Bilder

12 von 12 im Juli

 

 

 

Es regnet, mein morgendlicher Gang durch den Garten erschöpft sich im Stehen unter dem Terrassendach, aber ich fühle mich unverdrossen wohl im morgenfrischen Grün. Nur dass ich den Kaffee heute nicht draußen trinke. Wir, der Kaffee und ich, wandern wieder hinein, aufs Lesesofa.

 

 

 

Ganz zufällig stieß ich in den letzten Tagen durch ein Kommentargespräch in einem Lieblingsblog auf meine kurze Philosophiestudien-Vergangenheit, Erinnerungen aus den 90ern werden wach, mich packt es wieder. Und so sitze ich morgens vor sechs Uhr in meiner Leseecke und blättere mich durch Wittgenstein.

 

 

 

Weil es unverdrossen regnet, genaugenommen schüttet, fahren die Tochter und ich mit dem Auto zur Schule. Muss ich wenigstens die Fahrradtasche nicht zuwürgen, das wäre heute knapp geworden. Die Tochter fragt, was ich mit so vielen Taschentüchern will. Ich versuche sie’s erraten zu lassen – na, was habt Ihr in der 5. am Ende des Schuljahres gehabt? – aber sie war anscheinend in der 5. in Mathe nie anwensend. Jedenfalls hat sie keinen blassen Schimmer und tut äußerst überrascht, als ich mit Wörtern wie Oberflächeninhalt und Quader um mich werfe. Vielleicht ist es ihr auch einfach noch zu früh. Dann soll sie halt nicht fragen;-)

 

 

 

Morgendliche Schultafeln sind so schön leer, nee, Quatsch. Sie sollten es sein. Aber wie das so ist. Das Wischen und Abziehen hat jedenfalls was Meditatives.

 

 

 

Dann kann es losgehen. Quader und Oberflächen halt.

 

 

 

Und weil ich ja im Unterricht schlecht fotografieren kann, gibt’s das nächste Bild erst von dem Moment, wo die einen Schäfchen schon weg und die anderen noch nicht da sind.
Ahhh, Ruhe.

 

 

 

Der Kurs kommt, der Kurs hat keine Lust mehr. Nichts Neues, auch an diesem Mittwoch nicht. Wir strampeln uns durch Abstände windschiefer Geraden und sind ansonsten friedlich miteinander.

 

 

 

Stundenende, große Pause. Ich habe Hofaufsicht, genau vor dem Fenster. Dort erscheint aber niemand, denn es schüttet gerade wieder los, die Regenklingel ertönt, bäh. Drinnenaufsicht in ner Regenpause ist anstrengend, weil es eng und und höllelaut ist. Stadionatmosphäre, und das ganz ohne Eintrittskarte.

Unterrichtsschluss, ich trage meine 150 Noten am Verwaltungscomputer ein. Bzw. möchte es tun. Für einen Teil davon fehlt mir aber mein Passwort, der Zettel liegt nicht in meinem Fach, auch in keinem Nachbarfach, der zuständige Kollege ist mit den 10ern in Berlin, und auch sonst findet niemand eine Lösung für die Passwortfrage. Also dann eben nicht. Wenigstens die Mitarbeits- und Verhaltensnoten mache ich fertig – Papierlisten brauchen keine Passwörter – , und die verbalen Bemerkungen verschiebe ich auf später.

 

 

 

Denn zu Hause wartet das Mittagessen. Wie gut.
Ausnahmsweise sind beide Kinder da. Wir starren alle völlig fassungslos auf den Kalender, niemand von uns hat heute noch irgendeinen Termin. Das gab es das letzte Mal vor gefühlt zehn Jahren. Wir fühlen uns auch ganz unbehaglich dabei und argwöhnen bis zum Abend, dass wir sicher irgendwas vergessen haben.

 

 

 

Danach drucke ich alles aus, was ich heute nicht eingeben konnte, das sollte dann wohl morgen als Papierliste zur Schulleitung.

 

 

 

Irgendwann am Spätnachmittag überkommt mich Arbeitsmüdigkeit. Zeit fürs Cello. Mein Lieblingssatz …

Es bleiben Abendessen, Telefonieren, mit einer Freundin an der Haustür schwätzen, Wäsche, Kinderzeugs und ein paar Schreibtischdinge.

 

 

 

Bis sich der – mittlerweile wieder blaue – Himmel über’m Haus abendlich dunkel färbt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

#bergundtal-1 – Anlauftage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

Anders als sonst verläuft der Radreisestart diesmal. Alles andere als leicht. Gefangen im Erschöpfungs- und Traurigkeitskreis. Das Packen ist mühselig, Vorfreude will nicht aufflammen.
Fast unvermittelt ist der Starttag da, ich sitze auf dem Rad. Wir – ein Teil der Familie fährt den ersten Tag mit – treideln gemächlich über die fastnochheimischen Felder und begehen den Abschied in einem Biergarten, bevor ich die anderen zum Bahnhof bringe.

 

 

Dann bin ich allein … und habe noch ein paar Kilometer bis zum Zeltplatz.
Stumpf fahre ich durch die Flusslandschaft, alles scheint grau und trüb. Der Neckar, dem ich nun ein paar Tage folgen werde, bedeckt sich mit Nieselregen, die Bilder finden keine Kontur.

 

 

Nach einer ersten Zeltplatznacht in Neckarsulm und einem Aufbruch im Regen öffnet das Land rings um den Neckar seine weiten Arme, doch ich bleibe blind.

 

 

 

Mein Trittrhythmus gibt mechanisch einen Takt vor, in dem ich nicht mitschwinge, Landschaften und Flussansichten ziehen nur am äußeren Auge vorbei …

 

 

 

… und ich weiß überhaupt nicht mehr und noch nicht, wie sich ein Ankommen im Unterwegssein diesmal anfühlen könnte.

 

 

Es ist ja immer eine Verquickung von Innen und Außen, denke ich, als ich – schweißgebadet zu einer Aussichtsstelle namens Jahrhunderthöhe hochgestrampelt – von einem mastenverstellten Blick enttäuscht werde. Weil ich nicht empfänglich sein kann, bietet sich der Wegrand auch nur nüchtern dar, vielleicht.
Dabei könnte ich Labendes und Buntheit gut gebrauchen. Eine „Kunstkaserne“ in Ludwigsburg zeigt mir wenigstens äußere Farben.

 

 

An Campingplätzen herrscht in weitem Umkreis um Stuttgart Ebbe, es gibt lediglich Bad Cannstatt. Karg, nüchtern, ungemütlich, laut.
(Nur die Begegnung mit zwei Fernradlern auf der Rückereise von einem anderen Kontinent und ein weiteres offenes morgendliches Frühstücksgespräch entschädigen.)

Der nächste Neckartag stellt zunächst Industriegelände und Graubauten an und auf den Weg …

 

 

 

… bevor es hinter Plochingen allmählich grüner und ruhiger wird.

 

 

 

Doch, ja, ich spüre kleine Momente, in denen mich Stilles und Lebendiges berührt, da blinzelt ein Licht durch den Nebel.

 

 

 

Nur beschäftigt mich – wir telefonieren mehrmals täglich – dass es dem Kind zu Hause nicht gut geht. Ich suche schon Bahnverbindungen heraus und gebe mir noch eine Nacht zum Entscheiden.

 

 

 

Immerhin möchte ich das Tagesziel Tübingen noch erreichen, wo ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert (wie alt das klingt!) für ein Semester studiert habe. Seither war ich nicht mehr dort.

 

 

 

Ich rolle unter Regenwolken, die sich ab und zu entladen, durch feuchtsaftiggrüne Wiesen, bis ich auf dem Tübinger Marktplatz stehe.

 

 

 

Hier saß ich an meinem ersten Tag, es war der 1. April 1991, nach der nächtlichen Zugfahrt aus Berlin auf den Stufen des Brunnens und weinte. Ich konnte mir nicht vorstellen, in einer solch fremden Welt zu leben, und fühlte mich unendlich einsam. — Dass ich dann quasi für immer in dieser Ecke des nunmehr größeren Landes bleiben sollte, das ahnte ich an jenem Umzugstag nicht.
Heute weine ich aus anderen Gründen …

 

 

Und doch zieht es mich später am Tag, das Zelt ist – auf dem bislang teuersten Campingplatz meiner Radelreisekarriere aufgebaut – an die Vergangenheitsorte. Es fühlt sich wohlig an, mein Tübingensemester war trotz der tränenreichen Ankunft dann wohl doch noch ein gutes gewesen.
Mein Wohnheim finde ich nach einigem Umherirren, die Mensa in der Wilhelmstraße auf Anhieb. Es sieht noch aus wie damals. Jünger sind wir alle nicht geworden:)

 

 

 

Später esse ich in der Kneipe, in welcher ich das erste Hefeweizen meines Lebens getrunken habe. (Warum nur habe ich davon kein Foto? Ich war wohl in Gedanken zu sehr bei der Entscheidung, ob ich abreise oder nicht.)

Der nächste Tag mit seinem Morgentelefonat lässt mich zunächst wieder aufs Rad steigen, letztlich fahren Züge von allen Orten. Ich rolle das Neckartal aufwärts. Es bleibt gewittrig, ich stelle mich öfter unter, bin immer noch nicht bei mir, und doch spüre ich Veränderung.

 

 

 

 

Der Himmel reißt hin und wieder auf. Ich finde Ruhe am Wegesrand. Die Wolken lichten sich. In mir wird es lebendig.

 

 

 

 

Mein Zeltplatz in Oberndorf letztlich, auf dem ich an diesem Tag als einzige übernachte, der fühlt sich wohlig an, obwohl ich ein klein wenig ängstlich vor dem nächtlichen Ganzalleinsein bin. Etwas bricht in mir auf. Zum ersten Mal seit Tagen spüre ich ein Ja zu meiner Reise. Ich lächle, während sich über mir Sonne und Gewitterwolken streiten.

 

 

Als es erneut losschüttet, verziehe ich mich unter das Vordach des Kiosks. Dort sitzt schon jemand, ebenfalls vor dem Regen geflüchtet. Eine Frau  zieht zwei Bier aus ihrer Tasche, ob ich eines mit ihr trinken wolle. Wir reden, über dies und das, übers Unterwegssein, die Menschen im Dorf, wonach wir auf der Suche sind, und wissen dabei nicht mal unsere Namen. Schade, dass sie irgendwann nach Hause geht.
Ich beginne zu kochen, schaue in die sich senkende Dunkelheit, in das Spiel des Mondes mit den Wolken, und in diesem Moment komme ich in meiner Reise an.

 

Baumwandelweg #5

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Du lieber Baum,

so hatte ich mir das ja nicht vorgestellt. Dass ich mich so selten – nicht einmal jede Woche – zu Dir auf den Weg machen würde. Dass mir so oft die Zeit zum Tagesende doch nicht reichen würde. Dass mich, bei allem Wünschen und Wollen und Sehnen, stets andere Dinge von der kurzen Reise in Deine Welt abhalten würden.

Dabei tust Du mir gut. Unendlich gut, möchte ich emphatisch ausrufen. Von jeder kurzen Reise zu Dir komme ich beschenkt und gestärkt zurück. Ich bringe Bilder mit, die – eingebrannt in die Seele – weitertragen durch meine Tage. Ich darf mich bei Dir anlehnen – und gehe hernach leichter meine eigenen Schritte. Ich sehe Dein Ringsumher, eine Welt des Blühens, Reifens und Vergehens, und fühle mich getröstet. Alles wird leichter, wenn ich nur kurz bei Dir war.

Nun, ich bin wohl nicht besonders gut darin, gut auf mich aufzupassen. Sonst käme ich viel öfter. Vielleicht kann ich dies noch lernen. Für den Anfang aber haben wir wenigstens diese monatliche Begegnung, durch das äußere Ritual des Fotoprojekts fest vereinbart. Vor dieser fliehe nichtmal ich:)

Danke für die Geborgenheit, die Du mir gestern schenktest. Die Felddecke um Deinen Fuß hat sich nun deutlich sichtbar in die zweite Jahreshälfte aufgemacht. Kaum kam ich noch durch zu Deinem Stamm.

Doch dann sitze ich, rücklings an Dich gelehnt …

 … und schaue in all die satte Reife, die wärmenden Farben des erwachsenen Korns. Die zuweilen schmerzlich schnell verlaufende Zeit hält für einen Moment inne, nimmt mich bei der Hand und zeigt, dass es gut ist, so wie es ist. Dass Felder und Bäume eben reifen. Und Kinder auch.
Ja, der Sohn zum Beispiel. Noch nennt man ihn nicht erwachsen. Aber gemessen an dem kleinen Bündel, welches ich vor fast 16 Jahren im Arm hielt, ist er es eben doch. – Noch knapp 11 Wochen, bis er weggehen wird. Für lange, und ein bisschen schon für immer. Knapp 11 Wochen, von denen wir kaum eine Handvoll noch gemeinsam verbringen werden. Eine kleine Träne darf ich darum weinen, an Deinen Stamm gelehnt. Ich lerne die Lektion ja dennoch.

Weitergehen.
Obwohl zu Hause die Korrekturen, das Abendessen, die Wäsche, die Schulliste wartet, gehe ich weiter. Wenn auch nicht die große Runde.
Viele Spuren …

… in regelmäßigen und unregelmäßigen Schwüngen. Stimmt meine Vermutung – ich bin ja doch ein ewiges Stadtkind – dass diese Spuren schon mit der Aussaat gelegt werden, dass sie, anfangs noch unsichtbar, bereits im Boden angelegt sind, wenn das Korn noch nicht mal seine Spitzen ans Licht zu strecken beginnt?
Und ist das nicht wie mit meinem Tages-, Wochen- und Jahreslauf? Seine Richtung ist seit langem feststehend. In welchen Spuren sich mein Familien- und mein Schulleben bewegen wird, dies habe ich vor langer Zeit entschieden. Dass mein Leben und Alltagsleben damit überwältigend prall und zuweilen überfordernd gefüllt sein werden, diese Spur habe ich bewusst gesetzt.
Ich seufze. Es stimmt ja, Ihr Spuren. Ich gehe Euch. Es ist alles gut, wie es ist. Mögen da auch 120 Korrekturen auf dem Schreibtisch liegen, und die Kinderterminliste nie abreißen. Es ist gut.

Es ist gut.
Dieser Satz trägt mich nach Hause. Im goldenen Farbenrad der Felder und unter dem fallenden Abendlicht …

… wird plötzlich klein, was mich vorhin noch ganz verzagt gemacht hat.
Dass plötzlich der Kühlschrank seinen Geist aufgegeben hat und die Jahreszeit eiliges Handeln gebietet. Dass sich das Durcheinander nicht lichten will. Dass der so wichtige Kontakt holpert und im Moment durch nichts zu glätten ist. Dass sich die Versicherung schon wieder nicht meldet. Dass ich vor dem Brief sitze, Wort um Wort zusammenstolpere und doch am Ende immer alle verwerfe. Dass ich mit vielem zu spät dran bin …

Ich schaue den Himmel an, und Dich, Du Baum.
Dann werden diese Dinge klein.
So wie sie zu sein haben, weil sie es sind.

Und in mir wird es weit.
Weil es so zu sein hat?
Nein, dies ist Geschenk. Weitwerdendürfen ist Gnade.

Danke.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Mittsommernacht

Es hallt in mir wider, dieses Feuer,
das mir noch vor kurzem hier bei mir, in meinem Garten, überhaupt nicht vorstellbar schien,
das – oder: dessen bergende Schale – ein wenig zufällig hierher fand,
so dass ich es gestern, als der (All)Tag voll und hitzig und bis zur Erschöpfung drückend sich seinem Ende zuneigte, entzünden konnte,
verwindend und verwandelnd das Unleichte eines Tages, der zum Entmutigen geeignet gewesen wäre, hätte ich dies zugelassen,
weil mich nämlich sehnte nach einem sanften Ausklang der Schwerigkeit, und ja – in größerem Bogen geschwungen – dieses gewachsenen hellen halben Jahres,
weil ich hineingeben wollte von meinem Gewesenen und herausziehen wollte für mein zu Werdendes,
weil das Helle – in mir, in der alles umfangenden Dämmerung, im Ahnen – sich zu verbinden trachtet mit elementarem Licht, wie die Flamme es schenkt,
weil mein irrender Blick zu sich und in mich hinein findet durch das Tänzeln der Flamme um ihre Mitte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und während sich vor meinen Augen alles zu Glut wandelt, belebt mich innerer Tanz.

In Demut.
In Dankbarkeit.
In Hingabe.

Ein Reiseblick

Meine Reise ist vorbei, und noch lange nicht vergangen.
Viele mitgebrachte Bilder sind angeblickt, und noch lange nicht durchschaut.
Ich bin wieder hier, und noch lange nicht fort von dort.

Genau vor einer Woche war es, als wir durch’s geborgenheitspendende Grün streiften, auch an diesem Hollerbusch vorbei.
Es ist nicht jener von diesen Bildern, aber es war mit ihr.

 

 

Ich schaue, mich erinnernd, in die Welt dieses guten Hollerbuschs hinein. Da ist so vieles. Ich mag gar keine Worte dafür suchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und ich mochte die Bilder auch nicht kleinstellen. Eigentlich würde ich mich gern noch tiefer hineinentdecken …

 

Pfalzradschnipsel

 

#1

Versuchen, ob vier Tage auf dem Rad reichen, die Erschöpfung vom Rücken zu nehmen. Kraftloses Lostreten.

 

 

Mich dabei zwingen, einmal nichts zu schreiben. – Der Ruhe im Kopf helfen ihr Werk zu tun.

 

 

Unfähig zu entscheiden, ob ich rechts oder links des Flusses fahren will.
Schon die kleinen Dinge überfordern mich.

 

 

Den Rhein überqueren. Schön ist er  hier nicht.

 

 

Viele Kilometer des ersten Tages als nichtgefahrene empfinden. Den Faden zu mir selbst immer wieder verlieren. Noch längst nicht da sein auf dem Rad.

 

 

Jedoch: 95 Kilometer, als wenn es kaum etwas wäre. Staunen über radelnde Kräfte. Eine Eruption des in mir Vergessenen.

 

 

 

#2

Unendlich guter Schlaf. Aus der Abendkälte in nächtliche Morgenwärme. Physikalisch-meteorologisch eher unwahrscheinlich. Es ist eh alles im Innern.

 

 

Schreiben am Weiher, mein Schreibschweigen unterliegt. Es geht nicht anders. Mein Kopf wird sonst nicht ruhig. Schlimm.

 

 

Umfahrungen suchen – für Städte und Menschenmassen. In Alleinseinstälern wird das Treten Elexier.

 

 

Höhenmeter hinaufschwitzen. Und versuchen mich dabei selbst zu verstehen.

 

 

Mich auf einer Höhenstraße wiederfinden, die Sehnsüchte weckt. Mehr als das.

 

 

Einkehr bei Freunden. Gut, das.

 

 

 

#3

Geerdet im frischen Morgengrün.

 

 

Geborgenheit in vielen Formen lesen.

 

 

Den Rückweg als Weiterfahrt begreifen, nicht als Kehrtgewendetes.

 

 

Atmen. Immer nur atmen.

 

 

Den Spiegel sehen. Den inneren vor allem.

 

 

Erfüllt sein vom Radeln, in wortlosem Leuchten.

 

 

 

#4

So früh aufwachen und aufstehen, dass ich selbst erschrecke.

 

 

Anklänge an eine andere wohlvertraute Landschaft – hier ist eine kleine Sächsische Schweiz:)

 

 

Den Pfälzer Wald nur ungern verlassen. Ein Ort zum Wiederkehren.

 

 

In der Bruthitze der Rheinebene fast ersticken, und doch immer weitertreten.

 

 

Die Bewegung in ein einfaches Weiterrollen verwandeln. Vor allem als die Kilometerzahl dreistellig wird.

 

 

Ich ahnte ja. Nur nicht in welchem Maße: Es erdet …

 

Baumwandelweg #4

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Mein Baum musste bis heute auf mich warten, es ist ja auch fast noch Sonntag:)
(Gestern nach nahezu 120 km Radfahren reichten weder Zeit noch Kraft für den Weg hinauf.)

 

 

Grün ist er geworden, und grün ist es rings um ihn. Kaum finde ich noch einen Weg zu seinem Stamm durch die hochgewachsenen Halme.

Heute lehne ich mich lange an. Es ist nötig.

 

 

Und ringsum blüht der Wolkenhimmel auf.

Danke, Du Baum.

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich hier, hier und hier  – bzw. alle zusammen oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekts kann man hier finden.

New York #3 – Tage auf dem Land

Recht bald schon nach unserer Ankunft in New York schnappt sich Joanna uns, setzt uns in ihr kleines Auto und fährt mit uns nach Stockbridge / Massachussets.

Viele Worte dazu habe ich gerade nicht, was weniger den damaligen als den derzeitigen Tagen geschuldet ist, aber hier habe ich ja schon davon geschrieben..
Und durch die Bilder hindurch erinnere ich mich jetzt wieder mit wohltuender Wehmut …

… an unsere Fahrt längs des Hudson Rivers immer nach Norden, mit so manch kleinem Ort am Wegesrand. Der Stadtmoloch mit seiner Unruhe darf für einige Zeit in den Hintergrund treten, ich atme selbst jetzt beim Betrachten noch tief ein und aus und spüre die damalige Erleichterung, plötzlich Ruhe um sich zu haben.

 

… an den kleinen Ort Stockbridge, der uns voller Geschichten empfängt und in dessen Frühlingsöffnung mir ganz warm wird.

 

…. an die kleine Bücherei, in der ich mich zu gern einfach versinkend und versunken niedergesetzt hätte.

 

… an den Sommerfestivalort Tanglewood, der uns in einsam-abwartender Winterstille empfängt, ja, es liegt sogar noch Schnee, die warmen Temperaturen sind erst mit unserer Ankunft hierhergekommen, bis letzte Woche war Winter.

 

… an die Tanzscheune „Jacob’s pillow“, in ebenso fastnochwinterlicher Verlassenheit vor uns liegend, und doch säuselt und probt es auf manchen Bühnen der Waldgebäude schon vor sich hin.

 

Das Frühlingserwachen scheint wirklich nicht mehr weit.

 

Die bisherigen New-York-Bilder finden sich hier.
Und hier.

Alltagsglück #1

Einen Dienstort in 35 km Entfernung könnte man als Anlass nutzen, um sich zu ärgern. Oder aber, um eine kleine Radtour drumherum zu bauen.

Es ist früh, als ich aufbreche, hinauf und hinab ins Tal, das zum Fluss führt.
Wie sogleich die Bluse im Wind flattert, und der Wind in der Bluse. Ich bin schon da.

 

 

Der Fluss schenkt seinen weisen Lauf und nimmt mich an die Hand, damit meine Bewegung nicht stockt. Ich rolle und rolle, an seiner Seite durch die große Stadt hindurch, auf altbekannten Pfaden ins jenseitige flache Land.

 

 

Dort dann, am Dienstort, widme ich mich meinen Aufgaben, fokussierter und klarer als häufig, während in mir stille Vorfreude auf den Rückweg blüht. Über die Hügel werde ich fahren, schließlich muss ich nicht wie vormittags in gefasster äußerer Form an einer Arbeitsstelle ankommen:)

Windjacke, Fleeceshirt und Schal auf dem Gepäckträger schmunzeln leise, während ich in Sommerhitze hinauftrete. Die Sonnencreme ruft laut von zu Hause aus, dass ich sie vergessen habe. Man wird sehen, morgen auf meiner Nase.
Heute aber, heute hier zu fahren, war meine beste Idee seit langem. Gemäß diesem hier:
Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde. (Franz von Sales)

 

 

Welch kleine feine Dörfer, die mir bisher entgangen sind. Welch Landschaft zum Verlieben. Ich frage mich, warum ich dies bisher kaum getan habe.

 

 

Lediglich, dass keine Eiscafés am Wegesrand liegen … nun ja … kurz vor dem Heimatdorf findet sich doch noch eines. Dafür, dass morgen ein prallevoller Schultag und noch nichts vorbereitet ist, sitze ich in größter Gelassenheit dort und habe die Ruhe weg. Ich wundere mich selbst.

 

Von Zeit zu Zeit die Augen öffnen für das klein-große Glück am Wegesrand …

 

New York #2 – Stille(re) Momente

Die riesige Stadt hat ja nicht nur Lärm und Überfülle. Natürlich sind diese gewaltig und besetzen – wenn man  nicht aufpasst – alle Aufmerksamkeit. Zumal wenn man, wie wir, gleich am ersten Tag mitten hinein in die prallvollste Ecke fährt.

Jedoch: Selbst dieser erste Tag hält stillere Momente bereit.
Da sind kleine Momentaufnahmen am Wegesrand:

(Durch Anklicken lassen sich alle Fotos größer anschauen.)

 

 

Eine jede Spur von Altem berührt. Wie es sich beharrlich hält, da inmitten der Glasspiegelfassaden. Selbst wenn es immer noch ungewohnte Dimensionen sind.

 

Apropos Glasspiegelfassaden. Welch neue Welten darinnen entstehen:

 

Das letzte der Spiegelbilder stammt aus dem Herzen der Stadt, dort wo es noch immer blutet, wo ich vor 20 Jahren mit einem schnellen Lift in die Höhe fuhr und wo heute statt der Türme Tiefen sind. Hinein fließt Wasser. Gedenkwasser.

 

Und über allem bricht langsam langsam ein Frühling durch seine Knospen.

 

 

Die bisherigen New-York-Bilder finden sich hier.
Und direkt an dem Tag damals schrieb ich das hier.

12 von 12 im Mai

Vorgestern war es nun schon, dieser Zwölfte. Aber Bilder rosten ja nicht, und verfallen nicht auf der Kamera, solange man mit anderen Lebensdingen beschäftigt ist. Also dürfen sie ruhig heute noch kommen:)

 

 

Der Morgen ist regnerisch und so dunkel, dass mir Kerzen für meine Morgenstunde als stimmig erscheinen.

 

Ich schreibe einen Brief, möchte ein kleines Päckchen dazupacken und diese Steine mitschicken. Hühnergötter, von der Ostsee. Steine mit einem Loch. Man findet sie am Strand, wenn man lange sucht, und man sagt, sie bringen Glück. Dort, wo sie jetzt hinwandern werden, braucht es dieses gerade sehr dringend.

 

Draußen regnet es, meine Gartenmorgenrunde fällt kurz aus, kaum wage ich mich unter der Terrasse hervor.

Es folgt ein Schultag, bilderlos, ich trage keine Kamera mit und hätte heute auch keine Chance gehabt, kurz innezuhalten. Manche Tage sind sportlich, um es milde auszudrücken.

 

Das Wochenende beginnt mit meinem Entschluss, die Korrekturen zunächst beiseite zu legen. Am Sonntag vielleicht, spüre ich, eher geht das nicht, ich bin erschöpft, brauche jetzt erstmal Musik – ja! – und Ruhe. Und sowieso: Vorfreude, heute bekomme ich noch Besuch:)

 

Mittlerweile haben sich die morgennassen Blätter trockengeschüttelt …

 

… und das pralle Leben räkelt sich in der Sonne.

Weil es so strahlt vom Himmel, nehme ich den Weg ins Nachbardorf unter die Füße und gehe mein Fahrrad abholen.

 

Es hatte ein bisschen Reparatur nötig, damit es mich ganz bald wieder tragen kann, wohin die Unterwegsträume reichen.

 

Zurück segelt es sich ganz leicht, an den Feldern vorbei …

 

… durch ein Blütenmeer …

 

… und mit kleinen zarten Versehrtheiten am Wegesrand.

Der nun beginnende Teil des Tages bleibt ohne Bilder, obwohl die Kamera auf dem Beifahrersitz liegt, es will nicht zu einem Foto kommen. Mein Aufbruch nach Frankfurt, lieben Besuch vom Bahnhof abzuholen, ist noch pünktlich. Dann Unfallstau auf Autobahn I. Autobahnwechsel. Unfallstau auf Autobahn II. Runter auf die Landstraße. Stau auf Landstraße, denn schließlich haben alle hierher gewechselt. Ich schwitze schon ob meiner arg verspäteten Ankunft, als es aus dem Zug twittert, dass es in diesem nicht besser ausschaue. Streckenstehen vom Feinsten, Verspätung von 60 Minuten mindestens und das nicht etwa in Frankfurt. Endstation Offenbach. Freitag der Fastdreizehnte. Was haben Menschen in Nichthändiehzeiten eigentlich in Situationen wie diesen gemacht? Wir schreiben hin und her, während ich noch in Frankfurt am Bahnhof stehe und dann nach Offenbach aufbreche. Diesen Ort hätte ich nicht gebraucht- jedenfalls: sein Charme erschließt sich einem nicht auf den ersten Blick:)
Aber: nach einiger Umrundung des Bahnhofes finden und umarmen wir uns, kaufen an der Tankstelle zwei Bier (alkoholfrei;-)) für die nun etwas längere Heimfahrt, machen es uns im Auto gemütlich und erreichen den mit Lasagne gedeckten Tisch immerhin noch vor Mitternacht.

 

Wir freuen uns an Leipziger Mitbringseln …

 

… und an einem wichtigen Utensil für die nächsten Stunden.
Bis es uns – es war nach Zwei, oder? – ins Bett treibt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

New York #1 – Hinein in die Dimensionen

Die drei Wochen seit der Reise sind so schnell verflogen wie die zwei Wochen dort. Noch sind die vielen Fotos nicht alle durchgeschaut, geschweige denn sortiert. Es war ja auch Vieles seither, Beschwerendes wie Erhebendes. Nun kommen wohl ruhigere Tage, so hoffe ich.

Bevor meine kleinen offenen Zeitfenster wieder verflogen sind und ich mich im Systematisieren und Erzählen verzettelt habe, werfe ich nun einfach ein paar Bilderwolken hierher. Heute von unserem allerersten Tag in der großen Stadt, der von Ankommensstaunen und Jetlagmüdigkeit durchdrungen war.

(Durch Anklicken lassen sich die Fotos größer anschauen.)

 

Aufbrechend:
In Vorfreude geht es hinauf über die Wolken, streifen wir London kurz und landen zu (innerlich) nachmitternächtlicher Zeit im New Yorker Abendrot.

 

Uns dem Wolkenkratzerbild annähernd:
Es braucht ja nicht nur den steten Blick nach oben, um diese Ausmaße zu erfassen.

 

Ins Grell geworfen:
Ja, das ist viel. Das ist optisch laut. Das verwirrt. Das erschreckt. Das wirft aus der Ruhe. Das werde ich auch nach vielen weiteren Tagen nicht einfach so aufnehmen können. Womöglich ist es einfach mehr, als man (ich?) verkraften kann.

 

Unterwegs in perpetuierter Rush hour:
Anders sahen wir es nie. Dies war schon die Sonntagsruhe. (Die Sorge allerdings, dass es an den weiteren Tagen daher noch dichter würde, war unbegründet. Vielleicht auch einfach nur, weil noch dichter nicht möglich ist.)

 

Heimkehrend nach Jackson Heights:
Die Dimensionen des „kleinen“ Stadtteils, in dem wir wohnen, wirken plötzlich anheimelnd, sein schreiend Buntes fast blass. Wir sind ein bisschen müde …

 

Fortsetzung folgt. (Hoffentlich.)

Baumwandelweg #3

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

Gestern zeigte sich mein Baum in grellem Tageslicht. Ein ungewohntes Bild, diese undifferenzierten Farben. Weil ich früher als sonst hier war, stand die Sonne noch sehr hoch.

Beinahe hätte ich mich in diesen Tagen ja in einer Grollschleife verfangen, oder in einem Verzagtheitstümpel, in einer unguten Mischung aus beidem. Die vergangene Woche war gefüllt mit vielfältiger Unruhe, mit Trauer, innerer Angespanntheit wegen zahlreicher dringender Dinge, auf die ich mich einfach nicht konzentrieren kann, mit wenig Schlaf, Unausgeglichenheit und Überforderung in mancherlei Hinsicht.
Und plötzlich realisiere ich, dass das halbe lange Wochenende schon vorbei ist und ich zwar etliche Kinder- und Haushaltssachen abgearbeitet, aber noch keine einzige von diesen wirklich dringenden Schulsachen angefangen habe. Und dass ich an diesem sonnigen langen Wochenende noch keinen Schritt vor die Tür gesetzt habe (bis auf den Schuh- und Klamottenkauf mit den Kindern, haha).

Stopp. Innehalten. Durchatmen. Was geschieht hier gerade? Wieso lasse ich das zu? Was kann ich für mich tun?

Wie gut, dass letzter Monatssonntag ist, dass mein Baumwandelweg eh „dran“ ist. Möglicherweise hätte ich sonst gestern wirklich nicht aus der Schleife herausgefunden. Manchmal braucht es ja äußere Hilfen zum Aussteigen aus dem inneren Ungutkarussell.

Noch bevor ich mich auf den Weg mache, folge ich einem anderen Impuls, den ich der Tochter gestern noch ausgeredet hatte. Wir bauen das Zelt auf. Mit dem festen Plan, abends dorthinein schlafenzugehen.

Dann schnalle ich die Kameratasche um, eine warme Jacke braucht es nicht, von draußen weht es warm hinein, und laufe los. Vorfreudig und viel ruhiger schon bin ich als noch eine Stunde zuvor, auch wenn es im Kopf weiterwirbelt. So viel darf ich nicht erwarten, immerhin lässt das Puckern im Herzen nach, die Beengtheit in der Brust, die Fahrigkeit der Bewegungen, all das. Ich gehe.
Ob ich viel sehe? Ich befinde mich heute sehr eingeengt in mir, blind fast. Starre viel vor mich hin. Halte ab und zu die Kamera irgendwohin.
Und doch ist das Außen da. Es umhüllt und trägt.
Mögen nun einfach Bilder sprechen.

Auf meinen Baumpfaden …

… wird es farbig und duftend.

Am Wegesrand wartet sie, die Einsame. Wie tapfer. Wie strahlend.

Zumeist aber blicke ich in die Weite. So gut tut das.

Der Frühling hat seine letzten Zeichen stehenlassen, auch wenn die Farb- und Duftwelt schon frühsommerlich wirkt.

Der Wind trägt alles zu mir und alles wieder fort.

Und irgendwann sitze ich unter meinem Baum, lehne mich an. Geborgen ist es hier. Unter diesem Dach und inmitten des Feldes.

Wieviel Nahrung mir der Weg heute geschenkt hat.

Später beginnt eine Zeltnacht, in der ich so gut wie die ganze letzte Woche nicht schlafe. Schon beim Hineinkriechen fühle ich mich am Sehnsuchtsort angekommen, passend dazu hatten heute erste Radreisepläne in meinem Kopf getanzt. Es ist nicht so kalt wie unsere Kleidungshüllen vertragen hätten. Die Tochter kuschelt sich wohlig in ihren Schlafsack, ich schaue ihr beim Einschlafen und beim Aufwachen zu. Der Morgen weckt vogelzwitschernd und später regengetröpfelnd, hach, ich sollte ins Zelt umziehen. Das wäre immerhin ein Lebenskonzept für schlechte Zeiten …

Ein paar Stunden voller Momente, die ich mir in meinen Schirmen auffange. Für spätere Zeiten, vielleicht für den morgigen Tag schon, wenn es wieder arg wird. Ich trage meine Schirmmomente jetzt mit mir.

Danke, Du Baum.

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich hier und hier.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekts kann man hier finden.

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Es blieben nur noch ein paar Tage, zu wenige, viel zu wenige.
(Und: Zu spät kam ich von meiner Reise zurück, um Dich noch einmal zu umarmen.)

Es bleiben Erinnerungen aus sehr vergangenen und gar nicht so entfernten Zeiten.

Es bleibt der unfassbare Gedanke, dass wir nie mehr nebeneinander im Chor singen werden, nicht montags wie früher, nicht donnerstags wie zuletzt.

Es bleibt, wie wir redeten, über dies und das, damals, als wir noch so jung waren, und später, in all den Jahren, und zum letzten Mal bei mir im Auto sitzend, als ich Dich nach Hause gefahren habe.

Es bleibt, wann immer ich an Deiner Schule vorbeifahre, der Gedanke, dass ich es nie mehr geschafft habe, mit Dir dort einen Kaffee zu trinken.

Es bleibt Dein letzter Brief, der, kein halbes Jahr her, voller Zuversicht ist, in dem Du von Deinem Weg durch die Krankheit und von geplanten Reisen schreibst, und wie dankbar Du für jeden kleinsten Schritt bist.

Es bleibt in mir, wie sehr ich in all den Jahren, Jahrzehnte sind es ja sogar, von Dir Energie und Kraft bekommen durfte, die Du ausstrahltest, bis zum Schluss.

Es bleibt meine Dankbarkeit, durch Dich beschenkt gewesen zu sein.
Und es zu bleiben.
Für immer.

***

Du kannst dein Leben nicht verlängern
nur vertiefen.
Nicht dem Leben mehr Jahre,
aber den Jahren mehr Leben geben.
Zähle das Leben nicht nach Tagen und Jahren.
Zähle die Stunden,
da der Engel dich berührte.
(Martin Buber)

So hast Du gelebt, das weiß ich, seit letztem Winter, seit der Ahnung, seit dem Wissen um Deine Krankheit spätestens.

***

Und nun, nun bist Du in die dritte, die dimensionslose Richtung aufgebrochen. Damals schrieb ich:

Eine, in der wir uns nicht in den Strom einer Wertung stellen.
Eine, in der wir uns nicht wehren, und nicht an uns reißen.
Eine, in der wir nicht aus der Vergangenheit heraus, in die Zukunft hinein uns biegen.
Eine, in der es keinen Anfang und kein Ende gibt.
Eine, in der ist, was ist. Und war, was war. Und sein wird, was sein wird.
Eine, in der wir nur sind.

***

Gerade erst sehe ich – ich hatte es völlig vergessen -, dass ich dort damals ein Himmelsbild eingefügt hatte, ein Dreieck, für diese Dimensionen.

Als ich heute Morgen bei meinem Weg über die Felder ein ähnliches Bild eingefangen habe, da wusste ich noch nicht, dass Dein Weg durch die letzte Tür bereits gegangen war.
Doch dass sich mir gerade dieses Bild zeigte, in dem sich alle Linien in einem Punkt vereint haben, das macht mich in meinen Tränen jetzt doch lächeln.
Es gibt ja keine Zufälle, Du Liebe, stimmt’s?

 

 

 

Aufgaben dieser Tage

Schlafen und ausruhen.

In tröstende Musik und Worte hineinschwingen.

Dem andrängenden Alltag mit Gelassenheit begegnen.

Mich all den Bildern hingeben, den inneren wie den äußeren.

Mich herantasten an das, was nährt, und mich befreien von dem, was bedrängt.

Mein Dorf und meinen Baum mit seinem Frühlingsknospen wandernd wiederfinden.

Spüren, wie es ihr geht und was ich für sie und ihre Familie tun kann.

Die Traurigkeit mitten in mir in den Arm nehmen.

Still werden.

Für all das habe ich mir – und Euch – einen Hauch Weite mitgebracht.

 

#3wegsam-Bilder-11: Auf bekannten Wegen

Ob ich es wohl schaffe, heute tatsächlich weniger Worte um die Bilder zu machen? Wie in den letzten Tagen bin ich abgrundmüde, mir ist kaum nach Sagen, und dann plaudert es doch los, sobald sich meine Erinnerungskästchen öffnen. Also mal schauen – diese Reiseerinnerungsbilderposts entstehen tatsächlich ganz spontan. Insofern weiß ich wirklich nicht, was hier in einer halben Stunde veröffentlicht werden wird:)

Das tschechische Land begrüßt mich mit einem heftigen Gewitterguss, welcher uns als bunte Radler-Wanderer-Gruppe unter einem Unterstand zusammenführt. Mit jedem pitschnassen Ankömmling wird es enger … und am Ende haben die Deutschen die wichtigsten tschechischen und die Tschechen die wichtigsten deutschen Wörter erlernt, Baby Martina ist von allen Seiten ausgiebig beknuddelt worden und beginnt das Leben in Radlerkreisen zu genießen, mit entgegenkommenden Radlern sind alle Tipps und Hinweise ausgetauscht – Zeit für Aufklarung des Himmels. Es klappt. Der Rest des Tages (und der nächsten auch, übrigens) bleibt weitgehend regenfrei.

(Aha, hier geht die Plauderei schon wieder los:))

 

Die Erinnerungsbilder von vor zwei Jahren kommen unerwartet klar hinter jeder Ecke hervor, ich kann mich an viele Wegbiegungen erinnern, selbst, wenn ich jetzt in die Gegenrichtung fahre.

Als erster Ort im neuen Land kommt Decin …

 

… dessen Schloss ich heute weitoben am Wegesrand liegenlasse.

 

Usti nad labem bleibt gleich ganz auf der anderen Flussseite, ich nutze die flinken Uferwege, die – bis auf Brückenausläufer – die Stadt großräumig umfahren.

 

Die Gestalt des Flusses wandelt sich bald in eine solche.

 

Und ich kann kaum anders als den gleichen Übernachtungsort wie damals zu wählen, …

 

… auf dem Zeltplatz bin ich so gut wie allein, hier ließe sich ruhig auch länger bleiben.

 

 

 

Am Morgen eine schnelle Stadtdurchfahrt durch Litomerice …

 

… vor erneuten Kilometern direkt am Fluss …

 

… und seinen Uferorten.

 

 

 

 

 

Melnik, so schnell schon bin ich kurz vor Prag. Dass ich die Strecke kenne, lässt sie mir unter anderem kürzer erscheinen. Ein interessantes Phänomen. (Hier zu Hause ziehen sich mir bekannte Strecken eher in die Länge. Nachgrübelstoff.)

 

Hier fließt die Moldau (rechts) in die Elbe (links). Vom Wasservolumen her, heißt es, sei die Moldau der mächtigere Fluss. Geographisch korrekt wäre es also, wenn vor kurzem in Hamburg die Moldauphilharmonie eröffnet worden wäre. Sozusagen. Aber das lässt sich wohl nicht mehr revidieren. Zumal einem das Wort „Moldauflorenz“ nicht so gut über die Lippen geht:)

 

Jedenfalls, ich verlasse die Elbe, ihre Quelle sitzt im nördlicher liegenden Riesengebirge, da will ich nicht hin. Das hellblaue e-Schild, das gleiche wie auf dem deutschen Elberadweg, tausche ich gegen das mittelblaue V. Denn Moldau heißt auf tschechisch Vltava. Warum das so ist, konnte mir noch niemand erklären. Mit einer Lautverschiebung hat es ja wohl nichts zu tun. Die von mir befragten tschechischen Menschen sind dem Rätsel auch nicht auf die Spur gekommen.
Von jetzt ab also: Vltava-Radweg Nr. 7.

 

Das erste Stauwerk folgt nach einem Kilometer, man zählt hier flussaufwärts.

 

Dieses Brückenbild hat lediglich Erinnerungswert. Schleppten wir doch damals unsere Räder samt Gepäck über dieses Brückchen; das vergisst man nicht so schnell.

 

Während ich diesmal schlauer bin und ein paar Kilometer weiter in ein verlassenes Dorf radle, um mich von dem aus seinem Haus geklingelten Fährmann über den Fluss bringen zu lassen.

 

 

 

Ein Übernachtungsort findet sich heute direkt am Fluss, …

 

… und morgens fährt mir der Schleppkahn quasi durchs Zelt.

 

 

 

Hier übrigens mal ein Lob auf die hiesigen Radwege. Die bisherigen. Später im südlichen Landesteil werden sie sich als noch ausbaufähig erweisen. Bisher aber ist es großartig. Oft sind es sehr durchdachte und radlerfreundliche Lösungen wie etwa diese Radwegquerung, die unter der Fahrbahn aufgehängt ist, so dass man nicht extra zum Fluss hinunter und wie hinaufkurbeln muss.

 

Kurz vor Prag schwächelt der Weg für eine kurze Strecke. Es sind nur 3 Kilometer, aber diese bewirken selbst beim Schieben – streckenweise weiche ich darauf aus – ein zittriges Gefühl in den Beinen. Hier auf dem Bild sieht es harmlos aus, war es aber nicht. Dichteste Ufernähe bei 2-3-Meter hoher Uferkante. Es gibt nicht umsonst eine Ausweichroute oben über den Berg. Mit Kindern sollte man diese hier nämlich unbedingt vermeiden …

 

Nun also: Prag ist in Sicht.

 

Vorher noch ein wenig Volkssport – an jedem Flussstückchen sieht man solche Wassertrainingskanäle – …

 

… bevor die Großstadt auf mich zukommt …

 

… und kurz darauf unser Hotelboot von damals.

Und hier, am Startpunkt der damaligen Reise, höre ich für heute zunächst auf.

 

Die damaligen Liveberichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

 

 

#3wegsam-Bilder-10: Elblängs zur Grenze

Immer noch dreht sich hier vieles und ist noch lange nicht besänftigt. Die Tage wollen im Moment erstmal nur geschafft werden. Raum für Vertiefung suche ich vergebens, so gelingt mir auch Einkehr in Worträume kaum.
Aber mich an Bildern entlanghangeln und ein paar Gedanken hinauströpfeln lassen, das geht und tut gut. Während wohlige Erinnerungen in mir rühren und das Derzeitige sanft einbetten mit ihrem Fingerzeig auf den Fluss vom Gewesenen zum Künftigen, in welchem einzig das Jetzt, selbst das derzeitige Jetzt, die Brücke bilden kann. Ich lerne zu verstehen. Und lasse mich von meinen Bildern ein weiteres Mal forttragen.

In Dresden war ich stehengeblieben mit meinem Erzählen. Nach dem Begegnungsabend ist viel zu schnell Abschied. Jedoch: nur dann kann es neue Begegnung geben. Bald schon? In wenigen Wochen, stimmt’s?

 

Unten am Fluss blicke ich wehmütig flussabwärts. Es ist seltsam, an der einstigen Heimatstadt vorbeizufahren, ohne sie „richtig“ betreten zu haben. Natürlich war das Haus, in dem ich willkommen geheißen wurde, „richtiges“ Dresden, mehr als das. Was ich meine, sind wohl meine damaligen Orte und Kreise. Die waren allesamt im Stadtzentrum, hier flussabwärts hinter der Biege irgendwo auftauchend. Nächstes Mal werde ich nicht vorbeifahren.

 

Heute sehr wohl. Es geht nach Süden.
Nachdem ich den Fluss via Blaues Wunder gequert habe. Noch immer weiß ich nicht, ob der Name dieser Brücke irgendetwas mit der Redewendung „sein blaues Wunder erleben“ zu tun hat. Ich jedenfalls erlebe hier mein blaues Wunder – ganz wörtlich zu verstehen:) – und freue mich an der Samstagsstimmung auf Straßen und Wegen …

 

 

… und am lebendigen Uferleben, selbst wenn der eine oder andere allzu lebendige Spaziergänger mir vor’s Rad springt. Macht ja nichts, ich habe Zeit.

 

Schloss Pillnitz quert meinen Weg, und von da ab so manch bekannter Ort.

 

Bin ich doch zwei Jahre zuvor diese Strecke in umgekehrter Richtung mit dem Sohn gefahren, damals ging es von Prag an die Ostsee. Heute (und die nächsten drei Tage) fahre ich dem Damaligen entgegen und werde wehmütig. In Erinnerung an den ersten Reiseabschnitt mit ihm, nur wenige Tage ist das ja her, in Erinnerung an unser damaliges gutes Miteinandersein, und vor allem immer wieder mit dem Gedanken, dass solch gemeinsames Erleben in den nächsten Jahren immer seltener werden, je mehr er flügge wird. Damals wusste ich noch nichts Genaues von seinem Italienjahr, es war noch nicht klar, WIE nah das Weggehen sein wird, und doch spürte ich es.
Hier etwa – wie an vielen Ecken – ist er so präsent, dass ich ungläubig staune über die Detailliertheit meiner Erinnerungen. Wie uns damals scharfer Gegenwind fast zum Stehen und abwechselnd in die Verzweiflung trieb. Heute ist schon wieder Gegenwind, offenbar muss das hier so sein. Nur bin ich ruhiger und stampfe nicht mit dem Fuß auf, selbst innerlich nicht.

 

Wie wir damals an selbiger Stelle standen und den Brückentouristen ebenso wie den Kletternden zuschauten. Und ich dem Sohn erzählte von meinen Jahren in Dresden, in denen uns – dank einer wanderbesessenen Freundin – allsonntäglich der 6.37-Zug in diese Felsformationen brachte, auf dass wir atemlose Tage in ihnen erlebten.

 

Irgendwann stehe ich an einer Schranke. So ist das von Zeit zu Zeit, das war noch auf jedem Streckenabschnitt so.
Innerhalb des ohnehin schon ruhigen radelnden Unterwegsseins ist der Aufenthalt an Schranken nochmals der Inbegriff des Zur-Ruhe-kommens. Man steht dort und steht. Ohne etwas zu tun. Ohne weiterzukönnen. Ohne sich richtig in eine Pause zu begeben. Man steht eben. Einfach so. Man hat es auszustehen. Kein Wunsch, kein Wirken, kein Eingreifen. Ausharren und Sein.
Ein wahrer Zwischenzustand in der Mitte von allem, was man gemeinhin mit dem Attribut „sinnvoll“ belegt.
Augenöffnende Schranken.

 

Eine Pause nehme ich mir in Rathen, ich sitze und schaue auf den Fluss, um mich zu sammeln und mir klarzuwerden, dass ich wiederum überhaupt noch nicht weiß, wohin ich heute will. Es ist Nachmittag, und ich werde mich wohl nochmal noch ein Stückchen den Fluss entlangtreiben lassen.
(Rätselhaft immer wieder das, was nicht im Bild ist. Auf dieser menschenleeren Uferwiese sitzen nur ich und mein Fahrrad. Gähnende Weite. Eine Großfamilie mit Hund und Streit nähert sich. Und wo lassen sie sich nieder? Zwei Meter von mir entfernt. Ich verstehe das nicht. Ich verstehe es wirklich nicht.)

 

Wieder eine heftige Sohneserinnerung, ich gebe zu, heute ziehen die ein wenig im Herzen. Dort drüben, auf der anderen Seite der Fähre, unterhalb der Festung Königstein, sind wir damals eingekehrt, geschlaucht von Gegenwind, Wegsteigungen und einer morgendlichen Felswanderung, zu Fuß. Heute habe ich bis auf Gegenwind nichts von all dem gehabt. Einkehren muss ich trotzdem, sagt mir die Wehmut. Ohne Hunger, ohne Durst, aber den Ort brauche ich nochmals. Es ist ein seltsam Ding mit dem Erinnern.

 

Nun, und dann geht der Samstag in Dunkelheit über. Weil die Sonne untergeht, und weil Regenwolken aufziehen. Schnell kaufe ich noch ein, um vor den ersten Tropfen den letzten Zeltplatz auf deutscher Seite anzusteuern. Im Kirnitzschtal baue ich auf, direkt neben dem Zelt fährt eine Straßenbahn vorbei (doch doch, mitten in den Bergen:)), und pünktlich nach Kochen und Essen beginnt es zu regnen. Und wie.
Der Morgen empfängt mich voller Pfützen.

 

Das Tal in Niesel und Nebel, eng ans Haus schmiegt sich die Straßenbahn (Beweisfoto!), und ich breche auf, in Regensachen fühlt sich dieser sanfte Regen fast gemütlich an.

 

Unten im Ort, in Bad Schandau, reißt der Himmel mehr und mehr auf, ich wage mich zu setzen und ….

 

… das viele Nass auf dem Rad zu drapieren, dass es ein wenig trocknen möge.

 

Ja, tatsächlich, bis auf eine einstündige Dusche später am Tag bleibt es blauhimmelig, ich bin dankbar, weil ich das Elbtal nochmals in vollen Zügen einatmen kann, bevor es sich auf der tschechischen Seite aufweiten und einen ganz anderen Charakter bekommen wird.

 

Vor lauter Einatmen verpasse ich mehrfach die Fähre, das muss man erstmal schaffen. Und auch auf diese darf ich nur dank  besonderer Großzügigkeit. Denn – „junge Frau, können Sie nicht lesen???“ – oben am Steg stand doch ein Schild, dass man diesen nicht betreten darf, bevor nicht die Erlaubnis … naja … gleich bin ich in Tschechien, manchmal sind deutsche Regeln und Gehorsamkeit ganz schön anstrengend.

 

Auf der anderen Flussseite ist schon Grenze, das ehemalige DDR-Grenzgebäude hat nur noch Strohmannfunktion, verströmt aber rein optisch immer noch seinen geballten Uncharme, manchmal gruselt’s mich, wenn ich mich an damalige Entwürdigungsprozeduren erinnere.

 

Der erste tschechische Ort – Hrensko – auf der anderen Seite, hier übernachteten wir vor zwei Jahren.

 

Und dann ist der Fluss nur noch Fluss, wird von keinerlei Häusern mehr gesäumt …

 

… bis die Grenzsteine auftauchen. So unsichtbar können Grenzen sein. Man schiebt hinüber, und schon darf man in einem anderen Land sein. (Ich bin sehr dankbar dafür.)

 

 

Die damaligen Live-Berichte finden sich hier und hier.

Baumwandelweg #2

Durch ein Jahr hindurch werde ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera begleiten.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Heute sehe ich meinen Baum in rotem Abendlicht. Und er sieht mich in traurigem Gewand. Erschöpft und vom Weinen müde schleiche ich zu ihm und kann mich nicht dafür öffnen, was sich an und um ihn im Vergleich zum letzten Mal verändert hat.
Dabei bin ich seit meinem letzen Bild häufig hier entlang gegangen. Doch ich trage oft so viel mit mir herum, dass ich den Blick kaum auf das Außen zu richten vermag. Auch heute bin ich zu sehr in mir gefangen. Dabei täte es gut hinzuschauen. Dass die Knospen gewachsen sind im letzten Monat. Das weiß mein Kopf, mein Auge hat es nicht wahrgenommen. Dass das Feld gemäht (oder wie sagt man?) ist, bemerke ich nur dunkel, erst auf dem Foto wird es mir bewusst. Dass das rötliche Licht wärmt, auch dieses Erleben tröpfelt nur langsam in mich.

Vor allem ist mein Bedürfnis heute mich anzulehnen. So wie es unter meinen letzten Fotos in einem Kommentar steht: „An Bäumen anlehnen ist wie Handy an Akku stöpseln, nur in Mensch.“ Genau so.

Danke, Du Baum.

 

Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekts kann man hier finden.