Radreisen

Alltagsglück #1

Einen Dienstort in 35 km Entfernung könnte man als Anlass nutzen, um sich zu ärgern. Oder aber, um eine kleine Radtour drumherum zu bauen.

Es ist früh, als ich aufbreche, hinauf und hinab ins Tal, das zum Fluss führt.
Wie sogleich die Bluse im Wind flattert, und der Wind in der Bluse. Ich bin schon da.

 

 

Der Fluss schenkt seinen weisen Lauf und nimmt mich an die Hand, damit meine Bewegung nicht stockt. Ich rolle und rolle, an seiner Seite durch die große Stadt hindurch, auf altbekannten Pfaden ins jenseitige flache Land.

 

 

Dort dann, am Dienstort, widme ich mich meinen Aufgaben, fokussierter und klarer als häufig, während in mir stille Vorfreude auf den Rückweg blüht. Über die Hügel werde ich fahren, schließlich muss ich nicht wie vormittags in gefasster äußerer Form an einer Arbeitsstelle ankommen:)

Windjacke, Fleeceshirt und Schal auf dem Gepäckträger schmunzeln leise, während ich in Sommerhitze hinauftrete. Die Sonnencreme ruft laut von zu Hause aus, dass ich sie vergessen habe. Man wird sehen, morgen auf meiner Nase.
Heute aber, heute hier zu fahren, war meine beste Idee seit langem. Gemäß diesem hier:
Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde. (Franz von Sales)

 

 

Welch kleine feine Dörfer, die mir bisher entgangen sind. Welch Landschaft zum Verlieben. Ich frage mich, warum ich dies bisher kaum getan habe.

 

 

Lediglich, dass keine Eiscafés am Wegesrand liegen … nun ja … kurz vor dem Heimatdorf findet sich doch noch eines. Dafür, dass morgen ein prallevoller Schultag und noch nichts vorbereitet ist, sitze ich in größter Gelassenheit dort und habe die Ruhe weg. Ich wundere mich selbst.

 

Von Zeit zu Zeit die Augen öffnen für das klein-große Glück am Wegesrand …

 

#3wegsam-Bilder-11: Auf bekannten Wegen

Ob ich es wohl schaffe, heute tatsächlich weniger Worte um die Bilder zu machen? Wie in den letzten Tagen bin ich abgrundmüde, mir ist kaum nach Sagen, und dann plaudert es doch los, sobald sich meine Erinnerungskästchen öffnen. Also mal schauen – diese Reiseerinnerungsbilderposts entstehen tatsächlich ganz spontan. Insofern weiß ich wirklich nicht, was hier in einer halben Stunde veröffentlicht werden wird:)

Das tschechische Land begrüßt mich mit einem heftigen Gewitterguss, welcher uns als bunte Radler-Wanderer-Gruppe unter einem Unterstand zusammenführt. Mit jedem pitschnassen Ankömmling wird es enger … und am Ende haben die Deutschen die wichtigsten tschechischen und die Tschechen die wichtigsten deutschen Wörter erlernt, Baby Martina ist von allen Seiten ausgiebig beknuddelt worden und beginnt das Leben in Radlerkreisen zu genießen, mit entgegenkommenden Radlern sind alle Tipps und Hinweise ausgetauscht – Zeit für Aufklarung des Himmels. Es klappt. Der Rest des Tages (und der nächsten auch, übrigens) bleibt weitgehend regenfrei.

(Aha, hier geht die Plauderei schon wieder los:))

 

Die Erinnerungsbilder von vor zwei Jahren kommen unerwartet klar hinter jeder Ecke hervor, ich kann mich an viele Wegbiegungen erinnern, selbst, wenn ich jetzt in die Gegenrichtung fahre.

Als erster Ort im neuen Land kommt Decin …

 

… dessen Schloss ich heute weitoben am Wegesrand liegenlasse.

 

Usti nad labem bleibt gleich ganz auf der anderen Flussseite, ich nutze die flinken Uferwege, die – bis auf Brückenausläufer – die Stadt großräumig umfahren.

 

Die Gestalt des Flusses wandelt sich bald in eine solche.

 

Und ich kann kaum anders als den gleichen Übernachtungsort wie damals zu wählen, …

 

… auf dem Zeltplatz bin ich so gut wie allein, hier ließe sich ruhig auch länger bleiben.

 

 

 

Am Morgen eine schnelle Stadtdurchfahrt durch Litomerice …

 

… vor erneuten Kilometern direkt am Fluss …

 

… und seinen Uferorten.

 

 

 

 

 

Melnik, so schnell schon bin ich kurz vor Prag. Dass ich die Strecke kenne, lässt sie mir unter anderem kürzer erscheinen. Ein interessantes Phänomen. (Hier zu Hause ziehen sich mir bekannte Strecken eher in die Länge. Nachgrübelstoff.)

 

Hier fließt die Moldau (rechts) in die Elbe (links). Vom Wasservolumen her, heißt es, sei die Moldau der mächtigere Fluss. Geographisch korrekt wäre es also, wenn vor kurzem in Hamburg die Moldauphilharmonie eröffnet worden wäre. Sozusagen. Aber das lässt sich wohl nicht mehr revidieren. Zumal einem das Wort „Moldauflorenz“ nicht so gut über die Lippen geht:)

 

Jedenfalls, ich verlasse die Elbe, ihre Quelle sitzt im nördlicher liegenden Riesengebirge, da will ich nicht hin. Das hellblaue e-Schild, das gleiche wie auf dem deutschen Elberadweg, tausche ich gegen das mittelblaue V. Denn Moldau heißt auf tschechisch Vltava. Warum das so ist, konnte mir noch niemand erklären. Mit einer Lautverschiebung hat es ja wohl nichts zu tun. Die von mir befragten tschechischen Menschen sind dem Rätsel auch nicht auf die Spur gekommen.
Von jetzt ab also: Vltava-Radweg Nr. 7.

 

Das erste Stauwerk folgt nach einem Kilometer, man zählt hier flussaufwärts.

 

Dieses Brückenbild hat lediglich Erinnerungswert. Schleppten wir doch damals unsere Räder samt Gepäck über dieses Brückchen; das vergisst man nicht so schnell.

 

Während ich diesmal schlauer bin und ein paar Kilometer weiter in ein verlassenes Dorf radle, um mich von dem aus seinem Haus geklingelten Fährmann über den Fluss bringen zu lassen.

 

 

 

Ein Übernachtungsort findet sich heute direkt am Fluss, …

 

… und morgens fährt mir der Schleppkahn quasi durchs Zelt.

 

 

 

Hier übrigens mal ein Lob auf die hiesigen Radwege. Die bisherigen. Später im südlichen Landesteil werden sie sich als noch ausbaufähig erweisen. Bisher aber ist es großartig. Oft sind es sehr durchdachte und radlerfreundliche Lösungen wie etwa diese Radwegquerung, die unter der Fahrbahn aufgehängt ist, so dass man nicht extra zum Fluss hinunter und wie hinaufkurbeln muss.

 

Kurz vor Prag schwächelt der Weg für eine kurze Strecke. Es sind nur 3 Kilometer, aber diese bewirken selbst beim Schieben – streckenweise weiche ich darauf aus – ein zittriges Gefühl in den Beinen. Hier auf dem Bild sieht es harmlos aus, war es aber nicht. Dichteste Ufernähe bei 2-3-Meter hoher Uferkante. Es gibt nicht umsonst eine Ausweichroute oben über den Berg. Mit Kindern sollte man diese hier nämlich unbedingt vermeiden …

 

Nun also: Prag ist in Sicht.

 

Vorher noch ein wenig Volkssport – an jedem Flussstückchen sieht man solche Wassertrainingskanäle – …

 

… bevor die Großstadt auf mich zukommt …

 

… und kurz darauf unser Hotelboot von damals.

Und hier, am Startpunkt der damaligen Reise, höre ich für heute zunächst auf.

 

Die damaligen Liveberichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

 

 

#3wegsam-Bilder-10: Elblängs zur Grenze

Immer noch dreht sich hier vieles und ist noch lange nicht besänftigt. Die Tage wollen im Moment erstmal nur geschafft werden. Raum für Vertiefung suche ich vergebens, so gelingt mir auch Einkehr in Worträume kaum.
Aber mich an Bildern entlanghangeln und ein paar Gedanken hinauströpfeln lassen, das geht und tut gut. Während wohlige Erinnerungen in mir rühren und das Derzeitige sanft einbetten mit ihrem Fingerzeig auf den Fluss vom Gewesenen zum Künftigen, in welchem einzig das Jetzt, selbst das derzeitige Jetzt, die Brücke bilden kann. Ich lerne zu verstehen. Und lasse mich von meinen Bildern ein weiteres Mal forttragen.

In Dresden war ich stehengeblieben mit meinem Erzählen. Nach dem Begegnungsabend ist viel zu schnell Abschied. Jedoch: nur dann kann es neue Begegnung geben. Bald schon? In wenigen Wochen, stimmt’s?

 

Unten am Fluss blicke ich wehmütig flussabwärts. Es ist seltsam, an der einstigen Heimatstadt vorbeizufahren, ohne sie „richtig“ betreten zu haben. Natürlich war das Haus, in dem ich willkommen geheißen wurde, „richtiges“ Dresden, mehr als das. Was ich meine, sind wohl meine damaligen Orte und Kreise. Die waren allesamt im Stadtzentrum, hier flussabwärts hinter der Biege irgendwo auftauchend. Nächstes Mal werde ich nicht vorbeifahren.

 

Heute sehr wohl. Es geht nach Süden.
Nachdem ich den Fluss via Blaues Wunder gequert habe. Noch immer weiß ich nicht, ob der Name dieser Brücke irgendetwas mit der Redewendung „sein blaues Wunder erleben“ zu tun hat. Ich jedenfalls erlebe hier mein blaues Wunder – ganz wörtlich zu verstehen:) – und freue mich an der Samstagsstimmung auf Straßen und Wegen …

 

 

… und am lebendigen Uferleben, selbst wenn der eine oder andere allzu lebendige Spaziergänger mir vor’s Rad springt. Macht ja nichts, ich habe Zeit.

 

Schloss Pillnitz quert meinen Weg, und von da ab so manch bekannter Ort.

 

Bin ich doch zwei Jahre zuvor diese Strecke in umgekehrter Richtung mit dem Sohn gefahren, damals ging es von Prag an die Ostsee. Heute (und die nächsten drei Tage) fahre ich dem Damaligen entgegen und werde wehmütig. In Erinnerung an den ersten Reiseabschnitt mit ihm, nur wenige Tage ist das ja her, in Erinnerung an unser damaliges gutes Miteinandersein, und vor allem immer wieder mit dem Gedanken, dass solch gemeinsames Erleben in den nächsten Jahren immer seltener werden, je mehr er flügge wird. Damals wusste ich noch nichts Genaues von seinem Italienjahr, es war noch nicht klar, WIE nah das Weggehen sein wird, und doch spürte ich es.
Hier etwa – wie an vielen Ecken – ist er so präsent, dass ich ungläubig staune über die Detailliertheit meiner Erinnerungen. Wie uns damals scharfer Gegenwind fast zum Stehen und abwechselnd in die Verzweiflung trieb. Heute ist schon wieder Gegenwind, offenbar muss das hier so sein. Nur bin ich ruhiger und stampfe nicht mit dem Fuß auf, selbst innerlich nicht.

 

Wie wir damals an selbiger Stelle standen und den Brückentouristen ebenso wie den Kletternden zuschauten. Und ich dem Sohn erzählte von meinen Jahren in Dresden, in denen uns – dank einer wanderbesessenen Freundin – allsonntäglich der 6.37-Zug in diese Felsformationen brachte, auf dass wir atemlose Tage in ihnen erlebten.

 

Irgendwann stehe ich an einer Schranke. So ist das von Zeit zu Zeit, das war noch auf jedem Streckenabschnitt so.
Innerhalb des ohnehin schon ruhigen radelnden Unterwegsseins ist der Aufenthalt an Schranken nochmals der Inbegriff des Zur-Ruhe-kommens. Man steht dort und steht. Ohne etwas zu tun. Ohne weiterzukönnen. Ohne sich richtig in eine Pause zu begeben. Man steht eben. Einfach so. Man hat es auszustehen. Kein Wunsch, kein Wirken, kein Eingreifen. Ausharren und Sein.
Ein wahrer Zwischenzustand in der Mitte von allem, was man gemeinhin mit dem Attribut „sinnvoll“ belegt.
Augenöffnende Schranken.

 

Eine Pause nehme ich mir in Rathen, ich sitze und schaue auf den Fluss, um mich zu sammeln und mir klarzuwerden, dass ich wiederum überhaupt noch nicht weiß, wohin ich heute will. Es ist Nachmittag, und ich werde mich wohl nochmal noch ein Stückchen den Fluss entlangtreiben lassen.
(Rätselhaft immer wieder das, was nicht im Bild ist. Auf dieser menschenleeren Uferwiese sitzen nur ich und mein Fahrrad. Gähnende Weite. Eine Großfamilie mit Hund und Streit nähert sich. Und wo lassen sie sich nieder? Zwei Meter von mir entfernt. Ich verstehe das nicht. Ich verstehe es wirklich nicht.)

 

Wieder eine heftige Sohneserinnerung, ich gebe zu, heute ziehen die ein wenig im Herzen. Dort drüben, auf der anderen Seite der Fähre, unterhalb der Festung Königstein, sind wir damals eingekehrt, geschlaucht von Gegenwind, Wegsteigungen und einer morgendlichen Felswanderung, zu Fuß. Heute habe ich bis auf Gegenwind nichts von all dem gehabt. Einkehren muss ich trotzdem, sagt mir die Wehmut. Ohne Hunger, ohne Durst, aber den Ort brauche ich nochmals. Es ist ein seltsam Ding mit dem Erinnern.

 

Nun, und dann geht der Samstag in Dunkelheit über. Weil die Sonne untergeht, und weil Regenwolken aufziehen. Schnell kaufe ich noch ein, um vor den ersten Tropfen den letzten Zeltplatz auf deutscher Seite anzusteuern. Im Kirnitzschtal baue ich auf, direkt neben dem Zelt fährt eine Straßenbahn vorbei (doch doch, mitten in den Bergen:)), und pünktlich nach Kochen und Essen beginnt es zu regnen. Und wie.
Der Morgen empfängt mich voller Pfützen.

 

Das Tal in Niesel und Nebel, eng ans Haus schmiegt sich die Straßenbahn (Beweisfoto!), und ich breche auf, in Regensachen fühlt sich dieser sanfte Regen fast gemütlich an.

 

Unten im Ort, in Bad Schandau, reißt der Himmel mehr und mehr auf, ich wage mich zu setzen und ….

 

… das viele Nass auf dem Rad zu drapieren, dass es ein wenig trocknen möge.

 

Ja, tatsächlich, bis auf eine einstündige Dusche später am Tag bleibt es blauhimmelig, ich bin dankbar, weil ich das Elbtal nochmals in vollen Zügen einatmen kann, bevor es sich auf der tschechischen Seite aufweiten und einen ganz anderen Charakter bekommen wird.

 

Vor lauter Einatmen verpasse ich mehrfach die Fähre, das muss man erstmal schaffen. Und auch auf diese darf ich nur dank  besonderer Großzügigkeit. Denn – „junge Frau, können Sie nicht lesen???“ – oben am Steg stand doch ein Schild, dass man diesen nicht betreten darf, bevor nicht die Erlaubnis … naja … gleich bin ich in Tschechien, manchmal sind deutsche Regeln und Gehorsamkeit ganz schön anstrengend.

 

Auf der anderen Flussseite ist schon Grenze, das ehemalige DDR-Grenzgebäude hat nur noch Strohmannfunktion, verströmt aber rein optisch immer noch seinen geballten Uncharme, manchmal gruselt’s mich, wenn ich mich an damalige Entwürdigungsprozeduren erinnere.

 

Der erste tschechische Ort – Hrensko – auf der anderen Seite, hier übernachteten wir vor zwei Jahren.

 

Und dann ist der Fluss nur noch Fluss, wird von keinerlei Häusern mehr gesäumt …

 

… bis die Grenzsteine auftauchen. So unsichtbar können Grenzen sein. Man schiebt hinüber, und schon darf man in einem anderen Land sein. (Ich bin sehr dankbar dafür.)

 

 

Die damaligen Live-Berichte finden sich hier und hier.

#3wegsam-bilder-9: Begegnungen

Schon viel habe ich gelernt auf diesem Reiseweg. Zum Beispiel, dass ich am gar nicht so frühen Nachmittag weiterfahre, ohne noch zu wissen wohin. Immer weniger brauche ich das feste (Tages)Ziel, kann ich eine gewisse Unbestimmtheit aushalten.
Hier an der Talsperre Spremberg ist schonmal Wasser, solche Plätze sind mir die liebsten. Allerdings ist es zu steril, befinde ich, und zu früh am Tage außerdem.

 

Und während ich so gedankenverloren weitertreidele, bin ich plötzlich in Sachsen.

 

Und noch überraschender: Ich bin in meinem Geburtskreis, und der liegt doch eigentlich an der östlichen Bundeslandgrenze, während ich hier im nördlichen Zipfel bin … naja, Geographie war nicht mein Lieblingsfach, und irgendwie fühlt es sich sehr heimelig an, unerwartet „zu Hause“ zu sein:)

 

Wasser findet sich auch, ein Zeltplatz in untergehender Sonne – am Horizont immer ein Kraftwerk, es ist Braunkohletagebaugegend.

 

 

 

Im morgendlichen Büro entsteht zunächst der tägliche Livebericht …

 

… bevor sich mir der Weg versperrt. Diese Furt nämlich ist im Weg. Nicht wirklich, natürlich. Ein Winzling an Furt. Aber die Schilder auf der anderen Seite weisen kilometerweit das Umkehren an, und entgegenkommende Radler berichten von Nichtpassierbarkeit und fast schon hochwasserartigen Zuständen. Nun ja, zehn Umwegkilometern und der Wahrheitsgehalt von Gerüchten und so …

 

Ein weiterer Tagebausee, Renaturierung nennt sich das Wiederherstellen der Landschaft. Auch wenn wiederum ein Kraftwerk aus der Ferne winkt und es der Landschaft etwas an Naturbelassenheit fehlt: Ich bin beeindruckt. Tatsächlich wächst und gedeiht es hier wieder.

 

Vorbei am Schloss Uhyst, welches wirkt, als ließe sich hier sehr authentisch ein Tbc-Sanatoriumsfilm drehen …

 

… und auf von der Welt verlassenen Sträßlein …

 

… komme ich irgendwann in Bautzen an.
Ein Minitwittertreffen winkt – hier im Bild der Blick von diesem auf Spree und Stadt – und erfreut mich sehr. Danke! Der Abend, die Gespräche und der Wein sind nicht auf Bildern festgehalten.

 

Der nächste Morgen bringt den Abschied vom Spree-Fluss mit sich, und viele viele Dörfer. Überall kontrastieren sich Alt und Neu, ist das Ursprüngliche mit neuer Farbe übertüncht, manchmal stehe ich verständnislosd davor, weiß ja aber, dass ich nicht im mindesten weiß, wie sich das Leben in diesen Dörfern im Wesen anfühlt.

 

Eines der Dörfer – ja, es liegt am Wegesrand, ich bin keinen Umweg gefahren – ist unsere Partnergemeinde. Huch – ich hatte das auf der Karte vorher nicht gesehen – und hach: als ich beim Dorfbäcker erwähne, woher ich komme, ist die Gastfreundschaft in Form geschenkter Kekspakete groß und fast zu voluminös für mein Fahrrad:) Ich freue mich heute noch an dieser Begegnung.

 

Und radele der nächsten entgegen.
Du Liebe, die Du  mir diesen Weg abseite der Haupttrasse empfohlen hast, leider weiß ich den Namen des Schlösschens nicht mehr (und bin jetzt, spät nachts) zu faul, dies zu recherchieren:)

 

Ich begegne einer Artgenossin …

 

… und Hügellandschaft zum Seeletanzenlassen. Was ich tue.

 

In Vorfreude zumal, dass ich gleich in Dresden erwartet werde. Und mir sogar entgegengefahren wird, hach. Ein Treffen mitten auf der Kreuzung, ein Weg durch die Dresdner Heide mit Plätzen, die Lieblingsortpotential haben, sollte ich jemals wieder in diese Stadt ziehen.

 

Für heute aber beziehe ich als Gast ein wärmendes Haus mit Speis und Trank und langen Lagerfeuer-Seelengesprächen.
Danke! Auch wenn es schon so lange her ist: Es wärmt noch immer.

 

Die Live-Berichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

#3wegsam-Bilder-8: Längs der Spree

Oh, das tat gut gestern, das Blättern in den alten Bildern und Erinnerungen. So lasse ich gleich heute – nachdem der Tag mich erschöpft hat – weitere folgen.

 

Ein ruhiger Streckenabschnitt beginnt. Wieder treffe ich die Spree, sie wird jünger und jünger, bis Bautzen werde ich in ihrer Nähe bleiben. Doch zunächst verzweigt sie sich zum Spreewald, der hier seine ersten Ausläufer tastend vorausschickt …

 

… und dann die Landschaft allmählich zur Ruhe bringt.

 

 

 

 

 

Das Wasser kommt näher …

 

… bis ich das erste „Spreewaldboot“ entdecke, hach.

 

Leider ist der Lübbener Zeltplatz laut, kleiner Planungsfehler, ich hätte ja gleich in die mittige Stille der Wasserarme fahren können. So bleibt mir für morgens noch ein Stück Kanalweg …

 

… ein wenig Unruhebeobachtung  in den Stocherkahnhäfen …

 

 

… und dann bin ich allein.

 

Ich finde den idyllischsten Zeltplatz bisher. Vor lauter Einatmen-Ausatmen und seligem Seufzen vergesse ich zu fotografieren:)
Und dann ist da ein kurzzeitiger Fahrzeugwechsel, ich hatte mich darauf so hingefreut, auch dies wieder eine wärmende Erinnerung. Man treidelt so einsam durch die Wasserkanälchen, außer dem Eintauchen des Paddels (was in der Fachsprache sicher anders heißt:)), den Wasser- und Baumgeräuschen und dem eigenen Atem ist nichts zu vernehmen. Die Schleusen stören nicht durch Motorgeräusche, man bedient sie kurbelnd per Hand. Nur wenn man allein ist, kann man das Boot ja schlecht leer in der Schleusenwanne lassen. Also trägt man es einfach auf dem Landweg um die Schleuse herum. Das geht leichter als es sich anhört. Was danach allerdings weit schwerer als vermutet geht: Das Einsteigen ins Boot – ohne jeden Halt am Ufer. Nuja, ich möchte mein Eiern und Schwanken nicht von außen gesehen haben, aber nass geworden bin ich jedenfalls nicht:)

 

 

Am Morgen hat es geregnet, ich halte den tropfendnassen Zeltplatz doch noch auf einem Bild fest …

 

… und bewege mich weiter Richtung Süden. Die verschiedenen Gestalten des Weges, immer den Fluss an der Seite, Asphalt und Sand wechseln sich ab, es ist wohltuend leer …

 

 

… und ja, er kann auch bürgerlich-brav-parkartig, der Spreeradweg, wie man sieht.

 

 

Und plötzlich, in solchen Momenten merke ich immer, wie sehr ich versunken bin im Grün, steht man an so einer Ecke. Ein Schreck, weil die Welt eben doch keine bukolische ist.

 

Cottbus. (Nach)Mittagspause. Neben meinen Brötchen und Äpfeln ausgebreitet liegt die Karte, und es kreist im Kopf die Überlegung, wo ich wohl heute zelten könnte.

 
Doch davon später …

Die Live-Berichte dieser Reisetage finden sich hier, hier und hier.

#3wegsam-Bilder-7: Erinnerungen rund Berlin

Ob ich die Bilder der letzten noch bis zur nächsten Radreise sortiert haben werde???
Das gegenwärtige Leben ist allzu prall gefüllt, immer wieder lasse ich den nächsten Bilderordner „für morgen“ liegen, wie das so ist.

Nun aber, da hier ringsum soviel Unschreibbares geschieht, wo ich in den Gegenwartsdingen schwer ins Innehalten finde, nehme ich mir für einen Abend das Versenken in vergangene Reisetage als Ruhepol.

Das letzte Mal über diese Reise erzählte ich hier. Dort schrieb ich auch, wie dicht hier die Erinnerungen am Wegrand lagern und wieviel verschlossene Erinnerungskammern sich plötzlich öffnen. Dies ist mit der Stadtgrenze Berlins mitnichten vorbei, im Gegenteil.

Bahnhof Fangschleuse. Der Name lässt Glocken in mir klingen, der Blick auf die Karte verrät, dass ich es richtig erinnere. Mönchwinkel und der Störitzsee, häufiger Kindheitswochenendverbringort …

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… ich muss dorthin, unbedingt. Ein Pfad durch den Wald lässt mich den See finden. Und ja, er ist’s:) Auch wenn ein Jugendcamp das gewohnte Ufer belegt und der Blickwinkel ein anderer ist, ich sitze an genau diesem See …

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… und fahre durch genau diesen Wald wie damals. Nur das Haus, in dem wir immer wohnten, das steht wohl nicht mehr. Keines von denen, die ich sehe, kommt in Frage … ich fahre weiter.

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An Ferienlager-, Klassentreffen- und Tagesausflugsorten vorbei, bis zum Scharmützelsee, dessen spezieller Name mir heute erstmals auffällt. Doch nein, die Recherche bei wikidingens ergibt, dass das Wort überhaupt nicht bedeutet, was es nahelegt. Man kann sich also beruhigt an den Ufern des Sees niederlegen.

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Oder auch sich einen Campingplatz suchen. Auf einem mit Telefon am Eingang, ha. Soweit begeistert mich der Blick in die Vergangenheit.

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Als ich mich am späteren Abend dann allerdings ans Seeufer zur Badestelle aufmache und nur marode Holztritte finde …

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… umgeben von einer in der Vergangenheit schon verrotteten Feriensiedlung …

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… deren einziger Seezugang von Yachtbadenden belegt ist, da ist mir die Romantik des nostalgischen Blicks zusammen mit der Badelust vergangen.

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Ich begnüge mich mit dem Schauen aufs Wasser. Auf’s gegenüberliegende Ufer, auf jenen Hafen, in dem viele Jahre lang „unser“ Boot lag.

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Und in die Abendrotstille …

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Nach einer ersten Nacht im Zelt …

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… führt mein Weg weiter am See entlang, wenn er nicht durch Golfplätze oder Wellness-Ressorts versperrt ist. Oder aber durch neue Ferienanlagen, jetzt wird auch klar, warum alles Alte verrotten muss. Ich irre ein wenig durch diese immer gleichen Häuserzeilen, auch jetzt noch geschüttelt von deren Monotonie und Sterilität, ein Schnell-weg-Bedürfnis macht sich in mir breit.

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Zumal der See vollbebootet und ferienmenschenumlagert ist.

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Es gibt stillere Pfade. Entlang dem Kleinen und dem Großen Glubigsee zum Beispiel. Das klingt schon wieder, als wäre ich hier im Ferienlager gewesen … was ich aber nicht mehr herausfinden kann.

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Ob das hier war?

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Egal. Ich lasse mich auf den Wald ein, es duftet nach Kindheit, nach Heimat, nach Geborgenheit, mehr kann ein Reisetag kaum schenken.

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Und wenn sich dann am Wegesrand noch eine Mittagessensbank findet …

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Die Live-Reiseberichte der damaligen Tage finden sich hier und hier.

#3wegsam-Bilder-6: Zwischenziel Berlin

Nach elf Tagen rollen wir auf Berlin zu, die Zeit verging viel schneller als gedacht und gewollt, und weil diese Etappe die letzte gemeinsame ist (wer weiß: für immer? der Sohn ist 15, und ob er nochmal mit seiner alten Mutter … naja … jetzt nicht sentimental werden …), feiern wir die mit einem Rieseneisbecher irgendwo in Berlins sich weit hinziehenden Speckgürteldörfern.

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Die Einfahrt in die Stadt dann ist unkonventionell, weil das Navi uns kurz vor dem Ziel auf eine autobahnartige Schnellstraße führen will und uns nur der Feldweg daneben bleibt, um zu überleben. Dieser aber biegt alsbald von der Straße ab und führt über Felder, Wiesen, Brache und Niemandsland. Hier kennt sich auch das Navi nicht mehr aus. Einzig der Sonnenstand zeigt an, dass wir noch halbwegs auf dem richtigen Planeten sein müssen.
Und bald auch das bekannte Kraftwerk, nicht schön, aber wegweisend:) …

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… dann ein Stück auf dem Mauerradweg entlang … 

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… durch eine Kleingartenanlage, über breitspurige Bahnanlagen, durch ein Kleinvillenviertel, und plötzlich stehen wir vor dem Mama-Oma-Haus, in dem wir schon sehnlichst und mit Essen erwartet werden. Die Tochter ist übrigens auch hier:)

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Die Tage in der Großstadt sind anstrengend, wie immer, ich bin nicht mehr metropolenadaptiert, das ganze Laute, Viele, Umtriebige tut mir fast körperlich weh, zumal nach den ruhigen Fahrradzeiten. Der Sohn und ich empfinden es anfangs beide als Lücke, morgens nicht mehr aufs Rad zu steigen; erst nach ein paar Tagen gewöhne ich mich daran und denke, dass es auch ein Leben nach dem Radeln gibt.
Doch nach einer Woche geht es – nachdem ich die Kinder schnell mal eben mit dem Zug nach Hause gebracht und von dort mein Zeltzeug geholt habe – weiter. Von hier aus allein.

Das Rad wird neubepackt, da liegt das Alleinreisegeraffel ausgebreitet. Es sieht viel aus, auch für mich. Am Ende aber wird gar nicht so viel Überflüssiges dabeigewesen sein. Lediglich ein paar der warmen Sachen – ich hatte den Bayerischen Wald im September als kalt befürchtet, was er aber nicht war – und Fahrradreparaturzeugs sowie Sanitasche – glücklicherweise – werden am Ende nicht benutzt worden sein.

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Nun aber schnalle ich erstmal alles aufs Rad, von hier ab fahre ich mit Vordertaschen weiter, und frühstücke ein letztes Mal im Vatergarten, bevor ich allein auf dem Weg bin.

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Stadtausfahrt über Köpenick, radwegformidabel und – zumal am Sonntag – schön ruhig, das sind hier alles vertraute Kindheitsblicke.

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Der Himmel und das Rathaus – ohne Hauptmann:) – von Köpenick …

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… und dann geht es längs der Spree zum Müggelsee. 

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Hier waren wir in der Kindheit baden, Schlittschuh laufen, Volleyball spielen, radeln, sonntagsausflügeln … das Verkommen macht umso trauriger. 

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Auch staune ich, wie wenige Menschen hier sind. Es ist ein wetterprächtiger Sonntag im August, es ist auch vom Stadtzentrum nicht zu weit, und doch ist auf Radwegen, am Ufer und in Picknickstuben gähnende Leere, ich wundere mich.

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Wenigstens ab und zu ist eine Menschenseele am See, möchte ich fast aufatmen:)

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Der weitere Weg ist gesäumt von Erinnerungen an Ausflüge, Wandertage, Spaziergänge, auch schon mit dem Sohn, der ja seine ersten drei Lebensjahre in Berlin aufgewachsen ist … all das flutet mich. Diese Kanäle gehören zum sogenannten Neu-Venedig, naja, es ist nicht ganz was der Name verspricht:)

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Die umliegenden Ortsteile sind vollgepropft mit villesken Neubauten. Da freut sich das (Kamera)Auge, wenigstens ab und zu ein echtes Haus vor die Linste zu bekommen. Mit Altersspuren als Zeichen seiner Lebendigkeit …

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Nicht weit mehr, dann treffe ich auf die Stadtgrenze. Und weil wir ortseingangs auf dem Feldweg um ein Berlin-Schild gebracht worden waren, halte ich jetzt wenigstens das Ausfahrtsschild fest. Berlin grenzt hier nämlich direkt an die nächste Gemeinde namens Erkner. Endstation der S-Bahn-Linie, mit der ich damals so oft fuhr …

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Auch hier Müggelspreewasser noch und noch …

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… und plötzlich stehe ich, unvermutet, an einer Ecke des Werlsees, der uns in Oberschulzeiten als DER Badesee diente, wenn wir hitzefrei und deswegen schon gegen Zwei Schulschluss hatten. Wie oft sind wir mit den Klassenfreunden hierhergeradelt und lagen dann genau hier, weiter unten am Ufer, im Sand, so mit 15, 16, 17, 18 … hach …
 

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Das waren die ersten von zahlreichen Wiederbegegnungen, die nächsten Tage werden voll davon sein. Ich lege ein wenig meine Route danach aus und werde noch vieles wiedertreffen.

Die damaligen Live-Berichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

#3wegsam-Bilder-5: Auf die Heimat zu

Das graue Wetter vor dem Fenster, das Ende der rastlosen Korrekturtage und dass ich begonnen habe, ein Buch über eine lange Radreise zu lesen, haben mich wieder zu den Fotos gezogen. Die letzten Sommerradreisebilder gab es hier.

Unsere Pension in Dessau ist nicht viel idyllischer als dieses Flugzeugmuseum, lohnt also das Fotografieren nicht. Hier dagegen hält es den Sohn für eine Weile.

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Der Weg aus Dessau heraus ist holprig …

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… und von einem weiteren verlockenden Museum gesäumt. Wenn es nur nicht schon so spät wäre …

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… hätte es für mehr als das Lesen eines wegweisenden Satzes gereicht.

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Wiederbegegnung mit dem Elberadweg …

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… und dann mit – ha, nein, das ist noch gar nicht die Elbe, sondern die Mulde:) …

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… und nun der Elbe also.

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Auf der anderen Seite fühlen wir uns schon wie kurz vor Berlin, mit dem Fläming beginnt die kindheitsvertraute Landschaft.

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Nur ist lang nicht mehr alles wie es war, die Dörfer leergewohnt, …

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… die ehemaligen LPGs stehen verwitternd im Gras, …

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… nach offenen Gasthäusern muss man lange suchen.

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Es bleiben Weite und Himmel …

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… und das Heimkommen ins Land Brandenburg.

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Auch wenn der Weg zuweilen versperrt ist, plötzlich und unerwartet, wenn wir also durch märkische Sandwege schieben und uns streckenweise am Sonnenstand orientieren müssen, …

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… es fühlt sich heimisch an. (Zu den Kindheitserinnerungen kommen ab Bad Belzig auch die an die Tour vor drei Jahren, als wir die Berlinstrecke in umgekehrter Richtung fuhren.)

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Bad Belzig hält eine Biergarten-Eiscafé-Herberge für uns bereit, …

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… und am nächsten Tag werden die Wälder sandig-kieferndominiert, es heimatet sehr.

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Hier hatten wir vor drei Jahren übernachtet …

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… und hier ebenso Ärger beim Fotografieren bekommen wie jetzt. Warum ich das damals fotografieren wollte, ist unwichtig, ich weiß nur noch, wie mir fast die Kamera aus der Hand geschlagen wurde. Diesmal war es ähnlich.

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Berlin ist nahe, die Großbaustelle ist eindeutiges Indiz.

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Auf den nächsten Bildern – ein ander Mal – werden wir am Ziel sein.

 

Die damaligen Live-Berichte dieser Tage finden sich hier und hier.

 

 

#3wegsam-Bilder-4: Ebene Leichtigkeit

 

Der Regen hat aufgehört. Bevor er wieder anfangen wird. Doch bis dahin werden noch ein paar Kilometer vergehen.
Zunächst: Den Ausgang von Mechterstädt finden …

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… und hinauf, irgendein Hügel ist immer im Weg. Der Blick zurück auf den Thüringer Wald …

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… lässt unsere Schönwetterhoffnung schwinden.
Dafür können wird es beim Fotografieren von Himmelsbildern nicht langweilig …

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… und bei Flussbildern sowieso nicht. Das hier ist die Unstrut, der wir mehr als einen Tag lang folgen werden. Einer der schönsten Radwege, die ich getroffen habe.

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Nach also einem weiteren Regentag übernachten wir in Sömmerda, in einer Pension, die sich im Innern weitaus freundlicher gibt als es dieser Hinterausgangsblick vermuten lässt.

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Am Morgen werfen wir einen kurzen Blick ins Stadtzentrum …

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… bevor uns die grünen Weiten wieder haben.

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In der Ferne der Kyffhäuser ..

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… Schotterwege, wie ich sie liebe (wirklich! das Geräusch ist so heimelig) …

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… und Felder, die schon den Herbst anzeigen.

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Kurz vor Querfurt erreichen wir Sachsen-Anhalt — und werden von diesem Dramahimmel empfangen.

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Auf Querfurts Burg bin ich fast allein. Der Sohn ist im Hotel geblieben, und auch sonst streicht niemand hier umher.

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Ein Fenster trägt Bart …

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… und der Turm Zopf.

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Und der Himmel schenkt Licht. Endlich. (Um zu spoilern: Morgen Vormittag wird er uns wieder haben, der Regen.)

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Wir verlassen Querfurt, um den ganzen Tag durch die weite Ebene zu fahren, möglichst bis zur Elbe, so ist der Plan.

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Zunächst schiebt uns Rückenwind, wenn auch – ja, schon wieder – mit Regen.

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In Halle klart es auf, mit der Geschwindigkeit eines Aprilwetterwechsels ist es plötzlich blau am Himmel.

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Und bunt auf dem Marktplatz: Beachvolleyball ohne einen Beach weit und breit.

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Am Nachmittag spüren wir endlich Sonne auf dem Rücken und im Gesicht. Wie ich das vermisst hatte, merke ich erst jetzt. Auch die Stimmung wird hell.

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Zum Glück. Denn der Weg zieht sich. Der Wind hat sich gegen uns gestellt. Die Landschaft ist flach, baumlos und folglich ohne Windschatten, und die Ortschaften halten kein Eis bereit. Heute hätten wir es gebrauchen können …

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Aber nun, irgendwann kommen wir an. In Dessau an der Elbe, wie morgens angedacht. Ein Katzensprung noch nach Berlin …

 

Die damaligen Live-Berichte dieser beiden Tage finden sich hierhier und dort.

 

#3wegsam-Bilder-3: Rennsteigquerung

 

Am nächsten Morgen wird es laut, wir wohnen gegenüber einer Baustelle, die ab sechs Uhr in Schwung kommt,  das ist einfach ein Imperativ: Schnell weg aus der Stadt!

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Laute lärmende staubige graue Straßen, wir erwischen wohl eine unidyllische Trasse, aber wenigstens ist sie gut ausgeschildert.

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So dass wir schnell im „Freien“ sind, in ruhiger, großstadtarmer Landschaft also.

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Irgendwo stoßen wir auf eine Autobahn. Der Blick auf die Karte verrät: Wir sind schon oft auf dieser grauen Spur gereist. Welch Kontrast das ist: Unsere 7-Stunden-Strecke nach Berlin dehnen wir gerade auf knapp zwei Wochen aus.

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Unser tägliches Eis bekommen wir in einem Ort, dessen Name insbesondere den Sohn begeistert:)

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Während mein Glücksmoment eher der erste Hauch von Mittelgebirgsatmosphäre ist, es wird nadelwaldiger und karger, irgendwie. Wir nähern uns spürbar den Bergen.

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Der nächste Morgen zeigt sich schon im Ansatz verregnet. Zunächst ist es Niesel, später wird daraus ein ausgewachsener Landregen mit Schauer-Zwischenspielen.

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Darum bleibt die Kamera bilderarm, man will sie nicht unnötig baden. Nur ab und zu, wenn das Nass abschwächt oder ich ein wenig geschützt stehen kann, hole ich sie raus. Es kommt auf’s Bild, was zufällig am Wegesrand liegt.

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Manchmal ist es ein hoffnungtragendes Blümchen in einer riesigen grauen Mauer.

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Nach etlichen Auf-und-Ab-Kilometern – wir überqueren Rhönausläufer – liegt das Werratal vor uns. Unten treffen wir wieder eine Brücke unserer Berlin-Autobahn, darunter quer der Werratalradweg, auf dem mich meine Tour des vergangenen Jahres ein paar Kilometer entlanggeführt hat.

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Und während ich schwelgend fotografiere, hachze und mit Erinnerungsschwaden um mich werfe, übt der Sohn sich in Geduld und sucht sich seine Art von Beschäftigung.

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Der Rest der Strecke bleibt verregnet. Es wird immer ärger. Sogar der Sohn – auf obigem Bild noch in der coolen Mama-ich-frier-doch-nicht-Kleidung eines 15jährigen – zieht sich die Regenjacke über. Hose und Gamaschen verweigert er weiterhin hartnäckig, klar, das Ende der Regenmesslatte ist noch nicht erreicht, fahren wir doch tapfer bis sechs Uhr weiter.

Am nächsten Morgen: Himmel leider unverändert. Man braucht die Abfahrt gar nicht hoffnungsvoll hinauszuzögern, von einem Ende des Horizonts bis zum anderen weht es uns grau an.

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Wir richten uns innerlich auf einen unsonnigen Tag ein und starten gen Rennsteig. Nicht an seiner höchsten Stelle wollen wir ihn überqueren, aber doch müssen wir ein wenig hoch. Die „Hohe Sonne“ ist als Querungspunkt anvisiert.

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Bis dahin regnet es, und regnet, und regnet. Wir halten kaum an, außer für die Wegsuche. Der auf der Karte eingezeichnete Radweg erweist sich leider als Mountainbike-Pfad, für uns nicht zu machen, also werden es ein paar Kilometer Bundesstraße. Da der Regen aber schon unsere gesamte Genervtheit aufbraucht, kommt es auf ein paar Autos nicht mehr an:)

Oben!
Ein Dach zum Untersetzen!

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Und warme Nahrung. Die hat es allerdings nicht aufs Bild geschafft, weil die flüssige ihr die Show stiehlt. Fassbrause als Farbtupfer des Tages. Denn der Himmel ist grau. Das sagte ich ja schon.

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In der Ferne dort unten, das ist die Wartburg. Später rollen wir an ihr vorbei, haben aber keine Lust, die Kuscheligkeit unserer Regenklamotten zu verlassen und abzusteigen. Darum bleibt es bei diesem Fernblick.

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Von Eisenach gibt es aus gleichem Grunde keine Bilder. Wir fahren durch, lassen uns von Autos nassspritzen und schauen nicht groß rechts und links. Ohnehin waren wir letztes Mal ausgiebig hier. So durchradeln wir die historische Stätte, stellen fest, dass die Unterkünfte teuer sind, legen deswegen noch ein paar Kilometer drauf, vorbei an der „Wuthaer Verwerfung“ (was man sich so von Schautafeln für Wörter merkt;-)), bevor wir in Mechterstädt ein Dach über dem Kopf finden.

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Von hier müssen wir nach Berlin nur noch herunterrollen. Glauben wir. Und der Regen lässt nach. Glauben wir auch:)

 

Die damaligen Live-Blog-Berichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

 

#3wegsam-Bilder-2: Auf und Ab zum Main

 

Ein nebelschwadendurchzogener Klostermorgen, …

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… und wenn man mit einem pubertierenden Kind unterwegs ist, darf man die ersten Morgenstunden in Seelenruhe und -frieden allein im Klosterhof verbringen, schreibend schwelgend träumend, und natürlich kaffeetrinkend.

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Den Schlaf lässt sich der Sohn erst von der unmittelbar bevorstehenden Frühstücksbüfettschließung nehmen – da springt er auf und drängelt direkt auch schon zum Losfahren. Es hat ihn gepackt. Mich ja sowieso:)

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Das sanfte Jagsttal behält uns noch gut zwanzig Kilometer bei sich, dann geht es ans Aufsteigen. Auf eine Hügelkette nämlich, die hinüber zum nächsten Fluss führt. Die sieht hier so arglos aus, ist aber in Wirklichkeit von 35 Grad, Schattenlosigkeit, staubverbreitenden Mähdreschern und einer lauten Autostraße gesäumt. Tritt für Tritt schaffen wir uns hoch – wie gesagt, dem Bild sieht man den Schweiß nicht an.

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Drüben, unten, dort, wo es endlich Eis gibt, heißt der Fluss zu meiner Überraschung gar nicht Main. Es ist die Tauber, der Main wird uns erst morgen begegnen. Geographie 5, setzen:)

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Es ist jedoch egal, Radweg ist Radweg. Wir bringen den heutigen früh zu Ende, legen sogar einen Aufwärts-Schlussspurt ein (drahtig wie dieser hier:)) …

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… und übernachten in einem Weinort, ohne uns vom abendlichen Weinfest verlocken zu lassen. Schlafen ist dringlicher, schließlich ist erst der dritte Ferientag und das Erholungsbedürfnis entsprechend.

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Am nächsten Tag also geht es  nun wirklich zum Main, wieder durch ein Auf und Ab. Heute schaffe ich es weit besser, in einen meditativen Zustand hineinzufinden. Als fliegen wir durch die goldgelben Welten.

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Kurz vor Würzburg wird es waldig. Ein Symbolbild für unser Unterwegssein …

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Die Stadt empfängt uns mit einem Spektakel am Mainstrand, mit viel zu vielen Menschen und dann doch einem unerwartet sommerlauschigen Abend auf ihren Brücken und Plätzen.

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Die damaligen Live-Berichte dieser beiden Tage finden sich hier und dort.

#3wegsam-Bilder-1: Der Starttag

 

Die Sommerreise, mein sechswöchiges Radreisen unter dem Hashtag #3wegsam ist unendlich lange her, so scheint es. Die Bilder blieben monatelang unbeachtet liegen. Erst in diesen Ferien kam ich dazu, sie zu öffnen. Und damit öffnete ich auch meine zurück- und vorwärtsgewandte Sehnsucht in den Reisezustand hinein.

Wenn ich sie jetzt herzeige, dann werde ich vor allem dieser meiner Sehnsucht gerecht. Ich werde mich nicht zu lange in Auswahl und strukturiertes Zusammenfassen vertiefen, sondern einfach chronologisch durch die Tage gehen. Auch wenn es viele Bilder werden, zu viele vielleicht. Ich durchreise das jetzt alles noch einmal. Während draußen die Winterkälte weht …

 

So starten wir also, einen Tag nach Ferienbeginn.

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Die Felder rund um unseren Ort, in Tagestourenentfernung, lesen sich noch nicht wie der Beginn eines langen Unterwegsseins. Immerhin könnten wir ja umkehren und gleich wieder daheim sein, heute noch.

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In Bad Wimpfen allerdings, wir essen dort zu Mittag, werden wir angesprochen. Wir berichten über unsere Pläne und sind plötzlich gedanklich doch ganz schön weit weg. Jetzt geht es los, so richtig. Auf der anderen Neckarseite beginnt Neuland, auch wenn hin und wieder noch bekannte Orte unter die Reifen schwappen.

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Das Hinaufkeuchen auf das Hochland zwischen Jagst und Kocher lässt Mittelgebirgsvorahnung aufkommen, wir sind noch ganz schön anstrengungsentwöhnt. Die Belohnung erfolgt – so ist das in den Bergen – auf dem Fuße: wir fliegen hinab. Das Bobfahrergen kommt zu seinem Recht.

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Das erste Eis der Tour in Möckmühl wird zum Startpunkt eines täglichen Rituals. An keinem einzigen Tag werden wir uns fragen, ob wir, sondern stets nur, wo und welches Eis wir essen.

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Der Sohn benötigt Fotopausen, immer wieder. Es ist spannend zu sehen, was ihn verlockt. Ich versuche mich an diesen Stellen auch fotografierend. Schon deshalb, weil ich eh auf ihn warten muss:)

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Nach 90 Kilometern nähern wir uns dem Kloster Schöntal, ein mir schon vertrauter Ort. Wir beziehen unser Zimmerchen ganz oben in einem Seitentrakt des Klosters, die Räder bekommen eine Extragarage, und der Rest der Familie kommt zum Abendessen noch einmal zu uns. (Sie waren nämlich zusammen mit Kinderbesuch tagsüber in der Nähe in einem Museum.)

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Der damalige Live-Bericht dieses Tages findet sich hier.

 

Radgedankenwandern

Der erste Tritt in die Pedale ist der Beginn einer neuen Autonomie, er ist ein schöner Ausreißversuch, die spürbare Freiheit, die Bewegung der Fußspitze, wenn die Maschine auf das Verlangen des Körpers reagiert und ihm gleichsam vorauseilt. Innerhalb weniger Sekunden befreit sich der begrenzte Horizont und die Landschaft gerät in Bewegung. Ich bin anderswo. Ich bin ein anderer; und dennoch bin ich so sehr ich selbst wie sonst niemals; ich bin, was ich entdecke.
(aus Marc Augé: Lob des Radfahrens)

 

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Dieser Tage überkam mich die Sehnsucht. Ich musste in die Garage gehen, mein Rad streicheln, kurz mit ihm sprechen und ihm sagen, dass wir dieses Jahr nicht so bald und vielleicht gar nicht zu so entfernten Ufern aufbrechen können. Dabei wird ihm das weit weniger ausmachen als mir.

 

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Mir wird wehmütig. Ich sehne mich nach dem Unterwegssein aus eigener Kraft …

 

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… mit Schritten, die ich auf ganz eigene Weise setzen darf.

 

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Glückliche Zeiten, in denen es so einfach möglich ist …

 

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… auf – in umfassenderem Sinne – hellen Wegen …

 

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… sich selbst und alles, was dazu nötig ist, in Bewegung zu setzen.

 

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Mit starker Verbindung zu meinen Kraftquellen …

 

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… mit Möglichkeiten, die Initiative zu übernehmen …

 

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… damit nichts in die Quere kommt …

 

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… oder aber auch in gelassenem Improvisieren.

 

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Es ist alles eine Frage der Balance …

 

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… und einer ausgewogenen Verbindung zwischen Innen und Außen.

 

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Warme Erinnerungen dürfen mitreisen …

 

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… und die Gemeinschaft der Menschen ringsum auch.

 

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Das So-schnell-wie-nötig und das So-langsam-wie-möglich treten in einen Dialog …

 

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… so wie überhaupt jedes Unterwegssein eine Brücke bildet zwischen Vergangenem …

 

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… und künftigen Bewegungen.

 

Ach.
Ob mich das Rad dieses Jahr über längere Zeit tragen wird?
Sei’s drum. Ich nehme mir Radwandergedanken mit, überall, wohin mich die Wege führen werden. Auch unberädert in das Radgefühl hineineinzufinden, das wäre doch eine Möglichkeit?

 

Dieser Kampf mit dem Raum war eine unvergleichliche und erhebende Übung in Einsamkeit. Der Kampf mit mir selbst war eine intime Erfahrrung, ich lernte meine Möglichkeiten und meine Grenzen kennen: Mogeln ist beim Fahrradfahren nicht möglich. Jede Anmaßung wird unverzüglich bestraft.
(aus Marc Augé: Lob des Radfahrens)

 

Danke an ein reiches Jahr

An seinen letzten Tagen streife ich im vergehenden Jahr umher, schweife mit Blicken und Gedanken durch Geschriebenes, Bilder und Erinnerungen, durchblättere die Kalender und lasse das Jahr kaleidoskopartig noch einmal zu mir zurückkehren. Unglaublich, welch Reichtum sich vor mir ausbreitet. Ich staune und danke.

Danke für mein Leben mit diesen wundervollen Kindern, immer und immer wieder …
… wie sie vor meinen Augen wachsen und reifen, sich ihre eigenen Wege suchen, immer weiter weg vom Zuhause kreisen, und wir – bei aller Pubertät, Türenknallen, Schminke und Co – doch den Gesprächsfaden nicht verlieren …
… wie sie – im Kontrast zu uns Erwachsenen – ein noch unkonstruiertes, unverstelltes Sein leben: diese ursprüngliche Offenheit so alltäglich vor Augen zu haben, ist heilsam und augenöffnend, wenn ich nur bereit bin, mir dies als Spiegel zu nehmen, mich an die Hand nehmen zu lassen …
… dass sie nach allen Erkrankungen wieder gesund wurden …
… dass sie in ihrem prallgefüllten Alltag gut unterwegs sind, ihre Schritte in immer größerer Selbstständigkeit gehen, dass sie Erfolge und Rückschritte reflektiert durchleben und dass sie dabei Freundinnen und Freunde an ihrer Seite haben.

Danke für alle Begegnungen mit anderen Menschen, die immer auch Begegnungen mit mir selbst sind …
… für augenöffnende Erfahrungen, die sich mir in diesem Jahr schenkten, für die Konfrontation mit mir selbst, die mich zuweilen erschreckte und erschreckt, die mich zweifeln ließ und lässt, mich auf mich selbst zurückwarf …
… für die neuerliche Erfahrung, dass ich schlecht für mich einstehen kann, dass ich mich meinen Bedürfnissen zuwider verhalte, wenn mich der Mut verlässt … aber all das setzte und setzt eben auch Entwicklung in Gang, hinterlässt Spuren, in diesem Jahr sehr viele …
… für die überraschenden Momente, in denen nichts so ist, wie es scheint, nicht mal in mir selbst …
… und für all die nahen Menschen, die rückenstärkend, handhaltend und manchmal auch einfach nur weinglasanstoßend trotz allem immer wieder da sind.

Danke dafür, dass mein Beruf immer noch der wunderbarste der Welt ist, meine Schule, mein Kollegium, meine Schulleitung inbegriffen …
… und dass ich nun endgültig den Schritt weg vom zweiten Dienstort schaffte, aus dem Gespür heraus, dass das Dortige nicht meine Herzenstätigkeit ist …
… um wieder mehr in die Lebensfülle der jungen Menschen eintauchen zu können, in das Aufeinanderzu mit ihnen, ins Teilen und Begegnen …
… und in die Lachsalven, Rückenmassagen und Trostgespräche unseres Lehrerzimmers.

Danke für mein Unterwegssein …
… insbesondere für meine Sommerradreise, die ich als kaum endenwollende Zeit erlebte, die ich hätte immer noch weiter fahren können und wollen – was für eine Erfahrung! …
… für die kleineren Touren, in Italien, hier in der Nähe, für das Sein im Zelt …
… und für ruhige Ferientage hier im Haus.

Ja, danke auch für Alltagszeiten …
… für Versöhnung mit so manch Tätigkeit, die nicht auf meiner Wunschliste stand, Renovierung und Haustrocknung nach Überschwemmung etwa …
… und für meine zunehmende Gelassenheit dem Haushalt gegenüber, die schon fast in gleichgültige Vernachlässigung umgeschlagen ist:) …
… und für einen neuen Blick auf all mein materielles Zeug, das mich umgibt, für Entschlackungsschritte als Loslassübung.

Danke besonders – wie jedes Jahr – für all die Musik hier im Haus …
… für die behutsamen Lehrer der Kinder, für die gelungenen Lehrerwechsel, für die neuen Impulse (verbunden mit derzeitig immenser Notenkaufsucht, täglich wird dem Postboten aufgelauert:)) und die neue Beziehung, die beide zu ihren neuen „Hauptfach“lehrern im Begriff sind aufzubauen …
… für die Musikreisen, die sie dieses Jahr nach Frankreich, Tschechien und – den Sohn – nach Südafrika führten und von denen sie jeweils tief beglückt zurückkommen …
… für das gemeinsame Musizieren, das uns ab und zu erfasst …
… und für das Cello, das nun auch mich ergriffen hat und das sich wie ein Wunder und meine ganz eigene Stimme anfühlt.

Danke für alle Momente, in denen ich bei mir sein durfte …
… mit dem Schreibstift in der Hand …
… mit Büchern als Wegbegleiter …
… durch die Kamera schauend …
… oder vor Kerzen sitzend, einfach nur sitzend.

Danke dafür, dass ich mein prallvolles Leben, in dem es zeitlich meist eng, aber in jedem anderen Sinne unendlich weit ist, dass ich dieses Leben so dankbar anschauen kann, zufrieden und gelassen auch, aber vor allem: Dankbar.

Danke für all das, was in diesem Jahr fehlte, was ich bereue, was ich versäumte. Es wäre eine lange Liste, wenn ich sie denn aufschriebe. Eine Liste, ein Weg voller Aufgaben, die nur zum Teil mein aktives Zutun benötigen. Alles andere fordert zum Bereitsein auf, so wie ich schon die letzten Jahre schrieb:

Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

im Oktober

war es warm und fast noch sommerlich, so wie in den letzten Jahren öfter um diese Zeit
*
kam das Schulleben so richtig in Fahrt, so wie immer in diesem ersten Schuljahresabschnitt;
sind die neuen Klassen fürs Erste kennengelernt (inklusive aller Beglückungen und Schwierigkeiten, die solch ein Bezehungsaufbau mit sich bringt);
haben uns vor allem die neuen Kleinen anhaltend auf Trab gehalten, da liegt noch viel Arbeit vor uns, auch mit den Eltern, welche sich mehr als wir sorgend und fast schon panikmachend zeigen;
sind wir mit dem ganzen Kollegium zu einem fruchtbaren Pädagogischen Wochenende gefahren, was mir mal wieder gezeigt hat, wie dankbar ich mich an dieser Schule fühlen darf;
haben wir in der Steuergruppe getagt – u.a. wegen dieses Wochenendes -, in Konferenzen gesessen und sehr viele kleine Teamtreffen sitzend, stehend oder mailend absolviert
*
habe ich ausnahmsweise mal auf der Mutterseite Elternabende besucht;
gab es nur wenige besondere Ereignisse im Leben der Kinder, aber dafür sehr viele Gespräche – über Schul- und Lebensdinge, über Freunde und Freundinnen, über Dinge, von denen Eltern „einfach keine Ahnung“ haben – hach, es ist so toll, große Kinder zu haben;
ja, das wurde mir mal wieder bewusst, wie groß sie geworden sind, rein körperlich schon: beim allfälligen Klamotten- und Schuhkauf nämlich, beim Sohn wird das immer komplizierter (zu groß für Kinder-, zu schmal für Männergrößen …)
*
bin ich mit der Tochter am warmen langen Feiertagswochenende auf kleiner Radtour nach Strasbourg gewesen, sogar im Zelt, mit allen Freuden, die das Reisen in drei kurzen Tagen mit sich bringen kann;
habe ich versucht, in einen mit mir selbst verträglichen Alltagsrhythmus zu finden, was sich mehr und mehr als schwierig herausstellt – es sind wohl einfach zu viele Aufgaben, zu viel regelmäßig Anstehendes, als dass es gut machbar bleibt: hier steht Veränderung an, im Äußeren und im Innern;
habe ich daher mehr als sonst auf die Herbstferien hingehibbelt, einfach nur um dringende Dinge von allen möglichen Stapeln abzuarbeiten, ohne permanent die Uhr im Nacken zu spüren;
sind wir einen lang schon vor uns her geschobenen Möbelkauf angegangen: die Kinder durften von ihren Minikinderschreibtischstühlen auf richtig große aufsteigen, und ich habe mir ein Bett ausgesucht und bestellt, nachdem das derzeitige nicht nur klappert und wackelt, sondern mich mehr und mehr durch widerborstig aus der Matratze herauspiekende Federn zu wecken versucht (nicht witzig, das:));
bin ich schließlich – im Moment, wo ich dies schreibe – in der Mitte der Ferien und wohl dem Punkt größter Ruhe angekommen

Herbstradeln

Langes Wochenende – kurze Zeltradtour. Mama- und Tochterrad warten, dass wir aus der Schule kommen …

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… um uns auf die Hügel hinauf zu führen. Anders als durch Bergaufarbeit, notfalls mit Pausen und Schieben, kommen wir von unserer Wohngegend kaum weg.

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So nah vom Zuhause sind wir noch, und doch bemerken wir, dass wir diese Ecken überhaupt nicht kennen, dass wir uns in den letzten Jahren so wenig in unserer nächsten Umgebung umgeschaut haben …

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… dass gerade das Nahe wie oft so fremd ist.

Und dass es Herbst wird, das bemerken wir auch. Drum sind die Radtaschen voller warmer, regendichter Sachen.

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Der erste Zeltplatz, wir erreichen ihn kurz vor’m Dunkelwerden, ist von sturen Reglementierungen unsinnigster Art geflutet, wir dürfen nur in einem sehr unkuscheligen Eck stehen, aber lachen das weg. Zumal wir den Abend in der Kneipe am See und den Morgen – wegen Regen – ausschließlich im Zeltinnern verbringen.

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Ja, das Zelt ist groß genug, um darin zu frühstücken, die Tochter deckt einen liebevollen „Handtuchtisch“, und wir frühstücken sozusagen gegen den Regen an.

Die Kastanien am Wegesrand hatten kein Zelt zum Trockenbleiben:)

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Und übrigens: Ganz gleich wie alt Du bist, Kastanien bleiben Kastanien, und die Vorder- und Seitentaschen sind viel zu schnell voll, so viele müssen wir liegenlassen:(

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Es ist Herbst, es ist bunt, meine Lieblingsjahreszeit beginnt …

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… ich könnte ewig in diesen Parks und Wäldern bleiben, würde ihnen gern zusehen, wie sie sich immer mehr einfärben …

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… wie die Bäume ihre Blätter abwerfen, wie ihre karge Gestalt dabei umso markanter hervortritt …

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Wir haben ein paar halbsonnige Fahrstunden, bis der Regen gewinnt und uns – nun ja – ausbremst …

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… in dem Sinne jedenfalls, dass wir heute nun doch nicht mehr bis an den Rhein fahren, sondern bei nächster Gelegenheit unser Zelt aufbauen.

In der Nacht wird plötzlich der Sternenhimmel sichtbar – hach: so kann ich nicht lesen:) – und am Morgen weckt uns blauer Kleinweißwölkchenhimmel.

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Die Rheindeiche lassen sich vom Wind durchpusten …

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… und wir mit ihnen, wobei wieder einmal das faszinierende Phänomen auftritt, dass der Wind einem immer entgegenkommt, wie man auch längs des Flusses mäandert.

Wenigstens werden wir beim Picknick am breiten, behäbigen Wasser nicht wie unsere Brottüte weggeweht …

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… und ja, die Anblicke lenken vom steten Gegenwindfahren ab, lassen vergessen, dass die Beine allmählich wehtun.

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Ab und zu verlassen wir den Damm am Fluss, in der Hoffnung, auf der unteren oder auf der weiter im Innern gelegenen Straße könnten wir ein paar leichtere Kilometer fahren – nein. Es windet überall …

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… und oben am Fluss ist es doch am schönsten.

Die Tochter zieht es nach Strasbourg, sie hält tapfere 70 Gegenwindkilometer durch …

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… und vermag dabei noch zu singen sowie ihre Augen für das Ringsum offenzuhalten. Vielleicht hätte ich diesen Flussstein ohne sie gar nicht entdeckt? Es ist ein Myriameterstein (eine Einheit, die ich noch nie gehört hatte), das erklärt die seltsamen Entfernungswerte.

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Wir schaffen es bis nach Kehl, bauen kurz vor dem Abendregen unser Zelt auf, und bedauern, dass wir morgen schon wieder nach Hause müssen.

Zunächst aber noch ein warmes Sonnenfrühstück am Fluss, gegenüber liegt Frankreich, dessen Ufer, wie die Tochter erstaunt befindet, auch nicht anders aussehen als die hiesigen.

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Also schauen wir uns das mal aus der Nähe an, über die Fußgängerbrücke …

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… da in der Flussmitte muss die Grenze sein …

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… sind wir gleich in Strasbourg, ein im Grunde gut durchdachtes Radwegenetz ist nur leider von Großbaustellen durchlöchert, so dass ich bereits, als wir das Zentrum noch gar nicht erreicht haben, diejenigen Radler beneide, welche die Stadt schon wieder verlassen:)

Nuja, irgendwann sind wir in der Stadtmitte, zusammen mit Scharen anderer vorwiegend deutscher Touristen. Feiertagsauslands-Hopping und -Shopping.

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Es ist mir zu voll; der 3. Oktober war sicher nicht der günstigste Termin für einen Besuch in dieser grenznahen Stadt …

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… aber wir können ja wiederkommen, weit ist es nicht von uns. Mit dem Auto legen wir unsere Dreitagesfahrt in 2 Stunden zurück, ernüchternd irgendwie, dieses allzu schnelle Zurückkatapultiertwerden in den Alltag. Morgen ist Schule, lange Wochenenden sind irgendwie immer zu kurz.

im September

ein Monat zwischen einer großen und einer kleinen Radreise: die ersten 11 Tage gehören zum langen Sommer-#3wegsam, der Nachmittag des letzten Septembertages zu einer Kurzradtour mit der Tochter nach Strasbourg;
ein guter Monat also, der sich zwischen solchen Pfeilern aufspannen darf, und der zudem fast sommrig daherkommt, mit Hitze, dass es hinter den Glasfenstern der Schule schon zu viel ist, und mit Sonne, die wärmt und erhellt und freut und all das
*
dazwischen ein Schuljahresstart, der mich in einiger Hinsicht selbst überrascht;
wie ich etwa mein langsames Reisetempo in den abrupten Hamsterradstart übernehme und erstmals seit … Berufsbeginn? … mich nicht gehetzt fühle, keine Kopfschmerzen in der ersten Schulwoche habe;
dass ich es an vielen Tagen schaffe, meine Vorbereitungen am Nachmittag fertigzustellen, oder wenigstens abends nicht länger als bis zehn am Schreibtisch zu sitzen, einfach dadurch, dass ich Arbeit für den nächsten Tag liegen lasse;
weil ich mehr als früher ein Schritt-für-Schritt schaffe, weniger parallel bearbeite, insgesamt ruhiger vor mich hin werkele
*
dabei ist es viel in diesem Schulstartmonat, wie immer:
das Kennenlernen von 120 neuen Gesichtern (und die Erkenntnis, dass mir Namenlernen jedes Jahr schwerer fällt);
ein rasanter Start mit unserer neuen 5. Klasse, die sich als unerwartet verhaltensoriginell erweist, wie man es freundlich formulieren könnte, die uns – auch nach mehreren Wochen noch – vor große Rätsel und etliche Probleme stellt;
ein holpriger Start mit dem neuen Mathekurs, der zum Monatsende aber schon die Aussicht auf glattere Wege öffnet;
erste Elterngespräche und Klassenkonferenzen;
Fachkonferenzen und Gesamtkonferenz, eine Tagung, etliche kollegiale Kooperationstreffen – für einen Monat mehr als genug
*
gleichzeitig starten die Kinder ihr neues Schuljahr, als Sechstklässlerin und als Neuntklässler: ihre Freuden- und Unmutsäußerungen über die Lehrerzuteilung, über die ersten Schultage, über neue Rituale, über Empörendes auch, sind häufiger als sonst Thema am Abendessenstisch;
Musikunterricht und Sport beginnen wieder, alles wie gehabt;
für den nunmehr 15jährigen konkretisieren sich unsere Überlegungen, ob er das nächste Schuljahr im Ausland verbringt, allerdings ist bisher noch offen, ob das, was er wünscht, überhaupt funktionieren kann;
die gerade noch so kleine Tochter beginnt mit Farbe auf Nägeln und im Gesicht zu experimentieren – huch, sie werden so schnell groß:)
*
zum Monatsende spüre ich erste Erschöpfung, die natürlich schwer willkommen zu heißen ist, aber wohl eine wichtige Botschaft mit sich bringt: merke ich doch, dass ich in dem eingeschlagenen langsameren Tempo, das mir angemessen ist und gut tut, einfach nicht alle Dinge bewältigen kann, die mein Alltag so vor mir ausbreitet;
schwierig mir dies einzugestehen, da ich es ja jahrelang dennoch bewerkstelligte – und doch sollte ich wohl ernstnehmen, was mir im erschöpften Grauschleier der letzten Monatstage entgegenkommt:
so wie in den letzten Jahren kann und will und werde ich nicht weiteragieren;
nur: das Gefüge meiner Alltagsdinge ist durch so viele Hebel, Stangen, Zahnräder und Riemen miteinander verknüpft, dass es eine sehr langfristige Aufgabe wird herauszufinden, an welchen Stellen zu schrauben sein wird, damit nicht alles auseinanderfällt und sich dennoch ändert, was mir im Moment die Luft nimmt

Krautheim – Zuhause (#3wegsam36)

Am Abend und am nächsten Morgen vom gerade noch gewesenen Unterwegssein erzählen, das ist schon Übergangsschreibe, das fühlt sich schon anders an. Statt im Zelt sitze ich beim Tippen auf einem Stuhl, statt der baldigen Weiterfahrt habe ich beim Erinnern den Schulstart vor Augen, statt eines auf Fortsetzung hinzielenden Textendes sollte es nun … ach Quatsch, gar nichts sollte es. Das ist ja mal die erste Reiselehre: Die Solls dieser Welt sollen nicht mehr so viel Macht über mich haben. Hihi, „sollen“, schreibe ich. Besser vielleicht: „sollten“ oder „mögen“. Einer der Wünsche, die ich von der Reise mitbringe. Derlei Dinge gibt es etliche. Doch zunächst erzähle ich den letzten Radtag, den letzten Tag des physischen Unterwegsseins.

Es fühlt sich richtig an, heute anzukommen. Ich bin satt vom Reisen, ohne übersättigt zu sein. Ich bringe genug Dinge mit für ein Jahr. Ich fühle mich rundum ruhig genug, um ab übermorgen wieder Schul- und Workingmum-Alltag zu leben.
Bei aufgehender Sonne sitze ich im Zelt und betrachte liebevoll das bunt durcheinandergewürfelte Chaos der Dinge um mich herum. Dies war nun wochenlang meine Heimat, ich mag diesen Anblick im speziellen Zeltlicht und fotografiere ihn zum Abschied. Beim Packen – schon nicht mehr ganz so geordnet, außer dem Essen muss ich kaum noch etwas finden – habe ich keine Eile, denn ich kann abends getrost in die Dunkelheit hineinfahren, und ich kenne den Weg. Ein letztes Mal das Zelt abbauen. Nein, nicht ganz, am Abend oder in den nächsten Tagen wird es noch im Garten eine Heimstatt finden. Und ich werde noch in ihm schlafen, bevor der Winter kommt …

Los geht es, auf die bekannten Wege. Dass ich doch nicht jede Ecke und jede Kurve wiedererkenne, beruhigt mich selbst ein wenig, es war mir schon unheimlich, wie sich das alles eingebrannt hat. Was mich aber heute ständig überflutet, ist das gute Gefühl vom ersten Tag, wie wir mit dem Sohn so schnell in ein so vertrautes Reise“verhältnis“ kamen, wie beschenkt ich mich von den ersten Stunden an fühlte, dass das – Pubertät hin oder her – so möglich ist.
Am Biergarten des ersten Abends, in Kloster Schöntal, halte ich an, möchte einen Kaffee trinken. Es ist noch vor 11, noch nicht geöffnet, man verkauft mir mürrisch trotzdem einen. Na gut, auch unfreundlicher Kaffee kann schmecken.
Auch einer Eispause in Möckmühl, wie damals rettend bei über 30 Grad, kann ich nicht widerstehen. Erst die Essenspause in Bad Wimpfen lasse ich aus bzw. verlege sie, man muss ja nicht alles wiederholen:)

Vor Bad Wimpfen aber liegen viele Kilometer sommerheißer Fahrt. Unglaublich, dieser September. Von äußeren Dingen der Strecke kann ich nicht viel erzählen, der Tag passiert vorwiegend in meinem Kopf.
Antizipiertes Ankommen. Gedanken über das Mitbringenswerte. Warum mir zum Beispiel die kommende Woche und vor allem der volle Mittwoch in den Sinn schießen, inklusive einem winzigen Vorab-Sorgegefühl, wo ich doch hier auf Reisen niemals – NIE! – mir auch nur den Hauch eines Gedankens gemacht habe, ob und wie und wann ich in vier Tagen einkaufen, essen und schlafen werde.
Die innere Das-kann-man-nicht-vergleichen-Stimme bekommt von mir ein Doch. Ein sehr zuversichtliches Doch. Da geht was, da lässt sich doch mental etwas einrichten. Heute ist noch nicht kommende Woche, heute ist noch nicht der volle Mittwoch, das ist das Wichtigste. Tritt für Tritt für Tritt lautete die Ereigniskette der Reise. Die Dinge des Alltags lassen sich vielleicht auch auf eine Kette fädeln, so dass sie Schritt für Schritt für Schritt geschehen dürfen?
Nächste Übung: Die Schulbrote für Montag fallen mir ein, und in dem Zusammenhang der vermutlich leere Kühlschrank zu Hause. Vor drei Wochen, als hier alle abfuhren, hat ja sicher niemand vorsorgend schon daran gedacht. Die Übung ist leicht, als ich gegen vier Uhr dran denke, weiß ich sofort, dass ich bis sieben Uhr Zeit habe, um unterwegs einzukaufen. Und dass wenn nicht, es auch Sonntagslösungen geben wird.
Gedankensplitter zu Schulfragen. Was da alles in der Mailbox stehen müsste. Mein Bauch weiß sofort, dass ich das jetzt noch nicht möchte, dass ich all das auch nicht mit dem Ankommen vermischen möchte, also überredet er den Kopf, die Schulmailfächer, also den Computer überhaupt, erst am Sonntag Abend zu öffnen. Der Tag davor wird dem Ankommen gewidmet sein. Bloß gut, merke ich da, dass ich doch nicht erst am Sonntag heimkehre. Mir würde dieser sanfte Übergang fehlen.

Am späteren Nachmittag kommt Bad Wimpfen in Sicht, es liegt ja hoch genug, um über Kilometer sichtbar zu sein. Vorher fließt der Neckar, tief unten natürlich. Schiebearbeit von dort hinauf bei immer noch über 30 Grad. Und noch etwas höher, irgendwo hinter Bad Rappenau stehe ich am höchsten Punkt der Tagesstrecke und weiß, dass ich nun nur noch hinabrollen muss. Von ein paar kleineren Anstiegen, die ein Hügelland eben ausmachen, mal abgesehen.
20 oder 30 Kilometer bis nach Hause, ich rolle schnell, kaufe ein, telefoniere, und sehe dann, dass ich tatsächlich in die Dunkelheit hineinfahren werde.
Nicht gerade angenehm, das Dunkel ängstigt mich. Zum Glück kenne ich die Wege von hier aus. Weil die Radwege aber so verwinkelt und noch dunkler sind (und voll kleiner ständig in die Augen fliegender Insekten), weiche ich öfter auf die Straßen aus als ich es im Hellen tun würde. Die dunklen Wege ziehen sich. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das doch so unheimlich wird …

Ganz genau um neun Uhr stehe ich vor dem Haus, sogar den letzten Berg ohne abzusteigen geschafft:)
Das Haus steht noch und empfängt mich diesmal nicht mit Wasserrohrbruch. Die Taschen und ich trennen uns vom Radl, als ich es in die Garage schiebe, streichle ich es liebevoll und bedanke mich. Du warst großartig!
Die Taschen dürfen noch ein wenig bleiben, als Behältnis meine ich. Auspacken ist erst später dran, vielleicht morgen oder übermorgen, Abschied in Häppchen. Doch, nun bin ich traurig. Gut-traurig, mit einem erfüllten Gefühl.
Ich öffne ein paar Rollläden, finde im Kühlschrank Proseco (großartig!), verwerfe den Plan, im Garten zu zelten, zugunsten einer nicht ganz neuen, aber lange nicht erfahrenen Schlafensweise: Unter freiem Himmel. Ich baue mir ein Bett auf der Terrasse, trinke im Abenddunkel meinen Prosecco und lege mich dann unter die Sterne.
Gut.

Ach ja, und die Zahlen habe ich schön:
Genau 6 Wochen und 36 Stunden war ich unterwegs. Darunter waren 36 Radeltage.
Der letzte Fahrtag fügt sich in den Reigen der schönen Zahlen ein: 99,11. Nur die Gesamtzahl, die hat zwar eine 63 = umgedrehte 36 nach dem Komma, aber vorne, die 2510 ist nichtmal durch 6 teilbar. 10 mehr, und es wäre durch 36 teilbar gewesen. Ich hätte nochmal ums Dorf fahren sollen …
(Sorry. Mit Zahlen spiele ich einfach gern.)

Geslau – Krautheim (#3wegsam35)

Was soll ich sagen, mir ist, als ob sich alles am heutigen Tag zu einem fulminanten Finale verabredet hätte …

Ich erwache mit dem Blick in die aufgehende Sonne, durch Schilf hindurch, und werde bald von der Wärme aus dem Zelt getrieben. Und das im September. So manch Juli hatte nicht diese Kraft. Erstmals seit Tagen packe ich ein trockenes Zelt ein, Sonne und Wind vermögen das schon am frühen Morgen.
Kurz vor der Abfahrt spreche ich mit einem Radlerpaar, von Trier sind sie nach Venedig unterwegs, und bekomme Tipps für den Weg nach Rothenburg. Über die stillen Dörfer seien sie gefahren, da sage ich nicht nein.

Dort dann, dort auf der ansteigenden Straße ist es wirklich still, und flimmernd schon fast in der Morgenwärme. Es geht hinauf zur Wasserscheide. Und wieder ist kein Hinweisschild angebracht, ein solches, wie ich es von Autobahnen kenne, das hätte ich gern auch auf Radwegen. Woher soll ich sonst wissen, ob ich schon drüber bin? Woher vor allem aber soll ein heranfliegender Wassertropfen wissen, ob er auf diese oder jene Seite fallen soll, ob er also ins Schwarze Meer oder in die Nordsee wandern wird? Im Ernst: ein winziger, zufälliger Windhauch, und dem Tröpfchen wird plötzlich ein gänzlich anderes Leben zuteil als ohne den Hauch. Ist das in unserem Leben nicht auch zuweilen so?
Auf der Wasserscheide also. Ich schwitze beim Hochfahren. Noch mehr aber schwitzen die, welche von der Rothenburger Seite kommen, von dort ist es tatsächlich ein langer steiler Anstieg. Drei Frauen treffe ich oben schweißgebadet, ich überbringe die frohe Botschaft, dass sie es nun gleich geschafft haben. Außerdem erwähne ich die hinweisschildlose Wasserscheide, und siehe da, sie wissen gar nicht, was das ist, ich erkläre, und sie bedanken sich:)

Hinabsausen nach Rothenburg. Immer noch bin ich in der Gegend der rasenden, heulenden, quietschenden Fahrweise, es nervt, echt. Ich werde ein paarmal heftig geschnitten, und wenn man hinter mir zum Überholen wartet, dann erfolgt dieses schließlich mit aufjaulendem Motor. Warum ist das hier so?
Es mag auch an der Enge der Stadt liegen. Der Verkehrsfluss ist nicht gerade günstig geregelt, da muss man sehen, wo man bleibt, vielleicht deswegen. Ich flüchte in die Fußgängerzone, die ist ebenfalls überlaufen, voll und voller, man spricht japanisch und amerikanisch, man posiert und selfiet, och nee, eine solche Stadt ist nicht zum Verweilen gut. Eine Bäckerei, einen normalen Lebensmittelladen suche ich vergebens, die Übertouristisierung stößt mich ab, ich mag weg. Noch schnell einen Blick in die Kirche mit ihrer Atmosphäre, ihrer Kühle werfen. Davor sitzt eine Mutter mit Sohn und Jakobsmuschel. Sie passen erst auf mein Rad auf, und dann reden wir lange. Es finden sich auch in solchen Orten Juwele …

Hinaus aus Rothenburg, hinab zur Tauber, die ich kaum sehe, deren Tal ich diesmal keinen Meter entlangfahre – obwohl mich kurz Anstrengungsprokrastination verlockt: noch ein paar Kilometer tauberabwärts, und dann erst auf die Anhöhe? – ich steige dann doch gleich auf. Etliche Höhenmeter, ich weiß nicht wie viele. Es ist die Höhe, die wir am zweiten Reisetag überwinden mussten, um von der Jagst zur Tauber zu kommen. Von der anderen Seite her ist es nicht weniger hoch. Und steil. Ich schiebe, ich keuche, es ist heiß. Und doch, ich bin irgendwann oben.
Was für ein Land! Was für eine Entdeckung! Ich wusste das nicht, dieses Hohenloher Hochland (oder wie es „richtig“ heißt), das ist eine Traumlandschaft. Verschlafen und verträumt, sanft wellig, immer die Weite in Sicht, Felder und einzelne Bäume, Baumreihen, es wirkt südlich, einige Dörfer sind eingesprengselt. Und kein Mensch dort oben. Doch, eine Handvoll Radelnde. Aber eben: wenige. Hier verlaufen einige überregionale Wege entlang. Der Paneuropäischer Radweg, der Burgenradweg, ein Hohenloher Radweg. Merken zum später ausgiebig befahren, denke ich so.
Und treibe dahin. Es geht auf und ab, ich komme durch Dörfer, dort würde ich gern länger verweilen. Der Geschichte der geschnitzten Fensterrahmen lauschen, die Historie, das Geschehene aus dem Seienden herauslesen, den Altersspuren der Gemäuer beim Weiteraltern zuschauen. Ich bin fasziniert über diese Landschaftsneuentdeckung. Und gar nicht so weit von mir zuhause. Ich ahnte ja nicht.

Ich verbringe Fahrstunden in wirklicher Begeisterung, könnte ewig hier oben bleiben. Aber die Weiterfahrwelt ist von Flüssen durchfurcht, auf einer Hochebene komme ich nicht heim, also Abfahrt. Um ehrlich zu sein: von der Gegenrichtung her möchte ich diese Steigung nicht bewältigen müssen.
Unten. Die Jagst. Unser Flusstal des ersten Tages. Das ist schon fast wie zu Hause. Ich könnte von hier am Wasser entlang heim kommen. Wobei, dies kann man natürlich immer, sobald man nur an einem fließenden Gewässer wohnt und sich an einem anderen befindet. Notfalls über Gibraltar:) Aber hier könnte ich es tatsächlich, immer an Flüssen entlang. Ich bräuchte nur einen Tag mehr. So aber werde ich morgen wieder abkürzen und über eine Anhöhe fahren.
Im Jagsttal, im Tal des Reisebeginns. Ein paar Kilometer brauche ich noch, dann stehe ich an der Ecke, wo wir vor sechs Wochen – ja, genau, morgen vor sechs! Wochen – abgebogen sind nach Norden, um in Richtung Berlin zu fahren.
Kurz vor fünf schließt sich in Dörzbach der Kreis, ich bin einen vollständigen Ring gefahren und muss nun nur noch die Aufhängung dieses Rings ans Zuhause zurückfahren.
Nun geht das mit den Erinnerungen los. An jeder Ecke: Hier haben wir angehalten. Hier haben wir den Mann gefragt. Hier haben wir fotografiert. Es hat sich alles ins Gedächtnis eingebrannt. (Ob das mit allen Reisetagen so ist?)

Krautheim. Zelten unten am Fluss, oder oben in 80 Höhenmetern auf einem Bauernhof. Klar, was näherliegt. Allein, ich finde den Zeltplatz nicht. Kein Zelt zu sehen, und an der angegebenen Adresse ist Ort, Bushaltestelle, Stall und Häuser. Zurück zur Wiese, dort frage ich einen Liegeradfahrer. Ob er auch den Platz suche. Nein, er sei hier aus der Nähe, wisse aber, dass hier gelegentlich Zelte stünden. Aber wenn das nicht möglich sei, er habe sein Auto in [nichtweitvonhier] stehen und könne mich mitnehmen, irgendwohin bringen. Wie nett, ich bedanke mich, meine aber, dass ich schon noch einen Weg finde. Und tatsächlich. Der Zeltwirt lässt sich im Dorf auftreiben. Alles, alles hier könne ich benutzen. Die gesamte Wiese, unten am Fluss auch, bis dahinten, fast bis zum nächsten Dorf, ich solle mir aussuchen.
Gar nicht so einfach. Ich entscheide letztlich nach dem Ort mit dem lautesten Flussrauschen, mit Wasserzugang. Auch wenn ich es am Abend nicht mehr schaffe zu baden, es wird bald dunkel, ich koche noch gerade bei Tageslicht, bin ich hier wunderbar gelandet. Ganz allein in einer riesigen abendroten, später dunklen Welt.
Ich gebe aber zu, als es dunkler wird, werden mir die Geräusche unheimlich. Ich bin ja wirklich weit weg von allen anderen Menschen, bin ganz allein. Aber. Ein Drangewöhnen wird ja wohl machbar sein. Wenn ich nur auf den Mond schaue, und das tue ich den Abend lang, dann fühle ich mich schon weniger allein und weniger ängstlich. Also.

 

Breitenfurt – Geslau (#3wegsam34)

Wie die einzelnen Tage so unterschiedlich sein können, fällt mir als erstes ein, als ich von diesem erzählen möchte. So anders, so grundverschieden zum vorherigen und zu allen der letzten Woche. Wie im Leben, denke ich gleich dazu, wie sich die einzelnen Tage des Alltags ja auch unterscheiden.
Das so andere, was diesen Tag von allen vorhergehenden unterscheidet, ist ein Gefühl des Befreitseins. Ich weiß zunächst gar nicht so recht wovon, spüre nur vom frühen Morgen an ein inneres Fliegen, das abgeschüttelt hat, was in den letzten Tagen für Bodenhaftung gesorgt hat. Nun, das klingt vielleicht zu gewaltig, gemeint ist Fliegen versus Bodenhaftung nur in einer sehr sanften, fast unmerklichen Form.
Die Gedanken an die bisherigen Abschnitte, an die noch vor mir liegende Strecke sind weg. Auch der leichte Selbstvorwurf, dass ich hier durch dieses Altmühltal rase, fast ohne nach rechts und links zu schauen. Das Planenmüssen oder -wollen, ob ich denn bis Samstag zu Hause sein kann, hat sich aufgelöst. Und der Groll über die entgegenkommenden Radler, ich kann sie heute gut ignorieren. Auch die Ohrwürmer, die sich in mir singen, was ja eigentlich gut ist, die aber mit dem Treten automatisch immer zum Marsch geraten, auch die werden stiller, weniger leierkastenhaft. Ganz schön viel los gewesen in meinem Kopf in den letzten Tagen. Heute nun fahre ich ein wenig, als wenn es ein erster Tourtag einer ersten Radtour meines Lebens wäre, einer ziellosen noch dazu, so vielleicht kann ich es am besten zusammenfassen.

Urlaub hin oder her, ich wache um fünf Uhr auf, wie so oft in den letzten Tagen, ich bin rundum ausgeschlafen. So soll es zu Ferienende sein. Ich wache also früh auf, lese und schreibe eine Stunde vor mich hin, fühle mich dann aber aufstehenwollend. Der Zeltplatz ist so leise, dass ich mich mit dem Packen und Anziehen fast als Lärmstifterin fühle. Mir fällt in dieser absoluten Stille auf, wieviel von meinem Zeugs ich in knisternden Plastiktüten verpackt habe. Interessant. Ich gebe mir beste Mühe, trotzdem geräuscharm zu bleiben. Und mache mich für meine Verhältnisse außerordentlich früh auf den Weg, es ist kaum acht.

Hach, wie wundervoll, an diesem nebligen Morgen so früh auf dem Weg zu sein. Er ist morgendunstverhangen, still, leer, ich bin allein, die felsige Talwelt bettet mich in ihren Zauber. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dies eine meiner eindrücklichsten Reisestunden war. Vielleicht schafft diese auch die Ruhe in meinem Kopf. Und vielleicht sollte ich öfter so früh aufbrechen.

Pappenheim, die Stadt zur Redewendung, ich hatte ja keine Ahnung, dass es diese gibt und was es damit auf sich hat. Nun weiß ich ein wenig mehr. Es gelingt mir allerdings nicht, mich auf den Markt zu setzen und meine Pappenheimer zu beobachten, es sind einfach noch keine Leute auf der Straße:)
Kurz danach hört das starke Mäandern des Wegs, bei dem ich nie wusste, ob ich nicht aus Versehen die Richtung umgekehrt habe, auf. Das schmale Tal ist zu Ende, die Altmühl fließt nun unscheinbar in einer weiten Ebene. Welch plötzlicher Wechsel des Bildes um mich.
Mich erfreut der, ich mag Ebenen und ihre Weite. Es sieht zwar nicht aus wie rund um Berlin, aber es ist eine verwandte Landschaftsform, deswegen vielleicht. Es fliegt sich so dahin. Von hier ab, übrigens, scheint der Radweg weniger frequentiert. Vielleicht weil er nicht mehr so spektakulär ist, nicht mehr so einzigartig? Dabei finde ich es großartig, mich auf kleinen Sträßlein durch die Dörfer treiben zu lassen.

Kurz vor dem Altmühlsee kaufe ich ein und setze mich zum Mittagspicknick an den See. Es ist heiß, unglaublich, dieser September. Der See ist trotzdem nicht überfüllt, jedenfalls nicht in meiner Pausenbucht. Mag sein, ich habe inzwischen ein gutes Gespür für einsame Plätze.
Das Tal bleibt flach und weit, kaum kann man es noch als Tal bezeichnen. Eine ganze Weile fahre ich noch. Die Gedanken schweifen immer mal wieder in den vor mir liegenden Schulbeginn, zu den Kindern und ihren Plänen, in meine bevorstehende Ankunft, und zurück in viele Szenen dieser Reise. Locker springen sie hin und her, um dann wieder abrupt abzubrechen, weil eine Naturszene fesselt, ein Blick gefangennimmt. Ich liebe es, Rad zu fahren, sagte ich das schon;-)?
(Einer der Gedanken geht auch in den Kalender. Dass der 3. Oktober auf einen Montag fällt. Dass ich freitags um 11 Uhr Schulschluss habe. Wohin ich von zu Hause aus in dreieinhalb Tagen fahren könnte. Und überhaupt: Ob in unseren späten Herbstferien dieses Jahr wieder so radelgeeignetes Wetter sein wird wie letztes Jahr? Da bin ich noch gar nicht angekommen, und dann macht mein Kopf sowas. Verrückt …)

Abends lande ich in einer zeltplatzarmen Gegend, ich habe keine Wahl, es gibt nur den einen, hier in Geslau. Seit dem Altmühlsee habe ich jedenfalls nichts anderes gefunden. Wieder werden es über hundert Kilometer und nach sechs Uhr, als ich ankomme. Heute hätte ich gern früher aufgehört, naja, ging eben nicht. Ich bin müde, es ist den ganzen Tag heiß gewesen.
In Leutershausen, kurz vor dem Ziel, möchte ich mir ein Eis gönnen, finde aber keines, ich mag auch nicht mehr suchen. Dafür gibt es jede Menge quietschender Reifen, trainiert man hier für eine Rallye oder was, ich erschrecke mehrmals heftig. Selbst Radler überholen im Abstand von 37 Zentimetern, offenbar macht man das hier so.
Unmerklich ist aus der Ebene eine hügelige Welt geworden, die Wasserscheide naht. Hier in Geslau muss sie ganz nah sein, denn es sind noch zwei Handvoll Kilometer nach Rothenburg am Tauber, dort ist Nordseewasser. Ob ich schon drüber bin?

Der vorletzte Zeltabend also. Ein großer Zeltplatz, nicht so still wie die vergangenen, aber ich setze meine grüne Hütte direkt ans Seeufer, mit Öffnung zum Wasser, dann sehe ich die vielen Wohnwagen nicht. Und auch laut ist es nicht, ich bin weit genug von allen anderen entfernt, es ist ja doch schon Nachsaison und leer.
Der Blick auf die Karte zeigt, dass ich die nächste Nacht auf unserer Strecke des ersten oder zweiten Tages verbringen werde. Es fühlt sich gut an, stimmig. So wird mein letzter Reisetag nahezu dem ersten entsprechen, in umgekehrter Richtung. Ich bin vorfreudig gespannt auf dieses Dejavu.
Und das Ankommen im Haus stelle ich mir schön vor. Möchte ich doch für die erste Nacht mein Zelt im Garten aufstellen. Als sanften Übergang …