Geschenke

Alltagsglück #2

Eigentlich sind wir ja noch auf Reisen. Was uns soeben geschah, ist also nicht direkt Alltagsgeschehen.
Andererseits könnte genau solches im Alltag geschehen, hängt es nicht vom Reisesein ab, ist dies nur zufällig ein Unterwegserlebnis.

Wir kommen auf einen Campingplatz. Dies ist immer Lotterie, zuweilen sind die Plätze eng, dicht, voll, man steht mit seinem Minizelt manchmal zwischen großen Wohnwagen und fühlt sich bedrängt. Oft ist es mit den benachbarten Zeltenden schwierig, da einer den anderen als zu nah empfindet oder die gegenseitige Lautstärke nicht zueinander passt. Am glücklichsten bin ich immer, wenn ich weit weg von anderen mein Zelt aufschlagen kann, wenn die Kontakte also spärliche oder gar keine sind. Darum ist dieses heutige Erleben so besonders.

Es beginnt schon in der Rezeption, in die wir hineinstürmen, da ein Gewitter uns jagt und wir gern noch im Trockenen aufbauen würden. Ich sollte heut noch Lotto spielen, sagt der Zeltwart, es ist just ein Wasserblickplatz frei, einer von fünf. A23. Wir sollten schnell aufbauen gehen, anmelden könne man auch bei Regen.
Es fühlt sich ja schon unbehaglich an, so eine Parzelle zwischen Wohnwagen zu bekommen und nicht auf die große Zeltwiese zu gehen. Die Tochter sagt gleich, wir sollten noch andere Radler mit auf die Riesenfläche nehmen. Ja. Es kommt bloß niemand mehr:)
Jedenfalls denke ich noch ein paar Sekunden darüber nach, wie wir jetzt unter Beobachtung zwischen den Wagenburgen sind, und wie sich unser Minizelt wohl ausnehmen wird, in welche Ecke des Areals wir es stellen sollten, damit wir uns behaglich fühlen könne. Und schon geht es los …

Zwei recht kleine Mädchen kommen. Mit einer Vierteltorte und Papptellern. Sie hätten die auch geschenkt bekommen, und nun wollten sie weiterverschenken. Wir hätten doch bestimmt Hunger nach der Fahrt. Ich bin ganz verdutzt. Wir nehmen uns zwei Stück und sind völlig perplex: Torte zum Campingplatzempfang.
Bald darauf kommt eine junge Frau vom Wohnwagen schräg gegenüber. Es würde ja gleich losgewittern. Wir dürften gern unsere Räder bei ihnen unterstellen, sie könnten den Tisch im Vorzelt wegschieben, dann wäre Platz für die Räder. Und für uns auch, sagt sie. Und schaut zum gewitterdrohenden Himmel. Ich bin überwältigt. Dies ist mir auf einem Zeltplatz noch nie passiert.
In der nächsten Minute – wir bauen eilig das Zelt auf – kommt die Nachbarin von links. Ob wir Hilfe bräuchten. Und ob wir zu trinken wollten. Wo wir heute herkämen. Und ihr Dach stünde uns offen. Dort lugt auch schon die kleine Lena hervor. Die nach kurzem Anlächel-Warmup mit der Tochter für den Rest des Tages fest mit dieser verschweißt sein wird.
Ich bin immer noch perplex, wie offen hier alle ihre Hände anbieten, als der Nachbar von rechts einen Hammer bringt. Weil er aus dem Saarland gerade Orkan-Hagel-Horror-Wettergeschichten höre. Und falls dies auch hierherkomme, da sollte ich die Heringe mal besser nicht nur mit dem Fuß eintreten. Er fragt, ob er noch irgendwie helfen könne.
Später kochen wir, die kleine Lena setzt sich fasziniert dazu. Sie isst mit – ihr eigenes Abendessen hatte sie stehenlassen, war mir nicht entgangen:) – und fragt nach dem Essen, ob sie beim Abwaschen helfen dürfe. Ein Kind zum Fasziniertkopfschütteln:)
Kaum haben die Mädchen gespült, kommt ein weiterer Zeltnachbar von schräg gegenüber, ob es uns gut gehe. Ob er mich zum Bier einladen dürfe. (Darf er:)) Wohin unsere Tour weiterginge …

Ich bin wirklich überwältigt. Mittlerweile haben wir alles im Zelt, dieses ist himalajafest vertäut, die kleine Lena hilft eifrig mit, nun auch noch die Räder sturmfest festzuzurren, und alle Menschen ringsum waren und sind für uns da. Was für ein warmes Erleben.

Kurz darauf trübt sich dies noch einmal ein – wie gewonnen so zerronnen, denke ich kurz – als sich vier Angler just vor unserem Zelt niederlassen, unser im Vorzelt gekochtes Essen vollqualmen und zwei Meter vor unserer See-Idylle laut palavern. Bis ich mir ein Herz fasse, sie ruhig anspreche, darum bitte, dass sie nicht gerade in meinem Zelteingang sitzen mögen, die Seen seien doch so groß – und sie schließlich mit ihren Stühlen, Bierflaschen und Rauchfahnen abziehen.

Seither sitze ich am See, atme die Stille ein, bin noch immer am Wundern und Michfragen: Warum gelingt uns Menschen dies nicht immer und allezeit: Füreinander da sein. Aufeinander zu gehen. Zugewandt schauen, was die und der andere braucht.

Entschuldigung, ich bin noch unterwegs. Mein Schreibgefühl hat noch nicht wieder zu mir gefunden. Vielleicht liest es sich daher holprig. Aber ich wollte es unbedingt erzählen: Wie viel Gutes ist uns in wenigen Minuten geschenkt worden. Wie offen sind die Menschen – ALLE Menschen ringsum! – auf uns zugekommen.

Wie gut können wir Menschen es miteinander haben. Wenn wir einander nur anlächeln, uns gegenseitig helfen, füreinander da sind.

Es war heute fast wie in Utopia. Jedenfalls aber: Es war ein Alltagsglück, das ich mitnehmen werde von der Reise. Und das wir weiterteilen sollten. Lasst uns aufeinanderzu gehen …

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Jetzt …

… vor elf Jahren wusste ich noch nicht, dass ich in genau elf Jahren – wie an einem jeden 18. Mai-Abend seither – Geschenke einpacken und Kuchen backen werde. Ich ahnte nicht, dass mir dabei das eine oder andere Mal das Backpulver ausgegangen sein wird – so ein Geburtstagskuchen kommt doch immer wieder überraschend:) – und dass ich jedes Jahr auf’s Neue die Tage vorher und nachher in innigster Weise, in fast minütlicher Erinnerung und mit wohliger Wehmut durchleben werde. Vor allem aber hatte ich nicht die leiseste Vorstellung davon, was für ein Lebensfeuerwerk da in meinem dicksten aller Bäuche herumstrampelt.
Wie strahlend, wie atemlos, wie wunderbar es seither mit ihr ist.

Und nun organisiere ich mir hier im Dorf erstmal Backpulver …

 

Alltagsglück #1

Einen Dienstort in 35 km Entfernung könnte man als Anlass nutzen, um sich zu ärgern. Oder aber, um eine kleine Radtour drumherum zu bauen.

Es ist früh, als ich aufbreche, hinauf und hinab ins Tal, das zum Fluss führt.
Wie sogleich die Bluse im Wind flattert, und der Wind in der Bluse. Ich bin schon da.

 

 

Der Fluss schenkt seinen weisen Lauf und nimmt mich an die Hand, damit meine Bewegung nicht stockt. Ich rolle und rolle, an seiner Seite durch die große Stadt hindurch, auf altbekannten Pfaden ins jenseitige flache Land.

 

 

Dort dann, am Dienstort, widme ich mich meinen Aufgaben, fokussierter und klarer als häufig, während in mir stille Vorfreude auf den Rückweg blüht. Über die Hügel werde ich fahren, schließlich muss ich nicht wie vormittags in gefasster äußerer Form an einer Arbeitsstelle ankommen:)

Windjacke, Fleeceshirt und Schal auf dem Gepäckträger schmunzeln leise, während ich in Sommerhitze hinauftrete. Die Sonnencreme ruft laut von zu Hause aus, dass ich sie vergessen habe. Man wird sehen, morgen auf meiner Nase.
Heute aber, heute hier zu fahren, war meine beste Idee seit langem. Gemäß diesem hier:
Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde. (Franz von Sales)

 

 

Welch kleine feine Dörfer, die mir bisher entgangen sind. Welch Landschaft zum Verlieben. Ich frage mich, warum ich dies bisher kaum getan habe.

 

 

Lediglich, dass keine Eiscafés am Wegesrand liegen … nun ja … kurz vor dem Heimatdorf findet sich doch noch eines. Dafür, dass morgen ein prallevoller Schultag und noch nichts vorbereitet ist, sitze ich in größter Gelassenheit dort und habe die Ruhe weg. Ich wundere mich selbst.

 

Von Zeit zu Zeit die Augen öffnen für das klein-große Glück am Wegesrand …

 

Als Gefäß

Binnen weniger Tage, Stunden fast, begegne ich ihnen allen, was für ein Zufall.
Sie, deren Schwester starb, kaum zwei Wochen ist es her.
Sie, die selbst den Krebs in sich trug. Und trägt, wer weiß.
Er, der, fast als Kind noch, seinen Vater verlor, über lange Zeit schon, endgültig aber erst vor wenigen Monaten.
Sie, deren Tochter ging, noch keine zwei Monate ist es her.

Vier Begegnungen an nur zwei Tagen. Vier intensive Gespräche. Gespräche, in denen ich vor allem zuhöre. Ich frage auch ein wenig, aber eigentlich höre ich zu. Dem Klang, dem Gesang des Fließens.

Ein Fließen, gebettet in die weite Mulde der Trauer.
Ein Fließen von Lebensfreude, von sonnebeschienenem Lebenwollen, Weiterlebenwollen, von purem Glück am kleinen Moment, von Innigkeit in unverstelltem Aufeinanderzu.
Ein Fließen von Mut und Kraft, sich dem zu stellen, dem allen. Der Forderung, einander eher loszulassen als man es je wünschte und ahnte. Der Dichtigkeit einer viel zu schnell hinauströpfelnden Lebendigkeit. Der unvermittelten Augenöffnung über das, was wir sind, was uns ausmacht, und was auch nicht. Dem Wandel im Sein, in jeder Faser des Seins, wenn man sich der Sprache des nahen Todes nur nicht versperrt. Der Aufgabe – und dann: dem Geschenk – das kleine Zarte als Großes zu spüren, und das bisher übermächtige Unwesentliche abzustreifen. Der unfassbaren Endgültigkeit. Dem ebenso unfassbaren Licht, in das plötzlich alles getaucht ist. Der Ehrlichkeit in allen Begegnungen, die nun folgen, Ehrlichkeit, die schmerzt, Ehrlichkeit, die guttut. Dem Abschied. Dem Neubeginn.

Was für ein Strom, der da fließt.
An seiner Oberfläche glitzert es. Sonnenfünkchen spiegeln sich und tanzen, geführt und gestreichelt vom Wind, dem behutsamen. Über allem ein Himmel. Dieser gute Himmel in seiner Weite.

Dankbar bin ich für diese Gespräche, für die Worte, die mit mir geteilt wurden, und für ihre stumme Fortsetzung in mir. Gern bin ich Zuhörerin. Was ich höre, trage ich mit. Was ich höre, trägt mich mit. Es durchflutet, es schenkt Geborgenheit im Leben. Es strahlt auf mein Sein, ich fühle mich beschenkt. Wie in ein Gefäß lasse ich alles fließen, was Ihr erzählt, was der Tod spricht. Es ist Gelegenheit, sich einer Verwandlung anzubieten. Jede und jeder für sich. Wir zusammen.

Und doch, bei allem Tröstlichen und Lichten … diese Gespräche, diese Häufung in den vergangenen Stunden, die muss ich erst einmal veratmen, die muss ich deponieren. Noch weiß ich nicht wohin. Diese wenigen Worte hier sind nur ein zögerlicher, unbeholfener Anfang.

lichtspürig

Eine Kollegin, mit der wir am Freitag den Weg zum Grab geteilt hatten,
eine, die zunächst unsicher war, ob und wie wir gehen, ob es für die Familie stimmig sei, wie sie das mit der Klasse besprechen solle, und wie wir überhaupt weitermachen könnten, jetzt, wo der Tod so nah in unsere Räume eingedrungen sei,
eine, mit der ich die Woche über viel gesprochen hatte und die sich am Freitag, als alle auseinandergingen, bedankte, weil sie sich durch mich ermutigt gefühlt hatte sich dem allen zu öffnen, und wie gut und richtig dies letztlich gewesen sei,
diese Kollegin also bittet mich heute im Lehrerzimmer um meinen Laptop. Sie wolle probieren, wie sie mit der kleinen Tastatur zurechtkomme. Weil sie überlege, ob so ein kleines Gerät auch etwas für sie sei.
Ich öffne ihr ein Fenster, damit sie sich im Schreiben ausprobieren kann.

Gerade finde ich ihre Datei. Ich lese:
Die Sonne scheint heute nur für Dich.
Und dann schreibt sie noch vom Laufen und Sich-Entscheiden, vom Wechseln der Richtung und den Orten, die wiederum dann ihre Spur ändern. Zeilen voller Rätsel. Und zum Weiterspüren.

Vielleicht war die Laptop-Leihe ja nur ein Vorwand, wer weiß. Aber das ist egal. Denn dort steht:
Die Sonne scheint heute nur für Dich.

(Danke, liebe C. Wenn Du wüsstest, wie sehr ich diesen Satz heute brauchte.)

 

Cello #1 – Aufeinanderzu

Es wurde Zeit.

Ich weiß gar nicht mehr, wann es mich zum ersten Mal ergriff. Als G., wir waren noch Kinder, Schumanns „Fröhlichen Landmann“ spielte und ich die warmdunkle Melodie bis in meine Träume hörte? Als A. ihr Instrument mit auf die Konfirmandenfreizeit genommen hatte und ich heimlich vor ihrem Zimmer stand, um zu lauschen, wie sie übt? Als die W.s in ihrer Wohnung Hausmusik machten und ich immer nur das große braune Instrument anschauen konnte?

Ich glaube, es war Liebe auf den ersten Blick. Oder auf den ersten Klang, wie es richtig heißen müsste.
Lange war ich mir ihrer nicht bewusst. Ich hatte ja keine Möglichkeiten, sie zu einer realen werden zu lassen. Im Unterschied zum Klavier, mit dem mich von früh an eine ähnliche Affinität verband, konnte ich meine Celloliebe nicht ausprobieren. Während ich jedes Klavier, welches mir je am Wegesrand stand, bespielte, soweit ich dies vermochte, kam ein Cello einfach nicht des Wegs. Ein einziges Mal, es muss in den Neunzigern gewesen sein, fragte ich U., ob ich einmal auf seinem ausprobieren dürfte, wie es sich anfühlt. Sein entsetzter Blick lehrte mich, dass man Celli offenbar nicht aus der Hand gibt. Ich stellte eine solche Frage nie wieder.

Später dann hatte ich zwei Kinder, eines davon wählte sich das Klavier, das zweite das Cello. Dies machte mir ein schlechtes Gewissen, weil ich vermutete, ich hätte meine eigenen Träume in die Kinder projiziert. Auch wenn diese ausdauernd versichern, dass sie sich ihre Instrumente wirklich nach den Lehrern ausgesucht hätten, und wenn ihr Aufblühen in der Musik mich beruhigen könnte – ganz frei werde ich von dem Gedanken nicht. Aber nun: es kam, wie es kam.

Vor sechs Jahren hielt also das erste Cello Einzug in unserem Hause. Ich juchzte. Es war aber ein Achtelinstrument und hatte somit etwa die Dimension einer Bratsche. Als ich es zwischen (oder besser: auf) die Knie nahm, konnte ich es als Cello nicht wahrnehmen. Später das Viertelinstrument und das halbe Cello ließ ich aus, sie waren ja immer noch sehr klein.
Und dann zog im Dezember ein Dreiviertelcello ein. Endlich groß genug für mich, um es wie ein „echtes“ im Arm zu halten, zwischen den Knien, und vor allem um zu vermitteln wie sein Klang ertönt.

Es war … das war … als hätte ich es immer gewusst. Wie ich es erahnt hatte, so fühlt es sich wirklich an. Ich halte es im Arm … wie eine Geliebte, möchte ich sagen. Und sage es nun einfach. Es passt genau zu mir und in mich, es liegt dort, als hätte es schon immer dort gelegen. 
Und es vibriert genau so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Vom Instrument in die Brust und zurück. Der Klang dringt bis in die Fingerspitzen. Da sind Töne im ganzen Körper. Es ist ein wenig wie Singen, nur noch inniger, weil die Innen-Außen-Grenze aufgehoben ist.
Eine Passung. Ich brauchte keine Sekunde, dies zu begreifen.
Und dann benötigte ich noch ein paar weitere Tage sowie einen Ruck, den Freunde mir gaben, bis ich mein stimmiges Gefühl wagte in die Tat umzusetzen.
Es sollte so sein.

Bei einem Geigenbauer vor Ort ertelefonierte ich mir ein Leihcello, noch vor Weihnachten. Eigentlich hatte er gerade keines, aber meine Stimme sagte ihm wohl, wie drängend es ist. Wenige Tage später hatte er mir eines aufbereitet.
Ebenso „erquengelte“ ich mir meine ersten beiden Unterrichtsstunden. So schnell hatte ich ja keine eigene Lehrerin finden können, darum erbat ich bei der künftigen Tochterlehrerin zwei Stunden, die sie noch vor den Weihnachtsferien in ihren vollen Terminplan einschob.
So war die Ferienzeit gefüllt mit dem Instrument und meinen ersten Übungen darauf.
Irgendwann in diesen Tagen tat sich auch ein Wink und die Tür auf zu der Lehrerin, bei der ich nun eine Weile bleiben werde, ich wunderte mich schon gar nicht mehr, dass ich so schnell zu ihr und damit dem richtigen Menschen fand.

Und seitdem spiele ich, und spiele, und spiele. Kaum ein Tag vergeht ohne. Ein steter Dialog zwischen Aus-mir-lassen und In-mich-aufsaugen. So beginnt sich Musik unter meinen Händen, in meinen Armen, tief aus mir heraus zu formen.
Gerade spielt sich eine „Erinnerung“ von Chopin. Ich habe sie wohl hunderte Male schon erklingen lassen. Da liegen Töne vor mir, die sich noch erst entwickeln und gestalten lassen wollen, die mich und mein Spüren und Vibrieren aufnehmen und mit mir zusammen etwas Neues schaffen können. Das Geschenk täglichen Erbebens.
(Wie sich das – von außen, noch – anhört, all das Kratzen und Quietschen und Zuhoch und Zutief, und wie ich mit meinen Ansprüchen und meiner Unzufriedenheit umgehe, davon erzähle ich ein anderes Mal.)
Mit der Tochter habe ich die ersten Duette musiziert, beim allerersten habe ich geweint.
Und wenn es abends zu spät für die lauten Töne ist, gehe ich ans Klavier, das ist digital und darum lautlos. Selbst hierher strahlt das Cello aus: mir scheint, ich spiele seither auf dem Klavier viel intensiveres Legato.
Das alles war und ist unglaublich. Und es fängt ja gerade erst an.

Und nun bin ich hier, eine ganze Woche ohne mein Instrument. Das erste Mal trennen wir uns voneinander. Wenigstens habe ich die Schule, die Noten mitgenommen, lese darin, höre und spiele innerlich. Und auch auf dem Player läuft seit Wochen beinahe nur Cellomusik. Ich spüre sie schon ganz in mir. Als würde sie aus mir selbst kommen. Auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist, und selbst wenn ich zu einigen oder vielen Stücken noch lange oder gar nie mehr kommen werde …

Ich spiele Cello.
Es wurde Zeit.

Die kleinen Gesten

Schon vor dem Musikschulvorspiel weiß ich, dass mein Husten dies nicht durchhalten würde. Und so kommt es. Gerade noch das Tochter-Streichquartett steht er durch, bevor er beim nächsten Klavierbeitrag, stille Stelle natürlich, sein Recht einfordert. Verstohlen nach einem Hustenbonbon rascheln, den Reiz unterdrücken bis ich ihn fast hinauswürgen muss, ein paarmal schüchtern in den Schal husten – dann hilft nichts mehr, ich schleiche mich hinten aus dem Saal. Renne noch ein paar Treppenstufen hinab, denn das Musikschulhaus ist ein großes halliges, das Gebelle daher flureweit zu hören, nur weg vom Vorspielsaal.
Kurz nach mir ereilt die Quartettlehrerin das gleiche Los, auch sie war vor ein paar Tagen noch flach im Grippebett gelegen, hustend kommt sie mir auf der Treppe hinterher. Wir beschließen, den Rest des Konzerts unten im Foyer abzuwarten und haben, als wir uns so die Treppe hinunterhusten, vor Lachen fast schon Tränen in den Augen. Wir im Duett, nicht schlecht.
Unten sitzt auch zu dieser späten Stunde noch der treue liebe Hausmeister in seinem Zimmerchen – wieviele Überstunden der wohl wegen all der Jugend-musiziert-Vorspiele hier sitzen muss? Trotzdem schaut er immer noch freundlich, lächelt – und beginnt tief in seinen Taschen herumzukramen. Bis er fündig wird. Wortlos kommt er zu uns und streckt uns entgegen, wonach er gesucht hatte: drei Hustenbonbons. Dies sei alles, was er habe.

Wie mich diese kleine Geste berührt. Ich weiß gar nicht genau warum. Weil in der ausgestreckten Hand so viel Wärme steckt. So viel Miteinander. So viel Geteiltes. So viel Füreinanderdasein.
Eigentlich ist es so einfach. Knüpfen wir ein Netz aus kleinen Gesten voller Hilfe und Lächeln und Wärme …

 

Feriengeschenke

Vorbei sind sie, die Ferien. Mein Kerzenteller, der mich durch die Zeit begleitet hat, spürt das; soeben ist die zweite von sechs Kerzen erloschen, den restlichen verbleiben noch wenige kurze Stündchen. Schnell ist die Zeit vergangen, die anfangs wie eine ewige, unberührte Decke vor mir gelegen hatte. Wie immer fühlt es sich am Ende zu kurz an. Doch wie viele Geschenke haben die Tage bereitgehalten …

… wie die Kinder sich bei allem Großwerden, bei aller pubertierender Scham doch dem Weihnachtsbaumschmücken nicht entziehen wollen; da werden sie plötzlich wieder zu Kindern. Nur eines hat sich verändert, wie der Sohn bemerkt: „Ich wollte gerade fragen: ‚Mama, kannst Du die Sterne da oben aufhängen?‘, da fiel mir ein, ich bin ja größer als Du.“ :) …

… wie ich am Geschenk meiner wilden fünften Klasse eine Karte voll liebevoll gestalteter blumen- und smilieverzierter Unterschriften finde, keine wie die andere – hej, Kinder, das hat mir die Tränchen ins Auge getrieben (was ich Euch morgen unbedingt gleich als erstes sagen muss) …

… wie wir allmählich in die Ruhezeit „zwischen den Jahren“, in unsere „Schlafanzugtage“ hineingleiten, mit viel Lesen, Puzzlen, gemeinsamem Musizieren, Spielen, Schreiben, Filmschauen, Basteln, vor allem aber: ohne irgendwelche Planungen …

… wie ich es endlich schaffe, meiner Sommerradtour wiederzubegegnen, weil ich erstmals Zeit habe, die Fotos richtig anzuschauen, wie ich dazu die Live-Blogposts wiederlese, mich in jeden einzelnen Tag zurückversetze, ihm Farben gebe und vor mich hinträume …

… wie ich auf einem Abiturjubiläumstreffen eingeladen bin, meine ehemalige Klasse wiedertreffe und wir in gute Gespräche finden – über erstaunliche Lebenswege mit Schleifen und Unerwartetheiten, die sich sehr gesund, eigenständig und selbstbestimmt anfühlen; einiges überrascht auch mich. In manchen Gesprächen darf ich weiterhin beratende Begleiterin sein, in manchen haben sich die Rollen schon umgekehrt – sie sind schließlich inzwischen FastlehrerInnen, FastärztInnen, DoktorandInnen, Ingenieure, Sozialarbeiterinnen, Weltreisende und Weltgereiste, Ehefrauen und -männer und ganz einzeln schon Väter. Erwachsen, wie man so sagt. Und doch hätte ich ihnen eines voraussagen können: „Wir dachten immer, mit 25 sei man erwachsen. Jetzt aber fühlt es sich gar nicht so an …“

… wie am Altjahrstag Schnee fällt und Glückseligkeit in unsere Augen zaubert …

… wie wir zufällig an Silvester den besten Film erwischen, noch nie hatte ich von ihm gehört, hatte ihn nur zufällig in der Bibliothek gegriffen: „Das Konzert“. Und während ich noch mit der Musik im Ohr und Tränen in den Augen dasitze, beginnt zum Abspann ganz andere Musik, mir aus der Kindheit bekannt, die Tochter juchzt auf, und kurz darauf tanzen und springen wir im Zimmer herum …

… wie ich den Sohn um Mitternacht dann sogar umarmen darf (die Tochter ja sowieso) und auch er kurz sehr still wird, weil ja nun das Jahr beginnt, in dem er weit weit weg gehen wird …

… wie mir an den ersten Tagen des neuen Jahres das Gespür für mich selbst zurückkehrt, und die Kraft, und die Schreibstimme, und so vieles, was mich nun auch durch die ersten Arbeitstage am Schreibtisch geführt hat …

… wie der Sohn so intensiv, so ergriffen von seiner Musik erzählt, derzeit sind es Prokofjewsonaten, wie er sie gedanklich zerlegt und versteht und seine Faszination teilen möchte – und am liebsten noch mehrere Kubikmeter weiterer Noten bestellen würde …

… wie die Kinder zu ihren Probentagen in der Musikschule gehen und immer freudeerfüllt zurückkehren, obwohl sie teilweise ganze Tage dort verbringen (ein unendliches Danke an ihre Lehrer übrigens, die sie dort mit Hingabe begleiten – und die ja eigentlich auch Ferien gehabt hätten) …

… wie ich – Zufall? – das Teetrinken sozusagen wiederentdecke und damit mein Bei-mir-Sitzen eine neue Dimension des Wohlseins hinzugefügt bekommt …

… wie ich in mehreren Büchern versinke und gar nicht mehr aufhören möchte mit Lesen …

… und immer wieder: wie ich dankbar bin für den Weg zum Cello hin, und jetzt mit ihm zusammen. Es vergeht kein Tag mehr ohne, und morgen ist die nächste Stunde:)

Danke.

Die Freundin

Wenn die Briefe hin und her und her und hin gehen, papierne,
auf Kindheitserinnerungsblättern, manche davon,
in wissendem Gleichklang, seit mehr als 30 Jahren schon,

und wenn die eine der anderen ein Büchlein schickt, für die Suche nach weiteren Schritten,
während die andere der einen ein ähnliches Heftchen schon bereitet hat, um sich schreibend auf ebendiese Suche zu begeben,

wenn das seltene Telefon Stunden mit Tränen und sonstigem Nahesein schenkt,
und die Besuche, noch seltener, über hunderte von Kilometern, immer noch mehr geben als nur Nahesein,

wenn es zwischen ihnen Worte – geschriebene oder gesprochene – gibt,
die Trost und Ermutigung und Fragen und Antworten und An-die-Hand-nehmen und Auf-den-Weg-schicken umfassen,

wenn diese Worte dann Fingerzeige sind, sich auf die Suche zu machen, zum Beispiel nach der verlorenen Zeit und dem Wesentlichen,
und nach dem, wozu wir hier sind und wohin wir gehen sollten,

wenn eine jede Begegnung bewirkt, dass sich Knoten lösen können und alles ein wenig lebbarer wird,

und wenn ein inniger Brief mit den Worten endet, dass es sich so anfühle, als sei gemeinsames Schweigen in innerer Verbundenheit passender als jedes Wort,

dann ist sie die Freundin.
DIE Freundin.

Danke für Dein Dasein.

 

Zurückerinnert in ein reiches Jahr

Ja, ich bin zu spät. Die letzten Tage lag ich so erkältet und mit matschigem Kopf im Bett wie lange nicht. Aber auch ohne dies ist die Verspätung dieses Blogeintrags passend, ist doch eines der mich umtreibenden Themen, derzeitig besonders, ein anderer Umgang mit selbstgeschneiderten Terminkorsetts. Nichts anderes ist es, wenn einem das Kalenderdatum zum Zwang gerät. Besser wäre es doch, hier einfach sagen zu können: Ganz gleich ob am 31. Dezember oder am 2. Januar oder am 37. Juni – ich danke für ein vergangenes reiches Jahr. Und dafür, dass ich dies jederzeit, auch heute, am 5. Januar, tun darf.

An seinen letzten Tagen streifte ich – wie immer – gedanklich im vergehenden Jahr umher. Ließ meine Blicke durch Fotoordner, Tagebuch und Blogeinträge wandern, nahm den Familienplaner von der Wand und blätterte, ebenso im Taschenkalender. Ein Kaleidoskop des vergehenden, nun vergangenen Jahres kam zu mir zurück. Es entfaltete sich vor mir mit all seinen Schätzen, seiner Weite, seiner Fülle.
Ich staune. Ja, ich möchte danken.

Danke für mein Leben mit diesen wundervollen Kindern, immer und immer wieder …
… wie jedes auf seine Art, auf sehr eigenen Füßen durchs Leben geht und zuweilen mich sanft an die Hand nimmt, so dass auch ich neu schauen und meine Schritte anders setzen kann …
… wie der Sohn voll in die Pubertät eingetaucht ist (inklusive Schlafen bis 2 und größtenteils liegendem Absolvieren der Tagesstunden:)) und wir trotzdem nicht den Beziehungsfaden verloren haben, nach jedem – beiderseitigem – Laut- und Ungeduldigwerden wieder aufeinanderzu gehen können und uns eine neue Form der Nähe erarbeiten …
… wie die Tochter ihren Schulwechsel mit jauchzender Freude bewältigt hat, neue Freiheiten und Möglichkeiten gustiert, in ungeahnter Selbstständigkeit zurechtkommt (und auch ich – bei Kind2 nun also – lerne loszulassen, mich nicht mehr so sehr für ihr Lernen verantwortlich fühle und es darum umso besser läuft) und – das Wichtigste – endlich in einer Klasse gut angenommen ist, neue Freundinnen gefunden hat, sich verabredet, übernachtet, Geburtstage feiert, all das, was manche Kinder immer schon haben und hatten, darf sie nun auch erleben.

Danke für die Menschen, die ich als Geschenk auf meinen Wegen erleben darf …
… für nahe und fernere Freunde, mit denen wir häufig oder selten zueinanderfinden …
… für neue Menschen hier im Ort, die wir erst in diesem Jahr kennengelernt haben und mit denen es spontan so herzlich warm ist, dass wir uns auf mehr freuen dürfen …
… für innige Begegnungen in diesem Schreibraum; in diesem Jahr sind kostbarste Fäden hinzugekommen, die weit über das Virtuelle hinausreichen.

Danke für meine Arbeit, in der ich mich nach wie vor im schönsten Beruf der Welt wähne …
… für die täglich geschenkte Lebensfülle der jungen Menschen, die ich im Aufeinanderzugehen sehen darf …
… für meine in jeder Hinsicht herausfordernden 10. Klassen, mit denen wir noch Berge besteigen müssen, dann allerdings zum Ende des Schuljahres – als Belohnung? – gemeinsam nach Berlin fahren dürfen …
… für die Fragen in den Augen der 7t-Klässler, für die sie kaum Worte finden können, und für meine Ideen, die mir hin und wieder kommen, so dass manchmal ein „Ach so“ aus Schülermund und -augen mich ganz demütig macht …
… für unser Lehrerzimmer voller Kollegialität, Hilfsbereitschaft und Lachsalven, und für meine Schulleitung, die nach wie vor und immer noch mehr die beste der Welt ist.

Danke für mein Unterwegssein …
… für mehrere lange Radl-Alleinreisen, erstmals mit Zelt, mit noch intensiverem Draußenleben, an den frühlingskalten Mecklenburger Seen vorbei, sommers entlang der Ehemalsgrenze, und dann im herbstlichen Bayern  …
… für Reisen in den italienischen Schnee, nach München, nach Hamburg, nach Berlin, zu einem wiederum belebenden Klassentreffen, auf ein einsames Gehöft (das an jenem Wochenende alles andere als einsam war) …
… und nicht zuletzt für die Wege rund um unser Dorf.

Danke für die viele Musik hier in unserem Hause …
… wie die Kinder sich im Musizieren zu Hause fühlen, sich in immer neue Projekte stürzen, beglückt von Musikwochen zurückkehren, immer wieder gutgelaunt in ihren Unterricht gehen und von ihren Lehrern zurückkehren …
… dass wir nun das schwierige Thema des Klavierlehrerwechsels beim Sohn angegangen sind, mit hoffentlich erfolgreichem Ausgang …
… und auch wieder für unser Wettbewerbsdurchleben (wobei es dieses Jahr an unsere Grenzen ging, weil beide Kinder zum Landeswettbewerb und der Sohn wiederum zum Bundeswettbewerb fuhr; uns allen wurde spätestens dort bewusst, dass die Kinder unbedingt vor der Ehrgeiz- und Erfolgsfalle zu schützen sind, zumal beide dies selbst aus dem Bauch heraus signalisieren).

Danke für jeden Moment, in dem ich bei mir sein durfte …
… schreibend, lesend, fotografierend, Klavier spielend, Dinge betrachtend, staunend, atmend, sitzend, einfach nur da sitzend …
… insbesondere für die Ruhe, welche sich im letzten Vierteljahr in mir ausbreitete, da ich meine Teilzeitfreiheit vor allem dafür nutzte, alles langsamer anzugehen.

Danke auch für all das, was in diesem Jahr fehlte. Es wäre, schriebe ich es auf – wie vielleicht bei jedem Menschen? – eine lange Liste.
Wie letztes Jahr schon schreibe ich mir dies dazu:
Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

Herbstradeln Tag 3: Nördlingen – Gaildorf

Heute schwimme ich mich frei. Nein, kein Vorsatz, sondern Erleben.

Obwohl heute morgen die zeitliche Nähe des Bald-wieder-Alltags in meinen Kopf rückt, fast in Stunden schon ist sie zu messen, kann ich mich von ihr lösen.
Dieser sogenannte Alltag betrifft mich nicht in meinem Heute, bedrängt und bedrückt mich nicht. Er ist einfach nur da, als Wissen darum, wie es bald wieder sein wird.
So wie dieser hiesige, radelnde Tag da ist. Kein Konkurrieren, kein Wettlaufen, kein Bewerten dieser beiden so verschiedenen Zeiten. Friedliche Durchdrungenheit, eine Symbiose der beiden Pole. Einatmen und Ausatmen.

In solche ungestörte Gelassenheit auch in kurzen Ferien zu finden, und nicht schon mit rasend-hektischer Nervosität das Ferienende zu antizipieren, wo sie noch kaum begonnen haben, dazu habe ich eine lange Lehrzeit gebraucht.
Im Moment ist – so scheint es – Erntezeit. Von den Bäumen zu pflücken: stille, ruhige, unaufgeregte, friedliche Freude. Möglicherweise habe ich diese nicht mal gesät, wer weiß das schon.

Ich fahre also – und sammle von den Feldern, was sie darbieten. Für den kommenden Winter. Irgendwann kommt immer ein Winter. Manchmal auch im Sommer, manchmal morgen schon, manchmal in der nächsten Sekunde. Ich sammle also. Wie Frederik.

Heute ernte ich …

… Morgennebel auf den eigenwillig geformten Tafelbergen der Schwäbischen Alb,

… das Erleben einer Kraft, die sich nicht unwillig gegen die Anstiege stellt, sondern sie Schritt für Schritt einfach hinaufsteigt,

… Lichtblicke in und durch allfarbene Baumkronen,

… das Lächeln der Frau, die mir an der Kreuzung Vortritt ließ, und das von jenen Menschen im Café,

… meine Wiederbegegnung mit Jagst und Kocher, in noch ganz kleindkindartiger Größe,

… ein besonderes Gefühl, als ich die Wasserscheide überquere – auch wenn es dort oben sehr unspektakulär ausschaut,

… die Vertrautheit der Sprache, der schwäbischen – es fließen Erinnerungen an meine Zeit in Tübingen (natürlich, Ortsansässige werden umgehend erklären, dass die hiesige und die dortige Sprache SO unterschiedlich sind…),

… den Stausee, mit allem, was Wasser mit einem macht, wenn man nur lange genug seinen Blick darin verliert,

… die Überquerung des Buckels zwischen Jagst und Kocher, auf dem es sich alpenländisch anfühlt, so wohlig,

… die Rast am blätterbedeckten Waldtisch, inmitten einer raschelnden Idylle, und einem Blätterregensegen mit jedem Windstoß,

… den so glatt ausgebauten Jagst-Kocher-Radweg, der zum Ende des Tages derart ungeahntes Tempo zulässt, dass zeitlich sogar noch eine Kaffeepause drin ist, ohne dass ich anschließend in die Dunkelheit fahren muss.

Am Ende des Tages findet sich – trotz geschlossener Jugendherberge – ein Zimmerchen am Wegesrand, mitten in der Pampa. So habe ich keine Veranlassung, nochmals hinauszugehen und irgendwelche Straßen und Orte zu durchstreifen. Ich bleibe einfach nur im Zimmerchen und lese stundenlang – lediglich unterbrochen durch Abendessen und -trinken, natürlich.
Ein Tag voller Geschenke.

Herzenstreffen

Es ist schon eine Woche her. Alle anderen haben ihre Bilder längst gezeigt, das ihre längst gesagt …„, ruft eine Stimme in mir.
Es ist nicht zu spät dafür. Sie sind doch nicht vergessen, die Bilder. Und vergangen schon gar nicht …„, murmelt leise eine andere Stimme.

Der zweiten gebe ich – nach einigem Zögern – Recht. Das Leise sagt ja öfters das Wahrere.
Und diese Stimme fügt sich so gut in meine derzeitigen Tage ein, in denen ich versuche, ruhiger und ungehetzter, ausgeglichener und mit mir selbst im Reinen unterwegs zu sein. Dazu gehört eben auch, dass die äußerlich verlaufen(d)e Zeit nicht der alleinige Maßstab für Rechtzeitigkeit ist. Ich übe daran …

Und erinnere mich, wie das letzte Wochenende gefüllt war. Unbegrenztes Fließen, irgendwie aus der Zeit gehoben sein, in einem Zustand wachester Gelassenheit. Das alles.
Und noch viel mehr …

 

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… ein urwüchsiger Ort …

 

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… mit der Harmonie von Licht und Schatten …

 

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… mit Nähe zu zarten, unscheinbaren Dingen …

 

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… und sich weit nach oben tastendem Himmelsfühlen …

 

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… gemeinsames Unterwegssein …

 

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… mit Weit- und Ausblick …

 

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… mich zu spüren als Teil des Ganzen …

 

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… inmitten eines Netzes so vieler Menschen …

 

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… genährt durch Speis und Trank …

 

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… und durch ein Feuer mit seinem Davor und Danach …
(danke, dass ich erstmals im Leben eines mit entzünden durfte)

 

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… vor allem aber durch die Begegnungen.

 

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DANKE.

 

zusammenerinnert

An seinem letzten Tag streife ich im vergehenden Jahr umher. Lasse meine Blicke durch Fotoordner, Tagebuch und Blogeinträge wandern, nehme den Familienplaner von der Wand und blättere, ebenso wie im Taschenkalender. Kaleidoskopartig kommt dieses vergangene Jahr zu mir zurück. Im ersten Erinnerungsgefühl war es mir karg und ärmlich erschienen. Nun entfaltet es sich vor mir mit all seinen Schätzen, seiner Weite, seiner Fülle. Ich staune. Und ich möchte danken.

Danke für mein Leben mit diesen wundervollen Kindern, immer und immer wieder …
… wie jedes auf seine Art tief aus sich heraus strahlt …
… wie sie mich in so verschiedenartigen Lebenssituationen sanft an die Hand nehmen und mir in ihren Fragen und Antworten wichtige Herzens- und Wesensdinge aufzeigen …
…  wie beide ihre eigenen kreativen Wege gehen (und in diesem Zusammenhang lernte ich in diesem Jahr mehr als je zuvor, mich auf ihr Chaos einzulassen, auch auf das in den Kinderzimmern:)) …
… ja, dass wir im Gespräch geblieben sind, egal wie das Pubertieren des großen und das Pubertätsimitieren (?) des kleinen Kindes dazwischen grätschen wollten …
… dass ich einmal erleben durfte, als Lehrerin des Sohnes zu arbeiten (im schulischen Sinne: in einer AG, er mit Gleichaltrigen zusammen – das war schon ein besonderes Gefühl) …
… und zum Thema Schule: Sehr dankbar bin ich dafür, dass beide in diesem Jahr dort lebbare Zeiten verbrachten, dass sie von ihren Lehrern wahrgenommen wurden, dass sie sich mit ihren Mitschülern arrangierten, wenn sich auch Freundschaften im Schulraum spärlich entwickeln. (Wir hatten schon schwerere Schulzeiten. Und bessere kaum, bei beiden Kindern nicht.)

Danke für nahe Menschen, die mit mir und uns Schritte gehen …
… für viele Begegnungen hier im Haus, für Freunde, die nah wohnen und öfter hier sind, und für fernere, denen ich seltener gegenübersitzen kann – besonders beglückt hat mich dieses Jahr, dass wir zweimal mehrere Tage mit der Patenkindsfreundesfamilie verbrachten …
… für die „Backtraditionsfreundin“, mit der jedes Jahr unser Advent (und nicht nur der) verbunden ist …
… für innige Begegnungen, die ich hier in diesem Schreibraum haben darf …
… für eine Freundschaft, die nach längeren Irritationen über das Jahr hinweg vor wenigen Tagen in eine warme Umarmung mündete …
… für wiedergefundene Menschen: Kindheitsfreundinnen auf einem Jubiläumstreffen, dreißig Jahre nicht gesehen, jetzt wieder- und ganz neu begegnet – in einer Intensität, die wir vorher nicht für möglich gehalten hätten …
… und für verlorene: für die Kollegin, die ich gern noch näher kennengelernt hätte, bevor sie uns für immer verließ – tief nachhallend ist die besondere Wärme, die in unserer Schule, in unserem Kollegium durch die erste Trauerzeit trug.

Danke für meine Arbeit, in der ich mich nach wie vor im schönsten Beruf der Welt wähne …
… für all die geschenkte Lebensfülle, das tägliche Aufeinanderzugehen mit den jungen Menschen, das Teilen und Begegnen …
… für neuerwachte Nähe zu meinen Fastabiturienten, für meine immer noch so offenherzigen Sechstklässler, deren Augen strahlen wie zu Beginn der fünften Klasse, als wir uns kennenlernten, und für meine neue erfrischende Pubertätsneunte (sie haben Lieblingsklassenpotential:)) …
… für so viele Unterrichtsideen, die von innen und außen auf mich zugeflogen kommen, dass ich kaum schaffe alles zu Taten werden zu lassen – aber wenn es dann gelingt, dass Ach-so-s aus Schülermund und -augen hervorspringen, oder wenn jemand einfach kurz aufatmet, weil die Angst vor Mathe – für den Moment – verflogen ist – dann möchte ich mich am liebsten still und demütig niedersetzen …
… für ein Lehrerzimmer, in dem miteinander gelacht, gefreut und gesorgt wird, in dem wir uns austauschen, Probleme loswerden und bei Bedarf auch eine Rückenmassage erhalten können, in dem es sich warm und geborgen anfühlt …
… aber auch für ein berufliches Nein, das ich schaffte auszusprechen, was ich nicht zuletzt meinem Körper verdanke, der mir in den letzten Monaten gezeigt hat, dass es zu viel wird. (Jetzt, wo ich davon schreibe, spüre ich gleich wieder seine Reaktionen. Ja, ich höre. Mein Teilzeitantrag ist abgegeben, ein Arzttermin vereinbart.)
… und in diesem Zusammenhang: Danke für meine Schulleitung. Wie gut, dass sie auch oder gerade in einer solchen Situation zuhören, mich bestärken und unterstützen, ja, fast mehr auf mich achten als ich das selbst vermag.

Danke für all das geschenkte Unterwegssein …
… für Radreisen über 1, 2, 4 oder 16 Tage (mein Mathematikerkopf merkt an: es fehlt die 8:)) …
… für Reisen in den Schnee …
… für – wieder mal – ein Klassentreffen mit berührenden Begegnungen …
… für Berlinwege, die mich unter anderem in meine musikalische Kindheit zurückführten …
… und nicht zuletzt für die Hügel rund um unser Dorf, die oft genug, meist spätabends, bereit sind, mein Gedanken- und Emotionenkreisen zu tragen.

Danke für die viele Musik hier in unserem Hause …
… wie gut die Kinder es mit ihren Lehrern getroffen haben, wie liebevolle, warme und fruchtbare Beziehungen sich dort entfalten, teilweise schon über viele Jahre …
… wie ich Jahr für Jahr mehr lernen darf, das Wachsen und Werden von Musik aus sich selbst? aus dem Instrument? aus dem Kind? heraus zu hören (eine sehr weittragende Erfahrung, dass man Hören lernen muss – und kann) …
… für jede Freundschaft, die die Kinder über die Musik gefunden haben …
… und auch für unser Wettbewerbserfahren und -durchleben (ja, ein Thema zum Dranspalten, ich weiß, daher die oft in mir grübelnde Frage, ob meine Rolle eher im Bestärken oder im Bremsen besteht) – dieses Jahr haben wir den Sohn zum Bundeswettbewerb begleitet und dort, oder eher: auf dem langen Weg dorthin staunend beobachtet, wie er geduldig und ausdauernd arbeitet, ringt, kämpft, durchhält, um am Ende den Erfolg selbst staunend, still lächelnd und mit einem fast erschrockenen „das hätte ich nie gedacht“ in Empfang zu nehmen (etwas, was er nirgends sonst so wie hier lernen kann).

Danke für jeden Moment, in dem ich bei mir sein durfte …
… vor allem durch die Musik, in der auch ich so vieles für mich finde; dass sich mein Klavierspielen immer noch wie Wow und Was-ich-schon-immer-wollte anfühlt (und weil ich seit dem Frühjahr  digital spätabends üben kann, werde ich nun wieder regelmäßigen Unterricht vereinbaren) …
… vor Kerzen sitzend, einfach nur sitzend …
… manchmal innig lesend …
… hin und wieder ins Schreiben eintauchend, das heilsam den Lebensfluss und mich selbst zu mir zurückzubringen vermag.

Danke auch für all das, was in diesem Jahr fehlte …
… es wäre vielleicht eine lange Liste, wenn ich sie denn aufschriebe …
… aber sie steht für den Moment nicht mehr wie eine Mauer vor mir, sondern wie ein Weg voller Aufgaben – teils von mir aktives Tun erfordernd, teils mich zum Bereitsein auffordernd, so wie ich – ein Geschenk des Neujahrsmorgens – las:
Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)