Gelesen

Lyrimo #1: Ein Gedicht zu Ehren von …

Zu ihr gekommen
      ein Zufall, ein sogenannter,
      in den Hallen der Wissenschaft
      durch ein fremdes Auge der Faszination geschaut
      in jenes Gesicht der dichten Worte.

Begegnet
      der Muse, den Weg entlanggehend – göttliches Lallen wie Fieberbefall,
      einem Lauschen durch Vorhänge des Nebels und niedagewesene Herbste,
      „Nun ist das Wort aus Stein gefallen“ ,
      „Und das können Sie beschreiben?“, und ich sagte: „Ja.“

Gefunden
      die Tür zu des Poems Spiegelwelten,
      Geheimnisse des Dichterhandwerks,
      unverschämte und zärtliche Verse,
      „Ins Gedicht gehört das Unerhörte“.

Bei ihr. Der Achmatova.

(Zitate, auch über das direkt Zitierte hinaus, sind pure Absicht.)

Mit dem Ohr am eigenen Puls

Leilas Meinung nach waren die meisten Leute an den Wendepunkten ihres Daseins viel zu ungeduldig.
(Elif Shafak: Unerhörte Stimmen)

Aha. Ein Spiegel.
Ich stehe an einem solchen Wendepunkt. Seit Wochen, seit Monaten. (Ehrlicherweise: Seit Jahren. Aber da wusste ich noch nichts davon.)
Und ja: Ich bin ungeduldig. Sehr.
Schaue auf meine Trauer, als gehörte sie nicht hierher. Anstatt sie mir innerlich zu bekräftigen. Bildet sie doch den Boden des Übergangs.
Breche in jeden Morgen mit der Hoffnung auf, er möge in einen leichten hellen Tag münden. Und finde mich allzuoft abends in Schwere wieder, mal mehr, mal weniger tränenreich. Anstatt meine Tage zu öffnen für das, was beweint werden will.
Versuche mit aller Energie einen neuen Alltag zu erschaffen, jetzt, hier und sofort. Wo doch der alte noch Raum fordert zum Nachschwingen. Und das Neue erst Stein auf Stein und Atemzug um Atemzug geschöpft werden will.

So sitze ich also hier, um mich herum Bruchstücke des Alten, und im Kopf ein paar Federstriche, einstweilige Baupläne des Neuen.
Ich sitze. Wie gelähmt oft. Unfähig auch nur einen weiteren Schritt zu tun, über das Nötigste hinaus. Etwas essen zum Sattsein, für die Kinder da sein, Schule machen, die nötigsten Kommunikationsstränge bedienen. Ende der Kraft.

Ungeduldig puckern Reste meines energiegeladenen Strebens. – Pack weiter aus! Schraub was an! Bau was zusammen! Gestalte was! Melde Dich bei X und Y! – Mein forderndes altes Ich. Das, welches monatelang, ja immer schon, alles in die Hand genommen hatte, mit Bravour. (Was ist das überhaupt?) Es hat Unmengen an schier Unbewältigbarem bezwungen, früher. Dieses Ich nagt, klopft, pocht. Es kennt ja nichts anderes als zu treiben, immer voran.
Und nun ist es ausgebremst. Von zähem Bodenleim. Alle Schritte setzen sich nur langsam. Schleichend und tastend bewege ich mich durch die Wohnung. Zuweilen öffne ich eine Kiste, packe drei, vier Dinge aus, dann reicht es wieder. Beim Einkauf irrt mein Blick über die Gemüsestiegen im Laden, was will ich, ich weiß es nicht, nach ewiger Zeit habe ich irgendetwas im Korb, meist zuviel, oder zu wenig. Am Schulschreibtisch bin ich langsam, zu langsam, um die nachwachsende Schlange von Aufgaben abzuarbeiten, der Stapel beginnt schon wieder mich zu erdrücken, in Schulwoche vier. Oder fünf. Schneller kann ich nicht.

Und wenn ich dann erschöpft von all dem sitze, dann ist da zwar Ruhe in mir. Aber eine kurzzeitige, stets der Gefahr des Wegwehens ausgesetzte. Wenn ich weine, dann nur kurz, selbst meine Traurigkeit fühlt sich getrieben. Wenn ich stricke, dann zwei Reihen, irgendwann halten die Nadeln an, ohne dass ich es merke. Wenn ich lese, dann eine halbe Seite, jeden Abend dieselbe, denn ich höre mir beim Lesen sowieso nicht zu. Wenn ich schreibe, dann zwei Zeilen. (Dieser Text hier brauchte zum Entstehen drei Wochen.) Wenn ich Cello spiele, dann irren meine Gedanken sonstwo umher, nur nicht in der Musik.

Und nun?
Suche ich. Suche nach Ruhe. Nach Geduld. Nach der Stimme meines Pulses. Suche nach einem neuen Daseinsteppich. Gewebt aus Ruhefasern, noch unsichtbaren.
Kleinste Fäden finde ich ja, immerhin. Gemüse schneiden – Schnitt Schnitt Schnitt, ganz gleichmäßig, rhythmisch, bis zum Ende der Zucchini. Treppe wischen (Kehrwochenpflicht, das Schwäbische ist nicht weit, und ich bin eine artige neue Hausbewohnerin) – gleichmäßiges Hin-und-Her, monoton wie ein Pendel, Stufe für Stufe. Mein Radweg zur Schule – Feld, Sträucher, Wald, ein täglicher Weg, einer Meditation gleich.

Sind so kleine elementare Dinge. Das Fundament für anderes, für alles.
Ich gedulde mich.

Fragmente

Ein Buchgedanke*: Das unerwartet Fremde, das Schwierige und Beängstigende durch eine äußere Ordnung überleben lernen. – Ich höre. Diese ordnende Struktur kann nur Eigenkreation sein, was sonst.

Aus demselben Buch*: Solange es noch eine Anwesenheit gibt, bleibt Abwesenheit undenkbar. Erst später dann wird das Licht aus dem Hoffnungsraum in den Raum der Erinnerung getragen. Wobei es dort nur noch flackert. Überschattet vom nicht mehr seienden Hoffnungslicht.
Weise Gedanken über das Sterben.

Flughafentränen. Den Kindern wachsen Flügel. Wer hätte gedacht, dass auch ich welche brauche.
Welch vermessene Idee: Sie aus abgestreiften Häuten zu bauen.

Ein Netz. Ein Netz ist allemal gut. Ich knüpfe. Gelähmt durch Angst, antizipierte Trauer, Verzagtheit.
Eine Feiglingin bin ich, will ich herausschreien. Mich fügend und einpassend. Wem auch immer dies in all den Zeiten genützt hat.
Ein Netz für den Mut also. Ob „für“ hier die richtige Präposition ist, darüber dürfen andere streiten.

Was für eine verschlingende Traurigkeitsleere. Wer nimmt sie wahr? Ich trotte allein, immer hinter den anderen her, ich bin die letzte.

Und mitten durch das Gestrüpp blinkt eine Vision. Mein Leben wieder zu gestalten. Mich neu zu formen. In der Ferne ist alles hell. – Bislang dachte ich immer, „Licht und Liebe“ wäre nur eine Floskel.

Ich gehe los. Voller Fragen.

(* aus Esther Kinsky: Hain)

Stille

Der Novembersturm ist vorübergerüttelt,
Hat Regen geschüttet, gewütet, geknüttelt
Mit den hölzernen Läden und Eisen geklirrt.
Und ich lag wach, in Gedanken verirrt,
Die lange Nacht, und es stürzt und stürmt,
Wetter auf schmetternde Wetter getürmt …
Und die Höhle aus Stille, in die ich mich schmiege,
Embryorund als ein Mögliches liege,
Geborgen, als könnt ich die Augen aufschlagen,
Wenn der Sturm sich verbläst, zu nur morgenden Tagen …
Ach so schöne Empfindung, die so mild mich umstreicht …
Mitten im Sturm ward mir linde und leicht,
Als ich dachte nicht mehr und hab nur noch gelauscht,
Wie der Regenwind stürmt und der Sturmregen rauscht …

Eva Strittmatter, wiedergefunden.

Möge das Wochenende ein wenig Höhlengeborgenheit schenken und voller Stille zum Lauschen sein …

Unsichtbarkeiten

„Du hattest ein Geheimnis. Du trugst einen Makel in dir, den es vor der Welt zu verbergen galt, und weil dir schon bei der bloßen Vorstellung, entdeckt zu werden, sterbenselend zumute wurde, warst du gezwungen, dir nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht dein wahres Gesicht war. Später an diesem Vormittag, als George dir gestand, dass auch er früher mit genau diesem Geheimnis gelebt hatte, kam dir der Gedanke, dass wohl die meisten Leute ihre Geheimnisse hatten, vielleicht alle Leute, ein ganzes Universum von Leuten, die, ihr Herz von einem Dornenkranz aus Schuld und Schande umwunden, auf Erden wandelten, sie alle gezwungen, sich nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht ihr wahres Gesicht war. Was sagte das über die Welt? Dass jeder dort mehr oder weniger im Verborgenen lebte, und weil wir alle anders waren als das, was wir zu sein schienen, war es so gut wie unmöglich, von irgendjemandem zu wissen, wer er war.“

(Paul Auster: Bericht aus dem Inneren)

12 von 12 im Juli

 

 

 

Es regnet, mein morgendlicher Gang durch den Garten erschöpft sich im Stehen unter dem Terrassendach, aber ich fühle mich unverdrossen wohl im morgenfrischen Grün. Nur dass ich den Kaffee heute nicht draußen trinke. Wir, der Kaffee und ich, wandern wieder hinein, aufs Lesesofa.

 

 

 

Ganz zufällig stieß ich in den letzten Tagen durch ein Kommentargespräch in einem Lieblingsblog auf meine kurze Philosophiestudien-Vergangenheit, Erinnerungen aus den 90ern werden wach, mich packt es wieder. Und so sitze ich morgens vor sechs Uhr in meiner Leseecke und blättere mich durch Wittgenstein.

 

 

 

Weil es unverdrossen regnet, genaugenommen schüttet, fahren die Tochter und ich mit dem Auto zur Schule. Muss ich wenigstens die Fahrradtasche nicht zuwürgen, das wäre heute knapp geworden. Die Tochter fragt, was ich mit so vielen Taschentüchern will. Ich versuche sie’s erraten zu lassen – na, was habt Ihr in der 5. am Ende des Schuljahres gehabt? – aber sie war anscheinend in der 5. in Mathe nie anwensend. Jedenfalls hat sie keinen blassen Schimmer und tut äußerst überrascht, als ich mit Wörtern wie Oberflächeninhalt und Quader um mich werfe. Vielleicht ist es ihr auch einfach noch zu früh. Dann soll sie halt nicht fragen;-)

 

 

 

Morgendliche Schultafeln sind so schön leer, nee, Quatsch. Sie sollten es sein. Aber wie das so ist. Das Wischen und Abziehen hat jedenfalls was Meditatives.

 

 

 

Dann kann es losgehen. Quader und Oberflächen halt.

 

 

 

Und weil ich ja im Unterricht schlecht fotografieren kann, gibt’s das nächste Bild erst von dem Moment, wo die einen Schäfchen schon weg und die anderen noch nicht da sind.
Ahhh, Ruhe.

 

 

 

Der Kurs kommt, der Kurs hat keine Lust mehr. Nichts Neues, auch an diesem Mittwoch nicht. Wir strampeln uns durch Abstände windschiefer Geraden und sind ansonsten friedlich miteinander.

 

 

 

Stundenende, große Pause. Ich habe Hofaufsicht, genau vor dem Fenster. Dort erscheint aber niemand, denn es schüttet gerade wieder los, die Regenklingel ertönt, bäh. Drinnenaufsicht in ner Regenpause ist anstrengend, weil es eng und und höllelaut ist. Stadionatmosphäre, und das ganz ohne Eintrittskarte.

Unterrichtsschluss, ich trage meine 150 Noten am Verwaltungscomputer ein. Bzw. möchte es tun. Für einen Teil davon fehlt mir aber mein Passwort, der Zettel liegt nicht in meinem Fach, auch in keinem Nachbarfach, der zuständige Kollege ist mit den 10ern in Berlin, und auch sonst findet niemand eine Lösung für die Passwortfrage. Also dann eben nicht. Wenigstens die Mitarbeits- und Verhaltensnoten mache ich fertig – Papierlisten brauchen keine Passwörter – , und die verbalen Bemerkungen verschiebe ich auf später.

 

 

 

Denn zu Hause wartet das Mittagessen. Wie gut.
Ausnahmsweise sind beide Kinder da. Wir starren alle völlig fassungslos auf den Kalender, niemand von uns hat heute noch irgendeinen Termin. Das gab es das letzte Mal vor gefühlt zehn Jahren. Wir fühlen uns auch ganz unbehaglich dabei und argwöhnen bis zum Abend, dass wir sicher irgendwas vergessen haben.

 

 

 

Danach drucke ich alles aus, was ich heute nicht eingeben konnte, das sollte dann wohl morgen als Papierliste zur Schulleitung.

 

 

 

Irgendwann am Spätnachmittag überkommt mich Arbeitsmüdigkeit. Zeit fürs Cello. Mein Lieblingssatz …

Es bleiben Abendessen, Telefonieren, mit einer Freundin an der Haustür schwätzen, Wäsche, Kinderzeugs und ein paar Schreibtischdinge.

 

 

 

Bis sich der – mittlerweile wieder blaue – Himmel über’m Haus abendlich dunkel färbt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

Spiegelbild

Das Inventar deiner Narben, insbesondere der in deinem Gesicht, die du jeden Morgen, wenn du dich rasierst oder dir die Haare kämmst, im Badezimmerspiegel sehen kannst. Du denkst selten daran, aber wenn du es tust, begreifst du, es sind Zeichen des Lebens, die verschiedenen in dein Gesicht geschnittenen zerklüfteten Linien sind Buchstaben aus dem geheimen Alphabet, das die Geschichte dessen erzählt, der du bist, denn jede einzelne Narbe ist die Spur einer verheilten Wunde, und jede einzelne Wunde war das Ergebnis einer unerwarteten Kollision mit der Welt – soll heißen, eines Unfalls, also einer Sache, die nicht hätte zu passieren brauchen, denn ein Unfall ist per definitionem etwas, das nicht zu passieren braucht. Zufälle im Gegensatz zu Notwendigkeiten, und heute früh beim Blick in den Spiegel die Erkenntnis, dass alles Leben zufällig ist, ausgenommen die einzige Notwendigkeit, dass es früher oder später zu Ende gehen wird.

(Paul Auster: Winterjournal)

Ist das wirklich so zufällig, welche Wunden uns treffen, welche Narben uns bleiben? Ich meine eher im seelischen Bereich …

Die Musik, die wir sind

Hast du gehört, der Winter ist vorbei!
Nelken und Basilikum platzen vor Lachen.

Kaum von der Reise zurück, ist die Nachtigall schon Gesangslehrer für die Vögel.

Die Bäume überreichen Gratulationen.
Die Seele tanzt durch die Tür zum König hinauf.

Anemonen erröten, weil sie einen Blick
von der nackten Rose erhaschten.

Der einzige faire Richter, der Frühling,
breitet sich im Gerichtssaal aus.

Und ein paar Dezember-Diebe
huschen davon.

Die Wunder vom Vorjahr
sind bald Vergessenheit.

Aus Nicht-Existenz wirbeln neue Geschöpfe hervor,
Galaxion um ihre Füße verstreut. Hast du die getroffen?

Hörst du, wie in der Wiege die Jesus-Knospe summt?
Eine kleine Narzisse – Inspektor von Königreichen!

Ein Fest ist in Gang. Horch:
Es ist der Wind, der den Wein ausschenkt!

Früher versteckte die Liebe sich
hinter Bildern. Damit ist Schluss!

Der Obstgarten steckt seine Lampions auf.
In Lumpen stolpern die Toten herbei.

Nichts bleibt in Fesseln oder gefangen.
Du sagst: „Stopp dieses Gedicht hier

und wart, was als Nächstes kommt.“ Sofort.
Gedichte sind nur Gekritzel bei der Musik, die wir sind!

(Rumi)

.

Es blieben nur noch ein paar Tage, zu wenige, viel zu wenige.
(Und: Zu spät kam ich von meiner Reise zurück, um Dich noch einmal zu umarmen.)

Es bleiben Erinnerungen aus sehr vergangenen und gar nicht so entfernten Zeiten.

Es bleibt der unfassbare Gedanke, dass wir nie mehr nebeneinander im Chor singen werden, nicht montags wie früher, nicht donnerstags wie zuletzt.

Es bleibt, wie wir redeten, über dies und das, damals, als wir noch so jung waren, und später, in all den Jahren, und zum letzten Mal bei mir im Auto sitzend, als ich Dich nach Hause gefahren habe.

Es bleibt, wann immer ich an Deiner Schule vorbeifahre, der Gedanke, dass ich es nie mehr geschafft habe, mit Dir dort einen Kaffee zu trinken.

Es bleibt Dein letzter Brief, der, kein halbes Jahr her, voller Zuversicht ist, in dem Du von Deinem Weg durch die Krankheit und von geplanten Reisen schreibst, und wie dankbar Du für jeden kleinsten Schritt bist.

Es bleibt in mir, wie sehr ich in all den Jahren, Jahrzehnte sind es ja sogar, von Dir Energie und Kraft bekommen durfte, die Du ausstrahltest, bis zum Schluss.

Es bleibt meine Dankbarkeit, durch Dich beschenkt gewesen zu sein.
Und es zu bleiben.
Für immer.

***

Du kannst dein Leben nicht verlängern
nur vertiefen.
Nicht dem Leben mehr Jahre,
aber den Jahren mehr Leben geben.
Zähle das Leben nicht nach Tagen und Jahren.
Zähle die Stunden,
da der Engel dich berührte.
(Martin Buber)

So hast Du gelebt, das weiß ich, seit letztem Winter, seit der Ahnung, seit dem Wissen um Deine Krankheit spätestens.

***

Und nun, nun bist Du in die dritte, die dimensionslose Richtung aufgebrochen. Damals schrieb ich:

Eine, in der wir uns nicht in den Strom einer Wertung stellen.
Eine, in der wir uns nicht wehren, und nicht an uns reißen.
Eine, in der wir nicht aus der Vergangenheit heraus, in die Zukunft hinein uns biegen.
Eine, in der es keinen Anfang und kein Ende gibt.
Eine, in der ist, was ist. Und war, was war. Und sein wird, was sein wird.
Eine, in der wir nur sind.

***

Gerade erst sehe ich – ich hatte es völlig vergessen -, dass ich dort damals ein Himmelsbild eingefügt hatte, ein Dreieck, für diese Dimensionen.

Als ich heute Morgen bei meinem Weg über die Felder ein ähnliches Bild eingefangen habe, da wusste ich noch nicht, dass Dein Weg durch die letzte Tür bereits gegangen war.
Doch dass sich mir gerade dieses Bild zeigte, in dem sich alle Linien in einem Punkt vereint haben, das macht mich in meinen Tränen jetzt doch lächeln.
Es gibt ja keine Zufälle, Du Liebe, stimmt’s?

 

 

 

Auszeit

Wenn der Tag plötzlich eine unverhoffte Lücke in seinem pochenden Ablauf aufreißen lässt und die Bücherei am Wegesrand liegt und ohnehin alles – schlagen doch die inneren Wogen gerade hoch – nach einem Rückzug ruft, dann …
… finde ich mich plötzlich in einem dieser so wunderbar nicht zusammenpassenden Sofas sitzend, oben im zweiten Stock, dort in der Ecke, wo einen der Straßenlärm glasfenstergedämmt zwar noch erreicht, aber ebenso abgeschirmt wirkt wie all das andere, was ich in der Tasche unten am Eingang ließ, die Kalender, die Aufgaben, das Handy.
Vor mir weite Regalschwaden, büchergefüllt, Leseimperative wohin man schaut. In meiner Hand liegt mein derzeitiges Buch, das, welches zu mir kam wie gerufen. Unter mir das Sofa, bequemer als es wirkt, zum sich-hinein-winkeln, neben mir all die anderen Auszeitenden. Lesend, träumend, zettelsortierend, schlafend, schnarchend. Die Stille der Sofaecke dimmt das Straßensurren hinunter, bis es sich auflöst. So wie das Schweifen der Gedanken, das ich immer wieder einsammle und ans Buch in meiner Hand führe, bis ich hineinversunken bin.

Es sind die kleinen Dinge. Immer wieder.

 

Zeitgedanken

Für mich sind Uhren Illusionsmaschinen. Man hört sie ticken, man sieht, wie ihre Zeiger sich bewegen, und mehr können sie eigentlich nicht. Mit diesem kleinen Trick aber gaukeln sie uns vor, dass die Zeit, die sie so offensichtlich messen, etwas Regelmäßiges sei, portionierbar wie ein Kilo Rinderhackfleisch. Doch das ist sie nicht. Eine Sekunde ist vielleicht eine Sekunde, vielleicht eine Sekunde – doch eine Sekunde ist deshalb noch lange keine Zeit.
[…]
So geht es mir mit der Zeit. Fast immer ist sie sehr lebendig für mich. Sie schlägt Purzelbäume, überholt sich manchmal selbst. Und dass sie vergeht, merke ich eigentlich nur dann, wenn sie mit der gemessenen Zeit kollidiert. Wenn mich zum Beispiel also irgend so ein dummes Monatsende dazu zwingt, meine Miete zu bezahlen. Oder ein Fahrplan dazu, meinen Flieger zu erwischen. Ansonsten aber ist Zeit für einen Weltumradler wie mich einfach der Fluss der Dinge. Und der fließt manchmal schnell und manchmal langsam.

Mir ist das besonders aufgefallen, als ich mir für dieses Buch mein kunterbuntes Leben noch einmal vor Augen führte. Sofort präsent sind all die wunderbaren Geschichten, die Landschaften, die Begegnungen, meine Empfindungen und all das, was unterwegs geschah. Doch als ich versuchte, das Ganze in ein zeitliches Korsett zu pressen, es mit präzisen Daten und Jahreszahlen zu etikettieren, wie es wahrscheinlich einige Leser erwarten, da merkte ich, wie ich Schwierigkeiten bekam. Rückblickend scheint es mir heute, als wären manche Dinge, die eigentlich kaum etwas miteinander zu tun hatten, in Wirklichkeit parallel zueinander passiert, also gleichzeitig. Andere scheinen sich, gemessen an ihrer Bedeutung, über Jahre zu erstrecken, dauerten vielleicht aber nur wenige Tage oder Wochen.
[…]
Daher stelle ich einmal frech das Folgende in den Raum: Eine Wirklichkeit, in der allein die Kausalität im Takt der funkgesteuerten Weltuhren sämtliche Parameter bestimmt, die hat schon Einstein abgeschafft! Und seitdem die Quanten-Theorie als moderne Grundlage der Wissenschaft gilt, lässt sich das altväterliche Newton’sche Weltbild erst recht nicht mehr aufrechterhalten! Das Dumme ist nur, die Menschen haben aus diesen zutiefst befreienden Erkenntnissen noch keine Konsequenzen für ihr Leben, ihre Wahrnehmung und Weltsicht gezogen – das alles beginnt gerade erst: in diesen Monaten und Jahren, um diesem Satz wenigstens zu seinem Ende noch etwas Greifbares mitzugeben.

[…]

Der größte – wiederum gefühlte – Unterschied zu Asien: Alles ist so grandios abseh- und vorhersehbar! Ein Preis ist hierzulande eben ein Preis, in Asien hingegen wird gefeilscht. Busse und Züge haben feste Abfahrtzeiten, in Asien wartet man, bis sie geruhen, vorbeizukommen. Die politischen Verhältnisse in Europa sind so stabil, dass es fast langweilig wird, und wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, dann muss man sich an Hunderte von Verkehrsregeln halten, wie alle anderen auch.

Ich denke, dass es in großem Maße diese verknöcherte Zeit ist, die den Europäern zum einen so viel Sicherheit vermittelt, sie zugleich aber auch um die meisten der überraschenden, funkelnden Wendungen bringt, die das Leben für uns Menschen eigentlich in petto hat. Man übersieht sie einfach, weil sie nicht in den Plan passen. Sie haben schlicht „keinen Termin“.

(aus Tilmann Waldthaler: Sieh diese Erde leuchten!)

 

Reisen

Könnte es nicht sein, dass nicht die Reisenden sich bewegen, sondern dass vielmehr die Welt unter ihren Füßen Fahrt aufnimmt, und sie sich gleich bleiben? In Wirklichkeit gelangt man immer nur an einen weiteren treibenden Ort, um sich dann neuerlich abzustoßen und vielleicht endlich an jenem instabilen Ort einzutreffen, den ich nur deshalb „Zuhause“ nenne, weil er mehr Rituale versammelt als andere, das Zuhause der Wiederholungen. Ich kann ja nicht einmal sagen, dass ich ihn besser kenne …

(Roger Willemsen: Die Enden der Welt)

Und morgen reisen wir nach Hause.

Vom Schreiben

„… es zeigte sich, daß es unmöglich ist, zumindest für mich, was in diesem Fall zuletzt auf dasselbe hinausläuft, daß es also unmöglich ist, über das Glück zu schreiben, vielleicht ist das Glück zu einfach, als daß man darüber schreiben könnte, schrieb ich, wie ich gerade auf einem meiner damals beschriebenen Zettel lese und von dort auch abschreibe, das glücklich verbrachte Leben ist demnach ein stumm verbrachtes Leben, schrieb ich. Es zeigte sich, daß über das Leben schreiben soviel ist wie das Leben in Frage stellen, sein eigenes Leben aber stellt nur der in Frage, der an eigenen Lebenselementen erstickt oder irgendwie widernatürlich darin verkehrt. Es zeigte sich, daß ich nicht schreibe, um Freude zu finden, sondern daß ich, im Gegenteil, mit meinem Schreiben den Schmerz suche, den größtmöglichen, beinahe schon unerträglichen Schmerz, ja, das ist wahrscheinlich der Grund, denn der Schmerz ist die Wahrheit, auf die Frage jedoch, was Wahrheit ist, schrieb ich, gibt es eine sehr einfache Antwort: Wahrheit ist, was mich verzehrt. Alles das konnte ich natürlich nicht meiner Frau mitteilen. Andererseits wollte ich sie auch nicht belügen. So stießen wir im Laufe unseres Zusammenlebens, unserer Gespräche bald auf gewisse Schwierigkeiten, vornehmlich, wenn von meiner Arbeit, am vornehmlichsten aber, wenn von den erwarteten Ergebnissen meiner Arbeit die Rede war, vom Schreiben als Literatur, von der mir fernliegenden, gleichgültigen und unsagbar uninteressanten Frage des Gefallens oder Nichtgefallens, von der Frage des Sinns meiner Arbeit, von Fragen also, die letztlich meist im Umkreis der erbärmlichen, schmutzigen, höhnischen und beschämenden Frage von Erfolg oder Erfolglosigkeit mündeten …“

(aus Imre Kertesz: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind)

Die Fragen lieb haben

… und ich möchte Sie, so gut ich es kann bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie jetzt nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.

(R. M. Rilke)

Anderswo

Immer noch infektgeplagt, sind mir die eigenen Worte heute blockiert. Darum teile ich einfach, was ich anderswo fand und las.

Von Bahnhöfen und reisendem Unterwegssein, von fremden Orten und Welten und einer Hoffnung, dass wir uns unsere jeweilige Andersartigkeit bewahren, schreibt Ulli in ihrem Blaue-Stunde-Text.

Um Begegnungen mit Menschen, welche von Beginn weg nicht so privilegiert wie wir leben dürfen, und um unsere – unser aller – Verantwortung füreinander geht es bei Anna.

Und das Fragen, die Frage an sich, auf dem Land und anderswo, jedenfalls dem gegenseitigen Verständnis und der Öffnung für Neues dienend, betrachtet der Landlebenblog.

Was für wunderbare Bloglektüre sich mir immer wieder öffnet …

WmDedgT 02/2017

Sonntag ist der Tag ohne Wecker, das weiß mittlerweile sogar ich. Es wird kurz nach acht, als sich mir die Augen öffnen, es ist schon hell draußen, ein fast vergessenes Gefühl beim Aufwachen.

Meine Lesestunde. Weil ich derzeit in drei Büchern gleichzeitig lese und es mich auch heute in alle zieht, gerät diese ein wenig länger. Gut so. Um’s Unterwegssein geht es in meiner Lektüre, und um’s Abschiednehmen. Beides gar nicht so verschieden.

Kurz nach zehn wird das Tochterkind wach und hungrig, wir frühstücken. Sie hat sich schon in T-Shirt und Röckchen geworfen, hört im Kopf unablässig eigene Musik und tanzt dabei vor sich hin. Das geht auch am Frühstückstisch, sitzend. Als ich es ihr nachtue und ebenfalls mit rhythmischen Arm- und Körperbewegungen anfange, bin ich natürlich peinlich:(
Ansonsten geht es beim Frühstücksgespräch noch darum, dass Newton kein freundlicher Mensch war, weil er die Untersuchung mit dem Apfel erst nur vorgetäuscht habe (hä? echt jetzt?), ob Laser was mit dem Tunneleffekt zu tun haben, und wann wir nachher losmüssen. Und dass man vor dem Hochrennen ins Zimmer immer zweimal mit je zwei Händen Dinge in die Küche zu tragen habe. Das wird von Kindern ja gern täglich mehrmals vergessen.

Vor dem Mittagstermin reicht es mir für eine weitere Stunde Sofasitzzeit. Bücher und Schreibhefte und so.
Dann duschen und anziehen, wir müssen bald weg, doch vorher noch meine Celloübezeit. Heute bin ich fahrig und unzufrieden. Das wird auch nicht besser, als ich mein derzeitiges Übestück aufnehme und mich beim Anhören das nackte akustische Grausen überkommt. So unsauber, so kratzig, so ungleichmäßig, so wenig Musik. Es soll heute nicht sein.

Lieber schreibe ich noch an Kollegen, ich brauche für morgen dringend ein paar Zuarbeiten, hoffentlich schauen sie noch in ihre Mails, ist ja schließlich Sonntag, ein eingeschalteter Computer entweiht diesen Tag, irgendwie.

Und dann müssen wir weg, Preisträgerkonzert in der Musikschule. Die Kinder stellen fest, dass die, die da spielen, immer jünger werden. Aha, das alte-Leute-Syndrom erfasst jetzt auch schon 10- und 15jährige:) Die Tochter ist tatsächlich schon fast ans Ende des Programms gerutscht – es geht nach Alter. Und der Sohn spielt hier gar nicht mehr, weil er mittlerweile die Musikschule gewechselt hat. Ansonsten wäre er der Allerälteste gewesen. Mensch, die Zeit vergeht. Der Sohn also sitzt entspannt in der Gegend herum, genießt, dass er nicht auf die Bühne muss, die kleine Schwester ärgert sich über ihre Fehler – beim Einspielen hätte noch alles geklappt, und was jetzt alle denken … Anschließend gibt es Saft und Sekt und Häppchen, da ist auch für die Tochter alles wieder gut. Und für unsere leeren Ohne-Mittagessen-Mägen sowieso.

Zu Hause ist kurze Kaffeebesinnungszeit, dann sitze ich am Schulschreibtisch. Weil das Wochenende lang und gut war, lässt es sich zäh an. Der Kopf war in einer anderen Welt und findet nur schwer zurück.
Währenddessen lassen die Kinder sich in die Orchesterprobe fahren und kehren nach kürzester Zeit zurück. Natürlich waren sie in Wirklichkeit zwei Stunden dort. Waaas, schon acht?

Wir essen, sie verraten mir, wann und wo morgen der Treffpunkt ist, beide fahren mit dem Schulorchester zu Probentagen. Die Sachen sind im Prinzip gepackt. Im Prinzip. Bis auf … – Nein, für Wäschewaschen ist es jetzt zu spät! Doch, das hatte ich heute Mittag schon gesagt! – … Mütter sind gemein. Aber echt mal, es findet sich doch wohl noch genug Klamottiges im Schrank.
Als das und auch die Verteilung der Zahnpastatuben auf Tochter- und Sohngepäck ausdiskutiert sind, müssen nur noch Cello- und Notenständer in den Koffer gequetscht – Von draußen passte das aber?!?!?! -, Impfausweis und Krankenkassenkarte des Sohns ausfindig gemacht – unter dem unausgepackten Gepäckhaufen seiner Januarreise, ein Hoch auf Mutterinstinkte! – und die Sache mit den Noten geklärt werden.

Aaaahhhh, die Noten. Fällt beiden jetzt ein. Musizieren braucht nämlich Noten. Meinen Chaoskindern verlangt diese Tatsache alles ab.
Und so sieht man um kurz vor zehn die Tochter mit der geliehenen Notenmappe der Pultnachbarin vor meinem Kopierer sitzen und Blatt um Blatt hindurchschieben. Ihre eigenen Kopien scheinen sich im Laufe des Schuljahres weitgehend verflüchtigt zu haben.
Der Sohn hingegen startet eine Großraumsuche nach dem Heft mit den englischen Liedern. Ich schwöre, ich habe das im Leben nicht gesehen. Deswegen kann es auch nicht im Zuge meiner Weihnachtswohnzimmeraufräumaktion verloren gegangen sein. These steht gegen These. Wir diskutieren bei dieser Gelegenheit gleich den grundsätzlichen Sinn und Unsinn von Aufräumen, Ordnung, Ablagesystemen und ähnlichen Müttererfindungen. Während wir zu zweit auf dem Boden sitzen und einen Kubikmeter Notensammlung Blatt um Blatt wenden. Das Heftlein bleibt verschwunden, damit wird der Orchesterchef jetzt leben müssen.

Es ist halb elf, als die Brut im Bett ist. Irgendwie schön, so ein Feierabend, wenn die Kinder schlafen gehen. Nur noch die Schultasche packen, die sich sperrende Datensicherung überlisten, die eigentlich noch geschrieben werden wollenden Postkarten auf morgen verschieben … und ein wenig seufzen. Weil ich nun endlich zu mir finde, weil die kommende Woche dichtestgepackt sein wird, weil mir die Kinder in den drei Tagen fehlen werden, und weil mich eine leise Wehmut durchzieht. Das Leben ist so bunt, so voll, so prallelebendig, und – in einem Parallelstrang – so voller Melancholie und sanfter Traurigkeit. Alles auf einmal. 

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

weitsichtig

Doch dazu, viel zu verstehen, hat stets das Wissen um die Grenzen des Verstehens gehört; das Eingeständnis, dass die Welt dahinter, also alles, was man nicht versteht, nicht nur existiert, sondern auch stets größer ist als die Welt in einem selbst.

(Karl Ove Knausgard: Sterben)