Neue Ufer

Das muss jetzt einfach erzählt werden, es rüttelt uns hier ja alle durch und durch: Heute hat der Sohn seine Gastfamilie „bekommen“.

Dass er für ein Schuljahr nach Italien gehen wird, habe ich bestimmt irgendwann erzählt. Dass er das seit Jahren wollte, vielleicht auch. Dass ich bei der Zusage der Organisation – im November war das – zunächst einen Kloß im Hals und ein paar Tränen im Auge hatte, das auch, oder?
Dass er aber insgeheim immer davon ausgegangen war, an seinem italienischen Ort ein Klavier und die Möglichkeit zum Weiterspielen vorzufinden und er es anderenfalls nicht schaffen würde wegzugehen, weil das Klavier eben in den letzten Monaten so immens wichtig für ihn geworden ist, das äußerte er in dieser Klarheit erst vor wenigen Tagen. Ich schluckte kurz, keine Austauschorganisation der Welt kann eine Gastfamilie mit Klavier zusichern. Und so dachte ich, wir werden eben sehen, wie es kommt.

Nun, und heute kam es. Alles. Das perfet match. Soweit man das aus der bunten PDF-Datei, die wir per Mail bekamen, herauslesen kann.
Eine Familie, in der Nähe von Mailand leben sie, mit Sohn und Tochter und unendlich viel warmem, verschmitztem Lachen im Gesicht. Allein von vier Fotos ist mein Herz warmgeworden. Und beruhigt. Wenn es das gibt, dass man aus kurzen Zeilen und wenigen Bildern Vertrauen fassen kann, dann habe ich es heute getan. Zu dieser Frau, zu der der Sohn sicherlich – wie die meisten Austauschschüler – nächstes Jahr Mamma sagen wird, zu dieser Mamma also lasse ich ihn friedlichen und freudigen Herzens ziehen. Der zugehörige Pappa (schreibt man das so? wir müssen jetzt alle ein wenig italienisch lernen) sieht nicht minder sympathisch aus. Und die Kinder erst … die würde ich ja vom Fleck weg hier bei mir aufnehmen. Der Sohn, also: der Gastbruder, scheint ein ähnlicher Typ wie der unsere zu sein:) Dazu gibt es eine kleine Schwester, gleichalt der unsrigen und mit dem Namen von deren bester Freundin:)  (Dass die Eltern so heißen wie ich früher meine Kinder immer nennen wollte – in der italienischen Variante natürlich – und dass der Gastbruder so heißt wie der unsrige Vater, das fällt mir jetzt erst auf, es ist ja wirklich erstaunlich.)

Jedenfalls: der Sohn springt im Dreieck vor Vorfreude. So habe ich ihn selten erlebt. Heute Nachmittag nach dem Durchscrollen der Familienvorstellung und beim Betrachten der Bilder zog ein glückliches Lächeln über sein Gesicht, wie ich es selten bei ihm gesehen habe.

Und: es gibt ein Klavier im Haus, wenn auch – im Moment – nur ein digitales. Es gibt auch sonst Musik. Und Malen. Und Lesen. (Und der Gastbruder spielt ebenfalls nicht Fußball:))
Da scheint Offenheit für alles, was unser Sohn mitbringt. Die Familienvorstellung und die Selbstvorstellung des Sohnes scheinen in manchen Passagen wie voneinander abgeschrieben.
So macht das nämlich die Organisation: Beide Seiten müssen sich ausführlichst schriftlich, mit Fragebögen und mit Fotos vorstellen. (Damit war unser November komplett gefüllt.) Und dann versuchen sie zusammenzufügen, was möglichst gut zueinander passt. Ich weiß ja nicht, wie viele Jugendliche AFS-Italien zu vermitteln hatte, und wie viele Gastfamilienprofile ihnen vorlagen, aber für uns kann ich sagen: Besser hätte es kaum kommen können – von dem, was wir bisher ahnen.

Ein Klavier jedenfalls ist da. Und was der Sohn heute schon ersuchmaschint hat: Eine Musikschule vor Ort, und in Mailand ein Konservatorium. Klavierlehrerprofile stehen im Netz, er kann nur noch nicht genug italienisch, um sie zu lesen. An der Deutschen Schule gibt es über „Jugend musiziert“ Kontaktadressen. Und das alles in S-Bahn-Nähe (was dort sicherlich nicht S-Bahn heißt). Heute also löste sich seine größte Sorge in Luft auf.

Den Rest des Tages surfte er via Guugle-strieht-wjuh an seinem künftigen Haus und Liceo vorbei, zappte durch die Webseiten seines Wohnortes, las die Familienvorstellung und lernte sie anscheinend auswendig, jedenfalls wusste er schon genau, dass montags immer die Großeltern – nonna und nonno – im Haus übernachten und an den restlichen Tagen ein „Kinder“mädchen (Au pair?) aus Moldavien (? – ich hab’s nicht auswendig gelernt:)) Teil der Familie ist. Er guckte sich die Italienkarte an, um herauszufinden, wo Ligurien liegt, denn dort gibt es ein Ferienhaus, in welches die Familie an Wochenenden fährt, womöglich noch am Meer (uiuiui, schwierig, jetzt nicht neidisch zu werden:)) und stellte voller Beruhigung fest, dass er ja nach dem Jahr, wenn er dort richtige Freunde gefunden haben wird, von hier aus in einer Handvoll Stunden immer mal nach Mailand zu Besuch wird fahren können. Dass also dieses bevorstehende Jahr gar kein singulärer Punkt in seinem Leben bleiben muss, sondern später eine Fortsetzung erfahren kann, und zwar einfach und unkompliziert. (Das wäre in Süditalien schon anders, und in Übersee erst …)

Jedenfalls: Mein großes, ach so großes Kind ist glücklich. Er breitet die Flügel aus und macht sich ans Davonfliegen.
Und meine Tränen vom November sind weg, weil es ihm so gut geht. Da werde ich das Loslassen ja wohl hinbekommen …
(Nur am Flughafen Anfang September, da ist es erlaubt zu weinen:))

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12 Kommentare

    1. Tatsächlich kann hier vor allem die kleine Schwester kaum an sich halten und würde am liebsten mitreisen:)
      Nun ist das ja erstmal das Jahr des Sohnes. Und wenn es dann wirklich so gut wird wie wir erhoffen, dann steht anschließend nix im Weg, dass wir uns alle kennenlernen. Insbesondere keine größere Entfernung, wie bei anderen Weltgegenden.

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    1. Liebe Ulli,
      danke für Dein Mitfreuen:)
      Gestern hat er nun die erste Mail zur Kontaktaufnahme geschrieben. Ich sollte assistieren. Ihn beratschlagen, wie und was er sagen könnte. Dann hat er aber 90% meiner vorgeschlagenen Satzbausteine verworfen;-) Ich wurde nicht müde im Nichtschmollen, denn so ist das eben, in dieser Übergangszeit zwischen Nichtgroß und Groß.
      Jedenfalls, die Mail ist abgeschickt. Und ich bin nicht im Cc. Also doch: Groß. Ich lerne das schon noch …
      Herzensgrüße zu Dir, aus einem sanften Frühlingstag,
      Frau Rebis

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  1. Das klingt alles so gut. Schön, wenn der Sohn so voller Abenteuerlust steckt.
    Im September darf es bei dir schon Tränen geben. Bei mir ist das heute noch so, allerdings nur auf der Rückfahrt alleine nach Hause. Das ist nur ein Moment.
    Grüße von der Gudrun.

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    1. Hier wird es ja der erste Abschied für länger sein, ein ganz neuer Schritt, eine Premiere für uns beide. Ein vorgezogenes Aus-dem-Haus-gehen sozusagen, um es schonmal zu üben.
      Immerhin habe ich ja neun Monate Zeit, mich darauf einzustellen. Ganz wie bei einer Schwangerschaft:)
      Einen herzlichen Gruß zurück!

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