Emotionen-To-do-Gedränge

Ausgelaugt – an jedem einzelnen Abend der Woche, der vorigen Woche, all der Tage, seitdem die Schule wieder begonnen hat.

Jetzt – den Schrank reparieren. Bevor er umkracht und eines der Kinder unter sich begräbt.

Beglückt – als ich mir mitten am vollen Schultag einen zehnminütigen Gang durch das Grün des Schulhofs schenke und einfach durchatme.

Jetzt – in die Bücherei hetzen, Gebühren drohen. Und sowieso braucht die Gasttochter so schnell wie möglich Material zum Deutschlernen.

Hilflos – als sie nun alle wieder vor uns stehen, die Kinder mit ihren schwerbeladenen Rucksäcken, von denen ich nicht weiß, ob ich sie zu tragen im Stande wäre.

Jetzt – die Steuererklärung. Ich schaffe es mal wieder nicht pünktlich und sehe die Mahnung schon ins Haus flattern.

Aufgedreht – da nach den Ferien alle und alles wieder gleichzeitig auf mich einstürmt.

Jetzt – endlich einen Riesenkarton für das Sohnpaket nach Milano besorgen. Er wartet sehnsüchtig auf seine Noten.

Ergriffen – in welch vertrauter Zweisamkeit die beiden Töchter vom ersten Tag an zusammen kichern und glucksen.

Jetzt – schnell neue Sitzpläne zusammenstellen. So wie in der ersten Stunde kann ich die nicht sitzen lassen.

Traurig, immer wieder – er ist jetzt eben weg. Er fehlt. Und seine Musik. Heute dacht’ich kurz, er käme mir auf der Dorfstraße entgegen. Aber nein, er ist ja weg.

Jetzt – mit der Tochter neue Sportschuhe kaufen. Die gehen über die Sommerferien ja immer ein.

Glücklich – endlich wieder täglich meine Klassen zu sehen. Zu spüren, wie sehr sie in den Ferien gewachsen sind. Und vor meinen Augen weiterwachsen, immer weiter.

Jetzt – schnell die Verbundtickets bestellen. Damit der Termin für Oktober nicht wieder verstrichen ist. Und drölfzig Einzelfahrscheine für vorher. (Mist, hätt’ich mich nur eher gekümmert.)

Zuversichtlich – dass die Loslassenstraurigkeit mich keinesweg zernagen wird, sondern – ganz im Gegenteil – der Sohn mir aus der Ferne sogar noch viel näher ist.

Jetzt – mit der Gasttochter zum Einwohnermeldeamt. Und dies Papier ausfüllen. Und jenes. Da hinten auch noch eines. Hier noch eine Onlinemeldung. Ihr Leitzordner ist dick.

Unruhig – weil die Menge an eiligen To-do-Dingen über den Rand meines Gelassenheitsgefäßes schwappt. Das geht so nicht weiter. Jedenfalls nicht ewig. Ahne ich.

Jetzt – mich in die Musikunterrichtstermingefechte werfen. Neuer Stundenplan, zack, keiner der vier Termine passt mehr.

Fasziniert – wie die strahlenden Augen der Gasttochter vom ersten Tag an das Haus erfüllen.

Jetzt – dem Sohn die Schulbücher ausleihen und einpacken. Wo er sie doch plötzlich und dringend zu haben wünscht.

Unter Druck – weil alles am besten gestern fertig gewesen sein sollte. Ich bin mit allem zu spät.

Jetzt – den Fahrradkorb wieder aufs Tochterrad montieren. Bevor der Ranzen sie noch runterzieht.

Beruhigt – wie gut es dem Sohn in der Ferne geht, wie warmherzig er empfangen wurde, wie selbstständig er alle seine Schritte dort setzt.

Jetzt – mit den Kollegen die Themenreihenfolge abstimmen. Schnell, bevor wir uns erstmal in verschiedene Inhalte hineinunterrichtet haben.

Lethargisch – wenn diese unendlich nervigen Organisationsdinge mich überfluten und gar nicht weniger werden.

Jetzt – die erste Elternmail des Jahres schreiben. Dringend. Bevor es wieder so weitergeht wie letztes Jahr.

Einsam – weil sein Klavierspiel im Haus fehlt. Da ist viel zu viel von der äußeren Stille.

Jetzt – Klassenlisten und Verwaltungsdateien noch und noch erstellen. Schnell, bevor ich hinterher ewig viel nachtragen muss.

Gebannt – während ich mich selbst und unser verändertes Familiengefüge beobachte, in so manchen Spiegel blicke und ein Zurechtrütteln wahrnehme, in dem auch wir von alteingesessenen Positionen abrücken.

Jetzt – die Elterninformation für die Lernstandserhebung und die Testmappen ausdrucken.

Selig – da mir die innere Ruhe selbst in diesen Tagen nicht völlig abhanden kommt, mein (sonst üblicher) Schulanfangskopfschmerz ausbleibt und sogar der Chef mich darauf anspricht:)

Jetzt – die Sache mit dem Deutschkurs organisieren. Bevor wir uns hier alle noch ans Englisch im Haus gewöhnen.

Sorgenvoll – wie ich, und sie, und er, und wir alle die Kraft für all das finden sollen, immer wieder.

Jetzt – mich ins elektronische Klassenbuchsystem einarbeiten. Dringend. Umgehend.

Niedergeschlagen – da mir die Verbindung in mein Innen kaum mehr spürbar ist, in diesen Tagen, diesen Zeiten.

Jetzt – durch die Klassen gehen und die Wettbewerbsaufgaben verteilen. Einem Dutzend Schülern ihre Fragen beantworten. Also doch einen Extratermin festlegen.

Wehmütig – so viele Fäden im Moment lose flattern lassen zu müssen, und sie manchmal nicht einmal mehr zu spüren …

Mir ist schwindlig.
Ein Blick in meine derzeitigen Tage. Garantiert unvollständig. Und eingebettet ins ganz normale Unterrichten, in Vorbereitung und Konferenzen, in die üblichen Schuljahresstartaktivitäten, in Alltagshaushalt und Unterwegssein mit der neuen Tochter, in all die Schritte eines Anfangs auf allen Seiten. Eine andauernde Zerrissenheit zwischen allem. To-do-Overflow und Gefühlsgedränge. Für nichts ist genug Raum.

Wie lange das wohl durchzuhalten ist?
(Erstmals seit Jahren wache ich nachts auf. Da sind keine sorgevollen Gedanken, keine schlimmen Träume. Aber eben: ich wache auf. Weil der Kopf selbst im Schlaf noch am Organisieren und Durchdenken ist.)

Wo also ist der Hebel, der umzulegen ist???

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21 Kommentare

  1. Ich flattere mit meinem Fadenende einfach kurz vorbei. Mach dir keine Fadensorgen, die nicht auch noch. Den Schwindel kann ich sehr gut verstehen. Ich wünsche dir Gelassenheit. Als Nahrungsergänzung quasi! Und drölfzig gefällt mir ganz besonders!
    Windgruss

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    1. Nein, liebe FrauWind, es sind nicht Sorgen, eher die Sehnsucht danach, dass es wieder anders ist. Es wird sicher … Hier glätten sich ja wenigstens erstmal die Wogen des Schuljahresanfangs.
      Und dass du diese Art von Schwindel kennst und verstehst, das weiß ich ja … immer schon frage ich mich und staune, wie du durch das Viele – was bei dir ja noch viel mehr ist – gehst.
      Gelassenheit ist/wäre gut, ich übe.
      Einen Herzensgruß zu dir
      Frau Rebis

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  2. puh, was für ein stress. ich bin schon gestresst, wenn ich nur lese, wie du von hier nach dort hetzt. du fragst nach dem hebel, der umzulegen ist… kannst du nicht auch mal was abgeben? musst du alles alleine machen? und kannst du die kinder (sorry, ich kenne deine situation nicht, ich schreibe das hier jetzt nur aus dem lesen der liste) nicht auch in die pflicht nehmen? dass jeder was übernimmt? und was ich herausgelesen habe, ist, dass du dich unglaublich drängst. schnell dies, schnell das und das auch noch oben drauf. warum hetzt du dich so? du schreibst oben, du habest den spaziergang genossen – mache mehr davon. gehe spazieren, nur für dich allein, jeden tag. atme durch, atme tief durch. bitte. deinetwegen. alles gute.

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    1. Nun ja, ich war ja auch gestresst, in diesen letzten zwei Wochen. Genau darum schrieb ich ja drüber. Um mir selbst sozusagen vor Augen zu führen, dass ich jeden Grund für dieses Gefühl habe:)
      Und nein, von den Dingen, über die ich hier schrieb, ließ sich nichts abgeben, nichts aufschieben. Das war eben die Krux, dass das alles Terminsachen waren, dazu so olle. (Ich habe eine regelrechte Telefonphobie. Die Ämter-Orga-Dinge sind darum doppelter Stressfaktor.) Aber mit dem neueingezogenen Kind gleich mal die Anmeldefrist bei der Ausländerbehörde zu verpassen, so gelassen bin ich denn doch nicht:)
      (Aber dass ich über Wäsche, Küche, Einkauf, Hausaufräumen und -putzen nicht auch noch schrieb, zeigt doch zwischen den Zeilen, dass ich sowohl abgegeben als auch aufgeschoben habe. Diese Dinge eben. Also manchmal kann ich das schon:))
      Und heute Nachmittag gehe ich zu meinem Baum, das wird gut …
      Lieben Gruß zu dir
      Frau Rebis

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    1. Danke, du Liebe, das Schöne erreicht mich. Maisbilder und noch viel mehr …
      Und ja, es wird weniger werden. Der Schuljahresanfang ist quasi durch, es ebbt ab ins Normale. Das Neukind-Alltagsleben braucht noch etwas, bis es in eine Ruhe gefunden hat, aber das war ja klar, wenn sich fremde Welten in ein Zusammen finden wollen. Aber wenigstens die organisatorische Seite des Ganzen (die mich immens stresst, aus verschiedenen Gründen), die scheint größtenteils bewältigt.
      Und das Emotionale, das darf ruhig so intensiv bleiben … wenn es jetzt wieder mehr Raum bekommt, auch zeitlichen, dann ist es ja sogar gut, dass davon ein (Zu)Viel da ist …
      Liebste Grüße, bis bald/gleich:)
      Frau Rebis

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  3. Tja … das ist so schwierig, nicht? Du bist ja so eingebunden in dieses Schulsystem. So wie ich damals auch in meinen pädagogischen Job eingebunden war. Wenn dein Pensum so bleibt, hilft vielleicht nur Stundenreduzierung und in Kauf nehmen, dass es finanziell enger, aber ansonsten freizeitmäßig ausgeglichener wird, bzw. mal Zeiten da sind, die sich weiten und in denen nichts erledigt sein muss.
    Pass gut auf dich auf.
    Nächtliches Erwachen, Schlaf-, Durchschlafstörungen sind ernste Hinweise auf das Zuviel.

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Muschelfinderin,
      die Anstrengungen meines Schullebens sind mir ja schon von Beginn an Thema, und bis auf wenige Jahre habe ich deswegen nie Vollzeit gearbeitet. Verschiedenste Teilzeitmengen habe ich ausprobiert. Im Moment bin ich bei einer guten Menge angekommen und bleibe da auch. Noch weniger Stunden hieße, dass ich zwar weniger Unterricht hätte, aber diesen in Form von Hohlstunden in der Schule (ohne Arbeitsmöglichkeit) absitzen würde, zudem hätte ich keine Parallelklassen mehr, würde mein Herzensfach kaum noch unterrichten usw. Während der Rest der Aufgaben quasi unverändert bliebe: Klassenleitung, Abitur, Fahrten, Konferenzen, Fachschaftsarbeit – das alles reduziert sich kein bisschen. Unterhalb einer bestimmten Teilzeitmenge reduziert sich die Arbeit kaum noch. Und dass speziell die Stoßzeiten zu Schuljahresanfang und -ende so heftig sind, ändert sich nicht mal mit unterhälftiger Teilzeit.
      Also gilt es zu lernen, gesund durch die Stoßzeiten zu kommen. (Und wenn sogar der Chef mich auf meine sichtbare Gelassenheit anspricht, während alle anderen wie im Hühnerstall umherflitzen – na, da habe ich in den letzten Jahren doch offenbar was gelernt:)) Im Rest des Jahres ist es ja dann ausgeglichen, spätestens seitdem ich auch ein paar Zusatzjobs abgegeben habe.
      Das Heftige in diesem Jahr war und ist die zeitliche Kollision mit unserem Sohnesauszug und dem Gastkindeinzug, dazu ein Kinderzimmertausch im Haus, all die Emotionen, das Neueinleben als veränderte Familie … das fiel nun ungeschickt in die Schulanfangszeit. War nicht anders zu machen – und darum war alles zusammen mehr als jemals in den letzten Jahren.
      Nun aber werde ich zuversichtlich: Es wird mit jedem Tag weniger … Und seit drei Tagen schlafe ich auch wieder gut. Juchhu! – Denn das war tatsächlich ein Novum für mich, hatte ich noch nie. Nun ja, ich vermute, dieses Zusammenfinden als neue Familie, die Verantwortung für die Gasttochter, das Mit(durch)leben ihrer doch gar nicht so leichten ersten Schritte hier in diesem Land, unser Bemühen, ihr beim Einleben so weit es geht zu helfen, das Zusehen aber auch, was und wie es ihr schwer ist, mit so manchem – das fordert gewaltig. Aber auch in diese Gastmutterrolle werde ich hineinwachsen … ich gebe mir mal noch ein wenig Zeit:)
      Liebe Grüße an dich
      Frau Rebis

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      1. Danke für dein ausführliches Mitteilen. Dann hast du also gut für dich gesorgt. Und die Besonderheiten wie Aus- und Zuzug (des Gastkindes) werden sich integrieren in das Maß des zu Bewältigenden. Schön, dass du wieder schlafen kannst. Auch von mir herzliche Grüße.

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  4. Liebe Frau Rebis
    Ich kenne dich und deine Lebenssituation nicht, und es geht mich ja auch nicht wirklich etwas an. Allerdings ist ja all dieses ‚zuviel‘ in verschiedenen Varianten in deinem Blog oft Thema, deshalb trau ich mich einfach mal. Ich frage mich, ob du das wirklich alles alleine schaffen musst oder sogar willst. Meiner Einschätzung nach ist das in einem Vollzeitjob gar nicht möglich. In keinem Vollzeitjob, schon gar nicht in einem sehr fordernden wir wir ihn haben. Ich lese gerne über dein Auftanken auf deinen Radreisen. Allerdings wird mir regelmäßig schwindelig, wenn ich lese, wie du vom ersten bis zum letzten Ferientag unterwegs bist und das wirklich sehr anspruchsvoll mit so vielen Tageskilometern. Auch das wäre für mich nie-nicht zu schaffen. Denn die Schulferien sind ja in die Lehrerarbeitszeit eingerechnet, so dass wir zu Unterrichtszeiten eine ü40 Stundenwoche haben und in manchen Ferien vielleicht eine 20-Stundenwoche. D.h. die üblichen Ferientätigkeiten fallen bei dir in die ohnehin schon vollgepackte Schulzeit. Kann man natürlich so machen, aber wo bleibt die wirkliche Entspannung, in der die Seele baumeln und mal wirklich frei werden kann, Gehör findet. Das ist so wichtig.
    Ich verneige mich vor dir, weil du es bei alldem noch schaffst zu bloggen und das auch noch so bereichernd. Alles Liebe Sandy

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Sandy,
      nun habe ich in meinen anderen Kommentarantworten schon so viel dazu geschrieben, vieles passt auch hierher als Antwort. Dazu nur noch das mit den Ferien: Ich habe Teilzeit unter anderem deswegen, damit die Ferien frei(er) bleiben können, also um die Ferienschuldinge aus selbigen auslagern zu können – was bei Vollzeit tatsächlich nicht ginge. Das lange Wegfahren: genau dabei ging und geht es mir gut. (Wenn es nicht gerade eine New-York-Reise ist, wie im Frühjahr, die war in der Tat anstrengend.) Ja, auf dem Fahrrad baumelt meine Seele, solange jedenfalls, wie ich die Kilometerzahl nicht spüre. Ich glaube, das kann man sich vielleicht von außen schwer vorstellen. Ich träume jedenfalls von einem Sabbatjahr auf dem Rad, und solange das warten muss, solange versuche ich eben so viele Wochen im Jahr wie möglich herauszuschlagen:)
      Doch, ja, das Rad ist Seelebaumeln (morgen wieder:)), und das Cello, und das Schreiben. Diese drei Dinge bringen mich wieder zu mir – und nun, da alles außenrum ein wenig abebbt, wird es wieder besser werden. Ich bin zuversichtlich …
      Ach ja, und dass ich meine Überforderung hier oft thematisier(t)e – genau dann immer setze ich mich damit auseinander. Und jedesmal komme ich einen Schritt weiter. Auch diesmal wieder: Ich habe hier während des Antwortens im Kopf gut sortieren können, was auf welche Weise wirkt … und wie ich die nächsten Schritte durch meinen Anforderungsdschungel setzen kann.
      Lieben Gruß zu dir
      Frau Rebis

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  5. liebe frau rebis!
    da es mir z.zt. ganz genauso geht, komme ich erst jetzt zum lesen. diese vollen tage, die zu kurz sind, dieses rennen von einer sache zur anderen. die momente des innehaltens und von-oben-betrachtens. dieses hoffen, dass es nur eine phase ist. das wahrnehmen erster überlastungsmerkmale….
    ich wünsche dir mehr durchatmen und zeit für deine musik und deine naturerfahrungen!

    Gefällt 1 Person

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