Sobald er nicht mehr empfunden wird, entsteht ein Gefühl der Monotonie, das sich bis zur Verzweiflung steigern kann. Ebendaraus wächst aber auch die Schwere der Tatsache, daß nichts Vergangenes einzuholen ist, und damit die Not des Verloren-Habens.
(Aus: Romano Guardini „Die Lebensalter“)

Mich springen diese Worte an. War das doch lange Zeit – bis jetzt sogar? – auch meine Täuschung. Das Ganze des Lebens schien mir unendlich, jeder Lebensmoment wiederholbar zu sein. Nicht in einem naiven Sinne, wie ein Kind etwa noch kaum daran denkt, dass es einst sterben wird, aber eben doch. Mich täuschte es darin, dass ein jeder Lebenspunkt, ein jeder Lebensbogen jederzeit wieder aufzugreifen, fortzusetzen, in ein Neues zu verwandeln wäre.
Eine Illusion in zweierlei Hinsicht lebte (und lebe?) ich damit: Das schon Gewesene scheint unendlich fortsetzbar zu sein. Und das noch nicht Gewesene scheint immer nur mit diesem bereits Gewesenen zu tun zu haben.

Und nun – merke ich auf. Wie wäre es denn, wenn ich einen jeden Lebenspunkt als ein Neues lebte, als einen einzigartigen Moment mit einzigartigem Charakter? Wenn mir Wiederholungen, der äußeren Abläufe etwa, nicht als Wiederholungen erschienen, weil sie dies letztlich nicht sind? Schaut man nämlich über die äußere Form in ihrer Ähnlichkeit zu schon Gewesenem und noch Werdendem hinaus, wird in jeder Wiederholung etwas Eigenes, Unvertauschbares sichtbar. Was öffnete sich mir, wenn ich den routinegefüllten, sich hohl anfühlenden Tagen ihre jeweilige Einzigartigkeit abzugewinnen vermöchte? Und den besonderen, spektakulären Momenten ebenfalls? Auch diese sind ja nicht unendlich wiederholbar, möglicherweise gar nie wiederkehrend. Wie wäre es, die Einzigartigkeit eines jeden Lebensmomentes beim Wort zu nehmen?
Dann wäre ein jedes Das-mache-ich-beim-nächsten-Mal oder Hier-fahren-wir-wieder-her oder Der-Tag-kann-weg oder Wenn-nur-die-Woche-erst-vorbei-ist Täuschung, wäre fortgesetztes Verkennen der Einzigartigkeit.
Kann ich ohne diese irreführenden Sätze leben? Kann ich nicht nur vermeiden, sie auszusprechen, sondern kann ich sie selbst im Unbewussten löschen?

Es ist ja auch so: Wenn mich zuweilen Wehmut über Vergangenes überfällt, weil es mir als Verlorenes daherkommt, dann vielleicht, weil ich diese Momente damals nicht als Unvertauschbare, sondern als stets und beliebig oft zu Wiederholende gelebt habe. Irrtümlich. Ich war jung.

Einzigartigkeit löscht Momente sozusagen aus. Im Augenblick ihres Vergehens werden sie zu Gewesenem. Zu einem Es-war. Es-wird-nicht-mehr-sein. Ein Satz, gegen den man sich häufig wehrt. Andererseits – und das wurde mir noch nie so klar – eröffnet erst das Vergehen Raum für Neues. Ja, zu begreifen, dass ein jeder Lebenspunkt mir etwas vom bisher Ungelebten bringt, vom noch nie Ge- und Erlebten, bedeutet Öffnung. Die von mir schon erfahrenen Dimensionen münden stets in einen geweiteten und immer noch zu weitenden Raum.

Sagte ich vor einigen Jahren zu mir selbst, dass ich nicht hadern würde, träfe mich von heute auf morgen das Wissen um mein Baldsterbenmüssen, denn ich hätte ja alles gehabt, was das Leben schenken kann, so beginne ich nun wieder zu fürchten, dass es alsbald zu Ende sein könnte, dieses wunderbare Leben. Die tiefe Dankbarkeit für alles was war, ist weiterhin und unauslöschlich in mir. Ich bin mir nach wie vor bewusst, wie viel Reichtum sich mir im Laufe meines Lebens geschenkt hat. Insofern bin ich bereit.
Und doch ist ein Stachel gewachsen. Dass das nicht alles gewesen sein darf. Dass es nicht gerade jetzt enden solle, wo so vieles, was zu mir gehört, von mir noch nicht gelebt wurde.

Mit neuem Fokus aber, scheint meine Sehnsucht nach einem Mehr zu sein. Ich möchte nicht einfach weitergehen, weiter Schätze ansammeln, weiter beschenkt werden. Eher entspräche mein Weiter einer Umkehr, wenn ich es räumlich fassen wollte. (Umkehr und Umkehrung. Enthält Öffnung und Weitung immer auch Umkehrung? Weil das umfassendste Öffnen zu jedem Ding sein Gegending enthält?)
Bisher habe ich vor allem empfangen und genommen, was das Leben schenkte. Die Kinder, die insbesondere. Diesen beglückenden Beruf. Die Geborgenheit im Leben. So vieles. Zurückgegeben jedoch, so fühlt es sich an, habe ich noch nicht viel. Darum wäre ich arm, fühlte es sich arm an, wenn ich jetzt schon ginge. Weil die Zeit des Weitergebens, des Durchmichströmenlassens ja gerade erst beginnt.

Mich erahnt, dass sich hierbei neue Räume öffnen werden. Mein Alltagswirken, natürlich, das wird bleiben. In diesem lebe ich wie bisher Verantwortung, mit allem, was dieser Begriff umfasst. (Dass mir dies nicht in allen Belangen gelingt, so wie ich gern möchte, das ist Teil des Weges. Ich lerne dies zu akzeptieren.). Auch hier schon ist Empfangen und Weitergeben in einer Dichte verflochten, dass es zuweilen kaum zu trennen ist.
Aber mir scheint mehr und mehr, dies sei nur der erste Schritt. Ich kann noch nicht fassen, in Worte schon gar nicht, was da beginnen will. Es hat mit Loslösen aus Seilen zu tun, mit Träumen, mit Fliegen, mit Befreiung, aus der Innensicht betrachtet. Mit weit umfassenderer Verantwortung als bisher, für das mich Umgebende, aus der Außensicht benannt. Und mit einem neuen Blick auf das, was im Außen – so sind diese Zeiten – immer schwärzer zu werden droht. Mit einer hoffnungsvolleren Sicht auf das Ganze.

Ach, ich kann nicht erklären, was genau mich da anweht, worin genau das neu Empfundene besteht. Sichtbar wird es mir selbst an scheinbar marginalen Dingen wie dem Weggehen von meinem zweiten Dienstort, an dem ich vor Kruste kaum mehr atmen kann, an meiner größeren Sorgfalt im Umgang mit mir selbst, mit meinen Kräften und meiner Gesundheit, an meinem langen Reisen, auf dem ich Ähnliches suche wie am Klavier, mit den farbigen Stiften und mit meiner Schreibhand. Nicht einen Zustand des Mit-mir-und-in-mir-Seins nämlich, sondern … ja, doch, diesen Zustand suche ich auch. Aber mit deutlich vernehmbarem Mitschwingen eines Um-zu’s. Um zu … ja, was?
Ich stochere im Nebel. Noch. Vielleicht so: Um Wege zu finden, und Gefährten auch, die in Heilung hineinführen. Für die Welt möchte ich sagen. Das klingt zu groß, ich zucke zurück. Also gut, für das mich Umgebende, zunächst. Dies versperrt sich dem Geschrieben- und Gewünschtwerden nicht sofort.
Heilung also. Wollen doch Kopf und Vernunft in diesen Zeiten resignieren, Anlass genug haben sie. Darum sind Kopf und Vernunft nicht ausreichend. Es kann nur im Herzen beginnen, und in den Träumen. In unbenennbaren Sphären wird sie möglich: die Hoffnung auf Frieden.

Wie war ich an diesen Punkt gekommen? Erstaunlich, wohin sich dieser Text seinen Bogen geschlagen hat, fast könnte man es einen Haken nennen. Von meinen eigenen Lebenspunkten in ihrer Unwiederholbarkeit über meine Verortung in dem mich Umgebenden zu den Lebensmomenten der Welt als Ganzes. Viel zu groß, diese Wortgruppe.
Ich wollte ja nur anmerken, dass die Einzigartigkeit von Allem stets Neues gebiert. Und dass wir das Neue träumen dürfen …

 

PS.
Der Text lag lange im Entwürfe-Ordner. Ihm fehlte ein Ende. Beziehungsweise der Mut zu einem Ende. Erst als ich das Wort Träumen fand, in diesem Text nämlich und in diesem, und den Mut dazu es einzusetzen, wagte ich, ihn als fertig zu sehen. Als vorläufig fertig. Und so steht er jetzt hier. (Danke.)

 

Sonntagsbilder

Sonntage beginnen an Samstagabenden. Mit dem vergewissernden Blick auf den Wecker nämlich, ob dieser auch ja nicht morgen früh losklingeln wird.

Schnitt

Fast Acht, als ich erwache. Sehr spät für meine Verhältnisse. Die Kaffeemaschine war nicht eingeschaltet. Ich brühe Kaffee per Hand und lege mich wieder hin. Der Körper hat beim Infekt der Kinder zugegriffen. Um mich in eine Langsamkeit zu bringen? Ich schlafe wieder ein, noch bevor die Tasse halbleer ist.

Schnitt

Die Tochter weckt mich. Schade, Hals, Kopf und Nase verhielten sich während des Schlafes ganz unauffällig. Jetzt ziepen sie wieder. Die Tochter hört dies meiner Stimme an und singt mir Heile heile Segen. Und erzählt, dass bei diesem Lied das Kranksein weggeht, weil es der mitnimmt, der es singt. Upps, meint sie kurz. Dann gleich: Das mache aber nichts, sie könne sich selbst heilen.

Schnitt

Die Tochter weckt mich ein zweites Mal. Mit einem Teller Rührei in der Hand. Oh, wie lieb. Ich komme hoch zum Frühstück, sage ich. Ist ja schließlich Sonntag. Ohnehin muss ich in die Küche, mir einen Tee kochen. Mit dem tappse ich wieder ins Bett, nach dem Rührei natürlich erst.

Schnitt

Das Ebook fällt mir immer auf die Brust, weil ich mitten im Satz einschlafe. Es ist wohl nicht mal ein Tag zum Lesen.

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Der Sohn übt Klavier, ich höre es von unten. Beim Bach wird er jedes Mal schleichend schneller, sagt ihm das sein Lehrer denn nicht? Von mir nimmt er’s ja nicht. Und vor allem bei den hohen Tönen hört man, was lange kein Klavierstimmer mehr im Haus war.

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Darf man nach dem Ibu auch noch Aspirin nehmen? Oder soll man diesen Kopf und alles einfach aushalten?

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Die Tochter telefoniert. Eine Freundin komme später zu ihr. Mist, dann kann ich ja schlecht in meinem Schlafgewandaufzug durchs Haus schleichen.

Schnitt

Draußen scheint die Sonne. Terrassenwetter, noch ganz septembrig, wenn man’s am nahezu unverfärbten Grün misst. Wäre da nicht der Matschekopf, wäre ich ebenso draußen wie die Nachbarn. Nur nicht so laut, nein, so laut wäre ich nicht.

Schnitt

Jetzt doch Aspirin. Die linke Kopfhälfte platzt gleich. Naja, bliebe noch die rechte, denke ich mit dem Rest meines Denkvermögens. 

Schnitt

Ich glaube, dass ich gar nichts denke, als ich das nächste Mal aufwache. Darum ist es mir wohl langweilig, und ich schlafe alsbald wieder ein.

Schnitt

Ich höre die Mädchen durchs Haus toben. Wie spät ist es eigentlich? Spätnachmittag? Doch anziehen und mal hochgehen? Nur noch kurz bisschen schlafen.

Schnitt

Die Freundin ist wohl wieder weg. Die Kinder kommen abwechselnd zu mir und berichten, dass sie gerade die und die Hausaufgabe fertig haben. Machen die das extra? So tun als ob, weil ich ohnehin nicht schauen komme, oder was ist mit denen los?
Und ich müsste auch langsam anfangen. Ist noch lange nicht alles fertig für morgen. Aufraffen, Bett verlassen, mich in meiner Schultasche orientieren, mühselig.
(Sagt jetzt bitte nichts. Ich hatte auch kurz erwogen, morgen zu Hause zu bleiben. Es dann aber wieder verworfen. Weil es gerade einfach nicht geht. Klar, es müsste auch gehen im Falle von. „Im Falle von“ ist aber gerade nicht. Also.)

Schnitt

Fertig, mit allem. Jetzt nur nicht auf dem Sofa einschlafen. Fast wäre es passiert. Morgen einen vom Sofaschlaf verspannten Nacken zu haben, fehlte gerade noch … 

Wunschtagung

So oder so ähnlich wird das hier an der Akademie genannt, wenn eine ganze Schule sich auf den Weg macht: Kollegiums-Wunschtagung.
Wir sind hier, weil wir hier zu sein wünschen. Alle, all mein Kollegium. Weil wir an uns arbeiten wollen. Weil wir eine gemeinsame Vision haben. Dabei sind „wir“ natürlich nicht 100%, die 100%ig von allem überzeugt sind, das kann ja kaum sein. Aber eine große Mehrheit von uns ist es doch, dieses „wir“. Die anstößt, die weitergeht, die zündet, die mitzieht. Und zwar bei allem, was da aus uns heraus wächst.

Das merkte ich Ihrer Schule sofort an, als ich sie betrat„, sagt der Referent, der uns schon länger kennt, „dass es hier stimmt. Dass ich hier auch als Kind gern hätte sein wollen.
Na, das geht selbst einem erfahrenen Kollegium wie uns runter wie Öl, das hört man so direkt ja auch nicht jeden Tag. Wir hören es am Nachmittag noch häufiger. Von den anderen Fremdreferentinnen ebenfalls. In den Rollenspielen, während des Gedankenaustauschs, bei den Lachern in den Vortragsphasen: Die Atmosphäre ist stimmig. Wir sind ja hier auch auf unserer Wunschtagung.

Viele Impulse, Übungen, Gespräche, Rollenspiele treffen mitten hinein in meine derzeitige (berufliche) Befindlichkeit, in meine Suche nach dem Kern unserer Aufgabe und meine Rolle darin.

Von Resonanz ist die Rede. Dass wir unsere schulischen Beziehungen, ja, Beziehungen im Leben überhaupt, auch die zur Welt schlechthin, nur in Form von Resonanz gestalten können. Wir suchen danach, ineinander etwas auszulösen, ein Mitschwingen, ein Gleichzeitig-in-einen-Klang-kommen, ein Sich-gegenseitig-verstärken. Das wäre das Ideal von Beziehung, von Gesellschaft, von unserer innerschulischen Gemeinschaft, und von einer jeden Unterrichtsstunde. Spricht unser Chef in sehr eindrücklichen Worten.

Dass jeder Unterricht im Kern Kommunikation sei, fügt der Referent ein. Dass Kommunikation also nicht etwas sei, was wir jetzt auch noch – neben oder nach allem Unterricht – obendrauf tun müssten, nein. Sondern dass ein jeder Moment des Unterrichtens auf purer Kommunikation basiere. Dass Lernen nie außerhalb von Beziehungen geschehe. Je gesünder die Beziehungen, desto gelingender das Lernen. Das klingt so platt, wirkt aber – in der Illustration durch konkrete Situationen, die uns allen geläufig, nur nicht immer in ihrer Bedeutung präsent sind – einmal mehr augenöffnend. Dieses Wirkungsgeflecht kann man gar nicht oft genug anschauen und verinnerlichen.

Dass im Gegenzug misslingende Kommunikation, nicht wertschätzend gestaltete Beziehungen der Hauptauslöser von Burnout bei Lehrern sei. Das glaube ich sofort. Mir ist schon sehr bewusst, wie glücklich ich mich schätzen darf, unter einer solchen Schulleitung, in einem solchen Kollegium zu arbeiten. Freiwillig werde ich hier wohl auch nicht weggehen. Weiß ich schon lange.

Und dass missglückte Elterngespräche ihre Ursache immer darin haben, dass nicht beide Gesprächspartner mit gleichermaßen positiv-wertschätzender Sicht sowohl auf sich selbst als auch auf das Gegenüber schauen. Wenn sich einer klein fühlt etwa oder den anderen klein macht.
Wir üben uns in solch schwierigen Kommunikationssituationen, als Rollenspiel, ich hasse das eigentlich, aber mit meinen Kolleg*innen traue ich mich. Mir werden Muster sichtbar, in die ich mich begebe wenn. Aus denen ich hier im Rollenspiel ausbrechen kann, hier ist das so einfach. Beim nächsten Elterngespräch ist es vielleicht wieder weg, aber Bewusstmachung hilft. Und Übung, immer wieder.

Dass wir unseren Schülerinnen und Schülern noch viel viel mehr individuelle Rückmeldung geben müssen, darüber tauschen wir uns aus. Wir alle erleben täglich, wie die jungen Menschen danach dürsten. Wir überlegen, wie wir dies möglich machen können, trotz riesiger Klassen, trotz voller Stundenpläne. Im Kollegium gibt es schon so viele Ideen, das lässt sich hier in unseren Workshoprunden gut streuen.
Beim Abendessen spreche ich mit der Coklassenlehrerin, was wir nächste Woche in unserer Fünften beginnen. Und mit der Parallelkurskollegin überlegen wir noch vor dem Nachtisch eine oberstufenkompatible Variante.

Wow, ein kreativer Flow überall. Erst sechs Stunden hier. Schon so vieles im Gepäck für zu Hause. Und morgen ist noch ein Tag …

Es ist ja üblich geworden, dieses Lehrerbashing. In der Presse, in der „Volksmeinung“, am Stammtisch, bei Eltern, in Kommentarspalten der Zeitungen. Kaum ein Tag, an dem ich nichts über Deutschlands schlechte Lehrerinnen und Lehrer lese, über uns also, und über unsere sämtlichen und ständigen Überforderungen.
Darum wollte ich nur mal kurz ein Piep von unserer Wunschtagung senden: Es gibt auch gute Lehrerinnen und Lehrer. Die sich nicht permanent überfordert fühlen. Die ihre Arbeit mit Freude und Engagement ausüben. Die es dabei auch noch ziemlich gut machen. Und sich dennoch bewusst sind, dass es immer gilt, die Dinge weiterzuentwickeln. Im Rahmen der oft sehr einengenden Möglichkeiten. Unter den oft nicht sehr raumgebenden Bedingungen. Die sich immer bewusst sind, dass sie nur Menschen sind, dass ihnen Fehler passieren, dass sie nie jedem Kind gerecht werden können. Und es trotzdem versuchen. Immer mit einem wertschätzenden Blick auf die ihnen anvertrauten Kinder. Und mit ganz viel Herz.
Wir sind hier einige solche. Und ich weiß, es gibt an vielen vielen Schulen an vielen vielen Orten viele viele von uns.
Wollte ich nur mal sagen. Danke fürs Zuhören.

Und jetzt werden wir Rotwein trinken. Wer lange arbeitet, soll auch lange feiern:)

12 von 12 im Oktober

(Mal wieder ein 12 von 12 . Mal wieder später als alle anderen:))

 

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Noch ganz in einem unangenehmen Traum befangen, schweife ich mit den Augen durch’s Zimmer, auf der Suche nach Halt. Eine Schale gibt diesen, einer meiner Schalen, die mir, unabhängig von ihrem realen Inhalt – Sand, Steine, Natur, Räucherstäbe – je nach Bedürfnis verschiedenste Wunschdinge enthalten. Einfach nur für mich in meiner Vorstellung. Heute möchte ich in ihrem Inneren bitte Geborgenheit finden. Oder Wahrgenommenwerden. Oder beides. Ja, beides.

 

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Die frühe Morgenstunde liest sich schnell weg. Der Roman, in den ich gestern Abend zufällig und flüchtend vor meinen eigenen Tränen geraten bin, der mit mir nichts zu tun hat, den lasse ich heute liegen. Statt dessen sind da die „Lebensalter“, deren scheinbar antiquierte Sprache und Gedankenwelt für mich soviel Universelles enthält, in dem ich mich wiederfinde, oder besser noch, das mich auf neue Spuren schickt. Die Abschnitte über die Krisen zwischen den verschiedenen Lebensaltern, die sind es besonders. Heute, und häufiger schon.

 

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Ich schreibe ein paar Worte, etwas, was herausdrängt. Zwar würde ich jetzt lieber auf Papier schreiben, aber die Uhr sitzt im Nacken, die Kinder müssen geweckt, die Morgenroutine begonnen werden. Tippen, digitales Schreiben als Kompromiss. Nicht so befreiend wie händisches, aber eben doch: Schreiben.

 

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Der Schultag wird unglaublich voll, zwischen sechs Unterrichtsstunden drängeln sich unerwartet viele Kurzgespräche, wieder massive Schwierigkeiten mit unserer 5. Klasse, schnell zur Schulleitung, mal eben die weitere Strategie beraten. Und dann ist da noch der nicht deutsch sprechende Gastschüler, die physikvortragenden Jungs, die Klagen der Mädchen über die anderen Mädchen, die an einem Vortrag Interessierten, die sich vor der Klausur Ängstigenden, all das. Keine Sekunde, um ein Bild aufzunehmen. Dabei steht die Kamera neben mir. Erschreckend, in solcher Deutlichkeit vor Augen geführt zu bekommen: Ein Schulvormittag bedeutet 6,5 Stunden Dauerstrom, ohne eine Minute des Nachlassens, ohne einen Moment des Beimirseins. Das kann man doch so nicht schaffen?!
Jedenfalls: Dieses Kaffeebild entstammt dem Nachmittag, als ich mich auf dem Sofa langlege und kurz wegträume. Der Kaffee wird derweil kalt, macht nichts, er tut trotzdem gut.

 

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Weil zu Vieles am Schreibtisch ansteht, ist für einen Spazierweg keine Zeit. Ein paar Minuten im Garten nehme ich mir dennoch, um Herbstfarben, um die Muster des Älterwerdens zu betrachten.

 

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Und die kleinen Wunder des Aufblühens.

 

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Und die Kraft, die noch immer im Grün liegt. Da wäre viel Gelegenheit, ins Metaphorische abzugleiten …

 

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Doch wie gesagt, der Schulschreibtisch. Ich bin heute langsam, arbeite nur mühsam manches weg. Als mein Tempo dem einer Schnecke immer näher kommt, werfe ich zusammen, es reicht. Feierabend, es ist spät genug.

 

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Der Gang zum Briefkasten, jetzt erst, bringt große Freude: Eine Postkarte, eine echte Postkarte – wow!

 

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Dazu schenkt die Tochter mir ein Sandbild. Sie spürt wohl, dass ich Farben gerade dringend brauche.

 

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Letzte Tagestätigkeit: den Kaffee für morgen vorbereiten, die Zeitschaltuhr stellen. ich weiß, das Aroma verdunstet oder so ähnlich, aber es ist egal. Es ist gut so für mich:)

 

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Und eine letzte Leserunde auf dem Sofa. Um nicht schon wieder das gleiche Buch zu fotografieren:), schwenke ich zum Sofa und zur Decke, unter der meine Beine liegen. So genau habe ich die noch nie betrachtet. Und vor allem habe ich noch nie bemerkt, was für einen Berg meine Füße dort unten bilden:)

Ein guter Tag. Trotz allem.

Mehr 12-von-12’s gibt es hier zu sehen.

 

Herbstradeln

Langes Wochenende – kurze Zeltradtour. Mama- und Tochterrad warten, dass wir aus der Schule kommen …

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… um uns auf die Hügel hinauf zu führen. Anders als durch Bergaufarbeit, notfalls mit Pausen und Schieben, kommen wir von unserer Wohngegend kaum weg.

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So nah vom Zuhause sind wir noch, und doch bemerken wir, dass wir diese Ecken überhaupt nicht kennen, dass wir uns in den letzten Jahren so wenig in unserer nächsten Umgebung umgeschaut haben …

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… dass gerade das Nahe wie oft so fremd ist.

Und dass es Herbst wird, das bemerken wir auch. Drum sind die Radtaschen voller warmer, regendichter Sachen.

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Der erste Zeltplatz, wir erreichen ihn kurz vor’m Dunkelwerden, ist von sturen Reglementierungen unsinnigster Art geflutet, wir dürfen nur in einem sehr unkuscheligen Eck stehen, aber lachen das weg. Zumal wir den Abend in der Kneipe am See und den Morgen – wegen Regen – ausschließlich im Zeltinnern verbringen.

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Ja, das Zelt ist groß genug, um darin zu frühstücken, die Tochter deckt einen liebevollen „Handtuchtisch“, und wir frühstücken sozusagen gegen den Regen an.

Die Kastanien am Wegesrand hatten kein Zelt zum Trockenbleiben:)

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Und übrigens: Ganz gleich wie alt Du bist, Kastanien bleiben Kastanien, und die Vorder- und Seitentaschen sind viel zu schnell voll, so viele müssen wir liegenlassen:(

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Es ist Herbst, es ist bunt, meine Lieblingsjahreszeit beginnt …

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… ich könnte ewig in diesen Parks und Wäldern bleiben, würde ihnen gern zusehen, wie sie sich immer mehr einfärben …

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… wie die Bäume ihre Blätter abwerfen, wie ihre karge Gestalt dabei umso markanter hervortritt …

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Wir haben ein paar halbsonnige Fahrstunden, bis der Regen gewinnt und uns – nun ja – ausbremst …

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… in dem Sinne jedenfalls, dass wir heute nun doch nicht mehr bis an den Rhein fahren, sondern bei nächster Gelegenheit unser Zelt aufbauen.

In der Nacht wird plötzlich der Sternenhimmel sichtbar – hach: so kann ich nicht lesen:) – und am Morgen weckt uns blauer Kleinweißwölkchenhimmel.

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Die Rheindeiche lassen sich vom Wind durchpusten …

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… und wir mit ihnen, wobei wieder einmal das faszinierende Phänomen auftritt, dass der Wind einem immer entgegenkommt, wie man auch längs des Flusses mäandert.

Wenigstens werden wir beim Picknick am breiten, behäbigen Wasser nicht wie unsere Brottüte weggeweht …

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… und ja, die Anblicke lenken vom steten Gegenwindfahren ab, lassen vergessen, dass die Beine allmählich wehtun.

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Ab und zu verlassen wir den Damm am Fluss, in der Hoffnung, auf der unteren oder auf der weiter im Innern gelegenen Straße könnten wir ein paar leichtere Kilometer fahren – nein. Es windet überall …

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… und oben am Fluss ist es doch am schönsten.

Die Tochter zieht es nach Strasbourg, sie hält tapfere 70 Gegenwindkilometer durch …

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… und vermag dabei noch zu singen sowie ihre Augen für das Ringsum offenzuhalten. Vielleicht hätte ich diesen Flussstein ohne sie gar nicht entdeckt? Es ist ein Myriameterstein (eine Einheit, die ich noch nie gehört hatte), das erklärt die seltsamen Entfernungswerte.

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Wir schaffen es bis nach Kehl, bauen kurz vor dem Abendregen unser Zelt auf, und bedauern, dass wir morgen schon wieder nach Hause müssen.

Zunächst aber noch ein warmes Sonnenfrühstück am Fluss, gegenüber liegt Frankreich, dessen Ufer, wie die Tochter erstaunt befindet, auch nicht anders aussehen als die hiesigen.

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Also schauen wir uns das mal aus der Nähe an, über die Fußgängerbrücke …

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… da in der Flussmitte muss die Grenze sein …

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… sind wir gleich in Strasbourg, ein im Grunde gut durchdachtes Radwegenetz ist nur leider von Großbaustellen durchlöchert, so dass ich bereits, als wir das Zentrum noch gar nicht erreicht haben, diejenigen Radler beneide, welche die Stadt schon wieder verlassen:)

Nuja, irgendwann sind wir in der Stadtmitte, zusammen mit Scharen anderer vorwiegend deutscher Touristen. Feiertagsauslands-Hopping und -Shopping.

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Es ist mir zu voll; der 3. Oktober war sicher nicht der günstigste Termin für einen Besuch in dieser grenznahen Stadt …

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… aber wir können ja wiederkommen, weit ist es nicht von uns. Mit dem Auto legen wir unsere Dreitagesfahrt in 2 Stunden zurück, ernüchternd irgendwie, dieses allzu schnelle Zurückkatapultiertwerden in den Alltag. Morgen ist Schule, lange Wochenenden sind irgendwie immer zu kurz.

im September

ein Monat zwischen einer großen und einer kleinen Radreise: die ersten 11 Tage gehören zum langen Sommer-#3wegsam, der Nachmittag des letzten Septembertages zu einer Kurzradtour mit der Tochter nach Strasbourg;
ein guter Monat also, der sich zwischen solchen Pfeilern aufspannen darf, und der zudem fast sommrig daherkommt, mit Hitze, dass es hinter den Glasfenstern der Schule schon zu viel ist, und mit Sonne, die wärmt und erhellt und freut und all das
*
dazwischen ein Schuljahresstart, der mich in einiger Hinsicht selbst überrascht;
wie ich etwa mein langsames Reisetempo in den abrupten Hamsterradstart übernehme und erstmals seit … Berufsbeginn? … mich nicht gehetzt fühle, keine Kopfschmerzen in der ersten Schulwoche habe;
dass ich es an vielen Tagen schaffe, meine Vorbereitungen am Nachmittag fertigzustellen, oder wenigstens abends nicht länger als bis zehn am Schreibtisch zu sitzen, einfach dadurch, dass ich Arbeit für den nächsten Tag liegen lasse;
weil ich mehr als früher ein Schritt-für-Schritt schaffe, weniger parallel bearbeite, insgesamt ruhiger vor mich hin werkele
*
dabei ist es viel in diesem Schulstartmonat, wie immer:
das Kennenlernen von 120 neuen Gesichtern (und die Erkenntnis, dass mir Namenlernen jedes Jahr schwerer fällt);
ein rasanter Start mit unserer neuen 5. Klasse, die sich als unerwartet verhaltensoriginell erweist, wie man es freundlich formulieren könnte, die uns – auch nach mehreren Wochen noch – vor große Rätsel und etliche Probleme stellt;
ein holpriger Start mit dem neuen Mathekurs, der zum Monatsende aber schon die Aussicht auf glattere Wege öffnet;
erste Elterngespräche und Klassenkonferenzen;
Fachkonferenzen und Gesamtkonferenz, eine Tagung, etliche kollegiale Kooperationstreffen – für einen Monat mehr als genug
*
gleichzeitig starten die Kinder ihr neues Schuljahr, als Sechstklässlerin und als Neuntklässler: ihre Freuden- und Unmutsäußerungen über die Lehrerzuteilung, über die ersten Schultage, über neue Rituale, über Empörendes auch, sind häufiger als sonst Thema am Abendessenstisch;
Musikunterricht und Sport beginnen wieder, alles wie gehabt;
für den nunmehr 15jährigen konkretisieren sich unsere Überlegungen, ob er das nächste Schuljahr im Ausland verbringt, allerdings ist bisher noch offen, ob das, was er wünscht, überhaupt funktionieren kann;
die gerade noch so kleine Tochter beginnt mit Farbe auf Nägeln und im Gesicht zu experimentieren – huch, sie werden so schnell groß:)
*
zum Monatsende spüre ich erste Erschöpfung, die natürlich schwer willkommen zu heißen ist, aber wohl eine wichtige Botschaft mit sich bringt: merke ich doch, dass ich in dem eingeschlagenen langsameren Tempo, das mir angemessen ist und gut tut, einfach nicht alle Dinge bewältigen kann, die mein Alltag so vor mir ausbreitet;
schwierig mir dies einzugestehen, da ich es ja jahrelang dennoch bewerkstelligte – und doch sollte ich wohl ernstnehmen, was mir im erschöpften Grauschleier der letzten Monatstage entgegenkommt:
so wie in den letzten Jahren kann und will und werde ich nicht weiteragieren;
nur: das Gefüge meiner Alltagsdinge ist durch so viele Hebel, Stangen, Zahnräder und Riemen miteinander verknüpft, dass es eine sehr langfristige Aufgabe wird herauszufinden, an welchen Stellen zu schrauben sein wird, damit nicht alles auseinanderfällt und sich dennoch ändert, was mir im Moment die Luft nimmt

Pausiertes

Wie ungewohnt das für mich ist: am Abend nicht an den Schreibtisch gehen. Mein Alltagsleben spielt sich seit nunmehr Jahrzehnten permanent rund um dieses hölzerne Rechteck auf vier Beinen ab, es gibt kaum Tage und Tageszeiten – Ferien und Urlaube ausgenommen – in denen ich nicht um diesen Ort kreise, und sei es auch nur in Gedanken mit Ich-müsste-, Ich-könnte- oder Ich-will-Färbung.
Immer mal wieder wurde und wird mir das bewusst, immer häufiger irritiert es mich. Denn selbst neben einem Traumberuf – das ist er zweifellos und bislang fast ohne Einschränkungen – wollen andere Orte gelebt werden, Sehnsuchtsorte zumal, wollen Zeiten mit Anderem gefüllt werden. Oder einfach nur leer bleiben. Und zwar bewusst und gewählt, und nicht aus reiner Eschöpfung. Und so übe ich daran, mir solche Zeiten zu schaffen, genauer zu spüren, wann und wie intensiv ich sie brauche – und möchte – und im Alltag ausgewogener unterwegs zu sein.

Gestern dann, zum Beispiel. Ein ewig langer Schultag, neun Stunden im Schulhaus, sechs bis sieben davon vor der Klasse, ein Elterngespräch, etliche Absprachen, viel Organisatorisches und kaum Mittagspause. Und doch immer noch lange nicht alle Schuljahresstartdinge erledigt.
Ich fahre müde nach Hause, radle an solchen Tagen langsam und tief atmend meine wenigen Kilometer, und wälze im Kopf schon wieder den Abend. Nach dem Essen, wenn die Kinder eh in ihre Zimmer verschwinden, könnte ich die längst fälligen Listen abtippen, die Stoffverteilung anpassen und versenden, der F. wartet ja schon, die Notentabellen auf die neue Skala formatieren, lauter so Sachen, zu denen auch ein müder Kopf noch in der Lage ist. Automatisch springen mir diese Punkte meiner To-do-Liste in den Blick, zumal ich für morgen keinen Unterricht mehr vorzubereiten habe.
Doch dann bin ich zu Hause. Niemand da, alle im Musikunterricht. Eine Kaffeemaschine. Eine Terrasse mit Stuhl und Tisch. Ein milder Himmel. Ein Buch. DAS ist meine Übungschance. Nicht die Tasche ins Arbeitszimmer tragen. Nicht die Unterlagen ausräumen. Nicht bei der Gelegenheit noch eben schnell eine Notiz machen. Nicht die Mailbox abrufen, weil doch sicher … Und: auch nicht die Wäsche im Haus zusammensuchen und in die Maschine stopfen. Nein. NEIN.
Terrasse. Himmel. Kaffee. Buch. Jetzt.

Für gestern und heute habe ich es geschafft. Der Abend war lang, ich las oder las nicht, je nach minütlicher Stimmung. Irgendwann kamen die Kinder, wir aßen in Ruhe, sie erzählten ein paar Dinge aus der Schule, wir kruschtelten in der Küche. Als alle schlafen gegangen waren, stellte ich den Kaffee für morgens auf. Spielte etwas Klavier, seit der Reise tue ich dies wieder. Las weiter. Oder nein, eigentlich kaum, ich saß eigentlich nur da und sann vor mich hin.
Ebenso begann der heutige Tag. Bevor ich die Kinder weckte, setzte ich mich nach draußen, es war kühl und gleichzeitig wärmend, dort draußen im Morgenerwachen. Die Kinder standen nach ein paar Weckanläufen auf, verschwanden alsbald in die Schule. Und ich blieb da. Heute ist Heimarbeitstag, weil mein zweiter Dienstort nach den Ferien noch nicht wieder begonnen hat. Es blieben weitere ruhige Stunden zum Pausieren. Erst wenn ich hier auf „Veröffentlichen“ gedrückt haben werde, wird es an den Schreibtisch gehen.

Warum ich davon schreibe?
Weil es eines meiner Hauptthemen ist: Auf dem schmalen Grat zwischen zuviel und zuwenig Widmung für den Beruf meine eigene Verortung zu finden. Ich drohe ja überwiegend in die erste Richtung abzurutschen. Und zwar nicht nur punktuell, sondern vermutlich auch auf lange Sicht, Selbstschädigung nicht ausgeschlossen. Ich muss mich den Übungen, mit denen ich mich selbst schütze, also intensiver widmen. Je älter, umso mehr. Je mehr andere Sehnsüchte, ebenfalls umso mehr.
Und weil mir – ein Nebeneffekt, ein sehr augenöffnender – ausgerechnet gestern Abend und heute Morgen, während dieser Zeiten des Nichtstuns, einige sehr neue Ideen zufielen.
Etwas Grundsätzliches für meinen Physikunterricht, mit dem ich latent unzufrieden bin. (Und nicht nur ich.) Ein Ansatz für ein neues Ritual, dessen Einführung vielleicht in kleinen Schritten lösen könnte, was mich lange schon beschäftigt. Es wird zu konkretisieren und auszuarbeiten sein, aber es hat Potential, glaube ich.
Etwas sehr Konkretes für meinen morgigen Mathekurs, eine Lösung vielleicht für die Situation, die sich in der Freitagsstunde gravierender als in den Vorjahren gezeigt hat, die mit dem Unterrichtsplan der bisherigen Kurse nicht zu bewältigen sein wird. Also braucht es einen anderen Zugang zum Thema.
Etwas noch Diffuses für unsere 5er-Klassensituation, an der wir seit erst sieben Tagen, aber dafür umso intensiver, arbeiten und wirken.
Lauter so Ansätze. Siehe da, sie kamen mir, ganz unerwartet, während ich in den Himmel und ins Nichts blickte.
Das ist wohl kein Zufall.
Es braucht die leeren Zeiten, um Fülle schöpfen zu können.

 

Wochenbogen

Wie eine Rakete startete die erste Woche – Anlauf genommen, gezündet, beschleunigt, abgehoben, an Fahrt aufgenommen, in die Schuljahresumlaufbahn aufgestiegen – rasant und kaum aushaltbar, wie erste Schulwochen halt immer starten. Völlig unerheblich, ob ich in den letzten Ferientagen schon am Schreibtisch gesessen hatte oder ob ich übergangslos aus dem Feriensein kam, die erste Woche ist eine Rakete.

An ihrem Ende, das Schuljahr hat da oben also zu kreisen begonnen, ist es höchste Zeit für ein erstes Innehalten. Freitagabend, sieben Uhr, ich verlasse die Schule, puh.
Wochenende. Das soll in diesem Jahr heißen: 40 Stunden am Stück ohne Erwerbsarbeit. So mein Vorsatz. Und zwar: Jede Woche. Je.de!
Dazu an den Abenden nicht länger am Schreibtisch als bis zehn. Bis auf den allerersten Abend gelang das schonmal. Ich sollte das dauerhaft schaffen. Weil.
(Über Konsequenz oder Inkonsequenz bei diesen beiden Selbstschutzregeln werde ich berichten. Ich kenne mich ja. Aber. Aber meine nicht mehr ganz jungen Lebensjahre weisen mich an, die Regenerationspausen zu verlängern. Es ist nötig. Es wird mit jedem Jahr nötiger werden. Wenn ich die noch vorgesehenen 20 Jahre durchhalten will.)
Also: Schreibtisch maximal bis zehn Uhr abends. Ein Wochenende von mindestens 40 Stunden. Hiermit laut verkündet. So schaut Ihr ein bisschen mit drauf, gelle …

Samstag also. In den Garten, das erdet. Das bietet Raum für Gedankenkreisen. Denn dass sich der Kopf wie die äußeren Tätigkeiten zum Wochenende von der Schule wegbewegt, diese mentale Fähigkeit fehlt mir (noch). Das Drehen im Kopf wird häufiger in die 40 Wochenendstunden hineinragen, das kann ich im Moment kaum ändern. Zumal wenn der Bogen der Ereignisse so weitgespannt, so emotional aufwühlend war wie in dieser ersten Woche.
Und so stehe ich am Samstag im Grün, wir schneiden und ziehen und mähen und werkeln an unserem sommerwilden Gärtchen soweit herum, dass wir in den kommenden noch warmen Wochen inmitten der zugewucherten Pflanzenwelt ein Plätzchen für uns finden werden. Privilegiert durch wärmeres Klima als an vielen anderen Orten, wird es noch viel Gelegenheit zum Draußensitzen, -spielen, -schlafen geben.
Und während meine Hand das Verdorrte entfernt sowie Bäume und Büsche stutzt, manches schon vor der Zeit, einfach weil die unteren Pflanzen durch das Blätterdach kaum mehr Licht und Wasser bekommen, da dreht sich die vergangene Woche in meinem Kopf.

Das Üppige, was der lange Sommer hat wachsen lassen, das was mich hier erstaunt und erfreut, ist es nicht das, was in meiner neuen kleinen Klasse auch sichtbar wird? Wie unerwartet beides ist, die Füllepracht unseres Gartens, und die Unbändigkeit der 30 kleinen Fünftklässler.
Nur, ich nehme es je anders wahr, werte es unterschiedlich. Das hier im Garten außer Form Geratene beglückt mich, während es mich bei den Schülern irritiert. Bei den 10-15 jedenfalls, die uns mit ihren sehr eigenen, unerwartet heftigen Lebensäußerungen von Stunde Eins an in Atem halten.
Solch eine Klasse hatte ich noch nie, gab es an unserer Schule selten. Wir sind ja bisher eher die Schulart für die „Braven“. Sicherlich werden wir uns auf lange Sicht umgewöhnen müssen, werden es bald verinnerlicht haben, dass auch bei uns die elementarste Regelerziehung – wir tragen Konflkte nicht körperlich aus, wir verhalten uns so, dass niemand gefährdet wird, wir respektieren das Anderssein des Anderen – vor allem Deutsch- und Mathematikunterricht erfolgen muss. Es ist im Moment noch ungewohnt.
Nun, arbeitet es weiter in mir, Ihr seid wild, Ihr Jungs, Eure Gruppe, die sich schon in festgefahrenen Beziehungsmustern zu befinden scheint, die Ihr von allein nicht mehr lösen könnt. Wir werden Euch zunächst eng an die Hand nehmen müssen, damit niemandem von Euch oder von den anderen etwas geschieht. Wir – alle Eure Lehrkräfte und Ihr – werden das gemeinsam hinbekommen, das weiß ich. Und „hinbekommen“ wird nicht heißen, dass wir Euch Euer lebendiges Wesen nehmen wollen. Nur Regelzäune zum Schutz von uns allen, die sind wohl dringend nötig.
Und dann, wenn wir diesen Schritt Null geschafft haben werden, dann fängt die Arbeit ja erst richtig an. Dann wollen wir, dass Ihr eine Klasse werdet. Dass Ihr lernt, Euch als eine Gruppe zu fühlen, die gemeinsam die Zeit in der Schule durchlebt, in der alle wahrgenommen werden, ihren Platz finden, in der jede und jeder mit jeder und jedem zusammenarbeiten kann. Und in der jede und jeder auf seine Weise wachsen und blühen darf.
Hoffentlich für viele Jahre, hämmert es in mir. Denn …

Denn noch etwas kreist in meinen Gedanken, während ich in den Beeten stehe, die abgestorbenen Pflanzen sehe, die ersten Herbstblätter am Boden, mich umschaue in der Symbolik des Lebenskreislaufs.
All das Keimen, das jüngst erst begonnen hat, ist über den Sommer in Wachstum und Blühen übergegangen, manches zeigt sich noch in voller Blüte, vieles aber ist nun zu Herbstbeginn am Zusammenfallen, am Verdorren, am Absterben. So ist die Natur. Manches lebt nur ein Jahr lang, manche Blumen, andere kleine Pflanzen auch. Manches lebt lange, scheinbar ewig. Die Bäume, sie werden und werden nicht älter, haben eine unendlich lange Zeit vor sich. So unterschiedlich.
So ist es auch bei uns Menschen, ich weine im Innern. Manche dürfen hundert Jahre alt werden. Andere sollen nach kürzester Zeit schon wieder gehen. Kleine M., wir haben es gestern erst erfahren, Deine Eltern wollten, dass wir als Schule Bescheid wissen. Am Montag werde ich Deine große Schwester erstmals in einer Physikstunde unterrichten. Vielleicht ist sie auch nicht da, weil sie sich lieber Zeit nimmt für den Abschied von Dir. Das wäre richtiger.
Und nein, es tröstet auch nicht, dass die kurzlebenden Blumen eine viel farbigere Pracht entwickeln als die uralten knorrigen Bäume, das tröstet überhaupt nicht. Bei uns Menschen sollte niemand nach einem so kurzen Blumenleben schon wieder gehen müssen. Und doch, so heißt es, wirst Du es wohl bald tun …
Schreien und weinen möchte man.
Ich wende mich wieder den vertrocknenden Blumen zu. Lausche, was sie zu erzählen haben. Ob nicht doch ein tröstender Klang mitschwingt …

Reiseweise

Nun bin ich zu Hause, in den Alltag hineingestolpert, schneller und heftiger, als es mir am Sonntag vorstellbar war. Während ich morgens im Garten saß, ruhig, schweigend, nichtstuend, nach meiner ersten Freiluftnacht zu Hause, noch bevor die Kinder heimkamen, noch ohne dieses To-do-Korsett im Kopf, innerlich noch ganz reiseruhend, da hatte sich der Alltag, obwohl er unmittelbar vor der Tür stand, in eine unendliche Ferne verschoben. Nicht als Realität, die ja doch in wenigen Stunden beginnen würde, sondern als innerer Zustand.
Alltag ist innerer Zustand. Reisen ist innerer Zustand. Gehetztsein ist innerer Zustand. Ruhe ist innerer Zustand. Eine Polarisierung, die sich in mir selbst bildet, nicht durch das äußere Geschehen. Wie klar mir das war, als ich auf der Sonnenterrasse saß, damals. Damals vor fünf Tagen

Und nun ist es soweit: Es ist Alltag. Im Äußeren, das lässt sich nicht abstreiten. Knall auf Fall ging das. So ist Schuljahresanfang ja immer, und diesmal ist es noch ein wenig heftiger. So dass – unter anderem – vor diesem ruhigen Vormittag jetzt am Donnerstag noch kein einziges Minütchen blieb, um mich zu besinnen, wer und wo und wie ich bin.
Und doch.
Doch, spüre ich, hat mich mein Sonntagmorgengefühl nicht getäuscht. Es ist anders als sonst zu Schuljahresbeginn, es ist anders als vor den Ferien, es ist tatsächlich etwas im Innern verblieben von meinem Unterwegssein. Ich lebe weiter in einer Reiseweise, oder sagt man: auf Reiseweise?
Äußeres Indiz ist für mich ganz klar: ich habe keine Kopfschmerzen. Kopfschmerz ist mein übliches Symptom der ersten Schulwoche. Der Kopfschmerz gehörte dazu wie der neue Stundenplan. Von der ungestümen Beschleunigung, der fordernden Aufgabenvielzahl und -vielfalt, der plötzlichen Begegnungsdichte bekam ich im Laufe der ersten Woche immer immer Kopfweh. Diesmal kommt noch die Hitze dazu, wir werden gut gargekocht hinter unseren Glasfenstern auf der Südseite, diesmal kommt eine schwierige Klassenkonstellation mit unerwarteten Anforderungen hinzu. Und dennoch: mein Kopf fühlt sich ruhig und sanft an.
Und: ich habe keine Herzrasensmomente. Auch dieses geschah mir immer. Wenn die andrängenden Haufen zu dicht wurden, wenn ich meinte, mein Tempo erhöhen und gleichzeitig an allen Fäden knüpfen zu müssen, so dass letztlich keiner mehr in Ruhe verarbeitet wurde, dann immer gab es diese Klopfzeichen aus der Brust. Diesmal nicht. An keinem einzigen Tag, in keiner einzigen Situation.
Selbst in der hochkomplexen Klassensituation, in die wir geworfen wurden, schaffe ich es im Moment noch, den Kopf oben zu behalten, meine Kollegin aufzumuntern, Ideen zu entwickeln, die Dinge mit Zuversicht in die Hand zu nehmen und dabei zu lächeln. Sogar das. Obwohl es eine wirklich herausfordernde, arbeitsintensive und traurigstimmende Konstellation ist.

Warum mag das so sein? Ist eine Reise, wenn sie nur doppelt so lang währt, gleich zehnmal so nachhaltig? Oder sind das die Reiseveränderungen all der Reisen, all der Jahre, die plötzlich gesammelt zum Tragen kommen? Oder wird es nur kurzfristig so sein? (Das hoffe ich natürlich nicht.)
Ich lebe ja schon noch ein wenig reisend. Schlafe seither draußen, nicht im Zelt, sondern unter freiem Himmel. So kann ich nachts weiterhin freie Reiseluft einatmen.
Habe meine Radtaschen noch nicht vollständig ausgepackt, nehme immer wieder ein Päckchen in die Hand, verräume all das Gegenständliche erst Schritt für Schritt.
Auf dem Boden liegen die Radkarten ausgebreitet, ein Netz aus gelben Linien – die abgefahrenen Routen – bildend. Die Kamera liegt auf dem Tisch, die Fotos auf ihrer Speicherkarte bereithaltend, noch gänzlich unbetrachtet. Das Zelt räkelt sich, schon längst trocken, im Garten. Das Rad ist und bleibt ungeputzt, gibt der Schulbluse ein wenig Staub von der Altmühl und der Bürotasche eine Spur Donauschlamm ab, und wenn es heimwärts bergauf leicht knirscht, ist das der märkische Sand im Getriebe. Da ist noch so viel offenes Reiseende.

Bedeutsamer aber ist, dass meine innere Reiseweise bislang nicht versiegt ist.
Die Dinge nach und nach, Tritt für Tritt, wie auf einer Perlenkette aufgefädelt erleben, das zum Beispiel. Ein Teil der Alltagsüberforderung besteht ja gerade in permanenter Gleichzeitigkeit von viel zu Vielem. Während dieser Tage meine Hände bewusster über die Gegenstände streichen, wie als würden sie nach wochenlangen Lenkergriffen das Gegenständliche des restlichen Universums erst wieder ertasten wollen, in bewusster Langsamkeit und mit innehaltenden Pausen versehen, gehe auch ich im Ganzen, mit Kopf und Herz und allem, langsamer, innehaltender und vor allem Schritt für Schritt durch die Dinge. Oft erlebte ich mich anders, oft sprang ich von einem zum anderen, zum einen zurück, zum dritten mal eben auch noch, und dann sowieso, das vierte kann man mit dem Stift schnell bearbeiten, während der Kopf schonmal ins fünfte lugt usw. So bin ich, so war ich oft. Im Moment ist es anders. Das erste darf das erste sein, und das siebzehnte das siebzehnte.
Dazwischen finde ich in Pausen hinein. Gestern im Lehrerzimmer, eine Viertelstunde mein aufgewärmtes Essen am Tisch essen, nicht mit den Kollegen reden, nicht lesen, möglichst wenig grübeln, sondern: essen. Abends, die Arbeitstage sind derzeit elend lang, gegen neun Uhr müde sein, mich mit der Tochter aufs Bett legen, sie in den Schlaf plaudern, und anschließend sofort selbst hinlegen. Wie oft konnte ich mir dies nicht gestatten, im Moment kann ich es. Die Arbeitszeit nach Stunden einteilen, nicht nach Fertigwerden. Also: wenn es zehn Uhr ist, ist Schluss. Und nicht, wenn die Listen fertig sind. Und so weiter und so weiter.
Es sind diese kleinen Momente, die das Ruhebett bilden für den Tagesfluss.

Überhaupt, ich bin bedürfnisspüriger. Eine so eindrückliche Reiselehre war das, wie ich über Wochen intensiv wahrnehmen konnte, wann ich Bewegung wann Ausruhen, wann Essen wann Trinken, wann Lesen wann augenschließendes Träumen, wann ein Gespräch wann Schweigen brauchte.
Ein Teil dieser Spürigkeit ist mir für den Moment geblieben. Sonst würde ich nicht den halben Vormittag schon sitzen und schreiben, einfach weil es mich drängt, sondern würde mich „vernünftig“ meiner Arbeit zuwenden. Sonst würde ich nicht mehr schlafen, mehr trinken, anders essen als sonst. Sonst hätte ich nicht die Klarheit in mir gehabt, die Begegnung abzusagen, die mir sehr am Herzen gelegen hatte und liegt, einfach weil der Raum dieser Woche nicht genügt, um ein Treffen in Ruhe – und nicht übers Knie gebrochen – zu erleben. Sonst würde ich zwischen den vielen Aufgaben dieser Tage nicht immer wieder sitzen, stehen, liegenbleiben, den Blick auf Wolken oder Bäume gerichtet, ohne irgendetwas zu tun.
Kurzum: Sonst wäre ich schon viel weiter in meinem Ankommen im Schuljahr. Inklusive Kopfschmerzen, Herzrasen, erster Ungeduld den Kindern gegenüber und der ach so modernen Floskel „… als hätte ich gar keine Ferien gehabt …“ auf den Lippen.

Vielleicht wird das ja doch noch was mit mir und meiner Reiseweise durchs Leben? Vielleicht werde ich ja doch noch reiseweise?

 

Krautheim – Zuhause (#3wegsam36)

Am Abend und am nächsten Morgen vom gerade noch gewesenen Unterwegssein erzählen, das ist schon Übergangsschreibe, das fühlt sich schon anders an. Statt im Zelt sitze ich beim Tippen auf einem Stuhl, statt der baldigen Weiterfahrt habe ich beim Erinnern den Schulstart vor Augen, statt eines auf Fortsetzung hinzielenden Textendes sollte es nun … ach Quatsch, gar nichts sollte es. Das ist ja mal die erste Reiselehre: Die Solls dieser Welt sollen nicht mehr so viel Macht über mich haben. Hihi, „sollen“, schreibe ich. Besser vielleicht: „sollten“ oder „mögen“. Einer der Wünsche, die ich von der Reise mitbringe. Derlei Dinge gibt es etliche. Doch zunächst erzähle ich den letzten Radtag, den letzten Tag des physischen Unterwegsseins.

Es fühlt sich richtig an, heute anzukommen. Ich bin satt vom Reisen, ohne übersättigt zu sein. Ich bringe genug Dinge mit für ein Jahr. Ich fühle mich rundum ruhig genug, um ab übermorgen wieder Schul- und Workingmum-Alltag zu leben.
Bei aufgehender Sonne sitze ich im Zelt und betrachte liebevoll das bunt durcheinandergewürfelte Chaos der Dinge um mich herum. Dies war nun wochenlang meine Heimat, ich mag diesen Anblick im speziellen Zeltlicht und fotografiere ihn zum Abschied. Beim Packen – schon nicht mehr ganz so geordnet, außer dem Essen muss ich kaum noch etwas finden – habe ich keine Eile, denn ich kann abends getrost in die Dunkelheit hineinfahren, und ich kenne den Weg. Ein letztes Mal das Zelt abbauen. Nein, nicht ganz, am Abend oder in den nächsten Tagen wird es noch im Garten eine Heimstatt finden. Und ich werde noch in ihm schlafen, bevor der Winter kommt …

Los geht es, auf die bekannten Wege. Dass ich doch nicht jede Ecke und jede Kurve wiedererkenne, beruhigt mich selbst ein wenig, es war mir schon unheimlich, wie sich das alles eingebrannt hat. Was mich aber heute ständig überflutet, ist das gute Gefühl vom ersten Tag, wie wir mit dem Sohn so schnell in ein so vertrautes Reise“verhältnis“ kamen, wie beschenkt ich mich von den ersten Stunden an fühlte, dass das – Pubertät hin oder her – so möglich ist.
Am Biergarten des ersten Abends, in Kloster Schöntal, halte ich an, möchte einen Kaffee trinken. Es ist noch vor 11, noch nicht geöffnet, man verkauft mir mürrisch trotzdem einen. Na gut, auch unfreundlicher Kaffee kann schmecken.
Auch einer Eispause in Möckmühl, wie damals rettend bei über 30 Grad, kann ich nicht widerstehen. Erst die Essenspause in Bad Wimpfen lasse ich aus bzw. verlege sie, man muss ja nicht alles wiederholen:)

Vor Bad Wimpfen aber liegen viele Kilometer sommerheißer Fahrt. Unglaublich, dieser September. Von äußeren Dingen der Strecke kann ich nicht viel erzählen, der Tag passiert vorwiegend in meinem Kopf.
Antizipiertes Ankommen. Gedanken über das Mitbringenswerte. Warum mir zum Beispiel die kommende Woche und vor allem der volle Mittwoch in den Sinn schießen, inklusive einem winzigen Vorab-Sorgegefühl, wo ich doch hier auf Reisen niemals – NIE! – mir auch nur den Hauch eines Gedankens gemacht habe, ob und wie und wann ich in vier Tagen einkaufen, essen und schlafen werde.
Die innere Das-kann-man-nicht-vergleichen-Stimme bekommt von mir ein Doch. Ein sehr zuversichtliches Doch. Da geht was, da lässt sich doch mental etwas einrichten. Heute ist noch nicht kommende Woche, heute ist noch nicht der volle Mittwoch, das ist das Wichtigste. Tritt für Tritt für Tritt lautete die Ereigniskette der Reise. Die Dinge des Alltags lassen sich vielleicht auch auf eine Kette fädeln, so dass sie Schritt für Schritt für Schritt geschehen dürfen?
Nächste Übung: Die Schulbrote für Montag fallen mir ein, und in dem Zusammenhang der vermutlich leere Kühlschrank zu Hause. Vor drei Wochen, als hier alle abfuhren, hat ja sicher niemand vorsorgend schon daran gedacht. Die Übung ist leicht, als ich gegen vier Uhr dran denke, weiß ich sofort, dass ich bis sieben Uhr Zeit habe, um unterwegs einzukaufen. Und dass wenn nicht, es auch Sonntagslösungen geben wird.
Gedankensplitter zu Schulfragen. Was da alles in der Mailbox stehen müsste. Mein Bauch weiß sofort, dass ich das jetzt noch nicht möchte, dass ich all das auch nicht mit dem Ankommen vermischen möchte, also überredet er den Kopf, die Schulmailfächer, also den Computer überhaupt, erst am Sonntag Abend zu öffnen. Der Tag davor wird dem Ankommen gewidmet sein. Bloß gut, merke ich da, dass ich doch nicht erst am Sonntag heimkehre. Mir würde dieser sanfte Übergang fehlen.

Am späteren Nachmittag kommt Bad Wimpfen in Sicht, es liegt ja hoch genug, um über Kilometer sichtbar zu sein. Vorher fließt der Neckar, tief unten natürlich. Schiebearbeit von dort hinauf bei immer noch über 30 Grad. Und noch etwas höher, irgendwo hinter Bad Rappenau stehe ich am höchsten Punkt der Tagesstrecke und weiß, dass ich nun nur noch hinabrollen muss. Von ein paar kleineren Anstiegen, die ein Hügelland eben ausmachen, mal abgesehen.
20 oder 30 Kilometer bis nach Hause, ich rolle schnell, kaufe ein, telefoniere, und sehe dann, dass ich tatsächlich in die Dunkelheit hineinfahren werde.
Nicht gerade angenehm, das Dunkel ängstigt mich. Zum Glück kenne ich die Wege von hier aus. Weil die Radwege aber so verwinkelt und noch dunkler sind (und voll kleiner ständig in die Augen fliegender Insekten), weiche ich öfter auf die Straßen aus als ich es im Hellen tun würde. Die dunklen Wege ziehen sich. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das doch so unheimlich wird …

Ganz genau um neun Uhr stehe ich vor dem Haus, sogar den letzten Berg ohne abzusteigen geschafft:)
Das Haus steht noch und empfängt mich diesmal nicht mit Wasserrohrbruch. Die Taschen und ich trennen uns vom Radl, als ich es in die Garage schiebe, streichle ich es liebevoll und bedanke mich. Du warst großartig!
Die Taschen dürfen noch ein wenig bleiben, als Behältnis meine ich. Auspacken ist erst später dran, vielleicht morgen oder übermorgen, Abschied in Häppchen. Doch, nun bin ich traurig. Gut-traurig, mit einem erfüllten Gefühl.
Ich öffne ein paar Rollläden, finde im Kühlschrank Proseco (großartig!), verwerfe den Plan, im Garten zu zelten, zugunsten einer nicht ganz neuen, aber lange nicht erfahrenen Schlafensweise: Unter freiem Himmel. Ich baue mir ein Bett auf der Terrasse, trinke im Abenddunkel meinen Prosecco und lege mich dann unter die Sterne.
Gut.

Ach ja, und die Zahlen habe ich schön:
Genau 6 Wochen und 36 Stunden war ich unterwegs. Darunter waren 36 Radeltage.
Der letzte Fahrtag fügt sich in den Reigen der schönen Zahlen ein: 99,11. Nur die Gesamtzahl, die hat zwar eine 63 = umgedrehte 36 nach dem Komma, aber vorne, die 2510 ist nichtmal durch 6 teilbar. 10 mehr, und es wäre durch 36 teilbar gewesen. Ich hätte nochmal ums Dorf fahren sollen …
(Sorry. Mit Zahlen spiele ich einfach gern.)