Stille

Der Novembersturm ist vorübergerüttelt,
Hat Regen geschüttet, gewütet, geknüttelt
Mit den hölzernen Läden und Eisen geklirrt.
Und ich lag wach, in Gedanken verirrt,
Die lange Nacht, und es stürzt und stürmt,
Wetter auf schmetternde Wetter getürmt …
Und die Höhle aus Stille, in die ich mich schmiege,
Embryorund als ein Mögliches liege,
Geborgen, als könnt ich die Augen aufschlagen,
Wenn der Sturm sich verbläst, zu nur morgenden Tagen …
Ach so schöne Empfindung, die so mild mich umstreicht …
Mitten im Sturm ward mir linde und leicht,
Als ich dachte nicht mehr und hab nur noch gelauscht,
Wie der Regenwind stürmt und der Sturmregen rauscht …

Eva Strittmatter, wiedergefunden.

Möge das Wochenende ein wenig Höhlengeborgenheit schenken und voller Stille zum Lauschen sein …

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Alltag #1 – Alle Tassen im Schrank

https://cafeweltenall.files.wordpress.com/2018/10/alltag-001-2018.jpg?w=129&h=94„Die Idee ist, das in Szene zu setzen, was mich alle Tage umgibt“, „die Dinge, die während (m)eines Alltags eine Rolle spielen, die immerwiederkehrenden, wie die besonderen; diese zu würdigen, sie in einem speziellen Licht, einer speziellen Perspektive darzustellen“, so lädt uns Ulli zu ihrem Projekt „Alltag“ ein.
Immer am ersten Wochenende eines Monats – ich bin wie so oft ein wenig zu spät, diesmal unserer Herbstferienreise geschuldet – sind wir eingeladen, uns gegenseitig an unseren Alltäglichkeiten in ihrem besonderen Licht teilnehmen zu lassen.
Hier ist Ullis erster Beitrag, unter dem schon weitere Teilnehmende ihre Alltagsbetrachtungen verlinkt haben.

„Das ist keine Frage des Alters oder unseres Einkommens, das ist ein Lebenskonzept“, sagte die Freundin – aber es hätten ebenso meine Worte sein können – einst zu einem aufdringlichen Versicherungsvertreter, der sie zur Absicherung ihres doch wohl nach der studentischen Lebensphase sich unweigerlich ordnenden und verteuernden Hausrats drängen wollte. „Nein, wir werden nie auf andere Weise leben“, schickte die Freundin den konsternierten Mann aus der Tür.
Und so lebt sie tatsächlich. Bis heute.
Und ich? Und was heißt dieses „so“ überhaupt?
Streift mein Blick durch meine Wohnräume, gibt es von allem etwas: Bereiche, die eine durchaus als glatt zu bezeichnende „Erwachsenenwohnungsoptik“ bieten, wechseln mit Räumen ab, in denen sich kaleidoskopartig Familienkrempel in seiner stets wirren Buntheit darbietet. Dazwischen stößt man immer wieder auf Ecken studentisch anmutender Sammelsurien. Ja, Provisorien und Stückwerke sind mir allerorten geblieben. Und wenn ich es richtig erspüre, sitzt genau dort mein Zuhause. Vermutlich wird es bei mir, wenn die Kinder in wenigen Jahren aus dem Haus sein werden, bald wieder so aussehen wie einst in meinen „Buden“. Hach ja.

Einer der sammelsurigsten Plätze in unserem Haus ist wohl unser Tassenschrank.

Alle unsere Tassen. Kaum eine wie eine zweite. — Zwar haben wir in der Küche auch anderes Geschirr. Weiß. Schlicht. Einheitlich. Allerdings – ein Zeichen? – sind von jenem „richtigen“ Geschirr ausgerechnet die Tassen längst zertöppert. Auch ohne dass ich sie nach und nach absichtlich habe fallen lassen:) Sie wollten wohl einfach nicht bei uns bleiben. Und so nutzen wir diese bunte Tassensammlung durchaus auch zu „besonderen“ Gelegenheiten, an Festtagen, bei Besuch, einfach immer. Im Unterschied zu Gläsern etwa kamen wir hier nie auf die Idee, uns einen einheitlichen Satz an Kaffeepötten o.ä. zu kaufen. Wir leben gut mit unseren Tassen. Vielleicht, weil jede von ihnen eine Geschichte erzählt?

Sie liefen uns zu, unsere Tassen. Zumeist war es Zufall, kaum eine von ihnen ist bewusst ausgewählt worden. Bis auf diese metallenen offenbar, denn wir haben mehrere davon.

Es muss an die 20 Jahre her sein, dass wir sie uns zulegten, es war noch in Berlin, ich erinnere mich nicht mehr, wann genau und warum. Weil sie gut isolieren, beim morgendlichen Gartenkaffee länger die Wärme halten? Weil sie unzerstörbar sind? Sind sie ja gar nicht. Inzwischen – nach langen Jahren intensiven Einsatzes – sind sie alt und leck. Aus ihren isolierenden Lufträumen tropft Wasser. An den Lippen fühlen sie sich unbehaglich an. Und trotzdem bleiben sie bei uns wohnen. Denn so wie wir unsere Tassen nie bewusst kaufen, werden sie auch nicht bewusst entfernt. Als hätten wir eine ungeschriebene Regel dafür. Unsere Tassen, auch diese aus Metall, werden schon ihren Weg gehen … einst.

Statt der Metallbecher sind nun schon lange diese hier zu meinen meistgenutzten Lieblingstassen geworden.

Ein Tagesbeginn mit Blick auf Musik – oder eben Bücher – und dann noch mit diesem Volumen: mir fehlte etwas ohne sie.
Genau vor drei Jahren fanden sie zu mir, an meinem 47. Geburtstag. Eine Herbstferienreise, das Münchener Deutsche Museum war eines der Ziele. In dessen Museumsshop mischten sich diese Tassenschwestern plötzlich unter die Bücher in meinem Einkaufskorb. Ohne dass ich noch ahnte, dass sie sehr bald zu meinen Lieblingsalltagsgegenständen zählen würden.

Ebenso glatt, unversehrt und jung scheinend steht daneben meine allerälteste Tasse.

Mit ihr habe ich schon in Dresden studiert, in den 80ern war das. Das falsche DDR-Meißner, ein Design-Klassiker.
Von wem ich sie damals bekommen habe, weiß ich nicht mehr. Dass sie so unbenutzt scheint, ist mir fast ein wenig unheimlich. Denn damals in Dresden und lange Jahre später noch stand sie täglich auf meinem Frühstückstisch. Immer am Vorabend schon, damit wir morgens vor der Vorlesung – Beginn 7.30! – unseren Schlaf um wertvolle Sekunden verlängern konnten. Mitbewohnerin A. legte deswegen sogar abends immer schon ihren Löffel quer auf die Kaffeepulverdose. An was für Details man sich so erinnert.
Meine Veteranin also. Einst hatte sie noch eine gleichgeformte Mitstreiterin. In blauer Jeansoptik, mit rotem Herz, wenn ich mich recht erinnere. Diese scheint in einem meiner späteren Studentenzimmer oder auf einem Umzug in wohlverdiente Scherbenrente gegangen zu sein.

Nun, nach dem ältesten das jüngste Tassenfamilienmitglied: dieses hier.

Sie gehört zwar nicht mir, sondern ist ein Geburtstagsgeschenk an den Sohn zum Siebzehnten, aber erzählt doch unsere gemeinsame Geschichte. Ist er doch in Berlin-Pankow geboren. Und die Berliner U-Bahn-Schild-Optik gehörte lange – bis ich nach dem Abitur aus dem Haus ging – zu meinen alltäglichen Ostberliner Innenstadtwegen.

Mit Berlin sind weitere Tassen verbunden. Diese hier etwa stammen von der letzten Stufenfahrt, welche ich begleitete.

Mit vier zehnten Klassen und acht Kolleg*innen waren wir für eine Woche in Berlin. Das Hostel verschenkte in allen Betreuerzimmern diese Tassen. Warum nicht, dachte ich, und steckte sie ein. So wie die zweier Kollegen, die ihre nicht haben wollten. (Vermutlich führen sie in ihren Haushalten ordentlichere Tassenschränke:))

Auch diese beiden sind von einer Berlin-Stufenfahrt mit zu mir gekommen. Es war meine erste, etwa vor zehn Jahren mag es gewesen sein.

War das meine erste Alleinreise ohne die Kinder? Was waren sie damals klein …
Vermutlich haben sie mir mehr gefehlt als ich ihnen. Jedenfalls brachte ich ihnen diese Tassen von meinem „Ausflug“ mit.

Aus ähnlicher Zeit stammt diese hier.

Angeknabbert, aber immer noch in Gebrauch. Im Gegensatz zu ihren drei verschwundenen Schwestern. Denn vier von ihnen schenkte man uns damals, in einem Pfingsturlaub in den mittelitalienischen Bergen. Es regnete nahezu durchgängig und aus Kannen, so dass der Agriturismo-Wirt sich Sorgen um unsere Stimmung machte und allerlei Programmpunkte vorschlug. Unter anderem einen Ausflug nach Rieti, wo uns eine befreundete Archäologin eine individuelle Führung durch die Ausgrabungen unter der Stadt gab. Ganz allein für uns erzählte sie, sogar so, dass die Kinder viel davon hatten. Es war spannend.
Zum Abschied schenkte sie uns vier Tassen. — Später schrieb diese Archäologin übrigens ein Kinderbuch über die Stadtgeschichte. Vorn in der Widmung werden unsere Kinder erwähnt:)

An eine meiner wichtigsten Alleinreisen – vor etwa acht Jahren an die Nordsee – erinnern mich immer wieder diese windschiefen Becher.

Genau genommen kam nur einer von ihnen im damaligen Gepäck mit heim. Der andere ist ein späterer Ersatz. Beide Kinder beweinten es nämlich sehr, als einer von beiden zerschellte. Und ich wollte meine Erinnerung an die damaligen stürmischen Winde ebenfalls gern in Tassenform aufbewahren.

Erinnerung an Orte, Erinnerung an Menschen – diese Tasse ist mir beides.

Sie war mein Abschiedsgeschenk, als ich nach x Jahren den Chorvorstandsvorsitz meines Studentenchores abgab. Das war schmerzhaft. Der Chor und seine Menschen war einer meiner Seelenorte in den damaligen Jahren. Umso teurer ist mir diese Tasse. Sichtbar be- und abgenutzt, von den Kindern, als sie kleiner waren, fast zu Bruch gespielt, darf sie in ihrer Versehrtheit dennoch weiter in meinem Schrank wohnen. Ganz hinten, denn benutzt wird sie kaum je noch. Stehen wird sie dort aber hoffentlich noch lange.

Viel heiler, obwohl in ähnlichem Alter, ist diese.

Sie stand die meisten Jahre in meinem Zimmer, nicht im Küchenschrank. Den Menschen dazu habe ich leider verloren. Jahrelang studierten wir zusammen Slavistik, gingen durch lustige und trübe Zeiten, waren uns sehr nah. Irgendwann war dies zu Ende.
Blau – dieses Blau – war ihre Lieblingsfarbe, sie verschenkte sie oft. Diese Tasse war ein Mitbringsel von einer ihrer Nordseereisen. Damit ich in den Herbstwinden, die damals auch das Innere meiner undichten Minidachwohnung nicht verschonten, wenigstens mit heißem Tee im Bauch studieren konnte.

Zum Einzug in diese Minidachwohnung – meine erste eigene übrigens, nach Wohnheimen und Untermietzimmern mit teilweise entwürdigenden Regeln und Besuchsbedingungen – schenkten mir andere damalige Freunde eine Reihe schrillhässlicher Weihnachtsmarkttassen.

Zum ersten eigenen Hausstand, sagten sie, weil das Nichtschöne, Zusammengewürfelte so gut zu uns allen passte. Wir lachten gemeinsam, während wir mitten in den Malerarbeiten, von oben betropft, unten in Farbklecksen watend, auf einer im Raum aufgestellten Kochplatte das erste heiße Getränk in meiner eigenen Wohnung zubereiteten. Kaffee? Tee? Keine Erinnerung mehr. Nur, wie gut es uns ging, mit uns und diesen schrillen Tassen.
Ach ja, und Teppich haben wir später noch verlegt. Der erste Fleck darauf stammte auch aus einer Weihnachtsmarkttasse. Rechts vor dem Bett, welches eigentlich nur eine Matratze war. Aber das ist eine andere Geschiche.
Die Wohnung habe ich längst wieder verlassen, mit den Freunden ist der Kontakt eingeschlafen. Das wäre etwas zum Wiederbeleben. Auch wenn wir vergangene Nähe vielleicht nicht zurückholen können? Die Tassen von damals jedenfalls sind irgendwohin weitergewandert. Diese beiden hier sind nämlich nur „Nachrücker“, viel jüngeren Datums. Eine vom Bad Wimpfener Weihnachtsmarkt, als wir diesen erstmals besuchten – da gab es schon den Sohn. Eine aus der Stadt vor den Toren unseres Dorfes, ein vermutlich noch sehr junges Exemplar. Manchmal verliere ich selbst den Überblick.

Eine richtige Schultasse findet sich im Schrank auch. Nach zwei Jahren Klassenlehrerschaft von einer meiner liebsten Klassen geschenkt.

Da stehen wir alle, es war am Wandertag, der über die Hügel zum Minigolfplatz führte. Wie klein sie alle waren, die, welche mir mittlerweile als hochgewachsene junge Frauen und Männer im Schulhaus begegnen. Irgendwann werde ich sie nur noch auf der Tasse sehen können.

Ach ja, und dann gibt es noch diese letzten beiden. Sie wohnen nicht in der Küche, sondern im Regal zwischen meinen Büchern.

Noch viel mehr davon gab es in der warmen Stube meiner Oma, in einem Möbelstück, das man damals Anrichte nannte. Darin stand das gute Geschirr, dasjenige für Feiertage und festlichen Besuch. Bei jedem schnelleren Laufen durch die Stube klirrte es im Schrank, und beim Spielen war sein Klirren ein Pegel dafür, wann wir zu heftig tobten. Alle Tassen haben unser Toben überlebt, und diese beiden haben es in meine Gegenwart geschafft.
Benutzt werden sie kaum – ist dieses „zu schade“ und „für gut“ meiner Oma in sie eingraviert? Sie stehen hier einfach und sind mir kostbar.

Nun, hier höre ich auf. Wie viele Geschichten ich im Schrank gefunden habe, hat mich selbst erstaunt …

 

 

Herbstradeln

 

 

Ganz früh im Morgenlicht des gerade erst erwachenden Sonntags sitze ich auf dem Sattel, der Fahrtwind ist kalt, jeder Sonnenstrahl sehr willkommen. (Später am Tag werde ich in kurzen Hosen und Top radeln und bedauern, dass die Sonnencreme zu Hause liegt. Und das im Oktober.)

 

 

Von der Haustür weg führen meine bekannten Wege, die bald schon in neue münden. Ortschaften, in denen ich – trotz der Nähe – in all den Jahren nie war. Manche führten mir immer zu weit hinauf ins Hügelland des Kraichgau. Nun, nach der Bergfahrt meines Sommers, auf der ich lernte, dass jeder Anstieg zu gehen ist, wenn man nur nicht mit ihm hadert, nun wage ich alles zu fahren, was sich vor mir ausbreitet. Ohne Plan und Ziel rolle ich durch die Sonntagsstille, hinauf, hinab, rechts, links – immer den Weg entlang, nach dem mir gerade zumute ist.

 

 

Ort- und Landschaften, die ich nur von der Karte her kenne, oder aus dem Auto, oder gar nicht, ziehen an mir vorbei. Ich staune über das mir fast völlig unbekannte „Hinterland“, so nah an meinem Dorf. Treideln durch wunderbare Hügelwelt, zeitverloren.
(Am Abend gerate ich plötzlich in Eile, der Rückweg zieht sich länger als gedacht, und zu Hause warten die Kinder.)

 

 

Farben bringe ich mit nach Hause, Seelenwärmeherbstfarben, für einen vielleicht langen Winter.

 

 

Und den Himmel. Den sowieso.

Danke.

Vom guten Ort

Nagst Du an mir, Wasser, oder formst Du mich? Peitschst Du mich, Wind, oder bist Du selbst ein getriebener? Fließt Du davon, Sand, der mich trägt, oder bereitest Du in Deiner Bewegung Boden für Neues?
Fragt der Stein im Meeresbranden.

Neigst Du Dich über mich mir das Licht zu nehmen, Baum, oder bist Du selbst vom Wind gebeugt? Wendest Du Dich von mir ab, Blatt, oder tanzt Du im Reigen für mich? Willst Du mich zum Fall verführen, Baumstumpf, oder vertraust Du mir den Schmerz Deiner Wunde an?
Fragt die Lichtung im Wald.

Versuchst Du mir die Sonne zu nehmen, Fels, oder suchst Du nur selbst ihre Wärme? Brüllst Du Dein Getöse mir zum Schmerz in die Ohren, Bergbach, oder fällst Du nur und weinst im Fallen? Verzerrst Du, was ich zu sagen meine, Echo, oder bist Du Spiegel?
Fragt die Wiese am Fuße der Felswand.

Nimmst Du mir den Atem, Wind, oder teilst Du Deinen Hauch mit mir? Flimmerst Du mir zur Verwirrung, Luftstrom, oder lädst Du mich zum Staunen ein? Betäubst Du meine Sinne, Blumenduft, oder bettest Du mich in Wohlsein?
Fragt die Bank an der Wiese.

Ich bin dies und das, da und dort. Wandere, irre umher, reihe mich ein, drehe mich mit, suche mich, wiege mich im Tanz, werde geworfen, falle, stehe auf, und bin. Der Stein im Meeresbranden. Die Lichtung im Wald. Die Wiese am Fuß der Felswand. Die Bank an der Wiese.

Früher, als Kind, da wusste ich um meinen inneren Ort wie um ein Geheimnis, in welchem ein jedes war, um dies und das, um da und dort zu sein.
Glückliche Kindheit. Auf Alleinwegen ganz bei mir unterwegs. Im Spiel völlig ins Schaffen vertieft. Im Weinen stimmig mich fühlend. Bei mir, an meinem guten Ort.

Später verlor ich immer öfter die Verbindung zu jenem Ort in mir. Der Stein im Wasser versunken. Die Lichtung zugewuchert. Die Wiese gemäht und verbaut. Die Bank verrottet und zerbrochen.
Das ist dieses Erwachsenwerden, dachte ich lange Zeit. Ein tröstlicher Irrglaube, den Verlust allein dem Lauf der Jahre zuzuschreiben.

Nun, ich bin wieder losgegangen, länger schon, auf der Suche. Wandere,, irre umher, reihe mich ein, drehe mich mit, suche mich, wiege mich im Tanz, werde geworfen, falle, stehe auf, und bin. Der Stein. Die Lichtung. Die Wiese. Die Bank.

Notizen aus einer ersten Schulwoche

Montag

Erste Schultage sind immer wie Wirbelstürme, wie Vulkanausbrüche. Nur in positiv. Eine ununterbrochene Kette an freudigen Umarmungen im Lehrerzimmer, ein sich sofort wieder auftürmender Berg an To-do’s, ein einziges Wirbeln, Organisieren, Besprechen, Kopieren, und zwischen all dem erste Unterrichtsstunden. Alle strahlen, selbst in den Klassen flattert gute Laune über die Tische, so ist das an einem ersten Schultag.

Und dann kommt der Abend, mit ihm unsere neuen 5er. 24 davon werden „meine“ sein. In der ersten halben Stunde lässt sich erkennen, was für ein Gesicht eine Klasse hat (oder haben wird). Heute wird dies schon sichtbar, als sie noch in der großen Halle auf den Bänken sitzen. Wie sie gebannt zuhören, zuschauen, wippend mitsingen. Wie sie dann mit strahlenden Augen und ausgestreckten Armen auf uns zukommen. „Dass wir eine coole Klasse werden“, schreibt ein Junge auf seinen Wunschzettel, der kurz darauf mit einem von vielen Luftballons gen Himmel steigt. „Könnte klappen“, denke ich, als ich es lese. Jedenfalls lachen wir in unserer ersten Stunde schon gemeinsam, ein sehr gutes Zeichen. Wir planen für’s Landheim ein Fußballturnier, und für später eine Klassenfahrradtour. Aber zunächst werden wir zusammen eine intensive erste Schulwoche haben. „Bis morgen, ich freu mich auf Euch!“

Dienstag

Ich hatte ganz vergessen, wie intensiv das ist, einen Vormittag lang mit so vielen jungen Menschen in dichtem Kontakt zu sein. Wieviel an Hin-und-Her, an Worten, Augenblicken, Lächeln und Emotionen es da gibt.

Die Kleinen, wie sie am Morgen flitzebogen-gespannt in ihren ersten Schultag kommen, um alles alles alles gierig aufzusaugen. Die 6er, sich nach den Ferien plötzlich wie alte Hasen anfühlend, die ganz selbstverständlich ihre Wiederholungsaufgaben bearbeiten und auch, als ich zwischendurch immer wieder wegmuss zu den Kleinen, selbstständig weitermachen, als bräuchten sie mich gar nicht. Meine neuen Mathe-7er, wie sie in einer Mischung aus kindlicher Entdeckerfreude und pubertär-beäugendem Abwarten durch unsere erste gemeinsame, sondierende Stunde gehen und mir sogleich beibringen, dass ich, da wir unsere Stunden jeweils am Ende des Schulvormittags haben, mir durchaus manches werde einfallen lassen müssen, damit die müden Köpfe sich auch um 12.45 noch auf Mathematik einlassen können. Och, ich hab da immer viele viele Ideen, und ich freu mich drauf.

Alles ist im Guten im Moment, eher beschenkend als zehrend, denke ich. Und doch spüre ich am Spätnachmittag, als ich – nach Besprechung und Konferenz – endlich nach Hause komme, dass ich meinen Kraftvorrat für heute offenbar verbraucht habe. Da geht kein Stillsitzen, kein vertieftes Celloüben, kein Kontakt mit Worten oder Gesten mehr. Ich sitze zu Hause und starre in die Luft.

Hierfür werde ich Wege finden müssen. Für das Leben mit der täglichen Erschöpfung. Denn Schule ist zwar beglückend. Aber vereinbar mit all den Bereichen, in denen ich auch sonst noch intensiv lebe, ist sie nicht. Jedenfalls nicht, wenn sie in so gedrängter Form daherkommt wie heute.

Mittwoch

Offenbar unterrichte ich dieses Schuljahr nur Lieblingsklassen – heute lerne ich die letzte kennen. Wieviel Wachheit und Neugierde da vor mir sitzt, es ist unglaublich. Schon wieder ist alles voller Vorfreude, auf beiden Seiten. Und wenn ich schon einen solch begeisterten Jahrgang vor mir habe, wäre es an der Zeit, endlich einige meiner jahrelang benutzten Zugänge und Materialien umzuarbeiten, mit neuen Ideen zu verweben, mir schießen sie nur so in den Kopf in diesen ersten Stunden. Ich hämmere sie schnell in die Tastatur, damit sie sich nicht wieder aus dem Staub machen.

Es folgt ein dritter Konferenznachmittag, wir hängen schon ein wenig auf den Stühlen, es ist viel in dieser ersten Woche. Die Fachschaftsleitung hat sich um Essen, Trinken, Gutes auf den Tischen gekümmert, das hilft. Ab nächstem Mal also – wie ich in diesen Tagen erfahren habe:) – werde ich es sein, die die Dinge auf den Tischen organisiert. Und nicht nur die. Ab bald nämlich „habe ich“ eine Fachschaftsleitung, wie unerwartet. Ich notiere fleißiger als sonst alles mit, um einen ersten Überblick zu gewinnen, Mathe ist ein Riesenfach mit vielen Baustellen. Ausbau unseres Förderkonzepts für die Unterstufe, Optimierung der Kursstufen-Zusatzangebote, Schaffen einer Schüler-helfen-Schüler-Struktur, kollegiale Hospitationen, Vereinheitlichung von Wiederholungsritualen über die Schuljahre hinweg, Umgang mit den Ergebnissen der Diagnosearbeiten, Abgleich all unserer Wettbewerbsaktivitäten, außerschulische Angebote – welche nehmen wir wahr?, Materialbestellungen für’s restliche Geld, Taschenrechnersituation, Fortbildungsplanung, wer erstellt die nächste Abituraufgabe?, und wer das Curriculum für 9/10? Und dann fragt jemand: Wie geht es der kranken Kollegin. Nicht gut, hören wir. – Wie dankbar wir plötzlich werden, hier bei 30 Grad am Spätnachmittag sitzen zu dürfen, gesund. Wenigstens eine Karte, ein Päckchen können wir ihr immer wieder schicken.

Donnerstag

Mein letzter Unterrichtstag der Woche. Schulhausrallye der Kleinen – während sie durch die Flure flitzen, beobachte ich sie, wer geht mit wem wie um – nebenher versuche ich, ihre Namen zu lernen. Drei neue Klassen, 80 neue Namen habe ich dieses Jahr. Und mein Kopf wird ja nicht jünger:) Am Ende der Rallyestunde räumen wir vom Stuhlkreis zur Tischordnung um, die Einführungstage sollen allmählich in einen normalen Schulalltag münden, ich sage noch „Tschüss bis Montag“, denn ab jetzt lernen sie nach und nach ihre anderen LehrerInnen kennen.

Meine letzte Stunde der Woche, es ist immer noch heiß im Schulhaus, und alles was vor den Ferien war haben wir immer noch vergessen, und ob man bei Frau Rebis Hausaufgaben und Sachen vergessen darf, haben wir hiermit gleich mal ausprobiert, und dieser Hä-ich-kann-mich-gar-nicht-erinnern-Blick ist doch zu niedlich. (Das schreibe ich natürlich nur hier: Den 13jährigen sage ich dies lieber nicht ins Gesicht:))

13 Uhr, Feierabend. Klingt gut, oder? – Auf meinem Arbeitszeitzähler haben sich in vier Tagen 43 Stunden angesammelt. Den Rest des Tages hänge ich im wesentlichen zu Hause herum. Ich bin müde, nur müde. Verständlicherweise.

Freitag

Home Office. Das Sofa ist allerdings magnetisch. Selbst Haushaltsarbeit hat heute riesige anziehende Wirkung auf mich. Und als ich mich dann endlich zum Schreibtisch begeben will, verweigert sich der Computer. Na danke, dies ist genau der richtige Zeitpunkt dafür. Also den Lieblingsspezialisten anrufen, der mich dankenswerterweise in seinen Nachmittagsplan einbauen kann, es läuft dann wieder provisorisch, und nächste Woche baut er richtig daran herum.

Meine Schulaktivitäten jedenfalls sind für heute torpediert, ich schleppe also manches mit ins Wochenende, was ich heute fertig haben wollte, menno.

Wochenende

Klassenlisten, Organisationsmails, Jahresplanungen, Absprachen mit den parallel unterrichtenden Kolleginnen, Vorbereitungen für Montag und Dienstag, Vertretungen sehe ich auch noch auf meinem Plan … All das schiebt sich zwischen mein Familienwochenende.

Nu ja, die erste Woche war schon immer so dicht. Es ist schwer, in diesem Treiben auch nur ein Zipfelchen der Stille, der gerade erst gewesenen, in mir zu finden. Der Kopf ist so voller Wirbeln, beim Einschlafen, beim Aufwachen, beim Cellospielen, selbst jetzt beim Schreiben befinde ich mich in einer Art Parallelspur. Ich werde mich – wie immer – sehr darum bemühen müssen, einen gangbaren Weg durch den Schulalltag zu finden. Damit mir auch außerhalb des Klassenzimmers wache Momente bleiben, damit ich mich zwischen all der Anstrengung immer wieder erden kann.

Mit diesem Satz geht’s jetzt in die zweite Schulwoche …

Versuch einer Öffnung …

… einer Wiederkehr in meinen Schreibraum, einer Lösung aus dem Schweigen …

Es ist leer in mir, immer noch. Nichts drängt mich, kein unbändiges Sagebedürfnis, keine ungeduldigen Worte, die von innen an die verriegelte Tür pochen, keine Eruption nicht zu zähmender Textfragmente. So wie es früher war, über lange Zeit, so ist es derzeit nicht.

Höchstens die Stille, meine Stille – sie drängt, sie fordert. Soll sie ruhig, ich gebe ihr mein Ja. Dieses Ja habe ich ihr versprochen, einst, vor nicht ganz zehn Jahren, als wir beide in inniger Zwiesprache waren wie selten zuvor in meinem Leben. Nun bin ich nicht gut im Mich-Verpartnern, im Ja-Wort-Halten, und so hat es die Stille nicht immer leicht mit mir. Wie schnell ich ihr zu entfliehen weiß, davon kann sie mehr als nur ein Lied singen.
Gleichwohl ist sie mein Herauswinden und Entfliehen gewohnt, so scheint mir, und weiß, sich ihm in stets wandelnder Gestalt entgegenzusetzen. In welchem Kleid sie mich nicht alles umgab in diesen zehn Jahren. Als Schreibfeder (welche zuweilen die äußere Form einer Tastatur annimmt:)), um wirrem Kopf- und Seelengetaumele ein Geländer ruhiger Wörterketten als Halt zu geben. Als Klavier-, später als Cellosaite, um meinen unhörbaren Liedern Klangraum und Realität zu verschaffen. Als Linse, durch die sich die Turbulenzen unruhiger Atemluft zu Bildern formen. Sogar als Fahrradreifen, der im Gleichtakt äußerer Bewegung die innere behutsam an die Hand zu nehmen vermag. All das. Und in Gestalt vieler, vieler Menschen vor allem, die ich vor zehn Jahren noch nicht erahnte und die in Begegnung, Spiegelung und Widerrede ihre je eigene Form der Stille mit mir teilten und teilen.

Ich bin dankbar. Auch wenn zuweilen mein von außen unversehrt und schönglatt wirkendes Gefäß bis an den Rand mit Schmerzendem, Stechendem gefüllt ist. Ich ahne mehr und mehr, dass es sich dabei um die noch nicht vom Zug der Zeit abgeschliffenen und entgrateten Scherben meiner alten Gefäße handelt, in denen ich so viele Jahre verbrachte. Dieser Gang von innen nach außen, dieses Entblättern, Entfalten, Herausbrechen aus Käfigen schmerzt, es ist Wehen und Gebären. Suche ich einen Atem dazwischen zu schöpfen, bietet sich mir die Stille als Boden dar.
Dankbar bin ich. Dankbar für jede einzelne von Stille geleitete Begegnung – viele von ihnen haben hier in diesem Schreibraum ihren Anfang genommen! Dankbar für meine Schreibfeder, meine treue Botin von Nachrichten der Stille an mich – weil sie mein Hasten verlangsamt, weil sie meine Unruhe auf eine Kette fädelt und das Mäandern zwischen Gedanken und Welten eindämmt, weil sie mich immer wieder in Wachheiten hat eintauchen lassen. Ja, immer immer wieder.

Nun sitze ich hier, erstmals seit langer Zeit wieder schreibend für’s Gelesenwerden. Lange habe ich es vage gewollt, aber in der pochenden Unruhe des vergangenen (Schul)Jahres nicht umzusetzen vermocht.
Ungewohnt ist es mir geworden, mein innerer Zensor schaut als Troll von der Schulter und fingert nach der Löschtaste. Mein Kopf schmerzt, ein Migränewochenende, erstmals seit Wochen, ja fast zwei Monaten. Mein ganzes Ich trauert um die gerade erst vergangene Radreise. 2000 Fotos sind nichts Bleibendes, wenn meine Alpenwege keine fortgesetzte Spur durch künftige Tage bahnen und wenn der Himmel über meinem Zelt die bedrängte Enge meines Alltags-Hauses nicht nachschwingend aufzuweiten vermag. Vermutlich haben die Rad-Zelt-Wochen neben allem Äußeren – Kilometern und Höhenmetern, Orten und Wegen, Bildern und Twitternotizen – ja eine sogar vor mir selbst verborgene Schicht von neuem Sein hinterlassen. Ihr gilt es – auch mit meiner Schreibfeder – nachzuspüren, um die Reise letztlich in meine All-Tage münden zu lassen.

PS.
Dass ich das Blog heute wieder eröffne und zuvor die vermeintlich notwendigen Veränderungen einbauen konnte, dazu hat ganz wesentlich Herr Irgendlink beigetragen. Für all die (sogar für mich:)) verständlichen Informationen und Anleitungen: Von Herzen ein Dankeeee <3

Von Türen, oder so

Ohnehin sind mir in den letzten Monaten die Worte abhanden gekommen. Die Schreibworte jedenfalls. Hier im Blog, in vielen Email-Kontakten, sogar in meinen Tagebüchern. Sobald ich vor der Tastatur sitze – oder mit Füller vor dem Papier -, sperrt sich etwas in mir, geht eine Schranke hinunter, fällt die Tür – willst Du es denn doch nicht wieder einmal versuchen? – plauzend ins Schloss, starre ich ins Nichts – und mich drängt es weg vom Schreibgerät. Wie um aus einer einengenden, überfordernden Situation zu fliehen. Sogar hier auf dem Rad, allein durch die Landschaft treidelnd, fließen keine Satzfragmente, nichtmal einzelne Wörter, geschweige denn Briefe oder Texte.

Wie ich dann das hier schreibe? Mühsam, Wort für Wort, seit Tagen. Ohne Gespür dafür, was die Wörter schließlich sagen werden, welchen Grundton, welche Stimmung sie haben, wie sich der Text als Ganzes anfühlt. Ich bin weit weg und kann mich nicht in meine Sätze hineinfühlen. Das fühlt sich fremd und bedrohlich an. Das hält mich im Moment auch von Mailkontakten ab. Ich könnte nur Wörter setzen, ohne dass ich Resonanz spüre. Mich hineinversetzen in das auf beiden Seiten Gesagte ist mir unmöglich.

Warum das so ist, erschließt sich mir nicht. Ja, in meinen letzten Monaten war viel Graues, Schweres, Nichtauflösbares. Doch das ist nichts Neues in meinem Leben, und oft war mir in solchen Zeiten das Schreiben ein Zufluchtsort. Diesmal nicht, diesmal entzieht sich mir dieser Kanal völlig und bislang ohne Ahnung, ob er sich wieder öffnen wird. Diesmal irre ich wortlos in meinem Nebel umher.

Vielleicht gilt es dies einfach auszuhalten. Vielleicht wartet am Ende des Nebels eine neue Sprache, ein neues Land, ein neues Fliegen.

Nun ist da noch die Sache mit der DSGVO. Seit Wochen geistert sie vor meinen Augen herum – und ich verschließe mich. Warum auch Zeit und Kraft dorthinein investieren, wo ich das Medium ohnehin gerade nicht nutze. Mir erschließen sich all die Anleitungen, was nun zu tun sei, überhaupt nicht, weil ich schon die banalsten Begriffe darin nicht kenne. Alles, was als „ganz einfach, reduziert und simpel dargestellt“ markiert war, enthielt für mich immer noch tausend böhmische Dörfer. Also ließ ich es, ich hörte auf, mich durch beratende Artikel und Webseiten zu zappen. Und lasse es im Moment. Möglicherweise ist es tatsächlich simpler als ich ahne. Aber für den Moment will ich mich damit nicht beschäftigen.

Weil ich aber nicht weiß, was hier passiert, werde ich in wenigen Tagen diese Blogtür schließen. Ich lösche nichts, ich höre nicht auf, ich mache einfach nur zu. Ich schreibe auch nicht hinter der versperrten Tür, nein, dort wird nichts geschehen außer eine Fortsetzung des Schweigens.

Und wenn sich meine innere Schreibtür wieder öffnen sollte, bin ich sicher: Es werden sich auch Wege finden, hier so umzubauen, dass alles rechtens ist.

Bis dahin – ob das bald oder in der Ferne oder doch nie sein wird – wünsche ich Euch gute, warme, helle Zeiten.

Baumwandelweg #12

Durch ein Jahr hindurch begleitete ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies war ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben worden ist.

 

Großer Baum, kleiner Baum, nebeneinander. In kahlem Winterkleid, auf rötlichscheinendem Feld.

 

Erst mit diesem zwölften Bild fühlt es sich rund an. Aufgenommen vor mehr als einem Monat, fast noch Ende Januar war es also, so wie auch alle anderen Bilder jeweils zum Monatsende entstanden. Eingestellt erst heute, ein Jahr etwa nach dem ersten Bild. Womit sich ein Kreis schließt.
Ein Kreis, den zu gehen ich mir selbst aufgetragen hatte, ein selbsterschaffenes Ritual: zu jedem Monatsende meinen Baum hier abzubilden, immer mit gleichem Fokus, auf dass Veränderungen und die Konstanz in den Veränderungen sichtbar würden.

Hier nun – schaut selbst:

 

 

Nun, und jetzt?
Höre ich auf.

Es fiel mir – zugegeben – schwer und schwerer, mich meiner selbstverordneten Regel zu fügen. Die anfängliche Euphorie, dass dieses Ritual mich regelmäßig auf einen Weg bringt, der mir etwas zu schenken weiß, ist verflogen. Statt dessen wuchs in mir das Bedürfnis, mich aus dem Ritual herauszuwinden, seine Starre abzuschütteln.
Zwar, das nehme ich durchaus wahr, hatte ich viele gute Stunden mit meinem Baum, meinem Weg, hat sich mir Monat für Monat etwas eröffnet, bin ich tatsächlich jeweils ein Stück auf mich zu gegangen, so wie es meine persönliche Geschichte dieses Weges ja von vornherein nahelegte. Und doch war es ein Gerüst, ein starres, zwingendes, unbiegsames, einengendes Gerüst.
Ohnehin bewegt sich mein Alltag in viel zu vielen Käfigen, fehlt es ihm in vielerlei Hinsicht an Freiheitsgraden. Wenn ich mir dann noch selbst zusätzliche Starre verordne …

Was für ein Spiegel! De facto beträgt der Fußweg zum Baum kaum zehn Minuten, sind die Bilder schnell gemacht und noch schneller bearbeitet, es gab ja keine Motivsuche, keine Bearbeitungsentscheidungen zu fällen, zeitlich gesehen also war mein Baumweg selbst in engste Zeitraster zu integrieren. Noch dazu zieht es mich im Grunde immer nach draußen. Und doch blockierte ich mehr und mehr.

Ein Anlass mich einzulassen auf Fragen wie:
Wo setze ich mir selbst Beschränkungen, die mir nicht gut tun?
Wo lebe ich starre, einschnürende Regeln, obwohl ich sie aufweichen oder gar von mir nehmen könnte?
Wieso empfinde ich so manche Alltagsbeziehungen als Korsett, obwohl ich tief innen weiß, dass ich allein durch gedankliches Umstülpen wieder Freiheitsgrade gewinne?
Welche Imperative lebe ich, obwohl niemand außer mir selbst sie ausspricht?
Wohin wird es mich führen, wenn ich von Geländern ablasse und frei zu tanzen beginne?

Punkt.
Und Fragezeichen.

 

Alle meine Baumwandelwege finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Lichtstimme

Noch ganz in meinem Tagesprogramm gefangen, im To-do-Gerüst eines Sonntags, in welchen die vorzubereitende Schulwoche ihre Arme wie immer weit hineingestreckt hat, vom Orchestertermin der Tochter kommend, mit Fast-schon-Montagsblick auf die hetzende Uhr eile ich hierher. Vom Parkplatz sind es ein paar Meter im Freien, endlich frische Luft nach dem Schreibtischtag, ich suche die kleine Kapelle, gehe langsamer, betrete den Raum.
Ich bin da. Und doch noch nicht. Schulgedanken wirbeln, Erschöpfung und Müdigkeit, Überforderungsgefühl, das streife ich nicht einfach an der Türschwelle ab. — Der Sohn braucht für eine Bewerbung hier und jetzt eine Auskunft per WhatsApp – ich sehe die Nachricht, als ich das Handy ausschalten will. Na gut, schnell und verstohlen tippe ich die drei Wörter ein. Mich schämend, dass ich das Handy in diesem Raum nutze. — Ob ich die Tochter pünktlich werde abholen können? Was wenn es länger dauert? — Ich setze mich an den Rand der letzten Reihe, um eher gehen zu können. Ich bin noch nicht hier. Da ist ein Abstand zu den Menschen vor mir, ein Abstand zu allem, eigentlich will ich schlafen.

Und dann beginnt es sich zu bewegen. Den Raum zu bewegen. Mich zu bewegen.
Wie ihr Strahlen vom ersten Moment an den Raum erfüllt. Wie ihre Stimme sich kraftvoll verschenkt. Wie ihr Gesang uns trifft, mich trifft. Wie wir uns unter dem Tanz der Töne öffnen, aus der Zugeknöpftheit starrer Wintermäntel herausbersten. Wie sich unser unhörbares Summen allmählich zu tönendem Klang wandelt. Mehr und mehr. Wie es licht wird, und warm. Wie sich alles öffnet und empfängt, immer stärker …
Ich bin da.
Es ist unglaublich. Ein kleines Mysterium.

Und doch schweife ich immer wieder ab, in meine Räume außerhalb von diesem hier.
Wem ich diese wohltuende Helligkeit alles wünschen würde. Meinen Schüler*innen, denen so oft so viel im Leben fehlt. Wie sehnsüchtig, wie empfänglich sind viele von ihnen für helle Berührungen. Ob nun genau in dieser Form, nein, nicht unbedingt. Aber eben: Berührungen einer Lichtstimme, wie auch immer sie tönt.
Meine Alltagsbereiche ziehen im Innern vorbei. So viel Unbeachtetes, Unerlöstes auch. So viel Sehnsucht in mir, Wogen zu glätten, so lange schon. Während wir singen, überkommt mich eine Ahnung, wie ein Schlüssel zu gestalten wäre. Mein Cello wird mir – mal wieder – zum Lehrmeister werden: hier in der Bank sitzend, begreife ich etwas sehr Starkes – ich werde später erzählen.
Mich erfassen Erinnerungen an Schritte, Wege, Zeiten, die lange vergangen sind, an Verschüttetes und Vergrabenes. Da pochen schmerzende Versäumnisse, manche halten an, es wäre Zeit. Meine Einsamkeiten der letzten Jahre, meine Ängste davor weiterzugehen, wie lange ich dies wohl noch schaffe?, zu Boden ziehende Traurigkeit, mein Wundsein, mit dem ich mich so gern vor mir selbst verstecke, um es auszuhalten. All das. Ich ahnte manches lange nicht mehr, und hier springt es mir plötzlich in die Bewusstheit.
Öffnung schmerzt. Öffnung nimmt schützende Schilde von Wunden. Öffnung – und das weiß ich ja – heilt letztlich.
Ich sitze, stehe, tanze dort hinten in der letzten Reihe und weine. Die Tränen fühlen sich weich an. Weich und verbunden.

Verbunden mit anderen Menschen, die ich hierher mitgebracht habe – ist dies doch ein spezieller Ort. Noch nie war ich hier, obwohl ich Jahrzehnte schon in seiner Nähe lebe. Viele nahe Menschen aber waren und sind hier, manche häufig.
A., die jeden Tag um’s Überstehen, um’s Weitergehen ringt, ja, eigentlich um’s Überleben.
L., der oft hier ist, immer wieder, dessen Weg sich im Kreis windet – wie schmerzhaft dies schon von außen anzuschauen ist – , der aus seiner Verlorenheit in der Welt nicht herauszufinden vermag.
M., die erst vor kurzem die allerobersten Schichten ihres tiefsten vorzustellenden Schmerzes abtrug. Oder bedeckte. Oder verwandelte – was weiß schon ich.
So viele nahe Menschen, die so viel zu tragen haben. Sie alle sind mit mir hier, irgendwie.
Und doch weiß ich nicht, ob die Helligkeit dieses Stimmraums zu ihnen dringen würde? Ob sich Kraft und Vertrauen ins Leben von Mensch zu Mensch weitergeben lassen? Ob diese Worte und Lieder in ein jedes Ohr, ein jedes Herz hineinfinden können?
Auch zu ihr, die die Verwundungen und Schläge der Kindheit nicht aus sich herauszulösen vermag, seit fünfzig Jahre schon nicht?
Und zu ihr, die das Vertrauen in einen tragenden Boden so grundlegend verloren hat, als ihr Kostbarstes ging, dass all ihr Ringen und Suchen immer nur in neue Verzweiflung mündet?
Oder zu ihr, die ihrem Kind ein Grab graben musste? Und zu ihr, die es bald wird tun müssen?
Ich weiß nichts.
Während sie singt, während es singt, während ich singe, während sie singt …

Ja, sie. Sie steht da einfach.
Spricht, und es wird friedlich.
Versprüht ihr Strahlen, und es wird hell.
Tanzt, und es schwingt bis in jede Fingerspitze.

Sie singt.
Es singt.
Alles.

Danke, I.
Danke.

 

im Februar

Wann immer ich zum Monatsende hin – meist wird es ja ein paar Tage später – mein buntes Blatt hernehme, auf welchem sich in verschiedenen Tagesfarben angesammelt hat, was der Monat an Fülle bereithielt, suche ich zunächst nach dem Grundgefühl, der Grundfarbe, welche den Monat ausmachte.
Immer schon taucht bei diesem Rücktasten gleich zuvorderst das Engegefühl auf, welches meine viele Arbeit in mir auslöst. Dies Monat für Monat extra noch zu erwähnen, scheue ich fast schon, es zieht sich ja offenbar als Konstante durch meinen Alltag.
In den letzten Monaten – oder sind auch dies schon Jahre? – kommt wie ein roter Faden das Schlingern in seelischen Achterbahnfahrten hinzu, immer wieder, immer noch, mal mehr, mal weniger.
Nicht anders ist es in diesem Februar. Im Januar hatte ich mich weit aus meiner Mitte werfen lassen, im Februar torkele ich noch immer mit beträchtlicher Amplitude – glücklicherweise schenkt der Monat einigen Freiraum, auch zeitlicher Art, in welchem ich wieder anfangen kann zu atmen.
*
Riesig – und im Alltag kaum zu erfüllen – ist immer wieder mein Bedürfnis nach Alleinzeiten. Rückzug von der Welt in eine selbstbestimmte Stille hinein ist mir so nötig wie dem Fisch das Wasser, um Heilung zu finden für das, was in mir wundgeschürft ist.
Darum kommt mir das erste (korrektur)freie Wochenende des Jahres gerade zur rechten Zeit, darum bin ich dankbar, dass ich mich während der Skireise zuweilen allein auf weite Schneespaziergänge begeben kann, darum atme ich während meiner kleinen Winterradtour – ich schrieb davon – endlich wieder einige Quäntchen Zuversicht, darum beginne ich schon jetzt, aus vagen (Rad)Reise-Ideen für Pfingst- und Sommerferien konkretere Routen zu gießen. Allein die Vorfreude hellt mich auf.
Es kommt wieder innere und äußere Bewegung in meine Tage, und dass der Monat sich mit bis zu zweistelligen Minusgraden verabschiedet, hält mich nicht davon ab, von nun an wieder mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.

Wie gut sich das anfühlt.

*
Etwas in mir richtet mich auf, als zöge ein Marionettenfaden an meinem Hinterkopf. Ich kann den Kopf wieder wenden, mich umschauen und nach kleinen Begegnungen tasten. Die Schnecke verlässt ihr Haus.
Andere Eltern am Rande von Schulveranstaltungen, Kolleg*innen bei einem Kneipenabend, eine Lieblingskollegin während eines Ausflugs, Nachbarn auf der Straße – ich schaffe wieder Worte auszutauschen.
Mehr und mehr allerdings werde ich allergisch gegen Small talk, mische mich nur noch ins Gespräch, wenn es nicht um Banales geht. Und siehe da: Ich habe es selbst in der Hand, spüre ich in diesem Monat oft. Ich selbst bin es, die einem Gespräch Gewicht geben kann. Oder die – falls dies partout nicht gelingt – es verlässt.
Mein Schreiben ist noch immer eingerostet, ich presse Wort um Wort heraus, es fühlt sich zäh und falsch an. Dennoch verlassen ein paar Texte, Karten, Mails, Briefe meine Feder – „eingerostet“ ist offenbar relativ:)

Mein Fotoauge schläft. So ist es eben.

*
In der Schule steht uns mehr als in den letzten Monaten unsere verfahrene Klassensituation vor Augen. Erschöpfung und Tränen bei der Cokollegin und mir, was der Schulleitung nicht verborgen bleibt, woraufhin wir stärkste Rückendeckung und konkrete Unterstützungsangebote bekommen. Wir nehmen alles an, und dennoch fühlt es sich mies an, diesen Kindern einfach nicht gerecht werden zu können. Während der Ferien lässt mich das Thema kaum los, im Schnee stapfend, formen sich in mir neue Ideen: was wir noch alles tun könnten. Stopp, sagt die Schulleitung, Eure Kräfte, Eure Gesundheit. Wo sie Recht haben, haben sie Recht.
Wie froh bin ich im Moment, noch viele andere Klassen zu unterrichten. Dort ist vieles rund und stimmig – einschließlich zahlreicher Gespräche auf dem Elternsprechtag – dort blühe ich auf.
Neue Referendare kommen an die Schule, einige Stunden wird bei mir hospitiert, ich bekomme wertvolle Rückmeldungen. Darunter eine – hach – auf die ich vielleicht 20 Jahre gewartet habe:) Jedenfalls habe ich dies damals bei meiner Mentorin im Referendariat so gesehen, bewundert und mir als Ziel für meinen Weg gesetzt – und jetzt gibt der junge Mann mir einfach ungefragt genau dieses Spiegelbild. Ich weiß noch gar nicht, ob ich ihm glauben darf:)
Mit meinem „eigenen“ Referendar beginnt eine intensive Arbeitsphase, ich erzähle hier lieber nichts, denn es ist ein wenig kompliziert.
Mit einer Handvoll Kolleg*innen initiieren wir eine schulinterne Arbeitsgruppe KUH (Kollegiale Unterrichtshospitation) und machen in einer langabendlichen Sitzung gleich Nägel mit Köpfen.
Erstmals im Leben habe ich Aufsicht bei einer VERA8-Englisch-Vergleichsarbeit, und das erwähne ich hier nur, weil ich sooo aufgeregt bin, ob ich mit den Audiodateien und dem Vorlesen der Anweisungen zurechtkomme:) Mein Cochef kann sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, wie ich da plötzlich mit dem Flattern einer Berufsanfängerin vor ihm stehe.
Der jährliche Mathe-Unitag führt die Kollegin und mich in Erinnerungsgefilde, wir kennen kaum noch Professor*innennamen und fühlen uns folglich alt, während es einfach – wie immer – wunderbar ist, den vielen Schulteams in den Riesenhörsälen beim Knobeln, Basteln, Forschen, Grübeln und Wettstreiten zuzusehen.
*
Auch die Tochter hat es in unser Schulteam hineingeschafft und muss dabei – wie früher schon der Sohn – mich als Lehrerinbegleitung verkraften. Sonst haben wir auf dem Schulflur ja nie direkt miteinander zu tun. Sie überlebt es;-)
Hach, sie wird groß. Erstmals im Leben kann ich sie allein „Klamottenshoppen“ schicken – in Anführungszeichen, weil dies ihr Begriff ist. Auch wenn es sich nur um klar definierte Mengen an Unterwäsche, Socken und Shirts handelt – sie fühlt sich stolz. Und ich bin erleichtert, wieder eine nervige Aufgabe losgeworden zu sein. Zur Unterstufenparty schminkt sie sich und kehrt später verschwitzt, mit tanzwunden Füßen und glücklich zurück.
In der Schule gibt es die Halbjahresinformation und rundherum einige Wochen Sparflamme, was ihr sehr gut tut.
Mit dem Orchester fährt sie zu den jährlichen Probentagen nach Weikersheim, mit ihrem Trio und auf einem Kammermusikabend der Schule tritt sie auf, ihre Wettbewerbsstücke aber lässt sie in maximaler Gelassenheit ruhen. Bis Mitte März sind ja noch mehrere Monate Zeit;-)
Während sie das Zusammenspiel mit ihrem Klavierpartner als immer anstrengender empfindet, seufzt sie plötzlich laut heraus, wie sehr sie ihren Bruder vermisst, und dass hoffentlich nächstes Jahr er wieder mit ihr spielt. Als er darauf spontan per WhatsApp Gleiches äußert – hach, das freut und wämt. Ja, der Bruder fehlt ihr, wer hätte das vor einem Jahr gedacht:)
Ob wir diesem auch fehlen, bezweifle ich. So genau aber weiß ich es nicht, denn wir kommunizieren über knappe organisierende WhatsApps hinaus kaum. Seine Stimmung, Sehnsüchte, Sorgen bleiben bei ihm und seinen dortigen Menschen, und ich staune selbst, wie stimmig sich das für mich anfühlt. Gäbe es Gravierendes, wären wir ja da.
Seine Wege führen ihn jedenfalls weit herum: Zur Klassenfahrt fährt er nach Neapel, bald geht es zum Jugend-musiziert-Landeswettbewerb nach Istanbul (ja, seltsam, aber so ist das an den deutschen Auslandsschulen organisiert), und parallel organisiert er sich einen inneritalienischen Kurzzeitaustausch nach Sizilien. Nebenher bewirbt er sich für einen Musikwettbewerb und ein Mailänder Musikfestival – wir werden aus der Ferne bei der Wahl der Bewerbungsfotos und -videos zu Rate gezogen -, und ich glaube, zur Schule geht er dort auch noch;-)
Gleichzeitig besuche ich hier auf Elternseite einen Informationselternabend für die Kursstufe, seine Kurswahl muss er demnächst aus der Ferne durchführen. Mit den Miteltern schauen wir uns an: War es nicht erst gestern, dass wir zuammen Kindergartensommerfeste organisierten? Abitur 2020 also, sie werden so schnell groß.
*
Was noch? Die Musik. … Immer häufiger schreibe ich von ihr in diesem Rückblick an letzter Stelle. Weil sich hier das Unsagbare und das tausendfach Nochzusagende die Hand geben, weil mich drängt, von dieser meiner zentralen Lebendigkeitsquelle zu erzählen, und mir dann doch die Worte fehlen.
Über Lieder, die ich hörte – ich werde darüber noch schreiben – , und über die, die ich selbst sang – erstaunlich: meine Stimme kann es noch:) – , über ein Zurückgeworfenwerden in meine musikalische Heimat mit ihrem Tanzen, und über mein Weitergehen in der jetzigen Cellogeborgenheit. Über inniges Zusammentreffen in meinen Unterichtsstunden, und über daraus erwachsendes Erkennen. Etwa – und das ist nur eines von vielem – dass ich meine Lagenwechsel auf dem Griffbrett nicht als ängstliches und angestrengtes Müssen, als notwendiges Übel zwischen die Töne pressen darf, sondern dass erst sie den Gesang formen, dass ich sie als ein Wollen, ein freudiges Tanzen begreifen darf. Wieder einmal braucht es ein Ja. Wie im Leben.
Ach je, das versteht ja nun doch niemand …

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ich weiß, dass Wittgenstein es nicht so meinte. Jedenfalls hatte er nicht die Musik im Sinn. Ich lasse diesen letzten Satz dennoch stehen.

Angeradelt

Der Januar war Durststrecke, in die Februarferien schlingerte ich in Bodenschwere und voller Tränen. Was sich da alles zusammengeballt hatte, dies ist – für hier und im Moment – unwichtig. Ganz sicher aber war das Dunkel mitausgelöst davon, dass ich einen ganzen Monat lang nicht draußen, nicht im Freien war, nicht auf den Pfaden rund um unser Dorf, nicht auf ferneren Wegen, nicht per Rad, nicht zu Fuß, dass ich kein Sonnenlicht, keine Winterluft um mich hatte. Dies wurde mir erst im Nachhinein bewusst. WIE sehr fehlte mir das Draußensein, WIE sehr trübte sich alles um mich ein …

Nun, die Ferienwoche im Schnee hellte auf und gab den Fingerzeig, wie heilsam Unterwegssein im Draußen und freies Atmen sind. Nach dieser Woche pumpte ich mein Rad neu auf und fahre seither mit ihm zur Arbeit, Minustemperaturen hin oder her. Dies bewegt, dies belebt. Dies setzt dem Düsteren eine Kraft entgegen.

Als schließlich am Samstag eine strahlende Sonne zaghaft winzige Plusgrade anbot, tat ich, was wohl ein Novum für mich ist: eine Winterradtour. Na gut, sie wurde klein, nicht mehr als 50 Kilometerchen – die aus dem Stirnband herauslugenden Ohrläppchen und die Zehen hätten kaum mehr Eisigkeit ausgehalten – , aber dennoch: Das Tourenjahr ist angeradelt:)

Wie hell dieser Weg war. Wie wärmend. Wie zuversichtlich ich nach all den schweren Tagen plötzlich wurde.

Noch fließen meine Worte tröpfelnd, bewegt sich auch das Kameraauge nur gelähmt. Ja, der Januar hat mich innerlich ausgetrocknet und ins Elementare zurückgeworfen. Doch um nicht ganz ohne Bilder zurückzukehren, tat ich wie schon im Herbst:
Genau alle fünf Kilometer fotografierte ich. Ein Bild in Fahrtrichtung, eines rückwärts, eines nach rechts, eines nach links. Bei Blende, Perspektive und Tiefenschärfe gab ich mir keine Wahl. Ungeschminktes Leben, wie der Wegrand es darbietet. Kein Fokus auf das „Schöne“, das Ansehnliche, das Idyllische, sondern zufällige Lebensblicke, wo sie halt hinfallen.

Wieder war mir dies wie damals schon eine Übung im Annehmen. Welche idyllischen Anblicke der Kamera entgehen und welche nüchternen Bilder dafür vor die Linse geraten: so wie sich Tage und Wege eben zuweilen zeigen. Kaum Aushaltbares im Fokus, das Nährende in Verborgenheit, und ich inmitten. Hoffend, dass ich nie vergesse, wieviel Unsichtbares den Hintergrund bildet.

Hier also Wegebilder: Unten in groß jeweils der Vorwärtsblick, darüber der Blick zurück, und seitlich rechte und linke Wegesränder.

Kilometer 5:

Kilometer 10:

Kilometer 15:

Kilometer 20:

Kilometer 25:

Kilometer 30:

Kilometer 35:

Kilometer 40:

Kilometer 45:

Kilometer 50:

Danke.

im Januar

Was für ein dichtgedrängter Monat, was für eine kaum wegzuatmende Intensität auf so vielen Ebenen. Wie gut, dass ich in den Jahreswechselferien Stille und Gelassenheit tanke, wie gut, dass der Februar zunächst gelassener beginnt – die schwingendste Schaukel braucht Ruhepole, an denen sie aufgehängt ist. So wie wir in der Silvesternacht am Feuer sitzen und uns inmitten der lärmenden Böllerei an seiner Stille freuen, so gehe ich in diesem Monat durch mein Leben. Es tost, und ich suche mir Ruheinseln, auf die ich meinen Fokus richte. Einige Wochenendtage bleiben wohltuend terminfrei, einmal fahre ich zum Korrigieren in die Stadtbücherei, um meine Rotstifteinsamkeit in deren Atmosphäre zu besänftigen, und wann immer es der Stundenplan erlaubt, gehe ich zu frühen und anderen unkonventionellen Zeiten schlafen, wenn es sich danach anfühlt.
Ein Novum: durch eigens besorgten Gehörschutz kümmere ich mich um meine Ohren, die an der Schnittstelle zwischen äußerer und innerer (Un)Ruhe zunehmend um Hilfe flehen.
*
Wie immer ist der Januar Korrekturmonat. Dieses Jahr aber habe ich es übertrieben, habe den Fehler begangen, sechs Klassenarbeiten in diesen kurzen Monat zu legen. 160 Korrekturen und 160 Zeugnisnoten in einer Dreiwochenfrist ist zu viel (was ich mir für’s nächste Jahr merken sollte, die Verteilung der Arbeiten kann ich ja mitentscheiden). Ich korrigiere und korrigiere also, 23 Tage in Folge.
Dazu ist Konferenzzeit, Sitzungen, Absprachen.
Unsere schwierige Klassensituation spitzt sich durch ungute Kommunikation mit Eltern zu, auch die beste Mitklassenlehrerin der Welt hat schlaflose Nächte, wir richten uns gegenseitig auf, kaufen uns Blumen, brechen aber vor der Schulleitung in Tränen aus. Nun bekommen wir Hilfe, und Rückenstärkung sowieso, aber nun: es ist eine vertrackte, nicht zu lösende Situation.
Die neuen Referendare kommen an die Schule, einer ist „meiner“ und will in die ersten Schritte des Lehrerseins eingeführt werden.
Am anderen Dienstort gebe ich nach der letzten Amtshandlung den Schlüssel ab (und eine zwischenmenschliche Begegnung während dieses Termins zeigt mir ein weiteres Mal, wie richtig es war, dort wegzugehen).
Ach ja, und zwischendurch unterrichte ich noch.
*
Daneben ist der Monat wie immer musikgefüllt, beide Kinder bereiten sich auf „Jugend musiziert“ vor – ja, auch in Mailand gibt es das -, und beide spielen sich in die nächste Runde. Während die Tochter hier im Ländle verreisen wird, darf der Sohn dafür nach Istanbul fliegen, na, schon dafür hat es sich gelohnt.
Was mich aber – bei aller Freude an der Musik, die sie mit ihren jeweiligen Ensemblepartnern gestalten – noch mehr beglückt: Beide sprechen deutlich aus, wie sehr sie sich darauf freuen, nächstes Jahr wieder zusammen zu spielen. Das haben wir so deutlich von ihnen auch noch nicht gehört:)
Ansonsten scheint es dem Sohn an seinem neuen Lebensort blendend zu gehen, er hat in die Sprache hineingefunden und weitet seinen Aktionsradius aus, findet neue Freunde und neue Hobbys, reist im Land umher und bindet sich nur noch mit spärlichen Fäden ans Hiesige.
Unsere Gasttochter führt verglichen damit ein ruhiges, fast schon zurückgezogenes Schul- und sonstiges Leben, ist – bis auf ein Camp der Austauschorganisation – kaum unterwegs, trifft sich nur hin und wieder mit Mitschülerinnen und ist noch auf der Suche nach ihrem inneren Ort während dieses Jahres. Wir tasten weiter, ob wir ihr dabei irgendwie helfen können.
Zwischen den beiden Großen blüht die kleine Schwester auf, wirft Haare und Klamotten immer pubertierender um sich, versinkt im Chaos ihres Zimmers (einmal darf das hier so deutlich gesagt werden;-)) und tanzt dabei auf Lebensfreudewellen durch ihre Tage.
*
Vor allem in den Ferien zu Monatsbeginn haben wir mehr als im Alltag Besuch im Haus, befreundete Familien, die ehemalige Klavierlehrerin der Kinder, Nachbarn und eine italienische Studentin.
Dazu treffen wir die Gastfamilie des Sohnes, welche traditionell in einem der Nachbardörfer ihr Silvester verbringen – eine lange Geschichte voller unglaublicher Zufälle. Den Sohn haben sie für diese Deutschland-Kurzreise nicht mitgebracht, das wollte weder er noch wir. Wir bekommen aber viel über ihn erzählt und spüren, was wir aus der Ferne schon vermuteten: Wie wunderbar er es in dieser Familie getroffen hat.
Und übrigens: Während der Begegnung teste ich erfolgreich, dass ich mich auf Italienisch bereits ein wenig verständigen kann, sogar über den Kaffee-Smalltalk hinaus in wirkliche Themen hinein. Nach einigen Monaten Italienischlernen im Selbststudium ermutigt das ungemein, so dass ich umgehend einen Sprachkurs ab März buche, damit die Kommunikation im Sommer dann noch glatter geht:)
*
Mein Cello begleitet durch all das. Wie konnte ich all die Jahre ohne dieses Instrument leben?
Täglich wird es reicher und beglückender. Der Zauber des Anfangs – welcher jetzt genau ein Jahr zurück liegt – ist mitnichten verflogen, im Gegenteil. In den Unterrichtsstunden fühle ich mich geborgen im gemeinsamen Musikerleben, es ist warm und intensiv, und manchmal gelingt mir dort, unter der Hand der Lehrerin, was ich zu Hause beim Üben noch als große Unzufriedenheit erlebte. Darüber sprechen wir auch: wie gehe ich mit mir um, wie sehe ich mich selbst, wie erlebe ich mich, wie schaffe ich es mich anzunehmen und meine Töne schön zu finden. Am Instrument gehe ich hierbei Schritt um Schritt weiter, und vielleicht lassen sich solche Schritte auch in meine Lebensdinge hinüberbringen?
Zeichen meines Weitergehens ist jedenfalls auch ein neuer Cellobogen. Als ich den Cellobauer wegen des Kratzen und Knarren des alten befrage, vermutet der, ich sei für den einfachen „zu weit“, wie er sagt, worauf ich einen anderen (besseren? teureren? ich frage nicht nach:)) bekomme. Der neue Bogen jedenfalls bringt sanftere, weichere Töne und Übergänge, mit ihm lassen sich plötzlich Phrasen auf eine Weise gestalten, an der ich mich bisher vergebens abmühte. — Das bräuchte man ja manchmal auch für’s Leben, so einen neuen Bogen …
*
Nun, auch wenn ich es in diesem Monat so gut wie nie nach draußen schaffe, keine Rundwege ums Dorf gehe, mich nicht mit meinem Baum treffe … hm … was natürlich auf lange Sicht so nicht sein darf … bleibe ich innerlich bei mir.
Die leise juchzende Lebensfreude, die Stille, das Innehalten des ersten Januarmorgens tragen durch den ganzen Monat, ich staune selbst.

Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten drei Jahren begann ich unter derselben Überschrift um dieselbe Zeit hier mit etwa diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch jung. Seine ersten Tage, ja Wochen gehören dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen und diese dann oft sehr ruhig verläuft, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen und bewusst hinüberzugehen. So kann ich mich an viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken und Empfindungen. Und auch an gute Vorsätze erinnere ich mich, natürlich.
Wie es aber ist und immer war: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch kaum berührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße an und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei. Von nun an laufe ich also richtig …“
Natürlich aber können solche Vorsätze nicht lange verhindern, dass wir weiterhin schlurfen, torkeln, trampeln, irren wie zuvor … und was ist überhaupt falsch, was richtig? — Ich gehe, wie ich eben gehe. Ich bin, wie ich eben bin. — Vielleicht gibt es nur einen einzigen sinnvollen Vorsatz: Ich möchte mir meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein erlauben.
So also stehe ich vor dieser kaum berührten Jahresfläche und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen. Sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los.
Aber ich darf mir etwas wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre – die Texte finden sich hier, hier und hier – ein wenig erfüllt haben? Wenn ich sie rückblickend lese, sehe ich kleine Schritte. Ich sehe aber vor allem, dass sich alles zu wiederholen scheint, möchte ich doch für dieses Jahr ganz Ähnliches formulieren. Der Weg ist eine Spirale und windet sich an immer gleichen Aufgaben hinauf. Die jungen Jahre der steten äußeren Veränderungen sind vorbei, nun ziehen sich innere Entwicklungen über Jahres- und Jahrzehntzeiträume.
So mag es wie Wiederholung klingen, wenn ich diese Jahresfläche mit Wünschen betrete, die denen der Vorjahre ähneln. Bei jedem einzelnen aber spüre ich Entwicklung und Veränderung gegenüber früher, in so vielen Bereichen weiß ich, dass ich vorangegangen bin.

Ich wünsche mir – das kann man nicht oft genug sagen – für mich und meine Lieben, dass wir gesund bleiben dürfen. Dies ist kaum selbstverständlich, ich muss mich nur umschauen.
Innig hoffe ich, dass die Tochter in ihrer oft schwierigen Situation weiterhin mutige Schritte setzt, dass der Sohn im Sommer heil aus der Ferne zurückkehrt, und dass meine Liebsten und Nächsten auf guten Wegen unterwegs sind.

Für mich selbst wünsche ich mir, meine Bedürfnisse immer wieder erspüren und ertasten zu können und sie aus ihren Käfigen und Gerüsten herauszulassen. Dies bleibt wohl mein lebenslanges Übungsfeld: mich zu öffnen, wenn mich etwas bedrängt, mich in einen Dialog zu begeben, wo Klärung heilsam wäre, und das Nein-Sagen zu üben.

Ja, ich wünsche mir Offenheit für ein Aufeinanderzu in jeglichen Begegnungssituationen, selbst in unscheinbarsten Alltags-Smalltalks. Bei diesem Weg fühle ich mich immer wieder sehr am Anfang. Mich im wahrhaftigen Zuhören zu üben – und nicht in lamentierendes Widersprechen und in Bewertungsrituale zu verfallen – wie schwer, wie schwer dies immer wieder ist. Nicht für alle meiner unguten Beziehungsfäden habe ich genug Gelassenheit, Geduld, Nachsicht und Selbstliebe. Die Nähe dennoch zuzulassen – aber auch die Entfernung, wenn diese heilsamer ist – dies würde ich gern etwas besser lernen.

Das wichtigste Aufeinanderzu ist dabei sicherlich dasjenige mit mir selbst: Wie oft fehlt mir die Fähigkeit, mich selbst in den Arm zu nehmen, wie oft fühle ich mich klein – ich wünsche mir Wege in ein heilsameres Zugehen auf mich selbst. Ich würde gern Behutsamkeit in allen Dimensionen und einen sanften Umgang mit meiner Lebensenergie, meinem Körper und seinen Ressourcen finden. Dazu gehören auch Tränenräume, in die ich mich von Zeit zu Zeit zurückziehe.

Für meine Alltags- und Arbeitsberge wünsche ich mir ein stetes Weitergehen auf dem bisherigen Weg, auf dem ich schon viel Bedrängnis von mir geschoben habe, auf dem schon viel Versöhnlichkeit und Gelassenheit eingekehrt ist. Dennoch ist und bleibt es viel, das alles, und wenn ich meine vielen Listenpunkte und meinen Zugang dazu immer wieder schreibend sortiere, so steckt darin unter anderem die Hoffnung auf Klarheit. Ja, ich wünsche mir, immer wieder im Inneren – wie im Äußeren:) – aufräumen zu können, so viel ich es brauche und es vermag.

Inmitten der täglichen To-Do’s bewusst mit meiner Zeit und meinen Kräften umzugehen und in die Gegenwart hineinzufinden, dies möchte ich stündlich und täglich üben. Es braucht Mut zur Langsamkeit und gelegentlich zum Nichts-Tun, damit sich die reiche Fülle meines Lebens wirklich und intensiv entfalten und ich mich dem einzelnen Moment hingeben kann.

Ich wünsche mir und uns Musik, hier im Haus und in der Welt, in und um jede und jeden von uns. Musik als Seelenatmen, so möchte ich es gern immer wieder und immer tiefer erleben, vor allem an meinem geliebten Cello. (Übrigens: Ob es wohl das Jahr wird, in dem ich mein eigenes Cello finden werde?)

Ich wünsche mir und uns Unterwegssein, allein oder gemeinsam, gern wieder auf dem Rad (ein vages Plänchen ist in Sicht:)), in jedem Falle aber als stete Reise zu uns selbst.

Und Frieden wünsche ich mir und uns nicht zuletzt, Hoffnung und Zuversicht für alle Bewegung, die unsere einzelnen und unser gemeinsames Leben erfasst. Nie versiegenden Mut zu träumen, Tanz in jeder Form, Staunen und Stille …

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Ich habe mir Zeit genommen, schreibe sie erst jetzt in der Nacht fertig, wo man in Russland – und wer weiß wo noch – das Staryj novyj god begeht, das Neujahr nach altem Kalender.
Abschließen möchte ich meine Wünsche mit denselben Worten wie die vergangenen Jahrestexte:

Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


Danke an ein reiches Jahr

Meine Ferien gehen ebenso wie die Raunächte dem Ende zu, und damit die stille Zeit, in der ich im gerade noch vergehenden Jahr umherstreife, mich in Gedanken und Bildern zurückversetze, durch Kalender und Tagebücher blättere und das Jahr kaleidoskopartig noch einmal zu mir zurückkehren lasse.
Unglaublich, welch Fülle und Überfülle sich vor mir ausbreitet. Ich staune.

Wie dankbar ich bin, dass ich mein prallvolles Leben – bei aller zeitlichen Enge – als unendlich weit wahrnehme. Danke, dass ich gesund bleiben durfte. Danke für meine Dankbarkeit.

Danke für meine inneren Schritte dieses Jahres, es waren nicht wenige, sie waren nicht klein …
… in mancher Hinsicht ist Gelassenheit und Versonnenheit, eine Sanftheit gar eingezogen …
… zu einigen meiner Bedürfnisse vermochte ich besser hinzuspüren, begann, mich ihrer anzunehmen …
… kleine mutige Schritte ging ich beim Ziehen meiner eigenen Grenzen …
… und der „gute Ort“ in mir, mein innerer Tempel, oder wie auch immer ich dieses Zentrum des ureigenen Friedens benenne, war mir zuweilen gut spürbar und präsent.

Danke für all die Momente, Orte und Dinge, die mir dabei geholfen zu haben, weiter zu mir zu finden …
… die kleine neue Feuerschale im Garten …
… die Wege rund um unser Dorf …
… Stifte und Papier (und Tastatur natürlich:)) …
… Bücher, Kerzen, Kamera, all das …
… zuweilen das Nichts, mit dem es sich wunderbar beieinander sitzen lässt …
… und – natürlich – mein Cello.

Ja, danke in ganz besonders tiefer Weise für mein Cello, welches sich mir in diesem Jahr geschenkt hat …
… für die Musik, die es täglich zu mir bringt und durch die ich mich und das Singen in mir auf intensivste Weise erlebe …
… für die wunderbare Lehrerin, die mich dabei sanft an die Hand nimmt …
… für all die Spiegel, all die Lebenslehren, die ich täglich durch dieses Instrument aufgezeigt bekomme …
… für die Geduld, die gefordert ist, und für die große Chance, meine eigene Musik lieben zu lernen.

Danke für überhaupt jede Musik, die mein Leben bereichert …
… für das Musizieren der Kinder – wie sehr es zu meinem Alltag gehört, spüre ich, seitdem der Sohn nicht mehr vor unseren Ohren, sondern in der Ferne übt – wie still unser Haus geworden ist …
… apropos Ferne: für seine dortige Lehrerin, die zu ihm passt wie der hiesige – was für ein Glück …
… für die Celloschritte der Tochter, die in ihren verschiedenen Ensembles immer schöner und inniger spielt …
… und besonders für die Freundschaften, die beide Kinder durch ihr gemeinsames Musikerleben mit Gleichaltrigen gewinnen.

Danke für mein Leben mit den Kindern, immer und immer wieder …
… für ihr Reifen und Wachsen vor meinen Augen, in diesem Jahr ja besonders sichtbar, als der Sohn zu seinem Italienjahr aufbrach und dort nun seine eigenen Wege sucht, in den Händen und Herzen einer wundervollen Familie gelandet …
… dafür, dass unser Band dennoch hält und trägt, auch ohne tägliche Alltagsnähe …
… für all die Erfahrungen, die auch für mich mit diesem Loslöseprozess, mit unserem Abschied von der Kindheit verbunden sind …
… für alles, was die Kinder in mein Leben hineintragen: ihre Offenheit, ihr unverstelltes Sein, ihre Empathie, ihre Kreativität, ihr Leuchten, und dazu ihre wachsende Selbstständigkeit – das alles ist alltägliches Geschenk …
… für unser Zusammenleben mit der Gasttochter, für all die bereichernden spannenden neuen Aspekte unseres Familienalltags.

Danke für Begegnungen mit Menschen, für meine Familie, für unsere Freundinnen und Freunde …
… für neue Menschen, mit denen ich in diesem Jahr Nähe gefunden habe …
… für lange Tage und Abende voller Nahrung hier an unserem Tisch oder an den Tischen befreundeter Familien …
… für kleine und große funkelnde Alltagskontakte, im Dorf, im Schulumfeld, in den Kreisen der Kinder …
… und für die eine oder andere schwierige Kommunikationssituation auch, in der ich eine Übechance hatte, das, was nicht zu mir gehört, bei der oder dem anderen zu belassen.

Danke für meine Schule, meinen Arbeitsort mit der so offenen Atmosphäre, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann …
… für all die Klassen, die mir immer wieder ans Herz wachsen, und für die täglichen Apfelbäumchen-Situationen, die dieser Beruf schenkt (und dafür, dass ich mir dessen bewusst bin, bei aller Bedrängnis, der man im Schulsystem alltäglich ausgesetzt ist) …
… für meine Schulleitung und mein Kollegium, in dem es warm und geborgen ist (und sich trotzdem nicht nach Kuschelkurs anfühlt), in dem zuweilen Ideen, Visionen und Träume reifen – und konkretisiert werden …
… für meinen Abschied vom zweiten Dienstort, inklusive innerem Frieden mit dieser Entscheidung.

Danke für mein Unterwegssein …
… für unsere große Tochterradreise nach Berlin, für meine Pfingstrunde, für all die kleineren Radwege …
… für eine riesige New-York-Reise und nicht ganz so riesige Italien- und Deutschland-Urlaube …
… für die Wege rund um mein Dorf, zu meinem Baum und um ihn herum und weiter hinauf …
… und für ruhige Ferientage hier im Haus.

Und danke für die Alltagszeiten …
… für die Versöhnlichkeit, die ich gegenüber meinen Alltagsbergen gewonnen habe, für eine sanfte Ruhe und eine Tempoverringerung in allem Viel-bleibt-viel …
… für ein wenig Umlenken des Fokus vom To-do- auf ein Done-Gefühl, welches zuweilen gelingt – und dass ich es so oft thematisiere, auch hier im Blog ja, dies ist vielleicht mein Weg, damit umzugehen, mich damit zu arrangieren, jedes Jahr ein Stückchen mehr?

Danke – nicht zuletzt – für all das, was in diesem Jahr fehlt und fehlte …
… für die Freundin, an deren Grab wir in diesem Frühjahr standen – für die Erinnerung an alles, was wir teilten …
… für Menschen, zu denen mir in diesem Jahr einen Faden zu knüpfen (wieder) nicht gelang – für die Aufgaben, die sich mir damit beim Weitergehen stellen …
… für das, was ich versäumte, was ich bereue, was ich schlicht vergaß zu tun – eine lange Liste bleibt für den weiteren Weg.

Eine Liste, ein Weg voller Aufgaben, die nur zum Teil mein aktives Zutun benötigen. Alles andere fordert zum Bereitsein auf, so wie ich schon die letzten Jahre schrieb:

Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

im Dezember

(Offenbar ist diese Form des Monatsrückblicks nicht mehr ganz meine, wenn ich mehrere Tage lang um sie herumschleiche, letzten Monat ja auch schon, und wenn ich mich regelrecht überwinden muss, den Kalender durchzugehen, um das Geschehene zusammenzutragen. Ich bringe dieses Jahr nun trotzdem auf diese Weise zu Ende, und in einem Monat schaue ich, ob sich diese Form halten wird, sich in eine andere verwandelt oder möglicherweise verschwindet …)

 

Ruhigen Schrittes durch einen Dezember zu kommen ist eine Kunst für sich. Offenbar aber habe ich mich in den letzten Jahren ausreichend darin geübt, denn es gelingt. Jedenfalls gemessen an dem Wirbel, der ringsum tobt, gehen wir gelassen durch unsere Dezemberwochen.
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Eine unserer langjährigen Traditionen dieses Monats, das Plätzchenbackwochenende mit der Freundin, findet erstmals ohne unsere großen Kinder statt. Dafür bauen wir mit mehreren Tochterfreundinnen zusammen seit langer Zeit wieder einmal Lebkuchenhäuser. Einige dieser Hausbausätze wandern in die Ferne, nach Italien und Slowenien beispielsweise, und kommen in Form von Fotos zu uns zurück, hach.
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Erstmals ohne den Sohn verbringen wir auch das Weihnachtsfest, was nicht so schwer wie erwartet fällt. Am Heiligabend senden wir ein paar Fotos und Videos hin und her – sie singen dort deutsche Lieder nach Smartphonetexten mit italienischem Akzent:) – und am zweiten Feiertag skypen wir kurz, um zu sehen, dass es allen sehr gut geht und der Sohn lediglich unter den riesigen Essensmengen leidet.
Schwieriger ist es für mich allerdings in den Wochen davor, als alle unsere Pakete partout nicht in Milano ankommen wollen und das Auffinden und Abholen in Depots zur großangelegten deutsch-italienischen Familiensache wird. Hierbei spüre ich mehr als deutlich, dass doch ganz schön viel Mutterherz in den verpackten Dingen steckt, und dass es auch dem Sohn unerwartet wichtig ist, diese Dinge zu bekommen.
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Natürlich ist es ein Monat mit viel Glühwein auf verschiedenen Weihnachtsmärkten und Freundesabenden, wir dürfen ein paar Mal durch den Schnee stapfen und gelegentlich auch durch Regenmatsch, die Menge der adventlichen Vorspiele und Weihnachtskonzerte ist drastisch reduziert, es sind – bei nur noch einem musizierenden Kind im Haus – nur drei, was ich als sehr erholsam empfinde.
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Wir feiern staunend und begeistert die Habilitation der Freundin, besuchen mit einer anderen Freundin Frankfurt und dort eine bewegende Ausstellung, zeigen uns mit einer dritten Freundin, dass sich auch in der Vorweihnachtszeit einfach so ein Abend zum Biertrinkengehen finden lässt und verbringen überhaupt viele Abende mit anderen Menschen zusammen, um gemeinsam zu essen, zu trinken, zu reden, zu träumen.
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Nach langer Zeit habe ich endlich wieder Cellounterricht und eine sehr innige Begegnung mit meiner Lehrerin. Es ist Geschenk, zu diesem Instrument – und zu ihr – gefunden zu haben, mein Leben ist reicher und erfüllter geworden. Auf der Rückfahrt von dieser Cellostunde weine ich im Auto vor Glück.
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In der Schule durchlaufe ich wie viele Kolleg*innen den monatstypischen Korrekturmarathon, entsprechend schreibt die Tochter eine Klassenarbeit nach der anderen. Das erschöpft alle Seiten, und als am 22. Dezember um 11 Uhr endlich die Schule aus ist, fallen wir alle ausgelaugt in eine Art Winterschlaf, oder jedenfalls in die schönsten Ferien des Jahres, in denen es – wie immer – ein paar Schlafanzugtage zwischen den Jahren gibt (die Gasttochter wird in diese innerfamiliäre Tradition eingeweiht und trägt sie mit Fassung:)).
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Im Tochterzimmer werden Legoberge verbaut (und zuvor sortiert – über weite Strecken von mir), von meinem Schreibtisch verschwinden für zwei Wochen sämtliche Schuldinge, so dass Platz für ein paar 1000er und 2000er Puzzle ist, die Spazierwege rund ums Dorf begrüßen uns nach teils mehrmonatiger Abwesenheit innig, und die Tage sind erfüllt von Stillephasen jeglicher Form und Farbe. Da sind Bücher und Tagebücher, Schreib- und Malstifte, Musik und Stille, Erinnerungen und Träume … und Wintersonnenwende- sowie Silvesterfeuer voller Hoffnung.
Wie intensiv und nahe bei mir ich in diesen Tagen immer bin. Wie wichtig es mir ist, dass das Jahr auf diese ruhige Weise ausklingen darf. Wie sehr ich wieder Kraft und Lebensfreude in mir finde.

 

staunend

Das Staunen gehört zu den stärksten Kräften, die uns in die Wiege gelegt wurden. Und gleichzeitig ist es eine der schönsten Fähigkeiten, die es gibt.
(Erling Kagge)

Wie ich von strahlender Morgensonne an blauwildem Himmel geweckt werde,

und es auf der Terrasse warm und mild ist, fast wie an einem Frühlingsmorgen,

mit welch innerer Stille mich dieses Jahr an einem ersten Morgen empfängt und sanft in seine Arme nimmt,

wie ich ruhig und vorfreudig Schritt für Schritt durch diesen Tag gehe, obwohl er eine unerwartete und fast fordernde Begegnungsdichte bereithält,

wie mich Tochters Cellospiel – sie hat meine Celloschule stibitzt und spielt Lektion für Lektion durch – in mein Wachsen des vergangenen Jahres rückentführt (nicht nur am Cello ja), und ich tief beglückt zuhöre,

wie sich eine Herzensunruhe der vergangenen Tage allmählich in frohe Gelassenheit verwandelt,

wie wir der Gast(groß)familie des Sohnes begegnen, über alles und ihn sprechen, und es, obwohl wir uns vorher alle nicht kannten, ein rundum vertrauter Nachmittag wird,

wie ich ebendort von Gastmutter und Gasttante einige Dinge erfahre, über die mein Sohn mit mir nie sprach, und wie ich dies ohne eine Winzigkeit von Eifersucht wahrnehme, ja im Gegenteil riesig berührt bin, mit wie viel Vertrauen er diesen neuen Menschen in seinem Leben begegnet,

wie ich einen Nachmittag lang auf Italienisch kommuniziere und – hej – es geht!,

wie ich abends in großer Müdigkeit mehr schlecht als recht auf dem Cello kratze und mich dennoch nicht – wie so oft – darüber gräme,

wie sich die vielen kleinen Freuden des Tages, ja der vergangenen Tage in einem warmen Bauchkribbeln in mir ansammeln.

Wie viel dies ist. Ich staune, wie sehr dieser Tag vom Staunen getragen war, was aus der Stille eines Tages alles zu klingen vermag, .

Und Ihr, worüber habt Ihr heute gestaunt?

Baumwandelweg #11

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Mein letzter Baumweg des Jahres, an seinem fastletzten Tag. Am späteren Nachmittag gehe ich hinauf, schon ist es wieder möglich, nach 16 Uhr genug Licht für ein Bild zu finden, noch keine zehn Tage nach der Sonnenwende.
Wie intensiv mich diese Silhouette in diesem Jahr begleitet hat. Dieser Blick, dieser Baumgefährte, und die Wege, die von dort immer noch weiter hinauf führten …

 

Großer Baum und kleiner Baum vor einem abendlich dunkelblauen Himmel.

 

Dort hinauf, dort hinten, wo sich mir das Hügelland mal behütend, mal fordernd entgegenstreckte. Heute schaue ich ihm nur aus der Ferne beim Sein zu. So wie der Mond. Und: so wie dem Mond.

 

Dunkelblauer Abendhimmel mit einigen hellen Wolken, dem Mond und im Vordergrund eine Baumreihe.

 

Heute wandere ich einen anderen Weg weiter, treffe Baumgeschwister des meinen, verliere mich mit meinem Blick im Geäst. So wie – wiederum – der Mond es tut. Wie er durch den Baum wandert …

 

 

Und falls es jemandem auffällt, dass die Richtung der Mondbewegung nicht die astronomische ist: Es war – in jenen Momenten – auch nicht der Mond, der wanderte, sondern ich. Aber was macht das schon, sind doch Bewegungen eh relativ, gehen ineinander über, verwandeln sich ineinander.

 

Dunkelblauer Abendhimmel mit Baumreihe und Mond.

 

Und dann gehe ich zurück in mein Haus. Wieder vorbei am weiten Horizont, wieder vorbei an meinem Baum.

 

Großer Baum und kleiner Baum vor einem dunklen Abendhimmel.

 

Manchmal möchte ich so sehr danken, dass mir die Worte fehlen.

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Schneegrund

Wie fragil er ist. Sinkt er doch beinahe unter seinem eigenen Gewicht zusammen. Umso mehr unter bleiernen Schritten.
Schritte zerreißen Stille, knirschender Gang in zerbrechlicher Schneeruhe.
Spuren, die nicht verwehen?

 

 

Schneegrund ist leicht wehend fließend, macht sichtbar, was sonst verborgen, zeigt Täler und Anhöhen, gibt dem Weg eine Wellenform.
Und nimmt sie wieder. Weil sich doch alles gleichen wird in dieser weiß-weißen Umhüllung?

 

 

Schneegrund ist behutsam wegweisend, zeigt sanft, wie wichtig der Ort des Schrittes ist, und wer hier ging. Deutet an, wo zu gehen ist, wo gegangen sein wird.

 

 

Schneegrund besteht aus Wolken und Wölkchen. Schaut her, wie sich das Weiß in wagemutigen Ballen auf allerdünnste Zweige niedersetzt, wie es sich hält, ohne zu klammern, wie es der Schwerkraft widerstrebt und friedlich sein eigenes Gesetz lebt, dieses Weiß.

 

 

Das Zerbrechliche des Grundes bekommt mir ein anderes Gesicht. Nicht mehr fragil will ich ihn nennen.
Ich sehe zu, wie er mich trägt. Und dass ich meine Spuren vor mir selbst nicht länger verbergen kann.
Nicht als zerstörende will ich sie lesen, sondern als ein Es-ist-wie-es-ist, und als ein Etwas, welches sich im späteren Tauen in die Aufhebung begeben wird.
Schnee, zeigst du mir das?

 

 

Wohin wirst du führen? Was wird an deiner Schwelle erscheinen, in welches Kleid und Licht wirfst du das alles?
Und wie kann ich deine Stille in mich nehmen, wie kann ich beginnen in ihr zu leben, du sanfter Schneegrund?

 

Wege ohne Farben

Es gibt Wundertage, und es gibt Graubrottage. Genau genommen gibt es wohl mehr von letzteren, wenn man sich die Mühe des Zählens machte, wenn es auf die Zahl denn ankäme.

 

Hügelige Landschaft, braun-grün, unter grauem Himmel.

 

Gestern morgen waren wir draußen, suchten uns eine kleine Wanderung für Füße und Herz. Es war einer der kürzesten, lichtlosesten Tage des Jahres; die Kamera, das Fotoauge lief trotzdem mit. Obwohl da nichts war, was bewahrenswert oder ergreifend schien, oder auch nur mit einem Hauch von farbigem Funkeln versehen. Alles düster, wirr, trüb verwoben … und irgendwie normal, für diese Zeiten. Ich drückte dennoch von Zeit zu Zeit auf den Auslöser – ohne mir Mühe mit der Motivsuche zu machen. Ohnehin wirkte alles gleich in gleich.
Wozu eigentlich, dachte ich, als wir noch unterwegs waren, halte ich dies hier fest. Wozu eigentlich, dachte ich umso mehr, als ich diese farbigen, lichtsprühenden Bilder sah. Ein wahres Wunder: Bilder, die mich staunend und berührt hinterlassen, Bilder, welche den Zauber der Liebe in sich tragen. (Sie sind vermutlich zur gleichen Stunde aufgenommen wie meine.) Meine sind farblos, langweilig und nur zum Löschen gut, war mein erster Impuls.

Nun, und jetzt sind sie hier doch zu sehen, meine Graubrotbilder. Als Kontrapunkt zu den strahlenden eben, als Bilder eines ebenso wahren Wunders, eines noch viel größeren Wunders vielleicht? Weil sie das Eigentliche darstellen, das Alltägliche, welches nicht immer berstende Farben bereithält, und nicht den Pik der Zeiten, in denen das umgebende Strahlen von allein trägt?
Oh nein, ich will nicht vergleichen. Alles hat seine Zeit. Es gibt diese Momente, und es gibt jene. Manchmal fühle ich mich beschenkt, manchmal beraubt. Täler und Berge wechseln einander ab, in einer einzigen Wellenbewegung.
Und doch gibt es Menschen, gibt es Leben, deren Tage vor allem so ausschauen wie meine Bilder: Menschen, welche sich in Zauberhöhen nie emporzubewegen vermögen, warum auch immer. Zuweilen haben auch meine Tage diese jubel- und zauberlose Gestalt, fühlen sich düster und gebeugt an, und verharren lange darin. Schritt-für-Schritt-Zeiten eben, ohne jedes Fliegen.

 

 

Und dann gehe ich los. Und gehe. Suche, dennoch. Oder nein, „suchen“ ist nicht das richtige Wort. Etwas in mir geht weiter, ohne zunächst den Blick auf ein Ziel zu richten.

 

Ein grauer Werg inmitten eines düsteren Waldes. In der Ferne eine Wegverzweigung.

 

Bis das Auge begreift, welche Wege da sind, lichtarm und weit. Es ist immer beides.

 

Ein schlammiger Weg führt in weitem Bogen von einer Anhöhe in ein Tal mit einem Dorf.

 

Bis der Schritt erfasst, wie auch dieser farblos graue Boden trägt und führt.

 

Eine Baumkrone mit feinen Verästelungen ragt in den grauen Himmel.

 

Bis das Herz erahnt, welche feinen Verästelungen, welche Verzweigungen sich ihm bieten können, jenseits des Jubels.

 

Die Silhouetten einer verdorrten Wiese und einer kahlen Baumkrone vor einem sehr düstergrauen Himmel.

 

Und bis über verdorrtem Vergangenen eine kleine Öffnung Lichts mich demütig macht.

 

Silhouettenartig ragen verdorrte Gräser in den Vordergrund. Darüber zeigt ein graumelierter Himmel eine winzige Öffnung, durch die blaues Licht lugt.

 

Denn ja, „Leuchten und Lieben“, das ist es. Gerade und erst recht, wenn dies an grauen Tagen manchmal unmöglich erscheint, wenn es kein lichtschenkendes Geflecht gibt, welches trägt, wenn der Weg ganz allein zu gehen ist.
Es ist viel schwerer. Ich übe.

 

Ein durchgeschnittener Baumstamm, in welchem assymetrische Jahresringe sichtbar werden.

 

„Leuchten und Lieben“ als Aufgabe, aus welcher sich die Ringe eines Lebens gestalten. In guten wie in schlechten Zeiten. Vor allem aber in schlechten.

Farbigkeit ergibt sich auch dann. Von allein.

Danke.

 

Alltagsglück #3

Ein Tisch voller Schüsseln mit bunten Süßigkeiten. Viele kleine und größere Hände bauen mehrere Lebkuchenhäuser zusammen.

 

Still und leise ist es manchmal, das kleine Glück im Alltag. Ganz unspektakulär.

 

Rund un einem Tisch stehen sechs Mädchen und bauen vertieft an mehreren Lebkuchenhäusern.

 

Wie diese sechs Mädchen miteinander am Tisch werkeln, lachen und glucksen, sich gegenseitig wegen der Schiefheit ihrer Rohbauten aufziehen, zwischendurch aus Versehen kurz ein Schulthema anschneiden, es aber keinesfalls zu etwas Bedeutsamem werden lassen, dann wieder konzentriert weiterschöpfen, jede in ihrer eigenen Weise, wie sie sich gegenseitig bewundern, Ideen teilen und vor allem lachen, immer wieder lachen …

 

Ein Lebkuchenhand wird von einer kleinen Hand mit Gummibärchen und Eischnee verziert.

 

Und ich, ich darf aus der Küche lauschen, während ich stundenlang und ganz versonnen Klebemasse einrühre – mein rechter Arm tut noch immer weh:)

 

Ein Lebkuchenhaus mit Schornstein, mit Eischnee und Smarties beklebt.

 

Das kleine Glück steht in unserer Stube und baut Lebkuchenhäuser.

 

Fünf bunte Lebkuchenhäuser unterschiedlichsten Stils stehen auf einem Tisch aufgereiht.

 

 

Und als diese letztlich fertig stehen, da kommt es in anderen Formen, das kleine Glück.
Als gute Nachricht, dass er gesundet. (Und ich bald wieder Cellounterricht haben kann.)
Als Zusammensein mit Freunden, mit denen wir in ruhiger Vertrautheit am Tisch sitzen.
Als Fröhlichkeit der Tochter, weil sie nicht – wie so oft – einen Korb bekommt.
Als Hoffnungsschimmer, dass Sohnes Nikolaus- und Weihnachtspakete nun wohl doch noch bei ihm ankommen.
Als Lachsalve mit der Bonustochter.
Und nicht zuletzt als warme Freude darüber, dass das, was ich immer „Schneeballprinzip des Guten“ nenne, tatsächlich greift. In diesen Tagen bringt mehrmals direkt vor meinen Augen ein winziges Schneeflöckchen eine kleine oder große Lawine ins Rollen.

All dieses.
Ich jubele nicht. Ich freue mich still.