Wünsche

Schulgedanken, lang in mir getragene

Es ist Zeugniszeit, Notenzeit, die Zeit vieler Tränen.
Ich gebe die letzten Klassenarbeiten zurück, spreche dabei mit jedem Kind, mit jedem Jugendlichen einzeln. Einmal im Jahr, mindestens, muss Zeit sein für ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Was nehme ich von Dir wahr, über die Zahl, die unter der Arbeit steht, hinausgehend? Worin bestehen – in meinen und in Deinen Augen – Deine größten Schritte der letzten Zeit? Wie geht es Dir in meinem Fach, in meinem Unterricht, was brauchst Du, was wünschst Du Dir von mir?
Etwa 150mal versuche ich in den letzten Wochen, in ein kurzes Gespräch über all das zu kommen, oft gelingt es. Und oft, viel zu oft fließen dabei Tränen. Auf die Schüler mit den „schwierigen“ Noten hatte ich mich vorher ausführlich vorbereitet, hatte für jeden einzelnen überlegt und aufgeschrieben, was ich an Tröstendem, Ermutigendem und Besänftigendem sagen könnte. Doch die meisten Tränen gibt es für mich völlig unerwartet. Oft sind die Noten nur der Anlass, es fließt zumeist sehr viel mehr mit. Immer geht es um Überforderung, bis hin zu Verzweiflung, die ganz unmittelbar mit der jeweiligen Schulsituation des jungen Menschen verbunden ist.
Viele Gespräche gehen mir innerlich nach. Einige haben sofortigen Elternkontakt zur Folge, andere trage ich ins nächste Schuljahr mit. Manches teile ich mit Kollegen, mit der Schulleitung auch, hin und wieder können wir ganz unmittelbar etwas ändern. Das meiste aber bleibt zunächst ungelöst.
Es folgen die Zeugniskonferenzen. Allzu oft müssen wir entscheiden, dass ein Kind eine Klasse nicht „geschafft“ hat. Welcher Weg für das Kind nun der beste ist, dafür versuchen wir beratend zur Seite zu stehen. Zunächst aber versetzen wir mit der telefonischen Mitteilung so manche Familie in einen Schockzustand. Kein anderer Weg scheint angedacht, kein anderer Weg als das Turbogymnasium. Zuweilen brechen vor unseren Ohren Welten zusammen, prallt der ganze Schock ungedämpft auf ein Kind ein. Wieder Tränen Tränen Tränen.

„Was läuft da schief in unseren Schulen?“ Diese Frage stand wie ein Fazit unter einem Twitterkurzgespräch vor längerer Zeit, in dem es um Schulängste und -tränen, um Schule und die Schulen allgemein, um unsere Kinder in diesen Schulen und die im Hintergrund das Schulerleben stets mittragenden Familien ging. Diese Frage blieb in mir hängen, bis heute.
Was also läuft schief in den Schulen? Warum fließen dort so viele Tränen? Wie fühlen sich die Kinder und Jugendlichen, die diese weinen? Welche Ängste und Nöte tragen sie in sich? Warum fliehen so viele Jugendliche in psychische Erkrankungen, in Essstörungen, Depressionen und selbstverletzendes Verhalten?
Kaum einer Familie mit Schulkindern werden diese Fragen völlig fremd sein, vermute ich. Wir hier zu Hause erleben sie glücklicherweise nur in Ansätzen, weil meine Kinder es im Großen und Ganzen gut getroffen haben. Als Lehrerin aber bin ich jeden Tag involviert. Kinder weinen beim Erblicken der Klassenarbeitsnote – selbst schon bei einer 2 – los, Jugendliche fragen mit ängstlicher Stimme, ob der Test unterschrieben werden solle, ich werde angefleht, über die wiederum vergessenen Hausaufgaben nichts den Eltern mitzuteilen – das ist mein Arbeitsalltag. Ich möchte aufschreien.

Unser Schulsystem ist voll von Bewertungen. So sehr mich das Verteilen von Noten manchmal selbst schmerzt: Nun gibt es Noten aber einmal, an dieser Schraube lässt sich im Moment und in der konkreten Situation nicht drehen. Statt mich an eine Schulform ohne Noten wegzubewegen, habe ich in den letzten Jahren immer und immer wieder darüber nachgesonnen, wie ich, wie wir mit diesem Bewertungssystem umgehen könnten.
Meine vielen Beobachtungen und Überlegungen lassen sich vielleicht am ehesten so – in fast schon unzulässiger Verkürzung – zusammenfassen:
Noten sind zunächst Zahlen, mit deren Hilfe eine Schüler“leistung“ mit einer im System festgelegten Skala des erwarteten Könnens und Wissens abgeglichen wird. Wer oder was diese Skalen in einzelnen Schularten, Schulen und Fächern jeweils festlegt, nach welcher Formel der erbrachte Anteil in eine Notenzahl umgerechnet wird, dass es dabei selten völlig objektiv zugeht und dass solche mathematischen Verfahren wie Notendurchschnitte und Ausgleichsregelungen bei der Versetzung höchst strittig sind, geschweige denn dass zahlreiche andere Faktoren als nur das Erlernte auf die konkreten Noten Einfluss haben, um all diese Aspekte soll es jetzt nicht gehen. Ganz schlicht gesagt also: Mittels Noten wird abgeglichen, welchen Anteil des zu Lernenden zu einem jeweiligen Zeitpunkt als Erlerntes dargeboten werden kann. Nicht mehr, und nicht weniger.

Was Lernende aus diesen Noten allerdings oft ablesen, ist weit mehr. Da fällt das Attribut „schlecht“ – „Ich bin ein schlechter Schüler. Ich bin 4.“, wenn im Gegenzug die „guten“, die „Einserschüler“ hervorgehoben werden. Diese Wertung wird auch nicht besser, wenn stattdessen „schwach“ oder „leistungsschwach“ gesagt wird. Da sind die Notenbezeichnungen „mangelhaft“, „ungenügend“ und „ausreichend“ geradezu prädestiniert, als Persönlichkeitsbewertungen gelesen zu werden. Doch halt, es geht nicht um diese Bezeichnungen. Mögen diese meinetwegen so bleiben.
Es geht darum, dass die damit verbundenen Bewertungen nicht in die Seelen der jungen Menschen eindringen. Dass sich also nicht ein ganzer Mensch bewertet fühlt, wo die erhaltene „Zahl“ einzig das im Prüfungskontext gezeigte Können oder Nichtkönnen meint.

So klar, so schwierig. Denn wie kann sich eine kleine Seele dieser verletzenden Sprache entziehen, wie kann sie sich vor dem Gefühl des Klein- und Minderwertigseins schützen, wie kann sie verhindern, dass sie sich bis ins Innerste persönlich bewertet fühlt?
Dies kann nur gelingen, wenn die Verbindung zwischen Notenzahl und Persönlichkeitsbewertung so weit wie möglich gekappt wird, und zwar in erster Linie durch die das Kind umgebenden Erwachsenen.
Ja, darin liegt in meinen Augen unsere allererste Verantwortung. „Unsere“, das meint: die der Eltern und die der Schule. In der allerletzten Stunde vor dem schriftlichen Mathematik-Abitur sage ich zu meinem angstschlotternden Kurs immer einen Satz, den ich jedem Kind und Jugendlichen als verinnerlichtes Mantra wünsche:
Eine Note ist eine Zahl ist eine Zahl ist eine Zahl.“

Nun wäre es allerdings naiv, diesen letzten Satz als Fazit stehen zu lassen. Er gilt so uneingeschränkt allerhöchstens bis zum Ende der Mittelstufe, nur in den Fächern, in denen nicht Wissen und Können gravierend aufeinander aufbauen, und auch nur, wenn sich die Noten – auf der hierzulandigen Skala – zwischen 1 und (sicherer) 4 bewegen. Außerhalb dessen kommen Versetzungsregelungen, Uni-NC-Fächer und überhaupt die Notwendigkeiten langfristigen Lernens ins Spiel. Äußere Gegebenheiten also, die es doch nicht gleichgültig sein lassen, mit welchen Zahlen man den Schulparcours absolviert. Lebensentscheidungen hängen davon ab, Schulart und Schulwechsel, Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, Chancen auf Praktika, Preise, gesellschaftliche Anerkennung etc. Die Gesellschaft lebt in weiten Bereichen vor, dass man (erst?) durch Leistung etwas zählt, dass das Attribut „wertvoll“ viele Überschneidungen mit „leistungsfähig“ hat. In die Schule ist dies längst tief eingedrungen, dem entzieht sich niemand durch Augenverschließen.
Insbesondere Eltern haben dies alles vor Augen. Ängste flackern auf, man möchte das Beste für sein Kind, es soll doch seine Wege „erfolgreich“ gehen können, es soll „bestehen“ und „weiterkommen“, es soll die nötigen Voraussetzungen erwerben, um etwas zu „werden“. — Nein, ich mache dies nicht lächerlich, stelle mich nicht darüber, blicke nicht distanziert darauf hinab. Auch mir als Mutter schießen solche Dinge durch den Kopf, auch ich sorge mich um die Zukunft meiner Kinder, auch mich haben schon manche Rückmeldungen aus der Schule erschreckt, weil ich mich daraufhin um den künftigen Weg meiner allerliebsten Menschen ängstigte.

Als ich vor Jahren eine ältere Kollegin fragte, was sie Eltern sage, gerade wenn sich die schulische Situation des Kindes problematisch darstelle, bekam ich eine Antwort, die ich seither fest in mir trage: „Machen Sie keinen Druck. Ihr Kind hat das Recht auf eine glückliche Kindheit. Machen Sie also in erster Linie keinen Druck.“
Ja, ja und ja!
Machen wir keinen Druck. Der Satz ist an mich gerichtet, an meine KollegInnen, an die Eltern, und vielleicht auch ein wenig ans Kind. Dieses aber kann sich selten wehren und verinnerlicht oft nur den von außen hineintransportierten Druck.
Sagen wir stattdessen lieber: „Du bist gut, so wie Du bist. Auch wenn Du schlechte Noten hast.“ Oder besser: ohne „auch“. Damit der Wert des Kindes und seine Schulnoten in keinerlei Zusammenhang gebracht werden.
Manche Kinder tragen dieses „Du bist gut, so wie Du bist.“ ja in einer gesunden Natürlichkeit in sich. Die meisten allerdings sind – zumal in der Pubertät – abhängig davon, dass Eltern und LehrerInnen dies in sie hineintragen. Ja, Eltern und LehrerInnen. In dieser Reihenfolge, sage ich.

Beginne ich trotzdem bei uns als Schule. Wir als Schulart stehen – im Moment – vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Eingebunden zwischen Grundschule und (Zentral)Abitur, sollen wir mit immer mehr, immer jüngeren, immer weniger reifen, immer unkonzentrierteren Schülern in nur acht Jahren das Gleiche wie immer schon erreichen. Die Hochschulen und Industrieverbände merken an, dass uns dies nicht gelingt, sie haben wohl Recht; manche Studiengänge lassen sich nur noch nach universitären Vorbereitungskursen bewältigen. Eine Drucksituation für alle Beteiligten.
Und doch, bei aller unmöglichen Quadratur des Kreises dürfen wir als Schule diesen Druck nicht an die Kinder weitergeben und sie damit kaputtmachen. Leben wir also diesen Satz – „Du bist gut, so wie Du bist.“ – für jedes Kind in jeder Situation. Wer dies nicht kann oder nicht tun will, sollte den Beruf wechseln. (Was im System aber nicht vorgesehen ist, fatal.)

Allerdings geht ein schlechter Lehrer, auch wenn er „großer Mist“ ist, irgendwann vorbei „wie das Wetter“, wie eine Nachbarin, Vierkindmutter mit schwierigen Schulerfahrungen, immer zu ihren Kindern sagte. Ich gebe ihr Recht und sage diesen Satz inzwischen auch zu meinen Kindern, wenn er denn nötig wird.
Eltern dagegen, die ihr Kind mit Ängsten, Besorgnis und übermäßigen Forderungen erdrücken, sind nicht nur „großer Mist“, sie wirken zuweilen tragisch. Sie tun etwas, was sie als allerletztes wollen: Sie verweigern ihrem Kind ein freies, glückliches Aufwachsen, wenn sie an ihm reißen und zerren und das Kindsunmögliche verlangen. Bessere Noten etwa, wenn das Kind einfach nicht mehr kann. Den Verbleib auf dem Gymnasium, wenn das dortige Turbotempo in keinem Bereich zum Kind passt. Selbst wenn das Kind schon aus allen Poren signalisiert, dass es an dem permanenten Gefühl, nicht zu genügen, krank wird, verweigern manche Eltern ihrem Kind einen Schulwechsel. Dabei gibt es zahlreiche Wege, die dem Kind wieder zu einem glücklicheren Sein verhelfen könnten. Wir bieten gerade den Familien, deren Kinder es bei uns nicht „schaffen“, Beratung zu allen denkbaren Facetten an, nehmen uns mehr als für andere Familien Zeit. Allzu oft jedoch werden unsere Einschätzungen und Empfehlungen einfach nur vom Tisch gewischt. Das sind die Gespräche, die Situationen, in denen ich weinen möchte (und es zuweilen tue). Da gehen Kinder vor aller Augen kaputt …

Viele weitere Gedanken dazu finden sich in diesem lesenswerten Artikel, ebenso wie in diesem Blogpost.  Den Satz „Wie schlimm eine schlechte Note ist, das definieren die Eltern“ nehme ich mir mit.
Ebenso wie die Empfehlungen: „Gehen Sie in die Apotheke, kaufen Sie eine große Flasche ‚Heitere Gelassenheit‘ und nehmen Sie davon dreimal täglich 20 Tropfen.“ Und: „Immer fröhlich Gesundheit und Glück der Kinder im Blick behalten.“
Kinder, deren Eltern dies verinnerlicht haben, haben es leichter, im Schulsystem mit seinen Unzulänglichkeiten zurechtzukommen. Als Lehrerin habe ich immer nur eine nachgeordnete Rolle.
(Und nein, ich möchte nicht, dass dies als Schuldzuweisung gelesen wird. Jeder Mensch, Mütter, Väter, wir alle, handelt immer aus dem Korsett des eigenen Erfahrens und Erlebens heraus. Den tragischen Schülergeschichten gehen tragische Elterngeschichten voraus, weit über die in meinem Fach verbreitete Ich-konnte-das-auch-nie-Tradition hinaus.)

Wie man es jedoch dreht und wendet: Es bleibt schwierig für alle Seiten. Für die Kinder, für die Eltern, für die Schulen. Wir alle sind mit der Situation überfordert, fühlen uns alleingelassen und finden manchmal keinen anderen Ausweg, als den allseitigen Druck immer nur gegenseitig aufeinander abzuwälzen. Eltern auf Lehrer, Lehrer auf Eltern, und alle zusammen auf’s Kind.
Das darf nicht sein. Das darf so nicht bleiben.

Ich träume von viel mehr Schulpsychologen, von viel mehr professionellen Beratenden, die für uns alle da sind.
Ich träume von einem Netz an Unterstützenden aus der Gesellschaft, damit wir mit Angeboten und Projekten unsere enge Klassenzimmerwelt verlassen können und sich weitere Teile der Gesellschaft mit an der Erziehungsaufgabe, dem Ermutigen, Stärken und Aufrichten der Kinder – und eben dem Abfangen von Druck – beteiligen.
Ich träume von kleineren Klassen und von weniger Unterrichtsstunden, damit Zeit für viele, viele Gespräche bleibt. Denn ja, in Eltern-Kind-Lehrer-Gesprächen mit dem Fokus: „Was wollen wir, was ist realistisch, womit dürfen wir zufrieden oder stolz sein, und warum ist eine 3 nicht schlimm?“ könnte man vieles aufbrechen und abfangen, könnte viele Familien im Umgang mit der Schulsituation unterstützen. Wenn ich solche Gespräche derzeit im notwendigen Umfang anbieten würde, wäre ich wohl bei einer Wochenarbeitsstundenzahl von 100. Ganz ernsthaft. Soviel Gesprächs- und Begleitungsbedarf gibt es. Dem meisten kann ich beim besten Willen und Gespür für die Bedürfnisse der Kinder nicht nachkommen.
Ich träume also von einer tragbaren Arbeitsmenge für mich und meine KollegInnen, so dass wir jedem einzelnen Kind gerecht werden können.

Und nun? Was bleibt nach dem Träumen? Manchen KollegInnen und manchen Eltern meiner Schüler eine Kopie dieses Artikels in den Briefkasten zu werfen? Das würde ich in einigen Fällen wirklich gern tun. Doch das traue ich mich nicht.
Vielleicht ist es ja weit wichtiger und fruchtbarer, wenn ich bei mir selbst anfange. Was also kann ich persönlich tun, selbst wenn meine Träume nur Träume bleiben werden und wenn nach wie vor Familien in ihrer Schulsituation eben sind wie sie sind.
Immerhin kann ich mit den Kindern im Gespräch bleiben, im Unterricht, in den Pausen, bei zusätzlichen Treffen.
Ich kann ihnen sagen und – wichtiger! – vorleben, dass man sich nicht an Zahlen messen lassen muss, dass sich das Wesentliche des Lebens ganz woanders findet.
Ich kann mit ihnen darüber sprechen, dass und wie man sich selbst – und eben nicht primär seine Leistungen – im Blick behalten sollte, damit man gesund bleibt und mit sich selbst in einem stimmigen Gefühl lebt.
Und: Ich kann jedem einzelnen Kind spiegeln, was für ein wunderbarer, wertvoller, einzigartiger Mensch es ist.
Wenn dies in den Kinderherzen ankommen würde, wäre schon viel erreicht.

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Zarte Pflanze Hoffnung

 

Sie wächst karg, in sich zurückgezogen.

 

 

Das Grün in sich verborgen, streckt sie ihre Fühler zum Licht …

 

 

… und duckt sich immer wieder in den Schatten.

 

 

Sie beginnt aus dem Nichts zu wachsen …

 

 

… und setzt ihr filigranes Wesen den Stürmen aus.

 

 

Wie ein Wink weist sie in die Weite.

 

 

Für sie.
Und für die kleine M., die ihren Weg auf die andere Seite sucht.
Für ihre Familien.
Und für uns alle.

 

Anderswo

Immer noch infektgeplagt, sind mir die eigenen Worte heute blockiert. Darum teile ich einfach, was ich anderswo fand und las.

Von Bahnhöfen und reisendem Unterwegssein, von fremden Orten und Welten und einer Hoffnung, dass wir uns unsere jeweilige Andersartigkeit bewahren, schreibt Ulli in ihrem Blaue-Stunde-Text.

Um Begegnungen mit Menschen, welche von Beginn weg nicht so privilegiert wie wir leben dürfen, und um unsere – unser aller – Verantwortung füreinander geht es bei Anna.

Und das Fragen, die Frage an sich, auf dem Land und anderswo, jedenfalls dem gegenseitigen Verständnis und der Öffnung für Neues dienend, betrachtet der Landlebenblog.

Was für wunderbare Bloglektüre sich mir immer wieder öffnet …

Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten beiden Jahren begann ich unter derselben Überschrift etwa um dieselbe Zeit hier mit diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig …“
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)
So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre erfüllt haben, ein wenig? Darüber mag ich heute nicht zu tief nachdenken. Möglicherweise öffnete sich damit eine Spirale des Zweifelns und des Haderns. Lieber lasse ich das soeben Gelesene in mir stehen – die Texte finden sich hier und hier -, als Brücke zu meinem heutigen Ich. Man darf sich Dinge ruhig wieder und wieder wünschen, das Ganze ist ein Weg. Ein ewiger, möglicherweise, aber ein Weg.

Wieder also stehe ich vor einer unberührten Jahresfläche, mit konkreten Wünschen, aus meiner derzeitigen Lebenssituation geboren.

Ich wünsche mir, das kann man nicht oft genug sagen, gesund zu bleiben. Der Blick zu nahen und fernen Menschen meines und jüngeren Alters zeigt: es ist nicht selbstverständlich. Das war es noch nie. Es wird mir nur mit jedem Lebensjahr bewusster.

Ich wünsche mir, mich meiner Bedürfnisse annehmen zu können. Ebenfalls ein „ewiger“ Wunsch. Sie zu erspüren, darin fühle ich mich weiter als noch vor ein paar Jahren. Ihnen Stimme zu geben allerdings, Raum und Ausdruck und Gestalt zu verleihen, das bleibt ein intensives Übungsfeld. Dazu gehört auch, dass ich es irgendwann schaffe Verantwortung abzugeben, wo sie meine nicht ist.

Ja, das Stimmegeben überhaupt. Ich wünsche mir mehr Mut zur Öffnung und Offenheit in Begegnungssituationen. Ich möchte nicht immer nur dem inneren Fluchtreflex nachgeben, wenn Kommunikation schwierig zu werden scheint, möchte mich in so mancher Situation nicht länger verschlossen zeigen. In einer jeden Begegnung, selbst dem Alltags-Smalltalk, die Chance eines wirklichen Aufeinanderzus zu finden, das würde ich gern lernen.

Dazu gehört wohl auch das Loslassen von Bewertungsmustern. Wieviele das sind, durch die ich täglich auf die Welt blicke, auf nahe und ferne Menschen in ihrem Sosein, das wird mir bewusst, wenn ich nur wenige Stunden lang meinen Fokus darauf richte. Urteile und Wertungen verletzen nicht nur das Gegenüber, sie halten auch mich selbst gefangen, verhindern Öffnung und ein Miteinander in tiefem inneren Frieden. Ich wünsche mir Wertungen loslassen zu können. (Dass sie oft mit mir selbst zu tun haben, dass ich aggressiv insbesondere bei den Dingen reagiere, die in mir selbst stecken, dies ist mir bewusst. Es sind wichtige Fingerzeige. Umso wichtiger und dringlicher meine Sehnsucht, mich versöhnlich gegenüber Fremdem zeigen zu können.)

Versöhnlichkeit wünsche ich mir auch gegenüber meinen Alltagsbergen. Diese enthalten viel Potential, mich in unguten Emotionen zu verlieren. Ich wünsche mir die Fähigkeit mehr und mehr bei mir zu bleiben. Ich würde gern mit derselben meditativen Gelassenheit, mit der ich Knöpfe annähe, Korrekturstapel abarbeite oder Acrylfarbflecke im ganzen Haus wegwische, auch das alltägliche Kinderzimmerchaos, die Stapel an lebensverwaltenden Organisationsdingen – Versicherung, Beihilfe, Ämter, Termine und Co – und die selbstnachwachsenden Wäscheberge angehen, um nur mal meine Schlechte-Laune-Generatoren ersten Ranges zu nennen. Die sich daran stets anschließenden Ungedulds- und Ungehaltenheitswellen innerer und äußerer Ausprägung hätte ich gern niedriger, sie brauchen ja nicht gleich ganz zu verschwinden.

Letztes Jahr schrieb ich, ich sollte vom To-do-Listen- auf ein Done-Listen-Gefühl umstellen, um nicht permanent die Berge und damit die Unzulänglichkeit vor mir zu sehen, um damit nicht dauerhaft in der immer schon verplanten und gefüllten Zukunft zu leben. Zwar geht es nicht ohne Listen – mein Gedächtnis reicht nicht für die täglich tausend Details in allen Alltagsbereichen -, aber das Gefühl umzustellen, dies ist ein immer noch dringlicher Wunsch. Nicht permanent zu sehen, was noch ansteht, sondern abends dankbar zurückzublicken: Was der Tag alles enthielt, wie reich er gefüllt war, wie satt ich in ihm werden durfte.

Diese reiche Fülle wirklich und intensiv zu leben, dies wünsche ich mir. Ohnehin muss ich meine verschiedenen Seelendinge allesamt etwas zähmen, ein Leben reicht nicht für die Musik, die noch zu spielen wäre, für die Schreibe- und Lesewelten, die ich mir noch öffnen würde, für all die Luft, die noch zu atmen ich ersehne. Ich wünsche mir den rechten Blick dafür, was in welchem Augenblick jeweils zu leben ist. Und es dann zu schaffen, mich in einem jeden Moment dem hinzugeben, was dieser sich als Seinszustand gewählt hat – wenn ich lese, wirklich im Buch zu sein, wenn ich musiziere, wirklich in der Musik zu sein, wenn ich fotografiere, wirklich die Augen dem Bildlichen zu widmen – und nicht immer schon innerlich vorauszueilen, zu schwanken zwischen Verschiedenem, zu hadern und zu springen. So gern würde ich es vermögen, mich wirklich und mit Allem in die Augenblicke hineinzubegeben.

Und ja, ich wünsche mir Kraft. All das, was hier ringsum zu leben ist, benötigt große Mengen davon. Ich würde gern mehr und mehr einen gangbaren Weg für meinen Alltag finden: mit den notwendigen Stillezeiten, den immer dringlicher werdenden Erholungspausen – ich spüre seit 2-3 Jahren die sich ansammelnden Lebensjahre deutlich -, dem verlangsamten Tempo und dem Mut mich zurückzuziehen, wenn ich es brauche. Mit mir selbst in dieser Hinsicht behutsam umzugehen kostet mich viel Kraft. Von der hätte ich gern immer ein Quäntchen im Vorrat.

Ich wünsche mir Musik – mir und uns, auf welchen Instrumenten auch immer Du und Ihr und ein jeder und eine jede glücklich zu werden vermag – ich wünsche uns allen ein Lebensorchester voller Beseelung.

Und Frieden wünsche ich mir und uns – Hoffnung und Zuversicht für das kleinere und größere Weltgeschehen. Möge uns nie der Mut verlassen, kleine eigene Schritte zu gehen, oder sie für den Anfang auch nur zu träumen.

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Abschließen möchte ich sie mit denselben Worten wie den vergangenen Jahrestext:


Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


Weihnachtsferienbeginn

Es ist der am längsten ersehnte schulfreie Tag des Jahres. Mehr als vor jeder anderen freien Zeit, mehr noch als vor den Sommerferien dürstet man darauf hin. Beim Abschiedsglühwein in der Schule unterhalten wir uns, es geht allen so. Weil die Wochen seit den Herbstferien pausenlos dahinströmen, weil es mehr Schuljahresaufgaben gibt als zu jeder anderen Zeit im Jahr, weil die Sonne kaum scheint, all das wird es sein, warum wir diesen ersten Ferientag in so erschöpftem Zustand erreichen.

Und dann ist er da. Das schulische Terminhamsterrad hört mit einem Mal auf zu drehen, das muss erstmal bewältigt werden. Der Körper lässt sich plötzlich kaum noch in Schwung halten, die Seele sowieso nicht, all die Ferienvorfreude ertrinkt in mattdunkler Traurigkeit, die Stunden wollen durchwatet werden, eine nach der anderen.
Sich aufs Fahrrad setzen wie zu Beginn der Sommerferien, wegfahren, aus dem Alltag entschwinden, jetzt sofort – das wär’s. Wenn auch das Fahrrad natürlich eher symbolisch zu verstehen ist, bei diesen Außentemperaturen. Eine Lese-Musik-Schreibreise ins Innere, zum Beispiel.

Doch nein, unmöglich. Da ist weiterhin fordernder Alltag, ein unschulischer, ein von den letzten Schulwochen mitverursachter. Fünf Trommeln Wäsche warten, die Schränke der Kinder sind leer. Der Haushalt liegt brach. Und wer jetzt entgegnen möchte, dies sei doch nicht wichtig: Bitte einmal den Blick durch unsere völlig verramschten Zimmer schweifen lassen , sogar die Kinder stellen schon fest, dass wir ja keine Ecke zum ruhigen Sitzen und Spielen mehr haben. Und dann noch ein paarmal an all die klebrigen Türklinken fassen … Der Haushalt also braucht ein paar energische Eingriffe. Die Tochter hat eine Probe in der Stadt und muss hingefahren werden. Immerhin liegt direkt daneben die Stadtbücherei und versorgt uns mit Ferienbüchern und -filmen. Pässe und Personalausweise müssen wir beantragen, es eilt – im Rathaus ist man fast erschrocken über so späte Kundschaft. Ein paar Schulnotizen und Mails sind fertigzumachen, bevor ich in der zweiten Ferienhälfte nicht annähernd mehr weiß, worum es ging und geht. Schultasche und Schulschreibtisch wollen aufgeräumt werden, oder nein: ich will, dass sie in den aufgeräumten Zustand übergehen. Nicht nur wegen eventueller Brotdosen, die bis zum Ferienende sonst Beine bekommen werden, sondern auch, weil der Tisch für meine Weihnachtsferienpuzzletradition gebraucht wird.
Es ist dicht. Viel, das.

Zwischen all dem sacke ich immer wieder zusammen. Versuche mich zu erinnern, worauf ich mich die Wochen zuvor fast wie irre gefreut habe. Aufs Spielen mit den Kindern – ach ja, zwei neue Spiele werden unterm Baum liegen. Und mir fällt ein, dass ich dieses Jahr nicht nur keinerlei Post geschafft habe, sondern dass noch keines der kleinen Dinge in den Hinterkatakomben des Schranks (Kinder: bitte weglesen:)) bisher eingepackt ist, hoffentlich haben wir noch Papier, hoffentlich vergesse ich das nachher nicht;-) Also: aufs Spielen freue ich mich. Aufs Alleinsein und Wenigreden auch – und die Kinder ebenso. (Die sind übrigens schon in ihre Lesewelten abgetaucht, wie das am ersten Ferientag sein muss:)) Aufs Wiederhellerwerden, das man sich ja wenigstens vorstellen kann, wenn schon der Blick aus dem Fenster nichts davon zeigt. Aufs Puzzlen, aufs Legobauen, aufs Lesen, aufs Schreiben, auf Tage im Schlafanzug, ohne Blick auf die Uhr und ohne jede Strukturierung durch irgendwelche Mahlzeitenpläne. Verhungert sind wir dabei noch nie. Eher gesättigt in unserem Ruhehunger.
Und auf meine Musik freue ich mich. Zum Klavier ist ein Cello eingezogen. Es begeistert, fasziniert und belebt mich mehr als je erträumt und erhofft. Wenn auch ein Berg an Ungeduld zu zügeln ist. Wäre es doch am sinnvollsten, im Moment nur leere Saiten zu streichen – in zwei Unterrichtsstunden habe ich erspüren dürfen, wie sich der Körper dabei anfühlen kann, bin in meditative Bewegungen hineingekommen. Dennoch ist da das unbändige Bestreben, schon die linke Hand mitzubenutzen, Töne und Melodien zu formen. So quietschig und unsauber die noch klingen, ich habe mit der Tochter erste Duette gespielt, und das fühlt sich unglaublich an! Und doch: Das Cello wird mir zum Geduldslehrer werden, ich freue mich drauf.
Auf Bücher freue ich mich, der ungelesene Stapel ist ins Unendliche gewachsen. Auf Fotos freue ich mich, denn die Sommerbilder sind noch nicht mal sortiert, geschweige denn irgendwie bearbeitet und verblogpostet. Auf Spaziergänge freue ich mich. Aufs Schreiben. Auf meditatives Einfach-nur-da-sitzen.

Ich werde sehen, was die Ferien schenken. Ich hoffe, ein wenig Stille. Ein wenig nur.

Die wünsche ich Euch auch. Und Frieden. Den wünschen wir uns wohl alle …

12 von 12 im Oktober

(Mal wieder ein 12 von 12 . Mal wieder später als alle anderen:))

 

12-von-12-im-oktober-1

Noch ganz in einem unangenehmen Traum befangen, schweife ich mit den Augen durch’s Zimmer, auf der Suche nach Halt. Eine Schale gibt diesen, einer meiner Schalen, die mir, unabhängig von ihrem realen Inhalt – Sand, Steine, Natur, Räucherstäbe – je nach Bedürfnis verschiedenste Wunschdinge enthalten. Einfach nur für mich in meiner Vorstellung. Heute möchte ich in ihrem Inneren bitte Geborgenheit finden. Oder Wahrgenommenwerden. Oder beides. Ja, beides.

 

12-von-12-im-oktober-2

Die frühe Morgenstunde liest sich schnell weg. Der Roman, in den ich gestern Abend zufällig und flüchtend vor meinen eigenen Tränen geraten bin, der mit mir nichts zu tun hat, den lasse ich heute liegen. Statt dessen sind da die „Lebensalter“, deren scheinbar antiquierte Sprache und Gedankenwelt für mich soviel Universelles enthält, in dem ich mich wiederfinde, oder besser noch, das mich auf neue Spuren schickt. Die Abschnitte über die Krisen zwischen den verschiedenen Lebensaltern, die sind es besonders. Heute, und häufiger schon.

 

12-von-12-im-oktober-3

Ich schreibe ein paar Worte, etwas, was herausdrängt. Zwar würde ich jetzt lieber auf Papier schreiben, aber die Uhr sitzt im Nacken, die Kinder müssen geweckt, die Morgenroutine begonnen werden. Tippen, digitales Schreiben als Kompromiss. Nicht so befreiend wie händisches, aber eben doch: Schreiben.

 

12-von-12-im-oktober-4

Der Schultag wird unglaublich voll, zwischen sechs Unterrichtsstunden drängeln sich unerwartet viele Kurzgespräche, wieder massive Schwierigkeiten mit unserer 5. Klasse, schnell zur Schulleitung, mal eben die weitere Strategie beraten. Und dann ist da noch der nicht deutsch sprechende Gastschüler, die physikvortragenden Jungs, die Klagen der Mädchen über die anderen Mädchen, die an einem Vortrag Interessierten, die sich vor der Klausur Ängstigenden, all das. Keine Sekunde, um ein Bild aufzunehmen. Dabei steht die Kamera neben mir. Erschreckend, in solcher Deutlichkeit vor Augen geführt zu bekommen: Ein Schulvormittag bedeutet 6,5 Stunden Dauerstrom, ohne eine Minute des Nachlassens, ohne einen Moment des Beimirseins. Das kann man doch so nicht schaffen?!
Jedenfalls: Dieses Kaffeebild entstammt dem Nachmittag, als ich mich auf dem Sofa langlege und kurz wegträume. Der Kaffee wird derweil kalt, macht nichts, er tut trotzdem gut.

 

12-von-12-im-oktober-5

Weil zu Vieles am Schreibtisch ansteht, ist für einen Spazierweg keine Zeit. Ein paar Minuten im Garten nehme ich mir dennoch, um Herbstfarben, um die Muster des Älterwerdens zu betrachten.

 

12-von-12-im-oktober-6

Und die kleinen Wunder des Aufblühens.

 

12-von-12-im-oktober-7

Und die Kraft, die noch immer im Grün liegt. Da wäre viel Gelegenheit, ins Metaphorische abzugleiten …

 

12-von-12-im-oktober-8

Doch wie gesagt, der Schulschreibtisch. Ich bin heute langsam, arbeite nur mühsam manches weg. Als mein Tempo dem einer Schnecke immer näher kommt, werfe ich zusammen, es reicht. Feierabend, es ist spät genug.

 

12-von-12-im-oktober-9

Der Gang zum Briefkasten, jetzt erst, bringt große Freude: Eine Postkarte, eine echte Postkarte – wow!

 

12-von-12-im-oktober-10

Dazu schenkt die Tochter mir ein Sandbild. Sie spürt wohl, dass ich Farben gerade dringend brauche.

 

12-von-12-im-oktober-11

Letzte Tagestätigkeit: den Kaffee für morgen vorbereiten, die Zeitschaltuhr stellen. ich weiß, das Aroma verdunstet oder so ähnlich, aber es ist egal. Es ist gut so für mich:)

 

12-von-12-im-oktober-12

Und eine letzte Leserunde auf dem Sofa. Um nicht schon wieder das gleiche Buch zu fotografieren:), schwenke ich zum Sofa und zur Decke, unter der meine Beine liegen. So genau habe ich die noch nie betrachtet. Und vor allem habe ich noch nie bemerkt, was für einen Berg meine Füße dort unten bilden:)

Ein guter Tag. Trotz allem.

Mehr 12-von-12’s gibt es hier zu sehen.

 

Traumwandelei

Meine Träume merke ich mir ja kaum. So kann ich auch gar nichts über den heutigen erzählen, nichts Konkretes jedenfalls. Nur, dass er nah an meiner realen Welt war. Die Kinder spielten mit, und unser ganz normaler Alltag.
Lediglich eine einzige irreale, verworrene Szene – auch diese kann ich nicht genauer erzählen – fügte sich nicht in die  Traumwelt ein. Oder war es ein zu sehr vom Realen abgelöstes Bühnenbild? Oder ein kurzer Moment fehlfarbener Beleuchtung? Ich weiß es nicht mehr. Es lag jedenfalls ein Schimmer von Unentwirrbarem über dem Ganzen, als ich aufwachte.
Ich dämmerte dem Traum nach, wollte wieder einschlafen, es war ja noch früh. Dabei sprang plötzlich in meinen schläfrigen Kopf ein Vorsatz. Der klingt jetzt sehr konstruiert, formulierte sich mir aber im Halbschlafdämmer mit genau diesen Worten:

„Ich nehme mir vor, diesen Traum weiterzuträumen.
Nur realer, nicht so unentwirrbar.“

Und so geschah es. Ja, so. Ich tauchte in genau denselben Traum ein, die Handlung lief weiter, mit allem, was vorher dagewesen war, nur runder und stimmiger zusammengefügt. Jetzt passte es, jetzt war es gut.
Ich wundere mich.
Noch nie habe ich das erlebt, glaube ich. Es fühlt sich unheimlich an, dass ich einfach von außen in meine Traumwelt eingegriffen und einen Schalter umgelegt habe. Bisher hatte ich meine Traumwelten nie bewusst und aktiv ändern können.
Was war das nur heute?

 

Morgenfärbung

Aus den Traumfetzen – eine Reise, eine Gruppe naher Menschen, ein Wettstreit, eine Wegsuche der anderen Art – lässt sich kein Traum mehr zusammenfügen, es bleiben Schemen einer Welt, die gerade eben noch da und warm war und jetzt nur noch als Gefühl nachhallt. Das wüsste ich zu gern, was mir da immer im Traum erscheint. Ich bin eine schlechte Traummerkerin, spüre morgens immer nur noch die Farbe, kann nur hoffen, dass diese vermutlich reiche Welt auf unbewusste Weise doch in mir bewahrt bleibt und wirkt. Der heutige Traum war sanftbeige-ocker und lässt deswegen Frieden in mir zurück. Irgendetwas gelang da.

Dagegen fühlt sich mein heutiger Tag eher schrillfarbig an, als einer von jenen, in denen unbarmherziges Gerattere aus Aufgaben, Dringlichkeiten, Terminen sich in großer Einigkeit verzahnt mit Gedankenketten unendlicher und kreisender Art.
Wie wär’s denn, flüstert mir mein holprig in die Tasse stolpernder Kaffee zu, wenn Du mich nicht gleich beim Eingießen verschütten würdest. Und den Tag auch nicht.
Ha, denke ich, dem Tag also eine andere Farbe geben, wie das wohl wäre? Eine samtige Kaffeefarbe vielleicht?

Nee, Farben sind Farben, schrill bleibt schrill. Sie hat ja irgendwie Recht, diese mich mit Entmutigung volldröhnende Stimme, mein Auge sieht, was mein Auge eben sieht. Jetzt schreibe ich hier zum Beispiel auf der mir unangenehmsten der fünf Farben meiner Kladdenblätter, und auch nach mehrfachem Umblättern und so vielen Zeilen hört diese Farbe nicht auf mich zu stechen. Es könnte sich doch auch mal einen Hauch wärmenden Oranges anziehen, dieses grelle Rosa, denke ich, nur für mein inneres Auge und Wohlgefühl könnte es das. Statt mich weiter zu pieken und zu irritieren.
Überhaupt: Farben im Innern umfärben können. Das alarmierende Hellrot in ein besänftigendes Sattgrün etwa. Oder für den Anfang wenigstens das Alarmene in Richtung Bordeaux umtönen. Ob das geht? Ob man das lernen kann?

Ach, das ist nur Wünschen und Hoffen, und mittendrin immer ein saftiges Stück Unfähigkeitsgefühl, weil es mir einfach nicht gelingen will, anders zu sehen.
Bei Räumen ja auch. Zum Beispiel, was ich als groß und weit oder als klein und eng empfinde, das müsste ich mir doch ändern können. Den Raum, etwa auf dem Schreibtisch, oder in einem Zimmer, einer Bahnhofshalle oder wo immer, mir größer dehnen im Inneren, wenn es im Äußeren einfach nicht da, nicht machbar, nicht schaffbar ist, dieses Weite, was ich zu brauchen glaube. Anders sehen also, um mich nicht von außen in Enge gepresst zu fühlen, mich nicht durch Äußeres eingrenzen zu lassen.

Ja, das wär’s: Alles auch anders sehen können. Menschen etwa, die ich stets und ständig einordne in meine innere Welt, meine Raster, meine Vorstellungen und Interpretationen, meine Empfindungen und Empfindlichkeiten – diese einfach zu belassen, ihnen zuzusehen und zuzuhören, sie aufzunehmen als Erweiterung meines Raums. Und mich selbst dann in diesem geweiteten Raum nur als Steinchen, Körnchen, Eckensteherchen zu erleben. In einer Ecke stehen muss ja gar nichts Kleinmachendes sein. In großen Räumen stehe oder sitze ich gern in der Ecke, einfach um den gesamten Raum aufnehmen zu können.

Sprung. (Vielleicht.)

Was diese Woche alles aufzunehmen war, wie wir alle so unterschiedlich reagierten – Eltern, Kollegen, Schüler – auf diesen furchtbaren Unfall, der in die heile Dorfwelt hineinbrach. An einer Stelle, die wir alle immer schon als gefährlich wahrgenommen hatten, ist es jetzt passiert, das lang Befürchtete.
Wir alle reagierten aus unserem je eigenen Muster heraus. Ganz schnell wurde mir mein Muster zum einzig möglichen. Und das, was andere lebten – Rückzug, Angst, Verdrängung, Panik, Entscheidungen für die Kinder: sie dürfen nun gar nicht mehr mit dem Rad zur Schule oder nicht mehr diesen Weg fahren, oder gerade doch dort, aber nur noch auf dem Gehweg – alle diese Reaktionen waren mir so fern.
Ich kann diese fremden Innenwelten abwehren, weil sie der meinen nicht entsprechen. Oder ich kann versuchen hineinzugehen und mich zu fragen, ob ich mir nicht etwas mitnehmen kann. Wenigstens das: Ich nehme mir mit, dass meine eigene Farbe, in der ich alles töne, die mir als die beste oder passendste erscheint, dass diese Farbe nur eine ist von unzähligen Farben, Sichten, Zugängen.

Ich ahne ja nicht: Vielleicht sieht ein anderer Mensch sein Rot ganz anders als ich mein Rot sehe. Vielleicht sieht er es als das, was ich als Blau sehe, oder als jenes Sattgrün etwa, nach dem ich mich gerade so sehne, während ich bei Rot immer Alarm empfinde. Und vielleicht sieht er dafür mein Sattgrün als Düstergrau, empfindet Getrübtheit und Aussichtslosigkeit, wo ich Wärme und Geborgenheit erlebe.
Vielleicht also können wir unsere Bilder nie abgleichen. Unsere Bilder sind so sehr unterschiedlich, so unvergleichbar, wir schauen ja nie mit den Augen eines anderen.
Und trotzdem können wir unsere Bilder teilen. Ja, doch, ich glaube, man kann – zuhörend und zuschauend – die je eigenen Bilder teilen. Man sollte und muss dieses Teilen vielleicht sogar versuchen, wenn man nicht im Käfig des Eigenen gefangen bleiben möchte.

Ich taumele hier durch meine Morgengedanken, der Tag drängt an, ja, er bleibt ein wenig schrill. Und dennoch habe ich ihn gerade an seinem Beginn wenigstens umgefärbt. Die Verzahnung von Dringlichkeiten und Gedankenkreisen ist geblieben, ist – könnte man so sehen – sogar noch drängender geworden, da ich ihm diese Schreibstunde „weggenommen“ habe. Aber die neue Morgenfärbung tönt den gesamten Tag ein wenig sanfter.

PS:

Auch Zeiträume sind Räume.
Zeiträume kann ich schon sehr unterschiedlich färben. Was heißt ’schon‘? Das konnte ich nicht immer. Das lerne ich mehr und mehr: Mir die engen Zeiten dehnen. Vor allem durch inneres Es-anders-erleben-wollen. Die Dichtigkeit der inneren Ereignisse hat ja wenig mit einem äußeren Sekundentakt zu tun.
Heute habe ich – zur Unterstützung meines inneren Es-Wollens sozusagen – erstmals ein winziges Hilfsmittel genutzt, mit dem ich schon lange liebäugele. Dieser Text nämlich war in mir, in Gänze, sofort beim Aufstehen. Aber er war viel zu lang, um ihn in der knappen Morgenstunde vor dem Tagesbeginn der Kinder niederzuschreiben. Statt ihn – wie sonst notgedrungen – zu verwerfen und damit für immer zu verlieren, griff ich heute erstmals im Leben zur Diktierfunktion meines Telefons (und damit erstmals überhaupt zu irgendeinem Diktiergerät). Ich diktierte mich selbst dort hinein, um später abzuschreiben. (Auf Papier übrigens, bevor ich nun tippe. Stift und Papier auszulassen geht nicht.)

Es ist ein neuer Weg, den kleinen Zeitraum, den ich hatte und habe, auszudehnen, zu weiten, so dass sich mir die Enge öffnet. Vielleicht finden sich solche Wege auch in anderen Räumen, ja, bei all meinen Farben möglicherweise. Ein Diktiergerät zum Umtönen von Farbräumen, das müsste ich mir schaffen …

 

Es einfach mal versuchen

Wie das wäre, einfach losschreiben zu können. Über irgendetwas, das in diesem Moment geschieht, an der Stelle der Welt, an der ich in diesem Moment sitze.
Hier zum Beispiel, auf einem Sofa einer kleinen Wohnung in einer kleinen Stadt – fremd und nichtfremd gleichermaßen, das alles – hier tippe ich drauflos, ohne zu wissen, wohin die Reise dieses kleinen Textes gehen wird.
Oder gestern abend in der Pizzeria, mit dem Füller, der mir plötzlich in die Hand gedrückt wurde, und der aus völliger Unbeholfenheit und dem Nichts heraus ein paar Zeilen auf den Schulschmierzettelrest warf. Beobachtungen, Gedankenanfänge, die Fortsetzungen in sich bergen. Ich war selbst erstaunt.

Es einfach mal versuchen: das schreibende Durchleben dessen, was geschieht. Und dessen, was nicht geschieht. Dessen, was ich also erschaffen kann und könnte. Eine Wortwelt, meine Wortwelt, aus Bausteinen zusammenzusetzen, welche mir in meinen Tagen entgegenfliegen. Oder nein: diese Bausteine als Gerüst zu sehen, allerhöchstens, um das herum sich Erfindungen ranken könnten, oder Träume – Fiktion jedenfalls, an Reales angeknüpft.

Möglicherweise ist das Leben weit weniger real als es den Anschein hat. Möglicherweise braucht es Fiktion, um das Tatsächliche auszuhalten. Möglicherweise kann das Schreiben und das Geschriebene Gedankenspielwiese sein, nicht mehr. Und nicht weniger.

Da ist eine Ahnung in mir, länger schon, dass ich mehr Worte aus mir herauslassen möchte und muss, damit es innen nicht überläuft. Ich weiß das ja.
Und dennoch habe ich meinen Alltag, meine ganz realen Zeitverfügbarkeiten, nicht darauf eingerichtet. Ich halte keine Räume bereit, um aus all den Wörtern in meinem Kopf, aus all dem Fließen, welches mich insbesondere in ungelegenen Momenten überkommt, Zeilen, Absätze, Texte zu formen.
Noch halte ich diese Räume nicht bereit. Die Ahnung sagt mir, dass ich dies sollte. Und dass ich dies werde.

Ja, doch, vielleicht versuche ich dies eines Tages ja: vom Stuhl zu erzählen, auf dem ich gerade sitze, und vom Muster der perlenden Tropfen am Badezimmerspiegel. Von der Kälte und Wärme des Biers und des Weins, und von ihren Farben. Von den Geräuschen der vorbeifahrenden Autos, die dem ins Zimmer hineingeworfenen Lichtkegel immer ein Stück hinterherjagen. Von all den anderen Geräuschen im Haus, dem Plätschern, Klopfen, Stapfen, Rauschen und Surren. Vom Spiel der Lichter all der Lampen ringsum, von ihrem Vermischen und Durchdringen.
Und, wenn ich mutig bin, traue ich mich eines Tages vielleicht sogar, aus einem zunächst arglos von einem Füller auf ein Schmierzettelchen gekritzelten, ganz der Realität entsprungenen Sätzchen eine Geschichte zu bauen, eine fiktive Welt zu erfinden. Eine, in der es um etwas ganz anderes, weiteres, allgemeineres geht.

Irgendwie so kann das sein mit dem Schreiben. Ich sollte es einfach mal versuchen.

 

Richtungen

Seit einem knappen Monat erst hat die Freundin die Ahnung, seit einer Woche nun die Diagnose. Heute beginnt ihre Bestrahlung. Eine Therapie, zu der sie dem Arzt nur eine einzige Frage stellte:
Haben Sie das schon jemals gemacht?
Ja„, sagte der, „und einige Male erfolgreich.
Gut„, sagte die Freundin.
Und entschied sich dafür.

Sie hat Angst.
Sie teilt die Angst mit ihrer Schwester. Ihre Gespräche, ihre Tränen der letzten Wochen mag ich mir nicht vorstellen.
Die Schwester hat Angst. Sie teilt die Angst mit mir. Auf dem Schulflur neulich, auf der Straße, am Telefon, wo immer, es fließen Tränen.
Ich habe Angst. Ich teile diese mit nur einigen, wenigen Menschen. Wie passt das schon in den Alltag hinein, dieses Erzählen vom Herausfallen aus Zeit und Raum. Hier erzähle ich, immerhin. Weine unsichtbare Tränen.

Zur Schwester spreche ich von Zuversicht. Von „stark“ und so Attributen.
Die Schwester spricht zur Freundin – da bin ich sicher – von Zuversicht. Von „stark“ und so Attributen.
Und zu wem spricht die Freundin von Zuversicht? Wagt sie das zu denken, zu sprechen? Zu sich selbst wenigstens?
Ich ahne nicht, wir ahnen nicht …

Beide Richtungen fühlen sich falsch an. Nur Angst, oder nur Zuversicht – das stimmt doch beides nicht. Es müsste eine andere, eine dritte Richtung geben. Keine dazwischenliegende, keine, in der Angst und Zuversicht zusammengefügt oder aufgehoben werden. Eine weitere Dimension müsste sich öffnen.

Eine, in der wir uns nicht in den Strom einer Wertung stellen.
Eine, in der wir uns nicht wehren, und nicht an uns reißen.
Eine, in der wir nicht aus der Vergangenheit heraus, in die Zukunft hinein uns biegen.
Eine, in der es keinen Anfang und kein Ende gibt.
Eine, in der ist, was ist. Und war, was war. Und sein wird, was sein wird.
Eine, in der wir nur sind.

2016_02_23 Richtungen

Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und 
dann gebären…
Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…
Man muss Geduld haben
mt dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich, 
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.
(aus einem Brief von Rainer Maria Rilke „an einen jungen Dichter¨)

Wünsche an ein neues Jahr

Vor einem Jahr begann ich einen Eintrag unter derselben Überschrift mit diesen Worten:
Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig …“
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)

So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ein Jahr später stehe ich wieder vor einer unberührten Jahresfläche, und es geht mir ganz genau so. Nur meine Wünsche, die ganz konkreten, die haben sich ein wenig verändert. Die damaligen, die finden sich hier. Ich möchte jetzt überhaupt nicht auseinandernehmen, welche erfüllt, welche offen geblieben sind. Ich schreibe einfach von meinem diesjährigen Wünschen.

Ich wünsche mir gesund zu bleiben. Immer noch wünsche ich mir das. Das „oder zu werden“ des letzten Jahres kann ich weglassen. Wie gut es sich anfühlt, dies schreiben zu können. Ich spüre mich als gesundet, fast rundum. Sehe aber – ich muss mich nur ein wenig umschauen -, wie schnell sich das ändern kann.

Ich wünsche mir, dass es mir gelingt, mich meiner Bedürfnisse anzunehmen. Was so einfach klingt, so einfach sein könnte, für andere ja auch einfach ist, das ist für mich oft unendlich schwer. Bin ich dabei weitergekommen in diesem Jahr? Ich weiß es nicht. Ja, doch, ich fühle mich von innen nicht mehr so zernagt. Ich glaube, ich bin mir bewusster geworden, wohin es mich zieht, dürstet, drängt, sehnt. Was nun fehlt? Worte zu finden. Noch nichtmal an konkrete Adressaten gerichtet, sondern zunächst einmal überhaupt meinen Mund verlassende Worte. Klare oder verschwommene Worte, egal, für den Anfang.
So viele Situationen, in denen ich mich nicht um mich kümmere – ich wünsche mir, dass ich fürsorglicher mit mir selbst umzugehen vermag, dass ich offen kommuniziere, was ich brauche, dass ich mich nicht verkrieche hinter einem dauernden „ach, es wird schon so gehen“.

Ich wünsche mir auch die Bedürfnisse anderer Menschen wahrnehmen zu können. Bei einigen der mir nah Seienden ist das gar nicht so einfach. Gern würde ich Geduld, Gelassenheit, Ausdauer, Humor und all das, was für dauerhafte gute Beziehungsfäden nötig ist, in Überfülle haben. Das ist ja aber wohl zu vermessen gewünscht, und darum wünsche ich mir einfach ein bisschen davon.

Ich wünsche mir immer noch mehr Begegnungen. Das letzte Jahr war schon nicht schlecht, hm, genaugenommen war es großartig gut, was Begegnungen angeht. Aber es gibt Momente, wo ich mich ungut einsam fühle. Ich würde gern weniger verloren, weniger fremd durch mein Leben reisen. Das ist natürlich nicht damit getan, dass ich einfach mehr Menschen treffe. Eher sollte ich versuchen zu lernen, in jeglichen Kontakten nicht so viel Kraft aus mir ziehen zu lassen, nicht so viel negative Energie in mich dringen zu lassen, innerlich frei zu bleiben, auch in schwierigen Kommunikationssituationen. Begegnungen, die keine mehr sind, mit offenen Worten abzubrechen. Und dann: bei neuen, wirklichen Begegnungen mich hineinzugeben und demütig das zarte Pflänzchen zu nähren.

Ich wünsche mir Unterwegssein. In Form von Reisen, von offenem In-die-Fremde-gehen. Neugier wünsche ich mir, und unängstliches Zugehen auf neue Situationen. Und auf mich selbst zu. Ja, mein Unterwegssein als stetige Reise zu mir selbst zu begreifen, das wäre nicht das schlechteste Reiseziel.

Ich wünsche mir – immer noch – mehr loslassen zu können. Selbstgestrickte Terminkorsetts, selbstaufgebürdete Verantwortungen, selbstgeschaffene Erwartungen, all das.
Besonders dringlich scheint mir mein Umgang mit der Zeit. Meine To-do-Listenobsession kommt fast schon als Gegenwartstötung daher. Permanent rutsche ich in Unbehaglichkeitsgefühle, weil das Zukünftige schon vor seinem Eintreten übervoll, ja, nicht zu bewältigen scheint. Meine Listen sind nie „abgearbeitet“, so als ob mich das Gefühl nicht alles zu schaffen, stets nicht zu genügen, nicht ausreichend schnell zu sein, magisch anziehen würde. Was verschafft mir denn solche Befriedigung beim Auflisten meiner Aufgaben, warum führe ich mir das Zuviel so beharrlich vor Augen? Ich sollte vielleicht von To-do- auf Done-Listen umstellen. Oder überhaupt keine Listen mehr führen. Jedenfalls wünsche ich mir, dass Daten und Termine weniger Macht auf mich ausüben. Dass ich nicht so häufig über die Gegenwart hinausdenke, dass ich im Jetzt der Zeit die Weite des Raumes dankbar erfahre. Vielleicht schaffe ich es sogar, mein Morgenstille-Ritual wieder einzuführen? Vielleicht schreibe ich wieder mehr?

Ich wünsche mir mehr vom Schneegefühl. Was ich, glaube ich, erklären muss. Schnee schenkt mir im selben Moment Jungsein mit kindlicher Freude – der Schneeball formt sich sozusagen von allein in der Hand:) – und Altsein, was ich als den Frieden einer besänftigenden Decke erfahre. Zwei Sehnsüchte werden gleichermaßen genährt, in einem Atemzug. So müssten alle meine Tage verlaufen: in einem Bogen vom Geborenwerden durch die erst noch zu formende Form hindurch in ein besänftigendes Ende mündend. Und dann würde ich leise hoffen, dass mir solche Schneegefühlstage klarere Formen und eine deutlichere Antwort auf die Frage mitbringen, worin meine Lebensenergie aufgehen soll.

Und ich wünsche mir etwas, was scheinbar gar nicht zu mir passt: mehr Mut zu Verrücktheiten, zu Unvernünftigem, zu Ungewohntem, zu Dingen, die „man“ nicht tut.

Hm, eine lange Liste.
Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.

still und leise

„Und wenn wir ihr einen Regenbogenstern basteln?“
Es ist Tochters Idee. Es war ja auch ihre Lieblingslehrerin an der Grundschule. Deren kleines Kind, so haben wir es gestern erfahren, kaum je wieder gesund wird, ja möglicherweise nicht weiterleben darf.
Wir können gar nicht erahnen, wie das ist, wenn man plötzlich so schwer krank ist. Wie das für die Mama sein muss. Und für den Papa. Darüber sprechen wir mit der Tochter, während wir schneiden und falten und kleben. Und überlegen, wie wir diesen riesigen Stern morgen in den Briefkasten hineinbekommen. Nein, das wird nicht gehen. Wir haben es mit der Größe zu gut gemeint. Wir werden also an der Tür klingeln. Gut so.
In Gedanken schicken wir ihn schon heute auf die Reise, den bunten Stern zur kleinen R. und ihren Eltern. Wir denken an Euch und lassen unsere Kerzen für euch brennen.

Dass ich vorher auf dem Weihnachtsmarkt zufällig noch jene Frau getroffen hatte, welche ich als einzige im Dorf einzuweihen wage bei dem anonymen Geschenk, das ich der krebsschicksalsgeplagten Familie aus unserer Schulgemeinde machen möchte (und die ich nun als Überbringerin „nutze“), dass sich meine langgehegte Idee also doch in die Tat umsetzen lässt,

und dass unser kleines Dorf jetzt, da sich der Bau des Containerwohngebiets auf unbestimmte Zeit verschiebt und so schnell wohl niemand hierherziehen kann, ganz schnell einen „Balkan-Konvoi“ auf die Beine stellt und durch einen Stand am Weihnachtsmarkt so viel zu organisieren schafft, dass die Autos und Helfer noch in den nächsten Tagen auf die Reise gehen können,

und dass sich da zwischen Glühwein- und Glitzerdekoständen plötzlich eine unserer 5. Klassen hinstellt, mein Musikkollege ein Klavier herbeischleppt, und die Kinder anfangen zu singen, vom weiten Himmel in und über uns, mit so großen Augen, so ehrlich, so wahrhaftig, diese kleinen 10jährigen, und dabei jedes Kind so anders vertieft in die Musik ist,

das alles klingt mir wie eine Antwort auf den gestrigen Tag.
Vielleicht muss man sich nur weit genug öffnen.
Leise Antworten lassen sich in der lauten Welt sonst nicht vernehmen.

12 von 12 im Dezember

So. Jetzt probiere ich auch mal dieses 12 von 12 aus. Am 12. eines Monats 12 Bilder von seinem Tag zeigen, ein wenig dazu erzählen (oder bei mir: ein bisschen mehr). Bevor der Blog hier ganz verwaist. Es ist Samstag, da kann ich mich nicht mit Schule herausreden. Mit Überfülle vielleicht, doch diese braucht heute ohnehin ein Ventil. Also …

Um halb sieben kommt die Tochter mit einem Buch für sich und einem Kaffee für mich in mein Bett gekrochen: ¨Komm, wir lesen¨. Wie soll ich da nein sagen? Auch wenn mich dieses völlig unadventliche Buch auf jeder Seite grausen lässt – wir haben zwei kuschelige Stunden.

Dann ist sie mit ihrem Buch durch, und ich bin gerade auf Seite 23. Vermutlich habe ich die Hälfte der Lesezeit verschlafen.

Ich döse noch ein bisschen. Wie immer ist plötzlich der Orchestertermin in bedrohliche Nähe gerückt, und wie immer konnte das Kind sein Cello natürlich nichts abends schon einpacken. Ohne Aufbruchshektik wäre kein richtiger Samstagmorgen.

Als sie weg ist, kann ich in Ruhe frühstücken. Allein:)

(Mensch, bei diesen Alltagsbildern kommt ja so manches ans Licht. Hier zum Beispiel, dass bei uns kein sortiert sortenreines Geschirr im Schrank und auf dem Tisch zu stehen pflegt. – Ich winke hier mal in bestimmte Richtungen, von denen ich weiß, dass dort auch nicht alle Tassen im Schrank gleichartige sind:))

Für den Sohn wird es nun auch Zeit, aus dem Bett zu finden. Er muss erst eine Stunde später beim Orchester sein und hat das Pech, allein mit der S-Bahn fahren zu sollen. Rabenmutter ich. Aber das Kind ist so findig wie lauffaul, greift zum Telefonbuch (-buch!) und telefoniert das halbe Dorf durch, bis er Orchestermitspielereltern gefunden hat, die ihn mit dem Auto mitnehmen. (In der Zeit wäre er dreimal zur S-Bahn gelaufen:))

Weil ich weder das Telefonbuch noch seinen Galopp zur Mitfahrerfamilie fotografieren darf, schweife ich mit Blick und Kameraauge kurz durch den Garten. Was mich jedes Jahr aufs Neue verblüfft: Der Maulbeerbaum hat noch letzte Blätter. Nicht zu glauben.

Während darunter auf der Terrasse schon unser kleiner Weihnachtsbaum liegt, im Wald neben dem Dörfchen selbst geschlagen.

Ha. Durchatmen, Ruhe im Haus.
Küche aufräumen (ohne Bilder, das ist wohl besser so:)) und Wäsche.

Zum Sitzen-Träumen-Dösen will es nicht mehr kommen, ich muss die Kinder von der Probe abholen. Wir sind bei Freunden zu Kartoffelsuppe und Dampfnudeln eingeladen.

Lange hatten wir uns nicht gesehen, unser Gespräch beginnt als schnelles Erzählpingpong – Eure und unsre Reisen?, was macht die Schule?, wie ging denn die Geschichte damals weiter? – und führt bald mitten hinein. Dass ringsum gerade so viel Tragisches geschieht, dass Menschen, Kinder!, auf ihr Lebensende zugehen, in ihrer Straße, in unserer Straße, in unseren Familien, in unserer Schule. So viel, so unfassbar, so grausam. Wie eine Welle.
Und durchs Treppenhaus toben unsere 5 Kinder, die gesunden. Aber das hatte die Familie am Ende unserer Straße bis letzte Woche auch gedacht.
Mal wieder mit der Nase darauf gestoßen, setze ich meine Schritte für den Rest des Tages sehr verlangsamt.

Fast surreal der Anruf einer Freundin, welche für ihre Tochter telefonische Matheseelsorge sucht. Was mich sonst sehr erbost – dieses „wir haben da folgende Hausaufgabe“: wir! – das lässt mich heute nur lächeln. Ich breite bereitwillig auf dem Sofa aus, was ich für die Mathefragen brauche. Es ist schnell erklärt.

Wie dankbar wir sein können, über Schulprobleme sprechen zu dürfen. Ein arg- und sorgloses Kinderleben hier bei uns.

Wie jeden Tag in diesen Wochen kommen meine Kinder irgendwann an, um die Mathe-im-Advent-Aufgaben zu lösen. Manchmal finden sie die Antwort auf den ersten Blick.

Heute brauchen beide einen Ausdruck und die Tochter etwa 30 Schmierzettel, um in diversen Hilfstabellen herauszufinden, ob der Wichtel das Schlittschuhrennen hat gewinnen können. Ich glaube, die Antwort heißt ja. Aber das darf ich hier so öffentlich gar nicht verraten:)

Ich selbst hatte für heute noch Schreibtischaktivitäten auf dem Plan. Der vollgepfropfte Januar nähert sich, ich wollte vieles schon vorgearbeitet haben. Vor dem Vorarbeiten jedoch steht Nacharbeiten an: die tausend Papierstapel des vergangenen Schuljahres sind noch immer nicht aufgeräumt. Sie liegen seit einem halben Jahr unterm Schreibtisch und harren der Zeitfenster, die ich für sie übrig habe.
Heute investiere ich immerhin so viel, dass am Ende großzügig ausgemistet und vorsortiert ist. Morgen (hoffentlich) sollten dann diese winzigkleinen Stapelchen von links in die dicken Ordner von rechts wandern. Soweit meine Sonntagspläne.

(Der dicke Umschlag rechts oben liegt übrigens hier völlig falsch. Der ist weder alt noch wegzusortieren. Das sind die Reiseunterlagen für unsere 4-Klassen-Berlinreise im Juli, frisch per Post eingetroffen. Vorfreudeerzeugend.)

Als sie eigentlich schlafen soll, bekommt die Tochter plötzlich Lust auf Weiterpuzzeln. Nein, es ist Bettgehvermeidungstaktik, vermutlich. Egal, sie liebt unsere gemeinsamen Puzzlesessions, und ich liebe sie. (Also die Sessions. Die Tochter ja sowieso.)

Und als sie dann doch irgendwann im Bett liegt, ist auch mir danach. Der Tag war voll. Das Altmann-Buch brauche ich heute nicht noch einmal. Ein anderes will mich nicht mehr erreichen. Ich sitze einfach nur noch mit meinen Kerzen da.

Genug Menschen, die sie brauchen, gibt es ringsum ja.

Wünsche an ein neues Jahr

Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig … 
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)

So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ich wünsche mir gesund zu bleiben oder zu werden. Dazu werde ich mich mehr um mich selbst kümmern, mir selbst ein offenes Ohr schenken müssen. Dieses Ohr braucht viele Dimensionen und hat nicht nur mit dem zu tun, was man gemeinhin Hören nennt. Es soll meinem Körper zuhören, meiner inneren Stimme, meinen Energiereserven und meinen Bedürfnissen.

Ja, gerade diesen möchte ich mich bewusster zuwenden können. Manche wollen ausgesprochen werden, weil sie sonst mein Inneres zernagen, manche wollen ergründet werden, weil sie in tief Vergangenem wurzeln und sich möglicherweise überlebt haben, ohne dass sie mich bisher frei gelassen hätten, und manche wollen oder müssen einfach gelebt werden, wenn ich ich selbst bleiben will. Dazu braucht es weniger Harmoniesucht, mehr Eintreten für mich selbst in jeglicher Kommunikation. Da sind so Kleinwerdfallen, in die ich immer wieder tappe. Selbst wenn ich mit mir selbst spreche. Bitte also: Ich möchte so gern offen aussprechen können, was ich brauche.

Und ich wünsche mir loslassen zu können. Erwartungen, die ich an mich selbst hege, an meine inneren Prozesse, an meine Rolle in Alltag und Haushalt, an meine Verantwortung, an Ordnung und Struktur. In meinem Fall wäre weniger mehr. Ich wünsche mir dies einfach mal. (Und ob dann jemand anderes diese Verantwortung übernimmt, steht auf einem anderen Blatt. Auch diese Erwartungen muss ich loslassen. Aber wünschen darf ich auch hier.)

Sehr dringlich ist mein Wunsch nach mehr Geduld und Gelassenheit im Sein mit den Kindern. Die Pubertätsanfechtungen werden zunehmen, einige neue Herausforderungen kommen auf uns als Familie zu, mein Mutterherz tut sich so schwer mit dem Loslassen. Ich wünsche mir, dass es nicht zu unrund wird bei uns. Und dass wir neue Kommunikationswege finden, wo alte brüchig werden. (Eine konkrete Idee steht mir vor Augen. Wenn es an der Zeit ist, werde ich vielleicht davon erzählen.)

Nun überlege ich, ob ich mir etwas für meine Arbeit, für mein Schulsein wünsche. Ja, dass es so bliebe, das wäre nicht der schlechteste Wunsch. „Bleiben“ beinhaltet in diesem quirligen Raum ja ohnehin alltäglich variierende Buntheit. Und was auch bleiben möge: Meine bisher zögerlich ausgesprochenen Neins, die mögen mich bitte nicht wieder verlassen. Meine im Sommer beginnende Teilzeit wirklich als solche zu leben, so dass ich meine Kraftgrenzen zu respektieren lerne, endlich mal dauerhaft pünktlich ins Bett zu gehen und meine selbstverordnete 24-h-Erwerbsarbeitspause an einem jeden Wochenende ernst zu nehmen, und zwar ausnahmslos und immer – darf ich mir die Konsequenz dafür bitte wünschen?

Und dann wünsche ich mir wieder mehr Begegnungen. Mit mir selbst, beim Schreiben, in der Musik – und mit anderen Menschen. Mir selbst fremd zu werden bedeutete in den letzten Monaten auch anderen fremd zu werden. Gerade nach der Erfahrung der Verlorenheit in letzter Zeit wünsche ich mir ein neues Aufeinanderzugehen in viele Richtungen.

Und Unterwegssein wünsche ich mir. Mit offenen Augen, mit Wachheit und der Bereitschaft zu empfangen. Ja.

Einige dieser Wünsche haben nur mit mir selbst zu tun, nur mit meinem Tun und Sein und Gehen und Innehalten, mit keinerlei äußeren Ereignissen und Einflüssen. Ich möchte sie trotzdem Wünsche nennen, nicht Vorsätze, obwohl ihre Erfüllung nur in meiner eigenen Hand zu liegen scheint.

Liegt es denn so ganz allein in meiner Hand, ob sich mein Wunsch nach stimmigeren und besser zu mir passenden Schritten erfüllen wird?

gewechselt

Wie es dieses Datum mit sich bringt – und gestern Morgen plötzlich auch meine innere Stimmung – blicke ich zurück, schaue ich voraus. Viele Seiten des Tagebuchs füllten sich mit einem Mal – ich wusste gar nicht, dass so Vieles in mir ist. Gestern Morgen schrieb ich mich leer.
Was dort steht?

Ernüchterndes. Vieles ist im vergangenen Jahr nicht so geflossen, wie ein Jahr zuvor erhofft. Vieles wurde zerfressen von meiner argen zeitlichen Enge. Ich bin auch jetzt – nach über einer Woche Arbeitsruhe – noch nicht wieder ganz bei mir angekommen. Fühle mich stumpf und lange nicht befreit, habe einen bitteren Geschmack auf der Zunge und kann mich aus dem Engegefühl nicht herauszwängen.

Bewusstwerdung – treffender denn irgendein anderer Satz ist mir dieser:
Ändere was zu ändern ist.
Nimm an, was nicht zu ändern ist.
Und unterscheide gut zwischen beiden.
(Oder so ähnlich habe ich ihn in Erinnerung.)

Was zu ändern wäre? — Hier stehen Schritte vor mir, in inneren und äußeren Räumen. Wieder und wieder finde ich mich am Anfang des Weges. So schwer ist manches.
Was nicht zu ändern ist? — Darüber schweigen sich die Zeilen aus, die sich gestern von der Feder auf die Seiten ergossen. Verdecken es mit Ideenaktionismus. Dazwischen werde ich das Unabänderliche herausspüren, mich auf ein Annehmen zubewegen müssen.

[Schweigen – langes Schweigen. Ich sitze hier und weiß nicht was weiterschreiben.]

Zurückgeschritten, stehengeblieben – war das mein 2012?
Hilflosigkeit, Wut, Eingeengtheit, Resignation – ich nehme im Rückblick so vieles wahr, was in diesem Jahr auf der Stelle gekreist ist.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte?
Meine innere Herzensstimme wieder wahrzunehmen – was sie mir für mich und für andere zu sagen hat. Wahrnehmen, sie nach außen tragen – und dann schauen, was passiert.
Einen Mittelweg zwischen äußeren Gegebenheiten und innerem Sehnen (und Brauchen) zu finden. Auch bei den Dingen, wo es mir im Moment unmöglich erscheint.
Die Rückwärtsrichtung meiner Bewegungen wieder umkehren, mich nicht vom eigenen Weg ablenken lassen.
Frieden, in vielem.
Räume öffnen, wieder öffnen.
Energie nicht in Destruktion zerfließen lassen, sondern sie zu Sanftmut, Weichheit, Versöhnung verwandeln.
Jeden einzelnen Tag als Zentrum, als Quelle von Lebenswellen erkennen.

Das war’s. Nicht unbescheiden, ich weiß.
Aber wenigstens einen Teil davon, wenn ich darum bitten dürfte …

[Und wieder Schweigen.]

Ja, der Kalender ist gewechselt. Das Neue beginnt.

Seit ein paar Stunden ist er nicht mehr leer, enthält das, was ich über die Zukunft schon weiß. Jedenfalls zu wissen meine. Vorsichtig habe ich mich an den leeren Seiten entlanggetastet, habe das unverbrauchte Papier mit den ungelebten Tagen darauf liebkost. Habe die bevorstehenden Zeiten angeschaut wie ein Gefäß, das zu füllen sein wird.
Kleiner ist er dieses Jahr, kleiner als der vom letzten Jahr. Habe ich so ausgewählt, ohne nachzudenken. Weil in den Tagen des vergangenen Jahres zu viel Leben unterzubringen war, weil es dieses Jahr weniger werden soll. Weniger äußere Termine jedenfalls. Denn ich habe so manche Verabredung mit mir selbst zu treffen.
Und noch etwas. Für mich ganz unvertraut, schaut er mich farbig-leuchtend-glänzend an. Daran habe ich mich noch lange nicht gewöhnt. Wer weiß, wie oft ich noch meinen Blick darüber streifen lassen muss, bis wir – sein Äußeres und ich – Freunde werden. Und dennoch: Irgendetwas hat mich diesen hier auswählen lassen. Wenn ich ergründe, warum sich mir gerade dieser in die Hand legte – werden dann wohl auch die Farben zu meinen werden?