#3wegsam

#3wegsam-Bilder-11: Auf bekannten Wegen

Ob ich es wohl schaffe, heute tatsächlich weniger Worte um die Bilder zu machen? Wie in den letzten Tagen bin ich abgrundmüde, mir ist kaum nach Sagen, und dann plaudert es doch los, sobald sich meine Erinnerungskästchen öffnen. Also mal schauen – diese Reiseerinnerungsbilderposts entstehen tatsächlich ganz spontan. Insofern weiß ich wirklich nicht, was hier in einer halben Stunde veröffentlicht werden wird:)

Das tschechische Land begrüßt mich mit einem heftigen Gewitterguss, welcher uns als bunte Radler-Wanderer-Gruppe unter einem Unterstand zusammenführt. Mit jedem pitschnassen Ankömmling wird es enger … und am Ende haben die Deutschen die wichtigsten tschechischen und die Tschechen die wichtigsten deutschen Wörter erlernt, Baby Martina ist von allen Seiten ausgiebig beknuddelt worden und beginnt das Leben in Radlerkreisen zu genießen, mit entgegenkommenden Radlern sind alle Tipps und Hinweise ausgetauscht – Zeit für Aufklarung des Himmels. Es klappt. Der Rest des Tages (und der nächsten auch, übrigens) bleibt weitgehend regenfrei.

(Aha, hier geht die Plauderei schon wieder los:))

 

Die Erinnerungsbilder von vor zwei Jahren kommen unerwartet klar hinter jeder Ecke hervor, ich kann mich an viele Wegbiegungen erinnern, selbst, wenn ich jetzt in die Gegenrichtung fahre.

Als erster Ort im neuen Land kommt Decin …

 

… dessen Schloss ich heute weitoben am Wegesrand liegenlasse.

 

Usti nad labem bleibt gleich ganz auf der anderen Flussseite, ich nutze die flinken Uferwege, die – bis auf Brückenausläufer – die Stadt großräumig umfahren.

 

Die Gestalt des Flusses wandelt sich bald in eine solche.

 

Und ich kann kaum anders als den gleichen Übernachtungsort wie damals zu wählen, …

 

… auf dem Zeltplatz bin ich so gut wie allein, hier ließe sich ruhig auch länger bleiben.

 

 

 

Am Morgen eine schnelle Stadtdurchfahrt durch Litomerice …

 

… vor erneuten Kilometern direkt am Fluss …

 

… und seinen Uferorten.

 

 

 

 

 

Melnik, so schnell schon bin ich kurz vor Prag. Dass ich die Strecke kenne, lässt sie mir unter anderem kürzer erscheinen. Ein interessantes Phänomen. (Hier zu Hause ziehen sich mir bekannte Strecken eher in die Länge. Nachgrübelstoff.)

 

Hier fließt die Moldau (rechts) in die Elbe (links). Vom Wasservolumen her, heißt es, sei die Moldau der mächtigere Fluss. Geographisch korrekt wäre es also, wenn vor kurzem in Hamburg die Moldauphilharmonie eröffnet worden wäre. Sozusagen. Aber das lässt sich wohl nicht mehr revidieren. Zumal einem das Wort „Moldauflorenz“ nicht so gut über die Lippen geht:)

 

Jedenfalls, ich verlasse die Elbe, ihre Quelle sitzt im nördlicher liegenden Riesengebirge, da will ich nicht hin. Das hellblaue e-Schild, das gleiche wie auf dem deutschen Elberadweg, tausche ich gegen das mittelblaue V. Denn Moldau heißt auf tschechisch Vltava. Warum das so ist, konnte mir noch niemand erklären. Mit einer Lautverschiebung hat es ja wohl nichts zu tun. Die von mir befragten tschechischen Menschen sind dem Rätsel auch nicht auf die Spur gekommen.
Von jetzt ab also: Vltava-Radweg Nr. 7.

 

Das erste Stauwerk folgt nach einem Kilometer, man zählt hier flussaufwärts.

 

Dieses Brückenbild hat lediglich Erinnerungswert. Schleppten wir doch damals unsere Räder samt Gepäck über dieses Brückchen; das vergisst man nicht so schnell.

 

Während ich diesmal schlauer bin und ein paar Kilometer weiter in ein verlassenes Dorf radle, um mich von dem aus seinem Haus geklingelten Fährmann über den Fluss bringen zu lassen.

 

 

 

Ein Übernachtungsort findet sich heute direkt am Fluss, …

 

… und morgens fährt mir der Schleppkahn quasi durchs Zelt.

 

 

 

Hier übrigens mal ein Lob auf die hiesigen Radwege. Die bisherigen. Später im südlichen Landesteil werden sie sich als noch ausbaufähig erweisen. Bisher aber ist es großartig. Oft sind es sehr durchdachte und radlerfreundliche Lösungen wie etwa diese Radwegquerung, die unter der Fahrbahn aufgehängt ist, so dass man nicht extra zum Fluss hinunter und wie hinaufkurbeln muss.

 

Kurz vor Prag schwächelt der Weg für eine kurze Strecke. Es sind nur 3 Kilometer, aber diese bewirken selbst beim Schieben – streckenweise weiche ich darauf aus – ein zittriges Gefühl in den Beinen. Hier auf dem Bild sieht es harmlos aus, war es aber nicht. Dichteste Ufernähe bei 2-3-Meter hoher Uferkante. Es gibt nicht umsonst eine Ausweichroute oben über den Berg. Mit Kindern sollte man diese hier nämlich unbedingt vermeiden …

 

Nun also: Prag ist in Sicht.

 

Vorher noch ein wenig Volkssport – an jedem Flussstückchen sieht man solche Wassertrainingskanäle – …

 

… bevor die Großstadt auf mich zukommt …

 

… und kurz darauf unser Hotelboot von damals.

Und hier, am Startpunkt der damaligen Reise, höre ich für heute zunächst auf.

 

Die damaligen Liveberichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

 

 

#3wegsam-Bilder-10: Elblängs zur Grenze

Immer noch dreht sich hier vieles und ist noch lange nicht besänftigt. Die Tage wollen im Moment erstmal nur geschafft werden. Raum für Vertiefung suche ich vergebens, so gelingt mir auch Einkehr in Worträume kaum.
Aber mich an Bildern entlanghangeln und ein paar Gedanken hinauströpfeln lassen, das geht und tut gut. Während wohlige Erinnerungen in mir rühren und das Derzeitige sanft einbetten mit ihrem Fingerzeig auf den Fluss vom Gewesenen zum Künftigen, in welchem einzig das Jetzt, selbst das derzeitige Jetzt, die Brücke bilden kann. Ich lerne zu verstehen. Und lasse mich von meinen Bildern ein weiteres Mal forttragen.

In Dresden war ich stehengeblieben mit meinem Erzählen. Nach dem Begegnungsabend ist viel zu schnell Abschied. Jedoch: nur dann kann es neue Begegnung geben. Bald schon? In wenigen Wochen, stimmt’s?

 

Unten am Fluss blicke ich wehmütig flussabwärts. Es ist seltsam, an der einstigen Heimatstadt vorbeizufahren, ohne sie „richtig“ betreten zu haben. Natürlich war das Haus, in dem ich willkommen geheißen wurde, „richtiges“ Dresden, mehr als das. Was ich meine, sind wohl meine damaligen Orte und Kreise. Die waren allesamt im Stadtzentrum, hier flussabwärts hinter der Biege irgendwo auftauchend. Nächstes Mal werde ich nicht vorbeifahren.

 

Heute sehr wohl. Es geht nach Süden.
Nachdem ich den Fluss via Blaues Wunder gequert habe. Noch immer weiß ich nicht, ob der Name dieser Brücke irgendetwas mit der Redewendung „sein blaues Wunder erleben“ zu tun hat. Ich jedenfalls erlebe hier mein blaues Wunder – ganz wörtlich zu verstehen:) – und freue mich an der Samstagsstimmung auf Straßen und Wegen …

 

 

… und am lebendigen Uferleben, selbst wenn der eine oder andere allzu lebendige Spaziergänger mir vor’s Rad springt. Macht ja nichts, ich habe Zeit.

 

Schloss Pillnitz quert meinen Weg, und von da ab so manch bekannter Ort.

 

Bin ich doch zwei Jahre zuvor diese Strecke in umgekehrter Richtung mit dem Sohn gefahren, damals ging es von Prag an die Ostsee. Heute (und die nächsten drei Tage) fahre ich dem Damaligen entgegen und werde wehmütig. In Erinnerung an den ersten Reiseabschnitt mit ihm, nur wenige Tage ist das ja her, in Erinnerung an unser damaliges gutes Miteinandersein, und vor allem immer wieder mit dem Gedanken, dass solch gemeinsames Erleben in den nächsten Jahren immer seltener werden, je mehr er flügge wird. Damals wusste ich noch nichts Genaues von seinem Italienjahr, es war noch nicht klar, WIE nah das Weggehen sein wird, und doch spürte ich es.
Hier etwa – wie an vielen Ecken – ist er so präsent, dass ich ungläubig staune über die Detailliertheit meiner Erinnerungen. Wie uns damals scharfer Gegenwind fast zum Stehen und abwechselnd in die Verzweiflung trieb. Heute ist schon wieder Gegenwind, offenbar muss das hier so sein. Nur bin ich ruhiger und stampfe nicht mit dem Fuß auf, selbst innerlich nicht.

 

Wie wir damals an selbiger Stelle standen und den Brückentouristen ebenso wie den Kletternden zuschauten. Und ich dem Sohn erzählte von meinen Jahren in Dresden, in denen uns – dank einer wanderbesessenen Freundin – allsonntäglich der 6.37-Zug in diese Felsformationen brachte, auf dass wir atemlose Tage in ihnen erlebten.

 

Irgendwann stehe ich an einer Schranke. So ist das von Zeit zu Zeit, das war noch auf jedem Streckenabschnitt so.
Innerhalb des ohnehin schon ruhigen radelnden Unterwegsseins ist der Aufenthalt an Schranken nochmals der Inbegriff des Zur-Ruhe-kommens. Man steht dort und steht. Ohne etwas zu tun. Ohne weiterzukönnen. Ohne sich richtig in eine Pause zu begeben. Man steht eben. Einfach so. Man hat es auszustehen. Kein Wunsch, kein Wirken, kein Eingreifen. Ausharren und Sein.
Ein wahrer Zwischenzustand in der Mitte von allem, was man gemeinhin mit dem Attribut „sinnvoll“ belegt.
Augenöffnende Schranken.

 

Eine Pause nehme ich mir in Rathen, ich sitze und schaue auf den Fluss, um mich zu sammeln und mir klarzuwerden, dass ich wiederum überhaupt noch nicht weiß, wohin ich heute will. Es ist Nachmittag, und ich werde mich wohl nochmal noch ein Stückchen den Fluss entlangtreiben lassen.
(Rätselhaft immer wieder das, was nicht im Bild ist. Auf dieser menschenleeren Uferwiese sitzen nur ich und mein Fahrrad. Gähnende Weite. Eine Großfamilie mit Hund und Streit nähert sich. Und wo lassen sie sich nieder? Zwei Meter von mir entfernt. Ich verstehe das nicht. Ich verstehe es wirklich nicht.)

 

Wieder eine heftige Sohneserinnerung, ich gebe zu, heute ziehen die ein wenig im Herzen. Dort drüben, auf der anderen Seite der Fähre, unterhalb der Festung Königstein, sind wir damals eingekehrt, geschlaucht von Gegenwind, Wegsteigungen und einer morgendlichen Felswanderung, zu Fuß. Heute habe ich bis auf Gegenwind nichts von all dem gehabt. Einkehren muss ich trotzdem, sagt mir die Wehmut. Ohne Hunger, ohne Durst, aber den Ort brauche ich nochmals. Es ist ein seltsam Ding mit dem Erinnern.

 

Nun, und dann geht der Samstag in Dunkelheit über. Weil die Sonne untergeht, und weil Regenwolken aufziehen. Schnell kaufe ich noch ein, um vor den ersten Tropfen den letzten Zeltplatz auf deutscher Seite anzusteuern. Im Kirnitzschtal baue ich auf, direkt neben dem Zelt fährt eine Straßenbahn vorbei (doch doch, mitten in den Bergen:)), und pünktlich nach Kochen und Essen beginnt es zu regnen. Und wie.
Der Morgen empfängt mich voller Pfützen.

 

Das Tal in Niesel und Nebel, eng ans Haus schmiegt sich die Straßenbahn (Beweisfoto!), und ich breche auf, in Regensachen fühlt sich dieser sanfte Regen fast gemütlich an.

 

Unten im Ort, in Bad Schandau, reißt der Himmel mehr und mehr auf, ich wage mich zu setzen und ….

 

… das viele Nass auf dem Rad zu drapieren, dass es ein wenig trocknen möge.

 

Ja, tatsächlich, bis auf eine einstündige Dusche später am Tag bleibt es blauhimmelig, ich bin dankbar, weil ich das Elbtal nochmals in vollen Zügen einatmen kann, bevor es sich auf der tschechischen Seite aufweiten und einen ganz anderen Charakter bekommen wird.

 

Vor lauter Einatmen verpasse ich mehrfach die Fähre, das muss man erstmal schaffen. Und auch auf diese darf ich nur dank  besonderer Großzügigkeit. Denn – „junge Frau, können Sie nicht lesen???“ – oben am Steg stand doch ein Schild, dass man diesen nicht betreten darf, bevor nicht die Erlaubnis … naja … gleich bin ich in Tschechien, manchmal sind deutsche Regeln und Gehorsamkeit ganz schön anstrengend.

 

Auf der anderen Flussseite ist schon Grenze, das ehemalige DDR-Grenzgebäude hat nur noch Strohmannfunktion, verströmt aber rein optisch immer noch seinen geballten Uncharme, manchmal gruselt’s mich, wenn ich mich an damalige Entwürdigungsprozeduren erinnere.

 

Der erste tschechische Ort – Hrensko – auf der anderen Seite, hier übernachteten wir vor zwei Jahren.

 

Und dann ist der Fluss nur noch Fluss, wird von keinerlei Häusern mehr gesäumt …

 

… bis die Grenzsteine auftauchen. So unsichtbar können Grenzen sein. Man schiebt hinüber, und schon darf man in einem anderen Land sein. (Ich bin sehr dankbar dafür.)

 

 

Die damaligen Live-Berichte finden sich hier und hier.

#3wegsam-bilder-9: Begegnungen

Schon viel habe ich gelernt auf diesem Reiseweg. Zum Beispiel, dass ich am gar nicht so frühen Nachmittag weiterfahre, ohne noch zu wissen wohin. Immer weniger brauche ich das feste (Tages)Ziel, kann ich eine gewisse Unbestimmtheit aushalten.
Hier an der Talsperre Spremberg ist schonmal Wasser, solche Plätze sind mir die liebsten. Allerdings ist es zu steril, befinde ich, und zu früh am Tage außerdem.

 

Und während ich so gedankenverloren weitertreidele, bin ich plötzlich in Sachsen.

 

Und noch überraschender: Ich bin in meinem Geburtskreis, und der liegt doch eigentlich an der östlichen Bundeslandgrenze, während ich hier im nördlichen Zipfel bin … naja, Geographie war nicht mein Lieblingsfach, und irgendwie fühlt es sich sehr heimelig an, unerwartet „zu Hause“ zu sein:)

 

Wasser findet sich auch, ein Zeltplatz in untergehender Sonne – am Horizont immer ein Kraftwerk, es ist Braunkohletagebaugegend.

 

 

 

Im morgendlichen Büro entsteht zunächst der tägliche Livebericht …

 

… bevor sich mir der Weg versperrt. Diese Furt nämlich ist im Weg. Nicht wirklich, natürlich. Ein Winzling an Furt. Aber die Schilder auf der anderen Seite weisen kilometerweit das Umkehren an, und entgegenkommende Radler berichten von Nichtpassierbarkeit und fast schon hochwasserartigen Zuständen. Nun ja, zehn Umwegkilometern und der Wahrheitsgehalt von Gerüchten und so …

 

Ein weiterer Tagebausee, Renaturierung nennt sich das Wiederherstellen der Landschaft. Auch wenn wiederum ein Kraftwerk aus der Ferne winkt und es der Landschaft etwas an Naturbelassenheit fehlt: Ich bin beeindruckt. Tatsächlich wächst und gedeiht es hier wieder.

 

Vorbei am Schloss Uhyst, welches wirkt, als ließe sich hier sehr authentisch ein Tbc-Sanatoriumsfilm drehen …

 

… und auf von der Welt verlassenen Sträßlein …

 

… komme ich irgendwann in Bautzen an.
Ein Minitwittertreffen winkt – hier im Bild der Blick von diesem auf Spree und Stadt – und erfreut mich sehr. Danke! Der Abend, die Gespräche und der Wein sind nicht auf Bildern festgehalten.

 

Der nächste Morgen bringt den Abschied vom Spree-Fluss mit sich, und viele viele Dörfer. Überall kontrastieren sich Alt und Neu, ist das Ursprüngliche mit neuer Farbe übertüncht, manchmal stehe ich verständnislosd davor, weiß ja aber, dass ich nicht im mindesten weiß, wie sich das Leben in diesen Dörfern im Wesen anfühlt.

 

Eines der Dörfer – ja, es liegt am Wegesrand, ich bin keinen Umweg gefahren – ist unsere Partnergemeinde. Huch – ich hatte das auf der Karte vorher nicht gesehen – und hach: als ich beim Dorfbäcker erwähne, woher ich komme, ist die Gastfreundschaft in Form geschenkter Kekspakete groß und fast zu voluminös für mein Fahrrad:) Ich freue mich heute noch an dieser Begegnung.

 

Und radele der nächsten entgegen.
Du Liebe, die Du  mir diesen Weg abseite der Haupttrasse empfohlen hast, leider weiß ich den Namen des Schlösschens nicht mehr (und bin jetzt, spät nachts) zu faul, dies zu recherchieren:)

 

Ich begegne einer Artgenossin …

 

… und Hügellandschaft zum Seeletanzenlassen. Was ich tue.

 

In Vorfreude zumal, dass ich gleich in Dresden erwartet werde. Und mir sogar entgegengefahren wird, hach. Ein Treffen mitten auf der Kreuzung, ein Weg durch die Dresdner Heide mit Plätzen, die Lieblingsortpotential haben, sollte ich jemals wieder in diese Stadt ziehen.

 

Für heute aber beziehe ich als Gast ein wärmendes Haus mit Speis und Trank und langen Lagerfeuer-Seelengesprächen.
Danke! Auch wenn es schon so lange her ist: Es wärmt noch immer.

 

Die Live-Berichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

#3wegsam-Bilder-8: Längs der Spree

Oh, das tat gut gestern, das Blättern in den alten Bildern und Erinnerungen. So lasse ich gleich heute – nachdem der Tag mich erschöpft hat – weitere folgen.

 

Ein ruhiger Streckenabschnitt beginnt. Wieder treffe ich die Spree, sie wird jünger und jünger, bis Bautzen werde ich in ihrer Nähe bleiben. Doch zunächst verzweigt sie sich zum Spreewald, der hier seine ersten Ausläufer tastend vorausschickt …

 

… und dann die Landschaft allmählich zur Ruhe bringt.

 

 

 

 

 

Das Wasser kommt näher …

 

… bis ich das erste „Spreewaldboot“ entdecke, hach.

 

Leider ist der Lübbener Zeltplatz laut, kleiner Planungsfehler, ich hätte ja gleich in die mittige Stille der Wasserarme fahren können. So bleibt mir für morgens noch ein Stück Kanalweg …

 

… ein wenig Unruhebeobachtung  in den Stocherkahnhäfen …

 

 

… und dann bin ich allein.

 

Ich finde den idyllischsten Zeltplatz bisher. Vor lauter Einatmen-Ausatmen und seligem Seufzen vergesse ich zu fotografieren:)
Und dann ist da ein kurzzeitiger Fahrzeugwechsel, ich hatte mich darauf so hingefreut, auch dies wieder eine wärmende Erinnerung. Man treidelt so einsam durch die Wasserkanälchen, außer dem Eintauchen des Paddels (was in der Fachsprache sicher anders heißt:)), den Wasser- und Baumgeräuschen und dem eigenen Atem ist nichts zu vernehmen. Die Schleusen stören nicht durch Motorgeräusche, man bedient sie kurbelnd per Hand. Nur wenn man allein ist, kann man das Boot ja schlecht leer in der Schleusenwanne lassen. Also trägt man es einfach auf dem Landweg um die Schleuse herum. Das geht leichter als es sich anhört. Was danach allerdings weit schwerer als vermutet geht: Das Einsteigen ins Boot – ohne jeden Halt am Ufer. Nuja, ich möchte mein Eiern und Schwanken nicht von außen gesehen haben, aber nass geworden bin ich jedenfalls nicht:)

 

 

Am Morgen hat es geregnet, ich halte den tropfendnassen Zeltplatz doch noch auf einem Bild fest …

 

… und bewege mich weiter Richtung Süden. Die verschiedenen Gestalten des Weges, immer den Fluss an der Seite, Asphalt und Sand wechseln sich ab, es ist wohltuend leer …

 

 

… und ja, er kann auch bürgerlich-brav-parkartig, der Spreeradweg, wie man sieht.

 

 

Und plötzlich, in solchen Momenten merke ich immer, wie sehr ich versunken bin im Grün, steht man an so einer Ecke. Ein Schreck, weil die Welt eben doch keine bukolische ist.

 

Cottbus. (Nach)Mittagspause. Neben meinen Brötchen und Äpfeln ausgebreitet liegt die Karte, und es kreist im Kopf die Überlegung, wo ich wohl heute zelten könnte.

 
Doch davon später …

Die Live-Berichte dieser Reisetage finden sich hier, hier und hier.

#3wegsam-Bilder-7: Erinnerungen rund Berlin

Ob ich die Bilder der letzten noch bis zur nächsten Radreise sortiert haben werde???
Das gegenwärtige Leben ist allzu prall gefüllt, immer wieder lasse ich den nächsten Bilderordner „für morgen“ liegen, wie das so ist.

Nun aber, da hier ringsum soviel Unschreibbares geschieht, wo ich in den Gegenwartsdingen schwer ins Innehalten finde, nehme ich mir für einen Abend das Versenken in vergangene Reisetage als Ruhepol.

Das letzte Mal über diese Reise erzählte ich hier. Dort schrieb ich auch, wie dicht hier die Erinnerungen am Wegrand lagern und wieviel verschlossene Erinnerungskammern sich plötzlich öffnen. Dies ist mit der Stadtgrenze Berlins mitnichten vorbei, im Gegenteil.

Bahnhof Fangschleuse. Der Name lässt Glocken in mir klingen, der Blick auf die Karte verrät, dass ich es richtig erinnere. Mönchwinkel und der Störitzsee, häufiger Kindheitswochenendverbringort …

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… ich muss dorthin, unbedingt. Ein Pfad durch den Wald lässt mich den See finden. Und ja, er ist’s:) Auch wenn ein Jugendcamp das gewohnte Ufer belegt und der Blickwinkel ein anderer ist, ich sitze an genau diesem See …

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… und fahre durch genau diesen Wald wie damals. Nur das Haus, in dem wir immer wohnten, das steht wohl nicht mehr. Keines von denen, die ich sehe, kommt in Frage … ich fahre weiter.

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An Ferienlager-, Klassentreffen- und Tagesausflugsorten vorbei, bis zum Scharmützelsee, dessen spezieller Name mir heute erstmals auffällt. Doch nein, die Recherche bei wikidingens ergibt, dass das Wort überhaupt nicht bedeutet, was es nahelegt. Man kann sich also beruhigt an den Ufern des Sees niederlegen.

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Oder auch sich einen Campingplatz suchen. Auf einem mit Telefon am Eingang, ha. Soweit begeistert mich der Blick in die Vergangenheit.

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Als ich mich am späteren Abend dann allerdings ans Seeufer zur Badestelle aufmache und nur marode Holztritte finde …

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… umgeben von einer in der Vergangenheit schon verrotteten Feriensiedlung …

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… deren einziger Seezugang von Yachtbadenden belegt ist, da ist mir die Romantik des nostalgischen Blicks zusammen mit der Badelust vergangen.

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Ich begnüge mich mit dem Schauen aufs Wasser. Auf’s gegenüberliegende Ufer, auf jenen Hafen, in dem viele Jahre lang „unser“ Boot lag.

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Und in die Abendrotstille …

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Nach einer ersten Nacht im Zelt …

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… führt mein Weg weiter am See entlang, wenn er nicht durch Golfplätze oder Wellness-Ressorts versperrt ist. Oder aber durch neue Ferienanlagen, jetzt wird auch klar, warum alles Alte verrotten muss. Ich irre ein wenig durch diese immer gleichen Häuserzeilen, auch jetzt noch geschüttelt von deren Monotonie und Sterilität, ein Schnell-weg-Bedürfnis macht sich in mir breit.

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Zumal der See vollbebootet und ferienmenschenumlagert ist.

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Es gibt stillere Pfade. Entlang dem Kleinen und dem Großen Glubigsee zum Beispiel. Das klingt schon wieder, als wäre ich hier im Ferienlager gewesen … was ich aber nicht mehr herausfinden kann.

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Ob das hier war?

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Egal. Ich lasse mich auf den Wald ein, es duftet nach Kindheit, nach Heimat, nach Geborgenheit, mehr kann ein Reisetag kaum schenken.

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Und wenn sich dann am Wegesrand noch eine Mittagessensbank findet …

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Die Live-Reiseberichte der damaligen Tage finden sich hier und hier.

#3wegsam-Bilder-6: Zwischenziel Berlin

Nach elf Tagen rollen wir auf Berlin zu, die Zeit verging viel schneller als gedacht und gewollt, und weil diese Etappe die letzte gemeinsame ist (wer weiß: für immer? der Sohn ist 15, und ob er nochmal mit seiner alten Mutter … naja … jetzt nicht sentimental werden …), feiern wir die mit einem Rieseneisbecher irgendwo in Berlins sich weit hinziehenden Speckgürteldörfern.

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Die Einfahrt in die Stadt dann ist unkonventionell, weil das Navi uns kurz vor dem Ziel auf eine autobahnartige Schnellstraße führen will und uns nur der Feldweg daneben bleibt, um zu überleben. Dieser aber biegt alsbald von der Straße ab und führt über Felder, Wiesen, Brache und Niemandsland. Hier kennt sich auch das Navi nicht mehr aus. Einzig der Sonnenstand zeigt an, dass wir noch halbwegs auf dem richtigen Planeten sein müssen.
Und bald auch das bekannte Kraftwerk, nicht schön, aber wegweisend:) …

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… dann ein Stück auf dem Mauerradweg entlang … 

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… durch eine Kleingartenanlage, über breitspurige Bahnanlagen, durch ein Kleinvillenviertel, und plötzlich stehen wir vor dem Mama-Oma-Haus, in dem wir schon sehnlichst und mit Essen erwartet werden. Die Tochter ist übrigens auch hier:)

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Die Tage in der Großstadt sind anstrengend, wie immer, ich bin nicht mehr metropolenadaptiert, das ganze Laute, Viele, Umtriebige tut mir fast körperlich weh, zumal nach den ruhigen Fahrradzeiten. Der Sohn und ich empfinden es anfangs beide als Lücke, morgens nicht mehr aufs Rad zu steigen; erst nach ein paar Tagen gewöhne ich mich daran und denke, dass es auch ein Leben nach dem Radeln gibt.
Doch nach einer Woche geht es – nachdem ich die Kinder schnell mal eben mit dem Zug nach Hause gebracht und von dort mein Zeltzeug geholt habe – weiter. Von hier aus allein.

Das Rad wird neubepackt, da liegt das Alleinreisegeraffel ausgebreitet. Es sieht viel aus, auch für mich. Am Ende aber wird gar nicht so viel Überflüssiges dabeigewesen sein. Lediglich ein paar der warmen Sachen – ich hatte den Bayerischen Wald im September als kalt befürchtet, was er aber nicht war – und Fahrradreparaturzeugs sowie Sanitasche – glücklicherweise – werden am Ende nicht benutzt worden sein.

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Nun aber schnalle ich erstmal alles aufs Rad, von hier ab fahre ich mit Vordertaschen weiter, und frühstücke ein letztes Mal im Vatergarten, bevor ich allein auf dem Weg bin.

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Stadtausfahrt über Köpenick, radwegformidabel und – zumal am Sonntag – schön ruhig, das sind hier alles vertraute Kindheitsblicke.

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Der Himmel und das Rathaus – ohne Hauptmann:) – von Köpenick …

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… und dann geht es längs der Spree zum Müggelsee. 

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Hier waren wir in der Kindheit baden, Schlittschuh laufen, Volleyball spielen, radeln, sonntagsausflügeln … das Verkommen macht umso trauriger. 

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Auch staune ich, wie wenige Menschen hier sind. Es ist ein wetterprächtiger Sonntag im August, es ist auch vom Stadtzentrum nicht zu weit, und doch ist auf Radwegen, am Ufer und in Picknickstuben gähnende Leere, ich wundere mich.

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Wenigstens ab und zu ist eine Menschenseele am See, möchte ich fast aufatmen:)

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Der weitere Weg ist gesäumt von Erinnerungen an Ausflüge, Wandertage, Spaziergänge, auch schon mit dem Sohn, der ja seine ersten drei Lebensjahre in Berlin aufgewachsen ist … all das flutet mich. Diese Kanäle gehören zum sogenannten Neu-Venedig, naja, es ist nicht ganz was der Name verspricht:)

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Die umliegenden Ortsteile sind vollgepropft mit villesken Neubauten. Da freut sich das (Kamera)Auge, wenigstens ab und zu ein echtes Haus vor die Linste zu bekommen. Mit Altersspuren als Zeichen seiner Lebendigkeit …

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Nicht weit mehr, dann treffe ich auf die Stadtgrenze. Und weil wir ortseingangs auf dem Feldweg um ein Berlin-Schild gebracht worden waren, halte ich jetzt wenigstens das Ausfahrtsschild fest. Berlin grenzt hier nämlich direkt an die nächste Gemeinde namens Erkner. Endstation der S-Bahn-Linie, mit der ich damals so oft fuhr …

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Auch hier Müggelspreewasser noch und noch …

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… und plötzlich stehe ich, unvermutet, an einer Ecke des Werlsees, der uns in Oberschulzeiten als DER Badesee diente, wenn wir hitzefrei und deswegen schon gegen Zwei Schulschluss hatten. Wie oft sind wir mit den Klassenfreunden hierhergeradelt und lagen dann genau hier, weiter unten am Ufer, im Sand, so mit 15, 16, 17, 18 … hach …
 

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Das waren die ersten von zahlreichen Wiederbegegnungen, die nächsten Tage werden voll davon sein. Ich lege ein wenig meine Route danach aus und werde noch vieles wiedertreffen.

Die damaligen Live-Berichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

#3wegsam-Bilder-5: Auf die Heimat zu

Das graue Wetter vor dem Fenster, das Ende der rastlosen Korrekturtage und dass ich begonnen habe, ein Buch über eine lange Radreise zu lesen, haben mich wieder zu den Fotos gezogen. Die letzten Sommerradreisebilder gab es hier.

Unsere Pension in Dessau ist nicht viel idyllischer als dieses Flugzeugmuseum, lohnt also das Fotografieren nicht. Hier dagegen hält es den Sohn für eine Weile.

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Der Weg aus Dessau heraus ist holprig …

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… und von einem weiteren verlockenden Museum gesäumt. Wenn es nur nicht schon so spät wäre …

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… hätte es für mehr als das Lesen eines wegweisenden Satzes gereicht.

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Wiederbegegnung mit dem Elberadweg …

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… und dann mit – ha, nein, das ist noch gar nicht die Elbe, sondern die Mulde:) …

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… und nun der Elbe also.

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Auf der anderen Seite fühlen wir uns schon wie kurz vor Berlin, mit dem Fläming beginnt die kindheitsvertraute Landschaft.

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Nur ist lang nicht mehr alles wie es war, die Dörfer leergewohnt, …

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… die ehemaligen LPGs stehen verwitternd im Gras, …

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… nach offenen Gasthäusern muss man lange suchen.

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Es bleiben Weite und Himmel …

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… und das Heimkommen ins Land Brandenburg.

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Auch wenn der Weg zuweilen versperrt ist, plötzlich und unerwartet, wenn wir also durch märkische Sandwege schieben und uns streckenweise am Sonnenstand orientieren müssen, …

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… es fühlt sich heimisch an. (Zu den Kindheitserinnerungen kommen ab Bad Belzig auch die an die Tour vor drei Jahren, als wir die Berlinstrecke in umgekehrter Richtung fuhren.)

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Bad Belzig hält eine Biergarten-Eiscafé-Herberge für uns bereit, …

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… und am nächsten Tag werden die Wälder sandig-kieferndominiert, es heimatet sehr.

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Hier hatten wir vor drei Jahren übernachtet …

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… und hier ebenso Ärger beim Fotografieren bekommen wie jetzt. Warum ich das damals fotografieren wollte, ist unwichtig, ich weiß nur noch, wie mir fast die Kamera aus der Hand geschlagen wurde. Diesmal war es ähnlich.

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Berlin ist nahe, die Großbaustelle ist eindeutiges Indiz.

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Auf den nächsten Bildern – ein ander Mal – werden wir am Ziel sein.

 

Die damaligen Live-Berichte dieser Tage finden sich hier und hier.

 

 

#3wegsam-Bilder-4: Ebene Leichtigkeit

 

Der Regen hat aufgehört. Bevor er wieder anfangen wird. Doch bis dahin werden noch ein paar Kilometer vergehen.
Zunächst: Den Ausgang von Mechterstädt finden …

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… und hinauf, irgendein Hügel ist immer im Weg. Der Blick zurück auf den Thüringer Wald …

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… lässt unsere Schönwetterhoffnung schwinden.
Dafür können wird es beim Fotografieren von Himmelsbildern nicht langweilig …

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… und bei Flussbildern sowieso nicht. Das hier ist die Unstrut, der wir mehr als einen Tag lang folgen werden. Einer der schönsten Radwege, die ich getroffen habe.

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Nach also einem weiteren Regentag übernachten wir in Sömmerda, in einer Pension, die sich im Innern weitaus freundlicher gibt als es dieser Hinterausgangsblick vermuten lässt.

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Am Morgen werfen wir einen kurzen Blick ins Stadtzentrum …

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… bevor uns die grünen Weiten wieder haben.

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In der Ferne der Kyffhäuser ..

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… Schotterwege, wie ich sie liebe (wirklich! das Geräusch ist so heimelig) …

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… und Felder, die schon den Herbst anzeigen.

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Kurz vor Querfurt erreichen wir Sachsen-Anhalt — und werden von diesem Dramahimmel empfangen.

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Auf Querfurts Burg bin ich fast allein. Der Sohn ist im Hotel geblieben, und auch sonst streicht niemand hier umher.

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Ein Fenster trägt Bart …

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… und der Turm Zopf.

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Und der Himmel schenkt Licht. Endlich. (Um zu spoilern: Morgen Vormittag wird er uns wieder haben, der Regen.)

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Wir verlassen Querfurt, um den ganzen Tag durch die weite Ebene zu fahren, möglichst bis zur Elbe, so ist der Plan.

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Zunächst schiebt uns Rückenwind, wenn auch – ja, schon wieder – mit Regen.

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In Halle klart es auf, mit der Geschwindigkeit eines Aprilwetterwechsels ist es plötzlich blau am Himmel.

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Und bunt auf dem Marktplatz: Beachvolleyball ohne einen Beach weit und breit.

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Am Nachmittag spüren wir endlich Sonne auf dem Rücken und im Gesicht. Wie ich das vermisst hatte, merke ich erst jetzt. Auch die Stimmung wird hell.

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Zum Glück. Denn der Weg zieht sich. Der Wind hat sich gegen uns gestellt. Die Landschaft ist flach, baumlos und folglich ohne Windschatten, und die Ortschaften halten kein Eis bereit. Heute hätten wir es gebrauchen können …

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Aber nun, irgendwann kommen wir an. In Dessau an der Elbe, wie morgens angedacht. Ein Katzensprung noch nach Berlin …

 

Die damaligen Live-Berichte dieser beiden Tage finden sich hierhier und dort.

 

#3wegsam-Bilder-3: Rennsteigquerung

 

Am nächsten Morgen wird es laut, wir wohnen gegenüber einer Baustelle, die ab sechs Uhr in Schwung kommt,  das ist einfach ein Imperativ: Schnell weg aus der Stadt!

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Laute lärmende staubige graue Straßen, wir erwischen wohl eine unidyllische Trasse, aber wenigstens ist sie gut ausgeschildert.

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So dass wir schnell im „Freien“ sind, in ruhiger, großstadtarmer Landschaft also.

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Irgendwo stoßen wir auf eine Autobahn. Der Blick auf die Karte verrät: Wir sind schon oft auf dieser grauen Spur gereist. Welch Kontrast das ist: Unsere 7-Stunden-Strecke nach Berlin dehnen wir gerade auf knapp zwei Wochen aus.

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Unser tägliches Eis bekommen wir in einem Ort, dessen Name insbesondere den Sohn begeistert:)

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Während mein Glücksmoment eher der erste Hauch von Mittelgebirgsatmosphäre ist, es wird nadelwaldiger und karger, irgendwie. Wir nähern uns spürbar den Bergen.

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Der nächste Morgen zeigt sich schon im Ansatz verregnet. Zunächst ist es Niesel, später wird daraus ein ausgewachsener Landregen mit Schauer-Zwischenspielen.

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Darum bleibt die Kamera bilderarm, man will sie nicht unnötig baden. Nur ab und zu, wenn das Nass abschwächt oder ich ein wenig geschützt stehen kann, hole ich sie raus. Es kommt auf’s Bild, was zufällig am Wegesrand liegt.

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Manchmal ist es ein hoffnungtragendes Blümchen in einer riesigen grauen Mauer.

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Nach etlichen Auf-und-Ab-Kilometern – wir überqueren Rhönausläufer – liegt das Werratal vor uns. Unten treffen wir wieder eine Brücke unserer Berlin-Autobahn, darunter quer der Werratalradweg, auf dem mich meine Tour des vergangenen Jahres ein paar Kilometer entlanggeführt hat.

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Und während ich schwelgend fotografiere, hachze und mit Erinnerungsschwaden um mich werfe, übt der Sohn sich in Geduld und sucht sich seine Art von Beschäftigung.

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Der Rest der Strecke bleibt verregnet. Es wird immer ärger. Sogar der Sohn – auf obigem Bild noch in der coolen Mama-ich-frier-doch-nicht-Kleidung eines 15jährigen – zieht sich die Regenjacke über. Hose und Gamaschen verweigert er weiterhin hartnäckig, klar, das Ende der Regenmesslatte ist noch nicht erreicht, fahren wir doch tapfer bis sechs Uhr weiter.

Am nächsten Morgen: Himmel leider unverändert. Man braucht die Abfahrt gar nicht hoffnungsvoll hinauszuzögern, von einem Ende des Horizonts bis zum anderen weht es uns grau an.

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Wir richten uns innerlich auf einen unsonnigen Tag ein und starten gen Rennsteig. Nicht an seiner höchsten Stelle wollen wir ihn überqueren, aber doch müssen wir ein wenig hoch. Die „Hohe Sonne“ ist als Querungspunkt anvisiert.

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Bis dahin regnet es, und regnet, und regnet. Wir halten kaum an, außer für die Wegsuche. Der auf der Karte eingezeichnete Radweg erweist sich leider als Mountainbike-Pfad, für uns nicht zu machen, also werden es ein paar Kilometer Bundesstraße. Da der Regen aber schon unsere gesamte Genervtheit aufbraucht, kommt es auf ein paar Autos nicht mehr an:)

Oben!
Ein Dach zum Untersetzen!

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Und warme Nahrung. Die hat es allerdings nicht aufs Bild geschafft, weil die flüssige ihr die Show stiehlt. Fassbrause als Farbtupfer des Tages. Denn der Himmel ist grau. Das sagte ich ja schon.

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In der Ferne dort unten, das ist die Wartburg. Später rollen wir an ihr vorbei, haben aber keine Lust, die Kuscheligkeit unserer Regenklamotten zu verlassen und abzusteigen. Darum bleibt es bei diesem Fernblick.

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Von Eisenach gibt es aus gleichem Grunde keine Bilder. Wir fahren durch, lassen uns von Autos nassspritzen und schauen nicht groß rechts und links. Ohnehin waren wir letztes Mal ausgiebig hier. So durchradeln wir die historische Stätte, stellen fest, dass die Unterkünfte teuer sind, legen deswegen noch ein paar Kilometer drauf, vorbei an der „Wuthaer Verwerfung“ (was man sich so von Schautafeln für Wörter merkt;-)), bevor wir in Mechterstädt ein Dach über dem Kopf finden.

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Von hier müssen wir nach Berlin nur noch herunterrollen. Glauben wir. Und der Regen lässt nach. Glauben wir auch:)

 

Die damaligen Live-Blog-Berichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

 

#3wegsam-Bilder-2: Auf und Ab zum Main

 

Ein nebelschwadendurchzogener Klostermorgen, …

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… und wenn man mit einem pubertierenden Kind unterwegs ist, darf man die ersten Morgenstunden in Seelenruhe und -frieden allein im Klosterhof verbringen, schreibend schwelgend träumend, und natürlich kaffeetrinkend.

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Den Schlaf lässt sich der Sohn erst von der unmittelbar bevorstehenden Frühstücksbüfettschließung nehmen – da springt er auf und drängelt direkt auch schon zum Losfahren. Es hat ihn gepackt. Mich ja sowieso:)

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Das sanfte Jagsttal behält uns noch gut zwanzig Kilometer bei sich, dann geht es ans Aufsteigen. Auf eine Hügelkette nämlich, die hinüber zum nächsten Fluss führt. Die sieht hier so arglos aus, ist aber in Wirklichkeit von 35 Grad, Schattenlosigkeit, staubverbreitenden Mähdreschern und einer lauten Autostraße gesäumt. Tritt für Tritt schaffen wir uns hoch – wie gesagt, dem Bild sieht man den Schweiß nicht an.

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Drüben, unten, dort, wo es endlich Eis gibt, heißt der Fluss zu meiner Überraschung gar nicht Main. Es ist die Tauber, der Main wird uns erst morgen begegnen. Geographie 5, setzen:)

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Es ist jedoch egal, Radweg ist Radweg. Wir bringen den heutigen früh zu Ende, legen sogar einen Aufwärts-Schlussspurt ein (drahtig wie dieser hier:)) …

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… und übernachten in einem Weinort, ohne uns vom abendlichen Weinfest verlocken zu lassen. Schlafen ist dringlicher, schließlich ist erst der dritte Ferientag und das Erholungsbedürfnis entsprechend.

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Am nächsten Tag also geht es  nun wirklich zum Main, wieder durch ein Auf und Ab. Heute schaffe ich es weit besser, in einen meditativen Zustand hineinzufinden. Als fliegen wir durch die goldgelben Welten.

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Kurz vor Würzburg wird es waldig. Ein Symbolbild für unser Unterwegssein …

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Die Stadt empfängt uns mit einem Spektakel am Mainstrand, mit viel zu vielen Menschen und dann doch einem unerwartet sommerlauschigen Abend auf ihren Brücken und Plätzen.

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Die damaligen Live-Berichte dieser beiden Tage finden sich hier und dort.

#3wegsam-Bilder-1: Der Starttag

 

Die Sommerreise, mein sechswöchiges Radreisen unter dem Hashtag #3wegsam ist unendlich lange her, so scheint es. Die Bilder blieben monatelang unbeachtet liegen. Erst in diesen Ferien kam ich dazu, sie zu öffnen. Und damit öffnete ich auch meine zurück- und vorwärtsgewandte Sehnsucht in den Reisezustand hinein.

Wenn ich sie jetzt herzeige, dann werde ich vor allem dieser meiner Sehnsucht gerecht. Ich werde mich nicht zu lange in Auswahl und strukturiertes Zusammenfassen vertiefen, sondern einfach chronologisch durch die Tage gehen. Auch wenn es viele Bilder werden, zu viele vielleicht. Ich durchreise das jetzt alles noch einmal. Während draußen die Winterkälte weht …

 

So starten wir also, einen Tag nach Ferienbeginn.

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Die Felder rund um unseren Ort, in Tagestourenentfernung, lesen sich noch nicht wie der Beginn eines langen Unterwegsseins. Immerhin könnten wir ja umkehren und gleich wieder daheim sein, heute noch.

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In Bad Wimpfen allerdings, wir essen dort zu Mittag, werden wir angesprochen. Wir berichten über unsere Pläne und sind plötzlich gedanklich doch ganz schön weit weg. Jetzt geht es los, so richtig. Auf der anderen Neckarseite beginnt Neuland, auch wenn hin und wieder noch bekannte Orte unter die Reifen schwappen.

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Das Hinaufkeuchen auf das Hochland zwischen Jagst und Kocher lässt Mittelgebirgsvorahnung aufkommen, wir sind noch ganz schön anstrengungsentwöhnt. Die Belohnung erfolgt – so ist das in den Bergen – auf dem Fuße: wir fliegen hinab. Das Bobfahrergen kommt zu seinem Recht.

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Das erste Eis der Tour in Möckmühl wird zum Startpunkt eines täglichen Rituals. An keinem einzigen Tag werden wir uns fragen, ob wir, sondern stets nur, wo und welches Eis wir essen.

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Der Sohn benötigt Fotopausen, immer wieder. Es ist spannend zu sehen, was ihn verlockt. Ich versuche mich an diesen Stellen auch fotografierend. Schon deshalb, weil ich eh auf ihn warten muss:)

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Nach 90 Kilometern nähern wir uns dem Kloster Schöntal, ein mir schon vertrauter Ort. Wir beziehen unser Zimmerchen ganz oben in einem Seitentrakt des Klosters, die Räder bekommen eine Extragarage, und der Rest der Familie kommt zum Abendessen noch einmal zu uns. (Sie waren nämlich zusammen mit Kinderbesuch tagsüber in der Nähe in einem Museum.)

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Der damalige Live-Bericht dieses Tages findet sich hier.

 

Krautheim – Zuhause (#3wegsam36)

Am Abend und am nächsten Morgen vom gerade noch gewesenen Unterwegssein erzählen, das ist schon Übergangsschreibe, das fühlt sich schon anders an. Statt im Zelt sitze ich beim Tippen auf einem Stuhl, statt der baldigen Weiterfahrt habe ich beim Erinnern den Schulstart vor Augen, statt eines auf Fortsetzung hinzielenden Textendes sollte es nun … ach Quatsch, gar nichts sollte es. Das ist ja mal die erste Reiselehre: Die Solls dieser Welt sollen nicht mehr so viel Macht über mich haben. Hihi, „sollen“, schreibe ich. Besser vielleicht: „sollten“ oder „mögen“. Einer der Wünsche, die ich von der Reise mitbringe. Derlei Dinge gibt es etliche. Doch zunächst erzähle ich den letzten Radtag, den letzten Tag des physischen Unterwegsseins.

Es fühlt sich richtig an, heute anzukommen. Ich bin satt vom Reisen, ohne übersättigt zu sein. Ich bringe genug Dinge mit für ein Jahr. Ich fühle mich rundum ruhig genug, um ab übermorgen wieder Schul- und Workingmum-Alltag zu leben.
Bei aufgehender Sonne sitze ich im Zelt und betrachte liebevoll das bunt durcheinandergewürfelte Chaos der Dinge um mich herum. Dies war nun wochenlang meine Heimat, ich mag diesen Anblick im speziellen Zeltlicht und fotografiere ihn zum Abschied. Beim Packen – schon nicht mehr ganz so geordnet, außer dem Essen muss ich kaum noch etwas finden – habe ich keine Eile, denn ich kann abends getrost in die Dunkelheit hineinfahren, und ich kenne den Weg. Ein letztes Mal das Zelt abbauen. Nein, nicht ganz, am Abend oder in den nächsten Tagen wird es noch im Garten eine Heimstatt finden. Und ich werde noch in ihm schlafen, bevor der Winter kommt …

Los geht es, auf die bekannten Wege. Dass ich doch nicht jede Ecke und jede Kurve wiedererkenne, beruhigt mich selbst ein wenig, es war mir schon unheimlich, wie sich das alles eingebrannt hat. Was mich aber heute ständig überflutet, ist das gute Gefühl vom ersten Tag, wie wir mit dem Sohn so schnell in ein so vertrautes Reise“verhältnis“ kamen, wie beschenkt ich mich von den ersten Stunden an fühlte, dass das – Pubertät hin oder her – so möglich ist.
Am Biergarten des ersten Abends, in Kloster Schöntal, halte ich an, möchte einen Kaffee trinken. Es ist noch vor 11, noch nicht geöffnet, man verkauft mir mürrisch trotzdem einen. Na gut, auch unfreundlicher Kaffee kann schmecken.
Auch einer Eispause in Möckmühl, wie damals rettend bei über 30 Grad, kann ich nicht widerstehen. Erst die Essenspause in Bad Wimpfen lasse ich aus bzw. verlege sie, man muss ja nicht alles wiederholen:)

Vor Bad Wimpfen aber liegen viele Kilometer sommerheißer Fahrt. Unglaublich, dieser September. Von äußeren Dingen der Strecke kann ich nicht viel erzählen, der Tag passiert vorwiegend in meinem Kopf.
Antizipiertes Ankommen. Gedanken über das Mitbringenswerte. Warum mir zum Beispiel die kommende Woche und vor allem der volle Mittwoch in den Sinn schießen, inklusive einem winzigen Vorab-Sorgegefühl, wo ich doch hier auf Reisen niemals – NIE! – mir auch nur den Hauch eines Gedankens gemacht habe, ob und wie und wann ich in vier Tagen einkaufen, essen und schlafen werde.
Die innere Das-kann-man-nicht-vergleichen-Stimme bekommt von mir ein Doch. Ein sehr zuversichtliches Doch. Da geht was, da lässt sich doch mental etwas einrichten. Heute ist noch nicht kommende Woche, heute ist noch nicht der volle Mittwoch, das ist das Wichtigste. Tritt für Tritt für Tritt lautete die Ereigniskette der Reise. Die Dinge des Alltags lassen sich vielleicht auch auf eine Kette fädeln, so dass sie Schritt für Schritt für Schritt geschehen dürfen?
Nächste Übung: Die Schulbrote für Montag fallen mir ein, und in dem Zusammenhang der vermutlich leere Kühlschrank zu Hause. Vor drei Wochen, als hier alle abfuhren, hat ja sicher niemand vorsorgend schon daran gedacht. Die Übung ist leicht, als ich gegen vier Uhr dran denke, weiß ich sofort, dass ich bis sieben Uhr Zeit habe, um unterwegs einzukaufen. Und dass wenn nicht, es auch Sonntagslösungen geben wird.
Gedankensplitter zu Schulfragen. Was da alles in der Mailbox stehen müsste. Mein Bauch weiß sofort, dass ich das jetzt noch nicht möchte, dass ich all das auch nicht mit dem Ankommen vermischen möchte, also überredet er den Kopf, die Schulmailfächer, also den Computer überhaupt, erst am Sonntag Abend zu öffnen. Der Tag davor wird dem Ankommen gewidmet sein. Bloß gut, merke ich da, dass ich doch nicht erst am Sonntag heimkehre. Mir würde dieser sanfte Übergang fehlen.

Am späteren Nachmittag kommt Bad Wimpfen in Sicht, es liegt ja hoch genug, um über Kilometer sichtbar zu sein. Vorher fließt der Neckar, tief unten natürlich. Schiebearbeit von dort hinauf bei immer noch über 30 Grad. Und noch etwas höher, irgendwo hinter Bad Rappenau stehe ich am höchsten Punkt der Tagesstrecke und weiß, dass ich nun nur noch hinabrollen muss. Von ein paar kleineren Anstiegen, die ein Hügelland eben ausmachen, mal abgesehen.
20 oder 30 Kilometer bis nach Hause, ich rolle schnell, kaufe ein, telefoniere, und sehe dann, dass ich tatsächlich in die Dunkelheit hineinfahren werde.
Nicht gerade angenehm, das Dunkel ängstigt mich. Zum Glück kenne ich die Wege von hier aus. Weil die Radwege aber so verwinkelt und noch dunkler sind (und voll kleiner ständig in die Augen fliegender Insekten), weiche ich öfter auf die Straßen aus als ich es im Hellen tun würde. Die dunklen Wege ziehen sich. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das doch so unheimlich wird …

Ganz genau um neun Uhr stehe ich vor dem Haus, sogar den letzten Berg ohne abzusteigen geschafft:)
Das Haus steht noch und empfängt mich diesmal nicht mit Wasserrohrbruch. Die Taschen und ich trennen uns vom Radl, als ich es in die Garage schiebe, streichle ich es liebevoll und bedanke mich. Du warst großartig!
Die Taschen dürfen noch ein wenig bleiben, als Behältnis meine ich. Auspacken ist erst später dran, vielleicht morgen oder übermorgen, Abschied in Häppchen. Doch, nun bin ich traurig. Gut-traurig, mit einem erfüllten Gefühl.
Ich öffne ein paar Rollläden, finde im Kühlschrank Proseco (großartig!), verwerfe den Plan, im Garten zu zelten, zugunsten einer nicht ganz neuen, aber lange nicht erfahrenen Schlafensweise: Unter freiem Himmel. Ich baue mir ein Bett auf der Terrasse, trinke im Abenddunkel meinen Prosecco und lege mich dann unter die Sterne.
Gut.

Ach ja, und die Zahlen habe ich schön:
Genau 6 Wochen und 36 Stunden war ich unterwegs. Darunter waren 36 Radeltage.
Der letzte Fahrtag fügt sich in den Reigen der schönen Zahlen ein: 99,11. Nur die Gesamtzahl, die hat zwar eine 63 = umgedrehte 36 nach dem Komma, aber vorne, die 2510 ist nichtmal durch 6 teilbar. 10 mehr, und es wäre durch 36 teilbar gewesen. Ich hätte nochmal ums Dorf fahren sollen …
(Sorry. Mit Zahlen spiele ich einfach gern.)

Geslau – Krautheim (#3wegsam35)

Was soll ich sagen, mir ist, als ob sich alles am heutigen Tag zu einem fulminanten Finale verabredet hätte …

Ich erwache mit dem Blick in die aufgehende Sonne, durch Schilf hindurch, und werde bald von der Wärme aus dem Zelt getrieben. Und das im September. So manch Juli hatte nicht diese Kraft. Erstmals seit Tagen packe ich ein trockenes Zelt ein, Sonne und Wind vermögen das schon am frühen Morgen.
Kurz vor der Abfahrt spreche ich mit einem Radlerpaar, von Trier sind sie nach Venedig unterwegs, und bekomme Tipps für den Weg nach Rothenburg. Über die stillen Dörfer seien sie gefahren, da sage ich nicht nein.

Dort dann, dort auf der ansteigenden Straße ist es wirklich still, und flimmernd schon fast in der Morgenwärme. Es geht hinauf zur Wasserscheide. Und wieder ist kein Hinweisschild angebracht, ein solches, wie ich es von Autobahnen kenne, das hätte ich gern auch auf Radwegen. Woher soll ich sonst wissen, ob ich schon drüber bin? Woher vor allem aber soll ein heranfliegender Wassertropfen wissen, ob er auf diese oder jene Seite fallen soll, ob er also ins Schwarze Meer oder in die Nordsee wandern wird? Im Ernst: ein winziger, zufälliger Windhauch, und dem Tröpfchen wird plötzlich ein gänzlich anderes Leben zuteil als ohne den Hauch. Ist das in unserem Leben nicht auch zuweilen so?
Auf der Wasserscheide also. Ich schwitze beim Hochfahren. Noch mehr aber schwitzen die, welche von der Rothenburger Seite kommen, von dort ist es tatsächlich ein langer steiler Anstieg. Drei Frauen treffe ich oben schweißgebadet, ich überbringe die frohe Botschaft, dass sie es nun gleich geschafft haben. Außerdem erwähne ich die hinweisschildlose Wasserscheide, und siehe da, sie wissen gar nicht, was das ist, ich erkläre, und sie bedanken sich:)

Hinabsausen nach Rothenburg. Immer noch bin ich in der Gegend der rasenden, heulenden, quietschenden Fahrweise, es nervt, echt. Ich werde ein paarmal heftig geschnitten, und wenn man hinter mir zum Überholen wartet, dann erfolgt dieses schließlich mit aufjaulendem Motor. Warum ist das hier so?
Es mag auch an der Enge der Stadt liegen. Der Verkehrsfluss ist nicht gerade günstig geregelt, da muss man sehen, wo man bleibt, vielleicht deswegen. Ich flüchte in die Fußgängerzone, die ist ebenfalls überlaufen, voll und voller, man spricht japanisch und amerikanisch, man posiert und selfiet, och nee, eine solche Stadt ist nicht zum Verweilen gut. Eine Bäckerei, einen normalen Lebensmittelladen suche ich vergebens, die Übertouristisierung stößt mich ab, ich mag weg. Noch schnell einen Blick in die Kirche mit ihrer Atmosphäre, ihrer Kühle werfen. Davor sitzt eine Mutter mit Sohn und Jakobsmuschel. Sie passen erst auf mein Rad auf, und dann reden wir lange. Es finden sich auch in solchen Orten Juwele …

Hinaus aus Rothenburg, hinab zur Tauber, die ich kaum sehe, deren Tal ich diesmal keinen Meter entlangfahre – obwohl mich kurz Anstrengungsprokrastination verlockt: noch ein paar Kilometer tauberabwärts, und dann erst auf die Anhöhe? – ich steige dann doch gleich auf. Etliche Höhenmeter, ich weiß nicht wie viele. Es ist die Höhe, die wir am zweiten Reisetag überwinden mussten, um von der Jagst zur Tauber zu kommen. Von der anderen Seite her ist es nicht weniger hoch. Und steil. Ich schiebe, ich keuche, es ist heiß. Und doch, ich bin irgendwann oben.
Was für ein Land! Was für eine Entdeckung! Ich wusste das nicht, dieses Hohenloher Hochland (oder wie es „richtig“ heißt), das ist eine Traumlandschaft. Verschlafen und verträumt, sanft wellig, immer die Weite in Sicht, Felder und einzelne Bäume, Baumreihen, es wirkt südlich, einige Dörfer sind eingesprengselt. Und kein Mensch dort oben. Doch, eine Handvoll Radelnde. Aber eben: wenige. Hier verlaufen einige überregionale Wege entlang. Der Paneuropäischer Radweg, der Burgenradweg, ein Hohenloher Radweg. Merken zum später ausgiebig befahren, denke ich so.
Und treibe dahin. Es geht auf und ab, ich komme durch Dörfer, dort würde ich gern länger verweilen. Der Geschichte der geschnitzten Fensterrahmen lauschen, die Historie, das Geschehene aus dem Seienden herauslesen, den Altersspuren der Gemäuer beim Weiteraltern zuschauen. Ich bin fasziniert über diese Landschaftsneuentdeckung. Und gar nicht so weit von mir zuhause. Ich ahnte ja nicht.

Ich verbringe Fahrstunden in wirklicher Begeisterung, könnte ewig hier oben bleiben. Aber die Weiterfahrwelt ist von Flüssen durchfurcht, auf einer Hochebene komme ich nicht heim, also Abfahrt. Um ehrlich zu sein: von der Gegenrichtung her möchte ich diese Steigung nicht bewältigen müssen.
Unten. Die Jagst. Unser Flusstal des ersten Tages. Das ist schon fast wie zu Hause. Ich könnte von hier am Wasser entlang heim kommen. Wobei, dies kann man natürlich immer, sobald man nur an einem fließenden Gewässer wohnt und sich an einem anderen befindet. Notfalls über Gibraltar:) Aber hier könnte ich es tatsächlich, immer an Flüssen entlang. Ich bräuchte nur einen Tag mehr. So aber werde ich morgen wieder abkürzen und über eine Anhöhe fahren.
Im Jagsttal, im Tal des Reisebeginns. Ein paar Kilometer brauche ich noch, dann stehe ich an der Ecke, wo wir vor sechs Wochen – ja, genau, morgen vor sechs! Wochen – abgebogen sind nach Norden, um in Richtung Berlin zu fahren.
Kurz vor fünf schließt sich in Dörzbach der Kreis, ich bin einen vollständigen Ring gefahren und muss nun nur noch die Aufhängung dieses Rings ans Zuhause zurückfahren.
Nun geht das mit den Erinnerungen los. An jeder Ecke: Hier haben wir angehalten. Hier haben wir den Mann gefragt. Hier haben wir fotografiert. Es hat sich alles ins Gedächtnis eingebrannt. (Ob das mit allen Reisetagen so ist?)

Krautheim. Zelten unten am Fluss, oder oben in 80 Höhenmetern auf einem Bauernhof. Klar, was näherliegt. Allein, ich finde den Zeltplatz nicht. Kein Zelt zu sehen, und an der angegebenen Adresse ist Ort, Bushaltestelle, Stall und Häuser. Zurück zur Wiese, dort frage ich einen Liegeradfahrer. Ob er auch den Platz suche. Nein, er sei hier aus der Nähe, wisse aber, dass hier gelegentlich Zelte stünden. Aber wenn das nicht möglich sei, er habe sein Auto in [nichtweitvonhier] stehen und könne mich mitnehmen, irgendwohin bringen. Wie nett, ich bedanke mich, meine aber, dass ich schon noch einen Weg finde. Und tatsächlich. Der Zeltwirt lässt sich im Dorf auftreiben. Alles, alles hier könne ich benutzen. Die gesamte Wiese, unten am Fluss auch, bis dahinten, fast bis zum nächsten Dorf, ich solle mir aussuchen.
Gar nicht so einfach. Ich entscheide letztlich nach dem Ort mit dem lautesten Flussrauschen, mit Wasserzugang. Auch wenn ich es am Abend nicht mehr schaffe zu baden, es wird bald dunkel, ich koche noch gerade bei Tageslicht, bin ich hier wunderbar gelandet. Ganz allein in einer riesigen abendroten, später dunklen Welt.
Ich gebe aber zu, als es dunkler wird, werden mir die Geräusche unheimlich. Ich bin ja wirklich weit weg von allen anderen Menschen, bin ganz allein. Aber. Ein Drangewöhnen wird ja wohl machbar sein. Wenn ich nur auf den Mond schaue, und das tue ich den Abend lang, dann fühle ich mich schon weniger allein und weniger ängstlich. Also.

 

Breitenfurt – Geslau (#3wegsam34)

Wie die einzelnen Tage so unterschiedlich sein können, fällt mir als erstes ein, als ich von diesem erzählen möchte. So anders, so grundverschieden zum vorherigen und zu allen der letzten Woche. Wie im Leben, denke ich gleich dazu, wie sich die einzelnen Tage des Alltags ja auch unterscheiden.
Das so andere, was diesen Tag von allen vorhergehenden unterscheidet, ist ein Gefühl des Befreitseins. Ich weiß zunächst gar nicht so recht wovon, spüre nur vom frühen Morgen an ein inneres Fliegen, das abgeschüttelt hat, was in den letzten Tagen für Bodenhaftung gesorgt hat. Nun, das klingt vielleicht zu gewaltig, gemeint ist Fliegen versus Bodenhaftung nur in einer sehr sanften, fast unmerklichen Form.
Die Gedanken an die bisherigen Abschnitte, an die noch vor mir liegende Strecke sind weg. Auch der leichte Selbstvorwurf, dass ich hier durch dieses Altmühltal rase, fast ohne nach rechts und links zu schauen. Das Planenmüssen oder -wollen, ob ich denn bis Samstag zu Hause sein kann, hat sich aufgelöst. Und der Groll über die entgegenkommenden Radler, ich kann sie heute gut ignorieren. Auch die Ohrwürmer, die sich in mir singen, was ja eigentlich gut ist, die aber mit dem Treten automatisch immer zum Marsch geraten, auch die werden stiller, weniger leierkastenhaft. Ganz schön viel los gewesen in meinem Kopf in den letzten Tagen. Heute nun fahre ich ein wenig, als wenn es ein erster Tourtag einer ersten Radtour meines Lebens wäre, einer ziellosen noch dazu, so vielleicht kann ich es am besten zusammenfassen.

Urlaub hin oder her, ich wache um fünf Uhr auf, wie so oft in den letzten Tagen, ich bin rundum ausgeschlafen. So soll es zu Ferienende sein. Ich wache also früh auf, lese und schreibe eine Stunde vor mich hin, fühle mich dann aber aufstehenwollend. Der Zeltplatz ist so leise, dass ich mich mit dem Packen und Anziehen fast als Lärmstifterin fühle. Mir fällt in dieser absoluten Stille auf, wieviel von meinem Zeugs ich in knisternden Plastiktüten verpackt habe. Interessant. Ich gebe mir beste Mühe, trotzdem geräuscharm zu bleiben. Und mache mich für meine Verhältnisse außerordentlich früh auf den Weg, es ist kaum acht.

Hach, wie wundervoll, an diesem nebligen Morgen so früh auf dem Weg zu sein. Er ist morgendunstverhangen, still, leer, ich bin allein, die felsige Talwelt bettet mich in ihren Zauber. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dies eine meiner eindrücklichsten Reisestunden war. Vielleicht schafft diese auch die Ruhe in meinem Kopf. Und vielleicht sollte ich öfter so früh aufbrechen.

Pappenheim, die Stadt zur Redewendung, ich hatte ja keine Ahnung, dass es diese gibt und was es damit auf sich hat. Nun weiß ich ein wenig mehr. Es gelingt mir allerdings nicht, mich auf den Markt zu setzen und meine Pappenheimer zu beobachten, es sind einfach noch keine Leute auf der Straße:)
Kurz danach hört das starke Mäandern des Wegs, bei dem ich nie wusste, ob ich nicht aus Versehen die Richtung umgekehrt habe, auf. Das schmale Tal ist zu Ende, die Altmühl fließt nun unscheinbar in einer weiten Ebene. Welch plötzlicher Wechsel des Bildes um mich.
Mich erfreut der, ich mag Ebenen und ihre Weite. Es sieht zwar nicht aus wie rund um Berlin, aber es ist eine verwandte Landschaftsform, deswegen vielleicht. Es fliegt sich so dahin. Von hier ab, übrigens, scheint der Radweg weniger frequentiert. Vielleicht weil er nicht mehr so spektakulär ist, nicht mehr so einzigartig? Dabei finde ich es großartig, mich auf kleinen Sträßlein durch die Dörfer treiben zu lassen.

Kurz vor dem Altmühlsee kaufe ich ein und setze mich zum Mittagspicknick an den See. Es ist heiß, unglaublich, dieser September. Der See ist trotzdem nicht überfüllt, jedenfalls nicht in meiner Pausenbucht. Mag sein, ich habe inzwischen ein gutes Gespür für einsame Plätze.
Das Tal bleibt flach und weit, kaum kann man es noch als Tal bezeichnen. Eine ganze Weile fahre ich noch. Die Gedanken schweifen immer mal wieder in den vor mir liegenden Schulbeginn, zu den Kindern und ihren Plänen, in meine bevorstehende Ankunft, und zurück in viele Szenen dieser Reise. Locker springen sie hin und her, um dann wieder abrupt abzubrechen, weil eine Naturszene fesselt, ein Blick gefangennimmt. Ich liebe es, Rad zu fahren, sagte ich das schon;-)?
(Einer der Gedanken geht auch in den Kalender. Dass der 3. Oktober auf einen Montag fällt. Dass ich freitags um 11 Uhr Schulschluss habe. Wohin ich von zu Hause aus in dreieinhalb Tagen fahren könnte. Und überhaupt: Ob in unseren späten Herbstferien dieses Jahr wieder so radelgeeignetes Wetter sein wird wie letztes Jahr? Da bin ich noch gar nicht angekommen, und dann macht mein Kopf sowas. Verrückt …)

Abends lande ich in einer zeltplatzarmen Gegend, ich habe keine Wahl, es gibt nur den einen, hier in Geslau. Seit dem Altmühlsee habe ich jedenfalls nichts anderes gefunden. Wieder werden es über hundert Kilometer und nach sechs Uhr, als ich ankomme. Heute hätte ich gern früher aufgehört, naja, ging eben nicht. Ich bin müde, es ist den ganzen Tag heiß gewesen.
In Leutershausen, kurz vor dem Ziel, möchte ich mir ein Eis gönnen, finde aber keines, ich mag auch nicht mehr suchen. Dafür gibt es jede Menge quietschender Reifen, trainiert man hier für eine Rallye oder was, ich erschrecke mehrmals heftig. Selbst Radler überholen im Abstand von 37 Zentimetern, offenbar macht man das hier so.
Unmerklich ist aus der Ebene eine hügelige Welt geworden, die Wasserscheide naht. Hier in Geslau muss sie ganz nah sein, denn es sind noch zwei Handvoll Kilometer nach Rothenburg am Tauber, dort ist Nordseewasser. Ob ich schon drüber bin?

Der vorletzte Zeltabend also. Ein großer Zeltplatz, nicht so still wie die vergangenen, aber ich setze meine grüne Hütte direkt ans Seeufer, mit Öffnung zum Wasser, dann sehe ich die vielen Wohnwagen nicht. Und auch laut ist es nicht, ich bin weit genug von allen anderen entfernt, es ist ja doch schon Nachsaison und leer.
Der Blick auf die Karte zeigt, dass ich die nächste Nacht auf unserer Strecke des ersten oder zweiten Tages verbringen werde. Es fühlt sich gut an, stimmig. So wird mein letzter Reisetag nahezu dem ersten entsprechen, in umgekehrter Richtung. Ich bin vorfreudig gespannt auf dieses Dejavu.
Und das Ankommen im Haus stelle ich mir schön vor. Möchte ich doch für die erste Nacht mein Zelt im Garten aufstellen. Als sanften Übergang …

Kelheim – Breitenfurt (#3wegsam33)

Alles ändert sich so plötzlich. Das fängt schon mit dem Foto an. Ich meine, mein letztes Donaubild aufzunehmen, um mich zu verabschieden. Da entdecke ich auf dem Stadtplan von Kelheim, dass der Fluss neben mir unbemerkt zur Altmühl geworden war. Na gut.
Das Tal, des neuen Flusses Tal, wird enger und felsiger. Der Fluss wird schmaler und sanfter. Der Weg wird schottrig und direkter am Fluss verlaufend.
Alles gut. Aber. Es gibt ein Aber. Es wird nämlich nicht leerer auf dem Weg, im Gegenteil. Jetzt fängt die Radreisendenfülle erst richtig an. Ich hatte wohl zuviel Hoffnung in das stille Tal gesetzt, muss erst ein paarmal durchatmen, bevor ich mich daran gewöhne: Hier ist es richtig voll. Auch in meine Richtung.

Nun gut, so ist das eben. Ich blicke den Menschen, die mir in Scharen entgegenkommen, ins Gesicht. Manche schauen wenigstens zurück, einige wenige grüßen. Und ich sehe: Sie sind fast durchgängig älter als ich, ein bisschen älter bis sehr viel älter. (Erst am Nachmittag begegnet mir das erste Kind. Es bleibt fast das Einzige.) Die E-Bike-Dichte ist groß. Die Quote derjenigen, die in Rudeln fahren, auch.
Wie abfällig das klingt: Rudel. Und überhaupt, diese Einlassungen über E-Bikes. Ich überlege hin und her, was mich daran eigentlich irritiert, ja, stört.
Es ist ja nicht so, wirklich nicht, dass ich mich störe, wenn Menschen, egal welchen Alters, egal welcher Radvorerfahrung, welcher Kondition auf diese Weise reisen. Im Gegenteil. Das Meditative, das Spirituelle des Unterwegsseins in einem Tal wie diesem, das einen zu pausenlosem Staunen bewegt, das wünsche ich einem jeden Menschen. Ich freue mich mit, wenn jemandem diese Erfahrung zuteil werden darf.
Aber. Viele der mir entgegenkommenden sehen gar nicht zufrieden aus. (Wobei: sehe ich zufrieden aus, wenn ich fahre?) Da sieht man in manchen Gruppen, in manchen Paaren die Spannung förmlich auf die Gesichter gemalt. Was hat sie hierhergeführt? Na gut, das ist ihre Sache.
Aber. Ich bin auch noch da. Ich, und andere Alleinreisende. Oder eben Stillreisende, nicht in Rudeln unterwegs seiende. Ich möchte nicht abgedrängt werden vom Weg, weil sie mir zu zwölft entgegenkommen. Ich möchte am Pausenplatz mein Fahrrad nicht zugestellt bekommen von zehn anderen Rädern. Ich möchte nicht kurz vor einer Bank von einer Gruppe überholt werden, so dass mir Bank und Pausenbucht vor der Nase weggeschnappt werden. Ich möchte nicht durch lautes Schreien von einer Karte verdrängt werden, die ich gerade betrachte. Ich möchte nicht, dass ich irgendwo still sitze und plötzlich umringt bin von einer lustig-grölenden Truppe, die so tut, als wäre ich da nicht.
All das ist mir auf der gesamten Reise nie passiert. Heute habe ich es in wenigen Viertelstunden erlebt. Alles. Dicht nacheinander. Es waren immer andere Gruppen.
Rudel also. Und ich war die Außenstehende. Mensch mensch. Ich fühle mich erinnert an das Leben im Allgemeinen: Wie oft drängen Gruppen Einzelne an den Rand. Wie oft werden Andersseiende nicht in ihren Bedürfnissen wahrgenommen und respektiert. Wie oft wird über das stille Sein von stillen Menschen hinweggeplärrt.
Nun also auch hier auf dem Radweg. Bisher erlebte ich Radfahrbegegnungen als solidarisch, zugewandt, offen und interessiert. Heute mache ich eine gegenteilige Erfahrung.
Warum ist es hier so anders? Vielleicht, weil gerade hierher – ein so liebliches Tal, eine so anziehende Landschaft – Menschen gelockt werden, die sich diese Form des Reisens doch nicht von ganz allein ausgewählt haben? Im Laufe des Tages entdecke ich an vielen Rädern spezielle blaue oder grüne Radtaschen, die Aufschriften kann ich nicht lesen. Sie scheinen von einem Reiseveranstalter zu kommen, sind zu klein für Tagesgepäck. Vermutlich also handelt es sich um organisierte Touren, wo einem das „echte“ Gepäck von A nach B gebracht wird und man dann quasi unbelastet die Strecke fährt. Ich habe ja gar nichts gegen diese Form des Radwanderns. Nur bitte: Trampelt hier auf den Wegen nicht alles kaputt. Bitte. Danke.

So. Das musste ich mir von der Seele schreiben. Es hat mich den Tag über arg bewegt. Bin ich doch pausenlos damit in Kontakt gekommen.
Aber auch, denn ich kann mein Auge ja zweiteilen, mit dem atemberaubenden Altmühltal. Vom felsig Engen geht es in immer mehr sich öffnende Weite über. Natürlich ist es manchmal zu weit, so dass neben Straße, Bahn und Ortschaften auch das eine oder andere Gewerbegebiet seinen Platz findet. Keine Idylle pur eben, muss ja auch nicht. Später wandelt sich die Art der einrahmenden Felsen. Es wirkt zuweilen sehr südlich, wie eine trockene Vegetation an kargen Felsen in der Sonne steht. Andernorts fühle ich mich schon fast wie zu Hause, so ähnlich wie im Kocher- oder Jagsttal schaut es aus, und dort bin ich schon wirklich fast heimisch.
Orte sehe ich nicht viele, genaugenommen fliehe ich sie. Nicht auch dort noch einer Touristenfülle begegnen. Vor allem Eichstätt bleibt mir unsichtbar hinter den Fassaden, den Bauten von touristischem Interesse. Ein fast schon steriles Zentrum, ich finde wohl den Zugang zu diesem Ort im Moment nicht.

Was ich aber finde, nach jeder Menge abschreckender Zeltplätze, auf denen ich um nichts in der Welt bleiben möchte, das ist ein guter Ort zum Bleiben. Ein kleiner stiller familiengeführter Zeltplatz, auf dem sich nur stille Menschen versammelt haben. Glückstreffer, wieder mal.
Hier ist gut ankommen, kochen, Bier trinken, am Fluss sitzen, der hier so still wie ein See ist. Mein drittletzter Zeltabend, übrigens. Vermutlich. Ich bin traurig.
Und: Es ist Schnapszahltag. Radltag 33. Ein wenig mehr als 111,11 km heute zurückgelegt. Und in der Summe die 2222,22 km überschritten, kurz vor der Ankunft. Schnapszahltag ohne Schnaps. Aber mit Sitzen unter Sternenhimmel. Das ist fast noch besser.

Waltendorf – Kelheim (#3wegsam32)

Ein Donauradwegtag, von morgens bis abends. Der wievielte Fluss dieser Reise mag das sein? Ich habe aufgehört zu zählen. Viele habe ich nur kurz gestreift, manche länger begleitet. Keiner von ihnen hat in so kurzer Zeit so viel Veränderung durchgemacht. (Oder aber: an keinem von ihnen bin ich so schnell entlanggefahren?)
Gestern und heute morgen noch erlebte ich ein breites behäbiges Etwas, sich durch ein weites Tal ziehend, dessen haltgebende Berge erst in einiger Entfernung aufscheinen, und dachte bei mir, wie ähnlich sich doch all diese weiten Flusstäler sind. Zum Verwechseln.
Doch flussaufwärts wandelt sich das. Es wird enger, Felsen ragen ins Bild, der Fluss windet sich, hat sich in Schleifen durchs Land gearbeitet, hält sich durch helle Felsen in Form und gibt sich auf der gegenüberliegenden Seite mit kleinen Steinstränden sehr zugänglich. Seine Altarme, so nennt man das wohl – das Pendant „Altdonau“ zu Altrhein habe ich nicht gefunden – sind zugewuchert mit Baumurwüchsigkeit, ich möchte immerfort in dieser Wildnis stehenbleiben, sitzenbleiben, mich hinlegen und durch die Zweige nach oben schauen. Ab und zu tue ich das. Der Fluss hat mich. Schade, dass ich ihn morgen schon wieder verlassen werde. Eine Donaufahrt für die Zukunft anvisieren, das steht nun auf meiner Liste.

Allerdings: Der Donauradweg ist voll. In meine Richtung geht es noch. Genau genommen bin ich von keinem einzigen Packtaschenradelnden überholt worden noch habe ich selbst welche überholt, das heißt, ich habe schlicht keine getroffen. Entgegen kommen sie mir dagegen im Minutentakt. Das stört mich überhaupt nicht, allerdings würde ich ungern auch in diese volle Richtung fahren. Wie anstrengend das ist, weil man nie sein eigenes Tempo finden kann, wenn man ständig mit Überholen oder Überholtwerden beschäftigt ist, dabei kann ich meine eigene Fahrruhe einfach nicht finden.
Jedenfalls: ich finde es voll. Wenn ich dann noch höre, am Abend von der Zeltplatzwirtin nämlich, dass es jetzt schon abgeflaut sei, dass hier seit dem Wochenende nichts mehr los sei, im Vergleich zu den Wochen vorher, als die anderen Bundesländer noch Ferien hatten, dann wird mir doch ein wenig unheimlich mit diesem Weg. Vielleicht bei künftigen Reisen doch lieber auf unscheinbare Nebenwege ausweichen.
So wie ich es heute ein Stück weit tue, aus Lust und Laune. Auf unbelebten Nebenstraßen durch einsame Dörfer, voll mit kleinen Kirchlein, die genauso aussehen, wie man sich kleine Kirchlein in Bayern vorstellt. Das sind die Wege, auf denen man das Leben beobachten kann. Die ausgebauten Radstrecken führen an diesem oft vorbei. Also im Sinne: sie fähren daran eben nicht vorbei.
Ebenso ist es auch mit Einkaufsmöglichkeiten. Vielleicht soll man sich von den Schönheiten der Natur nähren. Oder aber einkehren, die Anzahl der Biergärten am Wegesrand ist quasitschechisch. Und doch. Mein Essen ist alle, ich greife das „Notbrot“ an, meine Essenstasche scheppert vor Leere, ich suche und frage letztlich in Bad Abbach. Oben auf dem Berg seien die Supermärkte, mehr gäbe es hier nicht. Die kleinen Läden haben alle zugemacht. Das sieht man dem Ort an, leerstehende Tristesse. – Oben also dann. Vor dem Markt sitzen noch andere erschöpfte Radler, alle wohl in der gleichen Situation wie ich. Ich kaufe gleich mal größere Mengen ein, der Hunger ist ein schlechter Einkaufsberater. Der Lowrider und das Vorderrad überleben es trotzdem:)

Die beiden größeren Städte auf dem Weg durchfahre ich nur kurz. In Straubing trinke ich auf dem Markt einen Kaffee, esse etwas vom Bäcker, weil meine Frühstückstasche nur noch ein trockenes Hörnchen hergegeben hatte – die Einkaufssituation war am Vortag schon nicht besser. In Regensburg hole ich die bestellte Radkarte ab, schiebe ein wenig durch die Stadt, in ein paar Erinnerungen findend, und fahre dann gleich weiter.
Städte taugen nicht für Radtouren. Beziehungsweise meine Radtouren taugen nicht für Städte. Ich bräuchte viel mehr Zeit, um eine Stadt wirklich zu besuchen, das will ich aber hier gar nicht. Die kleinen Ortschaften mit ihrer Atmosphäre öffnen sich mir viel mehr, ich finde mehr Zugang.
In Städten kann ich in der Kürze der Zeit höchstens Erinnerungen wachrufen, oder aber – bei mir unbekannten Städten – eine kurze Weile durch die Straßen spazieren und mich in ein Straßencafé setzen, um die Atmosphäre aufzunehmen. Aus dem Bauch heraus weiß ich dann meist, ob ich mit dieser Stadt warm werden kann oder nicht. Im ersteren Fall weiß ich, dass ich wiederkommen möchte, irgendwann, aber dann vermutlich nicht mit dem Rad. Im zweiten Fall kann ich mich ja getäuscht haben und trotzdem irgendwann wiederkommen.

Eine gut frequentierte Radstrecke also. Umso erstaunlicher, dass es hier Menschen gibt, die zwar Tag für Tag, Jahr für Jahr tausende Radfahrende vorbeizischen sehen, sich aber immer noch für das Woher und Wohin und das Drumherum interessieren. Heute werde ich einige Male angesprochen. Wie kann das noch interessant sein, was wir Vorbeiziehenden zuhauf mit uns führen? Und doch, ich staune. Und ich bekomme Tipps, Empfehlungen für meine Weiterreise. Und eigene Geschichten erzählt. Die Frau, die mit ihren Kindern ähnlich radreist wie ich, die hat mich einfach auf dem Parkplatz angesprochen. Der Mann, der mir die Burg zeigt, da müsse ich hinauf (nächstes Mal, bestimmt), und dann erzählt, dass er im Leben nur eine einzige Radreise gemacht hat, als junger Mann. Zum Nordkapp und zurück. Mit einer 3-Gang-Nabenschaltung, die man damals noch selbst auseinandernehmen und pflegen konnte, die gute alte Technik. Das Paar im Café, das mit mir über Bayern und Baden-Württemberg spricht, über das Verwandte und das Trennende, über die Grenzen, die wir haben und die wir machen, all das. So viele kurze Gespräche. Ich scheine heute wohl offen dafür gewesen zu sein.

Ja, doch, ich bin offen. Wieder geöffnet für das Michfortbewegen. Vielleicht ist es das Morgenlicht, das mich erst um die Zeltecke, später auf dem morgendämmernden Flussdeich hineinzieht in eine verzauberte Neugierde, wie die Dinge jetzt und später und hinter der nächsten Windung wohl aussehen werden. Ich schaue wieder hin, besänftigt nach dem gestrigen Tag, in eine Selbstverständlichkeit hineinfindend, wie sie mir viele der vergangenen Reisetage geschenkt worden ist..
Dabei nehme ich im Innern schon Abschied, es ist ja nicht mehr weit bis nach Hause. Als ich etwa durch den kleinen Ort Bach an der Donau fahre, da beginnt in mir Bach zu singen, und mir scheint, ich will nun doch lieber am Samstag heimkehren, weil ich dann am Sonntag noch Zeit für das Klavier hätte. Überhaupt freue ich mich auf den Moment, da ich der Route vom ersten Reisetag begegnen werde. Da es sich nach den tschechischen Bergetappen auf brettlebener Strecke wie mit einem E-Bike fährt, so ganz von allein, bin ich schnell. Schnell genug, um die nördlichere Route zu fahren, über Altmühl und Jagst. So werde ich die letzten 100 Kilometer im Dejavu-Zustand sein. Gut, zum Abschiednehmen.

Passau – Waltendorf (#3wegsam31)

Was mir dieser Tag sagen wollte? Ich weiß es noch nicht. Ich weiß nur, dass man nie genug an (Reise)Gelassenheit haben kann. Und dass ich heute jedenfalls ungewohnt wenig davon hatte. So wenig, dass ich den Tag im Grunde im Zustand des Kampfes zugebracht habe. Gegen den Wind, gegen den Regen, gegen die klebrig-matschigen Wege, gegen die Autos, gegen die Uhr – im Zusammenhang mit den nicht am Wegrand liegenden Zeltplätzen. Und gegen mein besseres Wissen. Dass ich immer irgendwo ankomme. Dass ich jederzeit einfach aufhören kann. Dass ich immer wieder trocknen werde. Dass sich ein Bett finden wird. Und doch.

Schon von Passau komme ich nicht weg. Das hat gute Gründe, ich schwätze lange mit einem Berliner Radler, der die Donau bis zum Schwarzen Meer, jedenfalls bis November radeln will. In der Stadt suche ich eine Radkarte, die ich zu Hause vergessen habe, bekomme sie in der Buchhandlung nicht, aber dafür – sehr nett – rufen sie für mich in Regensburg an und organisieren, dass ich mir sie morgen dort abholen kann. Die Stadt, überhaupt, ich war ja noch nie hier, die will ich nicht ohne Hindurchspazieren links liegen lassen. Im faszinierenden Gewitterlicht liegen die Türme vor mir, und das Dreiflüsse-Eck. Alles aber verdeckt von einer Flotte an Flusskreuzfahrtschiffen, ich erschrecke über diese Ansammlung, was machen die alle hier, so gleichzeitig, und wo sind die zugehörigen Menschen, hoffentlich trifft man die nicht alle in den Gassen.

Jedenfalls bin ich lange nicht auf dem Weg. Als ich es dann bin, windet es, und wie. Genau mir entgegen. Beim Überqueren der Sperrstufe kurz vor Passau bläst es mich fast von der Brücke. Mir kommen spontane Erinnerungen ans Eidersperrwerk, das liegt an der Nordsee. Mich als (mittlerweile) Süddeutsche erschrecken diese Windstärken. Kurz darauf kommt Regen hinzu, ebenso heftig. Ich flüchte in eine Bushaltestelle, sitze neben einer Spinne und schätze, dass der Winkel des vorbeifliegenden Regens etwa 30° beträgt. Zur Senkrechten, immerhin, nicht zur Waagerechten.
Gegenwind und mich anpeitschender Regen werden zum Thema des Tages. Letzterer ist immerhin von Wolkenlöchern unterbrochen, von Kurzzeitsonne gar, das ewige Spiel Regenjacke-an-Regenjacke-aus, später ergänzt durch das Gleiche mit der Regenhose.
Die Wege werden regelmäßig gut durchfeuchtet. Die Sand-Schotter-Wege, viele Kilometer lang. Ein Untergrund, als würde ich in Leim fahren. So einer meiner wiederkehrenden Träume, ich laufe und laufe und komme doch nicht vom Fleck, hier wird dieser Traum zur Wirklichkeit. Und wo der Weg nicht klebt, da ist er – Deichmaterial soll ja grundsätzlich nicht wasseraufsaugend sein, das verstehe ich – pfützendurchzogen. Tiefe Pfützen, Matschepfützen, in denen Ausrutschen droht, in denen man nur die Wahl hat, rechts oder links vom Deich hinabzuschlittern, oder aber doch mitten hindurch: meine Hosen sprechen Bände über die Anzahl der durchstobenen Pfützen.

Wenn ich all das jetzt schreibe und selbst lese, denke ich, wie harmlos, wie wenig es eigentlich war, was mich da in meinen Groll geworfen hat. Gab es doch immer wieder eine Brücke zum Unterstellen, hatte ich doch Regensachen und jede Option, mich in ein warmes Café zu setzen – tat ich auch zwischendurch -, hätte ich doch viel eher schon mein Zelt aufschlagen können. Und trotzdem war ich nicht gut in mir und bei mir.
Jeden erneut einsetzenden Regen begleitete ich mit innerem und äußerem Och-nö, und als mich irgendwo ein aggressives Auto ausbremste, entlud sich mein Groll in ein lautes Schimpfen, so kenne ich mich nicht.

Nun, und jetzt? Jetzt sitze ich da, im immer noch von außen beregneten Zelt, von lärmendem Windtosen begleitet, das von keiner meiner Wetterapps angezeigt wird, und sinne nach. Warum es mich heute tagsüber so aus der Fassung geworfen hat. Warum in mir nicht überwiegen konnte, was von außen sonst noch auf mich zukam.
Das Licht vor allem, immer wieder das Licht. Solches Wechselwetter, das bietet ja die faszinierendsten Lichtspiele. Beleuchteter Vordergrund vor dunkler Himmelskulisse. Dunkel-hellgraue Himmelsgemälde, durch die ab und zu ein Sonnenstreif fällt. Blaues Licht aus einzelnen Himmelslöchern. So vieles.
Der behäbige Fluss mit seinen Uferstillleben von so verschiedenem Charakter. Die vom Wasser ausgestrahlte Ruhe, wenn der Weg nicht gerade von einer Straße überdröhnt wird.
Mein Ankommen. Bei dem ich immerhin gelassen genug bin, zwei sehr unkuschelige Zeltplätze am Wegesrand liegen zu lassen, weil ich eben, was die Schlafstätten angeht, inzwischen von stillen Orten verwöhnt und daher wählerisch bin. So dass ich in einem einsamen Dorf lande, in dem man neben einem Gasthof zelten darf. Ich bin die einzige, die heute auf diese Idee gekommen ist, und die Wirtsleute sind gleichmal nicht da. Montag Ruhetag. Trotzdem baue ich auf, die Regenlücke ist günstig, und ich möchte noch vor dem Dunkelwerden kochen, Tee und Nudeln, Wasser habe ich genug. (Grog wär jetzt nicht schlecht. Nachdem ich die Idee von noch zu erfindendem Instantbier und Instantwein gleich wieder verworfen habe.) Irgendwann kommt auch der Sohn des Wirtes, hoch leben Mobiltelefone, und bringt mir den Schlüssel zum Duschraum. Alles gut also. Der Raum könnte zur Not als Unterschlupf für ein nächtliches Gewitter dienen, so riesig ist er. Warm noch dazu, ich lasse gleich mein Handtuch darinnen, zum Trocknen.

Nun also, am Abend ist alles gut. Und was mir der Tag sonst noch gebracht hat, ganz tief im Innern, daran gilt es weiterzuarbeiten.

Volary – Passau (#3wegsam30)

Der dreißigste Tag, den ich auf dem Fahrrad verbringe. Das ist viel. Das ist mehr, als ich jemals im Leben hatte, mehr als ich mir vorstellen konnte. Auch mehr, als ich gebraucht hätte? Was heißt schon brauchen, natürlich. Aber ich spüre eine Müdigkeit. Es ist viel, jeden Tag Neues zu erleben. Neue Orte, neue Straßen, neues Wetter, neue Berge, neue Pflanzen, neue Holzstapel am Wegesrand, neue Formen der Stille, neue Begegnungen mit mir selbst. In diesem Nur-Radfahren-und-Treten liegt eine Intensität, das hätte ich vorher nicht geglaubt.
Fast, oder nein: wohl nicht nur fast, oder doch fast? – jedenfalls: ich sehne mich nach der Routine des bevorstehenden Schuljahresanfangs. Zwar werde ich – mal wieder – 120 neue Schülerinnen und Schüler bekommen, zwar wird es in neuen Teams und neuen Konstellationen wieder anders sein als jedes Mal bisher, aber doch. Routine. Alltag. Ohne diese Fülle an immer wieder Neuem.

Das überrascht mich, schien mir doch bisher, ich könne nicht sattwerden von diesem hier. Anscheinend kann ich doch. Nicht vom Leben im Zelt, nicht vom einfach-bescheidenen Essen, nicht vom täglichen An- und Abreisen mit all dem Packen, das ist mittlerweile ebenfalls schon eine heimatgebende Routine geworden. Satt bin ich von Eindrücken am Wegesrand. Vielleicht wäre es anders in weitläufigeren Landschaften wie Sibirien, der Sahara oder auch Nordschweden, wo man nur alle 50 bis 500 Kilometer auf eine Ortschaft trifft, wo sich nicht in jedem Tal der Charakter von Dörfern und Menschen ändert, wo nicht eine Landschaft der anderen die Klinke in die Hand gibt, so dass keine zwei Tage auch nur Ähnliches bereithalten. Vielleicht.
Meine bisherigen Reisewelten jedenfalls – das heimische Hügelland, die fränkischen Flüsse, das Thüringische südlich und nördlich des Rennsteigs, die allmähliche Flachlandigkeit Sachsen-Anhalts, der Fläming, die Verdichtung auf Berlin zu, die Großstadt selbst, die Seen um sie herum, der Spreewald, die Braunkohlewiederaufforstungswälder, die Hügelwelt vor Dresden, die Elbe, erst das deutsche Ende, dann die tschechische, die Moldau mit Pragtrubel und späteren Schluchtenwegen, die böhmische Bergabgeschiedenheit, die Seenlandschaft um Trebon, Tschechisch-Kanada genannt, der Anstieg in den Böhmerwald mit dem breiten Lipno-See, der von der Natur her unmerkliche Übergang in den Bayerischen Wald mit seinen plötzlich so anderen Dörfern und Menschen, und nun also die Donau, hier ab Passau aufwärts – die haben mich gesättigt.
Ich merke das beim Fahren: ich schaue weniger hin. Will und kann gar nicht mehr jeden Lufthauch, jede Pflanze, jede Farbe, jede Ahnung wahrnehmen. Es fliegt an mir vorbei, denke ich erstmals.

Der Morgen mit meinem inneren Abschied vom stillsten aller stillen Zeltplätze zunächst, dann vom Land und seinen sonntagfeiernden Menschen, eine letzte (und fast die einzige) Einkehr an der Grenze, für einen „Abschiedskaffee“, der in meinem Fall (mangels Malinovka) aus Kofola und Palatschinken besteht.
Da bin ich schon in mich gekehrt. An den Nachbartischen spricht man deutsch, ich schalte ab. Keinen Kilometer entfernt ist der Fußgänger-Grenzübergang, unspektakulär, eine winzige Brücke mit ein paar Schildern, dahinter stehen reihenweise deutsche Autos. Tagesausflügler, auch in die Gastronomie, das hätte ich mir denken können. Dort wo gefragt wird „zahlen Sie in Kronen oder Euro“, dort sollte man nicht einkehren, Anfängerfehler. Aber ich bin in mir versunken, es stört mich nicht weiter. Meine übrigen Kronen haben ja nun ihren Sinn: zum Wiederkommen.

Von jetzt ab heißt es Bayerischer Wald. Die tschechische Eisenbahnlinie endet abrupt, niemand hat sie nach dem Fall der trennenden Grenze wieder zusammengesetzt. Die Linie von Waldkirchen hoch nach Haidmühle existiert nicht mehr. Oder doch – Glück für mich heute – als Radweg. Auf der alten Bahntrasse, das bedeutet für nicht so bergbegeisterte Radfahrerinnen wie mich: konstant flache Steigung, später konstant flaches Gefälle. Keine Zwischenhügel, wie die Landschaft sie en masse aufweist. Die Trasse ist als Schlucht in den Fels geschlagen, als Brücke über Täler geführt, windet sich in Bögen durch die Landschaft und kann, wenn erstmal die Wasserscheide bei Frauenberg (? es war mal wieder kein Schild da) geschafft ist, hinabgerollt werden. Ehrlich: etwas 20 Kilometer hinabrollen, wo kann man das sonst? Und während dieses Rollens eben, da spüre ich, wie ich immer weniger nach rechts und links schaue, wie ich in mich gekehrt bleibe, wie das Außen nicht mehr zu mir dringt. An einem ersten Reisetag hätte ich hier eindrucksgeflutet an jeder Ecke angehalten, mich gesetzt, die Blicke und den Wind und die Weite und die Stille eingeatmet.

Später wird es doch noch hügelig. Von Waldkirchen einfach zur Donau runterfahren, das mag für die B12-Riesenstraße gelten. Im Prinzip geht es nur abwärts. Nach ein paar Kilometern auf dieser aber fliehe ich entsetzt. Die Autodichte ist größer als in Tschechien, fährt schneller und dichter vorbei, hupt (wie lange hatte ich das nicht!) und schreckt mich. Also doch auf Nebensträßlein längs der großen Trasse. Jeden Hügel, der sich am Wegesrand bietet, nimmt diese Nebenroute mit, manchmal haben sie die doch extra noch aufgeschüttet, oder? Ich habe genug von diesem Auf-und-Ab. Aber es ist absehbar, nach einer letzten steilen Abfahrt stehe ich plötzlich in Passau. Ein kleiner Zeltplatz an der (? dem?) Ilz, das Stadtzentrum sehe ich noch gar nicht, hier bleibe ich. Radfahrercamp, ganz bescheiden, ganz ruhige Menschen, niemand lärmt, alle sitzen vor ihren Zelten und kochen, und es ist viel Platz zum Abseitszelten. Hach.

Ja, es ist viel. Wie werde ich die kommenden Tage erleben? Bis auf die letzten hundert Kilometer sind das alles unbekannte Gegenden für mich. Es wird anders sein als in der ersten Reisephase. Vielleicht ist dies eine weitere Lehre des Reisens: Dass ich für mich sortieren und filtern muss, was ich aufnehme, damit es nicht zu viel wird. Dass ich meine Erlebensdichte selbst steuere, durch Rückzug ins Innere. Dass ich abschalte, wenn es innen überzulaufen droht. All das. Mir scheint, im Alltag kann ich das besser, dort bin ich es gewohnt. Mein Alltag ist ja, wie der vieler Menschen, permanent überflutet und überfordernd. Eigentlich. Darum habe ich lange gelernt, mich auf meine Weise zurückzuziehen, mich nicht der Fülle auszuliefern, wenn diese zur Überfülle wird. Dass mir dies nun auch hier auf Reisen vor Augen geführt wird, das ist unerwartet. Aber gut. Gut zu lernen, welche inneren Schutzräume ich noch so habe. Auch diese kann ich mir ja mit nach Hause bringen, zur „Weiterverwendung“. Ich bin gespannt.

Zlata Koruna – Volary (#3wegsam29)

Ein Tag zum Bersten voll, ich weiß gar nicht, wie das alles hineingepasst hat und wieso sich an einem einzigen Tag so viel Geschehenes ansammeln konnte. Ich weiß nur, dass ich am Abend müde bin, entsprechend und rechtschaffen müde. Und dass ich es genieße, meinen letzten tschechischen Abend auf einem verwilderten, abgelegenen Zeltplatz zu verbringen, auf dem außer Moldaurauschen und ein paar Lagerfeuern nicht viel ist. Doch, das „Bufet“, an dem sich alle sammeln und an dem gesungen wird. Von allen, mit allen. Mit vier Zupfinstrumenten verschiedenster Bauart. So höre und sehe ich es schon aus der Ferne, als ich noch am Zelt sitze und mein Abendessen koche.

Mein letzter Abend in diesem Land. Ich fahre morgen mit zwei weinenden Augen über die Grenze. Und komme wieder, ganz bestimmt.
Mir hat sich dieses Land und seine Menschen von einer sehr wohltuenden Seite gezeigt. Mal abgesehen von Prag und heute noch von Cesky Krumlov, ähnlich touristisch überrannt, habe ich viel Stille und Innerlichkeit erlebt. Ja, wirklich, die Menschen scheinen mir stiller, leiser, bescheidener durchs Leben zu gehen als ich es von unserer Öffentlichkeit gewohnt bin. Das ist nur meine Sicht und der Blick von außen, aber immerhin habe ich ja nun zwei Wochen lang täglich verschiedenste Menschen gesehen, beobachtet, in kleinen Begegnungen erlebt … und mich bei allem sehr sehr wohl gefühlt.
Unabhängig von der fehlenden Sprache begegneten mir von überall her Lächeln, viel Offenheit und eine stille Lebensfreude, deren angenehme zweite Seite ich als eine Art In-sich-Gekehrtheit, eine Versunkenheit wahrgenommen habe. Und als eine tiefe Liebe zur Natur. Ja, doch, in diesem Land mit seinen Menschen, seinen Wäldern und seinen Wegen fühlte ich mich geborgen. Wie gesagt: ich werde wieder herkommen, unbedingt.

Heute nun mein letzter hiesiger Reisetag, in einem Feuerwerk an Natur, wie man es sich eindrücklicher kaum vorstellen kann.
Ein früher Start am Morgen bringt mich schon in der mildwarmen Morgensonne am Kloster vorbei auf erste Hügel, von denen aus ich das Moldautal erahne und die fernen Berge mit einem leichten Schauder wahrnehme: heute arbeite ich mich hoch, morgen hinüber, und übermorgen bleibt mir wohl immer noch ein Rest davon. Aber wenn ich von der bevorstehenden Anstrengung absehe, liegt vor meinem Auge eine Traumlandschaft.
Vor die ersten wirklichen Anhöhen schiebt sich Cesky Krumlov, eine touristische Hochburg, ich bleibe unten am Fluss, staune, wie viele Touristenbusse schon morgens vor zehn Uhr hier ausgeschüttet wurden und flüchte ganz schnell vor den regenschirmhebenden Stadtführungen.
Weg aus dem Rummel in stille bergige Welten. Hinaufschrauben ins stille Bergland mit Weitblick nach rechts und links, mit einem kleinen Voralpengefühl und der Unheimlichkeit, dass ich hier oben ganz allein bin. (Die Vernunft – was, wenn mir hier etwas passiert? – muss ich ausschalten. Dann geht es mir gut in der Einsamkeit.)
Irgendwann bin ich oben auf der Kuppe, der Blick auf die andere Seite wird frei. Da unten, ganz klein noch, liegt der Lipno-Stausee. Lipno, Zauberwort aus vergangenen Kindheitsurlauben. Ein riesiger See, von oben als winziger weißer Spiegel zu sehen. Zu dem darf ich hinabrauschen.
Am See. Wie ein Meer fast. Na gut, die Bergketten gegenüber sind zu gut sichtbar für ein Meer, trotzdem. Boote, Strände, Wind. Ob ich nicht hier zelten sollte, frage ich mich, es ist schon Nachmittag. Der genauere Blick auf die Zeltplätze lässt mich dagegen entscheiden. Zu voll, zu viel Trubel, zu viele Menschen. Wie überall an Orten mit viel Zauber. Weiter nördlich in der Abgeschiedenheit gibt es weitere Zeltorte.
Am See entlang, immer nordwärts also. Bald wird er schmaler, nur noch eine Schilflandschaft, als hätte man ihm das Wasser abgelassen. Bald ist er wieder zum Flüsschen geworden. Im schrägen Nachmittagslicht rolle ich auf Hügeln längs des Ufers, die Landschaft könnte in Bayern sein. Ist sie ja auch fast. Luftlinie zur Grenze sind es kaum zehn Kilometer.
Dazwischen liegt der Böhmische Nationalpark, für ein paar Kilometer rolle ich durch seine Wälder am Fuß der Berge, ein Ort zum Auftanken.
Und dann bin ich da. Abgelegen, verwildert, verwunschen fast, so kommt mir der kleine Platz am Moldaubach entgegen. Ein Geschenk zum letzten Abend.

Ich bin erschöpft. Ein großer Teil der Strecke ist sehr anstrengend. Immer der Zwiespalt, ob ich lieber die abgelegenen Radwege fahre, unter der Gefahr, dass sie so schottrig daherkommen, dass ich aufwärts wie abwärts schieben muss, dafür aber – den Mehrhöhenmetern gedankt – mich mitten ins Herz der Natur werfen, oder ob ich Teilstücke zur Abwechslung auf der lauten Autostraße zurücklege. Dazwischen pendele ich.
Es ist heiß, meine Beine lassen mich zunehmend die schon bewältigten Höhenmeter spüren. Manche Stellen sind so steil, dass ich schiebe.

Mittags treffe ich drei deutsche Radler, die ebenfalls lange in Tschechien herumgefahren sind und morgen nach Hause wollen. Bei einem Kaffee am See reden wir über das, was wir erlebt haben. Über das, was uns jeweils entgangen ist, fürs nächste Mal:)
Dass sie von hier aus nach Passau runterfahren, sagen sie. Meine Pläne waren eigentlich andere, ich wollte etwas weiter westlich erst auf die Donau treffen. Aber das heutige Hoch-und-Runter-Gekurve lässt mir die Idee, möglichst schnell zum großen Fluss zu kommen, verlockend erscheinen.
Abends dann im Camp, bei einem Gespräch mit Hiesigen, lasse ich mich endgültig darauf ein. Nicht über die Straße, sondern über Waldwege zu einem südlicheren Grenzübergang, von dort auf einer ehemaligen Bahntrasse, ausgebaut als Radweg, nach Südwesten, und dann irgendwie nach Passau runterschlängeln. So werde ich es machen.

Apropos abends im Camp: Nach dem Kochen setze ich mich dazu. Es ist voll unter dem kleinen Dach des „Bufets“, des einzigen Gebäudes hier. Erstaunlich, wie viele Lieder gesungen werden, bei denen alle – alle! – mitsingen, mit Text von mehreren Strophen.
Ich werde angesprochen, von mehreren. Von einigen, die sehr gut deutsch können auch. Wir reden über das hier, das miteinander Singen, über meine Eindrücke vom Land, über ihre Wege in unserem Land, ja, sowieso, über die täglichen Kontakte durch die nahe Grenze.
Dazu fließt viel Bier und Schnaps. Ja, so sagen sie: so sind wir Tschechen, wir freuen uns beim Singen und mit Bier am Leben. In jungen Jahren sei es hier – in der Gegend? im ganzen Land? – üblich, in Pfadfinderlager zu fahren, das gehöre dazu. Deswegen kennen sie alle 300-400 Lieder, auswendig, das sei einfach Teil ihrer Kultur. Ich bin ein bisschen neidisch:)  Und diese musizierenden Männer verbringen immer in den ersten Septembertagen eine Woche hier auf dem Platz, deswegen kämen dann schon die Menschen aus den nahen Dörfern, weil sie um diese Abende wüssten. Einer, ein Lehrer, mit dem ich mich gerade noch unterhalten hab, holt seine Gitarre aus dem Auto, spielt einfach mit. Später sieht es aus, als wirft er weitere 300-400 Lieder in die Runde, und wieder kennen alle die.
Ich bin beschämt, denn ich leugne nicht ab, auch Gitarre zu spielen, aber einfach so ein Lied anzustimmen, etwas Englisches, was sie vielleicht auch kennen, da muss ich passen. Ich kann das einfach nicht. Sie glauben es mir nicht, vermute ich. Aber leider kann ich es wirklich nicht.
Mir bleibt, glücklich in der Runde dabeizusitzen, bis weit nach Mitternacht. Von den reihum ausgegebenen Schnäpsen nehme ich immer nur kleine, halbe. Sonst würde mein Kopf das nicht überleben …
Bestimmt bekräftigt dies ihr Bild von den freudlosen Deutschen. Oder nicht? Habe nur ich dieses Bild? Bei unserem Gespräch über die Sicht auf das je andere Land sagte der eine, man sei ja immer mit dem eigenen Volk etwas zu streng, wenn man es bewertet. Diesen Satz will ich mir mal mitnehmen, wenn ich nun über die Grenze ins eigene Land fahre.

Jindrichuv Hradec – Zlata Koruna (#3wegsam28)

Die Weiterfahrt ist schwieriger als vermutet. Ich brauche viele Kilometer, bis ich das Treten wieder als Treten nehme, es nicht mehr permanent registriere und nicht überfrachte mit Bedeutungen wie: ans Ziel bringend, Geschwindigkeit erzeugend, Zeitabläufe verwirklichend, Orte erreichend und so weiter. Die ersten Tagesstunden vergehen, bis ich in so etwas wie einen Fluss zurückfinde.

Haben doch die vergangenen Tage das Ankommen am heimischen Ort in greifbare Nähe gerückt. Von der Anzahl der verbliebenen Fahrtage her sowieso, es werden vermutlich unter zehn sein, wenn ich nicht direkt vom Fahrrad an den Lehrertisch springen will.
Meine Gedanken schweifen ab, vom Hiersein ins Heimkehren. Schuljahresvorfreude kommt auf, wie es mir immer ein bis zwei Wochen vor dem Schulstart geschieht. Dazwischen springen die Erinnerungen an unsere vergangene Nachferienankunft, an das Wasser im Keller, das lässt sich nicht beiseiteschieben. Und selbst simple Überlegungen, ob ich den Haustürschlüssel im Gepäck und zu Hause noch Brot im Tiefkühlschrank habe, grätschen mir in meine ersten Fahrtkilometer.

Dabei ist, was noch vor mir liegt, ein ausgewachsener Radurlaub. 700-800 Kilometer, bis auf die ersten heute und die letzten am letzten Tag sind es lauter unbekannte Strecken, es gibt Berge, einen großen Stausee, Flüsse am Weg, mein Zelt wird mir genauso Heimat geben wie in den vergangenen zwei Wochen, und vielleicht darf dies alles in einer trockenen Spätsommerwoche geschehen.
Und trotzdem bleibt ein Heimfahrgefühl in mir. Nach den vielen Tagen fast ziellosen Umhertreibens hat diese letzte Etappe jetzt eine andere Qualität. In zehn Tagen muss ich zu Hause sein. Das erste und einzige echte Muss der Reise. Ich werde mit ihm fahren lernen. Fahren lernen müssen:)

Und noch etwas nimmt mir die Präsenz. Mich fluten Erinnerungen an die vergangenen Tage. Fahre ich doch fast am Haus der Freunde vorbei, während ich die Stadt verlasse. Sehe noch einmal auf das Flüsschen, an dem wir gestern Abend geburtstagfeiernd saßen. Komme durch die Orte, welche in diesen Tagen unsere Ausflugsziele waren. Bin in Gedanken noch in der Musik und in allem, was die Woche mit sich gebracht hat.
Dazu habe ich meinen Zeittakt verloren. In die Tagesabläufe der Pausenwoche hinein hatte sich permanent die Wann-Frage gedrängt. Überlegungen, was man jetzt tun sollte, wie lange man dies tun sollte, wann man sich treffen, wann verabreden, wann aufstehen, wann losfahren sollte. Alles Fragen, die sich beim reisenden Sein nicht stellen.
Nun stehen sie mir im Weg, diese Wann-Fragen, ich muss sie erst wieder aus meinem Innern verdrängen, um mich von elementaren Entscheidungen befreit zu fühlen.
(Es gibt noch mehr solche Fragen: Die Was-Frage beim Essen, zum Beispiel, und beim Beschäftigen. All dies stellt sich hier nicht. Ich muss eine Menge Fragen loswerden.)

So kommt es, dass ich heute zu schnell unterwegs bin, für mein Gefühl. Zu früh schon bin ich losgefahren, weil auch die anderen früh aufbrechen wollten. Das schräge Licht des noch sehr kühlen Spätsommertages erinnert mich, dass um diese Zeit für gewöhnlich das Zelt trocknet. Schräges Licht kenne ich nur von den Abenden, jetzt ist es mir ungewohnt. Na, ich brauche wohl noch ein wenig, um wieder zu mir zu kommen.
Dies geschieht, je mehr ich mich vom Bekannten entferne. Der Turm Trebons winkt nur noch vom anderen Ufer des riesigen spiegelglatten Sees. Meine Strecke wähle ich über andere kleine Sträßlein als vor ein paar Tagen. Nach Budweis komme ich über eine nördlichere Straße hinein, die Bahngleisüberquerung wird dadurch ungleich leichter, der riesige quadratische Platz – heute ist Freitag – wirkt viel belebter, fast als wäre es eine andere Stadt.

Von hier ab führt es mich in neue, fremde Gegenden. Die Moldau aufwärts, das bedeutet heute: nach Südwesten. Der Fluss ist schmaler und schmaler geworden, heute erscheint er erstmals in der faszinierenden Bewegtheit eines Gebirgsflusses.
Entsprechend wird die Landschaft bergig, mein Weg auch. Und meine Beine sind noch müde, sind voller tagelanger Pensionsträgheit.
Als dann noch ein Mensch von hier, ein „Engel“, wie man ihn nennen könnte, mir empfiehlt, auf keinen Fall auf einen der Krumlauer Zeltplätze zu gehen, weil diese alle vom Rafting-Hype überschwemmt seien, statt dessen sei das Kemp in Zlata Koruna zu Füßen des Klosters ruhig und inmitten der Natur gelegen, als dieser Wink auch noch kommt, kehre ich erstmals schon gegen vier Uhr meinem Weg den Rücken und stelle mein Zelt auf.

Gut ist das. Zeit. Unendlich viel Zeit. Die Moldau lockt. Sie lockt sogar stärker als mein Magen knurrt. Ich lasse mich darauf ein … und stehe bald mit den Füßen drinnen. Es ist nicht kalt. Oder besser: ich will, dass es nicht kalt ist. Ich möchte nämlich in dieses Wasser hinein. Und tue es. Schwimme. Eine ideale Gegenschwimmanlage, die Moldau hat genau mein Tempo, egal ob ich vorwärts oder rückwärts schwimme.
Es ist übrigens mein erstes Bad in diesem Sommer. Ich bade nicht gern, eigentlich. Es muss schon viel zusammenkommen, dass ich mich vom Wasser angezogen fühle. Hier war es so. Das lebendige Fließen. Die Sonne schräg hinter den Bäumen. Die glitzernde Oberfläche. Die Schemen des Klosters und sein Läuten. Die Alleinsamkeit. Das alles.

Später wird es noch voll auf dem Platz. Wasserwanderer, zahlreiche. Am dichtesten an einen dran stellen sich übrigens die Deutschen. (Oder sagen wir mal vorsichtiger: Die nichttschechisch-sprechenden Menschen. Dies ist wohl tatsächlich wahr. Und nicht nur auf diesem Platz.) Warum denn bitte, wenn eine halbe Moldau mit ihren Ufern frei ist? Man könnte problemlos in eine der Ecken der vielen Wiesen ziehen.
Dies ist, was ich dann tue. Mit meinem Buch, meinem Bier, mit mir allein. Ich muss ja den langen Abend nicht in der Nähe meines Zelts verbringen:)