Weg

Als Gefäß

Binnen weniger Tage, Stunden fast, begegne ich ihnen allen, was für ein Zufall.
Sie, deren Schwester starb, kaum zwei Wochen ist es her.
Sie, die selbst den Krebs in sich trug. Und trägt, wer weiß.
Er, der, fast als Kind noch, seinen Vater verlor, über lange Zeit schon, endgültig aber erst vor wenigen Monaten.
Sie, deren Tochter ging, noch keine zwei Monate ist es her.

Vier Begegnungen an nur zwei Tagen. Vier intensive Gespräche. Gespräche, in denen ich vor allem zuhöre. Ich frage auch ein wenig, aber eigentlich höre ich zu. Dem Klang, dem Gesang des Fließens.

Ein Fließen, gebettet in die weite Mulde der Trauer.
Ein Fließen von Lebensfreude, von sonnebeschienenem Lebenwollen, Weiterlebenwollen, von purem Glück am kleinen Moment, von Innigkeit in unverstelltem Aufeinanderzu.
Ein Fließen von Mut und Kraft, sich dem zu stellen, dem allen. Der Forderung, einander eher loszulassen als man es je wünschte und ahnte. Der Dichtigkeit einer viel zu schnell hinauströpfelnden Lebendigkeit. Der unvermittelten Augenöffnung über das, was wir sind, was uns ausmacht, und was auch nicht. Dem Wandel im Sein, in jeder Faser des Seins, wenn man sich der Sprache des nahen Todes nur nicht versperrt. Der Aufgabe – und dann: dem Geschenk – das kleine Zarte als Großes zu spüren, und das bisher übermächtige Unwesentliche abzustreifen. Der unfassbaren Endgültigkeit. Dem ebenso unfassbaren Licht, in das plötzlich alles getaucht ist. Der Ehrlichkeit in allen Begegnungen, die nun folgen, Ehrlichkeit, die schmerzt, Ehrlichkeit, die guttut. Dem Abschied. Dem Neubeginn.

Was für ein Strom, der da fließt.
An seiner Oberfläche glitzert es. Sonnenfünkchen spiegeln sich und tanzen, geführt und gestreichelt vom Wind, dem behutsamen. Über allem ein Himmel. Dieser gute Himmel in seiner Weite.

Dankbar bin ich für diese Gespräche, für die Worte, die mit mir geteilt wurden, und für ihre stumme Fortsetzung in mir. Gern bin ich Zuhörerin. Was ich höre, trage ich mit. Was ich höre, trägt mich mit. Es durchflutet, es schenkt Geborgenheit im Leben. Es strahlt auf mein Sein, ich fühle mich beschenkt. Wie in ein Gefäß lasse ich alles fließen, was Ihr erzählt, was der Tod spricht. Es ist Gelegenheit, sich einer Verwandlung anzubieten. Jede und jeder für sich. Wir zusammen.

Und doch, bei allem Tröstlichen und Lichten … diese Gespräche, diese Häufung in den vergangenen Stunden, die muss ich erst einmal veratmen, die muss ich deponieren. Noch weiß ich nicht wohin. Diese wenigen Worte hier sind nur ein zögerlicher, unbeholfener Anfang.

Baumwandelweg #3

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

Gestern zeigte sich mein Baum in grellem Tageslicht. Ein ungewohntes Bild, diese undifferenzierten Farben. Weil ich früher als sonst hier war, stand die Sonne noch sehr hoch.

Beinahe hätte ich mich in diesen Tagen ja in einer Grollschleife verfangen, oder in einem Verzagtheitstümpel, in einer unguten Mischung aus beidem. Die vergangene Woche war gefüllt mit vielfältiger Unruhe, mit Trauer, innerer Angespanntheit wegen zahlreicher dringender Dinge, auf die ich mich einfach nicht konzentrieren kann, mit wenig Schlaf, Unausgeglichenheit und Überforderung in mancherlei Hinsicht.
Und plötzlich realisiere ich, dass das halbe lange Wochenende schon vorbei ist und ich zwar etliche Kinder- und Haushaltssachen abgearbeitet, aber noch keine einzige von diesen wirklich dringenden Schulsachen angefangen habe. Und dass ich an diesem sonnigen langen Wochenende noch keinen Schritt vor die Tür gesetzt habe (bis auf den Schuh- und Klamottenkauf mit den Kindern, haha).

Stopp. Innehalten. Durchatmen. Was geschieht hier gerade? Wieso lasse ich das zu? Was kann ich für mich tun?

Wie gut, dass letzter Monatssonntag ist, dass mein Baumwandelweg eh „dran“ ist. Möglicherweise hätte ich sonst gestern wirklich nicht aus der Schleife herausgefunden. Manchmal braucht es ja äußere Hilfen zum Aussteigen aus dem inneren Ungutkarussell.

Noch bevor ich mich auf den Weg mache, folge ich einem anderen Impuls, den ich der Tochter gestern noch ausgeredet hatte. Wir bauen das Zelt auf. Mit dem festen Plan, abends dorthinein schlafenzugehen.

Dann schnalle ich die Kameratasche um, eine warme Jacke braucht es nicht, von draußen weht es warm hinein, und laufe los. Vorfreudig und viel ruhiger schon bin ich als noch eine Stunde zuvor, auch wenn es im Kopf weiterwirbelt. So viel darf ich nicht erwarten, immerhin lässt das Puckern im Herzen nach, die Beengtheit in der Brust, die Fahrigkeit der Bewegungen, all das. Ich gehe.
Ob ich viel sehe? Ich befinde mich heute sehr eingeengt in mir, blind fast. Starre viel vor mich hin. Halte ab und zu die Kamera irgendwohin.
Und doch ist das Außen da. Es umhüllt und trägt.
Mögen nun einfach Bilder sprechen.

Auf meinen Baumpfaden …

… wird es farbig und duftend.

Am Wegesrand wartet sie, die Einsame. Wie tapfer. Wie strahlend.

Zumeist aber blicke ich in die Weite. So gut tut das.

Der Frühling hat seine letzten Zeichen stehenlassen, auch wenn die Farb- und Duftwelt schon frühsommerlich wirkt.

Der Wind trägt alles zu mir und alles wieder fort.

Und irgendwann sitze ich unter meinem Baum, lehne mich an. Geborgen ist es hier. Unter diesem Dach und inmitten des Feldes.

Wieviel Nahrung mir der Weg heute geschenkt hat.

Später beginnt eine Zeltnacht, in der ich so gut wie die ganze letzte Woche nicht schlafe. Schon beim Hineinkriechen fühle ich mich am Sehnsuchtsort angekommen, passend dazu hatten heute erste Radreisepläne in meinem Kopf getanzt. Es ist nicht so kalt wie unsere Kleidungshüllen vertragen hätten. Die Tochter kuschelt sich wohlig in ihren Schlafsack, ich schaue ihr beim Einschlafen und beim Aufwachen zu. Der Morgen weckt vogelzwitschernd und später regengetröpfelnd, hach, ich sollte ins Zelt umziehen. Das wäre immerhin ein Lebenskonzept für schlechte Zeiten …

Ein paar Stunden voller Momente, die ich mir in meinen Schirmen auffange. Für spätere Zeiten, vielleicht für den morgigen Tag schon, wenn es wieder arg wird. Ich trage meine Schirmmomente jetzt mit mir.

Danke, Du Baum.

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich hier und hier.
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Baumwandelweg #2

Durch ein Jahr hindurch werde ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera begleiten.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Heute sehe ich meinen Baum in rotem Abendlicht. Und er sieht mich in traurigem Gewand. Erschöpft und vom Weinen müde schleiche ich zu ihm und kann mich nicht dafür öffnen, was sich an und um ihn im Vergleich zum letzten Mal verändert hat.
Dabei bin ich seit meinem letzen Bild häufig hier entlang gegangen. Doch ich trage oft so viel mit mir herum, dass ich den Blick kaum auf das Außen zu richten vermag. Auch heute bin ich zu sehr in mir gefangen. Dabei täte es gut hinzuschauen. Dass die Knospen gewachsen sind im letzten Monat. Das weiß mein Kopf, mein Auge hat es nicht wahrgenommen. Dass das Feld gemäht (oder wie sagt man?) ist, bemerke ich nur dunkel, erst auf dem Foto wird es mir bewusst. Dass das rötliche Licht wärmt, auch dieses Erleben tröpfelt nur langsam in mich.

Vor allem ist mein Bedürfnis heute mich anzulehnen. So wie es unter meinen letzten Fotos in einem Kommentar steht: „An Bäumen anlehnen ist wie Handy an Akku stöpseln, nur in Mensch.“ Genau so.

Danke, Du Baum.

 

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Cello #2 – Lagenwechsel

Da ist ein Ton. Ein Ton will gespielt werden
Nehmen wir das D, das gehört zu meinen Lieblingstönen …

Ich kann es zum Beispiel in der Tiefe spielen, auf der untersten C-Saite, der vollen, warmen mit dem sonoren Klang. Hier wird es vom starken ersten Finger gehalten, das ist leicht. Hier ist andererseits Kraft nötig, um die mächtige Saite ins Schwingen zu bringen, das fordert. Ist das schwer oder leicht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls: Der Ton strahlt am Ende Kraft aus.

Eine Oktave höher liegt ein D auf der leeren G-Saite. Es braucht keine linke Hand, das ist noch leichter, aber. Aber? Sauber ist das D, ja. Man kann einfach nicht irren im Griff. Dafür aber ist es nicht formbar. Oder weniger formbar, nur mit der rechten Hand zu gestalten. Das Leichte ist nicht immer das Passende. Und es ist nicht immer, was ich möchte.

Das gleiche D liegt noch einmal auf einer anderen Saite, in der sogenannten vierten Lage, die linke Hand wandert. Der gleiche Ton, und doch nicht gleich. Heller, schmaler im Klang, dafür zielstrebiger, fordernder und fokussierter. Und: ich muss ihn mit der Hand erst suchen, ertasten, erspüren. Dann aber bekomme ich ein Klanggeschenk.

Noch eine Oktave höher, in bequemer erster Lage, greift der schwache kleine Finger ein D. Weil dieser es in der Bewegung am schwersten hat, ist er doch vom Alltag her das Greifen nicht gewohnt, muss er am meisten lernen. Und hat dabei am meisten Verantwortung zu tragen für den Klang, für die sauberen Tonhöhen. Er muss sich immer wieder aufs Neue strecken, es ist zuweilen harte Arbeit für den kleinen Finger. Nun, er schlägt sich wacker, und sein D gehört zu meinen Lieblingstönen und -gefühlen. Hier auf der schmalen hohen A-Saite fühlt der kleine Finger sich wohl. Die Saite und er sind wohl seelenverwandt in ihrer Verletzlichkeit.

Nun, noch eine Oktave höher, dort wo das Cello fast wie eine Geige klingt, vermag ich noch nicht zu spielen. Dort ahne ich wunderbar leichte vom Fliegen beselte D’s. Dort oben am Griffbrett wird sich noch eine ganze Welt von D’s und weiteren Klängen öffnen …

Alle sind sie D’s. Es ist immer nur das gleiche D.
Und doch: Unterschiedlicher könnten die Töne und Klänge nicht sein.

Ob das bei meiner Lebensmusik ebenso ist?
Und bin nicht immer ich es, die spielt?

Zarte Pflanze Hoffnung

 

Sie wächst karg, in sich zurückgezogen.

 

 

Das Grün in sich verborgen, streckt sie ihre Fühler zum Licht …

 

 

… und duckt sich immer wieder in den Schatten.

 

 

Sie beginnt aus dem Nichts zu wachsen …

 

 

… und setzt ihr filigranes Wesen den Stürmen aus.

 

 

Wie ein Wink weist sie in die Weite.

 

 

Für sie.
Und für die kleine M., die ihren Weg auf die andere Seite sucht.
Für ihre Familien.
Und für uns alle.

 

Abendwegspüren

Es war schon dunkel, als ich eben an meinem Baum vorbeiging. So dunkel, dass ich trotz hellem Mond nur die Farbe Schwarz auf der Kamera mitgebracht habe. Dabei leuchteten helle Wolkentürme zwischen Sternen und silbrige Mondspiegelungen auf dem Weg. Aber so ist das mit dem Dunklen und dem Hellen, es verschiebt und relativiert sich, ist nicht auf einer Skala festzuzurren und hebt sich gegenseitig auf.

Ich könnte nun erzählen von der Unheimlichkeit der Geräusche (und der Lautstärke dessen, was unten aus dem Tal hochdröhnte), von der Rastlosigkeit in meinem Kopf, der in solch intensiven Tagen weit mehr als einen solchen kurzen Weg bräuchte um annähernd in so etwas wie Ruhe zu finden, von meinem Bedürfnis, mich von den Häusern und ihrem abendlichen Leben fernzuhalten, von Wind und Wärme (ja: Wärme!) im Gesicht, von der Geborgenheit, welche die Hügel ausstrahlen, und vom Rhythmus meiner Schritte. Oder auch davon, was mein Atem mir erzählte, von welchen Punkten ich energisch davonschritt, fast schon floh, und was mir die Tränen in die Augen trieb.

Nun bin ich aber müde. Ich zeige deswegen einfach nur noch ein paar Bilder, rundgeblickt von jenem Baumort, als ich am Sonntag dort war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Baumwandelweg #1

Ich habe mir ein neues Ritual geschaffen: diesen Weg zu gehen. Einmal in der Woche, oder häufiger.

Es war mein Weg in jener Nacht, als ich lief und später schrieb:
Diese besuchte ich, diese ungleichen Freunde – oder sind sie zwei Seiten ein und desselben? Es zog mich zu ihnen, zu ihrem nahen Beieinander von Kargheit und Fülle, von Kraft und Schwäche. Lehnte mich an sie an, an beide, zu lauschen und zu tasten und zu riechen und einzuatmen, was sie mir mit auf den Weg geben können. Ich nahm es mit.

 

 

Das Ritual wird wichtig werden, weil ich noch zu verwandeln habe. Zu verwandeln, was damals nur erst begonnen hat. Vieles bin ich nicht bis zum Ende gegangen. So werde ich diesen Weg immer wieder gehen.
An Tag Eins des (noch erst entstehenden) Rituals formuliere ich es also im Perfekt: „Ich habe geschaffen“. Die Sprache erzählt von der Sicherheit meines Entschlusses.

Auf dem Weg stellen sich mir Aufgaben.
Erstens sind da Dinge, die ich noch nie im Leben gesehen habe. Ich werde hinsehen üben.
Mehr und mehr möchte ich Stücke des Weges mit geschlossenen Augen gehen. Um mehr Dimensionen des Sehens zu erfahren.
Abgesehen davon, dass mir Bewegung überhaupt nötig geworden ist.

Der Auslöser aber ist der Baum. Mein Baum. Mein starker Baum, damals noch neben seinem schwachen, kargen Begleiter, hat diesen inzwischen verloren. Warum und wie, dies habe ich nicht miterlebt.
Etwas spricht zu mir aus diesen beiden, von denen nur noch einer sichtbar ist.

Und wie es sich oft ergibt, treffen zwei Dinge in Passung aufeinander. Vor wenigen Tagen – wir waren auf Bergreise – stieß ich auf Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Über ein Jahr lang soll ein Motiv, seine Veränderungen oder seine Konstanz, mit der Kamera begleitet werden.
Nun, so sei also der Baum mein „Gegenstand“.

 

 

Gestern ging ich, ihn erstmals zu treffen. (Mit ein paar Tagen Verspätung, der Bergreise geschuldet.) Ich probierte Blickrichtungen aus. Aus verschiedenen schrägen Winkeln fotografierte ich, diese kommen mir jedoch künstlich vor. Weil ich da etwa auf einen Hügel klettern muss, ich weiß nicht, ob man dort immer wird hinaufklettern können. Oder weil ich durch andere Bäume hindurch fotografiere, die im Sommer wer weiß wie dicht zugewachsen sein werden. Wann immer ich mich vom Weg wegbewege, stellt sich mir das Bild als unstimmig dar. Also bleibt die Perspektive von genau dem damaligen Weg aus.

Dazu soll ein zweiter Baum mit auf’s Bild. Etwas abseits steht er, gehört schon zur nächsten Baumgruppe. Und doch erinnert er mich an den damaligen schwachen Freund. Und daran, dass der Große nicht allein steht, dass er seine Stärke nicht im Vakuum lebt. Da ist ein Vieles, von dem ein Jedes nur Teil ist.

Und noch etwas: Es ist von Vorteil, dass sich dieser Baum nicht direkt bei mir zu Hause befindet. Ich kenne mich, meine Kontrollwut würde dazu führen, dass – bei einem Fenster- oder Gartenblick etwa – ich ewig ewig ewig durch die Kamera schauen würde, bis das Licht vermeintlich perfekt, ausgewogen, harmonisch ist, bis es die Farbe hat, die ich mir vorstelle. Ich würde am Fenster sitzen und den ganzen Tag auf das richtige Bild lauern.
Durch den kleinen Abstand hoffe ich nun, mein Kontrollierenmüssen etwas zu kontrollieren:) Weil ich mich zu meinem Motiv nämlich auf den Weg machen muss. Bis dorthin ist es nicht sehr weit, aber schon ein paar Meter zu gehen. Von zu Hause aus sehe ich diese Himmelsrichtung, diesen Blick und diese Kuppe nicht. Wenn ich losgehe, weiß ich nicht, was mich dort erwarten wird. Weil ich zumeist nicht den ganzen Tag dort verweilen kann, werde ich vielleicht die eine oder andere Wolke ziehen lassen, aber ich kann nicht die gesamte Bildstimmung beeinflussen.
Das wird dem Bild gut tun.
Einem Bild des Wandels mit einer Prise Absichtslosigkeit.

 

WmDedgT 03/2017

Sonntag, der Tag ohne Weckerklingeln, lässt mich aus einem Traum aufwachen, in dem es um eine Tasche ging, welche in Form, Größe und Haptik meinem Ideal nahekam, welche ich also nicht haben kann und werde, die somit eine Traumtasche bleiben wird, was gut so ist, ich lächle beim Erwachen.

Diesen Tag heute hätte es eigentlich gar nicht gegeben, was heißen soll: Hätte es nicht gestern im Bergort geschneit und genebelt und geregnet, dann wären wir heute erst abgefahren und kaum erst hier, so dass wir direkt von der Autobahn in den Alltag hätten stolpern müssen. So aber hat das Wetter eine Entscheidung und damit diesen Tag ohne jeden Plan, frei von jeglichem Tunmüssen geschenkt. Die Tageszeiten fließen unter mir hinweg und das Uhrzeitkonzept erreicht mich heute nicht. Hach.

Zunächst, was liegt im Morgenbett näher: Ich lese, lese und lese. Die Enden meiner Reiselektüren sind im heutigen Tag besser aufgehoben als in den kommenden Tagen, wenn das Rad wieder hektisch zu kreisen begonnen haben wird. Ich lese also, so lange, bis die Kinder nach Frühstück verlangen. Es gibt faule Aufbackbrezeln mit nicht viel dazu; nach der satten italienischen Woche braucht es das auch nicht.

Weil das Gespräch auf den Alltag kommt und ohnehin schon Märzanfang ist, greife ich mir nach dem Essen den Familienplaner und beginne – wir sind da ganz undigital:) – all unsere Terminzettel und -hefte für den nächsten Monat zu synchronisieren. Nebenher läuft die erste Wäsche, und damit, finde ich, habe ich zunächst genug getan – der Sonntag darf wieder sonntäglicher werden.

Wobei ich beim Lesen von den Büchern mittlerweile zu Blogs und weiter weg ins Netz abschweife und dabei – ganz heimlich, noch ohne mich irgendwo zu melden – mal in meine beiden Dienstmailaccounts schaue. Uiuiui, schnell wieder zumachen. Ich bin ja eigentlich noch gar nicht da:)

Gehe ich lieber ans Cello, heute ist unser letzter Tag, eigentlich hatten wir uns vor der Reise schon verabschiedet. (Morgen wird es beim Geigenbauer getauscht, was nicht an mir oder ihm, dem Cello, liegt, sondern eine eigene Geschichte ist.) Nun also treffen wir uns doch noch einmal. — Es ist ein wenig ernüchternd. Die Hände haben alles verlernt. Scheinbar natürlich nur. Aber trotzdem. So spiele ich eine ziemlich große Weile vor mich hin und sinniere über Verlieren und Wiederfinden und Lebensgeduld und Gelassenheit …

Bis mich das frühlingliche Draußen verlockt, da tut sich plötzlich ein Weg vor mir auf, der unbedingt gegangen werden will. Jetzt. Und öfter noch. Genau genommen habe ich mir mit dem heutigen Gang ein Ritual geschaffen. (Und dass ich nach erstmaliger Durchführung bereits das Perfekt verwende, liegt an meiner Entschiedenheit und der Bedeutung, die dieser Weg für mich hat.)

Der Fotoapparat war auch dabei, auf dem heutigen Weg, und auf der Ferienreise ja sowieso. Während nach meiner Heimkehr ins dämmernde Haus all die Fotos auf den Computer hinüberwandern, linse ich ihnen zu – und staune schon einmal. Vorfreude auf das Sichten und Wiedererkennen macht sich breit.

Jetzt erstmal Essen, inzwischen Abendessen zu nennen, und anschließend mit den Kindern zusammen Reisetaschen auspacken und die ersten Wäschehaufen verräumen. Und weil wir alle so gut in Trab sind, packen wir gleich noch die Schultaschen für morgen, erinnern uns an zu unterschreibende Zettel, zur richtende Räder, zu bestellendes Essen, zu organisierende Fahrten und zu stellende Wecker. Soifz, jetzt doch kurz ein Ferienendewehmutsgefühl.

Ich dämpfe es noch ein wenig ab, indem ich den Rest des späten Abends in Erinnerungen lese, dazu Seelenmusik höre, ein wenig mit Farbstiften experimentiere, jetzt hier schreibe und viel zu spät ins Bett gehe. Morgen an meinem langen Schultag werde ich das bereuen, aber für jetzt fühlt es sich genau richtig an.

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Erzählungen gibt es bei Frau Brüllen.

 

Spuren im Schnee

Es schneit. Immer wenn ich hier anreise, schneit es, möchte ich meinen. Sehr oft jedenfalls liefen wir den allerersten Tag gemächlich durch ein Schneewirbeln. Wie eine sanfte Hilfestellung beim Ankommen in der äußeren Ruhe, wenn nichts anderes möglich ist als im frischen Schnee zu treiben, um nicht von der häuslichen sogleich in eine Feriengeschäftigkeit zu fallen.

Es schneit also. Wir spuren uns durch das frische Weiß. Lassen Flocken auf Händen, Gesicht und Zunge schmelzen. Weg sind sie. Oder? Denke ich gleich darauf.
Ich laufe mit geschlossenen Augen, höre jede Schneeflocke auf der Jacke landen und spüre den Wind, wie er sich Einlass in die Kapuze verschafft. Wenn es weich unter den Schritten wird, bin ich von der Straße nach rechts oder links abgewichen, es ist leicht zurückzufinden, auch beschuhte Füße haben Tastsinn. Die Geräusche des Ortes verlaufen diffus in der Ferne, das weiche Nebellicht zeichnet wandelnde Muster auf meine Augenlider. Wieviel doch hindurchdringt … vom Licht durch die geschlossenen Augen, vom schneidenden Wind durch den dichten Anorak, vom Dorfrauschen durch das Schneegrieselpochen.

Offensein. Durchlässigkeit.

Doch auch: Wieviel hindurchdringt vom Alltagswirbeln in das Hiersein, vom lange nicht abgetragenen mentalen Packsack in die vermeintliche Gelöstheit der Ferientage, von längst vergangen geglaubten Zeiten in mein Jetzt.
Jeder Schritt bohrt die Dinge tiefer in mich. Ich bin wund. Ein steinerner Klumpen dicht am Herz.
So wenig Abschirmung, so wenig Grenzen, so wenig Schutz.

Suche ich Abgrenzung? Nur die eine Form, die andere nicht? Oder die eine wie die andere?

Und was löst der Schnee in mir aus?
Ich erwarte ihn als bereinigt vom Vergangenen. Setze ich ihn meinen Erwartungen zu sehr aus?
Welche Spuren trägt er, die doch eigentlich in den Sommern geschmolzen sein müssten?

Schritte der Einsamkeit.
Angst vor Vereinnahmung.
Dialoge, in denen Nichtnahekommen sichtbar wurde.
Erstarrung und Mauernbau.
Maske und Immer-schön-lächeln.
Hochglanzfotos von alpenglühenden Bergen an Schneereinweiß.
Verkennen und verleben.
Unfähigkeit für das Einfachste.
Ratlosigkeit und Nichtahnen, wie es überhaupt gehen soll.
Tage der Illusion und der Desillusionierung.
Knallhartes Erkennen.
Versagen und Verantwortungsverweigerung.
Sterben und Gestorbenes.

Wie viele Wege ich hier ging.
Die Pfade wissen alles von mir. Ihr Schnee schleudert es mir erbarmungslos ins Gesicht.

Ist Schmelzen eine Illusion? Trägt Schnee die eingespurten Muster für immer in sich? Gibt es am Ende gar keine Schneeschmelze?
Wie will ich weiterleben?

Du hast einiges zu lernen

Was wir unseren Kindern am dringendsten
beibringen möchten,
haben wir selbst noch nicht begriffen.
Also versuchen wir ständig zu lehren,
was wir selbst nicht wissen.

Das ist unsinnig.
Versuche statt dessen zu schweigen.
Schau dir die Situation genau an.
Höre aufmerksam zu.
Öffne deinen Geist für neue Sichtweisen.
So lernst du, was du wissen musst.
Und du zeigst deinen Kindern,
wie sie ihre Lektionen lernen können.

***

Nichts ist für Kinder lehrreicher
als Eltern, die zum Lernen bereit sind.
Welche Verhaltensweisen deiner Kinder
beunruhigen dich?
Was sagt dir das über dich selbst?

(William Martin: Das Tao te king für Eltern)

wettbewertet

Der Sohn nimmt im siebten Jahr am Wettbewerb teil, die Tochter im fünften. Die Vorbereitung gehört zu ihrem Herbst und Winter dazu wie Advent und Weihnachten, nicht wegzudenken, nie in Frage gestellt. (Als wir je nachfragten, ob sie nächstes Jahr wieder mitmachen wollten: „Hä?“ Sie verstanden die Frage nicht.) Die Wände der Kinderzimmer hängen voller Goldmedaillen, wir reisten viermal weiter in die nächste Runde zum Landeswettbewerb, zweimal gar zum Bundeswettbewerb. Unsere Kinder sind sozusagen Jugend-musiziert-Profis.

Und wir als Eltern auch. Klar, man trägt das mit, anders geht es gar nicht. Zeit, Motivation, Mutzusprache, Übeunterstützung, Fahrdienste, all das. „Profi“ bin ich auch im mentalen Sinne geworden: Verglichen mit den Anfangsjahren, bin ich mittlerweile kaum noch aufgeregt vor den Vorspielen. Anfangs war es schrecklich. Nur gut, dass man eine Stunde vor dem Wertungsspiel die Kinder ganz in Lehrerhand geben kann, diese ziehen sich dann mit ihren Schützlingen zurück und kümmern sich um Mentales und Spielerisches, um Beruhigung und Stärkung gleichermaßen. Für mich wäre diese Rolle bis heute nichts, jedes Mal bin ich froh, wenn die Kinder hinter den Türen des Einspielraums verschwunden sind und ich sie erst auf der Bühne wiedersehen muss. Es bleibt dann nur noch, ihnen alle Daumen zu drücken, dass ihnen gelingt, was sie geprobt haben, so dass sie die Bühne zufrieden verlassen können. 

Doch darüber wollte ich gar nicht erzählen. Sondern über die Fragen, die aufkommen, wenn man sich – bzw. die Kinder sich – einem solchen Wettbewerb stellen.
Beim allerersten Mal haben wir uns die Anmeldung gemeinsam mit der Klavierlehrerin sehr gründlich überlegt. Ob der (damals 9jährige) Sohn das verkraften würde, ob der Druck ihm nicht Schaden zufüge, ob er die Ausdauer des langen Übens aufbringen würde – über Monate spielt man ja die gleichen Stücke -, ob all das dem Kind und seiner Musik wirklich gut tun würde.
Wir entschieden damals dafür, und bisher war alles gut. Nicht nur, weil die Punktzahlen immer anständige waren. Oft waren sie sogar zu gut. Beide Kinder befanden sich öfters in der Situation, dass sie ihre hohen Werte staunend und ungläubig in Empfang nahmen, dass sie ihren eigenen Fähigkeiten kritischer gegenüberstanden als die Jury. Beide haben sich auf diese Weise immer wieder wahrgenommen gefühlt, haben herzliche und wertschätzende Worte von den Jurys bekommen, sind von wirklich sehr warmherzigen Juroren angelächelt worden.
Und weit wichtiger noch: Beide Kinder haben auf den Wettbewerben anderen Kindern zugehört, haben Impulse und Ideen für ihre weitere Arbeit mitgenommen, waren hinterher immer höchst motiviert weiterzumachen, Neues zu lernen oder das Programm für die nächste Runde zu vervollkommnen.
Beide Kinder haben im Wettbewerb bisher nur gewonnen.

Gestern nun ist uns erstmals etwas sehr Nachdenkenswertes geschehen.
Die Tochter hat gleichzeitig mit zwei Ensembles teilgenommen, einem Streicherduo und einem Streichquartett. Zunächst: Beide Ensembles wuchsen im Vorspiel über sich hinaus. Darum möchte ich die eine Bewertung auch nicht schmälern. Nur: dass die andere eine große Stufe tiefer ausfiel, das hinterließ uns alle fragend.
An sich wäre das nicht schlimm – die Jury, das sind auch nur Menschen mit Geschmäckern, Vorlieben, subjektiven Meinungen und Parteilichkeiten.
Nur: welches der beiden Ensembles hoch- und welches tiefbewertet wurde, DAS hinterlässt Fragen, tut fast ein wenig weh.
Das Duo nämlich, musikalisch sehr jung, zögerlich, verzagt fast, spielte sehr brav, wie mit angezogener Handbremse. Sehr sauber auch, aber eben so verhalten, dass die Musik dahinter allerhöchstens zu erahnen war. Aus diesen Tönen muss erst noch Musik gestaltet werden.
Diese beiden nun dürfen weitergehen, dürfen sich im Landeswettbewerb stellen. Das ist natürlich großartig, sie können bis dahin reifen, können ins Miteinander finden, so dass dann Musik mit Seele und Leidenschaft strömen kann. Ich freue mich mit den Mädchen über diese Chance und traue ihnen eine mutige Entwicklung zu.

Die Tochter übrigens, die ein sehr waches Empfinden dafür hat, wie lebendig oder auch unlebendig Musik ist, die schlug bei dieser Punktzahl ihre Hände vors Gesicht, errötete und konnte es nicht glauben. Sie selbst hätte das nie und nimmer erwartet, weil sie das Unfertige gespürt hatte. In diesem Moment sagte sie, so wie auch einige Umstehende: „Na, dann werd‘ ich halt zweimal beim Landeswettbewerb spielen müssen.“
Denn ihr war so klar wie den Zuhörern, dass das Quartett Klassen beselter und reifer gespielt hatte. Die Mädchen üben seit drei Jahren zusammen, das hört man ihrer Musik an. So viel Kommunikation zwischen ihnen, so viel Miteinander, so viel gemeinsames Jubilieren in der Musik, so feurig und begeisternd, sie waren eines der Ensembles, die sich mehr als einmal verbeugen mussten.
Doch die Stücke waren anspruchsvoll gewählt. Zu anspruchsvoll vielleicht. Sehr viele virtuose Passagen, miteinander verzahnt, technisch fordernd, zugegeben.
Die Devise der Lehrerin allerdings hieß: Auf die Musik komme es an. Dem Ganzen Seele einhauchen, sich ganz versenken in die Musik, diese im Miteinander lebendig machen. Dann sei es nicht wichtig, ob mal ein Ton unsauber oder kratzig klinge, das große Ganze mache die Musik aus. Nach diesem Leitsatz spielten die Mädchen.
Es war unglaublich. Der Saal war begeistert, nicht nur wir Eltern. SO hatten wir die vier noch nie gehört.

Doch dann die Wertung. Bämm. Unerwartet. Eine Menge Abzugspunkte. Niemand kann es auch nur ansatzweise nachvollziehen, wofür sie so „abgestraft“ wurden. (Das Wort kommt nicht von mir, ich schnappte es auf, als alle darüber redeten.)
Jeder der anwesenden Musiklehrer konnte eigene Geschichten erzählen, wie einseitig Jurybewertungen ausfallen können, wie diese manchmal den Fokus auf einen bestimmten Aspekt legt. Aber dieses hier war einfach nicht einzuordnen.
Die Unsauberkeiten? Derer gab es im Laufe des Tages viele, das ist klar bei Streicherensembles. Aber keine andere Gruppe wurde auch nur annähernd so niedrig bewertet. Animosität eines Lehrerstils gegen einen anderen? Das vielleicht. Oder eine persönliche „alte Rechnung“? Aber so arg?

Na gut, so ist es. Die Tochter freut sich für ihr anderes Ensemble, und das soll sie. Im Grunde ist es nicht wichtig. Die Quartettlehrerin lebt es vor: Nie hatte sie auf Punkte geschielt, diese scheinen ihr völlig egal zu sein. Gut so.
Direkt nach dem Auftritt überreichte sie den Kinden gebackende Plätzchenteigmedaillen und selbstgestaltete, individuell geschriebene Urkunden. Unsere Tochter etwa erhält ihre …
– für ein offenes Herz für alle Quartettpartner, für ungebremste Mitteilungsfreude und herzerfrischende Lebendigkeit,
– für die große Ausdauer, selbst bei sehr unbewegten Bass-Stimmen den Partnern optimal zuzuhören und sie mit jedem Millimeter verfügbaren Bogens bestmöglich zu unterstützen,
– für eine einmalige Podiumspräsenz und unmittelbar mitgeteilte Spielfreude auf der Bühne,
– für große Klarheit in den Ansagen der eigenen Bedürfnisse während der Proben,
– für ein ausgeprägtes zeichnerisches Talent beim Notieren der nötigen Stichworte;-)
und
– für einen wunderbaren Humor.

Mich berührt dieser Text unglaublich, dieser liebevolle und wertschätzende Blick auf mein Kind. Von einer solchen Lehrerin wahrgenommen und begleitet zu werden, ist ein Segen. Alles andere ist Nebensache.

Warum mich der gestrige Tag trotzdem so beschäftigt, immer noch? Ich glaube, heute wird mir das allmählich selbst klar. Weil ich nämlich nicht möchte, dass mein Kind das falsche Signal aus den Ergebnissen mitnimmt.
Wenn einige Zeit vergangen sein wird, vielleicht sogar erst, wenn sie mit ihrem Duo den Landeswettbewerb beendet haben wird, möchte ich gern mit ihr darüber sprechen.
Dass ich ihr nämlich wünsche, dass sie – selbst wenn sie vorher wüsste, dass eine Jury wiederum genau diese Bewertung abgeben würde – weiterhin so mit Feuer und Begeisterung und Seele und Kraft und Lebendigkeit musizieren möge wie im Quartett.
Dass die braven, artigen, sauber gesetzten Töne nicht mehr wert sind als die echte Begeisterung. Ganz im Gegenteil. Dass sie sich dies von niemandem einreden lassen möge – nicht in der Musik, nicht im Leben. Dass sie aber vielleicht immer mal im Leben in Situationen gerät, wo sie eine derartige Bewertung erfährt, wo ihre Herzens- und Seelendinge von außen nicht wahrgenommen oder sogar kleingemacht werden. Dass sie dann trotzdem an sich glauben solle. So wie jetzt an ihr Quartett: Dort, so sagt sie, ist es richtig, dort macht es Spaß, dort fühlt sie die Musik, wie sie aus ihr strömt, zusammen mit den anderen. Ganz egal, was eine Jury bewertet, solle sie genauso leben, wie ihr Herz und ihre Seele es ihr zeigen. Aus der Tiefe heraus.
Ja, das alles möchte ich ihr mitgeben, darüber möchte ich später mit ihr sprechen. Und wenn sie das für sich selbst daraus ziehen kann, dann hat das gestrige Erlebnis mehr Gewinn gebracht als jeder andere Wettbewerbstag zuvor. Dann hat sie nämlich gelernt, dass man zu sich selbst stehen darf und soll, und dass der eigene, echte, richtige Weg nie von außen zubemessen werden kann, sondern sich immer nur von innen heraus finden und leben lässt.

Der einzig wichtige Schritt

Du brauchst aus deinen Kindern
keine wundervollen Menschen zu machen.
Du musst sie nur daran erinnern,
dass sie wundervolle Menschen sind.
Tust du dies konsequent
vom Tag ihrer Geburt an,
fällt es ihnen leicht, es zu glauben.

Du kannst anderen Menschen
deinen Willen nicht aufzwingen.
Du kannst deine Kinder
auf dem Weg zur Reife nicht antreiben.
Der einzig wichtige Schritt
auf der langen Reise ihres Lebens
ist der nächste, winzig kleine.

(William Martin: Das Tao te king für Eltern)

Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten beiden Jahren begann ich unter derselben Überschrift etwa um dieselbe Zeit hier mit diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig …“
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)
So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre erfüllt haben, ein wenig? Darüber mag ich heute nicht zu tief nachdenken. Möglicherweise öffnete sich damit eine Spirale des Zweifelns und des Haderns. Lieber lasse ich das soeben Gelesene in mir stehen – die Texte finden sich hier und hier -, als Brücke zu meinem heutigen Ich. Man darf sich Dinge ruhig wieder und wieder wünschen, das Ganze ist ein Weg. Ein ewiger, möglicherweise, aber ein Weg.

Wieder also stehe ich vor einer unberührten Jahresfläche, mit konkreten Wünschen, aus meiner derzeitigen Lebenssituation geboren.

Ich wünsche mir, das kann man nicht oft genug sagen, gesund zu bleiben. Der Blick zu nahen und fernen Menschen meines und jüngeren Alters zeigt: es ist nicht selbstverständlich. Das war es noch nie. Es wird mir nur mit jedem Lebensjahr bewusster.

Ich wünsche mir, mich meiner Bedürfnisse annehmen zu können. Ebenfalls ein „ewiger“ Wunsch. Sie zu erspüren, darin fühle ich mich weiter als noch vor ein paar Jahren. Ihnen Stimme zu geben allerdings, Raum und Ausdruck und Gestalt zu verleihen, das bleibt ein intensives Übungsfeld. Dazu gehört auch, dass ich es irgendwann schaffe Verantwortung abzugeben, wo sie meine nicht ist.

Ja, das Stimmegeben überhaupt. Ich wünsche mir mehr Mut zur Öffnung und Offenheit in Begegnungssituationen. Ich möchte nicht immer nur dem inneren Fluchtreflex nachgeben, wenn Kommunikation schwierig zu werden scheint, möchte mich in so mancher Situation nicht länger verschlossen zeigen. In einer jeden Begegnung, selbst dem Alltags-Smalltalk, die Chance eines wirklichen Aufeinanderzus zu finden, das würde ich gern lernen.

Dazu gehört wohl auch das Loslassen von Bewertungsmustern. Wieviele das sind, durch die ich täglich auf die Welt blicke, auf nahe und ferne Menschen in ihrem Sosein, das wird mir bewusst, wenn ich nur wenige Stunden lang meinen Fokus darauf richte. Urteile und Wertungen verletzen nicht nur das Gegenüber, sie halten auch mich selbst gefangen, verhindern Öffnung und ein Miteinander in tiefem inneren Frieden. Ich wünsche mir Wertungen loslassen zu können. (Dass sie oft mit mir selbst zu tun haben, dass ich aggressiv insbesondere bei den Dingen reagiere, die in mir selbst stecken, dies ist mir bewusst. Es sind wichtige Fingerzeige. Umso wichtiger und dringlicher meine Sehnsucht, mich versöhnlich gegenüber Fremdem zeigen zu können.)

Versöhnlichkeit wünsche ich mir auch gegenüber meinen Alltagsbergen. Diese enthalten viel Potential, mich in unguten Emotionen zu verlieren. Ich wünsche mir die Fähigkeit mehr und mehr bei mir zu bleiben. Ich würde gern mit derselben meditativen Gelassenheit, mit der ich Knöpfe annähe, Korrekturstapel abarbeite oder Acrylfarbflecke im ganzen Haus wegwische, auch das alltägliche Kinderzimmerchaos, die Stapel an lebensverwaltenden Organisationsdingen – Versicherung, Beihilfe, Ämter, Termine und Co – und die selbstnachwachsenden Wäscheberge angehen, um nur mal meine Schlechte-Laune-Generatoren ersten Ranges zu nennen. Die sich daran stets anschließenden Ungedulds- und Ungehaltenheitswellen innerer und äußerer Ausprägung hätte ich gern niedriger, sie brauchen ja nicht gleich ganz zu verschwinden.

Letztes Jahr schrieb ich, ich sollte vom To-do-Listen- auf ein Done-Listen-Gefühl umstellen, um nicht permanent die Berge und damit die Unzulänglichkeit vor mir zu sehen, um damit nicht dauerhaft in der immer schon verplanten und gefüllten Zukunft zu leben. Zwar geht es nicht ohne Listen – mein Gedächtnis reicht nicht für die täglich tausend Details in allen Alltagsbereichen -, aber das Gefühl umzustellen, dies ist ein immer noch dringlicher Wunsch. Nicht permanent zu sehen, was noch ansteht, sondern abends dankbar zurückzublicken: Was der Tag alles enthielt, wie reich er gefüllt war, wie satt ich in ihm werden durfte.

Diese reiche Fülle wirklich und intensiv zu leben, dies wünsche ich mir. Ohnehin muss ich meine verschiedenen Seelendinge allesamt etwas zähmen, ein Leben reicht nicht für die Musik, die noch zu spielen wäre, für die Schreibe- und Lesewelten, die ich mir noch öffnen würde, für all die Luft, die noch zu atmen ich ersehne. Ich wünsche mir den rechten Blick dafür, was in welchem Augenblick jeweils zu leben ist. Und es dann zu schaffen, mich in einem jeden Moment dem hinzugeben, was dieser sich als Seinszustand gewählt hat – wenn ich lese, wirklich im Buch zu sein, wenn ich musiziere, wirklich in der Musik zu sein, wenn ich fotografiere, wirklich die Augen dem Bildlichen zu widmen – und nicht immer schon innerlich vorauszueilen, zu schwanken zwischen Verschiedenem, zu hadern und zu springen. So gern würde ich es vermögen, mich wirklich und mit Allem in die Augenblicke hineinzubegeben.

Und ja, ich wünsche mir Kraft. All das, was hier ringsum zu leben ist, benötigt große Mengen davon. Ich würde gern mehr und mehr einen gangbaren Weg für meinen Alltag finden: mit den notwendigen Stillezeiten, den immer dringlicher werdenden Erholungspausen – ich spüre seit 2-3 Jahren die sich ansammelnden Lebensjahre deutlich -, dem verlangsamten Tempo und dem Mut mich zurückzuziehen, wenn ich es brauche. Mit mir selbst in dieser Hinsicht behutsam umzugehen kostet mich viel Kraft. Von der hätte ich gern immer ein Quäntchen im Vorrat.

Ich wünsche mir Musik – mir und uns, auf welchen Instrumenten auch immer Du und Ihr und ein jeder und eine jede glücklich zu werden vermag – ich wünsche uns allen ein Lebensorchester voller Beseelung.

Und Frieden wünsche ich mir und uns – Hoffnung und Zuversicht für das kleinere und größere Weltgeschehen. Möge uns nie der Mut verlassen, kleine eigene Schritte zu gehen, oder sie für den Anfang auch nur zu träumen.

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Abschließen möchte ich sie mit denselben Worten wie den vergangenen Jahrestext:


Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


Vom Selbst werden

Die größte Gefahr für den werdenden Menschen ist das „Man“: das anonyme Schema, wie man zu denken, zu urteilen, zu handeln habe, getragen durch Parteien, Zeitungen, Radio, Kino; der Zwang der Maßnahmen und Normierungen, der Behörden und Organisationen, der Staatsgewalt mit ihren Eingriffen in das individuelle Leben. Sobald das alles überwiegt, wird die Person ohnmächtig. So muß der junge Mensch lernen, selbst zu denken, selbst zu urteilen. Er muß ein gesundes Mißtrauen gegen die fertigen Rezepte theoretischer wie praktischer Art bekommen. Er muß sich in seiner Freiheit behaupten.

(Romano Guardini: Die Lebensalter)

im April

war es voll, sehr voll –  wann ist das bei mir denn mal nicht so? – und trotzdem, oder nein: einfach so, ohne trotzdem, ohne deswegen, einfach so: war es ein guter Monat
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im schleppenden, immer wieder verzögerten Frühlingsbeginn erste sonnige Radtouren und immer mehr Balkon- und Terrassenkaffees genossen
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wunderbare Konzerte bei einem Musikfestival gehört
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einen sehr berührenden Brief von der Freundin bekommen,
und dazu ein Notizbüchlein mit dem Titel „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, welches ich als Anregung nahm und seither nutze, um darin tatsächlich die Momente meines Alltags festzuhalten, welche ich „verlorene“ Zeit (und Kraft und Energie) nennen könnte – das schenkt mir einen erhellenden Blick auf all das Tun und Sein in meinen Tagen und meine Möglichkeiten, mich nicht im Ungesunden zu verlieren, sondern im Guten zu sammeln
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mit den Kindern – wie immer zu Frühlingsanfang – das Manöver Klamotten- und Schuhkauf angegangen, und zwar, weil ich dazulerne, diesmal mit getrennten Einkaufsterminen – also einzeln je einen halben Samstag im Örtchen mit den Geschäften verbracht, und – tata! – bei allem Notwendigen (bzw. überhaupt der Frage: notwendig oder nicht) weder mit der Tochter noch mit dem Sohn in eine Missstimmung geraten (wir fühlen uns darum sehr friedensnobelpreisverdächtig:))
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beide Kinder begeistert über ihre GirlsDay-BoysDay-Erfahrungen berichten hören – Tochter war beim Bäcker, Sohn in der Apotheke, und wie immer brachten sie unglaublich viel Neues mit
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einen ruhigen Schulmonat bei beiden begleitet – ist ja logisch, so wie ich zu Hause nichts zu korrigieren habe, schreiben auch meine Kollegen derzeit wenige Arbeiten, und folglich musste hier niemand auf irgendwelche gehäuften Klassenarbeitsserien lernen – hach, wie gut
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Musik gab es dafür ein wenig mehr im Haus, weil die Tochter über die Rückkehr der Quartettlehrerin aus dem Sabbatjahr glücklich und der Sohn durch den neuen Klavierlehrer hochmotiviert ist, so dass er viel und intensiv übt wie selten im Leben
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in der Schule wenig Korrekturen
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dafür umso mehr Gespräche, nämlich vor allem Vor- und Nachbesprechungen der großen Schülerjahresvorträge (für Hiesige: das sind die GFS) und weitere schwierige Beratungssituationen
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Abituraufsichten – aber das war’s auch schon für mich mit dem diesjährigen Abitur, weil ich erstmals in meinem Berufsleben weder Erst- noch Zweit- noch Drittkorrekturen habe (ob die mich vergessen und aus ihren Listen gestrichen haben;-)?)
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wie immer ein paar Konferenzen
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und ein Pädagogischer Tag, an dem ich für einen der Workshops zuständig und – zugegeben – ein wenig aufgeregt war (neidvoll auf die Kollegen schauend, die einfach  morgens hinkamen und sich wie die Schüler in die Reihen und Angebote setzten:))
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die Ergebnisse des Känguru-Wettbewerbs aus Berlin zugeschickt bekommen, also an der Schule die Preisverleihung organisiert
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weiterhin für die 10er-Stufenfahrt nach Berlin viele Stunden herumtelefoniert, sortiert, geplant (und umgeplant) – und kein Ende damit in Sicht
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und – hurra! – einen beruflichen Entschluss nicht nur zu Ende gefasst, sondern durch dienstliche Mitteilung nach „oben“ zur endgültigen Umsetzung gebracht:
ich werde meinen zweiten Dienstort verlassen und in absehbarer Zeit wieder nur noch an der Schule arbeiten;
eine lange Liste an Gründen gibt es dafür, am wichtigsten aber: dass mir die zeitliche und kräftemäßige Zerrissenheit auf so vielen „Baustellen“ immer weniger gut tat;
noch ein reichliches Jahr also, und dann werde ich wieder fokussierter auf meine Schule und vor allem auf die direkte Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sein – JA!

Ferienanfangswegs

Er beginnt ja schon immer am Vorabend, oder noch früher, mit den ersten Losfahrgedanken und Packschritten. Schon da drängt sich der Ferienweg, lang vor seinen ersten Metern, in die noch dröhnende Alltagsstraße hinein. Zögernd ist er nicht, nein, sonst hätte er wohl keine Chance. Er muss sich sein Recht nehmen, muss sich dazwischenzwängen, um überhaupt von mir wahrgenommen zu werden.

Und irgendwann beginnt er wirklich. Weniger in Form von gepackten Taschen, gebuchten Tickets und gefassten Plänen, wobei: doch, ja, die braucht es auch. Meist jedenfalls. Wenn ich so wie jetzt in Kurzferien zackzack innerhalb weniger Tage auf ihn hinauf und wieder von ihm zurückfinden will, dann hilft ein „echtes“ Ferienunterwegssein ungemein. Eigentlich aber muss ich den Ferienweg ja im Innern betreten. Immer schon ist er dort ausgebreitet, möglicherweise die ganze Zeit über, ohne dass ich ihn wahrnehme. Heute jedenfalls, heute ist er da. Beziehungsweise ich bin da, auf ihm.

Morgens meinen Rucksack aufsetzen, ihn zum Bahnhof tragen, schon vollkommen im Feriengefühl, obwohl ich zwischendurch noch zu meiner Arbeitsstelle in die Stadt fahren muss. Am Bahnhof das Gepäck ins Schließfach legen, zur Straßenbahn schlendern, unter sonnigem Himmel den letzten Kilometer zu Fuß gehen, voll hellster Laune die alten Gemäuer betreten. Auf dem Weg, dem unbekannten – ich fahre ja sonst nie mit der Bahn – einen alten Friedhof queren. Den kannte ich gar nicht, dabei ist er so nah in seiner wohltuenden Friedlichkeit. Bei der Arbeit heute viel lachen, heiter sein, alles irgendwie im Fliegen erledigen und bald schon fertig werden. Schöne Ferien wünschen und – immer noch durch die Frühlingssonne – zur Straßenbahn zurückgehen. Die Menschen viel heller wahrnehmen als sonst. Und den Blauhimmel mit den leuchtenden Blüten unter ihm ja sowieso. Am Bahnhof große Ruhe spüren, trotz des gehetzten Trubels, der dröhnenden Lautsprecherstimmen, der grau-tristen Betonatmosphäre. Es ist eben doch ein Ort, der ans Ziel führt und allein schon dadurch gut tut. Die vertraute wärmende Stimme im Ohr hören, noch aus der Ferne, und  selbst der Zugverspätung gelassen entgegensehen. Im Zug zunächst – wie immer – nicht wissen, ob ich zunächst lesen, schreiben oder schlummern will. Wie immer dann beim Hinausschauen landen, auf die vorbeifliegenden Welten. Und beim Lauschen, auf das Summen des Wagens und die Geräusche der Welt. Und beim Spüren, nach meinem allmählich sich beruhigenden Körper, nach meinem klopfend-vorfreudigen Herz, nach all den Erinnerungen an das Damals, das sich hier an der Strecke fein aufgereiht hat.

Und dann bin ich da.

Traumwandelei

Meine Träume merke ich mir ja kaum. So kann ich auch gar nichts über den heutigen erzählen, nichts Konkretes jedenfalls. Nur, dass er nah an meiner realen Welt war. Die Kinder spielten mit, und unser ganz normaler Alltag.
Lediglich eine einzige irreale, verworrene Szene – auch diese kann ich nicht genauer erzählen – fügte sich nicht in die  Traumwelt ein. Oder war es ein zu sehr vom Realen abgelöstes Bühnenbild? Oder ein kurzer Moment fehlfarbener Beleuchtung? Ich weiß es nicht mehr. Es lag jedenfalls ein Schimmer von Unentwirrbarem über dem Ganzen, als ich aufwachte.
Ich dämmerte dem Traum nach, wollte wieder einschlafen, es war ja noch früh. Dabei sprang plötzlich in meinen schläfrigen Kopf ein Vorsatz. Der klingt jetzt sehr konstruiert, formulierte sich mir aber im Halbschlafdämmer mit genau diesen Worten:

„Ich nehme mir vor, diesen Traum weiterzuträumen.
Nur realer, nicht so unentwirrbar.“

Und so geschah es. Ja, so. Ich tauchte in genau denselben Traum ein, die Handlung lief weiter, mit allem, was vorher dagewesen war, nur runder und stimmiger zusammengefügt. Jetzt passte es, jetzt war es gut.
Ich wundere mich.
Noch nie habe ich das erlebt, glaube ich. Es fühlt sich unheimlich an, dass ich einfach von außen in meine Traumwelt eingegriffen und einen Schalter umgelegt habe. Bisher hatte ich meine Traumwelten nie bewusst und aktiv ändern können.
Was war das nur heute?

 

Morgenfärbung

Aus den Traumfetzen – eine Reise, eine Gruppe naher Menschen, ein Wettstreit, eine Wegsuche der anderen Art – lässt sich kein Traum mehr zusammenfügen, es bleiben Schemen einer Welt, die gerade eben noch da und warm war und jetzt nur noch als Gefühl nachhallt. Das wüsste ich zu gern, was mir da immer im Traum erscheint. Ich bin eine schlechte Traummerkerin, spüre morgens immer nur noch die Farbe, kann nur hoffen, dass diese vermutlich reiche Welt auf unbewusste Weise doch in mir bewahrt bleibt und wirkt. Der heutige Traum war sanftbeige-ocker und lässt deswegen Frieden in mir zurück. Irgendetwas gelang da.

Dagegen fühlt sich mein heutiger Tag eher schrillfarbig an, als einer von jenen, in denen unbarmherziges Gerattere aus Aufgaben, Dringlichkeiten, Terminen sich in großer Einigkeit verzahnt mit Gedankenketten unendlicher und kreisender Art.
Wie wär’s denn, flüstert mir mein holprig in die Tasse stolpernder Kaffee zu, wenn Du mich nicht gleich beim Eingießen verschütten würdest. Und den Tag auch nicht.
Ha, denke ich, dem Tag also eine andere Farbe geben, wie das wohl wäre? Eine samtige Kaffeefarbe vielleicht?

Nee, Farben sind Farben, schrill bleibt schrill. Sie hat ja irgendwie Recht, diese mich mit Entmutigung volldröhnende Stimme, mein Auge sieht, was mein Auge eben sieht. Jetzt schreibe ich hier zum Beispiel auf der mir unangenehmsten der fünf Farben meiner Kladdenblätter, und auch nach mehrfachem Umblättern und so vielen Zeilen hört diese Farbe nicht auf mich zu stechen. Es könnte sich doch auch mal einen Hauch wärmenden Oranges anziehen, dieses grelle Rosa, denke ich, nur für mein inneres Auge und Wohlgefühl könnte es das. Statt mich weiter zu pieken und zu irritieren.
Überhaupt: Farben im Innern umfärben können. Das alarmierende Hellrot in ein besänftigendes Sattgrün etwa. Oder für den Anfang wenigstens das Alarmene in Richtung Bordeaux umtönen. Ob das geht? Ob man das lernen kann?

Ach, das ist nur Wünschen und Hoffen, und mittendrin immer ein saftiges Stück Unfähigkeitsgefühl, weil es mir einfach nicht gelingen will, anders zu sehen.
Bei Räumen ja auch. Zum Beispiel, was ich als groß und weit oder als klein und eng empfinde, das müsste ich mir doch ändern können. Den Raum, etwa auf dem Schreibtisch, oder in einem Zimmer, einer Bahnhofshalle oder wo immer, mir größer dehnen im Inneren, wenn es im Äußeren einfach nicht da, nicht machbar, nicht schaffbar ist, dieses Weite, was ich zu brauchen glaube. Anders sehen also, um mich nicht von außen in Enge gepresst zu fühlen, mich nicht durch Äußeres eingrenzen zu lassen.

Ja, das wär’s: Alles auch anders sehen können. Menschen etwa, die ich stets und ständig einordne in meine innere Welt, meine Raster, meine Vorstellungen und Interpretationen, meine Empfindungen und Empfindlichkeiten – diese einfach zu belassen, ihnen zuzusehen und zuzuhören, sie aufzunehmen als Erweiterung meines Raums. Und mich selbst dann in diesem geweiteten Raum nur als Steinchen, Körnchen, Eckensteherchen zu erleben. In einer Ecke stehen muss ja gar nichts Kleinmachendes sein. In großen Räumen stehe oder sitze ich gern in der Ecke, einfach um den gesamten Raum aufnehmen zu können.

Sprung. (Vielleicht.)

Was diese Woche alles aufzunehmen war, wie wir alle so unterschiedlich reagierten – Eltern, Kollegen, Schüler – auf diesen furchtbaren Unfall, der in die heile Dorfwelt hineinbrach. An einer Stelle, die wir alle immer schon als gefährlich wahrgenommen hatten, ist es jetzt passiert, das lang Befürchtete.
Wir alle reagierten aus unserem je eigenen Muster heraus. Ganz schnell wurde mir mein Muster zum einzig möglichen. Und das, was andere lebten – Rückzug, Angst, Verdrängung, Panik, Entscheidungen für die Kinder: sie dürfen nun gar nicht mehr mit dem Rad zur Schule oder nicht mehr diesen Weg fahren, oder gerade doch dort, aber nur noch auf dem Gehweg – alle diese Reaktionen waren mir so fern.
Ich kann diese fremden Innenwelten abwehren, weil sie der meinen nicht entsprechen. Oder ich kann versuchen hineinzugehen und mich zu fragen, ob ich mir nicht etwas mitnehmen kann. Wenigstens das: Ich nehme mir mit, dass meine eigene Farbe, in der ich alles töne, die mir als die beste oder passendste erscheint, dass diese Farbe nur eine ist von unzähligen Farben, Sichten, Zugängen.

Ich ahne ja nicht: Vielleicht sieht ein anderer Mensch sein Rot ganz anders als ich mein Rot sehe. Vielleicht sieht er es als das, was ich als Blau sehe, oder als jenes Sattgrün etwa, nach dem ich mich gerade so sehne, während ich bei Rot immer Alarm empfinde. Und vielleicht sieht er dafür mein Sattgrün als Düstergrau, empfindet Getrübtheit und Aussichtslosigkeit, wo ich Wärme und Geborgenheit erlebe.
Vielleicht also können wir unsere Bilder nie abgleichen. Unsere Bilder sind so sehr unterschiedlich, so unvergleichbar, wir schauen ja nie mit den Augen eines anderen.
Und trotzdem können wir unsere Bilder teilen. Ja, doch, ich glaube, man kann – zuhörend und zuschauend – die je eigenen Bilder teilen. Man sollte und muss dieses Teilen vielleicht sogar versuchen, wenn man nicht im Käfig des Eigenen gefangen bleiben möchte.

Ich taumele hier durch meine Morgengedanken, der Tag drängt an, ja, er bleibt ein wenig schrill. Und dennoch habe ich ihn gerade an seinem Beginn wenigstens umgefärbt. Die Verzahnung von Dringlichkeiten und Gedankenkreisen ist geblieben, ist – könnte man so sehen – sogar noch drängender geworden, da ich ihm diese Schreibstunde „weggenommen“ habe. Aber die neue Morgenfärbung tönt den gesamten Tag ein wenig sanfter.

PS:

Auch Zeiträume sind Räume.
Zeiträume kann ich schon sehr unterschiedlich färben. Was heißt ’schon‘? Das konnte ich nicht immer. Das lerne ich mehr und mehr: Mir die engen Zeiten dehnen. Vor allem durch inneres Es-anders-erleben-wollen. Die Dichtigkeit der inneren Ereignisse hat ja wenig mit einem äußeren Sekundentakt zu tun.
Heute habe ich – zur Unterstützung meines inneren Es-Wollens sozusagen – erstmals ein winziges Hilfsmittel genutzt, mit dem ich schon lange liebäugele. Dieser Text nämlich war in mir, in Gänze, sofort beim Aufstehen. Aber er war viel zu lang, um ihn in der knappen Morgenstunde vor dem Tagesbeginn der Kinder niederzuschreiben. Statt ihn – wie sonst notgedrungen – zu verwerfen und damit für immer zu verlieren, griff ich heute erstmals im Leben zur Diktierfunktion meines Telefons (und damit erstmals überhaupt zu irgendeinem Diktiergerät). Ich diktierte mich selbst dort hinein, um später abzuschreiben. (Auf Papier übrigens, bevor ich nun tippe. Stift und Papier auszulassen geht nicht.)

Es ist ein neuer Weg, den kleinen Zeitraum, den ich hatte und habe, auszudehnen, zu weiten, so dass sich mir die Enge öffnet. Vielleicht finden sich solche Wege auch in anderen Räumen, ja, bei all meinen Farben möglicherweise. Ein Diktiergerät zum Umtönen von Farbräumen, das müsste ich mir schaffen …

 

Der Weg wird

Da teilst Du ein Stück Alltag. Es platzt einfach aus Dir heraus, weil am Morgen das Fass überläuft, weil die ganze Suppe mal wieder über den Rand trieft. Aus jenem Fass, welches ohnehin ständig bis zur Kante gefüllt ist, welches Du nur mit Mühe immer wieder oberflächlich leerst, so dass es gerade so geht. Gerade so, unter Aufbietung aller Kräfte. Nun also, am Morgen, läuft es über, mal wieder.

Du teilst Dein Stück Alltag, verpackst es in eine rhetorische Frage, und denkst schon gar nicht mehr daran, als Du zur Arbeit losfährst. Es ist ja doch zu sehr Dein ewiger Alltag, es sind Deine gewohnten, nie in Frage gestellten, jedenfalls nie abgeschüttelten Rituale.

Und dann geschieht, woran Du nicht ansatzweise gedacht, womit Du  überhaupt nicht gerechnet hast. Du wirst gelesen. Und nicht nur das – Dir wird geantwortet. Du entdeckst dies nach der Schule. Starrst auf all die Mitteilungen, all die Textstückchen, in denen rückgefragt, von Eigenem erzählt, Erfahrungen geteilt werden. Du antwortest zögerlich, gibst ein paar Details preis, wirst immer offener … und erhältst im Dialog immer mehr zurück. Es wird gefragt, wieder und wieder, und jedes Mal weisen die klitzekleinen Gesprächsfäden woanders hin. In Richtungen, an die Du schon längst gedacht, sie probiert, als aussichtslos verworfen hast. Aber auch in Richtungen, die neu sind oder wären, wenn Du denn den Mut hättest, Dich hineinzubegeben.

Vieles kommt zu Dir. Fragen, vor allem die Fragen sind es, die Deine Gedanken in Bewegung setzen, und Deine Emotionen mit ihnen. Da wird Schmerz wach, vergangener und zukünftiger. Es rüttelt Dich durch und durch, in diesen heftigen Nachmittagsstunden. Damit hattest Du am Morgen nicht gerechnet.

Was bleibt? Das, was ein Gewitter immer hinterlässt: Etwas Reinigung, etwas Klärung, fürs Erste im Inneren. Die Bewusstwerdung, dass es Zeit ist. Und dass wohl auch Hilfe nötig sein wird. Dass es Hilfe gibt, das auch. Dass zum Beispiel Gespräche helfen. Schon diese schriftlichen Minigespräche am Nachmittag, die haben Dich ein Stück zu Dir geführt.

Du bist dankbar für diese heftigen Stunden und das, was sie mit sich gebracht haben. Und Du hoffst, dass der Tag ein Schritt war. Einer von wer weiß wie vielen, auf einem wer weiß wie langen Weg. Dass es endlich-endlich weitergehen muss, und wird!, das steht an diesem Nachmittag klar vor Dir. Du spürst eine Kraft in Dir, für weitere Schritte, für Spagate, für Abgründe auch. Wer weiß schon, was kommen wird. Aber Kraft, die kann nicht schaden. Die nimmst Du Dir mit aus diesem Nachmittag.

Als es dann Abend wird und Du wieder zu Hause bist, läuft das Fass erneut über. Ein ähnlicher Anlass wie am Morgen, eine ähnliche Konstellation. Nicht zufällig wohl. Denn Du hörst Dich mit fester Stimme das Deine darlegen. Deine Sicht, Deine Grenzen, Deine Position. In klarer und ruhiger Form – Du staunst. Du staunst noch mehr, als Du genau dieses kurz darauf der Freundin am Telefon wiedergibst. In ebenso klarer und fester Form. Die Freundin staunt auch: Was ist denn mit Dir passiert?

Och, Du sagst lieber erstmal nichts. Registrierst, dass Dein Sagen gehört und angenommen wurde, für den Moment. Ob mit knirschenden Zähnen oder nicht, das weißt Du nicht. Es ist Dir aber auch egal. Ohnhin musst Du jetzt endlich – der Tag ist ja fast vorbei – ein bisschen Schule vorbereiten. Spät ist es geworden für Deine Vorbereitungen. Aber das ist heute egal. Du hast an diesem Tag etwas anderes geschafft.

Ja, Du hast ein bisschen Arbeit im Innern geleistet. Du siehst es Dir selbst an. Aus Dir leuchtet plötzlich wieder die kleine Ahnung, die Dir lang verborgen war. Die Ahnung nämlich, dass der Weg sich Dir zeigen und öffnen wird.

Ja. Da ist Zuversicht.
Der Weg wird.

Danke.
(Insbesondere an alle, die hier heute – und überhaupt – beteiligt waren.)

 

Badezimmerspiegeltropfen

Wäre ich ein solcher, dann würde ich dort wohnen, auf dieser spiegelnden durchsichtigen Fläche des nacktesten, oft kleinsten Raums im Haus. Ich wäre selbst nahezu durchsichtig, fast unsichtbar, jedenfalls: unscheinbar.
Was aber würde sich mir nicht alles zeigen, mir winzigem Tröpfchen dort auf dem Spiegel.
Vielleicht bin ich ja ein solcher, so ein Tropfen, so ein winziges Tröpfchen?
Und sehe Dich?

Ich sehe Dich, wenn Du vor dem Spiegel stehst, in Deiner vollen Nacktheit. Oder eben in der Blöße, die Du Dir zu geben meinst, wenn Du vor Scham, Dir selbst nicht ohne Hüllen gegenübertreten zu können, kein einziges ungeschütztes Zentimeterchen Deiner Haut öffnest.

Ich sehe Dich in Deinem Mühen, morgens die Masken aufzutragen, die geschminkte Fassade, die dem Tag und seinen Situationen angepasste Frisur, all das, womit Du die Furchen und Schrammen und Narben Deiner Ungeschütztheit zu verbergen hoffst.

Ich sehe Dich in Deiner größten Müdigkeit, wenn Du morgens gerade Deine Höhle des Schlafs verlassen musstest, oder wenn Du abends kurz davor bist, wieder hineinzufliehen.

Ich sehe Dich in einem Zustand Deines Seins, in dem Du Dich niemandem, wirklich gar niemandem zeigen möchtest, in dem Du allzu oft die Tür hinter Dir verschließt.

Ich sehe Dich Tränen aus den Augen waschen, und Flecken wegreiben, und Spuren verwischen, all das.

Ich sehe Dich mal verzagt zweifelnd, mal blind wütend Dein Spiegelbild anschauen. Du schaust entsetzt beiseite, Du kannst es nicht lieben, wirst es nie im Leben zu lieben lernen.

Und plötzlich, eines Tages, sehe ich Dich staunen. Du staunst über Deine eigene Nacktheit, darüber, dass und wie Du sie zulassen kannst. Ich staune mit Dir.

Und ich sehe Dich lächelnd auf ein Stück Panzer verzichten. Nicht nur, weil der Kajalstift eh gerade aufgebraucht ist.

Ich sehe Dich, wie Du Dir Deine Müdigkeit beginnst zuzugestehen, wenigstens in jenem letzten Moment am Abend, in jener ersten Morgenstunde, in der niemand sonst Dich zu Gesicht bekommen darf.

Ich sehe Dich mutig einen anderen Menschen in Deine Nähe lassen, in Räume, die Du meintest ein Leben lang niemandem mehr öffnen zu können.

Ich sehe Dich ehrlich Deine eigenen Tränen betrachten, und Du sagst zu ihnen: Da seid ihr ja. Willkommen in mir.

Ich sehe Dich im Spiegel erkennen: Dich, Dich selbst, Dein Bild. Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Und doch ist ein Bild ein Du, ist ein Ich.
Ein Ich, das sich selbst zulächeln darf.
Ich sehe Dich.

Ja, so ist das. Ich sehe Dich.
Es ist ein gar wundersames Leben als Tröpfchen auf dem Badezimmerspiegel.