#unpoinbicicletta

Tag 9: Crespino – Porto Levante

Die Wetter-App wird Recht gehabt haben. Es gäbe Gewitter um 7 und um 14 Uhr, sagt sie. Das um 7 Uhr kommt pünktlich. Wir liegen es schön eingekuschelt im Bett aus. Später an das um 14 Uhr werden wir nicht glauben und darum voll hineingeraten.
Doch zunächst starten wir ruhig am Spätvormittag, denn auch heute sind’s nur 50 km. Mit der gestrigen Geschwindigkeit des Kindes würden wir bei allzu frühem Start möglicherweise schon um die Mittagszeit ankommen. Viel zu früh:)

Als es zunächst ausgeregnet hat, brechen wir auf. Es ist kühler als gestern, der Himmel bleibt den ganzen Tag grau, das Grollen in der Ferne lässt nicht nach. Außerdem ist Montag, folglich sind keine Radler mehr auf den Wegen. Eine düstere, einsame Strecke verbreitet einen Hauch von Unheimlichkeit. Irgendwo sind Waldarbeiter am Tun und starren uns Vorbeifahrende an. Unser erster Picknickplatz ist von der Straße gut einzusehen, alle Autos verlangsamen oder bleiben sogar stehen und schauen uns eine Weile zu. Hm. Unangenehm. Vielleicht befinden wir uns hier so abseits des Radweges, dass wir wie eine Fata morgana daherkommen? Oder ist mit uns heute irgendetwas nicht in Ordnung?

Nach der Hälfte der Tagesstrecke wird aus dem ruhigen Dammsträßlein eine belebtere Straße. Nach der gespenstischen Morgeneinsamkeit sind mir vorbeiziehende Autos fast schon angenehm. Wir rollen ganz ruhig, die Tochter nach Anweisung am rechten Rand, ich ein Stück hinter ihr mittiger in der Spur, und die Autos fahren wirklich weiträumig vorbei. Gar nicht so schlimm.

Derweil beginnt es zu tröpfeln. Mit dem Begriff „angenehmer Radlerregen“ (den hab ich geklaut:)) versuche ich mir im Kopf das Gewittergrollen in der Ferne zu übertönen. Das klappt im Moment gut.
Obwohl das Grollen näherrückt. Klar, ist ja bald 14 Uhr. Und die Wetter-App hatte schon heute Morgen Recht gehabt. Das aber lässt sich wunderbar ignorieren. Zwar regnet es inzwischen regenjackenstark, aber noch immer sind halblange Sommerhosen und Sandalen die Beinbekleidung der Wahl. Finden wir.

Die Tochter wird mittlerweile von einem heftigen Hunger heimgesucht, wir biegen vom Damm in ein Dorf ab. Zwanzig Häuser, eine Kirche, zwei geschlossene Restaurants, keine Bar. So ist die traurige Lage, das Kind wirkt zerknirscht.
Vor lauter Hunger drängt sie zu sofortigem Weiterfahren. Die Kirchtürme der 5-6 km entfernten Stadt scheinen verlockend nahe, und sie hat eben Hunger. Nein, keine Regenhosen, keine Galoschen, keine Riegel, kein Studentenfutter – weiterfahren!

Hier hätte ich eingreifen müssen, sie hätte sich mit ihrer Ungeduld nicht durchsetzen dürfen. Denn hier stehen wir geschützt unter einem riesigen Regendach, es ist Platz und Trockenheit genug zum Anziehen, zum Picknicken, zum Abwarten. Stattdessen lasse ich mich fahrlässigerweise auf ihr Katzensprung-Argument ein.
Und so geraten wir nach wenigen Minuten mitten hinein in das Gewitter, das mittlerweile direkt über uns grollt und sich infernoartig entlädt. Abseits jeder Ortschaft, ohne Strauch, Mulde oder Nische zum Unterstellen, gefangen auf einer Dammstraße, die als Ausgang nur die Stadt vor uns bereit hält, werden wir von Wind und eiskaltem Regen gepeitscht. Es tut weh im Gesicht und auf den Sommerhosenbeinen, die Böen schlenkern uns, zum Glück meist nach rechts, nicht in die Fahrbahnmitte, und dass uns die Autos von hinten immer sehen, kann ich nur hoffen. (Ja, tun sie. Sie fahren alle sehr langsam vorbei.)
So muss sich die Sintflut anfühlen.

Ich weiß gar nicht, ob ich diese Fahrt ohne Kind leichter oder schwerer erlebt hätte. Anders jedenfalls. Die Tochter vor mir lenkt vom eigenen Unbehagen ab, bzw. vermischt es stark mit der Sorge, ob sie das durch- und aushält. Wie sie sich da winzigklein durch den gewaltigen Sturm strampelt …
Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit den Ort erreichen, in die Bar an der Piazza einfallen – Haare tropfnass, beide ein Handtuch um die Schultern geworfen, von der Gürtellinie abwärts triefend – und dank Tee, Kaffee, heißer Schokolade und Toast allmählich wieder zu uns kommen, frage ich die Tochter, wie sie die Gewitterfahrt erlebt habe.
„Da müssen wir jetzt eben durch“, habe sie sich gedacht. „Ich muss jetzt nur immer weitertreten.“ So einfach. So sagt sie das. Ich umarme sie.

Es wird ein längerer Baraufenthalt, wir müssen ja erst von allen Seiten aufwärmen, bevor wir ans Weiterfahren denken können.
Der Rest ist schnell erzählt. Inzwischen scheint die Sonne, ist die Temperatur wieder über 20 gestiegen, die Kilometerzahl unter 20 gefallen, wir müssen nur noch aus der Stadt hinaus und in die Po-Delta-Landschaft hineinfinden.
„Nur noch“ dauert zwar doch länger als erwartet, weil wir zunächst eine autobahnartige Schnellstraße per Unterführung queren müssen und dafür mehrere Ehrenrunden in den zahlreichen Kreisverkehren eines Gewerbegebiets drehen, bis sich endlich der gesuchte Tunnel vor uns auftut. Doch dann ist es ein Katzensprung. Ruhige Sträßlein im Naturschutzgebiet, die Nachmittagssonne über uns, und irgendwann stehen wir vor dem Agriturismo am Zielort der Reise.

Hier werden wir die restlichen drei Tage bleiben. Hier feiern wir zunächst Tochters Geburtstag nach (sie hat sich soooo lange für ihre Geschenke gedulden müssen!) und beziehen ein Zimmer mit Lagunenblick (oder waren es Valle? die haben mehr Süß- als Salzwasser, sind also weiter vom Meer entfernt als die Lagunen, wirken aber ähnlich: Gewässer zwischen Meer und Festland sind sie beide). Wir essen gut und fahren gepäcklos Fahrrad durch die wunderbare Delta-Landschaft.
Natürlich einmal auch bis zum „echten“ Meer, also dem mit Sandstrand. Um barfuß am Strand entlang zu wandern, um Muscheln zu sammeln, um zu baden (nur die Tochter:)), um ordentlich Sand zwischen den Buchseiten und im Käsebrotpicknick zu spüren und um Wind und Wellen beim Singen zu lauschen.

Übrigens: Der Sohn bedauert nun wohl doch, dass er dieses Jahr gar nicht mitgeradelt ist. Jedenfalls eröffnete er mir während einer unserer Touren im Delta, dass er im Sommer gern mit mir nach Berlin fahren würde, die umgekehrte Richtung als vor drei Jahren also. Diesmal wolle er dabei Videos drehen und auf der Reise gleich schneiden. Aber auch schneller fahren als letztes Mal – 10 Tage, ob das ginge? Und überhaupt, seine Regenhosen passen ihm nicht mehr, sagt er noch. Und eine Fahrradtasche für vorn wäre nicht schlecht.
Oh, ich bin ganz ergriffen. War ich doch davon ausgegangen, dass die Zeit unserer Mutter-Sohn-Touren pubertätsbedingt endgültig vorbei sei. Und nun das. Zwar fühle ich mich von seiner 10-Tage-Idee schon jetzt leicht gehetzt, andererseits kann man die 1000 Streckenkilometer von damals vielleicht auf 800 zusammenschrumpfen? Erste Recherchen laufen. Zur Not sollte doch ein elfter Tag erlaubt sein. Regenhosen und Vordertasche jedenfalls sind lösbare Probleme.
Also: Nach der Radreise ist vor der Radreise.

Tag 8: Bondeno – Crespino

Plötzlich war die Tochter mit auf der Reise. Da war so viel zu erzählen.  Und das Internet im Po-Delta ohnehin auf Tröpfelstärke reduziert. Die letzten Ferientage am Meer voller Ruhe, die so gar nicht nach Schreiben rief. Und unsere Rückkehr so turbulent. Drum riss der Reiseberichtsstrom vor ein paar Tagen jäh ab.
Eine Woche ist mein letzter Alleinreisetag nun her – so lange dauerte kaum die gesamte Radreise. Unglaublich, diese unterschiedliche Zeitwahrnehmung. Eine Woche also. Ich versuche mich an die letzten Reisetage zu erinnern. Sitze in Samstagmorgenstille im Schneidersitz auf meinem Bett, Handy und kleine Tastatur vor mir, der Barfußgang auf frischgemähtem Rasen hat Grünschnipsel und damit einen Hauch Zeltgefühl in mein Bett gebracht, der Kaffee ist Instant und trägt das Seine zum Erinnerungsfließen bei.

Vor einer Woche also war der letzte weite Ritt mit der einsamen Übernachtung im Agriturismo. Ja, am Morgen stelle ich fest, dass ich tatsächlich die einzige Übernachtende war. Das passiert hier öfter, viele touristische Unterkünfte sind wie leergefegt. Man fragt sich, wie die überleben. Natürlich sind hier derzeit keine Ferien, und überhaupt, so heißt es überall, ist anhaltend große Krise im Land. Die wenigen ausländischen Touristen, die es ins Hinterland verschlägt, können die Unmengen aus dem Boden geschossener Agriturismi nicht füllen, soweit so klar. Wie jedoch trägt sich ein aufwändig gestaltetes, einem Hotel in nichts nachstehendes Landhaus, wenn es nur zwei Monate im Jahr – wenn überhaupt – belegt ist? Wovon leben die Leute, wie kommen sie aus? Leider, mal wieder, kann ich nichts fragen, kann darüber nicht in Ansätzen mit dem Wirt sprechen …
Das Frühstück jedenfalls ist eigens für mich gerichtet, ein ganzes Büfett, eine riesige Platte mit Wurst und Käse, so dass es mir unangenehm ist, das alles stehenzulassen. Andererseits kann ich nicht annähernd soviel essen und stecke mir, damit das alles nicht gar so unangetastet aussieht, aus Anstand quasi, ein paar Vorräte für unterwegs ein.

Mein Unterwegssein beginnt heute früher als sonst, der Weg nach Ferrara hat noch knapp 30 km, und um 12 Uhr sind wir verabredet. Morgenverschlafene Felder liegen in fädenspinnendem Licht. Meine Gedanken und Worte träumen wie die Sonntagswelt vor sich hin. Nur ab und zu wird die Stille durchschnitten durch Gruppen von rasenden Rennradlern, die sich sportlich jung und sehr laut unterhalten. Ich erschrecke mehr als bei Autos.
Der Po-Deich führt bis vor die Stadttore; es bleiben wenige Kilometer Asphaltmoloch ins Zentrum. Schwierig, sich nicht aus der Ruhe werfen zu lassen; schwierig auch, nicht unter die plötzlich umherschießenden Autos zu geraten.
Das Zentrum mit seiner Fußgängerzone ist nicht besser, die Menschenfülle schlimmer als in jeder bisherigen Stadt, gerade als wäre hier mitten auf der Piazza in Kürze eine Demo angesetzt. Ich übertreibe nicht.
Der vereinbarte Treffpunkt – genau auf diesem Platz – wird unmöglich. Ich fliehe in einen Park, durch den ich soeben geradelt bin, und schicke den Kindern eine SMS, wo sich mich finden.

Eine leere Schattenbank finden, einmal Radtaschen komplett leeren und umpacken (ich lasse Vordertaschen und Zeltsachen da, muss stattdessen später die Tochterdinge unterbringen), ein paar Blicke auf die Karte für unseren weiteren Weg, ein bisschen um mich schauen – und schon halten drei glückliche Romrückkehrende mit dem Auto direkt neben mir.
Umarmungen, wirres Erzählfetzen-Durcheinander, Unbedingt-jetzt-Zeigenwollen von so manchem, nebenher mein Versuch, alle Radlersachen der Tochter aus dem Auto zusammenzuklauben (gelingt nicht ganz: ihren Personalausweis werden wir trotzdem vergessen), ihr Rad vom Dach holen, alles neu packen und beladen, ein gemeinsames Kurzmittagessen in einer Bar, ein Rundgang auf der wie von Zauberhand völlig geleerten Piazza (auf die Siesta in Italien ist Verlass!), und schon sitzen wir zu zweit im Sattel. Es ist gerade 14 Uhr, als wir starten.

Die Tochter ist kribbelig vor Vorfreude, wir finden einen ruhigen Parkradweg aus der Stadt hinaus und rollen bald nebeneinander auf dem Deich.
Natürlich muss sich am Anfang alles noch zurechtrütteln. Das dunkle T-Shirt ist zu warm, die Hose drückt, Sonnencreme-ach-ja, der Sattel muss verstellt werden, die Kette macht Geräusche, die Gangschaltung klemmt, die Reifen sind so platt – hach, es wäre nicht meine Tochter, wenn sie sich um all das vor der Abfahrt gekümmert hätte. Andererseits bekommt das Werkzeug in der Satteltasche endlich seine Berechtigung, die Luftpumpe atmet freudig aus und ein, der Klamottenbeutel wird auf der Suche nach hitzegeeigneter Kleidung nochmals neusortiert, warum auch nicht, und überhaupt ist alles bestens.
Sie erzählt und lacht und strahlt und singt pausenlos, hat eine Million Romerlebnisse zu teilen, erfasst aus dem Augenwinkel trotzdem alle Abbiegeschilder und reißt mich mit in einen Strom unbändiger Lebensfreude.
In ungeahnte Geschwindigkeit reißt sie mich auch mit, denn als erstmal alles an ihrem Rad gerichtet ist, schaltet sie ein paar Gänge hoch, jagt davon und ruft in die Welt, dass dies jetzt eigentlich ein ganz bequemes Tempo sei. Ich japse hinterher.

Wie schon letztes Jahr bin ich erstaunt, wie kooperativ sich mit ihr fahren lässt. Entscheidungen über Pausen, Abkürzungen, anstrengende Teilstücke und Essenssuche fallen gemeinsam, und zwar wunderbar unkompliziert. Sogar leichter als mit mir allein, denn bei gleichwertigen Varianten frage ich nun einfach sie. Mein Tausendfach-Abwägen-Gen scheine ich ihr nicht weitergereicht zu haben. Sie sagt einfach: So machen wir’s:)

Nach ein paar Kilometern steht eine Po-Brücke an, weil wir auf der Nordseite des Flusses übernachten werden. Wir müssen sehr suchen, bis wir eine kindverträgliche Überquerungsspur finden. Danach ein Eis, wie auch anders, es ist wirklich heiß. Die Abendkühle lässt sich heute Zeit. Gegen 5 Uhr fahren wir weiter, noch etwa 15 km vor uns. Meine Sorge, dass wir statt des stillen Radwegs nun auf vollen, ollen Straßen landen, war unbegründet. Die Dammstraße ist nämlich für Autos gesperrt, weil der Asphalt ein wenig bröckelt. Wie nett vom Asphalt. Wir können in aller Ruhe weiterrollen und sind irgendwie – so erinnere ich mich – ganz plötzlich da.
Kurz vor dem Ort, wir sehen schon lange den Kirchturm auf uns zukommen, entfährt ihr plötzlich: „Hoffentlich ist das Zimmer nicht auf’m Berg.“ Ich lache und verweise auf die in alle Richtungen sich mindestens 1000 km ausdehnende Ebene. „Naja“, sagt sie, „da könnte trotzdem irgendwo ein ziemlich hoher Hügel kommen.“ Sie scheint von bisherigen Radquartierserfahrungen traumatisiert;-)

Wieder wird es ein einsamer Landagriturismo, immerhin ist noch eine zweite Familie zu Gast, wieder wohnen wir herrlich abgeschieden. Und es gibt einen kleinen Pool. Dreimal dürft Ihr raten … (Nein, nicht ich. Ich mag baden nicht so. Aber vom Rand aus zuschauen ist auch schön.)

Abendessen könnten wir eigentlich im Dorf bekommen. Die Tochter aber verzieht das Gesicht, als der Wirt sagt, dass dort ein Fischristorante sei. Weil das nicht unbemerkt bleibt und weil sie hier ohnehin die Attraktion ist – viele Fernradler würden vorbeikommen, aber ein Kind noch nie -, bekommen wir vom Wirt – upps – das Angebot, uns mit dem Auto in eine entferntere Pizzeria zu fahren. Die Tochter scheint genug Italienisch zu verstehen, um einfach „Si“ zu sagen. Ich bin verblüfft. Vermutlich hätte ich sonst abgewunken, ein bisschen Fisch hätte ihr nicht geschadet. So aber sitzen wir später am Abend im Auto und alsbald in einer Pizzeria, das Wirtspaar isst dort ebenfalls, ein wenig Gespräch gelingt trotz der Sprachschranken, es ist wunderbar.

Die Tochter ist glücklich und aufgekratzt. So sehr, dass ich, als wir endlich im Bett liegen, mein Buch schneller schließe als sie. Sie streicht mir nochmal übers Gesicht – Schlaf gut, Mama! – und liest dann noch ein Kapitel.
Sie werden so schnell groß.

 

Tag 7: Mantua – Bondeno

Mir bleibt noch ein letzter Alleinreisetag, und danach ein halber. Ein vereinbarter Mittagstreffpunkt in Ferrara wird meine Alleinzeit beenden und mich für den letzten Streckenrest mit der Tochter fahren lassen. Genau eine Woche war ich dann mit mir selbst unterwegs, fast 600 Kilometer Beimirsein. Es war eine unendlich gute Zeit, ich habe das Alleinradfahren selten als so nährend empfunden.
So gut und so stimmig gar, dass ich nicht mal das Ende dieser Zeit bedauere. Ich habe mehr gefunden als ich zu hoffen wagte. Und ich bringe in mir stärker als vorher noch Wünsche, Ideen, Träume mit, in denen ein Sabbat-Jahr, ein Fahrrad und besondere Länder die Hauptrollen spielen …

Zunächst aber beginnt dieser jetzige Völlig-allein-Tag, mit seinen letztlich wieder über 100 Kilometern. Der längste von allen, wird sich an seinem Ende zeigen. Während ich das sage, horche ich auf, weil ich in diesen Tagen sehr klar bemerkt habe, welche Rolle die Kilometer mir spielen – im guten wie im unguten Sinne.

Zunächst sind sie irgendwie ja immer durch das Ferienende, durch die begrenzte Zeit – eine Woche, das ist sooo wenig – den angepeilten Ziel- oder Treffpunkt bestimmt. Dann teilt man die Gesamtzahl der Kilometer durch die Gesamtzahl der Tage bis zum Treffpunkt, Rückflug, OrtmitdemBahnhof, wasauchimmer, und schwupp, ist eine Tagesvorgabe da. Wenn ich dann noch berücksichtige, dass ich wild zu zelten nicht wage und für Übernachtungsmöglichkeiten nicht unendlich hohe Summen auszugeben bereit bin, dann werden die Etappen sehr schnell von außen sehr bestimmt.
Wochenlang, monatelang Zeit zu haben, das wär’s. Und dann ohne Ziel fahren, das überhaupt. Naja, wirft mein innerer Zensor ein, ohne Ziel, das ginge ja auch innerhalb einer Woche. Stimmt, muss ich zugeben. Vielleicht sollte ich das versuchen: In meinen zeitlich stets durch ein Ferienende bestimmten Reisen wenigstens räumlich mir keinerlei Vorgaben zu machen? Ob ich ein solches Reisen mal angehe? Im Sommer schweben schon wieder Orte und Ziele im Raum, die sind lang anvisiert und hängen nicht von mir ab. Aber im nächsten Jahr? Mal schauen …

Doch innerhalb dieses Rahmens der vorgegebenen Kilometer habe ich klarer als je an mir beobachtet, wie ich damit umgehe.
Zunächst: mehr Kilometer bedeuten bei mir nicht automatisch mehr Erschöpfung, nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil bin ich erstaunt, wiiieee unabhängig meine Müdigkeit am Abend von der Kilometerzahl ist. Das ist ja eigentlich wunderbar, denn das lässt Gestaltungsspielraum.
Was allerdings nicht unabhängig von der Zahl, nämlich konkret: der Zahl der auf dem Sattel verbrachten Stunden ist, sind meine sonstigen Tagesdinge, die für mich zum Reisen dazugehören. Ich möchte unterwegs sitzen, träumen, trödeln, schauen, nichtstun können. Ich möchte morgens und abends und dazwischen schreiben, ich möchte lesen, ich möchte in aller Ruhe der Welt frühstücken, picknicken, abendessen, ich möchte packen dürfen so langsam wie eine Schnecke. Ich möchte den Blick nicht auf die Uhr werfen müssen, weil eine Ankommensdeadline im Nacken sitzt, ein geschlossenes Tor etwa.
Und das – so habe ich hier gemerkt – gelingt mir bei Kilometerzahlen um die 80, 90, 100 (resp. mehr als 5 Stunden im Sattel) kaum noch. Jedenfalls nicht so, dass es für mich stimmig bleibt. Dafür müsste sich die Erde etwas langsamer um sich selbst drehen, was ich wiederum nicht erwarten kann:)

Mir diese Erkenntnis für künftiges Unterwegssein mitnehmen, das wär’s. Meine Tage, so sehnsüchtele ich, möchte ich bestimmt wissen von Morgenfrische, Mittagsschattensuche und Abendkühle, von den Veränderungen des Lichts über den Tageskreis, von Dunkelheit und Helligkeit, und von mehr eigentlich nicht.
Übrigens: ich gehöre zu den Menschen, für die ein Tag stets mit dem eigenen Schlafengehen und nicht etwa mit der mitternächtlichen Uhrzeit endet. Mein Schlafen und die damit einhergehende Zäsur durch Wegschlafen, Träumen und Neuaufleben untergliedert mir mein Erleben mehr als jede äußere Taktung. Darum nenne ich für mich einen Tag das, was zwischen zweimal Schlafen liegt.

Nun bin ich im Reisegedankenträumen hängengeblieben. Erzähle jetzt aber doch noch vom letzten Alleinreisetag, dem kilometrig so langen. Er beginnt mit einem ruhigen Agriturismo-Morgen. Weil ich – wie immer, ich hab da Talent:) – mein Zelt in die feuchteste Ecke des Hofes gestellt habe, dauert es, bis alles getrocknet ist. In aller Seelenruhe einpacken, schreiben, das Zelt in der Sonne hin- und herwenden, frühstücken – so wird es fast 11, bis ich aufbreche. Sicher ist das unvernünftig, im Angesicht der vor mir liegenden 100 km so trödelnd zu beginnen, aber manchmal kann ich das: unvernünftig sein. Es geht mir gut dabei;-)

Nicht so gut geht es mir, als ich durch die laute, hektische Stadt muss – schnell weg, wieder dieser Fluchtinstinkt – und an deren Ortsausgang kaum den richtigen Weg finde. Mit dem Auto wäre alles einfach, denn die großen Straßen sind ausgeschildert. Will man kleine Gassen fahren und die riskanten Raserpisten umgehen, hilft oft nur der Sonnenstand, das Orientierungsgefühl und ein bisschen Glück. Mein Falk-Navi scheint hier ein paar echte Aussetzer zu haben, und meine Karte ist zu grob. Ab und zu lande ich in Vorortsackgassen und mäandere auf erratische Weise durch Dorfstraßen. Ich möchte nicht wissen, was sich die an den Gartenzäunen stehenden Menschen denken, wenn sie mich dreimal an sich vorbeifahren sehen:)

Im Laufe dieses Tages lerne ich übrigens, dass ich nach dem Weg ja auch fragen kann. Eine Sache des Trauens. Einmal ausprobiert, funktioniert es fabelhaft. Ich bekomme sehr genaue, detaillierte Erklärungen über die wüstesten Feldwegverbindungen, verstehe offenbar ausreichend genau und lande immer, wo ich hin will. So einfach also.

Nach 25 Kilometern bin ich wieder auf dem Po-Deich, von dem ich mir immer unsicherer werde, ob ich ihn so eigentlich korrekt bezeichne. Wir sind ja nicht in Norddeutschland, heißt es daher nicht Damm? Egal, für mich ist und bleibt es der Deich, basta.

Es ist heiß, es werden bis über 30 Grad werden. Bäume gibt es da oben – eben auf dem Deich – kaum, und wo sonst sollte Schatten herkommen. Raststellen gibt es ebenfalls nicht, also Buchten, um sein Fahrrad abzustellen, oder gar Bänke, so dass sich das kurze Innehalten nicht so unwirtlich anfühlt. Nein, stehend am Straßenrand mag ich nicht pausieren. Sitzend auch nicht, denn auf beiden Seiten geht es steil bergab. Und zu Füßen der Räder und Autos zu sitzen – nein, dann lieber keine Pause. (Der Dammweg ist meist auch Autostraße, und ich staune nicht schlecht, als mir da einmal ein Riesen-LKW entgegenkommt.)

Einmal fahre ich hinunter in ein Dorf, finde dort aber keine Bar – dass es das in Italien gibt? -, sondern nur staubige Gassen in mittäglicher Menschenleere, einmal bleibe ich unter einer Autobahnbrücke stehen (schattig, ja), einmal fahre ich zu einer Baumgruppe hinunter und stelle mich kurz in deren Schatten (wegen staubigen Untergrunds ist Hinsetzen ungemütlich), einmal dient mir eine Eisenbahnbrücke als Schattenspenderin, und ansonsten fahre ich.

Es ist heiß, ja. So fühlt sich Trance an, denke ich fast schon, als ich immer müder werde, als ich die 70 Kilometer überschreite, ohne eine wirkliche Pause gemacht zu haben, und ich einfach nur trete und trete und trete.

Weil ich noch lange nicht da bin, verlasse ich meinen stillen Weg nun doch und werfe mich in den Nachsiestaverkehr einer kleinen Stadt. Dort ergreife ich die erstbeste schattige Bar-Gelegenheit. Wasser, Cola, Toast, Eis, Kaffee, ich nehme alles. Eine Stunde und diese eigenartige Nahrungsmischung reichen mir zum Regenerieren, gegen 6 Uhr fahre ich weiter.

Die Abendstunden sind die Besten, das habe ich schon an so manchen Tagen gedacht. Das Licht wird besonders, die Menschen kommen wieder aus ihren Häusern gekrochen, überall lebt es auf, der Wind beginnt zu kühlen – von kalt kann noch lang keine Rede sein – und es fährt sich einfach leicht. Erstaunlicherweise finde ich gerade an langen Tagen die letzten Kilometer sehr einfach, vielleicht weil der „Motor“ warmgelaufen ist, der Körper in sich angekommen ist? (Während er morgens immer sehr behäbig, manchmal gar mühsam startet, merke ich.)

Ich trinke mich in den letzten Kilometern also am Fahren satt, bevor ich die Zielgegend meiner Übernachtung erreiche. Eine letzte Verirrfahrt in Bondeno, und kurz nach 8 stehe ich vor dem Agriturismo. Vor dem Haus sieht es leer aus. Es ist so, wie ich schon ahnte: das Ristorante ist heute chiuso. (Wie, am Samstag?) Auch sonst gibt es in diesem Ort nichts. Da hinten am Stadtrand, eine Pizzeria, sagt mir der Wirt. Ja, da bin ich vorbeigekommen, sage ich. Vor drei Kilometern war das, geht ja noch.

Der Rest des Abends ist duschen, zur Pizzeria fahren, sitzen, essen, trinken, beobachten, mich am Leben erfreuen, und spätnachts durch die Mondnacht über Landstraßen, Kanalbrücke und Dörfer zurückfahren. Heute habe ich alle Schlüssel, Schließkarten und Codes der Unterkunft bei mir. Ich komme ohne jedes Problem in mein Bett, das fühlt sich auch mal ganz schön an:)

Tag 6: Parma – Mantua

Es waren zwei lange Ritte, die letzten beiden Tage, zweimal über 100 km. Daher war – oder nahm ich mir – dazwischen keine Zeit zum Schreiben. Zumal ich vorgestern abend so wunderbar still auf einem einsamen Agriturismo vor meinem Zelt saß und … eben einfach nur da saß.

Nun mag ich trotzdem noch ein wenig vom vorgestrigen Tag – und danach vom gestrigen – erzählen. Aber am besten, ich fange mit epischer Breite gar nicht erst an. Ein paar Erinnerungstüpfelchen, ungeordnet, ohne roten Faden, das mag passen zu diesen beiden Tagen, an denen ich so viel gefahren bin, dass ich mich mit meinem Fahrrad schon ganz verschmolzen fühle.

Alle möglichen Fäden könnte ich weiter erzählspinnen, wäre mehr Zeit. Zum Beispiel …

… wie ich am Morgen in Parma zu Fuß durch die Stadt gehe, ich muss ja mein Fahrrad aus der Hotelgarage holen, und dabei wie so’ne Italienerin in einer Bar frühstücke, Kaffee und Cornetto, stehend am Thresen, mit „Buona giornata“ verabschiedet werde (immerhin noch nicht mit „Buon lavoro“:)) und bemerke, wie sich in den wenigen Tagen meine Scheu vor dem Fremden in ein wirkliches Hiersein verwandelt hat, ich ganz anders schaue und auf die Menschen, Dinge und Situationen zugehe – und ob Fremdsein derart nicht immer auch in uns selbst begründet ist?

… wie ich bei der Abfahrt ein älteres Radlerpacktaschenpaar treffe, Nr. 9 und 10 oder so, sie anspreche, einfach weil „wir“ so wenige sind, aber die Frau so gar nicht antwortet auf meine Frage, wo sie hinfahren, und ihr Mann auch nicht, und ich noch kilometerlang nachsinne, was da wohl schiefgegangen sein mag in unserer Minikonversation, ob ich Smalltalk eben einfach nicht kann, oder ob die beiden nicht gut unterwegs waren, oder ob ich mir sowas einzuschätzen nicht anmaßen darf, nur weil sie mit mir nicht reden wollten?

… wie ich mich am Wegesrand erstmals in eine Bar traue, in der sonst nur Männer sitzen – ja, ich hatte die letzten Tage eine Hemmschwelle deswegen – und es gar nicht „schlimm“ ist, sondern alle immer sehr freundlich grüßen, manche fragen, und ich hier auch wieder über Fremdsein und Michfremdfühlen nachsinne.

… wie ich mich auf den langen, langen friedlichen Deichwegen in einen – vermutlich dann doch nie geschriebenen – Blogartikel über die Zeit und ihr Vergehen und mein Verstehen und Empfinden derselben hineindenke.

… wie ich in einem kleinen Dorfladen ins Gespräch mit den Inhabern komme – dass das geht, hätte ich vor einer Woche noch nicht gedacht – über mein Unterwegssein und das Sein überhaupt.

… wie ich über viele Kilometer einfach nur vertieft in mir und der Landschaft bin, ohne das Viele und das Schnelle zu spüren, das die heutigen 100 km mit sich bringen.

… wie ich wiederum von einer Pontonbrücke fasziniert bin; ja, die sind technisch nicht unbedingt ein Wunder, aber für mich dennoch ein Faszinosum, wie an Seilen hängende Schwimmkörper einen Flussübergang ermöglichen, wo sonst eine riesige Brücke ins Naturschutzgebiet gehauen werden müsste. Und welche Geräusche die Brücke von sich gibt …

… wie mir in einem Café kurz vor Mantova eine alte Frau ihr Leben erzählt, wobei ich nur grob die Eckpfeiler verstehe, aber wohl an geeigneten Stellen passende italienische Floskeln einwerfe, so weit ich dem Faden eben folgen kann, so dass sie sich am Ende fürs Zuhören bedankt, und wie gut ich italienisch könne – ich winke ab: dass das ja nicht stimme – und ich dann weiterfahre mit dem Gedanken, ob unser Zuhören wohl vom Verstehen der einzelnen Wörter gar nicht abhänge?

… wie ich in die Stadt Mantova einrolle, wo ich schon einmal für einen Tag war, und erschrocken bin über die Touristenfülle und den Lärm und das Treiben und Getriebene in den Gassen, und sofort Fluchtinstinkte entwickle, weil ich mich aus irgendeinem Grund hier – unter so vielen Deutschen und sonstigen Touristen – sofort fremd fühle. Fremder jedenfalls als im Hinterland, auf den Dörfern.

… wie ich beim Verlassen der Stadt einmal mehr – das ist heute mein Thema – über Fremdsein und Dasein nachsinne: ja, ich habe hier in der Woche einiges über mich erfahren.

… wie ich mich auf der Suche nach dem Agriturismo, wo man zelten darf, zwischen meinen beiden Navigationssystemen zerrissen fühle, den – wie ich meine – vernünftigen Mittelweg zwischen beiden Anzeigen wähle und damit erst recht in der Pampa lande, was mir eine schöne Kanalfahrt beschert, einmal mit, einmal gegen die untergehende Sonne, allerdings mit eklig ins Gesicht fliegenden Insekten, und mich erst nach 8 Uhr beim Bauernhof anklopfen lässt.

… wie ich, auf meine Fertigsuppe wartend, mit dem Wirt ins Gespräch komme, und dem neben mir zeltenden holländischen Paar, wie der Wirt dann einen Wein aus seinem Keller holt, und einen hausgebackenen Kuchen, und wie wir dort auf dem Hof der untergehenden Sonne zuschauen, trinken, reden, und alles, alles gerade sehr gut ist.

… wie ich, als die anderen schlafen gegangen sind, mit meiner Suppe und dem vom Wirt geschenkten Bier und meiner Stirnlampe in der absoluten Dunkelheit sitze und es weiterhin sehr gut ist …

Tag 5: Cremona – Parma

Im Zelt zu schlafen ist ja doch das Beste. Erstaunlich, wie viele Jahre meines Lebens ich das vergessen hatte, und wie sehr ich jetzt darin auflebe. Jedes Mal, wenn ich mich in mein Zelt lege, und jedes Mal, wenn ich darin aufwache, fühlt es sich einfach nur gut an.

Auch, als am frühen Morgen leise Regentropfen auf mein Zeltdach klopfen. Wie gut, denke ich, dann kommt das von der WetterApp für 7 Uhr angekündigte Gewitter früher, und ich kann nachher in Ruhe und trocken einpacken.

Doch es regnet sich ein. Aber sowas von. Dabei sagt die App ihre Gewitter erst wieder für 11 und für 17 Uhr voraus, dazwischen sei es nur wolkig. Bisher hatte genau diese App auf meinen Reisen immer Recht; ich will naiv sein und das auch heute glauben. Ja, ich werde nicht müde zu hoffen.
Mittlerweile schreibe ich, lese, tagträume, telefoniere natürlich mit der Tochter (denn die wird heute 10; erstmals verbringen wir ihren Geburtstag nicht zusammen, haben aber ein wunderbares Morgentelefongespräch, in dem sie plötzlich soooo groß wirkt), und hoffe immer noch. Erst als es auf 10 zugeht, ich alles im Zelt eingepackt habe und der Regen unverdrossen weiterklopft, entscheide ich abzubauen. Alles ist pitschnass, der Boden sandig und das Einpacken entsprechend bäh. Und es regnet und regnet …

Ein paar Minuten prokrastiniere ich noch in der Campingplatzklause – eine sehr spezielle Atmosphäre, da lauter alte Männer sich den Spielautomaten und dem Rotwein hingeben: ich staune – doch dann steige ich aufs Rad. Es regnet, es ist nass, was soll’s. In der ersten Unterführung ziehe ich meine „Mondfahrtkluft“ an, Regenkleidung von oben bis unten; von da ab werde ich nur noch von innen durchs Schwitzen nass. Und an den Händen und im Gesicht.

Was soll ich von diesem Tag erzählen? Es bleibt so, es regnet bis in den Abend hinein. So viele Stunden Dauerregen, zum Teil gießkannenartig, hatte ich auf meinen Touren noch nie. Ich ahne es, als ich losfahre. Es bleibt in mir trotzdem ruhig, es brausen keine hadernden Emotionen auf. Schon auf den ersten Metern wird das Rollen im Regen zu einem Seinszustand, der eben so ist wie er ist. Am meisten bedauere ich, dass ich nur wenige Fotos mache, weil ich Kamera und Handy nicht ständig in die Nässe zerren kann. Dabei sieht das nebligtrübe Grün an vielen Stellen einfach nur nach Fotografierenmüssen aus. Das ist schade, mehr nicht.

Der Rest ist Sichfügen, Sichhineinfallenlassen, Einfachfahren. Und wenn es nötig ist, kurzes Innehalten. Einmal treffe ich die drei Radlerinnen von neulich, ich darf mich für ein paar Kilometer „anhängen“, es tut gut, mich in ein fremdes Tempo zu fügen. (Über Zeit und Zeitgefühl, über Geschwindigkeiten auf Reisen und im Leben wäre ein andermal zu schreiben.) Und ich werde zum Pizzamittagessen eingeladen – vielen Dank!
Ein andermal entscheide ich selbst, jetzt einen Kaffee zu brauchen. Der wärmt auch mental, der lässt mich kurz aufatmen und verschafft dem Gesicht eine kurze Pause vor dem peitschenden Regen. Und dann fahre ich weiter, und weiter, und weiter.

Natürlich wäre es in sonnigem Wetter schöner. Wobei: was heißt eigentlich „schöner“? Ich würde vielleicht nicht an den Händen frieren, es wäre vielleicht ein wenig komfortabler im Gesicht und auf der Brille, wo mir klatschende Tropfen die Sicht und das Wärmegefühl nehmen, ich bräuchte keinen Scheibenwischer fürs Navi (wer von Euch erfindet den bald mal?), und die rechte Galosche wäre am Ende des Tages nicht undicht geworden, zumal ich sie dann gar nicht getragen hätte. Was also heißt „schöner“?

Letztlich bin ich hier sehr bequem, sehr im Komfort unterwegs. Für abends habe ich ein bezahlbares Zimmer in Parma reserviert, ich weiß also schon, dass ich im Trockenen ankommen darf. Es ist nicht kalt. Ich werde nicht tage- oder wochenlang im Regen fahren. Frau Soso schreibt mir auf Twitter in diesen Regentag hinein: Du tust das für Dich. Du kannst jederzeit abbrechen. Es ist alles gut wie es ist. So ungefähr schreibt sie. Ich spüre das, ich weiß das. Und trotzdem tut es gut, es noch einmal von außen gesagt zu bekommen.

Ich denke an Herrn Irgendlink, der auf seiner Nordseeumrundung in wochenlangen Regenzeiten und vor kurzem wieder in Schneekälte ausharrte. Und an die Menschen dieser Welt, die – im Unterschied zu uns Wahlreisenden – überhaupt nicht selbst entscheiden dürfen, ob sie im Regen unterwegs sein wollen oder nicht. Und das nicht nur für einen Tag, sondern ein Leben lang.

Es geht mir gut, ja. Insbesondere natürlich, als kurz vor Parma der Regen aufhört. Ich ziehe Galoschen, Handschuhe, Regenhosen aus und drapiere all das zum Trocknen auf meinem Fahrrad. In die Stadt hinein fahre ich als wandelnder Wäscheständer. Die Passanten mögen ihre optische Freude an mir haben. Ich meinerseits habe auch Freude, weil mich das Verkehrschaos erstmals nicht nervt, sondern – O-Busse und Straßenbild sei Dank – irgendwie an Russland erinnert. Echt jetzt. Ich fühle mich allein aus diesem Grund plötzlich sehr beschwingt:)

In der Stadt dann wartet mein Zimmer. Genau genommen wartet ein furchtbar umständlicher Check-in-Prozess. Beim Buchen hatte ich übersehen, dass diese Ferienappartments angebunden sind an ein Hotel, wohin man wiederum zum Check-in fahren muss, wobei das Hotel natürlich an einer Hauptstraße ohne Radabstellmöglichkeit liegt, das Appartment wiederum kann das Radl nicht beherbergen, während die Autogarage des Hotels mir zur Verfügung stünde, aber wiederum ist die weit entfernt, er könne ja mich und mein Gepäck mit dem Auto transportieren, nein danke, ich mache das schon selbst … ach, es war selten so kompliziert mit dem Beziehen eines Übernachtungszimmers.

Aber nun bin ich drin. Es ist trocken, das Radl steht notdürftig mit Kettenschmiere versorgt in der Garage, das Zimmer hat Fliesen und ist riesig (diese beiden Tatsachen sind von besonderer Bedeutung, wenn man sich erinnert, dass ich ein klitschnasses Zelt und zahlreiche durchnässte Kleidungs- und Gepäckstücke mit mir führe und zu trocknen wünsche), und letztlich wohne ich mitten in der Stadt.

Ich breite meine Zeltplanen und alles Durchnässte im Zimmer aus, dusche und wandle los in diese mondäne Stadt. Sie ist irgendwie unnahbar, so riesig, so vornehm, so unüberschaubar. Mag sein, dass das nur mein spätabendlicher Eindruck ist. Mehr als an den anderen Orten jedenfalls spüre ich hier mein Fremdsein. Ich irre in den dunklen Gassen umher und sehe das Gebäude eines faszinierenden Doms, ohne dass sich mir ringsum das Leben erschließt. Aber gut, ich bin natürlich viel zu kurz hier. Letztlich jedenfalls gibt auch diese unnahbare Stadt mir etwas zu essen. Ich hatte lange suchen müssen.

Und dann kehre ich in mein Zimmer zurück, welches „Residenz“ heißt, und sich auch so anfühlt. Eine fremde Welt, dieses Mobiliar, diese Atmosphäre, dieses Vornehme. Falls es mir heute Nacht zu arg wird in der „Residenz“, kann ich mir ja immer noch mein Zelt im Zimmer aufbauen. Groß genug ist es, das Zimmer. Im Zelt im Zimmer, da ließe sich sicher ganz wunderbar schlafen. Womit wir wieder am Anfang des Textes wären … 

Tag 4: Piacenza – Cremona

Immer später wird es bei mir morgens. Zwar muss ich in der Herberge schon bis 9 gefrühstückt haben – ein karges italienisches Frühstück mit Keks, Zwieback, abgepacktem Cornetto und einem immerhin guten Cappuccino, für den das Aufstehen dann doch lohnt – doch dann packe ich in aller Ruhe, schreibe, suche nächste Unterkünfte, alles noch im Ostello-Wlan. Es ist fast mittags, als ich aufbreche. Zunächst in die Stadt, ich muss auf dem Weg zur Po-Brücke eh mitten hindurch

Wie gut, dass ich gestern schon durch die Gassen geschlendert bin. Heute ist dort Markt, allüberall. Voll, eng, kaum zum Durchschieben, und das in der gesamten Fußgängerzone. Zwischenzeitlich bin ich mit meinem Rad so in den Gassen verkeilt, dass ich kaum noch weiß, wo oben und unten ist und ob ich je wieder hinausfinde. — Doch, es gelingt letztlich. Darauf einen zweiten Kaffee an einer ruhigen Ecke des Marktes. Und einen wiederum langen Blogpost fertigschreiben. Die Länge meiner Posts verhält sich offenbar umgekehrt proportional zur Tagesstrecke. (Wenn dem so ist, dann kommen jetzt bald Tage mit weit kürzeren Posts:))

Heute ist nochmal Kurzstrecke. Aus den 50 Kartenkilometern werden zwar durch Verfahren letztlich 60 (was??? so viel verfahren???), doch ich bin trotz der erst nachmittäglichen Abfahrt in aller Ruhe gegen 6 Uhr in Cremona.

Ja, verfahren habe ich mich heute. Ein Novum auf dieser Tour. Es war gerade so ein angenehmer Zustand, ich fahre ohne Karte, ohne Navi, ohne Kilometerzähler, ohne Wetterbericht, einfach geräte- und techniklos vor mich hin, immer auf dem Deich. Man kann gar nicht falsch abbiegen, zumal der „Ciclovia del Po“ hier komfortabel ausgeschildert ist, ist ja einfach. Bis zu der Stelle, wo aus deM Deich ein blätterteigartiges Deichverzweige wird, wo sich selbst die Radwegeschilder nicht entscheiden können, wo es ständig die Wahl zwischen rechts und links oder zwischen Schotter und Straße gibt, und wo ich mich offenbar einmal zuviel für Schotter entscheide. Schwupp, bin ich im Niemandshinterland. Traumlandschaft, Mohn wie überall, Felder, Deiche, Gebüsch, Rehe, Vögel, all das. Aber kein Ort mehr in Sicht. Und keinerlei Übereinstimmung der Wege und Himmelsrichtungen und Kartenangaben. Oben hängen mittlerweile düstere Gewitterwolken, und ich weiß nicht, wo ich bin. Schalte also doch das Navi ein und fitzele mich mit seiner Hilfe durch wildeste Gebüschlandschaften zurück in die dörfliche Zivilisation. Es gelingt. Wenn ich in diese auch auf sehr ungewöhnliche Art einfalle. Ich komme nämlich – unbemerkt – durch die Hintertür in einen Landwirtschaftsbetrieb, stehe plötzlich mitten zwischen Kuhställen und Traktordepots und muss nur noch zum Tor hinausmarschieren. Die Bauern und die Kühe schauen gleichermaßen verdutzt.
Jedenfalls: Ich habe meinen Weg wieder. Er schickt mich an einem riesigen Castello vorbei, baut mir ein paar Brücken über Nebenflüsschen und Kanäle, führt immer wieder auf Schotterdeichen entlang und lässt mich sehr unvermittelt im Stadtzentrum von Cremona stehen. „Unvermittelt“ natürlich nur scheinbar, es fühlt sich so an. Das mag mit meinem heute verträumten Zustand zusammenhängen. Die Zeit und ihr Verstreichen spüre ich kaum, die Kilometer auch nicht.

Hier in Cremona beginne ich mich zu erinnern: wir waren schon einmal für eine Übernachtung hier, haben in einer Pizzeria gegessen, welche darum heute Abend auch die meine werden wird. All die riesigen Gebäude und Fassaden sind mir noch dunkel in Erinnerung, ich schlendere eine Runde durch die Stadt, bevor ich den Zeltplatz suche. Dieser liegt nicht weit, aber doch abseits genug, hinter dem Po-Deich, so dass man sich in der Einöde wähnt.
Ich treffe drei radelnde Frauen und ein radelndes Paar, alles Deutsche, wir tauschen Übernachtungstipps aus und die Tageserlebnisse. Ich baue mein Zelt auf, staune über die Stehtoiletten – Erinnerungen an Bulgarienurlaube in den 80ern werden wach – bin fasziniert von der Heruntergekommenheit dieses Zeltplatzes und der auf ihm dauercampenden Wohnwagen und freue mich auf die Nacht an der frischen Luft. Es soll regnen. Mal schauen, wie sehr.
(Vorher muss ich noch das Zeltplatztor überwinden. Es soll um 23 Uhr schließen. Pünktlich gegen 22.38 stehe ich davor, und – es ist zu! Von gestern bin ich ausdauerndes Klingeln ja geübt. Tatsächlich, nach wenigen Minuten schlappt jemand mürrisch im Bademantel daher und öffnet. Uiuiui, die um 23 Uhr schließenden Tore sollte man also schon ernst nehmen.)

Übrigens fahre ich heute mehrfach gegen Einbahnstraßen und über rote Ampeln. Vermutlich machte ich das schon früher und öfter, aber im Moment fällt es mir auf. Ist doch dieses Verkehrsthema irgendwie aufgeploppt in unseren Twitter-Unterhaltungen. Ich war mir nicht bewusst, wie alien-artig ich anscheinend wirke, wenn ich von mir sage, dass ich quasi nie über rote Ampeln gehe. So genau habe ich mich dabei bisher gar nicht beobachtet, und schon gar nicht über die Hintergründe reflektiert. Erst heute, als sie staunten und sich verwunderten und mein Brav-vor-roten-Ampeln-warten gar mit Gesetzestreue in Zusammenhang gebracht wurde, begann ich darüber nachzudenken.
Ja, warum bin ich eigentlich so? Als ersten Grund nannte ich spontan die Kinder. Mit denen könnte diese Gewohnheit natürlich zusammenhängen. Sind doch Kinder erst nach ein paar Jahren in der Lage, ihre Impulse in der Verkehrssituation ausreichend zu kontrollieren und dann einzuschätzen, wann wirkliche Gefahr droht und wann nicht, wie schnell sich etwa ein Auto nähert und ob man es noch schafft. Der Sohn erreichte diese Reife ca. mit zehn, die Tochter mit sechs, schätze ich. Also war ich für die Kinder etwa zehn Jahre lang das Rote-Ampel=No-go-Vorbild. Erst jetzt allmählich kann ich das auflösen und tue es auch.
Und trotzdem stehe ich brav an roten Ampeln. Nicht mehr wegen der Kinder also, und schon gar nicht wegen Gesetzestreue, oh nein. Gerade im Straßenverkehr schaffe ich mir allzuoft meine eigenen Regeln; so oft (und zuweilen unbedacht) jedenfalls, dass die Bußgeldstellen gut an mir verdienen. Zu Studentenzeiten war ich die, die mit Freunden zusammen nachts Verkehrsschilder abschraubte und an anderen Stellen wieder anbrachte, damit wir von nun an besser zu unserem Wohnheim fahren konnten. Warum also dann gehe ich nicht oder sehr selten über rote Ampeln?
Hm, darüber habe ich heute erstmals nachgedacht. Ich glaube, meist bin ich einfach verträumt. Der rote-Ampel=steh-Reflex wirkt noch tief aus der Kindheit, wurde jetzt durch die eigenen Kinder kräftig aufgefrischt, und dann stehe ich eben träumend vor einer roten Ampel, ganz automatisiert. Und wenn grün wird, laufe ich automatisiert los. Ich denke darüber nicht nach, ich stehe da, ohne es zu merken.
Ich sehe ja auch gar keinen Grund, bei rot loszulaufen. Warum denn? Was ist auf der anderen Seite besser als auf dieser? Warum sollte ich nicht stehenbleiben? Zeit verliere ich? Nein, so erlebe ich das nicht. Das war eine der wichtigsten Lektionen meines Russlandjahres: Zeit lässt sich nicht verlieren. Sie ist immer noch da, auf dieser oder auf jener Seite.
Also: Ich glaube, ich werde weiterhin an roten Ampeln stehen, weil ich keinen Grund sehe, dies nicht zu tun. Nennt es einfach Marotte. Und wenn es Euch stört, langweilt oder unverständig scheint, dann geht doch schonmal ohne mich auf die andere Seite. Es wäre schön, wenn Ihr dort auf mich warten würdet, bis auch ich – bei Grün dann – die Straße überquere. Dann können wir nämlich zusammen lachen, über mich und diese meine Marotte. So jedenfalls gehen meine Kinder damit um. Sie lachen über mich, ich mit ihnen, und wir haben wunderbar lustige Momente zusammen.

Übrigens habe ich natürlich auch Marotten, welche mich selbst stören und schmerzen – oder heißen sie dann nicht mehr einfach Marotten? Jedenfalls: Im Gegensatz zum Rote-Ampel-Tick würde ich über diese wirklich tiefgehenden, mich schmerzenden Seltsamkeiten nie flapsig irgendwo in der Öffentlichkeit schreiben. Ich wage sie ja kaum meinem Tagebuch anzuvertrauen. Heute während meiner Deichfahrt habe ich über eine von ihnen nachgesonnen. Da ist noch vieles zu erlösen. Aber nicht hier, nicht jetzt, das muss erstmal in mir selbst reifen. Heute begann mein Kopf während des Radelns ein wenig an dem Thema herumzukneten, es ist ein Anfang. — Und wenn das rote-Ampel-Gespräch nur dafür gut gewesen sein sollte …

Tag 3: Castel San Giovanni – Piacenza

Immer wenn mir auf Reisen zu einem Tag zunächst nicht viel einfällt, wenn mir scheint, ich hätte kaum etwas wahrgenommen, jedenfalls nichts Aufregendes, das ich als erzählenswert ansehe, wenn alles einfach so dahinfloss und -fließt, dann bin ich hier. Hier angekommen. Oder wie immer man das nennt, wenn nicht viel Neues, nicht viel Auffälliges den Tag durchsetzt, sondern wenn alles so ist wie es ist. Dann hat der wunderbare Zustand des reisenden Seins eingesetzt, des Ruhens im Unterwegssein.

Und doch war und ist da natürlich etwas an solchen Tagen. Vieles sogar. Zum Beispiel abwechslungsreiches Wegpflaster. Verschiedenartigster Schotter wird mir unter die Reifen gelegt. Über viele Kilometer ein besonders unangenehmer, der mehr als 9-11 km/h kaum zulässt, bei dem ich um meine Reifen fürchte und der so lose auf dem sandigen Untergrund verstreut liegt, dass die vom Reifen weggepeitschten spitzen Steine sicher zahlreiche Frösche und Kröten am Wegesrand erschlagen. (Am Ausgang dieses Schotterdeichweges treffe ich dann übrigens auf eine radlersichere Schranke. Ich hätte gar nicht auf dem Weg sein dürfen, stelle ich an seinem Ende fest. Es bleibt nichts andres übrig als unter der Schranke hindurchzuklettern.) Holperasphalt wie an den vergangenen Tagen gibt es natürlich auch. Auf Straßen und auf zahlreichen asphaltierten Deichkilometern gibt es Untergrundabwechslung. In völlig undurchschaubarem Rhythmus folgt Gutasphalt auf Schlechtasphalt auf Gutasphalt usw.

Ich nehme es, wie es kommt. Ja, auch das ein Zeichen des Ruhens im Unterwegssein. Wenn ich nicht mehr hadere, nicht ob der Wind gegen mich oder mit mir ist, nicht ob Schotter Schotter ist und Asphalt gut oder schlecht, nicht dass die Sonne heiß und der Regen nass ist, wenn mich all das nicht mehr erregt oder gar aufregt, sondern wenn ich einfach fahre und fahre und fahre, wenn es mein Tempo und mein Rhythmus geworden ist, wenn mein Treten mit mir zusammen klingt, wenn die Begriffe Anstrengung und Geschwindigkeit aus dem Denken und Fühlen verschwunden sind … dann ist jeder Straßenbelag, jede Tachoanzeige egal geworden. Dann bin ich da.

Na gut, ich gebe zu, der Schotter sorgt mich trotzdem. Weil ich um die Reifen fürchte. Eine Reifenpanne – nein, das wäre doch nicht ganz mein Fluss. Aber, wäre sie denn da, würde ich sie vielleicht einbauen in dieses Fließen? Könnte ich das, so ganz im Innern? Ich weiß es nicht. Es  kam zum Glück bisher nicht dazu. Seit 6000 km sind die Reifen mir freundlich gesinnt. Aber eines Tages wird sich mir diese Frage beantworten.

Ich bin also im Fahren angekommen. Durch die Landschaft gleiten, ohne zu spüren (und zu wollen und anzustreben), dass es vorwärts geht. Die wilden Mohnblüten, die den Wegesrand fluten, das ungestüm-schöne in die Fahrbahn hineinragende Unkraut, die Weiten der unendlichen Ebene, dahinter am südlichen Horizont die Schemen von Bergen, der Fluss, das Grün, die einsamen Gehöfte, das alles. Das ist Da-sein in der Landschaft.

Oder ist es nicht eigentlich Da-sein in meinem Leben? Puh, was für ein großes Wort. Und doch: Es ist ja mein Leben, das hier um mich ist. In meinem Kopf trage ich viele Dinge von Zuhause mit mir, neben dem Hiesigen. Der Kopf tut, was er immer tut: er arbeitet und verarbeitet, bedenkt und zerdenkt, sortiert und konstruiert, schafft sich und mir in jedem Moment eine eigene Welt. (Viele dieser Welten werden nie nach außen sichtbar werden, ja werden auch mir selbst wieder verfliegen.). Mein Körper arbeitet auf seine Weise. Das tut ihm gut, weil er zu Hause oft zu wenig zu tun hat, weil er meist wenig beachtet ist. Und mein Ich, meine Seele, mein Herz, wie immer ich mein Ich mit einem Namen versehen könnte, dieses Ich ist in sich und in allem, ist hier und dort gleichzeitig, ist mit sich stimmig. Es ist einfach, das Ich. Wenn ich nun weitere Worte suche, dann beginnt es vielleicht kitschig zu klingen, oder esoterisch. Dann zerrede ich das Kostbare. Also höre ich mit diesem Faden besser auf.

Übrigens, weil ich vorhin vom Mich-Fügen in den Weg schrieb: Immer dann, wenn ich beginne mich hineinzufinden, dann findet der Weg auf wundersame Weise zu mir. Heute zum Beispiel hat er mir zum Ende hin ein langes glattes Stück Deichradweg hingelegt, das sich quasi von allein fuhr. Er schenkte eine sichere Einfahrt in die Stadt, auf einer von der Straße abgegrenzten Radspur über die Pobrücke, ohne ein Fünkchen Gefahr – im Kontrast zur Angstbrückenüberquerung am Morgen – und er führte mich (falknavi-gelenkt) auf gutruhigen Radwegen bis in die Herberge. So wie auf den letzten Kilometern erlebte ich Radwege hier noch nicht, so kenne ich sie nur von zu Hause.

Ich vergleiche also. Alles ist voller Vergleiche, dauernd ziehe ich das Heimische heran, um das Hiesige einzuordnen. Heute zum Beispiel kamen mir auf dem Deichweg abgeerntete braungrüne Felder entgegen. Strohrollen, wie wir sie von Spätsommerbildern kennen. Hier gehört das Bild in den Mai. Alles ist anders.

Alles ist anders. Das erlebe ich bei dieser Reise durchs fremde Land viel mehr noch, als ich vorher vermutete. Es ist ja nicht nur die Sprache. Diese wage ich inzwischen zu benutzen, es klappt, ich werde beim Wichtigsten verstanden, ich verstehe das Wichtigste. Sogar eine Mail an eine Unterkunft schrieb ich auf italienisch. Anders ist das ganze Sein. Weniger noch als in den Dörfern kann ich etwa in das Leben der Menschen in der Stadt hineinschauen. Am Abend leert sich die Innenstadt, man spürt nicht, dass hier jemand wohnt. Die Pizzerias und Trattorias sind auf Touristenfang aus, sie winken mir zu, ich winke ab. Das sind nicht die Orte, wo ich sein möchte. Ich mache ein paar Fotos von Dom, Plätzen und Palästen, aber echtes Leben finde ich hier am Abend nicht. Wo leben die Menschen? Auf dem Heimweg zur Herberge führt mich meine Spürnase für die Essensquellen der Einheimischen in ein unscheinbares Eckkneipchen mit karierten Tischdecken. Hierher kommen die Leute von der Arbeit, hier gibt es leckerste Pizza, hier reden alle mit- und durcheinander, hier pulsiert das Feierabendtreiben, und hier werde ich bedient. Lächelnd und umgehend, und nicht wie neulich nach endlosem Warten. Hier ist ein echter Ort. Und doch bleibe ich die Fremde. Jedenfalls vom inneren Gefühl her. Von außen – das fällt mir jetzt beim Schreiben erst auf – starrt mich niemand an, fragt mich niemand. Ich scheine in die Runde der Feierabendmachenden aufgenommen.

Die Fremde bin ich dann wieder in der Herberge. Ich übernachte dort fast allein. Warum ist hier sonst niemand? Für den witzigen Preis von 25,38€ – ja, man kann spekulieren, ob das an Steuer, Rabatt, Seniorenermäßigung oder einfach am Zufall liegt – darf ich hier schlafen und frühstücken. Bloß eines darf ich nicht: Später als 23 Uhr heimkommen. Das allerdings sagt man mir nicht, das hätte ich doch sonst verstanden. Jedenfalls stehe ich um 23.15 vor verschlossenem Tor. Sowas von verschlossen, das hätte ich mir so nicht ausmalen können. Vielleicht ist es Glück, dass ich ein Bier und einen halben Liter Wein getrunken habe, denn ich sehe meine Lage zu keinem Zeitpunkt als aussichtslos an. Die Nachtwächtertelefonnummer funktioniert zwar nicht, und auf das Klingeln reagiert zunächst niemand, aber der Zaun ist nicht unüberkletterbar, denke ich. Als ich gerade probieren will, reagiert doch jemand aufs Klingeln. Versteht aber offenbar mein Problem nicht, denn auf sein „un attimo“ passiert wiederum eine Viertelstunde lang nichts. Ich entscheide mich für erneutes Klingeln und schildere meine Lage noch einmal in holprigstem Italienisch. Aha. Jetzt versteht er. Und kommt sogleich. Ein junger Angestellter, der in der Herberge wohnt. Er entschuldigt sich tausendfach, dass er mich beim ersten Klingeln nicht verstanden habe, ich entschuldige mich tausendfach, dass ich die 23-Uhr-Regel nicht mitbekommen habe, wir entschuldigen uns ein Weilchen hin und her, und dann – nachdem auch noch die Haustür verschlossen ist und er mich durch die Labyrinthgänge eines Bedienstetentraktes in mein Zimmer führt – liege ich endlich in meinem Bett. Da war schon der Gedanke in mir aufgeflackert, dass ich im Freien übernachten müsse. Jedoch tief im Innern war irgendwie Gewissheit, dass es einen Weg ins Haus hinein geben müsse. Solch eine Gewissheit könnte man doch öfter im Leben gebrauchen …

Eine durch Schlafen im Freien ausgelöste Polizeibegegnung bleibt mir also erspart. Auch auf andere Weise komme ich mit der Miliz nicht in Berührung. Obwohl ich heute beginne über rote Ampeln zu fahren. Im Pulk noch, aber es ist ein Anfang. Obwohl ich in der Stadt stets gegen die Einbahnstraße fahre. Wie es alle machen, vermutlich weil man dann nicht gefährlich nah von Autos überholt wird. Obwohl ich in der Fußgängerzone fahre. Obwohl ich unter Alkoholeinfluss fahre. All das bleibt unauffällig und unbehelligt. Dabei hatte ich gehört, dass ausländische Verkehrssündigende hier gern drakonische Strafen zahlen? Mal schauen. Bisher hat mich die Miliz jedenfalls geflissentlich übersehen.

Und nun breche ich auf und gebe ihr neue Gelegenheit, mich wahrzunehmen …

Tag 2: Pavia – Castel San Giovanni

Aus wunderbarstem Zeltschlaf von Vögeln und Sonne geweckt werden, wolkigblauer Himmel, Bäumerauschen, der Fluss in der Ferne …

Bis dann der Zeltplatz, die Nachbarn mit den kreischenden Kindern, die Autos und überhaupt alles erwacht. Ein Fastinnenstadtzeltplatz, die Stadt pulsiert (Pfingstmontag ist hier kein Feiertag) – ich entscheide mich für schnellen Aufbruch. Ich habe keine Lust, inmitten der ringsum einpackenden Unruhe zu kochen, frühstücke lieber auf dem Marktplatz.

Dort sitzt es sich besser, ruhiger, gelassener, ich bleibe lange dort, unter den Arkaden des Straßencafés. Schreibe den gestrigen Blogpost und suche mir für abends ein Zimmer, was nicht einfach ist. Es gibt keine Campings, es gibt nur verlassene Dörfer. Nachdem ich gestern durch etliche gefahren bin, hoffe ich auf ein Quartier am Wegesrand besser nicht. Also buche ich per Internet und nach einiger Suche ein Zimmerchen, etwas ab vom Wege, südlich des Po. Dass dies nicht die günstigste Lage ist, überschaue ich im Moment noch nicht.

Jetzt trinke ich Kaffee und atme Sonne ein. Erst nach 12 Uhr breche ich auf, es fühlt sich gemächlich an, da es wie gestern nur um die 60 Kilometer sein werden. Was ich noch nicht weiß: der Weg führt heute zumeist über kleine Landstraßen, es gibt kaum Radwege. Und kleine Landstraßen bedeuten Asphalt etwa aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, geschätzt. Dutzende Sommer und Winter hatten Gelegenheit, die Oberfläche mit Rissen, Spalten, kindskopfgroßen Löchern zu durchfurchen. Als Fotosujet ergäben sich wunderbare Strukturen. Aber ich habe, da ich mich hindurchrüttele, keinen Nerv dafür. Über weite Strecken des Tages fände ich die Fortbewegungsbezeichnung Rumpeln sehr treffend. (Bei der Gelegenheit fällt mir auf, dass meine Vordertaschen immer noch so klappern wie letzten Sommer. Nicht, dass ich fast ein Jahr Zeit gehabt hätte, dies zu richten …)

Glücklicherweise bin ich auf den kleinen Straßen meist ganz allein und kann nicht nur meinen Weg frei durch die Asphaltfurchen wählen (oft ist die Straßenmitte die einzig fahrbare Spur), sondern mich auch ungestört in die Landschaft vertiefen. Flach, flacher, am flachesten. Mohnblumen wohin man blickt. Hin und wieder Bäume. (Nur gut, dass wir nie im Sommer die Idee hatten hierherzufahren. Unschattig sind auch 20 Grad warm genug.) Verlassene Ortschaften. Stille Ruinen. Reisfelder und sonstige Landwirtschaft. Der Weg auf dem Deich. Kaum Menschen. Selbst die am Nachmittag aus den Schulbussen ausgeschütteten Kinderscharen verlaufen sich schnell in den Gassen, und alsbald ist es wieder menschenleer.

Erst spätnachmittags, und nur in den Bars an den Dorfplätzen wird es belebter. Dort trifft man sich, dort treffen die Männer sich. Wirklich, ich sehe keine Frauen. Und ich stelle mal wieder fest, an wie vielen kleinen Details sich Fremdsein festmacht. Ich weiß schlicht gar nichts über das Leben in den italienischen Dörfern, wie es sich anfühlen mag, hier seine Tage zu verbringen, was die Menschen umtreibt, wovon sie leben, was sie beschäftigt. Ich rolle hindurch, werfe meine Blicke auf die sichtbare Oberfläche und kann nichts, aber wirklich fast nichts einordnen.

Umgekehrt geht es denen, die mich beobachten, wohl ähnlich. Einige Male werde ich im Laufe der beiden Tage angesprochen, auch das ausschließlich von Männern. Meist kommt die Woher-Wohin-Frage, es geht um ein paar Details des Reisens. Dafür, dass ich Italienisch nur vom Zuhören während des Urlaubs gelernt habe, schlage ich mich wacker, finde ich. Verstehe in Grundzügen und kann wohl meist sagen, was ich meine. (Hoffe ich. Dass ich auf die Woher-Frage immer „di Germania“ sage und die dann wohl glauben, ich sei von dort bis hierher geradelt, dafür kann ich nichts:))
Aber für weitere, tiefere Gespräche reicht es leider nicht in Ansätzen. Denn die häufigste erstaunte Frage ist die nach meinem Alleinreisen. Gern würde ich mein knappes „Si“ ein wenig kommentieren, das vermag ich aber nicht. So bleiben meine Gegenüber mit ihrem Erstaunen stehen, und ich kann nichts dagegen machen. Gestern etwa bekam ich einen Kommentar mit „forza“, „coraggio“ und „violenta“. Insbesondere letzteres Wort hätte ich gern erläutert gehabt:)

Nun, so ist das in einem fremden Land. Immerhin ist es weniger unheimlich als vorher befürchtet. Ja, doch, ich hatte Respekt vor dem Alleinunterwegssein hier. Binnen kürzester Zeit fühlt es sich jedoch normal an. Eben bis auf die Sprache und die damit ausfallenden Gespräche am Wegesrand und an den Pausenstationen. Die fehlen mir, wirklich.

Und die Eigenheiten des Verkehrs, die sind gewöhnungsbedürftig. Im Radwanderführer heißt es dazu: „Stellen Sie sich auf eine etwas ‚andere‘ Fahrweise ein; wichtig ist vor allem, dass Sie flexibel auf verschiedenste Verkehrssituationen reagieren.“ Nun, ich übe mich darin.

Glücklicherweise begann ich zum Eingewöhnen ja an einem Sonntag, also in abgemilderter Verkehrsflussstärke. Schon da fiel auf: was den Autos die Hupe, ist dem Fahrrad der Stinkefinger. So beobachte ich das. Meinen eigenen Stinkefinger habe ich noch nicht eingesetzt, ja, noch nicht mal geübt. Ich vermute, ich kann das gar nicht.

Aber „flexibel reagieren“, das kann ich. In der Tat scheint nicht wie bei uns jeder Schritt und Tritt durch Regeln festgelegt. Vorfahrtssituationen an gleichberechtigten Straßen etwa werden durch Blickkontakt, Mut zum Vorfahrtnehmen und Entschlossenheit gelöst. Da ich im Verkehrsbereich eher die Omega-Radlerin bin, warte ich also oft sehr lange, bis ich „dran“ bin. Ebenso an roten Ampeln. Treubrav deutsch stehe ich davor und bin damit vermutlich Objekt der Belustigung für die Umsitzenden in den Cafés. Zu lernen also: einmal in dieser Woche möchte ich es schaffen, über eine rote Ampel zu fahren:) Was ich nicht lernen möchte: unter geschlossenen Bahnschranken durchklettern. Auch das machen hier alle, vermutlich weil die Zeitdauer zwischen Schließen und Zugdurchfahrt äußerst großzügig bemessen ist.

Radwege gibt es wenige. Am Kanal entlang waren sie gut zu fahren, woanders traf ich kaum auf welche. Durch die Städte hindurch ist manchmal ein Randstreifen für uns markiert. An jeder Straßenüberquerung und an Kreuzungen aber endet der Radweg und beginnt drüben neu. Auf der Straße selbst muss man dann sehen, wo man bleibt. Außer auf Pavias Hauptkreuzung: Dort gibt es das Gegenkonzept: einen Radweg nur auf der Kreuzung. Vorher nichts, nachher nichts, aber die Riesenkreuzung hat Radspuren. Hm. Alles wirkt erratisch.

Man fährt also oft Straßen. Auf den großen geht es zur Sache. Radwege gibt es nicht, eine ausreichende Straßenbreite manchmal. Dennoch wird viel knapper am Rad vorbeigefahren als wir es gewohnt sind und als ich es angenehm finde. Mein neuerlernter Trick daher: Ich fahre immer etwas mittiger auf der Spur als zu Hause, und erst wenn das Auto hinter mir zum Überholen ausgeholt hat, fahre ich nen Meter nach rechts. So schaffe ich mir meinen eigenen Wohlfühlabstand, das klappt ganz gut.

Bloß gestern abend, das war unheimlich. Ohne eine Wahl gehabt zu haben, hatte ich mein Zimmer auf der anderen Seite des Po gebucht. Mit der Folge, dass ich über die einzige Pobrücke auf einer vollen und engen Schnellstraße radeln musste. Von meiner erstmaligen Pobegegnung gibt es aus diesem Grunde kein einziges Foto. Und nicht genug damit: die enge, volle Schnellstraße führte in der Folge noch über eine Autobahn, einen Kanal und eine Bahnlinie, insgesamt etwa 5 Kilometer. Nein, das brauche ich nicht jeden Tag. (Werde es aber nachher wieder zurückfahren müssen.)

Einheimische radeln diese Straße übrigens auch. Vermutlich sind sie im Innern viel unbekümmerter. Ob man gelassenen Umgang mit diesem Verkehr erlernt, wenn man ein Leben lang hier wohnt? Ein wenig wohl schon. Am Morgen etwa, als ich vom Zeltplatz ins Stadtzentrum fuhr, hätte ich im früherwachten Fußgängergedränge wieder, wie abends, geschoben. Vor mir aber fuhren zwei Italienerinnen und bahnten den Weg durch die Menge. Wie sie das machten, hat sich mir nicht erschlossen, aber es funktionierte. Und ich konnte mich einfach anhängen in dieser freigeschaufelten Schneise zwischen all den Fußgängern.

Upps, der Tag ist längst erwacht, und ich sitze auf meinem Ostello-Bettchen und schreibe immer noch. Ein wenig schaue ich ja doch auf die Uhr. Frühstücken, einmal durch die Stadt kurven (die ich gestern abend bei einem Spaziergang nur im Dunkeln sah), über die lange furchtbare Brücke zurück auf den heutigen Deichradweg, und dann nach Piacenza, wo wiederum kein Zeltplatz, sondern ein Ostello auf mich wartet.

Mein Unterwegstag beginnt …

Tag 1: Trezzano (bei Milano) – Pavia

Und plötzlich bin ich unterwegs. Sie sind unspektakulär losgegangen diesmal, die Ferien. Nicht wie schon so oft: mit wochenlanger Vorfreude, Zählen der Tage, Verfluchen des immer noch davor liegenden Alltags. Diesmal war der Abfahrtstag plötzlich da. Natürlich nicht so plötzlich, dass ich nicht noch alles hätte packen und vorbereiten können, aber es war ein sanfter Übergang. Gerade noch war ich arbeiten, und jetzt sitze ich eben im Auto auf dem Weg nach Norditalien.

Die ganze Hinfahrt lässt mich dieses besondere, neue Gefühl des Unspektakulären nicht los. Der Urlaub, die Reise trägt nicht mehr die Last, ein hervortretender Sehnsuchtsort zu sein, der alles an Träumen erfüllen muss, an denen es im Alltag mangelt.

Nun ja, so neu ist das eigentlich nicht. Schon längere Zeit nehme ich es wahr. Nicht dass ich mich in den letzten Jahren weniger auf mein Reisen freuen würde, nicht dass es mir weniger wichtig wäre. Ich vermute, es hängt zusammen mit einem neuen Blick, einem neuen Angekommensein in dem, was man Alltag nennt, in dem, was da Tag für Tag an Aufgaben vor mir liegt. Ich bin im Frieden mit all dem, so etwas ist es vermutlich.

Das Notizbüchlein, welches mir die Freundin, die beste, neulich schenkte, mit dem Titel „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, dies fülle ich seither regelmäßig. Auf den linken Seiten mit Momenten, die ich als verlorene bezeichnen könnte, auf der rechten Seite mit Stärkendem, Nährendem. Was ich dabei erkenne? Rechts steht viel, so viel, dass ich es oft auf Stichpunkte verknappe, um die Spalte nicht länger als die linke werden zu lassen. Links dagegen gibt es an vielen Tagen nicht viel zu notieren, und wenn, dann sind es am ehesten Momente, in denen mich Emotionen gefangenhalten, welche mir Raum nehmen. Selten sind es Tätigkeiten und To-do-Dinge, welche sich dort finden.

Doch darüber wäre ein andermal nachzusinnen. Für heute wollte ich vom Reisen erzählen. Plötzlich also sind wir unterwegs. Direkt vom Schulschluss auf die Autobahn, mit mäßiger Stauzeit am Gotthard-Tunnel, mit rechtzeitiger Ankunft im kleinen Agriturismo oberhalb des Comer Sees, um dort noch ein wunderbares Abendessen mit viel Rotwein zu bekommen. Die Kinder – sie sind inzwischen auch schon italophil – vertiefen sich in spontan heruntergeladene Italienisch-Lern-Apps. Der Sohn entrüstet sich, dass sich das Italienische partout nicht in die Grundzüge der lateinischen Grammatik fügt, und dass die App gleich am Anfang den Satz „Lei é cane grande.“ (muss da nicht ein „un“ rein?) bietet, wo man den als Tourist ja wirklich nicht brauchen könne. Wobei, fällt ihm dann auf, es gebe schon etliche Situationen, in denen genau dieser Satz außerordentlich witzig wäre. Findet er. Die nächsten Tage werden geprägt sein vom Einwerfen dieses Satzes durch den Sohn in alle erdenklichen Gesprächssituationen. Wir lachen viel. Ja, doch, es war selten so entspannt mit unseren pubertierenden Kindern. Sie genießen das Land, die Sonne, die Stimmung, das Essen. Wir auch.

Und wir erinnern uns. Fahren am nächsten Tag mit der Fähre nach Bellaggio auf die innere Halbinsel des Sees, wo wir vor sieben Jahren eine Herbstferienwoche verbrachten. Alles erscheint so nah. Nur die Kinder sind ein Ende größer geworden.

Am Sonntag dann fahren die Kinder mit dem Papa für eine Woche nach Rom weiter, während sie mich und mein Fahrrad in einem Vorort von Milano abwerfen, damit ich dort die lang schon geplante Po-Radtour beginne. Schon in den letzten beiden Jahren nämlich stand sie auf dem Plan für die Pfingstferien. Beide Jahre jedoch kam unerwarteterweise der Jugend-musiziert-Bundeswettbewerb des Sohnes dazwischen. Und im Sommer wollte sich niemand in diese Hitze hier begeben. Jetzt aber. Es ist warm, es ist trocken, es ist ideales Radelwetter.

Wir trinken inmitten von Hochhäusern noch einen Kaffee zusammen, ich baue alles ans Fahrrad, die Tochter schaut traurig und weint ein bisschen, mit den Worten: „Wenn wir uns wiedersehen, bin ich nicht mehr klein, dann bin ich schon 10.“ (Sie wird in Rom Geburtstag haben; wir feiern dann etwas später, wenn wir uns im Po-Delta wiedersehen.) Und dann sind sie weg.

Ich bin direkt auf dem Radweg entlang des Naviglio-Kanals. So wie alle, alle Italiener, es ist schließlich Sonntag. Auf den Straßen dürfte demnach niemand mehr sein. (Doch, da sind noch welche, ich mache meine ersten Erfahrungen im Umgang mit dem italienischen Straßenverkehr. Es ist anders. Ich erzähle es morgen vielleicht ausführlich, wie ich hier überlebe. Wenn ich bis dahin überlebe:))

Trotz der vielen Radler ist es doch bald sehr ruhig. Rechts am Horizont eine schneebedeckte Alpenkette, neben mir der plätschernde, froschquakende Kanal, die flacheste Landschaft der Welt mit mohngesprenkeltem Grün – es fühlt sich nach wenigen Minuten schon sehr, sehr, sehr richtig an.

Bald liegt das Kloster Morimondo am Wegesrand. Ich suche mir dort eine Bank für mein noch sehr deutsch-lebensmitteliges Picknick inmitten einer volksfestartigen Sonntagsatmosphäre auf den Klosterwiesen. Es ist lebendig, aber nicht laut. Gut, so richtig gut.

Viele weitere Kilometer geht es ruhig am Kanal entlang, bevor ich für eine Weile auf die Straße muss. Hui, das ist unerwartet heftig. Mit Kindern – so wie vor zwei Jahren eigentlich geplant – wäre das wenigstens nervenaufreibend.

Es geht über den Fluss Ticino, und zwar über eine riesige Pontonbrücke. Wie die gewellte Brücke da auf unterschiedlich hohen Schwimmkörpern liegt, die wiederum mit Seilen an dicken Pfeilern hängen, wie es klingt und mit jedem Auto wackelt, das ist schon speziell.

Südlich des Flusses muss ich noch ein bisschen Straße schaffen, bevor es wieder ruhig wird. Hin und wieder mit Ticino-Flussblick, häufiger aber mit Reisfeldern rechts und links des Damms (wie ich auf Twitter lerne), ab und zu mit der Assoziation Havelradweg und in traumhafter Einsamkeit (bis auf ein Packtaschenradlerpaar aus Paris) fahre ich dahin.

Bis ich mich plötzlich auf einem Straßenfest in Pavia wiederfinde. Die Stadt ist voll, die Gassen sind so verstopft, dass ich mein Radl kaum hindurchzuschieben schaffe. Eigentlich wollte ich erst morgen früh in die Stadt, aber der Weg von der Brücke zum Campingplatz führt mitten hindurch. Na gut, so schiebe ich eben. (Morgen werde ich lernen, dass es auch anders geht. Doch davon später:))

Nicht weit vor der Stadt liegt mein Campingplatz, ich bekomme, als Exotin zwischen lauter Wohnmobilen, einen kuscheligen Eckplatz und werde – außer von den deutschen Nachbarn mit den dauerkreischenden Kindern – von allen freundlich beäugt, gegrüßt und angesprochen.

Sitzen, duschen, schreiben, träumen. Und mich dann für die Pizzeria um die Ecke entscheiden, weil diese doch verlockender ist als meine deutsche Tütensuppe. Es scheint hier übrigens mehr als in Deutschland eine Besonderheit zu sein, als Frau (oder überhaupt) allein essen zu gehen. Zwar wird gefragt „sola?“ und das zweite Gedeck weggeräumt, aber danach werde ich lange nicht bedient. Ich schließe zwar die Karte und schaue sehr auffordernd (für das Rufen treffender Worte fehlen mir Italienisch-Kenntnisse), aber nichts passiert. Ich weiß auch nicht, warum. Jedenfalls entscheide ich mich irgendwann für Winken und bekomme – was lange währt, wird endlich gut – wunderbarste Rucola-Pizza mit Vino bianco.

Die Nacht wird gut. Es ist so warm, dass ich den Schlafsack von mir werfe, und so still in der schlafenden Stadt, dass ich den Fluss fließen höre. Was will man mehr.