Menschen

mitgegeben

Einen Stein aus unserem Garten: Damit du ein Stück von deinem Zuhause ganz nah bei dir tragen kannst.

Einen Stein von einer unserer italienischen Berg-See-Reisen: Damit du dich von Fernweh, Abenteuerlust und Entdeckerfreude durch dieses Jahr leiten lässt.

Den Glücksstein, den mir deine Schwester in der ersten Klasse bemalt hat. Seit damals liegt er auf meinem Nachttisch und bedeutet mir sehr viel. Möge er in diesem Jahr bei dir sein, vielleicht auch auf deinem Nachttisch, damit du uns, deine Familie immer ein wenig bei dir hast.

Einen Hühnergott von der Ostsee, den wir damals gefunden haben, als wir in K. waren – weißt du noch? Man sagt diesen gelöcherten Steinen nach, sie brächten Glück. Und das kannst du in diesem Jahr sicher gut gebrauchen.

Einen Würfel, einen ganz besonderen Würfel, einen runden nämlich: Für all die immer auch ein wenig vom Zufall geformten Dinge, die in diesem Jahr passieren werden. Möge, was auch immer Dir geschieht, stets auf irgendeine Weise stimmig sein und rund laufen.

Einen Magnetstein: Für alles, was dir wichtig ist und an dem du hängst, damit nichts davon verloren geht.

Und schließlich eine Klangkugel: Für all die Musik, die du brauchst, spielst, hörst, empfindest und suchst.

(Mein Herz, das gebe ich dir auch mit auf die Reise. Aber in welcher äußeren Gestalt verpackt, darüber plaudere ich hier in der Öffentlichkeit nicht:))

   

Ich staune, mit welcher Klarheit du genau diesen Weg schon sehr lange gewählt hast. Immer schon wolltest du für ein Jahr weggehen. Und es sollte nie ein englischsprachiges Land sein, die USA schon gar nicht. „Weil das ja alle machen. Und weil ich Englisch schon kann“, sagtest du vor etwa drei Jahren mit Entschlossenheit. Und bliebst dabei.

Ich bewundere, dass du den Mut zu dieser Lebensreise in dir trägst. Ein ganzes Jahr wegsein. Naja, „es sind ja nur zehn Monate“, hast du in den letzten Tagen tröstend zu mir gesagt. Und ein wenig auch zu dir selbst? Ich weiß es nicht, ich durchschaue es nicht. Du selbst wohl auch nicht. Jedenfalls: Ich selbst war noch nie zehn Monate lang in der Fremde, ohne Unterbrechung, ohne Begegnung mit der Heimat. Du wagst es, wie unglaublich.

Ich finde es großartig, dass du diesen gewaltigen Schritt in die Selbstständigkeit nun wirklich gehst und dir eine völlig neue, eigene Welt eröffnest. Ich fiebere mit, erahne dein Lebensgefühl dieser Tage, spüre deinen Drang dich endlich auf den Weg zu machen, bin mitneugierig – auch wenn ich das meiste, was dir dieser Tage begegnen wird, wohl nie erfahren werde – und bin mitfreudig ohne Ende.

Ich weiß, dass mit deiner Reise wirklich eine Lebensphase zu Ende geht, für uns beide.
Für dich die Kindheit. Wie entschlossen du in den letzten Tagen dein Zimmer ausgeräumt hast. 27 kg Dinge nimmst du mit, zwei Kisten stehen unterm Dach, auf deine Rückkehr wartend, vom Rest sagtest du, du bräuchtest es nicht mehr. Bei manchem habe ich heftig geschluckt. Diese Fähigkeit loszulassen, die hast du definitiv nicht von mir.
Und für mich geht ebenfalls ein Abschnitt zu Ende. 16 Jahre lang warst du immer da. Ich wusste zu jeder Stunde, später an jedem Tag wenigstens, wo du bist, womit du dich beschäftigst, was dir geschieht, was dich bewegt, was dich lachen und was bedrückt sein lässt. Von jetzt ab werde ich nur noch einen Extrakt von all dem erfahren. Wenn überhaupt.
Ich bin so schlecht im Loslassen. Wieviele Tränen ich dieser Tage weine. Aber ich spüre auch, wie ich daran wachsen kann …

   

Gestern nun war euer großer Tag. Nach Einchecken, Gepäckabgabe, erklärend-beruhigenden Worten eurer Betreuer und einer letzten Verabschiedungs-Umarmungs-Runde zogt ihr allein los und reihtet euch in die mäandernde Warteschlange vor der Sicherheitskontrolle ein. Ihr ganz allein, ihr sieben jungen Menschen, die ihr euch Italien als Wahlheimat für ein Jahr gesucht habt. Etliche verweinte Elternaugen schauten euch nach.

Ja, wir standen dort, hinter der Grenze, über die wir nicht mehr mitdurften, und konnten nur noch unsere Blicke mitgeben. Und unsere Herzen.
Welch ein Symbol für euer Großwerden …

Advertisements

im August

Ein weiter Bogen spannt sich über meinen Monat – von einer Reise in die Ruhe zu einer Reise in die Bewegung, von begegnungsvollen Tagen zu ganz allein verbrachten. Wie immer gibt es in diesem Monat keine Rubrik „Schule“, und wie immer backen wir am letzten Tag des Augusts einen Kuchen.
*
Die ersten Tage sind wir noch immer im vertrauten Italien, am Lago di Levico. Eine Reise über mehrere Tage am gleichen Ort, ohne „Programm“ – auch weil wir oft dort sind und nichts mehr anschauen „müssen“ -, mit der täglichen und stündlichen Entscheidung, ob lieber See oder lieber Bergwandern, ob lieber Buch oder lieber Kartenspielen, ob im See baden oder drumherum spazieren, oder ob einfach nur Dösen und Sinnen im Angesicht des wunderbaren Wassers: solch eine Ruhe finde ich sonst selten. Das Schuljahr in seiner Intensität darf ausschwingen. Und doch ertappe ich mich auch hier: Ich will immer zu viel. Zu viel lesen, zu viel schreiben, zu viel mit den Kindern sein … es gibt noch viel zu üben.
*
Die zweite Reise führt auf’s Rad bzw. mittels diesem nach Berlin. So erreicht nun auch die Tochter dieses Ziel erstmals radelnd, ebenfalls mit 11 wie damals der Bruder.
Wir verbringen eine intensive gemeinsame Zeit, und ich habe viel Gelegenheit, über die Tochter zu staunen. Wie groß sie schon ist, wie stark, wie ausdauernd, wie unspektakulär sie die Dinge durchzieht. Und auch: wie sehr sie – natürlich – noch Kind ist. Unbeobachtet von der coolheitfordernden Peergroup springt sie auf jeden Spielplatz am Wegesrand. Als ich ihr sage, dass alle ihre Freundinnen genau dies in den Ferien auch tun, grinst sie verstehend.
Insgesamt aber tut sich das radelnde Fließen diesmal etwas schwer, zu uns zu finden. Gleich in der ersten Zeltnacht bricht der große Regen aus und bleibt drei Tage, wir strampeln in Ganzkörperregenmontur Kilometer um Kilometer und übernachten so lange unter festen und warmen Dächern. Das Tochterrad hat wohl mit fünf Jahren eine magische Altersgrenze überschritten und schwächelt; mehrere Radläden am Wegesrand sowie das Flickzeug helfen ihm auf die Sprünge. Die Wegfindungsapp schickt uns einige Male querfeldein, dies war zwar auf jeder Reise so, aber selten so heftig wie diesmal. Es ist schwer, dies alles nicht als Zeichen zu lesen …
Letztlich gelingt es, ein gesunder Fahrtrhythmus findet sich, wir gelangen zu wunderbaren Orten im Außen wie im Innen und letztlich nach Berlin.
*
Zwischen den beiden Reisen herrscht Großfamilienwirbeln in unserem Haus, insgesamt wird es durch 8 Erwachsene und 11 Kinder belebt, wie ein kleines Ferienlager:)
Wärmste Begegnungen haben wir auch auf der Radreise – danke! – und in Berlin. Es ist eine reiche, intensive Zeit.
*
Umso wichtiger ist mir der Ausblick auf eine kurze Ganz-Allein-Zeit am Ende des Monats. Während der Sohn in der Nähe seines baldigen Lebensortes eine Klavierlehrerin trifft, kennenlernt und letztlich zu ihr findet – was ihn und uns erleichtert, war doch dieser essentielle Lebensbereich für das nächste Jahr bislang noch im Diffusen – verbringe ich drei Tage ganz allein mit mir. In jedem Moment fühlen und entscheiden, wonach mir gerade ist, was ich tue, was ich lasse, ob ich sitze, ob ich gehe, ob ich zuhöre oder die Ohren verschließe, ob ich mich umschaue oder ins Innen gehe – das erdet, besänftigt, bringt mich zu mir zurück.
Einige Texte fließen auf’s Papier, endlich wieder. Aus dem Cello beginnt wieder Musik zu klingen. Musik, wo vorher keine zu hören war, Gewachsenes, wo vorher Brache zu sein schien, Sprudeln, wo alles fast schon am Verdorren war – am Cello begreife ich im Wortsinne die Bedeutung von Ruhepausen.
*
Am letzten Monatstag ist das Haus wieder belebt, ein Fast-schon-Alltags-Wirbeln hält Einzug. Weniger Schulvorbereitungen sind es – da werde ich dieses Jahr auf meine Routine zurückgreifen – als vielmehr die Vorbereitung der Sohnesabreise nach Italien. Die Kinderzimmer sollen getauscht werden, eine Art räumliches Tetris oder „Türme von Hanoi“ ohne dritten Turm. Die To-do-Liste des Sohnes ist zur Hälfte abgearbeitet, aber eben erst zur Hälfte. Wir sind also für die restliche Ferienwoche alle gut beschäftigt.
Zunächst aber wird am Abend des 31., wie gesagt, ein Kuchen gebacken und themenstimmig dekoriert. Die Tochter hat das Zepter in der Hand, organisiert und strukturiert den Dekorationsprozess und stellt am ersten Septembermorgen ihrem Bruder diesen Geburtstagskuchen auf den Tisch:

 

 

 

(Die Kerzenfarbenwahl ist nicht ganz stimmig. Denn natürlich planen wir nicht langfristig und müssen bei spontanen Ideen stets auf alte Vorräte in der Geburtstagskiste zurückgreifen. Als der Sohn aber am Morgen nach einer Erklärung der blau-rosa Farbreihe fragt, grinse ich: „Weil vielleicht neben Italien das Jungs-Mädchen-Ding ein Thema im 17. Lebensjahr sein könnte;-)?“ – „Orrr, Mama!“
Sein „Orrr, Mama!“ wird mir sehr fehlen.)

#bergundtal-4 – Tochtertage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

 

Der Weg mit der Tochter beginnt mit einem gemeinsamen Freiburg-Nachmittag, an dem wir in einem kuscheligen Biergarten an der Dreisam zwei meiner ehemaligen Schülerinnen treffen. Wie toll, diese jungen Frauen auf ihrem Weg zu sehen, saßen sie doch gerade noch bei mir auf der Schulbank. „Gerade noch“ fühlt sich natürlich nur für uns Erwachsene so an. De facto ist es zwei bzw. fünf Jahre her.

 

 

Auf dringende Empfehlung von E. schauen wir am nächsten Morgen die neue Unibibliothek an. Sie hat offen, obwohl Feiertag ist. Und sie ist voll von jungen Menschen, die hier lesen, lernen, diskutieren, zukunftsträumen. Mir wird ganz sehnsüchtig nach dieser Zeit in meinem Leben, in der ich den Großteil des Tages genau so verbringen durfte wie diese hier …

 

 

Nun aber, es war gut, eine solche Zeit gehabt zu haben. Das Leben, meine Lebensform ist nun eben eine andere, und ja auch nicht die schlechteste, denke ich, als ich hinter der Tochter herradele und wir uns in unser gemeinsames Unterwegssein hineintasten.

Heiß ist es heute, kaum zum Aushalten. Nach 25 Kilometern schon brauchen wir ein Eis, so sehr brennt die Hitze auf den Kopf. Wir wollen sogar eine zweite Eispause einlegen, allein – es findet sich nichts in den verlassenen Dörfern. So müssen wir mit Wasserkühlung in verschiedener Form vorlieb nehmen.

 

 

 

Übrigens: Wir sind zu dritt unterwegs. Dies erfahre ich selbst erst in der zweiten Pause des Tages. Der kleine Reisegefährte – der übrigens haargenau so alt ist wie die Tochter und immer noch auf ihren Wegen mitmuss, so findet sie – wird in Szene gesetzt und dokumentarisch festgehalten, bevor er wieder seinen Platz auf dem Lenker einnimmt.

 

 

Nach schweißtreibender Fahrt erreichen wir kurz vor dem Gewitter den angepeilten Zeltplatz. Eine Erfahrung der besonderen Art (von der ich hier schrieb).

Das Seeufer mit Abendessen …

 

 

… das Seeufer nach dem Abendessen …

 

 

… und morgens ein Blick in das kreative Chaos unserer Behausung. (Wenn man genau hinschaut, sieht man mitten im Geraffel irgendwo das Tochterkind schlummern.)

 

 

Vom warm-heißen Hinterland gelangen wir heute wieder an den Rhein, wie gut: Es ist kühler hier, und zu sehen gibt es am Wasser immer etwas.

 

 

 

 

In Kehl radeln wir an dem Zeltplatz vorbei, der uns im Herbst bei unserer Strasbourg-Fahrt beherbergt hat. Von hier ab ist es bekannte Strecke. Und doch sieht alles anders aus: andere Richtung, andere Blickwinkel (was wir damals alles übersehen hatten!), andere Jahreszeit.

 

 

Nur eines ist gleichgeblieben: Der Wind weht gegen uns. Wir versuchen, dieses Phänomen wegzulachen und wegzujubeln – und wirklich: wie so vieles ist es eine mentale Sache.

 

 

Müde sind wir trotzdem, als wir spätabends auf dem Zeltplatz ankommen. Auf einem völlig überfüllten noch dazu, wir müssen unser Zelt in eine unbehagliche Ecke quetschen, in der wir weder Lust zum Kochen noch morgens zum Frühstück haben.

 

 

Darum fahren wir morgens vor allen anderen ab und holen Brötchen und Kaffee in der Campingplatzbäckerei.
Während des Frühstücks macht die Tochter Vordertascheninventur. Wie sie dieses Durcheinander nach nur einem Tag geschafft hat! (Hier scheint eine Expertin in Sachen Damenhandtasche heranzuwachsen:))

 

 

Der Tag vergeht im Flusswegradeln, wie toll das immer wieder ist.

 

 

 

 

An einer Schleuse vergessen wir die Zeit …

 

 

… an einem Hafen tragen wir – sportlich! – unsere Räder über die Brücke …

 

 

… und gegen Abend sind wir schon dort, wo wir manchmal von zu Hause aus ein Fischrestaurant besuchen.

 

 

Eine Zeltplatzübernachtung ist trotzdem noch drin, und nicht die schlechteste. Zumal wir die letzten 35 Kilometer nicht mehr geschafft hätten; die Tochter war mit den 87 bis dahin eh schon über sich hinausgewachsen.
Wir landen auf einem wunderbaren Zeltplatz ganz in Heimathausnähe. Und treideln am Morgen durch blühende, immer vertrautere Landschaften allmählich nach Hause.

 

 

 

Und nun, während die Sommerferien schon begonnen haben, steht das nächste gemeinsame Radeln unmittelbar bevor …

 

Andere Bilder dieser Reise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-3 – Begegnungen

#bergundtal-3 – Begegnungen

 

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

 

Erstmals seit langem ist dies eine Radreise, auf der nicht der nächste Schulbeginn die Tageskilometer hochtreibt, auf der ich nicht ständig auf Uhr und Kilometerzähler schauen muss. Hier unten am Rhein bleibt Zeit für einen Schlenker in die Schweiz, entlang der Aare fahre ich südwärts, einfach weil ich Zeit habe und neugierig bin.

 

 

 

 

War ich doch vor Zeiten – ich erinnere mich nicht einmal in welchem Jahr – auf einer Tagung hier in diesem Ort. Und tatsächlich, ich erkenne es wieder. Den Fluss, die Straßen, das Wohngebiet, und schließlich die Schule, in der wir uns damals trafen. Manchmal fühlt es sich sehr leicht an, in seine Vergangenheit zu reisen.

 

 

Der weitere Weg ist bergig, geht – jedenfalls für diese Temperaturen – hoch hinauf, ist schweißtreibend. Ich fühle mich wie eine Schnecke.
Und doch entschädigen der Blick, die Weite, das Berggefühl. Und die lange Abfahrt …

 

 

 

 

Unten am Fluss warten die Spätnachmittagsstimmung und das ruhige Dahinströmen des Wassers.

 

 

Vor allem aber warten die Freunde – ich habe nun doch länger gebraucht als gedacht – und ein kleines feines Geburtstagsfeiern am Wasser, hach.

 

 

Der nächste Morgen führt zur nächsten Herzensbegegnung, ich bleibe noch eine kleine Weile am Fluss und biege dann ab ins Basler Land.

 

 

 

 

Durch eine sanfte Hügelwelt geht es, bis ich …

 

 

 

 

… irgendwann ankomme in dieser kleinen Ortschaft, die mir schon so vertraut, in diesem Haus, in dem ich schon oft war, immer mich so wohlfühlend.
Einen Nachmittag und einen Abend lang reden wir, über so vieles, und über so vieles leider nicht, weil es viel zu schnell schon Schlafenszeit ist.

 

 

Der Morgen führt über Basel und ein Stück Rhein nordwärts …

 

 

 

… aus der Ferne winken mich schon die Berge an, in die ich hoch will, ins nächste offene Herzenshaus.

 

 

 

Dies ist ein Aufwärtsweg, den ich mir kaum zutraue, ich bin wirklich keine begeisterte Bergauffahrerin. Darum dauert es lange, und ich komme auch nur deswegen oben an, weil ich mir schon lange vorgenommen und vorgestellt hatte, dass ich dort hinaufwill:)

 

 

Zu diesem Blick, in diese Weite, in eine dritte nahe Begegnung, hach.

 

 

 

Wie gut, solche Menschen, solche Orte zu haben. Und sich beim Abfahren schon auf die nächste Begegnung zu freuen.

Schon jetzt war diese Reise reich. Nun bleibt ein letzter kurzer Tag, bevor die Tochter dazu kommt. Wir werden den Rest der Zeit gemeinsam radeln. Ich muss nur noch zum Treffpunkt nach Freiburg fahren.

 

 

Vom Flussweg winke ich noch einmal hinauf in die Berge, dort oben irgendwo war ich.

 

 

 

Und dann treffen wir uns auf dem Freiburger Zeltplatz …

 

 

Andere Bilder dieser Reise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-4 – Tochtertage

Schulgedanken, lang in mir getragene

Es ist Zeugniszeit, Notenzeit, die Zeit vieler Tränen.
Ich gebe die letzten Klassenarbeiten zurück, spreche dabei mit jedem Kind, mit jedem Jugendlichen einzeln. Einmal im Jahr, mindestens, muss Zeit sein für ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Was nehme ich von Dir wahr, über die Zahl, die unter der Arbeit steht, hinausgehend? Worin bestehen – in meinen und in Deinen Augen – Deine größten Schritte der letzten Zeit? Wie geht es Dir in meinem Fach, in meinem Unterricht, was brauchst Du, was wünschst Du Dir von mir?
Etwa 150mal versuche ich in den letzten Wochen, in ein kurzes Gespräch über all das zu kommen, oft gelingt es. Und oft, viel zu oft fließen dabei Tränen. Auf die Schüler mit den „schwierigen“ Noten hatte ich mich vorher ausführlich vorbereitet, hatte für jeden einzelnen überlegt und aufgeschrieben, was ich an Tröstendem, Ermutigendem und Besänftigendem sagen könnte. Doch die meisten Tränen gibt es für mich völlig unerwartet. Oft sind die Noten nur der Anlass, es fließt zumeist sehr viel mehr mit. Immer geht es um Überforderung, bis hin zu Verzweiflung, die ganz unmittelbar mit der jeweiligen Schulsituation des jungen Menschen verbunden ist.
Viele Gespräche gehen mir innerlich nach. Einige haben sofortigen Elternkontakt zur Folge, andere trage ich ins nächste Schuljahr mit. Manches teile ich mit Kollegen, mit der Schulleitung auch, hin und wieder können wir ganz unmittelbar etwas ändern. Das meiste aber bleibt zunächst ungelöst.
Es folgen die Zeugniskonferenzen. Allzu oft müssen wir entscheiden, dass ein Kind eine Klasse nicht „geschafft“ hat. Welcher Weg für das Kind nun der beste ist, dafür versuchen wir beratend zur Seite zu stehen. Zunächst aber versetzen wir mit der telefonischen Mitteilung so manche Familie in einen Schockzustand. Kein anderer Weg scheint angedacht, kein anderer Weg als das Turbogymnasium. Zuweilen brechen vor unseren Ohren Welten zusammen, prallt der ganze Schock ungedämpft auf ein Kind ein. Wieder Tränen Tränen Tränen.

„Was läuft da schief in unseren Schulen?“ Diese Frage stand wie ein Fazit unter einem Twitterkurzgespräch vor längerer Zeit, in dem es um Schulängste und -tränen, um Schule und die Schulen allgemein, um unsere Kinder in diesen Schulen und die im Hintergrund das Schulerleben stets mittragenden Familien ging. Diese Frage blieb in mir hängen, bis heute.
Was also läuft schief in den Schulen? Warum fließen dort so viele Tränen? Wie fühlen sich die Kinder und Jugendlichen, die diese weinen? Welche Ängste und Nöte tragen sie in sich? Warum fliehen so viele Jugendliche in psychische Erkrankungen, in Essstörungen, Depressionen und selbstverletzendes Verhalten?
Kaum einer Familie mit Schulkindern werden diese Fragen völlig fremd sein, vermute ich. Wir hier zu Hause erleben sie glücklicherweise nur in Ansätzen, weil meine Kinder es im Großen und Ganzen gut getroffen haben. Als Lehrerin aber bin ich jeden Tag involviert. Kinder weinen beim Erblicken der Klassenarbeitsnote – selbst schon bei einer 2 – los, Jugendliche fragen mit ängstlicher Stimme, ob der Test unterschrieben werden solle, ich werde angefleht, über die wiederum vergessenen Hausaufgaben nichts den Eltern mitzuteilen – das ist mein Arbeitsalltag. Ich möchte aufschreien.

Unser Schulsystem ist voll von Bewertungen. So sehr mich das Verteilen von Noten manchmal selbst schmerzt: Nun gibt es Noten aber einmal, an dieser Schraube lässt sich im Moment und in der konkreten Situation nicht drehen. Statt mich an eine Schulform ohne Noten wegzubewegen, habe ich in den letzten Jahren immer und immer wieder darüber nachgesonnen, wie ich, wie wir mit diesem Bewertungssystem umgehen könnten.
Meine vielen Beobachtungen und Überlegungen lassen sich vielleicht am ehesten so – in fast schon unzulässiger Verkürzung – zusammenfassen:
Noten sind zunächst Zahlen, mit deren Hilfe eine Schüler“leistung“ mit einer im System festgelegten Skala des erwarteten Könnens und Wissens abgeglichen wird. Wer oder was diese Skalen in einzelnen Schularten, Schulen und Fächern jeweils festlegt, nach welcher Formel der erbrachte Anteil in eine Notenzahl umgerechnet wird, dass es dabei selten völlig objektiv zugeht und dass solche mathematischen Verfahren wie Notendurchschnitte und Ausgleichsregelungen bei der Versetzung höchst strittig sind, geschweige denn dass zahlreiche andere Faktoren als nur das Erlernte auf die konkreten Noten Einfluss haben, um all diese Aspekte soll es jetzt nicht gehen. Ganz schlicht gesagt also: Mittels Noten wird abgeglichen, welchen Anteil des zu Lernenden zu einem jeweiligen Zeitpunkt als Erlerntes dargeboten werden kann. Nicht mehr, und nicht weniger.

Was Lernende aus diesen Noten allerdings oft ablesen, ist weit mehr. Da fällt das Attribut „schlecht“ – „Ich bin ein schlechter Schüler. Ich bin 4.“, wenn im Gegenzug die „guten“, die „Einserschüler“ hervorgehoben werden. Diese Wertung wird auch nicht besser, wenn stattdessen „schwach“ oder „leistungsschwach“ gesagt wird. Da sind die Notenbezeichnungen „mangelhaft“, „ungenügend“ und „ausreichend“ geradezu prädestiniert, als Persönlichkeitsbewertungen gelesen zu werden. Doch halt, es geht nicht um diese Bezeichnungen. Mögen diese meinetwegen so bleiben.
Es geht darum, dass die damit verbundenen Bewertungen nicht in die Seelen der jungen Menschen eindringen. Dass sich also nicht ein ganzer Mensch bewertet fühlt, wo die erhaltene „Zahl“ einzig das im Prüfungskontext gezeigte Können oder Nichtkönnen meint.

So klar, so schwierig. Denn wie kann sich eine kleine Seele dieser verletzenden Sprache entziehen, wie kann sie sich vor dem Gefühl des Klein- und Minderwertigseins schützen, wie kann sie verhindern, dass sie sich bis ins Innerste persönlich bewertet fühlt?
Dies kann nur gelingen, wenn die Verbindung zwischen Notenzahl und Persönlichkeitsbewertung so weit wie möglich gekappt wird, und zwar in erster Linie durch die das Kind umgebenden Erwachsenen.
Ja, darin liegt in meinen Augen unsere allererste Verantwortung. „Unsere“, das meint: die der Eltern und die der Schule. In der allerletzten Stunde vor dem schriftlichen Mathematik-Abitur sage ich zu meinem angstschlotternden Kurs immer einen Satz, den ich jedem Kind und Jugendlichen als verinnerlichtes Mantra wünsche:
Eine Note ist eine Zahl ist eine Zahl ist eine Zahl.“

Nun wäre es allerdings naiv, diesen letzten Satz als Fazit stehen zu lassen. Er gilt so uneingeschränkt allerhöchstens bis zum Ende der Mittelstufe, nur in den Fächern, in denen nicht Wissen und Können gravierend aufeinander aufbauen, und auch nur, wenn sich die Noten – auf der hierzulandigen Skala – zwischen 1 und (sicherer) 4 bewegen. Außerhalb dessen kommen Versetzungsregelungen, Uni-NC-Fächer und überhaupt die Notwendigkeiten langfristigen Lernens ins Spiel. Äußere Gegebenheiten also, die es doch nicht gleichgültig sein lassen, mit welchen Zahlen man den Schulparcours absolviert. Lebensentscheidungen hängen davon ab, Schulart und Schulwechsel, Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, Chancen auf Praktika, Preise, gesellschaftliche Anerkennung etc. Die Gesellschaft lebt in weiten Bereichen vor, dass man (erst?) durch Leistung etwas zählt, dass das Attribut „wertvoll“ viele Überschneidungen mit „leistungsfähig“ hat. In die Schule ist dies längst tief eingedrungen, dem entzieht sich niemand durch Augenverschließen.
Insbesondere Eltern haben dies alles vor Augen. Ängste flackern auf, man möchte das Beste für sein Kind, es soll doch seine Wege „erfolgreich“ gehen können, es soll „bestehen“ und „weiterkommen“, es soll die nötigen Voraussetzungen erwerben, um etwas zu „werden“. — Nein, ich mache dies nicht lächerlich, stelle mich nicht darüber, blicke nicht distanziert darauf hinab. Auch mir als Mutter schießen solche Dinge durch den Kopf, auch ich sorge mich um die Zukunft meiner Kinder, auch mich haben schon manche Rückmeldungen aus der Schule erschreckt, weil ich mich daraufhin um den künftigen Weg meiner allerliebsten Menschen ängstigte.

Als ich vor Jahren eine ältere Kollegin fragte, was sie Eltern sage, gerade wenn sich die schulische Situation des Kindes problematisch darstelle, bekam ich eine Antwort, die ich seither fest in mir trage: „Machen Sie keinen Druck. Ihr Kind hat das Recht auf eine glückliche Kindheit. Machen Sie also in erster Linie keinen Druck.“
Ja, ja und ja!
Machen wir keinen Druck. Der Satz ist an mich gerichtet, an meine KollegInnen, an die Eltern, und vielleicht auch ein wenig ans Kind. Dieses aber kann sich selten wehren und verinnerlicht oft nur den von außen hineintransportierten Druck.
Sagen wir stattdessen lieber: „Du bist gut, so wie Du bist. Auch wenn Du schlechte Noten hast.“ Oder besser: ohne „auch“. Damit der Wert des Kindes und seine Schulnoten in keinerlei Zusammenhang gebracht werden.
Manche Kinder tragen dieses „Du bist gut, so wie Du bist.“ ja in einer gesunden Natürlichkeit in sich. Die meisten allerdings sind – zumal in der Pubertät – abhängig davon, dass Eltern und LehrerInnen dies in sie hineintragen. Ja, Eltern und LehrerInnen. In dieser Reihenfolge, sage ich.

Beginne ich trotzdem bei uns als Schule. Wir als Schulart stehen – im Moment – vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Eingebunden zwischen Grundschule und (Zentral)Abitur, sollen wir mit immer mehr, immer jüngeren, immer weniger reifen, immer unkonzentrierteren Schülern in nur acht Jahren das Gleiche wie immer schon erreichen. Die Hochschulen und Industrieverbände merken an, dass uns dies nicht gelingt, sie haben wohl Recht; manche Studiengänge lassen sich nur noch nach universitären Vorbereitungskursen bewältigen. Eine Drucksituation für alle Beteiligten.
Und doch, bei aller unmöglichen Quadratur des Kreises dürfen wir als Schule diesen Druck nicht an die Kinder weitergeben und sie damit kaputtmachen. Leben wir also diesen Satz – „Du bist gut, so wie Du bist.“ – für jedes Kind in jeder Situation. Wer dies nicht kann oder nicht tun will, sollte den Beruf wechseln. (Was im System aber nicht vorgesehen ist, fatal.)

Allerdings geht ein schlechter Lehrer, auch wenn er „großer Mist“ ist, irgendwann vorbei „wie das Wetter“, wie eine Nachbarin, Vierkindmutter mit schwierigen Schulerfahrungen, immer zu ihren Kindern sagte. Ich gebe ihr Recht und sage diesen Satz inzwischen auch zu meinen Kindern, wenn er denn nötig wird.
Eltern dagegen, die ihr Kind mit Ängsten, Besorgnis und übermäßigen Forderungen erdrücken, sind nicht nur „großer Mist“, sie wirken zuweilen tragisch. Sie tun etwas, was sie als allerletztes wollen: Sie verweigern ihrem Kind ein freies, glückliches Aufwachsen, wenn sie an ihm reißen und zerren und das Kindsunmögliche verlangen. Bessere Noten etwa, wenn das Kind einfach nicht mehr kann. Den Verbleib auf dem Gymnasium, wenn das dortige Turbotempo in keinem Bereich zum Kind passt. Selbst wenn das Kind schon aus allen Poren signalisiert, dass es an dem permanenten Gefühl, nicht zu genügen, krank wird, verweigern manche Eltern ihrem Kind einen Schulwechsel. Dabei gibt es zahlreiche Wege, die dem Kind wieder zu einem glücklicheren Sein verhelfen könnten. Wir bieten gerade den Familien, deren Kinder es bei uns nicht „schaffen“, Beratung zu allen denkbaren Facetten an, nehmen uns mehr als für andere Familien Zeit. Allzu oft jedoch werden unsere Einschätzungen und Empfehlungen einfach nur vom Tisch gewischt. Das sind die Gespräche, die Situationen, in denen ich weinen möchte (und es zuweilen tue). Da gehen Kinder vor aller Augen kaputt …

Viele weitere Gedanken dazu finden sich in diesem lesenswerten Artikel, ebenso wie in diesem Blogpost.  Den Satz „Wie schlimm eine schlechte Note ist, das definieren die Eltern“ nehme ich mir mit.
Ebenso wie die Empfehlungen: „Gehen Sie in die Apotheke, kaufen Sie eine große Flasche ‚Heitere Gelassenheit‘ und nehmen Sie davon dreimal täglich 20 Tropfen.“ Und: „Immer fröhlich Gesundheit und Glück der Kinder im Blick behalten.“
Kinder, deren Eltern dies verinnerlicht haben, haben es leichter, im Schulsystem mit seinen Unzulänglichkeiten zurechtzukommen. Als Lehrerin habe ich immer nur eine nachgeordnete Rolle.
(Und nein, ich möchte nicht, dass dies als Schuldzuweisung gelesen wird. Jeder Mensch, Mütter, Väter, wir alle, handelt immer aus dem Korsett des eigenen Erfahrens und Erlebens heraus. Den tragischen Schülergeschichten gehen tragische Elterngeschichten voraus, weit über die in meinem Fach verbreitete Ich-konnte-das-auch-nie-Tradition hinaus.)

Wie man es jedoch dreht und wendet: Es bleibt schwierig für alle Seiten. Für die Kinder, für die Eltern, für die Schulen. Wir alle sind mit der Situation überfordert, fühlen uns alleingelassen und finden manchmal keinen anderen Ausweg, als den allseitigen Druck immer nur gegenseitig aufeinander abzuwälzen. Eltern auf Lehrer, Lehrer auf Eltern, und alle zusammen auf’s Kind.
Das darf nicht sein. Das darf so nicht bleiben.

Ich träume von viel mehr Schulpsychologen, von viel mehr professionellen Beratenden, die für uns alle da sind.
Ich träume von einem Netz an Unterstützenden aus der Gesellschaft, damit wir mit Angeboten und Projekten unsere enge Klassenzimmerwelt verlassen können und sich weitere Teile der Gesellschaft mit an der Erziehungsaufgabe, dem Ermutigen, Stärken und Aufrichten der Kinder – und eben dem Abfangen von Druck – beteiligen.
Ich träume von kleineren Klassen und von weniger Unterrichtsstunden, damit Zeit für viele, viele Gespräche bleibt. Denn ja, in Eltern-Kind-Lehrer-Gesprächen mit dem Fokus: „Was wollen wir, was ist realistisch, womit dürfen wir zufrieden oder stolz sein, und warum ist eine 3 nicht schlimm?“ könnte man vieles aufbrechen und abfangen, könnte viele Familien im Umgang mit der Schulsituation unterstützen. Wenn ich solche Gespräche derzeit im notwendigen Umfang anbieten würde, wäre ich wohl bei einer Wochenarbeitsstundenzahl von 100. Ganz ernsthaft. Soviel Gesprächs- und Begleitungsbedarf gibt es. Dem meisten kann ich beim besten Willen und Gespür für die Bedürfnisse der Kinder nicht nachkommen.
Ich träume also von einer tragbaren Arbeitsmenge für mich und meine KollegInnen, so dass wir jedem einzelnen Kind gerecht werden können.

Und nun? Was bleibt nach dem Träumen? Manchen KollegInnen und manchen Eltern meiner Schüler eine Kopie dieses Artikels in den Briefkasten zu werfen? Das würde ich in einigen Fällen wirklich gern tun. Doch das traue ich mich nicht.
Vielleicht ist es ja weit wichtiger und fruchtbarer, wenn ich bei mir selbst anfange. Was also kann ich persönlich tun, selbst wenn meine Träume nur Träume bleiben werden und wenn nach wie vor Familien in ihrer Schulsituation eben sind wie sie sind.
Immerhin kann ich mit den Kindern im Gespräch bleiben, im Unterricht, in den Pausen, bei zusätzlichen Treffen.
Ich kann ihnen sagen und – wichtiger! – vorleben, dass man sich nicht an Zahlen messen lassen muss, dass sich das Wesentliche des Lebens ganz woanders findet.
Ich kann mit ihnen darüber sprechen, dass und wie man sich selbst – und eben nicht primär seine Leistungen – im Blick behalten sollte, damit man gesund bleibt und mit sich selbst in einem stimmigen Gefühl lebt.
Und: Ich kann jedem einzelnen Kind spiegeln, was für ein wunderbarer, wertvoller, einzigartiger Mensch es ist.
Wenn dies in den Kinderherzen ankommen würde, wäre schon viel erreicht.

Unsichtbarkeiten

„Du hattest ein Geheimnis. Du trugst einen Makel in dir, den es vor der Welt zu verbergen galt, und weil dir schon bei der bloßen Vorstellung, entdeckt zu werden, sterbenselend zumute wurde, warst du gezwungen, dir nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht dein wahres Gesicht war. Später an diesem Vormittag, als George dir gestand, dass auch er früher mit genau diesem Geheimnis gelebt hatte, kam dir der Gedanke, dass wohl die meisten Leute ihre Geheimnisse hatten, vielleicht alle Leute, ein ganzes Universum von Leuten, die, ihr Herz von einem Dornenkranz aus Schuld und Schande umwunden, auf Erden wandelten, sie alle gezwungen, sich nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht ihr wahres Gesicht war. Was sagte das über die Welt? Dass jeder dort mehr oder weniger im Verborgenen lebte, und weil wir alle anders waren als das, was wir zu sein schienen, war es so gut wie unmöglich, von irgendjemandem zu wissen, wer er war.“

(Paul Auster: Bericht aus dem Inneren)

Ein Reiseblick

Meine Reise ist vorbei, und noch lange nicht vergangen.
Viele mitgebrachte Bilder sind angeblickt, und noch lange nicht durchschaut.
Ich bin wieder hier, und noch lange nicht fort von dort.

Genau vor einer Woche war es, als wir durch’s geborgenheitspendende Grün streiften, auch an diesem Hollerbusch vorbei.
Es ist nicht jener von diesen Bildern, aber es war mit ihr.

 

 

Ich schaue, mich erinnernd, in die Welt dieses guten Hollerbuschs hinein. Da ist so vieles. Ich mag gar keine Worte dafür suchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und ich mochte die Bilder auch nicht kleinstellen. Eigentlich würde ich mich gern noch tiefer hineinentdecken …

 

Alltagsglück #2

Eigentlich sind wir ja noch auf Reisen. Was uns soeben geschah, ist also nicht direkt Alltagsgeschehen.
Andererseits könnte genau solches im Alltag geschehen, hängt es nicht vom Reisesein ab, ist dies nur zufällig ein Unterwegserlebnis.

Wir kommen auf einen Campingplatz. Dies ist immer Lotterie, zuweilen sind die Plätze eng, dicht, voll, man steht mit seinem Minizelt manchmal zwischen großen Wohnwagen und fühlt sich bedrängt. Oft ist es mit den benachbarten Zeltenden schwierig, da einer den anderen als zu nah empfindet oder die gegenseitige Lautstärke nicht zueinander passt. Am glücklichsten bin ich immer, wenn ich weit weg von anderen mein Zelt aufschlagen kann, wenn die Kontakte also spärliche oder gar keine sind. Darum ist dieses heutige Erleben so besonders.

Es beginnt schon in der Rezeption, in die wir hineinstürmen, da ein Gewitter uns jagt und wir gern noch im Trockenen aufbauen würden. Ich sollte heut noch Lotto spielen, sagt der Zeltwart, es ist just ein Wasserblickplatz frei, einer von fünf. A23. Wir sollten schnell aufbauen gehen, anmelden könne man auch bei Regen.
Es fühlt sich ja schon unbehaglich an, so eine Parzelle zwischen Wohnwagen zu bekommen und nicht auf die große Zeltwiese zu gehen. Die Tochter sagt gleich, wir sollten noch andere Radler mit auf die Riesenfläche nehmen. Ja. Es kommt bloß niemand mehr:)
Jedenfalls denke ich noch ein paar Sekunden darüber nach, wie wir jetzt unter Beobachtung zwischen den Wagenburgen sind, und wie sich unser Minizelt wohl ausnehmen wird, in welche Ecke des Areals wir es stellen sollten, damit wir uns behaglich fühlen könne. Und schon geht es los …

Zwei recht kleine Mädchen kommen. Mit einer Vierteltorte und Papptellern. Sie hätten die auch geschenkt bekommen, und nun wollten sie weiterverschenken. Wir hätten doch bestimmt Hunger nach der Fahrt. Ich bin ganz verdutzt. Wir nehmen uns zwei Stück und sind völlig perplex: Torte zum Campingplatzempfang.
Bald darauf kommt eine junge Frau vom Wohnwagen schräg gegenüber. Es würde ja gleich losgewittern. Wir dürften gern unsere Räder bei ihnen unterstellen, sie könnten den Tisch im Vorzelt wegschieben, dann wäre Platz für die Räder. Und für uns auch, sagt sie. Und schaut zum gewitterdrohenden Himmel. Ich bin überwältigt. Dies ist mir auf einem Zeltplatz noch nie passiert.
In der nächsten Minute – wir bauen eilig das Zelt auf – kommt die Nachbarin von links. Ob wir Hilfe bräuchten. Und ob wir zu trinken wollten. Wo wir heute herkämen. Und ihr Dach stünde uns offen. Dort lugt auch schon die kleine Lena hervor. Die nach kurzem Anlächel-Warmup mit der Tochter für den Rest des Tages fest mit dieser verschweißt sein wird.
Ich bin immer noch perplex, wie offen hier alle ihre Hände anbieten, als der Nachbar von rechts einen Hammer bringt. Weil er aus dem Saarland gerade Orkan-Hagel-Horror-Wettergeschichten höre. Und falls dies auch hierherkomme, da sollte ich die Heringe mal besser nicht nur mit dem Fuß eintreten. Er fragt, ob er noch irgendwie helfen könne.
Später kochen wir, die kleine Lena setzt sich fasziniert dazu. Sie isst mit – ihr eigenes Abendessen hatte sie stehenlassen, war mir nicht entgangen:) – und fragt nach dem Essen, ob sie beim Abwaschen helfen dürfe. Ein Kind zum Fasziniertkopfschütteln:)
Kaum haben die Mädchen gespült, kommt ein weiterer Zeltnachbar von schräg gegenüber, ob es uns gut gehe. Ob er mich zum Bier einladen dürfe. (Darf er:)) Wohin unsere Tour weiterginge …

Ich bin wirklich überwältigt. Mittlerweile haben wir alles im Zelt, dieses ist himalajafest vertäut, die kleine Lena hilft eifrig mit, nun auch noch die Räder sturmfest festzuzurren, und alle Menschen ringsum waren und sind für uns da. Was für ein warmes Erleben.

Kurz darauf trübt sich dies noch einmal ein – wie gewonnen so zerronnen, denke ich kurz – als sich vier Angler just vor unserem Zelt niederlassen, unser im Vorzelt gekochtes Essen vollqualmen und zwei Meter vor unserer See-Idylle laut palavern. Bis ich mir ein Herz fasse, sie ruhig anspreche, darum bitte, dass sie nicht gerade in meinem Zelteingang sitzen mögen, die Seen seien doch so groß – und sie schließlich mit ihren Stühlen, Bierflaschen und Rauchfahnen abziehen.

Seither sitze ich am See, atme die Stille ein, bin noch immer am Wundern und Michfragen: Warum gelingt uns Menschen dies nicht immer und allezeit: Füreinander da sein. Aufeinander zu gehen. Zugewandt schauen, was die und der andere braucht.

Entschuldigung, ich bin noch unterwegs. Mein Schreibgefühl hat noch nicht wieder zu mir gefunden. Vielleicht liest es sich daher holprig. Aber ich wollte es unbedingt erzählen: Wie viel Gutes ist uns in wenigen Minuten geschenkt worden. Wie offen sind die Menschen – ALLE Menschen ringsum! – auf uns zugekommen.

Wie gut können wir Menschen es miteinander haben. Wenn wir einander nur anlächeln, uns gegenseitig helfen, füreinander da sind.

Es war heute fast wie in Utopia. Jedenfalls aber: Es war ein Alltagsglück, das ich mitnehmen werde von der Reise. Und das wir weiterteilen sollten. Lasst uns aufeinanderzu gehen …

WmDedgT 06/2017

Ein Monatsfünfter. Die Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Reihe als Anlass, doch einen meiner Radeltage zu erzählen. Ansonsten nämlich ist dies die erste längere Radreise seit – hm, ich weiß gar nicht: jemals? – auf der ich nicht täglich blogge. Es passt diesmal nicht in meine Stimmung hinein, die mich schwerer als sonst durch die Tage gehen lässt, selbst hier unterwegs.

Aber jetzt. Also los.

Ich wache gegen sieben Uhr auf und schaue den grau-regendrohenden Himmel an. Schnell zusammenpacken, bevor das Zelt nass wird. Frühstücken kann ich später. Immer wieder erstaunlich, dass es eine Stunde braucht, bis das gesamte Geraffel verstaut ist. Vielleicht könnte diese Form des Reisens noch mehr Reduktion vertragen?

Als ich die letzte Zeltplane zusammenlege, schieben zwei vollstbepackte Radler vom Ende des Platzes vorbei. Wohin ich unterwegs sei, fragen sie, ich erzähle. Und dann erzählen sie. Auf der Rückreise einer 12-Monats-Tour durch mehrere Kontinente sind sie. Ja, stimmt, das Gepäck, die Fähnchen, die Webseite auf dem Rahmen. Ich erzähle von meinen Sabbatjahrplänen, das ist noch weite Ferne. Diese Begegnung aber ermutigt mich einmal mehr. (Er ist übrigens auch Lehrer und hangelt sich, so habe ich das verstanden, seit dem ersten Sabbatjahr von einem zum nächsten.) Schaut doch mal: http://www.diezweiunterwegs.de

Überm Plaudern wird es fast neun, wir schieben noch gemeinsam zum Kiosk, wo ich – der Himmel regnet doch wirklich gleich los – unter einem Riesenschirm meinen Kocher in Gang setze und frühstücke. Während am Nachbartisch ein Mann sein zweites Bier öffnet. Wie da gleich die Vorurteilsschublade in mir aufgeht. Wie ich beschämt zusammenzucke, als mich der Mann anspricht. Und beginnt zu erzählen, sein ganzes Lebenselend tönt durch den lächelnden Mund hindurch. Dass er morgen wieder arbeiten müsse, wie furchtbar die Arbeit sei, und wie schlechtbezahlt, und wie es doch keinen anderen Weg gäbe. Wohin ich fahren würde, fragt er. Wie das so sei, allein unterwegs. Ich erzähle. Er hört mit offensten Augen zu. Und kauft mir schließlich am Kiosk eine Flasche Wasser. Ich wehre erst ab, doch er lässt es sich nicht nehmen: Ich MÖCHTE Dir dieses Wasser kaufen und mitgeben.

Es ist zehn, als ich losfahre. Um nicht wieder die Schleife um den riesigen Platz zu nehmen, plane ich eine Abkürzung. Denkste. Monsterhaft-düstere Veranstaltungshallen und Mercedes-Benz haben die Flächen nach ihren Plänen gestaltet, und die sehen halt keine Durchradler vor. Ich irre in den gruselig menschenleeren Arealen umher, bis ich auf ein verschlauftes Straßenkreuz treffe. Ein paar Windungen noch – fast wäre ich dabei auf die Autobahn geraten – und dann habe ich endlich den Neckarweg wieder. Wenngleich den Neckar noch lange nicht. Öde ist es hier. Ein beindustrieanlagter Fluss. Dazwischen Häuschensiedlungen. Zu meiner Überraschung gibt es zuweilen Ostputz, diesen grau-bräunlichen, wenn Ihr versteht, an Häusern und Garagen. Hach, das lässt mich gleich ein wenig heimisch fühlen. In meiner Familie wird meine Ostputzgaragenfotografierobsession ja liebevoll-spöttisch belächelt. Hier kann ich ihr frönen, ohne mir Kommentare einzufangen:) Und wirklich, dieses Alte, Unvollkommene, das macht mir wirklich ein wohliges Gefühl. Als ich 1991 nach Tübingen und damit erstmals in den „Westen“ zog, nahm ich alles – Gebäude wie Menschen – als steril geleckt wahr und fühlte mich unendlich einsam. Manchmal schaue ich heute noch mit meinem damaligen Blick auf die Welt, bzw. auf deren Oberflächen … Doch ich schweife ab.

Ich durchradle also viel viel Industrie, zum Glück ist Feiertag und damit Ruhe, und auch auf dem Radweg ist es erträglich voll, denn es beginnt zu nieseln. Kein Regen, kein Nichtregen, eine Schrödingersche Unentschlossenheit dazwischen. Regenjacke an, Regenjacke aus, so wird das über mehrere Stunden gehen, genau genommen bis kurz vor dem Ziel.
Eine Brötchenpause in einem Park, die Augen müssen die grüne Insel aufsaugen, meditatives Fahren auf Holperwegen, der Weg nähert sich endlich wieder dem Fluss, und ich komme im Treten an.

Gegen zwölf bin ich in Plochingen. All die Orte längs der Strecke, die Namen, markante Gebäude, der Talanblick, dies ist mir alles noch erstaunlich vertraut. War dies doch meine häufige Zugstrecke nach Stuttgart, damals, als ich in Tübingen lebte.
Im Innern der meisten Orte war ich aber wohl nie. Hier in Plochingen jedenfalls nicht. An das Hundertwassergebäude könnte ich mich erinnern. Umlagert von bunt-grell-neongekleideten Radlergruppen ruft es mir allerdings nur ein Schnell-weiter zu. Nicht dass sich dieser Pulk noch vor mich schiebt und ich mich mit ihm verheddere. (Die Wahrscheinlichkeit aber ist klein. Größere Gruppen fahren nach meiner Erfahrung seltenst flussaufwärts.)

Der Weg biegt ab, so wie der Fluss auch, es geht nun Richtung Südwesten. Der Wind hat mitgedreht, so ist das ja immer. Dieses noch nicht erforschte steter-Gegenwind-Phänomen. Dafür wird der Weg zwischen den beiden Neckararmen naturwild und stimmungsvoll urig, das tut gut.

In Nürtingen – ist es zwei Uhr? die Uhr ist nicht so wichtig – biege ich ab und trete ins Städtchen hoch. Und finde dort Feiertagsverlassenheit und leere Straßenrestaurants vor, klar bei Niesel und diesen Temperaturen, wer mag dort sitzen. Auch mich lockt es nicht, obwohl mir sehr nach einem warmen Getränk zumute ist.

Weiter am Fluss entlang, im Nieselregen treiben, bis mich ein Badesee anlacht. Nicht zum Baden, brrr, obwohl es Mutige tun. Aber ein überdachter Imbiss, genau das suche ich. Etwas in den Magen bekommen, dazu eine Holunderschorle, ist zwar nicht warm, aber trotzdem genau das, was ich jetzt brauche. Ich sitze lange, der Seeblick ist beruhigend, es ist auch nicht mehr weit bis Tübingen. Naja, eigentlich wollte ich dort sehr früh ankommen, um alte Studentenzeitorte wiederzufinden, dieser Plan löst sich am See in Luft auf:)

Über die restliche Strecke gibt es nur noch zu sagen: Ein weites grünes Tal. Rechts und links Hügel. Eine Landschaft zum Fallenlassen, ein Ort zum Bleiben.
Mich aber treibt um, was ich am Telefon höre. Mehrmals in diesen Tagen jetzt schon, heute besonders schwierig auszuhalten, wir telefonieren einige Male. Immerhin: die Bahnverbindungen von hier nach Hause sind gut und regelmäßig, dies beruhigt uns alle. Und noch benutze ich sie nicht …

So ist es sechs Uhr geworden, als ich in Tübingen einrolle. Im Gegensatz zum Tal unterwegs scheint mir, dass ich mich an gar nichts erinnere. An GAR nichts. Wie eine noch nie betretene Welt, ich bin ganz geschockt, wie ich hier gelebt haben kann, ohne diese Innenstadt wahrzunehmen. Vielleicht waren wir ja damals wirklich nur auf studentischen Pfaden unterwegs?
Die Wilhelmstraße, klar, die ist mir dann doch nicht aus der Erinnerung verschwunden. Das Gebäude, in dem man mich wegen meines DDR-Abitur nicht einschreiben konnte oder wollte, in dem ich sechs Wochen lang den Kampf um Formalitäten führte. Die Mensa, ungemütlich-vertraut wie je. Der Park, das Studentenwerksgebäude, das Lustnauer Tor.
Mein Wohnheim, das sieht aus wie damals. Ist halt ein Vierteljahrhundert älter geworden. Durch ein offenes Fenster sehe ich: Die Regaleinrichtung der Zimmer noch wie damals, nur die Lampenschirme wurden durch modernere ersetzt. Was das Gedächtnis so festhält. Gern hätte ich noch ins Innere geschaut, aber es scheint kaum jemand daheim zu sein, niemand öffnet die Tür, dann eben nicht.
Den Weg von dort in die Stadt – ob ich den damals radelnd, zu Fuß oder mit dem Bus zurücklegte? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich immer auf die Morgenstelle kam, zum Institut hoch. Heute zeigt mir mein Navi, dass es 150 Höhenmeter sind, ich nehme davon Abstand, am Abend noch hochzuradeln. Dafür muss ein späterer Tübingen-Besuch gut sein.
In der Altstadt erkenne ich die Gassen nicht wieder, nur einzelne Punkte flackern in der Erinnerung auf. Das Wirtshaus an der Krummen Brücke, in dem ich das erste Weizenbier meines Lebens trank. Das Eiscafé San Marco, in dem ich nur selten saß, es war zu teuer. Denn aus ebenso formalen Gründen konnte damals auch mein Bafög-Antrag über Monate nicht bearbeitet werden, wovon ich damals lebte, weiß ich gar nicht mehr, jedenfalls beantragte ich keine Sozialhilfe, wie mir die Dame auf dem Bafög-Amt ob meiner Ungeduld lapidar empfohlen hatte:)
Der Brunnen auf dem Platz. Hier war es, genau hier, ich erinnere mich. Mein erster Tag in der Stadt, in der Nacht war ich mit dem Zug aus Berlin angereist, hatte mein Wohnheimzimmer bezogen, spazierte durch meinen neuen Ort. Und begann genau hier am Brunnen spontan zu weinen. Zu einsam war ich in der neuen heilen Welt, damals 1991. Heute, die Nachrichten von zu Hause im Ohr, laufen mir auch ein paar Tränen. (In Kombination mit Sonnencreme ist dies dann auch noch in den Augen schmerzhaft, übrigens.)

Zwischendurch habe ich auf dem Campingplatz eingecheckt und aufgebaut. Der teuerste meiner Campingkarriere übrigens, meine ich. Und dann schließt dessen Tor um zehn, nicht mal langen Ausgang bekommt man:) Ich esse im Wirtshaus an der Krummen Brücke, das muss sein, und eile dann aber – mit Blick auf die zehn-Uhr-Sperre – schnell zurück. Puh, geschafft.
Ein letztes Bier am Campingplatz.

Wie und ob es die nächsten Tage radelnd weitergeht, wird sich zeigen. Erstmal bringt mir der Schlaf Beruhigung.

Noch mehr Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Einträge gibt es hier.

im Mai

Was für ein Auf-und-Ab-Monat. Da ist zunächst das Wetter, welches zwischen Fastwinter, Herbststürmen und Hochsommer alles aufbietet. Gelegentlich sogar ein wenig Frühlingsstimmung. Ich bin oft draußen, zu Fuß, auf dem Rad, mit der Kamera in jedem Fall, und am Monatsende bleiben viele Bilder. Im Innern. Und im Fotobearbeitungsordner.
*
Ich eröffne meine Zeltsaison, sie beginnt schon am ersten Monatstag im Garten. Am Himmelfahrtswochenende radle ich eine weite Pfalzrunde und genieße das Zeltnächtigen. Umso schöner, dass ich die Urlaubsdinge gar nicht erst aufräumen muss, weil es gleich in die Pfingstferien weitergehen wird.
*
Dazwischen erstreckt sich, so wie den ganzen Monat hindurch, eine nur zäh zu durchwatende Schularbeitsmasse. Mündliche Prüfungen, schriftliches Abitur, Steuergruppenarbeit, Unterrichtsbesuche, Referendarszoix, Mahnbriefe, Klassenkonferenzen, Klausuren und Nachklausuren, und ein bisschen Unterricht passt auch noch in jeden Tag … Es ist die Zeit im Jahr, wo die Kräfte allmählich nachlassen, wo mich der tägliche Schul-Irrsinn anfängt zu überfordern, wo ich zuweilen in eine Glocke eintauche, meine Kommunikationsfäden beginnen sich zu verheddern, ich werde ungehalten, unsensibel oder beides. Und draußen vor dem Fenster sprießt es, ist die Zeit des Wachsens gekommen, während wir in unseren Klassenzimmern hocken.
Wie gut, dass es die Pfingstferien gibt. Pauseschenkende zwei Wochen, um die sechs anschließenden Schuljahreswochen doch noch gesund zu überstehen.
*
Die Kinder stöhnen ebenfalls, beide sind unlustig auf Schule, na gut, das sind sie öfter. Aber man spürt auch bei ihnen die Länge des Schuljahres und die nachlassende Kraft.
Immerhin aber erleben sie Tolles mit dem Schulorchester. Die Tochter spielt ein Opernprojekt mit, das dem Orchester – mehr als den Solisten – stehende Ovationen bringt, und beide reisen mit nach England auf ein Musikfestival. Die von der Reise resultierende Müdigkeit wird in den Juni hinübergetragen:)
Die Tochter feiert ihren elften Geburtstag mit einer riesigen Übernachtungsparty, wir haben ein volles Haus und am Ende des Wochenendes das Gefühl, nun umgehend ins nächste gehen zu wollen.
*
Begegnungen gibt es viele. Solche mit langbekannten Menschen, auch aus den Augen verlorenen, auf der Beerdigung der Freundin. Solche mit tränenvollen Gesprächen hier im Dorf und um die Ecke, weil doch so viel Schweres zu tragen ist, derzeit, um mich herum. Solche mit Herz-zu-Herz-Gesprächen, mit hierher gereistem Besuch oder in Räumen, in die ich gereist bin. Es tut gut, das alles. Ich bin dankbar für dieses lebendige Netz, an dem wir ja immer noch weiter weben, wir alle.
*
Dazwischen ringe ich viel. Mein Baum bietet seine alte Haut zum Anlehnen an, mein Cello schwingt zuweilen mit mir (zuweilen auch nicht), und da ist immer noch und immer wieder der tröstliche Blick in die Weite.
Was ich letztlich mitnehme aus diesem wild-grauen Mai, sind Bilder wie im letzten Blogpost. Ich spüre ein tragendes Lebensbett, trotz allem. Und beginne nun seufzend den Juni. Gleich wieder geht es auf’s Rad, es kann nur stärkend werden.

Elf Dinge …

… die ich an Dir liebe …
Mein klein-großes Geburtstagskind mit Deiner ersten Schnapszahl („Der einzige Schnapsgeburtstag im Leben, an dem ich keinen Schnaps trinken darf.„:)), mir wird es sicher leicht fallen, für jedes Deiner Jahre eines zu finden. Also los:

Deine tanzende Lebensfreude,
mit der Du aus dem Nichts heraus alle in Dein Strahlen mitreißen kannst. Du springst und schwingst durch den Raum, ganz gleich, ob laute Musik ertönt oder Du sie nur in Deinem Innern hörst. Du greifst uns an den Händen, damit wir mit Dir tanzen. Bis wir es tun. Bis wir alle mitgerissen sind von Deinem unbändigen Wirbeln.

Dein so offenes Herz,
in dem andere Wesen, ob Mensch, ob Tier, ob Blume, Platz finden. Du schaust hin, fühlst Dich ein, Du verstehst. Du bist mittraurig für andere, weinst mit, bist mitfröhlich, lässt Dich von jedem Lächeln und Lachen anstecken. Du nimmst mit Deinem Blick alles in den Arm und versuchst es zu wärmen.

Die Lieder, die aus Dir singen,
auf dem Cello, mit Deiner Stimme, mal laut herausgetönt, mal leise vor Dich hingesummt, während Du auf einer Blumenwiese träumst, es singt und klingt immer aus Dir.

 

 

Deine in alle Richtungen aussprühende Neugierde,
ob Vulkanausbrüche, abstrakte Gemälde, schreckliche Weltereignisse oder Streit zwischen nächsten Menschen, der sich Dir nicht erschließt – es gibt keine Frage, die Du nicht stellst, und keine Antwort, die Du nicht aufsaugst. Um sie – nach eventuell wochenlanger Pause – in eine neue Frage münden zu lassen.

Deinen lebendig plaudernden Mund,
wenn dies oder jenes geschehen ist, wenn Dich etwas ergriffen hat, wenn Du mit jemandem mitbebst, wenn Du etwas ungerecht findest … Alles alles erzählt dann aus Dir, manchmal möchte ich einen Schalter suchen, doch nein, ich fühle mich auch durch stundenlange Fußballspielschilderungen und minutiöse Schultagsdarstellungen beschenkt, denn immer spricht aus Dir so viel mehr als nur das tatsächlich Erzählte.

Wie es Dich zornig macht, und fassungslos,
wenn Du Ungerechtigkeiten entdeckst, die kleinen in der Schule, die großen in der Welt. Du stampfst mit dem Fuß auf und zeigst in Deinem bebenden Körper, dass dies alles so nicht bleiben darf. Du erklärst auch gleich warum, und wie man es anders machen könnte. (Ich möchte für die Welt hoffen, dass Du dies nie nie nie verlernst.)

Deine Tapferkeit,
so vieles auszuhalten. Ja, es war viel in den letzten Monaten. Du hattest lange mit Dir gerungen, bevor Du etwas erzähltest, und dann flossen auch Tränen, viele Tränen. Aber durch die Tränen hindurch hast Du uns fragend angeschaut, hast offen zugehört, welche Ideen wir für Deine Lage haben – es war manchmal gar nicht so leicht, dies auszuhalten, oft wollte ich mitweinen – und hast gekämpft, immer wieder. Bist nicht nur einmal über Deinen Schatten gesprungen, hast so vieles gewagt. Und nun hast Du ein bisschen was erreicht, für den Moment jedenfalls hat sich Deine Situation verbessert, wie stolz Du auf Dich sein kannst.

 

 

Deine Ausdauer,
wenn Du etwas willst, dann willst Du es. Deine Ideen sind unerschöpflich, um es zu Wirklichkeit werden zu lassen. Ob Du per Rad auf einen Berg strampelst, eine Familienausflugsidee gegen uns andere durchsetzen möchtest oder sich die Wolle um Deine Häkelnadel immer weiter verwickelt, Du gibst nicht auf, wo andere längst den Sattel verlassen, sich gefügt oder den Faden abgeschnitten hätten. Du machst weiter. Und immer arbeitet Deine Zunge eifrig mit:)

Dein kreatives Chaos,
um es mal vorsichtig zu formulieren:) Was Dich überkommt, das muss geschaffen werden. Unser Haus ist überreich an Deinen Kunstwerken, Deinen Bildern, Deinen Geschichten, Deinem Geformten. Oft lässt Du es genau dort, wo es Dir eingefallen ist. Doch Stolpern über die Dinge, das ist das Problem der anderen:)

Deine Gelassenheit,
vor allem mit meiner Nichtgelassenheit. Ich glaube, Du verzeihst vieles. Immer wieder, wenn sich in mir etwas aufspult, kommst Du angekuschelt und sagst, noch bevor Du mich damit vollends eingewickelt hast, erstmal in ganz ernsthaftem Ton und zuweilen mit erhobenem Zeigefinger: Chill down. Gesagt getan, Du schaffst es immer:)

Deine „Kuschelattacken“,
wie Du sie nennst. Wenn Dich das ungestüme Bedürfnis nach Nähe überkommt, gibt es kein Halten mehr. Mal wild mal sanft springst oder krabbelst Du auf einen Schoß oder lehnst Dich an, und dann lässt Du Dich fallen in „das Beste auf der Welt“, wie Du das Kuscheln nennst.

 

 

Dies alles, meine kleine Große, dies alles und noch viel mehr liebe ich an Dir, unendlich, bis zum Mond und zurück, wie Du immer sagst. Jetzt beim Schreiben fällt mir immer mehr und mehr ein, was ich hier aufzählen könnte. Du darfst also getrost auch 12, 17, 37 oder 99 Jahre alt werden, meine Liste wird nicht leer bleiben:)

Welch ein Geschenk, dass Du vor 11 Jahren zu uns gekommen bist!

Danke!

 

 

12 von 12 im Mai

Vorgestern war es nun schon, dieser Zwölfte. Aber Bilder rosten ja nicht, und verfallen nicht auf der Kamera, solange man mit anderen Lebensdingen beschäftigt ist. Also dürfen sie ruhig heute noch kommen:)

 

 

Der Morgen ist regnerisch und so dunkel, dass mir Kerzen für meine Morgenstunde als stimmig erscheinen.

 

Ich schreibe einen Brief, möchte ein kleines Päckchen dazupacken und diese Steine mitschicken. Hühnergötter, von der Ostsee. Steine mit einem Loch. Man findet sie am Strand, wenn man lange sucht, und man sagt, sie bringen Glück. Dort, wo sie jetzt hinwandern werden, braucht es dieses gerade sehr dringend.

 

Draußen regnet es, meine Gartenmorgenrunde fällt kurz aus, kaum wage ich mich unter der Terrasse hervor.

Es folgt ein Schultag, bilderlos, ich trage keine Kamera mit und hätte heute auch keine Chance gehabt, kurz innezuhalten. Manche Tage sind sportlich, um es milde auszudrücken.

 

Das Wochenende beginnt mit meinem Entschluss, die Korrekturen zunächst beiseite zu legen. Am Sonntag vielleicht, spüre ich, eher geht das nicht, ich bin erschöpft, brauche jetzt erstmal Musik – ja! – und Ruhe. Und sowieso: Vorfreude, heute bekomme ich noch Besuch:)

 

Mittlerweile haben sich die morgennassen Blätter trockengeschüttelt …

 

… und das pralle Leben räkelt sich in der Sonne.

Weil es so strahlt vom Himmel, nehme ich den Weg ins Nachbardorf unter die Füße und gehe mein Fahrrad abholen.

 

Es hatte ein bisschen Reparatur nötig, damit es mich ganz bald wieder tragen kann, wohin die Unterwegsträume reichen.

 

Zurück segelt es sich ganz leicht, an den Feldern vorbei …

 

… durch ein Blütenmeer …

 

… und mit kleinen zarten Versehrtheiten am Wegesrand.

Der nun beginnende Teil des Tages bleibt ohne Bilder, obwohl die Kamera auf dem Beifahrersitz liegt, es will nicht zu einem Foto kommen. Mein Aufbruch nach Frankfurt, lieben Besuch vom Bahnhof abzuholen, ist noch pünktlich. Dann Unfallstau auf Autobahn I. Autobahnwechsel. Unfallstau auf Autobahn II. Runter auf die Landstraße. Stau auf Landstraße, denn schließlich haben alle hierher gewechselt. Ich schwitze schon ob meiner arg verspäteten Ankunft, als es aus dem Zug twittert, dass es in diesem nicht besser ausschaue. Streckenstehen vom Feinsten, Verspätung von 60 Minuten mindestens und das nicht etwa in Frankfurt. Endstation Offenbach. Freitag der Fastdreizehnte. Was haben Menschen in Nichthändiehzeiten eigentlich in Situationen wie diesen gemacht? Wir schreiben hin und her, während ich noch in Frankfurt am Bahnhof stehe und dann nach Offenbach aufbreche. Diesen Ort hätte ich nicht gebraucht- jedenfalls: sein Charme erschließt sich einem nicht auf den ersten Blick:)
Aber: nach einiger Umrundung des Bahnhofes finden und umarmen wir uns, kaufen an der Tankstelle zwei Bier (alkoholfrei;-)) für die nun etwas längere Heimfahrt, machen es uns im Auto gemütlich und erreichen den mit Lasagne gedeckten Tisch immerhin noch vor Mitternacht.

 

Wir freuen uns an Leipziger Mitbringseln …

 

… und an einem wichtigen Utensil für die nächsten Stunden.
Bis es uns – es war nach Zwei, oder? – ins Bett treibt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

Als Gefäß

Binnen weniger Tage, Stunden fast, begegne ich ihnen allen, was für ein Zufall.
Sie, deren Schwester starb, kaum zwei Wochen ist es her.
Sie, die selbst den Krebs in sich trug. Und trägt, wer weiß.
Er, der, fast als Kind noch, seinen Vater verlor, über lange Zeit schon, endgültig aber erst vor wenigen Monaten.
Sie, deren Tochter ging, noch keine zwei Monate ist es her.

Vier Begegnungen an nur zwei Tagen. Vier intensive Gespräche. Gespräche, in denen ich vor allem zuhöre. Ich frage auch ein wenig, aber eigentlich höre ich zu. Dem Klang, dem Gesang des Fließens.

Ein Fließen, gebettet in die weite Mulde der Trauer.
Ein Fließen von Lebensfreude, von sonnebeschienenem Lebenwollen, Weiterlebenwollen, von purem Glück am kleinen Moment, von Innigkeit in unverstelltem Aufeinanderzu.
Ein Fließen von Mut und Kraft, sich dem zu stellen, dem allen. Der Forderung, einander eher loszulassen als man es je wünschte und ahnte. Der Dichtigkeit einer viel zu schnell hinauströpfelnden Lebendigkeit. Der unvermittelten Augenöffnung über das, was wir sind, was uns ausmacht, und was auch nicht. Dem Wandel im Sein, in jeder Faser des Seins, wenn man sich der Sprache des nahen Todes nur nicht versperrt. Der Aufgabe – und dann: dem Geschenk – das kleine Zarte als Großes zu spüren, und das bisher übermächtige Unwesentliche abzustreifen. Der unfassbaren Endgültigkeit. Dem ebenso unfassbaren Licht, in das plötzlich alles getaucht ist. Der Ehrlichkeit in allen Begegnungen, die nun folgen, Ehrlichkeit, die schmerzt, Ehrlichkeit, die guttut. Dem Abschied. Dem Neubeginn.

Was für ein Strom, der da fließt.
An seiner Oberfläche glitzert es. Sonnenfünkchen spiegeln sich und tanzen, geführt und gestreichelt vom Wind, dem behutsamen. Über allem ein Himmel. Dieser gute Himmel in seiner Weite.

Dankbar bin ich für diese Gespräche, für die Worte, die mit mir geteilt wurden, und für ihre stumme Fortsetzung in mir. Gern bin ich Zuhörerin. Was ich höre, trage ich mit. Was ich höre, trägt mich mit. Es durchflutet, es schenkt Geborgenheit im Leben. Es strahlt auf mein Sein, ich fühle mich beschenkt. Wie in ein Gefäß lasse ich alles fließen, was Ihr erzählt, was der Tod spricht. Es ist Gelegenheit, sich einer Verwandlung anzubieten. Jede und jeder für sich. Wir zusammen.

Und doch, bei allem Tröstlichen und Lichten … diese Gespräche, diese Häufung in den vergangenen Stunden, die muss ich erst einmal veratmen, die muss ich deponieren. Noch weiß ich nicht wohin. Diese wenigen Worte hier sind nur ein zögerlicher, unbeholfener Anfang.

WmDedgT 05/2017

Der Wecker klingelt kurz nach fünf, ich kann ja nicht weg von meiner Marotte immer viel zu früh aufzustehen. Also: viel zu früh nur vom rationalen Blickpunkt aus. Für mich ist es gerade richtig, es ist meine Zeit für mich allein.
Mit dem Morgenkaffee in der Hand lande ich heute ungeplant an einer Kiste mit alten Kalendern und Adressbüchern, neulich hatte ich die aus dem Regal gezogen. Adressen aus den Neunzigern, wie viele davon mögen noch stimmen? Beim Durchblättern finde ich eine einzige. Welche jetzt aber, genau genommen, auch nicht mehr stimmt. Es ist sie, die letzte Woche starb. – Wieviele der Menschen in diesem Büchlein wohl ebenfalls nicht mehr leben? Zu vielen habe ich den Kontakt verloren, etliche waren nur flüchtige Lebensbegegnungen, bei manchen kann ich mich nicht einmal mehr an den Begegnungskontext erinnern.
Ich blättere noch ein wenig in meinem Kalender von 1991, erstaunlich vieles ersteht in meiner Erinnerung, über manches sollte ich einmal erzählen.

Aber jetzt nicht weiterträumen, es ist sechs Uhr, die Kinder wollen geweckt, das Morgenprogramm in die Gänge gebracht werden, ich mache mich und mein Gepäck fertig, denn – juchhu – heute verreise ich. Und kurz nach sieben sitze ich im Auto, zunächst auf dem Weg zur Schule, natürlich.

Gut ist es heute in der Schule, das spüre ich schon vor dem Klingeln.
Die Fünfer haben sich meine Worte vom Mittwoch offenbar sehr zu Herzen genommen, sie erwarten mich mucksmäuschenstill, werfen sich engagiert in die Stunde, niemand piekst den anderen in Schenkel oder Schulter, es kippt nichtmal eine Wasserflasche um, das will etwas heißen.
Wir addieren und subtrahieren ganze Zahlen, etwas komplett Neues für sie, sie schicken ihre gesamte Anstrengung ins Rennen, und am Ende der Stunde sagt eine: „Wie cool, dass Rückwärtsgehen auch ein Mehr bedeuten kann.“ Sie meint zwar die Zahlengerade und die Männlein, die uns da im Moment die Zahlen transportieren. Aber ich finde, sie hat auch im Großen und Ganzen, so im Lebenskontext recht. Aber das weiß sie noch nicht, sie ist ja erst zehn.

Die Elfer sind heute mehr als sonst, freiwillige Gäste aus einem ausfallenden Nachbarkurs – huch, Fans, oder was? Merke: fünf Menschen mehr machen den Unterricht dreimal so laut. Vielleicht aber ist es einfach nur die Freude der Neuen, dass sie doch nicht auf ihren Matheunterricht verzichten müssen:) Naja, und dann werkeln wir so vor uns hin. Ganz schön viel, was sie in diesem halben Jahr gelernt haben, denke ich beim Umhergehen. Irgendwie ergreifend, wie sie sich, die meisten jedenfalls, hineinknien, in das Fach, das ihnen wohl spätestens jetzt in der Kursstufe am schwersten fällt, bei dem sie trotz aller Anstrengung nur wenig Punktzuwachs schaffen. Und doch tut sich so viel bei ihnen.
Ich mag sie so, in diesem Alter, in dem ein Restschimmer der Pubertät die ersten Züge erwachender Reife beleuchtet und mit einem Strahlen verschönert, welches sich vielleicht in keinem anderen Lebensalter findet. Ich mag das Wechselspiel von Ernsthaftigkeit und Lachsalven, kindliches Stimmeverstellen gleich neben Schülersprecherengagement, das In-die-Ecke-Pfeffern des Heftes und sein sofortiges besonnenes Aufheben. Und ich mag die Ehrlichkeit, die sie mir schenken. Das ist viel. Denn Mathe ist ein Fach, in dem gern alles Unwillkommene auf die Lehrenden projiziert wird.

Hofaufsicht. Es ist sonnig, und ohnehin ist es ein guter Aufsichtsplatz. Gelegenheit, die oder den anzulächeln, eine Frage zu bekommen, eine Sorge zu klären, eine Ermutigung über einen Arm zu streichen. Ein Geschenk, diese ganze junge Menschenschar um mich herum. Irgendwann stromert auch die Tochter vorbei, was sie sonst nie tut. Heute aber sagt sie noch einmal Ciao, mich eindringlich anschauend, aus einem Meter Entfernung. „Ohne kuscheln„, stellt sie fest, klar, auf dem Schulhof geht das gar nicht.

Meine Bereitschaftsstunde ist, wenn nichts ansteht, meist Redestunde. Mit der Coklassenlehrerin über den einen Vorfall. Mit dem Abteilungsleiter über den nächsten Wettbewerb. Mit der Parallelkollegin über die Klausur. Mit der Physikreferendarin über ihre Prüfungen. Mit dem Schulleiter über eine spezielle Klassensituation. Was so alles dran ist. Und Versuche gilt es aufzubauen, für Montag, Kopien vorbereiten, all das.

Plötzlich ist es spät, gleich Zugabfahrtszeit, denn ich verreise ja:), ich stopfe die restlichen Vorbereitungsdinge ins Gepäck, bringe einen Teil der Schulsachen zum Auto, hole den großen Rucksack, und zack, sitze ich im Zug.

Bahnhofsatmosphäre beim ersten Umsteigen. Bahnhofsatmosphäre beim zweiten Umsteigen, ich liebe Bahnfahren. Auf dem Riesenbahnhof bleibt mir ein wenig Zeit, also gibt es etwas Mittagessenähnliches und einen Kaffee im Sitzen, bevor ich in den ICE steige.
Heute bin ich über den Schatten meines Sicherheitsbedürfnisses gesprungen und fahre ohne Platzkarte. Obwohl Freitag ist. Obwohl ich im Zug arbeiten, lesen und schreiben will. Und siehe da: Es klappt. Ich habe einen Sitzplatz. Ich lebe noch. Wow.
Alles ist gut. Bis auf ein paar streitende Mitreisende: tun Sie Ihren Rucksack da weg! – ich lass den da jetzt stehen! – da vorne steht doch, dass es verboten ist! – was geht Sie das an! – wir können auch den Zugbegleiter holen! Wie in der Schule, denke ich. Schlimmer als in der Schule. Ich weiß nicht, ob ich es witzig oder traurig finden soll und bin einfach froh, als es zu Ende ist, ohne dass es zu einer öffentlichen Keilerei gekommen ist.

Ich mag es so, im Zug zu lesen, zu schreiben, Gedanken mit den Bildern vor dem Fenster wandern zu lassen. Doch die Vernunft heißt mich zunächst meinen Montag vorzubereiten. Zwei Stapel Hausaufgaben bleiben durchzusehen, eine Konstruktion vorzubereiten, ein paar Planungsnotizen zu machen, als ich fertig bin, fährt vor dem Fenster schon der sonnige Schwarzwald um Freiburg vorbei. Sehnsüchtige Erinnerungen an Radreisen werden wach, aber ich werde ja bald wieder …

Vorfreude auf die Begegnung, die nun gar nicht mehr lange hin ist. Der Zug hat seine Verspätung aufgeholt, die Mitreisenden bleiben friedlich, vielleicht sind sie auch einfach ausgestiegen, die Welt gleitet vor dem Fenster dahin – das Leben ist schön.
Ein letztes Umsteigen, ein paar volle S-Bahn-Minuten, und dann bin ich da … wie gut!

Erkennen, die Landschaft mit den Augen betasten, in Serpentinensträßlein hinaufwinden, an einem guten Ort ankommen. Reden, Kaffee, Sonnenterrasse, erzählen, der Weitblick, kochen, Wein und Essen, weiterreden, Feuer, das ganze Sein hier, staunen, zwischendurch ruft die Tochter an, Wein jetzt ohne Essen, immer noch reden, draußen leuchtet der Mond, und es ist stiller als still, reden, bis die Augen zufallen, in den Schlafsack kippen.
Aber das war eigentlich schon am nächsten Tag.

Danke.

im April

Der Monat beginnt in frühlingshafter Wärme und wie immer mit dem 1. April, in den ich erstmals (?) von niemandem geschickt werde, nicht von den Kindern, nicht von Schülern. Bei letzteren liegt das wohl einfach daran, dass ich sie am Samstag nicht sehe:) Mir fehlt nichts, aber es fällt mir auf.
Zum Ende des Monats hin hat sich der heftige Frühling vom Monatsanfang zunächst wieder versteckt und schaut nur schüchtern um die Ecke. Man hofft ja doch, dass er sich im Mai endlich wieder hinaustrauen wird.
*
Der Monat ist geprägt und dominiert von unserer New-York-Reise, von all dem Anstrengend-Spannenden schon vor dem Start (für uns, die wir sonst nie fliegend verreisen), von der Eindrucksflut der Riesenstadt, die zuweilen überfordert, von Jetlags, einer Tonne voller Fotos und Erinnerungen und von daraus geborenen neuen Reiseplänen:)
Durch die Reise übrigens fällt das Eierfärben natürlich aus, was vor allem ich ein wenig schade finde, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle.
*
Vor und nach den Ferien gibt es natürlich Schulzeit, ein wenig nur. Aber auch eine einzelne Woche kann im Anstrengungsgewand auftreten, was vor den Ferien vor allem daran liegt, dass nebenher die Packvorbereitungen laufen und derart fordern, dass kaum mehr genug Schlafzeit bleibt.
Nach den Ferien ist natürlich alles liegengeblieben – die kompletten Ferien wegzufahren bedeutet ja, dass das reinigende Alles-weg-Korrigieren, Alles-weg-Aufräumen, Alles-weg-Kommunizieren und Alles-weg-Vorbereiten, womit zweiwöchige Ferien gut gefüllt sein können, nicht stattfinden kann und die angrenzenden Schulwochen mit kaum zu bewältigender Arbeitsdichte gefüllt sind. (Darum übrigens werde ich ab nächstem Jahr ein wenig mehr Teilzeit nehmen, also ein wenig weniger Deputat haben: Um in Ferien wegfahren zu können, ohne mich vorher und nachher in die Erschöpfung zu arbeiten.)
Die Reste des in den Ferien Nichtgeschafften schleppe ich in den Mai, nicht zu Ende korrigierte und nicht fertig erstellte Klassenarbeiten, nicht vorbereitete mündliche Prüfungen, ein Schulcurriculum im Rumpfzustand und (psst!) ein paar längst fällige GBUs. (Wer nicht naturwissenschaftlehrend ist, möge sich nicht beunruhigen: diese Abkürzung muss man nicht kennen, und das Dahinterstehende ebenfalls nicht.)
Ich hechle den Erfordernissen hinterher und finde mich seit langem wiedermal in der Situation, dass ich spätabends ganz knapp und sozusagen von der Hand in den Mund erst vorbereite. Da kommt der ganztägige Pädagogische Tag gerade Recht, selbst wenn er an meinem unterrichtsfreien Tag liegt: muss ich am Vorabend wenigstens mal nichts vorbereiten.
*
Den Kindern geht es mit ihren Schulaktivitäten besser, die Klassenarbeitsdichte ist gering, die Hausaufgabenmenge wohl auch. Jedenfalls sehe ich sie kaum mal etwas für die Schule tun und auch nicht fluchen.
Ihre Musik im Haus dagegen erfährt heftige Belebung. Die Tochter hat ein neues Cello und eine neue Lehrerin, neue Stücke, neuen Schwung, alles lässt sich gut an.
Der Sohn ist nach dem Jugend-musiziert-Wettbewerb regelrecht manisch in der Erarbeitung von Neuem. Prokofjew, Liszt, Chopin, Beethoven tönen durchs Haus, ich komme mit dem Notenkaufen kaum hinterher. Vor allem die Dauer des täglichen Übens stellt hohe Anforderungen an alle Zuhörendennerven, denn ja, ein Flügel ist laut und tönt durch alle Wände. Dafür wurden also Silent pianos erfunden.
*
Für viel mehr ist kein Raum in diesem Monat, ich bin wenig draußen (außer natürlich in New York), ich lese wenig, komme kaum zum Celloüben. Es fließen Tränen, denn die Freundin stirbt. Andere nahe Menschen beenden ihren Lebenskreis. Im Kollegium werden zwei Kinder geboren, und eines darf nach Intensivstationsmonaten wieder nach Hause. Mein Knie – nur das Knie, aber doch – muckert und erinnert sanft daran, dass auch mein Platz in diesem Lebenskreis zwischen Geborenwerden und Sterben kein unveränderlicher ist.
*
Mein innerer Grundzustand dieses Monats ist gehetzt und unzufrieden. Alles ist viel zu viel. Sehnsüchte liegen brach vor mir, ich habe zu üben.
Sei mir das am letzten Monatstag im Garten aufgebaute Zelt ein Hoffnungsschimmer, dass mit bald beginnenden Rad-und-Zelt-Zeiten endlich wieder Tage des Ruhens kommen werden, ich brauche sie so.

 

enturteilt

Da gibt es etwas, das Du Dir sehnlichst wünschst, etwas, das Du nie anders denken konntest, als dass es so wird wie Du es Dir vorstellst, eine dringende Herzenssehnsucht.
Und dann … dann ist plötzlich alles anders. Dann kannst Du dies nicht bekommen, darfst es nicht leben, wirst nicht in diesem sein, was Du so sehnlichst bräuchtest.
Bäm.
Es gibt keine Schuld, keinen Schuldigen, der dies verursacht hat, es ist einfach eine ungeschickte Fügung. Ein Stück Universum hat sich quergestellt, einfach so.

Wiederum gibt es jemanden, der die Situation auflösen könnte, ein einziger Mensch, der vielleicht eingreifen könnte. Wenn er wollte. Wenn er Dich verstünde. Wenn er die Dringlichkeit deiner Herzenssache mitfühlen könnte. Wenn wenn wenn. Denn: all dies traust Du ihm nicht zu. Im Gegenteil, Du denkst, dass gerade dieser … ach nein, Du möchtest nicht mal darüber sprechen. Es macht Dich bitter, es entfernt Dein Herz von seiner Sehnsucht, dies wäre ein zu hoher Preis.

Also gibst Du auf. Es ist wie es ist.
Ein paar Stunden lang hast Du aufgegeben.
Und doch nagt es. Was, wenn da nicht doch ein Weg wäre. Was, wenn nicht doch jemand anderes einschreiten könnte. Was, wenn Du nicht alle Möglichkeiten ausgelotet hast. Jetzt etwas zu versäumen, lässt sich nie mehr nachholen. Das alles kreist in Dir. Ein paar Stunden lang.

Bis … bis Du das Mailfenster öffnest. Nein, nicht an diesen einen Menschen, an jemand anderen schreibst Du, beschreibst Deine gesamte Seelensehnsucht.
Und siehe da, es kommt Antwort. Sofort, noch in der Nacht, unmittelbar, verstehend, mitfühlend, zugewendet. Mit einem kleinen Bündel an Ideen, was vielleicht doch ginge. Und mit der Ermutigung, es zu versuchen.
Dazu musst Du eine weitere Mail schreiben. An einen anderen Menschen. Nein, immer noch nicht an diesen einen, an noch jemand anderen. Wieder beschreibst Du Deine gesamte Seelensehnsucht. Und siehe da, wieder kommt Antwort. Sofort, noch in der Nacht, unmittelbar, verstehend, mitfühlend, zugewendet. Mit einer sehr konkreten Idee, wie es vielleicht doch ginge. Und mit einer erneuten Ermutigung, es zu versuchen.
Doch dazu musst Du Dich an jenen Menschen wenden, an jenen einen, schreibt der andere. Uff. Du zuckst zurück. Denn diesen einen wolltest Du doch nicht … und nie …
Und doch. Irgendwann in der Nacht, oder ist es schon Morgen?, nimmst Du noch einmal das Mailfenster her, ein drittes Mal. Schreibst wieder, in verhalteneren Worten, mit der zitternden Angst, Dich zu verletzlich zu machen, von Deiner Seelensehnsucht. Eine Überwindung, ein Mut, auf den Sende-Knopf zu drücken. Und doch … Du schaffst es. Mitten in der Nacht, ganz allein, Du mit Deiner Seelensehnsucht.

Antwort kommt keine mehr, dafür ist es zu spät. Du schläfst, Du beginnst Deinen neuen Tag, die Mail muss längst angekommen sein. Stunden später erst ist Zeit, zum Telefon zu greifen. Es zittert in Dir. Jetzt oder nie. Er nimmt ab.

Du kannst kaum glauben, was Du hörst. Eine weiche Stimme. Zuhörend. Verständnisvoll. Mitfühlend. Dich wahrnehmend. Auf eine Weise, wie Du sie ihm nie – NIE! – zugetraut hättest. Als völlig neuer Mensch ersteht er vor Deinem inneren Auge, während Ihr noch miteinander sprecht und alle Ideen auslotet. Denn ja, es gibt eine kleine Möglichkeit für Deine Seelensehnsucht, wenigstens teilweise darf sie zu Wirklichkeit werden. Nicht alles, aber ein winziges Stück davon.

Er müsste dies nicht ermöglichen. Er tut es für Dich. Weil er Dich wahrgenommen hat.
Du sagst danke. Mehr fällt Dir im Moment gar nicht ein.

Es bleibt, nach dem Auflegen, ein Lächeln in Deinem Gesicht. Ein ungläubiges Staunen. Eine innere Wärme. In Dir klingen die zugewandten Worte aus dem Telefonhörer nach.
Und Du schüttelst den Kopf über Dein eigenes Urteil, über Deine Vorverurteilung, dass dieser jene nie nie nie … wie Du Dich getäuscht hast. Wie Du ihn abgeurteilt hattest.

Urteile nicht. Du irrst vielleicht.

.

Es blieben nur noch ein paar Tage, zu wenige, viel zu wenige.
(Und: Zu spät kam ich von meiner Reise zurück, um Dich noch einmal zu umarmen.)

Es bleiben Erinnerungen aus sehr vergangenen und gar nicht so entfernten Zeiten.

Es bleibt der unfassbare Gedanke, dass wir nie mehr nebeneinander im Chor singen werden, nicht montags wie früher, nicht donnerstags wie zuletzt.

Es bleibt, wie wir redeten, über dies und das, damals, als wir noch so jung waren, und später, in all den Jahren, und zum letzten Mal bei mir im Auto sitzend, als ich Dich nach Hause gefahren habe.

Es bleibt, wann immer ich an Deiner Schule vorbeifahre, der Gedanke, dass ich es nie mehr geschafft habe, mit Dir dort einen Kaffee zu trinken.

Es bleibt Dein letzter Brief, der, kein halbes Jahr her, voller Zuversicht ist, in dem Du von Deinem Weg durch die Krankheit und von geplanten Reisen schreibst, und wie dankbar Du für jeden kleinsten Schritt bist.

Es bleibt in mir, wie sehr ich in all den Jahren, Jahrzehnte sind es ja sogar, von Dir Energie und Kraft bekommen durfte, die Du ausstrahltest, bis zum Schluss.

Es bleibt meine Dankbarkeit, durch Dich beschenkt gewesen zu sein.
Und es zu bleiben.
Für immer.

***

Du kannst dein Leben nicht verlängern
nur vertiefen.
Nicht dem Leben mehr Jahre,
aber den Jahren mehr Leben geben.
Zähle das Leben nicht nach Tagen und Jahren.
Zähle die Stunden,
da der Engel dich berührte.
(Martin Buber)

So hast Du gelebt, das weiß ich, seit letztem Winter, seit der Ahnung, seit dem Wissen um Deine Krankheit spätestens.

***

Und nun, nun bist Du in die dritte, die dimensionslose Richtung aufgebrochen. Damals schrieb ich:

Eine, in der wir uns nicht in den Strom einer Wertung stellen.
Eine, in der wir uns nicht wehren, und nicht an uns reißen.
Eine, in der wir nicht aus der Vergangenheit heraus, in die Zukunft hinein uns biegen.
Eine, in der es keinen Anfang und kein Ende gibt.
Eine, in der ist, was ist. Und war, was war. Und sein wird, was sein wird.
Eine, in der wir nur sind.

***

Gerade erst sehe ich – ich hatte es völlig vergessen -, dass ich dort damals ein Himmelsbild eingefügt hatte, ein Dreieck, für diese Dimensionen.

Als ich heute Morgen bei meinem Weg über die Felder ein ähnliches Bild eingefangen habe, da wusste ich noch nicht, dass Dein Weg durch die letzte Tür bereits gegangen war.
Doch dass sich mir gerade dieses Bild zeigte, in dem sich alle Linien in einem Punkt vereint haben, das macht mich in meinen Tränen jetzt doch lächeln.
Es gibt ja keine Zufälle, Du Liebe, stimmt’s?

 

 

 

Die Menschen hinter den Events

Es ist ja doch viel. Natürlich ist es das, das war ja klar. Aber dass wir so intensiv durch diese Stadt treiben, so kreuz und quer, mit so vielen täglichen Stationen, und dass die Füße dabei kaum müde werden, nichtmal die der Kinder, dass wir von morgens bis abends ständig Lust haben, noch diese und jene Ecke zu entdecken und dass am Abend auch beim dritten Museum noch Ja gesagt wird, das hätte ich nun doch nicht gedacht.

Dafür geht es abends zu Hause – so nennen wir Joannas Haus:) – dann nur noch schnell essen und ins Bett, keine Zeile findet mehr in irgendein Tagebuch oder die Tastatur. Dito morgens. Beharrlich wacht mein Körper irgendwann zwischen vier und fünf hiesiger Zeit auf, ebenso beharrlich versuche ich mich mit einem selbstsuggestiven „Schlaf!“ wieder in einen Ruhezustand zu versetzen. (Es gelingt zunehmend besser. Bis wir in 6 Tagen zurückfliegen, werde ich die innere Umstellung geschafft haben;-))

Jedenfalls: Es ist ein Taumel. Jeder von uns springt an seinen Wunschstationen sehr glücklich im Kreis, während er bei anderen Programmpunkten nur hinterhertrottet, so ist das, wenn vier Menschen mit individuellen Vorstellungen Tage gemeinsam planen.
Und ich tue mich schwer mit dem Erzählen, täglich geht das schon gar nicht. Doch dann habe ich Sorge zu vergessen.
Nun ja: Da sind mittlerweile an die 1000 Fotos auf der Kamera, die wollen hinterher erzählend begleitet werden. Vieles wird sich im langsamen Nacherinnerungsflow wieder einstellen.

Doch das Kleine, das Zarte, das Feine am Wegesrand, welches da auch ist, immer wieder, täglich, was vor allem in den kurzkürzesten Menschenbegegnungen steckt, das soll in kurzen Wortpinselskizzen festgehalten werden. Es sind ja doch fragile Momente, diese winzigkleinen. Und der Kopf manchmal zu löchrig.

***

Wie die indischen Händler morgens auf der Straße zur U-Bahn vor ihren Geschäften sitzen. Sie sitzen da einfach und warten auf den Tag. Oder auf Kundschaft, so genau erschließt sich uns das indische Stadtviertel noch nicht. Jedenfalls sitzen sie da. Mit Turban und in hingebungsvoller Ruhe. Da kann die Straße lärmen wie sie will. Wenn wir vorbeilaufen, schauen sie. Ob sie zu jedem aufschauen? Die Tochter bekommt immer ein Lächeln. (Überhaupt bekommt sie in der Stadt an jeder Ecke ein Lächeln. Inzwischen zählt sie sie:)) Fast möchte man meinen, die indischen Händler erkennen uns schon, die Blicke wirken wie Grüße …

Die Frau an der Metrostation, die mit den Kindern in ein kurzes lächelndes Gespräch kommt, während wir uns mit dem Ticketkauf abmühen. Die den Bruder beauftragt, auf die kleine Schwester aufzupassen, man wisse schließlich nie. Und die zur Schwester sagt, sie solle dicht bei den Großen bleiben. Sie wird wissen, warum sie das sagt …

Die schwerbewaffneten Milizionäre, die vor dem Trump-Tower stehen müssen und von allen Seiten offen fotografiert werden. Überhaupt wird nirgends sonst (außer an den Familientischen) soviel über Trump gelacht, gelästert und geschimpft wie dort, es werden Karrikaturen verkauft, es gibt Protestplakate. Und diese Milizionäre eben. Von allen Seiten werden sie offen angeschaut, fast angefasst wie Puppen, es wird ihnen ins Gesicht fotografiert, sie werden wie Unpersönlichkeiten behandelt. Natürlich, sie sind nicht zufällig in diesem Beruf, vielleicht aber eben auch nicht freiwillig. Was mag in ihnen vorgehen, während sie dort zu stehen haben …

Der brasilianische Gastwirt, dessen Lebenswurzeln mit italienischen, österreichischen und amerikanischen Fäden vermischt sind und doch immer das Brasilianische als Hauptlinie gefühlt haben, der hier in der Stadt aufwuchs und inbrünstiger als jeder „echte“ Brasilianer seine Nationalgerichte anpreist, der vom Lebensgefühl erzählt, der – by the way – der handyspielenden Tochter Buntstifte hinlegt, die Tischdecke ist eh aus Papier, weil wir unsere kreativen Seiten leben müssen, und dann, als sie mehrere Gemälde auf ihre Tischecke gemalt hat, ihr lächelnd ins Gesicht sagt: Jetzt siehst Du auch viel glücklicher aus als am Handy;-) …

Die Politesse, die als eine von vielen die Aufgabe hat, auf den Kreuzungen jene Autos, die mitten in der Mitte stehenblieben, weil sie gegenüber nicht mehr in die Straße hineinpassten, mit einem Knöllchen zu versehen – eine Sisyphosarbeit, in jeder Ampelphase trifft es mehrere Autos. Aber ohne das würden hier sicherlich Stau und Verstopfung total herrschen. Diese Politesse also, die ganz ruhig das Nummernschild notiert, sich sonstige Notizen macht, dann ans Fahrerfenster klopft, höflich, lächelnd, und dem Fahrer sein Knöllchen hineinreicht.
Dieser hatte es bislang nicht bemerkt. Zuckt zusammen, als es klopft, öffnet dann und nimmt das Knöllchen ebenso lächelnd höflich entgegen. Kurze Konversation, dann geht sie wieder. Und er, ein Taxifahrer, schleudert erst in diesem Moment das Papier wutentbrannt auf den Beifahrersitz. Trommelt noch kurz auf’s Lenkrad, bevor er weiterfährt. Vielleicht waren das seine Tageseinnahmen …

Der Fahrstuhlwart auf der Dachterrasse des Rockefellercenters. Oder nee: Fahrstuhlwart ist falsch. Einer von den unzähligen Menschen, die die Menschenschlangen kanalisieren, in die richtigen Richtungen schicken, sie in kleinere Portionen aufteilen, vor den Fahrstühlen bündeln, damit dieser gewaltige Menschenstrom möglichst effizient durchgeschleust wird. (Ich hatte ja keine Vorstellung davon, was Menschenmassen sind. Obwohl ich in meinem Leben schon in Berlin, Moskau, Paris und London war.)
Jedenfalls: Dieser Vor-dem-Fahrstuhl-Menschengruppen-Portionierer, der wartet ja ebenso wie wir auf den Lift. Nur stundenlang. Oder ein Leben lang. Und während wir so stehen, beginnt er mit den Kindern zu kokettieren. Spielt ihnen sich selbst als Marionette vor. Guckt den Kindern in die Augen, strahlt, lockt ein schüchternes Lächeln, später ein Lachen hervor. Und bekommt auch die Begeisterung der Erwachsenen.
Und dann führt uns der Fahrstuhl wieder 67 Etagen nach unten …

Der Busfahrer, dessen Ticketmaschine kaputt ist, der dennoch die französische Familie einfach raussetzen könnte, da mitten auf der 1rst Avenue, sollen die sich doch ihre Tickets an einem der Straßenautomaten kaufen. Der genau das zu ihnen sagt, dann aber eben nicht abfährt. Sondern wartet, bis sie einer nach dem anderen mit den Geistermaschinen klargekommen sind. Und wir im Bus, wir warten mit. Rutschen dann noch ein wenig zusammen, damit die vier Franzosen noch hineinpassen. So ein Busfahrer …

Die Volunteer-Guide in der Carnegie-Hall, die uns über eine Stunde durch Hallen, Emporen, Flure und die Geschichte der Konzerthalle führt. Vom Akzent her ist sie klar russischer Herkunft, mir bestätigt sich das, als sie Tschaikovskijs Namen ausspricht. Wie sie erzählt: voller Seele. Von all diesen großen Musikern, von den sich darum rankenden Geschichten, vom Haus und dessen Fastzerstörung, weil das Geld nicht reichte. Und wie ein beharrlicher Musiker zusammen mit vielen New Yorkern und am Ende mit Hilfe der Stadt den Konzertsaal retten konnte – all das erzählt sie, als wäre es ihre Seele, um deren Rettung es hier ging. Wir hängen ihr gebannt an den Lippen. Danke …
(Übrigens, so fragen wir bei unseren Gastgeberinnen nach, es ist sehr üblich, als Volunteer in Museen zu arbeiten. Viele RentnerInnen tun das, viele begeisterte Kunst- und Musikliebende sind auf diese Weise tätig. Und die Museen können nur dadurch all ihre Angebote für die Menschen aufrecht erhalten.)

Der Taschenkontrolleur in der Public Library. Eine von vielen Kontrollen, die kaum mehr als formalen Charakter haben. Jedenfalls schmuggle ich ein Buch hinaus. Es ist mein eigenes und war schon beim Hineingehen im Rucksack. Aber es wäre nicht bemerkt worden, wäre es nicht meines. Der Taschenkontrolleur also, der mit jedem Besucher einen kurzen Witz macht, liebevoll, der die Taschen blicklos vorbeiwinkt, der den Kindern einen Schulterklopfer mitgibt und jedem, der nur wahrnehmen will, das Strahlen seiner Augen …

Der Mann, der im Washington-Square Schach spielt, so wie viele andere auch. Der aber heftig ärgerlich abwinkt, als er bemerkt, dass er wohl auf die Ecke meines Fotos geraten ist. Ich will ihn beruhigen, führe ich doch nichts böses im Schilde, fühle mich zu unrecht verdächtigt, und doch wird er immer aggressiver. Ich lösche das Foto, und er ist doch gar nicht zu beruhigen. Oh je, guter Mann, ich wollte doch nicht …

Die Frau an der Bushaltestelle, die uns darauf hinweist, dass wir an der falschen Stelle stehen. Und überhaupt die vielen Menschen, die immer wieder von allein zu uns kommen, fragen, wohin wir wollen, die uns den Weg und mehr erklären …

Die Menschen am Boden. Die von den Vorbeiströmenden einen winzigen Teil erbetteln. Es gibt sehr viele. Die Schere ist hier sichtbar größer. Vor allem die Tochter fragt mich immer wieder. Ich weiß doch auch keine Antworten. All diese bitterarmen Menschen …

***

Und über all dem explodiert in diesen Tagen der Frühling. Es ist wärmer als bei Euch, viel wärmer. Die Bäume, die zu unserer Ankunft noch kahl und mit kaum einer grünschimmernden Knospe geschmückt waren, die färben sich stündlich ins Blütenbunt und strahlen plötzlich so viel Hellgrün aus. Hach.

Klein-groß und andere Vergleichsdinge

Drei Tage sind wir mit Joanna auf dem Land unterwegs, sie zeigt uns ihre Wurzeln und noch viel mehr. Dazu packt sie uns in ihr Auto, in das wir zu fünft nur knapp hineinpassen. Automäßig sind wir sozusagen underdressed. Was wiederum beruhigt: dass es in diesem Land auch Autos unter 2 Metern Breite gibt. Wenigstens eines:)
Von der Garage geht es direkt auf die Hochstraße, die sich zunächst mit Skylineblick, später mitten durch Bronxhochhäuser bis an den nördlichen Stadtrand schlängelt. So viele Gesichter der Stadt, schon vom Auto aus. Das Reiseprospektmanhattan ist tatsächlich nur eine Facette dieser Stadt. Hier in den nördlichen Stadtteilen wird es grauer, hier blicken einen wenig beneidenswert scheinende Leben durch trübe gesprungene Fensterscheiben an.

Die Häuser lichten sich, wilde Wälder ersetzen bald die letzten Stadtausläufer, und wir sind in der Wildnis des Hudsontals. Naturbelassener Forst, abgebrochene Bäume verweilen in unaufgeräumter Lage, alles in grau-braun gefärbt, noch keine Zeichen des Frühlings zu sehen. Bis auf die Sonne, die uns ins Schwitzen und in Sommerstimmung hineinknallt, das alles ist ein eigenartiger Kontrast. Es verlockt in der Natur unterwegs zu sein – hin und wieder verweisen Schilder zum Appalachian-Trail – und es schreckt doch gleichzeitig ab. Ich weiß nicht so recht, ob ich in dieser wilden Kargheit ausgesetzt sein wollte. Zumindest bräuchte ich eine Zeit der Akklimatisierung, des Anpassens an die Ungeordnetheit.

Aber diese Frage stellt sich ohnehin nicht, wir schlängeln uns durch’s Hudson-Tal und später entlang eines Flusses, dessen Namen ich vergessen habe, obwohl doch unser Zielort an selbigem liegt und der Name im Laufe der drei Tage ständig fällt, naja, Namen sind Schall und Rauch. In dieser Wildnis zelten hingehen, an einem der Seen, oh ja! Mit den Stunden, die wir sie durchfahren, wird sie vertrauter. So ist das ja immer.
Kurz queren wir Connecticut, bevor wir Massachusetts erreichen. Stockbridge heißt unser Zielort, wo Joanna aufgewachsen ist und wo wir zwei Tage bei ihrer Schwester zu Gast sein werden.

Joanna führt uns zu Fuß durch den Ort, zu anderen Plätzen fahren wir. Sie erzählt uns eine Menge Details aus alten Zeiten, die Geschichte und die Geschichten der Hiesigen – have you heard of xxx? noo??? – es ist sehr viel.
Sind wir doch noch damit beschäftigt, das Straßenbild aufzusaugen. Die vielen Flaggen, die Trucks, die Schulbusse, die Westernschriftschilder. Holzhäuser jeglicher Farbe, aber immer ähnlichen Stils, wie direkt einer historisch-amerikanischen Filmsaga entsprungen, jedenfalls nach unserer dürftigen Vorstellung. Die Bücherei mit ihren weißen Regalen scheint direkt aus dem 19. Jahrhundert hierher transportiert worden zu sein, nur dass Solzhenicyn und Susan Sontag einträchtig nebeneinander stehen, belegt ihre Verortung in jüngerer Zeit. Es ist ein Ort der nicht eben armen Menschen, das sehen sogar wir sofort.

Und während wir so durch die Stadt treiben, begleiten uns Erzählungen über dieses und jenes. Wie viele first-american, biggest-american, most-important thing’s es hier gibt, wir wundern uns. Jeder Stein, jedes Haus, jedes Denkmal, jede Ecke scheint voller bedeutungsvoller Historie. Jedoch: Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Städte, andere Countys in ihren Erzählungen ebensoviele first-biggest-important’s aufzuweisen haben. Eine Flut an Superlativen, über die wir im Laufe der Stunden ins Lächeln kommen. Größtenteils haben wir von den Dingen noch nie gehört. Und doch werden sie permanent in Relation zu den Dingen der übrigen Welt gesetzt. Wie gesagt: wir lächeln darüber.
Aber: Ist das nicht europäische Überheblichkeit? Was verstehen wir schon vom hiesigen Selbstwertgefühl? Wir haben schließlich nicht ein Leben lang in diesen Schuhen hier gelebt.
Als wir etwa Boscobel besichtigen und guten Willens die Führung durch das alte Herrenhaus mitmachen, wohl wissend, dass Anwesen dieses Alters bei uns wie Sand am Meer restauriert wurden. Als dann schließlich das 13. Detail zur Geschichte des 17. Löffels erzählt wird, die Führung in die zweite Stunde geht und wir noch nicht mal das Obergeschoss erreicht haben, da kapitulieren nicht nur die Kinder. Wir schleichen uns mitten aus dem Redefluss hinaus ins Freie.
Arrogante Deutsche, werden sie sich gedacht haben. Und ein wenig fühle ich mich tatsächlich so.

Schließlich sind die Menschen, denen wir in Stockbridge begegnen, allesamt Weitgereiste, sie kennen mehr von der Welt als wir. Lebten in Deutschland, Iran, Libanon, China, Österreich und und und, waren viel unterwegs, wissen vieles in Relation zu setzen, was ich in meinem Leben nicht einmal erahnen kann.
Und doch kommt es uns seltsam falsch vor, als die Frau in der Bücherei regelrecht entsetzt ist, dass wir nur zwei Tage in Stockbridge und dafür über eine Woche in New York bleiben wollen. Sie kann nicht verstehen, was dort – selbst für die Kinder – besser und attraktiver sein soll als hier in diesem kleinen Ort.
Eigentlich stimmt es ja: wenn wir unseren Kindern nicht vermitteln, dass das Denkmal für den tapferen Indianerstamm, der hier eine lange Periode der friedlichen Koexistenz (so würde man es heute nennen) mit den Neuzuziehenden gelebt und verteidigt hat, mindestens von ebensolcher Bedeutung ist wie eine Freiheitsstatue gleich welcher Dimension, dann reihen wir uns in den Superlativ-Wettlauf ja eigentlich unhinterfragt ein. So geben auch wir den großen Dinge mehr Bedeutung als den kleinen, so sind wir Teil des Vergleichs-Overflows.

Und dabei sind die Dinge hier überhaupt nicht so klein und unbedeutend. Tanglewood etwa, eine im Moment idyllisch verlassene Parkanlage, ist der Ort des Sommerfestivals des Boston Symphonie Orchestras, welches mitnichten irgendein Orchester ist. Der Sohn bekommt leuchtende Augen, als er die Plakate mit den Konzerten und Solisten des kommenden Sommers liest. Sehr verlockend sich vorzustellen, hier auf einer der Rasenflächen zu sitzen und der Musik zu lauschen. Zwei Parkranger sprechen uns an, fragen und erzählen und schenken den Kindern Erinnerungstaschenlampen. „Streng Dich an“ sagen sie zum Sohn, dessen Klavier-T-Shirt seine Passion verrät, dann kannst Du eines Tages hier on the stage sein:)
Oder Jacob’s pillow, eine Tanzschule und -bühne mit modernem Kurskonzept, mitten im Wald in und um eine alte Scheune errichtet, eine wundersame Fügung von Natur, Historie und Kunst, auch dies ist nicht irgendein Ort.

Wir tragen vieles mit aus den Tagen auf dem Land, viele Fragen insbesondere. Als wir am Ende der drei Tage nach New York zurückkehren und uns wieder in die Fülle der Riesenstadt stürzen, da setzt sich diese in mir immer wieder in Relation zur Ruhe des kleinen Ortes.
Das Konzept von groß und klein, von bedeutend und unbedeutend – wer legt das eigentlich fest?
Und wie gefangen sind wir darin?