Ferien

#bergundtal-1 – Anlauftage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

Anders als sonst verläuft der Radreisestart diesmal. Alles andere als leicht. Gefangen im Erschöpfungs- und Traurigkeitskreis. Das Packen ist mühselig, Vorfreude will nicht aufflammen.
Fast unvermittelt ist der Starttag da, ich sitze auf dem Rad. Wir – ein Teil der Familie fährt den ersten Tag mit – treideln gemächlich über die fastnochheimischen Felder und begehen den Abschied in einem Biergarten, bevor ich die anderen zum Bahnhof bringe.

 

 

Dann bin ich allein … und habe noch ein paar Kilometer bis zum Zeltplatz.
Stumpf fahre ich durch die Flusslandschaft, alles scheint grau und trüb. Der Neckar, dem ich nun ein paar Tage folgen werde, bedeckt sich mit Nieselregen, die Bilder finden keine Kontur.

 

 

Nach einer ersten Zeltplatznacht in Neckarsulm und einem Aufbruch im Regen öffnet das Land rings um den Neckar seine weiten Arme, doch ich bleibe blind.

 

 

 

Mein Trittrhythmus gibt mechanisch einen Takt vor, in dem ich nicht mitschwinge, Landschaften und Flussansichten ziehen nur am äußeren Auge vorbei …

 

 

 

… und ich weiß überhaupt nicht mehr und noch nicht, wie sich ein Ankommen im Unterwegssein diesmal anfühlen könnte.

 

 

Es ist ja immer eine Verquickung von Innen und Außen, denke ich, als ich – schweißgebadet zu einer Aussichtsstelle namens Jahrhunderthöhe hochgestrampelt – von einem mastenverstellten Blick enttäuscht werde. Weil ich nicht empfänglich sein kann, bietet sich der Wegrand auch nur nüchtern dar, vielleicht.
Dabei könnte ich Labendes und Buntheit gut gebrauchen. Eine „Kunstkaserne“ in Ludwigsburg zeigt mir wenigstens äußere Farben.

 

 

An Campingplätzen herrscht in weitem Umkreis um Stuttgart Ebbe, es gibt lediglich Bad Cannstatt. Karg, nüchtern, ungemütlich, laut.
(Nur die Begegnung mit zwei Fernradlern auf der Rückereise von einem anderen Kontinent und ein weiteres offenes morgendliches Frühstücksgespräch entschädigen.)

Der nächste Neckartag stellt zunächst Industriegelände und Graubauten an und auf den Weg …

 

 

 

… bevor es hinter Plochingen allmählich grüner und ruhiger wird.

 

 

 

Doch, ja, ich spüre kleine Momente, in denen mich Stilles und Lebendiges berührt, da blinzelt ein Licht durch den Nebel.

 

 

 

Nur beschäftigt mich – wir telefonieren mehrmals täglich – dass es dem Kind zu Hause nicht gut geht. Ich suche schon Bahnverbindungen heraus und gebe mir noch eine Nacht zum Entscheiden.

 

 

 

Immerhin möchte ich das Tagesziel Tübingen noch erreichen, wo ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert (wie alt das klingt!) für ein Semester studiert habe. Seither war ich nicht mehr dort.

 

 

 

Ich rolle unter Regenwolken, die sich ab und zu entladen, durch feuchtsaftiggrüne Wiesen, bis ich auf dem Tübinger Marktplatz stehe.

 

 

 

Hier saß ich an meinem ersten Tag, es war der 1. April 1991, nach der nächtlichen Zugfahrt aus Berlin auf den Stufen des Brunnens und weinte. Ich konnte mir nicht vorstellen, in einer solch fremden Welt zu leben, und fühlte mich unendlich einsam. — Dass ich dann quasi für immer in dieser Ecke des nunmehr größeren Landes bleiben sollte, das ahnte ich an jenem Umzugstag nicht.
Heute weine ich aus anderen Gründen …

 

 

Und doch zieht es mich später am Tag, das Zelt ist – auf dem bislang teuersten Campingplatz meiner Radelreisekarriere aufgebaut – an die Vergangenheitsorte. Es fühlt sich wohlig an, mein Tübingensemester war trotz der tränenreichen Ankunft dann wohl doch noch ein gutes gewesen.
Mein Wohnheim finde ich nach einigem Umherirren, die Mensa in der Wilhelmstraße auf Anhieb. Es sieht noch aus wie damals. Jünger sind wir alle nicht geworden:)

 

 

 

Später esse ich in der Kneipe, in welcher ich das erste Hefeweizen meines Lebens getrunken habe. (Warum nur habe ich davon kein Foto? Ich war wohl in Gedanken zu sehr bei der Entscheidung, ob ich abreise oder nicht.)

Der nächste Tag mit seinem Morgentelefonat lässt mich zunächst wieder aufs Rad steigen, letztlich fahren Züge von allen Orten. Ich rolle das Neckartal aufwärts. Es bleibt gewittrig, ich stelle mich öfter unter, bin immer noch nicht bei mir, und doch spüre ich Veränderung.

 

 

 

 

Der Himmel reißt hin und wieder auf. Ich finde Ruhe am Wegesrand. Die Wolken lichten sich. In mir wird es lebendig.

 

 

 

 

Mein Zeltplatz in Oberndorf letztlich, auf dem ich an diesem Tag als einzige übernachte, der fühlt sich wohlig an, obwohl ich ein klein wenig ängstlich vor dem nächtlichen Ganzalleinsein bin. Etwas bricht in mir auf. Zum ersten Mal seit Tagen spüre ich ein Ja zu meiner Reise. Ich lächle, während sich über mir Sonne und Gewitterwolken streiten.

 

 

Als es erneut losschüttet, verziehe ich mich unter das Vordach des Kiosks. Dort sitzt schon jemand, ebenfalls vor dem Regen geflüchtet. Eine Frau  zieht zwei Bier aus ihrer Tasche, ob ich eines mit ihr trinken wolle. Wir reden, über dies und das, übers Unterwegssein, die Menschen im Dorf, wonach wir auf der Suche sind, und wissen dabei nicht mal unsere Namen. Schade, dass sie irgendwann nach Hause geht.
Ich beginne zu kochen, schaue in die sich senkende Dunkelheit, in das Spiel des Mondes mit den Wolken, und in diesem Moment komme ich in meiner Reise an.

 

im Juni

Ein erschöpfter Monat ist dieser Juni. Wie immer um diese Zeit, da das Schuljahresende eingeläutet wird. Von Jahr zu Jahr aber stecke ich es schlechter weg. Nach der Himmelfahrtspause komme ich überhaupt nicht wieder in Tritt, die ersten Monatstage vergehen in lethargischem Waten durch die letzten Schulstunden, und sogar die Radreisevorbereitungen fließen nicht.
Die Reise selbst beginnt zäh und innerlich düster, es braucht lange, bis ich ins Unterwegssein hineinfinde.
Von dort zurückgekehrt, ist der halbe Monat um, ich trotte wieder durch Schultage, besser gestimmt zwar, jedoch auf einem anhaltenden Teppich der Erschöpfung.
*
So sehen diese Tage also aus, die Korrekturen stapeln sich, darum auch ist es im Blog still geworden, darum ist mir kaum nach Schreiben zumute, darum schob sich dieser kurze Rückblick Tag um Tag um Tag hinaus. Es sind ja nicht nur Korrekturen. Da ist Hitze, unerträglich im Glasfassadenschulhaus, da sind Konferenzen und Sitzungen und Planungen fürs nächste Jahr, ein Wettbewerb ist auszuwerten, es gibt eine Mathenacht mit den 5. Klassen und eine Kollegenverabschiedung auf der Sternwarte. Vieles ist schön und bewegend. Und dennoch: Man mag nicht mehr, ich mag nicht mehr.
*
Die Kinder stöhnen ähnlich, die Temperaturen in Verbindung mit dem Klassenarbeitsberg werfen noch jede Motivation um, es wird Zeit für Sommerferien.
Der Sohn möchte diese allerdings am liebsten überspringen und gleich nach Italien abfliegen, spätestens als er vor Vorfreude platzend von seinem Vorbereitungsseminar zurückkehrt. Solange beschäftigt er sich mit einem Online-Italienischkurs, lässt aber uns gegenüber noch keine neuerlernte italienische Silbe raus:)
Allmählich wird es in verschiedener Hinsicht ernst, wir kündigen Musikunterricht, Monatsticket und diverse andere Regelmäßigkeiten und beschäftigen uns mit Klavieranmietmöglichkeiten in Mailand, Kontoeröffnung und Versicherungsdingen. Das lenkt immer wieder den Blick darauf, wie bald er schon weg sein wird.
In diesen Tagen erhalten wir auch endlich Unterlagen für Gasttöchter, wir entscheiden uns und werden einander wunschgemäß zugeordnet. Ab September wird die Tochter also eine große Gastschwester haben, aus Slowenien kommt sie, alle sind vorfreudig gespannt.
Musik gibt es in diesem Monat vor allem in Form von vielen Proben, die Schuljahresabschlusskonzerte und -vorspiele stehen vor der Tür, die Kinder bereiten eine Cello-Klavier-Suite vor und üben miteinander anders als früher ohne gegenseitiges Anschreien, na bitte geht doch.
Für die Tochter gibt es eine wichtige Neuerung: Langgewünscht darf auch sie endlich eine Brille tragen. Beim Optikerbesuch zeigt sie sich entschlossen und wählt ein kräftig-grelles Modell, wennschon dennschon, wir sind gespannt:)
*
Der warme Monat schenkt einige Treffen mit nahen Menschen. Meine Radreise hangelt sich von liebem Haus zu liebem Haus. Zu uns kommen Gäste, wir werden eingeladen, mit alten Freunden treffen wir uns in der Stadt. Und an vielen warmen langen Abenden sitze ich einfach nur allein im Garten. Neuerdings kann dort ein Feuer brennen, was mir vor allem die Seele erwärmt.

Ein Reiseblick

Meine Reise ist vorbei, und noch lange nicht vergangen.
Viele mitgebrachte Bilder sind angeblickt, und noch lange nicht durchschaut.
Ich bin wieder hier, und noch lange nicht fort von dort.

Genau vor einer Woche war es, als wir durch’s geborgenheitspendende Grün streiften, auch an diesem Hollerbusch vorbei.
Es ist nicht jener von diesen Bildern, aber es war mit ihr.

 

 

Ich schaue, mich erinnernd, in die Welt dieses guten Hollerbuschs hinein. Da ist so vieles. Ich mag gar keine Worte dafür suchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und ich mochte die Bilder auch nicht kleinstellen. Eigentlich würde ich mich gern noch tiefer hineinentdecken …

 

Alltagsglück #2

Eigentlich sind wir ja noch auf Reisen. Was uns soeben geschah, ist also nicht direkt Alltagsgeschehen.
Andererseits könnte genau solches im Alltag geschehen, hängt es nicht vom Reisesein ab, ist dies nur zufällig ein Unterwegserlebnis.

Wir kommen auf einen Campingplatz. Dies ist immer Lotterie, zuweilen sind die Plätze eng, dicht, voll, man steht mit seinem Minizelt manchmal zwischen großen Wohnwagen und fühlt sich bedrängt. Oft ist es mit den benachbarten Zeltenden schwierig, da einer den anderen als zu nah empfindet oder die gegenseitige Lautstärke nicht zueinander passt. Am glücklichsten bin ich immer, wenn ich weit weg von anderen mein Zelt aufschlagen kann, wenn die Kontakte also spärliche oder gar keine sind. Darum ist dieses heutige Erleben so besonders.

Es beginnt schon in der Rezeption, in die wir hineinstürmen, da ein Gewitter uns jagt und wir gern noch im Trockenen aufbauen würden. Ich sollte heut noch Lotto spielen, sagt der Zeltwart, es ist just ein Wasserblickplatz frei, einer von fünf. A23. Wir sollten schnell aufbauen gehen, anmelden könne man auch bei Regen.
Es fühlt sich ja schon unbehaglich an, so eine Parzelle zwischen Wohnwagen zu bekommen und nicht auf die große Zeltwiese zu gehen. Die Tochter sagt gleich, wir sollten noch andere Radler mit auf die Riesenfläche nehmen. Ja. Es kommt bloß niemand mehr:)
Jedenfalls denke ich noch ein paar Sekunden darüber nach, wie wir jetzt unter Beobachtung zwischen den Wagenburgen sind, und wie sich unser Minizelt wohl ausnehmen wird, in welche Ecke des Areals wir es stellen sollten, damit wir uns behaglich fühlen könne. Und schon geht es los …

Zwei recht kleine Mädchen kommen. Mit einer Vierteltorte und Papptellern. Sie hätten die auch geschenkt bekommen, und nun wollten sie weiterverschenken. Wir hätten doch bestimmt Hunger nach der Fahrt. Ich bin ganz verdutzt. Wir nehmen uns zwei Stück und sind völlig perplex: Torte zum Campingplatzempfang.
Bald darauf kommt eine junge Frau vom Wohnwagen schräg gegenüber. Es würde ja gleich losgewittern. Wir dürften gern unsere Räder bei ihnen unterstellen, sie könnten den Tisch im Vorzelt wegschieben, dann wäre Platz für die Räder. Und für uns auch, sagt sie. Und schaut zum gewitterdrohenden Himmel. Ich bin überwältigt. Dies ist mir auf einem Zeltplatz noch nie passiert.
In der nächsten Minute – wir bauen eilig das Zelt auf – kommt die Nachbarin von links. Ob wir Hilfe bräuchten. Und ob wir zu trinken wollten. Wo wir heute herkämen. Und ihr Dach stünde uns offen. Dort lugt auch schon die kleine Lena hervor. Die nach kurzem Anlächel-Warmup mit der Tochter für den Rest des Tages fest mit dieser verschweißt sein wird.
Ich bin immer noch perplex, wie offen hier alle ihre Hände anbieten, als der Nachbar von rechts einen Hammer bringt. Weil er aus dem Saarland gerade Orkan-Hagel-Horror-Wettergeschichten höre. Und falls dies auch hierherkomme, da sollte ich die Heringe mal besser nicht nur mit dem Fuß eintreten. Er fragt, ob er noch irgendwie helfen könne.
Später kochen wir, die kleine Lena setzt sich fasziniert dazu. Sie isst mit – ihr eigenes Abendessen hatte sie stehenlassen, war mir nicht entgangen:) – und fragt nach dem Essen, ob sie beim Abwaschen helfen dürfe. Ein Kind zum Fasziniertkopfschütteln:)
Kaum haben die Mädchen gespült, kommt ein weiterer Zeltnachbar von schräg gegenüber, ob es uns gut gehe. Ob er mich zum Bier einladen dürfe. (Darf er:)) Wohin unsere Tour weiterginge …

Ich bin wirklich überwältigt. Mittlerweile haben wir alles im Zelt, dieses ist himalajafest vertäut, die kleine Lena hilft eifrig mit, nun auch noch die Räder sturmfest festzuzurren, und alle Menschen ringsum waren und sind für uns da. Was für ein warmes Erleben.

Kurz darauf trübt sich dies noch einmal ein – wie gewonnen so zerronnen, denke ich kurz – als sich vier Angler just vor unserem Zelt niederlassen, unser im Vorzelt gekochtes Essen vollqualmen und zwei Meter vor unserer See-Idylle laut palavern. Bis ich mir ein Herz fasse, sie ruhig anspreche, darum bitte, dass sie nicht gerade in meinem Zelteingang sitzen mögen, die Seen seien doch so groß – und sie schließlich mit ihren Stühlen, Bierflaschen und Rauchfahnen abziehen.

Seither sitze ich am See, atme die Stille ein, bin noch immer am Wundern und Michfragen: Warum gelingt uns Menschen dies nicht immer und allezeit: Füreinander da sein. Aufeinander zu gehen. Zugewandt schauen, was die und der andere braucht.

Entschuldigung, ich bin noch unterwegs. Mein Schreibgefühl hat noch nicht wieder zu mir gefunden. Vielleicht liest es sich daher holprig. Aber ich wollte es unbedingt erzählen: Wie viel Gutes ist uns in wenigen Minuten geschenkt worden. Wie offen sind die Menschen – ALLE Menschen ringsum! – auf uns zugekommen.

Wie gut können wir Menschen es miteinander haben. Wenn wir einander nur anlächeln, uns gegenseitig helfen, füreinander da sind.

Es war heute fast wie in Utopia. Jedenfalls aber: Es war ein Alltagsglück, das ich mitnehmen werde von der Reise. Und das wir weiterteilen sollten. Lasst uns aufeinanderzu gehen …

12 von 12 im Juni

Immer noch bin ich radelnd unterwegs. Da ich mich noch nie damit beschäftigt habe (und es auch nicht möchte), wie ich hier in der freien Wildbahn Fotos von der großen Kamera aufs Handy und dann in den Blog bekomme, gibt es heute mal wieder Wortbilder.

Bild 1
Ein grünes Zelt in einem heimeligen Garten, es hat ausgeschlafen, ist leergeräumt, wartet aufs Verpacktwerden. Daneben hält ein beladenes Fahrrad seine offenen Packtaschen in die frische Morgenluft. In der Nähe streichen zwei Frauen durchs Grün, nehmen etwas mit der Kamera in den Blick, reden ein wenig, verabschieden sich.

Bild 2
Ein Dorf im Morgenlicht, das gestrige Hitzeflimmern ist ihm noch aufs Pflaster gezeichnet, einige Fenster sind geöffnet. Montagmorgengeräusche tänzeln. Die Dorfstraße weist durch das verlassene Tor eines Grenzübergangs in eine sanfte Hügelwelt, ein Rad rollt wie von selbst hindurch.

Bild 3
Eine Straße zieht sich über die Höhe, rechts und links Felder. Flockige Wolken lassen Lichtfäden hindurch, Insektenschwärme kreiseln darinnen. Rechts öffnet sich ein Tal, dahinter eine weitere Hügelkette. Der gestrige Weg bildet ein Band, die gestrigen Orte liegen flach am Hang, so schnell ist die Zeit vergangen. Nun fährt es schon wieder zurück, das Rad.

Bild 4
Der Radweg fällt von einer einsamen Wohngebietsstraße auf das graue Pflaster der Magistrale und wird von der Großstadt verschluckt. Autos, Lichter, Lärm, Geschwindigkeit. Ein vollbepacktes Rad versucht tapfer die Spur und die Richtung zu halten.

Bild 5
Bänke unter Bäumen, eine Terrasse mit Blick auf den breiten Fluss und das gegenüberliegende Häusermeer. Von allen Seiten dringen Stadtgeräusche, das Münster bietet nur optisch Ruhe, und die Stadtreinigung kehrt emsig um Füße und Räder von auf den Bänken Sitzenden herum.

Bild 6
Alles ist verschwommen. Breite Straßen, Riesenhäuser, ein Kongresszentrum, ein Bahnhof, Straßenbahnen und Autos. Mittendrin ein um Wegfindung bemühtes Fahrrad.

Bild 7
Die Verschwommenheit hat sich gelichtet und ist einem schnurgeraden nunmehr wieder mit weißgrünen Schilder markierten Radweg gewichen, immer zwischen Hauptstraße und Schiene. Auf der Straße, auf den Schienen, auf dem Radweg – alles rollt.

Bild 8
Ein alter Baum hält seine Äste behütend über den Feldrain, darunter ist Schatten und Sitzplatz. Nach Süden geschaut, schichten sich die Berge des Basler Lands. Nach Norden geht es grün hinauf in die Schwarzwaldhöhe. Das Rad gibt sich noch eine Pause vor dem Aufstieg.

Bild 9
Ein Supermarkt in einem kleinen Ort am Fuße der Bergkette. Getränke werden hinausgeschleppt, und ein wenig Nahrung, vor allem aber Getränke. Auch das noch, ächzt der Gepäckträger, als das alles auf ihm festgeklemmt wird. Wir schaffen das schon, besänftigt ihn das Vorderrad. Und bekommt gleich darauf auch eine Ladung in seine Taschen gestopft.

Bild 10
Eine Waldlichtung, ein Rastplatz, leere Holzbänke. Es ist Montag, man ausflugt nicht. Nur eine Bank ist besetzt. Einatmen ausatmen, und gleich geht es weiter. Wie hoch das hier schon ist? Das wird man nie erfahren, denn hier reicht das Netz nicht hin. Zahlen sind ohnehin überbewertet.

Bild 11
Ein Asphaltband schlängelt sich. Mal zwischen Nadelbäumen hindurch, mal werden rechts und links grünhügelige Weiten sichtbar, zuweilen erscheinen in der Ferne die Alpen. Immer aber schlängelt es sich. Bergauf, bergauf. Bis sich das Radl plötzlich und viel eher als erwartet vor Bild 12 wiederfindet.

Bild 12
Ein Dorf, ein vertrautes Haus, die Terrasse, durch die Bäume zu erahnen ein weiter Blick, und zwar dieser hier. Frau Lebensfreude und Frau InnererFrieden sind mit dabei, als wir uns im Garten hinterm Haus begrüßen …
 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

WmDedgT 06/2017

Ein Monatsfünfter. Die Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Reihe als Anlass, doch einen meiner Radeltage zu erzählen. Ansonsten nämlich ist dies die erste längere Radreise seit – hm, ich weiß gar nicht: jemals? – auf der ich nicht täglich blogge. Es passt diesmal nicht in meine Stimmung hinein, die mich schwerer als sonst durch die Tage gehen lässt, selbst hier unterwegs.

Aber jetzt. Also los.

Ich wache gegen sieben Uhr auf und schaue den grau-regendrohenden Himmel an. Schnell zusammenpacken, bevor das Zelt nass wird. Frühstücken kann ich später. Immer wieder erstaunlich, dass es eine Stunde braucht, bis das gesamte Geraffel verstaut ist. Vielleicht könnte diese Form des Reisens noch mehr Reduktion vertragen?

Als ich die letzte Zeltplane zusammenlege, schieben zwei vollstbepackte Radler vom Ende des Platzes vorbei. Wohin ich unterwegs sei, fragen sie, ich erzähle. Und dann erzählen sie. Auf der Rückreise einer 12-Monats-Tour durch mehrere Kontinente sind sie. Ja, stimmt, das Gepäck, die Fähnchen, die Webseite auf dem Rahmen. Ich erzähle von meinen Sabbatjahrplänen, das ist noch weite Ferne. Diese Begegnung aber ermutigt mich einmal mehr. (Er ist übrigens auch Lehrer und hangelt sich, so habe ich das verstanden, seit dem ersten Sabbatjahr von einem zum nächsten.) Schaut doch mal: http://www.diezweiunterwegs.de

Überm Plaudern wird es fast neun, wir schieben noch gemeinsam zum Kiosk, wo ich – der Himmel regnet doch wirklich gleich los – unter einem Riesenschirm meinen Kocher in Gang setze und frühstücke. Während am Nachbartisch ein Mann sein zweites Bier öffnet. Wie da gleich die Vorurteilsschublade in mir aufgeht. Wie ich beschämt zusammenzucke, als mich der Mann anspricht. Und beginnt zu erzählen, sein ganzes Lebenselend tönt durch den lächelnden Mund hindurch. Dass er morgen wieder arbeiten müsse, wie furchtbar die Arbeit sei, und wie schlechtbezahlt, und wie es doch keinen anderen Weg gäbe. Wohin ich fahren würde, fragt er. Wie das so sei, allein unterwegs. Ich erzähle. Er hört mit offensten Augen zu. Und kauft mir schließlich am Kiosk eine Flasche Wasser. Ich wehre erst ab, doch er lässt es sich nicht nehmen: Ich MÖCHTE Dir dieses Wasser kaufen und mitgeben.

Es ist zehn, als ich losfahre. Um nicht wieder die Schleife um den riesigen Platz zu nehmen, plane ich eine Abkürzung. Denkste. Monsterhaft-düstere Veranstaltungshallen und Mercedes-Benz haben die Flächen nach ihren Plänen gestaltet, und die sehen halt keine Durchradler vor. Ich irre in den gruselig menschenleeren Arealen umher, bis ich auf ein verschlauftes Straßenkreuz treffe. Ein paar Windungen noch – fast wäre ich dabei auf die Autobahn geraten – und dann habe ich endlich den Neckarweg wieder. Wenngleich den Neckar noch lange nicht. Öde ist es hier. Ein beindustrieanlagter Fluss. Dazwischen Häuschensiedlungen. Zu meiner Überraschung gibt es zuweilen Ostputz, diesen grau-bräunlichen, wenn Ihr versteht, an Häusern und Garagen. Hach, das lässt mich gleich ein wenig heimisch fühlen. In meiner Familie wird meine Ostputzgaragenfotografierobsession ja liebevoll-spöttisch belächelt. Hier kann ich ihr frönen, ohne mir Kommentare einzufangen:) Und wirklich, dieses Alte, Unvollkommene, das macht mir wirklich ein wohliges Gefühl. Als ich 1991 nach Tübingen und damit erstmals in den „Westen“ zog, nahm ich alles – Gebäude wie Menschen – als steril geleckt wahr und fühlte mich unendlich einsam. Manchmal schaue ich heute noch mit meinem damaligen Blick auf die Welt, bzw. auf deren Oberflächen … Doch ich schweife ab.

Ich durchradle also viel viel Industrie, zum Glück ist Feiertag und damit Ruhe, und auch auf dem Radweg ist es erträglich voll, denn es beginnt zu nieseln. Kein Regen, kein Nichtregen, eine Schrödingersche Unentschlossenheit dazwischen. Regenjacke an, Regenjacke aus, so wird das über mehrere Stunden gehen, genau genommen bis kurz vor dem Ziel.
Eine Brötchenpause in einem Park, die Augen müssen die grüne Insel aufsaugen, meditatives Fahren auf Holperwegen, der Weg nähert sich endlich wieder dem Fluss, und ich komme im Treten an.

Gegen zwölf bin ich in Plochingen. All die Orte längs der Strecke, die Namen, markante Gebäude, der Talanblick, dies ist mir alles noch erstaunlich vertraut. War dies doch meine häufige Zugstrecke nach Stuttgart, damals, als ich in Tübingen lebte.
Im Innern der meisten Orte war ich aber wohl nie. Hier in Plochingen jedenfalls nicht. An das Hundertwassergebäude könnte ich mich erinnern. Umlagert von bunt-grell-neongekleideten Radlergruppen ruft es mir allerdings nur ein Schnell-weiter zu. Nicht dass sich dieser Pulk noch vor mich schiebt und ich mich mit ihm verheddere. (Die Wahrscheinlichkeit aber ist klein. Größere Gruppen fahren nach meiner Erfahrung seltenst flussaufwärts.)

Der Weg biegt ab, so wie der Fluss auch, es geht nun Richtung Südwesten. Der Wind hat mitgedreht, so ist das ja immer. Dieses noch nicht erforschte steter-Gegenwind-Phänomen. Dafür wird der Weg zwischen den beiden Neckararmen naturwild und stimmungsvoll urig, das tut gut.

In Nürtingen – ist es zwei Uhr? die Uhr ist nicht so wichtig – biege ich ab und trete ins Städtchen hoch. Und finde dort Feiertagsverlassenheit und leere Straßenrestaurants vor, klar bei Niesel und diesen Temperaturen, wer mag dort sitzen. Auch mich lockt es nicht, obwohl mir sehr nach einem warmen Getränk zumute ist.

Weiter am Fluss entlang, im Nieselregen treiben, bis mich ein Badesee anlacht. Nicht zum Baden, brrr, obwohl es Mutige tun. Aber ein überdachter Imbiss, genau das suche ich. Etwas in den Magen bekommen, dazu eine Holunderschorle, ist zwar nicht warm, aber trotzdem genau das, was ich jetzt brauche. Ich sitze lange, der Seeblick ist beruhigend, es ist auch nicht mehr weit bis Tübingen. Naja, eigentlich wollte ich dort sehr früh ankommen, um alte Studentenzeitorte wiederzufinden, dieser Plan löst sich am See in Luft auf:)

Über die restliche Strecke gibt es nur noch zu sagen: Ein weites grünes Tal. Rechts und links Hügel. Eine Landschaft zum Fallenlassen, ein Ort zum Bleiben.
Mich aber treibt um, was ich am Telefon höre. Mehrmals in diesen Tagen jetzt schon, heute besonders schwierig auszuhalten, wir telefonieren einige Male. Immerhin: die Bahnverbindungen von hier nach Hause sind gut und regelmäßig, dies beruhigt uns alle. Und noch benutze ich sie nicht …

So ist es sechs Uhr geworden, als ich in Tübingen einrolle. Im Gegensatz zum Tal unterwegs scheint mir, dass ich mich an gar nichts erinnere. An GAR nichts. Wie eine noch nie betretene Welt, ich bin ganz geschockt, wie ich hier gelebt haben kann, ohne diese Innenstadt wahrzunehmen. Vielleicht waren wir ja damals wirklich nur auf studentischen Pfaden unterwegs?
Die Wilhelmstraße, klar, die ist mir dann doch nicht aus der Erinnerung verschwunden. Das Gebäude, in dem man mich wegen meines DDR-Abitur nicht einschreiben konnte oder wollte, in dem ich sechs Wochen lang den Kampf um Formalitäten führte. Die Mensa, ungemütlich-vertraut wie je. Der Park, das Studentenwerksgebäude, das Lustnauer Tor.
Mein Wohnheim, das sieht aus wie damals. Ist halt ein Vierteljahrhundert älter geworden. Durch ein offenes Fenster sehe ich: Die Regaleinrichtung der Zimmer noch wie damals, nur die Lampenschirme wurden durch modernere ersetzt. Was das Gedächtnis so festhält. Gern hätte ich noch ins Innere geschaut, aber es scheint kaum jemand daheim zu sein, niemand öffnet die Tür, dann eben nicht.
Den Weg von dort in die Stadt – ob ich den damals radelnd, zu Fuß oder mit dem Bus zurücklegte? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich immer auf die Morgenstelle kam, zum Institut hoch. Heute zeigt mir mein Navi, dass es 150 Höhenmeter sind, ich nehme davon Abstand, am Abend noch hochzuradeln. Dafür muss ein späterer Tübingen-Besuch gut sein.
In der Altstadt erkenne ich die Gassen nicht wieder, nur einzelne Punkte flackern in der Erinnerung auf. Das Wirtshaus an der Krummen Brücke, in dem ich das erste Weizenbier meines Lebens trank. Das Eiscafé San Marco, in dem ich nur selten saß, es war zu teuer. Denn aus ebenso formalen Gründen konnte damals auch mein Bafög-Antrag über Monate nicht bearbeitet werden, wovon ich damals lebte, weiß ich gar nicht mehr, jedenfalls beantragte ich keine Sozialhilfe, wie mir die Dame auf dem Bafög-Amt ob meiner Ungeduld lapidar empfohlen hatte:)
Der Brunnen auf dem Platz. Hier war es, genau hier, ich erinnere mich. Mein erster Tag in der Stadt, in der Nacht war ich mit dem Zug aus Berlin angereist, hatte mein Wohnheimzimmer bezogen, spazierte durch meinen neuen Ort. Und begann genau hier am Brunnen spontan zu weinen. Zu einsam war ich in der neuen heilen Welt, damals 1991. Heute, die Nachrichten von zu Hause im Ohr, laufen mir auch ein paar Tränen. (In Kombination mit Sonnencreme ist dies dann auch noch in den Augen schmerzhaft, übrigens.)

Zwischendurch habe ich auf dem Campingplatz eingecheckt und aufgebaut. Der teuerste meiner Campingkarriere übrigens, meine ich. Und dann schließt dessen Tor um zehn, nicht mal langen Ausgang bekommt man:) Ich esse im Wirtshaus an der Krummen Brücke, das muss sein, und eile dann aber – mit Blick auf die zehn-Uhr-Sperre – schnell zurück. Puh, geschafft.
Ein letztes Bier am Campingplatz.

Wie und ob es die nächsten Tage radelnd weitergeht, wird sich zeigen. Erstmal bringt mir der Schlaf Beruhigung.

Noch mehr Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Einträge gibt es hier.

New York #3 – Tage auf dem Land

Recht bald schon nach unserer Ankunft in New York schnappt sich Joanna uns, setzt uns in ihr kleines Auto und fährt mit uns nach Stockbridge / Massachussets.

Viele Worte dazu habe ich gerade nicht, was weniger den damaligen als den derzeitigen Tagen geschuldet ist, aber hier habe ich ja schon davon geschrieben..
Und durch die Bilder hindurch erinnere ich mich jetzt wieder mit wohltuender Wehmut …

… an unsere Fahrt längs des Hudson Rivers immer nach Norden, mit so manch kleinem Ort am Wegesrand. Der Stadtmoloch mit seiner Unruhe darf für einige Zeit in den Hintergrund treten, ich atme selbst jetzt beim Betrachten noch tief ein und aus und spüre die damalige Erleichterung, plötzlich Ruhe um sich zu haben.

 

… an den kleinen Ort Stockbridge, der uns voller Geschichten empfängt und in dessen Frühlingsöffnung mir ganz warm wird.

 

…. an die kleine Bücherei, in der ich mich zu gern einfach versinkend und versunken niedergesetzt hätte.

 

… an den Sommerfestivalort Tanglewood, der uns in einsam-abwartender Winterstille empfängt, ja, es liegt sogar noch Schnee, die warmen Temperaturen sind erst mit unserer Ankunft hierhergekommen, bis letzte Woche war Winter.

 

… an die Tanzscheune „Jacob’s pillow“, in ebenso fastnochwinterlicher Verlassenheit vor uns liegend, und doch säuselt und probt es auf manchen Bühnen der Waldgebäude schon vor sich hin.

 

Das Frühlingserwachen scheint wirklich nicht mehr weit.

 

Die bisherigen New-York-Bilder finden sich hier.
Und hier.

New York #2 – Stille(re) Momente

Die riesige Stadt hat ja nicht nur Lärm und Überfülle. Natürlich sind diese gewaltig und besetzen – wenn man  nicht aufpasst – alle Aufmerksamkeit. Zumal wenn man, wie wir, gleich am ersten Tag mitten hinein in die prallvollste Ecke fährt.

Jedoch: Selbst dieser erste Tag hält stillere Momente bereit.
Da sind kleine Momentaufnahmen am Wegesrand:

(Durch Anklicken lassen sich alle Fotos größer anschauen.)

 

 

Eine jede Spur von Altem berührt. Wie es sich beharrlich hält, da inmitten der Glasspiegelfassaden. Selbst wenn es immer noch ungewohnte Dimensionen sind.

 

Apropos Glasspiegelfassaden. Welch neue Welten darinnen entstehen:

 

Das letzte der Spiegelbilder stammt aus dem Herzen der Stadt, dort wo es noch immer blutet, wo ich vor 20 Jahren mit einem schnellen Lift in die Höhe fuhr und wo heute statt der Türme Tiefen sind. Hinein fließt Wasser. Gedenkwasser.

 

Und über allem bricht langsam langsam ein Frühling durch seine Knospen.

 

 

Die bisherigen New-York-Bilder finden sich hier.
Und direkt an dem Tag damals schrieb ich das hier.

New York #1 – Hinein in die Dimensionen

Die drei Wochen seit der Reise sind so schnell verflogen wie die zwei Wochen dort. Noch sind die vielen Fotos nicht alle durchgeschaut, geschweige denn sortiert. Es war ja auch Vieles seither, Beschwerendes wie Erhebendes. Nun kommen wohl ruhigere Tage, so hoffe ich.

Bevor meine kleinen offenen Zeitfenster wieder verflogen sind und ich mich im Systematisieren und Erzählen verzettelt habe, werfe ich nun einfach ein paar Bilderwolken hierher. Heute von unserem allerersten Tag in der großen Stadt, der von Ankommensstaunen und Jetlagmüdigkeit durchdrungen war.

(Durch Anklicken lassen sich die Fotos größer anschauen.)

 

Aufbrechend:
In Vorfreude geht es hinauf über die Wolken, streifen wir London kurz und landen zu (innerlich) nachmitternächtlicher Zeit im New Yorker Abendrot.

 

Uns dem Wolkenkratzerbild annähernd:
Es braucht ja nicht nur den steten Blick nach oben, um diese Ausmaße zu erfassen.

 

Ins Grell geworfen:
Ja, das ist viel. Das ist optisch laut. Das verwirrt. Das erschreckt. Das wirft aus der Ruhe. Das werde ich auch nach vielen weiteren Tagen nicht einfach so aufnehmen können. Womöglich ist es einfach mehr, als man (ich?) verkraften kann.

 

Unterwegs in perpetuierter Rush hour:
Anders sahen wir es nie. Dies war schon die Sonntagsruhe. (Die Sorge allerdings, dass es an den weiteren Tagen daher noch dichter würde, war unbegründet. Vielleicht auch einfach nur, weil noch dichter nicht möglich ist.)

 

Heimkehrend nach Jackson Heights:
Die Dimensionen des „kleinen“ Stadtteils, in dem wir wohnen, wirken plötzlich anheimelnd, sein schreiend Buntes fast blass. Wir sind ein bisschen müde …

 

Fortsetzung folgt. (Hoffentlich.)

im April

Der Monat beginnt in frühlingshafter Wärme und wie immer mit dem 1. April, in den ich erstmals (?) von niemandem geschickt werde, nicht von den Kindern, nicht von Schülern. Bei letzteren liegt das wohl einfach daran, dass ich sie am Samstag nicht sehe:) Mir fehlt nichts, aber es fällt mir auf.
Zum Ende des Monats hin hat sich der heftige Frühling vom Monatsanfang zunächst wieder versteckt und schaut nur schüchtern um die Ecke. Man hofft ja doch, dass er sich im Mai endlich wieder hinaustrauen wird.
*
Der Monat ist geprägt und dominiert von unserer New-York-Reise, von all dem Anstrengend-Spannenden schon vor dem Start (für uns, die wir sonst nie fliegend verreisen), von der Eindrucksflut der Riesenstadt, die zuweilen überfordert, von Jetlags, einer Tonne voller Fotos und Erinnerungen und von daraus geborenen neuen Reiseplänen:)
Durch die Reise übrigens fällt das Eierfärben natürlich aus, was vor allem ich ein wenig schade finde, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle.
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Vor und nach den Ferien gibt es natürlich Schulzeit, ein wenig nur. Aber auch eine einzelne Woche kann im Anstrengungsgewand auftreten, was vor den Ferien vor allem daran liegt, dass nebenher die Packvorbereitungen laufen und derart fordern, dass kaum mehr genug Schlafzeit bleibt.
Nach den Ferien ist natürlich alles liegengeblieben – die kompletten Ferien wegzufahren bedeutet ja, dass das reinigende Alles-weg-Korrigieren, Alles-weg-Aufräumen, Alles-weg-Kommunizieren und Alles-weg-Vorbereiten, womit zweiwöchige Ferien gut gefüllt sein können, nicht stattfinden kann und die angrenzenden Schulwochen mit kaum zu bewältigender Arbeitsdichte gefüllt sind. (Darum übrigens werde ich ab nächstem Jahr ein wenig mehr Teilzeit nehmen, also ein wenig weniger Deputat haben: Um in Ferien wegfahren zu können, ohne mich vorher und nachher in die Erschöpfung zu arbeiten.)
Die Reste des in den Ferien Nichtgeschafften schleppe ich in den Mai, nicht zu Ende korrigierte und nicht fertig erstellte Klassenarbeiten, nicht vorbereitete mündliche Prüfungen, ein Schulcurriculum im Rumpfzustand und (psst!) ein paar längst fällige GBUs. (Wer nicht naturwissenschaftlehrend ist, möge sich nicht beunruhigen: diese Abkürzung muss man nicht kennen, und das Dahinterstehende ebenfalls nicht.)
Ich hechle den Erfordernissen hinterher und finde mich seit langem wiedermal in der Situation, dass ich spätabends ganz knapp und sozusagen von der Hand in den Mund erst vorbereite. Da kommt der ganztägige Pädagogische Tag gerade Recht, selbst wenn er an meinem unterrichtsfreien Tag liegt: muss ich am Vorabend wenigstens mal nichts vorbereiten.
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Den Kindern geht es mit ihren Schulaktivitäten besser, die Klassenarbeitsdichte ist gering, die Hausaufgabenmenge wohl auch. Jedenfalls sehe ich sie kaum mal etwas für die Schule tun und auch nicht fluchen.
Ihre Musik im Haus dagegen erfährt heftige Belebung. Die Tochter hat ein neues Cello und eine neue Lehrerin, neue Stücke, neuen Schwung, alles lässt sich gut an.
Der Sohn ist nach dem Jugend-musiziert-Wettbewerb regelrecht manisch in der Erarbeitung von Neuem. Prokofjew, Liszt, Chopin, Beethoven tönen durchs Haus, ich komme mit dem Notenkaufen kaum hinterher. Vor allem die Dauer des täglichen Übens stellt hohe Anforderungen an alle Zuhörendennerven, denn ja, ein Flügel ist laut und tönt durch alle Wände. Dafür wurden also Silent pianos erfunden.
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Für viel mehr ist kein Raum in diesem Monat, ich bin wenig draußen (außer natürlich in New York), ich lese wenig, komme kaum zum Celloüben. Es fließen Tränen, denn die Freundin stirbt. Andere nahe Menschen beenden ihren Lebenskreis. Im Kollegium werden zwei Kinder geboren, und eines darf nach Intensivstationsmonaten wieder nach Hause. Mein Knie – nur das Knie, aber doch – muckert und erinnert sanft daran, dass auch mein Platz in diesem Lebenskreis zwischen Geborenwerden und Sterben kein unveränderlicher ist.
*
Mein innerer Grundzustand dieses Monats ist gehetzt und unzufrieden. Alles ist viel zu viel. Sehnsüchte liegen brach vor mir, ich habe zu üben.
Sei mir das am letzten Monatstag im Garten aufgebaute Zelt ein Hoffnungsschimmer, dass mit bald beginnenden Rad-und-Zelt-Zeiten endlich wieder Tage des Ruhens kommen werden, ich brauche sie so.

 

Aufgaben dieser Tage

Schlafen und ausruhen.

In tröstende Musik und Worte hineinschwingen.

Dem andrängenden Alltag mit Gelassenheit begegnen.

Mich all den Bildern hingeben, den inneren wie den äußeren.

Mich herantasten an das, was nährt, und mich befreien von dem, was bedrängt.

Mein Dorf und meinen Baum mit seinem Frühlingsknospen wandernd wiederfinden.

Spüren, wie es ihr geht und was ich für sie und ihre Familie tun kann.

Die Traurigkeit mitten in mir in den Arm nehmen.

Still werden.

Für all das habe ich mir – und Euch – einen Hauch Weite mitgebracht.

 

Heimkehr

Nun sind wir wieder in unserer Zeitzone gelandet, im Kopf saust noch all das Amerikanische, ich bin ein bisschen noch dort, ein bisschen schon hier – wo ist man, wo bin ich zwischen diesen Orten?

Die Wo-bin-ich-Frage war ohnehin ständig präsent, auch dort, da alles laut, dicht, gedrängt, angespannt und hastig war.
Zu gedrängt? Es war ja nur für eine kurze Zeit. Auf Dauer könnte ich so nicht leben. Es gelang mir in der Dichtigkeit ja nicht einmal mehr zu schreiben, da waren kaum Momente des Innehaltens, des Wieder-in-die-Ruhe-Findens. Ein einziger Großstadttaumel.

Und doch war ich begeistert, im positiven Sinne gefangengenommen von der Offenheit der bunten Stadt, habe mich gelabt an kleinen Herzens- und Seelenmomenten, am Zauber der Menschen, am aufblühenden Frühling sogar.
Es gibt viele viele Fotos, mehr als 1000, und so kann ich das genaue Erzählen bald bebildert nachholen. Es war eine wirklich gute Reise.

Nur fehlte die Ruhe. Sogar sehr fehlte sie mir. Die Dauerbeschallung, vor allem die war schwer auszuhalten.
Als ich vorhin im letzten Flug am Fenster sitzen durfte und über den Wolken durch den blauen Himmel glitt, da begann es schon still zu werden in mir. Zwar brummte der Motor, aber die Augen waren schon wieder in ruhigem Fahrwasser angekommen. Frankfurt-Flughafen dann kam als kleiner unscheinbarer Bruder (‚tschuldigung:)) von Heathrow und JFK daher und tat gut. Die Autofahrt durch das satte Grün, ein milder Stau, kein wildes Gehupe, kein Drängeln, alles ist ordentlich und in Spuren aufgereiht. Und hier im Dorf erst. Vorhin beim Gang in die Dorfkneipe waren wir alle der Meinung, es wäre noch nie im Leben so ruhig gewesen.
Ich habe so Sehnsucht nach Stille …

Und nun sitze ich auf meinem Bett, mit mühsam durchgedrücktem Rücken, damit ich ja nicht einschlafe, und versuche ein paar brauchbare Worte in die Tastatur zu hauen. Ab und zu nickt der Kopf nach unten. Seit 34 Stunden bin ich wach, wenn ich mich nicht verrechnet habe. Die zwei Sitznickerstunden im Flugzeug heute „Nacht“ gelten ja kaum.
Von Jetlag-erfahrenen Menschen heißt es, man solle das durchziehen. Jetzt nicht vor der gewohnten Zeit ins Bett fallen, damit es eine kleine Chance auf baldigen durchgehenden Nachtschlaf gibt. Also versuche ich das. Packe zum Wachhalten aus, schreibe zum Wachhalten, laufe zum Wachhalten im Haus umher, könnte zum Wachhalten noch ein neues Buch anfangen … jetzt darf ich doch aber gleich ins Bett?

Die Menschen hinter den Events

Es ist ja doch viel. Natürlich ist es das, das war ja klar. Aber dass wir so intensiv durch diese Stadt treiben, so kreuz und quer, mit so vielen täglichen Stationen, und dass die Füße dabei kaum müde werden, nichtmal die der Kinder, dass wir von morgens bis abends ständig Lust haben, noch diese und jene Ecke zu entdecken und dass am Abend auch beim dritten Museum noch Ja gesagt wird, das hätte ich nun doch nicht gedacht.

Dafür geht es abends zu Hause – so nennen wir Joannas Haus:) – dann nur noch schnell essen und ins Bett, keine Zeile findet mehr in irgendein Tagebuch oder die Tastatur. Dito morgens. Beharrlich wacht mein Körper irgendwann zwischen vier und fünf hiesiger Zeit auf, ebenso beharrlich versuche ich mich mit einem selbstsuggestiven „Schlaf!“ wieder in einen Ruhezustand zu versetzen. (Es gelingt zunehmend besser. Bis wir in 6 Tagen zurückfliegen, werde ich die innere Umstellung geschafft haben;-))

Jedenfalls: Es ist ein Taumel. Jeder von uns springt an seinen Wunschstationen sehr glücklich im Kreis, während er bei anderen Programmpunkten nur hinterhertrottet, so ist das, wenn vier Menschen mit individuellen Vorstellungen Tage gemeinsam planen.
Und ich tue mich schwer mit dem Erzählen, täglich geht das schon gar nicht. Doch dann habe ich Sorge zu vergessen.
Nun ja: Da sind mittlerweile an die 1000 Fotos auf der Kamera, die wollen hinterher erzählend begleitet werden. Vieles wird sich im langsamen Nacherinnerungsflow wieder einstellen.

Doch das Kleine, das Zarte, das Feine am Wegesrand, welches da auch ist, immer wieder, täglich, was vor allem in den kurzkürzesten Menschenbegegnungen steckt, das soll in kurzen Wortpinselskizzen festgehalten werden. Es sind ja doch fragile Momente, diese winzigkleinen. Und der Kopf manchmal zu löchrig.

***

Wie die indischen Händler morgens auf der Straße zur U-Bahn vor ihren Geschäften sitzen. Sie sitzen da einfach und warten auf den Tag. Oder auf Kundschaft, so genau erschließt sich uns das indische Stadtviertel noch nicht. Jedenfalls sitzen sie da. Mit Turban und in hingebungsvoller Ruhe. Da kann die Straße lärmen wie sie will. Wenn wir vorbeilaufen, schauen sie. Ob sie zu jedem aufschauen? Die Tochter bekommt immer ein Lächeln. (Überhaupt bekommt sie in der Stadt an jeder Ecke ein Lächeln. Inzwischen zählt sie sie:)) Fast möchte man meinen, die indischen Händler erkennen uns schon, die Blicke wirken wie Grüße …

Die Frau an der Metrostation, die mit den Kindern in ein kurzes lächelndes Gespräch kommt, während wir uns mit dem Ticketkauf abmühen. Die den Bruder beauftragt, auf die kleine Schwester aufzupassen, man wisse schließlich nie. Und die zur Schwester sagt, sie solle dicht bei den Großen bleiben. Sie wird wissen, warum sie das sagt …

Die schwerbewaffneten Milizionäre, die vor dem Trump-Tower stehen müssen und von allen Seiten offen fotografiert werden. Überhaupt wird nirgends sonst (außer an den Familientischen) soviel über Trump gelacht, gelästert und geschimpft wie dort, es werden Karrikaturen verkauft, es gibt Protestplakate. Und diese Milizionäre eben. Von allen Seiten werden sie offen angeschaut, fast angefasst wie Puppen, es wird ihnen ins Gesicht fotografiert, sie werden wie Unpersönlichkeiten behandelt. Natürlich, sie sind nicht zufällig in diesem Beruf, vielleicht aber eben auch nicht freiwillig. Was mag in ihnen vorgehen, während sie dort zu stehen haben …

Der brasilianische Gastwirt, dessen Lebenswurzeln mit italienischen, österreichischen und amerikanischen Fäden vermischt sind und doch immer das Brasilianische als Hauptlinie gefühlt haben, der hier in der Stadt aufwuchs und inbrünstiger als jeder „echte“ Brasilianer seine Nationalgerichte anpreist, der vom Lebensgefühl erzählt, der – by the way – der handyspielenden Tochter Buntstifte hinlegt, die Tischdecke ist eh aus Papier, weil wir unsere kreativen Seiten leben müssen, und dann, als sie mehrere Gemälde auf ihre Tischecke gemalt hat, ihr lächelnd ins Gesicht sagt: Jetzt siehst Du auch viel glücklicher aus als am Handy;-) …

Die Politesse, die als eine von vielen die Aufgabe hat, auf den Kreuzungen jene Autos, die mitten in der Mitte stehenblieben, weil sie gegenüber nicht mehr in die Straße hineinpassten, mit einem Knöllchen zu versehen – eine Sisyphosarbeit, in jeder Ampelphase trifft es mehrere Autos. Aber ohne das würden hier sicherlich Stau und Verstopfung total herrschen. Diese Politesse also, die ganz ruhig das Nummernschild notiert, sich sonstige Notizen macht, dann ans Fahrerfenster klopft, höflich, lächelnd, und dem Fahrer sein Knöllchen hineinreicht.
Dieser hatte es bislang nicht bemerkt. Zuckt zusammen, als es klopft, öffnet dann und nimmt das Knöllchen ebenso lächelnd höflich entgegen. Kurze Konversation, dann geht sie wieder. Und er, ein Taxifahrer, schleudert erst in diesem Moment das Papier wutentbrannt auf den Beifahrersitz. Trommelt noch kurz auf’s Lenkrad, bevor er weiterfährt. Vielleicht waren das seine Tageseinnahmen …

Der Fahrstuhlwart auf der Dachterrasse des Rockefellercenters. Oder nee: Fahrstuhlwart ist falsch. Einer von den unzähligen Menschen, die die Menschenschlangen kanalisieren, in die richtigen Richtungen schicken, sie in kleinere Portionen aufteilen, vor den Fahrstühlen bündeln, damit dieser gewaltige Menschenstrom möglichst effizient durchgeschleust wird. (Ich hatte ja keine Vorstellung davon, was Menschenmassen sind. Obwohl ich in meinem Leben schon in Berlin, Moskau, Paris und London war.)
Jedenfalls: Dieser Vor-dem-Fahrstuhl-Menschengruppen-Portionierer, der wartet ja ebenso wie wir auf den Lift. Nur stundenlang. Oder ein Leben lang. Und während wir so stehen, beginnt er mit den Kindern zu kokettieren. Spielt ihnen sich selbst als Marionette vor. Guckt den Kindern in die Augen, strahlt, lockt ein schüchternes Lächeln, später ein Lachen hervor. Und bekommt auch die Begeisterung der Erwachsenen.
Und dann führt uns der Fahrstuhl wieder 67 Etagen nach unten …

Der Busfahrer, dessen Ticketmaschine kaputt ist, der dennoch die französische Familie einfach raussetzen könnte, da mitten auf der 1rst Avenue, sollen die sich doch ihre Tickets an einem der Straßenautomaten kaufen. Der genau das zu ihnen sagt, dann aber eben nicht abfährt. Sondern wartet, bis sie einer nach dem anderen mit den Geistermaschinen klargekommen sind. Und wir im Bus, wir warten mit. Rutschen dann noch ein wenig zusammen, damit die vier Franzosen noch hineinpassen. So ein Busfahrer …

Die Volunteer-Guide in der Carnegie-Hall, die uns über eine Stunde durch Hallen, Emporen, Flure und die Geschichte der Konzerthalle führt. Vom Akzent her ist sie klar russischer Herkunft, mir bestätigt sich das, als sie Tschaikovskijs Namen ausspricht. Wie sie erzählt: voller Seele. Von all diesen großen Musikern, von den sich darum rankenden Geschichten, vom Haus und dessen Fastzerstörung, weil das Geld nicht reichte. Und wie ein beharrlicher Musiker zusammen mit vielen New Yorkern und am Ende mit Hilfe der Stadt den Konzertsaal retten konnte – all das erzählt sie, als wäre es ihre Seele, um deren Rettung es hier ging. Wir hängen ihr gebannt an den Lippen. Danke …
(Übrigens, so fragen wir bei unseren Gastgeberinnen nach, es ist sehr üblich, als Volunteer in Museen zu arbeiten. Viele RentnerInnen tun das, viele begeisterte Kunst- und Musikliebende sind auf diese Weise tätig. Und die Museen können nur dadurch all ihre Angebote für die Menschen aufrecht erhalten.)

Der Taschenkontrolleur in der Public Library. Eine von vielen Kontrollen, die kaum mehr als formalen Charakter haben. Jedenfalls schmuggle ich ein Buch hinaus. Es ist mein eigenes und war schon beim Hineingehen im Rucksack. Aber es wäre nicht bemerkt worden, wäre es nicht meines. Der Taschenkontrolleur also, der mit jedem Besucher einen kurzen Witz macht, liebevoll, der die Taschen blicklos vorbeiwinkt, der den Kindern einen Schulterklopfer mitgibt und jedem, der nur wahrnehmen will, das Strahlen seiner Augen …

Der Mann, der im Washington-Square Schach spielt, so wie viele andere auch. Der aber heftig ärgerlich abwinkt, als er bemerkt, dass er wohl auf die Ecke meines Fotos geraten ist. Ich will ihn beruhigen, führe ich doch nichts böses im Schilde, fühle mich zu unrecht verdächtigt, und doch wird er immer aggressiver. Ich lösche das Foto, und er ist doch gar nicht zu beruhigen. Oh je, guter Mann, ich wollte doch nicht …

Die Frau an der Bushaltestelle, die uns darauf hinweist, dass wir an der falschen Stelle stehen. Und überhaupt die vielen Menschen, die immer wieder von allein zu uns kommen, fragen, wohin wir wollen, die uns den Weg und mehr erklären …

Die Menschen am Boden. Die von den Vorbeiströmenden einen winzigen Teil erbetteln. Es gibt sehr viele. Die Schere ist hier sichtbar größer. Vor allem die Tochter fragt mich immer wieder. Ich weiß doch auch keine Antworten. All diese bitterarmen Menschen …

***

Und über all dem explodiert in diesen Tagen der Frühling. Es ist wärmer als bei Euch, viel wärmer. Die Bäume, die zu unserer Ankunft noch kahl und mit kaum einer grünschimmernden Knospe geschmückt waren, die färben sich stündlich ins Blütenbunt und strahlen plötzlich so viel Hellgrün aus. Hach.

Klein-groß und andere Vergleichsdinge

Drei Tage sind wir mit Joanna auf dem Land unterwegs, sie zeigt uns ihre Wurzeln und noch viel mehr. Dazu packt sie uns in ihr Auto, in das wir zu fünft nur knapp hineinpassen. Automäßig sind wir sozusagen underdressed. Was wiederum beruhigt: dass es in diesem Land auch Autos unter 2 Metern Breite gibt. Wenigstens eines:)
Von der Garage geht es direkt auf die Hochstraße, die sich zunächst mit Skylineblick, später mitten durch Bronxhochhäuser bis an den nördlichen Stadtrand schlängelt. So viele Gesichter der Stadt, schon vom Auto aus. Das Reiseprospektmanhattan ist tatsächlich nur eine Facette dieser Stadt. Hier in den nördlichen Stadtteilen wird es grauer, hier blicken einen wenig beneidenswert scheinende Leben durch trübe gesprungene Fensterscheiben an.

Die Häuser lichten sich, wilde Wälder ersetzen bald die letzten Stadtausläufer, und wir sind in der Wildnis des Hudsontals. Naturbelassener Forst, abgebrochene Bäume verweilen in unaufgeräumter Lage, alles in grau-braun gefärbt, noch keine Zeichen des Frühlings zu sehen. Bis auf die Sonne, die uns ins Schwitzen und in Sommerstimmung hineinknallt, das alles ist ein eigenartiger Kontrast. Es verlockt in der Natur unterwegs zu sein – hin und wieder verweisen Schilder zum Appalachian-Trail – und es schreckt doch gleichzeitig ab. Ich weiß nicht so recht, ob ich in dieser wilden Kargheit ausgesetzt sein wollte. Zumindest bräuchte ich eine Zeit der Akklimatisierung, des Anpassens an die Ungeordnetheit.

Aber diese Frage stellt sich ohnehin nicht, wir schlängeln uns durch’s Hudson-Tal und später entlang eines Flusses, dessen Namen ich vergessen habe, obwohl doch unser Zielort an selbigem liegt und der Name im Laufe der drei Tage ständig fällt, naja, Namen sind Schall und Rauch. In dieser Wildnis zelten hingehen, an einem der Seen, oh ja! Mit den Stunden, die wir sie durchfahren, wird sie vertrauter. So ist das ja immer.
Kurz queren wir Connecticut, bevor wir Massachusetts erreichen. Stockbridge heißt unser Zielort, wo Joanna aufgewachsen ist und wo wir zwei Tage bei ihrer Schwester zu Gast sein werden.

Joanna führt uns zu Fuß durch den Ort, zu anderen Plätzen fahren wir. Sie erzählt uns eine Menge Details aus alten Zeiten, die Geschichte und die Geschichten der Hiesigen – have you heard of xxx? noo??? – es ist sehr viel.
Sind wir doch noch damit beschäftigt, das Straßenbild aufzusaugen. Die vielen Flaggen, die Trucks, die Schulbusse, die Westernschriftschilder. Holzhäuser jeglicher Farbe, aber immer ähnlichen Stils, wie direkt einer historisch-amerikanischen Filmsaga entsprungen, jedenfalls nach unserer dürftigen Vorstellung. Die Bücherei mit ihren weißen Regalen scheint direkt aus dem 19. Jahrhundert hierher transportiert worden zu sein, nur dass Solzhenicyn und Susan Sontag einträchtig nebeneinander stehen, belegt ihre Verortung in jüngerer Zeit. Es ist ein Ort der nicht eben armen Menschen, das sehen sogar wir sofort.

Und während wir so durch die Stadt treiben, begleiten uns Erzählungen über dieses und jenes. Wie viele first-american, biggest-american, most-important thing’s es hier gibt, wir wundern uns. Jeder Stein, jedes Haus, jedes Denkmal, jede Ecke scheint voller bedeutungsvoller Historie. Jedoch: Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Städte, andere Countys in ihren Erzählungen ebensoviele first-biggest-important’s aufzuweisen haben. Eine Flut an Superlativen, über die wir im Laufe der Stunden ins Lächeln kommen. Größtenteils haben wir von den Dingen noch nie gehört. Und doch werden sie permanent in Relation zu den Dingen der übrigen Welt gesetzt. Wie gesagt: wir lächeln darüber.
Aber: Ist das nicht europäische Überheblichkeit? Was verstehen wir schon vom hiesigen Selbstwertgefühl? Wir haben schließlich nicht ein Leben lang in diesen Schuhen hier gelebt.
Als wir etwa Boscobel besichtigen und guten Willens die Führung durch das alte Herrenhaus mitmachen, wohl wissend, dass Anwesen dieses Alters bei uns wie Sand am Meer restauriert wurden. Als dann schließlich das 13. Detail zur Geschichte des 17. Löffels erzählt wird, die Führung in die zweite Stunde geht und wir noch nicht mal das Obergeschoss erreicht haben, da kapitulieren nicht nur die Kinder. Wir schleichen uns mitten aus dem Redefluss hinaus ins Freie.
Arrogante Deutsche, werden sie sich gedacht haben. Und ein wenig fühle ich mich tatsächlich so.

Schließlich sind die Menschen, denen wir in Stockbridge begegnen, allesamt Weitgereiste, sie kennen mehr von der Welt als wir. Lebten in Deutschland, Iran, Libanon, China, Österreich und und und, waren viel unterwegs, wissen vieles in Relation zu setzen, was ich in meinem Leben nicht einmal erahnen kann.
Und doch kommt es uns seltsam falsch vor, als die Frau in der Bücherei regelrecht entsetzt ist, dass wir nur zwei Tage in Stockbridge und dafür über eine Woche in New York bleiben wollen. Sie kann nicht verstehen, was dort – selbst für die Kinder – besser und attraktiver sein soll als hier in diesem kleinen Ort.
Eigentlich stimmt es ja: wenn wir unseren Kindern nicht vermitteln, dass das Denkmal für den tapferen Indianerstamm, der hier eine lange Periode der friedlichen Koexistenz (so würde man es heute nennen) mit den Neuzuziehenden gelebt und verteidigt hat, mindestens von ebensolcher Bedeutung ist wie eine Freiheitsstatue gleich welcher Dimension, dann reihen wir uns in den Superlativ-Wettlauf ja eigentlich unhinterfragt ein. So geben auch wir den großen Dinge mehr Bedeutung als den kleinen, so sind wir Teil des Vergleichs-Overflows.

Und dabei sind die Dinge hier überhaupt nicht so klein und unbedeutend. Tanglewood etwa, eine im Moment idyllisch verlassene Parkanlage, ist der Ort des Sommerfestivals des Boston Symphonie Orchestras, welches mitnichten irgendein Orchester ist. Der Sohn bekommt leuchtende Augen, als er die Plakate mit den Konzerten und Solisten des kommenden Sommers liest. Sehr verlockend sich vorzustellen, hier auf einer der Rasenflächen zu sitzen und der Musik zu lauschen. Zwei Parkranger sprechen uns an, fragen und erzählen und schenken den Kindern Erinnerungstaschenlampen. „Streng Dich an“ sagen sie zum Sohn, dessen Klavier-T-Shirt seine Passion verrät, dann kannst Du eines Tages hier on the stage sein:)
Oder Jacob’s pillow, eine Tanzschule und -bühne mit modernem Kurskonzept, mitten im Wald in und um eine alte Scheune errichtet, eine wundersame Fügung von Natur, Historie und Kunst, auch dies ist nicht irgendein Ort.

Wir tragen vieles mit aus den Tagen auf dem Land, viele Fragen insbesondere. Als wir am Ende der drei Tage nach New York zurückkehren und uns wieder in die Fülle der Riesenstadt stürzen, da setzt sich diese in mir immer wieder in Relation zur Ruhe des kleinen Ortes.
Das Konzept von groß und klein, von bedeutend und unbedeutend – wer legt das eigentlich fest?
Und wie gefangen sind wir darin?

Manhattan zum Eingewöhnen

Schreiben ist schwierig: Das Viele, das Andere, das ununterbrochen auf einen Einströmende.
Ohne Schreiben ist auch schwierig: Wohin soll das Viele, das Andere, das ununterbrochen auf einen einströmende denn dann fließen?
Auf jeden Fall lasse ich mal den Anspruch los, hier jeden Tag etwas zu produzieren. Und auch den, auf jeden Kommentar zu antworten. Das finde ich selbst schade und ein wenig unhöflich, aber weder Zeit noch Datenvolumen sind ausreichend dafür. Also wisst: Ich lese Euch alle, wenn ich zwischendurch Netz habe (erkennbar an meinem Sternchen:)) und freue mich sehr über jeden Kommentar. Auch wenn ich nur in Gedanken antworte. Kompromisse müssen sein:)

***

Ein erster Tag in Manhattan beginnt mit dem Weg zur Underground, auf dem wir uns einig sind, dass es hier eigentlich völlig unerwartet aussieht. Mittelhohe holländisch anmutende Wohnblöcke mit ruhigem Sonntagmorgenstraßenschlenderleben, das sich erst in der Nähe der Station in ein Little-India-Straßenbild wandelt.
Später am Abend erzählt uns Joanna, dass Jackson Heights einer der multiethnischsten Stadtteile ist, und dass wir hier in der Nähe auch alle anderen Little xxx’s dieser Welt finden würden. Berlin ist gar nichts dagegen, bemerken die Kinder. — Sie werden es im Laufe des Tages immer wieder mit Berlin vergleichen. Viel mehr Großstadterfahrungen haben sie ja noch nicht.

Jackson Heights Underground also. Das Ankommen in einer fremden Großstadt beginnt immer mit dem Ticketkauf für den Nahverkehr. Finde ich. Hier, ähm, scheitern wir zunächst. Am Automaten nämlich. Eine freundliche Frau verweist auf den menschenbedienten Verkauf am Ende der Straße, genau das brauchen wir jetzt. Nach mehrphasiger Erklärung und Entscheidungsfindungsdiskussion halten wir letztlich ein Magnetkartenpapierchen in der Hand, welches wir nur noch viermal durch den Schlitz ziehen müssen. Aha, die Geschwindigkeit muss stimmen. Zu schnell – geht nicht. Zu langsam – geht nicht. Jeder von uns braucht mehrere Versuche. Die Frau, die hinter uns durch dieselbe Schranke will, schaut genervt. Soll sie. (Gibt doch noch andere Schranken? Sie ist übrigens die einzige, die uns im Laufe des langen Tages angestrengt und gestresst begegnen wird. Der Rest strahlt erstaunliche Gelassenheit aus.)

Die Underground – jedenfalls die 7 – fährt hier entgegen ihrem Namen als Hochbahn, wir stehen direkt hinter dem Fahrer, und irgendwann reißen alle die Fotoapparate heraus, weil durch das kleine Fahrerfenster in der Ferne die Skyline auftaucht. Die Kinder zeigen sich beeindruckt, klar. (Später am Tag allerdings werden sie sagen, sie hätten es sich noch höher vorgestellt. Ja wie hoch denn noch bitteschön?)

Dann taucht die Bahn ab, wo sie hingehört, und am Times Square steigen wir aus. Wir geben uns gleich die volle Dröhnung, wenn schon denn schon. Es flutet einen ja wirklich, zumal wenn man diese schrille Welt noch nie gesehen hat. Ich werde hier auch gar nicht erst versuchen, irgendwelche Wortbilder für die überfordernde Buntgrellheit zu finden. Vermutlich ist selbst die Kamera damit überfordert. Ich halte einfach drauf, und sicherlich enthält jedes einzelne Bild viel zu viel. Ausschneiden kann ich später am heimischen Bildschirm, meine Augen können es derzeit nicht.

Da stehen wir also im trubeligsten Trubel, den man sich vorstellen kann und sind zunächst damit beschäftigt beieinanderzubleiben. So viel permanentes Aufeinanderachtgeben sind insbesondere die Dorfkinder nicht gewohnt. Zwar haben sie Adresse, Stadtplan und ein paar Notdollar im Bauchgurt, Handynummern funktionieren auch, dennoch hat niemand Lust, dass wir uns hier gegenseitig suchen müssen, weil wir uns aus den Augen geraten sind. Die Tochter ist außerdem nervös, dass ihr nichts geklaut wird. Ich vermute allerdings, es ist nicht gefährlicher als in Berlin oder Frankfurt. Jedenfalls packt sie ihre Kamera lieber in die Tiefen ihres Rucksacks und will später von meinen Fotos abhaben, na klar doch.

So treiben wir also, oder eher: werden geschoben. Ein Stück 7th Avenue, ein bisschen Times Square, und dann flüchten wir erstmal in eine der schmaleren Streets. In eine, wo sich kleinere Häuser an die Rückseiten der Glasmetalltürme schmiegen und dabei noch nicht mal schüchtern aussehen, wo kaum ein Auto, dafür ab und zu ein Fahrrad fährt, wo Müllsäcke kurz vor dem Aufplatzen über die Straße rollen, wo die vorbeieilenden Menschen alle so aussehen als wohnten sie hier, wo in kleinen Straßencafés ein ganz normales Sonntagmorgenleben durchscheint. Natürlich, hier leben schließlich Menschen.
Dennoch, das werden wir im Laufe des Tages noch öfter überlegen, hier wohnen? Wie soll das gehen? Wie sich das wohl anfühlt? Ich schaue denjenigen, die einheimisch wirken, ins Gesicht. Sie tragen Umzugskartons, radeln, lamentieren miteinander, schleppen Einkäufe, kehren ihren Balkon, bosseln an ihrem Auto herum, plaudern an der Ecke, sitzen in der Sonne. Alles ganz normal. Und doch: Hier leben?

Irgendwann, hier sind alle Wege weit, sind wir am Hudson River. Kurz vorher kreuzt eine Bike Lane (heißt das so?), da haben Räder Vorfahrt, und ich, ausgerechnet ich!, latsche denen mitten hinein. Werde zu Recht angeflucht. Dabei würde ich jetzt gern selbst auf einem Rad sitzen. — Der New York Pass, den wir nächste Woche haben werden, beinhaltet auch ein paar Stunden Radausleihe. Psst, ich muss die Familie noch überzeugen, ich finde ja, das ist ein Muss!

Wir sind heute wenig zielstrebig, nach kurzer Beschau des Flusses kehren wir in die wirbeligen Straßen zurück, diesmal entlang einer der größeren. Mit Skyscraperglasfassaden, in denen sich gegenüberliegende Skyscraperglasfassaden spiegeln, in denen wiederum die Sonne reflektiert wird, hach. Geometrische Strukturen, sich kreuzende Linien, Kubusästhetik. Irgendwie hat das riesig verrückt Überdimensionierte ja doch was. Jedenfalls liefert es Stoff für ein paarhundert Fotos. Und das am ersten Tag.
Dem Sohn geht es ähnlich. Er hält mit seiner Kamera drauf und drauf und drauf. Während die Tochter einfach fotolos staunt. Und, als sie eine 15-m-lange weiße Limousine erblickt, beselt seufzt, dass sie jetzt schon gesehen hat, was sie einmal im Leben sehen wollte. (Was wissen wir schon über die heimlichen Träume unserer Kinder, denke ich mal wieder.)

Ein Glück übrigens, denke ich bei manchen Motiven, dass die Bäume noch nicht belaubt sind. Manches könnte man sonst gar nicht erblicken.
Huch, hatte ich den Frühling nicht antizipierend schon gedanklich vermisst, war mir das nicht vorher ein querliegender Mangel dieser Reise? — Und jetzt hat die Stadt meine Sehnsüchte verwandelt? Brauche ich das Grün plötzlich nicht mehr? — Oh doch, die ersten zarten Blüten erfreuen mich schon. Es gibt tatsächlich mehr Bäume als erwartet.
Und vor allem gibt es mehr Wärme als erwartet. Genaugenommen schwitzen wir ziemlich. Hochsommerkleidung allerorten. Und dazwischen Menschen mit Winterjacken. Die Stadt ist wirklich in jeder Hinsicht bunt.

Und wir treideln weiter. Ein Imbiss tut not. Das landestypische Angebot lässt die Kinder jubeln (noch!). Danach queren wir den Times Square ein zweites Mal und sind diesmal wacher und mutiger als vorhin. Fasziniert starren wir auf gelbe Taxi-Rudel, wedeln die Broschüren, die von rechts und links aufgedrängt werden, souverän beiseite, geraten in ein Schwätzchen an der Straßenecke, lauschen der Krankenwagensirenensymphonie, lassen den Blick immer wieder nach oben schweifen – wie jetzt, die Kinder hätten es sich noch höher vorgestellt? – und fallen von einem Guck-mal-Mama ins nächste Guck-mal-Tochter. Am Ende halten wir unsere New-York-Pässe in den Händen und können den Times Square für heute verlassen. Reicht auch.

Weiter geht’s vorbei am Rockefellercenter, der Bryant Park verlockt mit Bänken und hej: hier spielen alte Männer einfach Boule, inmitten all des Trubels. Die Lust auf ein Eis kommt auf, doch noch mehr lockt am Eck gegenüber der Steinway&Sons-Showroom. Der Sohn schaut sehnsüchtig durchs Fenster. Ob wir noch einmal herkommen, wenn geöffnet ist, und ob er sich dann wirklich traut, die Flügel auszuprobieren? Ob das überhaupt erlaubt ist, wo wir ja nicht gerade so aussehen, als würden wir ein Flügelchen kaufen und unterm Arm mitnehmen?

Kurze Lagebesprechung, alle wollen noch ein bisschen weiter, ein bisschen mehr sehen. Also führt uns die Underground gen Süden, mal kurz sitzen, hurra, und lässt uns am Ground Zero wieder heraus.
Hier – wie auch an vielen anderen Ecken – wundere ich mich, wie sich meine Erinnerungen damals eingebrannt haben. Nur 48 Stunden war ich in der Stadt, und es ist 20 Jahre her. Und doch erkenne ich so viele Straßenzüge wieder, so viele Blicke, so viele Details. Hier also auch. Das alte Haus mit der riesigen Feuertreppe. Gleich daneben ging man in einen der beiden Türme hinein und fuhr hinauf. Von oben schwankte alles, das weiß ich noch zu genau. Der Nachbarturm schien zum Greifen nahe, und dahinter zog sich ein klarer weiter Blick über Mantattan von einem Ende des Horizonts zum anderen.
— Und heute stehen wir an zwei Gedenkbrunnen. Das Wasser fließt und fließt, und die Sonne spiegelt sich darin.
— Joanna hat erzählt, sie wollten damals am liebsten auswandern. Die Stimmung in der Stadt sei so gedrückt gewesen. Jeder kannte mindestens jemanden, der jemanden kannte. Und sie selbst hatte auch drei Freunde, die in dem Gebäude gearbeitet haben. Die nur an jenem Morgen wegen irgendwelcher Zufälle – Zahnarzttermin, Bücherei und so – noch nicht zur Arbeit gegangen waren.
— Das Wasser fließt und fließt, und die Sonne spiegelt sich darin.

Wir sind müde. Das ist erlaubt, nach so vielen Stunden in der Stadt. Nur noch schnell – wie oft wohl werden wir auf die Dimensionen hereinfallen? – rüber zum Hudson, am Ufer entlang runter zum Battery Park, so ist der Plan. Und schnell vorher noch in den riesigen Wintergarten, und mal eben schnell diese Ecke, und jene. Uff, es sind weite Strecken.
Unsere Schrittfrequenz nimmt ab, es fängt an anstrengend zu werden. Dabei ist der Uferpark herrlich ruhig, wunderschön, immer mit Blick aufs Wasser, die Freiheitsstatue in der Ferne, Familien auf Sonntagsausflug, gelassene freudige Atmosphäre.
Aber was für eine Hitze, niemand hat damit gerechnet. Und kein einziger Eiswagen am Wegesrand. Tausend Eiswagen rund um den Times Square, und kein einziger hier. Das ließe sich optimieren, finden wir. Nützt uns jetzt aber nichts.
Erst ganz an der Südspitze, wir machen echt schon eine jämmerlich schlurfende Figur, endlich. Zwar mit Schlange (ging es also nicht nur uns so), aber das ist ausnahmsweise egal. Auch dass es eines der schlechtesten Softeise meines Lebens ist – egal.
Sitzen, Wasserblick, Eis, bella vita.

Für weitere Wege ist die Kraft aufgebraucht, dabei ist es erst halb sechs. Ich wäre ja jetzt noch bis zur Brooklyn brigde weitergelaufen, aber die Kinder sind nicht mehr zu motivieren. Außerdem benötigt der Heimweg seine Zeit – wie in Berlin: man braucht immer eine Stunde. Wir wollen abends mit Joanna essen gehen, dann wird es also tatsächlich Zeit heimzukehren.

Zum Abschied vom ersten Manhattan-Tag werfen wir einen kurzen Blick vom Fährterminal auf die Brücke, ich freue mich jetzt schon aufs Drüberlaufen, dann versenken wir uns in die Underground. Wow, nach Jackson Heigths kommen wir ohne Umsteigen.
Nach einem Erschöpftheitsnickerchen in unseren Zimmern (selbst die Kinder jetlaggen heftig) geht es zum Essen im wirbelnden hellen indischen Abendleben. Töchterchen verliebt sich in die indischen Festkleider und bedauert, dass man solche bei uns nicht tragen kann. Das Essen aber wenigstens können wir gustieren. Fünf verschiedene Gerichte, wir wollten gar nicht so viel. Schon am ersten Abend erlernen wir, dass man unverdrossen ganz viel bestellt und die Reste dann nach Hause trägt. Alle machen das. Joanna auch. Wir hätten uns das jetzt wohl nicht getraut.

Wow, der Tag hatte viel. Wir fallen ins Bett. Keiner möchte mehr beieinandersitzen.
Am nächsten Morgen werden wir aufs Land zu Verwandtenbesuchen fahren.

***

Irgendwie bin ich unzufrieden, den Text würde ich gern runder und stimmiger schreiben, mit mehr Zeit ginge das. Allerdings werde ich das in diesen zwei Wochen hier nicht hinbekommen. Entweder ich schreibe so wie jetzt, mehr oder weniger ungeplant ohne großes Konzept, additiv aufzählend, oder ich bekomme es nicht unter. Also lieber so. Nehmt es also, und meckert nicht zu viel daran herum;-)


Über den Teich

Ich war übervorsichtig. Drei Stunden vor Abflug da sein, hieß es, weil man nie weiß, Fahrzeit von uns zum Flughafen eine Stunde, eher mehr, und man weiß ja auch hier nie, also lieber zwei Stunden. Das Taxi könnte sich verspäten, wir bestellen es ein paar Minuten eher. Dreifache Absicherung, da hätte unterwegs auch wirklich alles passieren können, wir hätten den Flug bekommen.
Warum gleich sind wir um sechs Uhr losgefahren, spöttelt die Familie, als wir Stunden um Stunden im Vorgatebereich herumwarten. Ach, sage ich, das gehört zum Spiel dazu, sage ich, und lasse mich nicht beirren. Wer mit mir verreist, muss diese Regeln mitspielen.

Überhaupt ist das ganze Reisen ja ein einziges Spiel. Festgelegte Regeln wohin man schaut, Zumeist nicht von mir oder uns selbst gemacht. Sicherheitschecks, Wartezeiten, Einsteigeordnungen, Laufwegsregelungen, Papiervorzeigeroutinen, Zwischenterminalwege, alles alles alles ist festgelegt. Die Freiheitsgrade, wenn man sich als Rädchen in diesen Menschenumschlagplätzen zur Verfügung stellt, sind annähernd Null. Man wird geschickt, geschoben, gefahren, ausgeladen, abgefragt, bestempelt, entpackt, banderolisiert und zuweilen ein wenig abgetastet und ausgezogen (nuja: Gürtel nur, und wenn sie piepen, auch die Schuhe).
So ist das eben. Die Regeln stehen vorher fest, man kennt sie. Wenn man die nicht will, verreist man besser nicht auf diesem Wege. Und wenn man auf diesem Wege verreist, hat man vorher in die Regeln eingewilligt. Eine freie Wahl bestand ja. Vor dem Ticketkauf nämlich.
Also alles bestens. Ewig weite Wege in Heathrow? Selbstgewählt. Rucksack komplett auspacken in Frankfurt? Selbstgewählt. Schere und Deo abgeben? Selbstgewählt. (Und mea culpa übrigens. Töchterchen hatte ihr Handgepäck selbstgepackt. Ich hab nicht kontrolliert. Und so hatte sie’s nicht gewusst.) Anderthalb Stunden Wartezeit bei der Einreisekontrolle? Selbstgewählt.
Und dies sage ich nicht etwa selbstsuggestiv, um mich oder uns wieder von Verärgerung, Groll oder Genervtheit wegzubekommen. Diese steigen gar nicht erst auf. Es ist eben wie es ist. Wir spielen hier ja freiwillig.
(So wie das übrigens bei vielen Lebensschritten ist, fällt mir auf. So oft hätten wir eine Wahl – vorher, in einem gewissen Sinne – anstatt uns in eine destruktive, schwächende Verärgerung zu begeben. Wenn man sich dies mal im Alltag klarmachen würde …)

Hier jedenfalls bewirkt diese Freiwilligkeit dabeizusein und mitzuspielen wohl auch, dass der Grad an Gelassenheit der umherströmenden Menschen den in der Berliner S-Bahn um ein Vielfaches übertrifft. In Heathrow fällt es mir besonders auf. Selbst die Eilenden wirken kaum gehetzt. Dabei könnte man meinen. Es ist wirklich unglaublich weit, unglaublich gerammelt voll, unglaublich lärmend. Und trotzdem diese Ruhe. Mag sein, weil gestresste Dienstreisende an Samstagen kaum unterwegs sind. Weil viele der Mitspieler Osterferienvorfreudefamilien sind.

Apropos Vorfreude. Die konnte sich ja vorher bei mir nicht so recht einstellen. Seit dem Moment aber, da wir mit dem Taxi unser Haus verlassen, blüht sie in einer fast schon kindlichen Version auf. Ich hüpfe mit der Tochter bei jedem Flugzeug, das startet und landet, erinnere mich an lang zurückliegende Flugerlebnisse aus Studienzeiten und gebe diese zum Besten – ja, damals war ich viel fliegend unterwegs -, finde das Flughafenambiente so spannend, dass ich mit Töchterchen mehrere Gatebereiche abwandere, hinter jede Ecke schaue, an allen Enden mitstaune und überhaupt bester Laune bin. Ist ja auch aller Grund dazu.
Fliegen ist sooo aufregend, in London sehen wir von oben die Tower bridge und fahren mit dem Flughafenbus ein bisschen Linksverkehr, auf dem größten Flughafen Europas finden wir dank Sohnes Adleraugen eine Rest and relaxation lounge for free mit Liegesesseln und schlafermöglichender Ruhe, direkt vor dem Abfluggate breitet ein italienisches Café seine Arme aus, die Menschen an den Kontrollen sind alle unglaublich freundlich und höflich und in London außerdem witzig, in der Boardingschlange dürfen wir „with the little one“ – welche dem Quengelalter doch längst entwachsen ist? aber wir nehmen das Angebot trotzdem gern an:) – ganz nach vorn, die Bordunterhaltungsanlage hat Cellomusik, mit einem Nackenkissen kann man wunderbar wegnicken (den Sinn solcher Kissen entdecke ich also heute, mit 48 Jahren:)), die Essensqualität übersteigt die bei Aeroflot früher deutlich, die Kinder lassen mich an ihren Nasen vorbei auch mal aus dem Fenster schauen (es ist Gutsichtwetter!), und als die Reise schließlich in die zwanzigste Stunde geht, fast schon beim Landeanflug New York, gerate ich lesend bei Patti Smith in Erinnerungen an’s Café Pasternak in Berlin, in welchem ich erst vor kurzem mit E. saß und das mit all meinen Russlandreisen verbunden ist, und die ja auch wieder mit dem Fliegen und so … Hier schließt sich der Kreis, denke ich, als ich lesend bei wachhaltender Cola mit innerer Uhr auf Nachmitternacht gestellt in leichter Irritation wegen gleißender Sonne über amerikanischer Atlantikküste auf meinem Fastfensterplatz sitze. Das Leben ist schön.

Apropos: Die Freundlichkeit der Flughafenangestellten. Wahnsinn. Ich ziehe meinen Hut. Man stelle sich das mal vor. Acht Stunden Tasche um Tasche öffnen, immer freundlich und mit einem Scherz, mit einem kleinen Schwätzchen. Oder aber acht Stunden an der Piepsschranke. Oder acht Stunden Boardingpässe abstempeln. Oder acht Stunden den Weg erklären. Oder acht Stunden Essenswägen durch die Gänge schieben, die Optionen vorlesen, austeilen, einsammeln, lächeln, freundlich sein. Ich ziehe echt meinen Hut. Nur einmal, ein einziges Mal heute in den vielen Stunden sehe ich bei einer Stewardess ein Lächeln, dem man Künstlichkeit und Erschöpfung entnehmen kann. Alle anderen … das ist der Wahnsinn, was die hier vollbringen. (Steward(ess) soll übrigens ein Beruf mit einer der größten Burnout-Gefährdungen sein. Ich glaube das sofort.)

Tja, und dann sind wir da. Letztlich doch ein wenig müde, die innere Uhr zeigt Zwei. Ewig lange Gänge zur Einreisekontrolle, dort eine ewig lange Schlange, lehrbuchhaft in absperrbandgeordneten Mäandern gefaltet. Es wird etwa 60 Leseseiten und zwei Toilettenrunden, dauern, ich glaube die äußere Uhr sagte dazu 90 Minuten. Die Tochter setzt sich dann doch mal erschöpft hin, hält sich aber wacker – andere Kinder schlafen längst bei ihren Müttern auf dem Schoß, das alles auf dem Boden. Ein Hoch auf meine Russlandgeduld, gegen das Früher ist das hier gar nichts, es kann ja nichts passieren, irgendwann sind wir dran. Immer noch sind alle höflich, man wird nicht angeschrien, niemand trägt Kalaschnikows (Grenzkontrollerinnerungen aus den 80ern!), und die Fragen nach eventuellen Reisen nach Syrien beantworten wir auch ganz brav mit Nein.
Die Koffer – tata! – sind da, das hat man auch schon anders erlebt, der Check, ob wir drin kleine Leguane oder auch nur Mandarinen einschmuggeln wollen, ergibt grünes Licht. (Unsere letzten Salamibrötchen und Apfelschnitze allerdings, die sind nun doch illegal in dieses Land geraten, wir waren bei der Abfragung einfach schon zu müde und noch nicht einmal bösen Willens:))

Und dann stehen wir also auf New Yorker Pflaster. Die Kinder jubeln oder lächeln, je nach Temperament und Müdigkeitsgrad. Die Großen erreichen an einem der Handys Joanna und kündigen uns an. Es bleibt mehrere dubiose Taxi-driver-Angebote abzuwimmeln und sich brav in die Schlange bei den gelben Wagen einzureihen.
Sieht gar nicht so anders aus, bemerkt der Sohn, wie ne Großstadt halt. Während die Tochter in wohlverdienten Taxischlaf fällt. Doch da: „Trump pavillion“, da geht’s schon los, sagt der Sohn mit müdigkeitsverlangsamter Stimme. Manhattan allerdings, das hat sich uns heute noch nicht gezeigt. Diese Dimensionen zu erblicken, bleibt uns für den nächsten Tag.

Ein herzliches Willkommen in Joannas Haus, welches im Innern wunderbar altertümlich wirkt. Und ein bisschen aussieht wie in amerkanischen Filmen, klar, wir nähren unsere Vorstellungen ja immer auch aus Klischees:) Fenster zum Schieben, Wasserhähne in die andere Richtung, Klimaanlagenkästen, die klassische 3.Etage-3rd-floor-Verwechslung, stoffbespannte Türen, eingeklemmte Bettdecken zum Drunterkrabbeln. Was wir nach einem kurzen Schwätzchen auch tun. Es ist Elf. Äh Fünf. Also vierundzwanzig Stunden nach dem Aufstehen.
Einschlafen ist aber gar nicht so leicht. Und um Acht bin ich wieder wach. Äh um Zwei. Also Ihr wisst schon …

(Es ist auch gar nicht leicht an Euch zu Hause in „Echtzeit“ zu denken, was Ihr jetzt wohl gerade tut und so: ständig rechne ich herum. Und meist in die falsche Richtung. Aber das werde ich schon noch lernen. Wenn ich erstmal wacher bin.)

Abflug

Es war sozusagen eine Reißleine, als ich heute vor einer Woche plötzlich aufhörte, mich hier zu melden. Ganz unerwartet ging es nicht mehr. Nie kam ich vor Elf zum Schreiben. Fast immer verschob sich das Schlafengehen in die Nachmitternachtszeit. Der Wecker klingelte wie immer vor sechs. Zu viel. Besser gesagt: Zu wenig. Viel zu wenig Schlaf. Totale Übermüdung. Und Erschöpfung. All das, was sich vor den Ferien halt immer ansammelt.

Dabei hat mir das tägliche Schreiben gut getan. Etliche Texte, Halbtexte, Ideen, Fotos, Gedanken und Ahnungen liegen auf Halde. Nur: es kollidiert(e) mit der Fülle des Sonstigen. (Insbesondere auch mit dem Cello. Ich gebe ja zu: dieses hat Priorität. Bis vor zwei Tagen habe ich meine tägliche Spielstunde noch geschafft, dann wurde es selbst dafür zu eng.)
Wie es später sein wird, wird sich zeigen. Man weiß ja nie so genau, wie es in der Zukunft wird.

Nun beginnt erstmal eine Reise. Eine in sehr weite Ferne mit gefühlten Unmengen an Papierkramvorbereitungen. Wir werfen ja sonst immer nur die Taschen ins Auto oder ans Rad und fahren los. Diesmal war schon allein das Thema Tasche ein Problem. Kaum eine in unserem Besitz, deren Reißverschlüsse nicht aufplatzen. Koffer mussten also her. (Ich habe glaube ich noch NIE im Leben einen Koffer gekauft:))
Tickets, Mietwagen, Adapter, Auslandskrankenversicherung, ESTA, Flughafentransfer, Online-Checkin (was’n das? mein letzter Flug war eher so im letzten Jahrtausend?) Und der New-York-Pass. Womit nun auch das Ziel geoutet wäre.

Mich strengte es bisher eher an, all das vorzubereiten, und ich weiß noch gar nicht, wie ich mich mit dem Stadtmoloch arrangieren werde. Einmal war ich in den 90ern für 2 Tage dort, fand es äußerst faszinierend, aber das ist eben 20 Jahre und damit fast die Hälfte meines Lebens her.
Die Kinder dagegen freuen sich wie die Springbälle – selbst der Große lässt lächelnde Vorfreude heraus, und das will in diesem Alter etwas heißen:)

Nun aber, heute morgen mit dem Taxiaufbruch nach Frankfurt und mit den Stunden, die wir jetzt schon hier am Flughafen verbringen, wächst auch bei mir eine positive Gespanntheit. Hach. Es wird schon gut werden.

Wir sind ja totale Fluganfänger. Fühlte sich vorhin beim Ankommen im riesigen Terminal 2 schon etwas unbehaglich an, wenn man so gar nicht weiß, was man jetzt machen muss. Offenbar aber waren wir dafür nicht schlecht. Als ich bei der letzten Kontrolle zur Familie anmerkte, dass wir bis hierher ja immerhin alle Papiere beieinander gehabt hätten, meinte die Frau am Schalter: „Und das schaffen auch nicht alle.“ :)

Die Begeisterung der Tochter ist ungestüm, sie juchzt bei jedem startenden, landenden, wartenden Flugzeug laut heraus, sehr zur Freude der Mitreisenden. Der Sohn gibt sich gelassen und kennt alles schon vom Flug nach Südafrika, wie er immer wieder betont (das wichtige Detail aber: gibt es hinter der Passkontrolle noch Briefkästen? hat er mir falsch beantwortet; so fliegt also die Post jetzt mit über’n Teich…). Und die Erwachsenen erzählen sich Geschichten vom Fliegen in den 90ern, 80ern, 70ern und so. Alte Kamellen. Ausnahmsweise finden die Kinder diese mal spannend.

Nun sitzen wir an unserem Gate und werden gleich einsteigen. In London wieder aussteigen. Wieder warten. Nochmals einsteigen. Und heute Abend (nach dortiger Zeit) von Joanna begrüßt werden und das Gästezimmer in ihrem Haus beziehen. Hach – sagte ich das schon?

Und falls es dort drüben auf dem anderen Kontinent Wlan geben sollte – könnte ja sein – hört Ihr vielleicht hier von mir. Von Zeit zu Zeit, oder täglich, damit ich die mich überflutenden Eindrücke loswerden kann, oder gar nicht. Wir werden mal sehen.
Und spätestens in zwei Wochen bin ich wieder da. Also hier.

im März

Der Monat beginnt, während wir uns noch auf unserer Bergschneereise befinden, führt uns nach der Heimkehr in zaghaft frühlingsprießendes Wetter und endet mit ersten Fast-Sommer-Tagen. Im T-Shirt und dennoch schwitzend sitze ich am letzten Nachmittag des Monats am Fluss und ertrinke fast im Blütenbunt.
Ich bin viel draußen, schaffe mir ein neues Wegeritual rings um unser Dorf, am Wegesrand liegt immer wieder mein Baum, der tägliche Schulweg wird wieder auf den Fahrradsattel verlegt, Hängematte und Liegestühle bekommen eine Grundreinigung und anschließend häufigen Besuch von der Tochter und mir.
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Die Schule startet nach den Ferien heftig mit einem Stapel Vertretungsstunden, manchmal ist das eben so. Aber, hej: Ich fühle mich vor den Klassen mehr denn je wie ein Fisch im Wasser. In unserer kleinen Fünften gibt es unruhige Konstellationen und noch wenige Lösungsideen. Diese KollegInnen zu haben jedoch, mit denen man alles alles alles besprechen (und manchmal beweinen) kann, ist goldwert. Gerade in solch schwierigen Situationen.
Vom zweiten Dienstort verabschiede ich mich allmählich, mit einer langen Serie an Terminen, bei deren jedem ich innerlich ein kleines Häkchen setze. Gleichwohl zuckt es kurz in mir, als mich ein dritter Dienstort anspricht, sie hätten gehört, ich würde dort aufhören, ob ich nicht zu ihnen kommen wolle. Das schmeichelt und verlockt kurz, aber ich glaube, ich sollte bei meinem Nein bleiben.
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Der Sohn verbringt zwei Wochenenden auf Vorbereitungsseminaren für sein Italienjahr und bekommt wichtige Mailpost: Seine Gastfamilie. Es passt wie erträumt und führt zu jubelnder Aufregung hier im Haus. Die konkreten Planungen beginnen, vor allem, wie sich sein Klavierunterricht nun nach Mailand verlegen lässt. Das Klavier nämlich wird ihm gerade mal wieder zum wichtigsten Lebenselexier, er übt morgens mittags abends, lernt eine Sonate nach der anderen, ich komme mit dem Notenbestellen gar nicht hinterher. Und spielt am Ende des Monats auf dem Landeswettbewerb „Jugend musiziert“, Ergebnis gibt’s erst am Sonntag.
Die Tochter ist vom Weiterüben nach dem Januarwettbewerb weniger begeistert und schleppt sich mit Mühe durch die seit einem Jahr gleichen Stücke, sie wartet nur darauf, dass es morgen Nachmittag vorbei sein wird. Damit sie dann endlich auf ihr neues Cello umsteigen und sich der neuen Lehrerin widmen kann. Ja, der Monat endet mit der letzten Stunde bei ihrem sechsjährigen ersten und besten Cellolehrer.
In der Schule gibt es viele Klassenarbeiten, den Känguru-Wettbewerb und darüber hinaus Tochtertränen. Die tragen wir weiter in den nächsten Monat.
Der Sohn wählt eine neue Brille und verabschiedet sich vom langjährigen Harry-Potter-Nickelbrillen-Style, nun hat er auf der Nase, was alle tragen, das ist doch auch mal was. Die Tochter sucht ebenfalls nach ihrem eigenen Kleidungsstil und garniert das Ganze mit Unmengen an Kosmetik, deren Sinn und Funktion sich mir im Leben noch nicht erschlossen hat, ich lerne dazu;-)
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Wir schaffen es mal wieder ein paar liebe Menschen zu treffen, es beginnt schon in unserem Ferienbergdorf, und auch hier findet sich ab und zu Zeit für ein Weinchen mit Freunden. Ich schicke einen Stapel Papierpöste auf den Weg, von dieser Altmodischkeit will ich nicht lassen. Ein kleines Mädchen stirbt, ein Dorf weint, und der kranken Freundin geht es auch nicht gut. Wir sprechen in der Schule und zu Hause viel über’s Sterben und über die Netze, welche die Weiterlebenden nun haben. Und was wir dazu geben können. Ausgelöst dadurch formuliere ich erstmals im Leben auf einem Blatt Papier, im Moment noch in der Stichpunktversion, was ich mir für mein eigenes letztes Weggehen wünsche. Sollen hinterher ja nicht die anderen entscheiden müssen. Und man weiß nie, wann es soweit ist. Siehe letzten Monat …
Das Leben hat immer alles auf einmal in sich, eine große Osterreise will vorbereitet werden und strengt mich mit dem notwendigen Organisationskram schon ein wenig an, mal schauen, wie es dann dort wird. Im Moment bin ich müde, müde und müde, ich schlafe mal wieder viel zu wenig.
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Bei all dem trägt mich meine Musik, und wie. Der Monatsbeginn bringt ein neues Leihcello, welches das Wow nochmals steigert. Ich beginne eine erste Sonate von Cirri zu spielen (ab 2.45 vor allem: mein Traumsatz:)), die Tochter korrigiert: zu üben;-), und ich merke immer mehr, wie sehr mir dieses Instrument vorher im Leben gefehlt hat.
Und Lesen trägt, Schreiben noch viel mehr. Und natürlich – ein würdiger Schlusspunkt für diesen prallvollen Monat – Ihr, denen ich hier im Schreibraum begegne, Ihr tragt auch.
Danke für alles.

#3wegsam-Bilder-11: Auf bekannten Wegen

Ob ich es wohl schaffe, heute tatsächlich weniger Worte um die Bilder zu machen? Wie in den letzten Tagen bin ich abgrundmüde, mir ist kaum nach Sagen, und dann plaudert es doch los, sobald sich meine Erinnerungskästchen öffnen. Also mal schauen – diese Reiseerinnerungsbilderposts entstehen tatsächlich ganz spontan. Insofern weiß ich wirklich nicht, was hier in einer halben Stunde veröffentlicht werden wird:)

Das tschechische Land begrüßt mich mit einem heftigen Gewitterguss, welcher uns als bunte Radler-Wanderer-Gruppe unter einem Unterstand zusammenführt. Mit jedem pitschnassen Ankömmling wird es enger … und am Ende haben die Deutschen die wichtigsten tschechischen und die Tschechen die wichtigsten deutschen Wörter erlernt, Baby Martina ist von allen Seiten ausgiebig beknuddelt worden und beginnt das Leben in Radlerkreisen zu genießen, mit entgegenkommenden Radlern sind alle Tipps und Hinweise ausgetauscht – Zeit für Aufklarung des Himmels. Es klappt. Der Rest des Tages (und der nächsten auch, übrigens) bleibt weitgehend regenfrei.

(Aha, hier geht die Plauderei schon wieder los:))

 

Die Erinnerungsbilder von vor zwei Jahren kommen unerwartet klar hinter jeder Ecke hervor, ich kann mich an viele Wegbiegungen erinnern, selbst, wenn ich jetzt in die Gegenrichtung fahre.

Als erster Ort im neuen Land kommt Decin …

 

… dessen Schloss ich heute weitoben am Wegesrand liegenlasse.

 

Usti nad labem bleibt gleich ganz auf der anderen Flussseite, ich nutze die flinken Uferwege, die – bis auf Brückenausläufer – die Stadt großräumig umfahren.

 

Die Gestalt des Flusses wandelt sich bald in eine solche.

 

Und ich kann kaum anders als den gleichen Übernachtungsort wie damals zu wählen, …

 

… auf dem Zeltplatz bin ich so gut wie allein, hier ließe sich ruhig auch länger bleiben.

 

 

 

Am Morgen eine schnelle Stadtdurchfahrt durch Litomerice …

 

… vor erneuten Kilometern direkt am Fluss …

 

… und seinen Uferorten.

 

 

 

 

 

Melnik, so schnell schon bin ich kurz vor Prag. Dass ich die Strecke kenne, lässt sie mir unter anderem kürzer erscheinen. Ein interessantes Phänomen. (Hier zu Hause ziehen sich mir bekannte Strecken eher in die Länge. Nachgrübelstoff.)

 

Hier fließt die Moldau (rechts) in die Elbe (links). Vom Wasservolumen her, heißt es, sei die Moldau der mächtigere Fluss. Geographisch korrekt wäre es also, wenn vor kurzem in Hamburg die Moldauphilharmonie eröffnet worden wäre. Sozusagen. Aber das lässt sich wohl nicht mehr revidieren. Zumal einem das Wort „Moldauflorenz“ nicht so gut über die Lippen geht:)

 

Jedenfalls, ich verlasse die Elbe, ihre Quelle sitzt im nördlicher liegenden Riesengebirge, da will ich nicht hin. Das hellblaue e-Schild, das gleiche wie auf dem deutschen Elberadweg, tausche ich gegen das mittelblaue V. Denn Moldau heißt auf tschechisch Vltava. Warum das so ist, konnte mir noch niemand erklären. Mit einer Lautverschiebung hat es ja wohl nichts zu tun. Die von mir befragten tschechischen Menschen sind dem Rätsel auch nicht auf die Spur gekommen.
Von jetzt ab also: Vltava-Radweg Nr. 7.

 

Das erste Stauwerk folgt nach einem Kilometer, man zählt hier flussaufwärts.

 

Dieses Brückenbild hat lediglich Erinnerungswert. Schleppten wir doch damals unsere Räder samt Gepäck über dieses Brückchen; das vergisst man nicht so schnell.

 

Während ich diesmal schlauer bin und ein paar Kilometer weiter in ein verlassenes Dorf radle, um mich von dem aus seinem Haus geklingelten Fährmann über den Fluss bringen zu lassen.

 

 

 

Ein Übernachtungsort findet sich heute direkt am Fluss, …

 

… und morgens fährt mir der Schleppkahn quasi durchs Zelt.

 

 

 

Hier übrigens mal ein Lob auf die hiesigen Radwege. Die bisherigen. Später im südlichen Landesteil werden sie sich als noch ausbaufähig erweisen. Bisher aber ist es großartig. Oft sind es sehr durchdachte und radlerfreundliche Lösungen wie etwa diese Radwegquerung, die unter der Fahrbahn aufgehängt ist, so dass man nicht extra zum Fluss hinunter und wie hinaufkurbeln muss.

 

Kurz vor Prag schwächelt der Weg für eine kurze Strecke. Es sind nur 3 Kilometer, aber diese bewirken selbst beim Schieben – streckenweise weiche ich darauf aus – ein zittriges Gefühl in den Beinen. Hier auf dem Bild sieht es harmlos aus, war es aber nicht. Dichteste Ufernähe bei 2-3-Meter hoher Uferkante. Es gibt nicht umsonst eine Ausweichroute oben über den Berg. Mit Kindern sollte man diese hier nämlich unbedingt vermeiden …

 

Nun also: Prag ist in Sicht.

 

Vorher noch ein wenig Volkssport – an jedem Flussstückchen sieht man solche Wassertrainingskanäle – …

 

… bevor die Großstadt auf mich zukommt …

 

… und kurz darauf unser Hotelboot von damals.

Und hier, am Startpunkt der damaligen Reise, höre ich für heute zunächst auf.

 

Die damaligen Liveberichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

 

 

#3wegsam-Bilder-10: Elblängs zur Grenze

Immer noch dreht sich hier vieles und ist noch lange nicht besänftigt. Die Tage wollen im Moment erstmal nur geschafft werden. Raum für Vertiefung suche ich vergebens, so gelingt mir auch Einkehr in Worträume kaum.
Aber mich an Bildern entlanghangeln und ein paar Gedanken hinauströpfeln lassen, das geht und tut gut. Während wohlige Erinnerungen in mir rühren und das Derzeitige sanft einbetten mit ihrem Fingerzeig auf den Fluss vom Gewesenen zum Künftigen, in welchem einzig das Jetzt, selbst das derzeitige Jetzt, die Brücke bilden kann. Ich lerne zu verstehen. Und lasse mich von meinen Bildern ein weiteres Mal forttragen.

In Dresden war ich stehengeblieben mit meinem Erzählen. Nach dem Begegnungsabend ist viel zu schnell Abschied. Jedoch: nur dann kann es neue Begegnung geben. Bald schon? In wenigen Wochen, stimmt’s?

 

Unten am Fluss blicke ich wehmütig flussabwärts. Es ist seltsam, an der einstigen Heimatstadt vorbeizufahren, ohne sie „richtig“ betreten zu haben. Natürlich war das Haus, in dem ich willkommen geheißen wurde, „richtiges“ Dresden, mehr als das. Was ich meine, sind wohl meine damaligen Orte und Kreise. Die waren allesamt im Stadtzentrum, hier flussabwärts hinter der Biege irgendwo auftauchend. Nächstes Mal werde ich nicht vorbeifahren.

 

Heute sehr wohl. Es geht nach Süden.
Nachdem ich den Fluss via Blaues Wunder gequert habe. Noch immer weiß ich nicht, ob der Name dieser Brücke irgendetwas mit der Redewendung „sein blaues Wunder erleben“ zu tun hat. Ich jedenfalls erlebe hier mein blaues Wunder – ganz wörtlich zu verstehen:) – und freue mich an der Samstagsstimmung auf Straßen und Wegen …

 

 

… und am lebendigen Uferleben, selbst wenn der eine oder andere allzu lebendige Spaziergänger mir vor’s Rad springt. Macht ja nichts, ich habe Zeit.

 

Schloss Pillnitz quert meinen Weg, und von da ab so manch bekannter Ort.

 

Bin ich doch zwei Jahre zuvor diese Strecke in umgekehrter Richtung mit dem Sohn gefahren, damals ging es von Prag an die Ostsee. Heute (und die nächsten drei Tage) fahre ich dem Damaligen entgegen und werde wehmütig. In Erinnerung an den ersten Reiseabschnitt mit ihm, nur wenige Tage ist das ja her, in Erinnerung an unser damaliges gutes Miteinandersein, und vor allem immer wieder mit dem Gedanken, dass solch gemeinsames Erleben in den nächsten Jahren immer seltener werden, je mehr er flügge wird. Damals wusste ich noch nichts Genaues von seinem Italienjahr, es war noch nicht klar, WIE nah das Weggehen sein wird, und doch spürte ich es.
Hier etwa – wie an vielen Ecken – ist er so präsent, dass ich ungläubig staune über die Detailliertheit meiner Erinnerungen. Wie uns damals scharfer Gegenwind fast zum Stehen und abwechselnd in die Verzweiflung trieb. Heute ist schon wieder Gegenwind, offenbar muss das hier so sein. Nur bin ich ruhiger und stampfe nicht mit dem Fuß auf, selbst innerlich nicht.

 

Wie wir damals an selbiger Stelle standen und den Brückentouristen ebenso wie den Kletternden zuschauten. Und ich dem Sohn erzählte von meinen Jahren in Dresden, in denen uns – dank einer wanderbesessenen Freundin – allsonntäglich der 6.37-Zug in diese Felsformationen brachte, auf dass wir atemlose Tage in ihnen erlebten.

 

Irgendwann stehe ich an einer Schranke. So ist das von Zeit zu Zeit, das war noch auf jedem Streckenabschnitt so.
Innerhalb des ohnehin schon ruhigen radelnden Unterwegsseins ist der Aufenthalt an Schranken nochmals der Inbegriff des Zur-Ruhe-kommens. Man steht dort und steht. Ohne etwas zu tun. Ohne weiterzukönnen. Ohne sich richtig in eine Pause zu begeben. Man steht eben. Einfach so. Man hat es auszustehen. Kein Wunsch, kein Wirken, kein Eingreifen. Ausharren und Sein.
Ein wahrer Zwischenzustand in der Mitte von allem, was man gemeinhin mit dem Attribut „sinnvoll“ belegt.
Augenöffnende Schranken.

 

Eine Pause nehme ich mir in Rathen, ich sitze und schaue auf den Fluss, um mich zu sammeln und mir klarzuwerden, dass ich wiederum überhaupt noch nicht weiß, wohin ich heute will. Es ist Nachmittag, und ich werde mich wohl nochmal noch ein Stückchen den Fluss entlangtreiben lassen.
(Rätselhaft immer wieder das, was nicht im Bild ist. Auf dieser menschenleeren Uferwiese sitzen nur ich und mein Fahrrad. Gähnende Weite. Eine Großfamilie mit Hund und Streit nähert sich. Und wo lassen sie sich nieder? Zwei Meter von mir entfernt. Ich verstehe das nicht. Ich verstehe es wirklich nicht.)

 

Wieder eine heftige Sohneserinnerung, ich gebe zu, heute ziehen die ein wenig im Herzen. Dort drüben, auf der anderen Seite der Fähre, unterhalb der Festung Königstein, sind wir damals eingekehrt, geschlaucht von Gegenwind, Wegsteigungen und einer morgendlichen Felswanderung, zu Fuß. Heute habe ich bis auf Gegenwind nichts von all dem gehabt. Einkehren muss ich trotzdem, sagt mir die Wehmut. Ohne Hunger, ohne Durst, aber den Ort brauche ich nochmals. Es ist ein seltsam Ding mit dem Erinnern.

 

Nun, und dann geht der Samstag in Dunkelheit über. Weil die Sonne untergeht, und weil Regenwolken aufziehen. Schnell kaufe ich noch ein, um vor den ersten Tropfen den letzten Zeltplatz auf deutscher Seite anzusteuern. Im Kirnitzschtal baue ich auf, direkt neben dem Zelt fährt eine Straßenbahn vorbei (doch doch, mitten in den Bergen:)), und pünktlich nach Kochen und Essen beginnt es zu regnen. Und wie.
Der Morgen empfängt mich voller Pfützen.

 

Das Tal in Niesel und Nebel, eng ans Haus schmiegt sich die Straßenbahn (Beweisfoto!), und ich breche auf, in Regensachen fühlt sich dieser sanfte Regen fast gemütlich an.

 

Unten im Ort, in Bad Schandau, reißt der Himmel mehr und mehr auf, ich wage mich zu setzen und ….

 

… das viele Nass auf dem Rad zu drapieren, dass es ein wenig trocknen möge.

 

Ja, tatsächlich, bis auf eine einstündige Dusche später am Tag bleibt es blauhimmelig, ich bin dankbar, weil ich das Elbtal nochmals in vollen Zügen einatmen kann, bevor es sich auf der tschechischen Seite aufweiten und einen ganz anderen Charakter bekommen wird.

 

Vor lauter Einatmen verpasse ich mehrfach die Fähre, das muss man erstmal schaffen. Und auch auf diese darf ich nur dank  besonderer Großzügigkeit. Denn – „junge Frau, können Sie nicht lesen???“ – oben am Steg stand doch ein Schild, dass man diesen nicht betreten darf, bevor nicht die Erlaubnis … naja … gleich bin ich in Tschechien, manchmal sind deutsche Regeln und Gehorsamkeit ganz schön anstrengend.

 

Auf der anderen Flussseite ist schon Grenze, das ehemalige DDR-Grenzgebäude hat nur noch Strohmannfunktion, verströmt aber rein optisch immer noch seinen geballten Uncharme, manchmal gruselt’s mich, wenn ich mich an damalige Entwürdigungsprozeduren erinnere.

 

Der erste tschechische Ort – Hrensko – auf der anderen Seite, hier übernachteten wir vor zwei Jahren.

 

Und dann ist der Fluss nur noch Fluss, wird von keinerlei Häusern mehr gesäumt …

 

… bis die Grenzsteine auftauchen. So unsichtbar können Grenzen sein. Man schiebt hinüber, und schon darf man in einem anderen Land sein. (Ich bin sehr dankbar dafür.)

 

 

Die damaligen Live-Berichte finden sich hier und hier.