Wandel

Traumwachheit

Im Traum sprangen mich meine Sorgen an, kläfften an mir hoch, bellten mir ins Ohr, umringten mich von allen Seiten. Ich stand verängstigt in der Ecke. Die Aufgabe, die ich nicht bestand und bestehe und bei der ich doch immer wieder versuche, einen Fuß in die Tür zu bekommen, vergebens bislang. Der Beziehungsfaden, der riss und den wieder aufzunehmen ich nicht bewältige. Die Verantwortung, die ich stümperhaft wahrnehme, mit wer weiß wie hohen Schäden auf allen Seiten, da hilft auch all mein Bemühen nicht. Die Schmerzen, die ich zufüge, bewusst und unbewusst. Der Angstberg, an dessen Fuß ich verharre, wie das Kaninchen auf die Schlange starrend, in Resignation nahezu. All das, was nicht gelingt, was nicht wird, was ich nicht zu gestalten vermag, was mich überfordert.

Ich träumte davon. Eine ganze Nacht lang stand ich Aug in Auge mit Nichtbewältigtem. Und doch verlief alles unspektakulär. Es war ein ruhiger Traum. Von Berg zu Berg ging seine Handlung voran, von Krater zu Krater. Nichtgenügen zog sich als roter Faden durch den Film, Ungenügend war mein zweiter Vorname. Wohin ich auch kam: ich spürte es, wurde damit konfrontiert.
Und ging dann doch weiter, immer weiter. Am nächsten Ort zwar das Gleiche erlebend, nirgends kam ich meinen Aufgaben nach, und doch setzte ich Schritt vor Schritt.
Stundenlang.
Was für ein Traum.

Und dann, am Ende?
Wachte ich auf. Ruhig und friedlich. Versonnen damit, überhaupt geschlafen zu haben. Gleichzeitig irritiert davon, dass mich das Traumgeschehen nicht innerlich zerreißt, sondern mich, ganz im Gegenteil, in solche Ruhe versetzt.

Ist das schon die Antwort? Ein Traum voller Es-ist-wie-es-ist’s, in dem ich von einem Geht-nicht zum nächsten vorankomme. In dem ich mich nicht bewertet fühle und mich – noch viel wichtiger – nicht selbst bewerte.
Und, schon halb im Erwachen, eine Einsicht: Die Kette meiner Es-geht’s habe letztlich doch ich selbst geknüpft.

Zeit für eine Neusortierung.
Was geht?
Was geht nicht (mehr)?
Wie grenze ich mich ab gegen alte, wie wähle ich neue Aufgaben?
Und was ist überhaupt Aufgabe?
Wer gibt auf?

 

Lyrimo #4: Das Große beginnt im Kleinen

Im Samen die Blüte,
der Hauch wird zum Wind,
Funken ist Feuer, ein Tröpfchen das Meer.

Trägt der Faden als Netz
und das Zweiglein als Baum.
Ist Linie schon Bild, der Ton Melodie?

Ungeschrieben noch sind Zeilen,
im Wort reift das Buch,
Das Große beginnt im Kleinen.

Mit dem Ohr am eigenen Puls

Leilas Meinung nach waren die meisten Leute an den Wendepunkten ihres Daseins viel zu ungeduldig.
(Elif Shafak: Unerhörte Stimmen)

Aha. Ein Spiegel.
Ich stehe an einem solchen Wendepunkt. Seit Wochen, seit Monaten. (Ehrlicherweise: Seit Jahren. Aber da wusste ich noch nichts davon.)
Und ja: Ich bin ungeduldig. Sehr.
Schaue auf meine Trauer, als gehörte sie nicht hierher. Anstatt sie mir innerlich zu bekräftigen. Bildet sie doch den Boden des Übergangs.
Breche in jeden Morgen mit der Hoffnung auf, er möge in einen leichten hellen Tag münden. Und finde mich allzuoft abends in Schwere wieder, mal mehr, mal weniger tränenreich. Anstatt meine Tage zu öffnen für das, was beweint werden will.
Versuche mit aller Energie einen neuen Alltag zu erschaffen, jetzt, hier und sofort. Wo doch der alte noch Raum fordert zum Nachschwingen. Und das Neue erst Stein auf Stein und Atemzug um Atemzug geschöpft werden will.

So sitze ich also hier, um mich herum Bruchstücke des Alten, und im Kopf ein paar Federstriche, einstweilige Baupläne des Neuen.
Ich sitze. Wie gelähmt oft. Unfähig auch nur einen weiteren Schritt zu tun, über das Nötigste hinaus. Etwas essen zum Sattsein, für die Kinder da sein, Schule machen, die nötigsten Kommunikationsstränge bedienen. Ende der Kraft.

Ungeduldig puckern Reste meines energiegeladenen Strebens. – Pack weiter aus! Schraub was an! Bau was zusammen! Gestalte was! Melde Dich bei X und Y! – Mein forderndes altes Ich. Das, welches monatelang, ja immer schon, alles in die Hand genommen hatte, mit Bravour. (Was ist das überhaupt?) Es hat Unmengen an schier Unbewältigbarem bezwungen, früher. Dieses Ich nagt, klopft, pocht. Es kennt ja nichts anderes als zu treiben, immer voran.
Und nun ist es ausgebremst. Von zähem Bodenleim. Alle Schritte setzen sich nur langsam. Schleichend und tastend bewege ich mich durch die Wohnung. Zuweilen öffne ich eine Kiste, packe drei, vier Dinge aus, dann reicht es wieder. Beim Einkauf irrt mein Blick über die Gemüsestiegen im Laden, was will ich, ich weiß es nicht, nach ewiger Zeit habe ich irgendetwas im Korb, meist zuviel, oder zu wenig. Am Schulschreibtisch bin ich langsam, zu langsam, um die nachwachsende Schlange von Aufgaben abzuarbeiten, der Stapel beginnt schon wieder mich zu erdrücken, in Schulwoche vier. Oder fünf. Schneller kann ich nicht.

Und wenn ich dann erschöpft von all dem sitze, dann ist da zwar Ruhe in mir. Aber eine kurzzeitige, stets der Gefahr des Wegwehens ausgesetzte. Wenn ich weine, dann nur kurz, selbst meine Traurigkeit fühlt sich getrieben. Wenn ich stricke, dann zwei Reihen, irgendwann halten die Nadeln an, ohne dass ich es merke. Wenn ich lese, dann eine halbe Seite, jeden Abend dieselbe, denn ich höre mir beim Lesen sowieso nicht zu. Wenn ich schreibe, dann zwei Zeilen. (Dieser Text hier brauchte zum Entstehen drei Wochen.) Wenn ich Cello spiele, dann irren meine Gedanken sonstwo umher, nur nicht in der Musik.

Und nun?
Suche ich. Suche nach Ruhe. Nach Geduld. Nach der Stimme meines Pulses. Suche nach einem neuen Daseinsteppich. Gewebt aus Ruhefasern, noch unsichtbaren.
Kleinste Fäden finde ich ja, immerhin. Gemüse schneiden – Schnitt Schnitt Schnitt, ganz gleichmäßig, rhythmisch, bis zum Ende der Zucchini. Treppe wischen (Kehrwochenpflicht, das Schwäbische ist nicht weit, und ich bin eine artige neue Hausbewohnerin) – gleichmäßiges Hin-und-Her, monoton wie ein Pendel, Stufe für Stufe. Mein Radweg zur Schule – Feld, Sträucher, Wald, ein täglicher Weg, einer Meditation gleich.

Sind so kleine elementare Dinge. Das Fundament für anderes, für alles.
Ich gedulde mich.

Tastend, im Neuen

Schreiben möchte ich, mich erst noch zu schöpfenden Worten hingeben. Der Tränenschleier will wahrgenommen sein, es gäbe vieles zu beweinen, Nach Trost und Halt taste ich.
Da öffnet sich für einen winzigen Moment eine Tür ins Innere, rückt das Unsichtbare vor’s Auge, um den Spaltbreit gleich darauf wieder zu verschließen. Klack. Die Schienen des Funktionierens bleiben starr. – Sich aus der Kurve schleudern lassen, das wär’s doch mal. –

Innehalten.

Fallenlassen. Was fehlt. Der Mut, mich dem Andrängenden hinzugeben, ohne dass die Kopfvernunftmaschinerie gleich alle Hebel dagegen in Bewegung setzt.
„Ich vermisse mich.“ Andernorts lese ich diesen Satz, schrieb ihn schon oft selbst, finde mich in altvertrautem Gefühl wieder.

Dabei gibt es neues Leben zuhauf. In mir. Rings um mich. Mein Alltag ist auf den Kopf gestellt. Oder besser: Auf die Füße ja eigentlich. – Welche Spur werde ich dort ziehen? Fragen, in Zweifel gebettet.

Aus Lähmung befriedete Langsamkeit gestalten. Aus dem Stapel an Überforderung ein Paket nach dem anderen auf den Boden legen, öffnen, seine Dinge entfalten lassen. Aus strukturloser Verworrenheit einen Faden weben, daran entlanghangeln.
Den sich öffnenden Raum mit Neuem füllen. Keimen, wachsen, reifen lassen.
Unkonkret, das alles? (Die Konkreta stehen, fliegen, liegen, toben hier rings um mich. Wollen eins nach dem anderen auf diese Weise verwandelt werden.)

Schreiben und weinen.
Eine Hand suchen.
Vertrauen, dass der Boden trägt.
Nach Zuversicht tasten.

Am Zwischenort

Zwischen altem Ort und neuem Ort
bin ich unterwegs
die Heimatlosigkeit auszuhalten,
ich hänge im Spagat
zwischen dem, was war,
und dem, was wird.

Verlassen – ohne zu verwerfen, zu bedauern,
mich in Dankbarkeit zurückwendend
mit Tränen der Trauer, nicht der Reue,
mit Zweifeln auch, und der Peitsche des ewigen Schuldgefühls
– das Alte in seiner Enge
und doch voll der Wärme vertrauter Wege.

Mich wenden – in ängstlicher Ungewissheit,
sorgenvoll auf wackligen Füßen, schmalen Bohlen
setzen Gedanken verzagt Schritt vor Schritt
– hin zu dem, was erst noch das meine zu werden beginnt.
Klares Licht scheint fern, so fern,
im Schatten sind nachtgleiche Tage.

Am Zwischenort. Ich fahre. Mich trägt das Rad.
Rauscht ein Fluss, birgt ein Berg, tröstet ein Stern.
Woher? Wohin? Nagt es in mir.
Und: Wer bist du? Und wem?
Tage, konturlos verloren. Verdammt, wo war die Spur,
und wie formt aus Strukturlosem sich Gestalt?

Nimm dieses Ist zwischen War und Wird
als Brücke über den Riss,
und gib mir die Hand, bitte,
halte alles, was fallen will.
Sei. Und zeige und kläre und öffne.
Und empfange. Und werde still.
Ganz still.

Fragmente

Ein Buchgedanke*: Das unerwartet Fremde, das Schwierige und Beängstigende durch eine äußere Ordnung überleben lernen. – Ich höre. Diese ordnende Struktur kann nur Eigenkreation sein, was sonst.

Aus demselben Buch*: Solange es noch eine Anwesenheit gibt, bleibt Abwesenheit undenkbar. Erst später dann wird das Licht aus dem Hoffnungsraum in den Raum der Erinnerung getragen. Wobei es dort nur noch flackert. Überschattet vom nicht mehr seienden Hoffnungslicht.
Weise Gedanken über das Sterben.

Flughafentränen. Den Kindern wachsen Flügel. Wer hätte gedacht, dass auch ich welche brauche.
Welch vermessene Idee: Sie aus abgestreiften Häuten zu bauen.

Ein Netz. Ein Netz ist allemal gut. Ich knüpfe. Gelähmt durch Angst, antizipierte Trauer, Verzagtheit.
Eine Feiglingin bin ich, will ich herausschreien. Mich fügend und einpassend. Wem auch immer dies in all den Zeiten genützt hat.
Ein Netz für den Mut also. Ob „für“ hier die richtige Präposition ist, darüber dürfen andere streiten.

Was für eine verschlingende Traurigkeitsleere. Wer nimmt sie wahr? Ich trotte allein, immer hinter den anderen her, ich bin die letzte.

Und mitten durch das Gestrüpp blinkt eine Vision. Mein Leben wieder zu gestalten. Mich neu zu formen. In der Ferne ist alles hell. – Bislang dachte ich immer, „Licht und Liebe“ wäre nur eine Floskel.

Ich gehe los. Voller Fragen.

(* aus Esther Kinsky: Hain)

Baumwandelweg #12

Durch ein Jahr hindurch begleitete ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies war ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben worden ist.

 

Großer Baum, kleiner Baum, nebeneinander. In kahlem Winterkleid, auf rötlichscheinendem Feld.

 

Erst mit diesem zwölften Bild fühlt es sich rund an. Aufgenommen vor mehr als einem Monat, fast noch Ende Januar war es also, so wie auch alle anderen Bilder jeweils zum Monatsende entstanden. Eingestellt erst heute, ein Jahr etwa nach dem ersten Bild. Womit sich ein Kreis schließt.
Ein Kreis, den zu gehen ich mir selbst aufgetragen hatte, ein selbsterschaffenes Ritual: zu jedem Monatsende meinen Baum hier abzubilden, immer mit gleichem Fokus, auf dass Veränderungen und die Konstanz in den Veränderungen sichtbar würden.

Hier nun – schaut selbst:

 

 

Nun, und jetzt?
Höre ich auf.

Es fiel mir – zugegeben – schwer und schwerer, mich meiner selbstverordneten Regel zu fügen. Die anfängliche Euphorie, dass dieses Ritual mich regelmäßig auf einen Weg bringt, der mir etwas zu schenken weiß, ist verflogen. Statt dessen wuchs in mir das Bedürfnis, mich aus dem Ritual herauszuwinden, seine Starre abzuschütteln.
Zwar, das nehme ich durchaus wahr, hatte ich viele gute Stunden mit meinem Baum, meinem Weg, hat sich mir Monat für Monat etwas eröffnet, bin ich tatsächlich jeweils ein Stück auf mich zu gegangen, so wie es meine persönliche Geschichte dieses Weges ja von vornherein nahelegte. Und doch war es ein Gerüst, ein starres, zwingendes, unbiegsames, einengendes Gerüst.
Ohnehin bewegt sich mein Alltag in viel zu vielen Käfigen, fehlt es ihm in vielerlei Hinsicht an Freiheitsgraden. Wenn ich mir dann noch selbst zusätzliche Starre verordne …

Was für ein Spiegel! De facto beträgt der Fußweg zum Baum kaum zehn Minuten, sind die Bilder schnell gemacht und noch schneller bearbeitet, es gab ja keine Motivsuche, keine Bearbeitungsentscheidungen zu fällen, zeitlich gesehen also war mein Baumweg selbst in engste Zeitraster zu integrieren. Noch dazu zieht es mich im Grunde immer nach draußen. Und doch blockierte ich mehr und mehr.

Ein Anlass mich einzulassen auf Fragen wie:
Wo setze ich mir selbst Beschränkungen, die mir nicht gut tun?
Wo lebe ich starre, einschnürende Regeln, obwohl ich sie aufweichen oder gar von mir nehmen könnte?
Wieso empfinde ich so manche Alltagsbeziehungen als Korsett, obwohl ich tief innen weiß, dass ich allein durch gedankliches Umstülpen wieder Freiheitsgrade gewinne?
Welche Imperative lebe ich, obwohl niemand außer mir selbst sie ausspricht?
Wohin wird es mich führen, wenn ich von Geländern ablasse und frei zu tanzen beginne?

Punkt.
Und Fragezeichen.

 

Alle meine Baumwandelwege finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Baumwandelweg #11

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Mein letzter Baumweg des Jahres, an seinem fastletzten Tag. Am späteren Nachmittag gehe ich hinauf, schon ist es wieder möglich, nach 16 Uhr genug Licht für ein Bild zu finden, noch keine zehn Tage nach der Sonnenwende.
Wie intensiv mich diese Silhouette in diesem Jahr begleitet hat. Dieser Blick, dieser Baumgefährte, und die Wege, die von dort immer noch weiter hinauf führten …

 

Großer Baum und kleiner Baum vor einem abendlich dunkelblauen Himmel.

 

Dort hinauf, dort hinten, wo sich mir das Hügelland mal behütend, mal fordernd entgegenstreckte. Heute schaue ich ihm nur aus der Ferne beim Sein zu. So wie der Mond. Und: so wie dem Mond.

 

Dunkelblauer Abendhimmel mit einigen hellen Wolken, dem Mond und im Vordergrund eine Baumreihe.

 

Heute wandere ich einen anderen Weg weiter, treffe Baumgeschwister des meinen, verliere mich mit meinem Blick im Geäst. So wie – wiederum – der Mond es tut. Wie er durch den Baum wandert …

 

 

Und falls es jemandem auffällt, dass die Richtung der Mondbewegung nicht die astronomische ist: Es war – in jenen Momenten – auch nicht der Mond, der wanderte, sondern ich. Aber was macht das schon, sind doch Bewegungen eh relativ, gehen ineinander über, verwandeln sich ineinander.

 

Dunkelblauer Abendhimmel mit Baumreihe und Mond.

 

Und dann gehe ich zurück in mein Haus. Wieder vorbei am weiten Horizont, wieder vorbei an meinem Baum.

 

Großer Baum und kleiner Baum vor einem dunklen Abendhimmel.

 

Manchmal möchte ich so sehr danken, dass mir die Worte fehlen.

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
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entlaubt

 

 

Zweige in markanter Kahlheit, entblößt nach dem großen Abschütteln, zeichnen ihre Muster in den Himmel.

 

 

Da ist kein Buntkleid mehr, welches – vermeintlich sanft – sture Kantigkeit länger verbergen könnte. Schon immer ja wirkte diese im Kern. Schnörkellos, bar jeden Schön-Schöns tritt zugige Kälte in den Blick, zerschneiden verirrte Linien den Himmel.

 

 

Ein Puzzle von Zerbrochenem … selbst vor dem inneren Auge schwer wieder zusammensetzbar. Eine Welt voll von entlaubten, kalten Zweigen.
Zwar atmet ahnungsloses Wissen um Lebensadern, welche waren. Und sein werden. Nur …
Fragezeichen.

 

 

Kahle Wahrheit ist zutage getreten. Ehrlich und unverblümt. (Unverlaubt.)

 

 

Und und aber:
Kann ich dies alles auch anders lesen? Als was? Als Befreiung? Von was denn? Als Beginn eines Neuanfangs? Als Raumöffnung für neues Keimen? Als Teil des ewigen Kreislaufes?

 

PS.
Da waren viele Auslöser für diesen Text. Blicke in die Welt, die immer wieder sprachlos machen. Ungut sprachlos. Ich möchte aber (m)eine Stimme finden. Zunächst greife ich hier – etwas hilflos – in die (Wort)Bilderkiste. Immerhin, sage ich mir.
Wortreicher schreibt Irgendlink in einem großartigen Text darüber, „wie die Welt derzeit tickt und wie … die Welt ticken könnte“.

Baumwandelweg #10

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

Ein Weg im Regen, in nieseligem, alles durchdringendem, sich an die Haut klammerndem Regen.

Seit Tagen ist dieses Wetter, lädt es nicht ein zu einem Gang hinaus, verbirgt sich alles hinter novembrigem Himmel. Seit Tagen suche ich das Wolkenloch am Himmel, durch welches Licht dringt.

Seit Wochen war dieses Grau, ließ mich mich im Haus verkriechen, nahm ich die Welt nur durch einen Schleier wahr. Seit Wochen suchte ich die Öffnung, das Fenster, durch welches es wieder hell wird.

 

Herbstkahle Bäume, ein großer, ein kleiner, vor einem Himmel, dessen Farbspektrum vom Düstergrauen zum Lichtvollen reicht.

 

Nun, in den vergangenen Tagen, öffnete sich ein Spalt, zeigte sich mir zaghaft dieses Dahinter, dieses Darunter, dieses Überallem.
Der Himmel antwortet.
Immer.

 

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Baumwandelweg #9

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Schritt. Noch ein Schritt. Und noch einer.
Auf wen zu? Auf was zu?
(Dabei weiß ich doch: Zu Dir, zu meinem Baum. Jetzt. Für einmal mich lösen aus der Schwere.)

Es geht sich zäh. Alles voller Bodenleim. Bleiernes Waten.
Ein Willkommen lässt sich in diesen Tagen kaum spüren. Erstarrung des Umgebenden. Oder bin das ich, deren Lebendigkeit sich verschlossen hat?
Funktioniere. Als Imperativ. Gib nur nicht zu viele Gedanken hinein.

 

Ein großer Baum, ein kleiner Baum. Kahl schon. Vor einem leicht abendrötlichen Himmel.

 

Freitag Abend. Das, was Ferien heißt, hat begonnen. Im Kalender steht: Zum Baum gehen. So weit ist es schon.
Am nächsten Tag fährt der Zug in den Norden. Unter dem blauen Himmel dort flackern Erinnerungen an andere Zeiten.

Und wieder Schritt.
Um Schritt.
Um Schritt. Um Schritt.
Es hallt in den Gassen, was im Innern an Resonanz fehlt.

Ich schaue hinauf dabei, ganz hinauf in unendliche Weiten.
Immer findet sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel öffnet, zeigt, weitet, entfaltet, empfangend schenkt.

 

Rötlicher Abendhimmel über Schemen eines Dorfes.

 

 

Rote Abendlichtsilhouette eines kahlen Baumes.

 

Nun, es bleibt zu betrachten. Das alles.

 

 

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Und dann …

… ist es wie jedes Mal: Wenn ich mich schreibend sortiere, als Eruption in Postform, als Bewusstwerdung beim Antworten auf eure Kommentare, dann beginnt das Dickicht sich zu lichten. Dann weiß ich wieder, an welchen Fäden ich ziehen kann, und an welchen auch nicht. Dann sehe ich mein konkretes Knäuel und den darunter liegenden Seelenmorast deutlicher. Dann beginnt das Gefühl der Bedrängnis sich in Traurigkeit zu verwandeln. Was ein guter Schritt ist, weil er wieder Tränen und Worte zulässt. Fließen ist immer gut …

Und dann mache ich mich auf den Weg. Es ist ja auch zu wunderbar draußen.

 

 

 

Zu sehen,

dass Karg und Zart zuweilen an einem Ast wachsen,

 

 

 

dass Farbe, bevor sie zu Fülle werden kann. ganz unscheinbar beginnt,

 

 

 

und dass sich manchmal auch ohne festen Boden unter den Füßen Halt finden lässt.

 

 

 

Zu erkennen,

dass, was wir als festes Bild im Kopf haben, etwa die Töne eines beginnenden Herbstes, zuweilen in ganz anderen Nuancen gefärbt ist als erwartet,

 

 

 

welches dann doch nahtlos in das Vertraute eingebettet liegt,

 

 

 

und dass ich nur aus nächster Nähe, nur bei genauestem Hinschauen Muster zu erkennen vermag.

 

 

 

Was für Geschenke am Wegesrand.

Ich bleibe und suche weiter. Nach meinem Gleichgewicht. Und nach den Himmelsfäden, in die ich mich getrost fallen lassen kann.

 

 

 

Baumwandelweg #8

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Ein großer und ein kleiner Baum im rötlich-herbstlichen Abendlicht. ImHintergrund spielen Wolken am Himmel.

 

Welch ein Licht!

 

Eine hügelige Feldlandschaft im rötlichen Abendlicht.

 

 

Ein rötlich beleuchtetes Feld vor einem wolkig lichtdurchspielten Himmel. Im Vordergrund der langgezogene Schatten der Fotografierenden.

 

Mehr möchte ich gar nicht sagen zu diesen Bildern, zu meinen Wegen am frühen Samstagabend, und zu diesen Tagen überhaupt.

 

 

Doch, eines noch: Wie wichtig es immer wieder ist, den Blick auf das Kleine, Unspektakuläre zu richten.

 

Äpfel am Boden, eine bunte Mischung aus unreifen, reifen und verfaulten Früchten.

 

 

Goldscheinende Gräser im Gegenlicht.

 

Und auf das Große.

 

Gegenlichtaufnahme. Unter den Wolken lugt eine Sonne hervor. Unten breitet sich ein Feld aus.

 

 

Ein Himmelsblick, gesäumt von Wolken und Baumkronen.

 

Danke.

 

 

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Baumwandelweg #7

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Du Baum, Du.
Als hättest Du mich gerufen. Lange war ich ja nicht da, konnte nicht da sein. Nun bin ich zurück. Und Du lässt mir keine Ruhe. Wenige Stunden erst ist es her, dass ich unter mein Dach zurückgekehrt bin. Und schon laufe ich zu Dir, den Hügel hinauf, in der Abendhitze, über die versengt wirkenden Felder. Dabei sind sie nur abgeerntet. Der Sommer ist am Gehen.

Und Du stehst. Stehst wie seit Jahr und Tag. Wie jedes Mal, wenn ich Dich besuche. Aus fast unverändertem Antlitz blickst Du mich an, und ich staune. Über diese Konstanz, diesen Gleichmut, diese Beharrlichkeit, sich den Zeiten nicht auszuliefern. Oder kaum. Ein wenig ja schon. Zartfarbig leuchtet es aus Dir, Deine Früchte sind am Reifen. Deine Blätter haben sich noch dunkler gefärbt. Während Dein kleiner Bruder begonnen hat, sein Blattgewand zu lichten. (Schon?) Und das Dich bergende Feld ist im Schwinden begriffen. Nur bei Dir: Alles beim Alten.

(Was für ein langweiliges Motiv habe ich da gewählt, denkt es in mir. Für ein Projekt, welches den Wandel zeigen möchte, ein schier unbewegliches Objekt zu suchen, das ist mir ja wieder gelungen. – Der innere Zensor nimmt sich seine Macht, und ich, ich habe zuweilen keine Kraft, ihm Einhalt zu gebieten.)

 

 

Ich gehe also auf Dich zu. Es scheint leicht, sich Dir zu nähern, aus der Ferne gesehen. Kein Feld ist mehr zu durchwaten, es ist zu einer staubigen Kruste geworden, welche ein Querfeldein erlaubt. Doch je näher ich komme … Der Boden liegt voll von Deinen Früchten. Ich mag sie nicht zerquetschen, ich suche mir einen Pfad. Doch da sind Wespen. Tausende von Wespen. Und ich trage Sandalen ohne Socken. Mein Blick starrt ihn an, den schmerzenden Stich, der mich jederzeit treffen kann, da schwingt Angst in jedem Schritt.

In einigem Abstand bleibe ich stehen. Dein Stamm scheint unerreichbar, ich habe keinen Mut für den Weg durch dies Unberechenbare. In Dein Oben zu schauen, dies ist mir leichter. Schon bin ich Deiner Krone nahe. Das Lichtspiel der Blätter fasziniert und macht neugierig. Wie mag es ausschauen, wenn ich leicht nach links blicke und gehe? Und leicht nach rechts? Wenn ich den Blick wandele? Wenn der Blick mich wandelt? Mich wandeln lässt …

Bis ich plötzlich bei Dir bin. Unvermittelt finde ich mich an Deinem Stamm wieder. — Welche Schritte sich setzten, welchen Weg die Füße genommen habe, dies wird sich mir nicht mehr erschließen. Es ist auch nicht wichtig. Ich bin ja da. Ich bin gegangen. Es ist gegangen. Wie von selbst.

Ich bin zu Dir gekommen. Doch hinsetzen – wie sonst – dies ist heute nicht möglich. Noch immer liegen unter mir Früchte mit Wespen. Ich stehe am Stamm, lehne mich an. Ein Kompromiss. Manchmal braucht es Kompromisse. Das Leben ist kein … naja … keine Sprüche jetzt, bitte.

Ich lehne also an Dir. Es ist mühselig. Die durchgedrückten Knie melden sich, sie mögen die Anspannung nicht. Vor meinem Auge fliegen Fliegen über Fliegen. Vor meinem Ohr tun sie dies auch. Lautes unruhiges Gewirr, kaum kann ich das Rascheln Deiner Blätter vernehmen. Aus der Ferne nähert sich eine Menschengruppe. (Wie selten geht jemand hier spazieren, denke ich in diesem Moment.) Lärmendes Reden, schreiendes Zurückrufen des Hundes, der schon auf dem Weg zu mir ist. Auch das noch. Ein Riese springt an mir hoch, bellt, will lecken, ich mag das so gar nicht. Und unter mir immer noch tausende Wespen.

Fast lache ich los. Ein Lachen der Hilflosigkeit. Was alles mich heute von meinem ruhigen Sein abhalten will. Fliegen, Wespen, Menschen, Hunde. Sie alle zerren an mir, dass ich mich von mir wegbewegen solle. Eine wahre Lektion spielt sich um mich herum ab. Ein Symbol meines Alltags, meiner Beziehungen, meines Selbstbildes, meines gesamten inneren Wirbelns. — Wo ist mein Stamm, an den ich mich lehnen kann, bei all dem?

Da! Da bist Du ja! Wie lebendig Dein Stamm meinen Rücken berührt! Was da alles strömt.

Ich atme. Aus und ein. Ein und aus.

Wir stehen ja. Wir haben ja Ruhe. Wir sind ja.
Einfach nur hier. Oder da. Je nachdem.
Ich stehe. Ich finde Ruhe. Ich bin.

Es ist mehr Baum in mir, als ich immer ahnte. Ich bin mehr im Baum, als ich zu hoffen wagte.
Ich – Du – Er – Wir.
Und noch viel mehr.

Danke.

Sie wollte mir eine Geschichte erzählen, diese Ruhe, in der Du die Gezeiten und Stürme durchstehst. Während ich hier schrieb, öffnete sich mir eine Tür. Durch einen winzigen Spalt blickte ich hinein in das Es …

 

 

 

Und als ich dann von Dir ging, vorgestern war es, da war ich bereit für weitere Schritte. Ich folgte dem Weg, den ich so oft schon wählte, heute die lange Runde. Vertrautes, oft Gesehenes.
Heute im Licht, das Konturen sichtbar macht, das Farben schenkt, das wärmt.
(Und dass die Bilder fast schon als Kitsch durchgehen könnten, ist mir für heute egal. Manchmal verweise ich Herrn Zensor eben einfach an seinen Platz:))

 

 

 

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Baumwandelweg #6

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Da ich an diesem letzten Monatssonntag schon weg bin, nicht mehr in Baumes Nähe, habe ich ihn mir mitgenommen. Als Bild, aufgenommen am letzten Tag zu Hause.
Am letzten Tag, es war der Mittwoch, als es morgens im Schulhaus noch wie im Taubenschlag zuging, als gegen Mittag die Zeugnisse verteilt und die somit jetzigen Sechstklässler in die Ferien verabschiedet waren, als wir KollegInnen dann zu einer letzten Dienstbesprechung und einer langandauernden Kolleginnenverabschiedung zusammensaßen, als die Arbeitsplätze in Lehrerzimmer und Physiksammlung von allerlei Gegenständen – was sich über ein Jahr so ansammelt! – befreit werden mussten, als ich am späten Nachmittag müde, gehetzt und endlich zu Hause eintraf, als ich die Kinderzeugnisse sah (und feststellte, dass der Sohn das seine überhaupt nicht richtig angeschaut hatte:)), als ich einen Blick auf den Fortgang der Urlaubsvorbereitungen warf und feststellte, dass es nun gilt die Beine in die Hand zu nehmen, wenn wir wie geplant am nächsten Morgen abreisen wollten, als ich noch einmal ausflog, um letzte Einkäufe zu tätigen, als vor mir nur noch ein Abend und eine Nacht, aber Unmengen zu packen zu tun zu packen zu tun lag, als schließlich noch das Essen für die Fahrt und das Haus für die Abfahrt vorzubereiten war, als es also über Stunden und Stunden so wirbelte wie es dieser Satz hier tut …
… da riss ich mich zwischendrin einfach los und ging zu ihm, meinem Baum. Ging zu ihm, lehnte mich an, atmete durch, kurz oder lang? ich weiß nicht mehr, jedenfalls: Es tat gut. Auch wenn ich diesmal blind war, nicht richtig bei ihm, wenn ich nicht wahrnehmen konnte, welche Bewegung, welche Veränderung er erfahren hat, in welche Form es ihn gezogen hat und zieht.

 

 

Es tat gut.
Danke.

Und nun sind wir verreist, erst an dem einen Ort, später an einem anderen.
Pünktlich zum nächsten Monatsende, zum nächsten Monatsbild werden wir wieder da sein. Dann – so hoffe ich – mit mehr Ruhe, mit mitgebrachtem Ferienfrieden, mit einem neu geöffneten Blick …

 

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hinauswinden

So Tage und Zeiten, in denen das Gefühl der Verlorenheit übermächtig ist, der Hilflosigkeit, des Versinkens in einsamer Verdorrtheit. Als fünftes Rad am Lebenswagen dem wirbelnden Treiben der Welt zuschauend, hält eine Wortlosigkeit das Zepter fest in der Hand.
Sehnsüchte ziehen vorbei, so viele Sehnsüchte.
Danach, Teil von etwas zu sein. Nicht übersehen zu werden. Umsorgt zu sein. Nach einem Blick aus warmen Augen. Danach, dass jemand fragt: Wie geht es Dir? Wie geht es Dir wirklich?

Graue Tage sind Kleinmädchentage.
Nur: Jetzt bin ich schon ein wenig größer. Kann mich besser durch diese Zeiten atmen und danach wieder emporfinden. Aus langer Erfahrung heraus, vielleicht. Und weil ich – vermutlich – seither gewachsen bin.

Und so suche ich. Und beginne zu verwandeln.

Einsamkeit tönt allmählich wieder wie gutes Alleinsein. So dass die Musik in mir und um mich eine Chance bekommt. Ich bin ihr zugewandt und nicht taub, wenn der Sohn spielt – und wie! -, und wenn die Stimmen in mir endlich wieder mit dem Celloklang mitsummen.

Schmerzende Traurigkeit wird zu sanfter Melancholie, die mit ihrem wiegenden Rhythmus zu trösten und zu betten weiß. Aus hilfloser Umherirrerei entsprungen, liegen plötzlich Wege und wogende Wellen vor mir. Ich laufe zu meinem Baum und lasse Tränen über die Wangen rollen.

Mitten in meiner wortlosen Erstarrung keimt eine Ahnung von Bewegung. Wenn ich auch zunächst nur das banale Hin und Her eines Putzlappens, eines Rechens, eines Küchenmessers als bewegt erfahre. Es dehnt sich und reckt und streckt sich, dieses Bewegtsein, bis auch meine inneren Pendel meditativ mitschwingen.

Erste Wörter krabbeln hervor, purzeln kreuz und quer, heben auf dem noch staubigen Boden zu tanzen an. Sind bereit für einen Reigen, dessen Hände ich nur noch ergreifen muss. Ich schaue staunend. Und ziere mich noch ein wenig. Noch.

Einmal mehr bleibt mir nur zu atmen.
Und zu danken.

 

Baumwandelweg #5

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Du lieber Baum,

so hatte ich mir das ja nicht vorgestellt. Dass ich mich so selten – nicht einmal jede Woche – zu Dir auf den Weg machen würde. Dass mir so oft die Zeit zum Tagesende doch nicht reichen würde. Dass mich, bei allem Wünschen und Wollen und Sehnen, stets andere Dinge von der kurzen Reise in Deine Welt abhalten würden.

Dabei tust Du mir gut. Unendlich gut, möchte ich emphatisch ausrufen. Von jeder kurzen Reise zu Dir komme ich beschenkt und gestärkt zurück. Ich bringe Bilder mit, die – eingebrannt in die Seele – weitertragen durch meine Tage. Ich darf mich bei Dir anlehnen – und gehe hernach leichter meine eigenen Schritte. Ich sehe Dein Ringsumher, eine Welt des Blühens, Reifens und Vergehens, und fühle mich getröstet. Alles wird leichter, wenn ich nur kurz bei Dir war.

Nun, ich bin wohl nicht besonders gut darin, gut auf mich aufzupassen. Sonst käme ich viel öfter. Vielleicht kann ich dies noch lernen. Für den Anfang aber haben wir wenigstens diese monatliche Begegnung, durch das äußere Ritual des Fotoprojekts fest vereinbart. Vor dieser fliehe nichtmal ich:)

Danke für die Geborgenheit, die Du mir gestern schenktest. Die Felddecke um Deinen Fuß hat sich nun deutlich sichtbar in die zweite Jahreshälfte aufgemacht. Kaum kam ich noch durch zu Deinem Stamm.

Doch dann sitze ich, rücklings an Dich gelehnt …

 … und schaue in all die satte Reife, die wärmenden Farben des erwachsenen Korns. Die zuweilen schmerzlich schnell verlaufende Zeit hält für einen Moment inne, nimmt mich bei der Hand und zeigt, dass es gut ist, so wie es ist. Dass Felder und Bäume eben reifen. Und Kinder auch.
Ja, der Sohn zum Beispiel. Noch nennt man ihn nicht erwachsen. Aber gemessen an dem kleinen Bündel, welches ich vor fast 16 Jahren im Arm hielt, ist er es eben doch. – Noch knapp 11 Wochen, bis er weggehen wird. Für lange, und ein bisschen schon für immer. Knapp 11 Wochen, von denen wir kaum eine Handvoll noch gemeinsam verbringen werden. Eine kleine Träne darf ich darum weinen, an Deinen Stamm gelehnt. Ich lerne die Lektion ja dennoch.

Weitergehen.
Obwohl zu Hause die Korrekturen, das Abendessen, die Wäsche, die Schulliste wartet, gehe ich weiter. Wenn auch nicht die große Runde.
Viele Spuren …

… in regelmäßigen und unregelmäßigen Schwüngen. Stimmt meine Vermutung – ich bin ja doch ein ewiges Stadtkind – dass diese Spuren schon mit der Aussaat gelegt werden, dass sie, anfangs noch unsichtbar, bereits im Boden angelegt sind, wenn das Korn noch nicht mal seine Spitzen ans Licht zu strecken beginnt?
Und ist das nicht wie mit meinem Tages-, Wochen- und Jahreslauf? Seine Richtung ist seit langem feststehend. In welchen Spuren sich mein Familien- und mein Schulleben bewegen wird, dies habe ich vor langer Zeit entschieden. Dass mein Leben und Alltagsleben damit überwältigend prall und zuweilen überfordernd gefüllt sein werden, diese Spur habe ich bewusst gesetzt.
Ich seufze. Es stimmt ja, Ihr Spuren. Ich gehe Euch. Es ist alles gut, wie es ist. Mögen da auch 120 Korrekturen auf dem Schreibtisch liegen, und die Kinderterminliste nie abreißen. Es ist gut.

Es ist gut.
Dieser Satz trägt mich nach Hause. Im goldenen Farbenrad der Felder und unter dem fallenden Abendlicht …

… wird plötzlich klein, was mich vorhin noch ganz verzagt gemacht hat.
Dass plötzlich der Kühlschrank seinen Geist aufgegeben hat und die Jahreszeit eiliges Handeln gebietet. Dass sich das Durcheinander nicht lichten will. Dass der so wichtige Kontakt holpert und im Moment durch nichts zu glätten ist. Dass sich die Versicherung schon wieder nicht meldet. Dass ich vor dem Brief sitze, Wort um Wort zusammenstolpere und doch am Ende immer alle verwerfe. Dass ich mit vielem zu spät dran bin …

Ich schaue den Himmel an, und Dich, Du Baum.
Dann werden diese Dinge klein.
So wie sie zu sein haben, weil sie es sind.

Und in mir wird es weit.
Weil es so zu sein hat?
Nein, dies ist Geschenk. Weitwerdendürfen ist Gnade.

Danke.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Mittsommernacht

Es hallt in mir wider, dieses Feuer,
das mir noch vor kurzem hier bei mir, in meinem Garten, überhaupt nicht vorstellbar schien,
das – oder: dessen bergende Schale – ein wenig zufällig hierher fand,
so dass ich es gestern, als der (All)Tag voll und hitzig und bis zur Erschöpfung drückend sich seinem Ende zuneigte, entzünden konnte,
verwindend und verwandelnd das Unleichte eines Tages, der zum Entmutigen geeignet gewesen wäre, hätte ich dies zugelassen,
weil mich nämlich sehnte nach einem sanften Ausklang der Schwerigkeit, und ja – in größerem Bogen geschwungen – dieses gewachsenen hellen halben Jahres,
weil ich hineingeben wollte von meinem Gewesenen und herausziehen wollte für mein zu Werdendes,
weil das Helle – in mir, in der alles umfangenden Dämmerung, im Ahnen – sich zu verbinden trachtet mit elementarem Licht, wie die Flamme es schenkt,
weil mein irrender Blick zu sich und in mich hinein findet durch das Tänzeln der Flamme um ihre Mitte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und während sich vor meinen Augen alles zu Glut wandelt, belebt mich innerer Tanz.

In Demut.
In Dankbarkeit.
In Hingabe.

Baumwandelweg #4

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Mein Baum musste bis heute auf mich warten, es ist ja auch fast noch Sonntag:)
(Gestern nach nahezu 120 km Radfahren reichten weder Zeit noch Kraft für den Weg hinauf.)

 

 

Grün ist er geworden, und grün ist es rings um ihn. Kaum finde ich noch einen Weg zu seinem Stamm durch die hochgewachsenen Halme.

Heute lehne ich mich lange an. Es ist nötig.

 

 

Und ringsum blüht der Wolkenhimmel auf.

Danke, Du Baum.

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich hier, hier und hier  – bzw. alle zusammen oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekts kann man hier finden.

Baumwandelweg #3

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

Gestern zeigte sich mein Baum in grellem Tageslicht. Ein ungewohntes Bild, diese undifferenzierten Farben. Weil ich früher als sonst hier war, stand die Sonne noch sehr hoch.

Beinahe hätte ich mich in diesen Tagen ja in einer Grollschleife verfangen, oder in einem Verzagtheitstümpel, in einer unguten Mischung aus beidem. Die vergangene Woche war gefüllt mit vielfältiger Unruhe, mit Trauer, innerer Angespanntheit wegen zahlreicher dringender Dinge, auf die ich mich einfach nicht konzentrieren kann, mit wenig Schlaf, Unausgeglichenheit und Überforderung in mancherlei Hinsicht.
Und plötzlich realisiere ich, dass das halbe lange Wochenende schon vorbei ist und ich zwar etliche Kinder- und Haushaltssachen abgearbeitet, aber noch keine einzige von diesen wirklich dringenden Schulsachen angefangen habe. Und dass ich an diesem sonnigen langen Wochenende noch keinen Schritt vor die Tür gesetzt habe (bis auf den Schuh- und Klamottenkauf mit den Kindern, haha).

Stopp. Innehalten. Durchatmen. Was geschieht hier gerade? Wieso lasse ich das zu? Was kann ich für mich tun?

Wie gut, dass letzter Monatssonntag ist, dass mein Baumwandelweg eh „dran“ ist. Möglicherweise hätte ich sonst gestern wirklich nicht aus der Schleife herausgefunden. Manchmal braucht es ja äußere Hilfen zum Aussteigen aus dem inneren Ungutkarussell.

Noch bevor ich mich auf den Weg mache, folge ich einem anderen Impuls, den ich der Tochter gestern noch ausgeredet hatte. Wir bauen das Zelt auf. Mit dem festen Plan, abends dorthinein schlafenzugehen.

Dann schnalle ich die Kameratasche um, eine warme Jacke braucht es nicht, von draußen weht es warm hinein, und laufe los. Vorfreudig und viel ruhiger schon bin ich als noch eine Stunde zuvor, auch wenn es im Kopf weiterwirbelt. So viel darf ich nicht erwarten, immerhin lässt das Puckern im Herzen nach, die Beengtheit in der Brust, die Fahrigkeit der Bewegungen, all das. Ich gehe.
Ob ich viel sehe? Ich befinde mich heute sehr eingeengt in mir, blind fast. Starre viel vor mich hin. Halte ab und zu die Kamera irgendwohin.
Und doch ist das Außen da. Es umhüllt und trägt.
Mögen nun einfach Bilder sprechen.

Auf meinen Baumpfaden …

… wird es farbig und duftend.

Am Wegesrand wartet sie, die Einsame. Wie tapfer. Wie strahlend.

Zumeist aber blicke ich in die Weite. So gut tut das.

Der Frühling hat seine letzten Zeichen stehenlassen, auch wenn die Farb- und Duftwelt schon frühsommerlich wirkt.

Der Wind trägt alles zu mir und alles wieder fort.

Und irgendwann sitze ich unter meinem Baum, lehne mich an. Geborgen ist es hier. Unter diesem Dach und inmitten des Feldes.

Wieviel Nahrung mir der Weg heute geschenkt hat.

Später beginnt eine Zeltnacht, in der ich so gut wie die ganze letzte Woche nicht schlafe. Schon beim Hineinkriechen fühle ich mich am Sehnsuchtsort angekommen, passend dazu hatten heute erste Radreisepläne in meinem Kopf getanzt. Es ist nicht so kalt wie unsere Kleidungshüllen vertragen hätten. Die Tochter kuschelt sich wohlig in ihren Schlafsack, ich schaue ihr beim Einschlafen und beim Aufwachen zu. Der Morgen weckt vogelzwitschernd und später regengetröpfelnd, hach, ich sollte ins Zelt umziehen. Das wäre immerhin ein Lebenskonzept für schlechte Zeiten …

Ein paar Stunden voller Momente, die ich mir in meinen Schirmen auffange. Für spätere Zeiten, vielleicht für den morgigen Tag schon, wenn es wieder arg wird. Ich trage meine Schirmmomente jetzt mit mir.

Danke, Du Baum.

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich hier und hier.
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