Schritte

mitgegeben

Einen Stein aus unserem Garten: Damit du ein Stück von deinem Zuhause ganz nah bei dir tragen kannst.

Einen Stein von einer unserer italienischen Berg-See-Reisen: Damit du dich von Fernweh, Abenteuerlust und Entdeckerfreude durch dieses Jahr leiten lässt.

Den Glücksstein, den mir deine Schwester in der ersten Klasse bemalt hat. Seit damals liegt er auf meinem Nachttisch und bedeutet mir sehr viel. Möge er in diesem Jahr bei dir sein, vielleicht auch auf deinem Nachttisch, damit du uns, deine Familie immer ein wenig bei dir hast.

Einen Hühnergott von der Ostsee, den wir damals gefunden haben, als wir in K. waren – weißt du noch? Man sagt diesen gelöcherten Steinen nach, sie brächten Glück. Und das kannst du in diesem Jahr sicher gut gebrauchen.

Einen Würfel, einen ganz besonderen Würfel, einen runden nämlich: Für all die immer auch ein wenig vom Zufall geformten Dinge, die in diesem Jahr passieren werden. Möge, was auch immer Dir geschieht, stets auf irgendeine Weise stimmig sein und rund laufen.

Einen Magnetstein: Für alles, was dir wichtig ist und an dem du hängst, damit nichts davon verloren geht.

Und schließlich eine Klangkugel: Für all die Musik, die du brauchst, spielst, hörst, empfindest und suchst.

(Mein Herz, das gebe ich dir auch mit auf die Reise. Aber in welcher äußeren Gestalt verpackt, darüber plaudere ich hier in der Öffentlichkeit nicht:))

   

Ich staune, mit welcher Klarheit du genau diesen Weg schon sehr lange gewählt hast. Immer schon wolltest du für ein Jahr weggehen. Und es sollte nie ein englischsprachiges Land sein, die USA schon gar nicht. „Weil das ja alle machen. Und weil ich Englisch schon kann“, sagtest du vor etwa drei Jahren mit Entschlossenheit. Und bliebst dabei.

Ich bewundere, dass du den Mut zu dieser Lebensreise in dir trägst. Ein ganzes Jahr wegsein. Naja, „es sind ja nur zehn Monate“, hast du in den letzten Tagen tröstend zu mir gesagt. Und ein wenig auch zu dir selbst? Ich weiß es nicht, ich durchschaue es nicht. Du selbst wohl auch nicht. Jedenfalls: Ich selbst war noch nie zehn Monate lang in der Fremde, ohne Unterbrechung, ohne Begegnung mit der Heimat. Du wagst es, wie unglaublich.

Ich finde es großartig, dass du diesen gewaltigen Schritt in die Selbstständigkeit nun wirklich gehst und dir eine völlig neue, eigene Welt eröffnest. Ich fiebere mit, erahne dein Lebensgefühl dieser Tage, spüre deinen Drang dich endlich auf den Weg zu machen, bin mitneugierig – auch wenn ich das meiste, was dir dieser Tage begegnen wird, wohl nie erfahren werde – und bin mitfreudig ohne Ende.

Ich weiß, dass mit deiner Reise wirklich eine Lebensphase zu Ende geht, für uns beide.
Für dich die Kindheit. Wie entschlossen du in den letzten Tagen dein Zimmer ausgeräumt hast. 27 kg Dinge nimmst du mit, zwei Kisten stehen unterm Dach, auf deine Rückkehr wartend, vom Rest sagtest du, du bräuchtest es nicht mehr. Bei manchem habe ich heftig geschluckt. Diese Fähigkeit loszulassen, die hast du definitiv nicht von mir.
Und für mich geht ebenfalls ein Abschnitt zu Ende. 16 Jahre lang warst du immer da. Ich wusste zu jeder Stunde, später an jedem Tag wenigstens, wo du bist, womit du dich beschäftigst, was dir geschieht, was dich bewegt, was dich lachen und was bedrückt sein lässt. Von jetzt ab werde ich nur noch einen Extrakt von all dem erfahren. Wenn überhaupt.
Ich bin so schlecht im Loslassen. Wieviele Tränen ich dieser Tage weine. Aber ich spüre auch, wie ich daran wachsen kann …

   

Gestern nun war euer großer Tag. Nach Einchecken, Gepäckabgabe, erklärend-beruhigenden Worten eurer Betreuer und einer letzten Verabschiedungs-Umarmungs-Runde zogt ihr allein los und reihtet euch in die mäandernde Warteschlange vor der Sicherheitskontrolle ein. Ihr ganz allein, ihr sieben jungen Menschen, die ihr euch Italien als Wahlheimat für ein Jahr gesucht habt. Etliche verweinte Elternaugen schauten euch nach.

Ja, wir standen dort, hinter der Grenze, über die wir nicht mehr mitdurften, und konnten nur noch unsere Blicke mitgeben. Und unsere Herzen.
Welch ein Symbol für euer Großwerden …

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Neue Ufer

Das muss jetzt einfach erzählt werden, es rüttelt uns hier ja alle durch und durch: Heute hat der Sohn seine Gastfamilie „bekommen“.

Dass er für ein Schuljahr nach Italien gehen wird, habe ich bestimmt irgendwann erzählt. Dass er das seit Jahren wollte, vielleicht auch. Dass ich bei der Zusage der Organisation – im November war das – zunächst einen Kloß im Hals und ein paar Tränen im Auge hatte, das auch, oder?
Dass er aber insgeheim immer davon ausgegangen war, an seinem italienischen Ort ein Klavier und die Möglichkeit zum Weiterspielen vorzufinden und er es anderenfalls nicht schaffen würde wegzugehen, weil das Klavier eben in den letzten Monaten so immens wichtig für ihn geworden ist, das äußerte er in dieser Klarheit erst vor wenigen Tagen. Ich schluckte kurz, keine Austauschorganisation der Welt kann eine Gastfamilie mit Klavier zusichern. Und so dachte ich, wir werden eben sehen, wie es kommt.

Nun, und heute kam es. Alles. Das perfet match. Soweit man das aus der bunten PDF-Datei, die wir per Mail bekamen, herauslesen kann.
Eine Familie, in der Nähe von Mailand leben sie, mit Sohn und Tochter und unendlich viel warmem, verschmitztem Lachen im Gesicht. Allein von vier Fotos ist mein Herz warmgeworden. Und beruhigt. Wenn es das gibt, dass man aus kurzen Zeilen und wenigen Bildern Vertrauen fassen kann, dann habe ich es heute getan. Zu dieser Frau, zu der der Sohn sicherlich – wie die meisten Austauschschüler – nächstes Jahr Mamma sagen wird, zu dieser Mamma also lasse ich ihn friedlichen und freudigen Herzens ziehen. Der zugehörige Pappa (schreibt man das so? wir müssen jetzt alle ein wenig italienisch lernen) sieht nicht minder sympathisch aus. Und die Kinder erst … die würde ich ja vom Fleck weg hier bei mir aufnehmen. Der Sohn, also: der Gastbruder, scheint ein ähnlicher Typ wie der unsere zu sein:) Dazu gibt es eine kleine Schwester, gleichalt der unsrigen und mit dem Namen von deren bester Freundin:)  (Dass die Eltern so heißen wie ich früher meine Kinder immer nennen wollte – in der italienischen Variante natürlich – und dass der Gastbruder so heißt wie der unsrige Vater, das fällt mir jetzt erst auf, es ist ja wirklich erstaunlich.)

Jedenfalls: der Sohn springt im Dreieck vor Vorfreude. So habe ich ihn selten erlebt. Heute Nachmittag nach dem Durchscrollen der Familienvorstellung und beim Betrachten der Bilder zog ein glückliches Lächeln über sein Gesicht, wie ich es selten bei ihm gesehen habe.

Und: es gibt ein Klavier im Haus, wenn auch – im Moment – nur ein digitales. Es gibt auch sonst Musik. Und Malen. Und Lesen. (Und der Gastbruder spielt ebenfalls nicht Fußball:))
Da scheint Offenheit für alles, was unser Sohn mitbringt. Die Familienvorstellung und die Selbstvorstellung des Sohnes scheinen in manchen Passagen wie voneinander abgeschrieben.
So macht das nämlich die Organisation: Beide Seiten müssen sich ausführlichst schriftlich, mit Fragebögen und mit Fotos vorstellen. (Damit war unser November komplett gefüllt.) Und dann versuchen sie zusammenzufügen, was möglichst gut zueinander passt. Ich weiß ja nicht, wie viele Jugendliche AFS-Italien zu vermitteln hatte, und wie viele Gastfamilienprofile ihnen vorlagen, aber für uns kann ich sagen: Besser hätte es kaum kommen können – von dem, was wir bisher ahnen.

Ein Klavier jedenfalls ist da. Und was der Sohn heute schon ersuchmaschint hat: Eine Musikschule vor Ort, und in Mailand ein Konservatorium. Klavierlehrerprofile stehen im Netz, er kann nur noch nicht genug italienisch, um sie zu lesen. An der Deutschen Schule gibt es über „Jugend musiziert“ Kontaktadressen. Und das alles in S-Bahn-Nähe (was dort sicherlich nicht S-Bahn heißt). Heute also löste sich seine größte Sorge in Luft auf.

Den Rest des Tages surfte er via Guugle-strieht-wjuh an seinem künftigen Haus und Liceo vorbei, zappte durch die Webseiten seines Wohnortes, las die Familienvorstellung und lernte sie anscheinend auswendig, jedenfalls wusste er schon genau, dass montags immer die Großeltern – nonna und nonno – im Haus übernachten und an den restlichen Tagen ein „Kinder“mädchen (Au pair?) aus Moldavien (? – ich hab’s nicht auswendig gelernt:)) Teil der Familie ist. Er guckte sich die Italienkarte an, um herauszufinden, wo Ligurien liegt, denn dort gibt es ein Ferienhaus, in welches die Familie an Wochenenden fährt, womöglich noch am Meer (uiuiui, schwierig, jetzt nicht neidisch zu werden:)) und stellte voller Beruhigung fest, dass er ja nach dem Jahr, wenn er dort richtige Freunde gefunden haben wird, von hier aus in einer Handvoll Stunden immer mal nach Mailand zu Besuch wird fahren können. Dass also dieses bevorstehende Jahr gar kein singulärer Punkt in seinem Leben bleiben muss, sondern später eine Fortsetzung erfahren kann, und zwar einfach und unkompliziert. (Das wäre in Süditalien schon anders, und in Übersee erst …)

Jedenfalls: Mein großes, ach so großes Kind ist glücklich. Er breitet die Flügel aus und macht sich ans Davonfliegen.
Und meine Tränen vom November sind weg, weil es ihm so gut geht. Da werde ich das Loslassen ja wohl hinbekommen …
(Nur am Flughafen Anfang September, da ist es erlaubt zu weinen:))

Spuren im Schnee

Es schneit. Immer wenn ich hier anreise, schneit es, möchte ich meinen. Sehr oft jedenfalls liefen wir den allerersten Tag gemächlich durch ein Schneewirbeln. Wie eine sanfte Hilfestellung beim Ankommen in der äußeren Ruhe, wenn nichts anderes möglich ist als im frischen Schnee zu treiben, um nicht von der häuslichen sogleich in eine Feriengeschäftigkeit zu fallen.

Es schneit also. Wir spuren uns durch das frische Weiß. Lassen Flocken auf Händen, Gesicht und Zunge schmelzen. Weg sind sie. Oder? Denke ich gleich darauf.
Ich laufe mit geschlossenen Augen, höre jede Schneeflocke auf der Jacke landen und spüre den Wind, wie er sich Einlass in die Kapuze verschafft. Wenn es weich unter den Schritten wird, bin ich von der Straße nach rechts oder links abgewichen, es ist leicht zurückzufinden, auch beschuhte Füße haben Tastsinn. Die Geräusche des Ortes verlaufen diffus in der Ferne, das weiche Nebellicht zeichnet wandelnde Muster auf meine Augenlider. Wieviel doch hindurchdringt … vom Licht durch die geschlossenen Augen, vom schneidenden Wind durch den dichten Anorak, vom Dorfrauschen durch das Schneegrieselpochen.

Offensein. Durchlässigkeit.

Doch auch: Wieviel hindurchdringt vom Alltagswirbeln in das Hiersein, vom lange nicht abgetragenen mentalen Packsack in die vermeintliche Gelöstheit der Ferientage, von längst vergangen geglaubten Zeiten in mein Jetzt.
Jeder Schritt bohrt die Dinge tiefer in mich. Ich bin wund. Ein steinerner Klumpen dicht am Herz.
So wenig Abschirmung, so wenig Grenzen, so wenig Schutz.

Suche ich Abgrenzung? Nur die eine Form, die andere nicht? Oder die eine wie die andere?

Und was löst der Schnee in mir aus?
Ich erwarte ihn als bereinigt vom Vergangenen. Setze ich ihn meinen Erwartungen zu sehr aus?
Welche Spuren trägt er, die doch eigentlich in den Sommern geschmolzen sein müssten?

Schritte der Einsamkeit.
Angst vor Vereinnahmung.
Dialoge, in denen Nichtnahekommen sichtbar wurde.
Erstarrung und Mauernbau.
Maske und Immer-schön-lächeln.
Hochglanzfotos von alpenglühenden Bergen an Schneereinweiß.
Verkennen und verleben.
Unfähigkeit für das Einfachste.
Ratlosigkeit und Nichtahnen, wie es überhaupt gehen soll.
Tage der Illusion und der Desillusionierung.
Knallhartes Erkennen.
Versagen und Verantwortungsverweigerung.
Sterben und Gestorbenes.

Wie viele Wege ich hier ging.
Die Pfade wissen alles von mir. Ihr Schnee schleudert es mir erbarmungslos ins Gesicht.

Ist Schmelzen eine Illusion? Trägt Schnee die eingespurten Muster für immer in sich? Gibt es am Ende gar keine Schneeschmelze?
Wie will ich weiterleben?

Krank

Wahrscheinlich soll ich das lernen, das Annehmen. Mich verlangsamen oder gar anhalten zu lassen von den Bedürfnissen meines Körpers, ihnen nachspüren und nachgeben. Ein wirkliches Übefeld für mich. Und deswegen – oder warum auch immer – kam heute das Kranksein erneut zu mir, nach nur wenigen Tagen Gesundgefühl.

Es fängt an wie vor drei Wochen. Gestern Kratzen im Hals, Kopfschmerzen, eine leise Ahnung. Heute Schmerzen beim Sprechen, und sobald mein Unterricht um war und ich mich auf einen Stuhl im Lehrerzimmer fallen ließ, dieses Schlappgefühl. Zu Hause dann Bett, Bett, Bett, ein Nachmittag voller Schlaf. Im Wattegefühl, mit wirr-bunten Träumen, jedoch ernüchterndem Hals-, Glieder- und Nasenweh beim Aufwachen – Ihr kennt das.
Wenn es so weitergeht wie letztes Mal, werde ich morgen, vielleicht unter Tabletten gesetzt, noch halbwegs in der Lage sein, meine einstündige Unterrichtsprüfung abzunehmen. Ich muss ja nur kurz zuhören und dann benoten, nicht viel sprechen, nicht stehen.
Ja, ich weiß, krank ist krank. Krank wäre krank. Aber … Morgen ist jedenfalls machbar, ich gehe jetzt ja gleich wieder schlafen.

Und dann schaue ich. Wenn es morgen Abend nicht besser ist, dann bleibt ja noch der Freitag zum Krankmelden. Ich fange schon mal an, mich dazu durchzuringen, das braucht eine Weile. Immerhin ist Elternsprechtag, das schlechte Gewissen pocht. Andererseits: fünf Stunden Unterricht und dann zwanzig Gespräche in fünf Nachmittagsstunden ist schon in gesundem Zustand für mich kaum zu schaffen. Wenn es also nicht geht, geht es nicht. — Ich schreibe das extra hier schon hin, um der Entscheidung nicht wieder auszuweichen:)

Und ja, es wäre eigentlich normal, sich um sich selbst und seinen Körper zu kümmern, auf sich aufzupassen, sich dem Ruhebedürfnis zu widmen und sich selbst hierbei das Wichtigste zu sein. Allein: ich kann das nicht. Pflichtgefühl und sogenannte Disziplin, gepaart mit einem Ich-schaffe-das-schon-irgendwie-Wahn. Auch das kennt Ihr. Jedenfalls einige von Euch.

Wenn ich mich also diesmal wirklich besser um mich kümmern werde als letztes Mal und schon so häufig, dann hat das erneute Kranksein etwas erreicht. Und wenn nicht … dann werde ich also neuerliche Grippeanflüge brauchen. Nur falls ich mich dann wundern sollte, warum es mich wieder erwischt.

So lange, bis ich’s verstanden haben werde.

Der einzig wichtige Schritt

Du brauchst aus deinen Kindern
keine wundervollen Menschen zu machen.
Du musst sie nur daran erinnern,
dass sie wundervolle Menschen sind.
Tust du dies konsequent
vom Tag ihrer Geburt an,
fällt es ihnen leicht, es zu glauben.

Du kannst anderen Menschen
deinen Willen nicht aufzwingen.
Du kannst deine Kinder
auf dem Weg zur Reife nicht antreiben.
Der einzig wichtige Schritt
auf der langen Reise ihres Lebens
ist der nächste, winzig kleine.

(William Martin: Das Tao te king für Eltern)

Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten beiden Jahren begann ich unter derselben Überschrift etwa um dieselbe Zeit hier mit diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig …“
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)
So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre erfüllt haben, ein wenig? Darüber mag ich heute nicht zu tief nachdenken. Möglicherweise öffnete sich damit eine Spirale des Zweifelns und des Haderns. Lieber lasse ich das soeben Gelesene in mir stehen – die Texte finden sich hier und hier -, als Brücke zu meinem heutigen Ich. Man darf sich Dinge ruhig wieder und wieder wünschen, das Ganze ist ein Weg. Ein ewiger, möglicherweise, aber ein Weg.

Wieder also stehe ich vor einer unberührten Jahresfläche, mit konkreten Wünschen, aus meiner derzeitigen Lebenssituation geboren.

Ich wünsche mir, das kann man nicht oft genug sagen, gesund zu bleiben. Der Blick zu nahen und fernen Menschen meines und jüngeren Alters zeigt: es ist nicht selbstverständlich. Das war es noch nie. Es wird mir nur mit jedem Lebensjahr bewusster.

Ich wünsche mir, mich meiner Bedürfnisse annehmen zu können. Ebenfalls ein „ewiger“ Wunsch. Sie zu erspüren, darin fühle ich mich weiter als noch vor ein paar Jahren. Ihnen Stimme zu geben allerdings, Raum und Ausdruck und Gestalt zu verleihen, das bleibt ein intensives Übungsfeld. Dazu gehört auch, dass ich es irgendwann schaffe Verantwortung abzugeben, wo sie meine nicht ist.

Ja, das Stimmegeben überhaupt. Ich wünsche mir mehr Mut zur Öffnung und Offenheit in Begegnungssituationen. Ich möchte nicht immer nur dem inneren Fluchtreflex nachgeben, wenn Kommunikation schwierig zu werden scheint, möchte mich in so mancher Situation nicht länger verschlossen zeigen. In einer jeden Begegnung, selbst dem Alltags-Smalltalk, die Chance eines wirklichen Aufeinanderzus zu finden, das würde ich gern lernen.

Dazu gehört wohl auch das Loslassen von Bewertungsmustern. Wieviele das sind, durch die ich täglich auf die Welt blicke, auf nahe und ferne Menschen in ihrem Sosein, das wird mir bewusst, wenn ich nur wenige Stunden lang meinen Fokus darauf richte. Urteile und Wertungen verletzen nicht nur das Gegenüber, sie halten auch mich selbst gefangen, verhindern Öffnung und ein Miteinander in tiefem inneren Frieden. Ich wünsche mir Wertungen loslassen zu können. (Dass sie oft mit mir selbst zu tun haben, dass ich aggressiv insbesondere bei den Dingen reagiere, die in mir selbst stecken, dies ist mir bewusst. Es sind wichtige Fingerzeige. Umso wichtiger und dringlicher meine Sehnsucht, mich versöhnlich gegenüber Fremdem zeigen zu können.)

Versöhnlichkeit wünsche ich mir auch gegenüber meinen Alltagsbergen. Diese enthalten viel Potential, mich in unguten Emotionen zu verlieren. Ich wünsche mir die Fähigkeit mehr und mehr bei mir zu bleiben. Ich würde gern mit derselben meditativen Gelassenheit, mit der ich Knöpfe annähe, Korrekturstapel abarbeite oder Acrylfarbflecke im ganzen Haus wegwische, auch das alltägliche Kinderzimmerchaos, die Stapel an lebensverwaltenden Organisationsdingen – Versicherung, Beihilfe, Ämter, Termine und Co – und die selbstnachwachsenden Wäscheberge angehen, um nur mal meine Schlechte-Laune-Generatoren ersten Ranges zu nennen. Die sich daran stets anschließenden Ungedulds- und Ungehaltenheitswellen innerer und äußerer Ausprägung hätte ich gern niedriger, sie brauchen ja nicht gleich ganz zu verschwinden.

Letztes Jahr schrieb ich, ich sollte vom To-do-Listen- auf ein Done-Listen-Gefühl umstellen, um nicht permanent die Berge und damit die Unzulänglichkeit vor mir zu sehen, um damit nicht dauerhaft in der immer schon verplanten und gefüllten Zukunft zu leben. Zwar geht es nicht ohne Listen – mein Gedächtnis reicht nicht für die täglich tausend Details in allen Alltagsbereichen -, aber das Gefühl umzustellen, dies ist ein immer noch dringlicher Wunsch. Nicht permanent zu sehen, was noch ansteht, sondern abends dankbar zurückzublicken: Was der Tag alles enthielt, wie reich er gefüllt war, wie satt ich in ihm werden durfte.

Diese reiche Fülle wirklich und intensiv zu leben, dies wünsche ich mir. Ohnehin muss ich meine verschiedenen Seelendinge allesamt etwas zähmen, ein Leben reicht nicht für die Musik, die noch zu spielen wäre, für die Schreibe- und Lesewelten, die ich mir noch öffnen würde, für all die Luft, die noch zu atmen ich ersehne. Ich wünsche mir den rechten Blick dafür, was in welchem Augenblick jeweils zu leben ist. Und es dann zu schaffen, mich in einem jeden Moment dem hinzugeben, was dieser sich als Seinszustand gewählt hat – wenn ich lese, wirklich im Buch zu sein, wenn ich musiziere, wirklich in der Musik zu sein, wenn ich fotografiere, wirklich die Augen dem Bildlichen zu widmen – und nicht immer schon innerlich vorauszueilen, zu schwanken zwischen Verschiedenem, zu hadern und zu springen. So gern würde ich es vermögen, mich wirklich und mit Allem in die Augenblicke hineinzubegeben.

Und ja, ich wünsche mir Kraft. All das, was hier ringsum zu leben ist, benötigt große Mengen davon. Ich würde gern mehr und mehr einen gangbaren Weg für meinen Alltag finden: mit den notwendigen Stillezeiten, den immer dringlicher werdenden Erholungspausen – ich spüre seit 2-3 Jahren die sich ansammelnden Lebensjahre deutlich -, dem verlangsamten Tempo und dem Mut mich zurückzuziehen, wenn ich es brauche. Mit mir selbst in dieser Hinsicht behutsam umzugehen kostet mich viel Kraft. Von der hätte ich gern immer ein Quäntchen im Vorrat.

Ich wünsche mir Musik – mir und uns, auf welchen Instrumenten auch immer Du und Ihr und ein jeder und eine jede glücklich zu werden vermag – ich wünsche uns allen ein Lebensorchester voller Beseelung.

Und Frieden wünsche ich mir und uns – Hoffnung und Zuversicht für das kleinere und größere Weltgeschehen. Möge uns nie der Mut verlassen, kleine eigene Schritte zu gehen, oder sie für den Anfang auch nur zu träumen.

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Abschließen möchte ich sie mit denselben Worten wie den vergangenen Jahrestext:


Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


Pausiertes

Wie ungewohnt das für mich ist: am Abend nicht an den Schreibtisch gehen. Mein Alltagsleben spielt sich seit nunmehr Jahrzehnten permanent rund um dieses hölzerne Rechteck auf vier Beinen ab, es gibt kaum Tage und Tageszeiten – Ferien und Urlaube ausgenommen – in denen ich nicht um diesen Ort kreise, und sei es auch nur in Gedanken mit Ich-müsste-, Ich-könnte- oder Ich-will-Färbung.
Immer mal wieder wurde und wird mir das bewusst, immer häufiger irritiert es mich. Denn selbst neben einem Traumberuf – das ist er zweifellos und bislang fast ohne Einschränkungen – wollen andere Orte gelebt werden, Sehnsuchtsorte zumal, wollen Zeiten mit Anderem gefüllt werden. Oder einfach nur leer bleiben. Und zwar bewusst und gewählt, und nicht aus reiner Eschöpfung. Und so übe ich daran, mir solche Zeiten zu schaffen, genauer zu spüren, wann und wie intensiv ich sie brauche – und möchte – und im Alltag ausgewogener unterwegs zu sein.

Gestern dann, zum Beispiel. Ein ewig langer Schultag, neun Stunden im Schulhaus, sechs bis sieben davon vor der Klasse, ein Elterngespräch, etliche Absprachen, viel Organisatorisches und kaum Mittagspause. Und doch immer noch lange nicht alle Schuljahresstartdinge erledigt.
Ich fahre müde nach Hause, radle an solchen Tagen langsam und tief atmend meine wenigen Kilometer, und wälze im Kopf schon wieder den Abend. Nach dem Essen, wenn die Kinder eh in ihre Zimmer verschwinden, könnte ich die längst fälligen Listen abtippen, die Stoffverteilung anpassen und versenden, der F. wartet ja schon, die Notentabellen auf die neue Skala formatieren, lauter so Sachen, zu denen auch ein müder Kopf noch in der Lage ist. Automatisch springen mir diese Punkte meiner To-do-Liste in den Blick, zumal ich für morgen keinen Unterricht mehr vorzubereiten habe.
Doch dann bin ich zu Hause. Niemand da, alle im Musikunterricht. Eine Kaffeemaschine. Eine Terrasse mit Stuhl und Tisch. Ein milder Himmel. Ein Buch. DAS ist meine Übungschance. Nicht die Tasche ins Arbeitszimmer tragen. Nicht die Unterlagen ausräumen. Nicht bei der Gelegenheit noch eben schnell eine Notiz machen. Nicht die Mailbox abrufen, weil doch sicher … Und: auch nicht die Wäsche im Haus zusammensuchen und in die Maschine stopfen. Nein. NEIN.
Terrasse. Himmel. Kaffee. Buch. Jetzt.

Für gestern und heute habe ich es geschafft. Der Abend war lang, ich las oder las nicht, je nach minütlicher Stimmung. Irgendwann kamen die Kinder, wir aßen in Ruhe, sie erzählten ein paar Dinge aus der Schule, wir kruschtelten in der Küche. Als alle schlafen gegangen waren, stellte ich den Kaffee für morgens auf. Spielte etwas Klavier, seit der Reise tue ich dies wieder. Las weiter. Oder nein, eigentlich kaum, ich saß eigentlich nur da und sann vor mich hin.
Ebenso begann der heutige Tag. Bevor ich die Kinder weckte, setzte ich mich nach draußen, es war kühl und gleichzeitig wärmend, dort draußen im Morgenerwachen. Die Kinder standen nach ein paar Weckanläufen auf, verschwanden alsbald in die Schule. Und ich blieb da. Heute ist Heimarbeitstag, weil mein zweiter Dienstort nach den Ferien noch nicht wieder begonnen hat. Es blieben weitere ruhige Stunden zum Pausieren. Erst wenn ich hier auf „Veröffentlichen“ gedrückt haben werde, wird es an den Schreibtisch gehen.

Warum ich davon schreibe?
Weil es eines meiner Hauptthemen ist: Auf dem schmalen Grat zwischen zuviel und zuwenig Widmung für den Beruf meine eigene Verortung zu finden. Ich drohe ja überwiegend in die erste Richtung abzurutschen. Und zwar nicht nur punktuell, sondern vermutlich auch auf lange Sicht, Selbstschädigung nicht ausgeschlossen. Ich muss mich den Übungen, mit denen ich mich selbst schütze, also intensiver widmen. Je älter, umso mehr. Je mehr andere Sehnsüchte, ebenfalls umso mehr.
Und weil mir – ein Nebeneffekt, ein sehr augenöffnender – ausgerechnet gestern Abend und heute Morgen, während dieser Zeiten des Nichtstuns, einige sehr neue Ideen zufielen.
Etwas Grundsätzliches für meinen Physikunterricht, mit dem ich latent unzufrieden bin. (Und nicht nur ich.) Ein Ansatz für ein neues Ritual, dessen Einführung vielleicht in kleinen Schritten lösen könnte, was mich lange schon beschäftigt. Es wird zu konkretisieren und auszuarbeiten sein, aber es hat Potential, glaube ich.
Etwas sehr Konkretes für meinen morgigen Mathekurs, eine Lösung vielleicht für die Situation, die sich in der Freitagsstunde gravierender als in den Vorjahren gezeigt hat, die mit dem Unterrichtsplan der bisherigen Kurse nicht zu bewältigen sein wird. Also braucht es einen anderen Zugang zum Thema.
Etwas noch Diffuses für unsere 5er-Klassensituation, an der wir seit erst sieben Tagen, aber dafür umso intensiver, arbeiten und wirken.
Lauter so Ansätze. Siehe da, sie kamen mir, ganz unerwartet, während ich in den Himmel und ins Nichts blickte.
Das ist wohl kein Zufall.
Es braucht die leeren Zeiten, um Fülle schöpfen zu können.

 

Reiseweise

Nun bin ich zu Hause, in den Alltag hineingestolpert, schneller und heftiger, als es mir am Sonntag vorstellbar war. Während ich morgens im Garten saß, ruhig, schweigend, nichtstuend, nach meiner ersten Freiluftnacht zu Hause, noch bevor die Kinder heimkamen, noch ohne dieses To-do-Korsett im Kopf, innerlich noch ganz reiseruhend, da hatte sich der Alltag, obwohl er unmittelbar vor der Tür stand, in eine unendliche Ferne verschoben. Nicht als Realität, die ja doch in wenigen Stunden beginnen würde, sondern als innerer Zustand.
Alltag ist innerer Zustand. Reisen ist innerer Zustand. Gehetztsein ist innerer Zustand. Ruhe ist innerer Zustand. Eine Polarisierung, die sich in mir selbst bildet, nicht durch das äußere Geschehen. Wie klar mir das war, als ich auf der Sonnenterrasse saß, damals. Damals vor fünf Tagen

Und nun ist es soweit: Es ist Alltag. Im Äußeren, das lässt sich nicht abstreiten. Knall auf Fall ging das. So ist Schuljahresanfang ja immer, und diesmal ist es noch ein wenig heftiger. So dass – unter anderem – vor diesem ruhigen Vormittag jetzt am Donnerstag noch kein einziges Minütchen blieb, um mich zu besinnen, wer und wo und wie ich bin.
Und doch.
Doch, spüre ich, hat mich mein Sonntagmorgengefühl nicht getäuscht. Es ist anders als sonst zu Schuljahresbeginn, es ist anders als vor den Ferien, es ist tatsächlich etwas im Innern verblieben von meinem Unterwegssein. Ich lebe weiter in einer Reiseweise, oder sagt man: auf Reiseweise?
Äußeres Indiz ist für mich ganz klar: ich habe keine Kopfschmerzen. Kopfschmerz ist mein übliches Symptom der ersten Schulwoche. Der Kopfschmerz gehörte dazu wie der neue Stundenplan. Von der ungestümen Beschleunigung, der fordernden Aufgabenvielzahl und -vielfalt, der plötzlichen Begegnungsdichte bekam ich im Laufe der ersten Woche immer immer Kopfweh. Diesmal kommt noch die Hitze dazu, wir werden gut gargekocht hinter unseren Glasfenstern auf der Südseite, diesmal kommt eine schwierige Klassenkonstellation mit unerwarteten Anforderungen hinzu. Und dennoch: mein Kopf fühlt sich ruhig und sanft an.
Und: ich habe keine Herzrasensmomente. Auch dieses geschah mir immer. Wenn die andrängenden Haufen zu dicht wurden, wenn ich meinte, mein Tempo erhöhen und gleichzeitig an allen Fäden knüpfen zu müssen, so dass letztlich keiner mehr in Ruhe verarbeitet wurde, dann immer gab es diese Klopfzeichen aus der Brust. Diesmal nicht. An keinem einzigen Tag, in keiner einzigen Situation.
Selbst in der hochkomplexen Klassensituation, in die wir geworfen wurden, schaffe ich es im Moment noch, den Kopf oben zu behalten, meine Kollegin aufzumuntern, Ideen zu entwickeln, die Dinge mit Zuversicht in die Hand zu nehmen und dabei zu lächeln. Sogar das. Obwohl es eine wirklich herausfordernde, arbeitsintensive und traurigstimmende Konstellation ist.

Warum mag das so sein? Ist eine Reise, wenn sie nur doppelt so lang währt, gleich zehnmal so nachhaltig? Oder sind das die Reiseveränderungen all der Reisen, all der Jahre, die plötzlich gesammelt zum Tragen kommen? Oder wird es nur kurzfristig so sein? (Das hoffe ich natürlich nicht.)
Ich lebe ja schon noch ein wenig reisend. Schlafe seither draußen, nicht im Zelt, sondern unter freiem Himmel. So kann ich nachts weiterhin freie Reiseluft einatmen.
Habe meine Radtaschen noch nicht vollständig ausgepackt, nehme immer wieder ein Päckchen in die Hand, verräume all das Gegenständliche erst Schritt für Schritt.
Auf dem Boden liegen die Radkarten ausgebreitet, ein Netz aus gelben Linien – die abgefahrenen Routen – bildend. Die Kamera liegt auf dem Tisch, die Fotos auf ihrer Speicherkarte bereithaltend, noch gänzlich unbetrachtet. Das Zelt räkelt sich, schon längst trocken, im Garten. Das Rad ist und bleibt ungeputzt, gibt der Schulbluse ein wenig Staub von der Altmühl und der Bürotasche eine Spur Donauschlamm ab, und wenn es heimwärts bergauf leicht knirscht, ist das der märkische Sand im Getriebe. Da ist noch so viel offenes Reiseende.

Bedeutsamer aber ist, dass meine innere Reiseweise bislang nicht versiegt ist.
Die Dinge nach und nach, Tritt für Tritt, wie auf einer Perlenkette aufgefädelt erleben, das zum Beispiel. Ein Teil der Alltagsüberforderung besteht ja gerade in permanenter Gleichzeitigkeit von viel zu Vielem. Während dieser Tage meine Hände bewusster über die Gegenstände streichen, wie als würden sie nach wochenlangen Lenkergriffen das Gegenständliche des restlichen Universums erst wieder ertasten wollen, in bewusster Langsamkeit und mit innehaltenden Pausen versehen, gehe auch ich im Ganzen, mit Kopf und Herz und allem, langsamer, innehaltender und vor allem Schritt für Schritt durch die Dinge. Oft erlebte ich mich anders, oft sprang ich von einem zum anderen, zum einen zurück, zum dritten mal eben auch noch, und dann sowieso, das vierte kann man mit dem Stift schnell bearbeiten, während der Kopf schonmal ins fünfte lugt usw. So bin ich, so war ich oft. Im Moment ist es anders. Das erste darf das erste sein, und das siebzehnte das siebzehnte.
Dazwischen finde ich in Pausen hinein. Gestern im Lehrerzimmer, eine Viertelstunde mein aufgewärmtes Essen am Tisch essen, nicht mit den Kollegen reden, nicht lesen, möglichst wenig grübeln, sondern: essen. Abends, die Arbeitstage sind derzeit elend lang, gegen neun Uhr müde sein, mich mit der Tochter aufs Bett legen, sie in den Schlaf plaudern, und anschließend sofort selbst hinlegen. Wie oft konnte ich mir dies nicht gestatten, im Moment kann ich es. Die Arbeitszeit nach Stunden einteilen, nicht nach Fertigwerden. Also: wenn es zehn Uhr ist, ist Schluss. Und nicht, wenn die Listen fertig sind. Und so weiter und so weiter.
Es sind diese kleinen Momente, die das Ruhebett bilden für den Tagesfluss.

Überhaupt, ich bin bedürfnisspüriger. Eine so eindrückliche Reiselehre war das, wie ich über Wochen intensiv wahrnehmen konnte, wann ich Bewegung wann Ausruhen, wann Essen wann Trinken, wann Lesen wann augenschließendes Träumen, wann ein Gespräch wann Schweigen brauchte.
Ein Teil dieser Spürigkeit ist mir für den Moment geblieben. Sonst würde ich nicht den halben Vormittag schon sitzen und schreiben, einfach weil es mich drängt, sondern würde mich „vernünftig“ meiner Arbeit zuwenden. Sonst würde ich nicht mehr schlafen, mehr trinken, anders essen als sonst. Sonst hätte ich nicht die Klarheit in mir gehabt, die Begegnung abzusagen, die mir sehr am Herzen gelegen hatte und liegt, einfach weil der Raum dieser Woche nicht genügt, um ein Treffen in Ruhe – und nicht übers Knie gebrochen – zu erleben. Sonst würde ich zwischen den vielen Aufgaben dieser Tage nicht immer wieder sitzen, stehen, liegenbleiben, den Blick auf Wolken oder Bäume gerichtet, ohne irgendetwas zu tun.
Kurzum: Sonst wäre ich schon viel weiter in meinem Ankommen im Schuljahr. Inklusive Kopfschmerzen, Herzrasen, erster Ungeduld den Kindern gegenüber und der ach so modernen Floskel „… als hätte ich gar keine Ferien gehabt …“ auf den Lippen.

Vielleicht wird das ja doch noch was mit mir und meiner Reiseweise durchs Leben? Vielleicht werde ich ja doch noch reiseweise?

 

Der Weg wird

Da teilst Du ein Stück Alltag. Es platzt einfach aus Dir heraus, weil am Morgen das Fass überläuft, weil die ganze Suppe mal wieder über den Rand trieft. Aus jenem Fass, welches ohnehin ständig bis zur Kante gefüllt ist, welches Du nur mit Mühe immer wieder oberflächlich leerst, so dass es gerade so geht. Gerade so, unter Aufbietung aller Kräfte. Nun also, am Morgen, läuft es über, mal wieder.

Du teilst Dein Stück Alltag, verpackst es in eine rhetorische Frage, und denkst schon gar nicht mehr daran, als Du zur Arbeit losfährst. Es ist ja doch zu sehr Dein ewiger Alltag, es sind Deine gewohnten, nie in Frage gestellten, jedenfalls nie abgeschüttelten Rituale.

Und dann geschieht, woran Du nicht ansatzweise gedacht, womit Du  überhaupt nicht gerechnet hast. Du wirst gelesen. Und nicht nur das – Dir wird geantwortet. Du entdeckst dies nach der Schule. Starrst auf all die Mitteilungen, all die Textstückchen, in denen rückgefragt, von Eigenem erzählt, Erfahrungen geteilt werden. Du antwortest zögerlich, gibst ein paar Details preis, wirst immer offener … und erhältst im Dialog immer mehr zurück. Es wird gefragt, wieder und wieder, und jedes Mal weisen die klitzekleinen Gesprächsfäden woanders hin. In Richtungen, an die Du schon längst gedacht, sie probiert, als aussichtslos verworfen hast. Aber auch in Richtungen, die neu sind oder wären, wenn Du denn den Mut hättest, Dich hineinzubegeben.

Vieles kommt zu Dir. Fragen, vor allem die Fragen sind es, die Deine Gedanken in Bewegung setzen, und Deine Emotionen mit ihnen. Da wird Schmerz wach, vergangener und zukünftiger. Es rüttelt Dich durch und durch, in diesen heftigen Nachmittagsstunden. Damit hattest Du am Morgen nicht gerechnet.

Was bleibt? Das, was ein Gewitter immer hinterlässt: Etwas Reinigung, etwas Klärung, fürs Erste im Inneren. Die Bewusstwerdung, dass es Zeit ist. Und dass wohl auch Hilfe nötig sein wird. Dass es Hilfe gibt, das auch. Dass zum Beispiel Gespräche helfen. Schon diese schriftlichen Minigespräche am Nachmittag, die haben Dich ein Stück zu Dir geführt.

Du bist dankbar für diese heftigen Stunden und das, was sie mit sich gebracht haben. Und Du hoffst, dass der Tag ein Schritt war. Einer von wer weiß wie vielen, auf einem wer weiß wie langen Weg. Dass es endlich-endlich weitergehen muss, und wird!, das steht an diesem Nachmittag klar vor Dir. Du spürst eine Kraft in Dir, für weitere Schritte, für Spagate, für Abgründe auch. Wer weiß schon, was kommen wird. Aber Kraft, die kann nicht schaden. Die nimmst Du Dir mit aus diesem Nachmittag.

Als es dann Abend wird und Du wieder zu Hause bist, läuft das Fass erneut über. Ein ähnlicher Anlass wie am Morgen, eine ähnliche Konstellation. Nicht zufällig wohl. Denn Du hörst Dich mit fester Stimme das Deine darlegen. Deine Sicht, Deine Grenzen, Deine Position. In klarer und ruhiger Form – Du staunst. Du staunst noch mehr, als Du genau dieses kurz darauf der Freundin am Telefon wiedergibst. In ebenso klarer und fester Form. Die Freundin staunt auch: Was ist denn mit Dir passiert?

Och, Du sagst lieber erstmal nichts. Registrierst, dass Dein Sagen gehört und angenommen wurde, für den Moment. Ob mit knirschenden Zähnen oder nicht, das weißt Du nicht. Es ist Dir aber auch egal. Ohnhin musst Du jetzt endlich – der Tag ist ja fast vorbei – ein bisschen Schule vorbereiten. Spät ist es geworden für Deine Vorbereitungen. Aber das ist heute egal. Du hast an diesem Tag etwas anderes geschafft.

Ja, Du hast ein bisschen Arbeit im Innern geleistet. Du siehst es Dir selbst an. Aus Dir leuchtet plötzlich wieder die kleine Ahnung, die Dir lang verborgen war. Die Ahnung nämlich, dass der Weg sich Dir zeigen und öffnen wird.

Ja. Da ist Zuversicht.
Der Weg wird.

Danke.
(Insbesondere an alle, die hier heute – und überhaupt – beteiligt waren.)

 

Badezimmerspiegeltropfen

Wäre ich ein solcher, dann würde ich dort wohnen, auf dieser spiegelnden durchsichtigen Fläche des nacktesten, oft kleinsten Raums im Haus. Ich wäre selbst nahezu durchsichtig, fast unsichtbar, jedenfalls: unscheinbar.
Was aber würde sich mir nicht alles zeigen, mir winzigem Tröpfchen dort auf dem Spiegel.
Vielleicht bin ich ja ein solcher, so ein Tropfen, so ein winziges Tröpfchen?
Und sehe Dich?

Ich sehe Dich, wenn Du vor dem Spiegel stehst, in Deiner vollen Nacktheit. Oder eben in der Blöße, die Du Dir zu geben meinst, wenn Du vor Scham, Dir selbst nicht ohne Hüllen gegenübertreten zu können, kein einziges ungeschütztes Zentimeterchen Deiner Haut öffnest.

Ich sehe Dich in Deinem Mühen, morgens die Masken aufzutragen, die geschminkte Fassade, die dem Tag und seinen Situationen angepasste Frisur, all das, womit Du die Furchen und Schrammen und Narben Deiner Ungeschütztheit zu verbergen hoffst.

Ich sehe Dich in Deiner größten Müdigkeit, wenn Du morgens gerade Deine Höhle des Schlafs verlassen musstest, oder wenn Du abends kurz davor bist, wieder hineinzufliehen.

Ich sehe Dich in einem Zustand Deines Seins, in dem Du Dich niemandem, wirklich gar niemandem zeigen möchtest, in dem Du allzu oft die Tür hinter Dir verschließt.

Ich sehe Dich Tränen aus den Augen waschen, und Flecken wegreiben, und Spuren verwischen, all das.

Ich sehe Dich mal verzagt zweifelnd, mal blind wütend Dein Spiegelbild anschauen. Du schaust entsetzt beiseite, Du kannst es nicht lieben, wirst es nie im Leben zu lieben lernen.

Und plötzlich, eines Tages, sehe ich Dich staunen. Du staunst über Deine eigene Nacktheit, darüber, dass und wie Du sie zulassen kannst. Ich staune mit Dir.

Und ich sehe Dich lächelnd auf ein Stück Panzer verzichten. Nicht nur, weil der Kajalstift eh gerade aufgebraucht ist.

Ich sehe Dich, wie Du Dir Deine Müdigkeit beginnst zuzugestehen, wenigstens in jenem letzten Moment am Abend, in jener ersten Morgenstunde, in der niemand sonst Dich zu Gesicht bekommen darf.

Ich sehe Dich mutig einen anderen Menschen in Deine Nähe lassen, in Räume, die Du meintest ein Leben lang niemandem mehr öffnen zu können.

Ich sehe Dich ehrlich Deine eigenen Tränen betrachten, und Du sagst zu ihnen: Da seid ihr ja. Willkommen in mir.

Ich sehe Dich im Spiegel erkennen: Dich, Dich selbst, Dein Bild. Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Und doch ist ein Bild ein Du, ist ein Ich.
Ein Ich, das sich selbst zulächeln darf.
Ich sehe Dich.

Ja, so ist das. Ich sehe Dich.
Es ist ein gar wundersames Leben als Tröpfchen auf dem Badezimmerspiegel.

 

Was wir wohl wissen?

Er ist Arzt, der Freund, Spezialist für eine bestimmte Erkrankung. Genauer: Er ist DER Experte für diese Erkrankung, an einem bekannten Klinikum in einer großen Stadt. Einer, bzw. DER, an den sich die Kollegen der Stadt – und darüber hinaus – wenden, wenn sie bei einem „Fall“ nicht weiterwissen. Einer, der in seinem Bereich mehr kann und weiß als die meisten seiner Kollegen.
Nicht, dass er uns dies in den Jahren unserer Freundschaft so dargestellt hätte. Nein, seine Arbeit war nie ein großes Thema in unseren Gesprächen. Und wenn, dann sprach er darüber in bescheidenen Worten, immer mit einem leicht ironischen Seitenblick auf sich selbst. Nur zwischen den Zeilen ließ sich ablesen, welch bedeutenden Namen er auf seinem Gebiet hat.

Vor einigen Monaten nun wurde er mit „seiner“ Erkrankung am eigenen Leibe konfrontiert. Wir wussten dies noch nicht, als wir uns kürzlich wiedertrafen.
Er erzählt. Von seinem Erleben des Krankseins. Unweigerlich erzählt er dabei von seinem Arztsein. Weil es nämlich in diesen Monaten untrennbar mit seinem Kranksein verschmolz.

Er erzählt von seiner Arztsuche: Wie einen Arzt finden, dem er vertrauen kann, und gleichzeitig: der sich traut, ausgerechnet ihn zu behandeln?
Niemand wagte dies. Die Spezialisierten scheuten sich, zitterten vor eigenen Behandlungsfehlern oder auch nur der eigenen Unsicherheit. Es ging ja nicht nur darum, sich vor dem „Meister“ die Blöße zu geben; es ging letztlich um Leben und Tod.
Er selbst hatte lange keine Idee, von wem er sich behandeln lassen sollte. Eine kaum zu lösende Aufgabe.
Letztlich lief es darauf hinaus, dass er die meisten Behandlungsentscheidungen selbst traf. Und sich dabei – aus einer Intuition heraus – auf die Station und in die Hände eines älteren Kollegen aus einem benachbarten Spezialgebiet begab. Damit jemand von anderer Seite, mit dem unverbildeten, offenen Blick eines „Unkundigen“ und dennoch professionell auf ihn schaute.
Wie erhellend dies war, sagt er. Durch die Beobachtungen und die Erfahrungen des „fachfremden“ Kollegen, im Dialog mit diesem wurden ihm Aspekte seiner Erkrankung bewusst, die er noch nie im Leben auch nur erahnt hatte. Neue Blickwinkel, ergänzende Sichtweisen, ein abgerundeteres Bild als je zuvor öffnete sich ihm:
„Ich wusste nicht, dass ich so vieles nicht weiß.“

Er erzählt von seiner Therapeutensuche: Wie sich auf Therapien einlassen, bei denen man schon vorher jeden Schritt durchschaut und sich mit dem Kopf daher selbst im Weg steht?
Eine jede physiotherapeutische Übung etwa, erzählt er, wurde durch seinen Kopf torpediert. Ratterte dieser doch permanent quer durch sein Wissen, deckte alle Tricks und Schliche der Therapeuten auf, mit denen diese – nach Lehrbuch – hofften, seinen Körper wieder in gewohnte Gänge zu bringen. Ein solcher Kopf vereitelt in der Regel einen großen Teil der Wirksamkeit.
(Ich erinnere mich an diese Erfahrung aus eigenem Gesangsunterricht. Sobald ich durchschaut hatte, worauf es hinauslaufen sollte, wurden alle meine technischen Bemühungen unwirksam. Ich war eine komplizierte Gesangsschülerin.)
Er jedenfalls quälte sich von wirkungsloser zu noch wirkungsloserer Therapie. Bis er eines Tages auf einen fast schon steinalten Physiotherapeuten traf, der ihm viele Lebensjahre und einen Berg weiser Erfahrung voraushatte. Der das grundlegende Problem erkannte und es vermochte, im Kopf querstehende Hindernisse zu umschiffen – mit Übungen, die selbst dem Experten nicht preisgeben, worauf sie hinauslaufen, die völlig fernliegende Bewegungsmuster wachrufen, die den Fokus nicht auf Einschränkungen, sondern auf Vermögen richten, die – so übersetzte ich die Erzählung für mich – vom unbedingten Willen zur Gesundung ablenken.
Ich verstehe von all dem wenig und konnte nur gebannt zuhören, wie der Experte von seinem Meister erzählte. Wie er staunt:
„Ich wusste nicht, dass ich so vieles nicht weiß.“

Er erzählt von seiner Rückkehr in die Klinik, auf seine Station, als Arzt nun wieder: Wie mit immer noch stark eingeschränkter Gesundheit von den Kollegen für voll genommen werden, und wie vor allem von den Patienten?
Das Aufeinandertreffen mit den Kollegen war wohl schwierig, er sagt wenig darüber, möglicherweise halten die Schwierigkeiten an.
Von den Veränderungen in seinen Patientenbegegnungen erzählt er dafür umso mehr. Wie diese ihn vom ersten Moment an als einen der ihren erkennen, jetzt, da er ja einer der ihren ist. Wie ihm mit Betreten des ersten Krankenzimmers klar wurde, was er all die Jahre versäumt, übersehen, vernachlässigt und nicht geahnt hatte. Was er dafür an Unverständnis, Unsensibilität und Nichtwissen regelmäßig in die Ohren und Augen der Kranken geschüttet hatte – weil es einfach so im Lehrbuch steht, weil man es so macht als Arzt im Krankenhaus, und weil man darüber nie nachgedacht hat.
„Ich hatte ja keine Ahnung, wie es sich wirklich anfühlt, da zu liegen, am Morgen nach der nächtlichen Notfallrettung. Ich hatte keine Ahnung, wieviel Überflüssiges kommuniziert wird. Ich hatte keine Ahnung, was man in diesen Momenten seines Lebens wirklich von einem Arzt möchte.“
Er sorgt dafür, dass er, dass sein Team von jetzt ab vieles anders macht. Auf seiner Station wird auf neue Weise gearbeitet. Einiges gilt gemeinhin wohl als „falsch“. Und ist vermutlich richtiger als alle Lehrbuchsätze der Welt:
„Ich wusste nicht, dass ich so vieles nicht weiß.“

Sein Erzählen hat mich sehr berührt. Er, der jetzt wahrscheinlich mehr denn je DER Experte für seine Erkrankung ist, steht in Demut vor dem Geschehenen. Das Wissen darum, dass sein kleines Wissen von so viel Ungeahntem umgeben ist, dass jeder Verstehensschritt in einem Meer von Unverstandenem schwimmt, möglicherweise für immer, eröffnet ihm ein tieferes Sehen als je zuvor.

Bei wie vielen Dingen im Leben mag das noch so sein?

 

Herbstradeln Tag 3: Nördlingen – Gaildorf

Heute schwimme ich mich frei. Nein, kein Vorsatz, sondern Erleben.

Obwohl heute morgen die zeitliche Nähe des Bald-wieder-Alltags in meinen Kopf rückt, fast in Stunden schon ist sie zu messen, kann ich mich von ihr lösen.
Dieser sogenannte Alltag betrifft mich nicht in meinem Heute, bedrängt und bedrückt mich nicht. Er ist einfach nur da, als Wissen darum, wie es bald wieder sein wird.
So wie dieser hiesige, radelnde Tag da ist. Kein Konkurrieren, kein Wettlaufen, kein Bewerten dieser beiden so verschiedenen Zeiten. Friedliche Durchdrungenheit, eine Symbiose der beiden Pole. Einatmen und Ausatmen.

In solche ungestörte Gelassenheit auch in kurzen Ferien zu finden, und nicht schon mit rasend-hektischer Nervosität das Ferienende zu antizipieren, wo sie noch kaum begonnen haben, dazu habe ich eine lange Lehrzeit gebraucht.
Im Moment ist – so scheint es – Erntezeit. Von den Bäumen zu pflücken: stille, ruhige, unaufgeregte, friedliche Freude. Möglicherweise habe ich diese nicht mal gesät, wer weiß das schon.

Ich fahre also – und sammle von den Feldern, was sie darbieten. Für den kommenden Winter. Irgendwann kommt immer ein Winter. Manchmal auch im Sommer, manchmal morgen schon, manchmal in der nächsten Sekunde. Ich sammle also. Wie Frederik.

Heute ernte ich …

… Morgennebel auf den eigenwillig geformten Tafelbergen der Schwäbischen Alb,

… das Erleben einer Kraft, die sich nicht unwillig gegen die Anstiege stellt, sondern sie Schritt für Schritt einfach hinaufsteigt,

… Lichtblicke in und durch allfarbene Baumkronen,

… das Lächeln der Frau, die mir an der Kreuzung Vortritt ließ, und das von jenen Menschen im Café,

… meine Wiederbegegnung mit Jagst und Kocher, in noch ganz kleindkindartiger Größe,

… ein besonderes Gefühl, als ich die Wasserscheide überquere – auch wenn es dort oben sehr unspektakulär ausschaut,

… die Vertrautheit der Sprache, der schwäbischen – es fließen Erinnerungen an meine Zeit in Tübingen (natürlich, Ortsansässige werden umgehend erklären, dass die hiesige und die dortige Sprache SO unterschiedlich sind…),

… den Stausee, mit allem, was Wasser mit einem macht, wenn man nur lange genug seinen Blick darin verliert,

… die Überquerung des Buckels zwischen Jagst und Kocher, auf dem es sich alpenländisch anfühlt, so wohlig,

… die Rast am blätterbedeckten Waldtisch, inmitten einer raschelnden Idylle, und einem Blätterregensegen mit jedem Windstoß,

… den so glatt ausgebauten Jagst-Kocher-Radweg, der zum Ende des Tages derart ungeahntes Tempo zulässt, dass zeitlich sogar noch eine Kaffeepause drin ist, ohne dass ich anschließend in die Dunkelheit fahren muss.

Am Ende des Tages findet sich – trotz geschlossener Jugendherberge – ein Zimmerchen am Wegesrand, mitten in der Pampa. So habe ich keine Veranlassung, nochmals hinauszugehen und irgendwelche Straßen und Orte zu durchstreifen. Ich bleibe einfach nur im Zimmerchen und lese stundenlang – lediglich unterbrochen durch Abendessen und -trinken, natürlich.
Ein Tag voller Geschenke.

Morgennebelwege

Ein Impuls drängt mich zur Tür, lässt sich nicht aufhalten vom Regen, der einen draußen empfängt,
lediglich einen Tausch bewirkt die Nassheit, Kapuzenjacke gegen Fototasche, mich einhüllen statt Bilder auszuwerfen,
und einen Wechsel des sonst immer eingeschlagenen Weges, heute lieber Asphalt. (Später werde ich mich doch noch ins Gras wagen.)

Das Dorf bald nur noch als Neubaudächerkulisse vor Hügelkette erahnbar, und durch seinen Baustellenlärm, der die Stille durchdröhnt,
das ungleiche Baumpaar, dessen schwacher Teil schon lange nur noch in mir weiterlebt (ob sich sonst noch jemand erinnert?),
die mich anstarrenden behäbig kauenden Rinder, darüber ruhelos wirbelnde Vögel, wie kann es sein, dass man solch konträre Wesen gleichermaßen Tiere nennt?

Der Streuobstapfel mit der faulen und der frischen Seite, der ins Gras weiterziehen darf, während sein roter heiler Bruder vom Ast in meine Tasche wandert, ein Frühstücksanfang,
der Mountainbiker, der wohl das sucht, was man körperliche Ertüchtigung nennt, und ich, was suche ich? seelische Erbauung? (wenn wir schon bei antiquierten Wörtern sind),
der Winterraps, dessen frisches Grün irritiert wie ein aus der Zeit Gefallenes und mich dennoch innerlich belebt, mich Herbstkind, was mich fast schon wieder ärgert.

Das dunkle Schild vor hellem Himmel, welches, starrt man nur lange darauf und ändert dann leicht die Richtung des Blicks, zu leuchtender Weisung vor tiefem Grau wird, wie kurz greift hier die Erklärung mit den Stäbchen und Zäpfchen im Auge, wie kurz,
der verdorrte Wald von Sonnenblumen, mit ihren hängenden Köpfen stehen sie tapfer im Wind, geborgen von einer Bäumeschar, deren Äste nie erlernt haben, aufrecht zu wachsen, wie gut und wie richtig sieht ein Baum dabei aus – oh, jetzt komme ich mir immer näher,
die Erinnerung an mich selbst, wie ich jüngst das Angebot liebevollen Berührtwerdens nicht anders beantworten konnte als durch Rückzug in meinen Käfig aus Sprödigkeit, welch Erfahren und Erleben liegt all dem zugrunde, und wie wäre es wohl, meine einengenden Stäbe einzuweichen, allmählich, so dass sie sich auflösten, ohne zu splittern, ohne zu bersten, ohne sich in irgendjemandes Wunden zu bohren.

Morgenwege durch den Nebel.
Nebel schenkt zuweilen die klarste Sicht.

im September

Das ist wohl wenig überzeugend: Eigentlich wollte ich erzählen, dass der September von meiner Stundenreduktion, meinem Teilzeitbeginn und damit von einströmender Ruhe und dem wohltuenden Gefühl, endlich wieder alle Alltagsdinge in Gelassenheit bewältigen zu können, dominiert war.
Als erstes aber muss nun hier stehen: Ich habe diesen Septemberrückblick vergessen. Nachdem ich ein paar Stichpunkte notiert hatte, einfach VERGESSEN, daraus einen Post zu machen. So kenne ich mich nicht …
Vielleicht drehe ich`s um und schaue anders darauf: Gelassenheit bedeutet auch, mich nicht durch selbstverordnete Regeln, Disziplinierungen und Rituale einzuzwängen. Blogpläne und -vorsätze werden zu solchen, wenn ich um jeden Preis glaube etwas schreiben zu müssen, wenn es sich in mir so gar nicht nach Schreiben anfühlt.
So also?
Jedenfalls: keine Rechtfertigung, keine Entschuldigung bitte. Der Rückblick kommt verspätet, Punkt. Und was heißt schon verspätet?

Die Schule nun also in Teilzeit:
* obwohl Schulanfangszeit war, habe ich mich nicht gehetzt gefühlt, habe alle anstehenden Dinge Schritt für Schritt abgearbeitet, mir neue „Arbeitsbegrenzungsregeln“ gesetzt (doch: hier dienen mir Regeln als hilfreiches Geländer, damit der Arbeitsgaul nicht mit mir durchgeht) – möglichst nicht nach 22 Uhr arbeiten, möglichst am Wochenende 36 Stunden am Stück freimachen – und bisher eingehalten
* in großer Freude meine ersten Schulwochen durchlaufen: drei komplett neue Klassen mit 90 Schülern kennengelernt (Fotos sind auf Handy, Namenlernen wie Vokabeln, bald kann ich auch die letzten langhaarigen dunkelbrilligen absolut gleich aussehenden Mädchen benennen) und zum Teil auf den ersten Blick in die Klassen verliebt (die Physik-Zehnte am Nachmittag: hach! meine Klassenlehrerklasse: ebenfalls hach! und die Siebte: die hat natürlich auch noch eine Hach-Chance)
* Konferenzmarathon, Steuergruppensitzung, konzeptionelle Arbeit in kleinen Gruppen – und bei allem die gute Atmosphäre im Lehrerzimmer eingeatmet
* zwei, drei freie Vormittage pro Woche genossen und für Schreibtischarbeit genutzt, so dass die Abende weitgehend arbeitsfrei waren: ein ungewohntes Gefühl (ab Januar wird die Woche wieder voller)

Die Kinder werden groß:
* einen 14. Geburtstag gefeiert, erste Stimmbruchüberschlagungen wahrgenommen und wegen Wachstumsschüben stapelweise Kinderklamotten aus den Schränken aussortiert & neue besorgt
* die Schulhefte mit „Klasse 5“ und „Klasse 8“ beschriftet – wow!
*  Tochter am Gymnasium eingeschult, ihre freudigen ersten Schritte begleitet, unter anderem fuhr sie sofort ins Landheim und geht ins große Schulorchester, fährt allein mit dem Rad über die Dörfer und kümmert sich so selbstständig um ihre Dinge, dass mir zuweilen die Kinnlade runterklappt
* das Termintetris an den einzelnen Wochentagen zurechtgeruckelt, wir wissen allmählich, wer wann wohin fährt und zurückkehrt und gebracht und geholt werden muss

Der September hatte aber auch noch Ferientage, die jetzt – vier Wochen später – so fern erscheinen:
* in Berlin bei Eltern und Freunden gewesen
* wieder mal ein Klassentreffen in der Uckermark genossen (wir machen das jährlich, seit vor drei Jahren unser aller Kinder mit dabei waren und jetzt fast mehr als wir Erwachsenen darauf dringen, dass es keinesfalls nächstes Jahr nicht stattfinden darf:))
* über einen Musikschulaustausch eine tschechische Familie mit 13jährigem Cellisten zu Gast gehabt, was uns bestaunenswertes Proben und Konzertieren der beiden Söhne bescherte – und den Vorsatz, nächstes Jahr als Familie einen Gegenbesuch abzustatten, vermutlich auch mit Noten im Gepäck

Und sonst noch:
* lieben Besuch empfangen
* zu lieben Menschen auf ein Fest gefahren
* wieder mehr Klavier gespielt (SEHR viel sogar)
* dafür weniger gelesen
* aber mehr geschlafen als üblicherweise zu Schulzeiten. Das soll ja nicht schaden:)