Baumwandelweg #5

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Du lieber Baum,

so hatte ich mir das ja nicht vorgestellt. Dass ich mich so selten – nicht einmal jede Woche – zu Dir auf den Weg machen würde. Dass mir so oft die Zeit zum Tagesende doch nicht reichen würde. Dass mich, bei allem Wünschen und Wollen und Sehnen, stets andere Dinge von der kurzen Reise in Deine Welt abhalten würden.

Dabei tust Du mir gut. Unendlich gut, möchte ich emphatisch ausrufen. Von jeder kurzen Reise zu Dir komme ich beschenkt und gestärkt zurück. Ich bringe Bilder mit, die – eingebrannt in die Seele – weitertragen durch meine Tage. Ich darf mich bei Dir anlehnen – und gehe hernach leichter meine eigenen Schritte. Ich sehe Dein Ringsumher, eine Welt des Blühens, Reifens und Vergehens, und fühle mich getröstet. Alles wird leichter, wenn ich nur kurz bei Dir war.

Nun, ich bin wohl nicht besonders gut darin, gut auf mich aufzupassen. Sonst käme ich viel öfter. Vielleicht kann ich dies noch lernen. Für den Anfang aber haben wir wenigstens diese monatliche Begegnung, durch das äußere Ritual des Fotoprojekts fest vereinbart. Vor dieser fliehe nichtmal ich:)

Danke für die Geborgenheit, die Du mir gestern schenktest. Die Felddecke um Deinen Fuß hat sich nun deutlich sichtbar in die zweite Jahreshälfte aufgemacht. Kaum kam ich noch durch zu Deinem Stamm.

Doch dann sitze ich, rücklings an Dich gelehnt …

 … und schaue in all die satte Reife, die wärmenden Farben des erwachsenen Korns. Die zuweilen schmerzlich schnell verlaufende Zeit hält für einen Moment inne, nimmt mich bei der Hand und zeigt, dass es gut ist, so wie es ist. Dass Felder und Bäume eben reifen. Und Kinder auch.
Ja, der Sohn zum Beispiel. Noch nennt man ihn nicht erwachsen. Aber gemessen an dem kleinen Bündel, welches ich vor fast 16 Jahren im Arm hielt, ist er es eben doch. – Noch knapp 11 Wochen, bis er weggehen wird. Für lange, und ein bisschen schon für immer. Knapp 11 Wochen, von denen wir kaum eine Handvoll noch gemeinsam verbringen werden. Eine kleine Träne darf ich darum weinen, an Deinen Stamm gelehnt. Ich lerne die Lektion ja dennoch.

Weitergehen.
Obwohl zu Hause die Korrekturen, das Abendessen, die Wäsche, die Schulliste wartet, gehe ich weiter. Wenn auch nicht die große Runde.
Viele Spuren …

… in regelmäßigen und unregelmäßigen Schwüngen. Stimmt meine Vermutung – ich bin ja doch ein ewiges Stadtkind – dass diese Spuren schon mit der Aussaat gelegt werden, dass sie, anfangs noch unsichtbar, bereits im Boden angelegt sind, wenn das Korn noch nicht mal seine Spitzen ans Licht zu strecken beginnt?
Und ist das nicht wie mit meinem Tages-, Wochen- und Jahreslauf? Seine Richtung ist seit langem feststehend. In welchen Spuren sich mein Familien- und mein Schulleben bewegen wird, dies habe ich vor langer Zeit entschieden. Dass mein Leben und Alltagsleben damit überwältigend prall und zuweilen überfordernd gefüllt sein werden, diese Spur habe ich bewusst gesetzt.
Ich seufze. Es stimmt ja, Ihr Spuren. Ich gehe Euch. Es ist alles gut, wie es ist. Mögen da auch 120 Korrekturen auf dem Schreibtisch liegen, und die Kinderterminliste nie abreißen. Es ist gut.

Es ist gut.
Dieser Satz trägt mich nach Hause. Im goldenen Farbenrad der Felder und unter dem fallenden Abendlicht …

… wird plötzlich klein, was mich vorhin noch ganz verzagt gemacht hat.
Dass plötzlich der Kühlschrank seinen Geist aufgegeben hat und die Jahreszeit eiliges Handeln gebietet. Dass sich das Durcheinander nicht lichten will. Dass der so wichtige Kontakt holpert und im Moment durch nichts zu glätten ist. Dass sich die Versicherung schon wieder nicht meldet. Dass ich vor dem Brief sitze, Wort um Wort zusammenstolpere und doch am Ende immer alle verwerfe. Dass ich mit vielem zu spät dran bin …

Ich schaue den Himmel an, und Dich, Du Baum.
Dann werden diese Dinge klein.
So wie sie zu sein haben, weil sie es sind.

Und in mir wird es weit.
Weil es so zu sein hat?
Nein, dies ist Geschenk. Weitwerdendürfen ist Gnade.

Danke.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

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11 Kommentare

  1. Liebe Frau Rebis, „Weitwerdendürfen ist Gnade.“ Wenn solch ein wunderbarer Satz am Ende eines Ganges herauskommt, dann ist dies auch Glück!
    Du hast wunderbare Bilder mitgebracht und teilst ein Stück Lebensalltag mit uns und Erkenntnisse, das alles zusammen ist für mich ein großes Geschenk.
    Hab Dank
    herzliche Grüße in dein Voll hinein, möge es dir auch heute eine Lücke schenken!
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    1. Und umgekehrt tut es mir selbst gut es zu teilen, liebe Ulli, vielleicht sind wir ja niemals ganz allein unterwegs auf unseren Wegen, ob sie nun glückschenkend oder schlammwateschwierig sind, ob wir dies in jedem Moment spüren oder nicht.
      Mich macht lächeln, dass Du Dich beschenkt fühlst.
      Und nun wende ich mich wieder meinem Voll zu, es will Schritt für Schritt durchwandert werden.
      Herzensgrüße zu Dir
      Frau Rebis

      Gefällt 1 Person

  2. Ich finde ja, es ist nie genug. Ich bin da immer mehr bei Hildegard Knef gewesen und bin es auch jetzt noch. Aber man braucht doch seine Ruhepole, um inne zu halten. Und vielleicht auch zu denken, dass es noch 11 ganze Wochen sind, die man Zeit mit dem Sohnemann verbringen darf. Und man in spätestens einem Monat den Baum wiedersehen kann. Um den wunderbaren Blick, oben begrenzt von den Ästen, zu genießen. :)

    Gefällt 1 Person

    1. Hachja, wiedersehen dürfte ich den Baum ja im Grunde jeden Tag, er wächst keinen Kilometer von hier entfernt:)
      Die 11 Sohneswochen hingegen, die arbeiten in mir, wirklich. Abschied von der Kindheit. Zieht man den Schuljahresendwahnsinn (seinen und meinen) ab und seine geplanten Alleinreisen, dann bleiben wohl kaum zwei ruhige Wochen. In denen wir auch noch packen und alles vorbereiten müssen. Gemessen an 16jährigem Zusammenleben doch ganz schön wenig:) Jedenfalls werde ich am Flughafen heftig schluchzen. Dann aber mich – wie schon jetzt – uneingeschränkt für ihn freuen, dass er dieses Jahr erleben darf.
      Und was meinst Du mit: es ist nie genug? Lebensfülle? Grundsätzlich ja. Nur: wenn ich meine älteren Kollegen nacheinander in den Burnout schlittern und auch bei mir deutliche Überforderungszeichen sehe, dann ist da wohl doch irgendwo eine Grenze gesetzt. Die gilt es für sich zu finden … und wie gut, dass mir mein Baumweg dabei hilft.
      Womit der Kreis geschlossen wäre: Wie gut mir der gestrige Weg tat!
      Einen herzlichen Gruß zu Dir
      Frau Rebis

      Gefällt mir

      1. Ach … Für ihn wird das mindestens genau so schlimm sein, auch wenn er es nicht zugeben sollte. Für mich war mein Auszug mit 19, noch ein wenig älter, auch große Chance und zugleich große Angst. Und er kommt ja nach einem Jahr zurück. :)

        Das nie genug gemeint? In jeder Beziehung. Vor allen Dingen Lebensfülle. Natürlich. Die Erwartung vom Leben, dass es immer Neues bietet, Abwechslung. Fortschreitet statt still zu stehen. Um auf Hilde zurückzukommen, „kann mich nicht begnügnen: will immer noch siegen.“ Es darf natürlich nicht einseitig sein, nur der Beruf sein, der immer voller wird. Aber ja, ich neige eher zum Exzess als zur Enthaltsamkeit.

        Gefällt 1 Person

  3. Wunderschön der Post
    Ich hab heute geblättert und festgestellt, dass ich schon so viele Jahre bei Dir mitlese….
    Und nun ist er fast erwachsen… und fliegt. Der Sohn.
    Ich kann mich noch an Erzählungen erinnern, in denen Du von einem kleinen Jungen erzählt hast.
    Es wird für Euch beide schwer, aber ich ahne auch, dass er es nicht so zeigen wird.
    Und Du wirst Dich schnell freuen über all das was er erleben darf
    Die Gedanken werden Euch immer verbinden.
    Dein Baum wird Dir helfen. An Bäume lehnen und sich Kraft geben lassen ist das Allerbeste!
    herzliche Grüsse
    Elisabeth

    Gefällt 1 Person

    1. Stimmt, liebe Elisabeth, es sind schon sooo viele Jahre. Als ich hier anfing, war er noch keine 8. Und nun bald 16. Sein halbes Leben habe ich verbloggt:)
      Ja, er wird es natürlich nicht zeigen. In der Anfangseuphorie wohl auch nicht so empfinden, so sagen die Erfahrungen der Austauschorganisation. Die Heimwehtiefs kommen meist so um die Weihnachtszeit, was ja eigentlich klar ist. Und nach einem Jahr ist es für alle schwer, wieder zurückzukehren …
      Aber natürlich freue ich mich unbändig für ihn, dass er das erleben darf. Irgendwann sind sie halt flügge …
      Und wir bekommen hier ja zur gleichen Zeit eine Gasttochter, auch darauf sind wir vorfreudig gespannt.
      Sei herzlich gegrüßt
      Frau Rebis

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