Gelesen

Unsichtbarkeiten

„Du hattest ein Geheimnis. Du trugst einen Makel in dir, den es vor der Welt zu verbergen galt, und weil dir schon bei der bloßen Vorstellung, entdeckt zu werden, sterbenselend zumute wurde, warst du gezwungen, dir nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht dein wahres Gesicht war. Später an diesem Vormittag, als George dir gestand, dass auch er früher mit genau diesem Geheimnis gelebt hatte, kam dir der Gedanke, dass wohl die meisten Leute ihre Geheimnisse hatten, vielleicht alle Leute, ein ganzes Universum von Leuten, die, ihr Herz von einem Dornenkranz aus Schuld und Schande umwunden, auf Erden wandelten, sie alle gezwungen, sich nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht ihr wahres Gesicht war. Was sagte das über die Welt? Dass jeder dort mehr oder weniger im Verborgenen lebte, und weil wir alle anders waren als das, was wir zu sein schienen, war es so gut wie unmöglich, von irgendjemandem zu wissen, wer er war.“

(Paul Auster: Bericht aus dem Inneren)

12 von 12 im Juli

 

 

 

Es regnet, mein morgendlicher Gang durch den Garten erschöpft sich im Stehen unter dem Terrassendach, aber ich fühle mich unverdrossen wohl im morgenfrischen Grün. Nur dass ich den Kaffee heute nicht draußen trinke. Wir, der Kaffee und ich, wandern wieder hinein, aufs Lesesofa.

 

 

 

Ganz zufällig stieß ich in den letzten Tagen durch ein Kommentargespräch in einem Lieblingsblog auf meine kurze Philosophiestudien-Vergangenheit, Erinnerungen aus den 90ern werden wach, mich packt es wieder. Und so sitze ich morgens vor sechs Uhr in meiner Leseecke und blättere mich durch Wittgenstein.

 

 

 

Weil es unverdrossen regnet, genaugenommen schüttet, fahren die Tochter und ich mit dem Auto zur Schule. Muss ich wenigstens die Fahrradtasche nicht zuwürgen, das wäre heute knapp geworden. Die Tochter fragt, was ich mit so vielen Taschentüchern will. Ich versuche sie’s erraten zu lassen – na, was habt Ihr in der 5. am Ende des Schuljahres gehabt? – aber sie war anscheinend in der 5. in Mathe nie anwensend. Jedenfalls hat sie keinen blassen Schimmer und tut äußerst überrascht, als ich mit Wörtern wie Oberflächeninhalt und Quader um mich werfe. Vielleicht ist es ihr auch einfach noch zu früh. Dann soll sie halt nicht fragen;-)

 

 

 

Morgendliche Schultafeln sind so schön leer, nee, Quatsch. Sie sollten es sein. Aber wie das so ist. Das Wischen und Abziehen hat jedenfalls was Meditatives.

 

 

 

Dann kann es losgehen. Quader und Oberflächen halt.

 

 

 

Und weil ich ja im Unterricht schlecht fotografieren kann, gibt’s das nächste Bild erst von dem Moment, wo die einen Schäfchen schon weg und die anderen noch nicht da sind.
Ahhh, Ruhe.

 

 

 

Der Kurs kommt, der Kurs hat keine Lust mehr. Nichts Neues, auch an diesem Mittwoch nicht. Wir strampeln uns durch Abstände windschiefer Geraden und sind ansonsten friedlich miteinander.

 

 

 

Stundenende, große Pause. Ich habe Hofaufsicht, genau vor dem Fenster. Dort erscheint aber niemand, denn es schüttet gerade wieder los, die Regenklingel ertönt, bäh. Drinnenaufsicht in ner Regenpause ist anstrengend, weil es eng und und höllelaut ist. Stadionatmosphäre, und das ganz ohne Eintrittskarte.

Unterrichtsschluss, ich trage meine 150 Noten am Verwaltungscomputer ein. Bzw. möchte es tun. Für einen Teil davon fehlt mir aber mein Passwort, der Zettel liegt nicht in meinem Fach, auch in keinem Nachbarfach, der zuständige Kollege ist mit den 10ern in Berlin, und auch sonst findet niemand eine Lösung für die Passwortfrage. Also dann eben nicht. Wenigstens die Mitarbeits- und Verhaltensnoten mache ich fertig – Papierlisten brauchen keine Passwörter – , und die verbalen Bemerkungen verschiebe ich auf später.

 

 

 

Denn zu Hause wartet das Mittagessen. Wie gut.
Ausnahmsweise sind beide Kinder da. Wir starren alle völlig fassungslos auf den Kalender, niemand von uns hat heute noch irgendeinen Termin. Das gab es das letzte Mal vor gefühlt zehn Jahren. Wir fühlen uns auch ganz unbehaglich dabei und argwöhnen bis zum Abend, dass wir sicher irgendwas vergessen haben.

 

 

 

Danach drucke ich alles aus, was ich heute nicht eingeben konnte, das sollte dann wohl morgen als Papierliste zur Schulleitung.

 

 

 

Irgendwann am Spätnachmittag überkommt mich Arbeitsmüdigkeit. Zeit fürs Cello. Mein Lieblingssatz …

Es bleiben Abendessen, Telefonieren, mit einer Freundin an der Haustür schwätzen, Wäsche, Kinderzeugs und ein paar Schreibtischdinge.

 

 

 

Bis sich der – mittlerweile wieder blaue – Himmel über’m Haus abendlich dunkel färbt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

Spiegelbild

Das Inventar deiner Narben, insbesondere der in deinem Gesicht, die du jeden Morgen, wenn du dich rasierst oder dir die Haare kämmst, im Badezimmerspiegel sehen kannst. Du denkst selten daran, aber wenn du es tust, begreifst du, es sind Zeichen des Lebens, die verschiedenen in dein Gesicht geschnittenen zerklüfteten Linien sind Buchstaben aus dem geheimen Alphabet, das die Geschichte dessen erzählt, der du bist, denn jede einzelne Narbe ist die Spur einer verheilten Wunde, und jede einzelne Wunde war das Ergebnis einer unerwarteten Kollision mit der Welt – soll heißen, eines Unfalls, also einer Sache, die nicht hätte zu passieren brauchen, denn ein Unfall ist per definitionem etwas, das nicht zu passieren braucht. Zufälle im Gegensatz zu Notwendigkeiten, und heute früh beim Blick in den Spiegel die Erkenntnis, dass alles Leben zufällig ist, ausgenommen die einzige Notwendigkeit, dass es früher oder später zu Ende gehen wird.

(Paul Auster: Winterjournal)

Ist das wirklich so zufällig, welche Wunden uns treffen, welche Narben uns bleiben? Ich meine eher im seelischen Bereich …

Die Musik, die wir sind

Hast du gehört, der Winter ist vorbei!
Nelken und Basilikum platzen vor Lachen.

Kaum von der Reise zurück, ist die Nachtigall schon Gesangslehrer für die Vögel.

Die Bäume überreichen Gratulationen.
Die Seele tanzt durch die Tür zum König hinauf.

Anemonen erröten, weil sie einen Blick
von der nackten Rose erhaschten.

Der einzige faire Richter, der Frühling,
breitet sich im Gerichtssaal aus.

Und ein paar Dezember-Diebe
huschen davon.

Die Wunder vom Vorjahr
sind bald Vergessenheit.

Aus Nicht-Existenz wirbeln neue Geschöpfe hervor,
Galaxion um ihre Füße verstreut. Hast du die getroffen?

Hörst du, wie in der Wiege die Jesus-Knospe summt?
Eine kleine Narzisse – Inspektor von Königreichen!

Ein Fest ist in Gang. Horch:
Es ist der Wind, der den Wein ausschenkt!

Früher versteckte die Liebe sich
hinter Bildern. Damit ist Schluss!

Der Obstgarten steckt seine Lampions auf.
In Lumpen stolpern die Toten herbei.

Nichts bleibt in Fesseln oder gefangen.
Du sagst: „Stopp dieses Gedicht hier

und wart, was als Nächstes kommt.“ Sofort.
Gedichte sind nur Gekritzel bei der Musik, die wir sind!

(Rumi)

.

Es blieben nur noch ein paar Tage, zu wenige, viel zu wenige.
(Und: Zu spät kam ich von meiner Reise zurück, um Dich noch einmal zu umarmen.)

Es bleiben Erinnerungen aus sehr vergangenen und gar nicht so entfernten Zeiten.

Es bleibt der unfassbare Gedanke, dass wir nie mehr nebeneinander im Chor singen werden, nicht montags wie früher, nicht donnerstags wie zuletzt.

Es bleibt, wie wir redeten, über dies und das, damals, als wir noch so jung waren, und später, in all den Jahren, und zum letzten Mal bei mir im Auto sitzend, als ich Dich nach Hause gefahren habe.

Es bleibt, wann immer ich an Deiner Schule vorbeifahre, der Gedanke, dass ich es nie mehr geschafft habe, mit Dir dort einen Kaffee zu trinken.

Es bleibt Dein letzter Brief, der, kein halbes Jahr her, voller Zuversicht ist, in dem Du von Deinem Weg durch die Krankheit und von geplanten Reisen schreibst, und wie dankbar Du für jeden kleinsten Schritt bist.

Es bleibt in mir, wie sehr ich in all den Jahren, Jahrzehnte sind es ja sogar, von Dir Energie und Kraft bekommen durfte, die Du ausstrahltest, bis zum Schluss.

Es bleibt meine Dankbarkeit, durch Dich beschenkt gewesen zu sein.
Und es zu bleiben.
Für immer.

***

Du kannst dein Leben nicht verlängern
nur vertiefen.
Nicht dem Leben mehr Jahre,
aber den Jahren mehr Leben geben.
Zähle das Leben nicht nach Tagen und Jahren.
Zähle die Stunden,
da der Engel dich berührte.
(Martin Buber)

So hast Du gelebt, das weiß ich, seit letztem Winter, seit der Ahnung, seit dem Wissen um Deine Krankheit spätestens.

***

Und nun, nun bist Du in die dritte, die dimensionslose Richtung aufgebrochen. Damals schrieb ich:

Eine, in der wir uns nicht in den Strom einer Wertung stellen.
Eine, in der wir uns nicht wehren, und nicht an uns reißen.
Eine, in der wir nicht aus der Vergangenheit heraus, in die Zukunft hinein uns biegen.
Eine, in der es keinen Anfang und kein Ende gibt.
Eine, in der ist, was ist. Und war, was war. Und sein wird, was sein wird.
Eine, in der wir nur sind.

***

Gerade erst sehe ich – ich hatte es völlig vergessen -, dass ich dort damals ein Himmelsbild eingefügt hatte, ein Dreieck, für diese Dimensionen.

Als ich heute Morgen bei meinem Weg über die Felder ein ähnliches Bild eingefangen habe, da wusste ich noch nicht, dass Dein Weg durch die letzte Tür bereits gegangen war.
Doch dass sich mir gerade dieses Bild zeigte, in dem sich alle Linien in einem Punkt vereint haben, das macht mich in meinen Tränen jetzt doch lächeln.
Es gibt ja keine Zufälle, Du Liebe, stimmt’s?

 

 

 

Auszeit

Wenn der Tag plötzlich eine unverhoffte Lücke in seinem pochenden Ablauf aufreißen lässt und die Bücherei am Wegesrand liegt und ohnehin alles – schlagen doch die inneren Wogen gerade hoch – nach einem Rückzug ruft, dann …
… finde ich mich plötzlich in einem dieser so wunderbar nicht zusammenpassenden Sofas sitzend, oben im zweiten Stock, dort in der Ecke, wo einen der Straßenlärm glasfenstergedämmt zwar noch erreicht, aber ebenso abgeschirmt wirkt wie all das andere, was ich in der Tasche unten am Eingang ließ, die Kalender, die Aufgaben, das Handy.
Vor mir weite Regalschwaden, büchergefüllt, Leseimperative wohin man schaut. In meiner Hand liegt mein derzeitiges Buch, das, welches zu mir kam wie gerufen. Unter mir das Sofa, bequemer als es wirkt, zum sich-hinein-winkeln, neben mir all die anderen Auszeitenden. Lesend, träumend, zettelsortierend, schlafend, schnarchend. Die Stille der Sofaecke dimmt das Straßensurren hinunter, bis es sich auflöst. So wie das Schweifen der Gedanken, das ich immer wieder einsammle und ans Buch in meiner Hand führe, bis ich hineinversunken bin.

Es sind die kleinen Dinge. Immer wieder.

 

Zeitgedanken

Für mich sind Uhren Illusionsmaschinen. Man hört sie ticken, man sieht, wie ihre Zeiger sich bewegen, und mehr können sie eigentlich nicht. Mit diesem kleinen Trick aber gaukeln sie uns vor, dass die Zeit, die sie so offensichtlich messen, etwas Regelmäßiges sei, portionierbar wie ein Kilo Rinderhackfleisch. Doch das ist sie nicht. Eine Sekunde ist vielleicht eine Sekunde, vielleicht eine Sekunde – doch eine Sekunde ist deshalb noch lange keine Zeit.
[…]
So geht es mir mit der Zeit. Fast immer ist sie sehr lebendig für mich. Sie schlägt Purzelbäume, überholt sich manchmal selbst. Und dass sie vergeht, merke ich eigentlich nur dann, wenn sie mit der gemessenen Zeit kollidiert. Wenn mich zum Beispiel also irgend so ein dummes Monatsende dazu zwingt, meine Miete zu bezahlen. Oder ein Fahrplan dazu, meinen Flieger zu erwischen. Ansonsten aber ist Zeit für einen Weltumradler wie mich einfach der Fluss der Dinge. Und der fließt manchmal schnell und manchmal langsam.

Mir ist das besonders aufgefallen, als ich mir für dieses Buch mein kunterbuntes Leben noch einmal vor Augen führte. Sofort präsent sind all die wunderbaren Geschichten, die Landschaften, die Begegnungen, meine Empfindungen und all das, was unterwegs geschah. Doch als ich versuchte, das Ganze in ein zeitliches Korsett zu pressen, es mit präzisen Daten und Jahreszahlen zu etikettieren, wie es wahrscheinlich einige Leser erwarten, da merkte ich, wie ich Schwierigkeiten bekam. Rückblickend scheint es mir heute, als wären manche Dinge, die eigentlich kaum etwas miteinander zu tun hatten, in Wirklichkeit parallel zueinander passiert, also gleichzeitig. Andere scheinen sich, gemessen an ihrer Bedeutung, über Jahre zu erstrecken, dauerten vielleicht aber nur wenige Tage oder Wochen.
[…]
Daher stelle ich einmal frech das Folgende in den Raum: Eine Wirklichkeit, in der allein die Kausalität im Takt der funkgesteuerten Weltuhren sämtliche Parameter bestimmt, die hat schon Einstein abgeschafft! Und seitdem die Quanten-Theorie als moderne Grundlage der Wissenschaft gilt, lässt sich das altväterliche Newton’sche Weltbild erst recht nicht mehr aufrechterhalten! Das Dumme ist nur, die Menschen haben aus diesen zutiefst befreienden Erkenntnissen noch keine Konsequenzen für ihr Leben, ihre Wahrnehmung und Weltsicht gezogen – das alles beginnt gerade erst: in diesen Monaten und Jahren, um diesem Satz wenigstens zu seinem Ende noch etwas Greifbares mitzugeben.

[…]

Der größte – wiederum gefühlte – Unterschied zu Asien: Alles ist so grandios abseh- und vorhersehbar! Ein Preis ist hierzulande eben ein Preis, in Asien hingegen wird gefeilscht. Busse und Züge haben feste Abfahrtzeiten, in Asien wartet man, bis sie geruhen, vorbeizukommen. Die politischen Verhältnisse in Europa sind so stabil, dass es fast langweilig wird, und wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, dann muss man sich an Hunderte von Verkehrsregeln halten, wie alle anderen auch.

Ich denke, dass es in großem Maße diese verknöcherte Zeit ist, die den Europäern zum einen so viel Sicherheit vermittelt, sie zugleich aber auch um die meisten der überraschenden, funkelnden Wendungen bringt, die das Leben für uns Menschen eigentlich in petto hat. Man übersieht sie einfach, weil sie nicht in den Plan passen. Sie haben schlicht „keinen Termin“.

(aus Tilmann Waldthaler: Sieh diese Erde leuchten!)

 

Reisen

Könnte es nicht sein, dass nicht die Reisenden sich bewegen, sondern dass vielmehr die Welt unter ihren Füßen Fahrt aufnimmt, und sie sich gleich bleiben? In Wirklichkeit gelangt man immer nur an einen weiteren treibenden Ort, um sich dann neuerlich abzustoßen und vielleicht endlich an jenem instabilen Ort einzutreffen, den ich nur deshalb „Zuhause“ nenne, weil er mehr Rituale versammelt als andere, das Zuhause der Wiederholungen. Ich kann ja nicht einmal sagen, dass ich ihn besser kenne …

(Roger Willemsen: Die Enden der Welt)

Und morgen reisen wir nach Hause.

Vom Schreiben

„… es zeigte sich, daß es unmöglich ist, zumindest für mich, was in diesem Fall zuletzt auf dasselbe hinausläuft, daß es also unmöglich ist, über das Glück zu schreiben, vielleicht ist das Glück zu einfach, als daß man darüber schreiben könnte, schrieb ich, wie ich gerade auf einem meiner damals beschriebenen Zettel lese und von dort auch abschreibe, das glücklich verbrachte Leben ist demnach ein stumm verbrachtes Leben, schrieb ich. Es zeigte sich, daß über das Leben schreiben soviel ist wie das Leben in Frage stellen, sein eigenes Leben aber stellt nur der in Frage, der an eigenen Lebenselementen erstickt oder irgendwie widernatürlich darin verkehrt. Es zeigte sich, daß ich nicht schreibe, um Freude zu finden, sondern daß ich, im Gegenteil, mit meinem Schreiben den Schmerz suche, den größtmöglichen, beinahe schon unerträglichen Schmerz, ja, das ist wahrscheinlich der Grund, denn der Schmerz ist die Wahrheit, auf die Frage jedoch, was Wahrheit ist, schrieb ich, gibt es eine sehr einfache Antwort: Wahrheit ist, was mich verzehrt. Alles das konnte ich natürlich nicht meiner Frau mitteilen. Andererseits wollte ich sie auch nicht belügen. So stießen wir im Laufe unseres Zusammenlebens, unserer Gespräche bald auf gewisse Schwierigkeiten, vornehmlich, wenn von meiner Arbeit, am vornehmlichsten aber, wenn von den erwarteten Ergebnissen meiner Arbeit die Rede war, vom Schreiben als Literatur, von der mir fernliegenden, gleichgültigen und unsagbar uninteressanten Frage des Gefallens oder Nichtgefallens, von der Frage des Sinns meiner Arbeit, von Fragen also, die letztlich meist im Umkreis der erbärmlichen, schmutzigen, höhnischen und beschämenden Frage von Erfolg oder Erfolglosigkeit mündeten …“

(aus Imre Kertesz: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind)

Die Fragen lieb haben

… und ich möchte Sie, so gut ich es kann bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie jetzt nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.

(R. M. Rilke)

Anderswo

Immer noch infektgeplagt, sind mir die eigenen Worte heute blockiert. Darum teile ich einfach, was ich anderswo fand und las.

Von Bahnhöfen und reisendem Unterwegssein, von fremden Orten und Welten und einer Hoffnung, dass wir uns unsere jeweilige Andersartigkeit bewahren, schreibt Ulli in ihrem Blaue-Stunde-Text.

Um Begegnungen mit Menschen, welche von Beginn weg nicht so privilegiert wie wir leben dürfen, und um unsere – unser aller – Verantwortung füreinander geht es bei Anna.

Und das Fragen, die Frage an sich, auf dem Land und anderswo, jedenfalls dem gegenseitigen Verständnis und der Öffnung für Neues dienend, betrachtet der Landlebenblog.

Was für wunderbare Bloglektüre sich mir immer wieder öffnet …

WmDedgT 02/2017

Sonntag ist der Tag ohne Wecker, das weiß mittlerweile sogar ich. Es wird kurz nach acht, als sich mir die Augen öffnen, es ist schon hell draußen, ein fast vergessenes Gefühl beim Aufwachen.

Meine Lesestunde. Weil ich derzeit in drei Büchern gleichzeitig lese und es mich auch heute in alle zieht, gerät diese ein wenig länger. Gut so. Um’s Unterwegssein geht es in meiner Lektüre, und um’s Abschiednehmen. Beides gar nicht so verschieden.

Kurz nach zehn wird das Tochterkind wach und hungrig, wir frühstücken. Sie hat sich schon in T-Shirt und Röckchen geworfen, hört im Kopf unablässig eigene Musik und tanzt dabei vor sich hin. Das geht auch am Frühstückstisch, sitzend. Als ich es ihr nachtue und ebenfalls mit rhythmischen Arm- und Körperbewegungen anfange, bin ich natürlich peinlich:(
Ansonsten geht es beim Frühstücksgespräch noch darum, dass Newton kein freundlicher Mensch war, weil er die Untersuchung mit dem Apfel erst nur vorgetäuscht habe (hä? echt jetzt?), ob Laser was mit dem Tunneleffekt zu tun haben, und wann wir nachher losmüssen. Und dass man vor dem Hochrennen ins Zimmer immer zweimal mit je zwei Händen Dinge in die Küche zu tragen habe. Das wird von Kindern ja gern täglich mehrmals vergessen.

Vor dem Mittagstermin reicht es mir für eine weitere Stunde Sofasitzzeit. Bücher und Schreibhefte und so.
Dann duschen und anziehen, wir müssen bald weg, doch vorher noch meine Celloübezeit. Heute bin ich fahrig und unzufrieden. Das wird auch nicht besser, als ich mein derzeitiges Übestück aufnehme und mich beim Anhören das nackte akustische Grausen überkommt. So unsauber, so kratzig, so ungleichmäßig, so wenig Musik. Es soll heute nicht sein.

Lieber schreibe ich noch an Kollegen, ich brauche für morgen dringend ein paar Zuarbeiten, hoffentlich schauen sie noch in ihre Mails, ist ja schließlich Sonntag, ein eingeschalteter Computer entweiht diesen Tag, irgendwie.

Und dann müssen wir weg, Preisträgerkonzert in der Musikschule. Die Kinder stellen fest, dass die, die da spielen, immer jünger werden. Aha, das alte-Leute-Syndrom erfasst jetzt auch schon 10- und 15jährige:) Die Tochter ist tatsächlich schon fast ans Ende des Programms gerutscht – es geht nach Alter. Und der Sohn spielt hier gar nicht mehr, weil er mittlerweile die Musikschule gewechselt hat. Ansonsten wäre er der Allerälteste gewesen. Mensch, die Zeit vergeht. Der Sohn also sitzt entspannt in der Gegend herum, genießt, dass er nicht auf die Bühne muss, die kleine Schwester ärgert sich über ihre Fehler – beim Einspielen hätte noch alles geklappt, und was jetzt alle denken … Anschließend gibt es Saft und Sekt und Häppchen, da ist auch für die Tochter alles wieder gut. Und für unsere leeren Ohne-Mittagessen-Mägen sowieso.

Zu Hause ist kurze Kaffeebesinnungszeit, dann sitze ich am Schulschreibtisch. Weil das Wochenende lang und gut war, lässt es sich zäh an. Der Kopf war in einer anderen Welt und findet nur schwer zurück.
Währenddessen lassen die Kinder sich in die Orchesterprobe fahren und kehren nach kürzester Zeit zurück. Natürlich waren sie in Wirklichkeit zwei Stunden dort. Waaas, schon acht?

Wir essen, sie verraten mir, wann und wo morgen der Treffpunkt ist, beide fahren mit dem Schulorchester zu Probentagen. Die Sachen sind im Prinzip gepackt. Im Prinzip. Bis auf … – Nein, für Wäschewaschen ist es jetzt zu spät! Doch, das hatte ich heute Mittag schon gesagt! – … Mütter sind gemein. Aber echt mal, es findet sich doch wohl noch genug Klamottiges im Schrank.
Als das und auch die Verteilung der Zahnpastatuben auf Tochter- und Sohngepäck ausdiskutiert sind, müssen nur noch Cello- und Notenständer in den Koffer gequetscht – Von draußen passte das aber?!?!?! -, Impfausweis und Krankenkassenkarte des Sohns ausfindig gemacht – unter dem unausgepackten Gepäckhaufen seiner Januarreise, ein Hoch auf Mutterinstinkte! – und die Sache mit den Noten geklärt werden.

Aaaahhhh, die Noten. Fällt beiden jetzt ein. Musizieren braucht nämlich Noten. Meinen Chaoskindern verlangt diese Tatsache alles ab.
Und so sieht man um kurz vor zehn die Tochter mit der geliehenen Notenmappe der Pultnachbarin vor meinem Kopierer sitzen und Blatt um Blatt hindurchschieben. Ihre eigenen Kopien scheinen sich im Laufe des Schuljahres weitgehend verflüchtigt zu haben.
Der Sohn hingegen startet eine Großraumsuche nach dem Heft mit den englischen Liedern. Ich schwöre, ich habe das im Leben nicht gesehen. Deswegen kann es auch nicht im Zuge meiner Weihnachtswohnzimmeraufräumaktion verloren gegangen sein. These steht gegen These. Wir diskutieren bei dieser Gelegenheit gleich den grundsätzlichen Sinn und Unsinn von Aufräumen, Ordnung, Ablagesystemen und ähnlichen Müttererfindungen. Während wir zu zweit auf dem Boden sitzen und einen Kubikmeter Notensammlung Blatt um Blatt wenden. Das Heftlein bleibt verschwunden, damit wird der Orchesterchef jetzt leben müssen.

Es ist halb elf, als die Brut im Bett ist. Irgendwie schön, so ein Feierabend, wenn die Kinder schlafen gehen. Nur noch die Schultasche packen, die sich sperrende Datensicherung überlisten, die eigentlich noch geschrieben werden wollenden Postkarten auf morgen verschieben … und ein wenig seufzen. Weil ich nun endlich zu mir finde, weil die kommende Woche dichtestgepackt sein wird, weil mir die Kinder in den drei Tagen fehlen werden, und weil mich eine leise Wehmut durchzieht. Das Leben ist so bunt, so voll, so prallelebendig, und – in einem Parallelstrang – so voller Melancholie und sanfter Traurigkeit. Alles auf einmal. 

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

weitsichtig

Doch dazu, viel zu verstehen, hat stets das Wissen um die Grenzen des Verstehens gehört; das Eingeständnis, dass die Welt dahinter, also alles, was man nicht versteht, nicht nur existiert, sondern auch stets größer ist als die Welt in einem selbst.

(Karl Ove Knausgard: Sterben)

Lesenswelt

Mich in die Phantasie meines eigenen Südens hineinwärmen,
den Schauer einer in all mein Sein hineingreifenden Gesundheitsdiktatur auf dem Rücken spüren,
mich über die skurrilen Abenteuer eines Deutschen im postsowjetischen Sankt Petersburg – erinnernd und wiedererkennend – ausschütten,
in der Depression der Zwischenkriegswiener Vorstädte oder auch des New Yorks der 60er Jahre mitverzweifeln,
in den großen Bögen von Menschen- und Menschheitskrankheiten das eigene Oben und Unten suchen,
angestoßen werden, gedanklich, warum die Kinder gerade auf diesen und jenen Pfaden unterwegs sind, und ich auf anderen, und die Eltern wiederum auf jenen, und überhaupt alle Menschen in ihren jeweils verschiedenen Phasen,
einen milden Blick auf die eigene Erschöpfung bekommen, wenn ich lesend die klare Botschaft beginne zu begreifen …

Lesend, gelesen, all das, von all diesem. Und noch viel mehr.
Eine ganze Welt, hier, unter der Decke auf meinem Lesesofa.
Während sich vor dem Fenster der erste Reif niedergesetzt hat.

 

Fragen ans Ich

„Die Menschen sind geradezu süchtig nach dem, was ihnen nicht guttut. Sie glauben offenbar, es wäre blamabel, gemäß ihren tatsächlichen Talenten zu leben. Dieses sich zum eigenen Vorteil nicht bescheiden können und an den Angebereien und G’schaftelhubereien teilhaben zu wollen, ist eine Geisteskrankheit. Von den daraus abgeleiteten Überforderungen werden sie dann herumgeschubst und geraten ins Trudeln. Es ist wie bei denen, die nicht die geringste Begabung fürs Reiten haben, und eines Tages lesen sie irgendwo den Spruch ˋDas Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferdeˋ, den gewiss ein Sattelerzeuger als Reklame erfunden hat, und jetzt wollen sie unbedingt auf ein Ross hinauf. Sie tun es. Dann passiert, dass sie abgeworfen werden, und während sie mit ihrem Zuckergoscherl im Gatsch liegen und ihnen alles weh tut, flüstert ihnen der innere Hausteufel: ˋDu musst zurück in den Sattel, denn dort wirst du ja das Glück erfahren.ˋ Sie tunˋs wieder und, bumsti, liegen sie wieder auf der Erdˋ und so weiter ad infinitum, bis sie halt endgültig zerschmettert sind.“

„Diejenigen, die sich für nützlich halten, sind oft eine Pest für die Menschheit und machen das Einfache mit Leidenschaft kompliziert. Die Taugenichtse, zu denen auch ich mich, mit Stolz, zähle, hinterlassen keine Kriege und andere Tragödien, sie spazieren im Dasein herum und können genießen, was es gerade im Angebot gibt. Sie kennen den Wert des vermeintlich Wertlosen und sehen das Talmihafte der Kronjuwelen der Weltenlenker, oder so ähnlich, oder was weiß ich.“

Julian übte gerne, seine ganze Aufmerksamkeit in einzelne Schritte zu legen. Dann spürte er den Druck, den die Begegnung seiner Schuhsohlen mit dem Granit der Pflasterung hervorrief, ebenso das Anspannen und Entspannen seiner Waden und Oberschenkelmuskeln, das Abfedern, das die Ferse leistete, oder die makellosen Bewegungen seiner Kniegelenke. Ein andermal nahm er bewusst die Gerüche wahr […] So lernte er bald, dass alle Stunden aus derart vielen, für gewöhnlich überhörten, übersehenen, überrochenen, überfühlten Nuancen und Vorkommnissen bestanden, dass man sich fragte, an wen all dies Getümmel eigentlich adressiert war. Gab es für jedes Signal, das ausgesandt wurde, einen Empfänger? Dienten sie als Orientierungshilfe für Luftgeister oder Dybbuks? Waren etwa die Millionen von Geräuschen Grundlage und Impulsgeber für bestimmte unerforschte Abläufe bei Fauna und Flora? Es gab eine Welt hinter der Welt, dessen war er sich sicher. Aber wo befanden sich die Durchschlüpfe in diese Dimension, und welche Techniken musste man beherrschen, um dort Fuß zu fassen? […] Was er als besonders bemerkte, entsprach allerdings für die meisten seiner Leser dem reichlich Unauffälligen und Leisen, das häufig überhaupt erst durch seine Beschreibungen in ihre Wirklichkeit trat. In einer Gesellschaft des groben Rasters und der Vereinfachungen war er ein altmodischer Parteigänger der Zwischentöne und Verästelungen.

Der vollkommene Süden. Er wusste nicht genau, was die Eigenschaften dieses Gebiets waren, aber deren Wirkungen glaubte er zu ahnen: allen voran jene bedeutende innere Ruhe, die Antworten von Klarheit auf wichtige Fragen zuließ. Ganz bei sich selbst würde man dann sein, keiner und keinem die Macht gebend, einen zu verletzen. Imstand, den eigenen Wert zu erkennen und zu achten und endlich Vertrauen zu stiften zwischen Körper, Geist und Seele. Versöhnt mit sich selbst, Augenblick um Augenblick die Herausforderung annehmend, die eigenen Möglichkeiten bis zum Äußersten zu leben.

Ein Potpourri, das mich aufhorchen lässt. Gefunden in André Hellers „Das Buch vom Süden“.

Es sind ja immer wieder diese Fragen, an mein Ich, an seine Entscheidungen, die kleinen alltäglichen, und die großen weiterreichenden:

In welche Sattel klettere ich, obwohl sie mir nicht passen? Wo erliege ich dem groben Raster, den Vereinfachungen, wo sitze ich dem Talmihaften auf und lasse mich blenden? An welche „Nützlichkeiten“ verschwende ich meine Zeit und Kraft?

Und:

Durch welche Augen muss ich blicken, damit mir die Welt hinter der Welt sichtbar wird, mehr und mehr? Wie öffne ich mich für das „vermeintlich Wertlose“, für all die „Zwischentöne und Verästelungen“? Was bedeutet das für mich: im Dasein herumzuspazieren?
Und wo finde ich meinen eigenen Süden? Er muss ja nicht vollkommen sein …

Fragen, die ich jetzt einfach so stehenlasse. Die weitergetragen werden wollen und weitertragen.

sichtgewandelt

Man könne das Leben nicht durch gleichförmig ablaufende Zeiteinheiten ausmessen, weil es nicht aus einem Gleichtakt von „so und so vielen Tagen, Wochen, Jahren“ bestehe, so las ich neulich. Diese Täuschung versuche dem „Ernst der Einmaligkeit auszuweichen.“
Wir schieben die mechanische Gleichförmigkeit der abstrakten Stunden oder Tage vor. In Wahrheit sind jede Stunde, jeder Tag, jedes Jahr lebendige Phasen unseres konkreten Daseins, deren jede nur einmal kommt, da sie eine unvertauschbare Stelle in dessen Ganzem bildet.
Darin, daß jede neu ist, noch nicht da war, einzig ist und für immer vergeht, liegt ja auch die Spannung des Daseins; der innerste Anreiz, es zu leben. Sobald er nicht mehr empfunden wird, entsteht ein Gefühl der Monotonie, das sich bis zur Verzweiflung steigern kann. Ebendaraus wächst aber auch die Schwere der Tatsache, daß nichts Vergangenes einzuholen ist, und damit die Not des Verloren-Habens.
(Aus: Romano Guardini „Die Lebensalter“)

Mich springen diese Worte an. War das doch lange Zeit – bis jetzt sogar? – auch meine Täuschung. Das Ganze des Lebens schien mir unendlich, jeder Lebensmoment wiederholbar zu sein. Nicht in einem naiven Sinne, wie ein Kind etwa noch kaum daran denkt, dass es einst sterben wird, aber eben doch. Mich täuschte es darin, dass ein jeder Lebenspunkt, ein jeder Lebensbogen jederzeit wieder aufzugreifen, fortzusetzen, in ein Neues zu verwandeln wäre.
Eine Illusion in zweierlei Hinsicht lebte (und lebe?) ich damit: Das schon Gewesene scheint unendlich fortsetzbar zu sein. Und das noch nicht Gewesene scheint immer nur mit diesem bereits Gewesenen zu tun zu haben.

Und nun – merke ich auf. Wie wäre es denn, wenn ich einen jeden Lebenspunkt als ein Neues lebte, als einen einzigartigen Moment mit einzigartigem Charakter? Wenn mir Wiederholungen, der äußeren Abläufe etwa, nicht als Wiederholungen erschienen, weil sie dies letztlich nicht sind? Schaut man nämlich über die äußere Form in ihrer Ähnlichkeit zu schon Gewesenem und noch Werdendem hinaus, wird in jeder Wiederholung etwas Eigenes, Unvertauschbares sichtbar. Was öffnete sich mir, wenn ich den routinegefüllten, sich hohl anfühlenden Tagen ihre jeweilige Einzigartigkeit abzugewinnen vermöchte? Und den besonderen, spektakulären Momenten ebenfalls? Auch diese sind ja nicht unendlich wiederholbar, möglicherweise gar nie wiederkehrend. Wie wäre es, die Einzigartigkeit eines jeden Lebensmomentes beim Wort zu nehmen?
Dann wäre ein jedes Das-mache-ich-beim-nächsten-Mal oder Hier-fahren-wir-wieder-her oder Der-Tag-kann-weg oder Wenn-nur-die-Woche-erst-vorbei-ist Täuschung, wäre fortgesetztes Verkennen der Einzigartigkeit.
Kann ich ohne diese irreführenden Sätze leben? Kann ich nicht nur vermeiden, sie auszusprechen, sondern kann ich sie selbst im Unbewussten löschen?

Es ist ja auch so: Wenn mich zuweilen Wehmut über Vergangenes überfällt, weil es mir als Verlorenes daherkommt, dann vielleicht, weil ich diese Momente damals nicht als Unvertauschbare, sondern als stets und beliebig oft zu Wiederholende gelebt habe. Irrtümlich. Ich war jung.

Einzigartigkeit löscht Momente sozusagen aus. Im Augenblick ihres Vergehens werden sie zu Gewesenem. Zu einem Es-war. Es-wird-nicht-mehr-sein. Ein Satz, gegen den man sich häufig wehrt. Andererseits – und das wurde mir noch nie so klar – eröffnet erst das Vergehen Raum für Neues. Ja, zu begreifen, dass ein jeder Lebenspunkt mir etwas vom bisher Ungelebten bringt, vom noch nie Ge- und Erlebten, bedeutet Öffnung. Die von mir schon erfahrenen Dimensionen münden stets in einen geweiteten und immer noch zu weitenden Raum.

Sagte ich vor einigen Jahren zu mir selbst, dass ich nicht hadern würde, träfe mich von heute auf morgen das Wissen um mein Baldsterbenmüssen, denn ich hätte ja alles gehabt, was das Leben schenken kann, so beginne ich nun wieder zu fürchten, dass es alsbald zu Ende sein könnte, dieses wunderbare Leben. Die tiefe Dankbarkeit für alles was war, ist weiterhin und unauslöschlich in mir. Ich bin mir nach wie vor bewusst, wie viel Reichtum sich mir im Laufe meines Lebens geschenkt hat. Insofern bin ich bereit.
Und doch ist ein Stachel gewachsen. Dass das nicht alles gewesen sein darf. Dass es nicht gerade jetzt enden solle, wo so vieles, was zu mir gehört, von mir noch nicht gelebt wurde.

Mit neuem Fokus aber, scheint meine Sehnsucht nach einem Mehr zu sein. Ich möchte nicht einfach weitergehen, weiter Schätze ansammeln, weiter beschenkt werden. Eher entspräche mein Weiter einer Umkehr, wenn ich es räumlich fassen wollte. (Umkehr und Umkehrung. Enthält Öffnung und Weitung immer auch Umkehrung? Weil das umfassendste Öffnen zu jedem Ding sein Gegending enthält?)
Bisher habe ich vor allem empfangen und genommen, was das Leben schenkte. Die Kinder, die insbesondere. Diesen beglückenden Beruf. Die Geborgenheit im Leben. So vieles. Zurückgegeben jedoch, so fühlt es sich an, habe ich noch nicht viel. Darum wäre ich arm, fühlte es sich arm an, wenn ich jetzt schon ginge. Weil die Zeit des Weitergebens, des Durchmichströmenlassens ja gerade erst beginnt.

Mich erahnt, dass sich hierbei neue Räume öffnen werden. Mein Alltagswirken, natürlich, das wird bleiben. In diesem lebe ich wie bisher Verantwortung, mit allem, was dieser Begriff umfasst. (Dass mir dies nicht in allen Belangen gelingt, so wie ich gern möchte, das ist Teil des Weges. Ich lerne dies zu akzeptieren.). Auch hier schon ist Empfangen und Weitergeben in einer Dichte verflochten, dass es zuweilen kaum zu trennen ist.
Aber mir scheint mehr und mehr, dies sei nur der erste Schritt. Ich kann noch nicht fassen, in Worte schon gar nicht, was da beginnen will. Es hat mit Loslösen aus Seilen zu tun, mit Träumen, mit Fliegen, mit Befreiung, aus der Innensicht betrachtet. Mit weit umfassenderer Verantwortung als bisher, für das mich Umgebende, aus der Außensicht benannt. Und mit einem neuen Blick auf das, was im Außen – so sind diese Zeiten – immer schwärzer zu werden droht. Mit einer hoffnungsvolleren Sicht auf das Ganze.

Ach, ich kann nicht erklären, was genau mich da anweht, worin genau das neu Empfundene besteht. Sichtbar wird es mir selbst an scheinbar marginalen Dingen wie dem Weggehen von meinem zweiten Dienstort, an dem ich vor Kruste kaum mehr atmen kann, an meiner größeren Sorgfalt im Umgang mit mir selbst, mit meinen Kräften und meiner Gesundheit, an meinem langen Reisen, auf dem ich Ähnliches suche wie am Klavier, mit den farbigen Stiften und mit meiner Schreibhand. Nicht einen Zustand des Mit-mir-und-in-mir-Seins nämlich, sondern … ja, doch, diesen Zustand suche ich auch. Aber mit deutlich vernehmbarem Mitschwingen eines Um-zu’s. Um zu … ja, was?
Ich stochere im Nebel. Noch. Vielleicht so: Um Wege zu finden, und Gefährten auch, die in Heilung hineinführen. Für die Welt möchte ich sagen. Das klingt zu groß, ich zucke zurück. Also gut, für das mich Umgebende, zunächst. Dies versperrt sich dem Geschrieben- und Gewünschtwerden nicht sofort.
Heilung also. Wollen doch Kopf und Vernunft in diesen Zeiten resignieren, Anlass genug haben sie. Darum sind Kopf und Vernunft nicht ausreichend. Es kann nur im Herzen beginnen, und in den Träumen. In unbenennbaren Sphären wird sie möglich: die Hoffnung auf Frieden.

Wie war ich an diesen Punkt gekommen? Erstaunlich, wohin sich dieser Text seinen Bogen geschlagen hat, fast könnte man es einen Haken nennen. Von meinen eigenen Lebenspunkten in ihrer Unwiederholbarkeit über meine Verortung in dem mich Umgebenden zu den Lebensmomenten der Welt als Ganzes. Viel zu groß, diese Wortgruppe.
Ich wollte ja nur anmerken, dass die Einzigartigkeit von Allem stets Neues gebiert. Und dass wir das Neue träumen dürfen …

 

PS.
Der Text lag lange im Entwürfe-Ordner. Ihm fehlte ein Ende. Beziehungsweise der Mut zu einem Ende. Erst als ich das Wort Träumen fand, in diesem Text nämlich und in diesem, und den Mut dazu es einzusetzen, wagte ich, ihn als fertig zu sehen. Als vorläufig fertig. Und so steht er jetzt hier. (Danke.)

 

12 von 12 im Oktober

(Mal wieder ein 12 von 12 . Mal wieder später als alle anderen:))

 

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Noch ganz in einem unangenehmen Traum befangen, schweife ich mit den Augen durch’s Zimmer, auf der Suche nach Halt. Eine Schale gibt diesen, einer meiner Schalen, die mir, unabhängig von ihrem realen Inhalt – Sand, Steine, Natur, Räucherstäbe – je nach Bedürfnis verschiedenste Wunschdinge enthalten. Einfach nur für mich in meiner Vorstellung. Heute möchte ich in ihrem Inneren bitte Geborgenheit finden. Oder Wahrgenommenwerden. Oder beides. Ja, beides.

 

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Die frühe Morgenstunde liest sich schnell weg. Der Roman, in den ich gestern Abend zufällig und flüchtend vor meinen eigenen Tränen geraten bin, der mit mir nichts zu tun hat, den lasse ich heute liegen. Statt dessen sind da die „Lebensalter“, deren scheinbar antiquierte Sprache und Gedankenwelt für mich soviel Universelles enthält, in dem ich mich wiederfinde, oder besser noch, das mich auf neue Spuren schickt. Die Abschnitte über die Krisen zwischen den verschiedenen Lebensaltern, die sind es besonders. Heute, und häufiger schon.

 

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Ich schreibe ein paar Worte, etwas, was herausdrängt. Zwar würde ich jetzt lieber auf Papier schreiben, aber die Uhr sitzt im Nacken, die Kinder müssen geweckt, die Morgenroutine begonnen werden. Tippen, digitales Schreiben als Kompromiss. Nicht so befreiend wie händisches, aber eben doch: Schreiben.

 

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Der Schultag wird unglaublich voll, zwischen sechs Unterrichtsstunden drängeln sich unerwartet viele Kurzgespräche, wieder massive Schwierigkeiten mit unserer 5. Klasse, schnell zur Schulleitung, mal eben die weitere Strategie beraten. Und dann ist da noch der nicht deutsch sprechende Gastschüler, die physikvortragenden Jungs, die Klagen der Mädchen über die anderen Mädchen, die an einem Vortrag Interessierten, die sich vor der Klausur Ängstigenden, all das. Keine Sekunde, um ein Bild aufzunehmen. Dabei steht die Kamera neben mir. Erschreckend, in solcher Deutlichkeit vor Augen geführt zu bekommen: Ein Schulvormittag bedeutet 6,5 Stunden Dauerstrom, ohne eine Minute des Nachlassens, ohne einen Moment des Beimirseins. Das kann man doch so nicht schaffen?!
Jedenfalls: Dieses Kaffeebild entstammt dem Nachmittag, als ich mich auf dem Sofa langlege und kurz wegträume. Der Kaffee wird derweil kalt, macht nichts, er tut trotzdem gut.

 

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Weil zu Vieles am Schreibtisch ansteht, ist für einen Spazierweg keine Zeit. Ein paar Minuten im Garten nehme ich mir dennoch, um Herbstfarben, um die Muster des Älterwerdens zu betrachten.

 

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Und die kleinen Wunder des Aufblühens.

 

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Und die Kraft, die noch immer im Grün liegt. Da wäre viel Gelegenheit, ins Metaphorische abzugleiten …

 

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Doch wie gesagt, der Schulschreibtisch. Ich bin heute langsam, arbeite nur mühsam manches weg. Als mein Tempo dem einer Schnecke immer näher kommt, werfe ich zusammen, es reicht. Feierabend, es ist spät genug.

 

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Der Gang zum Briefkasten, jetzt erst, bringt große Freude: Eine Postkarte, eine echte Postkarte – wow!

 

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Dazu schenkt die Tochter mir ein Sandbild. Sie spürt wohl, dass ich Farben gerade dringend brauche.

 

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Letzte Tagestätigkeit: den Kaffee für morgen vorbereiten, die Zeitschaltuhr stellen. ich weiß, das Aroma verdunstet oder so ähnlich, aber es ist egal. Es ist gut so für mich:)

 

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Und eine letzte Leserunde auf dem Sofa. Um nicht schon wieder das gleiche Buch zu fotografieren:), schwenke ich zum Sofa und zur Decke, unter der meine Beine liegen. So genau habe ich die noch nie betrachtet. Und vor allem habe ich noch nie bemerkt, was für einen Berg meine Füße dort unten bilden:)

Ein guter Tag. Trotz allem.

Mehr 12-von-12’s gibt es hier zu sehen.