Weg

Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten drei Jahren begann ich unter derselben Überschrift um dieselbe Zeit hier mit etwa diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch jung. Seine ersten Tage, ja Wochen gehören dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen und diese dann oft sehr ruhig verläuft, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen und bewusst hinüberzugehen. So kann ich mich an viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken und Empfindungen. Und auch an gute Vorsätze erinnere ich mich, natürlich.
Wie es aber ist und immer war: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch kaum berührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße an und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei. Von nun an laufe ich also richtig …“
Natürlich aber können solche Vorsätze nicht lange verhindern, dass wir weiterhin schlurfen, torkeln, trampeln, irren wie zuvor … und was ist überhaupt falsch, was richtig? — Ich gehe, wie ich eben gehe. Ich bin, wie ich eben bin. — Vielleicht gibt es nur einen einzigen sinnvollen Vorsatz: Ich möchte mir meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein erlauben.
So also stehe ich vor dieser kaum berührten Jahresfläche und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen. Sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los.
Aber ich darf mir etwas wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre – die Texte finden sich hier, hier und hier – ein wenig erfüllt haben? Wenn ich sie rückblickend lese, sehe ich kleine Schritte. Ich sehe aber vor allem, dass sich alles zu wiederholen scheint, möchte ich doch für dieses Jahr ganz Ähnliches formulieren. Der Weg ist eine Spirale und windet sich an immer gleichen Aufgaben hinauf. Die jungen Jahre der steten äußeren Veränderungen sind vorbei, nun ziehen sich innere Entwicklungen über Jahres- und Jahrzehntzeiträume.
So mag es wie Wiederholung klingen, wenn ich diese Jahresfläche mit Wünschen betrete, die denen der Vorjahre ähneln. Bei jedem einzelnen aber spüre ich Entwicklung und Veränderung gegenüber früher, in so vielen Bereichen weiß ich, dass ich vorangegangen bin.

Ich wünsche mir – das kann man nicht oft genug sagen – für mich und meine Lieben, dass wir gesund bleiben dürfen. Dies ist kaum selbstverständlich, ich muss mich nur umschauen.
Innig hoffe ich, dass die Tochter in ihrer oft schwierigen Situation weiterhin mutige Schritte setzt, dass der Sohn im Sommer heil aus der Ferne zurückkehrt, und dass meine Liebsten und Nächsten auf guten Wegen unterwegs sind.

Für mich selbst wünsche ich mir, meine Bedürfnisse immer wieder erspüren und ertasten zu können und sie aus ihren Käfigen und Gerüsten herauszulassen. Dies bleibt wohl mein lebenslanges Übungsfeld: mich zu öffnen, wenn mich etwas bedrängt, mich in einen Dialog zu begeben, wo Klärung heilsam wäre, und das Nein-Sagen zu üben.

Ja, ich wünsche mir Offenheit für ein Aufeinanderzu in jeglichen Begegnungssituationen, selbst in unscheinbarsten Alltags-Smalltalks. Bei diesem Weg fühle ich mich immer wieder sehr am Anfang. Mich im wahrhaftigen Zuhören zu üben – und nicht in lamentierendes Widersprechen und in Bewertungsrituale zu verfallen – wie schwer, wie schwer dies immer wieder ist. Nicht für alle meiner unguten Beziehungsfäden habe ich genug Gelassenheit, Geduld, Nachsicht und Selbstliebe. Die Nähe dennoch zuzulassen – aber auch die Entfernung, wenn diese heilsamer ist – dies würde ich gern etwas besser lernen.

Das wichtigste Aufeinanderzu ist dabei sicherlich dasjenige mit mir selbst: Wie oft fehlt mir die Fähigkeit, mich selbst in den Arm zu nehmen, wie oft fühle ich mich klein – ich wünsche mir Wege in ein heilsameres Zugehen auf mich selbst. Ich würde gern Behutsamkeit in allen Dimensionen und einen sanften Umgang mit meiner Lebensenergie, meinem Körper und seinen Ressourcen finden. Dazu gehören auch Tränenräume, in die ich mich von Zeit zu Zeit zurückziehe.

Für meine Alltags- und Arbeitsberge wünsche ich mir ein stetes Weitergehen auf dem bisherigen Weg, auf dem ich schon viel Bedrängnis von mir geschoben habe, auf dem schon viel Versöhnlichkeit und Gelassenheit eingekehrt ist. Dennoch ist und bleibt es viel, das alles, und wenn ich meine vielen Listenpunkte und meinen Zugang dazu immer wieder schreibend sortiere, so steckt darin unter anderem die Hoffnung auf Klarheit. Ja, ich wünsche mir, immer wieder im Inneren – wie im Äußeren:) – aufräumen zu können, so viel ich es brauche und es vermag.

Inmitten der täglichen To-Do’s bewusst mit meiner Zeit und meinen Kräften umzugehen und in die Gegenwart hineinzufinden, dies möchte ich stündlich und täglich üben. Es braucht Mut zur Langsamkeit und gelegentlich zum Nichts-Tun, damit sich die reiche Fülle meines Lebens wirklich und intensiv entfalten und ich mich dem einzelnen Moment hingeben kann.

Ich wünsche mir und uns Musik, hier im Haus und in der Welt, in und um jede und jeden von uns. Musik als Seelenatmen, so möchte ich es gern immer wieder und immer tiefer erleben, vor allem an meinem geliebten Cello. (Übrigens: Ob es wohl das Jahr wird, in dem ich mein eigenes Cello finden werde?)

Ich wünsche mir und uns Unterwegssein, allein oder gemeinsam, gern wieder auf dem Rad (ein vages Plänchen ist in Sicht:)), in jedem Falle aber als stete Reise zu uns selbst.

Und Frieden wünsche ich mir und uns nicht zuletzt, Hoffnung und Zuversicht für alle Bewegung, die unsere einzelnen und unser gemeinsames Leben erfasst. Nie versiegenden Mut zu träumen, Tanz in jeder Form, Staunen und Stille …

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Ich habe mir Zeit genommen, schreibe sie erst jetzt in der Nacht fertig, wo man in Russland – und wer weiß wo noch – das Staryj novyj god begeht, das Neujahr nach altem Kalender.
Abschließen möchte ich meine Wünsche mit denselben Worten wie die vergangenen Jahrestexte:

Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


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im Dezember

(Offenbar ist diese Form des Monatsrückblicks nicht mehr ganz meine, wenn ich mehrere Tage lang um sie herumschleiche, letzten Monat ja auch schon, und wenn ich mich regelrecht überwinden muss, den Kalender durchzugehen, um das Geschehene zusammenzutragen. Ich bringe dieses Jahr nun trotzdem auf diese Weise zu Ende, und in einem Monat schaue ich, ob sich diese Form halten wird, sich in eine andere verwandelt oder möglicherweise verschwindet …)

 

Ruhigen Schrittes durch einen Dezember zu kommen ist eine Kunst für sich. Offenbar aber habe ich mich in den letzten Jahren ausreichend darin geübt, denn es gelingt. Jedenfalls gemessen an dem Wirbel, der ringsum tobt, gehen wir gelassen durch unsere Dezemberwochen.
*
Eine unserer langjährigen Traditionen dieses Monats, das Plätzchenbackwochenende mit der Freundin, findet erstmals ohne unsere großen Kinder statt. Dafür bauen wir mit mehreren Tochterfreundinnen zusammen seit langer Zeit wieder einmal Lebkuchenhäuser. Einige dieser Hausbausätze wandern in die Ferne, nach Italien und Slowenien beispielsweise, und kommen in Form von Fotos zu uns zurück, hach.
*
Erstmals ohne den Sohn verbringen wir auch das Weihnachtsfest, was nicht so schwer wie erwartet fällt. Am Heiligabend senden wir ein paar Fotos und Videos hin und her – sie singen dort deutsche Lieder nach Smartphonetexten mit italienischem Akzent:) – und am zweiten Feiertag skypen wir kurz, um zu sehen, dass es allen sehr gut geht und der Sohn lediglich unter den riesigen Essensmengen leidet.
Schwieriger ist es für mich allerdings in den Wochen davor, als alle unsere Pakete partout nicht in Milano ankommen wollen und das Auffinden und Abholen in Depots zur großangelegten deutsch-italienischen Familiensache wird. Hierbei spüre ich mehr als deutlich, dass doch ganz schön viel Mutterherz in den verpackten Dingen steckt, und dass es auch dem Sohn unerwartet wichtig ist, diese Dinge zu bekommen.
*
Natürlich ist es ein Monat mit viel Glühwein auf verschiedenen Weihnachtsmärkten und Freundesabenden, wir dürfen ein paar Mal durch den Schnee stapfen und gelegentlich auch durch Regenmatsch, die Menge der adventlichen Vorspiele und Weihnachtskonzerte ist drastisch reduziert, es sind – bei nur noch einem musizierenden Kind im Haus – nur drei, was ich als sehr erholsam empfinde.
*
Wir feiern staunend und begeistert die Habilitation der Freundin, besuchen mit einer anderen Freundin Frankfurt und dort eine bewegende Ausstellung, zeigen uns mit einer dritten Freundin, dass sich auch in der Vorweihnachtszeit einfach so ein Abend zum Biertrinkengehen finden lässt und verbringen überhaupt viele Abende mit anderen Menschen zusammen, um gemeinsam zu essen, zu trinken, zu reden, zu träumen.
*
Nach langer Zeit habe ich endlich wieder Cellounterricht und eine sehr innige Begegnung mit meiner Lehrerin. Es ist Geschenk, zu diesem Instrument – und zu ihr – gefunden zu haben, mein Leben ist reicher und erfüllter geworden. Auf der Rückfahrt von dieser Cellostunde weine ich im Auto vor Glück.
*
In der Schule durchlaufe ich wie viele Kolleg*innen den monatstypischen Korrekturmarathon, entsprechend schreibt die Tochter eine Klassenarbeit nach der anderen. Das erschöpft alle Seiten, und als am 22. Dezember um 11 Uhr endlich die Schule aus ist, fallen wir alle ausgelaugt in eine Art Winterschlaf, oder jedenfalls in die schönsten Ferien des Jahres, in denen es – wie immer – ein paar Schlafanzugtage zwischen den Jahren gibt (die Gasttochter wird in diese innerfamiliäre Tradition eingeweiht und trägt sie mit Fassung:)).
*
Im Tochterzimmer werden Legoberge verbaut (und zuvor sortiert – über weite Strecken von mir), von meinem Schreibtisch verschwinden für zwei Wochen sämtliche Schuldinge, so dass Platz für ein paar 1000er und 2000er Puzzle ist, die Spazierwege rund ums Dorf begrüßen uns nach teils mehrmonatiger Abwesenheit innig, und die Tage sind erfüllt von Stillephasen jeglicher Form und Farbe. Da sind Bücher und Tagebücher, Schreib- und Malstifte, Musik und Stille, Erinnerungen und Träume … und Wintersonnenwende- sowie Silvesterfeuer voller Hoffnung.
Wie intensiv und nahe bei mir ich in diesen Tagen immer bin. Wie wichtig es mir ist, dass das Jahr auf diese ruhige Weise ausklingen darf. Wie sehr ich wieder Kraft und Lebensfreude in mir finde.

 

Baumwandelweg #11

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Mein letzter Baumweg des Jahres, an seinem fastletzten Tag. Am späteren Nachmittag gehe ich hinauf, schon ist es wieder möglich, nach 16 Uhr genug Licht für ein Bild zu finden, noch keine zehn Tage nach der Sonnenwende.
Wie intensiv mich diese Silhouette in diesem Jahr begleitet hat. Dieser Blick, dieser Baumgefährte, und die Wege, die von dort immer noch weiter hinauf führten …

 

Großer Baum und kleiner Baum vor einem abendlich dunkelblauen Himmel.

 

Dort hinauf, dort hinten, wo sich mir das Hügelland mal behütend, mal fordernd entgegenstreckte. Heute schaue ich ihm nur aus der Ferne beim Sein zu. So wie der Mond. Und: so wie dem Mond.

 

Dunkelblauer Abendhimmel mit einigen hellen Wolken, dem Mond und im Vordergrund eine Baumreihe.

 

Heute wandere ich einen anderen Weg weiter, treffe Baumgeschwister des meinen, verliere mich mit meinem Blick im Geäst. So wie – wiederum – der Mond es tut. Wie er durch den Baum wandert …

 

 

Und falls es jemandem auffällt, dass die Richtung der Mondbewegung nicht die astronomische ist: Es war – in jenen Momenten – auch nicht der Mond, der wanderte, sondern ich. Aber was macht das schon, sind doch Bewegungen eh relativ, gehen ineinander über, verwandeln sich ineinander.

 

Dunkelblauer Abendhimmel mit Baumreihe und Mond.

 

Und dann gehe ich zurück in mein Haus. Wieder vorbei am weiten Horizont, wieder vorbei an meinem Baum.

 

Großer Baum und kleiner Baum vor einem dunklen Abendhimmel.

 

Manchmal möchte ich so sehr danken, dass mir die Worte fehlen.

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Schneegrund

Wie fragil er ist. Sinkt er doch beinahe unter seinem eigenen Gewicht zusammen. Umso mehr unter bleiernen Schritten.
Schritte zerreißen Stille, knirschender Gang in zerbrechlicher Schneeruhe.
Spuren, die nicht verwehen?

 

 

Schneegrund ist leicht wehend fließend, macht sichtbar, was sonst verborgen, zeigt Täler und Anhöhen, gibt dem Weg eine Wellenform.
Und nimmt sie wieder. Weil sich doch alles gleichen wird in dieser weiß-weißen Umhüllung?

 

 

Schneegrund ist behutsam wegweisend, zeigt sanft, wie wichtig der Ort des Schrittes ist, und wer hier ging. Deutet an, wo zu gehen ist, wo gegangen sein wird.

 

 

Schneegrund besteht aus Wolken und Wölkchen. Schaut her, wie sich das Weiß in wagemutigen Ballen auf allerdünnste Zweige niedersetzt, wie es sich hält, ohne zu klammern, wie es der Schwerkraft widerstrebt und friedlich sein eigenes Gesetz lebt, dieses Weiß.

 

 

Das Zerbrechliche des Grundes bekommt mir ein anderes Gesicht. Nicht mehr fragil will ich ihn nennen.
Ich sehe zu, wie er mich trägt. Und dass ich meine Spuren vor mir selbst nicht länger verbergen kann.
Nicht als zerstörende will ich sie lesen, sondern als ein Es-ist-wie-es-ist, und als ein Etwas, welches sich im späteren Tauen in die Aufhebung begeben wird.
Schnee, zeigst du mir das?

 

 

Wohin wirst du führen? Was wird an deiner Schwelle erscheinen, in welches Kleid und Licht wirfst du das alles?
Und wie kann ich deine Stille in mich nehmen, wie kann ich beginnen in ihr zu leben, du sanfter Schneegrund?

 

Wege ohne Farben

Es gibt Wundertage, und es gibt Graubrottage. Genau genommen gibt es wohl mehr von letzteren, wenn man sich die Mühe des Zählens machte, wenn es auf die Zahl denn ankäme.

 

Hügelige Landschaft, braun-grün, unter grauem Himmel.

 

Gestern morgen waren wir draußen, suchten uns eine kleine Wanderung für Füße und Herz. Es war einer der kürzesten, lichtlosesten Tage des Jahres; die Kamera, das Fotoauge lief trotzdem mit. Obwohl da nichts war, was bewahrenswert oder ergreifend schien, oder auch nur mit einem Hauch von farbigem Funkeln versehen. Alles düster, wirr, trüb verwoben … und irgendwie normal, für diese Zeiten. Ich drückte dennoch von Zeit zu Zeit auf den Auslöser – ohne mir Mühe mit der Motivsuche zu machen. Ohnehin wirkte alles gleich in gleich.
Wozu eigentlich, dachte ich, als wir noch unterwegs waren, halte ich dies hier fest. Wozu eigentlich, dachte ich umso mehr, als ich diese farbigen, lichtsprühenden Bilder sah. Ein wahres Wunder: Bilder, die mich staunend und berührt hinterlassen, Bilder, welche den Zauber der Liebe in sich tragen. (Sie sind vermutlich zur gleichen Stunde aufgenommen wie meine.) Meine sind farblos, langweilig und nur zum Löschen gut, war mein erster Impuls.

Nun, und jetzt sind sie hier doch zu sehen, meine Graubrotbilder. Als Kontrapunkt zu den strahlenden eben, als Bilder eines ebenso wahren Wunders, eines noch viel größeren Wunders vielleicht? Weil sie das Eigentliche darstellen, das Alltägliche, welches nicht immer berstende Farben bereithält, und nicht den Pik der Zeiten, in denen das umgebende Strahlen von allein trägt?
Oh nein, ich will nicht vergleichen. Alles hat seine Zeit. Es gibt diese Momente, und es gibt jene. Manchmal fühle ich mich beschenkt, manchmal beraubt. Täler und Berge wechseln einander ab, in einer einzigen Wellenbewegung.
Und doch gibt es Menschen, gibt es Leben, deren Tage vor allem so ausschauen wie meine Bilder: Menschen, welche sich in Zauberhöhen nie emporzubewegen vermögen, warum auch immer. Zuweilen haben auch meine Tage diese jubel- und zauberlose Gestalt, fühlen sich düster und gebeugt an, und verharren lange darin. Schritt-für-Schritt-Zeiten eben, ohne jedes Fliegen.

 

 

Und dann gehe ich los. Und gehe. Suche, dennoch. Oder nein, „suchen“ ist nicht das richtige Wort. Etwas in mir geht weiter, ohne zunächst den Blick auf ein Ziel zu richten.

 

Ein grauer Werg inmitten eines düsteren Waldes. In der Ferne eine Wegverzweigung.

 

Bis das Auge begreift, welche Wege da sind, lichtarm und weit. Es ist immer beides.

 

Ein schlammiger Weg führt in weitem Bogen von einer Anhöhe in ein Tal mit einem Dorf.

 

Bis der Schritt erfasst, wie auch dieser farblos graue Boden trägt und führt.

 

Eine Baumkrone mit feinen Verästelungen ragt in den grauen Himmel.

 

Bis das Herz erahnt, welche feinen Verästelungen, welche Verzweigungen sich ihm bieten können, jenseits des Jubels.

 

Die Silhouetten einer verdorrten Wiese und einer kahlen Baumkrone vor einem sehr düstergrauen Himmel.

 

Und bis über verdorrtem Vergangenen eine kleine Öffnung Lichts mich demütig macht.

 

Silhouettenartig ragen verdorrte Gräser in den Vordergrund. Darüber zeigt ein graumelierter Himmel eine winzige Öffnung, durch die blaues Licht lugt.

 

Denn ja, „Leuchten und Lieben“, das ist es. Gerade und erst recht, wenn dies an grauen Tagen manchmal unmöglich erscheint, wenn es kein lichtschenkendes Geflecht gibt, welches trägt, wenn der Weg ganz allein zu gehen ist.
Es ist viel schwerer. Ich übe.

 

Ein durchgeschnittener Baumstamm, in welchem assymetrische Jahresringe sichtbar werden.

 

„Leuchten und Lieben“ als Aufgabe, aus welcher sich die Ringe eines Lebens gestalten. In guten wie in schlechten Zeiten. Vor allem aber in schlechten.

Farbigkeit ergibt sich auch dann. Von allein.

Danke.

 

im November

Wenn ein Monat so dicht gepackt ist mit äußeren Aufgaben, mit inneren Prozessen, mit Unerwartetem, mit gesuchten und mit unfreiwilligen Begegnungen,
wenn der monatelange Talgang in einen vorläufigen Erschöpfungstiefpunkt mündet, an welchem es nötig – und plötzlich möglich – wird, sich zu wenden,
wenn diese Wendung in zunächst ganz bedächtigen Schritten beginnt und mehr denn je ein Eins-nach-dem-Anderen erforderlich macht,
wenn also dieses

Wenn ich stehe, dann stehe ich.
Wenn ich gehe, dann gehe ich.
Wenn ich sitze, dann sitze ich …

zum tastenden und aufbauenden Lebensprinzip wird, weil alles andere nicht mehr funktioniert,
dann haben die Tage plötzlich zwar wieder Lebbarkeit, aber doch zu wenige Stunden. Nämlich: Wenn alle täglichen Aufgaben in Ruhe getan sind, eines nach dem anderen, einschließlich dem notwendigen Schlaf, dann bleiben plötzlich Dinge liegen. Blogtexte wie zum Beispiel die Selbstverpflichtung, immer zum Monatsende ein berichtartiges Fazit für mich selbst zu ziehen.
Sicherlich aber habe ich diesen Monatstext auch deswegen so lange vor mir hergeschoben, weil ich nach einer Form des Erzählens suchte. Und nun doch spüre: Der Kern des Monatsgeschehens liegt in meinem Innern. Und zwar so tief innen, dass es für hier unerzählbar bleibt.
*
Da ich aber ein Mensch mit Vollständigkeitssyndrom bin (fragt nicht;-)), folgt nun doch noch ein wenig Bericht über die Novembertage, über meinen Fastlieblingsmonat nämlich. Unter anderem deshalb, weil ich ja ein Kind dieses Monats bin.
Dieses Jahr feiern wir in Lüneburg, wo wir noch die letzten Herbstferientage mit den Freunden verbringen. Ich schenke mir selbst Bücher über Bücher, was ja immer Welten über Welten bedeutet. Mal schauen, was mit diesen Welten für mein fünfzigstes Lebensjahr angebahnt ist.
*
Nach Hause zurückgekehrt, erwarten uns frühlingshafte Temperaturen, wir grillen und sitzen draußen – an einem vierten November! -, während bald darauf unsere Weihnachtsbäckerei beginnt. Abrupter Zeitenwechsel.
Es fühlt sich tatsächlich als Frühstart an, weil die Lebkuchenhäuser nicht nur gebacken, geschnitten und verpackt werden müssen, sondern auch noch möglichst pünktlich (u.a.) in Italien und Slowenien ankommen sollen. (Der Plan geht letztlich nicht auf, weil DPD das Advents-Nikolaus-Päckchen vertrödelt, erst auf Nachfrage wiederfindet, es – nach einer kurzen Runde über Mailand – dann aber nicht dort ausliefert, sondern zu uns zurückschickt. Wo es bis heute nicht wieder angekommen ist. Der Sohn hat also keinerlei heimatgegenständlichen Advent, worüber ich vermutlich mehr schluchze als er.)
Wir kneten also und backen, die Gasttochter wird nebenher mit den Höhepunkten deutschen Weihnachtsliedertums – *hierbekanntenOhrwurmdenken* – vertraut gemacht, und ein erster Weihnachtsmarktbesuch steht an.
*
Daneben besteht das Familienleben dieses Monats aus einigem zwischenmenschlichen Wirbeln – wir rütteln uns immer noch zurecht, so ein Zusammenleben wächst nicht in wenigen Wochen -, aus Angestrengtheit, weil wie immer in diesem Monat die Schulpensen groß sind, aus ein wenig Tochtermusik (wobei es ohne Sohn im Haus doch sehr, sehr ruhig in dieser Hinsicht geworden ist) und ein paar Kino-, Museums- und Ausflugsortsbesuchen.
*
Die Schule fordert auch bei mir viel, ich lasse mehrere Berge Klassenarbeiten schreiben und befinde mich folglich tage-, nächte- und wochenendenlang in Symbiose mit meinem Rotstift.
Unsere Klassenleitungsaktivitäten sind in der Intensität, wie wir zu Schuljahresbeginn starteten, nicht aufrecht zu erhalten, stellen die Coklassenlehrerin und ich fest: wir hatten ein Tempo angeschlagen, das wir so nicht durchhalten können. Daher bleiben notwendige Dinge liegen, werden dringliche Situationen zunächst aufgeschoben, weil wir nicht mehr können. Es ist schwer, dies einsehen zu müssen. Im Grunde hätten wir Arbeit für mindestens fünf weitere Kolleg*innen, und wir haben nur vier Hände. Mal wieder möchten wir gern zaubern können.
*
Und um nicht mit dieser entmutigten Passage zu enden, setze ich noch ein wenig Musik hierher. Musik, die trägt, in diesem Monat mehr denn je, fanden sich doch Tage, an denen ich meine eigenen Töne plötzlich als Wohlklang erlebte. Wie durch Umlegen eines Schalters.
Und nun übe ich mich unter anderem an diesem hier …

Baumwandelweg #10

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

Ein Weg im Regen, in nieseligem, alles durchdringendem, sich an die Haut klammerndem Regen.

Seit Tagen ist dieses Wetter, lädt es nicht ein zu einem Gang hinaus, verbirgt sich alles hinter novembrigem Himmel. Seit Tagen suche ich das Wolkenloch am Himmel, durch welches Licht dringt.

Seit Wochen war dieses Grau, ließ mich mich im Haus verkriechen, nahm ich die Welt nur durch einen Schleier wahr. Seit Wochen suchte ich die Öffnung, das Fenster, durch welches es wieder hell wird.

 

Herbstkahle Bäume, ein großer, ein kleiner, vor einem Himmel, dessen Farbspektrum vom Düstergrauen zum Lichtvollen reicht.

 

Nun, in den vergangenen Tagen, öffnete sich ein Spalt, zeigte sich mir zaghaft dieses Dahinter, dieses Darunter, dieses Überallem.
Der Himmel antwortet.
Immer.

 

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Baumwandelweg #9

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Schritt. Noch ein Schritt. Und noch einer.
Auf wen zu? Auf was zu?
(Dabei weiß ich doch: Zu Dir, zu meinem Baum. Jetzt. Für einmal mich lösen aus der Schwere.)

Es geht sich zäh. Alles voller Bodenleim. Bleiernes Waten.
Ein Willkommen lässt sich in diesen Tagen kaum spüren. Erstarrung des Umgebenden. Oder bin das ich, deren Lebendigkeit sich verschlossen hat?
Funktioniere. Als Imperativ. Gib nur nicht zu viele Gedanken hinein.

 

Ein großer Baum, ein kleiner Baum. Kahl schon. Vor einem leicht abendrötlichen Himmel.

 

Freitag Abend. Das, was Ferien heißt, hat begonnen. Im Kalender steht: Zum Baum gehen. So weit ist es schon.
Am nächsten Tag fährt der Zug in den Norden. Unter dem blauen Himmel dort flackern Erinnerungen an andere Zeiten.

Und wieder Schritt.
Um Schritt.
Um Schritt. Um Schritt.
Es hallt in den Gassen, was im Innern an Resonanz fehlt.

Ich schaue hinauf dabei, ganz hinauf in unendliche Weiten.
Immer findet sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel öffnet, zeigt, weitet, entfaltet, empfangend schenkt.

 

Rötlicher Abendhimmel über Schemen eines Dorfes.

 

 

Rote Abendlichtsilhouette eines kahlen Baumes.

 

Nun, es bleibt zu betrachten. Das alles.

 

 

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Wegpunktzufälle

Irgendwann tat ich es schon einmal. Damals strengte mich meine ewige Bildsuche sehr an, ich hatte diese Idee und war neugierig auf das, was geschehen würde.
Diesmal liegt mein Motiv noch etwas tiefer: Überfordert fühl(t)e ich mich, hilflos gegenüber dem Vielen, unfähig eine Auswahl zu treffen. Beim Fotografieren so wie bei sonstigen Dingen.

Und so tue ich plötzlich, was ich auch damals tat, und was mir der Herr Irgendlink hoffentlich nicht als Plagiat auslegen wird, denn es ist keines: Ich radle los und fotografiere meinen Weg in vorgegebenen Abständen. Genau dort, wo der Kilometerzähler Stopp gebietet, und nirgends sonst.
Hätte ich am Morgen schon geahnt, wie weit mich meine „kurze“ Samstagsrunde tragen würde, hätte ich wohl einen weiteren Rhythmus als 5 km gewählt, 7 oder 13 oder so. Doch auf einen 10-km-Abstand möchte ich die Bilder jetzt nicht mehr ausdünnen – dies ist ja keine Primzahl (;-)), und dies wäre dann tatsächlich Irgendlinks Zahl.
Nun also: Viele viele Bilder werden es. Alle 5 km nehme ich vier Blicke auf, in jede Richtung einen. Ich fotografiere mit festgelegter Brennweite und gebe mir auch sonst keine großen Entscheidungsmöglichkeiten bei Motivwahl, Tiefenschärfe oder Ausleuchtung. Was an jenen Fleckchen sich befindet und wie es sich im Licht des Moments zeigt, genau dies hält meine Kamera fest. Was aber in den Zwischenzeiten und Zwischenorten meinen Weg kreuzt, bleibt unfotografiert …

Wie schwer dies anfangs ist. Gänzlich unfotogene Ansichten landen im Apparat, wohingegen ich an zauberhaften Herbstnebelfarben, an fließenden Lichtwolken, an schimmernden Landschaftswellen vorbeirauschen „muss“, ohne sie mir auf mein Speichermedium zu bannen.

Wie das eben so ist, hier an der Strecke, und auf meinen täglichen Wegen, denkt es in mir. Haben wir eine Wahl, welche Bilder wir aufnehmen? Können wir dem Unschönen ausweichen, können wir immer nur das Wohltuende vom Wegesrand pflücken, so wie ich es beim Fotografieren sonst gern mache? Während doch immer das gesamte Spektrum an der Strecke liegt?
Ja, die unansehnlichen, gar hässlichen Ansichten sind da, ob ich will oder nicht. Heute landen auch sie in der Kamera, bunt untergemischt unter Fotogeneres, alles in allem ein wahrer Auszug aus der Wirklichkeit. Nichts ist geschönt, nichts ausgeblendet, ich verzerre nicht durch Auswahl und Verwerfen. Das was ist, das ist. Ich lebe darin.
Und doch: eine Stunde ist nicht eine Stunde, ein Kilometer nicht ein Kilometer, ein Bild nicht ein Bild. Meinen Kopf kann ich immer noch wenden wie ich möchte, selbst im Nachhinein. Kann die unliebsameren Blicke kaum mehr beachten, kann meinen Fokus auf das Labende richten, kann es vermischen mit stärkenden inneren Bildern, derer ich genug in mir trage und von denen ich heute emsig weitere einsammle. Das Panorama, welches ich von meiner Kurzreise mitbringe, wird von mir geformt und gefärbt, und nicht von den Bits und Bytes auf der Speicherkarte. Von einer statistischen Verteilung des Guten und des Unguten am Wegesrand möchte ich mir nicht vorschreiben lassen, was ich im Innern letztlich sehe …

Was bedeutet das überhaupt: das Gute, das Ungute, das Schöne, das Lichte? Sind dies nicht selbsterschaffene Kategorien? Ist ein Bild per se wohltuend, oder mache ich es mir zu einem solchen? Kommt das Licht der Dinge von ihrem äußeren Anblick her? Oder kann ich es ein Stück weit selbst erschaffen?
Wenn ich doch versuchte, auch in einem jeden Unbedeutenden – und sogar im vemeintlich Hässlichen – etwas aufzuspüren, das mich stärken könnte? Schließlich fügt sich jede Wegstrecke aus letztlich unbedeutenden Orten zusammen. Weder für mich noch für Euch als von außen Betrachtende ist es vermutlich von Belang, ob ich auf meiner Kurzreise am Rhein war (war ich nicht) oder am Neckar (war ich). Beide Flüsse sind hier weder zu sehen noch sind sie nicht zu sehen. Möglicherweise spielen sie gar keine Rolle.

Was für eine Entlastung, wenn ich nicht mehr Bedeutsames auszuwählen versuche, wenn ich nicht werte, nicht sortiere zwischen Leuchtturmanblicken und Grauackertönen, zwischen erstrebenswerten Reisezielen und dem ermüdenden immer ein wenig monotonen Tritt des Alltags.
Eine Entlastung für mich, da ich nicht allezeit nach tragenden und stärkenden Momenten auf meiner Lebenswegstrecke suchen muss, während ich gleichzeitig vor anderen Etappen die Augen verschließe oder gar fliehe.
Eine Entlastung auch für die Dinge und ihr äußeres Kleid, wenn sie nicht mehr die Bürde der Verantwortung dafür tragen, mir meine Tage zu retten, wenn auf ihnen nicht mehr das Gewicht der Sinngebung für andere Zeiten liegt.

Nun also: Was hat sich mir unterwegs gezeigt? Dies alles, dies viele, was folgt …
(Unten in groß ist jeweils das Bild in Fahrtrichtung zu sehen. Oben etwas kleiner das Rückwärtsbild, daneben die Bilder in seitlicher Richtung.)

Kilometer 5:

 

Kilometer 10:

 

Kilometer 15:

 

Kilometer 20:

 

Kilometer 25:

 

Kilometer 30:

 

KIlometer 35:

 

Kilometer 40:

 

Kilometer 45:

 

Kilometer 50:

 

Kilometer 55:

 

Kilometer 60:

 

Kilometer 65:

 

Kilometer 70:

 

Kilometer 75:

 

Kilometer 80:

 

Kilometer 85:

 

Kilometer 90:

 

Kilometer 95:

 

Kilometer 100:

 

Vielleicht sollte ich öfter so wahl- und entscheidungslos durch die Linse schauen?
Nun, „schöne“ Bilder werde ich natürlich weiterhin suchen und zeigen, mit aller Freude und Leichtigkeit, welche die Hingabe an ästhetische Wunder schenkt. Aber ich suche, lebe und fotografiere schon recht idyllezentriert.
Vielleicht gibt es einen Mittelweg. Beim Fotografieren, und im Leben.

Baumwandelweg #8

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Ein großer und ein kleiner Baum im rötlich-herbstlichen Abendlicht. ImHintergrund spielen Wolken am Himmel.

 

Welch ein Licht!

 

Eine hügelige Feldlandschaft im rötlichen Abendlicht.

 

 

Ein rötlich beleuchtetes Feld vor einem wolkig lichtdurchspielten Himmel. Im Vordergrund der langgezogene Schatten der Fotografierenden.

 

Mehr möchte ich gar nicht sagen zu diesen Bildern, zu meinen Wegen am frühen Samstagabend, und zu diesen Tagen überhaupt.

 

 

Doch, eines noch: Wie wichtig es immer wieder ist, den Blick auf das Kleine, Unspektakuläre zu richten.

 

Äpfel am Boden, eine bunte Mischung aus unreifen, reifen und verfaulten Früchten.

 

 

Goldscheinende Gräser im Gegenlicht.

 

Und auf das Große.

 

Gegenlichtaufnahme. Unter den Wolken lugt eine Sonne hervor. Unten breitet sich ein Feld aus.

 

 

Ein Himmelsblick, gesäumt von Wolken und Baumkronen.

 

Danke.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

 

mitgegeben

Einen Stein aus unserem Garten: Damit du ein Stück von deinem Zuhause ganz nah bei dir tragen kannst.

Einen Stein von einer unserer italienischen Berg-See-Reisen: Damit du dich von Fernweh, Abenteuerlust und Entdeckerfreude durch dieses Jahr leiten lässt.

Den Glücksstein, den mir deine Schwester in der ersten Klasse bemalt hat. Seit damals liegt er auf meinem Nachttisch und bedeutet mir sehr viel. Möge er in diesem Jahr bei dir sein, vielleicht auch auf deinem Nachttisch, damit du uns, deine Familie immer ein wenig bei dir hast.

Einen Hühnergott von der Ostsee, den wir damals gefunden haben, als wir in K. waren – weißt du noch? Man sagt diesen gelöcherten Steinen nach, sie brächten Glück. Und das kannst du in diesem Jahr sicher gut gebrauchen.

Einen Würfel, einen ganz besonderen Würfel, einen runden nämlich: Für all die immer auch ein wenig vom Zufall geformten Dinge, die in diesem Jahr passieren werden. Möge, was auch immer Dir geschieht, stets auf irgendeine Weise stimmig sein und rund laufen.

Einen Magnetstein: Für alles, was dir wichtig ist und an dem du hängst, damit nichts davon verloren geht.

Und schließlich eine Klangkugel: Für all die Musik, die du brauchst, spielst, hörst, empfindest und suchst.

(Mein Herz, das gebe ich dir auch mit auf die Reise. Aber in welcher äußeren Gestalt verpackt, darüber plaudere ich hier in der Öffentlichkeit nicht:))

   

Ich staune, mit welcher Klarheit du genau diesen Weg schon sehr lange gewählt hast. Immer schon wolltest du für ein Jahr weggehen. Und es sollte nie ein englischsprachiges Land sein, die USA schon gar nicht. „Weil das ja alle machen. Und weil ich Englisch schon kann“, sagtest du vor etwa drei Jahren mit Entschlossenheit. Und bliebst dabei.

Ich bewundere, dass du den Mut zu dieser Lebensreise in dir trägst. Ein ganzes Jahr wegsein. Naja, „es sind ja nur zehn Monate“, hast du in den letzten Tagen tröstend zu mir gesagt. Und ein wenig auch zu dir selbst? Ich weiß es nicht, ich durchschaue es nicht. Du selbst wohl auch nicht. Jedenfalls: Ich selbst war noch nie zehn Monate lang in der Fremde, ohne Unterbrechung, ohne Begegnung mit der Heimat. Du wagst es, wie unglaublich.

Ich finde es großartig, dass du diesen gewaltigen Schritt in die Selbstständigkeit nun wirklich gehst und dir eine völlig neue, eigene Welt eröffnest. Ich fiebere mit, erahne dein Lebensgefühl dieser Tage, spüre deinen Drang dich endlich auf den Weg zu machen, bin mitneugierig – auch wenn ich das meiste, was dir dieser Tage begegnen wird, wohl nie erfahren werde – und bin mitfreudig ohne Ende.

Ich weiß, dass mit deiner Reise wirklich eine Lebensphase zu Ende geht, für uns beide.
Für dich die Kindheit. Wie entschlossen du in den letzten Tagen dein Zimmer ausgeräumt hast. 27 kg Dinge nimmst du mit, zwei Kisten stehen unterm Dach, auf deine Rückkehr wartend, vom Rest sagtest du, du bräuchtest es nicht mehr. Bei manchem habe ich heftig geschluckt. Diese Fähigkeit loszulassen, die hast du definitiv nicht von mir.
Und für mich geht ebenfalls ein Abschnitt zu Ende. 16 Jahre lang warst du immer da. Ich wusste zu jeder Stunde, später an jedem Tag wenigstens, wo du bist, womit du dich beschäftigst, was dir geschieht, was dich bewegt, was dich lachen und was bedrückt sein lässt. Von jetzt ab werde ich nur noch einen Extrakt von all dem erfahren. Wenn überhaupt.
Ich bin so schlecht im Loslassen. Wieviele Tränen ich dieser Tage weine. Aber ich spüre auch, wie ich daran wachsen kann …

   

Gestern nun war euer großer Tag. Nach Einchecken, Gepäckabgabe, erklärend-beruhigenden Worten eurer Betreuer und einer letzten Verabschiedungs-Umarmungs-Runde zogt ihr allein los und reihtet euch in die mäandernde Warteschlange vor der Sicherheitskontrolle ein. Ihr ganz allein, ihr sieben jungen Menschen, die ihr euch Italien als Wahlheimat für ein Jahr gesucht habt. Etliche verweinte Elternaugen schauten euch nach.

Ja, wir standen dort, hinter der Grenze, über die wir nicht mehr mitdurften, und konnten nur noch unsere Blicke mitgeben. Und unsere Herzen.
Welch ein Symbol für euer Großwerden …

Baumwandelweg #7

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Du Baum, Du.
Als hättest Du mich gerufen. Lange war ich ja nicht da, konnte nicht da sein. Nun bin ich zurück. Und Du lässt mir keine Ruhe. Wenige Stunden erst ist es her, dass ich unter mein Dach zurückgekehrt bin. Und schon laufe ich zu Dir, den Hügel hinauf, in der Abendhitze, über die versengt wirkenden Felder. Dabei sind sie nur abgeerntet. Der Sommer ist am Gehen.

Und Du stehst. Stehst wie seit Jahr und Tag. Wie jedes Mal, wenn ich Dich besuche. Aus fast unverändertem Antlitz blickst Du mich an, und ich staune. Über diese Konstanz, diesen Gleichmut, diese Beharrlichkeit, sich den Zeiten nicht auszuliefern. Oder kaum. Ein wenig ja schon. Zartfarbig leuchtet es aus Dir, Deine Früchte sind am Reifen. Deine Blätter haben sich noch dunkler gefärbt. Während Dein kleiner Bruder begonnen hat, sein Blattgewand zu lichten. (Schon?) Und das Dich bergende Feld ist im Schwinden begriffen. Nur bei Dir: Alles beim Alten.

(Was für ein langweiliges Motiv habe ich da gewählt, denkt es in mir. Für ein Projekt, welches den Wandel zeigen möchte, ein schier unbewegliches Objekt zu suchen, das ist mir ja wieder gelungen. – Der innere Zensor nimmt sich seine Macht, und ich, ich habe zuweilen keine Kraft, ihm Einhalt zu gebieten.)

 

 

Ich gehe also auf Dich zu. Es scheint leicht, sich Dir zu nähern, aus der Ferne gesehen. Kein Feld ist mehr zu durchwaten, es ist zu einer staubigen Kruste geworden, welche ein Querfeldein erlaubt. Doch je näher ich komme … Der Boden liegt voll von Deinen Früchten. Ich mag sie nicht zerquetschen, ich suche mir einen Pfad. Doch da sind Wespen. Tausende von Wespen. Und ich trage Sandalen ohne Socken. Mein Blick starrt ihn an, den schmerzenden Stich, der mich jederzeit treffen kann, da schwingt Angst in jedem Schritt.

In einigem Abstand bleibe ich stehen. Dein Stamm scheint unerreichbar, ich habe keinen Mut für den Weg durch dies Unberechenbare. In Dein Oben zu schauen, dies ist mir leichter. Schon bin ich Deiner Krone nahe. Das Lichtspiel der Blätter fasziniert und macht neugierig. Wie mag es ausschauen, wenn ich leicht nach links blicke und gehe? Und leicht nach rechts? Wenn ich den Blick wandele? Wenn der Blick mich wandelt? Mich wandeln lässt …

Bis ich plötzlich bei Dir bin. Unvermittelt finde ich mich an Deinem Stamm wieder. — Welche Schritte sich setzten, welchen Weg die Füße genommen habe, dies wird sich mir nicht mehr erschließen. Es ist auch nicht wichtig. Ich bin ja da. Ich bin gegangen. Es ist gegangen. Wie von selbst.

Ich bin zu Dir gekommen. Doch hinsetzen – wie sonst – dies ist heute nicht möglich. Noch immer liegen unter mir Früchte mit Wespen. Ich stehe am Stamm, lehne mich an. Ein Kompromiss. Manchmal braucht es Kompromisse. Das Leben ist kein … naja … keine Sprüche jetzt, bitte.

Ich lehne also an Dir. Es ist mühselig. Die durchgedrückten Knie melden sich, sie mögen die Anspannung nicht. Vor meinem Auge fliegen Fliegen über Fliegen. Vor meinem Ohr tun sie dies auch. Lautes unruhiges Gewirr, kaum kann ich das Rascheln Deiner Blätter vernehmen. Aus der Ferne nähert sich eine Menschengruppe. (Wie selten geht jemand hier spazieren, denke ich in diesem Moment.) Lärmendes Reden, schreiendes Zurückrufen des Hundes, der schon auf dem Weg zu mir ist. Auch das noch. Ein Riese springt an mir hoch, bellt, will lecken, ich mag das so gar nicht. Und unter mir immer noch tausende Wespen.

Fast lache ich los. Ein Lachen der Hilflosigkeit. Was alles mich heute von meinem ruhigen Sein abhalten will. Fliegen, Wespen, Menschen, Hunde. Sie alle zerren an mir, dass ich mich von mir wegbewegen solle. Eine wahre Lektion spielt sich um mich herum ab. Ein Symbol meines Alltags, meiner Beziehungen, meines Selbstbildes, meines gesamten inneren Wirbelns. — Wo ist mein Stamm, an den ich mich lehnen kann, bei all dem?

Da! Da bist Du ja! Wie lebendig Dein Stamm meinen Rücken berührt! Was da alles strömt.

Ich atme. Aus und ein. Ein und aus.

Wir stehen ja. Wir haben ja Ruhe. Wir sind ja.
Einfach nur hier. Oder da. Je nachdem.
Ich stehe. Ich finde Ruhe. Ich bin.

Es ist mehr Baum in mir, als ich immer ahnte. Ich bin mehr im Baum, als ich zu hoffen wagte.
Ich – Du – Er – Wir.
Und noch viel mehr.

Danke.

Sie wollte mir eine Geschichte erzählen, diese Ruhe, in der Du die Gezeiten und Stürme durchstehst. Während ich hier schrieb, öffnete sich mir eine Tür. Durch einen winzigen Spalt blickte ich hinein in das Es …

 

 

 

Und als ich dann von Dir ging, vorgestern war es, da war ich bereit für weitere Schritte. Ich folgte dem Weg, den ich so oft schon wählte, heute die lange Runde. Vertrautes, oft Gesehenes.
Heute im Licht, das Konturen sichtbar macht, das Farben schenkt, das wärmt.
(Und dass die Bilder fast schon als Kitsch durchgehen könnten, ist mir für heute egal. Manchmal verweise ich Herrn Zensor eben einfach an seinen Platz:))

 

 

 

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Baumwandelweg #6

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Da ich an diesem letzten Monatssonntag schon weg bin, nicht mehr in Baumes Nähe, habe ich ihn mir mitgenommen. Als Bild, aufgenommen am letzten Tag zu Hause.
Am letzten Tag, es war der Mittwoch, als es morgens im Schulhaus noch wie im Taubenschlag zuging, als gegen Mittag die Zeugnisse verteilt und die somit jetzigen Sechstklässler in die Ferien verabschiedet waren, als wir KollegInnen dann zu einer letzten Dienstbesprechung und einer langandauernden Kolleginnenverabschiedung zusammensaßen, als die Arbeitsplätze in Lehrerzimmer und Physiksammlung von allerlei Gegenständen – was sich über ein Jahr so ansammelt! – befreit werden mussten, als ich am späten Nachmittag müde, gehetzt und endlich zu Hause eintraf, als ich die Kinderzeugnisse sah (und feststellte, dass der Sohn das seine überhaupt nicht richtig angeschaut hatte:)), als ich einen Blick auf den Fortgang der Urlaubsvorbereitungen warf und feststellte, dass es nun gilt die Beine in die Hand zu nehmen, wenn wir wie geplant am nächsten Morgen abreisen wollten, als ich noch einmal ausflog, um letzte Einkäufe zu tätigen, als vor mir nur noch ein Abend und eine Nacht, aber Unmengen zu packen zu tun zu packen zu tun lag, als schließlich noch das Essen für die Fahrt und das Haus für die Abfahrt vorzubereiten war, als es also über Stunden und Stunden so wirbelte wie es dieser Satz hier tut …
… da riss ich mich zwischendrin einfach los und ging zu ihm, meinem Baum. Ging zu ihm, lehnte mich an, atmete durch, kurz oder lang? ich weiß nicht mehr, jedenfalls: Es tat gut. Auch wenn ich diesmal blind war, nicht richtig bei ihm, wenn ich nicht wahrnehmen konnte, welche Bewegung, welche Veränderung er erfahren hat, in welche Form es ihn gezogen hat und zieht.

 

 

Es tat gut.
Danke.

Und nun sind wir verreist, erst an dem einen Ort, später an einem anderen.
Pünktlich zum nächsten Monatsende, zum nächsten Monatsbild werden wir wieder da sein. Dann – so hoffe ich – mit mehr Ruhe, mit mitgebrachtem Ferienfrieden, mit einem neu geöffneten Blick …

 

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Baumwandelweg #5

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Du lieber Baum,

so hatte ich mir das ja nicht vorgestellt. Dass ich mich so selten – nicht einmal jede Woche – zu Dir auf den Weg machen würde. Dass mir so oft die Zeit zum Tagesende doch nicht reichen würde. Dass mich, bei allem Wünschen und Wollen und Sehnen, stets andere Dinge von der kurzen Reise in Deine Welt abhalten würden.

Dabei tust Du mir gut. Unendlich gut, möchte ich emphatisch ausrufen. Von jeder kurzen Reise zu Dir komme ich beschenkt und gestärkt zurück. Ich bringe Bilder mit, die – eingebrannt in die Seele – weitertragen durch meine Tage. Ich darf mich bei Dir anlehnen – und gehe hernach leichter meine eigenen Schritte. Ich sehe Dein Ringsumher, eine Welt des Blühens, Reifens und Vergehens, und fühle mich getröstet. Alles wird leichter, wenn ich nur kurz bei Dir war.

Nun, ich bin wohl nicht besonders gut darin, gut auf mich aufzupassen. Sonst käme ich viel öfter. Vielleicht kann ich dies noch lernen. Für den Anfang aber haben wir wenigstens diese monatliche Begegnung, durch das äußere Ritual des Fotoprojekts fest vereinbart. Vor dieser fliehe nichtmal ich:)

Danke für die Geborgenheit, die Du mir gestern schenktest. Die Felddecke um Deinen Fuß hat sich nun deutlich sichtbar in die zweite Jahreshälfte aufgemacht. Kaum kam ich noch durch zu Deinem Stamm.

Doch dann sitze ich, rücklings an Dich gelehnt …

 … und schaue in all die satte Reife, die wärmenden Farben des erwachsenen Korns. Die zuweilen schmerzlich schnell verlaufende Zeit hält für einen Moment inne, nimmt mich bei der Hand und zeigt, dass es gut ist, so wie es ist. Dass Felder und Bäume eben reifen. Und Kinder auch.
Ja, der Sohn zum Beispiel. Noch nennt man ihn nicht erwachsen. Aber gemessen an dem kleinen Bündel, welches ich vor fast 16 Jahren im Arm hielt, ist er es eben doch. – Noch knapp 11 Wochen, bis er weggehen wird. Für lange, und ein bisschen schon für immer. Knapp 11 Wochen, von denen wir kaum eine Handvoll noch gemeinsam verbringen werden. Eine kleine Träne darf ich darum weinen, an Deinen Stamm gelehnt. Ich lerne die Lektion ja dennoch.

Weitergehen.
Obwohl zu Hause die Korrekturen, das Abendessen, die Wäsche, die Schulliste wartet, gehe ich weiter. Wenn auch nicht die große Runde.
Viele Spuren …

… in regelmäßigen und unregelmäßigen Schwüngen. Stimmt meine Vermutung – ich bin ja doch ein ewiges Stadtkind – dass diese Spuren schon mit der Aussaat gelegt werden, dass sie, anfangs noch unsichtbar, bereits im Boden angelegt sind, wenn das Korn noch nicht mal seine Spitzen ans Licht zu strecken beginnt?
Und ist das nicht wie mit meinem Tages-, Wochen- und Jahreslauf? Seine Richtung ist seit langem feststehend. In welchen Spuren sich mein Familien- und mein Schulleben bewegen wird, dies habe ich vor langer Zeit entschieden. Dass mein Leben und Alltagsleben damit überwältigend prall und zuweilen überfordernd gefüllt sein werden, diese Spur habe ich bewusst gesetzt.
Ich seufze. Es stimmt ja, Ihr Spuren. Ich gehe Euch. Es ist alles gut, wie es ist. Mögen da auch 120 Korrekturen auf dem Schreibtisch liegen, und die Kinderterminliste nie abreißen. Es ist gut.

Es ist gut.
Dieser Satz trägt mich nach Hause. Im goldenen Farbenrad der Felder und unter dem fallenden Abendlicht …

… wird plötzlich klein, was mich vorhin noch ganz verzagt gemacht hat.
Dass plötzlich der Kühlschrank seinen Geist aufgegeben hat und die Jahreszeit eiliges Handeln gebietet. Dass sich das Durcheinander nicht lichten will. Dass der so wichtige Kontakt holpert und im Moment durch nichts zu glätten ist. Dass sich die Versicherung schon wieder nicht meldet. Dass ich vor dem Brief sitze, Wort um Wort zusammenstolpere und doch am Ende immer alle verwerfe. Dass ich mit vielem zu spät dran bin …

Ich schaue den Himmel an, und Dich, Du Baum.
Dann werden diese Dinge klein.
So wie sie zu sein haben, weil sie es sind.

Und in mir wird es weit.
Weil es so zu sein hat?
Nein, dies ist Geschenk. Weitwerdendürfen ist Gnade.

Danke.

 

 

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Baumwandelweg #4

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Mein Baum musste bis heute auf mich warten, es ist ja auch fast noch Sonntag:)
(Gestern nach nahezu 120 km Radfahren reichten weder Zeit noch Kraft für den Weg hinauf.)

 

 

Grün ist er geworden, und grün ist es rings um ihn. Kaum finde ich noch einen Weg zu seinem Stamm durch die hochgewachsenen Halme.

Heute lehne ich mich lange an. Es ist nötig.

 

 

Und ringsum blüht der Wolkenhimmel auf.

Danke, Du Baum.

 

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Als Gefäß

Binnen weniger Tage, Stunden fast, begegne ich ihnen allen, was für ein Zufall.
Sie, deren Schwester starb, kaum zwei Wochen ist es her.
Sie, die selbst den Krebs in sich trug. Und trägt, wer weiß.
Er, der, fast als Kind noch, seinen Vater verlor, über lange Zeit schon, endgültig aber erst vor wenigen Monaten.
Sie, deren Tochter ging, noch keine zwei Monate ist es her.

Vier Begegnungen an nur zwei Tagen. Vier intensive Gespräche. Gespräche, in denen ich vor allem zuhöre. Ich frage auch ein wenig, aber eigentlich höre ich zu. Dem Klang, dem Gesang des Fließens.

Ein Fließen, gebettet in die weite Mulde der Trauer.
Ein Fließen von Lebensfreude, von sonnebeschienenem Lebenwollen, Weiterlebenwollen, von purem Glück am kleinen Moment, von Innigkeit in unverstelltem Aufeinanderzu.
Ein Fließen von Mut und Kraft, sich dem zu stellen, dem allen. Der Forderung, einander eher loszulassen als man es je wünschte und ahnte. Der Dichtigkeit einer viel zu schnell hinauströpfelnden Lebendigkeit. Der unvermittelten Augenöffnung über das, was wir sind, was uns ausmacht, und was auch nicht. Dem Wandel im Sein, in jeder Faser des Seins, wenn man sich der Sprache des nahen Todes nur nicht versperrt. Der Aufgabe – und dann: dem Geschenk – das kleine Zarte als Großes zu spüren, und das bisher übermächtige Unwesentliche abzustreifen. Der unfassbaren Endgültigkeit. Dem ebenso unfassbaren Licht, in das plötzlich alles getaucht ist. Der Ehrlichkeit in allen Begegnungen, die nun folgen, Ehrlichkeit, die schmerzt, Ehrlichkeit, die guttut. Dem Abschied. Dem Neubeginn.

Was für ein Strom, der da fließt.
An seiner Oberfläche glitzert es. Sonnenfünkchen spiegeln sich und tanzen, geführt und gestreichelt vom Wind, dem behutsamen. Über allem ein Himmel. Dieser gute Himmel in seiner Weite.

Dankbar bin ich für diese Gespräche, für die Worte, die mit mir geteilt wurden, und für ihre stumme Fortsetzung in mir. Gern bin ich Zuhörerin. Was ich höre, trage ich mit. Was ich höre, trägt mich mit. Es durchflutet, es schenkt Geborgenheit im Leben. Es strahlt auf mein Sein, ich fühle mich beschenkt. Wie in ein Gefäß lasse ich alles fließen, was Ihr erzählt, was der Tod spricht. Es ist Gelegenheit, sich einer Verwandlung anzubieten. Jede und jeder für sich. Wir zusammen.

Und doch, bei allem Tröstlichen und Lichten … diese Gespräche, diese Häufung in den vergangenen Stunden, die muss ich erst einmal veratmen, die muss ich deponieren. Noch weiß ich nicht wohin. Diese wenigen Worte hier sind nur ein zögerlicher, unbeholfener Anfang.

Baumwandelweg #3

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Gestern zeigte sich mein Baum in grellem Tageslicht. Ein ungewohntes Bild, diese undifferenzierten Farben. Weil ich früher als sonst hier war, stand die Sonne noch sehr hoch.

Beinahe hätte ich mich in diesen Tagen ja in einer Grollschleife verfangen, oder in einem Verzagtheitstümpel, in einer unguten Mischung aus beidem. Die vergangene Woche war gefüllt mit vielfältiger Unruhe, mit Trauer, innerer Angespanntheit wegen zahlreicher dringender Dinge, auf die ich mich einfach nicht konzentrieren kann, mit wenig Schlaf, Unausgeglichenheit und Überforderung in mancherlei Hinsicht.
Und plötzlich realisiere ich, dass das halbe lange Wochenende schon vorbei ist und ich zwar etliche Kinder- und Haushaltssachen abgearbeitet, aber noch keine einzige von diesen wirklich dringenden Schulsachen angefangen habe. Und dass ich an diesem sonnigen langen Wochenende noch keinen Schritt vor die Tür gesetzt habe (bis auf den Schuh- und Klamottenkauf mit den Kindern, haha).

Stopp. Innehalten. Durchatmen. Was geschieht hier gerade? Wieso lasse ich das zu? Was kann ich für mich tun?

Wie gut, dass letzter Monatssonntag ist, dass mein Baumwandelweg eh „dran“ ist. Möglicherweise hätte ich sonst gestern wirklich nicht aus der Schleife herausgefunden. Manchmal braucht es ja äußere Hilfen zum Aussteigen aus dem inneren Ungutkarussell.

Noch bevor ich mich auf den Weg mache, folge ich einem anderen Impuls, den ich der Tochter gestern noch ausgeredet hatte. Wir bauen das Zelt auf. Mit dem festen Plan, abends dorthinein schlafenzugehen.

Dann schnalle ich die Kameratasche um, eine warme Jacke braucht es nicht, von draußen weht es warm hinein, und laufe los. Vorfreudig und viel ruhiger schon bin ich als noch eine Stunde zuvor, auch wenn es im Kopf weiterwirbelt. So viel darf ich nicht erwarten, immerhin lässt das Puckern im Herzen nach, die Beengtheit in der Brust, die Fahrigkeit der Bewegungen, all das. Ich gehe.
Ob ich viel sehe? Ich befinde mich heute sehr eingeengt in mir, blind fast. Starre viel vor mich hin. Halte ab und zu die Kamera irgendwohin.
Und doch ist das Außen da. Es umhüllt und trägt.
Mögen nun einfach Bilder sprechen.

Auf meinen Baumpfaden …

… wird es farbig und duftend.

Am Wegesrand wartet sie, die Einsame. Wie tapfer. Wie strahlend.

Zumeist aber blicke ich in die Weite. So gut tut das.

Der Frühling hat seine letzten Zeichen stehenlassen, auch wenn die Farb- und Duftwelt schon frühsommerlich wirkt.

Der Wind trägt alles zu mir und alles wieder fort.

Und irgendwann sitze ich unter meinem Baum, lehne mich an. Geborgen ist es hier. Unter diesem Dach und inmitten des Feldes.

Wieviel Nahrung mir der Weg heute geschenkt hat.

Später beginnt eine Zeltnacht, in der ich so gut wie die ganze letzte Woche nicht schlafe. Schon beim Hineinkriechen fühle ich mich am Sehnsuchtsort angekommen, passend dazu hatten heute erste Radreisepläne in meinem Kopf getanzt. Es ist nicht so kalt wie unsere Kleidungshüllen vertragen hätten. Die Tochter kuschelt sich wohlig in ihren Schlafsack, ich schaue ihr beim Einschlafen und beim Aufwachen zu. Der Morgen weckt vogelzwitschernd und später regengetröpfelnd, hach, ich sollte ins Zelt umziehen. Das wäre immerhin ein Lebenskonzept für schlechte Zeiten …

Ein paar Stunden voller Momente, die ich mir in meinen Schirmen auffange. Für spätere Zeiten, vielleicht für den morgigen Tag schon, wenn es wieder arg wird. Ich trage meine Schirmmomente jetzt mit mir.

Danke, Du Baum.

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Baumwandelweg #2

Durch ein Jahr hindurch werde ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera begleiten.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Heute sehe ich meinen Baum in rotem Abendlicht. Und er sieht mich in traurigem Gewand. Erschöpft und vom Weinen müde schleiche ich zu ihm und kann mich nicht dafür öffnen, was sich an und um ihn im Vergleich zum letzten Mal verändert hat.
Dabei bin ich seit meinem letzen Bild häufig hier entlang gegangen. Doch ich trage oft so viel mit mir herum, dass ich den Blick kaum auf das Außen zu richten vermag. Auch heute bin ich zu sehr in mir gefangen. Dabei täte es gut hinzuschauen. Dass die Knospen gewachsen sind im letzten Monat. Das weiß mein Kopf, mein Auge hat es nicht wahrgenommen. Dass das Feld gemäht (oder wie sagt man?) ist, bemerke ich nur dunkel, erst auf dem Foto wird es mir bewusst. Dass das rötliche Licht wärmt, auch dieses Erleben tröpfelt nur langsam in mich.

Vor allem ist mein Bedürfnis heute mich anzulehnen. So wie es unter meinen letzten Fotos in einem Kommentar steht: „An Bäumen anlehnen ist wie Handy an Akku stöpseln, nur in Mensch.“ Genau so.

Danke, Du Baum.

 

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Cello #2 – Lagenwechsel

Da ist ein Ton. Ein Ton will gespielt werden
Nehmen wir das D, das gehört zu meinen Lieblingstönen …

Ich kann es zum Beispiel in der Tiefe spielen, auf der untersten C-Saite, der vollen, warmen mit dem sonoren Klang. Hier wird es vom starken ersten Finger gehalten, das ist leicht. Hier ist andererseits Kraft nötig, um die mächtige Saite ins Schwingen zu bringen, das fordert. Ist das schwer oder leicht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls: Der Ton strahlt am Ende Kraft aus.

Eine Oktave höher liegt ein D auf der leeren G-Saite. Es braucht keine linke Hand, das ist noch leichter, aber. Aber? Sauber ist das D, ja. Man kann einfach nicht irren im Griff. Dafür aber ist es nicht formbar. Oder weniger formbar, nur mit der rechten Hand zu gestalten. Das Leichte ist nicht immer das Passende. Und es ist nicht immer, was ich möchte.

Das gleiche D liegt noch einmal auf einer anderen Saite, in der sogenannten vierten Lage, die linke Hand wandert. Der gleiche Ton, und doch nicht gleich. Heller, schmaler im Klang, dafür zielstrebiger, fordernder und fokussierter. Und: ich muss ihn mit der Hand erst suchen, ertasten, erspüren. Dann aber bekomme ich ein Klanggeschenk.

Noch eine Oktave höher, in bequemer erster Lage, greift der schwache kleine Finger ein D. Weil dieser es in der Bewegung am schwersten hat, ist er doch vom Alltag her das Greifen nicht gewohnt, muss er am meisten lernen. Und hat dabei am meisten Verantwortung zu tragen für den Klang, für die sauberen Tonhöhen. Er muss sich immer wieder aufs Neue strecken, es ist zuweilen harte Arbeit für den kleinen Finger. Nun, er schlägt sich wacker, und sein D gehört zu meinen Lieblingstönen und -gefühlen. Hier auf der schmalen hohen A-Saite fühlt der kleine Finger sich wohl. Die Saite und er sind wohl seelenverwandt in ihrer Verletzlichkeit.

Nun, noch eine Oktave höher, dort wo das Cello fast wie eine Geige klingt, vermag ich noch nicht zu spielen. Dort ahne ich wunderbar leichte vom Fliegen beselte D’s. Dort oben am Griffbrett wird sich noch eine ganze Welt von D’s und weiteren Klängen öffnen …

Alle sind sie D’s. Es ist immer nur das gleiche D.
Und doch: Unterschiedlicher könnten die Töne und Klänge nicht sein.

Ob das bei meiner Lebensmusik ebenso ist?
Und bin nicht immer ich es, die spielt?

Zarte Pflanze Hoffnung

 

Sie wächst karg, in sich zurückgezogen.

 

 

Das Grün in sich verborgen, streckt sie ihre Fühler zum Licht …

 

 

… und duckt sich immer wieder in den Schatten.

 

 

Sie beginnt aus dem Nichts zu wachsen …

 

 

… und setzt ihr filigranes Wesen den Stürmen aus.

 

 

Wie ein Wink weist sie in die Weite.

 

 

Für sie.
Und für die kleine M., die ihren Weg auf die andere Seite sucht.
Für ihre Familien.
Und für uns alle.