WmDedgT

WmDedgT 07/17

Heute ist Abischerz, fällt mir als erstes ein, als der Wecker klingelt. Sofort senkt sich meine Laune, diesen Tag bräuchte ich nicht. Seit Jahren nichts Neues, die Schule ist verbarrikadiert, es wird auf dem Schulhof herumgejagt, mit irgendwas geworfen, und mittags gibt’s ein Fußballturnier Schüler gegen Lehrer. Mehr Idee war oft nicht. Na mal schauen.

Noch ist etwas Zeit. Ich schreibe am Post zu meinen Urlaubsbildern, die Stimmung der damaligen Radreisetage schwebt im Raum, sie ist gar nicht so unpassend zur gegenwärtigen, es läuft nicht leicht und rund derzeit, innerlich nicht, äußerlich nicht. So sitze ich inmitten von Morgensonne und erwachenden Vögeln und schreibe von grauen Glocken.
Um sechs wollen wie immer die Kinder geweckt werden, danach steige ich vom Schreiben aufs Lesen um, und irgendwann ist Aufstehen-Duschen-Broteschmieren, die übliche Morgenprozedur, dann wie immer unser leicht hektischer Aufbruch. Weil ich nicht möchte, dass mein Auto oder mein Fahrrad in Schulnähe geteert und gefedert wird – da gab es schon so manches – lasse ich mich heute von einem Fremdauto mitnehmen und vor der Schule absetzen.

Aha, mit Stroh wird dieses Jahr geworfen. (Später am Tag werden sich etliche Kinder abholen lassen müssen, weil sie nassgespritzt und von oben bis unten strohbekrümelt verständlicherweise keine weiteren Stunden in der Schule aushalten können.) Ansonsten wirkt es harmlos, ich gehe schonmal durch den Hintereingang ins Schulhaus hinein. Bevor die Schülerschaft die unteren Barrikaden überwunden hat, sollten wir oben das unfallträchtig gestapelte Mobiliar geräumt haben.
Tische, Stühle – und leider auch privatere Gegenstände – des gesamten Schulhauses sind im zweiten Stock aufgetürmt, stellenweise bis unter die Decke. Um einen Anfang zu finden – alles ist ineinander verkeilt -, müssen wir erstmal eine Weile auf und zwischen Tisch- und Stühletürmen herumklettern sowie einen Zugang von hinten über die Feuerleiter schaffen, das Aufgabenfeld unseres Berufes ist halt vielfältig:)
Mit uns klettert unser Chef persönlich, mit seinen zwei Metern Körpergröße kann er eh viel besser als ich und die meisten die Klopapier“verzierungen“ an den Decken und die weiter oben verhakten Gegenstände entfernen. Wir werkeln also gemeinsam in luftiger Höhe und machen uns dann an das Entkeilen des Mobiliars, immer von außen nach innen, eine Art 3D-Tetris rückwärts.
Irgendwann stoßen die ersten älteren Schüler dazu, die den Treppenparcours überwunden haben, die dürfen gleich mitmachen, und von da ab geht es schnell. Als die wilden 5. und 6. Klassen nach oben kommen, gibt es schon keine Klettermöglichkeiten mehr, puh, Unfälle braucht ja kein Mensch.
Während das Strohwurffest auf dem Hof in Auflösung begriffen ist und die Kleinen nach und nach eintrudeln, bespreche ich noch schnell mit der Kollegin von gegenüber das Drängende, welches ich beim gestrigen Spätabendtelefonat erfahren habe. Wie es dem H. geht, wie wir ihm helfen könnten. Und an welchen Stellen uns die Hände gebunden sind. Es tut so weh sich in das Kind hineinzuversetzen …

Jedenfalls: gegen 9 Uhr sind sämtliche Gegenstände wieder in die Klassen geräumt, meine kleinen 5er sitzen verschwitzt und aufgeregt vor mir – es war ja ihr erster Abischerz – und sind dann enttäuscht, als ich noch ein wenig Unterricht mache. Vielleicht bin ich unlocker, aber nach dieser Räumaktion tut es mir einfach gut, dass alle geordnet – und gesund! – vor mir sitzen, keiner mehr wirft und tobt, und alle mit nem Stift in der Hand an ihren ganzen Zahlen herumrechnen.

Auch mein Kurs scheint über die Tatsache, dass ich einfach das Thema an die Tafel schreibe und offenbar eine ganz normale Unterrichtsstunde beginnt, enttäuscht zu sein. Aber das sind sie schon seit Wochen.  Klar, alle sind schuljahresenderschöpft. Aber wir können schließlich nicht vier Wochen lang „Film schauen“.
Also Geometrie, wir berechnen diverse Abstände, ich habe ihnen für heute ein bunt gemischtes Übungsprogramm zusammengestellt, das kann man jederzeit unterbrechen. Wer weiß, ob nicht zwischendurch noch lustige Einlagen der Abiturienten kommen. Es erscheint aber nix und niemand, keine Quiz- oder Schokoladenablenkung kommt des Wegs, naja, die sind wohl alle beschäftigt, das Stroh auf dem Schulhof aufzuräumen:)

Nach der Stunde verabschiedet sich der finnische Gastschüler – ach mönsch, das tut ja immer ein wenig weh. (Jetzt in einem Jahr etwa wird sich der Sohn in seiner italienischen Schule verabschieden …)
In der Pause steht eine Besprechung mit den Sportkollegen an, die letzten beiden Schultage sind dieses Jahr Sporttage, wir 5er-Lehrer dürfen an diesen Tagen unsere Kleinen begleiten und werden eingewiesen. Gar nicht schlecht, diese letzten Tage mal nicht selbst organisieren zu müssen, das sähe im Fall von Projekttagen nämlich ganz anders aus. Dafür dreht die Sportfachschaft schon jetzt am Rad, verständlicherweise.

Um 11.15 ist für mich heute Schluss, da die Bereitschaftsstunde ungefüllt geblieben ist, puh. Ich darf also gehen, während auf dem Sportplatz das Finale des Abischerzes ansetzt, ich habe keine Lust. (Später werden mir die Kinder davon erzählen. Bis auf ein Miniquiz gab es wieder nur Fußball.) Der Zug bringt mich nach Hause.

Dort – es ist halb eins – bin ich erst einmal müde, mein Grundzustand dieser Tage. Ich schaffe es beim besten Willen nicht, mich sofort an die Korrekturen zu setzen. Aus „ein bisschen dösen“ werden zwei Stunden, zwischendurch kommen die Kinder heim, wir essen, ich döse weiter, müdemüdemüde, ich „funktioniere“ gerade nicht mehr gut. Und meine Augen brennen.

Gegen drei schalte ich dann doch den Computer ein, ein paar dringende Dienstmails, ein Antrag ist zu schreiben, eine Bestätigung abzuschicken, zwischendurch braucht der Sohn Hilfe von mir, weil wir seine Klarinette für den Italienflug anmelden müssen, dann erzählt die Tochter, dass sie in der Musical-AG die Wunschrolle bekommen hat und sie mit der Benefix-AG Eisessen waren. Das wär’s jetzt: es ist so warm. Wir haben aber kein Eis im Haus:(
Mir ist also warm, und die Augen brennen immer doller.
Der Korrekturstapel grinst mich an, ich setze mich an den Terrassentisch, dort ist es zu warm, drinnen aber eigentlich auch. Es wird ein zähes Heft um Heft um Heft, heute sind die Aufgaben 4 und 5 dran, wenn ich morgen diszipliniert die 6, 7, 8 mache, könnte ich morgen Abend fertig sein, jedenfalls mit dem größten Rotstiftberg, und am Freitag zurückgeben. Dann wäre das Wochenende schon korrekturfrei, sinniere ich, während Häkchen um Häkchen (und leider auch Nichthäkchen um Nichthäkchen) meinen Stift verlässt.

Aber was ist das mit meinen Augen??? Am Abend – es ist so schnell acht Uhr geworden – bin ich bei einer stündlichen Augentropfenfrequenz angekommen, das hatte ich selten. Es brennt, sieht aber nicht rot aus. Während wir Abendbrot essen, sitze ich mit geschlossenen Augen da, nicht witzig. Morgen Vormittag hätte ich Zeit für einen Augenarztbesuch, mal sehen …

Für heute ist mir alles vergangen. Mit den Kindern zusammen räumen wir schnell das Essen weg und die Küche auf. Ich schmiere mir Salbe in beide Augen, nun kann ich nur noch verschwommen sehen, aber es tut für den Moment wenigstens nicht weh.
Nur Celloüben – mein tägliches Elexier – schenke ich mir noch, heute mit weitgehend geschlossenen Augen. Die meisten Übungen kann ich auswendig, merke ich bei der Gelegenheit, und in den Körper und die Töne hineinzuspüren gelingt sogar besser.

Ich bleibe dennoch nicht lange dabei, mir ist nicht danach. Noch vor zehn liege ich im Bett – wann gab es das zuletzt? – versuche durch die Salbe auf mein Buch zu blinzeln, gebe es aber auf und schlafe dann wohl schnell ein.

Konsequent – mein Körper nimmt kein zusätzliches Schlafgeschenk an:) – werde ich gegen halb vier wieder aufwachen.
Die Augen brennen immer noch.

 

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WmDedgT 06/2017

Ein Monatsfünfter. Die Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Reihe als Anlass, doch einen meiner Radeltage zu erzählen. Ansonsten nämlich ist dies die erste längere Radreise seit – hm, ich weiß gar nicht: jemals? – auf der ich nicht täglich blogge. Es passt diesmal nicht in meine Stimmung hinein, die mich schwerer als sonst durch die Tage gehen lässt, selbst hier unterwegs.

Aber jetzt. Also los.

Ich wache gegen sieben Uhr auf und schaue den grau-regendrohenden Himmel an. Schnell zusammenpacken, bevor das Zelt nass wird. Frühstücken kann ich später. Immer wieder erstaunlich, dass es eine Stunde braucht, bis das gesamte Geraffel verstaut ist. Vielleicht könnte diese Form des Reisens noch mehr Reduktion vertragen?

Als ich die letzte Zeltplane zusammenlege, schieben zwei vollstbepackte Radler vom Ende des Platzes vorbei. Wohin ich unterwegs sei, fragen sie, ich erzähle. Und dann erzählen sie. Auf der Rückreise einer 12-Monats-Tour durch mehrere Kontinente sind sie. Ja, stimmt, das Gepäck, die Fähnchen, die Webseite auf dem Rahmen. Ich erzähle von meinen Sabbatjahrplänen, das ist noch weite Ferne. Diese Begegnung aber ermutigt mich einmal mehr. (Er ist übrigens auch Lehrer und hangelt sich, so habe ich das verstanden, seit dem ersten Sabbatjahr von einem zum nächsten.) Schaut doch mal: http://www.diezweiunterwegs.de

Überm Plaudern wird es fast neun, wir schieben noch gemeinsam zum Kiosk, wo ich – der Himmel regnet doch wirklich gleich los – unter einem Riesenschirm meinen Kocher in Gang setze und frühstücke. Während am Nachbartisch ein Mann sein zweites Bier öffnet. Wie da gleich die Vorurteilsschublade in mir aufgeht. Wie ich beschämt zusammenzucke, als mich der Mann anspricht. Und beginnt zu erzählen, sein ganzes Lebenselend tönt durch den lächelnden Mund hindurch. Dass er morgen wieder arbeiten müsse, wie furchtbar die Arbeit sei, und wie schlechtbezahlt, und wie es doch keinen anderen Weg gäbe. Wohin ich fahren würde, fragt er. Wie das so sei, allein unterwegs. Ich erzähle. Er hört mit offensten Augen zu. Und kauft mir schließlich am Kiosk eine Flasche Wasser. Ich wehre erst ab, doch er lässt es sich nicht nehmen: Ich MÖCHTE Dir dieses Wasser kaufen und mitgeben.

Es ist zehn, als ich losfahre. Um nicht wieder die Schleife um den riesigen Platz zu nehmen, plane ich eine Abkürzung. Denkste. Monsterhaft-düstere Veranstaltungshallen und Mercedes-Benz haben die Flächen nach ihren Plänen gestaltet, und die sehen halt keine Durchradler vor. Ich irre in den gruselig menschenleeren Arealen umher, bis ich auf ein verschlauftes Straßenkreuz treffe. Ein paar Windungen noch – fast wäre ich dabei auf die Autobahn geraten – und dann habe ich endlich den Neckarweg wieder. Wenngleich den Neckar noch lange nicht. Öde ist es hier. Ein beindustrieanlagter Fluss. Dazwischen Häuschensiedlungen. Zu meiner Überraschung gibt es zuweilen Ostputz, diesen grau-bräunlichen, wenn Ihr versteht, an Häusern und Garagen. Hach, das lässt mich gleich ein wenig heimisch fühlen. In meiner Familie wird meine Ostputzgaragenfotografierobsession ja liebevoll-spöttisch belächelt. Hier kann ich ihr frönen, ohne mir Kommentare einzufangen:) Und wirklich, dieses Alte, Unvollkommene, das macht mir wirklich ein wohliges Gefühl. Als ich 1991 nach Tübingen und damit erstmals in den „Westen“ zog, nahm ich alles – Gebäude wie Menschen – als steril geleckt wahr und fühlte mich unendlich einsam. Manchmal schaue ich heute noch mit meinem damaligen Blick auf die Welt, bzw. auf deren Oberflächen … Doch ich schweife ab.

Ich durchradle also viel viel Industrie, zum Glück ist Feiertag und damit Ruhe, und auch auf dem Radweg ist es erträglich voll, denn es beginnt zu nieseln. Kein Regen, kein Nichtregen, eine Schrödingersche Unentschlossenheit dazwischen. Regenjacke an, Regenjacke aus, so wird das über mehrere Stunden gehen, genau genommen bis kurz vor dem Ziel.
Eine Brötchenpause in einem Park, die Augen müssen die grüne Insel aufsaugen, meditatives Fahren auf Holperwegen, der Weg nähert sich endlich wieder dem Fluss, und ich komme im Treten an.

Gegen zwölf bin ich in Plochingen. All die Orte längs der Strecke, die Namen, markante Gebäude, der Talanblick, dies ist mir alles noch erstaunlich vertraut. War dies doch meine häufige Zugstrecke nach Stuttgart, damals, als ich in Tübingen lebte.
Im Innern der meisten Orte war ich aber wohl nie. Hier in Plochingen jedenfalls nicht. An das Hundertwassergebäude könnte ich mich erinnern. Umlagert von bunt-grell-neongekleideten Radlergruppen ruft es mir allerdings nur ein Schnell-weiter zu. Nicht dass sich dieser Pulk noch vor mich schiebt und ich mich mit ihm verheddere. (Die Wahrscheinlichkeit aber ist klein. Größere Gruppen fahren nach meiner Erfahrung seltenst flussaufwärts.)

Der Weg biegt ab, so wie der Fluss auch, es geht nun Richtung Südwesten. Der Wind hat mitgedreht, so ist das ja immer. Dieses noch nicht erforschte steter-Gegenwind-Phänomen. Dafür wird der Weg zwischen den beiden Neckararmen naturwild und stimmungsvoll urig, das tut gut.

In Nürtingen – ist es zwei Uhr? die Uhr ist nicht so wichtig – biege ich ab und trete ins Städtchen hoch. Und finde dort Feiertagsverlassenheit und leere Straßenrestaurants vor, klar bei Niesel und diesen Temperaturen, wer mag dort sitzen. Auch mich lockt es nicht, obwohl mir sehr nach einem warmen Getränk zumute ist.

Weiter am Fluss entlang, im Nieselregen treiben, bis mich ein Badesee anlacht. Nicht zum Baden, brrr, obwohl es Mutige tun. Aber ein überdachter Imbiss, genau das suche ich. Etwas in den Magen bekommen, dazu eine Holunderschorle, ist zwar nicht warm, aber trotzdem genau das, was ich jetzt brauche. Ich sitze lange, der Seeblick ist beruhigend, es ist auch nicht mehr weit bis Tübingen. Naja, eigentlich wollte ich dort sehr früh ankommen, um alte Studentenzeitorte wiederzufinden, dieser Plan löst sich am See in Luft auf:)

Über die restliche Strecke gibt es nur noch zu sagen: Ein weites grünes Tal. Rechts und links Hügel. Eine Landschaft zum Fallenlassen, ein Ort zum Bleiben.
Mich aber treibt um, was ich am Telefon höre. Mehrmals in diesen Tagen jetzt schon, heute besonders schwierig auszuhalten, wir telefonieren einige Male. Immerhin: die Bahnverbindungen von hier nach Hause sind gut und regelmäßig, dies beruhigt uns alle. Und noch benutze ich sie nicht …

So ist es sechs Uhr geworden, als ich in Tübingen einrolle. Im Gegensatz zum Tal unterwegs scheint mir, dass ich mich an gar nichts erinnere. An GAR nichts. Wie eine noch nie betretene Welt, ich bin ganz geschockt, wie ich hier gelebt haben kann, ohne diese Innenstadt wahrzunehmen. Vielleicht waren wir ja damals wirklich nur auf studentischen Pfaden unterwegs?
Die Wilhelmstraße, klar, die ist mir dann doch nicht aus der Erinnerung verschwunden. Das Gebäude, in dem man mich wegen meines DDR-Abitur nicht einschreiben konnte oder wollte, in dem ich sechs Wochen lang den Kampf um Formalitäten führte. Die Mensa, ungemütlich-vertraut wie je. Der Park, das Studentenwerksgebäude, das Lustnauer Tor.
Mein Wohnheim, das sieht aus wie damals. Ist halt ein Vierteljahrhundert älter geworden. Durch ein offenes Fenster sehe ich: Die Regaleinrichtung der Zimmer noch wie damals, nur die Lampenschirme wurden durch modernere ersetzt. Was das Gedächtnis so festhält. Gern hätte ich noch ins Innere geschaut, aber es scheint kaum jemand daheim zu sein, niemand öffnet die Tür, dann eben nicht.
Den Weg von dort in die Stadt – ob ich den damals radelnd, zu Fuß oder mit dem Bus zurücklegte? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich immer auf die Morgenstelle kam, zum Institut hoch. Heute zeigt mir mein Navi, dass es 150 Höhenmeter sind, ich nehme davon Abstand, am Abend noch hochzuradeln. Dafür muss ein späterer Tübingen-Besuch gut sein.
In der Altstadt erkenne ich die Gassen nicht wieder, nur einzelne Punkte flackern in der Erinnerung auf. Das Wirtshaus an der Krummen Brücke, in dem ich das erste Weizenbier meines Lebens trank. Das Eiscafé San Marco, in dem ich nur selten saß, es war zu teuer. Denn aus ebenso formalen Gründen konnte damals auch mein Bafög-Antrag über Monate nicht bearbeitet werden, wovon ich damals lebte, weiß ich gar nicht mehr, jedenfalls beantragte ich keine Sozialhilfe, wie mir die Dame auf dem Bafög-Amt ob meiner Ungeduld lapidar empfohlen hatte:)
Der Brunnen auf dem Platz. Hier war es, genau hier, ich erinnere mich. Mein erster Tag in der Stadt, in der Nacht war ich mit dem Zug aus Berlin angereist, hatte mein Wohnheimzimmer bezogen, spazierte durch meinen neuen Ort. Und begann genau hier am Brunnen spontan zu weinen. Zu einsam war ich in der neuen heilen Welt, damals 1991. Heute, die Nachrichten von zu Hause im Ohr, laufen mir auch ein paar Tränen. (In Kombination mit Sonnencreme ist dies dann auch noch in den Augen schmerzhaft, übrigens.)

Zwischendurch habe ich auf dem Campingplatz eingecheckt und aufgebaut. Der teuerste meiner Campingkarriere übrigens, meine ich. Und dann schließt dessen Tor um zehn, nicht mal langen Ausgang bekommt man:) Ich esse im Wirtshaus an der Krummen Brücke, das muss sein, und eile dann aber – mit Blick auf die zehn-Uhr-Sperre – schnell zurück. Puh, geschafft.
Ein letztes Bier am Campingplatz.

Wie und ob es die nächsten Tage radelnd weitergeht, wird sich zeigen. Erstmal bringt mir der Schlaf Beruhigung.

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WmDedgT 05/2017

Der Wecker klingelt kurz nach fünf, ich kann ja nicht weg von meiner Marotte immer viel zu früh aufzustehen. Also: viel zu früh nur vom rationalen Blickpunkt aus. Für mich ist es gerade richtig, es ist meine Zeit für mich allein.
Mit dem Morgenkaffee in der Hand lande ich heute ungeplant an einer Kiste mit alten Kalendern und Adressbüchern, neulich hatte ich die aus dem Regal gezogen. Adressen aus den Neunzigern, wie viele davon mögen noch stimmen? Beim Durchblättern finde ich eine einzige. Welche jetzt aber, genau genommen, auch nicht mehr stimmt. Es ist sie, die letzte Woche starb. – Wieviele der Menschen in diesem Büchlein wohl ebenfalls nicht mehr leben? Zu vielen habe ich den Kontakt verloren, etliche waren nur flüchtige Lebensbegegnungen, bei manchen kann ich mich nicht einmal mehr an den Begegnungskontext erinnern.
Ich blättere noch ein wenig in meinem Kalender von 1991, erstaunlich vieles ersteht in meiner Erinnerung, über manches sollte ich einmal erzählen.

Aber jetzt nicht weiterträumen, es ist sechs Uhr, die Kinder wollen geweckt, das Morgenprogramm in die Gänge gebracht werden, ich mache mich und mein Gepäck fertig, denn – juchhu – heute verreise ich. Und kurz nach sieben sitze ich im Auto, zunächst auf dem Weg zur Schule, natürlich.

Gut ist es heute in der Schule, das spüre ich schon vor dem Klingeln.
Die Fünfer haben sich meine Worte vom Mittwoch offenbar sehr zu Herzen genommen, sie erwarten mich mucksmäuschenstill, werfen sich engagiert in die Stunde, niemand piekst den anderen in Schenkel oder Schulter, es kippt nichtmal eine Wasserflasche um, das will etwas heißen.
Wir addieren und subtrahieren ganze Zahlen, etwas komplett Neues für sie, sie schicken ihre gesamte Anstrengung ins Rennen, und am Ende der Stunde sagt eine: „Wie cool, dass Rückwärtsgehen auch ein Mehr bedeuten kann.“ Sie meint zwar die Zahlengerade und die Männlein, die uns da im Moment die Zahlen transportieren. Aber ich finde, sie hat auch im Großen und Ganzen, so im Lebenskontext recht. Aber das weiß sie noch nicht, sie ist ja erst zehn.

Die Elfer sind heute mehr als sonst, freiwillige Gäste aus einem ausfallenden Nachbarkurs – huch, Fans, oder was? Merke: fünf Menschen mehr machen den Unterricht dreimal so laut. Vielleicht aber ist es einfach nur die Freude der Neuen, dass sie doch nicht auf ihren Matheunterricht verzichten müssen:) Naja, und dann werkeln wir so vor uns hin. Ganz schön viel, was sie in diesem halben Jahr gelernt haben, denke ich beim Umhergehen. Irgendwie ergreifend, wie sie sich, die meisten jedenfalls, hineinknien, in das Fach, das ihnen wohl spätestens jetzt in der Kursstufe am schwersten fällt, bei dem sie trotz aller Anstrengung nur wenig Punktzuwachs schaffen. Und doch tut sich so viel bei ihnen.
Ich mag sie so, in diesem Alter, in dem ein Restschimmer der Pubertät die ersten Züge erwachender Reife beleuchtet und mit einem Strahlen verschönert, welches sich vielleicht in keinem anderen Lebensalter findet. Ich mag das Wechselspiel von Ernsthaftigkeit und Lachsalven, kindliches Stimmeverstellen gleich neben Schülersprecherengagement, das In-die-Ecke-Pfeffern des Heftes und sein sofortiges besonnenes Aufheben. Und ich mag die Ehrlichkeit, die sie mir schenken. Das ist viel. Denn Mathe ist ein Fach, in dem gern alles Unwillkommene auf die Lehrenden projiziert wird.

Hofaufsicht. Es ist sonnig, und ohnehin ist es ein guter Aufsichtsplatz. Gelegenheit, die oder den anzulächeln, eine Frage zu bekommen, eine Sorge zu klären, eine Ermutigung über einen Arm zu streichen. Ein Geschenk, diese ganze junge Menschenschar um mich herum. Irgendwann stromert auch die Tochter vorbei, was sie sonst nie tut. Heute aber sagt sie noch einmal Ciao, mich eindringlich anschauend, aus einem Meter Entfernung. „Ohne kuscheln„, stellt sie fest, klar, auf dem Schulhof geht das gar nicht.

Meine Bereitschaftsstunde ist, wenn nichts ansteht, meist Redestunde. Mit der Coklassenlehrerin über den einen Vorfall. Mit dem Abteilungsleiter über den nächsten Wettbewerb. Mit der Parallelkollegin über die Klausur. Mit der Physikreferendarin über ihre Prüfungen. Mit dem Schulleiter über eine spezielle Klassensituation. Was so alles dran ist. Und Versuche gilt es aufzubauen, für Montag, Kopien vorbereiten, all das.

Plötzlich ist es spät, gleich Zugabfahrtszeit, denn ich verreise ja:), ich stopfe die restlichen Vorbereitungsdinge ins Gepäck, bringe einen Teil der Schulsachen zum Auto, hole den großen Rucksack, und zack, sitze ich im Zug.

Bahnhofsatmosphäre beim ersten Umsteigen. Bahnhofsatmosphäre beim zweiten Umsteigen, ich liebe Bahnfahren. Auf dem Riesenbahnhof bleibt mir ein wenig Zeit, also gibt es etwas Mittagessenähnliches und einen Kaffee im Sitzen, bevor ich in den ICE steige.
Heute bin ich über den Schatten meines Sicherheitsbedürfnisses gesprungen und fahre ohne Platzkarte. Obwohl Freitag ist. Obwohl ich im Zug arbeiten, lesen und schreiben will. Und siehe da: Es klappt. Ich habe einen Sitzplatz. Ich lebe noch. Wow.
Alles ist gut. Bis auf ein paar streitende Mitreisende: tun Sie Ihren Rucksack da weg! – ich lass den da jetzt stehen! – da vorne steht doch, dass es verboten ist! – was geht Sie das an! – wir können auch den Zugbegleiter holen! Wie in der Schule, denke ich. Schlimmer als in der Schule. Ich weiß nicht, ob ich es witzig oder traurig finden soll und bin einfach froh, als es zu Ende ist, ohne dass es zu einer öffentlichen Keilerei gekommen ist.

Ich mag es so, im Zug zu lesen, zu schreiben, Gedanken mit den Bildern vor dem Fenster wandern zu lassen. Doch die Vernunft heißt mich zunächst meinen Montag vorzubereiten. Zwei Stapel Hausaufgaben bleiben durchzusehen, eine Konstruktion vorzubereiten, ein paar Planungsnotizen zu machen, als ich fertig bin, fährt vor dem Fenster schon der sonnige Schwarzwald um Freiburg vorbei. Sehnsüchtige Erinnerungen an Radreisen werden wach, aber ich werde ja bald wieder …

Vorfreude auf die Begegnung, die nun gar nicht mehr lange hin ist. Der Zug hat seine Verspätung aufgeholt, die Mitreisenden bleiben friedlich, vielleicht sind sie auch einfach ausgestiegen, die Welt gleitet vor dem Fenster dahin – das Leben ist schön.
Ein letztes Umsteigen, ein paar volle S-Bahn-Minuten, und dann bin ich da … wie gut!

Erkennen, die Landschaft mit den Augen betasten, in Serpentinensträßlein hinaufwinden, an einem guten Ort ankommen. Reden, Kaffee, Sonnenterrasse, erzählen, der Weitblick, kochen, Wein und Essen, weiterreden, Feuer, das ganze Sein hier, staunen, zwischendurch ruft die Tochter an, Wein jetzt ohne Essen, immer noch reden, draußen leuchtet der Mond, und es ist stiller als still, reden, bis die Augen zufallen, in den Schlafsack kippen.
Aber das war eigentlich schon am nächsten Tag.

Danke.

WmDedgT 03/2017

Sonntag, der Tag ohne Weckerklingeln, lässt mich aus einem Traum aufwachen, in dem es um eine Tasche ging, welche in Form, Größe und Haptik meinem Ideal nahekam, welche ich also nicht haben kann und werde, die somit eine Traumtasche bleiben wird, was gut so ist, ich lächle beim Erwachen.

Diesen Tag heute hätte es eigentlich gar nicht gegeben, was heißen soll: Hätte es nicht gestern im Bergort geschneit und genebelt und geregnet, dann wären wir heute erst abgefahren und kaum erst hier, so dass wir direkt von der Autobahn in den Alltag hätten stolpern müssen. So aber hat das Wetter eine Entscheidung und damit diesen Tag ohne jeden Plan, frei von jeglichem Tunmüssen geschenkt. Die Tageszeiten fließen unter mir hinweg und das Uhrzeitkonzept erreicht mich heute nicht. Hach.

Zunächst, was liegt im Morgenbett näher: Ich lese, lese und lese. Die Enden meiner Reiselektüren sind im heutigen Tag besser aufgehoben als in den kommenden Tagen, wenn das Rad wieder hektisch zu kreisen begonnen haben wird. Ich lese also, so lange, bis die Kinder nach Frühstück verlangen. Es gibt faule Aufbackbrezeln mit nicht viel dazu; nach der satten italienischen Woche braucht es das auch nicht.

Weil das Gespräch auf den Alltag kommt und ohnehin schon Märzanfang ist, greife ich mir nach dem Essen den Familienplaner und beginne – wir sind da ganz undigital:) – all unsere Terminzettel und -hefte für den nächsten Monat zu synchronisieren. Nebenher läuft die erste Wäsche, und damit, finde ich, habe ich zunächst genug getan – der Sonntag darf wieder sonntäglicher werden.

Wobei ich beim Lesen von den Büchern mittlerweile zu Blogs und weiter weg ins Netz abschweife und dabei – ganz heimlich, noch ohne mich irgendwo zu melden – mal in meine beiden Dienstmailaccounts schaue. Uiuiui, schnell wieder zumachen. Ich bin ja eigentlich noch gar nicht da:)

Gehe ich lieber ans Cello, heute ist unser letzter Tag, eigentlich hatten wir uns vor der Reise schon verabschiedet. (Morgen wird es beim Geigenbauer getauscht, was nicht an mir oder ihm, dem Cello, liegt, sondern eine eigene Geschichte ist.) Nun also treffen wir uns doch noch einmal. — Es ist ein wenig ernüchternd. Die Hände haben alles verlernt. Scheinbar natürlich nur. Aber trotzdem. So spiele ich eine ziemlich große Weile vor mich hin und sinniere über Verlieren und Wiederfinden und Lebensgeduld und Gelassenheit …

Bis mich das frühlingliche Draußen verlockt, da tut sich plötzlich ein Weg vor mir auf, der unbedingt gegangen werden will. Jetzt. Und öfter noch. Genau genommen habe ich mir mit dem heutigen Gang ein Ritual geschaffen. (Und dass ich nach erstmaliger Durchführung bereits das Perfekt verwende, liegt an meiner Entschiedenheit und der Bedeutung, die dieser Weg für mich hat.)

Der Fotoapparat war auch dabei, auf dem heutigen Weg, und auf der Ferienreise ja sowieso. Während nach meiner Heimkehr ins dämmernde Haus all die Fotos auf den Computer hinüberwandern, linse ich ihnen zu – und staune schon einmal. Vorfreude auf das Sichten und Wiedererkennen macht sich breit.

Jetzt erstmal Essen, inzwischen Abendessen zu nennen, und anschließend mit den Kindern zusammen Reisetaschen auspacken und die ersten Wäschehaufen verräumen. Und weil wir alle so gut in Trab sind, packen wir gleich noch die Schultaschen für morgen, erinnern uns an zu unterschreibende Zettel, zur richtende Räder, zu bestellendes Essen, zu organisierende Fahrten und zu stellende Wecker. Soifz, jetzt doch kurz ein Ferienendewehmutsgefühl.

Ich dämpfe es noch ein wenig ab, indem ich den Rest des späten Abends in Erinnerungen lese, dazu Seelenmusik höre, ein wenig mit Farbstiften experimentiere, jetzt hier schreibe und viel zu spät ins Bett gehe. Morgen an meinem langen Schultag werde ich das bereuen, aber für jetzt fühlt es sich genau richtig an.

 

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WmDedgT 02/2017

Sonntag ist der Tag ohne Wecker, das weiß mittlerweile sogar ich. Es wird kurz nach acht, als sich mir die Augen öffnen, es ist schon hell draußen, ein fast vergessenes Gefühl beim Aufwachen.

Meine Lesestunde. Weil ich derzeit in drei Büchern gleichzeitig lese und es mich auch heute in alle zieht, gerät diese ein wenig länger. Gut so. Um’s Unterwegssein geht es in meiner Lektüre, und um’s Abschiednehmen. Beides gar nicht so verschieden.

Kurz nach zehn wird das Tochterkind wach und hungrig, wir frühstücken. Sie hat sich schon in T-Shirt und Röckchen geworfen, hört im Kopf unablässig eigene Musik und tanzt dabei vor sich hin. Das geht auch am Frühstückstisch, sitzend. Als ich es ihr nachtue und ebenfalls mit rhythmischen Arm- und Körperbewegungen anfange, bin ich natürlich peinlich:(
Ansonsten geht es beim Frühstücksgespräch noch darum, dass Newton kein freundlicher Mensch war, weil er die Untersuchung mit dem Apfel erst nur vorgetäuscht habe (hä? echt jetzt?), ob Laser was mit dem Tunneleffekt zu tun haben, und wann wir nachher losmüssen. Und dass man vor dem Hochrennen ins Zimmer immer zweimal mit je zwei Händen Dinge in die Küche zu tragen habe. Das wird von Kindern ja gern täglich mehrmals vergessen.

Vor dem Mittagstermin reicht es mir für eine weitere Stunde Sofasitzzeit. Bücher und Schreibhefte und so.
Dann duschen und anziehen, wir müssen bald weg, doch vorher noch meine Celloübezeit. Heute bin ich fahrig und unzufrieden. Das wird auch nicht besser, als ich mein derzeitiges Übestück aufnehme und mich beim Anhören das nackte akustische Grausen überkommt. So unsauber, so kratzig, so ungleichmäßig, so wenig Musik. Es soll heute nicht sein.

Lieber schreibe ich noch an Kollegen, ich brauche für morgen dringend ein paar Zuarbeiten, hoffentlich schauen sie noch in ihre Mails, ist ja schließlich Sonntag, ein eingeschalteter Computer entweiht diesen Tag, irgendwie.

Und dann müssen wir weg, Preisträgerkonzert in der Musikschule. Die Kinder stellen fest, dass die, die da spielen, immer jünger werden. Aha, das alte-Leute-Syndrom erfasst jetzt auch schon 10- und 15jährige:) Die Tochter ist tatsächlich schon fast ans Ende des Programms gerutscht – es geht nach Alter. Und der Sohn spielt hier gar nicht mehr, weil er mittlerweile die Musikschule gewechselt hat. Ansonsten wäre er der Allerälteste gewesen. Mensch, die Zeit vergeht. Der Sohn also sitzt entspannt in der Gegend herum, genießt, dass er nicht auf die Bühne muss, die kleine Schwester ärgert sich über ihre Fehler – beim Einspielen hätte noch alles geklappt, und was jetzt alle denken … Anschließend gibt es Saft und Sekt und Häppchen, da ist auch für die Tochter alles wieder gut. Und für unsere leeren Ohne-Mittagessen-Mägen sowieso.

Zu Hause ist kurze Kaffeebesinnungszeit, dann sitze ich am Schulschreibtisch. Weil das Wochenende lang und gut war, lässt es sich zäh an. Der Kopf war in einer anderen Welt und findet nur schwer zurück.
Währenddessen lassen die Kinder sich in die Orchesterprobe fahren und kehren nach kürzester Zeit zurück. Natürlich waren sie in Wirklichkeit zwei Stunden dort. Waaas, schon acht?

Wir essen, sie verraten mir, wann und wo morgen der Treffpunkt ist, beide fahren mit dem Schulorchester zu Probentagen. Die Sachen sind im Prinzip gepackt. Im Prinzip. Bis auf … – Nein, für Wäschewaschen ist es jetzt zu spät! Doch, das hatte ich heute Mittag schon gesagt! – … Mütter sind gemein. Aber echt mal, es findet sich doch wohl noch genug Klamottiges im Schrank.
Als das und auch die Verteilung der Zahnpastatuben auf Tochter- und Sohngepäck ausdiskutiert sind, müssen nur noch Cello- und Notenständer in den Koffer gequetscht – Von draußen passte das aber?!?!?! -, Impfausweis und Krankenkassenkarte des Sohns ausfindig gemacht – unter dem unausgepackten Gepäckhaufen seiner Januarreise, ein Hoch auf Mutterinstinkte! – und die Sache mit den Noten geklärt werden.

Aaaahhhh, die Noten. Fällt beiden jetzt ein. Musizieren braucht nämlich Noten. Meinen Chaoskindern verlangt diese Tatsache alles ab.
Und so sieht man um kurz vor zehn die Tochter mit der geliehenen Notenmappe der Pultnachbarin vor meinem Kopierer sitzen und Blatt um Blatt hindurchschieben. Ihre eigenen Kopien scheinen sich im Laufe des Schuljahres weitgehend verflüchtigt zu haben.
Der Sohn hingegen startet eine Großraumsuche nach dem Heft mit den englischen Liedern. Ich schwöre, ich habe das im Leben nicht gesehen. Deswegen kann es auch nicht im Zuge meiner Weihnachtswohnzimmeraufräumaktion verloren gegangen sein. These steht gegen These. Wir diskutieren bei dieser Gelegenheit gleich den grundsätzlichen Sinn und Unsinn von Aufräumen, Ordnung, Ablagesystemen und ähnlichen Müttererfindungen. Während wir zu zweit auf dem Boden sitzen und einen Kubikmeter Notensammlung Blatt um Blatt wenden. Das Heftlein bleibt verschwunden, damit wird der Orchesterchef jetzt leben müssen.

Es ist halb elf, als die Brut im Bett ist. Irgendwie schön, so ein Feierabend, wenn die Kinder schlafen gehen. Nur noch die Schultasche packen, die sich sperrende Datensicherung überlisten, die eigentlich noch geschrieben werden wollenden Postkarten auf morgen verschieben … und ein wenig seufzen. Weil ich nun endlich zu mir finde, weil die kommende Woche dichtestgepackt sein wird, weil mir die Kinder in den drei Tagen fehlen werden, und weil mich eine leise Wehmut durchzieht. Das Leben ist so bunt, so voll, so prallelebendig, und – in einem Parallelstrang – so voller Melancholie und sanfter Traurigkeit. Alles auf einmal. 

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

WmDedgT 01/2017

Es ist kurz vor neun, als ich erwache. Erstaunlich, bleibt doch in den Ferien üblicherweise mein Alltagsrhythmus mit frühem Aufwachen bestehen, fast unverändert. Seit über 15 Jahren immerhin. – In diesen Ferien ist es anders. Abends zieht mich nichts ins Bett, und morgens nichts ins Erwachen. Ich staune, was sich wohl verändert haben mag?

Die Kinder sind zum Glück auch noch im Traumland (oder wie man das in der Pubertät nennt), und ich kann in Ruhe lesen. Ein neues Buch habe ich gestern begonnen, das x-te dieser Ferien. Dieses jetzt ist extrem dicht, ich lese ergriffen, schreibe halbe Seiten ab, schreibe ohnehin zwischendurch immer wieder Sätze und Absätze in meine verschiedenen Tagebücher (ja, mehrere!), und so vergehen die Vormittagsstunden. Kaffee und Kerzen sind natürlich auf dem Sofa mit dabei.

Als es im Haus unruhiger wird, kann ich mich in meine Gedanken nicht mehr so gut vertiefen, also wechsele ich zum Computer hinüber. Die letzten Sommerreisebilder befinden sich in einer Großsortierungs- und -beschriftungsaktion, dazu mussten also erst die Weihnachtsferien kommen. Während ich mich gedanklich der Sommertour hinterhererinnere, ertönt immer mehr Jungmenschenrascheln im Haus, sie scheinen den Weg aus den Betten zu finden, allmählich, die Uhr zeigt zwölf.

Während die Tochter dann Hunger zum Umfallen hat, klagt der Sohn, dass er so früh noch nichts essen könne, natürlich besteht keine Einigkeit über die Platzierung der Mahlzeiten im Tagesablauf, ist ja klar. Frühstück jedenfalls nennen wir es jetzt nicht mehr, es gibt gleich was Warmes – ein Mittagsessen zur Tageseröffnung also.

Es ist nach eins, gleich kommt unsere helfende Saubermachfee, und hier liegt und steht in allen Räumen alles rum …  das bringt uns erstmals an diesem Tag in ein gewisses Tempo. Im Tochterzimmer wirbeln wir schnell zu zweit, damit Boden, Tischfläche und Bett wieder sichtbar werden. Insbesondere letzteres scheint Tochters Wohn- und Speiseort der vergangenen zwei Ferienwochen gewesen zu sein, es gibt nichts, was es in diesem Bett im Moment nicht gibt. Vielleicht bin ich ja eine pingelige Mutter, aber in der Speisedeko auf dem Laken mag ich mein Kind nicht länger schlafen lassen, ich überzeuge sie vom Bettwäschewaschen, jetzt sofort. Wir ziehen also ab und schleppen alles – die Wäschekörbe der letzten zwei Wochen auch gleich – in den Keller. Also nun doch eine Wäsche während der Raunächte …

Schnell noch die Küche aufräumen, die Garderobe umsortieren, und von all dem Zoix, das sich immer von allein im Flur abstellt, kann dies und das gerade in die Garage. Und wenn wir schon dabei sind: die Stiefel, mit denen wir im Dezember unseren Weihnachtsbaum aus dem Wald geschleppt haben, sind immer noch nicht von den Erdbrocken befreit, ich mache mich daran und fühle mich beim Freikratzen der Sohlen wie früher in der Schule im Kunstunterricht, Linolschnitttechnik.

Während ich so meditativ an den Furchen herumpfriemele, ertönen laute Schreckensschreie aus dem Tochterzimmer. Es stellt sich heraus: All das Gekramse kam sich gegenseitig in die Quere, irgendwer hat Kisten und Kuscheltiere vom Boden direkt auf die frisch kreierten Acrylfarbbilder auf dem Schreibtisch gestellt. In ihrem Schreck stellt die Tochter eine acrylverbuntete Kiste gleich noch auf den Schreibtischstuhl und kommt mir mit der bäuchlings blaugrünen Robbe entgegengelaufen – oh je. Das ist nämlich meine Robbe :(  Und überhaupt schreite ich mal lieber ein, damit sich die farbenfrohe Verzierung nicht noch auf Teppich, Wänden, Türen und dem Cello wiederfindet. Alles in die Badewanne gestellt, die Tochter getröstet, dass die Bilder jetzt eine ganz eigene Note haben und immer noch toll aussehen, dass sie sie zum weiteren Trocknen dann doch lieber in den Keller bringt, das Schrubben der Robbe begonnen. Naja, Acryl ist Acryl. Sie wird von nun an einen bläulich-grünen Bauch haben, Spuren des Lebens eben. Immerhin lebt sie schon 26 Jahre bei mir, da darf sie ruhig vom Zusammenleben mit uns gezeichnet sein:)

Auf den Schreck einen Tee, und überhaupt überlasse ich das weitere Saubermachen den helfenden Händen und ziehe mich in ein paar weniger gefährliche organisatorische Tätigkeiten zurück. Zahnarzttermin machen, für alle drei. Schreibtischablage mit abzuheftenden Dokumenten vorsortieren – sie quillt über, was auch kein Wunder ist, da ich dies letztmals im Frühjahr gemacht haben muss, am Alter der Papiere leicht abzulesen. Morgen soll das in die Ordner kommen, für heute ist es zu viel. Aber die Krankenversicherung und Beihilfe könnte ich noch beginnen. Oder doch nicht, ich steige in meiner Sortierung nicht durch, da hat sich auch zu viel angesammelt, ich vermisse die letzte Versicherungsabrechnung, es wird kompliziert, ich mache das morgen in Ruhe. Aber drei Überweisungen schnell noch erledigen, ich frage mich, wo die Mahnungen bleiben – oder ob ich selbst die schon verbummele? Batterien in den Wanduhren wechseln – die haben sich doch alle verabredet, dass sie seit Tagen je individuell spinnen? Wäsche in den Trockner, Bibliotheksverlängerung und drei kurze Mails.

Die Tochter ist mittlerweile zur Probe in der Musikschule, der Sohn füllt das Haus mit Prokofjew-Sonaten, und ich überlege kurz, ob ich jetzt ein bisschen Schule …? Nein, doch lieber weiter mit den Fotos. Ja, doch, die Fotos sortiere ich noch fertig. Hach und seufz, so viele Erinnerungen kommen. Mein Reisesommer war einmalig und unglaublich.

Nebendran liegen nur immer anpochender die Schreibtischstapel, ich bemerke erstmals in den Ferien aufsteigende Unruhe. So vieles ist liegengeblieben, eben weil wir uns die Zeiten so gemächlich gestaltet haben. Und nun droht es mich innerlich zu irritieren. Ich will das aber nicht. Nicht jetzt jedenfalls. Und tue das, was auf jeden Fall hilft: Ich greife zum Cello. Ein Wundermittel, alle Unruhe verschwindet, Ton um Ton um Ton.

Kurz vor acht ist die Tochter wieder da, wir essen. Beziehen anschließend noch ihr Bett, hängen bei der Gelegenheit gleich ein Plakat auf, welches schon Wochen darauf wartet, schauen nach der Robbe – immer noch blaugrün:( – und nehmen uns dann einen der letzten Bibliotheksfilme vor: Der Himmel über Berlin. Ist aber doch nichts für die Kinder, sie ziehen sich bald zurück, so dass auch ich ausschalte, ich kann ihn ja später allein zu Ende schauen. Anderntags.

Denn jetzt setze ich mich mit einem Tee aufs Sofa, lese ein wenig in Blogs herum, schreibe (das jetzt hier:)) und werde anschließend noch lesen.

Bis die Augen zufallen …

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WmDedgT 12/2016

Der Wecker klingelt, statt meiner Morgenlesestunde döse ich noch eine Weile im Bett und wecke gegen sechs die Kinder. Beide blättern vor dem Aufstehen intensiv in irgendwelchen Klassenarbeitsvorbereitungen – ich hab früher auch immer morgens vor der Schule gelernt:) – und kommen erst kurz vor knapp zum Frühstück runter, das bei uns eh keiner ernsthaft zu sich nimmt. Im Moment aber ist das unsere Adventskalenderzeit, beide haben täglich je ein Sprichwort darin, der Sohn auf italienisch, die Tochter auf englisch. (Schimpft mich Lehrermutter – sie finden es anhaltend gut:) und wir kommen oft ins Gespräch darüber. Nicht nur über Grammatik und Wortschatz …)

Kurz nach sieben, Abfahrt. Mein Auto, das zu enteisende, wird derzeit gern genutzt, um mit in die Schule zu fahren, so sind sie immer die ersten im Foyer und finden es zu früh, wie mir die Autofahrt hindurch erläutert wird. Aber bitte, es gäbe ja Fahrrad oder Bus;-)
Heute ist mal keine Schlange am Kopierer (die Kollegen schwächeln?), so bleibt Zeit für einen Lehrerzimmerkaffee. Mit dem Adventskalender bin ich auch dran, ein MilkyWay ziehe ich heraus, alles bestens also vor dem Start.

Die Montagmorgenphysiksiebte gibt sich müde, wie immer. Dass es zudem direkt um 7.45 losgeht, überrascht sie wie jede Woche aufs Neue, wir versuchen das Beste aus dem Fach und der Tageszeit zu machen. Ein bisschen Experimentieren hilft gegen’s Weiterschlafen, und ein wenig Umherlaufen im Raum während des Arbeitens.

Bereitschaftsstunden könnten so schön frei sein. Heute nicht, leider. Ich finde mich in einer fremden Gruppe wieder, von der ich nicht einen einzigen Namen kenne, und soll Fragen zu Bodeninsekten beantworten. Man lernt immer noch dazu.
Nach Ablösung durch eine Musikkollegin – ob die mehr über Bodeninsekten weiß? – werkele ich ein halbes Stündchen am Kopierer, schneide, klebe, loche, tackere, so Sachen halt. Aber immer, wenn ich parallel dazu mit den Kolleginnen ein Schwätzchen halten will, vertackere oder verloche ich mich. Diese Abläufe scheinen komplexer zu sein als man gemeinhin denkt.

Dritter Block, die kleinen Fünfer, die inzwischen durchaus „gezähmt“ und heute besonders still sind. Die Angst vor meinem Test hat ihre Nasenspitzen weiß gefärbt, hej, das wollte ich doch nicht. Allerdings will ich etwas anderes, nämlich dass Ihr endlich auswendig wisst, dass ein Kilometer 1000 Meter und ein Meter aber nur 100 Zentimeter hat, während eine Stunde in Sekunden umgerechnet … naja, das habe ich ja nur in die Zusatzaufgabe gepackt. Ich ahne, dass es nicht ganz leicht wird, durch’s (Schul)Leben zu gehen, wenn man sich dem Auswendiglernen dieser paar Basisfakten hartnäckig verweigert und sie sich auch nach sieben Übungsstunden nicht eingeprägt hat. Das sage ich nicht laut, fühle mich aber im Moment stark gefordert in dieser Gruppe, wo andererseits Kinder sitzen, die sich über Nanometer, Moleküle, biochemische Vorgänge in Nervenbahnen und Mikroprozessoren unterhalten. Spagat ist gar kein Ausdruck.
Und dazu die Elternschaft im Hintergrund, gleichermaßen heterogen. Die Mails, in denen ich als pingelig beschimpft werde, weil ich Wert darauf lege, dass man Quotient mit T, Summand dagegen mit D am Ende schreibt, wie unwichtig das sei, und ob wir in der Schule keine anderen Probleme hätten. Doch, auch, das kommt noch hinzu. Und die Anwaltsvatermails des Tenors, dass die anderen Kinder für das eigene Kind nicht gut genug seien. Langweilig wird es in dem Beruf jedenfalls nie, aber ich bin abgeschweift.

Mittagspause. Nachdem ich den entlaufenen Ordnungsdienst spontan durch einen neuen ersetzt habe, dieser dann aber zum Fegen so lange braucht, dass ich nebenher schon den halben Test korrigiert habe, bleibt mir noch ein klägliches 20-Minuten-Restchen. Die Schlange an der Mikrowelle ist schon abgeklungen, ein letzter Kollege steht mit einem Riesentopf Kürbissuppe davor. Er hätte aber viel vor, witzele ich, gar nicht mit Absicht, echt nicht. Und doch bekomme ich einen Riesenteller von der leckeren Suppe ab. Wow. Umso besser, als ich heute nur Brot mithatte. Dass ich mit vollgeschlagenem Bauch jetzt gleich noch Physik unterrichten soll, naja …

Die Nachmittagsklasse ist nicht munterer als ich, wir ergänzen uns. Bloß gut, dass ich nur die Morgenstunde wiederholen muss, keine neuen gedanklichen Sprünge erforderlich sind. Es geht rum, irgendwie.
Sieben Stunden in jüngeren Klassen sind für mich die Grenze des Schaffbaren. Die Kommunikationsdichte ist so riesig, die Aufmerksamkeitsnotwendigkeit so lückenlos … ich weiß gar nicht, wie das noch ältere KollegInnen schaffen ..
Es geht also rum. Die Klasse stürzt mit dem Klingeln aus dem Zimmer, nur F. bleibt noch lange da, während ich den Experimentiertisch aufräume. Fragt was zur Akustik, zu „Physik im Advent“, zu etwas, das er mal gehört hat. Eigentlich will er wohl etwas anderes. Sein Vater ist vor Kurzem gestorben. Ich habe das die ganze Zeit im Kopf …

Zu Hause, es ist kurz vor vier, steht nichts Dringendes mehr an, zum Glück. Meine Dienstagsveranstaltung fällt morgen aus, ich kann also den Rest des Nachmittags in Ruhe vor mich hinkruschteln. Testkorrektur, Emails zum Kopfschütteln (siehe oben), Klausurplanung für die 11er, Hefte durchsehen und so Zeugs.
Zwischendurch verschwinden die Kinder zu ihren Musikstunden, wollen Hausaufgaben ausgedruckt haben, putzen Stiefel (upps? das wär halt so’ne kleine Regel, antwortet mir die Tochter auf mein Erstaunen), lösen schnell „Mathe im Advent“ und „Physik im Advent“, merken bei der Essensbestellung, dass die Mensakonten fast leergelaufen sind und bringen Jahreszahlen für Geschichte mit Flächenzahlen für Erdkunde durcheinander. Der ganz normale nachmittägliche Wahnsinn mit Schulkindern halt.
Und ich hatte den Nikolaus ganz vergessen. Wenn ich nicht nachts fremde Stiefel im Dorf durchstöbern will, um mich daraus für die eigenen zu bedienen, wird es karg morgen früh. Na gut, so ist das eben. (Am Morgen, der ja nun schon hinter uns liegt, wird sich herausstellen: Auch die klägliche Variante ist in Ordnung;-))

Ein bisschen Zeit für mich passt auch noch in den Tag: Ich streiche auf dem Cello herum. Naja, es klingt noch immer schräg – sind ja aber erst drei Tage, hi hi. Der Plan, ein großes für mich auszuleihen, steht jedenfalls, ich recherchiere Details. Was dann damit wird, werden wir sehen …

Pubertierende Kinder gehen ja gern erst gegen zehn ins Bett, so auch heute. Trotz fortgeschrittenen Alters und Stunde darf bzw. soll ich noch über Köpfe und Schultern streichen, gerade so halte ich die Augen bis dahin offen. Bleibt, zu den eiskalten Stiefeln zu wanken und mein Nikolauswerk zu tun – beinahe hätte ich es jetzt wirklich noch vergessen:))
Eine Seite im Buch, dann bin ich eingeschlafen. Immerhin habe ich vorher wohl das Licht ausgemacht …

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WmDedgT 11/2016

Der Wecker klingelt kurz nach sechs. Obwohl ich sicher auch ohne aufgewacht wäre, heute dürfen wir nicht verschlafen, der Sohn hat später ein Seminar, zu dem ich ihn bringen muss. Vorher, bevor ich ihn wecke, möchte ich meine Morgenruhestunde. Heute lesend, viel lesend, ich lasse mich gerade durch mehrere Bücher gleichzeitig treiben.
Kurz nach sieben schüttele ich ihn aus dem Bett, er muss vor der Abfahrt noch packen. (Nur Menschen, die das Chaos nicht bewältigen, tun dies schon am Abend.)
Frühstück und letzte Dinge in den Ruchsack werfen, morgenmuffliger Frühstückstalk, die Tochter darf hier bleiben und schläft weiter. In Anbetracht der möglicherweise WLAN-freien Zeit, die vor ihm liegt, zappt er noch schnell das Internet leer, ich quengele, wir kommen fast zu spät. (Dass es ja eigentlich sein Termin ist, muss ich auch noch lernen.)
Hinaus in die Regenwelt, brrr, unvorstellbar, dass wir vor vier Tagen noch durch goldene Herbstwälder wanderten, schnell ins Auto und weg.

Seminarorte liegen gern in abgeschiedenen Gegenden, da bot sich wohl unsere Ecke an. Jedenfalls: Eine so kurze Anfahrt hatten wir selten. Halb zehn sind wir da, andere Jugendliche und ihre Eltern auch. Bevor wir wieder fahren, gibt es einen Vortrag für uns, sehr informativ, spannend erzählt – und ich hatte mich schon wegen des dort abzusitzenden Vormittags gegrämt. War ja gar nicht schlimm:) Im Gegenteil, alles steht sehr plastisch vor uns. Morgen werden wir erfahren, wie es dem Sohn dort erging, und was sich letztlich ergibt. (Ich weiß noch nicht mal, welches Ergebnis mir lieber wäre.)

Mittags sind wir wieder zu Hause, die Tochter ist inzwischen aufgestanden, hat alle Hausaufgaben für die nächste Woche gemacht, für die Mathearbeit gelernt, das halbe Zimmer aufgeräumt und 37 (von etwa 50) Kuscheltieren als weggebenswert aussortiert. Beim Mittagessen plaudert sie vor sich hin, dass es eigentlich ganz cool ist ohne Fernseher zu leben, und dass sie erst, seit sie mit dem Handy nicht mehr ins Internet kommt, merkt, wie langweilig das doch dort ist, und wieviel Zeit sie jetzt hat, und dass sie eigentlich ganz gern Mathe lernt. Aber auch den Roman möchte sie mit ihrer Freundin bald weiterschreiben. Von der E. könne man richtig schreiben lernen.
Huch? Man lässt das Kind ein paar Stunden allein und bekommt es um Jahre gereift zurück? Was ist hier los?

Mittagsruhezeit muss heute leider ausfallen, der Schulschreibtisch ist noch zu voll. Bis vier Uhr rödele ich vom Berg weg, was geht. Physik für die nächsten Wochen, Experimente und Schülervorträge planen. Mailen mit Kolleginnen wegen diesem und jenem, zwei Schülerinnen brauchen Vortragscoaching, ein paar Mails gehen hin und her, einer meiner Fünfer schreibt wegen des Wettbewerbs, die Elftklässlerin und eine Mutter auch. Die Steuergruppendokumente schaffe ich nicht zu lesen, aber lege sie wenigstens mal ordentlich als Datei ab. Die junge Kollegin fragt an ob, die Coklassenlehrerin wann, der Kollege sagt zu dass. Ganz schön was los an unseren Schulschreibtischen am Samstagmittag, denke ich so.

Um vier machen wir uns Kaffee und – nein, kreisch: wer hat das denn gekauft? – Stollengebäck. Ich kann das noch nicht essen. Na gut, doch, ein winziges Stück. Kaffee pur ist für unter der Woche.
Danach, es wird draußen dunkel, darf der Schreibtisch ruhen, ich möchte noch ein wenig aufräumen. Wobei „aufräumen“ zu einfach gesagt ist. Eine Hausentschlackung, initiiert von der Tochter und mir. Aufräumen ist nur ein Aspekt dabei. Viele Antriebe spielen mit hinein, vor allem wohl die Erfahrung meines spartanischen Lebens des Sommers, dass hier Zoix – materielles, terminliches, virtuelles, digitales – en masse blockiert, was frei im Raum sich bewegen möchte. Seit zwei Wochen also haben Tochter und ich uns das zum Thema gemacht: Entschlacken. Sie hat ihren Teil für heute schon erledigt, ich suche mir noch meine Ecke. Der Keller wird es, dort ist dankbarer Boden für raumöffnende Tätigkeit. Ich schaffe, bis der Magen in der Kniekehle hängt, gut tut das. Sichtbare Leere. Fühlbare Erschöpfung.

Ein gedeckter Abendessenstisch, es ist acht, wie gut, dass wir nicht auf die Uhr schauen müssen, weil morgen Schule ist. Die Tochter ist in Gesprächslaune. Sie würde ja dafür sein, dass alle Menschen gleich würdig leben dürfen. Sagt sie so vor sich hin, während sie Käse auf ihr Brot legt. Oh ja, ich auch. Und dann erzählt sie, was sie über Südafrika gelesen hat, und über den Trump, und was sie gut und was bescheuert findet. Ich kann ihr nur zustimmen.

Schlafenszeit für sie, ein paar Abendruhestunden für mich. Gerade überlege ich noch, ob ich eher nähen möchte (also: reparieren, so mit Nadel und Faden, ein T-Shirt, eine Tasche, eine Mütze warten) oder endlich die Radreisebilder sortieren, oder einfach nur lesen? Als die Freundin anruft, die längste, beste. Der Abend wird Gespräch, und was für eines.

Ein guter Tag, an dem ich nicht in Minuten, nur in ganzen Stunden, und auch nur so ungefähr über meine Zeitverbringdinge Bescheid weiß. Es hat keine Uhr im Hintergrund getickt, und der Erlebensraum war reich. Was will ich mehr.

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WmDedgT 07/2016

Frau Brüllen fragt immer am 5. eines Monats: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Ich habe es schon einmal geschafft durchzuhalten. Heute ein weiterer Versuch, meinen Tag bis zum Abend mitzuschreiben.

3.27 Der Wecker klingelt, huch, so früh. Ja, mich hatte es gestern vor Erschöpfung gegen neun ins Bett geworfen, die Aufgabenberge dieser letzten Schuljahreswochen sind aber so riesig, dass ich dafür den frühen Vogel fangen will und so. Ich komme besser aus dem Bett als gedacht und nehme mir – wie jeden Tag – meine erste ruhige Morgenstunde. Ohne die beginne ich kaum noch einen Tag. Mein Ritual mit Kaffee und Buch (das bis heute Abend zu Ende gelesen werden will, wegen Onleihe-Ende).

4.45 setze ich mich an die Seminarvorbereitungen, die letzte Sitzung ist zwei Wochen her und folglich aus dem Gedächtnis gelöscht: was haben wir gemacht, was ist heute dran, ich tappse durch meine digitalen Unterlagen. Zäh ersteht das Konzept aus meinen Erinnerungen, dazu Sitzungsfolien, Ablaufplan, Materialien. Zack ist es …

6.00, die Kinder wollen geweckt werden. Immer ein wenig früher als nötig, von wem sie das wohl haben. Im Tochterzimmer trifft mich der Schlag und die Vermutung, dass hier gestern Abend noch eine Explosion stattgefunden haben muss, Pubertierendeneltern wissen, wovon ich rede. Mist aber, mir rutscht ein Kommentar zum Thema heraus, das ist ja nicht so nett zum Wecken. (Meine Kinder werden später ein Trauma haben wegen meiner Unordnungsphobie.) Während die Tochter auf mich schimpft – zu Recht – schimpfe ich auf die noch unaufgeräumte Küche und widme mich ihr. Der Küche.

6.30 findet auch der Sohn aus dem Bett. Was soll auf Euer Brot?, hast Du Mensageld überwiesen? (oh, ich wusste doch, da war noch was), darf ich Gummibärchen mitnehmen?, wo sind bitteschön Eure Brotdosen?, kannst Du mir das Fahrrad beim Beladen halten? (Tochters Fahrradständer ist gestern „abgefallen, einfach so“), wann kommst’n heute aus der Schule?, wann reparieren wir das Fahrrad?,  schreibt Ihr dieses Jahr noch ne Arbeit?, Mama, ich hab Dich lieb, Sohn, mach hin, in 20 min klingelt’s. Der zweite Morgenkaffee ist mit reichlich Kommunikation gespickt.

7.30 schwingt sich endlich auch der Sohn aufs Rad, ich bin noch nicht so weit, mich für seine Pünktlichkeit nicht mehr verantwortlich zu fühlen:) Dann erst geht’s in die Dusche, ich sortiere dabei innerlich, was bis zur Abfahrt in zwei Stunden noch zu tun ist. Und dusche lange. Prokrastination an Wasserverschwendung.

8.00 etwa sitze ich wieder am Schreibtisch, die Sitzung ist fertig vorzubereiten. Dokumente auf Netbook und Stick synchronisieren, das ganze Zeugs ins Moodle einspeisen, so weit’s vor der Sitzung schon geht. Seminartasche packen, upps, vor zwei Wochen hatte ich noch nicht die alten Papiere weggeräumt, die quellen mir entgegen. Aufräumen wird jetzt knapp, bleibt für später liegen, ein neuer, x-ter Stapel auf dem Schreibtisch entsteht. Ich suche Unterlagen aus Leitz-Ordnern zusammen, klaube Bücher aus dem Regal, quetsche dazu neue Kaffee-Pads, Milch und Kekse in die Tasche, das muss sein, ohne das wollen wir dienstags nicht mehr arbeiten:)

9.15 ist das Dringende geschafft, puh. Nur noch das Beratungsprotokoll vom Unterrichtsbesuch, das wollte ich eigentlich auch heute ausgeben. Wenn ich sehr schnell bin …

9.50: Ich war sehr schnell, Rekordzeit. Naja, ohne Orthographie-Endkontrolle, ich gestatte mir das heute. Hauptsache ausgedruckt und eingesteckt. Zack ins Auto mit mir und dem Tageszeug, reifenquietschende Abfahrt, erst im Flusstal mit Musik und Landschaft werde ich ruhig. Wenn ich einen Parkplatz vor dem Haus finde, kann ich noch pünktlich sein.

10.40 Parkplatz vorhanden, Schlange am Kopierer und Lieblingskollegin auch. Doch nichts mit Pünktlichkeit, so kennen die mich nicht.  Die Sitzung dann läuft rund und stimmig, alles klappt und fühlt sich routiniert an. So ein positives Gefühl darf ja auch mal sein.

13.00 Sitzungsende. Darf ich Sie noch kurz fragen … Das kurz dehnt sich zu einer halben Stunde, dann bin ich allein. Ich notiere mir, was es zu merken gilt: die Absprachen des spontanen Beratungsgesprächs, wie weit wir in der Sitzung gekommen sind, was nächste Woche nachzutragen ist, was vorzubereiten, was mir an neuen Ideen jetzt gerade schon kommt. Direkt nach dem Unterricht fließen Gedanken zur nächsten Stunde immer sehr bereitwillig, dies nutze ich. Nebenbei räume ich den Raum auf, fahre alle Geräte runter, logge mich aus. Und spüre Müdigkeit.

13.50 Mittagspause im Dozentenzimmer, umgeben von surrenden Computern und laut plaudernden Kollegen. Ein Joghurt, ein Brot, ein kalter Kaffee mit reichlich Zucker, man versüße sich was geht. Bisschen Bloglesen, bisschen Füße ausstrecken. Die Stühle hier federn, paradiesische Zustände im Vergleich zur Schule.

14.15 ein kurzer Gang nach draußen, die Dauerbaustelle stinkt wie immer, beim Parkuhrumstellen komme ich dem Strafzettelverteiler knapp zuvor – puh! – und beim Gang ums Karree merke ich, wie schwül es ist. Schnell zurück in den kühlen Altbau.

14.35 Korrigieren, korrigieren. Bis ich los muss, will ich eine Aufgabe geschafft haben. — Das wird sich durch die nächsten 10 Tage ziehen. Wo immer ich gehe, stehe oder bin, werde ich korrigieren. Vor der Schule, nach der Schule, zwischendurch, immer halt. Der Wahnsinn des Schuljahresendes …

15.55 schmeiße ich den Korrekturstapel und mein sonstiges Geraffel zusammen und fahre mit dem Auto die paar Meter rüber zur Musikschule. Wie immer dienstags kommt die Tochter mit Bus und Bahn angereist, holt sich ihr Cello aus meinem Auto und verschwindet im Musikschulpalais. Ich finde einen ruhigen Parkplatz und nehme eine halbwegs bequeme Korrekturposition ein: quer auf den Vordersitzen, angelehnt an die Fahrertür, Fenster auf. Und weiter geht’s, Aufgabe 3. Korrigieren macht nicht unbedingt Spaß, sagte ich das schon?

17.40 kommt das Töchterchen endlich von ihrer Probe und erlöst mich. Wir holen uns ein Eis, setzen uns auf eine Bank, erzählen vom Tag und von so manchem. Auch im Auto auf der Rückfahrt ist sie in Erzählstimmung, ich genieße.

18.45 sind wir zu Hause, ich brauche eine kurze Schlummerrunde auf dem Sofa, der Sohn kommt eh erst später. Bisschen in der Küche aufräumen, Tisch decken, und um

19.30 essen wir. Wenn ich die blöde Frage Wie war’s in der Schule? weglasse, erzählen sie sogar etwas. Wir palavern so herum, und plötzlich kommen wir aufs Auslandsjahr. Heute unerwartet konkret, es soll nächsten Sommer beginnen und steht auf einmal sehr nah vor uns. Zumal als wir uns am Computer ins Bewerbungsverfahren der Austauschorganisation einloggen und die Unterlagen ausdrucken. Ein Jahr noch bis dahin. Nach der Rückkehr knappe zwei, dann wird er weg sein, der Sohn. Loslassen in großen Schritten, ich schlucke. Und andererseits bin ich natürlich ergriffen, wie genau er weiß, was er will, wie groß er ist, wovon er träumt, wie er sich auf seinen Weg macht. Ach ja: es soll nach Italien gehen, das weiß er genau. Ob er in dem Jahr bis dahin Italienischunterricht haben dürfe. Come no.

21.20 ist es, als die Kinder in ihren Zimmern verschwunden sind. Ich bin müde vom Korrigieren und überhaupt, beschließe, zunächst den um Mitternacht ablaufenden Onleihe-Roman zu Ende zu lesen. Es wird

22.45 Uhr. Ausgelesen. Berührendes Buch. Kommt ein Pferd in eine Bar, von David Grossman. Auf weitere Korrekturen kann ich für heute verzichten. Ich packe meine Sachen für morgen, erinnere mich zum Glück daran, dass ich noch zwei Nachklausuren ausdrucken muss, und schreibe ein paar kurze Schulmails. Feierabend.

23.25 dusche ich und verschwinde im Bett, lesend. Erstaunlicherweise bin ich nicht müde, trotz des frühen Tagesbeginns. Hm, ich lese in Blogs herum. Kurz bevor ich ein neues Buch anfangen will, fallen mir aber doch die Augen zu.

 

WmDedgT 04/2016

Frau Brüllen fragt immer am 5. eines Monats: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Ich habe schon ein paarmal angesetzt. Immer aber gegen Mittag aufgegeben, meinen Tag mitzuschreiben. Heute will ich durchhalten:)

5.27 Der Wecker klingelt, ich bleibe noch gute 20 Minuten liegen, bevor ich aufstehe, immer wieder in die Traumwelt zurückdriftend. Dann Kaffee machen, Sohn wecken,  Brotdosen der Kinder vorbereiten und – ha: Morgenruhegenuss! – ein bisschen lesen.

6.40 wecke ich die Tochter, sie murrt, weil es 5 Minuten zu spät ist. Der Sohn lässt sich vom Gemurre inspirieren, lernt aber nebenher noch Vokabeln. Die Tochter rennt beim Anziehen wild durchs Zimmer und weint plötzlich, ich weiß nicht warum. Drücke sie ganz lange und sage zum Abschied „Hoffentlich drückt dich in der Schule auch jemand.“ Sie rollt mit den Augen und lacht. Der Sohn schaut plötzlich auf die Uhr, bemerkt dass er noch nicht angezogen ist und hetzt los. Für die Mittagsabsprachen hatte er kein Ohr mehr, Mist.

7.25 ist Ruhe im Haus, Zeit für einen zweiten Kaffee, ich muss heute vormittag ausnahmsweise nicht weg. Und weil ich abends immer zu müde bin, nehme ich jetzt meinen Feierabend gleich mal zum Morgen. Setze mich also ruhig hin und schreibe, den gestrigen Blogpost nämlich. Ich bin eine langsame Schreiberin, so mit Anfangshemmung und Perfektion, es zieht sich. Als ich fertig bin, ist es fast 10. Schnell bisschen Wäsche, duschen, Küche aufräumen, frühstücken, Feierabend vorbei.

10.30 beginne ich endlich mit Schulsachen, innerlich war ich nun doch schon unruhig geworden. Rufe wie letzte Woche in einigen Berliner Museen an, immer noch Studienfahrtorganisation. Für 109 Leute zu planen ist etwas komplexer als für ne Familie:) Zwischendurch Rückfragen bei den Kollegen, wegen Planungsdetails – huch, warum gehen die alle gleich an die Mailbox? Hocken mit Smartphone im Unterricht? Haben ebenfalls keinen wie ich? Wer passt dann gerade auf die Schüler auf? Ok, ich drifte ab, weiter mit den langweiligen Orgadingen. Fast haben wir alle Programmpunkte in trockenen Tüchern. Noch bisschen Führungsschwerpunkt ändern, Uhrzeitverschiebung anfragen. Dann Teilnehmerliste formatieren, mit Kreuzchen versehen. Abendliche Schifffahrt buchen … Orrr, das sind so wenig erquickliche Schreibtischdinge, ich langweile mich dabei.

12.30 ist es schon, als ich für heute fertig damit bin. Noch schnell Unterrichtsvorbereitung für morgen. Geht fix, weil die Referendarin eine meiner Doppelstunden hält und ich in der Parallelklasse im Anschluss einfach alles nachmachen werde, hihi:)) Vorbereitungsdateien mit Tablet synchronisieren, Hausaufgabennoten eintragen, wegen der Klassenarbeitsterminverschiebung im Intra- und Internetz herumsuchen. Schultasche packen.

13.15 kommt die Tochter aus der Schule. Ihre Tränen sind weg, sie tanzt strahlend herein. Und will draußen essen. Bitteschön. Auch wenn ich dabei fast erfriere.

14.00 Küche aufräumen, Wäsche legen, telefonisch Arzttermin holen, Tochter beim Celloüben zuhören und beim Hausaufgabenmachen moralisch unterstützen (es genügen Anfeuerungsrufe – na wenn sie weiter nichts wünscht). Und mich siedendheiß erinnern, dass der Sohn noch wissen muss, in welchem Raum er heute Klavierunterricht hat. Erste Stunde beim neuen Lehrer, und erstmals fährt er mit Bahn und Rad in die Stadt – ich würde jetzt gern noch einiges mit ihm absprechen. Doch er kommt und kommt nicht.

15.40 – endlich, viel später als sonst. Wir sitzen schon ganz zappelig im Auto, die Tochter wird zu spät zum Streichquartett kommen. Kurzer Versuch, dem Sohn zu vermitteln, wie er vom Bahnhof in die Musikschule kommt … entweder stelle ich mich an oder er. Oder beide. Jedenfalls schreien wir uns nach wenigen Sätzen loriotesk an – dieser „Was machst du da – ich sitze hier„- Dialog blitzt in mir auf. Wir sind sicher ein gefundenes Fressen für lauschende Nachbarn.

15.48 schnell weg, uiuiui, viel zu spät. Die Stadt ist voller Staus und voller irregewordener Autofahrer. Einer versucht mich rechts zu überholen, während ich rechts (!) abbiege, ein anderer steht auf freier Strecke und spricht mit einem Baum, das Reißverschlusseinfädeln hakt, und die Tochter und ich lachen viel.

16.20 Tochter an Musikschule herausgeworfen und Parkplatzsuche erfolgreich abgeschlossen. Doch noch eine telefonische Instruktion des Sohnes über seinen Fahrtweg, der sitzt noch zu Hause, obwohl in 8 Minuten sein Zug fährt. Eher als 30 Sekunden vor Zugankunft darf man in dem Alter wohl nicht am Bahnhof erscheinen. Zum Glück muss ich nicht dabeisein. (Und hej, ich war auch so. Wie oft ich in meiner Jugend im Dauerlauf zur S-Bahn-Station gerannt bin …) Für mich beginnt eine ruhige Stunde: im Café, sitzen, lesen, schreiben.

17.20 kommt die Tochter von der Probe, isst ein Eis, überzeugt mich auf der Rückfahrt unbedingt im Halteverbot vor der Apotheke stehenzubleiben, weil ihr das Medizini dieses Monats noch fehlt, und dann schleichen wir nach Hause. Die Staus haben sich nicht aufgelöst, was ist nur los? Wir haben viel Zeit zu erzählen, auch von ihren Freunden und Freundinnen bekomme ich so manches mitgeteilt. Nur wenn ich Zwischenfragen stelle, erklärt sie mir, dass diese peinlich sind:)

18.30 endlich zu Hause. Der Sohn kommt noch lange nicht, also wage ich einen Blick in die Schulmailbox. Klar, irgendwas ist immer, irgendwas Dringendes. So auch heute. (Oder muss ich nur lernen, all das als nicht mehr dringend zu definieren?)

19.00 schaue ich mal nach oben, ob das Ranzenpacken der Tochter Fortschritte macht. Es zieht sich. Ich verspreche ihr, dass sie Abendessen und Salat machen darf, wenn sie sich mit dem Ranzen beeilt. Das wirkt:) Während sie also in der Küche werkelt, darf ich nicht mehr als Tischdecken, „muss“ also Klavier üben. (Denn Weggehen ist auch nicht erlaubt. Alle 40 Sekunden muss sie eine Frage stellen können.)

19.30 steht ein fertiges Essen mit Salat auf dem Tisch, wow. Nur der Sohn fehlt. Hat wahrscheinlich erst die nächste S-Bahn bekommen. Die Tochter verdrängt mich vom Klavier, sie wolle da jetzt üben. Ich räume nebenher die immer noch verstreuten Osterdekoeier zusammen (Wieviele Jahre muss man Kindergartenbasteleien eigentlich aufbewahren?) und sortiere aus den Garderobenunordnungsbergen Winterjacken und -schuhe aus. (Notiz an mich: Kinderschuhkauf auf die To-do-Liste schreiben.)

20.10 kommt der Sohn, wir essen endlich und sprechen natürlich – unter anderem – über seinen neuen Klavierlehrer, heute war seine erste Stunde bei ihm. Es scheint ganz gut gegangen zu sein. Und führt zu neuen Notenkäufen. Natürlich, To-do-Listen sind nicht dazu da, dass sie leerer werden:(

21.00 Weil es so spät ist, jage ich die Kinder nach dem Essen schnell hoch in ihre Zimmer. Küche aufräumen, Frühstücksdinge vorbereiten, uff, jetzt reicht es mir aber auch. Gute Nacht sagen gehen, und ab an den Schreibtisch.

21. 30 erwartet mich dort ein dicker Dokumentenstapel zum Aufräumen – Dinge, die immer liegen bleiben, weil die wache Tageszeit dafür zu schade ist. Für meinen anderen Dienstort mache ich endlich die Reisekostenabrechnung fertig, sortiere ein wenig in meinen Konzeptzetteln für die nächsten Wochen herum, und zack ist es nach 11.

23.30 ist es sogar schon. Ich hole mir ein Bier, entscheide mich, diesen Text doch noch heute fertig zu schreiben – denn morgen ist wieder ein voller Tag – und sitze also bis jetzt daran.

0.45 ist er fertig, der Text, ich bin müde von Arbeit, Uhrzeit und Bier und lasse mich ohne über Los zu gehen ins Bett fallen. Meine Schlafensgeh-Deadline von Mitternacht habe ich ja nur knapp um drei akademische Viertel überschritten:)