Wandel

Baumwandelweg #7

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Du Baum, Du.
Als hättest Du mich gerufen. Lange war ich ja nicht da, konnte nicht da sein. Nun bin ich zurück. Und Du lässt mir keine Ruhe. Wenige Stunden erst ist es her, dass ich unter mein Dach zurückgekehrt bin. Und schon laufe ich zu Dir, den Hügel hinauf, in der Abendhitze, über die versengt wirkenden Felder. Dabei sind sie nur abgeerntet. Der Sommer ist am Gehen.

Und Du stehst. Stehst wie seit Jahr und Tag. Wie jedes Mal, wenn ich Dich besuche. Aus fast unverändertem Antlitz blickst Du mich an, und ich staune. Über diese Konstanz, diesen Gleichmut, diese Beharrlichkeit, sich den Zeiten nicht auszuliefern. Oder kaum. Ein wenig ja schon. Zartfarbig leuchtet es aus Dir, Deine Früchte sind am Reifen. Deine Blätter haben sich noch dunkler gefärbt. Während Dein kleiner Bruder begonnen hat, sein Blattgewand zu lichten. (Schon?) Und das Dich bergende Feld ist im Schwinden begriffen. Nur bei Dir: Alles beim Alten.

(Was für ein langweiliges Motiv habe ich da gewählt, denkt es in mir. Für ein Projekt, welches den Wandel zeigen möchte, ein schier unbewegliches Objekt zu suchen, das ist mir ja wieder gelungen. – Der innere Zensor nimmt sich seine Macht, und ich, ich habe zuweilen keine Kraft, ihm Einhalt zu gebieten.)

 

 

Ich gehe also auf Dich zu. Es scheint leicht, sich Dir zu nähern, aus der Ferne gesehen. Kein Feld ist mehr zu durchwaten, es ist zu einer staubigen Kruste geworden, welche ein Querfeldein erlaubt. Doch je näher ich komme … Der Boden liegt voll von Deinen Früchten. Ich mag sie nicht zerquetschen, ich suche mir einen Pfad. Doch da sind Wespen. Tausende von Wespen. Und ich trage Sandalen ohne Socken. Mein Blick starrt ihn an, den schmerzenden Stich, der mich jederzeit treffen kann, da schwingt Angst in jedem Schritt.

In einigem Abstand bleibe ich stehen. Dein Stamm scheint unerreichbar, ich habe keinen Mut für den Weg durch dies Unberechenbare. In Dein Oben zu schauen, dies ist mir leichter. Schon bin ich Deiner Krone nahe. Das Lichtspiel der Blätter fasziniert und macht neugierig. Wie mag es ausschauen, wenn ich leicht nach links blicke und gehe? Und leicht nach rechts? Wenn ich den Blick wandele? Wenn der Blick mich wandelt? Mich wandeln lässt …

Bis ich plötzlich bei Dir bin. Unvermittelt finde ich mich an Deinem Stamm wieder. — Welche Schritte sich setzten, welchen Weg die Füße genommen habe, dies wird sich mir nicht mehr erschließen. Es ist auch nicht wichtig. Ich bin ja da. Ich bin gegangen. Es ist gegangen. Wie von selbst.

Ich bin zu Dir gekommen. Doch hinsetzen – wie sonst – dies ist heute nicht möglich. Noch immer liegen unter mir Früchte mit Wespen. Ich stehe am Stamm, lehne mich an. Ein Kompromiss. Manchmal braucht es Kompromisse. Das Leben ist kein … naja … keine Sprüche jetzt, bitte.

Ich lehne also an Dir. Es ist mühselig. Die durchgedrückten Knie melden sich, sie mögen die Anspannung nicht. Vor meinem Auge fliegen Fliegen über Fliegen. Vor meinem Ohr tun sie dies auch. Lautes unruhiges Gewirr, kaum kann ich das Rascheln Deiner Blätter vernehmen. Aus der Ferne nähert sich eine Menschengruppe. (Wie selten geht jemand hier spazieren, denke ich in diesem Moment.) Lärmendes Reden, schreiendes Zurückrufen des Hundes, der schon auf dem Weg zu mir ist. Auch das noch. Ein Riese springt an mir hoch, bellt, will lecken, ich mag das so gar nicht. Und unter mir immer noch tausende Wespen.

Fast lache ich los. Ein Lachen der Hilflosigkeit. Was alles mich heute von meinem ruhigen Sein abhalten will. Fliegen, Wespen, Menschen, Hunde. Sie alle zerren an mir, dass ich mich von mir wegbewegen solle. Eine wahre Lektion spielt sich um mich herum ab. Ein Symbol meines Alltags, meiner Beziehungen, meines Selbstbildes, meines gesamten inneren Wirbelns. — Wo ist mein Stamm, an den ich mich lehnen kann, bei all dem?

Da! Da bist Du ja! Wie lebendig Dein Stamm meinen Rücken berührt! Was da alles strömt.

Ich atme. Aus und ein. Ein und aus.

Wir stehen ja. Wir haben ja Ruhe. Wir sind ja.
Einfach nur hier. Oder da. Je nachdem.
Ich stehe. Ich finde Ruhe. Ich bin.

Es ist mehr Baum in mir, als ich immer ahnte. Ich bin mehr im Baum, als ich zu hoffen wagte.
Ich – Du – Er – Wir.
Und noch viel mehr.

Danke.

Sie wollte mir eine Geschichte erzählen, diese Ruhe, in der Du die Gezeiten und Stürme durchstehst. Während ich hier schrieb, öffnete sich mir eine Tür. Durch einen winzigen Spalt blickte ich hinein in das Es …

 

 

 

Und als ich dann von Dir ging, vorgestern war es, da war ich bereit für weitere Schritte. Ich folgte dem Weg, den ich so oft schon wählte, heute die lange Runde. Vertrautes, oft Gesehenes.
Heute im Licht, das Konturen sichtbar macht, das Farben schenkt, das wärmt.
(Und dass die Bilder fast schon als Kitsch durchgehen könnten, ist mir für heute egal. Manchmal verweise ich Herrn Zensor eben einfach an seinen Platz:))

 

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Advertisements

Baumwandelweg #6

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Da ich an diesem letzten Monatssonntag schon weg bin, nicht mehr in Baumes Nähe, habe ich ihn mir mitgenommen. Als Bild, aufgenommen am letzten Tag zu Hause.
Am letzten Tag, es war der Mittwoch, als es morgens im Schulhaus noch wie im Taubenschlag zuging, als gegen Mittag die Zeugnisse verteilt und die somit jetzigen Sechstklässler in die Ferien verabschiedet waren, als wir KollegInnen dann zu einer letzten Dienstbesprechung und einer langandauernden Kolleginnenverabschiedung zusammensaßen, als die Arbeitsplätze in Lehrerzimmer und Physiksammlung von allerlei Gegenständen – was sich über ein Jahr so ansammelt! – befreit werden mussten, als ich am späten Nachmittag müde, gehetzt und endlich zu Hause eintraf, als ich die Kinderzeugnisse sah (und feststellte, dass der Sohn das seine überhaupt nicht richtig angeschaut hatte:)), als ich einen Blick auf den Fortgang der Urlaubsvorbereitungen warf und feststellte, dass es nun gilt die Beine in die Hand zu nehmen, wenn wir wie geplant am nächsten Morgen abreisen wollten, als ich noch einmal ausflog, um letzte Einkäufe zu tätigen, als vor mir nur noch ein Abend und eine Nacht, aber Unmengen zu packen zu tun zu packen zu tun lag, als schließlich noch das Essen für die Fahrt und das Haus für die Abfahrt vorzubereiten war, als es also über Stunden und Stunden so wirbelte wie es dieser Satz hier tut …
… da riss ich mich zwischendrin einfach los und ging zu ihm, meinem Baum. Ging zu ihm, lehnte mich an, atmete durch, kurz oder lang? ich weiß nicht mehr, jedenfalls: Es tat gut. Auch wenn ich diesmal blind war, nicht richtig bei ihm, wenn ich nicht wahrnehmen konnte, welche Bewegung, welche Veränderung er erfahren hat, in welche Form es ihn gezogen hat und zieht.

 

 

Es tat gut.
Danke.

Und nun sind wir verreist, erst an dem einen Ort, später an einem anderen.
Pünktlich zum nächsten Monatsende, zum nächsten Monatsbild werden wir wieder da sein. Dann – so hoffe ich – mit mehr Ruhe, mit mitgebrachtem Ferienfrieden, mit einem neu geöffneten Blick …

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

hinauswinden

So Tage und Zeiten, in denen das Gefühl der Verlorenheit übermächtig ist, der Hilflosigkeit, des Versinkens in einsamer Verdorrtheit. Als fünftes Rad am Lebenswagen dem wirbelnden Treiben der Welt zuschauend, hält eine Wortlosigkeit das Zepter fest in der Hand.
Sehnsüchte ziehen vorbei, so viele Sehnsüchte.
Danach, Teil von etwas zu sein. Nicht übersehen zu werden. Umsorgt zu sein. Nach einem Blick aus warmen Augen. Danach, dass jemand fragt: Wie geht es Dir? Wie geht es Dir wirklich?

Graue Tage sind Kleinmädchentage.
Nur: Jetzt bin ich schon ein wenig größer. Kann mich besser durch diese Zeiten atmen und danach wieder emporfinden. Aus langer Erfahrung heraus, vielleicht. Und weil ich – vermutlich – seither gewachsen bin.

Und so suche ich. Und beginne zu verwandeln.

Einsamkeit tönt allmählich wieder wie gutes Alleinsein. So dass die Musik in mir und um mich eine Chance bekommt. Ich bin ihr zugewandt und nicht taub, wenn der Sohn spielt – und wie! -, und wenn die Stimmen in mir endlich wieder mit dem Celloklang mitsummen.

Schmerzende Traurigkeit wird zu sanfter Melancholie, die mit ihrem wiegenden Rhythmus zu trösten und zu betten weiß. Aus hilfloser Umherirrerei entsprungen, liegen plötzlich Wege und wogende Wellen vor mir. Ich laufe zu meinem Baum und lasse Tränen über die Wangen rollen.

Mitten in meiner wortlosen Erstarrung keimt eine Ahnung von Bewegung. Wenn ich auch zunächst nur das banale Hin und Her eines Putzlappens, eines Rechens, eines Küchenmessers als bewegt erfahre. Es dehnt sich und reckt und streckt sich, dieses Bewegtsein, bis auch meine inneren Pendel meditativ mitschwingen.

Erste Wörter krabbeln hervor, purzeln kreuz und quer, heben auf dem noch staubigen Boden zu tanzen an. Sind bereit für einen Reigen, dessen Hände ich nur noch ergreifen muss. Ich schaue staunend. Und ziere mich noch ein wenig. Noch.

Einmal mehr bleibt mir nur zu atmen.
Und zu danken.

 

Baumwandelweg #5

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Du lieber Baum,

so hatte ich mir das ja nicht vorgestellt. Dass ich mich so selten – nicht einmal jede Woche – zu Dir auf den Weg machen würde. Dass mir so oft die Zeit zum Tagesende doch nicht reichen würde. Dass mich, bei allem Wünschen und Wollen und Sehnen, stets andere Dinge von der kurzen Reise in Deine Welt abhalten würden.

Dabei tust Du mir gut. Unendlich gut, möchte ich emphatisch ausrufen. Von jeder kurzen Reise zu Dir komme ich beschenkt und gestärkt zurück. Ich bringe Bilder mit, die – eingebrannt in die Seele – weitertragen durch meine Tage. Ich darf mich bei Dir anlehnen – und gehe hernach leichter meine eigenen Schritte. Ich sehe Dein Ringsumher, eine Welt des Blühens, Reifens und Vergehens, und fühle mich getröstet. Alles wird leichter, wenn ich nur kurz bei Dir war.

Nun, ich bin wohl nicht besonders gut darin, gut auf mich aufzupassen. Sonst käme ich viel öfter. Vielleicht kann ich dies noch lernen. Für den Anfang aber haben wir wenigstens diese monatliche Begegnung, durch das äußere Ritual des Fotoprojekts fest vereinbart. Vor dieser fliehe nichtmal ich:)

Danke für die Geborgenheit, die Du mir gestern schenktest. Die Felddecke um Deinen Fuß hat sich nun deutlich sichtbar in die zweite Jahreshälfte aufgemacht. Kaum kam ich noch durch zu Deinem Stamm.

Doch dann sitze ich, rücklings an Dich gelehnt …

 … und schaue in all die satte Reife, die wärmenden Farben des erwachsenen Korns. Die zuweilen schmerzlich schnell verlaufende Zeit hält für einen Moment inne, nimmt mich bei der Hand und zeigt, dass es gut ist, so wie es ist. Dass Felder und Bäume eben reifen. Und Kinder auch.
Ja, der Sohn zum Beispiel. Noch nennt man ihn nicht erwachsen. Aber gemessen an dem kleinen Bündel, welches ich vor fast 16 Jahren im Arm hielt, ist er es eben doch. – Noch knapp 11 Wochen, bis er weggehen wird. Für lange, und ein bisschen schon für immer. Knapp 11 Wochen, von denen wir kaum eine Handvoll noch gemeinsam verbringen werden. Eine kleine Träne darf ich darum weinen, an Deinen Stamm gelehnt. Ich lerne die Lektion ja dennoch.

Weitergehen.
Obwohl zu Hause die Korrekturen, das Abendessen, die Wäsche, die Schulliste wartet, gehe ich weiter. Wenn auch nicht die große Runde.
Viele Spuren …

… in regelmäßigen und unregelmäßigen Schwüngen. Stimmt meine Vermutung – ich bin ja doch ein ewiges Stadtkind – dass diese Spuren schon mit der Aussaat gelegt werden, dass sie, anfangs noch unsichtbar, bereits im Boden angelegt sind, wenn das Korn noch nicht mal seine Spitzen ans Licht zu strecken beginnt?
Und ist das nicht wie mit meinem Tages-, Wochen- und Jahreslauf? Seine Richtung ist seit langem feststehend. In welchen Spuren sich mein Familien- und mein Schulleben bewegen wird, dies habe ich vor langer Zeit entschieden. Dass mein Leben und Alltagsleben damit überwältigend prall und zuweilen überfordernd gefüllt sein werden, diese Spur habe ich bewusst gesetzt.
Ich seufze. Es stimmt ja, Ihr Spuren. Ich gehe Euch. Es ist alles gut, wie es ist. Mögen da auch 120 Korrekturen auf dem Schreibtisch liegen, und die Kinderterminliste nie abreißen. Es ist gut.

Es ist gut.
Dieser Satz trägt mich nach Hause. Im goldenen Farbenrad der Felder und unter dem fallenden Abendlicht …

… wird plötzlich klein, was mich vorhin noch ganz verzagt gemacht hat.
Dass plötzlich der Kühlschrank seinen Geist aufgegeben hat und die Jahreszeit eiliges Handeln gebietet. Dass sich das Durcheinander nicht lichten will. Dass der so wichtige Kontakt holpert und im Moment durch nichts zu glätten ist. Dass sich die Versicherung schon wieder nicht meldet. Dass ich vor dem Brief sitze, Wort um Wort zusammenstolpere und doch am Ende immer alle verwerfe. Dass ich mit vielem zu spät dran bin …

Ich schaue den Himmel an, und Dich, Du Baum.
Dann werden diese Dinge klein.
So wie sie zu sein haben, weil sie es sind.

Und in mir wird es weit.
Weil es so zu sein hat?
Nein, dies ist Geschenk. Weitwerdendürfen ist Gnade.

Danke.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Mittsommernacht

Es hallt in mir wider, dieses Feuer,
das mir noch vor kurzem hier bei mir, in meinem Garten, überhaupt nicht vorstellbar schien,
das – oder: dessen bergende Schale – ein wenig zufällig hierher fand,
so dass ich es gestern, als der (All)Tag voll und hitzig und bis zur Erschöpfung drückend sich seinem Ende zuneigte, entzünden konnte,
verwindend und verwandelnd das Unleichte eines Tages, der zum Entmutigen geeignet gewesen wäre, hätte ich dies zugelassen,
weil mich nämlich sehnte nach einem sanften Ausklang der Schwerigkeit, und ja – in größerem Bogen geschwungen – dieses gewachsenen hellen halben Jahres,
weil ich hineingeben wollte von meinem Gewesenen und herausziehen wollte für mein zu Werdendes,
weil das Helle – in mir, in der alles umfangenden Dämmerung, im Ahnen – sich zu verbinden trachtet mit elementarem Licht, wie die Flamme es schenkt,
weil mein irrender Blick zu sich und in mich hinein findet durch das Tänzeln der Flamme um ihre Mitte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und während sich vor meinen Augen alles zu Glut wandelt, belebt mich innerer Tanz.

In Demut.
In Dankbarkeit.
In Hingabe.

Baumwandelweg #4

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Mein Baum musste bis heute auf mich warten, es ist ja auch fast noch Sonntag:)
(Gestern nach nahezu 120 km Radfahren reichten weder Zeit noch Kraft für den Weg hinauf.)

 

 

Grün ist er geworden, und grün ist es rings um ihn. Kaum finde ich noch einen Weg zu seinem Stamm durch die hochgewachsenen Halme.

Heute lehne ich mich lange an. Es ist nötig.

 

 

Und ringsum blüht der Wolkenhimmel auf.

Danke, Du Baum.

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich hier, hier und hier  – bzw. alle zusammen oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekts kann man hier finden.

Baumwandelweg #3

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

Gestern zeigte sich mein Baum in grellem Tageslicht. Ein ungewohntes Bild, diese undifferenzierten Farben. Weil ich früher als sonst hier war, stand die Sonne noch sehr hoch.

Beinahe hätte ich mich in diesen Tagen ja in einer Grollschleife verfangen, oder in einem Verzagtheitstümpel, in einer unguten Mischung aus beidem. Die vergangene Woche war gefüllt mit vielfältiger Unruhe, mit Trauer, innerer Angespanntheit wegen zahlreicher dringender Dinge, auf die ich mich einfach nicht konzentrieren kann, mit wenig Schlaf, Unausgeglichenheit und Überforderung in mancherlei Hinsicht.
Und plötzlich realisiere ich, dass das halbe lange Wochenende schon vorbei ist und ich zwar etliche Kinder- und Haushaltssachen abgearbeitet, aber noch keine einzige von diesen wirklich dringenden Schulsachen angefangen habe. Und dass ich an diesem sonnigen langen Wochenende noch keinen Schritt vor die Tür gesetzt habe (bis auf den Schuh- und Klamottenkauf mit den Kindern, haha).

Stopp. Innehalten. Durchatmen. Was geschieht hier gerade? Wieso lasse ich das zu? Was kann ich für mich tun?

Wie gut, dass letzter Monatssonntag ist, dass mein Baumwandelweg eh „dran“ ist. Möglicherweise hätte ich sonst gestern wirklich nicht aus der Schleife herausgefunden. Manchmal braucht es ja äußere Hilfen zum Aussteigen aus dem inneren Ungutkarussell.

Noch bevor ich mich auf den Weg mache, folge ich einem anderen Impuls, den ich der Tochter gestern noch ausgeredet hatte. Wir bauen das Zelt auf. Mit dem festen Plan, abends dorthinein schlafenzugehen.

Dann schnalle ich die Kameratasche um, eine warme Jacke braucht es nicht, von draußen weht es warm hinein, und laufe los. Vorfreudig und viel ruhiger schon bin ich als noch eine Stunde zuvor, auch wenn es im Kopf weiterwirbelt. So viel darf ich nicht erwarten, immerhin lässt das Puckern im Herzen nach, die Beengtheit in der Brust, die Fahrigkeit der Bewegungen, all das. Ich gehe.
Ob ich viel sehe? Ich befinde mich heute sehr eingeengt in mir, blind fast. Starre viel vor mich hin. Halte ab und zu die Kamera irgendwohin.
Und doch ist das Außen da. Es umhüllt und trägt.
Mögen nun einfach Bilder sprechen.

Auf meinen Baumpfaden …

… wird es farbig und duftend.

Am Wegesrand wartet sie, die Einsame. Wie tapfer. Wie strahlend.

Zumeist aber blicke ich in die Weite. So gut tut das.

Der Frühling hat seine letzten Zeichen stehenlassen, auch wenn die Farb- und Duftwelt schon frühsommerlich wirkt.

Der Wind trägt alles zu mir und alles wieder fort.

Und irgendwann sitze ich unter meinem Baum, lehne mich an. Geborgen ist es hier. Unter diesem Dach und inmitten des Feldes.

Wieviel Nahrung mir der Weg heute geschenkt hat.

Später beginnt eine Zeltnacht, in der ich so gut wie die ganze letzte Woche nicht schlafe. Schon beim Hineinkriechen fühle ich mich am Sehnsuchtsort angekommen, passend dazu hatten heute erste Radreisepläne in meinem Kopf getanzt. Es ist nicht so kalt wie unsere Kleidungshüllen vertragen hätten. Die Tochter kuschelt sich wohlig in ihren Schlafsack, ich schaue ihr beim Einschlafen und beim Aufwachen zu. Der Morgen weckt vogelzwitschernd und später regengetröpfelnd, hach, ich sollte ins Zelt umziehen. Das wäre immerhin ein Lebenskonzept für schlechte Zeiten …

Ein paar Stunden voller Momente, die ich mir in meinen Schirmen auffange. Für spätere Zeiten, vielleicht für den morgigen Tag schon, wenn es wieder arg wird. Ich trage meine Schirmmomente jetzt mit mir.

Danke, Du Baum.

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich hier und hier.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekts kann man hier finden.

Baumwandelweg #2

Durch ein Jahr hindurch werde ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera begleiten.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Heute sehe ich meinen Baum in rotem Abendlicht. Und er sieht mich in traurigem Gewand. Erschöpft und vom Weinen müde schleiche ich zu ihm und kann mich nicht dafür öffnen, was sich an und um ihn im Vergleich zum letzten Mal verändert hat.
Dabei bin ich seit meinem letzen Bild häufig hier entlang gegangen. Doch ich trage oft so viel mit mir herum, dass ich den Blick kaum auf das Außen zu richten vermag. Auch heute bin ich zu sehr in mir gefangen. Dabei täte es gut hinzuschauen. Dass die Knospen gewachsen sind im letzten Monat. Das weiß mein Kopf, mein Auge hat es nicht wahrgenommen. Dass das Feld gemäht (oder wie sagt man?) ist, bemerke ich nur dunkel, erst auf dem Foto wird es mir bewusst. Dass das rötliche Licht wärmt, auch dieses Erleben tröpfelt nur langsam in mich.

Vor allem ist mein Bedürfnis heute mich anzulehnen. So wie es unter meinen letzten Fotos in einem Kommentar steht: „An Bäumen anlehnen ist wie Handy an Akku stöpseln, nur in Mensch.“ Genau so.

Danke, Du Baum.

 

Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekts kann man hier finden.

 

Zeitgedanken

Für mich sind Uhren Illusionsmaschinen. Man hört sie ticken, man sieht, wie ihre Zeiger sich bewegen, und mehr können sie eigentlich nicht. Mit diesem kleinen Trick aber gaukeln sie uns vor, dass die Zeit, die sie so offensichtlich messen, etwas Regelmäßiges sei, portionierbar wie ein Kilo Rinderhackfleisch. Doch das ist sie nicht. Eine Sekunde ist vielleicht eine Sekunde, vielleicht eine Sekunde – doch eine Sekunde ist deshalb noch lange keine Zeit.
[…]
So geht es mir mit der Zeit. Fast immer ist sie sehr lebendig für mich. Sie schlägt Purzelbäume, überholt sich manchmal selbst. Und dass sie vergeht, merke ich eigentlich nur dann, wenn sie mit der gemessenen Zeit kollidiert. Wenn mich zum Beispiel also irgend so ein dummes Monatsende dazu zwingt, meine Miete zu bezahlen. Oder ein Fahrplan dazu, meinen Flieger zu erwischen. Ansonsten aber ist Zeit für einen Weltumradler wie mich einfach der Fluss der Dinge. Und der fließt manchmal schnell und manchmal langsam.

Mir ist das besonders aufgefallen, als ich mir für dieses Buch mein kunterbuntes Leben noch einmal vor Augen führte. Sofort präsent sind all die wunderbaren Geschichten, die Landschaften, die Begegnungen, meine Empfindungen und all das, was unterwegs geschah. Doch als ich versuchte, das Ganze in ein zeitliches Korsett zu pressen, es mit präzisen Daten und Jahreszahlen zu etikettieren, wie es wahrscheinlich einige Leser erwarten, da merkte ich, wie ich Schwierigkeiten bekam. Rückblickend scheint es mir heute, als wären manche Dinge, die eigentlich kaum etwas miteinander zu tun hatten, in Wirklichkeit parallel zueinander passiert, also gleichzeitig. Andere scheinen sich, gemessen an ihrer Bedeutung, über Jahre zu erstrecken, dauerten vielleicht aber nur wenige Tage oder Wochen.
[…]
Daher stelle ich einmal frech das Folgende in den Raum: Eine Wirklichkeit, in der allein die Kausalität im Takt der funkgesteuerten Weltuhren sämtliche Parameter bestimmt, die hat schon Einstein abgeschafft! Und seitdem die Quanten-Theorie als moderne Grundlage der Wissenschaft gilt, lässt sich das altväterliche Newton’sche Weltbild erst recht nicht mehr aufrechterhalten! Das Dumme ist nur, die Menschen haben aus diesen zutiefst befreienden Erkenntnissen noch keine Konsequenzen für ihr Leben, ihre Wahrnehmung und Weltsicht gezogen – das alles beginnt gerade erst: in diesen Monaten und Jahren, um diesem Satz wenigstens zu seinem Ende noch etwas Greifbares mitzugeben.

[…]

Der größte – wiederum gefühlte – Unterschied zu Asien: Alles ist so grandios abseh- und vorhersehbar! Ein Preis ist hierzulande eben ein Preis, in Asien hingegen wird gefeilscht. Busse und Züge haben feste Abfahrtzeiten, in Asien wartet man, bis sie geruhen, vorbeizukommen. Die politischen Verhältnisse in Europa sind so stabil, dass es fast langweilig wird, und wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, dann muss man sich an Hunderte von Verkehrsregeln halten, wie alle anderen auch.

Ich denke, dass es in großem Maße diese verknöcherte Zeit ist, die den Europäern zum einen so viel Sicherheit vermittelt, sie zugleich aber auch um die meisten der überraschenden, funkelnden Wendungen bringt, die das Leben für uns Menschen eigentlich in petto hat. Man übersieht sie einfach, weil sie nicht in den Plan passen. Sie haben schlicht „keinen Termin“.

(aus Tilmann Waldthaler: Sieh diese Erde leuchten!)

 

Abendwegspüren

Es war schon dunkel, als ich eben an meinem Baum vorbeiging. So dunkel, dass ich trotz hellem Mond nur die Farbe Schwarz auf der Kamera mitgebracht habe. Dabei leuchteten helle Wolkentürme zwischen Sternen und silbrige Mondspiegelungen auf dem Weg. Aber so ist das mit dem Dunklen und dem Hellen, es verschiebt und relativiert sich, ist nicht auf einer Skala festzuzurren und hebt sich gegenseitig auf.

Ich könnte nun erzählen von der Unheimlichkeit der Geräusche (und der Lautstärke dessen, was unten aus dem Tal hochdröhnte), von der Rastlosigkeit in meinem Kopf, der in solch intensiven Tagen weit mehr als einen solchen kurzen Weg bräuchte um annähernd in so etwas wie Ruhe zu finden, von meinem Bedürfnis, mich von den Häusern und ihrem abendlichen Leben fernzuhalten, von Wind und Wärme (ja: Wärme!) im Gesicht, von der Geborgenheit, welche die Hügel ausstrahlen, und vom Rhythmus meiner Schritte. Oder auch davon, was mein Atem mir erzählte, von welchen Punkten ich energisch davonschritt, fast schon floh, und was mir die Tränen in die Augen trieb.

Nun bin ich aber müde. Ich zeige deswegen einfach nur noch ein paar Bilder, rundgeblickt von jenem Baumort, als ich am Sonntag dort war.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Baumwandelweg #1

Ich habe mir ein neues Ritual geschaffen: diesen Weg zu gehen. Einmal in der Woche, oder häufiger.

Es war mein Weg in jener Nacht, als ich lief und später schrieb:
Diese besuchte ich, diese ungleichen Freunde – oder sind sie zwei Seiten ein und desselben? Es zog mich zu ihnen, zu ihrem nahen Beieinander von Kargheit und Fülle, von Kraft und Schwäche. Lehnte mich an sie an, an beide, zu lauschen und zu tasten und zu riechen und einzuatmen, was sie mir mit auf den Weg geben können. Ich nahm es mit.

 

 

Das Ritual wird wichtig werden, weil ich noch zu verwandeln habe. Zu verwandeln, was damals nur erst begonnen hat. Vieles bin ich nicht bis zum Ende gegangen. So werde ich diesen Weg immer wieder gehen.
An Tag Eins des (noch erst entstehenden) Rituals formuliere ich es also im Perfekt: „Ich habe geschaffen“. Die Sprache erzählt von der Sicherheit meines Entschlusses.

Auf dem Weg stellen sich mir Aufgaben.
Erstens sind da Dinge, die ich noch nie im Leben gesehen habe. Ich werde hinsehen üben.
Mehr und mehr möchte ich Stücke des Weges mit geschlossenen Augen gehen. Um mehr Dimensionen des Sehens zu erfahren.
Abgesehen davon, dass mir Bewegung überhaupt nötig geworden ist.

Der Auslöser aber ist der Baum. Mein Baum. Mein starker Baum, damals noch neben seinem schwachen, kargen Begleiter, hat diesen inzwischen verloren. Warum und wie, dies habe ich nicht miterlebt.
Etwas spricht zu mir aus diesen beiden, von denen nur noch einer sichtbar ist.

Und wie es sich oft ergibt, treffen zwei Dinge in Passung aufeinander. Vor wenigen Tagen – wir waren auf Bergreise – stieß ich auf Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Über ein Jahr lang soll ein Motiv, seine Veränderungen oder seine Konstanz, mit der Kamera begleitet werden.
Nun, so sei also der Baum mein „Gegenstand“.

 

 

Gestern ging ich, ihn erstmals zu treffen. (Mit ein paar Tagen Verspätung, der Bergreise geschuldet.) Ich probierte Blickrichtungen aus. Aus verschiedenen schrägen Winkeln fotografierte ich, diese kommen mir jedoch künstlich vor. Weil ich da etwa auf einen Hügel klettern muss, ich weiß nicht, ob man dort immer wird hinaufklettern können. Oder weil ich durch andere Bäume hindurch fotografiere, die im Sommer wer weiß wie dicht zugewachsen sein werden. Wann immer ich mich vom Weg wegbewege, stellt sich mir das Bild als unstimmig dar. Also bleibt die Perspektive von genau dem damaligen Weg aus.

Dazu soll ein zweiter Baum mit auf’s Bild. Etwas abseits steht er, gehört schon zur nächsten Baumgruppe. Und doch erinnert er mich an den damaligen schwachen Freund. Und daran, dass der Große nicht allein steht, dass er seine Stärke nicht im Vakuum lebt. Da ist ein Vieles, von dem ein Jedes nur Teil ist.

Und noch etwas: Es ist von Vorteil, dass sich dieser Baum nicht direkt bei mir zu Hause befindet. Ich kenne mich, meine Kontrollwut würde dazu führen, dass – bei einem Fenster- oder Gartenblick etwa – ich ewig ewig ewig durch die Kamera schauen würde, bis das Licht vermeintlich perfekt, ausgewogen, harmonisch ist, bis es die Farbe hat, die ich mir vorstelle. Ich würde am Fenster sitzen und den ganzen Tag auf das richtige Bild lauern.
Durch den kleinen Abstand hoffe ich nun, mein Kontrollierenmüssen etwas zu kontrollieren:) Weil ich mich zu meinem Motiv nämlich auf den Weg machen muss. Bis dorthin ist es nicht sehr weit, aber schon ein paar Meter zu gehen. Von zu Hause aus sehe ich diese Himmelsrichtung, diesen Blick und diese Kuppe nicht. Wenn ich losgehe, weiß ich nicht, was mich dort erwarten wird. Weil ich zumeist nicht den ganzen Tag dort verweilen kann, werde ich vielleicht die eine oder andere Wolke ziehen lassen, aber ich kann nicht die gesamte Bildstimmung beeinflussen.
Das wird dem Bild gut tun.
Einem Bild des Wandels mit einer Prise Absichtslosigkeit.