Alltag

Danke an ein reiches Jahr

Meine Ferien gehen ebenso wie die Raunächte dem Ende zu, und damit die stille Zeit, in der ich im gerade noch vergehenden Jahr umherstreife, mich in Gedanken und Bildern zurückversetze, durch Kalender und Tagebücher blättere und das Jahr kaleidoskopartig noch einmal zu mir zurückkehren lasse.
Unglaublich, welch Fülle und Überfülle sich vor mir ausbreitet. Ich staune.

Wie dankbar ich bin, dass ich mein prallvolles Leben – bei aller zeitlichen Enge – als unendlich weit wahrnehme. Danke, dass ich gesund bleiben durfte. Danke für meine Dankbarkeit.

Danke für meine inneren Schritte dieses Jahres, es waren nicht wenige, sie waren nicht klein …
… in mancher Hinsicht ist Gelassenheit und Versonnenheit, eine Sanftheit gar eingezogen …
… zu einigen meiner Bedürfnisse vermochte ich besser hinzuspüren, begann, mich ihrer anzunehmen …
… kleine mutige Schritte ging ich beim Ziehen meiner eigenen Grenzen …
… und der „gute Ort“ in mir, mein innerer Tempel, oder wie auch immer ich dieses Zentrum des ureigenen Friedens benenne, war mir zuweilen gut spürbar und präsent.

Danke für all die Momente, Orte und Dinge, die mir dabei geholfen zu haben, weiter zu mir zu finden …
… die kleine neue Feuerschale im Garten …
… die Wege rund um unser Dorf …
… Stifte und Papier (und Tastatur natürlich:)) …
… Bücher, Kerzen, Kamera, all das …
… zuweilen das Nichts, mit dem es sich wunderbar beieinander sitzen lässt …
… und – natürlich – mein Cello.

Ja, danke in ganz besonders tiefer Weise für mein Cello, welches sich mir in diesem Jahr geschenkt hat …
… für die Musik, die es täglich zu mir bringt und durch die ich mich und das Singen in mir auf intensivste Weise erlebe …
… für die wunderbare Lehrerin, die mich dabei sanft an die Hand nimmt …
… für all die Spiegel, all die Lebenslehren, die ich täglich durch dieses Instrument aufgezeigt bekomme …
… für die Geduld, die gefordert ist, und für die große Chance, meine eigene Musik lieben zu lernen.

Danke für überhaupt jede Musik, die mein Leben bereichert …
… für das Musizieren der Kinder – wie sehr es zu meinem Alltag gehört, spüre ich, seitdem der Sohn nicht mehr vor unseren Ohren, sondern in der Ferne übt – wie still unser Haus geworden ist …
… apropos Ferne: für seine dortige Lehrerin, die zu ihm passt wie der hiesige – was für ein Glück …
… für die Celloschritte der Tochter, die in ihren verschiedenen Ensembles immer schöner und inniger spielt …
… und besonders für die Freundschaften, die beide Kinder durch ihr gemeinsames Musikerleben mit Gleichaltrigen gewinnen.

Danke für mein Leben mit den Kindern, immer und immer wieder …
… für ihr Reifen und Wachsen vor meinen Augen, in diesem Jahr ja besonders sichtbar, als der Sohn zu seinem Italienjahr aufbrach und dort nun seine eigenen Wege sucht, in den Händen und Herzen einer wundervollen Familie gelandet …
… dafür, dass unser Band dennoch hält und trägt, auch ohne tägliche Alltagsnähe …
… für all die Erfahrungen, die auch für mich mit diesem Loslöseprozess, mit unserem Abschied von der Kindheit verbunden sind …
… für alles, was die Kinder in mein Leben hineintragen: ihre Offenheit, ihr unverstelltes Sein, ihre Empathie, ihre Kreativität, ihr Leuchten, und dazu ihre wachsende Selbstständigkeit – das alles ist alltägliches Geschenk …
… für unser Zusammenleben mit der Gasttochter, für all die bereichernden spannenden neuen Aspekte unseres Familienalltags.

Danke für Begegnungen mit Menschen, für meine Familie, für unsere Freundinnen und Freunde …
… für neue Menschen, mit denen ich in diesem Jahr Nähe gefunden habe …
… für lange Tage und Abende voller Nahrung hier an unserem Tisch oder an den Tischen befreundeter Familien …
… für kleine und große funkelnde Alltagskontakte, im Dorf, im Schulumfeld, in den Kreisen der Kinder …
… und für die eine oder andere schwierige Kommunikationssituation auch, in der ich eine Übechance hatte, das, was nicht zu mir gehört, bei der oder dem anderen zu belassen.

Danke für meine Schule, meinen Arbeitsort mit der so offenen Atmosphäre, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann …
… für all die Klassen, die mir immer wieder ans Herz wachsen, und für die täglichen Apfelbäumchen-Situationen, die dieser Beruf schenkt (und dafür, dass ich mir dessen bewusst bin, bei aller Bedrängnis, der man im Schulsystem alltäglich ausgesetzt ist) …
… für meine Schulleitung und mein Kollegium, in dem es warm und geborgen ist (und sich trotzdem nicht nach Kuschelkurs anfühlt), in dem zuweilen Ideen, Visionen und Träume reifen – und konkretisiert werden …
… für meinen Abschied vom zweiten Dienstort, inklusive innerem Frieden mit dieser Entscheidung.

Danke für mein Unterwegssein …
… für unsere große Tochterradreise nach Berlin, für meine Pfingstrunde, für all die kleineren Radwege …
… für eine riesige New-York-Reise und nicht ganz so riesige Italien- und Deutschland-Urlaube …
… für die Wege rund um mein Dorf, zu meinem Baum und um ihn herum und weiter hinauf …
… und für ruhige Ferientage hier im Haus.

Und danke für die Alltagszeiten …
… für die Versöhnlichkeit, die ich gegenüber meinen Alltagsbergen gewonnen habe, für eine sanfte Ruhe und eine Tempoverringerung in allem Viel-bleibt-viel …
… für ein wenig Umlenken des Fokus vom To-do- auf ein Done-Gefühl, welches zuweilen gelingt – und dass ich es so oft thematisiere, auch hier im Blog ja, dies ist vielleicht mein Weg, damit umzugehen, mich damit zu arrangieren, jedes Jahr ein Stückchen mehr?

Danke – nicht zuletzt – für all das, was in diesem Jahr fehlt und fehlte …
… für die Freundin, an deren Grab wir in diesem Frühjahr standen – für die Erinnerung an alles, was wir teilten …
… für Menschen, zu denen mir in diesem Jahr einen Faden zu knüpfen (wieder) nicht gelang – für die Aufgaben, die sich mir damit beim Weitergehen stellen …
… für das, was ich versäumte, was ich bereue, was ich schlicht vergaß zu tun – eine lange Liste bleibt für den weiteren Weg.

Eine Liste, ein Weg voller Aufgaben, die nur zum Teil mein aktives Zutun benötigen. Alles andere fordert zum Bereitsein auf, so wie ich schon die letzten Jahre schrieb:

Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

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im Dezember

(Offenbar ist diese Form des Monatsrückblicks nicht mehr ganz meine, wenn ich mehrere Tage lang um sie herumschleiche, letzten Monat ja auch schon, und wenn ich mich regelrecht überwinden muss, den Kalender durchzugehen, um das Geschehene zusammenzutragen. Ich bringe dieses Jahr nun trotzdem auf diese Weise zu Ende, und in einem Monat schaue ich, ob sich diese Form halten wird, sich in eine andere verwandelt oder möglicherweise verschwindet …)

 

Ruhigen Schrittes durch einen Dezember zu kommen ist eine Kunst für sich. Offenbar aber habe ich mich in den letzten Jahren ausreichend darin geübt, denn es gelingt. Jedenfalls gemessen an dem Wirbel, der ringsum tobt, gehen wir gelassen durch unsere Dezemberwochen.
*
Eine unserer langjährigen Traditionen dieses Monats, das Plätzchenbackwochenende mit der Freundin, findet erstmals ohne unsere großen Kinder statt. Dafür bauen wir mit mehreren Tochterfreundinnen zusammen seit langer Zeit wieder einmal Lebkuchenhäuser. Einige dieser Hausbausätze wandern in die Ferne, nach Italien und Slowenien beispielsweise, und kommen in Form von Fotos zu uns zurück, hach.
*
Erstmals ohne den Sohn verbringen wir auch das Weihnachtsfest, was nicht so schwer wie erwartet fällt. Am Heiligabend senden wir ein paar Fotos und Videos hin und her – sie singen dort deutsche Lieder nach Smartphonetexten mit italienischem Akzent:) – und am zweiten Feiertag skypen wir kurz, um zu sehen, dass es allen sehr gut geht und der Sohn lediglich unter den riesigen Essensmengen leidet.
Schwieriger ist es für mich allerdings in den Wochen davor, als alle unsere Pakete partout nicht in Milano ankommen wollen und das Auffinden und Abholen in Depots zur großangelegten deutsch-italienischen Familiensache wird. Hierbei spüre ich mehr als deutlich, dass doch ganz schön viel Mutterherz in den verpackten Dingen steckt, und dass es auch dem Sohn unerwartet wichtig ist, diese Dinge zu bekommen.
*
Natürlich ist es ein Monat mit viel Glühwein auf verschiedenen Weihnachtsmärkten und Freundesabenden, wir dürfen ein paar Mal durch den Schnee stapfen und gelegentlich auch durch Regenmatsch, die Menge der adventlichen Vorspiele und Weihnachtskonzerte ist drastisch reduziert, es sind – bei nur noch einem musizierenden Kind im Haus – nur drei, was ich als sehr erholsam empfinde.
*
Wir feiern staunend und begeistert die Habilitation der Freundin, besuchen mit einer anderen Freundin Frankfurt und dort eine bewegende Ausstellung, zeigen uns mit einer dritten Freundin, dass sich auch in der Vorweihnachtszeit einfach so ein Abend zum Biertrinkengehen finden lässt und verbringen überhaupt viele Abende mit anderen Menschen zusammen, um gemeinsam zu essen, zu trinken, zu reden, zu träumen.
*
Nach langer Zeit habe ich endlich wieder Cellounterricht und eine sehr innige Begegnung mit meiner Lehrerin. Es ist Geschenk, zu diesem Instrument – und zu ihr – gefunden zu haben, mein Leben ist reicher und erfüllter geworden. Auf der Rückfahrt von dieser Cellostunde weine ich im Auto vor Glück.
*
In der Schule durchlaufe ich wie viele Kolleg*innen den monatstypischen Korrekturmarathon, entsprechend schreibt die Tochter eine Klassenarbeit nach der anderen. Das erschöpft alle Seiten, und als am 22. Dezember um 11 Uhr endlich die Schule aus ist, fallen wir alle ausgelaugt in eine Art Winterschlaf, oder jedenfalls in die schönsten Ferien des Jahres, in denen es – wie immer – ein paar Schlafanzugtage zwischen den Jahren gibt (die Gasttochter wird in diese innerfamiliäre Tradition eingeweiht und trägt sie mit Fassung:)).
*
Im Tochterzimmer werden Legoberge verbaut (und zuvor sortiert – über weite Strecken von mir), von meinem Schreibtisch verschwinden für zwei Wochen sämtliche Schuldinge, so dass Platz für ein paar 1000er und 2000er Puzzle ist, die Spazierwege rund ums Dorf begrüßen uns nach teils mehrmonatiger Abwesenheit innig, und die Tage sind erfüllt von Stillephasen jeglicher Form und Farbe. Da sind Bücher und Tagebücher, Schreib- und Malstifte, Musik und Stille, Erinnerungen und Träume … und Wintersonnenwende- sowie Silvesterfeuer voller Hoffnung.
Wie intensiv und nahe bei mir ich in diesen Tagen immer bin. Wie wichtig es mir ist, dass das Jahr auf diese ruhige Weise ausklingen darf. Wie sehr ich wieder Kraft und Lebensfreude in mir finde.

 

Alltagsglück #3

Ein Tisch voller Schüsseln mit bunten Süßigkeiten. Viele kleine und größere Hände bauen mehrere Lebkuchenhäuser zusammen.

 

Still und leise ist es manchmal, das kleine Glück im Alltag. Ganz unspektakulär.

 

Rund un einem Tisch stehen sechs Mädchen und bauen vertieft an mehreren Lebkuchenhäusern.

 

Wie diese sechs Mädchen miteinander am Tisch werkeln, lachen und glucksen, sich gegenseitig wegen der Schiefheit ihrer Rohbauten aufziehen, zwischendurch aus Versehen kurz ein Schulthema anschneiden, es aber keinesfalls zu etwas Bedeutsamem werden lassen, dann wieder konzentriert weiterschöpfen, jede in ihrer eigenen Weise, wie sie sich gegenseitig bewundern, Ideen teilen und vor allem lachen, immer wieder lachen …

 

Ein Lebkuchenhand wird von einer kleinen Hand mit Gummibärchen und Eischnee verziert.

 

Und ich, ich darf aus der Küche lauschen, während ich stundenlang und ganz versonnen Klebemasse einrühre – mein rechter Arm tut noch immer weh:)

 

Ein Lebkuchenhaus mit Schornstein, mit Eischnee und Smarties beklebt.

 

Das kleine Glück steht in unserer Stube und baut Lebkuchenhäuser.

 

Fünf bunte Lebkuchenhäuser unterschiedlichsten Stils stehen auf einem Tisch aufgereiht.

 

 

Und als diese letztlich fertig stehen, da kommt es in anderen Formen, das kleine Glück.
Als gute Nachricht, dass er gesundet. (Und ich bald wieder Cellounterricht haben kann.)
Als Zusammensein mit Freunden, mit denen wir in ruhiger Vertrautheit am Tisch sitzen.
Als Fröhlichkeit der Tochter, weil sie nicht – wie so oft – einen Korb bekommt.
Als Hoffnungsschimmer, dass Sohnes Nikolaus- und Weihnachtspakete nun wohl doch noch bei ihm ankommen.
Als Lachsalve mit der Bonustochter.
Und nicht zuletzt als warme Freude darüber, dass das, was ich immer „Schneeballprinzip des Guten“ nenne, tatsächlich greift. In diesen Tagen bringt mehrmals direkt vor meinen Augen ein winziges Schneeflöckchen eine kleine oder große Lawine ins Rollen.

All dieses.
Ich jubele nicht. Ich freue mich still.

 

im November

Wenn ein Monat so dicht gepackt ist mit äußeren Aufgaben, mit inneren Prozessen, mit Unerwartetem, mit gesuchten und mit unfreiwilligen Begegnungen,
wenn der monatelange Talgang in einen vorläufigen Erschöpfungstiefpunkt mündet, an welchem es nötig – und plötzlich möglich – wird, sich zu wenden,
wenn diese Wendung in zunächst ganz bedächtigen Schritten beginnt und mehr denn je ein Eins-nach-dem-Anderen erforderlich macht,
wenn also dieses

Wenn ich stehe, dann stehe ich.
Wenn ich gehe, dann gehe ich.
Wenn ich sitze, dann sitze ich …

zum tastenden und aufbauenden Lebensprinzip wird, weil alles andere nicht mehr funktioniert,
dann haben die Tage plötzlich zwar wieder Lebbarkeit, aber doch zu wenige Stunden. Nämlich: Wenn alle täglichen Aufgaben in Ruhe getan sind, eines nach dem anderen, einschließlich dem notwendigen Schlaf, dann bleiben plötzlich Dinge liegen. Blogtexte wie zum Beispiel die Selbstverpflichtung, immer zum Monatsende ein berichtartiges Fazit für mich selbst zu ziehen.
Sicherlich aber habe ich diesen Monatstext auch deswegen so lange vor mir hergeschoben, weil ich nach einer Form des Erzählens suchte. Und nun doch spüre: Der Kern des Monatsgeschehens liegt in meinem Innern. Und zwar so tief innen, dass es für hier unerzählbar bleibt.
*
Da ich aber ein Mensch mit Vollständigkeitssyndrom bin (fragt nicht;-)), folgt nun doch noch ein wenig Bericht über die Novembertage, über meinen Fastlieblingsmonat nämlich. Unter anderem deshalb, weil ich ja ein Kind dieses Monats bin.
Dieses Jahr feiern wir in Lüneburg, wo wir noch die letzten Herbstferientage mit den Freunden verbringen. Ich schenke mir selbst Bücher über Bücher, was ja immer Welten über Welten bedeutet. Mal schauen, was mit diesen Welten für mein fünfzigstes Lebensjahr angebahnt ist.
*
Nach Hause zurückgekehrt, erwarten uns frühlingshafte Temperaturen, wir grillen und sitzen draußen – an einem vierten November! -, während bald darauf unsere Weihnachtsbäckerei beginnt. Abrupter Zeitenwechsel.
Es fühlt sich tatsächlich als Frühstart an, weil die Lebkuchenhäuser nicht nur gebacken, geschnitten und verpackt werden müssen, sondern auch noch möglichst pünktlich (u.a.) in Italien und Slowenien ankommen sollen. (Der Plan geht letztlich nicht auf, weil DPD das Advents-Nikolaus-Päckchen vertrödelt, erst auf Nachfrage wiederfindet, es – nach einer kurzen Runde über Mailand – dann aber nicht dort ausliefert, sondern zu uns zurückschickt. Wo es bis heute nicht wieder angekommen ist. Der Sohn hat also keinerlei heimatgegenständlichen Advent, worüber ich vermutlich mehr schluchze als er.)
Wir kneten also und backen, die Gasttochter wird nebenher mit den Höhepunkten deutschen Weihnachtsliedertums – *hierbekanntenOhrwurmdenken* – vertraut gemacht, und ein erster Weihnachtsmarktbesuch steht an.
*
Daneben besteht das Familienleben dieses Monats aus einigem zwischenmenschlichen Wirbeln – wir rütteln uns immer noch zurecht, so ein Zusammenleben wächst nicht in wenigen Wochen -, aus Angestrengtheit, weil wie immer in diesem Monat die Schulpensen groß sind, aus ein wenig Tochtermusik (wobei es ohne Sohn im Haus doch sehr, sehr ruhig in dieser Hinsicht geworden ist) und ein paar Kino-, Museums- und Ausflugsortsbesuchen.
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Die Schule fordert auch bei mir viel, ich lasse mehrere Berge Klassenarbeiten schreiben und befinde mich folglich tage-, nächte- und wochenendenlang in Symbiose mit meinem Rotstift.
Unsere Klassenleitungsaktivitäten sind in der Intensität, wie wir zu Schuljahresbeginn starteten, nicht aufrecht zu erhalten, stellen die Coklassenlehrerin und ich fest: wir hatten ein Tempo angeschlagen, das wir so nicht durchhalten können. Daher bleiben notwendige Dinge liegen, werden dringliche Situationen zunächst aufgeschoben, weil wir nicht mehr können. Es ist schwer, dies einsehen zu müssen. Im Grunde hätten wir Arbeit für mindestens fünf weitere Kolleg*innen, und wir haben nur vier Hände. Mal wieder möchten wir gern zaubern können.
*
Und um nicht mit dieser entmutigten Passage zu enden, setze ich noch ein wenig Musik hierher. Musik, die trägt, in diesem Monat mehr denn je, fanden sich doch Tage, an denen ich meine eigenen Töne plötzlich als Wohlklang erlebte. Wie durch Umlegen eines Schalters.
Und nun übe ich mich unter anderem an diesem hier …

im Oktober

Was für ein schnellverflossener Monat dies war. An seinem letzten Tag sitze ich in der Wohnung von eigentlich fremden Menschen, Freunden von Freunden, die uns ihren Lebensraum ausgeliehen haben, einfach so – welche Herzmenschen! – und suche in meiner Erinnerung, was der Monat an Konkretem mit sich brachte. Mein Kopf ist leer und erschöpft, und ich nehme den Kalender zu Hilfe. Viele, viele Eintragungen finde ich.
*
Wir sind unterwegs. Zum Monatsbeginn in Thüringen, Erfurt, Weimar, Eisenach. Zur Monatsmitte mit ihrer fastsommerlichen Wärme auf dem Rad: Touren in die nähere Umgebung, gemeinsam oder allein. Zum Monatsende im Norden bei den Patenkindsfreunden, die wir so oft schon im Herbst besucht haben. Lüneburg, Hamburg, die Heide, die Elbe.
Zu unseren eigenen Reisen kommen italienische Bilder: Sohneswege rund um seinen neuen Wohnort, per Instagram und WhatsApp geteilt, lassen uns immer ein wenig mitreisen. Ans ligurische Meer, in die Dolomiten, in die Umgebung Mailands.
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Dem Sohn geht es wohl gut, er scheint sich einzuleben, die Kontakte werden spärlicher, was wir als stimmiges Zeichen seiner allmählichen Ankunft im neuen Lebensraum lesen.
Die Gasttochter durchläuft vor unseren Augen ähnliches, sie geht Schritt für Schritt in ihr neues Leben, wir reichen ab und zu die Hand und bekommen dabei einen Spiegel. Was wir nicht alles für selbstverständlich gehalten hatten. Mit jedem neuen nahen Menschen erweitert sich der eigene Horizont.
Zwischen diesen beiden „großen“ Kindern beginnt die Tochter ihre neue Rolle zu suchen. Ihr Tonfall wird pubertierender, Tränen bleiben nicht aus, und ab und zu knallen Türen. Wir sind dabei, uns neu zurechtzurütteln.
*
Meine Schulzeiten sind heftige. Als hätte die Situation meiner Klasse nur darauf gewartet, dass ich meinen zweiten Dienstort verlasse, fordert sie alles. Wir verbringen Nachmittag um Nachmittag mit Eltern- und Schülergesprächen, erreichen augenscheinlich nicht sehr viel, drehen uns mit unseren Ideen im Kreis, bekommen aber immerhin von KollegInnen und vor allem der Schulleitung den inoffiziellen Titel „Lehrerinnen des Monats“ verliehen, und zwar ganz ernsthaft. Ob unser Einsatz den betroffenen Kindern helfen wird, werden wir sehen. Im Moment sind unsere Kräfte und Ideen erschöpft, wir müssen einsehen, nicht zaubern zu können.
Gemessen an diesem Trubel unterrichtet es sich in meinen sonstigen Klassen – den ganz großen, den ganz kleinen, und sogar in den 8. – Physik am Nachmittag – wie im Müttergenesungswerk.
*
Nun lese ich gerade noch einmal meinen vorherigen Monatsrückblick. „Mehr Musik“ hatte ich mir da gewünscht. Auf dem Cello gab es die. Nicht so viel wie vor den Sommerferien übe ich, dafür aber mit einigem spürbarem Fortschritt in der Bogenhand. Es musiziert sich leichter und leichter. Ich beginne den Klang zu formen, wo in den ersten Monaten auf dem Instrument noch der Eindruck vorherrschte, ich sei meinen eigenen – groben – Bewegungen und ihren unwillkürlichen Folgen ausgeliefert. Was für ein wundersames Gefühl, es ist kaum zu glauben.
Wie oft in den vergangenen Monaten hat mir dieses Instrument Augen geöffnet und Wege gezeigt. Ich wünschte, hierbei wäre es ebenso. Den Klang meiner Lebensmelodie gestalten zu können – was für eine Sehnsucht dieser Tage.

im September

Es floss und fließt nicht so sehr mit dem Schreiben in diesem Monat, meine Worte sind schwer und zäh und unbeholfen. Das Leben strömt(e) dafür umso intensiver. Was für ein Umbruch in meinem, in unserem Alltag!
Jetzt, da ich hier schreibend sitze, wird mir dies so richtig bewusst. Erstaunlich, dass unsere (All)Tage dennoch so normal, so unspektakulär ablaufen.
*
Der Sohn wird am ersten Monatstag 16, und eine Woche später fliegt er nach Italien. Wenn er in einem Jahr zurückkehren und – hoffentlich – nochmals für knapp zwei Jährchen unter unserem Dach einziehen wird, ist er (fast)erwachsen.
Seinen Abschied von der Kindheit gestaltet er radikal: fast alle seine Sachen sortiert er für immer aus, das Zimmer tritt er an die Schwester ab, und seine Umarmungen am Flughafen sind erwachsener denn je.
Mich schütteln vor allem die Tage vor dem Abflug durch und durch, mir wird dieser große Schritt sehr bewusst.
Seit er aber weg ist, besänftigt sich alles in mir. Wir finden einen Modus von äußerlich karger, aber dafür sehr selbstverständlicher Begegnung über die verschiedenen digitalen Kommunikationskanäle. Alles was ich von ihm höre, klingt beruhigend und herzerwärmend. Er wächst, er reift, er wird groß, ja er ist es schon.
Sehnsucht, Vermissen und hin und wieder ein Tränchen im Augenwinkel fühlen sich gesund und befriedet an – was für ein Schritt für uns alle!
*
Die Schwester vermisst ihn ebenso, sie zuckt manchmal mitten am Tag zusammen und erinnert daran, was er jetzt gerade gesagt, getan, gespielt oder genervt hätte. In ihrem neuen Zimmer schläft sie nun täglich dort ein, wo er es vorher tat – nur sieht alles viel mädchenhafter und – ja! – auch ein wenig wohnlicher aus:)
In der Schule ist sie stolze Siebtklässlerin, was leider auch vier Unterrichtsnachmittage mit sich bringt. Alle Musiktermine müssen daraufhin verschoben werden, sie aber trägt ihre immer vollere Woche mit Fassung und geht einen weiteren Schritt in die Selbstständigkeit: Von nun an fährt sie allein mit ihrem großen Cellokasten auf dem Rücken in die Stadt.
*
Geschwisterlos wollte die Tochter in diesem Jahr nicht bleiben, und so haben wir gemeinsam beschlossen, eine Gastschwester bei uns aufzunehmen. Kaum 24 Stunden vergehen zwischen Sohnes Abflug und Gasttochters Ankunft, wir richten blitzschnell einen Raum in unserem Haus und vor allem in unseren Herzen für sie – und allmählich gewöhne ich mich daran, von „den Mädchen“, ja, von „den Töchtern“ zu sprechen.
Wir finden gut zusammen, es fühlt sich vom ersten Tag an warm und stimmig an, und das mit der Sprache – das wird schon noch werden.
*
Trotz noch sehr schüchternem Deutsch ist es im Haus gesprächiger und vor allem kichernder geworden, wir kommunizieren in einer Mischung aus deutsch, englisch und Händen&Füßen. Auf diversen Couchtischen liegen Deutsch-, Italienisch- und Slowenisch-Wörter- und Lehrbücher herum. Im nächsten Sommer möchte ich mich schließlich mit den Gasttochtereltern und den Sohnesgasteltern wenigstens radebrechend in ihrer Sprache austauschen können.
Auch über die Sprachen hinaus wird das Leben im Haus sehr bunt. Wenn wir nicht gerade Ämter- und Organisationsdinge klären – wie dick der abzuarbeitende Ordner ist! – oder der neuen Tochter bei ihren ersten Schritten in Schule und Gleichaltrigenkreisen helfen, versuchen wir die letzten Spätsommeratemzüge auszunutzen. Per Rad und zu Fuß in die Umgebung, mit der S-Bahn in die nahen Städte und für das lange Wochenende zum Monatsende bis nach Thüringen – es ist ein Unterwegsmonat.
*
Fast nebenbei beginnt das neue Schuljahr. So sehr wie ich zu Haus beschäftigt bin, greife ich diesmal dankbar auf meine Vorbereitungsvorräte zurück. Es ist ohnehin schon viel, wie immer. Konferenzen über Konferenzen, Hineinfinden, Wiedererschaffen der Routinen, Absprachen, Planungsaktivitäten, Warmlaufen auf allen Ebenen.
Trotz Trubel schaffe ich es, ohne Kopfschmerzen durch die ersten Wochen zu kommen. Dies kommt einem Wunder gleich und ist für mich ein Novum.
Insgesamt aber, bei allen kraftzehrenden Aktivitäten, ist und bleibt der Schuljahresanfang eine positiv aufregende Zeit. All meine Klassen wiederzusehen, mit den Kollegen wiederzusammenzufinden, das lachendfrohe Leben im Schulhaus wieder um mich zu haben – hach. Es ist schon ein Glück, eine solche Arbeit zu haben.
*
Und während sich das Wirbeln des Neuanfangs auf allen Ebenen zu setzen beginnt, während der Kopf zwischen dem Rauschen wieder Momente des Innehaltens findet, während sich meine Schritte endlich wieder auf die Felder rings um unser Dorf und zu meinem Baum setzen, erwacht auch die Musik in mir zu neuem Leben.
Lange habe ich nicht mehr Cello gespielt, das merke ich meinen Händen und Armen an. Dennoch läuft es irgendwann, fließt und gleitet es über die Saiten. Zum Monatsende habe ich meine erste Unterrichtsstunde seit Ewigkeiten und – tata! – darf mit einer Sonate beginnen, die schon der Sohn am Klavier begleitet und welche die Tochter aufgeführt hat. Ohrwurmmusik, sozusagen.
Hier wird sie – was für ein Zufall – von einer Nichte meiner Cellolehrerin gespielt:

Für den nächsten Monat wünsche ich mir wieder mehr Musik. Ob auf dem Cello oder nur im Innern – dies ist schon fast egal.

Emotionen-To-do-Gedränge

Ausgelaugt – an jedem einzelnen Abend der Woche, der vorigen Woche, all der Tage, seitdem die Schule wieder begonnen hat.

Jetzt – den Schrank reparieren. Bevor er umkracht und eines der Kinder unter sich begräbt.

Beglückt – als ich mir mitten am vollen Schultag einen zehnminütigen Gang durch das Grün des Schulhofs schenke und einfach durchatme.

Jetzt – in die Bücherei hetzen, Gebühren drohen. Und sowieso braucht die Gasttochter so schnell wie möglich Material zum Deutschlernen.

Hilflos – als sie nun alle wieder vor uns stehen, die Kinder mit ihren schwerbeladenen Rucksäcken, von denen ich nicht weiß, ob ich sie zu tragen im Stande wäre.

Jetzt – die Steuererklärung. Ich schaffe es mal wieder nicht pünktlich und sehe die Mahnung schon ins Haus flattern.

Aufgedreht – da nach den Ferien alle und alles wieder gleichzeitig auf mich einstürmt.

Jetzt – endlich einen Riesenkarton für das Sohnpaket nach Milano besorgen. Er wartet sehnsüchtig auf seine Noten.

Ergriffen – in welch vertrauter Zweisamkeit die beiden Töchter vom ersten Tag an zusammen kichern und glucksen.

Jetzt – schnell neue Sitzpläne zusammenstellen. So wie in der ersten Stunde kann ich die nicht sitzen lassen.

Traurig, immer wieder – er ist jetzt eben weg. Er fehlt. Und seine Musik. Heute dacht’ich kurz, er käme mir auf der Dorfstraße entgegen. Aber nein, er ist ja weg.

Jetzt – mit der Tochter neue Sportschuhe kaufen. Die gehen über die Sommerferien ja immer ein.

Glücklich – endlich wieder täglich meine Klassen zu sehen. Zu spüren, wie sehr sie in den Ferien gewachsen sind. Und vor meinen Augen weiterwachsen, immer weiter.

Jetzt – schnell die Verbundtickets bestellen. Damit der Termin für Oktober nicht wieder verstrichen ist. Und drölfzig Einzelfahrscheine für vorher. (Mist, hätt’ich mich nur eher gekümmert.)

Zuversichtlich – dass die Loslassenstraurigkeit mich keinesweg zernagen wird, sondern – ganz im Gegenteil – der Sohn mir aus der Ferne sogar noch viel näher ist.

Jetzt – mit der Gasttochter zum Einwohnermeldeamt. Und dies Papier ausfüllen. Und jenes. Da hinten auch noch eines. Hier noch eine Onlinemeldung. Ihr Leitzordner ist dick.

Unruhig – weil die Menge an eiligen To-do-Dingen über den Rand meines Gelassenheitsgefäßes schwappt. Das geht so nicht weiter. Jedenfalls nicht ewig. Ahne ich.

Jetzt – mich in die Musikunterrichtstermingefechte werfen. Neuer Stundenplan, zack, keiner der vier Termine passt mehr.

Fasziniert – wie die strahlenden Augen der Gasttochter vom ersten Tag an das Haus erfüllen.

Jetzt – dem Sohn die Schulbücher ausleihen und einpacken. Wo er sie doch plötzlich und dringend zu haben wünscht.

Unter Druck – weil alles am besten gestern fertig gewesen sein sollte. Ich bin mit allem zu spät.

Jetzt – den Fahrradkorb wieder aufs Tochterrad montieren. Bevor der Ranzen sie noch runterzieht.

Beruhigt – wie gut es dem Sohn in der Ferne geht, wie warmherzig er empfangen wurde, wie selbstständig er alle seine Schritte dort setzt.

Jetzt – mit den Kollegen die Themenreihenfolge abstimmen. Schnell, bevor wir uns erstmal in verschiedene Inhalte hineinunterrichtet haben.

Lethargisch – wenn diese unendlich nervigen Organisationsdinge mich überfluten und gar nicht weniger werden.

Jetzt – die erste Elternmail des Jahres schreiben. Dringend. Bevor es wieder so weitergeht wie letztes Jahr.

Einsam – weil sein Klavierspiel im Haus fehlt. Da ist viel zu viel von der äußeren Stille.

Jetzt – Klassenlisten und Verwaltungsdateien noch und noch erstellen. Schnell, bevor ich hinterher ewig viel nachtragen muss.

Gebannt – während ich mich selbst und unser verändertes Familiengefüge beobachte, in so manchen Spiegel blicke und ein Zurechtrütteln wahrnehme, in dem auch wir von alteingesessenen Positionen abrücken.

Jetzt – die Elterninformation für die Lernstandserhebung und die Testmappen ausdrucken.

Selig – da mir die innere Ruhe selbst in diesen Tagen nicht völlig abhanden kommt, mein (sonst üblicher) Schulanfangskopfschmerz ausbleibt und sogar der Chef mich darauf anspricht:)

Jetzt – die Sache mit dem Deutschkurs organisieren. Bevor wir uns hier alle noch ans Englisch im Haus gewöhnen.

Sorgenvoll – wie ich, und sie, und er, und wir alle die Kraft für all das finden sollen, immer wieder.

Jetzt – mich ins elektronische Klassenbuchsystem einarbeiten. Dringend. Umgehend.

Niedergeschlagen – da mir die Verbindung in mein Innen kaum mehr spürbar ist, in diesen Tagen, diesen Zeiten.

Jetzt – durch die Klassen gehen und die Wettbewerbsaufgaben verteilen. Einem Dutzend Schülern ihre Fragen beantworten. Also doch einen Extratermin festlegen.

Wehmütig – so viele Fäden im Moment lose flattern lassen zu müssen, und sie manchmal nicht einmal mehr zu spüren …

Mir ist schwindlig.
Ein Blick in meine derzeitigen Tage. Garantiert unvollständig. Und eingebettet ins ganz normale Unterrichten, in Vorbereitung und Konferenzen, in die üblichen Schuljahresstartaktivitäten, in Alltagshaushalt und Unterwegssein mit der neuen Tochter, in all die Schritte eines Anfangs auf allen Seiten. Eine andauernde Zerrissenheit zwischen allem. To-do-Overflow und Gefühlsgedränge. Für nichts ist genug Raum.

Wie lange das wohl durchzuhalten ist?
(Erstmals seit Jahren wache ich nachts auf. Da sind keine sorgevollen Gedanken, keine schlimmen Träume. Aber eben: ich wache auf. Weil der Kopf selbst im Schlaf noch am Organisieren und Durchdenken ist.)

Wo also ist der Hebel, der umzulegen ist???

im August

Ein weiter Bogen spannt sich über meinen Monat – von einer Reise in die Ruhe zu einer Reise in die Bewegung, von begegnungsvollen Tagen zu ganz allein verbrachten. Wie immer gibt es in diesem Monat keine Rubrik „Schule“, und wie immer backen wir am letzten Tag des Augusts einen Kuchen.
*
Die ersten Tage sind wir noch immer im vertrauten Italien, am Lago di Levico. Eine Reise über mehrere Tage am gleichen Ort, ohne „Programm“ – auch weil wir oft dort sind und nichts mehr anschauen „müssen“ -, mit der täglichen und stündlichen Entscheidung, ob lieber See oder lieber Bergwandern, ob lieber Buch oder lieber Kartenspielen, ob im See baden oder drumherum spazieren, oder ob einfach nur Dösen und Sinnen im Angesicht des wunderbaren Wassers: solch eine Ruhe finde ich sonst selten. Das Schuljahr in seiner Intensität darf ausschwingen. Und doch ertappe ich mich auch hier: Ich will immer zu viel. Zu viel lesen, zu viel schreiben, zu viel mit den Kindern sein … es gibt noch viel zu üben.
*
Die zweite Reise führt auf’s Rad bzw. mittels diesem nach Berlin. So erreicht nun auch die Tochter dieses Ziel erstmals radelnd, ebenfalls mit 11 wie damals der Bruder.
Wir verbringen eine intensive gemeinsame Zeit, und ich habe viel Gelegenheit, über die Tochter zu staunen. Wie groß sie schon ist, wie stark, wie ausdauernd, wie unspektakulär sie die Dinge durchzieht. Und auch: wie sehr sie – natürlich – noch Kind ist. Unbeobachtet von der coolheitfordernden Peergroup springt sie auf jeden Spielplatz am Wegesrand. Als ich ihr sage, dass alle ihre Freundinnen genau dies in den Ferien auch tun, grinst sie verstehend.
Insgesamt aber tut sich das radelnde Fließen diesmal etwas schwer, zu uns zu finden. Gleich in der ersten Zeltnacht bricht der große Regen aus und bleibt drei Tage, wir strampeln in Ganzkörperregenmontur Kilometer um Kilometer und übernachten so lange unter festen und warmen Dächern. Das Tochterrad hat wohl mit fünf Jahren eine magische Altersgrenze überschritten und schwächelt; mehrere Radläden am Wegesrand sowie das Flickzeug helfen ihm auf die Sprünge. Die Wegfindungsapp schickt uns einige Male querfeldein, dies war zwar auf jeder Reise so, aber selten so heftig wie diesmal. Es ist schwer, dies alles nicht als Zeichen zu lesen …
Letztlich gelingt es, ein gesunder Fahrtrhythmus findet sich, wir gelangen zu wunderbaren Orten im Außen wie im Innen und letztlich nach Berlin.
*
Zwischen den beiden Reisen herrscht Großfamilienwirbeln in unserem Haus, insgesamt wird es durch 8 Erwachsene und 11 Kinder belebt, wie ein kleines Ferienlager:)
Wärmste Begegnungen haben wir auch auf der Radreise – danke! – und in Berlin. Es ist eine reiche, intensive Zeit.
*
Umso wichtiger ist mir der Ausblick auf eine kurze Ganz-Allein-Zeit am Ende des Monats. Während der Sohn in der Nähe seines baldigen Lebensortes eine Klavierlehrerin trifft, kennenlernt und letztlich zu ihr findet – was ihn und uns erleichtert, war doch dieser essentielle Lebensbereich für das nächste Jahr bislang noch im Diffusen – verbringe ich drei Tage ganz allein mit mir. In jedem Moment fühlen und entscheiden, wonach mir gerade ist, was ich tue, was ich lasse, ob ich sitze, ob ich gehe, ob ich zuhöre oder die Ohren verschließe, ob ich mich umschaue oder ins Innen gehe – das erdet, besänftigt, bringt mich zu mir zurück.
Einige Texte fließen auf’s Papier, endlich wieder. Aus dem Cello beginnt wieder Musik zu klingen. Musik, wo vorher keine zu hören war, Gewachsenes, wo vorher Brache zu sein schien, Sprudeln, wo alles fast schon am Verdorren war – am Cello begreife ich im Wortsinne die Bedeutung von Ruhepausen.
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Am letzten Monatstag ist das Haus wieder belebt, ein Fast-schon-Alltags-Wirbeln hält Einzug. Weniger Schulvorbereitungen sind es – da werde ich dieses Jahr auf meine Routine zurückgreifen – als vielmehr die Vorbereitung der Sohnesabreise nach Italien. Die Kinderzimmer sollen getauscht werden, eine Art räumliches Tetris oder „Türme von Hanoi“ ohne dritten Turm. Die To-do-Liste des Sohnes ist zur Hälfte abgearbeitet, aber eben erst zur Hälfte. Wir sind also für die restliche Ferienwoche alle gut beschäftigt.
Zunächst aber wird am Abend des 31., wie gesagt, ein Kuchen gebacken und themenstimmig dekoriert. Die Tochter hat das Zepter in der Hand, organisiert und strukturiert den Dekorationsprozess und stellt am ersten Septembermorgen ihrem Bruder diesen Geburtstagskuchen auf den Tisch:

 

 

 

(Die Kerzenfarbenwahl ist nicht ganz stimmig. Denn natürlich planen wir nicht langfristig und müssen bei spontanen Ideen stets auf alte Vorräte in der Geburtstagskiste zurückgreifen. Als der Sohn aber am Morgen nach einer Erklärung der blau-rosa Farbreihe fragt, grinse ich: „Weil vielleicht neben Italien das Jungs-Mädchen-Ding ein Thema im 17. Lebensjahr sein könnte;-)?“ – „Orrr, Mama!“
Sein „Orrr, Mama!“ wird mir sehr fehlen.)

im Juli

Wie seltsam, und wie schwierig auch, über einen Monat zu schreiben, dessen Großteil aus Schulischem bestand und der darüber in gehetzter Atmosphäre vorbeiflog, während ich nun bereits den sechsten Tag am erholsamen Bergsee sitze, die Seele und die Beine im angenehm warmen Wasser baumeln lasse, schon fast die Lektüre des dritten Buchs beende und auch in jeder anderen Hinsicht erholter bin als ich es wohl je nach so wenigen Ferientagen war.
Dies also ist der krönende Abschluss des Juli: Dass wir am gemächlichen Lago di Levico in den Tag hinein leben, uns täglich zwischen Wasser und Bergen treiben lassen, Bücher und italienisches Essen verschlingen und also alles gut ist.
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Das Schuljahresende zuvor ist hart und schwer durchzustehen, zum Ende liegen nach einer langen Hitzezeit Geduld und Nerven von Lehrer- und Schülerschaft blank, sogar ich kann mich und meinen Kurs irgendwann nicht mehr vom Eisessengehen abhalten – wo ich doch sonst eine bin, die bis zur letzten Stunde Unterricht durchzieht.
Wie jedes Jahr gehen mir die Notenkonferenzen nahe, hier wird immer am offensichtlichsten, wie viele Schüler es bei uns schwer haben, manche zu schwer, um es zu schaffen – hier schrieb ich darüber. Elterntelefonate und viele Gespräche schließen sich an, und es bleibt die Hoffnung, dass für manche Kinder ein guter, ein besserer Weg gefunden werden kann als der an unserer Schule und Schulart.
Gleichzeitig wird es mit meinem Abschied vom zweiten Dienstort Ernst, das war ja lang vorher klar und entschieden, aber nun fühlt es sich doch als Schritt mit lachendem und weinendem Auge an. Ich bekomme einen unerwartet warmherzigen Abschied und von einigen Menschen das Geschenk sehr naher und nahegehender Worte.
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Der Sohn rückt seinem Abflug nach Italien immer näher, in der Schule ist etliches abzusprechen für seine Wiederkehr, gleichzeitig melden wir unsere Gasttochter dort an. Die To-do-Liste für das abfahrende Kind nimmt eine mehrspaltig gefüllte DIN-A4-Seite ein, und mit jedem durchgestrichenen Punkt ist ein Stück von ihm weg. Mir geht das nahe und viel zu schnell.
Beide Kinder beenden das Schuljahr mit wunderbaren Zeugnissen und zuvor mit etlichen Vorspielen, wie immer, möchte ich fast sagen. Und doch ist es nie „wie immer“. Jedesmal überraschen sie uns durch unglaublich berührende Musik, von der ich wie immer behaupten möchte, dass sie nie zu Hause geübt worden ist, und schon gar nicht sooo. Das Streichquartett der Tochter spielt Mozart- und Mendelssohn-Sätze mit einem Ausdruck, den man den kleinen Mädchen kaum zutraut, und der Sohn verabschiedet sich zunächst von seiner Klavierklasse mit dieser Chopin-Ballade, die nicht nur mich in Gänsehaut-Berührtheit versetzt.
Und nebenher streiche und streiche ich auf meinem Cello, fast täglich, es gelingt immer besser. Als ich es schließlich für die Sommerpause weglegen muss, fühlt es sich sehr wehmütig an.
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Das Sommerwetter schenkt Gartentage und -abende. Freunde besuchen uns, wir sitzen mit und ohne Feuer, immer aber essend und trinkend beieinander. Und in der Ferne ertönen schon die Mähdrescher. Wenn wir nach den Ferien zurückgekehrt sein werden, wird der Sommer zu Ende gegangen sein. Manchmal tut er dies ja schon während der Sommerferien. Nun aber genießen wir diese erstmal …

12 von 12 im Juli

 

 

 

Es regnet, mein morgendlicher Gang durch den Garten erschöpft sich im Stehen unter dem Terrassendach, aber ich fühle mich unverdrossen wohl im morgenfrischen Grün. Nur dass ich den Kaffee heute nicht draußen trinke. Wir, der Kaffee und ich, wandern wieder hinein, aufs Lesesofa.

 

 

 

Ganz zufällig stieß ich in den letzten Tagen durch ein Kommentargespräch in einem Lieblingsblog auf meine kurze Philosophiestudien-Vergangenheit, Erinnerungen aus den 90ern werden wach, mich packt es wieder. Und so sitze ich morgens vor sechs Uhr in meiner Leseecke und blättere mich durch Wittgenstein.

 

 

 

Weil es unverdrossen regnet, genaugenommen schüttet, fahren die Tochter und ich mit dem Auto zur Schule. Muss ich wenigstens die Fahrradtasche nicht zuwürgen, das wäre heute knapp geworden. Die Tochter fragt, was ich mit so vielen Taschentüchern will. Ich versuche sie’s erraten zu lassen – na, was habt Ihr in der 5. am Ende des Schuljahres gehabt? – aber sie war anscheinend in der 5. in Mathe nie anwensend. Jedenfalls hat sie keinen blassen Schimmer und tut äußerst überrascht, als ich mit Wörtern wie Oberflächeninhalt und Quader um mich werfe. Vielleicht ist es ihr auch einfach noch zu früh. Dann soll sie halt nicht fragen;-)

 

 

 

Morgendliche Schultafeln sind so schön leer, nee, Quatsch. Sie sollten es sein. Aber wie das so ist. Das Wischen und Abziehen hat jedenfalls was Meditatives.

 

 

 

Dann kann es losgehen. Quader und Oberflächen halt.

 

 

 

Und weil ich ja im Unterricht schlecht fotografieren kann, gibt’s das nächste Bild erst von dem Moment, wo die einen Schäfchen schon weg und die anderen noch nicht da sind.
Ahhh, Ruhe.

 

 

 

Der Kurs kommt, der Kurs hat keine Lust mehr. Nichts Neues, auch an diesem Mittwoch nicht. Wir strampeln uns durch Abstände windschiefer Geraden und sind ansonsten friedlich miteinander.

 

 

 

Stundenende, große Pause. Ich habe Hofaufsicht, genau vor dem Fenster. Dort erscheint aber niemand, denn es schüttet gerade wieder los, die Regenklingel ertönt, bäh. Drinnenaufsicht in ner Regenpause ist anstrengend, weil es eng und und höllelaut ist. Stadionatmosphäre, und das ganz ohne Eintrittskarte.

Unterrichtsschluss, ich trage meine 150 Noten am Verwaltungscomputer ein. Bzw. möchte es tun. Für einen Teil davon fehlt mir aber mein Passwort, der Zettel liegt nicht in meinem Fach, auch in keinem Nachbarfach, der zuständige Kollege ist mit den 10ern in Berlin, und auch sonst findet niemand eine Lösung für die Passwortfrage. Also dann eben nicht. Wenigstens die Mitarbeits- und Verhaltensnoten mache ich fertig – Papierlisten brauchen keine Passwörter – , und die verbalen Bemerkungen verschiebe ich auf später.

 

 

 

Denn zu Hause wartet das Mittagessen. Wie gut.
Ausnahmsweise sind beide Kinder da. Wir starren alle völlig fassungslos auf den Kalender, niemand von uns hat heute noch irgendeinen Termin. Das gab es das letzte Mal vor gefühlt zehn Jahren. Wir fühlen uns auch ganz unbehaglich dabei und argwöhnen bis zum Abend, dass wir sicher irgendwas vergessen haben.

 

 

 

Danach drucke ich alles aus, was ich heute nicht eingeben konnte, das sollte dann wohl morgen als Papierliste zur Schulleitung.

 

 

 

Irgendwann am Spätnachmittag überkommt mich Arbeitsmüdigkeit. Zeit fürs Cello. Mein Lieblingssatz …

Es bleiben Abendessen, Telefonieren, mit einer Freundin an der Haustür schwätzen, Wäsche, Kinderzeugs und ein paar Schreibtischdinge.

 

 

 

Bis sich der – mittlerweile wieder blaue – Himmel über’m Haus abendlich dunkel färbt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

WmDedgT 07/17

Heute ist Abischerz, fällt mir als erstes ein, als der Wecker klingelt. Sofort senkt sich meine Laune, diesen Tag bräuchte ich nicht. Seit Jahren nichts Neues, die Schule ist verbarrikadiert, es wird auf dem Schulhof herumgejagt, mit irgendwas geworfen, und mittags gibt’s ein Fußballturnier Schüler gegen Lehrer. Mehr Idee war oft nicht. Na mal schauen.

Noch ist etwas Zeit. Ich schreibe am Post zu meinen Urlaubsbildern, die Stimmung der damaligen Radreisetage schwebt im Raum, sie ist gar nicht so unpassend zur gegenwärtigen, es läuft nicht leicht und rund derzeit, innerlich nicht, äußerlich nicht. So sitze ich inmitten von Morgensonne und erwachenden Vögeln und schreibe von grauen Glocken.
Um sechs wollen wie immer die Kinder geweckt werden, danach steige ich vom Schreiben aufs Lesen um, und irgendwann ist Aufstehen-Duschen-Broteschmieren, die übliche Morgenprozedur, dann wie immer unser leicht hektischer Aufbruch. Weil ich nicht möchte, dass mein Auto oder mein Fahrrad in Schulnähe geteert und gefedert wird – da gab es schon so manches – lasse ich mich heute von einem Fremdauto mitnehmen und vor der Schule absetzen.

Aha, mit Stroh wird dieses Jahr geworfen. (Später am Tag werden sich etliche Kinder abholen lassen müssen, weil sie nassgespritzt und von oben bis unten strohbekrümelt verständlicherweise keine weiteren Stunden in der Schule aushalten können.) Ansonsten wirkt es harmlos, ich gehe schonmal durch den Hintereingang ins Schulhaus hinein. Bevor die Schülerschaft die unteren Barrikaden überwunden hat, sollten wir oben das unfallträchtig gestapelte Mobiliar geräumt haben.
Tische, Stühle – und leider auch privatere Gegenstände – des gesamten Schulhauses sind im zweiten Stock aufgetürmt, stellenweise bis unter die Decke. Um einen Anfang zu finden – alles ist ineinander verkeilt -, müssen wir erstmal eine Weile auf und zwischen Tisch- und Stühletürmen herumklettern sowie einen Zugang von hinten über die Feuerleiter schaffen, das Aufgabenfeld unseres Berufes ist halt vielfältig:)
Mit uns klettert unser Chef persönlich, mit seinen zwei Metern Körpergröße kann er eh viel besser als ich und die meisten die Klopapier“verzierungen“ an den Decken und die weiter oben verhakten Gegenstände entfernen. Wir werkeln also gemeinsam in luftiger Höhe und machen uns dann an das Entkeilen des Mobiliars, immer von außen nach innen, eine Art 3D-Tetris rückwärts.
Irgendwann stoßen die ersten älteren Schüler dazu, die den Treppenparcours überwunden haben, die dürfen gleich mitmachen, und von da ab geht es schnell. Als die wilden 5. und 6. Klassen nach oben kommen, gibt es schon keine Klettermöglichkeiten mehr, puh, Unfälle braucht ja kein Mensch.
Während das Strohwurffest auf dem Hof in Auflösung begriffen ist und die Kleinen nach und nach eintrudeln, bespreche ich noch schnell mit der Kollegin von gegenüber das Drängende, welches ich beim gestrigen Spätabendtelefonat erfahren habe. Wie es dem H. geht, wie wir ihm helfen könnten. Und an welchen Stellen uns die Hände gebunden sind. Es tut so weh sich in das Kind hineinzuversetzen …

Jedenfalls: gegen 9 Uhr sind sämtliche Gegenstände wieder in die Klassen geräumt, meine kleinen 5er sitzen verschwitzt und aufgeregt vor mir – es war ja ihr erster Abischerz – und sind dann enttäuscht, als ich noch ein wenig Unterricht mache. Vielleicht bin ich unlocker, aber nach dieser Räumaktion tut es mir einfach gut, dass alle geordnet – und gesund! – vor mir sitzen, keiner mehr wirft und tobt, und alle mit nem Stift in der Hand an ihren ganzen Zahlen herumrechnen.

Auch mein Kurs scheint über die Tatsache, dass ich einfach das Thema an die Tafel schreibe und offenbar eine ganz normale Unterrichtsstunde beginnt, enttäuscht zu sein. Aber das sind sie schon seit Wochen.  Klar, alle sind schuljahresenderschöpft. Aber wir können schließlich nicht vier Wochen lang „Film schauen“.
Also Geometrie, wir berechnen diverse Abstände, ich habe ihnen für heute ein bunt gemischtes Übungsprogramm zusammengestellt, das kann man jederzeit unterbrechen. Wer weiß, ob nicht zwischendurch noch lustige Einlagen der Abiturienten kommen. Es erscheint aber nix und niemand, keine Quiz- oder Schokoladenablenkung kommt des Wegs, naja, die sind wohl alle beschäftigt, das Stroh auf dem Schulhof aufzuräumen:)

Nach der Stunde verabschiedet sich der finnische Gastschüler – ach mönsch, das tut ja immer ein wenig weh. (Jetzt in einem Jahr etwa wird sich der Sohn in seiner italienischen Schule verabschieden …)
In der Pause steht eine Besprechung mit den Sportkollegen an, die letzten beiden Schultage sind dieses Jahr Sporttage, wir 5er-Lehrer dürfen an diesen Tagen unsere Kleinen begleiten und werden eingewiesen. Gar nicht schlecht, diese letzten Tage mal nicht selbst organisieren zu müssen, das sähe im Fall von Projekttagen nämlich ganz anders aus. Dafür dreht die Sportfachschaft schon jetzt am Rad, verständlicherweise.

Um 11.15 ist für mich heute Schluss, da die Bereitschaftsstunde ungefüllt geblieben ist, puh. Ich darf also gehen, während auf dem Sportplatz das Finale des Abischerzes ansetzt, ich habe keine Lust. (Später werden mir die Kinder davon erzählen. Bis auf ein Miniquiz gab es wieder nur Fußball.) Der Zug bringt mich nach Hause.

Dort – es ist halb eins – bin ich erst einmal müde, mein Grundzustand dieser Tage. Ich schaffe es beim besten Willen nicht, mich sofort an die Korrekturen zu setzen. Aus „ein bisschen dösen“ werden zwei Stunden, zwischendurch kommen die Kinder heim, wir essen, ich döse weiter, müdemüdemüde, ich „funktioniere“ gerade nicht mehr gut. Und meine Augen brennen.

Gegen drei schalte ich dann doch den Computer ein, ein paar dringende Dienstmails, ein Antrag ist zu schreiben, eine Bestätigung abzuschicken, zwischendurch braucht der Sohn Hilfe von mir, weil wir seine Klarinette für den Italienflug anmelden müssen, dann erzählt die Tochter, dass sie in der Musical-AG die Wunschrolle bekommen hat und sie mit der Benefix-AG Eisessen waren. Das wär’s jetzt: es ist so warm. Wir haben aber kein Eis im Haus:(
Mir ist also warm, und die Augen brennen immer doller.
Der Korrekturstapel grinst mich an, ich setze mich an den Terrassentisch, dort ist es zu warm, drinnen aber eigentlich auch. Es wird ein zähes Heft um Heft um Heft, heute sind die Aufgaben 4 und 5 dran, wenn ich morgen diszipliniert die 6, 7, 8 mache, könnte ich morgen Abend fertig sein, jedenfalls mit dem größten Rotstiftberg, und am Freitag zurückgeben. Dann wäre das Wochenende schon korrekturfrei, sinniere ich, während Häkchen um Häkchen (und leider auch Nichthäkchen um Nichthäkchen) meinen Stift verlässt.

Aber was ist das mit meinen Augen??? Am Abend – es ist so schnell acht Uhr geworden – bin ich bei einer stündlichen Augentropfenfrequenz angekommen, das hatte ich selten. Es brennt, sieht aber nicht rot aus. Während wir Abendbrot essen, sitze ich mit geschlossenen Augen da, nicht witzig. Morgen Vormittag hätte ich Zeit für einen Augenarztbesuch, mal sehen …

Für heute ist mir alles vergangen. Mit den Kindern zusammen räumen wir schnell das Essen weg und die Küche auf. Ich schmiere mir Salbe in beide Augen, nun kann ich nur noch verschwommen sehen, aber es tut für den Moment wenigstens nicht weh.
Nur Celloüben – mein tägliches Elexier – schenke ich mir noch, heute mit weitgehend geschlossenen Augen. Die meisten Übungen kann ich auswendig, merke ich bei der Gelegenheit, und in den Körper und die Töne hineinzuspüren gelingt sogar besser.

Ich bleibe dennoch nicht lange dabei, mir ist nicht danach. Noch vor zehn liege ich im Bett – wann gab es das zuletzt? – versuche durch die Salbe auf mein Buch zu blinzeln, gebe es aber auf und schlafe dann wohl schnell ein.

Konsequent – mein Körper nimmt kein zusätzliches Schlafgeschenk an:) – werde ich gegen halb vier wieder aufwachen.
Die Augen brennen immer noch.

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Erzählungen gibt es bei Frau Brüllen.

im Juni

Ein erschöpfter Monat ist dieser Juni. Wie immer um diese Zeit, da das Schuljahresende eingeläutet wird. Von Jahr zu Jahr aber stecke ich es schlechter weg. Nach der Himmelfahrtspause komme ich überhaupt nicht wieder in Tritt, die ersten Monatstage vergehen in lethargischem Waten durch die letzten Schulstunden, und sogar die Radreisevorbereitungen fließen nicht.
Die Reise selbst beginnt zäh und innerlich düster, es braucht lange, bis ich ins Unterwegssein hineinfinde.
Von dort zurückgekehrt, ist der halbe Monat um, ich trotte wieder durch Schultage, besser gestimmt zwar, jedoch auf einem anhaltenden Teppich der Erschöpfung.
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So sehen diese Tage also aus, die Korrekturen stapeln sich, darum auch ist es im Blog still geworden, darum ist mir kaum nach Schreiben zumute, darum schob sich dieser kurze Rückblick Tag um Tag um Tag hinaus. Es sind ja nicht nur Korrekturen. Da ist Hitze, unerträglich im Glasfassadenschulhaus, da sind Konferenzen und Sitzungen und Planungen fürs nächste Jahr, ein Wettbewerb ist auszuwerten, es gibt eine Mathenacht mit den 5. Klassen und eine Kollegenverabschiedung auf der Sternwarte. Vieles ist schön und bewegend. Und dennoch: Man mag nicht mehr, ich mag nicht mehr.
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Die Kinder stöhnen ähnlich, die Temperaturen in Verbindung mit dem Klassenarbeitsberg werfen noch jede Motivation um, es wird Zeit für Sommerferien.
Der Sohn möchte diese allerdings am liebsten überspringen und gleich nach Italien abfliegen, spätestens als er vor Vorfreude platzend von seinem Vorbereitungsseminar zurückkehrt. Solange beschäftigt er sich mit einem Online-Italienischkurs, lässt aber uns gegenüber noch keine neuerlernte italienische Silbe raus:)
Allmählich wird es in verschiedener Hinsicht ernst, wir kündigen Musikunterricht, Monatsticket und diverse andere Regelmäßigkeiten und beschäftigen uns mit Klavieranmietmöglichkeiten in Mailand, Kontoeröffnung und Versicherungsdingen. Das lenkt immer wieder den Blick darauf, wie bald er schon weg sein wird.
In diesen Tagen erhalten wir auch endlich Unterlagen für Gasttöchter, wir entscheiden uns und werden einander wunschgemäß zugeordnet. Ab September wird die Tochter also eine große Gastschwester haben, aus Slowenien kommt sie, alle sind vorfreudig gespannt.
Musik gibt es in diesem Monat vor allem in Form von vielen Proben, die Schuljahresabschlusskonzerte und -vorspiele stehen vor der Tür, die Kinder bereiten eine Cello-Klavier-Suite vor und üben miteinander anders als früher ohne gegenseitiges Anschreien, na bitte geht doch.
Für die Tochter gibt es eine wichtige Neuerung: Langgewünscht darf auch sie endlich eine Brille tragen. Beim Optikerbesuch zeigt sie sich entschlossen und wählt ein kräftig-grelles Modell, wennschon dennschon, wir sind gespannt:)
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Der warme Monat schenkt einige Treffen mit nahen Menschen. Meine Radreise hangelt sich von liebem Haus zu liebem Haus. Zu uns kommen Gäste, wir werden eingeladen, mit alten Freunden treffen wir uns in der Stadt. Und an vielen warmen langen Abenden sitze ich einfach nur allein im Garten. Neuerdings kann dort ein Feuer brennen, was mir vor allem die Seele erwärmt.

im Mai

Was für ein Auf-und-Ab-Monat. Da ist zunächst das Wetter, welches zwischen Fastwinter, Herbststürmen und Hochsommer alles aufbietet. Gelegentlich sogar ein wenig Frühlingsstimmung. Ich bin oft draußen, zu Fuß, auf dem Rad, mit der Kamera in jedem Fall, und am Monatsende bleiben viele Bilder. Im Innern. Und im Fotobearbeitungsordner.
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Ich eröffne meine Zeltsaison, sie beginnt schon am ersten Monatstag im Garten. Am Himmelfahrtswochenende radle ich eine weite Pfalzrunde und genieße das Zeltnächtigen. Umso schöner, dass ich die Urlaubsdinge gar nicht erst aufräumen muss, weil es gleich in die Pfingstferien weitergehen wird.
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Dazwischen erstreckt sich, so wie den ganzen Monat hindurch, eine nur zäh zu durchwatende Schularbeitsmasse. Mündliche Prüfungen, schriftliches Abitur, Steuergruppenarbeit, Unterrichtsbesuche, Referendarszoix, Mahnbriefe, Klassenkonferenzen, Klausuren und Nachklausuren, und ein bisschen Unterricht passt auch noch in jeden Tag … Es ist die Zeit im Jahr, wo die Kräfte allmählich nachlassen, wo mich der tägliche Schul-Irrsinn anfängt zu überfordern, wo ich zuweilen in eine Glocke eintauche, meine Kommunikationsfäden beginnen sich zu verheddern, ich werde ungehalten, unsensibel oder beides. Und draußen vor dem Fenster sprießt es, ist die Zeit des Wachsens gekommen, während wir in unseren Klassenzimmern hocken.
Wie gut, dass es die Pfingstferien gibt. Pauseschenkende zwei Wochen, um die sechs anschließenden Schuljahreswochen doch noch gesund zu überstehen.
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Die Kinder stöhnen ebenfalls, beide sind unlustig auf Schule, na gut, das sind sie öfter. Aber man spürt auch bei ihnen die Länge des Schuljahres und die nachlassende Kraft.
Immerhin aber erleben sie Tolles mit dem Schulorchester. Die Tochter spielt ein Opernprojekt mit, das dem Orchester – mehr als den Solisten – stehende Ovationen bringt, und beide reisen mit nach England auf ein Musikfestival. Die von der Reise resultierende Müdigkeit wird in den Juni hinübergetragen:)
Die Tochter feiert ihren elften Geburtstag mit einer riesigen Übernachtungsparty, wir haben ein volles Haus und am Ende des Wochenendes das Gefühl, nun umgehend ins nächste gehen zu wollen.
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Begegnungen gibt es viele. Solche mit langbekannten Menschen, auch aus den Augen verlorenen, auf der Beerdigung der Freundin. Solche mit tränenvollen Gesprächen hier im Dorf und um die Ecke, weil doch so viel Schweres zu tragen ist, derzeit, um mich herum. Solche mit Herz-zu-Herz-Gesprächen, mit hierher gereistem Besuch oder in Räumen, in die ich gereist bin. Es tut gut, das alles. Ich bin dankbar für dieses lebendige Netz, an dem wir ja immer noch weiter weben, wir alle.
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Dazwischen ringe ich viel. Mein Baum bietet seine alte Haut zum Anlehnen an, mein Cello schwingt zuweilen mit mir (zuweilen auch nicht), und da ist immer noch und immer wieder der tröstliche Blick in die Weite.
Was ich letztlich mitnehme aus diesem wild-grauen Mai, sind Bilder wie im letzten Blogpost. Ich spüre ein tragendes Lebensbett, trotz allem. Und beginne nun seufzend den Juni. Gleich wieder geht es auf’s Rad, es kann nur stärkend werden.

Alltagsglück #1

Einen Dienstort in 35 km Entfernung könnte man als Anlass nutzen, um sich zu ärgern. Oder aber, um eine kleine Radtour drumherum zu bauen.

Es ist früh, als ich aufbreche, hinauf und hinab ins Tal, das zum Fluss führt.
Wie sogleich die Bluse im Wind flattert, und der Wind in der Bluse. Ich bin schon da.

 

 

Der Fluss schenkt seinen weisen Lauf und nimmt mich an die Hand, damit meine Bewegung nicht stockt. Ich rolle und rolle, an seiner Seite durch die große Stadt hindurch, auf altbekannten Pfaden ins jenseitige flache Land.

 

 

Dort dann, am Dienstort, widme ich mich meinen Aufgaben, fokussierter und klarer als häufig, während in mir stille Vorfreude auf den Rückweg blüht. Über die Hügel werde ich fahren, schließlich muss ich nicht wie vormittags in gefasster äußerer Form an einer Arbeitsstelle ankommen:)

Windjacke, Fleeceshirt und Schal auf dem Gepäckträger schmunzeln leise, während ich in Sommerhitze hinauftrete. Die Sonnencreme ruft laut von zu Hause aus, dass ich sie vergessen habe. Man wird sehen, morgen auf meiner Nase.
Heute aber, heute hier zu fahren, war meine beste Idee seit langem. Gemäß diesem hier:
Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde. (Franz von Sales)

 

 

Welch kleine feine Dörfer, die mir bisher entgangen sind. Welch Landschaft zum Verlieben. Ich frage mich, warum ich dies bisher kaum getan habe.

 

 

Lediglich, dass keine Eiscafés am Wegesrand liegen … nun ja … kurz vor dem Heimatdorf findet sich doch noch eines. Dafür, dass morgen ein prallevoller Schultag und noch nichts vorbereitet ist, sitze ich in größter Gelassenheit dort und habe die Ruhe weg. Ich wundere mich selbst.

 

Von Zeit zu Zeit die Augen öffnen für das klein-große Glück am Wegesrand …

 

12 von 12 im Mai

Vorgestern war es nun schon, dieser Zwölfte. Aber Bilder rosten ja nicht, und verfallen nicht auf der Kamera, solange man mit anderen Lebensdingen beschäftigt ist. Also dürfen sie ruhig heute noch kommen:)

 

 

Der Morgen ist regnerisch und so dunkel, dass mir Kerzen für meine Morgenstunde als stimmig erscheinen.

 

Ich schreibe einen Brief, möchte ein kleines Päckchen dazupacken und diese Steine mitschicken. Hühnergötter, von der Ostsee. Steine mit einem Loch. Man findet sie am Strand, wenn man lange sucht, und man sagt, sie bringen Glück. Dort, wo sie jetzt hinwandern werden, braucht es dieses gerade sehr dringend.

 

Draußen regnet es, meine Gartenmorgenrunde fällt kurz aus, kaum wage ich mich unter der Terrasse hervor.

Es folgt ein Schultag, bilderlos, ich trage keine Kamera mit und hätte heute auch keine Chance gehabt, kurz innezuhalten. Manche Tage sind sportlich, um es milde auszudrücken.

 

Das Wochenende beginnt mit meinem Entschluss, die Korrekturen zunächst beiseite zu legen. Am Sonntag vielleicht, spüre ich, eher geht das nicht, ich bin erschöpft, brauche jetzt erstmal Musik – ja! – und Ruhe. Und sowieso: Vorfreude, heute bekomme ich noch Besuch:)

 

Mittlerweile haben sich die morgennassen Blätter trockengeschüttelt …

 

… und das pralle Leben räkelt sich in der Sonne.

Weil es so strahlt vom Himmel, nehme ich den Weg ins Nachbardorf unter die Füße und gehe mein Fahrrad abholen.

 

Es hatte ein bisschen Reparatur nötig, damit es mich ganz bald wieder tragen kann, wohin die Unterwegsträume reichen.

 

Zurück segelt es sich ganz leicht, an den Feldern vorbei …

 

… durch ein Blütenmeer …

 

… und mit kleinen zarten Versehrtheiten am Wegesrand.

Der nun beginnende Teil des Tages bleibt ohne Bilder, obwohl die Kamera auf dem Beifahrersitz liegt, es will nicht zu einem Foto kommen. Mein Aufbruch nach Frankfurt, lieben Besuch vom Bahnhof abzuholen, ist noch pünktlich. Dann Unfallstau auf Autobahn I. Autobahnwechsel. Unfallstau auf Autobahn II. Runter auf die Landstraße. Stau auf Landstraße, denn schließlich haben alle hierher gewechselt. Ich schwitze schon ob meiner arg verspäteten Ankunft, als es aus dem Zug twittert, dass es in diesem nicht besser ausschaue. Streckenstehen vom Feinsten, Verspätung von 60 Minuten mindestens und das nicht etwa in Frankfurt. Endstation Offenbach. Freitag der Fastdreizehnte. Was haben Menschen in Nichthändiehzeiten eigentlich in Situationen wie diesen gemacht? Wir schreiben hin und her, während ich noch in Frankfurt am Bahnhof stehe und dann nach Offenbach aufbreche. Diesen Ort hätte ich nicht gebraucht- jedenfalls: sein Charme erschließt sich einem nicht auf den ersten Blick:)
Aber: nach einiger Umrundung des Bahnhofes finden und umarmen wir uns, kaufen an der Tankstelle zwei Bier (alkoholfrei;-)) für die nun etwas längere Heimfahrt, machen es uns im Auto gemütlich und erreichen den mit Lasagne gedeckten Tisch immerhin noch vor Mitternacht.

 

Wir freuen uns an Leipziger Mitbringseln …

 

… und an einem wichtigen Utensil für die nächsten Stunden.
Bis es uns – es war nach Zwei, oder? – ins Bett treibt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

im April

Der Monat beginnt in frühlingshafter Wärme und wie immer mit dem 1. April, in den ich erstmals (?) von niemandem geschickt werde, nicht von den Kindern, nicht von Schülern. Bei letzteren liegt das wohl einfach daran, dass ich sie am Samstag nicht sehe:) Mir fehlt nichts, aber es fällt mir auf.
Zum Ende des Monats hin hat sich der heftige Frühling vom Monatsanfang zunächst wieder versteckt und schaut nur schüchtern um die Ecke. Man hofft ja doch, dass er sich im Mai endlich wieder hinaustrauen wird.
*
Der Monat ist geprägt und dominiert von unserer New-York-Reise, von all dem Anstrengend-Spannenden schon vor dem Start (für uns, die wir sonst nie fliegend verreisen), von der Eindrucksflut der Riesenstadt, die zuweilen überfordert, von Jetlags, einer Tonne voller Fotos und Erinnerungen und von daraus geborenen neuen Reiseplänen:)
Durch die Reise übrigens fällt das Eierfärben natürlich aus, was vor allem ich ein wenig schade finde, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle.
*
Vor und nach den Ferien gibt es natürlich Schulzeit, ein wenig nur. Aber auch eine einzelne Woche kann im Anstrengungsgewand auftreten, was vor den Ferien vor allem daran liegt, dass nebenher die Packvorbereitungen laufen und derart fordern, dass kaum mehr genug Schlafzeit bleibt.
Nach den Ferien ist natürlich alles liegengeblieben – die kompletten Ferien wegzufahren bedeutet ja, dass das reinigende Alles-weg-Korrigieren, Alles-weg-Aufräumen, Alles-weg-Kommunizieren und Alles-weg-Vorbereiten, womit zweiwöchige Ferien gut gefüllt sein können, nicht stattfinden kann und die angrenzenden Schulwochen mit kaum zu bewältigender Arbeitsdichte gefüllt sind. (Darum übrigens werde ich ab nächstem Jahr ein wenig mehr Teilzeit nehmen, also ein wenig weniger Deputat haben: Um in Ferien wegfahren zu können, ohne mich vorher und nachher in die Erschöpfung zu arbeiten.)
Die Reste des in den Ferien Nichtgeschafften schleppe ich in den Mai, nicht zu Ende korrigierte und nicht fertig erstellte Klassenarbeiten, nicht vorbereitete mündliche Prüfungen, ein Schulcurriculum im Rumpfzustand und (psst!) ein paar längst fällige GBUs. (Wer nicht naturwissenschaftlehrend ist, möge sich nicht beunruhigen: diese Abkürzung muss man nicht kennen, und das Dahinterstehende ebenfalls nicht.)
Ich hechle den Erfordernissen hinterher und finde mich seit langem wiedermal in der Situation, dass ich spätabends ganz knapp und sozusagen von der Hand in den Mund erst vorbereite. Da kommt der ganztägige Pädagogische Tag gerade Recht, selbst wenn er an meinem unterrichtsfreien Tag liegt: muss ich am Vorabend wenigstens mal nichts vorbereiten.
*
Den Kindern geht es mit ihren Schulaktivitäten besser, die Klassenarbeitsdichte ist gering, die Hausaufgabenmenge wohl auch. Jedenfalls sehe ich sie kaum mal etwas für die Schule tun und auch nicht fluchen.
Ihre Musik im Haus dagegen erfährt heftige Belebung. Die Tochter hat ein neues Cello und eine neue Lehrerin, neue Stücke, neuen Schwung, alles lässt sich gut an.
Der Sohn ist nach dem Jugend-musiziert-Wettbewerb regelrecht manisch in der Erarbeitung von Neuem. Prokofjew, Liszt, Chopin, Beethoven tönen durchs Haus, ich komme mit dem Notenkaufen kaum hinterher. Vor allem die Dauer des täglichen Übens stellt hohe Anforderungen an alle Zuhörendennerven, denn ja, ein Flügel ist laut und tönt durch alle Wände. Dafür wurden also Silent pianos erfunden.
*
Für viel mehr ist kein Raum in diesem Monat, ich bin wenig draußen (außer natürlich in New York), ich lese wenig, komme kaum zum Celloüben. Es fließen Tränen, denn die Freundin stirbt. Andere nahe Menschen beenden ihren Lebenskreis. Im Kollegium werden zwei Kinder geboren, und eines darf nach Intensivstationsmonaten wieder nach Hause. Mein Knie – nur das Knie, aber doch – muckert und erinnert sanft daran, dass auch mein Platz in diesem Lebenskreis zwischen Geborenwerden und Sterben kein unveränderlicher ist.
*
Mein innerer Grundzustand dieses Monats ist gehetzt und unzufrieden. Alles ist viel zu viel. Sehnsüchte liegen brach vor mir, ich habe zu üben.
Sei mir das am letzten Monatstag im Garten aufgebaute Zelt ein Hoffnungsschimmer, dass mit bald beginnenden Rad-und-Zelt-Zeiten endlich wieder Tage des Ruhens kommen werden, ich brauche sie so.

 

im März

Der Monat beginnt, während wir uns noch auf unserer Bergschneereise befinden, führt uns nach der Heimkehr in zaghaft frühlingsprießendes Wetter und endet mit ersten Fast-Sommer-Tagen. Im T-Shirt und dennoch schwitzend sitze ich am letzten Nachmittag des Monats am Fluss und ertrinke fast im Blütenbunt.
Ich bin viel draußen, schaffe mir ein neues Wegeritual rings um unser Dorf, am Wegesrand liegt immer wieder mein Baum, der tägliche Schulweg wird wieder auf den Fahrradsattel verlegt, Hängematte und Liegestühle bekommen eine Grundreinigung und anschließend häufigen Besuch von der Tochter und mir.
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Die Schule startet nach den Ferien heftig mit einem Stapel Vertretungsstunden, manchmal ist das eben so. Aber, hej: Ich fühle mich vor den Klassen mehr denn je wie ein Fisch im Wasser. In unserer kleinen Fünften gibt es unruhige Konstellationen und noch wenige Lösungsideen. Diese KollegInnen zu haben jedoch, mit denen man alles alles alles besprechen (und manchmal beweinen) kann, ist goldwert. Gerade in solch schwierigen Situationen.
Vom zweiten Dienstort verabschiede ich mich allmählich, mit einer langen Serie an Terminen, bei deren jedem ich innerlich ein kleines Häkchen setze. Gleichwohl zuckt es kurz in mir, als mich ein dritter Dienstort anspricht, sie hätten gehört, ich würde dort aufhören, ob ich nicht zu ihnen kommen wolle. Das schmeichelt und verlockt kurz, aber ich glaube, ich sollte bei meinem Nein bleiben.
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Der Sohn verbringt zwei Wochenenden auf Vorbereitungsseminaren für sein Italienjahr und bekommt wichtige Mailpost: Seine Gastfamilie. Es passt wie erträumt und führt zu jubelnder Aufregung hier im Haus. Die konkreten Planungen beginnen, vor allem, wie sich sein Klavierunterricht nun nach Mailand verlegen lässt. Das Klavier nämlich wird ihm gerade mal wieder zum wichtigsten Lebenselexier, er übt morgens mittags abends, lernt eine Sonate nach der anderen, ich komme mit dem Notenbestellen gar nicht hinterher. Und spielt am Ende des Monats auf dem Landeswettbewerb „Jugend musiziert“, Ergebnis gibt’s erst am Sonntag.
Die Tochter ist vom Weiterüben nach dem Januarwettbewerb weniger begeistert und schleppt sich mit Mühe durch die seit einem Jahr gleichen Stücke, sie wartet nur darauf, dass es morgen Nachmittag vorbei sein wird. Damit sie dann endlich auf ihr neues Cello umsteigen und sich der neuen Lehrerin widmen kann. Ja, der Monat endet mit der letzten Stunde bei ihrem sechsjährigen ersten und besten Cellolehrer.
In der Schule gibt es viele Klassenarbeiten, den Känguru-Wettbewerb und darüber hinaus Tochtertränen. Die tragen wir weiter in den nächsten Monat.
Der Sohn wählt eine neue Brille und verabschiedet sich vom langjährigen Harry-Potter-Nickelbrillen-Style, nun hat er auf der Nase, was alle tragen, das ist doch auch mal was. Die Tochter sucht ebenfalls nach ihrem eigenen Kleidungsstil und garniert das Ganze mit Unmengen an Kosmetik, deren Sinn und Funktion sich mir im Leben noch nicht erschlossen hat, ich lerne dazu;-)
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Wir schaffen es mal wieder ein paar liebe Menschen zu treffen, es beginnt schon in unserem Ferienbergdorf, und auch hier findet sich ab und zu Zeit für ein Weinchen mit Freunden. Ich schicke einen Stapel Papierpöste auf den Weg, von dieser Altmodischkeit will ich nicht lassen. Ein kleines Mädchen stirbt, ein Dorf weint, und der kranken Freundin geht es auch nicht gut. Wir sprechen in der Schule und zu Hause viel über’s Sterben und über die Netze, welche die Weiterlebenden nun haben. Und was wir dazu geben können. Ausgelöst dadurch formuliere ich erstmals im Leben auf einem Blatt Papier, im Moment noch in der Stichpunktversion, was ich mir für mein eigenes letztes Weggehen wünsche. Sollen hinterher ja nicht die anderen entscheiden müssen. Und man weiß nie, wann es soweit ist. Siehe letzten Monat …
Das Leben hat immer alles auf einmal in sich, eine große Osterreise will vorbereitet werden und strengt mich mit dem notwendigen Organisationskram schon ein wenig an, mal schauen, wie es dann dort wird. Im Moment bin ich müde, müde und müde, ich schlafe mal wieder viel zu wenig.
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Bei all dem trägt mich meine Musik, und wie. Der Monatsbeginn bringt ein neues Leihcello, welches das Wow nochmals steigert. Ich beginne eine erste Sonate von Cirri zu spielen (ab 2.45 vor allem: mein Traumsatz:)), die Tochter korrigiert: zu üben;-), und ich merke immer mehr, wie sehr mir dieses Instrument vorher im Leben gefehlt hat.
Und Lesen trägt, Schreiben noch viel mehr. Und natürlich – ein würdiger Schlusspunkt für diesen prallvollen Monat – Ihr, denen ich hier im Schreibraum begegne, Ihr tragt auch.
Danke für alles.

Auszeit

Wenn der Tag plötzlich eine unverhoffte Lücke in seinem pochenden Ablauf aufreißen lässt und die Bücherei am Wegesrand liegt und ohnehin alles – schlagen doch die inneren Wogen gerade hoch – nach einem Rückzug ruft, dann …
… finde ich mich plötzlich in einem dieser so wunderbar nicht zusammenpassenden Sofas sitzend, oben im zweiten Stock, dort in der Ecke, wo einen der Straßenlärm glasfenstergedämmt zwar noch erreicht, aber ebenso abgeschirmt wirkt wie all das andere, was ich in der Tasche unten am Eingang ließ, die Kalender, die Aufgaben, das Handy.
Vor mir weite Regalschwaden, büchergefüllt, Leseimperative wohin man schaut. In meiner Hand liegt mein derzeitiges Buch, das, welches zu mir kam wie gerufen. Unter mir das Sofa, bequemer als es wirkt, zum sich-hinein-winkeln, neben mir all die anderen Auszeitenden. Lesend, träumend, zettelsortierend, schlafend, schnarchend. Die Stille der Sofaecke dimmt das Straßensurren hinunter, bis es sich auflöst. So wie das Schweifen der Gedanken, das ich immer wieder einsammle und ans Buch in meiner Hand führe, bis ich hineinversunken bin.

Es sind die kleinen Dinge. Immer wieder.

 

12 von 12 im März

Spät, aber doch: Meine 12-von-12-Bilder vom gestrigen Sonntag. Meine Wortfindungsfähigkeit hat sich zu so vorgerückter Stunde wohl schon schlafengelegt, daher bleiben die Bilder wortarm.

 

Vom Terrassenkaffee, dem allerersten des Jahres ….

 

… mit hindernisverstelltem Blick hinunter ins Dorf (noch: bald wird er hinter den Blättern verschwunden sein) …

 

… zieht die Sonne mich auf einen Spätvormittagsspaziergang …

 

… und mitten hinein in die noch karge …

 

… aber aufknospende Frühlingswelt.

 

Ein Gruß winkt von diesem Bild:))

 

Und zu Hause, als ich wieder angekommen bin, versucht die Tochter in Schwung zu kommen, ohne aus der Hängematte zu fallen.

 

Mittlerweile ist es mittags und die Arbeit ruft laut, zum Warmwerden einen Wettbewerb organisieren …

 

… und dann korrigieren korrigieren korrigieren.

 

Die Tochter ist auch beschäftigt, ein Referat steht an – das Thema ist ja nicht schwer zu erraten.) – und ich helfe, wenn auch nur dadurch, dass ich meine Druckerdienste anbiete.

 

Nebenher läuft ein wenig Haushalt.
(Socken lassen sich einfach nicht apart aufs Bild drapieren,da  kann noch so viel Natur ringsum sein).

 

Nicht viel reizvoller sehen Wäscheberge aus, aber das war nun einmal das letzte Bildmotiv, was mir vor dem Schlafengehen über den Weg lief. Immerhin liegt ein Lieblingsshirt des Sohnes obenauf …

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

 

WmDedgT 03/2017

Sonntag, der Tag ohne Weckerklingeln, lässt mich aus einem Traum aufwachen, in dem es um eine Tasche ging, welche in Form, Größe und Haptik meinem Ideal nahekam, welche ich also nicht haben kann und werde, die somit eine Traumtasche bleiben wird, was gut so ist, ich lächle beim Erwachen.

Diesen Tag heute hätte es eigentlich gar nicht gegeben, was heißen soll: Hätte es nicht gestern im Bergort geschneit und genebelt und geregnet, dann wären wir heute erst abgefahren und kaum erst hier, so dass wir direkt von der Autobahn in den Alltag hätten stolpern müssen. So aber hat das Wetter eine Entscheidung und damit diesen Tag ohne jeden Plan, frei von jeglichem Tunmüssen geschenkt. Die Tageszeiten fließen unter mir hinweg und das Uhrzeitkonzept erreicht mich heute nicht. Hach.

Zunächst, was liegt im Morgenbett näher: Ich lese, lese und lese. Die Enden meiner Reiselektüren sind im heutigen Tag besser aufgehoben als in den kommenden Tagen, wenn das Rad wieder hektisch zu kreisen begonnen haben wird. Ich lese also, so lange, bis die Kinder nach Frühstück verlangen. Es gibt faule Aufbackbrezeln mit nicht viel dazu; nach der satten italienischen Woche braucht es das auch nicht.

Weil das Gespräch auf den Alltag kommt und ohnehin schon Märzanfang ist, greife ich mir nach dem Essen den Familienplaner und beginne – wir sind da ganz undigital:) – all unsere Terminzettel und -hefte für den nächsten Monat zu synchronisieren. Nebenher läuft die erste Wäsche, und damit, finde ich, habe ich zunächst genug getan – der Sonntag darf wieder sonntäglicher werden.

Wobei ich beim Lesen von den Büchern mittlerweile zu Blogs und weiter weg ins Netz abschweife und dabei – ganz heimlich, noch ohne mich irgendwo zu melden – mal in meine beiden Dienstmailaccounts schaue. Uiuiui, schnell wieder zumachen. Ich bin ja eigentlich noch gar nicht da:)

Gehe ich lieber ans Cello, heute ist unser letzter Tag, eigentlich hatten wir uns vor der Reise schon verabschiedet. (Morgen wird es beim Geigenbauer getauscht, was nicht an mir oder ihm, dem Cello, liegt, sondern eine eigene Geschichte ist.) Nun also treffen wir uns doch noch einmal. — Es ist ein wenig ernüchternd. Die Hände haben alles verlernt. Scheinbar natürlich nur. Aber trotzdem. So spiele ich eine ziemlich große Weile vor mich hin und sinniere über Verlieren und Wiederfinden und Lebensgeduld und Gelassenheit …

Bis mich das frühlingliche Draußen verlockt, da tut sich plötzlich ein Weg vor mir auf, der unbedingt gegangen werden will. Jetzt. Und öfter noch. Genau genommen habe ich mir mit dem heutigen Gang ein Ritual geschaffen. (Und dass ich nach erstmaliger Durchführung bereits das Perfekt verwende, liegt an meiner Entschiedenheit und der Bedeutung, die dieser Weg für mich hat.)

Der Fotoapparat war auch dabei, auf dem heutigen Weg, und auf der Ferienreise ja sowieso. Während nach meiner Heimkehr ins dämmernde Haus all die Fotos auf den Computer hinüberwandern, linse ich ihnen zu – und staune schon einmal. Vorfreude auf das Sichten und Wiedererkennen macht sich breit.

Jetzt erstmal Essen, inzwischen Abendessen zu nennen, und anschließend mit den Kindern zusammen Reisetaschen auspacken und die ersten Wäschehaufen verräumen. Und weil wir alle so gut in Trab sind, packen wir gleich noch die Schultaschen für morgen, erinnern uns an zu unterschreibende Zettel, zur richtende Räder, zu bestellendes Essen, zu organisierende Fahrten und zu stellende Wecker. Soifz, jetzt doch kurz ein Ferienendewehmutsgefühl.

Ich dämpfe es noch ein wenig ab, indem ich den Rest des späten Abends in Erinnerungen lese, dazu Seelenmusik höre, ein wenig mit Farbstiften experimentiere, jetzt hier schreibe und viel zu spät ins Bett gehe. Morgen an meinem langen Schultag werde ich das bereuen, aber für jetzt fühlt es sich genau richtig an.

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Erzählungen gibt es bei Frau Brüllen.