Alltag

Alltagsglück #1

Einen Dienstort in 35 km Entfernung könnte man als Anlass nutzen, um sich zu ärgern. Oder aber, um eine kleine Radtour drumherum zu bauen.

Es ist früh, als ich aufbreche, hinauf und hinab ins Tal, das zum Fluss führt.
Wie sogleich die Bluse im Wind flattert, und der Wind in der Bluse. Ich bin schon da.

 

 

Der Fluss schenkt seinen weisen Lauf und nimmt mich an die Hand, damit meine Bewegung nicht stockt. Ich rolle und rolle, an seiner Seite durch die große Stadt hindurch, auf altbekannten Pfaden ins jenseitige flache Land.

 

 

Dort dann, am Dienstort, widme ich mich meinen Aufgaben, fokussierter und klarer als häufig, während in mir stille Vorfreude auf den Rückweg blüht. Über die Hügel werde ich fahren, schließlich muss ich nicht wie vormittags in gefasster äußerer Form an einer Arbeitsstelle ankommen:)

Windjacke, Fleeceshirt und Schal auf dem Gepäckträger schmunzeln leise, während ich in Sommerhitze hinauftrete. Die Sonnencreme ruft laut von zu Hause aus, dass ich sie vergessen habe. Man wird sehen, morgen auf meiner Nase.
Heute aber, heute hier zu fahren, war meine beste Idee seit langem. Gemäß diesem hier:
Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde. (Franz von Sales)

 

 

Welch kleine feine Dörfer, die mir bisher entgangen sind. Welch Landschaft zum Verlieben. Ich frage mich, warum ich dies bisher kaum getan habe.

 

 

Lediglich, dass keine Eiscafés am Wegesrand liegen … nun ja … kurz vor dem Heimatdorf findet sich doch noch eines. Dafür, dass morgen ein prallevoller Schultag und noch nichts vorbereitet ist, sitze ich in größter Gelassenheit dort und habe die Ruhe weg. Ich wundere mich selbst.

 

Von Zeit zu Zeit die Augen öffnen für das klein-große Glück am Wegesrand …

 

12 von 12 im Mai

Vorgestern war es nun schon, dieser Zwölfte. Aber Bilder rosten ja nicht, und verfallen nicht auf der Kamera, solange man mit anderen Lebensdingen beschäftigt ist. Also dürfen sie ruhig heute noch kommen:)

 

 

Der Morgen ist regnerisch und so dunkel, dass mir Kerzen für meine Morgenstunde als stimmig erscheinen.

 

Ich schreibe einen Brief, möchte ein kleines Päckchen dazupacken und diese Steine mitschicken. Hühnergötter, von der Ostsee. Steine mit einem Loch. Man findet sie am Strand, wenn man lange sucht, und man sagt, sie bringen Glück. Dort, wo sie jetzt hinwandern werden, braucht es dieses gerade sehr dringend.

 

Draußen regnet es, meine Gartenmorgenrunde fällt kurz aus, kaum wage ich mich unter der Terrasse hervor.

Es folgt ein Schultag, bilderlos, ich trage keine Kamera mit und hätte heute auch keine Chance gehabt, kurz innezuhalten. Manche Tage sind sportlich, um es milde auszudrücken.

 

Das Wochenende beginnt mit meinem Entschluss, die Korrekturen zunächst beiseite zu legen. Am Sonntag vielleicht, spüre ich, eher geht das nicht, ich bin erschöpft, brauche jetzt erstmal Musik – ja! – und Ruhe. Und sowieso: Vorfreude, heute bekomme ich noch Besuch:)

 

Mittlerweile haben sich die morgennassen Blätter trockengeschüttelt …

 

… und das pralle Leben räkelt sich in der Sonne.

Weil es so strahlt vom Himmel, nehme ich den Weg ins Nachbardorf unter die Füße und gehe mein Fahrrad abholen.

 

Es hatte ein bisschen Reparatur nötig, damit es mich ganz bald wieder tragen kann, wohin die Unterwegsträume reichen.

 

Zurück segelt es sich ganz leicht, an den Feldern vorbei …

 

… durch ein Blütenmeer …

 

… und mit kleinen zarten Versehrtheiten am Wegesrand.

Der nun beginnende Teil des Tages bleibt ohne Bilder, obwohl die Kamera auf dem Beifahrersitz liegt, es will nicht zu einem Foto kommen. Mein Aufbruch nach Frankfurt, lieben Besuch vom Bahnhof abzuholen, ist noch pünktlich. Dann Unfallstau auf Autobahn I. Autobahnwechsel. Unfallstau auf Autobahn II. Runter auf die Landstraße. Stau auf Landstraße, denn schließlich haben alle hierher gewechselt. Ich schwitze schon ob meiner arg verspäteten Ankunft, als es aus dem Zug twittert, dass es in diesem nicht besser ausschaue. Streckenstehen vom Feinsten, Verspätung von 60 Minuten mindestens und das nicht etwa in Frankfurt. Endstation Offenbach. Freitag der Fastdreizehnte. Was haben Menschen in Nichthändiehzeiten eigentlich in Situationen wie diesen gemacht? Wir schreiben hin und her, während ich noch in Frankfurt am Bahnhof stehe und dann nach Offenbach aufbreche. Diesen Ort hätte ich nicht gebraucht- jedenfalls: sein Charme erschließt sich einem nicht auf den ersten Blick:)
Aber: nach einiger Umrundung des Bahnhofes finden und umarmen wir uns, kaufen an der Tankstelle zwei Bier (alkoholfrei;-)) für die nun etwas längere Heimfahrt, machen es uns im Auto gemütlich und erreichen den mit Lasagne gedeckten Tisch immerhin noch vor Mitternacht.

 

Wir freuen uns an Leipziger Mitbringseln …

 

… und an einem wichtigen Utensil für die nächsten Stunden.
Bis es uns – es war nach Zwei, oder? – ins Bett treibt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

im April

Der Monat beginnt in frühlingshafter Wärme und wie immer mit dem 1. April, in den ich erstmals (?) von niemandem geschickt werde, nicht von den Kindern, nicht von Schülern. Bei letzteren liegt das wohl einfach daran, dass ich sie am Samstag nicht sehe:) Mir fehlt nichts, aber es fällt mir auf.
Zum Ende des Monats hin hat sich der heftige Frühling vom Monatsanfang zunächst wieder versteckt und schaut nur schüchtern um die Ecke. Man hofft ja doch, dass er sich im Mai endlich wieder hinaustrauen wird.
*
Der Monat ist geprägt und dominiert von unserer New-York-Reise, von all dem Anstrengend-Spannenden schon vor dem Start (für uns, die wir sonst nie fliegend verreisen), von der Eindrucksflut der Riesenstadt, die zuweilen überfordert, von Jetlags, einer Tonne voller Fotos und Erinnerungen und von daraus geborenen neuen Reiseplänen:)
Durch die Reise übrigens fällt das Eierfärben natürlich aus, was vor allem ich ein wenig schade finde, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle.
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Vor und nach den Ferien gibt es natürlich Schulzeit, ein wenig nur. Aber auch eine einzelne Woche kann im Anstrengungsgewand auftreten, was vor den Ferien vor allem daran liegt, dass nebenher die Packvorbereitungen laufen und derart fordern, dass kaum mehr genug Schlafzeit bleibt.
Nach den Ferien ist natürlich alles liegengeblieben – die kompletten Ferien wegzufahren bedeutet ja, dass das reinigende Alles-weg-Korrigieren, Alles-weg-Aufräumen, Alles-weg-Kommunizieren und Alles-weg-Vorbereiten, womit zweiwöchige Ferien gut gefüllt sein können, nicht stattfinden kann und die angrenzenden Schulwochen mit kaum zu bewältigender Arbeitsdichte gefüllt sind. (Darum übrigens werde ich ab nächstem Jahr ein wenig mehr Teilzeit nehmen, also ein wenig weniger Deputat haben: Um in Ferien wegfahren zu können, ohne mich vorher und nachher in die Erschöpfung zu arbeiten.)
Die Reste des in den Ferien Nichtgeschafften schleppe ich in den Mai, nicht zu Ende korrigierte und nicht fertig erstellte Klassenarbeiten, nicht vorbereitete mündliche Prüfungen, ein Schulcurriculum im Rumpfzustand und (psst!) ein paar längst fällige GBUs. (Wer nicht naturwissenschaftlehrend ist, möge sich nicht beunruhigen: diese Abkürzung muss man nicht kennen, und das Dahinterstehende ebenfalls nicht.)
Ich hechle den Erfordernissen hinterher und finde mich seit langem wiedermal in der Situation, dass ich spätabends ganz knapp und sozusagen von der Hand in den Mund erst vorbereite. Da kommt der ganztägige Pädagogische Tag gerade Recht, selbst wenn er an meinem unterrichtsfreien Tag liegt: muss ich am Vorabend wenigstens mal nichts vorbereiten.
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Den Kindern geht es mit ihren Schulaktivitäten besser, die Klassenarbeitsdichte ist gering, die Hausaufgabenmenge wohl auch. Jedenfalls sehe ich sie kaum mal etwas für die Schule tun und auch nicht fluchen.
Ihre Musik im Haus dagegen erfährt heftige Belebung. Die Tochter hat ein neues Cello und eine neue Lehrerin, neue Stücke, neuen Schwung, alles lässt sich gut an.
Der Sohn ist nach dem Jugend-musiziert-Wettbewerb regelrecht manisch in der Erarbeitung von Neuem. Prokofjew, Liszt, Chopin, Beethoven tönen durchs Haus, ich komme mit dem Notenkaufen kaum hinterher. Vor allem die Dauer des täglichen Übens stellt hohe Anforderungen an alle Zuhörendennerven, denn ja, ein Flügel ist laut und tönt durch alle Wände. Dafür wurden also Silent pianos erfunden.
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Für viel mehr ist kein Raum in diesem Monat, ich bin wenig draußen (außer natürlich in New York), ich lese wenig, komme kaum zum Celloüben. Es fließen Tränen, denn die Freundin stirbt. Andere nahe Menschen beenden ihren Lebenskreis. Im Kollegium werden zwei Kinder geboren, und eines darf nach Intensivstationsmonaten wieder nach Hause. Mein Knie – nur das Knie, aber doch – muckert und erinnert sanft daran, dass auch mein Platz in diesem Lebenskreis zwischen Geborenwerden und Sterben kein unveränderlicher ist.
*
Mein innerer Grundzustand dieses Monats ist gehetzt und unzufrieden. Alles ist viel zu viel. Sehnsüchte liegen brach vor mir, ich habe zu üben.
Sei mir das am letzten Monatstag im Garten aufgebaute Zelt ein Hoffnungsschimmer, dass mit bald beginnenden Rad-und-Zelt-Zeiten endlich wieder Tage des Ruhens kommen werden, ich brauche sie so.

 

im März

Der Monat beginnt, während wir uns noch auf unserer Bergschneereise befinden, führt uns nach der Heimkehr in zaghaft frühlingsprießendes Wetter und endet mit ersten Fast-Sommer-Tagen. Im T-Shirt und dennoch schwitzend sitze ich am letzten Nachmittag des Monats am Fluss und ertrinke fast im Blütenbunt.
Ich bin viel draußen, schaffe mir ein neues Wegeritual rings um unser Dorf, am Wegesrand liegt immer wieder mein Baum, der tägliche Schulweg wird wieder auf den Fahrradsattel verlegt, Hängematte und Liegestühle bekommen eine Grundreinigung und anschließend häufigen Besuch von der Tochter und mir.
*
Die Schule startet nach den Ferien heftig mit einem Stapel Vertretungsstunden, manchmal ist das eben so. Aber, hej: Ich fühle mich vor den Klassen mehr denn je wie ein Fisch im Wasser. In unserer kleinen Fünften gibt es unruhige Konstellationen und noch wenige Lösungsideen. Diese KollegInnen zu haben jedoch, mit denen man alles alles alles besprechen (und manchmal beweinen) kann, ist goldwert. Gerade in solch schwierigen Situationen.
Vom zweiten Dienstort verabschiede ich mich allmählich, mit einer langen Serie an Terminen, bei deren jedem ich innerlich ein kleines Häkchen setze. Gleichwohl zuckt es kurz in mir, als mich ein dritter Dienstort anspricht, sie hätten gehört, ich würde dort aufhören, ob ich nicht zu ihnen kommen wolle. Das schmeichelt und verlockt kurz, aber ich glaube, ich sollte bei meinem Nein bleiben.
*
Der Sohn verbringt zwei Wochenenden auf Vorbereitungsseminaren für sein Italienjahr und bekommt wichtige Mailpost: Seine Gastfamilie. Es passt wie erträumt und führt zu jubelnder Aufregung hier im Haus. Die konkreten Planungen beginnen, vor allem, wie sich sein Klavierunterricht nun nach Mailand verlegen lässt. Das Klavier nämlich wird ihm gerade mal wieder zum wichtigsten Lebenselexier, er übt morgens mittags abends, lernt eine Sonate nach der anderen, ich komme mit dem Notenbestellen gar nicht hinterher. Und spielt am Ende des Monats auf dem Landeswettbewerb „Jugend musiziert“, Ergebnis gibt’s erst am Sonntag.
Die Tochter ist vom Weiterüben nach dem Januarwettbewerb weniger begeistert und schleppt sich mit Mühe durch die seit einem Jahr gleichen Stücke, sie wartet nur darauf, dass es morgen Nachmittag vorbei sein wird. Damit sie dann endlich auf ihr neues Cello umsteigen und sich der neuen Lehrerin widmen kann. Ja, der Monat endet mit der letzten Stunde bei ihrem sechsjährigen ersten und besten Cellolehrer.
In der Schule gibt es viele Klassenarbeiten, den Känguru-Wettbewerb und darüber hinaus Tochtertränen. Die tragen wir weiter in den nächsten Monat.
Der Sohn wählt eine neue Brille und verabschiedet sich vom langjährigen Harry-Potter-Nickelbrillen-Style, nun hat er auf der Nase, was alle tragen, das ist doch auch mal was. Die Tochter sucht ebenfalls nach ihrem eigenen Kleidungsstil und garniert das Ganze mit Unmengen an Kosmetik, deren Sinn und Funktion sich mir im Leben noch nicht erschlossen hat, ich lerne dazu;-)
*
Wir schaffen es mal wieder ein paar liebe Menschen zu treffen, es beginnt schon in unserem Ferienbergdorf, und auch hier findet sich ab und zu Zeit für ein Weinchen mit Freunden. Ich schicke einen Stapel Papierpöste auf den Weg, von dieser Altmodischkeit will ich nicht lassen. Ein kleines Mädchen stirbt, ein Dorf weint, und der kranken Freundin geht es auch nicht gut. Wir sprechen in der Schule und zu Hause viel über’s Sterben und über die Netze, welche die Weiterlebenden nun haben. Und was wir dazu geben können. Ausgelöst dadurch formuliere ich erstmals im Leben auf einem Blatt Papier, im Moment noch in der Stichpunktversion, was ich mir für mein eigenes letztes Weggehen wünsche. Sollen hinterher ja nicht die anderen entscheiden müssen. Und man weiß nie, wann es soweit ist. Siehe letzten Monat …
Das Leben hat immer alles auf einmal in sich, eine große Osterreise will vorbereitet werden und strengt mich mit dem notwendigen Organisationskram schon ein wenig an, mal schauen, wie es dann dort wird. Im Moment bin ich müde, müde und müde, ich schlafe mal wieder viel zu wenig.
*
Bei all dem trägt mich meine Musik, und wie. Der Monatsbeginn bringt ein neues Leihcello, welches das Wow nochmals steigert. Ich beginne eine erste Sonate von Cirri zu spielen (ab 2.45 vor allem: mein Traumsatz:)), die Tochter korrigiert: zu üben;-), und ich merke immer mehr, wie sehr mir dieses Instrument vorher im Leben gefehlt hat.
Und Lesen trägt, Schreiben noch viel mehr. Und natürlich – ein würdiger Schlusspunkt für diesen prallvollen Monat – Ihr, denen ich hier im Schreibraum begegne, Ihr tragt auch.
Danke für alles.

Auszeit

Wenn der Tag plötzlich eine unverhoffte Lücke in seinem pochenden Ablauf aufreißen lässt und die Bücherei am Wegesrand liegt und ohnehin alles – schlagen doch die inneren Wogen gerade hoch – nach einem Rückzug ruft, dann …
… finde ich mich plötzlich in einem dieser so wunderbar nicht zusammenpassenden Sofas sitzend, oben im zweiten Stock, dort in der Ecke, wo einen der Straßenlärm glasfenstergedämmt zwar noch erreicht, aber ebenso abgeschirmt wirkt wie all das andere, was ich in der Tasche unten am Eingang ließ, die Kalender, die Aufgaben, das Handy.
Vor mir weite Regalschwaden, büchergefüllt, Leseimperative wohin man schaut. In meiner Hand liegt mein derzeitiges Buch, das, welches zu mir kam wie gerufen. Unter mir das Sofa, bequemer als es wirkt, zum sich-hinein-winkeln, neben mir all die anderen Auszeitenden. Lesend, träumend, zettelsortierend, schlafend, schnarchend. Die Stille der Sofaecke dimmt das Straßensurren hinunter, bis es sich auflöst. So wie das Schweifen der Gedanken, das ich immer wieder einsammle und ans Buch in meiner Hand führe, bis ich hineinversunken bin.

Es sind die kleinen Dinge. Immer wieder.

 

12 von 12 im März

Spät, aber doch: Meine 12-von-12-Bilder vom gestrigen Sonntag. Meine Wortfindungsfähigkeit hat sich zu so vorgerückter Stunde wohl schon schlafengelegt, daher bleiben die Bilder wortarm.

 

Vom Terrassenkaffee, dem allerersten des Jahres ….

 

… mit hindernisverstelltem Blick hinunter ins Dorf (noch: bald wird er hinter den Blättern verschwunden sein) …

 

… zieht die Sonne mich auf einen Spätvormittagsspaziergang …

 

… und mitten hinein in die noch karge …

 

… aber aufknospende Frühlingswelt.

 

Ein Gruß winkt von diesem Bild:))

 

Und zu Hause, als ich wieder angekommen bin, versucht die Tochter in Schwung zu kommen, ohne aus der Hängematte zu fallen.

 

Mittlerweile ist es mittags und die Arbeit ruft laut, zum Warmwerden einen Wettbewerb organisieren …

 

… und dann korrigieren korrigieren korrigieren.

 

Die Tochter ist auch beschäftigt, ein Referat steht an – das Thema ist ja nicht schwer zu erraten.) – und ich helfe, wenn auch nur dadurch, dass ich meine Druckerdienste anbiete.

 

Nebenher läuft ein wenig Haushalt.
(Socken lassen sich einfach nicht apart aufs Bild drapieren,da  kann noch so viel Natur ringsum sein).

 

Nicht viel reizvoller sehen Wäscheberge aus, aber das war nun einmal das letzte Bildmotiv, was mir vor dem Schlafengehen über den Weg lief. Immerhin liegt ein Lieblingsshirt des Sohnes obenauf …

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

 

WmDedgT 03/2017

Sonntag, der Tag ohne Weckerklingeln, lässt mich aus einem Traum aufwachen, in dem es um eine Tasche ging, welche in Form, Größe und Haptik meinem Ideal nahekam, welche ich also nicht haben kann und werde, die somit eine Traumtasche bleiben wird, was gut so ist, ich lächle beim Erwachen.

Diesen Tag heute hätte es eigentlich gar nicht gegeben, was heißen soll: Hätte es nicht gestern im Bergort geschneit und genebelt und geregnet, dann wären wir heute erst abgefahren und kaum erst hier, so dass wir direkt von der Autobahn in den Alltag hätten stolpern müssen. So aber hat das Wetter eine Entscheidung und damit diesen Tag ohne jeden Plan, frei von jeglichem Tunmüssen geschenkt. Die Tageszeiten fließen unter mir hinweg und das Uhrzeitkonzept erreicht mich heute nicht. Hach.

Zunächst, was liegt im Morgenbett näher: Ich lese, lese und lese. Die Enden meiner Reiselektüren sind im heutigen Tag besser aufgehoben als in den kommenden Tagen, wenn das Rad wieder hektisch zu kreisen begonnen haben wird. Ich lese also, so lange, bis die Kinder nach Frühstück verlangen. Es gibt faule Aufbackbrezeln mit nicht viel dazu; nach der satten italienischen Woche braucht es das auch nicht.

Weil das Gespräch auf den Alltag kommt und ohnehin schon Märzanfang ist, greife ich mir nach dem Essen den Familienplaner und beginne – wir sind da ganz undigital:) – all unsere Terminzettel und -hefte für den nächsten Monat zu synchronisieren. Nebenher läuft die erste Wäsche, und damit, finde ich, habe ich zunächst genug getan – der Sonntag darf wieder sonntäglicher werden.

Wobei ich beim Lesen von den Büchern mittlerweile zu Blogs und weiter weg ins Netz abschweife und dabei – ganz heimlich, noch ohne mich irgendwo zu melden – mal in meine beiden Dienstmailaccounts schaue. Uiuiui, schnell wieder zumachen. Ich bin ja eigentlich noch gar nicht da:)

Gehe ich lieber ans Cello, heute ist unser letzter Tag, eigentlich hatten wir uns vor der Reise schon verabschiedet. (Morgen wird es beim Geigenbauer getauscht, was nicht an mir oder ihm, dem Cello, liegt, sondern eine eigene Geschichte ist.) Nun also treffen wir uns doch noch einmal. — Es ist ein wenig ernüchternd. Die Hände haben alles verlernt. Scheinbar natürlich nur. Aber trotzdem. So spiele ich eine ziemlich große Weile vor mich hin und sinniere über Verlieren und Wiederfinden und Lebensgeduld und Gelassenheit …

Bis mich das frühlingliche Draußen verlockt, da tut sich plötzlich ein Weg vor mir auf, der unbedingt gegangen werden will. Jetzt. Und öfter noch. Genau genommen habe ich mir mit dem heutigen Gang ein Ritual geschaffen. (Und dass ich nach erstmaliger Durchführung bereits das Perfekt verwende, liegt an meiner Entschiedenheit und der Bedeutung, die dieser Weg für mich hat.)

Der Fotoapparat war auch dabei, auf dem heutigen Weg, und auf der Ferienreise ja sowieso. Während nach meiner Heimkehr ins dämmernde Haus all die Fotos auf den Computer hinüberwandern, linse ich ihnen zu – und staune schon einmal. Vorfreude auf das Sichten und Wiedererkennen macht sich breit.

Jetzt erstmal Essen, inzwischen Abendessen zu nennen, und anschließend mit den Kindern zusammen Reisetaschen auspacken und die ersten Wäschehaufen verräumen. Und weil wir alle so gut in Trab sind, packen wir gleich noch die Schultaschen für morgen, erinnern uns an zu unterschreibende Zettel, zur richtende Räder, zu bestellendes Essen, zu organisierende Fahrten und zu stellende Wecker. Soifz, jetzt doch kurz ein Ferienendewehmutsgefühl.

Ich dämpfe es noch ein wenig ab, indem ich den Rest des späten Abends in Erinnerungen lese, dazu Seelenmusik höre, ein wenig mit Farbstiften experimentiere, jetzt hier schreibe und viel zu spät ins Bett gehe. Morgen an meinem langen Schultag werde ich das bereuen, aber für jetzt fühlt es sich genau richtig an.

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Erzählungen gibt es bei Frau Brüllen.

 

im Februar

verlief manches anders als gedacht, wobei sich dies vor allem auf meine inneren Prozesse bezieht und ich jetzt zum Monatsende kaum ausmachen kann, was dieses „manches“ alles beinhaltet, und wann genau ich mich so außerhalb meiner selbst zu fühlen begann
*
natürlich war es in der Schule heftig, mit Elternsprechtag und Elternabend und Wettbewerben und Konferenzen und vielen Vertretungen (alle sind krank, mich traf es ja auch ein zweites Mal) und der Terminhäufung am zweiten Dienstort – aber das ist es ja immer
*
war ich erleichtert, als die Kinder ein paar Tage zu Schulorchesterproben verreist waren und die Termindichte darum ein wenig nachließ
*
hatten wir lieben Berliner Besuch hier im Haus, was zwar einerseits kaum in den Alltag zu integrieren ist, aber andererseits in wohltuende, hilfreiche Gespräche führte
*
spielte ich viel Cello – was sonst:) – und dies ist mir tatsächlich in so kurzer Zeit zu meinem wichtigsten Seelenbalsam geworden
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überlebte ich den 15. Februar und werde ihn von nun an als meinen zweiten Geburtstag im Jahr feiern (mehr möchte ich hier nicht davon erzählen)
*
versuche ich nun, in den kurzen Ferientagen in unserer wohlvertrauten Bergwelt wieder in die Ruhe des Jahresanfangs zurückzufinden, was mir durch den heute gefallenen Schnee erleichtert wird, wenn dieser auch ziehende, schmerzende, traurige Erinnerungen aufwirbelt
*
habe ich große Sehnsucht nach dem Frühling mit seiner lindernden Lichtheit

Abendleben

Unser Besuch spielt mit den Kindern „Siedler“, ich sitze nebendran auf dem Sofa und lege Wäsche, das Ganze an Sekt, wir haben schließlich Besuch. Die Tochter ruft im Minutentakt Könntest-du-mir-ein-Erz-geben?, was sich in der Spielrunde zum Running gag entwickelt zu haben scheint und nur noch übertönt wird von des Besuchssohns ausdauernder Schafsuche. Dass wir alle morgen in die Schule müssen, ist für den Moment vergessen, auf dem Boden liegt aber ein Lateinbuch, eines der Kinder scheint am Nachmittag gelernt zu haben, morgen schreiben beide irgendeine Arbeit, glücklicherweise muss ich mich dafür nicht interessieren. Und so reden wir lieber über die anvisierte Alpendurchwanderung und dass die Freundin in der Zeit ihr Geschäft schließen muss, was soll’s. Das bunte Gästeleben führte uns heute Mittag schon an touristische Stätten, morgen wieder. Die Mahlzeitenfolge für morgen steht, wobei das Planen eher darin bestand, wann wir uns wo treffen können, um gemeinsam zu essen, schließlich läuft hier nebenher das normale Alltagsleben. Erstaunlich, was noch so alles nebenbei in einen Tag passt. Wirbelndes Besuchsleben durchwirkt Alltagstrott. Ärgernisse und Kümmernisse des Tages verlieren an Dimension, was soll ich mich über die kühle Mail erregen, und über die nichtgelungene Terminvereinbarung. Auf das Helle blicken, statt dessen. So wie meine Cellolehrerin, welche sich vorhin voller Neid – nein: Mitfreude<3 – über unseren baldigen Skiurlaub erkundigte, und zwar so ausführlich und ausgiebig, als wollte sie sich selbst dort einmieten, und dabei können sie und ihr Mann das nicht mehr. Und sie freute sich trotzdem so an meinem Erzählen …

Und dann bin ich müde. Klar. Der Tag ist doppelt so dicht wie sonst. Ich bin nicht geschaffen dafür. Fühle mich müde wie mein Arm, der heute erlernt hat, wie er sich zu heben hat, um den kleinen Finger bestmöglich zu unterstützen, so dass nun die Anstrengung des schwächsten Gliedes in den riesigen Armbruder verlegt ist. Jedenfalls: wir sind müde. Mein Arm und ich.

12 von 12 im Februar

Meine Bilder konnten heute nur im Kopf entstehen, es war weder Gelegenheit noch Zeit, sie in eine mit den Augen sichtbare Form zu bringen. Also halte ich sie auf diese neue Weise fest, warum auch nicht den Tag wortbebildern?

Bild 1
Ein Hauch Morgenhell fällt durch die Vorhänge, die Bettdecke liegt in ihrer eigenen, schwer erkennbaren Ordnung um mich herum, und unsichtbar wehen über dem Moment Traumfäden.

Bild 2
Drei Bücher stapeln sich auf dem kleinen Tischchen, daneben steht die zum Überlaufen gefüllte Kaffeetasse. Die Kerzen sind noch nicht – oder nicht mehr? – angezündet, auf den Tagebüchern liegen verschiedene Stifte.

Bild 3
Ein karg-grün-grauer Rasen, braune Maulwurfshügeln bilden ein Muster. Und die Barfüße hinterlassen sanfte, kaum erkennbare Spuren.

Bild 4
Die Tochter sitzt über ihrem Hausaufgabenschreibtisch, in ihrem hellen Sonntagskleid sieht das von draußen hereinfallende Licht gleich noch viel strahlender aus.

Bild 5
Im großen Zimmer wird ein langer Tisch ausgezogen, er füllt sich mit Geschirr, Besteck, Gläsern, Servietten und Getränken. Das Stuhlsammelsurium lässt erkennen, dass es aus mehreren Zimmern zusammengetragen wurde.

Bild 6
Der Tisch ist überladen gefüllt mit Zutaten für diverse japanische Gerichte, der Nachbartisch biegt sich ebenso. Um die Tische herum stehen vier Kinder und acht Erwachsene und halten Getränke in der Hand. Die Entschlossenheit, sich zu setzen, ist noch nicht so groß, der Appetit dagegen schon.

Bild 7
Eine Küche voller Geschirr und leerer Platten. Eine ratternde Geschirrspülmaschine. Reste von Kaffee, Saft, Soßen und Krümel verteilen sich quer durch den Raum.

Bild 8
Auf der Straße vor dem Haus. Ein altes kleines Auto mit Berliner Nummernschild. Ein junger Mann und eine Frau, nicht mehr so jung, aber eben auch nicht wie seine Mutter ausschauend, tragen zwei Reisetaschen ins Haus.

Bild 9
Graugrüntrübe Felder mit kargen Streuobstbäumen, ein sich bedeckt haltender Himmel, in der Ferne die Häuser verschiedener Dörfer, vier in der Feldeinsamkeit spazierengehende Menschen.

Bild 10
Ein erneut gedeckter Tisch, nicht ganz so lang wie mittags, und diesmal mit nur einem Gang. Erneut Weinflaschen und Gläser. Sechs hin- und herfabulierende Menschen.

Bild 11
Sechs Menschen vor einem Monitor, darauf läuft ein Film mit kleinen Kindern. Diese – inzwischen nicht mehr ganz so klein – sitzen in Sesseln und Sitzsäcken davor und schmunzeln oder lachen laut, je nach Temperament. Immer wieder fällt der Satz: „Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern.“

Bild 12
Zwei Frauen am Tisch, immer wieder am gleichen. Keinerlei Essensanzeichen. Dafür Gläser und Flaschen. Rotweinspuren auf dem Tisch. Die Füße befinden sich im Schneidersitz auf der Sitzfläche. „Dass das noch geht“, sagt die eine. „Haben wir uns verändert?“, fragt die andere.

Krank

Wahrscheinlich soll ich das lernen, das Annehmen. Mich verlangsamen oder gar anhalten zu lassen von den Bedürfnissen meines Körpers, ihnen nachspüren und nachgeben. Ein wirkliches Übefeld für mich. Und deswegen – oder warum auch immer – kam heute das Kranksein erneut zu mir, nach nur wenigen Tagen Gesundgefühl.

Es fängt an wie vor drei Wochen. Gestern Kratzen im Hals, Kopfschmerzen, eine leise Ahnung. Heute Schmerzen beim Sprechen, und sobald mein Unterricht um war und ich mich auf einen Stuhl im Lehrerzimmer fallen ließ, dieses Schlappgefühl. Zu Hause dann Bett, Bett, Bett, ein Nachmittag voller Schlaf. Im Wattegefühl, mit wirr-bunten Träumen, jedoch ernüchterndem Hals-, Glieder- und Nasenweh beim Aufwachen – Ihr kennt das.
Wenn es so weitergeht wie letztes Mal, werde ich morgen, vielleicht unter Tabletten gesetzt, noch halbwegs in der Lage sein, meine einstündige Unterrichtsprüfung abzunehmen. Ich muss ja nur kurz zuhören und dann benoten, nicht viel sprechen, nicht stehen.
Ja, ich weiß, krank ist krank. Krank wäre krank. Aber … Morgen ist jedenfalls machbar, ich gehe jetzt ja gleich wieder schlafen.

Und dann schaue ich. Wenn es morgen Abend nicht besser ist, dann bleibt ja noch der Freitag zum Krankmelden. Ich fange schon mal an, mich dazu durchzuringen, das braucht eine Weile. Immerhin ist Elternsprechtag, das schlechte Gewissen pocht. Andererseits: fünf Stunden Unterricht und dann zwanzig Gespräche in fünf Nachmittagsstunden ist schon in gesundem Zustand für mich kaum zu schaffen. Wenn es also nicht geht, geht es nicht. — Ich schreibe das extra hier schon hin, um der Entscheidung nicht wieder auszuweichen:)

Und ja, es wäre eigentlich normal, sich um sich selbst und seinen Körper zu kümmern, auf sich aufzupassen, sich dem Ruhebedürfnis zu widmen und sich selbst hierbei das Wichtigste zu sein. Allein: ich kann das nicht. Pflichtgefühl und sogenannte Disziplin, gepaart mit einem Ich-schaffe-das-schon-irgendwie-Wahn. Auch das kennt Ihr. Jedenfalls einige von Euch.

Wenn ich mich also diesmal wirklich besser um mich kümmern werde als letztes Mal und schon so häufig, dann hat das erneute Kranksein etwas erreicht. Und wenn nicht … dann werde ich also neuerliche Grippeanflüge brauchen. Nur falls ich mich dann wundern sollte, warum es mich wieder erwischt.

So lange, bis ich’s verstanden haben werde.

WmDedgT 02/2017

Sonntag ist der Tag ohne Wecker, das weiß mittlerweile sogar ich. Es wird kurz nach acht, als sich mir die Augen öffnen, es ist schon hell draußen, ein fast vergessenes Gefühl beim Aufwachen.

Meine Lesestunde. Weil ich derzeit in drei Büchern gleichzeitig lese und es mich auch heute in alle zieht, gerät diese ein wenig länger. Gut so. Um’s Unterwegssein geht es in meiner Lektüre, und um’s Abschiednehmen. Beides gar nicht so verschieden.

Kurz nach zehn wird das Tochterkind wach und hungrig, wir frühstücken. Sie hat sich schon in T-Shirt und Röckchen geworfen, hört im Kopf unablässig eigene Musik und tanzt dabei vor sich hin. Das geht auch am Frühstückstisch, sitzend. Als ich es ihr nachtue und ebenfalls mit rhythmischen Arm- und Körperbewegungen anfange, bin ich natürlich peinlich:(
Ansonsten geht es beim Frühstücksgespräch noch darum, dass Newton kein freundlicher Mensch war, weil er die Untersuchung mit dem Apfel erst nur vorgetäuscht habe (hä? echt jetzt?), ob Laser was mit dem Tunneleffekt zu tun haben, und wann wir nachher losmüssen. Und dass man vor dem Hochrennen ins Zimmer immer zweimal mit je zwei Händen Dinge in die Küche zu tragen habe. Das wird von Kindern ja gern täglich mehrmals vergessen.

Vor dem Mittagstermin reicht es mir für eine weitere Stunde Sofasitzzeit. Bücher und Schreibhefte und so.
Dann duschen und anziehen, wir müssen bald weg, doch vorher noch meine Celloübezeit. Heute bin ich fahrig und unzufrieden. Das wird auch nicht besser, als ich mein derzeitiges Übestück aufnehme und mich beim Anhören das nackte akustische Grausen überkommt. So unsauber, so kratzig, so ungleichmäßig, so wenig Musik. Es soll heute nicht sein.

Lieber schreibe ich noch an Kollegen, ich brauche für morgen dringend ein paar Zuarbeiten, hoffentlich schauen sie noch in ihre Mails, ist ja schließlich Sonntag, ein eingeschalteter Computer entweiht diesen Tag, irgendwie.

Und dann müssen wir weg, Preisträgerkonzert in der Musikschule. Die Kinder stellen fest, dass die, die da spielen, immer jünger werden. Aha, das alte-Leute-Syndrom erfasst jetzt auch schon 10- und 15jährige:) Die Tochter ist tatsächlich schon fast ans Ende des Programms gerutscht – es geht nach Alter. Und der Sohn spielt hier gar nicht mehr, weil er mittlerweile die Musikschule gewechselt hat. Ansonsten wäre er der Allerälteste gewesen. Mensch, die Zeit vergeht. Der Sohn also sitzt entspannt in der Gegend herum, genießt, dass er nicht auf die Bühne muss, die kleine Schwester ärgert sich über ihre Fehler – beim Einspielen hätte noch alles geklappt, und was jetzt alle denken … Anschließend gibt es Saft und Sekt und Häppchen, da ist auch für die Tochter alles wieder gut. Und für unsere leeren Ohne-Mittagessen-Mägen sowieso.

Zu Hause ist kurze Kaffeebesinnungszeit, dann sitze ich am Schulschreibtisch. Weil das Wochenende lang und gut war, lässt es sich zäh an. Der Kopf war in einer anderen Welt und findet nur schwer zurück.
Währenddessen lassen die Kinder sich in die Orchesterprobe fahren und kehren nach kürzester Zeit zurück. Natürlich waren sie in Wirklichkeit zwei Stunden dort. Waaas, schon acht?

Wir essen, sie verraten mir, wann und wo morgen der Treffpunkt ist, beide fahren mit dem Schulorchester zu Probentagen. Die Sachen sind im Prinzip gepackt. Im Prinzip. Bis auf … – Nein, für Wäschewaschen ist es jetzt zu spät! Doch, das hatte ich heute Mittag schon gesagt! – … Mütter sind gemein. Aber echt mal, es findet sich doch wohl noch genug Klamottiges im Schrank.
Als das und auch die Verteilung der Zahnpastatuben auf Tochter- und Sohngepäck ausdiskutiert sind, müssen nur noch Cello- und Notenständer in den Koffer gequetscht – Von draußen passte das aber?!?!?! -, Impfausweis und Krankenkassenkarte des Sohns ausfindig gemacht – unter dem unausgepackten Gepäckhaufen seiner Januarreise, ein Hoch auf Mutterinstinkte! – und die Sache mit den Noten geklärt werden.

Aaaahhhh, die Noten. Fällt beiden jetzt ein. Musizieren braucht nämlich Noten. Meinen Chaoskindern verlangt diese Tatsache alles ab.
Und so sieht man um kurz vor zehn die Tochter mit der geliehenen Notenmappe der Pultnachbarin vor meinem Kopierer sitzen und Blatt um Blatt hindurchschieben. Ihre eigenen Kopien scheinen sich im Laufe des Schuljahres weitgehend verflüchtigt zu haben.
Der Sohn hingegen startet eine Großraumsuche nach dem Heft mit den englischen Liedern. Ich schwöre, ich habe das im Leben nicht gesehen. Deswegen kann es auch nicht im Zuge meiner Weihnachtswohnzimmeraufräumaktion verloren gegangen sein. These steht gegen These. Wir diskutieren bei dieser Gelegenheit gleich den grundsätzlichen Sinn und Unsinn von Aufräumen, Ordnung, Ablagesystemen und ähnlichen Müttererfindungen. Während wir zu zweit auf dem Boden sitzen und einen Kubikmeter Notensammlung Blatt um Blatt wenden. Das Heftlein bleibt verschwunden, damit wird der Orchesterchef jetzt leben müssen.

Es ist halb elf, als die Brut im Bett ist. Irgendwie schön, so ein Feierabend, wenn die Kinder schlafen gehen. Nur noch die Schultasche packen, die sich sperrende Datensicherung überlisten, die eigentlich noch geschrieben werden wollenden Postkarten auf morgen verschieben … und ein wenig seufzen. Weil ich nun endlich zu mir finde, weil die kommende Woche dichtestgepackt sein wird, weil mir die Kinder in den drei Tagen fehlen werden, und weil mich eine leise Wehmut durchzieht. Das Leben ist so bunt, so voll, so prallelebendig, und – in einem Parallelstrang – so voller Melancholie und sanfter Traurigkeit. Alles auf einmal. 

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

lebensverwaltend

Viel Zeit meines Lebens geht dafür drauf, dass ich das Leben nicht lebe, sondern verwalte. Diese Papier-, Telefon-, Rechnungs- und Organisationsdinge, von denen mein – und vermutlich unser aller – Alltag so voll ist, erlebe und empfinde ich mit als das Anstrengendste und Nervendste auf meinen To-do-Listen. Zu gern würde ich seinen Umfang verringern, allein ich weiß nicht wie. Denn es fiel und fällt mir schwer, meine Stimmung wenigstens im mittleren Bereich zu halten, wenn ich mich über längere Zeit mit diesen Dingen abgeben muss. So sehr ich mir auch sage, dass ich mich davon nicht beherrschen und trüben und vereinnahmen lassen will …

Darum schaue ich mir mal auf die Finger, was ich da alles so verwalte. Heute häufte es sich, weil ein Tag ohne Termine in Schule und anderem Dienstort und ohne familiäre Auswärtsaufgaben prädestiniert dafür ist, von den angestauten Verwaltungsbergen abzutragen, was geht. Das war heute …

… eine große Aufräumaktion der Papierablage, in der sich seit Mitte letzten Jahres fünf Höhenzentimeter Papier angestaut hatten, wo allein das Abheften in Leitzordner als Tagesaufgabe gereicht hätte; doch …
… meine dienstlichen Papiere enthielten unter anderem zwei Rentenbescheide mit Auflistungen all meiner Lebensarbeitszeiten, in denen sich Fehler befanden, so dass ich per Widerspruchsbogen reagieren musste …
… die Beihilfe- und Krankenversicherungsabrechnung wollte durchgesehen werden, weil da nicht alles Geld zurückgekommen war, es stimmte aber letztlich doch, und ich tütete nur noch den letzten Beihilfebescheid in den Umschlag an die Krankenversicherung …
… dabei fiel mir ein, dass ich lange keine Rechnungen bezahlt hatte, der Stapel der Arztrechnungen war schon wieder groß, eine ganze Überweisungsserie, doch für einen neuen Beihilfeantrag fehlte mir am Abend dann die Zeit …
… die Papiermengen wegen unseres Wasserrohrbruchs sind unermesslich, ich sortierte und tackerte und heftete ab, jetzt ist es endlich weg …
… die Unterlagen zu meinem Auffahrunfall im Dezember enthielten noch ein Fragezeichen und damit einen Anrufgrund bei der Versicherung, warum da jetzt so und so entschieden wurde …
… die Papierestapel der Kinder werden mit den Jahren auch nicht kleiner, all diese Zeugnisse, Erinnerungen, Organisationspapiere für ihre 1001 Aktivitäten, Anmeldungen, Abrechnungen, ich sortierte und heftete und tackerte, auch am Nachmittag noch mit dem Sohn zusammen, weil er allein seine Matheseminarpapiere u.ä. noch nicht gebändigt bekommt …
… dringend war ein Anruf bei der Austauschorganisation des Sohnes fällig, wegen seines neuen Personalausweises und wegen eines verpflichtenden Vorbereitungsseminars, und als Folge davon ein Brief an den Jugend-musiziert-Landeswettbewerb mit Bitte um Vermeidung einer Terminkollision …
… weil die Tochter das Cello wechselt, musste die Musikinstrumentenversicherung benachrichtigt werden, in diesem Zuge fragte ich gleich wegen einer Versicherung für mein Leihcello an, was einen Anruf beim Geigenbauer zur Folge hatte …
… wegen veränderter Stundenpläne musste ein Familienzahnarzttermin umgelegt werden …
… mit den anderen Streichquartetteltern lief den ganzen Tag ein Mailwechsel zum Terminfinden des gemeinsamen Essengehens …
… auf der Schulliste standen zwei Anrufe in Fremdschulen, um organisatorische Details für anstehende Unterrichtsprüfungen abzuklären – und weil Schulleiter erstmal so gar nicht zu erreichen sind, wurden aus den zwei Anrufen sieben …
… mit meinen Referendaren läuft ein Terminfindungsmailing, was nicht so einfach zu einem konstruktiven Abschluss zu bringen ist …
… für meine ganz eigene Unterrichtsverwaltung ergänzte ich alle Noten- und Verwaltungstabellen um Spalten für das zweite Halbjahr, um veränderte Excelformeln und um die notwendigen Umstrukturierungen …
… ebenfalls als verwaltend sehe ich meine heutige Unterrichtsvorbereitung an, denn ich übertrug nur alte Vorbereitungsbausteine in meine seit drei Jahren digital geführte Vorbereitung, scannte Aufschriebe ein und übertrug Tafelbildfotos in die Dokumente …
… rein organisatorischer Natur waren auch alle Schulmailkontakte des Tages: Elternsprechtagsvereinbarungen, Fachbereichsabsprachen, Wettbewerbsauswertung, Protokollerstellung …

So. Fazit: Alles was ich heute tat, war organisierender und verwaltender Natur. Ich habe kein einziges inhaltliches Gespräch geführt, weder mit den eigenen Kindern noch mit oder über Schüler, ich habe keine inhaltlichen Konzepte für meinen Unterricht kreiert, ich habe nichts geschaffen, ja ich habe noch nicht mal korrigiert – dieser Blogtext ist noch die kreativste Leistung des Tages.
Und doch war mein Tag mehr als voll. Es war viel. Und das ist keine einmalige Aktion, das ist Alltag. Es wird viel bleiben. Denn wegzulassen ist davon kaum etwas. Weder möchte ich die Aktivitäten der Kinder eindämmen – und diese sind hier in unserem Fall seit Jahren mit sehr viel Organisationsaufwand verbunden. Noch scheint mir bei meinem eigenen Papierkram viel Überflüssiges dabeizusein. Und die schulischen Dinge gehören nunmal einfach zum Job.
Dazu kommt, dass ich mich mit dem Telefonieren immer schwerer tue. Vor ein paar Jahren fand ich in meiner Telefonphobie einen leichten Lichtblick, da wurde es mir leichter. Derzeit ist es wieder arg. Jedes Greifen zum Hörer gleicht einem mentalen Dauerlauf, manchmal mit Sprintfinale, mit erhöhtem Puls, Haspeln, Stottern, in die falsche Rolle fallen, all das. Ich brauche entsprechend lange, um den Hörer aufzugreifen, sogar bei privaten Telefonaten geht es mir so, umso mehr mit fremden Menschen und organisatorischen Anliegen. Ein „nicht erreichbar, rufen Sie doch später nochmal an“ baut einen neuen Berg vor mir auf, mit jedem Versuch wird es mir schwerer. Wenn es irgendwie geht, schreibe ich stattdessen Mails, was dann natürlich wieder länger dauert. (Und doch habe ich heute 13 – in Worten: drei!zehn! – Telefonate geschafft. Ein Marathon.)
Also: es ist nicht einfach.

Und wie gehe ich nun damit um?
Rein äußerlich: ich habe immer noch nicht herausgefunden, ob ich all das Zeugs lieber in kleinen täglichen Rationen dosiere oder besser so wie heute große Mengen auf einmal angehe, um mich dann eine Zeitlang frei(er) davon zu fühlen.
Der Kern der Frage liegt aber wohl woanders. Wie ändere ich meine innere Einstellung dazu? Wie finde ich in eine positive(re) Beziehung zu dem, was mich in trübe Stimmung zieht, was ich nicht akzeptieren will als Teil des Ganzen, zu dem, was ich zuallererst immer als nervig, anstrengend und überflüssig empfinde? Bin ich doch Realistin genug um zu wissen, dass man heutzutage mit all diesem leben muss. Also bleibt von Love-it-leave-it-or-change-it bei näherer Betrachtung ja nur Love-it übrig. Kürzlich las ich Texte darüber, einen welch großen Einfluss unsere Gedanken auf unsere Gefühle haben. An Gedanken lässt sich eher stellschraubig drehen als an Gefühlen.
Hier bei diesem Verwaltungszeugs, das wäre doch ein geeignetes Übefeld für diese so viel weitreichendere Lebensaufgabe:
Wie verändere ich meine Einstellung zu den Dingen?

 

im Januar

ging es wie zu jedem Jahresstart erst einmal mit einem langsamen Tempo, einer noch stillen Zeit los – welch ein Glück diese langen Weihnachtsferien doch jedes Jahr sind!
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fanden darum – neben anderen Seelendingen – viel Schreiben, viele Bücher und sogar einige Filme Platz, bis der Wiederbeginn der Schule das Schwelgen in Buchstabenwelten ein wenig abebben ließ
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folgten auf erholsamste Ferienwochen vollgestopfte Schulwochen mit 120 Klassenarbeitskorrekturen, 140 Zeugnisnoten, Zeugnisschreiben, haufenweise Konferenzen, einer Reihe Unterrichtsprüfungen, Elterngesprächen, mehreren zu organisierenden Mathematikwettbewerben und und und … im Kalender dominiert in diesem Monat die Schulfarbe deutlich:(
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hat es mich zusätzlich gefordert, dass ich mittendrin für mehrere Tage fiebrig im Bett lag, wobei Termine – Zeugnisse und Prüfungen und so – ja nicht entsprechend nach hinten verschoben werden, so dass ich einen Kompromiss zwischen waagerechter Körperposition, Trotzdemkorrigieren, Krankmeldung für die Unterrichtsstunden und Nebenbeigesundwerden finden musste
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bin ich aber dennoch heil, auch innerlich, durchgekommen, und habe sogar jetzt zum Monatsende noch das Gefühl, ein wenig von der Anfangsruhe des Jahres in mir zu tragen
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war doch dieser Monat ein Versuch, mich nicht im ewigen To-do gefangen zu fühlen, sondern mich stärker zu besinnen auf das, was gelungen, geschafft, erarbeitet und erreicht ist, statt auf das, was immer und immer wieder noch fehlt – auch das gelang soweit und hinterlässt kleine Ahnungen, dass sich durch diesen anderen Blick ein insgesamt gesünderes Alltagssein leben lässt
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hat zu meinem inneren Wohlgefühl ganz wesentlich mein – ja, ich sage schon „mein“! – Cello und die Stunden, die ich mit ihm verbrachte, beigetragen; die Lehrerin, zu der ich in den Weihnachtsferien erst nur telefonischen Kontakt gehabt hatte, erwies sich in den ersten vier Stunden als für mich so passend, und die Ahnung von dem Bewegungs-, Singe- und Klanggefühl, welche das Instrument schenken kann, die ist nach wie vor einfach hach!
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musizierten auch die Kinder wie immer im Januar intensiv auf vielen Proben, Probevorspielen und zum Monatsende dem Jugend-musiziert-Wettbewerb, der – ich schrieb davon – diesmal eine ganz neue Erfahrung für uns brachte, welche ein jetzt umso intensiveres Zusammengehörigkeitsgefühl im Tochterquartett nach sich zieht, und ein fleißiges Üben bei Streicherduo und Sohn, da beide in zwei Monaten in der nächsten Runde weiterspielen dürfen
*
hatten wir einigen, auch überraschenden Besuch hier im Haus und verbrachten warme Stunden mit Freunden
*
reichte es mal wieder für so vieles nicht, aber das ist ja nichts Neues und wohl etwas, an das ich mich werde gewöhnen müssen, weil ich eben einfach so bin, dass ich immer mehr möchte als der Tag Stunden hat:)

leergelauscht

Das hätte ich ja nicht gedacht: dass ich beginne jeden Tag einen Blogpost zu schreiben. Seit dem 1. Januar geht das nun schon so. Das war nicht etwa ein Vorsatz, schon gar keiner zum neuen Jahr. Es ist einfach so passiert, ich bin da so reingerutscht.

Erstaunlicherweise spüre ich nunmehr eine kleine Bindung an dieses Ritual. Sprich, ich möchte es nicht am 28. Tag einfach so abbrechen. Obwohl mir heute so überhaupt nicht nach Schreiben zumute ist. Ich bin leergeredet, leergelebt, vor allem leergelauscht. Ein Tag voller Musik, voller Emotionen, voller Fragen und Hinspüren. Das zehrt mich aus, so erfüllend es auch ist.

Und nun?
Nun lasse ich diesen Minitext hier stehen. Habe eben einfach dieses Wenige erzählt. Alles weitere bleibt für morgen. Morgen, wenn ich die erschöpfende Fülle dieses Tages überschlafen und in neue Wachheit verwandelt haben werde.

„Done“ statt „to do“

Es war ein Versuch. Oder: Es ist ein Versuch. Denn er läuft ja noch, ich habe ihn nicht abgebrochen. Da ist zuviel Bewahrenswertes. Aber auch Unmögliches. Ich werde eine andere Variante finden müssen, experimentieren, modifizieren, es passender für mich gestalten.

Es ging und geht – wie schon so oft – um meinen Umgang mit der Zeit, mit dem engen Terminkorsett, den vielen anstehenden Aufgaben. Schon lange bedrängt mich zusätzlich zu der Tatsache, dass sie nunmal da sind, die vielen Aufgaben, was sich weder verhindern noch leugnen lässt, mein Umgang mit dem Vielen.
Obwohl der Kopf es besser wusste, hielt er über lange Jahre meine Hand nicht davon ab, bei jeder Gelegenheit – morgens, nach der Schule, zu Wochenendbeginn, zum Ferienanfang – lange lange To-do-Listen zu schreiben. Als bereite es mir besonderes Vergnügen, mir stets vor Augen zu führen, wieviel Unschaffbares ständig auf mich wartet. Denn allein die optische Länge der Liste machte sie zu einer Überforderung, mir war immer vorher schon klar, dass all das im gesetzten Zeitrahmen nie und nimmer zu erledigen sei. Zwar verschafft es mir Befriedigung, im Laufe der Zeit einen Punkt nach dem anderen auszustreichen, doch zu einem Ende der Liste kam ich nie. Stets blieb noch mehr offen als erledigt war. Auch wenn es mir nicht bewusst im Kopf hämmerte, irgendwie sagte ich mir damit ja doch immer wieder selbst, dass ich es nicht schaffe. Dass alles viel zu viel ist. Oder ich eben zu langsam. Oder zu abgelenkt. Zu verzettelt. Zu undiszipliniert. Irgendwie so.
Warum ich mich so lange auf diese Listen fokussierte, sie mir fast als Lebensgeländer dienten, ich mich ihnen und ihrem permanenten Zugzwang aussetzte, weiß ich gar nicht. Ich litt nicht sonderlich darunter. Es war eben normal, die Dinge nicht zu schaffen.
Die erste unschaffbare Liste schrieb ich übrigens mit etwa 12 Jahren. Ich weiß heute noch, welche Punkte ich in meinem damals schon vollen Leben nicht unterbrachte. Ich holte das Undurchgestrichene von damals übrigens nie mehr auf. Das meiste hat sich nur im Laufe des Lebens erledigt. Von meiner Liste, die ich mit Beginn des Mutterschutzes des Sohnes, jetzt 15einhalb, schrieb, ist übrigens auch noch etwas offen. Und wahrscheinlich von allen Listen, die ich im Laufe meines Lebens schrieb.

Möglicherweise findet Ihr das befremdlich. Ich selbst ja auch:)  Wie kann man seine eigenen Lebensbereiche nur so vollpacken, dass es zwangsläufig überläuft? Warum will ich immer mehr als möglich ist? Warum bin ich hier nicht Realistin genug? Warum setze ich mich dem immer wieder aus?

Und wie fühlt es sich eigentlich an, wenn ich auf solche Listen verzichte?

Die Idee hatte ich schon lange: Nicht mehr den Fokus auf das Unbewältigte legen, sondern auf das, was hinter mir liegt, das Geschaffte, das Getane. Nicht notieren, was vor mir liegt, sondern was ich hinter mich gebracht habe. Jeder Tag ist ein leeres Blatt, das zu füllen ist. Und kein volles, das ich Zeile für Zeile auszulöschen habe.
Eine völlig neue Sichtweise.

Seit Beginn des Jahres probiere ich es aus. Und – was ja nicht überrascht – es hat meinen Alltag veändert.
Tatsächlich spüre ich, wie mich To-do-Listen bedrängen. Erst jetzt, wo sie weg sind, spüre ich das. Ich erlebe eine für mich neue Langsamkeit, jedenfalls phasenweise. Mir gelingt es besser, mir selbst gut zu tun. Etwa indem ich eher und ohne Gewissensbisse schlafen gehe, indem ich mich ans Cello setze, oder ans Buch, oder an die Schreibtastatur, zuweilen auch stundenlang. Ich schaffte es, mich krankzumelden. Ich gab Klassenarbeiten ein paar Tage später zurück, um nicht mehr nachts zu arbeiten. Ich ließ Nichtdringendes liegen.
Stattdessen füllte ich meine Tage so, wie es für mich stimmig war. Reichten die Kräfte weit, füllte sich die Done-Liste des entsprechenden Tages – manchmal schrieb ich sie auf Papier, manchmal nur in meinen Gedanken – zügig und mit Vielem. War ich müde und erschöpft oder mit anderem angefüllt, fanden sich am Abend nur sehr wenige Punkte darauf, na und.
Es war insgesamt gemächlicher, ruhiger, gesünder und in allem mir und meinen Bedürfnissen angemessener.

Aber.
Natürlich gibt es ein Aber. Ein großes sogar.
Es passt nämlich nicht. Es passt hinten und vorn nicht. Dieser Monat war ja nur ein einzelner kurzer Zeitraum im Laufe des Alltagsstroms. Natürlich ist es nicht von Belang, dass in diesen Wochen etliches liegenblieb. Nur: Irgendwann muss das alles getan werden. Das Liegengebliebene nachgeholt, das dann Akute zusätzlich getan und ein paar Langzeitdinge auch endlich angegangen werden.
Im Haushalt, das klingt so banal, sind Dringlichkeiten offengeblieben. Noch fault keine Wäsche im Korb vor sich hin, aber fast, im übertragenen Sinne jedenfalls. Die akuten Familienorganisationsdinge habe ich alle untergebracht, ein paar Langzeitpflichten aber schön verdrängt, für später. Kontakte liegen brach, selbst solche, die mir ein Herzensanliegen sind. In der Schule habe ich von der Hand in den Mund gearbeitet, das wird sich in den nächsten Wochen rächen.

Was also tun? Wie lässt sich das Dilemma lösen?
So Fragen an mich selbst. Ich werde weiterexperimentieren … 

Die kleinen Gesten

Schon vor dem Musikschulvorspiel weiß ich, dass mein Husten dies nicht durchhalten würde. Und so kommt es. Gerade noch das Tochter-Streichquartett steht er durch, bevor er beim nächsten Klavierbeitrag, stille Stelle natürlich, sein Recht einfordert. Verstohlen nach einem Hustenbonbon rascheln, den Reiz unterdrücken bis ich ihn fast hinauswürgen muss, ein paarmal schüchtern in den Schal husten – dann hilft nichts mehr, ich schleiche mich hinten aus dem Saal. Renne noch ein paar Treppenstufen hinab, denn das Musikschulhaus ist ein großes halliges, das Gebelle daher flureweit zu hören, nur weg vom Vorspielsaal.
Kurz nach mir ereilt die Quartettlehrerin das gleiche Los, auch sie war vor ein paar Tagen noch flach im Grippebett gelegen, hustend kommt sie mir auf der Treppe hinterher. Wir beschließen, den Rest des Konzerts unten im Foyer abzuwarten und haben, als wir uns so die Treppe hinunterhusten, vor Lachen fast schon Tränen in den Augen. Wir im Duett, nicht schlecht.
Unten sitzt auch zu dieser späten Stunde noch der treue liebe Hausmeister in seinem Zimmerchen – wieviele Überstunden der wohl wegen all der Jugend-musiziert-Vorspiele hier sitzen muss? Trotzdem schaut er immer noch freundlich, lächelt – und beginnt tief in seinen Taschen herumzukramen. Bis er fündig wird. Wortlos kommt er zu uns und streckt uns entgegen, wonach er gesucht hatte: drei Hustenbonbons. Dies sei alles, was er habe.

Wie mich diese kleine Geste berührt. Ich weiß gar nicht genau warum. Weil in der ausgestreckten Hand so viel Wärme steckt. So viel Miteinander. So viel Geteiltes. So viel Füreinanderdasein.
Eigentlich ist es so einfach. Knüpfen wir ein Netz aus kleinen Gesten voller Hilfe und Lächeln und Wärme …

 

Die Sache mit dem Kranksein

Nein, ich kann das nicht. Jedenfalls bin ich nicht besonders gut darin. Ich meine in dem Sinne, dass ich wenig Übung habe krank zu sein. Alle Jubeljahre mal, und dann immer nur ein bisschen. So wie jetzt, dass es mich drei Tage ins Bett gehauen hat, das war schon selten. Welch Glückspilz, ich.

Und doch ist diese Erfahrung nicht unwichtig.

Abgeben. Loslassen. Das Alltagsgeschäft den anderen übertragen. Vertrauen. Klingt wenig spektakulär. Ist es aber nicht für eine, die gern die Fäden in der Hand hält und schwer glauben kann, dass es ohne ihre Kontrolle läuft. Echt, so bin ich, jedenfalls hier zu Hause. — Und was soll ich sagen: Es läuft. Es lief. Und dieses Laufen stand nie in Gefahr. Ganz im Gegenteil: Die Tochter bäckt mir einen Kuchen, kocht Tee, macht zum Abendessen Spiegelei, wir essen das im Schneidersitz auf meinem Bett und fühlen uns ein wenig wie beim Picknick (die Lagerfeuerwärme wird mir durch’s Fieber gratis dazugeliefert). Der Sohn schleicht alle Stunden mal vorbei und schaut ernsthaft besorgt und später nur noch interessiert, wie mein Besserungsprozess voranschreitet. Das Leben im Haus läuft ganz  normal weiter, keiner versäumt lebenswichtige Termine, die Zimmer verwüsten nicht, der Kühlschrank wird nicht leer, alles gut. Was mich vor mir selbst ein bisschen lächerlich dastehen lässt mit meinem Kontrollzwang.

Mein Körper und ich. Wann verbringen wir schon so viel intensive Zeit miteinander. Ich bin fast ein wenig fasziniert, wie genau das alles zu spüren ist. Schlägt der Puls heftig, steigt das Fieber, ich brauche gar nicht zu messen. Schwitze ich die Bettwäsche nass, sinkt es wieder, pro halben Grad ein Liter, mindestens, ich brauche ebenfalls nicht zu messen. Das Kopfweh ist zuweilen höllisch, aber – von Zeit zu Zeit mit Aspirin aufgelockert – insgesamt erträglich, da ich auf ein baldiges Ende hoffen darf. Das gleichermaßen ekelige Halsweh ficht mich schon eher an, einer der unangenehmsten Schmerzen, aber auch das endet nach zwei Tagen. Ich lerne ein bisschen Geduld – und, ja, Dankbarkeit. Dass ich einen harmlosen Infekt haben darf. Und keine wirkliche Erkrankung. Das alles in einem warmen, kuscheligen Bett in einem trockenen Haus, mit Getränken und Medikamenten zur freien Verfügung, alles in allem Luxuskranksein. Ich habe in diesen Liegetagen viel Gelegenheit, mich dankbar, glücklich und privilegiert zu fühlen.

Mich und die Ansprache meines Körpers wichtig zu nehmen. Eines der schwersten Dinge hierbei. Schleppte ich mich doch am Donnerstag Vormittag zur Arbeit, obwohl es mir schon nicht gut ging. Fühlte mich anschließend wie erschlagen. Schleppte mich am Freitag immer noch zur Schule, nur für eine Stunde. Fiel anschließend fiebernd ins Bett. War mit den Gedanken die ganze Zeit schon beim Montag, welche Stunden ich möglichst kraftschonend gestalten könne, und wie ich zwischendurch all die Noten noch einzutragen schaffe ohne mich wieder restlos zu verausgaben, bis … ja, es dauerte ein wenig … es mir dämmerte. Dass ich nicht wirklich schulgesund bin. Dass mich jedes Aufstehen in neue Schweißausbrüche treibt. Dass es anstrengend genug war, in den drei Liegetagen mit Matschekopf doch noch all die Noten fertigzumachen, liegend mit Laptop im Bett. Dass mein Husten kaum im Zaum zu halten ist, wenn ich nicht Kodein nehme. Dass ich mich elend schwach fühle.
Also – tata – ich habe es entschieden: Ich halte morgen keinen Unterricht. Nicht leicht, mich dazu durchzuringen, ich fühle mich sofort faulenzend, zumal ich ja am Morgen erstmal in der Schule auftauchen werde, drei Nachschreiber an ihre Arbeiten setzen und meine 140 Noten eintippen werde, während parallel schon eine Kollegin oder ein Kollege aus der Bereitschaft vor meiner Klasse stehen wird, mit den von mir gestellten Aufgaben. Ui, das ist überhaupt nicht leicht. Genauso wie die Coklassenlehrerin zu versetzen, wir müssten eigentlich die Notenkonferenz für Mittwoch vorbereiten. Und für die Nachmittagsklasse fällt der Unterricht komplett aus, das geht doch nicht. Mir ist das schwer.
Denn ich werde in der Zeit einfach zu Hause liegen, wahrscheinlich nicht mal mehr im Bett, sondern auf dem Sofa, und es mir gut gehen lassen. Tee, Hustensaft, dösen, ab und zu mal einschlummern. Sicherlich fieberfrei, das fühlt sich heute schon sehr gut an. Also könnte ich doch morgen … neeeee.
Ist das schwer. Ich stelle mich an. Aber nun, ich habe mich entschieden.

Ganz schön lehrreich und heilsam, die Sache mit dem Kranksein.

 

innig

Das Fiebern hämmert und dröhnt im Kopf. Andererseits fühle ich mich, während ich den Tag im Bett verbringe und döse-träume-schlafe, in stiller Watteweichheit geborgen. Eine Innigkeit zum Hineinversenken, nur ich mit mir allein, ganz weit entfernt von der Welt, nichts außer Fallenlassen, in meinem sanft schaukelnden Bett.
Nur Musik lasse ich zu mir hinein. Diese hier, die trägt.

(Ob es mir gelungen ist, hier in der WP-App den Videolink einzufügen? Es sieht jedenfalls nicht wie gewohnt aus.)

Tagesfluss

Wenn das Aufwachen einhergeht mit dem Schreck, verschlafen zu haben, der Vergewisserung, dass dem nicht so ist, dafür aber als nächstes die Erinnerung in den Kopf springt, dass der Computer gestern abend seinen Geist aufgegeben hat, aus dem Nichts heraus, ohne Vorwarnung, mitten im laufenden Betrieb, und dass dies in der unglaublichen Enge der Notenschlusswoche (selbst schuld, könntet Ihr mir zurufen, ja, und sogar mit Recht) einer Katastrophe gleichkommt (ok, erste-Welt-Katastrophe, bin ich mir bewusst; aber das hilft mir nicht weiter), dass ich also unseren Computerzaubermenschen möglichst heute früh gleich erreichen und überzeugen muss, dass mein Fall absolut dringend ist, und überhaupt: ob das so einfach und schnell zu reparieren geht?, wenn ich versuche tief durchzuatmen und mir zu sagen, dass bis Montag 13 Uhr ja doch noch ein paar Stündchen Zeit sind und ich seit Montag immerhin schon 1,5 der 4,5 Stapel geschafft habe, wenn auch die Noteneingaben von gestern wohl erstmal futsch sind, wenn sich im selben Atemzug der Kopf meldet, mit der Erinnerung, dass da noch die Erkältungskäferchen in mir schlummern, oder eben gerade nicht schlummern sondern fröhlich treiben, autsch, schon so doll am frühen Morgen, was mich davon überzeugt, dass ich zwar nicht den Vormittagstermin, wohl aber die Konferenz am Nachmittag absagen kann, dann läge ich gegen 14 Uhr wieder im Bett, immerhin, wobei mir einfällt, dass auch der Sohn noch länger zu Hause bleiben sollte, der ist viel kränker als ich, was den Berg seiner nachzuschreibenden Klassenarbeiten auf vier erhöht, auch nicht witzig, so ein Schülerleben, wenn mir beim Schlappen in die Küche das unaufgeräumte Chaos von gestern entgegenbrüllt, dass ich hier ja wohl gerade nichts auf die Reihe bekomme, nichtmal – upps, schon nach sechs, schon wieder wecke ich die Tochter unpünktlich:( – wenn der Tag also so beginnt, dann ist er, dann ist die ganze Woche, der ganze Monatsrest nicht leicht durchzustehen. Alles fühlt sich genauso voll und endlos und durcheinander an wie dieser erste Satz.

Stopp. Schnitt. Durchatmen.

Dieser Tag, diese Zeit sollte doch zu schaffen sein.
Mantra: Eines nach dem anderen.

Tee. Aspirin. Dusche. (In dieser Reihenfolge.)
Tochter verabschieden.
Tasche für die Prüfungsstunde packen. Hustenbonbons nicht vergessen. Der Referendar bekommt sonst die Krise, wenn ich da hinten belle wie ein Ungeheuer. (Vielleicht Codeintropfen? Ich nehm sie mal mit, kann ja auf der Fahrt überlegen, ob’s angeraten wäre.)
Tschüss, Sohn, ich hab Dir noch nen Tee hingestellt. Bleib schön im Bett. (Haha:))
Nochmal probehalber Computer hochfahren. Upps: geht wieder. Wie das? Ein Wunder? Wozu diente die Aufregung dann? Um zu testen, ob ich ruhig bleibe? Ja, doch, blieb ich. Vergleichsweise. Im Unterschied zu früher, wo mich solche Unerwartetheiten, gekoppelt mit Terminandrang, in Herzrasenszustände zu versetzen vermochten. Dem war jetzt überhaupt nicht so, die Herzgegend war ruhig geblieben. Nur der Kopf raste herum, im Zirkel aus Machbar- und Schaffbarkeitsgedanken. Nun also: Entspannung, computertechnisch. Bis zum nächsten Ausfall? Kann ich der Kiste jetzt noch vertrauen? Geb‘ ich dem Computerchen soviel Macht über mich, dass ich meine innere Ruhe davon abhängig mache? Jedenfalls: schnell noch eine aktuelle Datensicherung, man weiß ja nie, und dann los.

Die Ruhe auf der Autofahrt. Nach der Aspirinladung geht’s eigentlich.
Fremde Schule betreten, zack, Smalltalk. Meine Mitprüferin mag den ebenso wenig wie ich, da muss man aufpassen, nicht gemeinsam ins Schweigen zu geraten. Fühlt sich seltsam an mit jemand Wildfremden. Aber warum eigentlich nicht? Auch sonst passt’s: am Prüfen in Fleecejacke sollt Ihr Euch erkennen:) (Ehrlich: Habe ich selten erlebt. Sehr wohltuend.)
Durchhalten, möglichst wenig in der Stunde rumhusten, Besprechung, Note, Protokoll, fertig.
Ab nach Hause.
Nicht vergessen zu telefonieren: Krankmeldung für die Konferenz.

Ich brauche jetzt mein Bett. Nur die Korrekturen, die hat noch niemand für mich erledigt. Leider. Und warum eigentlich nicht? Ich nehme sie also mit rein, in die warmen Federn, zusammen mit Ingwertee und Schokolade.
Bloß: ich kann da nicht sitzen und auch noch mit dem Rotstift arbeiten. Ständig rutscht mir der Papierstapel weg, wird der Rücken krumm, tut weh, ich bräuchte einen Betttisch, ja, das wär’s jetzt. Den gibt’s unter Pflegebedarf, guugle ich, na, so doll hat mich die Erkältung nun doch noch nicht zu Boden geworfen. Nützt für jetzt sowieso nichts. Also schlafen.
Und weiterschlafen, nachdem die Tochter aus der Schule gekommen ist und mir mittels einer heftigen Kuschelattacke mitteilt, dass sie in Latein ne 1 geschrieben hat. Dann weiterschlafen, nachdem sie mir ein Tablett mit Brotchips und Saft gebracht hat. Und später immer noch ein wenig weiterschlafen. Durchschlafen bis morgen … das wär’s.
Dem Sohn geht’s nicht anders. Er wankt ab und zu in mein Zimmer, äußert seine Verwunderung darüber, dass er den ganzen Tag schon schläft und immer noch müde ist. Tja, so ist das.

Aber: Die Korrekturen. Bäh. Ein halbes Stapelchen schaffe ich doch noch. Mit erkältungsgetrübtem Blick, wer weiß, was ich alles übersehe. Aber macht ja nichts.

Und ein bisschen Cello. Das muss so. Das gehört seit einem Monat zu einem jeden Tag:)

Ein Tee für die Nacht, eine heiße Dusche, ein wenig Sofa, schreibend, das hier, vorfreuend auf das Wochenende, und dann ins Bett. Morgen, die eine Schulstunde, die werde ich halten. Sonst muss ich 137 Dinge umorganisieren, das dauert länger als eben schnell hinzufahren und mich kurz vor den Kurs zu stellen.
Denn was der Computer gestern abend konnte – mir einfach ein „missing operating system“ vor die Nase zu knallen und sich eine Auszeit zu nehmen, das kann ich nicht. Das schaffe ich jedenfalls nicht mit dieser Konsequenz, wie er es tat. Wobei das eigentlich angeraten wäre. Mein operating system ist ja tatsächlich etwas im Funktionsumfang reduziert.
Aber jetzt erstmal: schlafen. Ja.