Baumwandelweg #1

Ich habe mir ein neues Ritual geschaffen: diesen Weg zu gehen. Einmal in der Woche, oder häufiger.

Es war mein Weg in jener Nacht, als ich lief und später schrieb:
Diese besuchte ich, diese ungleichen Freunde – oder sind sie zwei Seiten ein und desselben? Es zog mich zu ihnen, zu ihrem nahen Beieinander von Kargheit und Fülle, von Kraft und Schwäche. Lehnte mich an sie an, an beide, zu lauschen und zu tasten und zu riechen und einzuatmen, was sie mir mit auf den Weg geben können. Ich nahm es mit.

 

 

Das Ritual wird wichtig werden, weil ich noch zu verwandeln habe. Zu verwandeln, was damals nur erst begonnen hat. Vieles bin ich nicht bis zum Ende gegangen. So werde ich diesen Weg immer wieder gehen.
An Tag Eins des (noch erst entstehenden) Rituals formuliere ich es also im Perfekt: „Ich habe geschaffen“. Die Sprache erzählt von der Sicherheit meines Entschlusses.

Auf dem Weg stellen sich mir Aufgaben.
Erstens sind da Dinge, die ich noch nie im Leben gesehen habe. Ich werde hinsehen üben.
Mehr und mehr möchte ich Stücke des Weges mit geschlossenen Augen gehen. Um mehr Dimensionen des Sehens zu erfahren.
Abgesehen davon, dass mir Bewegung überhaupt nötig geworden ist.

Der Auslöser aber ist der Baum. Mein Baum. Mein starker Baum, damals noch neben seinem schwachen, kargen Begleiter, hat diesen inzwischen verloren. Warum und wie, dies habe ich nicht miterlebt.
Etwas spricht zu mir aus diesen beiden, von denen nur noch einer sichtbar ist.

Und wie es sich oft ergibt, treffen zwei Dinge in Passung aufeinander. Vor wenigen Tagen – wir waren auf Bergreise – stieß ich auf Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Über ein Jahr lang soll ein Motiv, seine Veränderungen oder seine Konstanz, mit der Kamera begleitet werden.
Nun, so sei also der Baum mein „Gegenstand“.

 

 

Gestern ging ich, ihn erstmals zu treffen. (Mit ein paar Tagen Verspätung, der Bergreise geschuldet.) Ich probierte Blickrichtungen aus. Aus verschiedenen schrägen Winkeln fotografierte ich, diese kommen mir jedoch künstlich vor. Weil ich da etwa auf einen Hügel klettern muss, ich weiß nicht, ob man dort immer wird hinaufklettern können. Oder weil ich durch andere Bäume hindurch fotografiere, die im Sommer wer weiß wie dicht zugewachsen sein werden. Wann immer ich mich vom Weg wegbewege, stellt sich mir das Bild als unstimmig dar. Also bleibt die Perspektive von genau dem damaligen Weg aus.

Dazu soll ein zweiter Baum mit auf’s Bild. Etwas abseits steht er, gehört schon zur nächsten Baumgruppe. Und doch erinnert er mich an den damaligen schwachen Freund. Und daran, dass der Große nicht allein steht, dass er seine Stärke nicht im Vakuum lebt. Da ist ein Vieles, von dem ein Jedes nur Teil ist.

Und noch etwas: Es ist von Vorteil, dass sich dieser Baum nicht direkt bei mir zu Hause befindet. Ich kenne mich, meine Kontrollwut würde dazu führen, dass – bei einem Fenster- oder Gartenblick etwa – ich ewig ewig ewig durch die Kamera schauen würde, bis das Licht vermeintlich perfekt, ausgewogen, harmonisch ist, bis es die Farbe hat, die ich mir vorstelle. Ich würde am Fenster sitzen und den ganzen Tag auf das richtige Bild lauern.
Durch den kleinen Abstand hoffe ich nun, mein Kontrollierenmüssen etwas zu kontrollieren:) Weil ich mich zu meinem Motiv nämlich auf den Weg machen muss. Bis dorthin ist es nicht sehr weit, aber schon ein paar Meter zu gehen. Von zu Hause aus sehe ich diese Himmelsrichtung, diesen Blick und diese Kuppe nicht. Wenn ich losgehe, weiß ich nicht, was mich dort erwarten wird. Weil ich zumeist nicht den ganzen Tag dort verweilen kann, werde ich vielleicht die eine oder andere Wolke ziehen lassen, aber ich kann nicht die gesamte Bildstimmung beeinflussen.
Das wird dem Bild gut tun.
Einem Bild des Wandels mit einer Prise Absichtslosigkeit.

 

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22 Kommentare

  1. Wenn ich das so lese, komme ich glatt auf dumme Gedanken, was mein eigenes Motiv anbetrifft. Andererseits bin ich für so langes Warten sehr ungeduldig. Ein schönes Pärchen ist es in jedem Fall. Mal sehen, ob sie beim nächsten Mal schon ein wenig sprießen. :)

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    1. Auf das Sprießen warte ich schon sehr. Wir sind ja hier im klimamäßig privilegierten Südwesten immer ein bisschen eher dran als andere Gegenden, deswegen darf ich schon viele Knospen sehen. Ich bin selbst gespannt, welcher Wandel eintreten wird.

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    1. Ach weißt Du, die Arbeit ist ja dran und überfällig. Dass ich sie bisher nicht tat, tut mir ungut, so lange schon. Insofern bin ich froh, eine Struktur gefunden zu haben, in der sie sich in gangbare Schritte aufteilen lässt. Ich werde sehen, ob ich mir nicht zuviel erhoffe …
      (Dann wäre Wegewechsel dran. Ähnlich Therapeuten- oder Therapieformwechsel. Ganz ernst gemeint.)

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  2. Wie schön, dort, vor mehr als sechs Jahren, so viele „alte“ bekannte Stimmen zu finden, die meisten nicht mehr hier (ein wenig wie der alte Baum, wenn man das Blogland als Realitätsfeld betrachtet). Und doch sind sie noch irgendwo. Ich wünsche dir Freude und Frieden mit diesem Projekt, dass es wieder ein Nachhausekommen werden darf.
    Windgruss

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    1. Genau in diesen „alten“ Stimmen habe ich mich gestern auch festgelesen. Da steht so vieles noch, und ich erinnere mich so gut an sie alle. Von vielen weiß ich wirklich nichts, und Du?
      Ein „Nachhausekommen“, eines von vielen: Ja. Zu mir. Da ist manches zu tun, weißt oder ahnst Du ja.
      Sanftnachtgruß zurück zu Dir.

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      1. Naja, so aus der Ferne weiss ich von den meisten noch Spurenhaftes. Mit Maria (Schneiderin) schreibe ich noch sehr sporadisch, ihr geht es soweit ich das spüren kann sehr gut. Zu Rina besteht eine wohl untrennbare innere Verbindung, auch wenn sie sich ganz aus dem Netz zurückgezogen hat. Barbara sehe ich immer wieder auf fb. Nur HerrM, der Gute, der ist ganz verschwunden vor ziemlich genau 6 Jahren. Ich hoffe, es gehe ihm gut. Die andern beiden sind ja noch da!
        Und zu deinem neuen Post: Du wirst sehen, wenn die Abschiedstränen erst getrocknet sind, wird sich eine ganz neue Muttersicht auftun, bereichernd, ermutigend. Du fühlst es ja schon voraus. D. hat ihre Gastfamilie in Paris übrigens erst eine Woche vor Abreise bekommen, und für sie war es nicht einfach, denn sie hatte sich sosehr gewünscht, mit Gleichaltrigen oder zumindest mit kleine Kinder zusammen zu leben. Das Paar, bei dem sie wohnte, hatte drei erwachsene Kinder, die alle im Ausland studierten.
        Und nun wage ich mich an den Schulvorbereitungsberg, um den ich nun 10 Tage lang erfolgreich einen grossen Bogen gemacht habe. Lieben Gruss wieder nach Norden!

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  3. Der von gestern? Doch. Ich kann ihn hier sehen. Allerdings musste ich ihn – wie auch diesen hier – erst freischalten. Warum auch immer sich das jetzt so eingestellt hat, das war ja auch schon anders. Ein Rätsel …

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      1. Menno, der war im Spam. Und überhaupt das mit der Freischaltung, das nur die Kommentare von Dir betrifft, wieso ist das so? Rätselhaft … Nun ist er aber ja da.
        Dieser neue Blick auf die erwachsen werdenden Kinder – da bist Du mir ja voraus. Aber wie Du spürst, ich ahne das und finde es unglaublich toll, schon jetzt.
        Einen guten-Abend-Gruß zu Dir, von Schreibtisch zu Schreibtisch(?)

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  4. Vielleicht liegt es daran, dass ich kein richtiges WordPresskonto habe, sondern nur so ein Kommentarkonto. :) Aber es hat sich doch gelohnt, dass ich dich gefragt habe. Von mir aus brauchen diese Drumherumkommentare auch nicht stehen zu bleiben! Schreibtischgruss, ja, aber ohne Arbeit! :)

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  5. Ach, wie gerne ich ALLES gelesen habe, liebe Frau Rebis, wieder einmal fühle ich mich dir so verwandt!
    Und ich habe meinen Blick auch ein Stück von der neuen Haustüre weg gewählt und dann ist es, wie es ist, ob grau oder wolkig oder blau mit und ohne Vogel ;o) – ja, ich kenne dieses kontrollieren und perfekt sein wollen auch so gut, zumindest bei den Bildern und darüber hinaus natürlich auch hier und dort- es kann nur jeder und jedem gut tun das IST einzufangen.
    Herzlichste Grüsse
    Ulli
    und weil es passt: good days and ways, ja, die wünsche ich dir von Herzen!

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    1. „Das IST einfangen“, das ist eine wunderbare Vorstellung, quasi ein Geländer für meine sich ritualisierenden Wege.
      Heute finge ich Sonne und blauen Himmel auf dem Bild ein – ich sende Dir das Bild virtuell und wünsche Dir einen ähnlich weiten Himmel, wenigstens im Inneren,
      herzlichst,
      Frau Rebis

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