Alltag

Alltag #4 – Worte

https://cafeweltenall.files.wordpress.com/2018/10/alltag-001-2018.jpg

Immer am ersten Wochenende eines Monats sind wir von Ulli in ihrem Projekt „Alltag“ eingeladen, uns gegenseitig an unseren Alltäglichkeiten in ihrem besonderen Licht teilnehmen zu lassen.

Elternsprechtag.

Vor ein paar Tagen kamen sie zu mir, all die Eltern, die Anliegen und Bedürfnisse ihrer Kinder auf Zetteln und Zunge mit sich tragend. Wir redeten, jeweils zehn Minuten waren die Zeitfenster lang. Beziehungsweise kurz, zehn Minuten sind ja nicht viel. Andererseits ist es viel, wenn ich daran denke, dass ich an den Schulvormittagen niemals – niemals! – auch nur annähernd zehn Minuten Zeit für ein einzelnes Kind finde.
Nun also, zehn Minuten. Intensives gegenseitiges Erzählen und Fragen, Austausch und Relativierung der eigenen Sichtweise, oft ist es kompliziert. Eines aber, eines wird mir immer wieder in den Gesprächen mit den Eltern bewusst: Wie vieles ich im Schulalltag mit diesen Kindern erlebe, wie vieles ich an ihnen wahrnehme, wie oft ich am beglückten Staunen über diese jungen Menschen bin, und wie selten ich den Kindern genau das in die Augen hinein sage. Nicht nur nonverbal, nicht nur sich spiegelnd in unserer zumeist gut gelingenden Beziehung, sondern wirklich wörtlich.
Viel häufiger müsste ich zwischendurch immer mal wieder einem Kind einen ganz ihm zugewandten Satz sagen, einen ganz eigenen meiner Augenblicke widmen. Zwischen all den Unterrichtsnotwendigkeiten, zwischen aller Mathematik und Physik, zwischen allen Verfahrensabläufen in dem getriebeartigen Organismus einer Riesenschule muss Raum dafür sein. Jeden Tag, jede Stunde, wenigstens einem kleinen Teil meiner 150 Schülerinnen und Schüler sollte ich solche Dinge sagen wie…

Wie unglaublich Du strahlen kannst, Deine leuchtenden Augen stecken an!

Die Klasse kann froh sein, Dich zu haben. Wie viel Du Dich um andere Kinder kümmerst, und darum, dass alle gut miteinander auskommen, das ist großartig!

Trau Dich doch das nächste Mal, das zu fragen. Das hilft auch allen anderen, und sie sind Dir dankbar. Du kannst tolle Fragen formulieren!

Ich fand es sehr mutig von Dir, wie Du gezeigt hast, dass Du Hilfe brauchst!

Seit ich Dich kenne, seit wenigen Monaten erst, bist Du riesig gewachsen. Du gehst jetzt alle Deine Schritte viel selbstständiger als am Anfang!

Mir macht es große Freude, Dir beim Arbeiten zuzuschauen. Du strengst Dich immer so sehr an, dass Deine Stirn in Falten liegt. Aber danach kannst Du so richtig ansteckend jubeln!

Ich traue Dir zu, dass Du das auch sauber aufschreiben kannst. Dann können die anderen Kinder Deine Lösungen verstehen und etwas von Deinen tollen Ideen lernen!

Du hast ganz schön viel an Mut gewonnen. Wie selbstbewusst Du jetzt in der Klasse auftrittst, beeindruckt mich!

Was tut Dir gut, was brauchst Du von mir? Du kannst so gut in Dich selbst hineinschauen, bestimmt kannst Du es mir auch erzählen, so dass ich es verstehe!

Wie ich mich mitfreue, dass Du an den Schultagen jetzt wieder fröhlicher ausschaust!

Mich berührt es sehr, wie Du die A. und die L. immer tröstest und in den Arm nimmst, wenn sie weinen, wenn es ihnen nicht gut geht. Sie haben großes Glück, Dich als Freundin zu haben!

Es macht Spaß, Dir beim Denken zuzuschauen!

Du machst Dich nicht selbst nervös, und andere werden auch ruhiger, wenn sie in Deiner Nähe sitzen. Deine Gelassenheit beeindruckt mich!

Ich finde es wirklich sehr, sehr stark, wie Du seit anderthalb Jahren nicht aufgibst und Dich in jeder Stunde aufs Neue anstrengst, obwohl es all die Zeit überhaupt nicht leicht ist für Dich!

Mich macht es glücklich, Dein glucksendes Lachen und Deine gute Laune im Klassenzimmer zu hören, oft schon, bevor ich noch um die Ecke gekommen bin!

Dass Du Dich nach so vielen Anläufen neulich endlich getraut hast, ganz allein zu mir an den Lehrertisch zu kommen und Deinen Wunsch auszusprechen, das ist ein riesiger Schritt für Dich, darauf kannst Du stolz sein!

Es tut mir mitweh, wenn ich höre, was Du erleben musstest. Ich finde Dich sehr stark, dass Du das alles aushältst!

Du bist für M. und F. ein großartiger Freund. Ohne Dich hätten sie es im letzten Jahr viel, viel schwerer gehabt!

Du bist so ausdauernd, Du fängst immer wieder neu an, auch wenn es wieder und wieder nicht klappt. Du machst mich staunen, wie viel Geduld Du aufbringst!

Mir machen Deine kreativen Ideen richtig Lust, auch mal solche Konstruktionen auszuprobieren. Da sind Dir faszinierende Muster gelungen!

Wie behutsam Du Deinen Sitznachbarinnen bei den Übungen hilfst. Du schaffst es, dass sie sich dabei nicht bevormundet fühlen und dass sie keine Scheu haben, Dich zu fragen, obwohl Dir alles viel leichter fällt!

Du bist sooo wichtig für die Klasse, weil Du all die Zeit bereit bist zu helfen, wenn jemand es braucht!

Ich mag Deine Fröhlichkeit und Deine witzigen Ideen. Bestimmt hätten wir in der Klasse ohne Dich nicht so oft gute Laune!

Sätze, die ganz gut beschreiben, mit wem ich es alles so zu tun habe in meinem Schulalltag. Am Elternsprechtag habe ich diese Sätze mehr oder weniger wörtlich so gesagt, zu den Eltern dieser Kinder.

Und nun habe ich sie hier schonmal in die erste Person umformuliert. Damit ich sie viel häufiger noch denen gegenüber verwende, an die sie gerichtet sind.

Alltäglich.

Hier ist Ullis neuer Beitrag, unter dem sich weitere Teilnehmende mit ihren Alltagsbetrachtungen finden.

Alltag #1 – Alle Tassen im Schrank

https://cafeweltenall.files.wordpress.com/2018/10/alltag-001-2018.jpg„Die Idee ist, das in Szene zu setzen, was mich alle Tage umgibt“, „die Dinge, die während (m)eines Alltags eine Rolle spielen, die immerwiederkehrenden, wie die besonderen; diese zu würdigen, sie in einem speziellen Licht, einer speziellen Perspektive darzustellen“, so lädt uns Ulli zu ihrem Projekt „Alltag“ ein.
Immer am ersten Wochenende eines Monats – ich bin wie so oft ein wenig zu spät, diesmal unserer Herbstferienreise geschuldet – sind wir eingeladen, uns gegenseitig an unseren Alltäglichkeiten in ihrem besonderen Licht teilnehmen zu lassen.
Hier ist Ullis erster Beitrag, unter dem schon weitere Teilnehmende ihre Alltagsbetrachtungen verlinkt haben.

„Das ist keine Frage des Alters oder unseres Einkommens, das ist ein Lebenskonzept“, sagte die Freundin – aber es hätten ebenso meine Worte sein können – einst zu einem aufdringlichen Versicherungsvertreter, der sie zur Absicherung ihres doch wohl nach der studentischen Lebensphase sich unweigerlich ordnenden und verteuernden Hausrats drängen wollte. „Nein, wir werden nie auf andere Weise leben“, schickte die Freundin den konsternierten Mann aus der Tür.
Und so lebt sie tatsächlich. Bis heute.
Und ich? Und was heißt dieses „so“ überhaupt?
Streift mein Blick durch meine Wohnräume, gibt es von allem etwas: Bereiche, die eine durchaus als glatt zu bezeichnende „Erwachsenenwohnungsoptik“ bieten, wechseln mit Räumen ab, in denen sich kaleidoskopartig Familienkrempel in seiner stets wirren Buntheit darbietet. Dazwischen stößt man immer wieder auf Ecken studentisch anmutender Sammelsurien. Ja, Provisorien und Stückwerke sind mir allerorten geblieben. Und wenn ich es richtig erspüre, sitzt genau dort mein Zuhause. Vermutlich wird es bei mir, wenn die Kinder in wenigen Jahren aus dem Haus sein werden, bald wieder so aussehen wie einst in meinen „Buden“. Hach ja.

Einer der sammelsurigsten Plätze in unserem Haus ist wohl unser Tassenschrank.

Alle unsere Tassen. Kaum eine wie eine zweite. — Zwar haben wir in der Küche auch anderes Geschirr. Weiß. Schlicht. Einheitlich. Allerdings – ein Zeichen? – sind von jenem „richtigen“ Geschirr ausgerechnet die Tassen längst zertöppert. Auch ohne dass ich sie nach und nach absichtlich habe fallen lassen:) Sie wollten wohl einfach nicht bei uns bleiben. Und so nutzen wir diese bunte Tassensammlung durchaus auch zu „besonderen“ Gelegenheiten, an Festtagen, bei Besuch, einfach immer. Im Unterschied zu Gläsern etwa kamen wir hier nie auf die Idee, uns einen einheitlichen Satz an Kaffeepötten o.ä. zu kaufen. Wir leben gut mit unseren Tassen. Vielleicht, weil jede von ihnen eine Geschichte erzählt?

Sie liefen uns zu, unsere Tassen. Zumeist war es Zufall, kaum eine von ihnen ist bewusst ausgewählt worden. Bis auf diese metallenen offenbar, denn wir haben mehrere davon.

Es muss an die 20 Jahre her sein, dass wir sie uns zulegten, es war noch in Berlin, ich erinnere mich nicht mehr, wann genau und warum. Weil sie gut isolieren, beim morgendlichen Gartenkaffee länger die Wärme halten? Weil sie unzerstörbar sind? Sind sie ja gar nicht. Inzwischen – nach langen Jahren intensiven Einsatzes – sind sie alt und leck. Aus ihren isolierenden Lufträumen tropft Wasser. An den Lippen fühlen sie sich unbehaglich an. Und trotzdem bleiben sie bei uns wohnen. Denn so wie wir unsere Tassen nie bewusst kaufen, werden sie auch nicht bewusst entfernt. Als hätten wir eine ungeschriebene Regel dafür. Unsere Tassen, auch diese aus Metall, werden schon ihren Weg gehen … einst.

Statt der Metallbecher sind nun schon lange diese hier zu meinen meistgenutzten Lieblingstassen geworden.

Ein Tagesbeginn mit Blick auf Musik – oder eben Bücher – und dann noch mit diesem Volumen: mir fehlte etwas ohne sie.
Genau vor drei Jahren fanden sie zu mir, an meinem 47. Geburtstag. Eine Herbstferienreise, das Münchener Deutsche Museum war eines der Ziele. In dessen Museumsshop mischten sich diese Tassenschwestern plötzlich unter die Bücher in meinem Einkaufskorb. Ohne dass ich noch ahnte, dass sie sehr bald zu meinen Lieblingsalltagsgegenständen zählen würden.

Ebenso glatt, unversehrt und jung scheinend steht daneben meine allerälteste Tasse.

Mit ihr habe ich schon in Dresden studiert, in den 80ern war das. Das falsche DDR-Meißner, ein Design-Klassiker.
Von wem ich sie damals bekommen habe, weiß ich nicht mehr. Dass sie so unbenutzt scheint, ist mir fast ein wenig unheimlich. Denn damals in Dresden und lange Jahre später noch stand sie täglich auf meinem Frühstückstisch. Immer am Vorabend schon, damit wir morgens vor der Vorlesung – Beginn 7.30! – unseren Schlaf um wertvolle Sekunden verlängern konnten. Mitbewohnerin A. legte deswegen sogar abends immer schon ihren Löffel quer auf die Kaffeepulverdose. An was für Details man sich so erinnert.
Meine Veteranin also. Einst hatte sie noch eine gleichgeformte Mitstreiterin. In blauer Jeansoptik, mit rotem Herz, wenn ich mich recht erinnere. Diese scheint in einem meiner späteren Studentenzimmer oder auf einem Umzug in wohlverdiente Scherbenrente gegangen zu sein.

Nun, nach dem ältesten das jüngste Tassenfamilienmitglied: dieses hier.

Sie gehört zwar nicht mir, sondern ist ein Geburtstagsgeschenk an den Sohn zum Siebzehnten, aber erzählt doch unsere gemeinsame Geschichte. Ist er doch in Berlin-Pankow geboren. Und die Berliner U-Bahn-Schild-Optik gehörte lange – bis ich nach dem Abitur aus dem Haus ging – zu meinen alltäglichen Ostberliner Innenstadtwegen.

Mit Berlin sind weitere Tassen verbunden. Diese hier etwa stammen von der letzten Stufenfahrt, welche ich begleitete.

Mit vier zehnten Klassen und acht Kolleg*innen waren wir für eine Woche in Berlin. Das Hostel verschenkte in allen Betreuerzimmern diese Tassen. Warum nicht, dachte ich, und steckte sie ein. So wie die zweier Kollegen, die ihre nicht haben wollten. (Vermutlich führen sie in ihren Haushalten ordentlichere Tassenschränke:))

Auch diese beiden sind von einer Berlin-Stufenfahrt mit zu mir gekommen. Es war meine erste, etwa vor zehn Jahren mag es gewesen sein.

War das meine erste Alleinreise ohne die Kinder? Was waren sie damals klein …
Vermutlich haben sie mir mehr gefehlt als ich ihnen. Jedenfalls brachte ich ihnen diese Tassen von meinem „Ausflug“ mit.

Aus ähnlicher Zeit stammt diese hier.

Angeknabbert, aber immer noch in Gebrauch. Im Gegensatz zu ihren drei verschwundenen Schwestern. Denn vier von ihnen schenkte man uns damals, in einem Pfingsturlaub in den mittelitalienischen Bergen. Es regnete nahezu durchgängig und aus Kannen, so dass der Agriturismo-Wirt sich Sorgen um unsere Stimmung machte und allerlei Programmpunkte vorschlug. Unter anderem einen Ausflug nach Rieti, wo uns eine befreundete Archäologin eine individuelle Führung durch die Ausgrabungen unter der Stadt gab. Ganz allein für uns erzählte sie, sogar so, dass die Kinder viel davon hatten. Es war spannend.
Zum Abschied schenkte sie uns vier Tassen. — Später schrieb diese Archäologin übrigens ein Kinderbuch über die Stadtgeschichte. Vorn in der Widmung werden unsere Kinder erwähnt:)

An eine meiner wichtigsten Alleinreisen – vor etwa acht Jahren an die Nordsee – erinnern mich immer wieder diese windschiefen Becher.

Genau genommen kam nur einer von ihnen im damaligen Gepäck mit heim. Der andere ist ein späterer Ersatz. Beide Kinder beweinten es nämlich sehr, als einer von beiden zerschellte. Und ich wollte meine Erinnerung an die damaligen stürmischen Winde ebenfalls gern in Tassenform aufbewahren.

Erinnerung an Orte, Erinnerung an Menschen – diese Tasse ist mir beides.

Sie war mein Abschiedsgeschenk, als ich nach x Jahren den Chorvorstandsvorsitz meines Studentenchores abgab. Das war schmerzhaft. Der Chor und seine Menschen war einer meiner Seelenorte in den damaligen Jahren. Umso teurer ist mir diese Tasse. Sichtbar be- und abgenutzt, von den Kindern, als sie kleiner waren, fast zu Bruch gespielt, darf sie in ihrer Versehrtheit dennoch weiter in meinem Schrank wohnen. Ganz hinten, denn benutzt wird sie kaum je noch. Stehen wird sie dort aber hoffentlich noch lange.

Viel heiler, obwohl in ähnlichem Alter, ist diese.

Sie stand die meisten Jahre in meinem Zimmer, nicht im Küchenschrank. Den Menschen dazu habe ich leider verloren. Jahrelang studierten wir zusammen Slavistik, gingen durch lustige und trübe Zeiten, waren uns sehr nah. Irgendwann war dies zu Ende.
Blau – dieses Blau – war ihre Lieblingsfarbe, sie verschenkte sie oft. Diese Tasse war ein Mitbringsel von einer ihrer Nordseereisen. Damit ich in den Herbstwinden, die damals auch das Innere meiner undichten Minidachwohnung nicht verschonten, wenigstens mit heißem Tee im Bauch studieren konnte.

Zum Einzug in diese Minidachwohnung – meine erste eigene übrigens, nach Wohnheimen und Untermietzimmern mit teilweise entwürdigenden Regeln und Besuchsbedingungen – schenkten mir andere damalige Freunde eine Reihe schrillhässlicher Weihnachtsmarkttassen.

Zum ersten eigenen Hausstand, sagten sie, weil das Nichtschöne, Zusammengewürfelte so gut zu uns allen passte. Wir lachten gemeinsam, während wir mitten in den Malerarbeiten, von oben betropft, unten in Farbklecksen watend, auf einer im Raum aufgestellten Kochplatte das erste heiße Getränk in meiner eigenen Wohnung zubereiteten. Kaffee? Tee? Keine Erinnerung mehr. Nur, wie gut es uns ging, mit uns und diesen schrillen Tassen.
Ach ja, und Teppich haben wir später noch verlegt. Der erste Fleck darauf stammte auch aus einer Weihnachtsmarkttasse. Rechts vor dem Bett, welches eigentlich nur eine Matratze war. Aber das ist eine andere Geschiche.
Die Wohnung habe ich längst wieder verlassen, mit den Freunden ist der Kontakt eingeschlafen. Das wäre etwas zum Wiederbeleben. Auch wenn wir vergangene Nähe vielleicht nicht zurückholen können? Die Tassen von damals jedenfalls sind irgendwohin weitergewandert. Diese beiden hier sind nämlich nur „Nachrücker“, viel jüngeren Datums. Eine vom Bad Wimpfener Weihnachtsmarkt, als wir diesen erstmals besuchten – da gab es schon den Sohn. Eine aus der Stadt vor den Toren unseres Dorfes, ein vermutlich noch sehr junges Exemplar. Manchmal verliere ich selbst den Überblick.

Eine richtige Schultasse findet sich im Schrank auch. Nach zwei Jahren Klassenlehrerschaft von einer meiner liebsten Klassen geschenkt.

Da stehen wir alle, es war am Wandertag, der über die Hügel zum Minigolfplatz führte. Wie klein sie alle waren, die, welche mir mittlerweile als hochgewachsene junge Frauen und Männer im Schulhaus begegnen. Irgendwann werde ich sie nur noch auf der Tasse sehen können.

Ach ja, und dann gibt es noch diese letzten beiden. Sie wohnen nicht in der Küche, sondern im Regal zwischen meinen Büchern.

Noch viel mehr davon gab es in der warmen Stube meiner Oma, in einem Möbelstück, das man damals Anrichte nannte. Darin stand das gute Geschirr, dasjenige für Feiertage und festlichen Besuch. Bei jedem schnelleren Laufen durch die Stube klirrte es im Schrank, und beim Spielen war sein Klirren ein Pegel dafür, wann wir zu heftig tobten. Alle Tassen haben unser Toben überlebt, und diese beiden haben es in meine Gegenwart geschafft.
Benutzt werden sie kaum – ist dieses „zu schade“ und „für gut“ meiner Oma in sie eingraviert? Sie stehen hier einfach und sind mir kostbar.

Nun, hier höre ich auf. Wie viele Geschichten ich im Schrank gefunden habe, hat mich selbst erstaunt …

 

 

Notizen aus einer ersten Schulwoche

Montag

Erste Schultage sind immer wie Wirbelstürme, wie Vulkanausbrüche. Nur in positiv. Eine ununterbrochene Kette an freudigen Umarmungen im Lehrerzimmer, ein sich sofort wieder auftürmender Berg an To-do’s, ein einziges Wirbeln, Organisieren, Besprechen, Kopieren, und zwischen all dem erste Unterrichtsstunden. Alle strahlen, selbst in den Klassen flattert gute Laune über die Tische, so ist das an einem ersten Schultag.

Und dann kommt der Abend, mit ihm unsere neuen 5er. 24 davon werden „meine“ sein. In der ersten halben Stunde lässt sich erkennen, was für ein Gesicht eine Klasse hat (oder haben wird). Heute wird dies schon sichtbar, als sie noch in der großen Halle auf den Bänken sitzen. Wie sie gebannt zuhören, zuschauen, wippend mitsingen. Wie sie dann mit strahlenden Augen und ausgestreckten Armen auf uns zukommen. „Dass wir eine coole Klasse werden“, schreibt ein Junge auf seinen Wunschzettel, der kurz darauf mit einem von vielen Luftballons gen Himmel steigt. „Könnte klappen“, denke ich, als ich es lese. Jedenfalls lachen wir in unserer ersten Stunde schon gemeinsam, ein sehr gutes Zeichen. Wir planen für’s Landheim ein Fußballturnier, und für später eine Klassenfahrradtour. Aber zunächst werden wir zusammen eine intensive erste Schulwoche haben. „Bis morgen, ich freu mich auf Euch!“

Dienstag

Ich hatte ganz vergessen, wie intensiv das ist, einen Vormittag lang mit so vielen jungen Menschen in dichtem Kontakt zu sein. Wieviel an Hin-und-Her, an Worten, Augenblicken, Lächeln und Emotionen es da gibt.

Die Kleinen, wie sie am Morgen flitzebogen-gespannt in ihren ersten Schultag kommen, um alles alles alles gierig aufzusaugen. Die 6er, sich nach den Ferien plötzlich wie alte Hasen anfühlend, die ganz selbstverständlich ihre Wiederholungsaufgaben bearbeiten und auch, als ich zwischendurch immer wieder wegmuss zu den Kleinen, selbstständig weitermachen, als bräuchten sie mich gar nicht. Meine neuen Mathe-7er, wie sie in einer Mischung aus kindlicher Entdeckerfreude und pubertär-beäugendem Abwarten durch unsere erste gemeinsame, sondierende Stunde gehen und mir sogleich beibringen, dass ich, da wir unsere Stunden jeweils am Ende des Schulvormittags haben, mir durchaus manches werde einfallen lassen müssen, damit die müden Köpfe sich auch um 12.45 noch auf Mathematik einlassen können. Och, ich hab da immer viele viele Ideen, und ich freu mich drauf.

Alles ist im Guten im Moment, eher beschenkend als zehrend, denke ich. Und doch spüre ich am Spätnachmittag, als ich – nach Besprechung und Konferenz – endlich nach Hause komme, dass ich meinen Kraftvorrat für heute offenbar verbraucht habe. Da geht kein Stillsitzen, kein vertieftes Celloüben, kein Kontakt mit Worten oder Gesten mehr. Ich sitze zu Hause und starre in die Luft.

Hierfür werde ich Wege finden müssen. Für das Leben mit der täglichen Erschöpfung. Denn Schule ist zwar beglückend. Aber vereinbar mit all den Bereichen, in denen ich auch sonst noch intensiv lebe, ist sie nicht. Jedenfalls nicht, wenn sie in so gedrängter Form daherkommt wie heute.

Mittwoch

Offenbar unterrichte ich dieses Schuljahr nur Lieblingsklassen – heute lerne ich die letzte kennen. Wieviel Wachheit und Neugierde da vor mir sitzt, es ist unglaublich. Schon wieder ist alles voller Vorfreude, auf beiden Seiten. Und wenn ich schon einen solch begeisterten Jahrgang vor mir habe, wäre es an der Zeit, endlich einige meiner jahrelang benutzten Zugänge und Materialien umzuarbeiten, mit neuen Ideen zu verweben, mir schießen sie nur so in den Kopf in diesen ersten Stunden. Ich hämmere sie schnell in die Tastatur, damit sie sich nicht wieder aus dem Staub machen.

Es folgt ein dritter Konferenznachmittag, wir hängen schon ein wenig auf den Stühlen, es ist viel in dieser ersten Woche. Die Fachschaftsleitung hat sich um Essen, Trinken, Gutes auf den Tischen gekümmert, das hilft. Ab nächstem Mal also – wie ich in diesen Tagen erfahren habe:) – werde ich es sein, die die Dinge auf den Tischen organisiert. Und nicht nur die. Ab bald nämlich „habe ich“ eine Fachschaftsleitung, wie unerwartet. Ich notiere fleißiger als sonst alles mit, um einen ersten Überblick zu gewinnen, Mathe ist ein Riesenfach mit vielen Baustellen. Ausbau unseres Förderkonzepts für die Unterstufe, Optimierung der Kursstufen-Zusatzangebote, Schaffen einer Schüler-helfen-Schüler-Struktur, kollegiale Hospitationen, Vereinheitlichung von Wiederholungsritualen über die Schuljahre hinweg, Umgang mit den Ergebnissen der Diagnosearbeiten, Abgleich all unserer Wettbewerbsaktivitäten, außerschulische Angebote – welche nehmen wir wahr?, Materialbestellungen für’s restliche Geld, Taschenrechnersituation, Fortbildungsplanung, wer erstellt die nächste Abituraufgabe?, und wer das Curriculum für 9/10? Und dann fragt jemand: Wie geht es der kranken Kollegin. Nicht gut, hören wir. – Wie dankbar wir plötzlich werden, hier bei 30 Grad am Spätnachmittag sitzen zu dürfen, gesund. Wenigstens eine Karte, ein Päckchen können wir ihr immer wieder schicken.

Donnerstag

Mein letzter Unterrichtstag der Woche. Schulhausrallye der Kleinen – während sie durch die Flure flitzen, beobachte ich sie, wer geht mit wem wie um – nebenher versuche ich, ihre Namen zu lernen. Drei neue Klassen, 80 neue Namen habe ich dieses Jahr. Und mein Kopf wird ja nicht jünger:) Am Ende der Rallyestunde räumen wir vom Stuhlkreis zur Tischordnung um, die Einführungstage sollen allmählich in einen normalen Schulalltag münden, ich sage noch „Tschüss bis Montag“, denn ab jetzt lernen sie nach und nach ihre anderen LehrerInnen kennen.

Meine letzte Stunde der Woche, es ist immer noch heiß im Schulhaus, und alles was vor den Ferien war haben wir immer noch vergessen, und ob man bei Frau Rebis Hausaufgaben und Sachen vergessen darf, haben wir hiermit gleich mal ausprobiert, und dieser Hä-ich-kann-mich-gar-nicht-erinnern-Blick ist doch zu niedlich. (Das schreibe ich natürlich nur hier: Den 13jährigen sage ich dies lieber nicht ins Gesicht:))

13 Uhr, Feierabend. Klingt gut, oder? – Auf meinem Arbeitszeitzähler haben sich in vier Tagen 43 Stunden angesammelt. Den Rest des Tages hänge ich im wesentlichen zu Hause herum. Ich bin müde, nur müde. Verständlicherweise.

Freitag

Home Office. Das Sofa ist allerdings magnetisch. Selbst Haushaltsarbeit hat heute riesige anziehende Wirkung auf mich. Und als ich mich dann endlich zum Schreibtisch begeben will, verweigert sich der Computer. Na danke, dies ist genau der richtige Zeitpunkt dafür. Also den Lieblingsspezialisten anrufen, der mich dankenswerterweise in seinen Nachmittagsplan einbauen kann, es läuft dann wieder provisorisch, und nächste Woche baut er richtig daran herum.

Meine Schulaktivitäten jedenfalls sind für heute torpediert, ich schleppe also manches mit ins Wochenende, was ich heute fertig haben wollte, menno.

Wochenende

Klassenlisten, Organisationsmails, Jahresplanungen, Absprachen mit den parallel unterrichtenden Kolleginnen, Vorbereitungen für Montag und Dienstag, Vertretungen sehe ich auch noch auf meinem Plan … All das schiebt sich zwischen mein Familienwochenende.

Nu ja, die erste Woche war schon immer so dicht. Es ist schwer, in diesem Treiben auch nur ein Zipfelchen der Stille, der gerade erst gewesenen, in mir zu finden. Der Kopf ist so voller Wirbeln, beim Einschlafen, beim Aufwachen, beim Cellospielen, selbst jetzt beim Schreiben befinde ich mich in einer Art Parallelspur. Ich werde mich – wie immer – sehr darum bemühen müssen, einen gangbaren Weg durch den Schulalltag zu finden. Damit mir auch außerhalb des Klassenzimmers wache Momente bleiben, damit ich mich zwischen all der Anstrengung immer wieder erden kann.

Mit diesem Satz geht’s jetzt in die zweite Schulwoche …

im Februar

Wann immer ich zum Monatsende hin – meist wird es ja ein paar Tage später – mein buntes Blatt hernehme, auf welchem sich in verschiedenen Tagesfarben angesammelt hat, was der Monat an Fülle bereithielt, suche ich zunächst nach dem Grundgefühl, der Grundfarbe, welche den Monat ausmachte.
Immer schon taucht bei diesem Rücktasten gleich zuvorderst das Engegefühl auf, welches meine viele Arbeit in mir auslöst. Dies Monat für Monat extra noch zu erwähnen, scheue ich fast schon, es zieht sich ja offenbar als Konstante durch meinen Alltag.
In den letzten Monaten – oder sind auch dies schon Jahre? – kommt wie ein roter Faden das Schlingern in seelischen Achterbahnfahrten hinzu, immer wieder, immer noch, mal mehr, mal weniger.
Nicht anders ist es in diesem Februar. Im Januar hatte ich mich weit aus meiner Mitte werfen lassen, im Februar torkele ich noch immer mit beträchtlicher Amplitude – glücklicherweise schenkt der Monat einigen Freiraum, auch zeitlicher Art, in welchem ich wieder anfangen kann zu atmen.
*
Riesig – und im Alltag kaum zu erfüllen – ist immer wieder mein Bedürfnis nach Alleinzeiten. Rückzug von der Welt in eine selbstbestimmte Stille hinein ist mir so nötig wie dem Fisch das Wasser, um Heilung zu finden für das, was in mir wundgeschürft ist.
Darum kommt mir das erste (korrektur)freie Wochenende des Jahres gerade zur rechten Zeit, darum bin ich dankbar, dass ich mich während der Skireise zuweilen allein auf weite Schneespaziergänge begeben kann, darum atme ich während meiner kleinen Winterradtour – ich schrieb davon – endlich wieder einige Quäntchen Zuversicht, darum beginne ich schon jetzt, aus vagen (Rad)Reise-Ideen für Pfingst- und Sommerferien konkretere Routen zu gießen. Allein die Vorfreude hellt mich auf.
Es kommt wieder innere und äußere Bewegung in meine Tage, und dass der Monat sich mit bis zu zweistelligen Minusgraden verabschiedet, hält mich nicht davon ab, von nun an wieder mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.

Wie gut sich das anfühlt.

*
Etwas in mir richtet mich auf, als zöge ein Marionettenfaden an meinem Hinterkopf. Ich kann den Kopf wieder wenden, mich umschauen und nach kleinen Begegnungen tasten. Die Schnecke verlässt ihr Haus.
Andere Eltern am Rande von Schulveranstaltungen, Kolleg*innen bei einem Kneipenabend, eine Lieblingskollegin während eines Ausflugs, Nachbarn auf der Straße – ich schaffe wieder Worte auszutauschen.
Mehr und mehr allerdings werde ich allergisch gegen Small talk, mische mich nur noch ins Gespräch, wenn es nicht um Banales geht. Und siehe da: Ich habe es selbst in der Hand, spüre ich in diesem Monat oft. Ich selbst bin es, die einem Gespräch Gewicht geben kann. Oder die – falls dies partout nicht gelingt – es verlässt.
Mein Schreiben ist noch immer eingerostet, ich presse Wort um Wort heraus, es fühlt sich zäh und falsch an. Dennoch verlassen ein paar Texte, Karten, Mails, Briefe meine Feder – „eingerostet“ ist offenbar relativ:)

Mein Fotoauge schläft. So ist es eben.

*
In der Schule steht uns mehr als in den letzten Monaten unsere verfahrene Klassensituation vor Augen. Erschöpfung und Tränen bei der Cokollegin und mir, was der Schulleitung nicht verborgen bleibt, woraufhin wir stärkste Rückendeckung und konkrete Unterstützungsangebote bekommen. Wir nehmen alles an, und dennoch fühlt es sich mies an, diesen Kindern einfach nicht gerecht werden zu können. Während der Ferien lässt mich das Thema kaum los, im Schnee stapfend, formen sich in mir neue Ideen: was wir noch alles tun könnten. Stopp, sagt die Schulleitung, Eure Kräfte, Eure Gesundheit. Wo sie Recht haben, haben sie Recht.
Wie froh bin ich im Moment, noch viele andere Klassen zu unterrichten. Dort ist vieles rund und stimmig – einschließlich zahlreicher Gespräche auf dem Elternsprechtag – dort blühe ich auf.
Neue Referendare kommen an die Schule, einige Stunden wird bei mir hospitiert, ich bekomme wertvolle Rückmeldungen. Darunter eine – hach – auf die ich vielleicht 20 Jahre gewartet habe:) Jedenfalls habe ich dies damals bei meiner Mentorin im Referendariat so gesehen, bewundert und mir als Ziel für meinen Weg gesetzt – und jetzt gibt der junge Mann mir einfach ungefragt genau dieses Spiegelbild. Ich weiß noch gar nicht, ob ich ihm glauben darf:)
Mit meinem „eigenen“ Referendar beginnt eine intensive Arbeitsphase, ich erzähle hier lieber nichts, denn es ist ein wenig kompliziert.
Mit einer Handvoll Kolleg*innen initiieren wir eine schulinterne Arbeitsgruppe KUH (Kollegiale Unterrichtshospitation) und machen in einer langabendlichen Sitzung gleich Nägel mit Köpfen.
Erstmals im Leben habe ich Aufsicht bei einer VERA8-Englisch-Vergleichsarbeit, und das erwähne ich hier nur, weil ich sooo aufgeregt bin, ob ich mit den Audiodateien und dem Vorlesen der Anweisungen zurechtkomme:) Mein Cochef kann sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, wie ich da plötzlich mit dem Flattern einer Berufsanfängerin vor ihm stehe.
Der jährliche Mathe-Unitag führt die Kollegin und mich in Erinnerungsgefilde, wir kennen kaum noch Professor*innennamen und fühlen uns folglich alt, während es einfach – wie immer – wunderbar ist, den vielen Schulteams in den Riesenhörsälen beim Knobeln, Basteln, Forschen, Grübeln und Wettstreiten zuzusehen.
*
Auch die Tochter hat es in unser Schulteam hineingeschafft und muss dabei – wie früher schon der Sohn – mich als Lehrerinbegleitung verkraften. Sonst haben wir auf dem Schulflur ja nie direkt miteinander zu tun. Sie überlebt es;-)
Hach, sie wird groß. Erstmals im Leben kann ich sie allein „Klamottenshoppen“ schicken – in Anführungszeichen, weil dies ihr Begriff ist. Auch wenn es sich nur um klar definierte Mengen an Unterwäsche, Socken und Shirts handelt – sie fühlt sich stolz. Und ich bin erleichtert, wieder eine nervige Aufgabe losgeworden zu sein. Zur Unterstufenparty schminkt sie sich und kehrt später verschwitzt, mit tanzwunden Füßen und glücklich zurück.
In der Schule gibt es die Halbjahresinformation und rundherum einige Wochen Sparflamme, was ihr sehr gut tut.
Mit dem Orchester fährt sie zu den jährlichen Probentagen nach Weikersheim, mit ihrem Trio und auf einem Kammermusikabend der Schule tritt sie auf, ihre Wettbewerbsstücke aber lässt sie in maximaler Gelassenheit ruhen. Bis Mitte März sind ja noch mehrere Monate Zeit;-)
Während sie das Zusammenspiel mit ihrem Klavierpartner als immer anstrengender empfindet, seufzt sie plötzlich laut heraus, wie sehr sie ihren Bruder vermisst, und dass hoffentlich nächstes Jahr er wieder mit ihr spielt. Als er darauf spontan per WhatsApp Gleiches äußert – hach, das freut und wämt. Ja, der Bruder fehlt ihr, wer hätte das vor einem Jahr gedacht:)
Ob wir diesem auch fehlen, bezweifle ich. So genau aber weiß ich es nicht, denn wir kommunizieren über knappe organisierende WhatsApps hinaus kaum. Seine Stimmung, Sehnsüchte, Sorgen bleiben bei ihm und seinen dortigen Menschen, und ich staune selbst, wie stimmig sich das für mich anfühlt. Gäbe es Gravierendes, wären wir ja da.
Seine Wege führen ihn jedenfalls weit herum: Zur Klassenfahrt fährt er nach Neapel, bald geht es zum Jugend-musiziert-Landeswettbewerb nach Istanbul (ja, seltsam, aber so ist das an den deutschen Auslandsschulen organisiert), und parallel organisiert er sich einen inneritalienischen Kurzzeitaustausch nach Sizilien. Nebenher bewirbt er sich für einen Musikwettbewerb und ein Mailänder Musikfestival – wir werden aus der Ferne bei der Wahl der Bewerbungsfotos und -videos zu Rate gezogen -, und ich glaube, zur Schule geht er dort auch noch;-)
Gleichzeitig besuche ich hier auf Elternseite einen Informationselternabend für die Kursstufe, seine Kurswahl muss er demnächst aus der Ferne durchführen. Mit den Miteltern schauen wir uns an: War es nicht erst gestern, dass wir zuammen Kindergartensommerfeste organisierten? Abitur 2020 also, sie werden so schnell groß.
*
Was noch? Die Musik. … Immer häufiger schreibe ich von ihr in diesem Rückblick an letzter Stelle. Weil sich hier das Unsagbare und das tausendfach Nochzusagende die Hand geben, weil mich drängt, von dieser meiner zentralen Lebendigkeitsquelle zu erzählen, und mir dann doch die Worte fehlen.
Über Lieder, die ich hörte – ich werde darüber noch schreiben – , und über die, die ich selbst sang – erstaunlich: meine Stimme kann es noch:) – , über ein Zurückgeworfenwerden in meine musikalische Heimat mit ihrem Tanzen, und über mein Weitergehen in der jetzigen Cellogeborgenheit. Über inniges Zusammentreffen in meinen Unterichtsstunden, und über daraus erwachsendes Erkennen. Etwa – und das ist nur eines von vielem – dass ich meine Lagenwechsel auf dem Griffbrett nicht als ängstliches und angestrengtes Müssen, als notwendiges Übel zwischen die Töne pressen darf, sondern dass erst sie den Gesang formen, dass ich sie als ein Wollen, ein freudiges Tanzen begreifen darf. Wieder einmal braucht es ein Ja. Wie im Leben.
Ach je, das versteht ja nun doch niemand …

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ich weiß, dass Wittgenstein es nicht so meinte. Jedenfalls hatte er nicht die Musik im Sinn. Ich lasse diesen letzten Satz dennoch stehen.

im Januar

Was für ein dichtgedrängter Monat, was für eine kaum wegzuatmende Intensität auf so vielen Ebenen. Wie gut, dass ich in den Jahreswechselferien Stille und Gelassenheit tanke, wie gut, dass der Februar zunächst gelassener beginnt – die schwingendste Schaukel braucht Ruhepole, an denen sie aufgehängt ist. So wie wir in der Silvesternacht am Feuer sitzen und uns inmitten der lärmenden Böllerei an seiner Stille freuen, so gehe ich in diesem Monat durch mein Leben. Es tost, und ich suche mir Ruheinseln, auf die ich meinen Fokus richte. Einige Wochenendtage bleiben wohltuend terminfrei, einmal fahre ich zum Korrigieren in die Stadtbücherei, um meine Rotstifteinsamkeit in deren Atmosphäre zu besänftigen, und wann immer es der Stundenplan erlaubt, gehe ich zu frühen und anderen unkonventionellen Zeiten schlafen, wenn es sich danach anfühlt.
Ein Novum: durch eigens besorgten Gehörschutz kümmere ich mich um meine Ohren, die an der Schnittstelle zwischen äußerer und innerer (Un)Ruhe zunehmend um Hilfe flehen.
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Wie immer ist der Januar Korrekturmonat. Dieses Jahr aber habe ich es übertrieben, habe den Fehler begangen, sechs Klassenarbeiten in diesen kurzen Monat zu legen. 160 Korrekturen und 160 Zeugnisnoten in einer Dreiwochenfrist ist zu viel (was ich mir für’s nächste Jahr merken sollte, die Verteilung der Arbeiten kann ich ja mitentscheiden). Ich korrigiere und korrigiere also, 23 Tage in Folge.
Dazu ist Konferenzzeit, Sitzungen, Absprachen.
Unsere schwierige Klassensituation spitzt sich durch ungute Kommunikation mit Eltern zu, auch die beste Mitklassenlehrerin der Welt hat schlaflose Nächte, wir richten uns gegenseitig auf, kaufen uns Blumen, brechen aber vor der Schulleitung in Tränen aus. Nun bekommen wir Hilfe, und Rückenstärkung sowieso, aber nun: es ist eine vertrackte, nicht zu lösende Situation.
Die neuen Referendare kommen an die Schule, einer ist „meiner“ und will in die ersten Schritte des Lehrerseins eingeführt werden.
Am anderen Dienstort gebe ich nach der letzten Amtshandlung den Schlüssel ab (und eine zwischenmenschliche Begegnung während dieses Termins zeigt mir ein weiteres Mal, wie richtig es war, dort wegzugehen).
Ach ja, und zwischendurch unterrichte ich noch.
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Daneben ist der Monat wie immer musikgefüllt, beide Kinder bereiten sich auf „Jugend musiziert“ vor – ja, auch in Mailand gibt es das -, und beide spielen sich in die nächste Runde. Während die Tochter hier im Ländle verreisen wird, darf der Sohn dafür nach Istanbul fliegen, na, schon dafür hat es sich gelohnt.
Was mich aber – bei aller Freude an der Musik, die sie mit ihren jeweiligen Ensemblepartnern gestalten – noch mehr beglückt: Beide sprechen deutlich aus, wie sehr sie sich darauf freuen, nächstes Jahr wieder zusammen zu spielen. Das haben wir so deutlich von ihnen auch noch nicht gehört:)
Ansonsten scheint es dem Sohn an seinem neuen Lebensort blendend zu gehen, er hat in die Sprache hineingefunden und weitet seinen Aktionsradius aus, findet neue Freunde und neue Hobbys, reist im Land umher und bindet sich nur noch mit spärlichen Fäden ans Hiesige.
Unsere Gasttochter führt verglichen damit ein ruhiges, fast schon zurückgezogenes Schul- und sonstiges Leben, ist – bis auf ein Camp der Austauschorganisation – kaum unterwegs, trifft sich nur hin und wieder mit Mitschülerinnen und ist noch auf der Suche nach ihrem inneren Ort während dieses Jahres. Wir tasten weiter, ob wir ihr dabei irgendwie helfen können.
Zwischen den beiden Großen blüht die kleine Schwester auf, wirft Haare und Klamotten immer pubertierender um sich, versinkt im Chaos ihres Zimmers (einmal darf das hier so deutlich gesagt werden;-)) und tanzt dabei auf Lebensfreudewellen durch ihre Tage.
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Vor allem in den Ferien zu Monatsbeginn haben wir mehr als im Alltag Besuch im Haus, befreundete Familien, die ehemalige Klavierlehrerin der Kinder, Nachbarn und eine italienische Studentin.
Dazu treffen wir die Gastfamilie des Sohnes, welche traditionell in einem der Nachbardörfer ihr Silvester verbringen – eine lange Geschichte voller unglaublicher Zufälle. Den Sohn haben sie für diese Deutschland-Kurzreise nicht mitgebracht, das wollte weder er noch wir. Wir bekommen aber viel über ihn erzählt und spüren, was wir aus der Ferne schon vermuteten: Wie wunderbar er es in dieser Familie getroffen hat.
Und übrigens: Während der Begegnung teste ich erfolgreich, dass ich mich auf Italienisch bereits ein wenig verständigen kann, sogar über den Kaffee-Smalltalk hinaus in wirkliche Themen hinein. Nach einigen Monaten Italienischlernen im Selbststudium ermutigt das ungemein, so dass ich umgehend einen Sprachkurs ab März buche, damit die Kommunikation im Sommer dann noch glatter geht:)
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Mein Cello begleitet durch all das. Wie konnte ich all die Jahre ohne dieses Instrument leben?
Täglich wird es reicher und beglückender. Der Zauber des Anfangs – welcher jetzt genau ein Jahr zurück liegt – ist mitnichten verflogen, im Gegenteil. In den Unterrichtsstunden fühle ich mich geborgen im gemeinsamen Musikerleben, es ist warm und intensiv, und manchmal gelingt mir dort, unter der Hand der Lehrerin, was ich zu Hause beim Üben noch als große Unzufriedenheit erlebte. Darüber sprechen wir auch: wie gehe ich mit mir um, wie sehe ich mich selbst, wie erlebe ich mich, wie schaffe ich es mich anzunehmen und meine Töne schön zu finden. Am Instrument gehe ich hierbei Schritt um Schritt weiter, und vielleicht lassen sich solche Schritte auch in meine Lebensdinge hinüberbringen?
Zeichen meines Weitergehens ist jedenfalls auch ein neuer Cellobogen. Als ich den Cellobauer wegen des Kratzen und Knarren des alten befrage, vermutet der, ich sei für den einfachen „zu weit“, wie er sagt, worauf ich einen anderen (besseren? teureren? ich frage nicht nach:)) bekomme. Der neue Bogen jedenfalls bringt sanftere, weichere Töne und Übergänge, mit ihm lassen sich plötzlich Phrasen auf eine Weise gestalten, an der ich mich bisher vergebens abmühte. — Das bräuchte man ja manchmal auch für’s Leben, so einen neuen Bogen …
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Nun, auch wenn ich es in diesem Monat so gut wie nie nach draußen schaffe, keine Rundwege ums Dorf gehe, mich nicht mit meinem Baum treffe … hm … was natürlich auf lange Sicht so nicht sein darf … bleibe ich innerlich bei mir.
Die leise juchzende Lebensfreude, die Stille, das Innehalten des ersten Januarmorgens tragen durch den ganzen Monat, ich staune selbst.

Danke an ein reiches Jahr

Meine Ferien gehen ebenso wie die Raunächte dem Ende zu, und damit die stille Zeit, in der ich im gerade noch vergehenden Jahr umherstreife, mich in Gedanken und Bildern zurückversetze, durch Kalender und Tagebücher blättere und das Jahr kaleidoskopartig noch einmal zu mir zurückkehren lasse.
Unglaublich, welch Fülle und Überfülle sich vor mir ausbreitet. Ich staune.

Wie dankbar ich bin, dass ich mein prallvolles Leben – bei aller zeitlichen Enge – als unendlich weit wahrnehme. Danke, dass ich gesund bleiben durfte. Danke für meine Dankbarkeit.

Danke für meine inneren Schritte dieses Jahres, es waren nicht wenige, sie waren nicht klein …
… in mancher Hinsicht ist Gelassenheit und Versonnenheit, eine Sanftheit gar eingezogen …
… zu einigen meiner Bedürfnisse vermochte ich besser hinzuspüren, begann, mich ihrer anzunehmen …
… kleine mutige Schritte ging ich beim Ziehen meiner eigenen Grenzen …
… und der „gute Ort“ in mir, mein innerer Tempel, oder wie auch immer ich dieses Zentrum des ureigenen Friedens benenne, war mir zuweilen gut spürbar und präsent.

Danke für all die Momente, Orte und Dinge, die mir dabei geholfen zu haben, weiter zu mir zu finden …
… die kleine neue Feuerschale im Garten …
… die Wege rund um unser Dorf …
… Stifte und Papier (und Tastatur natürlich:)) …
… Bücher, Kerzen, Kamera, all das …
… zuweilen das Nichts, mit dem es sich wunderbar beieinander sitzen lässt …
… und – natürlich – mein Cello.

Ja, danke in ganz besonders tiefer Weise für mein Cello, welches sich mir in diesem Jahr geschenkt hat …
… für die Musik, die es täglich zu mir bringt und durch die ich mich und das Singen in mir auf intensivste Weise erlebe …
… für die wunderbare Lehrerin, die mich dabei sanft an die Hand nimmt …
… für all die Spiegel, all die Lebenslehren, die ich täglich durch dieses Instrument aufgezeigt bekomme …
… für die Geduld, die gefordert ist, und für die große Chance, meine eigene Musik lieben zu lernen.

Danke für überhaupt jede Musik, die mein Leben bereichert …
… für das Musizieren der Kinder – wie sehr es zu meinem Alltag gehört, spüre ich, seitdem der Sohn nicht mehr vor unseren Ohren, sondern in der Ferne übt – wie still unser Haus geworden ist …
… apropos Ferne: für seine dortige Lehrerin, die zu ihm passt wie der hiesige – was für ein Glück …
… für die Celloschritte der Tochter, die in ihren verschiedenen Ensembles immer schöner und inniger spielt …
… und besonders für die Freundschaften, die beide Kinder durch ihr gemeinsames Musikerleben mit Gleichaltrigen gewinnen.

Danke für mein Leben mit den Kindern, immer und immer wieder …
… für ihr Reifen und Wachsen vor meinen Augen, in diesem Jahr ja besonders sichtbar, als der Sohn zu seinem Italienjahr aufbrach und dort nun seine eigenen Wege sucht, in den Händen und Herzen einer wundervollen Familie gelandet …
… dafür, dass unser Band dennoch hält und trägt, auch ohne tägliche Alltagsnähe …
… für all die Erfahrungen, die auch für mich mit diesem Loslöseprozess, mit unserem Abschied von der Kindheit verbunden sind …
… für alles, was die Kinder in mein Leben hineintragen: ihre Offenheit, ihr unverstelltes Sein, ihre Empathie, ihre Kreativität, ihr Leuchten, und dazu ihre wachsende Selbstständigkeit – das alles ist alltägliches Geschenk …
… für unser Zusammenleben mit der Gasttochter, für all die bereichernden spannenden neuen Aspekte unseres Familienalltags.

Danke für Begegnungen mit Menschen, für meine Familie, für unsere Freundinnen und Freunde …
… für neue Menschen, mit denen ich in diesem Jahr Nähe gefunden habe …
… für lange Tage und Abende voller Nahrung hier an unserem Tisch oder an den Tischen befreundeter Familien …
… für kleine und große funkelnde Alltagskontakte, im Dorf, im Schulumfeld, in den Kreisen der Kinder …
… und für die eine oder andere schwierige Kommunikationssituation auch, in der ich eine Übechance hatte, das, was nicht zu mir gehört, bei der oder dem anderen zu belassen.

Danke für meine Schule, meinen Arbeitsort mit der so offenen Atmosphäre, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann …
… für all die Klassen, die mir immer wieder ans Herz wachsen, und für die täglichen Apfelbäumchen-Situationen, die dieser Beruf schenkt (und dafür, dass ich mir dessen bewusst bin, bei aller Bedrängnis, der man im Schulsystem alltäglich ausgesetzt ist) …
… für meine Schulleitung und mein Kollegium, in dem es warm und geborgen ist (und sich trotzdem nicht nach Kuschelkurs anfühlt), in dem zuweilen Ideen, Visionen und Träume reifen – und konkretisiert werden …
… für meinen Abschied vom zweiten Dienstort, inklusive innerem Frieden mit dieser Entscheidung.

Danke für mein Unterwegssein …
… für unsere große Tochterradreise nach Berlin, für meine Pfingstrunde, für all die kleineren Radwege …
… für eine riesige New-York-Reise und nicht ganz so riesige Italien- und Deutschland-Urlaube …
… für die Wege rund um mein Dorf, zu meinem Baum und um ihn herum und weiter hinauf …
… und für ruhige Ferientage hier im Haus.

Und danke für die Alltagszeiten …
… für die Versöhnlichkeit, die ich gegenüber meinen Alltagsbergen gewonnen habe, für eine sanfte Ruhe und eine Tempoverringerung in allem Viel-bleibt-viel …
… für ein wenig Umlenken des Fokus vom To-do- auf ein Done-Gefühl, welches zuweilen gelingt – und dass ich es so oft thematisiere, auch hier im Blog ja, dies ist vielleicht mein Weg, damit umzugehen, mich damit zu arrangieren, jedes Jahr ein Stückchen mehr?

Danke – nicht zuletzt – für all das, was in diesem Jahr fehlt und fehlte …
… für die Freundin, an deren Grab wir in diesem Frühjahr standen – für die Erinnerung an alles, was wir teilten …
… für Menschen, zu denen mir in diesem Jahr einen Faden zu knüpfen (wieder) nicht gelang – für die Aufgaben, die sich mir damit beim Weitergehen stellen …
… für das, was ich versäumte, was ich bereue, was ich schlicht vergaß zu tun – eine lange Liste bleibt für den weiteren Weg.

Eine Liste, ein Weg voller Aufgaben, die nur zum Teil mein aktives Zutun benötigen. Alles andere fordert zum Bereitsein auf, so wie ich schon die letzten Jahre schrieb:

Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

im Dezember

(Offenbar ist diese Form des Monatsrückblicks nicht mehr ganz meine, wenn ich mehrere Tage lang um sie herumschleiche, letzten Monat ja auch schon, und wenn ich mich regelrecht überwinden muss, den Kalender durchzugehen, um das Geschehene zusammenzutragen. Ich bringe dieses Jahr nun trotzdem auf diese Weise zu Ende, und in einem Monat schaue ich, ob sich diese Form halten wird, sich in eine andere verwandelt oder möglicherweise verschwindet …)

 

Ruhigen Schrittes durch einen Dezember zu kommen ist eine Kunst für sich. Offenbar aber habe ich mich in den letzten Jahren ausreichend darin geübt, denn es gelingt. Jedenfalls gemessen an dem Wirbel, der ringsum tobt, gehen wir gelassen durch unsere Dezemberwochen.
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Eine unserer langjährigen Traditionen dieses Monats, das Plätzchenbackwochenende mit der Freundin, findet erstmals ohne unsere großen Kinder statt. Dafür bauen wir mit mehreren Tochterfreundinnen zusammen seit langer Zeit wieder einmal Lebkuchenhäuser. Einige dieser Hausbausätze wandern in die Ferne, nach Italien und Slowenien beispielsweise, und kommen in Form von Fotos zu uns zurück, hach.
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Erstmals ohne den Sohn verbringen wir auch das Weihnachtsfest, was nicht so schwer wie erwartet fällt. Am Heiligabend senden wir ein paar Fotos und Videos hin und her – sie singen dort deutsche Lieder nach Smartphonetexten mit italienischem Akzent:) – und am zweiten Feiertag skypen wir kurz, um zu sehen, dass es allen sehr gut geht und der Sohn lediglich unter den riesigen Essensmengen leidet.
Schwieriger ist es für mich allerdings in den Wochen davor, als alle unsere Pakete partout nicht in Milano ankommen wollen und das Auffinden und Abholen in Depots zur großangelegten deutsch-italienischen Familiensache wird. Hierbei spüre ich mehr als deutlich, dass doch ganz schön viel Mutterherz in den verpackten Dingen steckt, und dass es auch dem Sohn unerwartet wichtig ist, diese Dinge zu bekommen.
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Natürlich ist es ein Monat mit viel Glühwein auf verschiedenen Weihnachtsmärkten und Freundesabenden, wir dürfen ein paar Mal durch den Schnee stapfen und gelegentlich auch durch Regenmatsch, die Menge der adventlichen Vorspiele und Weihnachtskonzerte ist drastisch reduziert, es sind – bei nur noch einem musizierenden Kind im Haus – nur drei, was ich als sehr erholsam empfinde.
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Wir feiern staunend und begeistert die Habilitation der Freundin, besuchen mit einer anderen Freundin Frankfurt und dort eine bewegende Ausstellung, zeigen uns mit einer dritten Freundin, dass sich auch in der Vorweihnachtszeit einfach so ein Abend zum Biertrinkengehen finden lässt und verbringen überhaupt viele Abende mit anderen Menschen zusammen, um gemeinsam zu essen, zu trinken, zu reden, zu träumen.
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Nach langer Zeit habe ich endlich wieder Cellounterricht und eine sehr innige Begegnung mit meiner Lehrerin. Es ist Geschenk, zu diesem Instrument – und zu ihr – gefunden zu haben, mein Leben ist reicher und erfüllter geworden. Auf der Rückfahrt von dieser Cellostunde weine ich im Auto vor Glück.
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In der Schule durchlaufe ich wie viele Kolleg*innen den monatstypischen Korrekturmarathon, entsprechend schreibt die Tochter eine Klassenarbeit nach der anderen. Das erschöpft alle Seiten, und als am 22. Dezember um 11 Uhr endlich die Schule aus ist, fallen wir alle ausgelaugt in eine Art Winterschlaf, oder jedenfalls in die schönsten Ferien des Jahres, in denen es – wie immer – ein paar Schlafanzugtage zwischen den Jahren gibt (die Gasttochter wird in diese innerfamiliäre Tradition eingeweiht und trägt sie mit Fassung:)).
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Im Tochterzimmer werden Legoberge verbaut (und zuvor sortiert – über weite Strecken von mir), von meinem Schreibtisch verschwinden für zwei Wochen sämtliche Schuldinge, so dass Platz für ein paar 1000er und 2000er Puzzle ist, die Spazierwege rund ums Dorf begrüßen uns nach teils mehrmonatiger Abwesenheit innig, und die Tage sind erfüllt von Stillephasen jeglicher Form und Farbe. Da sind Bücher und Tagebücher, Schreib- und Malstifte, Musik und Stille, Erinnerungen und Träume … und Wintersonnenwende- sowie Silvesterfeuer voller Hoffnung.
Wie intensiv und nahe bei mir ich in diesen Tagen immer bin. Wie wichtig es mir ist, dass das Jahr auf diese ruhige Weise ausklingen darf. Wie sehr ich wieder Kraft und Lebensfreude in mir finde.

 

Alltagsglück #3

Ein Tisch voller Schüsseln mit bunten Süßigkeiten. Viele kleine und größere Hände bauen mehrere Lebkuchenhäuser zusammen.

 

Still und leise ist es manchmal, das kleine Glück im Alltag. Ganz unspektakulär.

 

Rund un einem Tisch stehen sechs Mädchen und bauen vertieft an mehreren Lebkuchenhäusern.

 

Wie diese sechs Mädchen miteinander am Tisch werkeln, lachen und glucksen, sich gegenseitig wegen der Schiefheit ihrer Rohbauten aufziehen, zwischendurch aus Versehen kurz ein Schulthema anschneiden, es aber keinesfalls zu etwas Bedeutsamem werden lassen, dann wieder konzentriert weiterschöpfen, jede in ihrer eigenen Weise, wie sie sich gegenseitig bewundern, Ideen teilen und vor allem lachen, immer wieder lachen …

 

Ein Lebkuchenhand wird von einer kleinen Hand mit Gummibärchen und Eischnee verziert.

 

Und ich, ich darf aus der Küche lauschen, während ich stundenlang und ganz versonnen Klebemasse einrühre – mein rechter Arm tut noch immer weh:)

 

Ein Lebkuchenhaus mit Schornstein, mit Eischnee und Smarties beklebt.

 

Das kleine Glück steht in unserer Stube und baut Lebkuchenhäuser.

 

Fünf bunte Lebkuchenhäuser unterschiedlichsten Stils stehen auf einem Tisch aufgereiht.

 

 

Und als diese letztlich fertig stehen, da kommt es in anderen Formen, das kleine Glück.
Als gute Nachricht, dass er gesundet. (Und ich bald wieder Cellounterricht haben kann.)
Als Zusammensein mit Freunden, mit denen wir in ruhiger Vertrautheit am Tisch sitzen.
Als Fröhlichkeit der Tochter, weil sie nicht – wie so oft – einen Korb bekommt.
Als Hoffnungsschimmer, dass Sohnes Nikolaus- und Weihnachtspakete nun wohl doch noch bei ihm ankommen.
Als Lachsalve mit der Bonustochter.
Und nicht zuletzt als warme Freude darüber, dass das, was ich immer „Schneeballprinzip des Guten“ nenne, tatsächlich greift. In diesen Tagen bringt mehrmals direkt vor meinen Augen ein winziges Schneeflöckchen eine kleine oder große Lawine ins Rollen.

All dieses.
Ich jubele nicht. Ich freue mich still.

 

im November

Wenn ein Monat so dicht gepackt ist mit äußeren Aufgaben, mit inneren Prozessen, mit Unerwartetem, mit gesuchten und mit unfreiwilligen Begegnungen,
wenn der monatelange Talgang in einen vorläufigen Erschöpfungstiefpunkt mündet, an welchem es nötig – und plötzlich möglich – wird, sich zu wenden,
wenn diese Wendung in zunächst ganz bedächtigen Schritten beginnt und mehr denn je ein Eins-nach-dem-Anderen erforderlich macht,
wenn also dieses

Wenn ich stehe, dann stehe ich.
Wenn ich gehe, dann gehe ich.
Wenn ich sitze, dann sitze ich …

zum tastenden und aufbauenden Lebensprinzip wird, weil alles andere nicht mehr funktioniert,
dann haben die Tage plötzlich zwar wieder Lebbarkeit, aber doch zu wenige Stunden. Nämlich: Wenn alle täglichen Aufgaben in Ruhe getan sind, eines nach dem anderen, einschließlich dem notwendigen Schlaf, dann bleiben plötzlich Dinge liegen. Blogtexte wie zum Beispiel die Selbstverpflichtung, immer zum Monatsende ein berichtartiges Fazit für mich selbst zu ziehen.
Sicherlich aber habe ich diesen Monatstext auch deswegen so lange vor mir hergeschoben, weil ich nach einer Form des Erzählens suchte. Und nun doch spüre: Der Kern des Monatsgeschehens liegt in meinem Innern. Und zwar so tief innen, dass es für hier unerzählbar bleibt.
*
Da ich aber ein Mensch mit Vollständigkeitssyndrom bin (fragt nicht;-)), folgt nun doch noch ein wenig Bericht über die Novembertage, über meinen Fastlieblingsmonat nämlich. Unter anderem deshalb, weil ich ja ein Kind dieses Monats bin.
Dieses Jahr feiern wir in Lüneburg, wo wir noch die letzten Herbstferientage mit den Freunden verbringen. Ich schenke mir selbst Bücher über Bücher, was ja immer Welten über Welten bedeutet. Mal schauen, was mit diesen Welten für mein fünfzigstes Lebensjahr angebahnt ist.
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Nach Hause zurückgekehrt, erwarten uns frühlingshafte Temperaturen, wir grillen und sitzen draußen – an einem vierten November! -, während bald darauf unsere Weihnachtsbäckerei beginnt. Abrupter Zeitenwechsel.
Es fühlt sich tatsächlich als Frühstart an, weil die Lebkuchenhäuser nicht nur gebacken, geschnitten und verpackt werden müssen, sondern auch noch möglichst pünktlich (u.a.) in Italien und Slowenien ankommen sollen. (Der Plan geht letztlich nicht auf, weil DPD das Advents-Nikolaus-Päckchen vertrödelt, erst auf Nachfrage wiederfindet, es – nach einer kurzen Runde über Mailand – dann aber nicht dort ausliefert, sondern zu uns zurückschickt. Wo es bis heute nicht wieder angekommen ist. Der Sohn hat also keinerlei heimatgegenständlichen Advent, worüber ich vermutlich mehr schluchze als er.)
Wir kneten also und backen, die Gasttochter wird nebenher mit den Höhepunkten deutschen Weihnachtsliedertums – *hierbekanntenOhrwurmdenken* – vertraut gemacht, und ein erster Weihnachtsmarktbesuch steht an.
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Daneben besteht das Familienleben dieses Monats aus einigem zwischenmenschlichen Wirbeln – wir rütteln uns immer noch zurecht, so ein Zusammenleben wächst nicht in wenigen Wochen -, aus Angestrengtheit, weil wie immer in diesem Monat die Schulpensen groß sind, aus ein wenig Tochtermusik (wobei es ohne Sohn im Haus doch sehr, sehr ruhig in dieser Hinsicht geworden ist) und ein paar Kino-, Museums- und Ausflugsortsbesuchen.
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Die Schule fordert auch bei mir viel, ich lasse mehrere Berge Klassenarbeiten schreiben und befinde mich folglich tage-, nächte- und wochenendenlang in Symbiose mit meinem Rotstift.
Unsere Klassenleitungsaktivitäten sind in der Intensität, wie wir zu Schuljahresbeginn starteten, nicht aufrecht zu erhalten, stellen die Coklassenlehrerin und ich fest: wir hatten ein Tempo angeschlagen, das wir so nicht durchhalten können. Daher bleiben notwendige Dinge liegen, werden dringliche Situationen zunächst aufgeschoben, weil wir nicht mehr können. Es ist schwer, dies einsehen zu müssen. Im Grunde hätten wir Arbeit für mindestens fünf weitere Kolleg*innen, und wir haben nur vier Hände. Mal wieder möchten wir gern zaubern können.
*
Und um nicht mit dieser entmutigten Passage zu enden, setze ich noch ein wenig Musik hierher. Musik, die trägt, in diesem Monat mehr denn je, fanden sich doch Tage, an denen ich meine eigenen Töne plötzlich als Wohlklang erlebte. Wie durch Umlegen eines Schalters.
Und nun übe ich mich unter anderem an diesem hier …

im Oktober

Was für ein schnellverflossener Monat dies war. An seinem letzten Tag sitze ich in der Wohnung von eigentlich fremden Menschen, Freunden von Freunden, die uns ihren Lebensraum ausgeliehen haben, einfach so – welche Herzmenschen! – und suche in meiner Erinnerung, was der Monat an Konkretem mit sich brachte. Mein Kopf ist leer und erschöpft, und ich nehme den Kalender zu Hilfe. Viele, viele Eintragungen finde ich.
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Wir sind unterwegs. Zum Monatsbeginn in Thüringen, Erfurt, Weimar, Eisenach. Zur Monatsmitte mit ihrer fastsommerlichen Wärme auf dem Rad: Touren in die nähere Umgebung, gemeinsam oder allein. Zum Monatsende im Norden bei den Patenkindsfreunden, die wir so oft schon im Herbst besucht haben. Lüneburg, Hamburg, die Heide, die Elbe.
Zu unseren eigenen Reisen kommen italienische Bilder: Sohneswege rund um seinen neuen Wohnort, per Instagram und WhatsApp geteilt, lassen uns immer ein wenig mitreisen. Ans ligurische Meer, in die Dolomiten, in die Umgebung Mailands.
*
Dem Sohn geht es wohl gut, er scheint sich einzuleben, die Kontakte werden spärlicher, was wir als stimmiges Zeichen seiner allmählichen Ankunft im neuen Lebensraum lesen.
Die Gasttochter durchläuft vor unseren Augen ähnliches, sie geht Schritt für Schritt in ihr neues Leben, wir reichen ab und zu die Hand und bekommen dabei einen Spiegel. Was wir nicht alles für selbstverständlich gehalten hatten. Mit jedem neuen nahen Menschen erweitert sich der eigene Horizont.
Zwischen diesen beiden „großen“ Kindern beginnt die Tochter ihre neue Rolle zu suchen. Ihr Tonfall wird pubertierender, Tränen bleiben nicht aus, und ab und zu knallen Türen. Wir sind dabei, uns neu zurechtzurütteln.
*
Meine Schulzeiten sind heftige. Als hätte die Situation meiner Klasse nur darauf gewartet, dass ich meinen zweiten Dienstort verlasse, fordert sie alles. Wir verbringen Nachmittag um Nachmittag mit Eltern- und Schülergesprächen, erreichen augenscheinlich nicht sehr viel, drehen uns mit unseren Ideen im Kreis, bekommen aber immerhin von KollegInnen und vor allem der Schulleitung den inoffiziellen Titel „Lehrerinnen des Monats“ verliehen, und zwar ganz ernsthaft. Ob unser Einsatz den betroffenen Kindern helfen wird, werden wir sehen. Im Moment sind unsere Kräfte und Ideen erschöpft, wir müssen einsehen, nicht zaubern zu können.
Gemessen an diesem Trubel unterrichtet es sich in meinen sonstigen Klassen – den ganz großen, den ganz kleinen, und sogar in den 8. – Physik am Nachmittag – wie im Müttergenesungswerk.
*
Nun lese ich gerade noch einmal meinen vorherigen Monatsrückblick. „Mehr Musik“ hatte ich mir da gewünscht. Auf dem Cello gab es die. Nicht so viel wie vor den Sommerferien übe ich, dafür aber mit einigem spürbarem Fortschritt in der Bogenhand. Es musiziert sich leichter und leichter. Ich beginne den Klang zu formen, wo in den ersten Monaten auf dem Instrument noch der Eindruck vorherrschte, ich sei meinen eigenen – groben – Bewegungen und ihren unwillkürlichen Folgen ausgeliefert. Was für ein wundersames Gefühl, es ist kaum zu glauben.
Wie oft in den vergangenen Monaten hat mir dieses Instrument Augen geöffnet und Wege gezeigt. Ich wünschte, hierbei wäre es ebenso. Den Klang meiner Lebensmelodie gestalten zu können – was für eine Sehnsucht dieser Tage.

im September

Es floss und fließt nicht so sehr mit dem Schreiben in diesem Monat, meine Worte sind schwer und zäh und unbeholfen. Das Leben strömt(e) dafür umso intensiver. Was für ein Umbruch in meinem, in unserem Alltag!
Jetzt, da ich hier schreibend sitze, wird mir dies so richtig bewusst. Erstaunlich, dass unsere (All)Tage dennoch so normal, so unspektakulär ablaufen.
*
Der Sohn wird am ersten Monatstag 16, und eine Woche später fliegt er nach Italien. Wenn er in einem Jahr zurückkehren und – hoffentlich – nochmals für knapp zwei Jährchen unter unserem Dach einziehen wird, ist er (fast)erwachsen.
Seinen Abschied von der Kindheit gestaltet er radikal: fast alle seine Sachen sortiert er für immer aus, das Zimmer tritt er an die Schwester ab, und seine Umarmungen am Flughafen sind erwachsener denn je.
Mich schütteln vor allem die Tage vor dem Abflug durch und durch, mir wird dieser große Schritt sehr bewusst.
Seit er aber weg ist, besänftigt sich alles in mir. Wir finden einen Modus von äußerlich karger, aber dafür sehr selbstverständlicher Begegnung über die verschiedenen digitalen Kommunikationskanäle. Alles was ich von ihm höre, klingt beruhigend und herzerwärmend. Er wächst, er reift, er wird groß, ja er ist es schon.
Sehnsucht, Vermissen und hin und wieder ein Tränchen im Augenwinkel fühlen sich gesund und befriedet an – was für ein Schritt für uns alle!
*
Die Schwester vermisst ihn ebenso, sie zuckt manchmal mitten am Tag zusammen und erinnert daran, was er jetzt gerade gesagt, getan, gespielt oder genervt hätte. In ihrem neuen Zimmer schläft sie nun täglich dort ein, wo er es vorher tat – nur sieht alles viel mädchenhafter und – ja! – auch ein wenig wohnlicher aus:)
In der Schule ist sie stolze Siebtklässlerin, was leider auch vier Unterrichtsnachmittage mit sich bringt. Alle Musiktermine müssen daraufhin verschoben werden, sie aber trägt ihre immer vollere Woche mit Fassung und geht einen weiteren Schritt in die Selbstständigkeit: Von nun an fährt sie allein mit ihrem großen Cellokasten auf dem Rücken in die Stadt.
*
Geschwisterlos wollte die Tochter in diesem Jahr nicht bleiben, und so haben wir gemeinsam beschlossen, eine Gastschwester bei uns aufzunehmen. Kaum 24 Stunden vergehen zwischen Sohnes Abflug und Gasttochters Ankunft, wir richten blitzschnell einen Raum in unserem Haus und vor allem in unseren Herzen für sie – und allmählich gewöhne ich mich daran, von „den Mädchen“, ja, von „den Töchtern“ zu sprechen.
Wir finden gut zusammen, es fühlt sich vom ersten Tag an warm und stimmig an, und das mit der Sprache – das wird schon noch werden.
*
Trotz noch sehr schüchternem Deutsch ist es im Haus gesprächiger und vor allem kichernder geworden, wir kommunizieren in einer Mischung aus deutsch, englisch und Händen&Füßen. Auf diversen Couchtischen liegen Deutsch-, Italienisch- und Slowenisch-Wörter- und Lehrbücher herum. Im nächsten Sommer möchte ich mich schließlich mit den Gasttochtereltern und den Sohnesgasteltern wenigstens radebrechend in ihrer Sprache austauschen können.
Auch über die Sprachen hinaus wird das Leben im Haus sehr bunt. Wenn wir nicht gerade Ämter- und Organisationsdinge klären – wie dick der abzuarbeitende Ordner ist! – oder der neuen Tochter bei ihren ersten Schritten in Schule und Gleichaltrigenkreisen helfen, versuchen wir die letzten Spätsommeratemzüge auszunutzen. Per Rad und zu Fuß in die Umgebung, mit der S-Bahn in die nahen Städte und für das lange Wochenende zum Monatsende bis nach Thüringen – es ist ein Unterwegsmonat.
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Fast nebenbei beginnt das neue Schuljahr. So sehr wie ich zu Haus beschäftigt bin, greife ich diesmal dankbar auf meine Vorbereitungsvorräte zurück. Es ist ohnehin schon viel, wie immer. Konferenzen über Konferenzen, Hineinfinden, Wiedererschaffen der Routinen, Absprachen, Planungsaktivitäten, Warmlaufen auf allen Ebenen.
Trotz Trubel schaffe ich es, ohne Kopfschmerzen durch die ersten Wochen zu kommen. Dies kommt einem Wunder gleich und ist für mich ein Novum.
Insgesamt aber, bei allen kraftzehrenden Aktivitäten, ist und bleibt der Schuljahresanfang eine positiv aufregende Zeit. All meine Klassen wiederzusehen, mit den Kollegen wiederzusammenzufinden, das lachendfrohe Leben im Schulhaus wieder um mich zu haben – hach. Es ist schon ein Glück, eine solche Arbeit zu haben.
*
Und während sich das Wirbeln des Neuanfangs auf allen Ebenen zu setzen beginnt, während der Kopf zwischen dem Rauschen wieder Momente des Innehaltens findet, während sich meine Schritte endlich wieder auf die Felder rings um unser Dorf und zu meinem Baum setzen, erwacht auch die Musik in mir zu neuem Leben.
Lange habe ich nicht mehr Cello gespielt, das merke ich meinen Händen und Armen an. Dennoch läuft es irgendwann, fließt und gleitet es über die Saiten. Zum Monatsende habe ich meine erste Unterrichtsstunde seit Ewigkeiten und – tata! – darf mit einer Sonate beginnen, die schon der Sohn am Klavier begleitet und welche die Tochter aufgeführt hat. Ohrwurmmusik, sozusagen.
Hier wird sie – was für ein Zufall – von einer Nichte meiner Cellolehrerin gespielt:

Für den nächsten Monat wünsche ich mir wieder mehr Musik. Ob auf dem Cello oder nur im Innern – dies ist schon fast egal.

Emotionen-To-do-Gedränge

Ausgelaugt – an jedem einzelnen Abend der Woche, der vorigen Woche, all der Tage, seitdem die Schule wieder begonnen hat.

Jetzt – den Schrank reparieren. Bevor er umkracht und eines der Kinder unter sich begräbt.

Beglückt – als ich mir mitten am vollen Schultag einen zehnminütigen Gang durch das Grün des Schulhofs schenke und einfach durchatme.

Jetzt – in die Bücherei hetzen, Gebühren drohen. Und sowieso braucht die Gasttochter so schnell wie möglich Material zum Deutschlernen.

Hilflos – als sie nun alle wieder vor uns stehen, die Kinder mit ihren schwerbeladenen Rucksäcken, von denen ich nicht weiß, ob ich sie zu tragen im Stande wäre.

Jetzt – die Steuererklärung. Ich schaffe es mal wieder nicht pünktlich und sehe die Mahnung schon ins Haus flattern.

Aufgedreht – da nach den Ferien alle und alles wieder gleichzeitig auf mich einstürmt.

Jetzt – endlich einen Riesenkarton für das Sohnpaket nach Milano besorgen. Er wartet sehnsüchtig auf seine Noten.

Ergriffen – in welch vertrauter Zweisamkeit die beiden Töchter vom ersten Tag an zusammen kichern und glucksen.

Jetzt – schnell neue Sitzpläne zusammenstellen. So wie in der ersten Stunde kann ich die nicht sitzen lassen.

Traurig, immer wieder – er ist jetzt eben weg. Er fehlt. Und seine Musik. Heute dacht’ich kurz, er käme mir auf der Dorfstraße entgegen. Aber nein, er ist ja weg.

Jetzt – mit der Tochter neue Sportschuhe kaufen. Die gehen über die Sommerferien ja immer ein.

Glücklich – endlich wieder täglich meine Klassen zu sehen. Zu spüren, wie sehr sie in den Ferien gewachsen sind. Und vor meinen Augen weiterwachsen, immer weiter.

Jetzt – schnell die Verbundtickets bestellen. Damit der Termin für Oktober nicht wieder verstrichen ist. Und drölfzig Einzelfahrscheine für vorher. (Mist, hätt’ich mich nur eher gekümmert.)

Zuversichtlich – dass die Loslassenstraurigkeit mich keinesweg zernagen wird, sondern – ganz im Gegenteil – der Sohn mir aus der Ferne sogar noch viel näher ist.

Jetzt – mit der Gasttochter zum Einwohnermeldeamt. Und dies Papier ausfüllen. Und jenes. Da hinten auch noch eines. Hier noch eine Onlinemeldung. Ihr Leitzordner ist dick.

Unruhig – weil die Menge an eiligen To-do-Dingen über den Rand meines Gelassenheitsgefäßes schwappt. Das geht so nicht weiter. Jedenfalls nicht ewig. Ahne ich.

Jetzt – mich in die Musikunterrichtstermingefechte werfen. Neuer Stundenplan, zack, keiner der vier Termine passt mehr.

Fasziniert – wie die strahlenden Augen der Gasttochter vom ersten Tag an das Haus erfüllen.

Jetzt – dem Sohn die Schulbücher ausleihen und einpacken. Wo er sie doch plötzlich und dringend zu haben wünscht.

Unter Druck – weil alles am besten gestern fertig gewesen sein sollte. Ich bin mit allem zu spät.

Jetzt – den Fahrradkorb wieder aufs Tochterrad montieren. Bevor der Ranzen sie noch runterzieht.

Beruhigt – wie gut es dem Sohn in der Ferne geht, wie warmherzig er empfangen wurde, wie selbstständig er alle seine Schritte dort setzt.

Jetzt – mit den Kollegen die Themenreihenfolge abstimmen. Schnell, bevor wir uns erstmal in verschiedene Inhalte hineinunterrichtet haben.

Lethargisch – wenn diese unendlich nervigen Organisationsdinge mich überfluten und gar nicht weniger werden.

Jetzt – die erste Elternmail des Jahres schreiben. Dringend. Bevor es wieder so weitergeht wie letztes Jahr.

Einsam – weil sein Klavierspiel im Haus fehlt. Da ist viel zu viel von der äußeren Stille.

Jetzt – Klassenlisten und Verwaltungsdateien noch und noch erstellen. Schnell, bevor ich hinterher ewig viel nachtragen muss.

Gebannt – während ich mich selbst und unser verändertes Familiengefüge beobachte, in so manchen Spiegel blicke und ein Zurechtrütteln wahrnehme, in dem auch wir von alteingesessenen Positionen abrücken.

Jetzt – die Elterninformation für die Lernstandserhebung und die Testmappen ausdrucken.

Selig – da mir die innere Ruhe selbst in diesen Tagen nicht völlig abhanden kommt, mein (sonst üblicher) Schulanfangskopfschmerz ausbleibt und sogar der Chef mich darauf anspricht:)

Jetzt – die Sache mit dem Deutschkurs organisieren. Bevor wir uns hier alle noch ans Englisch im Haus gewöhnen.

Sorgenvoll – wie ich, und sie, und er, und wir alle die Kraft für all das finden sollen, immer wieder.

Jetzt – mich ins elektronische Klassenbuchsystem einarbeiten. Dringend. Umgehend.

Niedergeschlagen – da mir die Verbindung in mein Innen kaum mehr spürbar ist, in diesen Tagen, diesen Zeiten.

Jetzt – durch die Klassen gehen und die Wettbewerbsaufgaben verteilen. Einem Dutzend Schülern ihre Fragen beantworten. Also doch einen Extratermin festlegen.

Wehmütig – so viele Fäden im Moment lose flattern lassen zu müssen, und sie manchmal nicht einmal mehr zu spüren …

Mir ist schwindlig.
Ein Blick in meine derzeitigen Tage. Garantiert unvollständig. Und eingebettet ins ganz normale Unterrichten, in Vorbereitung und Konferenzen, in die üblichen Schuljahresstartaktivitäten, in Alltagshaushalt und Unterwegssein mit der neuen Tochter, in all die Schritte eines Anfangs auf allen Seiten. Eine andauernde Zerrissenheit zwischen allem. To-do-Overflow und Gefühlsgedränge. Für nichts ist genug Raum.

Wie lange das wohl durchzuhalten ist?
(Erstmals seit Jahren wache ich nachts auf. Da sind keine sorgevollen Gedanken, keine schlimmen Träume. Aber eben: ich wache auf. Weil der Kopf selbst im Schlaf noch am Organisieren und Durchdenken ist.)

Wo also ist der Hebel, der umzulegen ist???

im August

Ein weiter Bogen spannt sich über meinen Monat – von einer Reise in die Ruhe zu einer Reise in die Bewegung, von begegnungsvollen Tagen zu ganz allein verbrachten. Wie immer gibt es in diesem Monat keine Rubrik „Schule“, und wie immer backen wir am letzten Tag des Augusts einen Kuchen.
*
Die ersten Tage sind wir noch immer im vertrauten Italien, am Lago di Levico. Eine Reise über mehrere Tage am gleichen Ort, ohne „Programm“ – auch weil wir oft dort sind und nichts mehr anschauen „müssen“ -, mit der täglichen und stündlichen Entscheidung, ob lieber See oder lieber Bergwandern, ob lieber Buch oder lieber Kartenspielen, ob im See baden oder drumherum spazieren, oder ob einfach nur Dösen und Sinnen im Angesicht des wunderbaren Wassers: solch eine Ruhe finde ich sonst selten. Das Schuljahr in seiner Intensität darf ausschwingen. Und doch ertappe ich mich auch hier: Ich will immer zu viel. Zu viel lesen, zu viel schreiben, zu viel mit den Kindern sein … es gibt noch viel zu üben.
*
Die zweite Reise führt auf’s Rad bzw. mittels diesem nach Berlin. So erreicht nun auch die Tochter dieses Ziel erstmals radelnd, ebenfalls mit 11 wie damals der Bruder.
Wir verbringen eine intensive gemeinsame Zeit, und ich habe viel Gelegenheit, über die Tochter zu staunen. Wie groß sie schon ist, wie stark, wie ausdauernd, wie unspektakulär sie die Dinge durchzieht. Und auch: wie sehr sie – natürlich – noch Kind ist. Unbeobachtet von der coolheitfordernden Peergroup springt sie auf jeden Spielplatz am Wegesrand. Als ich ihr sage, dass alle ihre Freundinnen genau dies in den Ferien auch tun, grinst sie verstehend.
Insgesamt aber tut sich das radelnde Fließen diesmal etwas schwer, zu uns zu finden. Gleich in der ersten Zeltnacht bricht der große Regen aus und bleibt drei Tage, wir strampeln in Ganzkörperregenmontur Kilometer um Kilometer und übernachten so lange unter festen und warmen Dächern. Das Tochterrad hat wohl mit fünf Jahren eine magische Altersgrenze überschritten und schwächelt; mehrere Radläden am Wegesrand sowie das Flickzeug helfen ihm auf die Sprünge. Die Wegfindungsapp schickt uns einige Male querfeldein, dies war zwar auf jeder Reise so, aber selten so heftig wie diesmal. Es ist schwer, dies alles nicht als Zeichen zu lesen …
Letztlich gelingt es, ein gesunder Fahrtrhythmus findet sich, wir gelangen zu wunderbaren Orten im Außen wie im Innen und letztlich nach Berlin.
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Zwischen den beiden Reisen herrscht Großfamilienwirbeln in unserem Haus, insgesamt wird es durch 8 Erwachsene und 11 Kinder belebt, wie ein kleines Ferienlager:)
Wärmste Begegnungen haben wir auch auf der Radreise – danke! – und in Berlin. Es ist eine reiche, intensive Zeit.
*
Umso wichtiger ist mir der Ausblick auf eine kurze Ganz-Allein-Zeit am Ende des Monats. Während der Sohn in der Nähe seines baldigen Lebensortes eine Klavierlehrerin trifft, kennenlernt und letztlich zu ihr findet – was ihn und uns erleichtert, war doch dieser essentielle Lebensbereich für das nächste Jahr bislang noch im Diffusen – verbringe ich drei Tage ganz allein mit mir. In jedem Moment fühlen und entscheiden, wonach mir gerade ist, was ich tue, was ich lasse, ob ich sitze, ob ich gehe, ob ich zuhöre oder die Ohren verschließe, ob ich mich umschaue oder ins Innen gehe – das erdet, besänftigt, bringt mich zu mir zurück.
Einige Texte fließen auf’s Papier, endlich wieder. Aus dem Cello beginnt wieder Musik zu klingen. Musik, wo vorher keine zu hören war, Gewachsenes, wo vorher Brache zu sein schien, Sprudeln, wo alles fast schon am Verdorren war – am Cello begreife ich im Wortsinne die Bedeutung von Ruhepausen.
*
Am letzten Monatstag ist das Haus wieder belebt, ein Fast-schon-Alltags-Wirbeln hält Einzug. Weniger Schulvorbereitungen sind es – da werde ich dieses Jahr auf meine Routine zurückgreifen – als vielmehr die Vorbereitung der Sohnesabreise nach Italien. Die Kinderzimmer sollen getauscht werden, eine Art räumliches Tetris oder „Türme von Hanoi“ ohne dritten Turm. Die To-do-Liste des Sohnes ist zur Hälfte abgearbeitet, aber eben erst zur Hälfte. Wir sind also für die restliche Ferienwoche alle gut beschäftigt.
Zunächst aber wird am Abend des 31., wie gesagt, ein Kuchen gebacken und themenstimmig dekoriert. Die Tochter hat das Zepter in der Hand, organisiert und strukturiert den Dekorationsprozess und stellt am ersten Septembermorgen ihrem Bruder diesen Geburtstagskuchen auf den Tisch:

 

 

 

(Die Kerzenfarbenwahl ist nicht ganz stimmig. Denn natürlich planen wir nicht langfristig und müssen bei spontanen Ideen stets auf alte Vorräte in der Geburtstagskiste zurückgreifen. Als der Sohn aber am Morgen nach einer Erklärung der blau-rosa Farbreihe fragt, grinse ich: „Weil vielleicht neben Italien das Jungs-Mädchen-Ding ein Thema im 17. Lebensjahr sein könnte;-)?“ – „Orrr, Mama!“
Sein „Orrr, Mama!“ wird mir sehr fehlen.)

im Juli

Wie seltsam, und wie schwierig auch, über einen Monat zu schreiben, dessen Großteil aus Schulischem bestand und der darüber in gehetzter Atmosphäre vorbeiflog, während ich nun bereits den sechsten Tag am erholsamen Bergsee sitze, die Seele und die Beine im angenehm warmen Wasser baumeln lasse, schon fast die Lektüre des dritten Buchs beende und auch in jeder anderen Hinsicht erholter bin als ich es wohl je nach so wenigen Ferientagen war.
Dies also ist der krönende Abschluss des Juli: Dass wir am gemächlichen Lago di Levico in den Tag hinein leben, uns täglich zwischen Wasser und Bergen treiben lassen, Bücher und italienisches Essen verschlingen und also alles gut ist.
*
Das Schuljahresende zuvor ist hart und schwer durchzustehen, zum Ende liegen nach einer langen Hitzezeit Geduld und Nerven von Lehrer- und Schülerschaft blank, sogar ich kann mich und meinen Kurs irgendwann nicht mehr vom Eisessengehen abhalten – wo ich doch sonst eine bin, die bis zur letzten Stunde Unterricht durchzieht.
Wie jedes Jahr gehen mir die Notenkonferenzen nahe, hier wird immer am offensichtlichsten, wie viele Schüler es bei uns schwer haben, manche zu schwer, um es zu schaffen – hier schrieb ich darüber. Elterntelefonate und viele Gespräche schließen sich an, und es bleibt die Hoffnung, dass für manche Kinder ein guter, ein besserer Weg gefunden werden kann als der an unserer Schule und Schulart.
Gleichzeitig wird es mit meinem Abschied vom zweiten Dienstort Ernst, das war ja lang vorher klar und entschieden, aber nun fühlt es sich doch als Schritt mit lachendem und weinendem Auge an. Ich bekomme einen unerwartet warmherzigen Abschied und von einigen Menschen das Geschenk sehr naher und nahegehender Worte.
*
Der Sohn rückt seinem Abflug nach Italien immer näher, in der Schule ist etliches abzusprechen für seine Wiederkehr, gleichzeitig melden wir unsere Gasttochter dort an. Die To-do-Liste für das abfahrende Kind nimmt eine mehrspaltig gefüllte DIN-A4-Seite ein, und mit jedem durchgestrichenen Punkt ist ein Stück von ihm weg. Mir geht das nahe und viel zu schnell.
Beide Kinder beenden das Schuljahr mit wunderbaren Zeugnissen und zuvor mit etlichen Vorspielen, wie immer, möchte ich fast sagen. Und doch ist es nie „wie immer“. Jedesmal überraschen sie uns durch unglaublich berührende Musik, von der ich wie immer behaupten möchte, dass sie nie zu Hause geübt worden ist, und schon gar nicht sooo. Das Streichquartett der Tochter spielt Mozart- und Mendelssohn-Sätze mit einem Ausdruck, den man den kleinen Mädchen kaum zutraut, und der Sohn verabschiedet sich zunächst von seiner Klavierklasse mit dieser Chopin-Ballade, die nicht nur mich in Gänsehaut-Berührtheit versetzt.
Und nebenher streiche und streiche ich auf meinem Cello, fast täglich, es gelingt immer besser. Als ich es schließlich für die Sommerpause weglegen muss, fühlt es sich sehr wehmütig an.
*
Das Sommerwetter schenkt Gartentage und -abende. Freunde besuchen uns, wir sitzen mit und ohne Feuer, immer aber essend und trinkend beieinander. Und in der Ferne ertönen schon die Mähdrescher. Wenn wir nach den Ferien zurückgekehrt sein werden, wird der Sommer zu Ende gegangen sein. Manchmal tut er dies ja schon während der Sommerferien. Nun aber genießen wir diese erstmal …

12 von 12 im Juli

 

 

 

Es regnet, mein morgendlicher Gang durch den Garten erschöpft sich im Stehen unter dem Terrassendach, aber ich fühle mich unverdrossen wohl im morgenfrischen Grün. Nur dass ich den Kaffee heute nicht draußen trinke. Wir, der Kaffee und ich, wandern wieder hinein, aufs Lesesofa.

 

 

 

Ganz zufällig stieß ich in den letzten Tagen durch ein Kommentargespräch in einem Lieblingsblog auf meine kurze Philosophiestudien-Vergangenheit, Erinnerungen aus den 90ern werden wach, mich packt es wieder. Und so sitze ich morgens vor sechs Uhr in meiner Leseecke und blättere mich durch Wittgenstein.

 

 

 

Weil es unverdrossen regnet, genaugenommen schüttet, fahren die Tochter und ich mit dem Auto zur Schule. Muss ich wenigstens die Fahrradtasche nicht zuwürgen, das wäre heute knapp geworden. Die Tochter fragt, was ich mit so vielen Taschentüchern will. Ich versuche sie’s erraten zu lassen – na, was habt Ihr in der 5. am Ende des Schuljahres gehabt? – aber sie war anscheinend in der 5. in Mathe nie anwensend. Jedenfalls hat sie keinen blassen Schimmer und tut äußerst überrascht, als ich mit Wörtern wie Oberflächeninhalt und Quader um mich werfe. Vielleicht ist es ihr auch einfach noch zu früh. Dann soll sie halt nicht fragen;-)

 

 

 

Morgendliche Schultafeln sind so schön leer, nee, Quatsch. Sie sollten es sein. Aber wie das so ist. Das Wischen und Abziehen hat jedenfalls was Meditatives.

 

 

 

Dann kann es losgehen. Quader und Oberflächen halt.

 

 

 

Und weil ich ja im Unterricht schlecht fotografieren kann, gibt’s das nächste Bild erst von dem Moment, wo die einen Schäfchen schon weg und die anderen noch nicht da sind.
Ahhh, Ruhe.

 

 

 

Der Kurs kommt, der Kurs hat keine Lust mehr. Nichts Neues, auch an diesem Mittwoch nicht. Wir strampeln uns durch Abstände windschiefer Geraden und sind ansonsten friedlich miteinander.

 

 

 

Stundenende, große Pause. Ich habe Hofaufsicht, genau vor dem Fenster. Dort erscheint aber niemand, denn es schüttet gerade wieder los, die Regenklingel ertönt, bäh. Drinnenaufsicht in ner Regenpause ist anstrengend, weil es eng und und höllelaut ist. Stadionatmosphäre, und das ganz ohne Eintrittskarte.

Unterrichtsschluss, ich trage meine 150 Noten am Verwaltungscomputer ein. Bzw. möchte es tun. Für einen Teil davon fehlt mir aber mein Passwort, der Zettel liegt nicht in meinem Fach, auch in keinem Nachbarfach, der zuständige Kollege ist mit den 10ern in Berlin, und auch sonst findet niemand eine Lösung für die Passwortfrage. Also dann eben nicht. Wenigstens die Mitarbeits- und Verhaltensnoten mache ich fertig – Papierlisten brauchen keine Passwörter – , und die verbalen Bemerkungen verschiebe ich auf später.

 

 

 

Denn zu Hause wartet das Mittagessen. Wie gut.
Ausnahmsweise sind beide Kinder da. Wir starren alle völlig fassungslos auf den Kalender, niemand von uns hat heute noch irgendeinen Termin. Das gab es das letzte Mal vor gefühlt zehn Jahren. Wir fühlen uns auch ganz unbehaglich dabei und argwöhnen bis zum Abend, dass wir sicher irgendwas vergessen haben.

 

 

 

Danach drucke ich alles aus, was ich heute nicht eingeben konnte, das sollte dann wohl morgen als Papierliste zur Schulleitung.

 

 

 

Irgendwann am Spätnachmittag überkommt mich Arbeitsmüdigkeit. Zeit fürs Cello. Mein Lieblingssatz …

Es bleiben Abendessen, Telefonieren, mit einer Freundin an der Haustür schwätzen, Wäsche, Kinderzeugs und ein paar Schreibtischdinge.

 

 

 

Bis sich der – mittlerweile wieder blaue – Himmel über’m Haus abendlich dunkel färbt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

WmDedgT 07/17

Heute ist Abischerz, fällt mir als erstes ein, als der Wecker klingelt. Sofort senkt sich meine Laune, diesen Tag bräuchte ich nicht. Seit Jahren nichts Neues, die Schule ist verbarrikadiert, es wird auf dem Schulhof herumgejagt, mit irgendwas geworfen, und mittags gibt’s ein Fußballturnier Schüler gegen Lehrer. Mehr Idee war oft nicht. Na mal schauen.

Noch ist etwas Zeit. Ich schreibe am Post zu meinen Urlaubsbildern, die Stimmung der damaligen Radreisetage schwebt im Raum, sie ist gar nicht so unpassend zur gegenwärtigen, es läuft nicht leicht und rund derzeit, innerlich nicht, äußerlich nicht. So sitze ich inmitten von Morgensonne und erwachenden Vögeln und schreibe von grauen Glocken.
Um sechs wollen wie immer die Kinder geweckt werden, danach steige ich vom Schreiben aufs Lesen um, und irgendwann ist Aufstehen-Duschen-Broteschmieren, die übliche Morgenprozedur, dann wie immer unser leicht hektischer Aufbruch. Weil ich nicht möchte, dass mein Auto oder mein Fahrrad in Schulnähe geteert und gefedert wird – da gab es schon so manches – lasse ich mich heute von einem Fremdauto mitnehmen und vor der Schule absetzen.

Aha, mit Stroh wird dieses Jahr geworfen. (Später am Tag werden sich etliche Kinder abholen lassen müssen, weil sie nassgespritzt und von oben bis unten strohbekrümelt verständlicherweise keine weiteren Stunden in der Schule aushalten können.) Ansonsten wirkt es harmlos, ich gehe schonmal durch den Hintereingang ins Schulhaus hinein. Bevor die Schülerschaft die unteren Barrikaden überwunden hat, sollten wir oben das unfallträchtig gestapelte Mobiliar geräumt haben.
Tische, Stühle – und leider auch privatere Gegenstände – des gesamten Schulhauses sind im zweiten Stock aufgetürmt, stellenweise bis unter die Decke. Um einen Anfang zu finden – alles ist ineinander verkeilt -, müssen wir erstmal eine Weile auf und zwischen Tisch- und Stühletürmen herumklettern sowie einen Zugang von hinten über die Feuerleiter schaffen, das Aufgabenfeld unseres Berufes ist halt vielfältig:)
Mit uns klettert unser Chef persönlich, mit seinen zwei Metern Körpergröße kann er eh viel besser als ich und die meisten die Klopapier“verzierungen“ an den Decken und die weiter oben verhakten Gegenstände entfernen. Wir werkeln also gemeinsam in luftiger Höhe und machen uns dann an das Entkeilen des Mobiliars, immer von außen nach innen, eine Art 3D-Tetris rückwärts.
Irgendwann stoßen die ersten älteren Schüler dazu, die den Treppenparcours überwunden haben, die dürfen gleich mitmachen, und von da ab geht es schnell. Als die wilden 5. und 6. Klassen nach oben kommen, gibt es schon keine Klettermöglichkeiten mehr, puh, Unfälle braucht ja kein Mensch.
Während das Strohwurffest auf dem Hof in Auflösung begriffen ist und die Kleinen nach und nach eintrudeln, bespreche ich noch schnell mit der Kollegin von gegenüber das Drängende, welches ich beim gestrigen Spätabendtelefonat erfahren habe. Wie es dem H. geht, wie wir ihm helfen könnten. Und an welchen Stellen uns die Hände gebunden sind. Es tut so weh sich in das Kind hineinzuversetzen …

Jedenfalls: gegen 9 Uhr sind sämtliche Gegenstände wieder in die Klassen geräumt, meine kleinen 5er sitzen verschwitzt und aufgeregt vor mir – es war ja ihr erster Abischerz – und sind dann enttäuscht, als ich noch ein wenig Unterricht mache. Vielleicht bin ich unlocker, aber nach dieser Räumaktion tut es mir einfach gut, dass alle geordnet – und gesund! – vor mir sitzen, keiner mehr wirft und tobt, und alle mit nem Stift in der Hand an ihren ganzen Zahlen herumrechnen.

Auch mein Kurs scheint über die Tatsache, dass ich einfach das Thema an die Tafel schreibe und offenbar eine ganz normale Unterrichtsstunde beginnt, enttäuscht zu sein. Aber das sind sie schon seit Wochen.  Klar, alle sind schuljahresenderschöpft. Aber wir können schließlich nicht vier Wochen lang „Film schauen“.
Also Geometrie, wir berechnen diverse Abstände, ich habe ihnen für heute ein bunt gemischtes Übungsprogramm zusammengestellt, das kann man jederzeit unterbrechen. Wer weiß, ob nicht zwischendurch noch lustige Einlagen der Abiturienten kommen. Es erscheint aber nix und niemand, keine Quiz- oder Schokoladenablenkung kommt des Wegs, naja, die sind wohl alle beschäftigt, das Stroh auf dem Schulhof aufzuräumen:)

Nach der Stunde verabschiedet sich der finnische Gastschüler – ach mönsch, das tut ja immer ein wenig weh. (Jetzt in einem Jahr etwa wird sich der Sohn in seiner italienischen Schule verabschieden …)
In der Pause steht eine Besprechung mit den Sportkollegen an, die letzten beiden Schultage sind dieses Jahr Sporttage, wir 5er-Lehrer dürfen an diesen Tagen unsere Kleinen begleiten und werden eingewiesen. Gar nicht schlecht, diese letzten Tage mal nicht selbst organisieren zu müssen, das sähe im Fall von Projekttagen nämlich ganz anders aus. Dafür dreht die Sportfachschaft schon jetzt am Rad, verständlicherweise.

Um 11.15 ist für mich heute Schluss, da die Bereitschaftsstunde ungefüllt geblieben ist, puh. Ich darf also gehen, während auf dem Sportplatz das Finale des Abischerzes ansetzt, ich habe keine Lust. (Später werden mir die Kinder davon erzählen. Bis auf ein Miniquiz gab es wieder nur Fußball.) Der Zug bringt mich nach Hause.

Dort – es ist halb eins – bin ich erst einmal müde, mein Grundzustand dieser Tage. Ich schaffe es beim besten Willen nicht, mich sofort an die Korrekturen zu setzen. Aus „ein bisschen dösen“ werden zwei Stunden, zwischendurch kommen die Kinder heim, wir essen, ich döse weiter, müdemüdemüde, ich „funktioniere“ gerade nicht mehr gut. Und meine Augen brennen.

Gegen drei schalte ich dann doch den Computer ein, ein paar dringende Dienstmails, ein Antrag ist zu schreiben, eine Bestätigung abzuschicken, zwischendurch braucht der Sohn Hilfe von mir, weil wir seine Klarinette für den Italienflug anmelden müssen, dann erzählt die Tochter, dass sie in der Musical-AG die Wunschrolle bekommen hat und sie mit der Benefix-AG Eisessen waren. Das wär’s jetzt: es ist so warm. Wir haben aber kein Eis im Haus:(
Mir ist also warm, und die Augen brennen immer doller.
Der Korrekturstapel grinst mich an, ich setze mich an den Terrassentisch, dort ist es zu warm, drinnen aber eigentlich auch. Es wird ein zähes Heft um Heft um Heft, heute sind die Aufgaben 4 und 5 dran, wenn ich morgen diszipliniert die 6, 7, 8 mache, könnte ich morgen Abend fertig sein, jedenfalls mit dem größten Rotstiftberg, und am Freitag zurückgeben. Dann wäre das Wochenende schon korrekturfrei, sinniere ich, während Häkchen um Häkchen (und leider auch Nichthäkchen um Nichthäkchen) meinen Stift verlässt.

Aber was ist das mit meinen Augen??? Am Abend – es ist so schnell acht Uhr geworden – bin ich bei einer stündlichen Augentropfenfrequenz angekommen, das hatte ich selten. Es brennt, sieht aber nicht rot aus. Während wir Abendbrot essen, sitze ich mit geschlossenen Augen da, nicht witzig. Morgen Vormittag hätte ich Zeit für einen Augenarztbesuch, mal sehen …

Für heute ist mir alles vergangen. Mit den Kindern zusammen räumen wir schnell das Essen weg und die Küche auf. Ich schmiere mir Salbe in beide Augen, nun kann ich nur noch verschwommen sehen, aber es tut für den Moment wenigstens nicht weh.
Nur Celloüben – mein tägliches Elexier – schenke ich mir noch, heute mit weitgehend geschlossenen Augen. Die meisten Übungen kann ich auswendig, merke ich bei der Gelegenheit, und in den Körper und die Töne hineinzuspüren gelingt sogar besser.

Ich bleibe dennoch nicht lange dabei, mir ist nicht danach. Noch vor zehn liege ich im Bett – wann gab es das zuletzt? – versuche durch die Salbe auf mein Buch zu blinzeln, gebe es aber auf und schlafe dann wohl schnell ein.

Konsequent – mein Körper nimmt kein zusätzliches Schlafgeschenk an:) – werde ich gegen halb vier wieder aufwachen.
Die Augen brennen immer noch.

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Erzählungen gibt es bei Frau Brüllen.

im Juni

Ein erschöpfter Monat ist dieser Juni. Wie immer um diese Zeit, da das Schuljahresende eingeläutet wird. Von Jahr zu Jahr aber stecke ich es schlechter weg. Nach der Himmelfahrtspause komme ich überhaupt nicht wieder in Tritt, die ersten Monatstage vergehen in lethargischem Waten durch die letzten Schulstunden, und sogar die Radreisevorbereitungen fließen nicht.
Die Reise selbst beginnt zäh und innerlich düster, es braucht lange, bis ich ins Unterwegssein hineinfinde.
Von dort zurückgekehrt, ist der halbe Monat um, ich trotte wieder durch Schultage, besser gestimmt zwar, jedoch auf einem anhaltenden Teppich der Erschöpfung.
*
So sehen diese Tage also aus, die Korrekturen stapeln sich, darum auch ist es im Blog still geworden, darum ist mir kaum nach Schreiben zumute, darum schob sich dieser kurze Rückblick Tag um Tag um Tag hinaus. Es sind ja nicht nur Korrekturen. Da ist Hitze, unerträglich im Glasfassadenschulhaus, da sind Konferenzen und Sitzungen und Planungen fürs nächste Jahr, ein Wettbewerb ist auszuwerten, es gibt eine Mathenacht mit den 5. Klassen und eine Kollegenverabschiedung auf der Sternwarte. Vieles ist schön und bewegend. Und dennoch: Man mag nicht mehr, ich mag nicht mehr.
*
Die Kinder stöhnen ähnlich, die Temperaturen in Verbindung mit dem Klassenarbeitsberg werfen noch jede Motivation um, es wird Zeit für Sommerferien.
Der Sohn möchte diese allerdings am liebsten überspringen und gleich nach Italien abfliegen, spätestens als er vor Vorfreude platzend von seinem Vorbereitungsseminar zurückkehrt. Solange beschäftigt er sich mit einem Online-Italienischkurs, lässt aber uns gegenüber noch keine neuerlernte italienische Silbe raus:)
Allmählich wird es in verschiedener Hinsicht ernst, wir kündigen Musikunterricht, Monatsticket und diverse andere Regelmäßigkeiten und beschäftigen uns mit Klavieranmietmöglichkeiten in Mailand, Kontoeröffnung und Versicherungsdingen. Das lenkt immer wieder den Blick darauf, wie bald er schon weg sein wird.
In diesen Tagen erhalten wir auch endlich Unterlagen für Gasttöchter, wir entscheiden uns und werden einander wunschgemäß zugeordnet. Ab September wird die Tochter also eine große Gastschwester haben, aus Slowenien kommt sie, alle sind vorfreudig gespannt.
Musik gibt es in diesem Monat vor allem in Form von vielen Proben, die Schuljahresabschlusskonzerte und -vorspiele stehen vor der Tür, die Kinder bereiten eine Cello-Klavier-Suite vor und üben miteinander anders als früher ohne gegenseitiges Anschreien, na bitte geht doch.
Für die Tochter gibt es eine wichtige Neuerung: Langgewünscht darf auch sie endlich eine Brille tragen. Beim Optikerbesuch zeigt sie sich entschlossen und wählt ein kräftig-grelles Modell, wennschon dennschon, wir sind gespannt:)
*
Der warme Monat schenkt einige Treffen mit nahen Menschen. Meine Radreise hangelt sich von liebem Haus zu liebem Haus. Zu uns kommen Gäste, wir werden eingeladen, mit alten Freunden treffen wir uns in der Stadt. Und an vielen warmen langen Abenden sitze ich einfach nur allein im Garten. Neuerdings kann dort ein Feuer brennen, was mir vor allem die Seele erwärmt.

im Mai

Was für ein Auf-und-Ab-Monat. Da ist zunächst das Wetter, welches zwischen Fastwinter, Herbststürmen und Hochsommer alles aufbietet. Gelegentlich sogar ein wenig Frühlingsstimmung. Ich bin oft draußen, zu Fuß, auf dem Rad, mit der Kamera in jedem Fall, und am Monatsende bleiben viele Bilder. Im Innern. Und im Fotobearbeitungsordner.
*
Ich eröffne meine Zeltsaison, sie beginnt schon am ersten Monatstag im Garten. Am Himmelfahrtswochenende radle ich eine weite Pfalzrunde und genieße das Zeltnächtigen. Umso schöner, dass ich die Urlaubsdinge gar nicht erst aufräumen muss, weil es gleich in die Pfingstferien weitergehen wird.
*
Dazwischen erstreckt sich, so wie den ganzen Monat hindurch, eine nur zäh zu durchwatende Schularbeitsmasse. Mündliche Prüfungen, schriftliches Abitur, Steuergruppenarbeit, Unterrichtsbesuche, Referendarszoix, Mahnbriefe, Klassenkonferenzen, Klausuren und Nachklausuren, und ein bisschen Unterricht passt auch noch in jeden Tag … Es ist die Zeit im Jahr, wo die Kräfte allmählich nachlassen, wo mich der tägliche Schul-Irrsinn anfängt zu überfordern, wo ich zuweilen in eine Glocke eintauche, meine Kommunikationsfäden beginnen sich zu verheddern, ich werde ungehalten, unsensibel oder beides. Und draußen vor dem Fenster sprießt es, ist die Zeit des Wachsens gekommen, während wir in unseren Klassenzimmern hocken.
Wie gut, dass es die Pfingstferien gibt. Pauseschenkende zwei Wochen, um die sechs anschließenden Schuljahreswochen doch noch gesund zu überstehen.
*
Die Kinder stöhnen ebenfalls, beide sind unlustig auf Schule, na gut, das sind sie öfter. Aber man spürt auch bei ihnen die Länge des Schuljahres und die nachlassende Kraft.
Immerhin aber erleben sie Tolles mit dem Schulorchester. Die Tochter spielt ein Opernprojekt mit, das dem Orchester – mehr als den Solisten – stehende Ovationen bringt, und beide reisen mit nach England auf ein Musikfestival. Die von der Reise resultierende Müdigkeit wird in den Juni hinübergetragen:)
Die Tochter feiert ihren elften Geburtstag mit einer riesigen Übernachtungsparty, wir haben ein volles Haus und am Ende des Wochenendes das Gefühl, nun umgehend ins nächste gehen zu wollen.
*
Begegnungen gibt es viele. Solche mit langbekannten Menschen, auch aus den Augen verlorenen, auf der Beerdigung der Freundin. Solche mit tränenvollen Gesprächen hier im Dorf und um die Ecke, weil doch so viel Schweres zu tragen ist, derzeit, um mich herum. Solche mit Herz-zu-Herz-Gesprächen, mit hierher gereistem Besuch oder in Räumen, in die ich gereist bin. Es tut gut, das alles. Ich bin dankbar für dieses lebendige Netz, an dem wir ja immer noch weiter weben, wir alle.
*
Dazwischen ringe ich viel. Mein Baum bietet seine alte Haut zum Anlehnen an, mein Cello schwingt zuweilen mit mir (zuweilen auch nicht), und da ist immer noch und immer wieder der tröstliche Blick in die Weite.
Was ich letztlich mitnehme aus diesem wild-grauen Mai, sind Bilder wie im letzten Blogpost. Ich spüre ein tragendes Lebensbett, trotz allem. Und beginne nun seufzend den Juni. Gleich wieder geht es auf’s Rad, es kann nur stärkend werden.

Alltagsglück #1

Einen Dienstort in 35 km Entfernung könnte man als Anlass nutzen, um sich zu ärgern. Oder aber, um eine kleine Radtour drumherum zu bauen.

Es ist früh, als ich aufbreche, hinauf und hinab ins Tal, das zum Fluss führt.
Wie sogleich die Bluse im Wind flattert, und der Wind in der Bluse. Ich bin schon da.

 

 

Der Fluss schenkt seinen weisen Lauf und nimmt mich an die Hand, damit meine Bewegung nicht stockt. Ich rolle und rolle, an seiner Seite durch die große Stadt hindurch, auf altbekannten Pfaden ins jenseitige flache Land.

 

 

Dort dann, am Dienstort, widme ich mich meinen Aufgaben, fokussierter und klarer als häufig, während in mir stille Vorfreude auf den Rückweg blüht. Über die Hügel werde ich fahren, schließlich muss ich nicht wie vormittags in gefasster äußerer Form an einer Arbeitsstelle ankommen:)

Windjacke, Fleeceshirt und Schal auf dem Gepäckträger schmunzeln leise, während ich in Sommerhitze hinauftrete. Die Sonnencreme ruft laut von zu Hause aus, dass ich sie vergessen habe. Man wird sehen, morgen auf meiner Nase.
Heute aber, heute hier zu fahren, war meine beste Idee seit langem. Gemäß diesem hier:
Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde. (Franz von Sales)

 

 

Welch kleine feine Dörfer, die mir bisher entgangen sind. Welch Landschaft zum Verlieben. Ich frage mich, warum ich dies bisher kaum getan habe.

 

 

Lediglich, dass keine Eiscafés am Wegesrand liegen … nun ja … kurz vor dem Heimatdorf findet sich doch noch eines. Dafür, dass morgen ein prallevoller Schultag und noch nichts vorbereitet ist, sitze ich in größter Gelassenheit dort und habe die Ruhe weg. Ich wundere mich selbst.

 

Von Zeit zu Zeit die Augen öffnen für das klein-große Glück am Wegesrand …

 

12 von 12 im Mai

Vorgestern war es nun schon, dieser Zwölfte. Aber Bilder rosten ja nicht, und verfallen nicht auf der Kamera, solange man mit anderen Lebensdingen beschäftigt ist. Also dürfen sie ruhig heute noch kommen:)

 

 

Der Morgen ist regnerisch und so dunkel, dass mir Kerzen für meine Morgenstunde als stimmig erscheinen.

 

Ich schreibe einen Brief, möchte ein kleines Päckchen dazupacken und diese Steine mitschicken. Hühnergötter, von der Ostsee. Steine mit einem Loch. Man findet sie am Strand, wenn man lange sucht, und man sagt, sie bringen Glück. Dort, wo sie jetzt hinwandern werden, braucht es dieses gerade sehr dringend.

 

Draußen regnet es, meine Gartenmorgenrunde fällt kurz aus, kaum wage ich mich unter der Terrasse hervor.

Es folgt ein Schultag, bilderlos, ich trage keine Kamera mit und hätte heute auch keine Chance gehabt, kurz innezuhalten. Manche Tage sind sportlich, um es milde auszudrücken.

 

Das Wochenende beginnt mit meinem Entschluss, die Korrekturen zunächst beiseite zu legen. Am Sonntag vielleicht, spüre ich, eher geht das nicht, ich bin erschöpft, brauche jetzt erstmal Musik – ja! – und Ruhe. Und sowieso: Vorfreude, heute bekomme ich noch Besuch:)

 

Mittlerweile haben sich die morgennassen Blätter trockengeschüttelt …

 

… und das pralle Leben räkelt sich in der Sonne.

Weil es so strahlt vom Himmel, nehme ich den Weg ins Nachbardorf unter die Füße und gehe mein Fahrrad abholen.

 

Es hatte ein bisschen Reparatur nötig, damit es mich ganz bald wieder tragen kann, wohin die Unterwegsträume reichen.

 

Zurück segelt es sich ganz leicht, an den Feldern vorbei …

 

… durch ein Blütenmeer …

 

… und mit kleinen zarten Versehrtheiten am Wegesrand.

Der nun beginnende Teil des Tages bleibt ohne Bilder, obwohl die Kamera auf dem Beifahrersitz liegt, es will nicht zu einem Foto kommen. Mein Aufbruch nach Frankfurt, lieben Besuch vom Bahnhof abzuholen, ist noch pünktlich. Dann Unfallstau auf Autobahn I. Autobahnwechsel. Unfallstau auf Autobahn II. Runter auf die Landstraße. Stau auf Landstraße, denn schließlich haben alle hierher gewechselt. Ich schwitze schon ob meiner arg verspäteten Ankunft, als es aus dem Zug twittert, dass es in diesem nicht besser ausschaue. Streckenstehen vom Feinsten, Verspätung von 60 Minuten mindestens und das nicht etwa in Frankfurt. Endstation Offenbach. Freitag der Fastdreizehnte. Was haben Menschen in Nichthändiehzeiten eigentlich in Situationen wie diesen gemacht? Wir schreiben hin und her, während ich noch in Frankfurt am Bahnhof stehe und dann nach Offenbach aufbreche. Diesen Ort hätte ich nicht gebraucht- jedenfalls: sein Charme erschließt sich einem nicht auf den ersten Blick:)
Aber: nach einiger Umrundung des Bahnhofes finden und umarmen wir uns, kaufen an der Tankstelle zwei Bier (alkoholfrei;-)) für die nun etwas längere Heimfahrt, machen es uns im Auto gemütlich und erreichen den mit Lasagne gedeckten Tisch immerhin noch vor Mitternacht.

 

Wir freuen uns an Leipziger Mitbringseln …

 

… und an einem wichtigen Utensil für die nächsten Stunden.
Bis es uns – es war nach Zwei, oder? – ins Bett treibt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.