Vom guten Ort

Nagst Du an mir, Wasser, oder formst Du mich? Peitschst Du mich, Wind, oder bist Du selbst ein getriebener? Fließt Du davon, Sand, der mich trägt, oder bereitest Du in Deiner Bewegung Boden für Neues?
Fragt der Stein im Meeresbranden.

Neigst Du Dich über mich mir das Licht zu nehmen, Baum, oder bist Du selbst vom Wind gebeugt? Wendest Du Dich von mir ab, Blatt, oder tanzt Du im Reigen für mich? Willst Du mich zum Fall verführen, Baumstumpf, oder vertraust Du mir den Schmerz Deiner Wunde an?
Fragt die Lichtung im Wald.

Versuchst Du mir die Sonne zu nehmen, Fels, oder suchst Du nur selbst ihre Wärme? Brüllst Du Dein Getöse mir zum Schmerz in die Ohren, Bergbach, oder fällst Du nur und weinst im Fallen? Verzerrst Du, was ich zu sagen meine, Echo, oder bist Du Spiegel?
Fragt die Wiese am Fuße der Felswand.

Nimmst Du mir den Atem, Wind, oder teilst Du Deinen Hauch mit mir? Flimmerst Du mir zur Verwirrung, Luftstrom, oder lädst Du mich zum Staunen ein? Betäubst Du meine Sinne, Blumenduft, oder bettest Du mich in Wohlsein?
Fragt die Bank an der Wiese.

Ich bin dies und das, da und dort. Wandere, irre umher, reihe mich ein, drehe mich mit, suche mich, wiege mich im Tanz, werde geworfen, falle, stehe auf, und bin. Der Stein im Meeresbranden. Die Lichtung im Wald. Die Wiese am Fuß der Felswand. Die Bank an der Wiese.

Früher, als Kind, da wusste ich um meinen inneren Ort wie um ein Geheimnis, in welchem ein jedes war, um dies und das, um da und dort zu sein.
Glückliche Kindheit. Auf Alleinwegen ganz bei mir unterwegs. Im Spiel völlig ins Schaffen vertieft. Im Weinen stimmig mich fühlend. Bei mir, an meinem guten Ort.

Später verlor ich immer öfter die Verbindung zu jenem Ort in mir. Der Stein im Wasser versunken. Die Lichtung zugewuchert. Die Wiese gemäht und verbaut. Die Bank verrottet und zerbrochen.
Das ist dieses Erwachsenwerden, dachte ich lange Zeit. Ein tröstlicher Irrglaube, den Verlust allein dem Lauf der Jahre zuzuschreiben.

Nun, ich bin wieder losgegangen, länger schon, auf der Suche. Wandere,, irre umher, reihe mich ein, drehe mich mit, suche mich, wiege mich im Tanz, werde geworfen, falle, stehe auf, und bin. Der Stein. Die Lichtung. Die Wiese. Die Bank.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.