Radreisen

#ostwärts-2.3.4 – Fremdes, Eigenes und die Wege dazwischen – unterwegs in Litauen

Der Kiefernwald ist mir sofort vertraut. So wie mir jeder Kiefernwald ein Stück Zuhause ist. Grundmoräne, Endmoräne, Sander, Urstromtal, im Geographieunterricht der Kindheit gepaukt – die Eiszeit hinterließ überall gleichen Grund, gleiche Form, gleiche Gesteine. Und manchmal sogar den gleichen Geruch. In den hiesigen Wäldern – auch die kurische Nehrung entstand aus Endmoränenhügeln, las ich, wie zum Beispiel die Gegend nördlich Berlins – atme ich die Wälder meiner Kindheit.
Sind es solche Dinge, die uns unbewusst das Empfinden geben, an manchen Orten zu Hause zu sein? Ich bin es jedenfalls, hier wie in allen Kiefernwäldern, als ich nach meiner ersten litauischen Nacht gen Klaipeda zurückfahre. Ein Asphaltweg vom Feinsten durch den lichten Wald, schon frühmorgens voller Menschen, die gleichermaßen den Wald einatmen – alte wie junge, schnelle, langsame, Jugendliche in Grüppchen, man radelt, die Fitness-Spielplätze sind bereits belegt, alles bewegt sich hier, an einem Mittwochmorgen, am nördlichen Stadtrand von Klaipeda. Selbst der Weg ist in Bewegung. Dort, wo er zu kurvig verläuft nämlich, entstanden Trampelpfade. Nachsichtige Landschaftsplaner fügten sich – und asphaltierten daraufhin diese Pfade. (Dies sah ich in den nächsten Tagen allerorten. Die Menschen dürfen hier ihre Wege selbst finden und formen. Jeder asphaltierte Trampelpfad macht mich lächeln.)

Ich lächle viel an diesem ersten Morgen am neuen Ort. Mir ist einfach danach, alles ist leicht. Manchmal bekomme ich ein schüchternes Lächeln zurück. Oft aber schaut man weg, wendet mir ohnehin keinen Blick zu. Ja, das ist auffällig. Wenig Blickkontakt, wenig Grüße zwischen Wildfremden auf der Straße. Viel wengier als ich es von unseren Radwegen und zumindest ländlichen Gegenden gewohnt bin (von Berlin&Co spreche ich hier nicht). Da scheint es eine Schüchternheit wie früher bei uns „im Osten“ zu geben: bei den kurzen schnellen Kontakten auf der Straße, dem Lächeln und Zunicken, den kurzen Wortwechseln wirken die Menschen verschlossen.
Das sind sie aber nicht, es scheint nur – ein Erbe der Vergangenheit? – ungewohnt zu sein, miteinander auf der Straße in Kontakt zu kommen.
Im Laufe der Tage aber habe ich ganz wunderbare Begegnungen. Nur die erste Schwelle muss überwunden werden. All die Leute auf den Zeltplätzen, die mich – immer vorsichtig – fragen, woher und wohin. Die Zeltplatzwirtin, die mir extra mit viel Herz und Liebe den allerbesten Platz für mein Zelt sucht. Die junge Familie, die mir stolz ihre deutschen Wörter vorspricht – und erzählt, dass sie jetzt eigentlich gerade in Berlin sein wollten. Der junge Mann, der auf dem Zeltplatz neugierig zu mir schlendert und vieles fragt. Und der mir alle meine Fragen zum Land und zur litauischen Sprache beantwortet, die sich so angesammelt haben. (Und der mir am Ende seinen Namen sagt, den ich aber sofort wieder vergesse. Die Sprache ist eben ungeheuer ungewohnt.) Der Kontrolleur an der Fähre, der mit mir zum Ticketautomat zurückgeht, weil ich sonst bei den vielen Varianten und eben dieser Sprache keine Chance hätte. Der alte Mann am Straßenrand, Äpfel verkaufend, der mich energisch heranwinkt und mir so viele Äpfel in meine Packtaschen stopft wie eben hineinpassen; ohne Geld natürlich – statt dessen gibt er mir seine einzigen zwei deutschen Wörter „Guten Tag“ mit auf die Reise. Der Schiffskapitän, der mich und mein Fahrrad auf die andere Haffseite fährt, das Fahrrad auf dem Dach, die Packtaschen auch, die ganze Aktion ist so spektakulär wie liebevoll. All die hilfsbereiten Menschen am Wegesrand – wen auch immer ich frage, mir wird mit so viel Wärme geholfen, das ist großartig. Eine Reise von Begegnung zu Begegnung.

Zu meinem Erstaunen ist es dabei oft die russische Sprache, die weiterhilft und Brücken schlägt. Mitnichten scheint sie verhasst oder trennend. Im Gegenteil, erzählt mir ein Einheimischer, den ich in der Nähe der russischen Grenze, direkt an der Straßensperrung, treffe. Hier seien es ja nicht so viele, aber in Lettland lebten an die 50% Russen. Überhaupt sei in den baltischen Staaten die Vermischung der Nationen so groß, man heiratet untereinander, die Familien sind verwachsen. Die Verbindungen mit dem Russischen trennen sich nicht wieder, sagt er, und warum sollte man dann nicht weiterhin diese gemeinsame Sprache nutzen, die man nun eben hat. (Zumal: Die drei baltischen Sprachen sind untereinander so verschieden, dass man sich gegenseitig nicht versteht. Man braucht also ohnehin eine Fremdsprache.)
Ein pragmatischer Zugang also, sage ich. Ein normaler Zugang, sagt er. Nur Politiker nutzen die Sprachen zur Trennung – die einen wettern gegen das Russische, um Gelder von der EU zu bekommen, die anderen gegen das Einheimische, um Unterstützung von Russland zu erhalten – alles sei ein Politikum. Die einfachen Menschen beträfe das nicht. So sagt der Mann, dort an der Straßensperrung kurz vor der russischen Grenze.
Übrigens: Er sei ein „Businessman“, erzählt er. Hat ein Geschäft aufgebaut mit dem Import von – Italiener:innen lesen mal bitte kurz weg:) – in Österreich zubereiteten und belegten Pizzen, die auf spezielle Art tiefgefroren werden, so dass sie hier nach dem Auftauen in Pizza-Restaurants verkauft werden können. Die Expertise im Pizzabacken und Pizzaessen gäbe es in Litauen noch nicht so sehr, sagt er. – Vermutlich hatte ich am Abend zuvor genau eine solche Pizza gegessen. Wenn ja: In der Tat hatte sie mit herkömmlicher Tiefkühlpizza nichts zu tun. Mit italienischer Pizza allerdings auch nicht:)
Ein Land zwischen Ost und West, so benannten es die Menschen, die ich traf. Das sich nach der „Unabhängigkeit“ ein Stück weit selbst erfinden musste. Unabhängigkeit schreibe ich in Anführungsstrichen, weil ich auch dies hörte: Früher war da die Sowjetunion, jetzt ist es die EU – unabhängig sind wir auch jetzt nicht. Aha, so kann man es also auch sehen.
Spannende und horizonterweiternde Begegnungen, neue Blicke auf dies und das. Faszinierend, wieviel ich allein in drei Tagen erfahren habe. Ob diese Sichten auf irgendeine Weise repräsentativ sind, ob es nicht in anderen Regionen, anderen Bevölkerungsgruppen oder schon im Gespräch mit anderen Menschen ganz anders ist, weiß ich nicht.
Ich werde weiter zuhören. Es scheint jedenfalls ein Land ohne Verbrauchtes und Abgenutztes zu sein.
Und die russische Sprache öffnet viele Türen.

Ja, Sprache ist Öffnung. So seltsam ist es, auf der Straße kein Wort zu verstehen. Keine Hausaufschrift, keine Bezeichnungen auf den Lebensmitteln im Supermarkt, keine Silbe von sprechenden Menschen – nichts nichts nichts. Nur sehr vereinzelte Wortstämme hängen irgendwie mit dem Russischen oder Polnischen zusammen, nach anderen Wortwurzeln suche ich vergebens. Immer wenn ich denke, einen Kontext gefunden zu haben, bedeutet das Wort etwas komplett anderes. Erst nach Tagen erkenne ich die wichtigsten Ladenaufschriften, weiß – dank einer Tanztrainerin, die diese lauthals und rythmisch in ihre Gruppe ruft – die Zahlen von eins bis vier, kann „danke“ sagen („bitte“ aber immer noch nicht). Das fühlt sich unbehaglich an, ignorant und arrogant irgendwie, nicht mal die Basissilben des hiesigen Miteinanders über die Lippen zu bringen.
Dennoch sauge ich alles Hiesige auf.
Durchruckelt das allgegenwärtige Kopfsteinpflaster mein Rad und mich, dreht sich mein Blick in dem bunten Gemenge aus Alt und Neu, aus Verfallen und Wiederhergestellt im Straßenbild Klaipedas. Das optische Erbe der Sowjetzeit ist mächtig, dazwischen kriechen pulsierende Adern neuer Geschäftstüchtigkeit, knallige Werbung an verrottenden Häuserfronten. Menschen eilen, strömen, leben, lachen, schauen finster, reden miteinander, schleppen Einkaufstaschen mit Bussen nach Hause – jede Gestalt eine Geschichte zum Hineinversetzen.
Atme ich Meeresluft ein, höre ich die Möwen kreischen, fühlen meine Füße (und meine Reifen) Sand, während ich die Nehrung von ihrer Nordspitze nach Süden bis zur russischen Grenze durchfahre, versuche ich mich in dem Einklang von Haff- und Meerwind wiederzufinden.
Blicke ich mich in der Dünenlandschaft bei Nida um und versuche die Sonnenuhr zu verstehen, bin ich gleichzeitig in den Menschen, die dort zu ebenso früher Morgenstunde wie ich auftauchen, kinderwagenschiebend, joggend, meditierend – wir teilen jedenfalls die Andacht des Schweigens an diesem besonderen Ort.
Tönen unzählige Vögel auf meinen einsamen Runden in der Deltalandschaft auf der anderen Haffseite, schwingt das Blau der Lagunen in mir nach, fordert mich gleichzeitig der Sand-und-Waschbrett-Schotter und die Mittagshitze, in der sich hin und wieder eine ebenso müde Gestalt wie ich an den Rändern von Straßen und Gewässern niedergelassen hat.
Durchfahre ich die Landstraßen und Dörfer, sehe ich Störche auf Türmen und einsam auf den Feldern Arbeitende. Die Frau, die einen kubikmetergroßen Sack leerer Pfandflaschen mit ihrem Rad transportiert, der Junge, der Bordsteinkanten mit seinem Rad überspringt – hoch wie runter -, die lebendig gestikulierenden Frauen an der Bushaltestelle, der Mann mit seinem Sohn, der diesen energisch in etwas einweist, die Frau mit den riesigen Blumensträußen, die sie versucht auf dem Rad zu bugsieren.
Solche Straßenszenen wage ich übrigens nicht zu fotografieren. Zu intim ist es, zu nahe, zu eindringend. So halte ich sie eben in meinem Kopf fest. Den Markt in Klaipedas Altstadt, der alte, „echte“, in dem noch aus Eimern und Kübeln verkauft wird, wie es direkt vom Hof kommt, auf dem es duftet wie damals immer. Das Miteinander der Bootsbesatzung, die mich übers Haff bringt, ihre still einvernehmliche Arbeit. Die Kindergruppe auf dem Zeltplatz, die dort spielt und tanzt und aufs Lebendigste verbunden ist. Die Begegnungen der Frauen vor dem Dorfkonsum, die sich – vermutlich – das Neueste vom Tage erzählen.
Lauschend, schauend – im Grunde möchte ich in jedem Dorf bleiben. Und doch – Fluch und Segen – fährt man auf Radreisen halt immer weiter, immer weiter.

Wie bin ich hier per Rad unterwegs? In allererster Linie: holprig. Den Tiefsandführerschein hätte ich bestanden, schreibe ich nach einer entsprechenden Wegepassage auf Twitter. Dazu gäbe es dann noch den Waschbrett- und den Lochasphaltführerschein, antwortet man mir dort. Richtig. Vor allem das Waschbrett ist sehr beeindruckend. Wie sie diese gleichmäßigen Wellen wohl in die Schotterstraßen hineingefräst haben? Zuweilen wird genau die Resonanzfrequenz meines Fahrrads erreicht, dann wirft es mich fast vom Sattel. Im Tiefsand dagegen versuche ich mein Bestes, schiebe aber oft. Und der Lochasphalt ist tückisch, da lässt man die Hände besser sprungbereit an den Bremsgriffen. Zumal auf dem Nehrungsradweg, wo einem permanent andere Radler entgegenkommen, manchmal auf etwa einem Meter Breite. Ein Wunder, dass ich mir bisher weder Knochen noch Speichen (also: die vom Fahrrad) gebrochen habe.
Schon nach wenigen Kilometern kommt jedenfalls Asphaltsehnsucht auf, zuweilen gebe ich dieser nach, indem ich doch größere Strecken Landstraße nehme. Oft waren sie bisher wenig befahren und die Überholabstände der meisten Autos sehr großzügig. Ein Stück Quasiautobahn war allerdings auch dabei: vierspurig und daher – trotz Bushaltestellen, Traktorwendemanövern, Ortseinfahrten sowie Fußgehenden und Radfahrenden – schnell und heftig berast. Äußerst bewährt hat sich dort – wie überhaupt – mein Rückspiegel. Ein gewisses Maß an Urvertrauen braucht es auch. Sowas werde ich jedenfalls möglichst nicht zu oft wiederholen. Dann lieber Waschbrettschotter.
Spannend auch meine Situation an einer einspurigen Baustelle: Autos werden immer wechselseitig durchgelassen, kennnt man ja. Wie oft ist man für dieses Prozedere per Rad zu langsam. Als ich noch mitten auf dem Weg bin, treffen mich die entgegenkommenden Autos und kennen kein Erbarmen. Statt zu bremsen, brettern sie vorbei. Während ich mich an den Seitenrand der Straße quetsche. Dieser jedoch besteht aus einer Abbruchkante in die Baugrube, es ist ein knapper Meter nach unten. Da ich zwischen Rad und Abgrund stehe, bin ich äußerst froh, dass mir ein gemeinsamer Sturz mit dem Rad hier erspart geblieben ist.

Was noch? So viel, so vieles. Ich könnte Romane schreiben, schon nach drei Tagen.
Von der russischen Grenze, zu der ich mich vorwage. Schon 1-2 km vorher ist die Straße gesperrt. Ich fahre trotzdem durch und radele auf einsamen Wegen, in der Stille des frühesten Morgens. Bis die Grenzanlagen in Sicht kommen. Mein mir immer noch innewohnender Respekt vor Grenzen – ostdeutsch geprägt halt – lässt mich innehalten. Aber ich bin zu neugierig, fahre heran, bis ich den Ort per Teleobjektiv festhalten kann. Als sich dort immer noch nichts regt, wage ich mich näher. Und noch näher. Alles still. Und alles geschlossen. Ob sich ein Fernglas auf mich richtet, weiß ich nicht. So nah bin ich dann doch nicht, drehe lieber um, bevor ich es erkennnen kann. Auf dem Rückweg zur Straßensperrung kommt nach einem Elch, der unvermittelt vor mir steht – ich schwöre, das muss einer gewesen sein! – ebenso plötzlich ein Jeep mit zwei Grenzern aus dem Gebüsch auf die Straße. Ob man mich nicht verhaftet hätte, fragt mich später die Frau, die aus dem Wald joggt. Offenbar nicht, sage ich.
Von der orthodoxen Kirche mitten im Vorstadtneubaugebiet, mit ihren Klängen und Gerüchen, in der eine Frau hingebungsvoll den Boden von Wachsresten befreit, während sich eine andere in der Ecke mit ihren Fingernägeln beschäftigt. Da ich mich – mangels Kopftuch – nicht weiter hineinwage, bleibt mir nur dieser kurze Blick. Und der auf die Vorbeieilenden, von der Arbeit kommenden, die doch nicht zu vergessen, vor dem Eingang einmal kurz stehenzubleiben und sich zu verneigen.
Vom Zeltplatz, auf dem das russische Stehklo und auch sonst das Inventar der Vergangenheit dominiert, auf dem man seine 7 Euro aber nur mit Karte zahlen kann, an einem mobilen Kartenlesegerät.
Von den vielen Yoga- und Reiki-Werbungen an allen möglichen Orten. Und dem Mann, der mir dazu erklärt: Man wolle anders leben als die Früheren. Das Frühere, das sei viel Alkohol, russische Lebensart eben, sagt er. Er selbst trinke gar keinen. (Erwähnt er, als ich ihm erkläre, was die Aufschrift Radler auf meiner Bierdose bedeutet.) Jetzt aber schießen Meditationswege wie Pilze aus dem Boden, genauso drückt er es aus. Die Menschen suchen danach.
So vieles noch, so vieles war da … bei Twitter schreibe ich ja auch viel. Die kleinen Details ein wenig festhalten, vielleicht gelingt es schreibend.

Und nun fahre ich weiter, zunächst nach Norden. Heute Abend werde ich in Lettland sein.

#ostwärts-1 – Ein Traum, ein Ziel, ein Plan

Einige Jahre ist es her, ich saß sommers auf dem Rad wie so oft, saß lange auf dem Rad damals, einige Wochen waren es, als mich plötzlich der Gedanke durchfuhr: Dieser Zustand könnte ruhig länger anhalten, ein Jahr vielleicht, dieser Zustand von Fahren und Verweilen, Treten und Sein. Ein Jahr auf dem Rad, wie das wohl wäre? Wohin ich wohl wollte? Wohin ich käme?
Wohin ich wollte? Die Antwort kam mir prompt: In den Osten, in den weiten, sehr weiten Osten. Nach Russland nämlich, in das Land meines Jahres 89/90. Dorthin sollte es gehen. Erstmals blitzte die Idee eines Sabbatjahres auf …

So begann es vor vielen Jahren. Der Traum reifte allmählich zum Ziel. Sabbatjahr geht erst, wenn die Tochter 18 ist, das war klar. Vorher aber kann ich den Osten „anfahren“, Sommer für Sommer, immer ein Stück weiter. Und deswegen wurde die Route im Kopf länger und länger. Hatte ich anfangs noch das europäische Russland vor Augen, stand eines Tages – genauer: eines Nachts war es – der Baikalsee vor meinem inneren Auge. Der Baikal, dieser tiefe See im fernen Sibirien, an dessen Ufern wir damals, am Ende meines Moskau-Jahres, für nur wenige Tage sein konnten. Viel zu kurz, viel zu flüchtig. — Nun ist er mein Ziel.
Was ich mir noch alles hineinträume in diese ferne russische Welt und meine Wege dorthin, das werde ich im Laufe der Reise erfahren. Und vielleicht auch erzählen. Im Moment wirkt es mir wie ein Paradies. Ein Magnet, der mit jedem Reisebericht, mit jeder Reportage, mit jeder Zeile, die ich über Russland erlese, stärker wird. Als wäre dort mein Land, mein Ort, meine Heimat.
Verrückt, ich weiß. Der See ist fern, das Sabbatjahr auch, ich nicht mehr jung, man weiß nie, was noch kommt und was gehen wird, gesundheitlich und überhaupt. Und doch: Der Baikalsee.
Aus dem Ziel erwuchs nach und nach eine Route, eine zeitliche Vorstellung, ein Plan. Ein paar Sommer bis zum Sabbatjahr sind es noch, man kann stückeln, sich jedes Jahr ein wenig mehr nähern – ins europäische Russland, Petersburg und Moskau natürlich, dann zum Ural, erste Wege nach Sibirien. Jahr für Jahr ein Stück.So dass ich dann – im Sommer, in welchem das Radreisejahr beginnt – schon nahe genug bin, um den See vor Wintereinbruch zu erreichen. Dort dann überwintern und über irgendeine südlichere Route zurück.

So weit, so sehr lebt es in meinem Kopf. Und dieses Jahr sollte der Anfang meines #ostwärts-Projektes sein. (Genau genommen hat es ja vor x Jahren begonnen, unbemerkt noch: Wenn der Weg von meinem Zuhause nach Berlin der eigentliche Anfang war, dann bin ich ihn 2016 und 2017 schon gefahren, je einmal mit jedem Kind. Was für ein schöner Beginn einer langen Reise.)
Dieses Jahr also sollte es in Berlin losgehen. Oder weitergehen. Von Berlin aus mit wenigen deutschen Kilometern nach Polen, querdurch, dann Kaliningrad – Litauen – Lettland – Estland. Viel mehr passt nicht in einen Sommer. So war also der Plan, wie er sich noch im Winter geformt hatte.
Was dann geschah, wissen wir. Schnell wurde klar: Kaliningrad, russisches Gebiet, lässt sich dieses Jahr nicht bereisen. Dann sah es – im April – so aus, als wäre gar kein Ausland möglich. Ich hatte jegliche Reise abgeschrieben. Im Mai/Juni jedoch kehrte mit den sinkenden Corona-Zahlen meine Zuversicht zurück: Vielleicht lässt sich doch radreisen, wenn ich nur das Kaliningrader Gebiet umfahre. Ansonsten der Europäische Radwanderweg R1 als Leitroute, ich bestellte mutig das Kartenmaterial und war ebenso mutig im Vorfreuen. Immer mehr. Nach diesem Jahr, diesem Schuljahr, dieser erschöpfenden Zeit, die an jegliche Grenzen gegangen war, wurde mir mein Plan zum Refugium.
Nun, und jetzt kamen die Zahlen zurück, noch bevor bei uns die Ferien begonnen hatten. Tag für Tag starrte ich in die Reiseinformationen der App des Auswärtigen Amtes, der Trend wurde klar. In Polen wächst die Infektionsrate wieder, noch früher als bei uns, und das Baltikum hat strenge Einreiseregeln. Es war eine Sache von Tagen, ich konnte es vorab hochrechnen, dass Litauen Menschen, die durch Polen anreisen, unter Quarantäne stellen wird. (Und genau seit gestern ist das tatsächlich so.)

Da saß ich also in Berlin, auf gepacktem Rad, das mich eigentlich via Küstrin, Poznan und Gdansk ins Baltikum bringen sollte, und schon vor der Abreise war klar, dass diese Reise an der polnisch-litauischen Grenze enden wird. Was jetzt?
Nur durch Polen, dort umhertreideln und verweilen? – Das Land kenne ich schon, von früher, es hat wenig Fremdheitsnimbus für mich, es lockt mich für diesen Sommer nicht, denn es sollte nur Durchgangsort sein … ich konnte mir dies nicht vorstellen.
In Deutschland bleiben? Irgendetwas ganz anderes machen? – Nein, meine #ostwärts-Sehnsucht nagt zu sehr.
Ein Ausweg blieb: Die Fähren ins Baltikum. Was eigentlich nur für den Rückweg dienen sollte, wird jetzt vielleicht zweimaliges Transportmittel – wer weiß, so genau kann man das in diesen Tagen ja nicht sagen.

Und so sitze ich nun auf einer solchen Fähre. Knapp habe ich sie in Kiel erreicht, nach holpriger Bahnfahrt aus Berlin, Ticket am Hafen gekauft, ein wenig umgepackt, um für die 20 Stunden nicht alle Packtaschen mit in den Ruheraum zu nehmen, vom Shuttlebus auf das Autodeck navigiert worden, Rad auf dem Autodeck abgestellt … und dann ging es los.
Dann ging es vor allem im Innern los. In dem Moment, als Kiel noch zu meinen Füßen lag, die Sonne sich daran machte, hinterm Horizont zu verschwinden, das Schiff ächzte und tutete und zu rauchen begann und zu vibrieren, als all die mitfahrenden Menschen aufgeregt das Ablegemanöver bestaunten oder es einfach nur stumpf beguckten, ich erste Seereisefotos in die Twitterwelt verschickte, von dort und woanders Mitfreudewünsche für meine baltischen Wege eintrafen, als ringsum die Dichte der russischen Stimmen zunahm, als also meine Reise zwar umgeplant, aber nun doch zweifellos direkt vor mir lag, da kam das Reisekribbeln zu mir. Noch wenige Stunden zuvor war es so fern wie nur irgendwas gewesen.

Nun also: Ich reise. Sehe, was sich vor mir öffnet. Die weiße unbefleckte Landkarte der baltischen Länder, über die ich so wenig weiß. Schon die Menschen auf dem Schiff, etliche sind wohl Litauer*innen, deren Sprache ich nicht ansatzweise verstehe. Das sicherlich fremdartige Straßenbild dort, die Verhaltenscodizes, die mir nicht vertraut sind, mein wohl unweigerlich immer suchender Blick nach dem Bekannten – dem Russischen? dem Sowjetischen? werde ich etwas (wieder)erkennen? – und meine unglaubliche Neugierde auf das Unbekannte. Ich freue mich!
Das, was nicht geht, was für dieses Jahr verschlossen bleiben wird – die Wege durch Polen und Russland – tritt in den Hintergrund. Sie lassen sich ja nachholen. Oder auch nicht: Jetzt erstmal bin ich anders unterwegs als ich dachte, aber doch ist es „meine“ Reise.

Seltsam, wie einem Planungen im Weg stehen können. Wie sie mich die letzten Tage in Berlin irritiert, wie sie mir die dortige und die kommende Zeit fast schon zerstört haben. Wie ich starr war in dem, was ich doch so lange für mich als Plan festgezurrt hatte, starr und gefangen und unfrei im Neuentscheiden. Mich hat es erschreckt. Mein Ich und meine Pläne als Konstrukt, dem ich mich selbst ausliefere. Warum habe ich mir den Ausweg nicht früher gestattet? Warum kein flexibles Abweichen zugelassen? Warum mich nicht eher öffnen können für das Ungeplante? Warum habe ich die jetzigen Pläne noch so lange als Ersatzreise empfunden – eigentlich ja, bis ich auf’s Schiff stieg?
Meine Pläne und Prinzipien und Routinen und Rituale – es gibt so vieles im Alltag, wo ich unflexibel, fast schon verbohrt und verbissen bin. War das schon immer so? Sind mir Pläne und Prinzipien ein Gerüst, ein Halt, wenn die Kraft sonst nicht reicht?
Weil jegliches Umentscheiden, weil jedwede kleine alltägliche Entscheidung letztlich Raum fordert, ist es erleichternd, viele Abläufe festgezurrt zu haben. Soweit, so richtig – vermutlich für viele Menschen. Der Sinn der Rituale. Doch andersherum gesehen ist jedes Ritual ein bequemes Eingerichtetsein, oft auch fehlende Offenheit. Oder nicht?
Und lasse ich die Dinge offen, verliere ich möglicherweise die Kontrolle über sie.

Und nun stehe ich am Beginn einer wochenlangen Reise, von der ich keinen Zielort, keine Wegführung, keine Transportmittel für den Rückweg kenne. Ich weiß nur, dass am 14. September die Schule wieder beginnt. Und bis dahin gibt es in meinem Gepäck einen Reiseführer, eine Landkarte und einen Radwanderführer der baltischen Länder. Mehr nicht.
Ich bin gespannt, sehr …

Die Fähre läuft ein. Vorher schon kündigt sich Litauen mittels Zeitverschiebung auf dem Handy an.
Ein Loswuseln an Bord, alle greifen ihre unzähligen Gepäckstücke, autofahrende Menschen drängeln unsinnigerweise herum – sie können ihr Auto eh nicht fliegend aus dem Bauch des Schiffes befreien. Lediglich wir vier Radfahrenden, wir können uns durchschlängeln – und tun dies auch. Sind mit die ersten, die das Schiff verlassen.
Ein Hafen, ein kaum zu findender Ausgang, eine Grenzkontrolle (ungwohnt für uns Schengen-Verwöhnte) empfängt uns. Die Vororte eine belebten Stadt, Radwegeslalom, wilder Verkehr, Hupen, Rasereien, vertraute sowjetische Satellitenstadtbauten. Also doch: schon hier Vertrautheit – und warum ich diese schön finde, diese alten, abgelebten Gebäudemonster, dies wird ein andermal zu ergründen sein.
Ich entscheide mich dafür, einfach durchzufahren, alle Wegränder aufzusaugen, nichts zu fotografieren, einfach auf dem Weg zu sein, wie er zufällig an mir vorbeikommt. Morgen werde ich – der Lage der Campingplätze geschuldet – hier wieder vorbeikommen, da nehme ich mir Zeit für die Stadt.
Jetzt bin ich nur auf dem Weg zum Zeltplatz im Norden der Stadt …
14 Fahrradkilometer später baue ich – nach Anmeldeprozedere auf Russisch: wie sehr ich das genieße:) – in einem Kiefernwäldchen mein Zelt auf. Die jungen Radreise-Zeltnachbarn sind alles Hiesige, man radreist hier offenbar viel und gern. Sie erzählen mir, dass eigentlich nur die Alten Russisch sprechen (und staunen, dass ich dies auf der Fähre, in der Stadt und hier auf dem Platz schon ganz anders erlebt habe). Sie lächeln ganz bescheiden, als ich mich so offensichtlich aus jeder Pore freue, hier zu sein. Der Weg zum Strand sei kurz, sagen sie. Ich gehe hin. Die Sonne ist schon untergegangen und hallt noch rot nach, ich kaufe mir ein Bier, ein hiesiges natürlich, sitze und schaue. Da ist das Meer. Zunächst einmal ist da viel Meer. Und meine Fähre macht sich in der Ferne gerade auf den Rückweg.

Nun denn – auf geht’s: Zur südlichen Grenze von Litauen mit Russland. Von dort allmählich zur nördlichen Grenze von Estland mit Russland. Das soll meine erste Orientierung für die Reisewege sein. Aber wer weiß, wohin es mich in den nächsten Tagen und Wochen wirklich bringen wird.

Bannwaldrunden

Zuerst war da eine verlorene Reise. In meinen Ferienräumen, die sonst immer – Jahr für Jahr, seit jeher – gefüllt waren mit Unterwegssein, mit Wegen per Rad, die eine Brücke schlugen zwischen kalten Wintertagen und großer Sommerfahrt, in all diesen freien Räumen war dieses Jahr: Nichts. Oder jedenfalls: Fast nichts.
Immerhin, ein Plan war da. Und die mit ihm verbundene Vorfreude. Während über Ostern, an Himmelfahrt und über den ersten Mai noch das Lähmende der Zeit – die Reisebeschränkungen, die nicht abreißende Arbeit, die Ungewissheit, die Strukturlosigkeit – gewann, sah es in den Pfingstferien zunächst anders aus.
Jetzt endlich, dachte ich. Endlich endlich, es war spät genug für dieses Jahr. Die Wochen des Fernunterrichts hatten mich bodenlos erschöpft. Seit März kaum je freie Tage, Arbeit von morgens bis nachts, ich will davon gar nicht viel erzählen – es reicht, dass es ist wie es ist. Ein paar Tage Unterwegssein waren bitter nötig. Radreisezeiten laden meinen Akku mehr auf als alles andere. Eine Woche wie ein Jahresurlaub, so wenig braucht es für mich. Und so dringend war es mir. Ich hatte sogar Wildzelten geübt. Auch wenn dann pünktlich zu den Pfingtferien die Campingplätze wieder öffneten.

Doch dann begann mein Reiseplan zu bröckeln. Ein Termin nach dem anderen, die Anzahl der möglichen Reisetage immer mehr beschnitten. Und letztlich das Wetter.
Jedenfalls: Zwei ganze Tage war ich unterwegs, letztlich …

In innerem Jubel fahre ich los, glücklich im vertrauten Gefühl auf dem schweren Rad voller Packtaschen mit meiner Unterwegswohnung, mit Nahrung, Küche und Wärmendem. Der nur träge reagierende Lenker, die sanften Bögen, die das Rad mit Vollgepäck schlägt, als wäre es gleich mir gezähmt in allem, was unruhig klappern und zittern macht, wie Schloss und Schlüssel fügen sich mein Körper und das Rad ineinander, wann immer ich mich darauf setze.
Geliebte weiße Schilder mit der grünen Schrift, Dorfbrunnenpausen, einsame Waldwege ohne Ziel, Entdeckungen in weiten Wiesen, die Zeit verschwommen, der Tag ist lang und kurz zugleich. Ist es viel oder wenig, was ich fahre und trete, bergauf und bergab, wohin wird es gehen, wer hält, was hält, der Tag mündet in Stille. An diesem Fleckchen der Welt allemal. – Keine halbe S-Bahnstunde von meinem Zuhause entfernt, übrigens.
Ein Platz für mein Zelt, eine Nacht voller Frieden.
Ein nächster Tag mit freiem Horizont. Viel Auf und Ab im Odenwald, die Beine tun als hätten sie sich nie anders bewegt als so, ich schwebe. 1000 Höhenmeter, eine kleine Quasi-Alpen-Etappe.
Bis das Gewitter kommt. Von allen Seiten, immer dichter, immer lauter, vor mir, hinter mir, immer näher kommend. Die Wettervorhersage stimmt damit überein. Heute, morgen, übermorgen, und die nächste Woche auch gleich: Es wird regnen.
Es ist früher Abend, als ich mein Haus erreiche. Gewitter im Zelt – nein, das brauche ich nicht.

Der Rest ist schnell erzählt. Alle erreichbaren Orte haben auch Regen Regen Regen. Diese Woche, nächste Woche. Odenwald, Kraichgau, Schwarzwald, Alb … schweren Herzens resigniere ich und lade ab. So schnell ist meine Pfingstreise also vorbei. Keine 36 Stunden.

Ich fühle mich zerrissen. Für die Natur jubele ich, wissend, wie nötig ihr der Regen ist. Zwei Seelen in meiner Brust, ein Paradebeispiel: In der Trauer des Reiseabbruchs vollführe ich – auf meinem Balkon nunmehr – wahre Regentänze vor Freude.
Aber. Warum genau an meinen wenigen Tagen. Genau jetzt. Warum.

Die Radtaschen bleiben unausgepackt stehen, noch lange. Sie zu verräumen fühlt sich an wie meine Sehnsüchte in den Keller tragen. Wo genau die Wunde im Innern klafft, wird mir nicht klar. Es ist einfach Schmerz. Wundes Weh, gepaart mit Erschöpfung.

Bis ich – in einer Atempause des Regens – mein leeres, leichtes Rad nehme und in den Bannwald hinterm Haus fahre. Nahe Wege, die ich noch nie betreten habe, eine Bergkuppe voller Geheimnisse, ein steil bergauf tragendes Rad, schmale Pfade, nicht für meine Reifen gemacht, und doch. Ich steige kaum ab, keuche mich durch’s Dickicht, durch die Waldwildnis, hebe das Rad über Stämme, ächze sogar auf den Abwärtspassagen, schiebend vor Steilheit. Darüber beginnt meine Traurigkeit einen hellen Schimmer zu bekommen … Irgendwann bin ich oben. Glücklich, für den Moment. Während meine Tränen im Stillen weiterweinen.
Unten, am Ende des Bannwaldweges, finde ich uralte Gemäuer. Ein Ort zum Niedersetzen. Ich bin da.

Wie oft saß ich seither in der verwunschenen Burgruine. Mit mir und den Mauern und dem wilden Grün und der Weite des Flusstales unter mir. Wie oft ist dies mein Abendtrost. Meist nehme ich den Weg durch den Bannwald. Nicht immer über die Kuppe, nicht immer den steilsten Pfad. Aber immer über Unebenheiten.
Ohne die verlorene Reise wäre ich nicht hierhergekommen und hätte nicht meinen Ort am Ende des Bannwaldweges gefunden. Oder jedenfalls nicht sofort.

Vielleicht ist das Leben ein Bannwald. Unaufgeräumte Bäume, kreuz und quer. Wir können sie nicht ordnen. Nein, wir sollen es nicht einmal. Wald ist Wald. Nicht aufzuräumen, nicht zu richten. Niemand nimmt sie uns vom Weg. Ein Kreuz und Quer der Hindernisse, unerwartetes Gebremstwerden, hinter jeder Ecke eine andere Form der Unplanbarkeit.
Und wenn der Weg zu beschwerlich wird, ob bergauf oder bergab, dann gilt es zu schieben. Oder anzuhalten. Auch wenn ein Rad zum Rollen bestimmt ist. Und zuweilen heißt es umzukehren und einen neuen Weg zu finden.

Vielleicht habe ich einfach nur dies gelernt auf meiner verlorenen Reise.

Herbstradeln

 

 

Ganz früh im Morgenlicht des gerade erst erwachenden Sonntags sitze ich auf dem Sattel, der Fahrtwind ist kalt, jeder Sonnenstrahl sehr willkommen. (Später am Tag werde ich in kurzen Hosen und Top radeln und bedauern, dass die Sonnencreme zu Hause liegt. Und das im Oktober.)

 

 

Von der Haustür weg führen meine bekannten Wege, die bald schon in neue münden. Ortschaften, in denen ich – trotz der Nähe – in all den Jahren nie war. Manche führten mir immer zu weit hinauf ins Hügelland des Kraichgau. Nun, nach der Bergfahrt meines Sommers, auf der ich lernte, dass jeder Anstieg zu gehen ist, wenn man nur nicht mit ihm hadert, nun wage ich alles zu fahren, was sich vor mir ausbreitet. Ohne Plan und Ziel rolle ich durch die Sonntagsstille, hinauf, hinab, rechts, links – immer den Weg entlang, nach dem mir gerade zumute ist.

 

 

Ort- und Landschaften, die ich nur von der Karte her kenne, oder aus dem Auto, oder gar nicht, ziehen an mir vorbei. Ich staune über das mir fast völlig unbekannte „Hinterland“, so nah an meinem Dorf. Treideln durch wunderbare Hügelwelt, zeitverloren.
(Am Abend gerate ich plötzlich in Eile, der Rückweg zieht sich länger als gedacht, und zu Hause warten die Kinder.)

 

 

Farben bringe ich mit nach Hause, Seelenwärmeherbstfarben, für einen vielleicht langen Winter.

 

 

Und den Himmel. Den sowieso.

Danke.

Angeradelt

Der Januar war Durststrecke, in die Februarferien schlingerte ich in Bodenschwere und voller Tränen. Was sich da alles zusammengeballt hatte, dies ist – für hier und im Moment – unwichtig. Ganz sicher aber war das Dunkel mitausgelöst davon, dass ich einen ganzen Monat lang nicht draußen, nicht im Freien war, nicht auf den Pfaden rund um unser Dorf, nicht auf ferneren Wegen, nicht per Rad, nicht zu Fuß, dass ich kein Sonnenlicht, keine Winterluft um mich hatte. Dies wurde mir erst im Nachhinein bewusst. WIE sehr fehlte mir das Draußensein, WIE sehr trübte sich alles um mich ein …

Nun, die Ferienwoche im Schnee hellte auf und gab den Fingerzeig, wie heilsam Unterwegssein im Draußen und freies Atmen sind. Nach dieser Woche pumpte ich mein Rad neu auf und fahre seither mit ihm zur Arbeit, Minustemperaturen hin oder her. Dies bewegt, dies belebt. Dies setzt dem Düsteren eine Kraft entgegen.

Als schließlich am Samstag eine strahlende Sonne zaghaft winzige Plusgrade anbot, tat ich, was wohl ein Novum für mich ist: eine Winterradtour. Na gut, sie wurde klein, nicht mehr als 50 Kilometerchen – die aus dem Stirnband herauslugenden Ohrläppchen und die Zehen hätten kaum mehr Eisigkeit ausgehalten – , aber dennoch: Das Tourenjahr ist angeradelt:)

Wie hell dieser Weg war. Wie wärmend. Wie zuversichtlich ich nach all den schweren Tagen plötzlich wurde.

Noch fließen meine Worte tröpfelnd, bewegt sich auch das Kameraauge nur gelähmt. Ja, der Januar hat mich innerlich ausgetrocknet und ins Elementare zurückgeworfen. Doch um nicht ganz ohne Bilder zurückzukehren, tat ich wie schon im Herbst:
Genau alle fünf Kilometer fotografierte ich. Ein Bild in Fahrtrichtung, eines rückwärts, eines nach rechts, eines nach links. Bei Blende, Perspektive und Tiefenschärfe gab ich mir keine Wahl. Ungeschminktes Leben, wie der Wegrand es darbietet. Kein Fokus auf das „Schöne“, das Ansehnliche, das Idyllische, sondern zufällige Lebensblicke, wo sie halt hinfallen.

Wieder war mir dies wie damals schon eine Übung im Annehmen. Welche idyllischen Anblicke der Kamera entgehen und welche nüchternen Bilder dafür vor die Linse geraten: so wie sich Tage und Wege eben zuweilen zeigen. Kaum Aushaltbares im Fokus, das Nährende in Verborgenheit, und ich inmitten. Hoffend, dass ich nie vergesse, wieviel Unsichtbares den Hintergrund bildet.

Hier also Wegebilder: Unten in groß jeweils der Vorwärtsblick, darüber der Blick zurück, und seitlich rechte und linke Wegesränder.

Kilometer 5:

Kilometer 10:

Kilometer 15:

Kilometer 20:

Kilometer 25:

Kilometer 30:

Kilometer 35:

Kilometer 40:

Kilometer 45:

Kilometer 50:

Danke.

Wegpunktzufälle

Irgendwann tat ich es schon einmal. Damals strengte mich meine ewige Bildsuche sehr an, ich hatte diese Idee und war neugierig auf das, was geschehen würde.
Diesmal liegt mein Motiv noch etwas tiefer: Überfordert fühl(t)e ich mich, hilflos gegenüber dem Vielen, unfähig eine Auswahl zu treffen. Beim Fotografieren so wie bei sonstigen Dingen.

Und so tue ich plötzlich, was ich auch damals tat, und was mir der Herr Irgendlink hoffentlich nicht als Plagiat auslegen wird, denn es ist keines: Ich radle los und fotografiere meinen Weg in vorgegebenen Abständen. Genau dort, wo der Kilometerzähler Stopp gebietet, und nirgends sonst.
Hätte ich am Morgen schon geahnt, wie weit mich meine „kurze“ Samstagsrunde tragen würde, hätte ich wohl einen weiteren Rhythmus als 5 km gewählt, 7 oder 13 oder so. Doch auf einen 10-km-Abstand möchte ich die Bilder jetzt nicht mehr ausdünnen – dies ist ja keine Primzahl (;-)), und dies wäre dann tatsächlich Irgendlinks Zahl.
Nun also: Viele viele Bilder werden es. Alle 5 km nehme ich vier Blicke auf, in jede Richtung einen. Ich fotografiere mit festgelegter Brennweite und gebe mir auch sonst keine großen Entscheidungsmöglichkeiten bei Motivwahl, Tiefenschärfe oder Ausleuchtung. Was an jenen Fleckchen sich befindet und wie es sich im Licht des Moments zeigt, genau dies hält meine Kamera fest. Was aber in den Zwischenzeiten und Zwischenorten meinen Weg kreuzt, bleibt unfotografiert …

Wie schwer dies anfangs ist. Gänzlich unfotogene Ansichten landen im Apparat, wohingegen ich an zauberhaften Herbstnebelfarben, an fließenden Lichtwolken, an schimmernden Landschaftswellen vorbeirauschen „muss“, ohne sie mir auf mein Speichermedium zu bannen.

Wie das eben so ist, hier an der Strecke, und auf meinen täglichen Wegen, denkt es in mir. Haben wir eine Wahl, welche Bilder wir aufnehmen? Können wir dem Unschönen ausweichen, können wir immer nur das Wohltuende vom Wegesrand pflücken, so wie ich es beim Fotografieren sonst gern mache? Während doch immer das gesamte Spektrum an der Strecke liegt?
Ja, die unansehnlichen, gar hässlichen Ansichten sind da, ob ich will oder nicht. Heute landen auch sie in der Kamera, bunt untergemischt unter Fotogeneres, alles in allem ein wahrer Auszug aus der Wirklichkeit. Nichts ist geschönt, nichts ausgeblendet, ich verzerre nicht durch Auswahl und Verwerfen. Das was ist, das ist. Ich lebe darin.
Und doch: eine Stunde ist nicht eine Stunde, ein Kilometer nicht ein Kilometer, ein Bild nicht ein Bild. Meinen Kopf kann ich immer noch wenden wie ich möchte, selbst im Nachhinein. Kann die unliebsameren Blicke kaum mehr beachten, kann meinen Fokus auf das Labende richten, kann es vermischen mit stärkenden inneren Bildern, derer ich genug in mir trage und von denen ich heute emsig weitere einsammle. Das Panorama, welches ich von meiner Kurzreise mitbringe, wird von mir geformt und gefärbt, und nicht von den Bits und Bytes auf der Speicherkarte. Von einer statistischen Verteilung des Guten und des Unguten am Wegesrand möchte ich mir nicht vorschreiben lassen, was ich im Innern letztlich sehe …

Was bedeutet das überhaupt: das Gute, das Ungute, das Schöne, das Lichte? Sind dies nicht selbsterschaffene Kategorien? Ist ein Bild per se wohltuend, oder mache ich es mir zu einem solchen? Kommt das Licht der Dinge von ihrem äußeren Anblick her? Oder kann ich es ein Stück weit selbst erschaffen?
Wenn ich doch versuchte, auch in einem jeden Unbedeutenden – und sogar im vemeintlich Hässlichen – etwas aufzuspüren, das mich stärken könnte? Schließlich fügt sich jede Wegstrecke aus letztlich unbedeutenden Orten zusammen. Weder für mich noch für Euch als von außen Betrachtende ist es vermutlich von Belang, ob ich auf meiner Kurzreise am Rhein war (war ich nicht) oder am Neckar (war ich). Beide Flüsse sind hier weder zu sehen noch sind sie nicht zu sehen. Möglicherweise spielen sie gar keine Rolle.

Was für eine Entlastung, wenn ich nicht mehr Bedeutsames auszuwählen versuche, wenn ich nicht werte, nicht sortiere zwischen Leuchtturmanblicken und Grauackertönen, zwischen erstrebenswerten Reisezielen und dem ermüdenden immer ein wenig monotonen Tritt des Alltags.
Eine Entlastung für mich, da ich nicht allezeit nach tragenden und stärkenden Momenten auf meiner Lebenswegstrecke suchen muss, während ich gleichzeitig vor anderen Etappen die Augen verschließe oder gar fliehe.
Eine Entlastung auch für die Dinge und ihr äußeres Kleid, wenn sie nicht mehr die Bürde der Verantwortung dafür tragen, mir meine Tage zu retten, wenn auf ihnen nicht mehr das Gewicht der Sinngebung für andere Zeiten liegt.

Nun also: Was hat sich mir unterwegs gezeigt? Dies alles, dies viele, was folgt …
(Unten in groß ist jeweils das Bild in Fahrtrichtung zu sehen. Oben etwas kleiner das Rückwärtsbild, daneben die Bilder in seitlicher Richtung.)

Kilometer 5:

 

Kilometer 10:

 

Kilometer 15:

 

Kilometer 20:

 

Kilometer 25:

 

Kilometer 30:

 

KIlometer 35:

 

Kilometer 40:

 

Kilometer 45:

 

Kilometer 50:

 

Kilometer 55:

 

Kilometer 60:

 

Kilometer 65:

 

Kilometer 70:

 

Kilometer 75:

 

Kilometer 80:

 

Kilometer 85:

 

Kilometer 90:

 

Kilometer 95:

 

Kilometer 100:

 

Vielleicht sollte ich öfter so wahl- und entscheidungslos durch die Linse schauen?
Nun, „schöne“ Bilder werde ich natürlich weiterhin suchen und zeigen, mit aller Freude und Leichtigkeit, welche die Hingabe an ästhetische Wunder schenkt. Aber ich suche, lebe und fotografiere schon recht idyllezentriert.
Vielleicht gibt es einen Mittelweg. Beim Fotografieren, und im Leben.

#bergundtal-4 – Tochtertage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

 

Der Weg mit der Tochter beginnt mit einem gemeinsamen Freiburg-Nachmittag, an dem wir in einem kuscheligen Biergarten an der Dreisam zwei meiner ehemaligen Schülerinnen treffen. Wie toll, diese jungen Frauen auf ihrem Weg zu sehen, saßen sie doch gerade noch bei mir auf der Schulbank. „Gerade noch“ fühlt sich natürlich nur für uns Erwachsene so an. De facto ist es zwei bzw. fünf Jahre her.

 

 

Auf dringende Empfehlung von E. schauen wir am nächsten Morgen die neue Unibibliothek an. Sie hat offen, obwohl Feiertag ist. Und sie ist voll von jungen Menschen, die hier lesen, lernen, diskutieren, zukunftsträumen. Mir wird ganz sehnsüchtig nach dieser Zeit in meinem Leben, in der ich den Großteil des Tages genau so verbringen durfte wie diese hier …

 

 

Nun aber, es war gut, eine solche Zeit gehabt zu haben. Das Leben, meine Lebensform ist nun eben eine andere, und ja auch nicht die schlechteste, denke ich, als ich hinter der Tochter herradele und wir uns in unser gemeinsames Unterwegssein hineintasten.

Heiß ist es heute, kaum zum Aushalten. Nach 25 Kilometern schon brauchen wir ein Eis, so sehr brennt die Hitze auf den Kopf. Wir wollen sogar eine zweite Eispause einlegen, allein – es findet sich nichts in den verlassenen Dörfern. So müssen wir mit Wasserkühlung in verschiedener Form vorlieb nehmen.

 

 

 

Übrigens: Wir sind zu dritt unterwegs. Dies erfahre ich selbst erst in der zweiten Pause des Tages. Der kleine Reisegefährte – der übrigens haargenau so alt ist wie die Tochter und immer noch auf ihren Wegen mitmuss, so findet sie – wird in Szene gesetzt und dokumentarisch festgehalten, bevor er wieder seinen Platz auf dem Lenker einnimmt.

 

 

Nach schweißtreibender Fahrt erreichen wir kurz vor dem Gewitter den angepeilten Zeltplatz. Eine Erfahrung der besonderen Art (von der ich hier schrieb).

Das Seeufer mit Abendessen …

 

 

… das Seeufer nach dem Abendessen …

 

 

… und morgens ein Blick in das kreative Chaos unserer Behausung. (Wenn man genau hinschaut, sieht man mitten im Geraffel irgendwo das Tochterkind schlummern.)

 

 

Vom warm-heißen Hinterland gelangen wir heute wieder an den Rhein, wie gut: Es ist kühler hier, und zu sehen gibt es am Wasser immer etwas.

 

 

 

 

In Kehl radeln wir an dem Zeltplatz vorbei, der uns im Herbst bei unserer Strasbourg-Fahrt beherbergt hat. Von hier ab ist es bekannte Strecke. Und doch sieht alles anders aus: andere Richtung, andere Blickwinkel (was wir damals alles übersehen hatten!), andere Jahreszeit.

 

 

Nur eines ist gleichgeblieben: Der Wind weht gegen uns. Wir versuchen, dieses Phänomen wegzulachen und wegzujubeln – und wirklich: wie so vieles ist es eine mentale Sache.

 

 

Müde sind wir trotzdem, als wir spätabends auf dem Zeltplatz ankommen. Auf einem völlig überfüllten noch dazu, wir müssen unser Zelt in eine unbehagliche Ecke quetschen, in der wir weder Lust zum Kochen noch morgens zum Frühstück haben.

 

 

Darum fahren wir morgens vor allen anderen ab und holen Brötchen und Kaffee in der Campingplatzbäckerei.
Während des Frühstücks macht die Tochter Vordertascheninventur. Wie sie dieses Durcheinander nach nur einem Tag geschafft hat! (Hier scheint eine Expertin in Sachen Damenhandtasche heranzuwachsen:))

 

 

Der Tag vergeht im Flusswegradeln, wie toll das immer wieder ist.

 

 

 

 

An einer Schleuse vergessen wir die Zeit …

 

 

… an einem Hafen tragen wir – sportlich! – unsere Räder über die Brücke …

 

 

… und gegen Abend sind wir schon dort, wo wir manchmal von zu Hause aus ein Fischrestaurant besuchen.

 

 

Eine Zeltplatzübernachtung ist trotzdem noch drin, und nicht die schlechteste. Zumal wir die letzten 35 Kilometer nicht mehr geschafft hätten; die Tochter war mit den 87 bis dahin eh schon über sich hinausgewachsen.
Wir landen auf einem wunderbaren Zeltplatz ganz in Heimathausnähe. Und treideln am Morgen durch blühende, immer vertrautere Landschaften allmählich nach Hause.

 

 

 

Und nun, während die Sommerferien schon begonnen haben, steht das nächste gemeinsame Radeln unmittelbar bevor …

 

Andere Bilder dieser Reise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-3 – Begegnungen

#bergundtal-3 – Begegnungen

 

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

 

Erstmals seit langem ist dies eine Radreise, auf der nicht der nächste Schulbeginn die Tageskilometer hochtreibt, auf der ich nicht ständig auf Uhr und Kilometerzähler schauen muss. Hier unten am Rhein bleibt Zeit für einen Schlenker in die Schweiz, entlang der Aare fahre ich südwärts, einfach weil ich Zeit habe und neugierig bin.

 

 

 

 

War ich doch vor Zeiten – ich erinnere mich nicht einmal in welchem Jahr – auf einer Tagung hier in diesem Ort. Und tatsächlich, ich erkenne es wieder. Den Fluss, die Straßen, das Wohngebiet, und schließlich die Schule, in der wir uns damals trafen. Manchmal fühlt es sich sehr leicht an, in seine Vergangenheit zu reisen.

 

 

Der weitere Weg ist bergig, geht – jedenfalls für diese Temperaturen – hoch hinauf, ist schweißtreibend. Ich fühle mich wie eine Schnecke.
Und doch entschädigen der Blick, die Weite, das Berggefühl. Und die lange Abfahrt …

 

 

 

 

Unten am Fluss warten die Spätnachmittagsstimmung und das ruhige Dahinströmen des Wassers.

 

 

Vor allem aber warten die Freunde – ich habe nun doch länger gebraucht als gedacht – und ein kleines feines Geburtstagsfeiern am Wasser, hach.

 

 

Der nächste Morgen führt zur nächsten Herzensbegegnung, ich bleibe noch eine kleine Weile am Fluss und biege dann ab ins Basler Land.

 

 

 

 

Durch eine sanfte Hügelwelt geht es, bis ich …

 

 

 

 

… irgendwann ankomme in dieser kleinen Ortschaft, die mir schon so vertraut, in diesem Haus, in dem ich schon oft war, immer mich so wohlfühlend.
Einen Nachmittag und einen Abend lang reden wir, über so vieles, und über so vieles leider nicht, weil es viel zu schnell schon Schlafenszeit ist.

 

 

Der Morgen führt über Basel und ein Stück Rhein nordwärts …

 

 

 

… aus der Ferne winken mich schon die Berge an, in die ich hoch will, ins nächste offene Herzenshaus.

 

 

 

Dies ist ein Aufwärtsweg, den ich mir kaum zutraue, ich bin wirklich keine begeisterte Bergauffahrerin. Darum dauert es lange, und ich komme auch nur deswegen oben an, weil ich mir schon lange vorgenommen und vorgestellt hatte, dass ich dort hinaufwill:)

 

 

Zu diesem Blick, in diese Weite, in eine dritte nahe Begegnung, hach.

 

 

 

Wie gut, solche Menschen, solche Orte zu haben. Und sich beim Abfahren schon auf die nächste Begegnung zu freuen.

Schon jetzt war diese Reise reich. Nun bleibt ein letzter kurzer Tag, bevor die Tochter dazu kommt. Wir werden den Rest der Zeit gemeinsam radeln. Ich muss nur noch zum Treffpunkt nach Freiburg fahren.

 

 

Vom Flussweg winke ich noch einmal hinauf in die Berge, dort oben irgendwo war ich.

 

 

 

Und dann treffen wir uns auf dem Freiburger Zeltplatz …

 

 

Andere Bilder dieser Reise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-4 – Tochtertage

#bergundtal-2 – Freilaufen

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.
(Und jetzt, da ich hier schreibe, haben schon die nächsten Ferien begonnen. Die Zeit dazwischen war voll, zu voll, um in Ruhe erzählen zu können.)

Jede Reise hat diesen Anfangspunkt, an dem man spürt: Jetzt bin ich da. Jetzt bin ich hier im Unterwegs angekommen. Diesmal kommt er spät, am x-ten Tag, nach schon etlichen Kilometern, erst hier auf diesem Platz, auf dem ich ganz allein übernachte, in einer durchregneten Nacht, in der ich mich ein wenig fürchte, und nach der ich morgens in der Sonne sitze – plötzlich ist da Sonne! – und Zelt sowie Tränen trockne.

 

 

Von da ab bleibt es hell und grün und leuchtend und blühend, als hätte sich ein Schalter in mir umgelegt.

 

 

 

 

Ich fahre neckaraufwärts, der Fluss wird enger, seine Landschaften intimer, irgendwann verlasse ich sie ganz, weil der Weg über die Hügel geführt wird. Oben ist ein Gegenwind, und was für einer. Es geht bei allem Krafteinsatz kaum voran.
Doch wie ich da auf meiner Picknickbank sitze, vor mir der weite Himmel, auf meiner Haut der Wind, da ist auf einmal alles genau richtig. Auch die Langsamkeit. Diejenige, die dafür gesorgt hat, dass die letzten Tage so beschwerlich waren, und jene, welche heute durch den Wind verursacht wird. Manchmal erfährt die Schnelllebigkeit eine Zäsur, weil das Leben seine Zeit braucht. So wie heute die einzelnen Kilometer …

 

 

Als ich nach einigen Stunden zum Neckar zurückkehre, ist er zum Baby geworden, sozusagen. Der breite Strom von vor wenigen Tagen ist kaum noch ein Rinnsal.

 

 

 

Ich spiegele mich in ihm, und sehe bis auf den Grund. Bis ich seine Quelle erreiche. Mit einer Steinmauer hat man dieses Entspringen zu fassen versucht. Lässt sich Entspringen überhaupt fassen?
Und warum wohl ist direkt daneben dem Lesen ein Denkmal gesetzt?  (Schaut die Gestalt links im Schatten.)

 

 

 

Es ist später Nachmittag, doch ich fühle mich noch nicht angekommen. Vor mir liegt die Europäische Wasserscheide, nur ein paar Höhenmeter noch. Hier mitten auf dem Feld muss sie sein, ganz ohne Beschilderung kommt sie aus, es ist einfach der Punkt, ab dem ich wieder abwärts fahre.

 

 

Ich rolle und rolle …

 

 

… hinunter bis nach Donaueschingen, wo die nächste Flussquelle wartet. Kaum 30 Kilometer sind es zwischen den beiden Flussquellen, die so verschiedene Wege gehen werden.

 

 

Die Fassung dieses Entspringens ist noch ärger, noch künstlicher. Eine Parkanlage, eine Treppe hinunter, ein Rondell, Steinskulpturen und -inschriften, und dazwischen etwas, das nun also Ursprung des Stroms genannt wird, der bis ans Schwarze Meer führen wird.

 

 

 

Wenige Meter von dort überquere ich verwundert eine fast schon schiffbare Donau – das kann doch nicht sein? – und erfahre bei der Gelegenheit, dass die Donau sich ihr Sein sozusagen erschummelt hat. „Brisach und Breg bringen die Donau zuweg.“ Aha, die Donau liefert nur den Namen für das Wasser, welches diese beiden Flüsse von weit her herangespült haben …

 

 

Ich übernachte in der Nähe auf einem eiskalten Zeltplatz – nein, der Ort kann nichts dafür:) – und entscheide am nächsten Morgen, weil ich noch so viel Zeit bis zu meinen Verabredungen habe, zunächst ein paar Dutzend Kilometer donauabwärts zu fahren. Ich weiß schon, dieser Radweg wird später zur Radlerautobahn, unerträglich voll. Und doch verlockt es mich: Immer weiter zu fahren, bis zum Schwarzen Meer …

 

 

 

Heute aber biege ich nach 30 km ab, gen Süden an den Rhein. Wieder überquere ich die Wasserscheide, wieder trete ich nach oben. Es strengt mich an, ich versuche mich in einem meditativ-gelassenem Immer-weiter, ohne den Kopf allzu sehr einzuschalten.

Bis sich mir – über die Kuppe gekommen – plötzlich dieser Anblick eröffnet. Die Alpenbergkette von einem Ende des Horizonts bis zum anderen. Ein Anblick, bei dem ich den Mund kaum wieder schließen kann. Selten habe ich so ergriffen innegehalten. Es ist auch jetzt, wenn ich die Bilder (die das Ganze nicht ansatzweise wiedergeben können) betrachte, immer noch nicht zu fassen.

 

 

 

 

Hier oben hätte die Reise enden können. Alles wäre gut gewesen.

Statt dessen aber folgt – so ist das eben – auf den Moment der Entrückung das Weitergehen. Hinab in eine wiederum kalte Zeltnacht, immer mehr nach Süden über Hügel und durch Täler, durch verlassene Dörfer, die einem nur begegnen, wenn man sich seine Route nach Bauchgefühl und dem Wetterfähnchen wählt.

 

 

 

… bis hin zum ersten Schweizerischen Grenzübergang. Ich werde heute noch ein paar Mal hin und her wechseln.

 

 

Unten am Rhein, in Schaffhausen, will ich nur schnell weiter. Das Große und Laute der Stadt schreckt mich, da ich gerade aus verlassensten Ortschaften komme, und den Rheinfall habe ich mehrere Male gesehen, zuletzt auf der ersten Sohnesradtour.

 

 

Ich werfe also einen kurzen Blick aufs Wasser …

 

 

… und entscheide mich dann – statt des Flussradweges – für einen Weg im Landesinneren, nördlich des Flusses. Das Himmels- und Wetterschauspiel schenkt Atmosphäre, die es mit jedem Flussweg aufnehmen kann.

 

 

 

 

Erst abends bin ich wieder unten am Wasser, in Waldshut.

 

 

 

Auch hier waren wir vor fünf Jahren mit dem Sohn, hier begannen wir unsere gemeinsamen Radreisen.  Wie schön sich erinnern zu können. Damals hatten wir es – wie auf jeder unserer kommenden Touren – gut miteinander. (Ob es noch einmal eine geben wird?)

 

 

Andere Bilder dieser #bergundtal-Radreise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-3 – Begegnungen

#bergundtal-4 – Tochtertage

#bergundtal-1 – Anlauftage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

Anders als sonst verläuft der Radreisestart diesmal. Alles andere als leicht. Gefangen im Erschöpfungs- und Traurigkeitskreis. Das Packen ist mühselig, Vorfreude will nicht aufflammen.
Fast unvermittelt ist der Starttag da, ich sitze auf dem Rad. Wir – ein Teil der Familie fährt den ersten Tag mit – treideln gemächlich über die fastnochheimischen Felder und begehen den Abschied in einem Biergarten, bevor ich die anderen zum Bahnhof bringe.

 

 

Dann bin ich allein … und habe noch ein paar Kilometer bis zum Zeltplatz.
Stumpf fahre ich durch die Flusslandschaft, alles scheint grau und trüb. Der Neckar, dem ich nun ein paar Tage folgen werde, bedeckt sich mit Nieselregen, die Bilder finden keine Kontur.

 

 

Nach einer ersten Zeltplatznacht in Neckarsulm und einem Aufbruch im Regen öffnet das Land rings um den Neckar seine weiten Arme, doch ich bleibe blind.

 

 

 

Mein Trittrhythmus gibt mechanisch einen Takt vor, in dem ich nicht mitschwinge, Landschaften und Flussansichten ziehen nur am äußeren Auge vorbei …

 

 

 

… und ich weiß überhaupt nicht mehr und noch nicht, wie sich ein Ankommen im Unterwegssein diesmal anfühlen könnte.

 

 

Es ist ja immer eine Verquickung von Innen und Außen, denke ich, als ich – schweißgebadet zu einer Aussichtsstelle namens Jahrhunderthöhe hochgestrampelt – von einem mastenverstellten Blick enttäuscht werde. Weil ich nicht empfänglich sein kann, bietet sich der Wegrand auch nur nüchtern dar, vielleicht.
Dabei könnte ich Labendes und Buntheit gut gebrauchen. Eine „Kunstkaserne“ in Ludwigsburg zeigt mir wenigstens äußere Farben.

 

 

An Campingplätzen herrscht in weitem Umkreis um Stuttgart Ebbe, es gibt lediglich Bad Cannstatt. Karg, nüchtern, ungemütlich, laut.
(Nur die Begegnung mit zwei Fernradlern auf der Rückereise von einem anderen Kontinent und ein weiteres offenes morgendliches Frühstücksgespräch entschädigen.)

Der nächste Neckartag stellt zunächst Industriegelände und Graubauten an und auf den Weg …

 

 

 

… bevor es hinter Plochingen allmählich grüner und ruhiger wird.

 

 

 

Doch, ja, ich spüre kleine Momente, in denen mich Stilles und Lebendiges berührt, da blinzelt ein Licht durch den Nebel.

 

 

 

Nur beschäftigt mich – wir telefonieren mehrmals täglich – dass es dem Kind zu Hause nicht gut geht. Ich suche schon Bahnverbindungen heraus und gebe mir noch eine Nacht zum Entscheiden.

 

 

 

Immerhin möchte ich das Tagesziel Tübingen noch erreichen, wo ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert (wie alt das klingt!) für ein Semester studiert habe. Seither war ich nicht mehr dort.

 

 

 

Ich rolle unter Regenwolken, die sich ab und zu entladen, durch feuchtsaftiggrüne Wiesen, bis ich auf dem Tübinger Marktplatz stehe.

 

 

 

Hier saß ich an meinem ersten Tag, es war der 1. April 1991, nach der nächtlichen Zugfahrt aus Berlin auf den Stufen des Brunnens und weinte. Ich konnte mir nicht vorstellen, in einer solch fremden Welt zu leben, und fühlte mich unendlich einsam. — Dass ich dann quasi für immer in dieser Ecke des nunmehr größeren Landes bleiben sollte, das ahnte ich an jenem Umzugstag nicht.
Heute weine ich aus anderen Gründen …

 

 

Und doch zieht es mich später am Tag, das Zelt ist – auf dem bislang teuersten Campingplatz meiner Radelreisekarriere aufgebaut – an die Vergangenheitsorte. Es fühlt sich wohlig an, mein Tübingensemester war trotz der tränenreichen Ankunft dann wohl doch noch ein gutes gewesen.
Mein Wohnheim finde ich nach einigem Umherirren, die Mensa in der Wilhelmstraße auf Anhieb. Es sieht noch aus wie damals. Jünger sind wir alle nicht geworden:)

 

 

 

Später esse ich in der Kneipe, in welcher ich das erste Hefeweizen meines Lebens getrunken habe. (Warum nur habe ich davon kein Foto? Ich war wohl in Gedanken zu sehr bei der Entscheidung, ob ich abreise oder nicht.)

Der nächste Tag mit seinem Morgentelefonat lässt mich zunächst wieder aufs Rad steigen, letztlich fahren Züge von allen Orten. Ich rolle das Neckartal aufwärts. Es bleibt gewittrig, ich stelle mich öfter unter, bin immer noch nicht bei mir, und doch spüre ich Veränderung.

 

 

 

 

Der Himmel reißt hin und wieder auf. Ich finde Ruhe am Wegesrand. Die Wolken lichten sich. In mir wird es lebendig.

 

 

 

 

Mein Zeltplatz in Oberndorf letztlich, auf dem ich an diesem Tag als einzige übernachte, der fühlt sich wohlig an, obwohl ich ein klein wenig ängstlich vor dem nächtlichen Ganzalleinsein bin. Etwas bricht in mir auf. Zum ersten Mal seit Tagen spüre ich ein Ja zu meiner Reise. Ich lächle, während sich über mir Sonne und Gewitterwolken streiten.

 

 

Als es erneut losschüttet, verziehe ich mich unter das Vordach des Kiosks. Dort sitzt schon jemand, ebenfalls vor dem Regen geflüchtet. Eine Frau  zieht zwei Bier aus ihrer Tasche, ob ich eines mit ihr trinken wolle. Wir reden, über dies und das, übers Unterwegssein, die Menschen im Dorf, wonach wir auf der Suche sind, und wissen dabei nicht mal unsere Namen. Schade, dass sie irgendwann nach Hause geht.
Ich beginne zu kochen, schaue in die sich senkende Dunkelheit, in das Spiel des Mondes mit den Wolken, und in diesem Moment komme ich in meiner Reise an.

 

 

Andere Bilder dieser #bergundtal-Radreise sind hier zu finden:

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-3 – Begegnungen

#bergundtal-4 – Tochtertage

Alltagsglück #2

Eigentlich sind wir ja noch auf Reisen. Was uns soeben geschah, ist also nicht direkt Alltagsgeschehen.
Andererseits könnte genau solches im Alltag geschehen, hängt es nicht vom Reisesein ab, ist dies nur zufällig ein Unterwegserlebnis.

Wir kommen auf einen Campingplatz. Dies ist immer Lotterie, zuweilen sind die Plätze eng, dicht, voll, man steht mit seinem Minizelt manchmal zwischen großen Wohnwagen und fühlt sich bedrängt. Oft ist es mit den benachbarten Zeltenden schwierig, da einer den anderen als zu nah empfindet oder die gegenseitige Lautstärke nicht zueinander passt. Am glücklichsten bin ich immer, wenn ich weit weg von anderen mein Zelt aufschlagen kann, wenn die Kontakte also spärliche oder gar keine sind. Darum ist dieses heutige Erleben so besonders.

Es beginnt schon in der Rezeption, in die wir hineinstürmen, da ein Gewitter uns jagt und wir gern noch im Trockenen aufbauen würden. Ich sollte heut noch Lotto spielen, sagt der Zeltwart, es ist just ein Wasserblickplatz frei, einer von fünf. A23. Wir sollten schnell aufbauen gehen, anmelden könne man auch bei Regen.
Es fühlt sich ja schon unbehaglich an, so eine Parzelle zwischen Wohnwagen zu bekommen und nicht auf die große Zeltwiese zu gehen. Die Tochter sagt gleich, wir sollten noch andere Radler mit auf die Riesenfläche nehmen. Ja. Es kommt bloß niemand mehr:)
Jedenfalls denke ich noch ein paar Sekunden darüber nach, wie wir jetzt unter Beobachtung zwischen den Wagenburgen sind, und wie sich unser Minizelt wohl ausnehmen wird, in welche Ecke des Areals wir es stellen sollten, damit wir uns behaglich fühlen könne. Und schon geht es los …

Zwei recht kleine Mädchen kommen. Mit einer Vierteltorte und Papptellern. Sie hätten die auch geschenkt bekommen, und nun wollten sie weiterverschenken. Wir hätten doch bestimmt Hunger nach der Fahrt. Ich bin ganz verdutzt. Wir nehmen uns zwei Stück und sind völlig perplex: Torte zum Campingplatzempfang.
Bald darauf kommt eine junge Frau vom Wohnwagen schräg gegenüber. Es würde ja gleich losgewittern. Wir dürften gern unsere Räder bei ihnen unterstellen, sie könnten den Tisch im Vorzelt wegschieben, dann wäre Platz für die Räder. Und für uns auch, sagt sie. Und schaut zum gewitterdrohenden Himmel. Ich bin überwältigt. Dies ist mir auf einem Zeltplatz noch nie passiert.
In der nächsten Minute – wir bauen eilig das Zelt auf – kommt die Nachbarin von links. Ob wir Hilfe bräuchten. Und ob wir zu trinken wollten. Wo wir heute herkämen. Und ihr Dach stünde uns offen. Dort lugt auch schon die kleine Lena hervor. Die nach kurzem Anlächel-Warmup mit der Tochter für den Rest des Tages fest mit dieser verschweißt sein wird.
Ich bin immer noch perplex, wie offen hier alle ihre Hände anbieten, als der Nachbar von rechts einen Hammer bringt. Weil er aus dem Saarland gerade Orkan-Hagel-Horror-Wettergeschichten höre. Und falls dies auch hierherkomme, da sollte ich die Heringe mal besser nicht nur mit dem Fuß eintreten. Er fragt, ob er noch irgendwie helfen könne.
Später kochen wir, die kleine Lena setzt sich fasziniert dazu. Sie isst mit – ihr eigenes Abendessen hatte sie stehenlassen, war mir nicht entgangen:) – und fragt nach dem Essen, ob sie beim Abwaschen helfen dürfe. Ein Kind zum Fasziniertkopfschütteln:)
Kaum haben die Mädchen gespült, kommt ein weiterer Zeltnachbar von schräg gegenüber, ob es uns gut gehe. Ob er mich zum Bier einladen dürfe. (Darf er:)) Wohin unsere Tour weiterginge …

Ich bin wirklich überwältigt. Mittlerweile haben wir alles im Zelt, dieses ist himalajafest vertäut, die kleine Lena hilft eifrig mit, nun auch noch die Räder sturmfest festzuzurren, und alle Menschen ringsum waren und sind für uns da. Was für ein warmes Erleben.

Kurz darauf trübt sich dies noch einmal ein – wie gewonnen so zerronnen, denke ich kurz – als sich vier Angler just vor unserem Zelt niederlassen, unser im Vorzelt gekochtes Essen vollqualmen und zwei Meter vor unserer See-Idylle laut palavern. Bis ich mir ein Herz fasse, sie ruhig anspreche, darum bitte, dass sie nicht gerade in meinem Zelteingang sitzen mögen, die Seen seien doch so groß – und sie schließlich mit ihren Stühlen, Bierflaschen und Rauchfahnen abziehen.

Seither sitze ich am See, atme die Stille ein, bin noch immer am Wundern und Michfragen: Warum gelingt uns Menschen dies nicht immer und allezeit: Füreinander da sein. Aufeinander zu gehen. Zugewandt schauen, was die und der andere braucht.

Entschuldigung, ich bin noch unterwegs. Mein Schreibgefühl hat noch nicht wieder zu mir gefunden. Vielleicht liest es sich daher holprig. Aber ich wollte es unbedingt erzählen: Wie viel Gutes ist uns in wenigen Minuten geschenkt worden. Wie offen sind die Menschen – ALLE Menschen ringsum! – auf uns zugekommen.

Wie gut können wir Menschen es miteinander haben. Wenn wir einander nur anlächeln, uns gegenseitig helfen, füreinander da sind.

Es war heute fast wie in Utopia. Jedenfalls aber: Es war ein Alltagsglück, das ich mitnehmen werde von der Reise. Und das wir weiterteilen sollten. Lasst uns aufeinanderzu gehen …

12 von 12 im Juni

Immer noch bin ich radelnd unterwegs. Da ich mich noch nie damit beschäftigt habe (und es auch nicht möchte), wie ich hier in der freien Wildbahn Fotos von der großen Kamera aufs Handy und dann in den Blog bekomme, gibt es heute mal wieder Wortbilder.

Bild 1
Ein grünes Zelt in einem heimeligen Garten, es hat ausgeschlafen, ist leergeräumt, wartet aufs Verpacktwerden. Daneben hält ein beladenes Fahrrad seine offenen Packtaschen in die frische Morgenluft. In der Nähe streichen zwei Frauen durchs Grün, nehmen etwas mit der Kamera in den Blick, reden ein wenig, verabschieden sich.

Bild 2
Ein Dorf im Morgenlicht, das gestrige Hitzeflimmern ist ihm noch aufs Pflaster gezeichnet, einige Fenster sind geöffnet. Montagmorgengeräusche tänzeln. Die Dorfstraße weist durch das verlassene Tor eines Grenzübergangs in eine sanfte Hügelwelt, ein Rad rollt wie von selbst hindurch.

Bild 3
Eine Straße zieht sich über die Höhe, rechts und links Felder. Flockige Wolken lassen Lichtfäden hindurch, Insektenschwärme kreiseln darinnen. Rechts öffnet sich ein Tal, dahinter eine weitere Hügelkette. Der gestrige Weg bildet ein Band, die gestrigen Orte liegen flach am Hang, so schnell ist die Zeit vergangen. Nun fährt es schon wieder zurück, das Rad.

Bild 4
Der Radweg fällt von einer einsamen Wohngebietsstraße auf das graue Pflaster der Magistrale und wird von der Großstadt verschluckt. Autos, Lichter, Lärm, Geschwindigkeit. Ein vollbepacktes Rad versucht tapfer die Spur und die Richtung zu halten.

Bild 5
Bänke unter Bäumen, eine Terrasse mit Blick auf den breiten Fluss und das gegenüberliegende Häusermeer. Von allen Seiten dringen Stadtgeräusche, das Münster bietet nur optisch Ruhe, und die Stadtreinigung kehrt emsig um Füße und Räder von auf den Bänken Sitzenden herum.

Bild 6
Alles ist verschwommen. Breite Straßen, Riesenhäuser, ein Kongresszentrum, ein Bahnhof, Straßenbahnen und Autos. Mittendrin ein um Wegfindung bemühtes Fahrrad.

Bild 7
Die Verschwommenheit hat sich gelichtet und ist einem schnurgeraden nunmehr wieder mit weißgrünen Schilder markierten Radweg gewichen, immer zwischen Hauptstraße und Schiene. Auf der Straße, auf den Schienen, auf dem Radweg – alles rollt.

Bild 8
Ein alter Baum hält seine Äste behütend über den Feldrain, darunter ist Schatten und Sitzplatz. Nach Süden geschaut, schichten sich die Berge des Basler Lands. Nach Norden geht es grün hinauf in die Schwarzwaldhöhe. Das Rad gibt sich noch eine Pause vor dem Aufstieg.

Bild 9
Ein Supermarkt in einem kleinen Ort am Fuße der Bergkette. Getränke werden hinausgeschleppt, und ein wenig Nahrung, vor allem aber Getränke. Auch das noch, ächzt der Gepäckträger, als das alles auf ihm festgeklemmt wird. Wir schaffen das schon, besänftigt ihn das Vorderrad. Und bekommt gleich darauf auch eine Ladung in seine Taschen gestopft.

Bild 10
Eine Waldlichtung, ein Rastplatz, leere Holzbänke. Es ist Montag, man ausflugt nicht. Nur eine Bank ist besetzt. Einatmen ausatmen, und gleich geht es weiter. Wie hoch das hier schon ist? Das wird man nie erfahren, denn hier reicht das Netz nicht hin. Zahlen sind ohnehin überbewertet.

Bild 11
Ein Asphaltband schlängelt sich. Mal zwischen Nadelbäumen hindurch, mal werden rechts und links grünhügelige Weiten sichtbar, zuweilen erscheinen in der Ferne die Alpen. Immer aber schlängelt es sich. Bergauf, bergauf. Bis sich das Radl plötzlich und viel eher als erwartet vor Bild 12 wiederfindet.

Bild 12
Ein Dorf, ein vertrautes Haus, die Terrasse, durch die Bäume zu erahnen ein weiter Blick, und zwar dieser hier. Frau Lebensfreude und Frau InnererFrieden sind mit dabei, als wir uns im Garten hinterm Haus begrüßen …
 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

WmDedgT 06/2017

Ein Monatsfünfter. Die Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Reihe als Anlass, doch einen meiner Radeltage zu erzählen. Ansonsten nämlich ist dies die erste längere Radreise seit – hm, ich weiß gar nicht: jemals? – auf der ich nicht täglich blogge. Es passt diesmal nicht in meine Stimmung hinein, die mich schwerer als sonst durch die Tage gehen lässt, selbst hier unterwegs.

Aber jetzt. Also los.

Ich wache gegen sieben Uhr auf und schaue den grau-regendrohenden Himmel an. Schnell zusammenpacken, bevor das Zelt nass wird. Frühstücken kann ich später. Immer wieder erstaunlich, dass es eine Stunde braucht, bis das gesamte Geraffel verstaut ist. Vielleicht könnte diese Form des Reisens noch mehr Reduktion vertragen?

Als ich die letzte Zeltplane zusammenlege, schieben zwei vollstbepackte Radler vom Ende des Platzes vorbei. Wohin ich unterwegs sei, fragen sie, ich erzähle. Und dann erzählen sie. Auf der Rückreise einer 12-Monats-Tour durch mehrere Kontinente sind sie. Ja, stimmt, das Gepäck, die Fähnchen, die Webseite auf dem Rahmen. Ich erzähle von meinen Sabbatjahrplänen, das ist noch weite Ferne. Diese Begegnung aber ermutigt mich einmal mehr. (Er ist übrigens auch Lehrer und hangelt sich, so habe ich das verstanden, seit dem ersten Sabbatjahr von einem zum nächsten.) Schaut doch mal: http://www.diezweiunterwegs.de

Überm Plaudern wird es fast neun, wir schieben noch gemeinsam zum Kiosk, wo ich – der Himmel regnet doch wirklich gleich los – unter einem Riesenschirm meinen Kocher in Gang setze und frühstücke. Während am Nachbartisch ein Mann sein zweites Bier öffnet. Wie da gleich die Vorurteilsschublade in mir aufgeht. Wie ich beschämt zusammenzucke, als mich der Mann anspricht. Und beginnt zu erzählen, sein ganzes Lebenselend tönt durch den lächelnden Mund hindurch. Dass er morgen wieder arbeiten müsse, wie furchtbar die Arbeit sei, und wie schlechtbezahlt, und wie es doch keinen anderen Weg gäbe. Wohin ich fahren würde, fragt er. Wie das so sei, allein unterwegs. Ich erzähle. Er hört mit offensten Augen zu. Und kauft mir schließlich am Kiosk eine Flasche Wasser. Ich wehre erst ab, doch er lässt es sich nicht nehmen: Ich MÖCHTE Dir dieses Wasser kaufen und mitgeben.

Es ist zehn, als ich losfahre. Um nicht wieder die Schleife um den riesigen Platz zu nehmen, plane ich eine Abkürzung. Denkste. Monsterhaft-düstere Veranstaltungshallen und Mercedes-Benz haben die Flächen nach ihren Plänen gestaltet, und die sehen halt keine Durchradler vor. Ich irre in den gruselig menschenleeren Arealen umher, bis ich auf ein verschlauftes Straßenkreuz treffe. Ein paar Windungen noch – fast wäre ich dabei auf die Autobahn geraten – und dann habe ich endlich den Neckarweg wieder. Wenngleich den Neckar noch lange nicht. Öde ist es hier. Ein beindustrieanlagter Fluss. Dazwischen Häuschensiedlungen. Zu meiner Überraschung gibt es zuweilen Ostputz, diesen grau-bräunlichen, wenn Ihr versteht, an Häusern und Garagen. Hach, das lässt mich gleich ein wenig heimisch fühlen. In meiner Familie wird meine Ostputzgaragenfotografierobsession ja liebevoll-spöttisch belächelt. Hier kann ich ihr frönen, ohne mir Kommentare einzufangen:) Und wirklich, dieses Alte, Unvollkommene, das macht mir wirklich ein wohliges Gefühl. Als ich 1991 nach Tübingen und damit erstmals in den „Westen“ zog, nahm ich alles – Gebäude wie Menschen – als steril geleckt wahr und fühlte mich unendlich einsam. Manchmal schaue ich heute noch mit meinem damaligen Blick auf die Welt, bzw. auf deren Oberflächen … Doch ich schweife ab.

Ich durchradle also viel viel Industrie, zum Glück ist Feiertag und damit Ruhe, und auch auf dem Radweg ist es erträglich voll, denn es beginnt zu nieseln. Kein Regen, kein Nichtregen, eine Schrödingersche Unentschlossenheit dazwischen. Regenjacke an, Regenjacke aus, so wird das über mehrere Stunden gehen, genau genommen bis kurz vor dem Ziel.
Eine Brötchenpause in einem Park, die Augen müssen die grüne Insel aufsaugen, meditatives Fahren auf Holperwegen, der Weg nähert sich endlich wieder dem Fluss, und ich komme im Treten an.

Gegen zwölf bin ich in Plochingen. All die Orte längs der Strecke, die Namen, markante Gebäude, der Talanblick, dies ist mir alles noch erstaunlich vertraut. War dies doch meine häufige Zugstrecke nach Stuttgart, damals, als ich in Tübingen lebte.
Im Innern der meisten Orte war ich aber wohl nie. Hier in Plochingen jedenfalls nicht. An das Hundertwassergebäude könnte ich mich erinnern. Umlagert von bunt-grell-neongekleideten Radlergruppen ruft es mir allerdings nur ein Schnell-weiter zu. Nicht dass sich dieser Pulk noch vor mich schiebt und ich mich mit ihm verheddere. (Die Wahrscheinlichkeit aber ist klein. Größere Gruppen fahren nach meiner Erfahrung seltenst flussaufwärts.)

Der Weg biegt ab, so wie der Fluss auch, es geht nun Richtung Südwesten. Der Wind hat mitgedreht, so ist das ja immer. Dieses noch nicht erforschte steter-Gegenwind-Phänomen. Dafür wird der Weg zwischen den beiden Neckararmen naturwild und stimmungsvoll urig, das tut gut.

In Nürtingen – ist es zwei Uhr? die Uhr ist nicht so wichtig – biege ich ab und trete ins Städtchen hoch. Und finde dort Feiertagsverlassenheit und leere Straßenrestaurants vor, klar bei Niesel und diesen Temperaturen, wer mag dort sitzen. Auch mich lockt es nicht, obwohl mir sehr nach einem warmen Getränk zumute ist.

Weiter am Fluss entlang, im Nieselregen treiben, bis mich ein Badesee anlacht. Nicht zum Baden, brrr, obwohl es Mutige tun. Aber ein überdachter Imbiss, genau das suche ich. Etwas in den Magen bekommen, dazu eine Holunderschorle, ist zwar nicht warm, aber trotzdem genau das, was ich jetzt brauche. Ich sitze lange, der Seeblick ist beruhigend, es ist auch nicht mehr weit bis Tübingen. Naja, eigentlich wollte ich dort sehr früh ankommen, um alte Studentenzeitorte wiederzufinden, dieser Plan löst sich am See in Luft auf:)

Über die restliche Strecke gibt es nur noch zu sagen: Ein weites grünes Tal. Rechts und links Hügel. Eine Landschaft zum Fallenlassen, ein Ort zum Bleiben.
Mich aber treibt um, was ich am Telefon höre. Mehrmals in diesen Tagen jetzt schon, heute besonders schwierig auszuhalten, wir telefonieren einige Male. Immerhin: die Bahnverbindungen von hier nach Hause sind gut und regelmäßig, dies beruhigt uns alle. Und noch benutze ich sie nicht …

So ist es sechs Uhr geworden, als ich in Tübingen einrolle. Im Gegensatz zum Tal unterwegs scheint mir, dass ich mich an gar nichts erinnere. An GAR nichts. Wie eine noch nie betretene Welt, ich bin ganz geschockt, wie ich hier gelebt haben kann, ohne diese Innenstadt wahrzunehmen. Vielleicht waren wir ja damals wirklich nur auf studentischen Pfaden unterwegs?
Die Wilhelmstraße, klar, die ist mir dann doch nicht aus der Erinnerung verschwunden. Das Gebäude, in dem man mich wegen meines DDR-Abitur nicht einschreiben konnte oder wollte, in dem ich sechs Wochen lang den Kampf um Formalitäten führte. Die Mensa, ungemütlich-vertraut wie je. Der Park, das Studentenwerksgebäude, das Lustnauer Tor.
Mein Wohnheim, das sieht aus wie damals. Ist halt ein Vierteljahrhundert älter geworden. Durch ein offenes Fenster sehe ich: Die Regaleinrichtung der Zimmer noch wie damals, nur die Lampenschirme wurden durch modernere ersetzt. Was das Gedächtnis so festhält. Gern hätte ich noch ins Innere geschaut, aber es scheint kaum jemand daheim zu sein, niemand öffnet die Tür, dann eben nicht.
Den Weg von dort in die Stadt – ob ich den damals radelnd, zu Fuß oder mit dem Bus zurücklegte? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich immer auf die Morgenstelle kam, zum Institut hoch. Heute zeigt mir mein Navi, dass es 150 Höhenmeter sind, ich nehme davon Abstand, am Abend noch hochzuradeln. Dafür muss ein späterer Tübingen-Besuch gut sein.
In der Altstadt erkenne ich die Gassen nicht wieder, nur einzelne Punkte flackern in der Erinnerung auf. Das Wirtshaus an der Krummen Brücke, in dem ich das erste Weizenbier meines Lebens trank. Das Eiscafé San Marco, in dem ich nur selten saß, es war zu teuer. Denn aus ebenso formalen Gründen konnte damals auch mein Bafög-Antrag über Monate nicht bearbeitet werden, wovon ich damals lebte, weiß ich gar nicht mehr, jedenfalls beantragte ich keine Sozialhilfe, wie mir die Dame auf dem Bafög-Amt ob meiner Ungeduld lapidar empfohlen hatte:)
Der Brunnen auf dem Platz. Hier war es, genau hier, ich erinnere mich. Mein erster Tag in der Stadt, in der Nacht war ich mit dem Zug aus Berlin angereist, hatte mein Wohnheimzimmer bezogen, spazierte durch meinen neuen Ort. Und begann genau hier am Brunnen spontan zu weinen. Zu einsam war ich in der neuen heilen Welt, damals 1991. Heute, die Nachrichten von zu Hause im Ohr, laufen mir auch ein paar Tränen. (In Kombination mit Sonnencreme ist dies dann auch noch in den Augen schmerzhaft, übrigens.)

Zwischendurch habe ich auf dem Campingplatz eingecheckt und aufgebaut. Der teuerste meiner Campingkarriere übrigens, meine ich. Und dann schließt dessen Tor um zehn, nicht mal langen Ausgang bekommt man:) Ich esse im Wirtshaus an der Krummen Brücke, das muss sein, und eile dann aber – mit Blick auf die zehn-Uhr-Sperre – schnell zurück. Puh, geschafft.
Ein letztes Bier am Campingplatz.

Wie und ob es die nächsten Tage radelnd weitergeht, wird sich zeigen. Erstmal bringt mir der Schlaf Beruhigung.

Noch mehr Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Einträge gibt es hier.

Pfalzradschnipsel

 

#1

Versuchen, ob vier Tage auf dem Rad reichen, die Erschöpfung vom Rücken zu nehmen. Kraftloses Lostreten.

 

 

Mich dabei zwingen, einmal nichts zu schreiben. – Der Ruhe im Kopf helfen ihr Werk zu tun.

 

 

Unfähig zu entscheiden, ob ich rechts oder links des Flusses fahren will.
Schon die kleinen Dinge überfordern mich.

 

 

Den Rhein überqueren. Schön ist er  hier nicht.

 

 

Viele Kilometer des ersten Tages als nichtgefahrene empfinden. Den Faden zu mir selbst immer wieder verlieren. Noch längst nicht da sein auf dem Rad.

 

 

Jedoch: 95 Kilometer, als wenn es kaum etwas wäre. Staunen über radelnde Kräfte. Eine Eruption des in mir Vergessenen.

 

 

 

#2

Unendlich guter Schlaf. Aus der Abendkälte in nächtliche Morgenwärme. Physikalisch-meteorologisch eher unwahrscheinlich. Es ist eh alles im Innern.

 

 

Schreiben am Weiher, mein Schreibschweigen unterliegt. Es geht nicht anders. Mein Kopf wird sonst nicht ruhig. Schlimm.

 

 

Umfahrungen suchen – für Städte und Menschenmassen. In Alleinseinstälern wird das Treten Elexier.

 

 

Höhenmeter hinaufschwitzen. Und versuchen mich dabei selbst zu verstehen.

 

 

Mich auf einer Höhenstraße wiederfinden, die Sehnsüchte weckt. Mehr als das.

 

 

Einkehr bei Freunden. Gut, das.

 

 

 

#3

Geerdet im frischen Morgengrün.

 

 

Geborgenheit in vielen Formen lesen.

 

 

Den Rückweg als Weiterfahrt begreifen, nicht als Kehrtgewendetes.

 

 

Atmen. Immer nur atmen.

 

 

Den Spiegel sehen. Den inneren vor allem.

 

 

Erfüllt sein vom Radeln, in wortlosem Leuchten.

 

 

 

#4

So früh aufwachen und aufstehen, dass ich selbst erschrecke.

 

 

Anklänge an eine andere wohlvertraute Landschaft – hier ist eine kleine Sächsische Schweiz:)

 

 

Den Pfälzer Wald nur ungern verlassen. Ein Ort zum Wiederkehren.

 

 

In der Bruthitze der Rheinebene fast ersticken, und doch immer weitertreten.

 

 

Die Bewegung in ein einfaches Weiterrollen verwandeln. Vor allem als die Kilometerzahl dreistellig wird.

 

 

Ich ahnte ja. Nur nicht in welchem Maße: Es erdet …

 

Alltagsglück #1

Einen Dienstort in 35 km Entfernung könnte man als Anlass nutzen, um sich zu ärgern. Oder aber, um eine kleine Radtour drumherum zu bauen.

Es ist früh, als ich aufbreche, hinauf und hinab ins Tal, das zum Fluss führt.
Wie sogleich die Bluse im Wind flattert, und der Wind in der Bluse. Ich bin schon da.

 

 

Der Fluss schenkt seinen weisen Lauf und nimmt mich an die Hand, damit meine Bewegung nicht stockt. Ich rolle und rolle, an seiner Seite durch die große Stadt hindurch, auf altbekannten Pfaden ins jenseitige flache Land.

 

 

Dort dann, am Dienstort, widme ich mich meinen Aufgaben, fokussierter und klarer als häufig, während in mir stille Vorfreude auf den Rückweg blüht. Über die Hügel werde ich fahren, schließlich muss ich nicht wie vormittags in gefasster äußerer Form an einer Arbeitsstelle ankommen:)

Windjacke, Fleeceshirt und Schal auf dem Gepäckträger schmunzeln leise, während ich in Sommerhitze hinauftrete. Die Sonnencreme ruft laut von zu Hause aus, dass ich sie vergessen habe. Man wird sehen, morgen auf meiner Nase.
Heute aber, heute hier zu fahren, war meine beste Idee seit langem. Gemäß diesem hier:
Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde. (Franz von Sales)

 

 

Welch kleine feine Dörfer, die mir bisher entgangen sind. Welch Landschaft zum Verlieben. Ich frage mich, warum ich dies bisher kaum getan habe.

 

 

Lediglich, dass keine Eiscafés am Wegesrand liegen … nun ja … kurz vor dem Heimatdorf findet sich doch noch eines. Dafür, dass morgen ein prallevoller Schultag und noch nichts vorbereitet ist, sitze ich in größter Gelassenheit dort und habe die Ruhe weg. Ich wundere mich selbst.

 

Von Zeit zu Zeit die Augen öffnen für das klein-große Glück am Wegesrand …

 

#3wegsam-Bilder-11: Auf bekannten Wegen

Ob ich es wohl schaffe, heute tatsächlich weniger Worte um die Bilder zu machen? Wie in den letzten Tagen bin ich abgrundmüde, mir ist kaum nach Sagen, und dann plaudert es doch los, sobald sich meine Erinnerungskästchen öffnen. Also mal schauen – diese Reiseerinnerungsbilderposts entstehen tatsächlich ganz spontan. Insofern weiß ich wirklich nicht, was hier in einer halben Stunde veröffentlicht werden wird:)

Das tschechische Land begrüßt mich mit einem heftigen Gewitterguss, welcher uns als bunte Radler-Wanderer-Gruppe unter einem Unterstand zusammenführt. Mit jedem pitschnassen Ankömmling wird es enger … und am Ende haben die Deutschen die wichtigsten tschechischen und die Tschechen die wichtigsten deutschen Wörter erlernt, Baby Martina ist von allen Seiten ausgiebig beknuddelt worden und beginnt das Leben in Radlerkreisen zu genießen, mit entgegenkommenden Radlern sind alle Tipps und Hinweise ausgetauscht – Zeit für Aufklarung des Himmels. Es klappt. Der Rest des Tages (und der nächsten auch, übrigens) bleibt weitgehend regenfrei.

(Aha, hier geht die Plauderei schon wieder los:))

 

Die Erinnerungsbilder von vor zwei Jahren kommen unerwartet klar hinter jeder Ecke hervor, ich kann mich an viele Wegbiegungen erinnern, selbst, wenn ich jetzt in die Gegenrichtung fahre.

Als erster Ort im neuen Land kommt Decin …

 

… dessen Schloss ich heute weitoben am Wegesrand liegenlasse.

 

Usti nad labem bleibt gleich ganz auf der anderen Flussseite, ich nutze die flinken Uferwege, die – bis auf Brückenausläufer – die Stadt großräumig umfahren.

 

Die Gestalt des Flusses wandelt sich bald in eine solche.

 

Und ich kann kaum anders als den gleichen Übernachtungsort wie damals zu wählen, …

 

… auf dem Zeltplatz bin ich so gut wie allein, hier ließe sich ruhig auch länger bleiben.

 

 

 

Am Morgen eine schnelle Stadtdurchfahrt durch Litomerice …

 

… vor erneuten Kilometern direkt am Fluss …

 

… und seinen Uferorten.

 

 

 

 

 

Melnik, so schnell schon bin ich kurz vor Prag. Dass ich die Strecke kenne, lässt sie mir unter anderem kürzer erscheinen. Ein interessantes Phänomen. (Hier zu Hause ziehen sich mir bekannte Strecken eher in die Länge. Nachgrübelstoff.)

 

Hier fließt die Moldau (rechts) in die Elbe (links). Vom Wasservolumen her, heißt es, sei die Moldau der mächtigere Fluss. Geographisch korrekt wäre es also, wenn vor kurzem in Hamburg die Moldauphilharmonie eröffnet worden wäre. Sozusagen. Aber das lässt sich wohl nicht mehr revidieren. Zumal einem das Wort „Moldauflorenz“ nicht so gut über die Lippen geht:)

 

Jedenfalls, ich verlasse die Elbe, ihre Quelle sitzt im nördlicher liegenden Riesengebirge, da will ich nicht hin. Das hellblaue e-Schild, das gleiche wie auf dem deutschen Elberadweg, tausche ich gegen das mittelblaue V. Denn Moldau heißt auf tschechisch Vltava. Warum das so ist, konnte mir noch niemand erklären. Mit einer Lautverschiebung hat es ja wohl nichts zu tun. Die von mir befragten tschechischen Menschen sind dem Rätsel auch nicht auf die Spur gekommen.
Von jetzt ab also: Vltava-Radweg Nr. 7.

 

Das erste Stauwerk folgt nach einem Kilometer, man zählt hier flussaufwärts.

 

Dieses Brückenbild hat lediglich Erinnerungswert. Schleppten wir doch damals unsere Räder samt Gepäck über dieses Brückchen; das vergisst man nicht so schnell.

 

Während ich diesmal schlauer bin und ein paar Kilometer weiter in ein verlassenes Dorf radle, um mich von dem aus seinem Haus geklingelten Fährmann über den Fluss bringen zu lassen.

 

 

 

Ein Übernachtungsort findet sich heute direkt am Fluss, …

 

… und morgens fährt mir der Schleppkahn quasi durchs Zelt.

 

 

 

Hier übrigens mal ein Lob auf die hiesigen Radwege. Die bisherigen. Später im südlichen Landesteil werden sie sich als noch ausbaufähig erweisen. Bisher aber ist es großartig. Oft sind es sehr durchdachte und radlerfreundliche Lösungen wie etwa diese Radwegquerung, die unter der Fahrbahn aufgehängt ist, so dass man nicht extra zum Fluss hinunter und wie hinaufkurbeln muss.

 

Kurz vor Prag schwächelt der Weg für eine kurze Strecke. Es sind nur 3 Kilometer, aber diese bewirken selbst beim Schieben – streckenweise weiche ich darauf aus – ein zittriges Gefühl in den Beinen. Hier auf dem Bild sieht es harmlos aus, war es aber nicht. Dichteste Ufernähe bei 2-3-Meter hoher Uferkante. Es gibt nicht umsonst eine Ausweichroute oben über den Berg. Mit Kindern sollte man diese hier nämlich unbedingt vermeiden …

 

Nun also: Prag ist in Sicht.

 

Vorher noch ein wenig Volkssport – an jedem Flussstückchen sieht man solche Wassertrainingskanäle – …

 

… bevor die Großstadt auf mich zukommt …

 

… und kurz darauf unser Hotelboot von damals.

Und hier, am Startpunkt der damaligen Reise, höre ich für heute zunächst auf.

 

Die damaligen Liveberichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

 

 

#3wegsam-Bilder-10: Elblängs zur Grenze

Immer noch dreht sich hier vieles und ist noch lange nicht besänftigt. Die Tage wollen im Moment erstmal nur geschafft werden. Raum für Vertiefung suche ich vergebens, so gelingt mir auch Einkehr in Worträume kaum.
Aber mich an Bildern entlanghangeln und ein paar Gedanken hinauströpfeln lassen, das geht und tut gut. Während wohlige Erinnerungen in mir rühren und das Derzeitige sanft einbetten mit ihrem Fingerzeig auf den Fluss vom Gewesenen zum Künftigen, in welchem einzig das Jetzt, selbst das derzeitige Jetzt, die Brücke bilden kann. Ich lerne zu verstehen. Und lasse mich von meinen Bildern ein weiteres Mal forttragen.

In Dresden war ich stehengeblieben mit meinem Erzählen. Nach dem Begegnungsabend ist viel zu schnell Abschied. Jedoch: nur dann kann es neue Begegnung geben. Bald schon? In wenigen Wochen, stimmt’s?

 

Unten am Fluss blicke ich wehmütig flussabwärts. Es ist seltsam, an der einstigen Heimatstadt vorbeizufahren, ohne sie „richtig“ betreten zu haben. Natürlich war das Haus, in dem ich willkommen geheißen wurde, „richtiges“ Dresden, mehr als das. Was ich meine, sind wohl meine damaligen Orte und Kreise. Die waren allesamt im Stadtzentrum, hier flussabwärts hinter der Biege irgendwo auftauchend. Nächstes Mal werde ich nicht vorbeifahren.

 

Heute sehr wohl. Es geht nach Süden.
Nachdem ich den Fluss via Blaues Wunder gequert habe. Noch immer weiß ich nicht, ob der Name dieser Brücke irgendetwas mit der Redewendung „sein blaues Wunder erleben“ zu tun hat. Ich jedenfalls erlebe hier mein blaues Wunder – ganz wörtlich zu verstehen:) – und freue mich an der Samstagsstimmung auf Straßen und Wegen …

 

 

… und am lebendigen Uferleben, selbst wenn der eine oder andere allzu lebendige Spaziergänger mir vor’s Rad springt. Macht ja nichts, ich habe Zeit.

 

Schloss Pillnitz quert meinen Weg, und von da ab so manch bekannter Ort.

 

Bin ich doch zwei Jahre zuvor diese Strecke in umgekehrter Richtung mit dem Sohn gefahren, damals ging es von Prag an die Ostsee. Heute (und die nächsten drei Tage) fahre ich dem Damaligen entgegen und werde wehmütig. In Erinnerung an den ersten Reiseabschnitt mit ihm, nur wenige Tage ist das ja her, in Erinnerung an unser damaliges gutes Miteinandersein, und vor allem immer wieder mit dem Gedanken, dass solch gemeinsames Erleben in den nächsten Jahren immer seltener werden, je mehr er flügge wird. Damals wusste ich noch nichts Genaues von seinem Italienjahr, es war noch nicht klar, WIE nah das Weggehen sein wird, und doch spürte ich es.
Hier etwa – wie an vielen Ecken – ist er so präsent, dass ich ungläubig staune über die Detailliertheit meiner Erinnerungen. Wie uns damals scharfer Gegenwind fast zum Stehen und abwechselnd in die Verzweiflung trieb. Heute ist schon wieder Gegenwind, offenbar muss das hier so sein. Nur bin ich ruhiger und stampfe nicht mit dem Fuß auf, selbst innerlich nicht.

 

Wie wir damals an selbiger Stelle standen und den Brückentouristen ebenso wie den Kletternden zuschauten. Und ich dem Sohn erzählte von meinen Jahren in Dresden, in denen uns – dank einer wanderbesessenen Freundin – allsonntäglich der 6.37-Zug in diese Felsformationen brachte, auf dass wir atemlose Tage in ihnen erlebten.

 

Irgendwann stehe ich an einer Schranke. So ist das von Zeit zu Zeit, das war noch auf jedem Streckenabschnitt so.
Innerhalb des ohnehin schon ruhigen radelnden Unterwegsseins ist der Aufenthalt an Schranken nochmals der Inbegriff des Zur-Ruhe-kommens. Man steht dort und steht. Ohne etwas zu tun. Ohne weiterzukönnen. Ohne sich richtig in eine Pause zu begeben. Man steht eben. Einfach so. Man hat es auszustehen. Kein Wunsch, kein Wirken, kein Eingreifen. Ausharren und Sein.
Ein wahrer Zwischenzustand in der Mitte von allem, was man gemeinhin mit dem Attribut „sinnvoll“ belegt.
Augenöffnende Schranken.

 

Eine Pause nehme ich mir in Rathen, ich sitze und schaue auf den Fluss, um mich zu sammeln und mir klarzuwerden, dass ich wiederum überhaupt noch nicht weiß, wohin ich heute will. Es ist Nachmittag, und ich werde mich wohl nochmal noch ein Stückchen den Fluss entlangtreiben lassen.
(Rätselhaft immer wieder das, was nicht im Bild ist. Auf dieser menschenleeren Uferwiese sitzen nur ich und mein Fahrrad. Gähnende Weite. Eine Großfamilie mit Hund und Streit nähert sich. Und wo lassen sie sich nieder? Zwei Meter von mir entfernt. Ich verstehe das nicht. Ich verstehe es wirklich nicht.)

 

Wieder eine heftige Sohneserinnerung, ich gebe zu, heute ziehen die ein wenig im Herzen. Dort drüben, auf der anderen Seite der Fähre, unterhalb der Festung Königstein, sind wir damals eingekehrt, geschlaucht von Gegenwind, Wegsteigungen und einer morgendlichen Felswanderung, zu Fuß. Heute habe ich bis auf Gegenwind nichts von all dem gehabt. Einkehren muss ich trotzdem, sagt mir die Wehmut. Ohne Hunger, ohne Durst, aber den Ort brauche ich nochmals. Es ist ein seltsam Ding mit dem Erinnern.

 

Nun, und dann geht der Samstag in Dunkelheit über. Weil die Sonne untergeht, und weil Regenwolken aufziehen. Schnell kaufe ich noch ein, um vor den ersten Tropfen den letzten Zeltplatz auf deutscher Seite anzusteuern. Im Kirnitzschtal baue ich auf, direkt neben dem Zelt fährt eine Straßenbahn vorbei (doch doch, mitten in den Bergen:)), und pünktlich nach Kochen und Essen beginnt es zu regnen. Und wie.
Der Morgen empfängt mich voller Pfützen.

 

Das Tal in Niesel und Nebel, eng ans Haus schmiegt sich die Straßenbahn (Beweisfoto!), und ich breche auf, in Regensachen fühlt sich dieser sanfte Regen fast gemütlich an.

 

Unten im Ort, in Bad Schandau, reißt der Himmel mehr und mehr auf, ich wage mich zu setzen und ….

 

… das viele Nass auf dem Rad zu drapieren, dass es ein wenig trocknen möge.

 

Ja, tatsächlich, bis auf eine einstündige Dusche später am Tag bleibt es blauhimmelig, ich bin dankbar, weil ich das Elbtal nochmals in vollen Zügen einatmen kann, bevor es sich auf der tschechischen Seite aufweiten und einen ganz anderen Charakter bekommen wird.

 

Vor lauter Einatmen verpasse ich mehrfach die Fähre, das muss man erstmal schaffen. Und auch auf diese darf ich nur dank  besonderer Großzügigkeit. Denn – „junge Frau, können Sie nicht lesen???“ – oben am Steg stand doch ein Schild, dass man diesen nicht betreten darf, bevor nicht die Erlaubnis … naja … gleich bin ich in Tschechien, manchmal sind deutsche Regeln und Gehorsamkeit ganz schön anstrengend.

 

Auf der anderen Flussseite ist schon Grenze, das ehemalige DDR-Grenzgebäude hat nur noch Strohmannfunktion, verströmt aber rein optisch immer noch seinen geballten Uncharme, manchmal gruselt’s mich, wenn ich mich an damalige Entwürdigungsprozeduren erinnere.

 

Der erste tschechische Ort – Hrensko – auf der anderen Seite, hier übernachteten wir vor zwei Jahren.

 

Und dann ist der Fluss nur noch Fluss, wird von keinerlei Häusern mehr gesäumt …

 

… bis die Grenzsteine auftauchen. So unsichtbar können Grenzen sein. Man schiebt hinüber, und schon darf man in einem anderen Land sein. (Ich bin sehr dankbar dafür.)

 

 

Die damaligen Live-Berichte finden sich hier und hier.

#3wegsam-bilder-9: Begegnungen

Schon viel habe ich gelernt auf diesem Reiseweg. Zum Beispiel, dass ich am gar nicht so frühen Nachmittag weiterfahre, ohne noch zu wissen wohin. Immer weniger brauche ich das feste (Tages)Ziel, kann ich eine gewisse Unbestimmtheit aushalten.
Hier an der Talsperre Spremberg ist schonmal Wasser, solche Plätze sind mir die liebsten. Allerdings ist es zu steril, befinde ich, und zu früh am Tage außerdem.

 

Und während ich so gedankenverloren weitertreidele, bin ich plötzlich in Sachsen.

 

Und noch überraschender: Ich bin in meinem Geburtskreis, und der liegt doch eigentlich an der östlichen Bundeslandgrenze, während ich hier im nördlichen Zipfel bin … naja, Geographie war nicht mein Lieblingsfach, und irgendwie fühlt es sich sehr heimelig an, unerwartet „zu Hause“ zu sein:)

 

Wasser findet sich auch, ein Zeltplatz in untergehender Sonne – am Horizont immer ein Kraftwerk, es ist Braunkohletagebaugegend.

 

 

 

Im morgendlichen Büro entsteht zunächst der tägliche Livebericht …

 

… bevor sich mir der Weg versperrt. Diese Furt nämlich ist im Weg. Nicht wirklich, natürlich. Ein Winzling an Furt. Aber die Schilder auf der anderen Seite weisen kilometerweit das Umkehren an, und entgegenkommende Radler berichten von Nichtpassierbarkeit und fast schon hochwasserartigen Zuständen. Nun ja, zehn Umwegkilometern und der Wahrheitsgehalt von Gerüchten und so …

 

Ein weiterer Tagebausee, Renaturierung nennt sich das Wiederherstellen der Landschaft. Auch wenn wiederum ein Kraftwerk aus der Ferne winkt und es der Landschaft etwas an Naturbelassenheit fehlt: Ich bin beeindruckt. Tatsächlich wächst und gedeiht es hier wieder.

 

Vorbei am Schloss Uhyst, welches wirkt, als ließe sich hier sehr authentisch ein Tbc-Sanatoriumsfilm drehen …

 

… und auf von der Welt verlassenen Sträßlein …

 

… komme ich irgendwann in Bautzen an.
Ein Minitwittertreffen winkt – hier im Bild der Blick von diesem auf Spree und Stadt – und erfreut mich sehr. Danke! Der Abend, die Gespräche und der Wein sind nicht auf Bildern festgehalten.

 

Der nächste Morgen bringt den Abschied vom Spree-Fluss mit sich, und viele viele Dörfer. Überall kontrastieren sich Alt und Neu, ist das Ursprüngliche mit neuer Farbe übertüncht, manchmal stehe ich verständnislosd davor, weiß ja aber, dass ich nicht im mindesten weiß, wie sich das Leben in diesen Dörfern im Wesen anfühlt.

 

Eines der Dörfer – ja, es liegt am Wegesrand, ich bin keinen Umweg gefahren – ist unsere Partnergemeinde. Huch – ich hatte das auf der Karte vorher nicht gesehen – und hach: als ich beim Dorfbäcker erwähne, woher ich komme, ist die Gastfreundschaft in Form geschenkter Kekspakete groß und fast zu voluminös für mein Fahrrad:) Ich freue mich heute noch an dieser Begegnung.

 

Und radele der nächsten entgegen.
Du Liebe, die Du  mir diesen Weg abseite der Haupttrasse empfohlen hast, leider weiß ich den Namen des Schlösschens nicht mehr (und bin jetzt, spät nachts) zu faul, dies zu recherchieren:)

 

Ich begegne einer Artgenossin …

 

… und Hügellandschaft zum Seeletanzenlassen. Was ich tue.

 

In Vorfreude zumal, dass ich gleich in Dresden erwartet werde. Und mir sogar entgegengefahren wird, hach. Ein Treffen mitten auf der Kreuzung, ein Weg durch die Dresdner Heide mit Plätzen, die Lieblingsortpotential haben, sollte ich jemals wieder in diese Stadt ziehen.

 

Für heute aber beziehe ich als Gast ein wärmendes Haus mit Speis und Trank und langen Lagerfeuer-Seelengesprächen.
Danke! Auch wenn es schon so lange her ist: Es wärmt noch immer.

 

Die Live-Berichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

#3wegsam-Bilder-8: Längs der Spree

Oh, das tat gut gestern, das Blättern in den alten Bildern und Erinnerungen. So lasse ich gleich heute – nachdem der Tag mich erschöpft hat – weitere folgen.

 

Ein ruhiger Streckenabschnitt beginnt. Wieder treffe ich die Spree, sie wird jünger und jünger, bis Bautzen werde ich in ihrer Nähe bleiben. Doch zunächst verzweigt sie sich zum Spreewald, der hier seine ersten Ausläufer tastend vorausschickt …

 

… und dann die Landschaft allmählich zur Ruhe bringt.

 

 

 

 

 

Das Wasser kommt näher …

 

… bis ich das erste „Spreewaldboot“ entdecke, hach.

 

Leider ist der Lübbener Zeltplatz laut, kleiner Planungsfehler, ich hätte ja gleich in die mittige Stille der Wasserarme fahren können. So bleibt mir für morgens noch ein Stück Kanalweg …

 

… ein wenig Unruhebeobachtung  in den Stocherkahnhäfen …

 

 

… und dann bin ich allein.

 

Ich finde den idyllischsten Zeltplatz bisher. Vor lauter Einatmen-Ausatmen und seligem Seufzen vergesse ich zu fotografieren:)
Und dann ist da ein kurzzeitiger Fahrzeugwechsel, ich hatte mich darauf so hingefreut, auch dies wieder eine wärmende Erinnerung. Man treidelt so einsam durch die Wasserkanälchen, außer dem Eintauchen des Paddels (was in der Fachsprache sicher anders heißt:)), den Wasser- und Baumgeräuschen und dem eigenen Atem ist nichts zu vernehmen. Die Schleusen stören nicht durch Motorgeräusche, man bedient sie kurbelnd per Hand. Nur wenn man allein ist, kann man das Boot ja schlecht leer in der Schleusenwanne lassen. Also trägt man es einfach auf dem Landweg um die Schleuse herum. Das geht leichter als es sich anhört. Was danach allerdings weit schwerer als vermutet geht: Das Einsteigen ins Boot – ohne jeden Halt am Ufer. Nuja, ich möchte mein Eiern und Schwanken nicht von außen gesehen haben, aber nass geworden bin ich jedenfalls nicht:)

 

 

Am Morgen hat es geregnet, ich halte den tropfendnassen Zeltplatz doch noch auf einem Bild fest …

 

… und bewege mich weiter Richtung Süden. Die verschiedenen Gestalten des Weges, immer den Fluss an der Seite, Asphalt und Sand wechseln sich ab, es ist wohltuend leer …

 

 

… und ja, er kann auch bürgerlich-brav-parkartig, der Spreeradweg, wie man sieht.

 

 

Und plötzlich, in solchen Momenten merke ich immer, wie sehr ich versunken bin im Grün, steht man an so einer Ecke. Ein Schreck, weil die Welt eben doch keine bukolische ist.

 

Cottbus. (Nach)Mittagspause. Neben meinen Brötchen und Äpfeln ausgebreitet liegt die Karte, und es kreist im Kopf die Überlegung, wo ich wohl heute zelten könnte.

 
Doch davon später …

Die Live-Berichte dieser Reisetage finden sich hier, hier und hier.

#3wegsam-Bilder-7: Erinnerungen rund Berlin

Ob ich die Bilder der letzten noch bis zur nächsten Radreise sortiert haben werde???
Das gegenwärtige Leben ist allzu prall gefüllt, immer wieder lasse ich den nächsten Bilderordner „für morgen“ liegen, wie das so ist.

Nun aber, da hier ringsum soviel Unschreibbares geschieht, wo ich in den Gegenwartsdingen schwer ins Innehalten finde, nehme ich mir für einen Abend das Versenken in vergangene Reisetage als Ruhepol.

Das letzte Mal über diese Reise erzählte ich hier. Dort schrieb ich auch, wie dicht hier die Erinnerungen am Wegrand lagern und wieviel verschlossene Erinnerungskammern sich plötzlich öffnen. Dies ist mit der Stadtgrenze Berlins mitnichten vorbei, im Gegenteil.

Bahnhof Fangschleuse. Der Name lässt Glocken in mir klingen, der Blick auf die Karte verrät, dass ich es richtig erinnere. Mönchwinkel und der Störitzsee, häufiger Kindheitswochenendverbringort …

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… ich muss dorthin, unbedingt. Ein Pfad durch den Wald lässt mich den See finden. Und ja, er ist’s:) Auch wenn ein Jugendcamp das gewohnte Ufer belegt und der Blickwinkel ein anderer ist, ich sitze an genau diesem See …

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… und fahre durch genau diesen Wald wie damals. Nur das Haus, in dem wir immer wohnten, das steht wohl nicht mehr. Keines von denen, die ich sehe, kommt in Frage … ich fahre weiter.

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An Ferienlager-, Klassentreffen- und Tagesausflugsorten vorbei, bis zum Scharmützelsee, dessen spezieller Name mir heute erstmals auffällt. Doch nein, die Recherche bei wikidingens ergibt, dass das Wort überhaupt nicht bedeutet, was es nahelegt. Man kann sich also beruhigt an den Ufern des Sees niederlegen.

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Oder auch sich einen Campingplatz suchen. Auf einem mit Telefon am Eingang, ha. Soweit begeistert mich der Blick in die Vergangenheit.

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Als ich mich am späteren Abend dann allerdings ans Seeufer zur Badestelle aufmache und nur marode Holztritte finde …

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… umgeben von einer in der Vergangenheit schon verrotteten Feriensiedlung …

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… deren einziger Seezugang von Yachtbadenden belegt ist, da ist mir die Romantik des nostalgischen Blicks zusammen mit der Badelust vergangen.

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Ich begnüge mich mit dem Schauen aufs Wasser. Auf’s gegenüberliegende Ufer, auf jenen Hafen, in dem viele Jahre lang „unser“ Boot lag.

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Und in die Abendrotstille …

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Nach einer ersten Nacht im Zelt …

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… führt mein Weg weiter am See entlang, wenn er nicht durch Golfplätze oder Wellness-Ressorts versperrt ist. Oder aber durch neue Ferienanlagen, jetzt wird auch klar, warum alles Alte verrotten muss. Ich irre ein wenig durch diese immer gleichen Häuserzeilen, auch jetzt noch geschüttelt von deren Monotonie und Sterilität, ein Schnell-weg-Bedürfnis macht sich in mir breit.

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Zumal der See vollbebootet und ferienmenschenumlagert ist.

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Es gibt stillere Pfade. Entlang dem Kleinen und dem Großen Glubigsee zum Beispiel. Das klingt schon wieder, als wäre ich hier im Ferienlager gewesen … was ich aber nicht mehr herausfinden kann.

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Ob das hier war?

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Egal. Ich lasse mich auf den Wald ein, es duftet nach Kindheit, nach Heimat, nach Geborgenheit, mehr kann ein Reisetag kaum schenken.

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Und wenn sich dann am Wegesrand noch eine Mittagessensbank findet …

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Die Live-Reiseberichte der damaligen Tage finden sich hier und hier.