Musik

Cello #5 – Verausgabung

Alles ist komplex und miteinander verzahnt. Jede einzelne Bewegung im Cellospiel besteht aus einer Kette ineinandergreifender Abläufe. Nehme ich nur mal den linken Arm: Seine vielen Gelenke – ich zähle 17 – bilden in ihrem Tun ein System symbiotischer Vernetzung, in dem jedwede Aktivität eines einzelnen von ihnen das Mittun aller anderen bedingt und bewirkt. Während am unteren Ende die Finger scheinbar wie von allein an die richtigen Stellen auf dem Griffbrett gelangen, sich in ihren je drei Gelenken beugen und strecken und somit das Ihre zu den entstehenden Tönen beitragen, bewegt sich unweigerlich immer auch das Handgelenk, es dreht sich und kippt und stellt sich in geeigneter Neigung auf. Natürlich ist dabei der Unterarm beteiligt. Und folglich der Ellbogen. Daran hängend der Oberarm. Letztlich die Schulter. Zuweilen sogar das Schulterblatt, der halbe Rücken gar. Was für ein Prozedere: Alle Gelenkstellen eines riesigen Armes fügen das Ihre zusammen, um in den winzigen Fingerkuppen zu münden. Ja, letztlich beginnt jeder gegriffene Ton an der linken Schulter.

Nun, es ist leicht, mit der großen Schulter eine Wirkung auf die winzigen Finger auszuüben. Kraft hat sie genug, Einfluss – durch Muskeln und Sehnen vermittelt – auch. Sie kann den Ellbogen hochhalten oder ihn niederdrücken. Sie kann als Hebel den gesamten Unterarm in Schwung bringen. Sie kann sogar den fernen kleinen Finger stützen, wenn dieser – als schwächster von allen – Muskelkraft von anderen Orten leihen muss. Sie hat also Macht.
Doch: Sie sollte dabei nicht zu sehr agieren. Ich weiß das ja. Angespannte Schultern, hochgezogene gar – wie gut ich das aus verschiedensten Lebenssituationen kenne. Immer ist dies ungut. Die Schulter also sollte an ihrem heimischen Ort ruhen, ganz friedlich und entspannt. Und mit ihr sollte der gesamte linke Arm gelassen bleiben. Durch seine Schwere kann er am aufgesetzten Finger mehr oder weniger hängen, die Gewichtskraft als Helferin nutzend, die Eigenaktivität auf ein Minimum reduzierend.
Genau das aber – geringe Aktivität, Passivität gar – halten meine Muskeln offenbar schwer aus. Sobald ich nicht meine volle Konzentration darauf richte, ihnen Gelassenheit zu verordnen, geraten sie ins übereifrige Wirken. Sie halten Arm und Ellbogen hoch, oder sie ziehen diese nieder. In der ausgewogenen Mitte dazwischen zu bleiben, gelingt ihnen kaum je. Meine Muskeln arbeiten gern hart und unverdrossen.

Eine lange Weile ging es ja gut. Obwohl sich bei allen Bewegungen mit ihren unzähligen Freiheitsgraden sicherlich immer schon falsche, ungeschickte, sogar schmerzende Haltungen dazwischengeschoben hatten, machte mein Arm das lange großartig.
Bis ich im Sommer begann, gleichzeitig am Vibrato und an der Daumenlage zu üben. Bei beidem bekommen Schulter und Oberarm eine veränderte Rolle, eine andere Position, variierte Bewegungsabläufe.
Und plötzlich wurde es zuviel. Denn es begann zu schmerzen. Anfangs nur ein bisschen. Wenn ich zu lange Daumenlage geübt hatte, dann zog es im Oberarm. Ich übte daraufhin auch nicht mehr allzu lange weiter, immer nur noch ein bisschen. Wenn ich ganze Tonleitern und Stücke als Vibratoübung genutzt hatte, dann lahmte der Arm. Ich hörte schon wenige Minuten, spätestens eine halbe Stunde danach auf. Ein wenig Schmerz kann man ja aushalten.
Währenddessen versuchte ich, meine offenbar ungeschickten Bewegungsabläufe zu korrigieren – durch Anschauen meiner Lehrerin und anderer Cellisten, durch Nachlesen, durch grübelndes Reflektieren. Es stellt sich aber immer wieder heraus: Die Anatomie zweier Menschen stimmt offenbar nur in groben Zügen überein. Die richtigen, die stimmigen Abläufe lassen sich weder denkend durchdringen und erlernen noch von einem anderen Menschen abschauen. Der Arm meiner Lehrerin ist nicht meiner, ich kann ihn nicht kopieren, das Wesentliche ist unsichtbar, es ist so kompliziert wie im Gesangsunterricht.

Und weil ich keine Lösung für mein Problem fand, übte ich immer weiter. Ich übte durch die Anspannung und das Unbehagen hindurch. Er wird schon verschwinden, der Schmerz, dachte ich all die Monate, mein Körper wird es schon richten. Ich muss nur hartnäckig und ausdauernd und fordernd und eben auch ein bisschen hart zu mir sein. Dann wird das schon.
Seit Monaten also spricht mein Arm zu mir, doch ich höre ihm nicht zu.
Es schmerzt. So weit, so schlecht.

Seit einigen Tagen steht mir klar vor Augen: Es wird eben nicht. Kein einziges Mal verlasse ich den Cellostuhl ohne Unbehagen, inzwischen schmerzt der Arm mal mehr mal weniger auch zwischendurch, der Fingerzeig des Körpers ist offensichtlich.
So trug ich es gestern zu meiner Lehrerin. Aha, sagte sie. Und dann kam aus ihr genau dieser Satz mit dem Fingerzeig. Ich hätte sie dazu ja eigentlich nicht gebraucht. Und: „Nun muss ich Dich doch mal bremsen.“ Wenn ich es schon selbst nicht kann, ergänzte ich stumm für mich.
Und dann sprachen wir über meinen Raubbau an mir selbst. Üben in den Schmerz hinein. Immer weitermachen, wenn es eigentlich nicht mehr geht. Mir keine Pausen gönnen. Voraneilen, wenn Innehalten angezeigt ist. Mit Willen erreichen wollen, wofür der Boden noch nicht bereitet ist.
Ein Spiegel. Mein Cellospiel ist mir mal wieder ehrlichster Spiegel.

Und jetzt?
Setz ihn ab, den Arm, immer wieder. Lass ihn hängen. Er braucht die Pausen zwischendurch. (Machte ich doch noch nie …)
Lass die Schulter unten. Die Schulter hat keinen aktiven Part. Leg Dir ein Kissen darauf, damit Du das nicht vergisst. (Die Schulter war doch so schön praktisch, um Druck nach unten weiterzugeben …)
Lass jede Bewegung aus einer natürlichen Lockerheit erwachsen, lass den Ellbogen immer wieder fallen und hängen, so dass er in keinem Moment fixiert bleibt. (Aber so habe ich zu wenig Kontrolle über alles …)
Wenn es schmerzt, variiere die Haltung. Meist reicht es, Ellbogen, Handgelenk oder Fingerwinkel um einen Millimeter zu verändern. Spür jedes Mal hin, bei jedem einzelnen Ton, bei jedem einzelnen Griff. Und richte die Armhaltung in jedem einzelnen Moment immer wieder neu aus. (Aber dann muss ich ja langsam spielen, kann keine schnellen Läufe mehr üben …)
Versteife Dich nicht, auf keine Haltung, auf keinen Ablauf, auf keine fixierte Bewegung. Bleib immer in Gelassenheit, erfinde jede Bewegung neu. (Aber meine Routinen, mein Gewohntes, die sind mir so sehr Gerüst …)
Übe in den nächsten Wochen nur ein Stück. Wir nehmen den Bach, der liegt gut für die linke Hand. (Aber der Duport, und der Romberg, und der Vivaldi, und der Squire …)
Übe auch nicht mehr so viele Etüden. Nur die Lagenwechsel, nichts anderes, immer nur diese Sprünge. Der linke Arm muss bei jedem Lagenwechsel locker hinunterfallen, genau das braucht er jetzt. Lass die anderen Stellen weg. Und nein, keine neue Etüde. (Aber ich hab doch immer jede Woche eine neue Etüde gemacht …)
Nimm diese Tonleiter, keine neue, und gehe ganz langsam und bewusst in die höheren Lagen. Immer wenn der Arm nicht mehr spannungsfrei liegt, brich die Bewegung ab und suche sie neu zu erfinden. (Aber dann ist es doch keine Tonleiter …)
Übe um Gottes Willen keine Daumenlage im Moment. (Aber … wo bleibt dann die Herausforderung …)

Uiuiui. Schmerz, Langsamkeit, Erschöpfung und Grenzen anzuerkennen – was für ein Lebensthema.
Und das Cello mal wieder – was für ein Lebenslehrer. Im Verbund mit meiner großartigen Lehrerin.

Danke.

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Weitere Texte über mein Cello findet man über das Menü oben auf der Seite: Hier.

Lichtstimme

Noch ganz in meinem Tagesprogramm gefangen, im To-do-Gerüst eines Sonntags, in welchen die vorzubereitende Schulwoche ihre Arme wie immer weit hineingestreckt hat, vom Orchestertermin der Tochter kommend, mit Fast-schon-Montagsblick auf die hetzende Uhr eile ich hierher. Vom Parkplatz sind es ein paar Meter im Freien, endlich frische Luft nach dem Schreibtischtag, ich suche die kleine Kapelle, gehe langsamer, betrete den Raum.
Ich bin da. Und doch noch nicht. Schulgedanken wirbeln, Erschöpfung und Müdigkeit, Überforderungsgefühl, das streife ich nicht einfach an der Türschwelle ab. — Der Sohn braucht für eine Bewerbung hier und jetzt eine Auskunft per WhatsApp – ich sehe die Nachricht, als ich das Handy ausschalten will. Na gut, schnell und verstohlen tippe ich die drei Wörter ein. Mich schämend, dass ich das Handy in diesem Raum nutze. — Ob ich die Tochter pünktlich werde abholen können? Was wenn es länger dauert? — Ich setze mich an den Rand der letzten Reihe, um eher gehen zu können. Ich bin noch nicht hier. Da ist ein Abstand zu den Menschen vor mir, ein Abstand zu allem, eigentlich will ich schlafen.

Und dann beginnt es sich zu bewegen. Den Raum zu bewegen. Mich zu bewegen.
Wie ihr Strahlen vom ersten Moment an den Raum erfüllt. Wie ihre Stimme sich kraftvoll verschenkt. Wie ihr Gesang uns trifft, mich trifft. Wie wir uns unter dem Tanz der Töne öffnen, aus der Zugeknöpftheit starrer Wintermäntel herausbersten. Wie sich unser unhörbares Summen allmählich zu tönendem Klang wandelt. Mehr und mehr. Wie es licht wird, und warm. Wie sich alles öffnet und empfängt, immer stärker …
Ich bin da.
Es ist unglaublich. Ein kleines Mysterium.

Und doch schweife ich immer wieder ab, in meine Räume außerhalb von diesem hier.
Wem ich diese wohltuende Helligkeit alles wünschen würde. Meinen Schüler*innen, denen so oft so viel im Leben fehlt. Wie sehnsüchtig, wie empfänglich sind viele von ihnen für helle Berührungen. Ob nun genau in dieser Form, nein, nicht unbedingt. Aber eben: Berührungen einer Lichtstimme, wie auch immer sie tönt.
Meine Alltagsbereiche ziehen im Innern vorbei. So viel Unbeachtetes, Unerlöstes auch. So viel Sehnsucht in mir, Wogen zu glätten, so lange schon. Während wir singen, überkommt mich eine Ahnung, wie ein Schlüssel zu gestalten wäre. Mein Cello wird mir – mal wieder – zum Lehrmeister werden: hier in der Bank sitzend, begreife ich etwas sehr Starkes – ich werde später erzählen.
Mich erfassen Erinnerungen an Schritte, Wege, Zeiten, die lange vergangen sind, an Verschüttetes und Vergrabenes. Da pochen schmerzende Versäumnisse, manche halten an, es wäre Zeit. Meine Einsamkeiten der letzten Jahre, meine Ängste davor weiterzugehen, wie lange ich dies wohl noch schaffe?, zu Boden ziehende Traurigkeit, mein Wundsein, mit dem ich mich so gern vor mir selbst verstecke, um es auszuhalten. All das. Ich ahnte manches lange nicht mehr, und hier springt es mir plötzlich in die Bewusstheit.
Öffnung schmerzt. Öffnung nimmt schützende Schilde von Wunden. Öffnung – und das weiß ich ja – heilt letztlich.
Ich sitze, stehe, tanze dort hinten in der letzten Reihe und weine. Die Tränen fühlen sich weich an. Weich und verbunden.

Verbunden mit anderen Menschen, die ich hierher mitgebracht habe – ist dies doch ein spezieller Ort. Noch nie war ich hier, obwohl ich Jahrzehnte schon in seiner Nähe lebe. Viele nahe Menschen aber waren und sind hier, manche häufig.
A., die jeden Tag um’s Überstehen, um’s Weitergehen ringt, ja, eigentlich um’s Überleben.
L., der oft hier ist, immer wieder, dessen Weg sich im Kreis windet – wie schmerzhaft dies schon von außen anzuschauen ist – , der aus seiner Verlorenheit in der Welt nicht herauszufinden vermag.
M., die erst vor kurzem die allerobersten Schichten ihres tiefsten vorzustellenden Schmerzes abtrug. Oder bedeckte. Oder verwandelte – was weiß schon ich.
So viele nahe Menschen, die so viel zu tragen haben. Sie alle sind mit mir hier, irgendwie.
Und doch weiß ich nicht, ob die Helligkeit dieses Stimmraums zu ihnen dringen würde? Ob sich Kraft und Vertrauen ins Leben von Mensch zu Mensch weitergeben lassen? Ob diese Worte und Lieder in ein jedes Ohr, ein jedes Herz hineinfinden können?
Auch zu ihr, die die Verwundungen und Schläge der Kindheit nicht aus sich herauszulösen vermag, seit fünfzig Jahre schon nicht?
Und zu ihr, die das Vertrauen in einen tragenden Boden so grundlegend verloren hat, als ihr Kostbarstes ging, dass all ihr Ringen und Suchen immer nur in neue Verzweiflung mündet?
Oder zu ihr, die ihrem Kind ein Grab graben musste? Und zu ihr, die es bald wird tun müssen?
Ich weiß nichts.
Während sie singt, während es singt, während ich singe, während sie singt …

Ja, sie. Sie steht da einfach.
Spricht, und es wird friedlich.
Versprüht ihr Strahlen, und es wird hell.
Tanzt, und es schwingt bis in jede Fingerspitze.

Sie singt.
Es singt.
Alles.

Danke, I.
Danke.

 

im Februar

Wann immer ich zum Monatsende hin – meist wird es ja ein paar Tage später – mein buntes Blatt hernehme, auf welchem sich in verschiedenen Tagesfarben angesammelt hat, was der Monat an Fülle bereithielt, suche ich zunächst nach dem Grundgefühl, der Grundfarbe, welche den Monat ausmachte.
Immer schon taucht bei diesem Rücktasten gleich zuvorderst das Engegefühl auf, welches meine viele Arbeit in mir auslöst. Dies Monat für Monat extra noch zu erwähnen, scheue ich fast schon, es zieht sich ja offenbar als Konstante durch meinen Alltag.
In den letzten Monaten – oder sind auch dies schon Jahre? – kommt wie ein roter Faden das Schlingern in seelischen Achterbahnfahrten hinzu, immer wieder, immer noch, mal mehr, mal weniger.
Nicht anders ist es in diesem Februar. Im Januar hatte ich mich weit aus meiner Mitte werfen lassen, im Februar torkele ich noch immer mit beträchtlicher Amplitude – glücklicherweise schenkt der Monat einigen Freiraum, auch zeitlicher Art, in welchem ich wieder anfangen kann zu atmen.
*
Riesig – und im Alltag kaum zu erfüllen – ist immer wieder mein Bedürfnis nach Alleinzeiten. Rückzug von der Welt in eine selbstbestimmte Stille hinein ist mir so nötig wie dem Fisch das Wasser, um Heilung zu finden für das, was in mir wundgeschürft ist.
Darum kommt mir das erste (korrektur)freie Wochenende des Jahres gerade zur rechten Zeit, darum bin ich dankbar, dass ich mich während der Skireise zuweilen allein auf weite Schneespaziergänge begeben kann, darum atme ich während meiner kleinen Winterradtour – ich schrieb davon – endlich wieder einige Quäntchen Zuversicht, darum beginne ich schon jetzt, aus vagen (Rad)Reise-Ideen für Pfingst- und Sommerferien konkretere Routen zu gießen. Allein die Vorfreude hellt mich auf.
Es kommt wieder innere und äußere Bewegung in meine Tage, und dass der Monat sich mit bis zu zweistelligen Minusgraden verabschiedet, hält mich nicht davon ab, von nun an wieder mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.

Wie gut sich das anfühlt.

*
Etwas in mir richtet mich auf, als zöge ein Marionettenfaden an meinem Hinterkopf. Ich kann den Kopf wieder wenden, mich umschauen und nach kleinen Begegnungen tasten. Die Schnecke verlässt ihr Haus.
Andere Eltern am Rande von Schulveranstaltungen, Kolleg*innen bei einem Kneipenabend, eine Lieblingskollegin während eines Ausflugs, Nachbarn auf der Straße – ich schaffe wieder Worte auszutauschen.
Mehr und mehr allerdings werde ich allergisch gegen Small talk, mische mich nur noch ins Gespräch, wenn es nicht um Banales geht. Und siehe da: Ich habe es selbst in der Hand, spüre ich in diesem Monat oft. Ich selbst bin es, die einem Gespräch Gewicht geben kann. Oder die – falls dies partout nicht gelingt – es verlässt.
Mein Schreiben ist noch immer eingerostet, ich presse Wort um Wort heraus, es fühlt sich zäh und falsch an. Dennoch verlassen ein paar Texte, Karten, Mails, Briefe meine Feder – „eingerostet“ ist offenbar relativ:)

Mein Fotoauge schläft. So ist es eben.

*
In der Schule steht uns mehr als in den letzten Monaten unsere verfahrene Klassensituation vor Augen. Erschöpfung und Tränen bei der Cokollegin und mir, was der Schulleitung nicht verborgen bleibt, woraufhin wir stärkste Rückendeckung und konkrete Unterstützungsangebote bekommen. Wir nehmen alles an, und dennoch fühlt es sich mies an, diesen Kindern einfach nicht gerecht werden zu können. Während der Ferien lässt mich das Thema kaum los, im Schnee stapfend, formen sich in mir neue Ideen: was wir noch alles tun könnten. Stopp, sagt die Schulleitung, Eure Kräfte, Eure Gesundheit. Wo sie Recht haben, haben sie Recht.
Wie froh bin ich im Moment, noch viele andere Klassen zu unterrichten. Dort ist vieles rund und stimmig – einschließlich zahlreicher Gespräche auf dem Elternsprechtag – dort blühe ich auf.
Neue Referendare kommen an die Schule, einige Stunden wird bei mir hospitiert, ich bekomme wertvolle Rückmeldungen. Darunter eine – hach – auf die ich vielleicht 20 Jahre gewartet habe:) Jedenfalls habe ich dies damals bei meiner Mentorin im Referendariat so gesehen, bewundert und mir als Ziel für meinen Weg gesetzt – und jetzt gibt der junge Mann mir einfach ungefragt genau dieses Spiegelbild. Ich weiß noch gar nicht, ob ich ihm glauben darf:)
Mit meinem „eigenen“ Referendar beginnt eine intensive Arbeitsphase, ich erzähle hier lieber nichts, denn es ist ein wenig kompliziert.
Mit einer Handvoll Kolleg*innen initiieren wir eine schulinterne Arbeitsgruppe KUH (Kollegiale Unterrichtshospitation) und machen in einer langabendlichen Sitzung gleich Nägel mit Köpfen.
Erstmals im Leben habe ich Aufsicht bei einer VERA8-Englisch-Vergleichsarbeit, und das erwähne ich hier nur, weil ich sooo aufgeregt bin, ob ich mit den Audiodateien und dem Vorlesen der Anweisungen zurechtkomme:) Mein Cochef kann sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, wie ich da plötzlich mit dem Flattern einer Berufsanfängerin vor ihm stehe.
Der jährliche Mathe-Unitag führt die Kollegin und mich in Erinnerungsgefilde, wir kennen kaum noch Professor*innennamen und fühlen uns folglich alt, während es einfach – wie immer – wunderbar ist, den vielen Schulteams in den Riesenhörsälen beim Knobeln, Basteln, Forschen, Grübeln und Wettstreiten zuzusehen.
*
Auch die Tochter hat es in unser Schulteam hineingeschafft und muss dabei – wie früher schon der Sohn – mich als Lehrerinbegleitung verkraften. Sonst haben wir auf dem Schulflur ja nie direkt miteinander zu tun. Sie überlebt es;-)
Hach, sie wird groß. Erstmals im Leben kann ich sie allein „Klamottenshoppen“ schicken – in Anführungszeichen, weil dies ihr Begriff ist. Auch wenn es sich nur um klar definierte Mengen an Unterwäsche, Socken und Shirts handelt – sie fühlt sich stolz. Und ich bin erleichtert, wieder eine nervige Aufgabe losgeworden zu sein. Zur Unterstufenparty schminkt sie sich und kehrt später verschwitzt, mit tanzwunden Füßen und glücklich zurück.
In der Schule gibt es die Halbjahresinformation und rundherum einige Wochen Sparflamme, was ihr sehr gut tut.
Mit dem Orchester fährt sie zu den jährlichen Probentagen nach Weikersheim, mit ihrem Trio und auf einem Kammermusikabend der Schule tritt sie auf, ihre Wettbewerbsstücke aber lässt sie in maximaler Gelassenheit ruhen. Bis Mitte März sind ja noch mehrere Monate Zeit;-)
Während sie das Zusammenspiel mit ihrem Klavierpartner als immer anstrengender empfindet, seufzt sie plötzlich laut heraus, wie sehr sie ihren Bruder vermisst, und dass hoffentlich nächstes Jahr er wieder mit ihr spielt. Als er darauf spontan per WhatsApp Gleiches äußert – hach, das freut und wämt. Ja, der Bruder fehlt ihr, wer hätte das vor einem Jahr gedacht:)
Ob wir diesem auch fehlen, bezweifle ich. So genau aber weiß ich es nicht, denn wir kommunizieren über knappe organisierende WhatsApps hinaus kaum. Seine Stimmung, Sehnsüchte, Sorgen bleiben bei ihm und seinen dortigen Menschen, und ich staune selbst, wie stimmig sich das für mich anfühlt. Gäbe es Gravierendes, wären wir ja da.
Seine Wege führen ihn jedenfalls weit herum: Zur Klassenfahrt fährt er nach Neapel, bald geht es zum Jugend-musiziert-Landeswettbewerb nach Istanbul (ja, seltsam, aber so ist das an den deutschen Auslandsschulen organisiert), und parallel organisiert er sich einen inneritalienischen Kurzzeitaustausch nach Sizilien. Nebenher bewirbt er sich für einen Musikwettbewerb und ein Mailänder Musikfestival – wir werden aus der Ferne bei der Wahl der Bewerbungsfotos und -videos zu Rate gezogen -, und ich glaube, zur Schule geht er dort auch noch;-)
Gleichzeitig besuche ich hier auf Elternseite einen Informationselternabend für die Kursstufe, seine Kurswahl muss er demnächst aus der Ferne durchführen. Mit den Miteltern schauen wir uns an: War es nicht erst gestern, dass wir zuammen Kindergartensommerfeste organisierten? Abitur 2020 also, sie werden so schnell groß.
*
Was noch? Die Musik. … Immer häufiger schreibe ich von ihr in diesem Rückblick an letzter Stelle. Weil sich hier das Unsagbare und das tausendfach Nochzusagende die Hand geben, weil mich drängt, von dieser meiner zentralen Lebendigkeitsquelle zu erzählen, und mir dann doch die Worte fehlen.
Über Lieder, die ich hörte – ich werde darüber noch schreiben – , und über die, die ich selbst sang – erstaunlich: meine Stimme kann es noch:) – , über ein Zurückgeworfenwerden in meine musikalische Heimat mit ihrem Tanzen, und über mein Weitergehen in der jetzigen Cellogeborgenheit. Über inniges Zusammentreffen in meinen Unterichtsstunden, und über daraus erwachsendes Erkennen. Etwa – und das ist nur eines von vielem – dass ich meine Lagenwechsel auf dem Griffbrett nicht als ängstliches und angestrengtes Müssen, als notwendiges Übel zwischen die Töne pressen darf, sondern dass erst sie den Gesang formen, dass ich sie als ein Wollen, ein freudiges Tanzen begreifen darf. Wieder einmal braucht es ein Ja. Wie im Leben.
Ach je, das versteht ja nun doch niemand …

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ich weiß, dass Wittgenstein es nicht so meinte. Jedenfalls hatte er nicht die Musik im Sinn. Ich lasse diesen letzten Satz dennoch stehen.

im Januar

Was für ein dichtgedrängter Monat, was für eine kaum wegzuatmende Intensität auf so vielen Ebenen. Wie gut, dass ich in den Jahreswechselferien Stille und Gelassenheit tanke, wie gut, dass der Februar zunächst gelassener beginnt – die schwingendste Schaukel braucht Ruhepole, an denen sie aufgehängt ist. So wie wir in der Silvesternacht am Feuer sitzen und uns inmitten der lärmenden Böllerei an seiner Stille freuen, so gehe ich in diesem Monat durch mein Leben. Es tost, und ich suche mir Ruheinseln, auf die ich meinen Fokus richte. Einige Wochenendtage bleiben wohltuend terminfrei, einmal fahre ich zum Korrigieren in die Stadtbücherei, um meine Rotstifteinsamkeit in deren Atmosphäre zu besänftigen, und wann immer es der Stundenplan erlaubt, gehe ich zu frühen und anderen unkonventionellen Zeiten schlafen, wenn es sich danach anfühlt.
Ein Novum: durch eigens besorgten Gehörschutz kümmere ich mich um meine Ohren, die an der Schnittstelle zwischen äußerer und innerer (Un)Ruhe zunehmend um Hilfe flehen.
*
Wie immer ist der Januar Korrekturmonat. Dieses Jahr aber habe ich es übertrieben, habe den Fehler begangen, sechs Klassenarbeiten in diesen kurzen Monat zu legen. 160 Korrekturen und 160 Zeugnisnoten in einer Dreiwochenfrist ist zu viel (was ich mir für’s nächste Jahr merken sollte, die Verteilung der Arbeiten kann ich ja mitentscheiden). Ich korrigiere und korrigiere also, 23 Tage in Folge.
Dazu ist Konferenzzeit, Sitzungen, Absprachen.
Unsere schwierige Klassensituation spitzt sich durch ungute Kommunikation mit Eltern zu, auch die beste Mitklassenlehrerin der Welt hat schlaflose Nächte, wir richten uns gegenseitig auf, kaufen uns Blumen, brechen aber vor der Schulleitung in Tränen aus. Nun bekommen wir Hilfe, und Rückenstärkung sowieso, aber nun: es ist eine vertrackte, nicht zu lösende Situation.
Die neuen Referendare kommen an die Schule, einer ist „meiner“ und will in die ersten Schritte des Lehrerseins eingeführt werden.
Am anderen Dienstort gebe ich nach der letzten Amtshandlung den Schlüssel ab (und eine zwischenmenschliche Begegnung während dieses Termins zeigt mir ein weiteres Mal, wie richtig es war, dort wegzugehen).
Ach ja, und zwischendurch unterrichte ich noch.
*
Daneben ist der Monat wie immer musikgefüllt, beide Kinder bereiten sich auf „Jugend musiziert“ vor – ja, auch in Mailand gibt es das -, und beide spielen sich in die nächste Runde. Während die Tochter hier im Ländle verreisen wird, darf der Sohn dafür nach Istanbul fliegen, na, schon dafür hat es sich gelohnt.
Was mich aber – bei aller Freude an der Musik, die sie mit ihren jeweiligen Ensemblepartnern gestalten – noch mehr beglückt: Beide sprechen deutlich aus, wie sehr sie sich darauf freuen, nächstes Jahr wieder zusammen zu spielen. Das haben wir so deutlich von ihnen auch noch nicht gehört:)
Ansonsten scheint es dem Sohn an seinem neuen Lebensort blendend zu gehen, er hat in die Sprache hineingefunden und weitet seinen Aktionsradius aus, findet neue Freunde und neue Hobbys, reist im Land umher und bindet sich nur noch mit spärlichen Fäden ans Hiesige.
Unsere Gasttochter führt verglichen damit ein ruhiges, fast schon zurückgezogenes Schul- und sonstiges Leben, ist – bis auf ein Camp der Austauschorganisation – kaum unterwegs, trifft sich nur hin und wieder mit Mitschülerinnen und ist noch auf der Suche nach ihrem inneren Ort während dieses Jahres. Wir tasten weiter, ob wir ihr dabei irgendwie helfen können.
Zwischen den beiden Großen blüht die kleine Schwester auf, wirft Haare und Klamotten immer pubertierender um sich, versinkt im Chaos ihres Zimmers (einmal darf das hier so deutlich gesagt werden;-)) und tanzt dabei auf Lebensfreudewellen durch ihre Tage.
*
Vor allem in den Ferien zu Monatsbeginn haben wir mehr als im Alltag Besuch im Haus, befreundete Familien, die ehemalige Klavierlehrerin der Kinder, Nachbarn und eine italienische Studentin.
Dazu treffen wir die Gastfamilie des Sohnes, welche traditionell in einem der Nachbardörfer ihr Silvester verbringen – eine lange Geschichte voller unglaublicher Zufälle. Den Sohn haben sie für diese Deutschland-Kurzreise nicht mitgebracht, das wollte weder er noch wir. Wir bekommen aber viel über ihn erzählt und spüren, was wir aus der Ferne schon vermuteten: Wie wunderbar er es in dieser Familie getroffen hat.
Und übrigens: Während der Begegnung teste ich erfolgreich, dass ich mich auf Italienisch bereits ein wenig verständigen kann, sogar über den Kaffee-Smalltalk hinaus in wirkliche Themen hinein. Nach einigen Monaten Italienischlernen im Selbststudium ermutigt das ungemein, so dass ich umgehend einen Sprachkurs ab März buche, damit die Kommunikation im Sommer dann noch glatter geht:)
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Mein Cello begleitet durch all das. Wie konnte ich all die Jahre ohne dieses Instrument leben?
Täglich wird es reicher und beglückender. Der Zauber des Anfangs – welcher jetzt genau ein Jahr zurück liegt – ist mitnichten verflogen, im Gegenteil. In den Unterrichtsstunden fühle ich mich geborgen im gemeinsamen Musikerleben, es ist warm und intensiv, und manchmal gelingt mir dort, unter der Hand der Lehrerin, was ich zu Hause beim Üben noch als große Unzufriedenheit erlebte. Darüber sprechen wir auch: wie gehe ich mit mir um, wie sehe ich mich selbst, wie erlebe ich mich, wie schaffe ich es mich anzunehmen und meine Töne schön zu finden. Am Instrument gehe ich hierbei Schritt um Schritt weiter, und vielleicht lassen sich solche Schritte auch in meine Lebensdinge hinüberbringen?
Zeichen meines Weitergehens ist jedenfalls auch ein neuer Cellobogen. Als ich den Cellobauer wegen des Kratzen und Knarren des alten befrage, vermutet der, ich sei für den einfachen „zu weit“, wie er sagt, worauf ich einen anderen (besseren? teureren? ich frage nicht nach:)) bekomme. Der neue Bogen jedenfalls bringt sanftere, weichere Töne und Übergänge, mit ihm lassen sich plötzlich Phrasen auf eine Weise gestalten, an der ich mich bisher vergebens abmühte. — Das bräuchte man ja manchmal auch für’s Leben, so einen neuen Bogen …
*
Nun, auch wenn ich es in diesem Monat so gut wie nie nach draußen schaffe, keine Rundwege ums Dorf gehe, mich nicht mit meinem Baum treffe … hm … was natürlich auf lange Sicht so nicht sein darf … bleibe ich innerlich bei mir.
Die leise juchzende Lebensfreude, die Stille, das Innehalten des ersten Januarmorgens tragen durch den ganzen Monat, ich staune selbst.

Danke an ein reiches Jahr

Meine Ferien gehen ebenso wie die Raunächte dem Ende zu, und damit die stille Zeit, in der ich im gerade noch vergehenden Jahr umherstreife, mich in Gedanken und Bildern zurückversetze, durch Kalender und Tagebücher blättere und das Jahr kaleidoskopartig noch einmal zu mir zurückkehren lasse.
Unglaublich, welch Fülle und Überfülle sich vor mir ausbreitet. Ich staune.

Wie dankbar ich bin, dass ich mein prallvolles Leben – bei aller zeitlichen Enge – als unendlich weit wahrnehme. Danke, dass ich gesund bleiben durfte. Danke für meine Dankbarkeit.

Danke für meine inneren Schritte dieses Jahres, es waren nicht wenige, sie waren nicht klein …
… in mancher Hinsicht ist Gelassenheit und Versonnenheit, eine Sanftheit gar eingezogen …
… zu einigen meiner Bedürfnisse vermochte ich besser hinzuspüren, begann, mich ihrer anzunehmen …
… kleine mutige Schritte ging ich beim Ziehen meiner eigenen Grenzen …
… und der „gute Ort“ in mir, mein innerer Tempel, oder wie auch immer ich dieses Zentrum des ureigenen Friedens benenne, war mir zuweilen gut spürbar und präsent.

Danke für all die Momente, Orte und Dinge, die mir dabei geholfen zu haben, weiter zu mir zu finden …
… die kleine neue Feuerschale im Garten …
… die Wege rund um unser Dorf …
… Stifte und Papier (und Tastatur natürlich:)) …
… Bücher, Kerzen, Kamera, all das …
… zuweilen das Nichts, mit dem es sich wunderbar beieinander sitzen lässt …
… und – natürlich – mein Cello.

Ja, danke in ganz besonders tiefer Weise für mein Cello, welches sich mir in diesem Jahr geschenkt hat …
… für die Musik, die es täglich zu mir bringt und durch die ich mich und das Singen in mir auf intensivste Weise erlebe …
… für die wunderbare Lehrerin, die mich dabei sanft an die Hand nimmt …
… für all die Spiegel, all die Lebenslehren, die ich täglich durch dieses Instrument aufgezeigt bekomme …
… für die Geduld, die gefordert ist, und für die große Chance, meine eigene Musik lieben zu lernen.

Danke für überhaupt jede Musik, die mein Leben bereichert …
… für das Musizieren der Kinder – wie sehr es zu meinem Alltag gehört, spüre ich, seitdem der Sohn nicht mehr vor unseren Ohren, sondern in der Ferne übt – wie still unser Haus geworden ist …
… apropos Ferne: für seine dortige Lehrerin, die zu ihm passt wie der hiesige – was für ein Glück …
… für die Celloschritte der Tochter, die in ihren verschiedenen Ensembles immer schöner und inniger spielt …
… und besonders für die Freundschaften, die beide Kinder durch ihr gemeinsames Musikerleben mit Gleichaltrigen gewinnen.

Danke für mein Leben mit den Kindern, immer und immer wieder …
… für ihr Reifen und Wachsen vor meinen Augen, in diesem Jahr ja besonders sichtbar, als der Sohn zu seinem Italienjahr aufbrach und dort nun seine eigenen Wege sucht, in den Händen und Herzen einer wundervollen Familie gelandet …
… dafür, dass unser Band dennoch hält und trägt, auch ohne tägliche Alltagsnähe …
… für all die Erfahrungen, die auch für mich mit diesem Loslöseprozess, mit unserem Abschied von der Kindheit verbunden sind …
… für alles, was die Kinder in mein Leben hineintragen: ihre Offenheit, ihr unverstelltes Sein, ihre Empathie, ihre Kreativität, ihr Leuchten, und dazu ihre wachsende Selbstständigkeit – das alles ist alltägliches Geschenk …
… für unser Zusammenleben mit der Gasttochter, für all die bereichernden spannenden neuen Aspekte unseres Familienalltags.

Danke für Begegnungen mit Menschen, für meine Familie, für unsere Freundinnen und Freunde …
… für neue Menschen, mit denen ich in diesem Jahr Nähe gefunden habe …
… für lange Tage und Abende voller Nahrung hier an unserem Tisch oder an den Tischen befreundeter Familien …
… für kleine und große funkelnde Alltagskontakte, im Dorf, im Schulumfeld, in den Kreisen der Kinder …
… und für die eine oder andere schwierige Kommunikationssituation auch, in der ich eine Übechance hatte, das, was nicht zu mir gehört, bei der oder dem anderen zu belassen.

Danke für meine Schule, meinen Arbeitsort mit der so offenen Atmosphäre, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann …
… für all die Klassen, die mir immer wieder ans Herz wachsen, und für die täglichen Apfelbäumchen-Situationen, die dieser Beruf schenkt (und dafür, dass ich mir dessen bewusst bin, bei aller Bedrängnis, der man im Schulsystem alltäglich ausgesetzt ist) …
… für meine Schulleitung und mein Kollegium, in dem es warm und geborgen ist (und sich trotzdem nicht nach Kuschelkurs anfühlt), in dem zuweilen Ideen, Visionen und Träume reifen – und konkretisiert werden …
… für meinen Abschied vom zweiten Dienstort, inklusive innerem Frieden mit dieser Entscheidung.

Danke für mein Unterwegssein …
… für unsere große Tochterradreise nach Berlin, für meine Pfingstrunde, für all die kleineren Radwege …
… für eine riesige New-York-Reise und nicht ganz so riesige Italien- und Deutschland-Urlaube …
… für die Wege rund um mein Dorf, zu meinem Baum und um ihn herum und weiter hinauf …
… und für ruhige Ferientage hier im Haus.

Und danke für die Alltagszeiten …
… für die Versöhnlichkeit, die ich gegenüber meinen Alltagsbergen gewonnen habe, für eine sanfte Ruhe und eine Tempoverringerung in allem Viel-bleibt-viel …
… für ein wenig Umlenken des Fokus vom To-do- auf ein Done-Gefühl, welches zuweilen gelingt – und dass ich es so oft thematisiere, auch hier im Blog ja, dies ist vielleicht mein Weg, damit umzugehen, mich damit zu arrangieren, jedes Jahr ein Stückchen mehr?

Danke – nicht zuletzt – für all das, was in diesem Jahr fehlt und fehlte …
… für die Freundin, an deren Grab wir in diesem Frühjahr standen – für die Erinnerung an alles, was wir teilten …
… für Menschen, zu denen mir in diesem Jahr einen Faden zu knüpfen (wieder) nicht gelang – für die Aufgaben, die sich mir damit beim Weitergehen stellen …
… für das, was ich versäumte, was ich bereue, was ich schlicht vergaß zu tun – eine lange Liste bleibt für den weiteren Weg.

Eine Liste, ein Weg voller Aufgaben, die nur zum Teil mein aktives Zutun benötigen. Alles andere fordert zum Bereitsein auf, so wie ich schon die letzten Jahre schrieb:

Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

im Dezember

(Offenbar ist diese Form des Monatsrückblicks nicht mehr ganz meine, wenn ich mehrere Tage lang um sie herumschleiche, letzten Monat ja auch schon, und wenn ich mich regelrecht überwinden muss, den Kalender durchzugehen, um das Geschehene zusammenzutragen. Ich bringe dieses Jahr nun trotzdem auf diese Weise zu Ende, und in einem Monat schaue ich, ob sich diese Form halten wird, sich in eine andere verwandelt oder möglicherweise verschwindet …)

 

Ruhigen Schrittes durch einen Dezember zu kommen ist eine Kunst für sich. Offenbar aber habe ich mich in den letzten Jahren ausreichend darin geübt, denn es gelingt. Jedenfalls gemessen an dem Wirbel, der ringsum tobt, gehen wir gelassen durch unsere Dezemberwochen.
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Eine unserer langjährigen Traditionen dieses Monats, das Plätzchenbackwochenende mit der Freundin, findet erstmals ohne unsere großen Kinder statt. Dafür bauen wir mit mehreren Tochterfreundinnen zusammen seit langer Zeit wieder einmal Lebkuchenhäuser. Einige dieser Hausbausätze wandern in die Ferne, nach Italien und Slowenien beispielsweise, und kommen in Form von Fotos zu uns zurück, hach.
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Erstmals ohne den Sohn verbringen wir auch das Weihnachtsfest, was nicht so schwer wie erwartet fällt. Am Heiligabend senden wir ein paar Fotos und Videos hin und her – sie singen dort deutsche Lieder nach Smartphonetexten mit italienischem Akzent:) – und am zweiten Feiertag skypen wir kurz, um zu sehen, dass es allen sehr gut geht und der Sohn lediglich unter den riesigen Essensmengen leidet.
Schwieriger ist es für mich allerdings in den Wochen davor, als alle unsere Pakete partout nicht in Milano ankommen wollen und das Auffinden und Abholen in Depots zur großangelegten deutsch-italienischen Familiensache wird. Hierbei spüre ich mehr als deutlich, dass doch ganz schön viel Mutterherz in den verpackten Dingen steckt, und dass es auch dem Sohn unerwartet wichtig ist, diese Dinge zu bekommen.
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Natürlich ist es ein Monat mit viel Glühwein auf verschiedenen Weihnachtsmärkten und Freundesabenden, wir dürfen ein paar Mal durch den Schnee stapfen und gelegentlich auch durch Regenmatsch, die Menge der adventlichen Vorspiele und Weihnachtskonzerte ist drastisch reduziert, es sind – bei nur noch einem musizierenden Kind im Haus – nur drei, was ich als sehr erholsam empfinde.
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Wir feiern staunend und begeistert die Habilitation der Freundin, besuchen mit einer anderen Freundin Frankfurt und dort eine bewegende Ausstellung, zeigen uns mit einer dritten Freundin, dass sich auch in der Vorweihnachtszeit einfach so ein Abend zum Biertrinkengehen finden lässt und verbringen überhaupt viele Abende mit anderen Menschen zusammen, um gemeinsam zu essen, zu trinken, zu reden, zu träumen.
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Nach langer Zeit habe ich endlich wieder Cellounterricht und eine sehr innige Begegnung mit meiner Lehrerin. Es ist Geschenk, zu diesem Instrument – und zu ihr – gefunden zu haben, mein Leben ist reicher und erfüllter geworden. Auf der Rückfahrt von dieser Cellostunde weine ich im Auto vor Glück.
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In der Schule durchlaufe ich wie viele Kolleg*innen den monatstypischen Korrekturmarathon, entsprechend schreibt die Tochter eine Klassenarbeit nach der anderen. Das erschöpft alle Seiten, und als am 22. Dezember um 11 Uhr endlich die Schule aus ist, fallen wir alle ausgelaugt in eine Art Winterschlaf, oder jedenfalls in die schönsten Ferien des Jahres, in denen es – wie immer – ein paar Schlafanzugtage zwischen den Jahren gibt (die Gasttochter wird in diese innerfamiliäre Tradition eingeweiht und trägt sie mit Fassung:)).
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Im Tochterzimmer werden Legoberge verbaut (und zuvor sortiert – über weite Strecken von mir), von meinem Schreibtisch verschwinden für zwei Wochen sämtliche Schuldinge, so dass Platz für ein paar 1000er und 2000er Puzzle ist, die Spazierwege rund ums Dorf begrüßen uns nach teils mehrmonatiger Abwesenheit innig, und die Tage sind erfüllt von Stillephasen jeglicher Form und Farbe. Da sind Bücher und Tagebücher, Schreib- und Malstifte, Musik und Stille, Erinnerungen und Träume … und Wintersonnenwende- sowie Silvesterfeuer voller Hoffnung.
Wie intensiv und nahe bei mir ich in diesen Tagen immer bin. Wie wichtig es mir ist, dass das Jahr auf diese ruhige Weise ausklingen darf. Wie sehr ich wieder Kraft und Lebensfreude in mir finde.

 

im November

Wenn ein Monat so dicht gepackt ist mit äußeren Aufgaben, mit inneren Prozessen, mit Unerwartetem, mit gesuchten und mit unfreiwilligen Begegnungen,
wenn der monatelange Talgang in einen vorläufigen Erschöpfungstiefpunkt mündet, an welchem es nötig – und plötzlich möglich – wird, sich zu wenden,
wenn diese Wendung in zunächst ganz bedächtigen Schritten beginnt und mehr denn je ein Eins-nach-dem-Anderen erforderlich macht,
wenn also dieses

Wenn ich stehe, dann stehe ich.
Wenn ich gehe, dann gehe ich.
Wenn ich sitze, dann sitze ich …

zum tastenden und aufbauenden Lebensprinzip wird, weil alles andere nicht mehr funktioniert,
dann haben die Tage plötzlich zwar wieder Lebbarkeit, aber doch zu wenige Stunden. Nämlich: Wenn alle täglichen Aufgaben in Ruhe getan sind, eines nach dem anderen, einschließlich dem notwendigen Schlaf, dann bleiben plötzlich Dinge liegen. Blogtexte wie zum Beispiel die Selbstverpflichtung, immer zum Monatsende ein berichtartiges Fazit für mich selbst zu ziehen.
Sicherlich aber habe ich diesen Monatstext auch deswegen so lange vor mir hergeschoben, weil ich nach einer Form des Erzählens suchte. Und nun doch spüre: Der Kern des Monatsgeschehens liegt in meinem Innern. Und zwar so tief innen, dass es für hier unerzählbar bleibt.
*
Da ich aber ein Mensch mit Vollständigkeitssyndrom bin (fragt nicht;-)), folgt nun doch noch ein wenig Bericht über die Novembertage, über meinen Fastlieblingsmonat nämlich. Unter anderem deshalb, weil ich ja ein Kind dieses Monats bin.
Dieses Jahr feiern wir in Lüneburg, wo wir noch die letzten Herbstferientage mit den Freunden verbringen. Ich schenke mir selbst Bücher über Bücher, was ja immer Welten über Welten bedeutet. Mal schauen, was mit diesen Welten für mein fünfzigstes Lebensjahr angebahnt ist.
*
Nach Hause zurückgekehrt, erwarten uns frühlingshafte Temperaturen, wir grillen und sitzen draußen – an einem vierten November! -, während bald darauf unsere Weihnachtsbäckerei beginnt. Abrupter Zeitenwechsel.
Es fühlt sich tatsächlich als Frühstart an, weil die Lebkuchenhäuser nicht nur gebacken, geschnitten und verpackt werden müssen, sondern auch noch möglichst pünktlich (u.a.) in Italien und Slowenien ankommen sollen. (Der Plan geht letztlich nicht auf, weil DPD das Advents-Nikolaus-Päckchen vertrödelt, erst auf Nachfrage wiederfindet, es – nach einer kurzen Runde über Mailand – dann aber nicht dort ausliefert, sondern zu uns zurückschickt. Wo es bis heute nicht wieder angekommen ist. Der Sohn hat also keinerlei heimatgegenständlichen Advent, worüber ich vermutlich mehr schluchze als er.)
Wir kneten also und backen, die Gasttochter wird nebenher mit den Höhepunkten deutschen Weihnachtsliedertums – *hierbekanntenOhrwurmdenken* – vertraut gemacht, und ein erster Weihnachtsmarktbesuch steht an.
*
Daneben besteht das Familienleben dieses Monats aus einigem zwischenmenschlichen Wirbeln – wir rütteln uns immer noch zurecht, so ein Zusammenleben wächst nicht in wenigen Wochen -, aus Angestrengtheit, weil wie immer in diesem Monat die Schulpensen groß sind, aus ein wenig Tochtermusik (wobei es ohne Sohn im Haus doch sehr, sehr ruhig in dieser Hinsicht geworden ist) und ein paar Kino-, Museums- und Ausflugsortsbesuchen.
*
Die Schule fordert auch bei mir viel, ich lasse mehrere Berge Klassenarbeiten schreiben und befinde mich folglich tage-, nächte- und wochenendenlang in Symbiose mit meinem Rotstift.
Unsere Klassenleitungsaktivitäten sind in der Intensität, wie wir zu Schuljahresbeginn starteten, nicht aufrecht zu erhalten, stellen die Coklassenlehrerin und ich fest: wir hatten ein Tempo angeschlagen, das wir so nicht durchhalten können. Daher bleiben notwendige Dinge liegen, werden dringliche Situationen zunächst aufgeschoben, weil wir nicht mehr können. Es ist schwer, dies einsehen zu müssen. Im Grunde hätten wir Arbeit für mindestens fünf weitere Kolleg*innen, und wir haben nur vier Hände. Mal wieder möchten wir gern zaubern können.
*
Und um nicht mit dieser entmutigten Passage zu enden, setze ich noch ein wenig Musik hierher. Musik, die trägt, in diesem Monat mehr denn je, fanden sich doch Tage, an denen ich meine eigenen Töne plötzlich als Wohlklang erlebte. Wie durch Umlegen eines Schalters.
Und nun übe ich mich unter anderem an diesem hier …

Cello #4 – Vom Klang

Das habe ich heute gebraucht, genau das.
Und ich werde es weiterhin brauchen, werde es weiterhin suchen. Auch wenn morgen vielleicht alles wieder ganz anders ist, wenn es wieder in weite Ferne gerückt sein sollte.
Heute habe ich es erfahren. Heute, als ich nach Tagen der grauen Traurigkeit und verzagten Mutlosigkeit mich dann doch ans Cello setzte. Nicht vorfreudig, nicht erwartend, mit entwöhnten Fingern, einfach nur zu meiner nach der Reise wieder aufzunehmenden Übezeit.

Ich setze den Bogen an – und plötzlich ist es da. Ein bis in die Brust vibrierender Klang. Laut, aber nicht einfach laut. Ein klares, ungewohntes Tönen leuchtet schon im Stimmton. Dann in der ersten Tonleiter. In der ersten Etüde, im ersten Übungsstück, in allem.
Das sind ganz andere Töne als die, die ich zurückgelassen hatte. Fester zwischen meinen Händen eingespannt, aufgehängt in den rechten, bogenführenden Fingern, vibrierend im linken, greifenden Finger bis hinein in die Hand, ja in den Unterarm. Gestaltet von beiden Händen, und fest mit mir verbunden.
Ein heller Paukenschlag erklingt, von meinen ausgeruhten Händen und Armen ausgehend. Als hätten diese eine Woche lang Anlauf genommen.

Was an Bewegungsabläufen für einen solchen Klang nötig ist, dies bekomme ich nun seit fast einem Jahr Cellounterricht Woche für Woche gesagt und gezeigt, dies ertaste ich seither Tag für Tag.
Der rechte Arm muss sein Gewicht auf dem Bogen ablegen. Ohne jedoch Muskelkraft einzusetzen, die Schwerkraft reicht. Der rechte Zeigefinger muss das Gewicht auf den Bogen übertragen, mal mehr, mal weniger, je nach Lage, Tempo, Dynamik, Rhythmik und Klang. All die rechten Finger müssen in einem steten Balanceakt zwischen Anspannung und Entspannung in einem jeden Moment den Kontakt zur Saite herstellen, auch wenn diese fast einen halben Meter entfernt ist (und deswegen die physikalischen Gesetze der Hebelwirkung im Weg sind). Das rechte Handgelenk  muss wie auch Ellbogen und Schulter locker sein, jedoch ohne die Spannung in den Fingern aus den Augen zu lassen.
Die gesamte linke Hand muss solidarisch zusammenarbeiten, muss all ihr Vermögen zusammennehmen, um auch noch den kleinsten, den schwächsten, den unflinkesten Finger zu stützen, wenn dieser – stellvertretend – die schwere Saite mit festem Druck auf das Griffbrett legt. Der eine Finger muss stets von den Nachbarfingern begleitet werden, welche in einer schier nicht zu vereinbarenden Vorstellung durch ihre Beweglichkeit die Statik des tongreifenden Fingers erst hervorbringen.
Der gesamte linke Arm muss aus der Schulter heraus alles geben, damit ein winziger Finger auf dem Griffbrett einen Ton vorbereitet. Der gesamte rechte Arm muss in all seinen Gelenken – und derer sind viele – zusammenspielen, damit Kraft, Bewegung und Fluss stimmig werden und Klang hervorbringen können. Der gesamte Körper umarmt das Instrument und singt im Ganzen, so dass Arme und Hände ihrem Werk nachkommen können.

Müssen müssen müssen müssen. So viele Müssen’s habe ich im Laufe der Monate erfahren, gezeigt und erklärt bekommen, selbst erfühlt und ertastet. Und nie hatte ich die geringste Vorstellung davon, wie es gelingen kann, dass das alles zusammenspielt.

Und heute war jedes Müssen aufgehoben. Heute war es einfach so da. Für kurz nur, aber es war. Meine Finger und mein Körper fühlen sich noch ganz benommen von dieser Erfahrung.

„Anderthalb Jahre braucht man, bis man auf dem Cello einen Ton hervorbringen kann“, sagte mal jemand, als ich noch nicht im Traum daran dachte, dass ich dieses Instrument eines Tages spielen werde. Damals verstand ich nicht. Heute beginne ich zu erahnen. Ob anderthalb Jahre oder drei, ob ein halbes oder zehn Jahre – es ist ein langer, mühsamer Weg, den eigenen Ton auf diesem Instrument zum Klingen zu bringen.
Bisher vernahm ich oft nur Unsauberkeit, Quietschen, Scheppern, die gesamte Palette des Unschönen. Oder es geschah alles in großer Flachheit, ohne dass irgendeine Schwingung in die Tiefe drang. Oder ich knirschte mit der Unvollkommenheit um die Wette.
Heute nun eine lichte Ahnung.

Und sogleich zog es sich wieder zurück. Denn natürlich wurde der Ton im Laufe der Übezeit wieder flacher, uneigentlicher, unschöner, entfernter, bis er ganz verschwand. Und wie er morgen sein wird, ist ungewiss.
Aber ich habe ihn wahrgenommen. Heute.

(Natürlich lese ich dies alles, wie immer, symbolisch, als eine Lebensmetapher. Es ist nicht nur Musik. Es ist – wie jede Musik – Lebenlernen.)

Die bisherigen Cello-Texte:

#3 – Spiegelbilder

#2 – Lagenwechsel

#1 – Aufeinanderzu

 

im Oktober

Was für ein schnellverflossener Monat dies war. An seinem letzten Tag sitze ich in der Wohnung von eigentlich fremden Menschen, Freunden von Freunden, die uns ihren Lebensraum ausgeliehen haben, einfach so – welche Herzmenschen! – und suche in meiner Erinnerung, was der Monat an Konkretem mit sich brachte. Mein Kopf ist leer und erschöpft, und ich nehme den Kalender zu Hilfe. Viele, viele Eintragungen finde ich.
*
Wir sind unterwegs. Zum Monatsbeginn in Thüringen, Erfurt, Weimar, Eisenach. Zur Monatsmitte mit ihrer fastsommerlichen Wärme auf dem Rad: Touren in die nähere Umgebung, gemeinsam oder allein. Zum Monatsende im Norden bei den Patenkindsfreunden, die wir so oft schon im Herbst besucht haben. Lüneburg, Hamburg, die Heide, die Elbe.
Zu unseren eigenen Reisen kommen italienische Bilder: Sohneswege rund um seinen neuen Wohnort, per Instagram und WhatsApp geteilt, lassen uns immer ein wenig mitreisen. Ans ligurische Meer, in die Dolomiten, in die Umgebung Mailands.
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Dem Sohn geht es wohl gut, er scheint sich einzuleben, die Kontakte werden spärlicher, was wir als stimmiges Zeichen seiner allmählichen Ankunft im neuen Lebensraum lesen.
Die Gasttochter durchläuft vor unseren Augen ähnliches, sie geht Schritt für Schritt in ihr neues Leben, wir reichen ab und zu die Hand und bekommen dabei einen Spiegel. Was wir nicht alles für selbstverständlich gehalten hatten. Mit jedem neuen nahen Menschen erweitert sich der eigene Horizont.
Zwischen diesen beiden „großen“ Kindern beginnt die Tochter ihre neue Rolle zu suchen. Ihr Tonfall wird pubertierender, Tränen bleiben nicht aus, und ab und zu knallen Türen. Wir sind dabei, uns neu zurechtzurütteln.
*
Meine Schulzeiten sind heftige. Als hätte die Situation meiner Klasse nur darauf gewartet, dass ich meinen zweiten Dienstort verlasse, fordert sie alles. Wir verbringen Nachmittag um Nachmittag mit Eltern- und Schülergesprächen, erreichen augenscheinlich nicht sehr viel, drehen uns mit unseren Ideen im Kreis, bekommen aber immerhin von KollegInnen und vor allem der Schulleitung den inoffiziellen Titel „Lehrerinnen des Monats“ verliehen, und zwar ganz ernsthaft. Ob unser Einsatz den betroffenen Kindern helfen wird, werden wir sehen. Im Moment sind unsere Kräfte und Ideen erschöpft, wir müssen einsehen, nicht zaubern zu können.
Gemessen an diesem Trubel unterrichtet es sich in meinen sonstigen Klassen – den ganz großen, den ganz kleinen, und sogar in den 8. – Physik am Nachmittag – wie im Müttergenesungswerk.
*
Nun lese ich gerade noch einmal meinen vorherigen Monatsrückblick. „Mehr Musik“ hatte ich mir da gewünscht. Auf dem Cello gab es die. Nicht so viel wie vor den Sommerferien übe ich, dafür aber mit einigem spürbarem Fortschritt in der Bogenhand. Es musiziert sich leichter und leichter. Ich beginne den Klang zu formen, wo in den ersten Monaten auf dem Instrument noch der Eindruck vorherrschte, ich sei meinen eigenen – groben – Bewegungen und ihren unwillkürlichen Folgen ausgeliefert. Was für ein wundersames Gefühl, es ist kaum zu glauben.
Wie oft in den vergangenen Monaten hat mir dieses Instrument Augen geöffnet und Wege gezeigt. Ich wünschte, hierbei wäre es ebenso. Den Klang meiner Lebensmelodie gestalten zu können – was für eine Sehnsucht dieser Tage.

im September

Es floss und fließt nicht so sehr mit dem Schreiben in diesem Monat, meine Worte sind schwer und zäh und unbeholfen. Das Leben strömt(e) dafür umso intensiver. Was für ein Umbruch in meinem, in unserem Alltag!
Jetzt, da ich hier schreibend sitze, wird mir dies so richtig bewusst. Erstaunlich, dass unsere (All)Tage dennoch so normal, so unspektakulär ablaufen.
*
Der Sohn wird am ersten Monatstag 16, und eine Woche später fliegt er nach Italien. Wenn er in einem Jahr zurückkehren und – hoffentlich – nochmals für knapp zwei Jährchen unter unserem Dach einziehen wird, ist er (fast)erwachsen.
Seinen Abschied von der Kindheit gestaltet er radikal: fast alle seine Sachen sortiert er für immer aus, das Zimmer tritt er an die Schwester ab, und seine Umarmungen am Flughafen sind erwachsener denn je.
Mich schütteln vor allem die Tage vor dem Abflug durch und durch, mir wird dieser große Schritt sehr bewusst.
Seit er aber weg ist, besänftigt sich alles in mir. Wir finden einen Modus von äußerlich karger, aber dafür sehr selbstverständlicher Begegnung über die verschiedenen digitalen Kommunikationskanäle. Alles was ich von ihm höre, klingt beruhigend und herzerwärmend. Er wächst, er reift, er wird groß, ja er ist es schon.
Sehnsucht, Vermissen und hin und wieder ein Tränchen im Augenwinkel fühlen sich gesund und befriedet an – was für ein Schritt für uns alle!
*
Die Schwester vermisst ihn ebenso, sie zuckt manchmal mitten am Tag zusammen und erinnert daran, was er jetzt gerade gesagt, getan, gespielt oder genervt hätte. In ihrem neuen Zimmer schläft sie nun täglich dort ein, wo er es vorher tat – nur sieht alles viel mädchenhafter und – ja! – auch ein wenig wohnlicher aus:)
In der Schule ist sie stolze Siebtklässlerin, was leider auch vier Unterrichtsnachmittage mit sich bringt. Alle Musiktermine müssen daraufhin verschoben werden, sie aber trägt ihre immer vollere Woche mit Fassung und geht einen weiteren Schritt in die Selbstständigkeit: Von nun an fährt sie allein mit ihrem großen Cellokasten auf dem Rücken in die Stadt.
*
Geschwisterlos wollte die Tochter in diesem Jahr nicht bleiben, und so haben wir gemeinsam beschlossen, eine Gastschwester bei uns aufzunehmen. Kaum 24 Stunden vergehen zwischen Sohnes Abflug und Gasttochters Ankunft, wir richten blitzschnell einen Raum in unserem Haus und vor allem in unseren Herzen für sie – und allmählich gewöhne ich mich daran, von „den Mädchen“, ja, von „den Töchtern“ zu sprechen.
Wir finden gut zusammen, es fühlt sich vom ersten Tag an warm und stimmig an, und das mit der Sprache – das wird schon noch werden.
*
Trotz noch sehr schüchternem Deutsch ist es im Haus gesprächiger und vor allem kichernder geworden, wir kommunizieren in einer Mischung aus deutsch, englisch und Händen&Füßen. Auf diversen Couchtischen liegen Deutsch-, Italienisch- und Slowenisch-Wörter- und Lehrbücher herum. Im nächsten Sommer möchte ich mich schließlich mit den Gasttochtereltern und den Sohnesgasteltern wenigstens radebrechend in ihrer Sprache austauschen können.
Auch über die Sprachen hinaus wird das Leben im Haus sehr bunt. Wenn wir nicht gerade Ämter- und Organisationsdinge klären – wie dick der abzuarbeitende Ordner ist! – oder der neuen Tochter bei ihren ersten Schritten in Schule und Gleichaltrigenkreisen helfen, versuchen wir die letzten Spätsommeratemzüge auszunutzen. Per Rad und zu Fuß in die Umgebung, mit der S-Bahn in die nahen Städte und für das lange Wochenende zum Monatsende bis nach Thüringen – es ist ein Unterwegsmonat.
*
Fast nebenbei beginnt das neue Schuljahr. So sehr wie ich zu Haus beschäftigt bin, greife ich diesmal dankbar auf meine Vorbereitungsvorräte zurück. Es ist ohnehin schon viel, wie immer. Konferenzen über Konferenzen, Hineinfinden, Wiedererschaffen der Routinen, Absprachen, Planungsaktivitäten, Warmlaufen auf allen Ebenen.
Trotz Trubel schaffe ich es, ohne Kopfschmerzen durch die ersten Wochen zu kommen. Dies kommt einem Wunder gleich und ist für mich ein Novum.
Insgesamt aber, bei allen kraftzehrenden Aktivitäten, ist und bleibt der Schuljahresanfang eine positiv aufregende Zeit. All meine Klassen wiederzusehen, mit den Kollegen wiederzusammenzufinden, das lachendfrohe Leben im Schulhaus wieder um mich zu haben – hach. Es ist schon ein Glück, eine solche Arbeit zu haben.
*
Und während sich das Wirbeln des Neuanfangs auf allen Ebenen zu setzen beginnt, während der Kopf zwischen dem Rauschen wieder Momente des Innehaltens findet, während sich meine Schritte endlich wieder auf die Felder rings um unser Dorf und zu meinem Baum setzen, erwacht auch die Musik in mir zu neuem Leben.
Lange habe ich nicht mehr Cello gespielt, das merke ich meinen Händen und Armen an. Dennoch läuft es irgendwann, fließt und gleitet es über die Saiten. Zum Monatsende habe ich meine erste Unterrichtsstunde seit Ewigkeiten und – tata! – darf mit einer Sonate beginnen, die schon der Sohn am Klavier begleitet und welche die Tochter aufgeführt hat. Ohrwurmmusik, sozusagen.
Hier wird sie – was für ein Zufall – von einer Nichte meiner Cellolehrerin gespielt:

Für den nächsten Monat wünsche ich mir wieder mehr Musik. Ob auf dem Cello oder nur im Innern – dies ist schon fast egal.

im August

Ein weiter Bogen spannt sich über meinen Monat – von einer Reise in die Ruhe zu einer Reise in die Bewegung, von begegnungsvollen Tagen zu ganz allein verbrachten. Wie immer gibt es in diesem Monat keine Rubrik „Schule“, und wie immer backen wir am letzten Tag des Augusts einen Kuchen.
*
Die ersten Tage sind wir noch immer im vertrauten Italien, am Lago di Levico. Eine Reise über mehrere Tage am gleichen Ort, ohne „Programm“ – auch weil wir oft dort sind und nichts mehr anschauen „müssen“ -, mit der täglichen und stündlichen Entscheidung, ob lieber See oder lieber Bergwandern, ob lieber Buch oder lieber Kartenspielen, ob im See baden oder drumherum spazieren, oder ob einfach nur Dösen und Sinnen im Angesicht des wunderbaren Wassers: solch eine Ruhe finde ich sonst selten. Das Schuljahr in seiner Intensität darf ausschwingen. Und doch ertappe ich mich auch hier: Ich will immer zu viel. Zu viel lesen, zu viel schreiben, zu viel mit den Kindern sein … es gibt noch viel zu üben.
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Die zweite Reise führt auf’s Rad bzw. mittels diesem nach Berlin. So erreicht nun auch die Tochter dieses Ziel erstmals radelnd, ebenfalls mit 11 wie damals der Bruder.
Wir verbringen eine intensive gemeinsame Zeit, und ich habe viel Gelegenheit, über die Tochter zu staunen. Wie groß sie schon ist, wie stark, wie ausdauernd, wie unspektakulär sie die Dinge durchzieht. Und auch: wie sehr sie – natürlich – noch Kind ist. Unbeobachtet von der coolheitfordernden Peergroup springt sie auf jeden Spielplatz am Wegesrand. Als ich ihr sage, dass alle ihre Freundinnen genau dies in den Ferien auch tun, grinst sie verstehend.
Insgesamt aber tut sich das radelnde Fließen diesmal etwas schwer, zu uns zu finden. Gleich in der ersten Zeltnacht bricht der große Regen aus und bleibt drei Tage, wir strampeln in Ganzkörperregenmontur Kilometer um Kilometer und übernachten so lange unter festen und warmen Dächern. Das Tochterrad hat wohl mit fünf Jahren eine magische Altersgrenze überschritten und schwächelt; mehrere Radläden am Wegesrand sowie das Flickzeug helfen ihm auf die Sprünge. Die Wegfindungsapp schickt uns einige Male querfeldein, dies war zwar auf jeder Reise so, aber selten so heftig wie diesmal. Es ist schwer, dies alles nicht als Zeichen zu lesen …
Letztlich gelingt es, ein gesunder Fahrtrhythmus findet sich, wir gelangen zu wunderbaren Orten im Außen wie im Innen und letztlich nach Berlin.
*
Zwischen den beiden Reisen herrscht Großfamilienwirbeln in unserem Haus, insgesamt wird es durch 8 Erwachsene und 11 Kinder belebt, wie ein kleines Ferienlager:)
Wärmste Begegnungen haben wir auch auf der Radreise – danke! – und in Berlin. Es ist eine reiche, intensive Zeit.
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Umso wichtiger ist mir der Ausblick auf eine kurze Ganz-Allein-Zeit am Ende des Monats. Während der Sohn in der Nähe seines baldigen Lebensortes eine Klavierlehrerin trifft, kennenlernt und letztlich zu ihr findet – was ihn und uns erleichtert, war doch dieser essentielle Lebensbereich für das nächste Jahr bislang noch im Diffusen – verbringe ich drei Tage ganz allein mit mir. In jedem Moment fühlen und entscheiden, wonach mir gerade ist, was ich tue, was ich lasse, ob ich sitze, ob ich gehe, ob ich zuhöre oder die Ohren verschließe, ob ich mich umschaue oder ins Innen gehe – das erdet, besänftigt, bringt mich zu mir zurück.
Einige Texte fließen auf’s Papier, endlich wieder. Aus dem Cello beginnt wieder Musik zu klingen. Musik, wo vorher keine zu hören war, Gewachsenes, wo vorher Brache zu sein schien, Sprudeln, wo alles fast schon am Verdorren war – am Cello begreife ich im Wortsinne die Bedeutung von Ruhepausen.
*
Am letzten Monatstag ist das Haus wieder belebt, ein Fast-schon-Alltags-Wirbeln hält Einzug. Weniger Schulvorbereitungen sind es – da werde ich dieses Jahr auf meine Routine zurückgreifen – als vielmehr die Vorbereitung der Sohnesabreise nach Italien. Die Kinderzimmer sollen getauscht werden, eine Art räumliches Tetris oder „Türme von Hanoi“ ohne dritten Turm. Die To-do-Liste des Sohnes ist zur Hälfte abgearbeitet, aber eben erst zur Hälfte. Wir sind also für die restliche Ferienwoche alle gut beschäftigt.
Zunächst aber wird am Abend des 31., wie gesagt, ein Kuchen gebacken und themenstimmig dekoriert. Die Tochter hat das Zepter in der Hand, organisiert und strukturiert den Dekorationsprozess und stellt am ersten Septembermorgen ihrem Bruder diesen Geburtstagskuchen auf den Tisch:

 

 

 

(Die Kerzenfarbenwahl ist nicht ganz stimmig. Denn natürlich planen wir nicht langfristig und müssen bei spontanen Ideen stets auf alte Vorräte in der Geburtstagskiste zurückgreifen. Als der Sohn aber am Morgen nach einer Erklärung der blau-rosa Farbreihe fragt, grinse ich: „Weil vielleicht neben Italien das Jungs-Mädchen-Ding ein Thema im 17. Lebensjahr sein könnte;-)?“ – „Orrr, Mama!“
Sein „Orrr, Mama!“ wird mir sehr fehlen.)

im Juli

Wie seltsam, und wie schwierig auch, über einen Monat zu schreiben, dessen Großteil aus Schulischem bestand und der darüber in gehetzter Atmosphäre vorbeiflog, während ich nun bereits den sechsten Tag am erholsamen Bergsee sitze, die Seele und die Beine im angenehm warmen Wasser baumeln lasse, schon fast die Lektüre des dritten Buchs beende und auch in jeder anderen Hinsicht erholter bin als ich es wohl je nach so wenigen Ferientagen war.
Dies also ist der krönende Abschluss des Juli: Dass wir am gemächlichen Lago di Levico in den Tag hinein leben, uns täglich zwischen Wasser und Bergen treiben lassen, Bücher und italienisches Essen verschlingen und also alles gut ist.
*
Das Schuljahresende zuvor ist hart und schwer durchzustehen, zum Ende liegen nach einer langen Hitzezeit Geduld und Nerven von Lehrer- und Schülerschaft blank, sogar ich kann mich und meinen Kurs irgendwann nicht mehr vom Eisessengehen abhalten – wo ich doch sonst eine bin, die bis zur letzten Stunde Unterricht durchzieht.
Wie jedes Jahr gehen mir die Notenkonferenzen nahe, hier wird immer am offensichtlichsten, wie viele Schüler es bei uns schwer haben, manche zu schwer, um es zu schaffen – hier schrieb ich darüber. Elterntelefonate und viele Gespräche schließen sich an, und es bleibt die Hoffnung, dass für manche Kinder ein guter, ein besserer Weg gefunden werden kann als der an unserer Schule und Schulart.
Gleichzeitig wird es mit meinem Abschied vom zweiten Dienstort Ernst, das war ja lang vorher klar und entschieden, aber nun fühlt es sich doch als Schritt mit lachendem und weinendem Auge an. Ich bekomme einen unerwartet warmherzigen Abschied und von einigen Menschen das Geschenk sehr naher und nahegehender Worte.
*
Der Sohn rückt seinem Abflug nach Italien immer näher, in der Schule ist etliches abzusprechen für seine Wiederkehr, gleichzeitig melden wir unsere Gasttochter dort an. Die To-do-Liste für das abfahrende Kind nimmt eine mehrspaltig gefüllte DIN-A4-Seite ein, und mit jedem durchgestrichenen Punkt ist ein Stück von ihm weg. Mir geht das nahe und viel zu schnell.
Beide Kinder beenden das Schuljahr mit wunderbaren Zeugnissen und zuvor mit etlichen Vorspielen, wie immer, möchte ich fast sagen. Und doch ist es nie „wie immer“. Jedesmal überraschen sie uns durch unglaublich berührende Musik, von der ich wie immer behaupten möchte, dass sie nie zu Hause geübt worden ist, und schon gar nicht sooo. Das Streichquartett der Tochter spielt Mozart- und Mendelssohn-Sätze mit einem Ausdruck, den man den kleinen Mädchen kaum zutraut, und der Sohn verabschiedet sich zunächst von seiner Klavierklasse mit dieser Chopin-Ballade, die nicht nur mich in Gänsehaut-Berührtheit versetzt.
Und nebenher streiche und streiche ich auf meinem Cello, fast täglich, es gelingt immer besser. Als ich es schließlich für die Sommerpause weglegen muss, fühlt es sich sehr wehmütig an.
*
Das Sommerwetter schenkt Gartentage und -abende. Freunde besuchen uns, wir sitzen mit und ohne Feuer, immer aber essend und trinkend beieinander. Und in der Ferne ertönen schon die Mähdrescher. Wenn wir nach den Ferien zurückgekehrt sein werden, wird der Sommer zu Ende gegangen sein. Manchmal tut er dies ja schon während der Sommerferien. Nun aber genießen wir diese erstmal …

12 von 12 im Juli

 

 

 

Es regnet, mein morgendlicher Gang durch den Garten erschöpft sich im Stehen unter dem Terrassendach, aber ich fühle mich unverdrossen wohl im morgenfrischen Grün. Nur dass ich den Kaffee heute nicht draußen trinke. Wir, der Kaffee und ich, wandern wieder hinein, aufs Lesesofa.

 

 

 

Ganz zufällig stieß ich in den letzten Tagen durch ein Kommentargespräch in einem Lieblingsblog auf meine kurze Philosophiestudien-Vergangenheit, Erinnerungen aus den 90ern werden wach, mich packt es wieder. Und so sitze ich morgens vor sechs Uhr in meiner Leseecke und blättere mich durch Wittgenstein.

 

 

 

Weil es unverdrossen regnet, genaugenommen schüttet, fahren die Tochter und ich mit dem Auto zur Schule. Muss ich wenigstens die Fahrradtasche nicht zuwürgen, das wäre heute knapp geworden. Die Tochter fragt, was ich mit so vielen Taschentüchern will. Ich versuche sie’s erraten zu lassen – na, was habt Ihr in der 5. am Ende des Schuljahres gehabt? – aber sie war anscheinend in der 5. in Mathe nie anwensend. Jedenfalls hat sie keinen blassen Schimmer und tut äußerst überrascht, als ich mit Wörtern wie Oberflächeninhalt und Quader um mich werfe. Vielleicht ist es ihr auch einfach noch zu früh. Dann soll sie halt nicht fragen;-)

 

 

 

Morgendliche Schultafeln sind so schön leer, nee, Quatsch. Sie sollten es sein. Aber wie das so ist. Das Wischen und Abziehen hat jedenfalls was Meditatives.

 

 

 

Dann kann es losgehen. Quader und Oberflächen halt.

 

 

 

Und weil ich ja im Unterricht schlecht fotografieren kann, gibt’s das nächste Bild erst von dem Moment, wo die einen Schäfchen schon weg und die anderen noch nicht da sind.
Ahhh, Ruhe.

 

 

 

Der Kurs kommt, der Kurs hat keine Lust mehr. Nichts Neues, auch an diesem Mittwoch nicht. Wir strampeln uns durch Abstände windschiefer Geraden und sind ansonsten friedlich miteinander.

 

 

 

Stundenende, große Pause. Ich habe Hofaufsicht, genau vor dem Fenster. Dort erscheint aber niemand, denn es schüttet gerade wieder los, die Regenklingel ertönt, bäh. Drinnenaufsicht in ner Regenpause ist anstrengend, weil es eng und und höllelaut ist. Stadionatmosphäre, und das ganz ohne Eintrittskarte.

Unterrichtsschluss, ich trage meine 150 Noten am Verwaltungscomputer ein. Bzw. möchte es tun. Für einen Teil davon fehlt mir aber mein Passwort, der Zettel liegt nicht in meinem Fach, auch in keinem Nachbarfach, der zuständige Kollege ist mit den 10ern in Berlin, und auch sonst findet niemand eine Lösung für die Passwortfrage. Also dann eben nicht. Wenigstens die Mitarbeits- und Verhaltensnoten mache ich fertig – Papierlisten brauchen keine Passwörter – , und die verbalen Bemerkungen verschiebe ich auf später.

 

 

 

Denn zu Hause wartet das Mittagessen. Wie gut.
Ausnahmsweise sind beide Kinder da. Wir starren alle völlig fassungslos auf den Kalender, niemand von uns hat heute noch irgendeinen Termin. Das gab es das letzte Mal vor gefühlt zehn Jahren. Wir fühlen uns auch ganz unbehaglich dabei und argwöhnen bis zum Abend, dass wir sicher irgendwas vergessen haben.

 

 

 

Danach drucke ich alles aus, was ich heute nicht eingeben konnte, das sollte dann wohl morgen als Papierliste zur Schulleitung.

 

 

 

Irgendwann am Spätnachmittag überkommt mich Arbeitsmüdigkeit. Zeit fürs Cello. Mein Lieblingssatz …

Es bleiben Abendessen, Telefonieren, mit einer Freundin an der Haustür schwätzen, Wäsche, Kinderzeugs und ein paar Schreibtischdinge.

 

 

 

Bis sich der – mittlerweile wieder blaue – Himmel über’m Haus abendlich dunkel färbt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

im Juni

Ein erschöpfter Monat ist dieser Juni. Wie immer um diese Zeit, da das Schuljahresende eingeläutet wird. Von Jahr zu Jahr aber stecke ich es schlechter weg. Nach der Himmelfahrtspause komme ich überhaupt nicht wieder in Tritt, die ersten Monatstage vergehen in lethargischem Waten durch die letzten Schulstunden, und sogar die Radreisevorbereitungen fließen nicht.
Die Reise selbst beginnt zäh und innerlich düster, es braucht lange, bis ich ins Unterwegssein hineinfinde.
Von dort zurückgekehrt, ist der halbe Monat um, ich trotte wieder durch Schultage, besser gestimmt zwar, jedoch auf einem anhaltenden Teppich der Erschöpfung.
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So sehen diese Tage also aus, die Korrekturen stapeln sich, darum auch ist es im Blog still geworden, darum ist mir kaum nach Schreiben zumute, darum schob sich dieser kurze Rückblick Tag um Tag um Tag hinaus. Es sind ja nicht nur Korrekturen. Da ist Hitze, unerträglich im Glasfassadenschulhaus, da sind Konferenzen und Sitzungen und Planungen fürs nächste Jahr, ein Wettbewerb ist auszuwerten, es gibt eine Mathenacht mit den 5. Klassen und eine Kollegenverabschiedung auf der Sternwarte. Vieles ist schön und bewegend. Und dennoch: Man mag nicht mehr, ich mag nicht mehr.
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Die Kinder stöhnen ähnlich, die Temperaturen in Verbindung mit dem Klassenarbeitsberg werfen noch jede Motivation um, es wird Zeit für Sommerferien.
Der Sohn möchte diese allerdings am liebsten überspringen und gleich nach Italien abfliegen, spätestens als er vor Vorfreude platzend von seinem Vorbereitungsseminar zurückkehrt. Solange beschäftigt er sich mit einem Online-Italienischkurs, lässt aber uns gegenüber noch keine neuerlernte italienische Silbe raus:)
Allmählich wird es in verschiedener Hinsicht ernst, wir kündigen Musikunterricht, Monatsticket und diverse andere Regelmäßigkeiten und beschäftigen uns mit Klavieranmietmöglichkeiten in Mailand, Kontoeröffnung und Versicherungsdingen. Das lenkt immer wieder den Blick darauf, wie bald er schon weg sein wird.
In diesen Tagen erhalten wir auch endlich Unterlagen für Gasttöchter, wir entscheiden uns und werden einander wunschgemäß zugeordnet. Ab September wird die Tochter also eine große Gastschwester haben, aus Slowenien kommt sie, alle sind vorfreudig gespannt.
Musik gibt es in diesem Monat vor allem in Form von vielen Proben, die Schuljahresabschlusskonzerte und -vorspiele stehen vor der Tür, die Kinder bereiten eine Cello-Klavier-Suite vor und üben miteinander anders als früher ohne gegenseitiges Anschreien, na bitte geht doch.
Für die Tochter gibt es eine wichtige Neuerung: Langgewünscht darf auch sie endlich eine Brille tragen. Beim Optikerbesuch zeigt sie sich entschlossen und wählt ein kräftig-grelles Modell, wennschon dennschon, wir sind gespannt:)
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Der warme Monat schenkt einige Treffen mit nahen Menschen. Meine Radreise hangelt sich von liebem Haus zu liebem Haus. Zu uns kommen Gäste, wir werden eingeladen, mit alten Freunden treffen wir uns in der Stadt. Und an vielen warmen langen Abenden sitze ich einfach nur allein im Garten. Neuerdings kann dort ein Feuer brennen, was mir vor allem die Seele erwärmt.

Die Musik, die wir sind

Hast du gehört, der Winter ist vorbei!
Nelken und Basilikum platzen vor Lachen.

Kaum von der Reise zurück, ist die Nachtigall schon Gesangslehrer für die Vögel.

Die Bäume überreichen Gratulationen.
Die Seele tanzt durch die Tür zum König hinauf.

Anemonen erröten, weil sie einen Blick
von der nackten Rose erhaschten.

Der einzige faire Richter, der Frühling,
breitet sich im Gerichtssaal aus.

Und ein paar Dezember-Diebe
huschen davon.

Die Wunder vom Vorjahr
sind bald Vergessenheit.

Aus Nicht-Existenz wirbeln neue Geschöpfe hervor,
Galaxion um ihre Füße verstreut. Hast du die getroffen?

Hörst du, wie in der Wiege die Jesus-Knospe summt?
Eine kleine Narzisse – Inspektor von Königreichen!

Ein Fest ist in Gang. Horch:
Es ist der Wind, der den Wein ausschenkt!

Früher versteckte die Liebe sich
hinter Bildern. Damit ist Schluss!

Der Obstgarten steckt seine Lampions auf.
In Lumpen stolpern die Toten herbei.

Nichts bleibt in Fesseln oder gefangen.
Du sagst: „Stopp dieses Gedicht hier

und wart, was als Nächstes kommt.“ Sofort.
Gedichte sind nur Gekritzel bei der Musik, die wir sind!

(Rumi)

im April

Der Monat beginnt in frühlingshafter Wärme und wie immer mit dem 1. April, in den ich erstmals (?) von niemandem geschickt werde, nicht von den Kindern, nicht von Schülern. Bei letzteren liegt das wohl einfach daran, dass ich sie am Samstag nicht sehe:) Mir fehlt nichts, aber es fällt mir auf.
Zum Ende des Monats hin hat sich der heftige Frühling vom Monatsanfang zunächst wieder versteckt und schaut nur schüchtern um die Ecke. Man hofft ja doch, dass er sich im Mai endlich wieder hinaustrauen wird.
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Der Monat ist geprägt und dominiert von unserer New-York-Reise, von all dem Anstrengend-Spannenden schon vor dem Start (für uns, die wir sonst nie fliegend verreisen), von der Eindrucksflut der Riesenstadt, die zuweilen überfordert, von Jetlags, einer Tonne voller Fotos und Erinnerungen und von daraus geborenen neuen Reiseplänen:)
Durch die Reise übrigens fällt das Eierfärben natürlich aus, was vor allem ich ein wenig schade finde, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle.
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Vor und nach den Ferien gibt es natürlich Schulzeit, ein wenig nur. Aber auch eine einzelne Woche kann im Anstrengungsgewand auftreten, was vor den Ferien vor allem daran liegt, dass nebenher die Packvorbereitungen laufen und derart fordern, dass kaum mehr genug Schlafzeit bleibt.
Nach den Ferien ist natürlich alles liegengeblieben – die kompletten Ferien wegzufahren bedeutet ja, dass das reinigende Alles-weg-Korrigieren, Alles-weg-Aufräumen, Alles-weg-Kommunizieren und Alles-weg-Vorbereiten, womit zweiwöchige Ferien gut gefüllt sein können, nicht stattfinden kann und die angrenzenden Schulwochen mit kaum zu bewältigender Arbeitsdichte gefüllt sind. (Darum übrigens werde ich ab nächstem Jahr ein wenig mehr Teilzeit nehmen, also ein wenig weniger Deputat haben: Um in Ferien wegfahren zu können, ohne mich vorher und nachher in die Erschöpfung zu arbeiten.)
Die Reste des in den Ferien Nichtgeschafften schleppe ich in den Mai, nicht zu Ende korrigierte und nicht fertig erstellte Klassenarbeiten, nicht vorbereitete mündliche Prüfungen, ein Schulcurriculum im Rumpfzustand und (psst!) ein paar längst fällige GBUs. (Wer nicht naturwissenschaftlehrend ist, möge sich nicht beunruhigen: diese Abkürzung muss man nicht kennen, und das Dahinterstehende ebenfalls nicht.)
Ich hechle den Erfordernissen hinterher und finde mich seit langem wiedermal in der Situation, dass ich spätabends ganz knapp und sozusagen von der Hand in den Mund erst vorbereite. Da kommt der ganztägige Pädagogische Tag gerade Recht, selbst wenn er an meinem unterrichtsfreien Tag liegt: muss ich am Vorabend wenigstens mal nichts vorbereiten.
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Den Kindern geht es mit ihren Schulaktivitäten besser, die Klassenarbeitsdichte ist gering, die Hausaufgabenmenge wohl auch. Jedenfalls sehe ich sie kaum mal etwas für die Schule tun und auch nicht fluchen.
Ihre Musik im Haus dagegen erfährt heftige Belebung. Die Tochter hat ein neues Cello und eine neue Lehrerin, neue Stücke, neuen Schwung, alles lässt sich gut an.
Der Sohn ist nach dem Jugend-musiziert-Wettbewerb regelrecht manisch in der Erarbeitung von Neuem. Prokofjew, Liszt, Chopin, Beethoven tönen durchs Haus, ich komme mit dem Notenkaufen kaum hinterher. Vor allem die Dauer des täglichen Übens stellt hohe Anforderungen an alle Zuhörendennerven, denn ja, ein Flügel ist laut und tönt durch alle Wände. Dafür wurden also Silent pianos erfunden.
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Für viel mehr ist kein Raum in diesem Monat, ich bin wenig draußen (außer natürlich in New York), ich lese wenig, komme kaum zum Celloüben. Es fließen Tränen, denn die Freundin stirbt. Andere nahe Menschen beenden ihren Lebenskreis. Im Kollegium werden zwei Kinder geboren, und eines darf nach Intensivstationsmonaten wieder nach Hause. Mein Knie – nur das Knie, aber doch – muckert und erinnert sanft daran, dass auch mein Platz in diesem Lebenskreis zwischen Geborenwerden und Sterben kein unveränderlicher ist.
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Mein innerer Grundzustand dieses Monats ist gehetzt und unzufrieden. Alles ist viel zu viel. Sehnsüchte liegen brach vor mir, ich habe zu üben.
Sei mir das am letzten Monatstag im Garten aufgebaute Zelt ein Hoffnungsschimmer, dass mit bald beginnenden Rad-und-Zelt-Zeiten endlich wieder Tage des Ruhens kommen werden, ich brauche sie so.

 

Cello #3 – Spiegelbilder

Es wird Zeit, mal wieder ein wenig über mein Cello zu schreiben. Diesmal über mein Ich, welches sich mir im Cello spiegelt. Hat mir doch die Tochter heute einen unmissverständlichen Fingerzeig gegeben.
Wie ich übe und sie nebenher auf dem Sofa herumturnt, da grummelt sie plötzlich irgendetwas unter ihren Haaren hervor.
Hä, frage ich, ziemlich gedankenabwesend.
Na, richtet sie sich auf, stimmt doch.
Was, frage ich, stimmt?

So viel Selbstzweifel muss man erstmal hinbekommen.
Oh.
Bei jedem Ton, den Du spielst, verziehst Du das Gesicht, oder zuckst zusammen, oder murmelst das Sch… Wort, oder denkst es Dir.
Oh.
Du hörst halt gut genug, so dass Du hörst, dass es noch nicht gut ist. Das ist doch gut!
Oh.

Was für ein Spiegel, den die Tochter mir da vorhält. Sie beobachtet glasklar. Und hat so Recht. Kindermund tut Wahrheit kund und so.

Vielleicht ist mir das ganze Instrument überhaupt nur als Spiegel zugelaufen? Vielleicht habe ich in ihm hauptsächlich den Spiegel gesucht?
Ganz gleich, wer da suchte, zulief, führte – ich will mich dem fügen, was sich mir hier zeigt. War mir doch auch bei der Lehrerinnensuche von vornherein klar: Eine Frau sollte es sein. Und zwar eine, die deutlich älter ist als ich. Damit ich mich einfügen und aufs Geführtwerden einlassen kann.
Eine solche Lehrerin habe ich gefunden, das ging sehr schnell. Vielleicht, weil so klar war, dass ich genau diese brauchte. Und nun, da ich Stunde um Stunde nicht nur vom Instrument, sondern auch von der Lehrerin den Spiegel vorgehalten bekomme – die beiden haben sich verbündet:) – da wird mir manches deutlich.

Ich will alles auf einmal. Immer. Sofort. Ich will sogar mehr als alles, ich will 150%. Weil 120% noch zu wenig sind.
Wenn in einer Übung eine Phrase zunächst einmal pro Bogen gespielt werden soll, dann zweimal, dann erst dreimal und letztlich viermal, dann versuche ich immer zuerst den Vierer, ich will es sofort ganz schnell spielen. Die Schleife über das Langsame nehme ich erst nach dem Scheitern an der Geschwindigkeit.
Wenn ein Griff nicht klappt, weil meine Hand vielleicht zu klein ist – ja, ich habe recht kleine Hände, einige Griffe kann ich nur durch Springen schaffen, wenn ich nicht im Laufe der Zeit noch einige Millimeter durch Dehnung gewinne, und Springen ist schwieriger als gleichzeitiges Aufsetzen, gleichwohl aber möglich (die Tochter mit ihren Minihänden springt derzeit auf ihrem 3/4-Cello auch und schafft es einwandfrei sauber und gebunden, und bei Belesen in Netzforen finde ich genau das: Frauen mit kleineren Händen müssen sich eben so behelfen, was aber durchaus möglich ist, nur einen längeren Lernweg erfordert) – wenn also eine solche Stelle mit Weitgriff mich derzeit stark fordert und anfangs grob unsauber klingt, dann fühle ich mich sofort als zu schlecht, als zu unfähig. Wider besseres Wissen, dass hier tatsächlich eine objektive Handgröße verantwortlich ist, zunächst.
Wenn ich mich auf die Intonation einer Stelle konzentriere und diese stimmiger wird, rutscht mir im Gegenzug der Bogenkontakt weg, wenn die Gleichmäßigkeit des Tons zunimmt, verschiebt sich die Haltung der linken Hand, wenn die Bindungen zwischen den Tönen anfangen sich zu glätten, verspannen sich mein Kiefer und meine große Zehe. Weil man die Dinge nacheinander lernen müsste, ich aber stets an allen gleichzeitig arbeite und alles auf einmal will. So gibt es stets etwas, bei jedem einzelnen Ton, das mir nicht reicht. Und weil alle Abläufe so komplex miteinander verschachtelt sind, weil eine Schraube gleichzeitig alle anderen verdreht und ich von Körpergefühl und Ohr her alle alle wahrzunehmen vermag (was, wie die Tochter ganz richtig sagt, doch eigentlich ein wunderbarer Vorteil ist), deswegen finde ich  stets einen Grund, das Gesamtspiel unzureichend zu finden.
Nie sehe ich, wie viel ich in diesen vier Monaten geschafft habe, ich übersehe geflissentlich, wie Lehrerin und Geigenbauer und Tochter und überhaupt alle, die sich ein bisschen auskennen, von anerkennend bis fasziniert nicken, ich vergesse, dass ich vor einem halben Jahr nie gedacht hätte, in wenigen Monaten erste Stücke und einfache Sonaten anzugehen. Es ist mir nie genug.

Schaffe ich auch mal Zufriedenheit? Es würde mir gut tun.

Dabei ist mir vom Kopf her natürlich klar, dass mich derart überkritisches Fordern hemmt, dass mir meine eigenen Ansprüche als Barrieren quer im Weg liegen, dass ich viel sanfter vorangehen würde, könnte ich diese beiseite räumen.
Und vor allem: dass ich mich nicht, wie schon geschehen, in die Unfähigkeit hineinübe, wenn an einem Tag nach zwei Stunden, manchmal schon eher, die Kräfte nachlassen. Cellospielen ist eine körperlich sehr anstrengende Sache – vermutlich ist dies ja bei jedem Instrument so – und daher wird der Körper irgendwann müde. Zu Recht, er ist ja kein Hochleistungssportler und soll auch keiner werden. Ich aber zwinge ihn dennoch weiterzumachen. Ich übe oft so lange, bis mir das Spielen kaum mehr möglich ist, bis alle Körperempfindungen auf taub stellen, bis ich mich nicht mehr spüre. Manchmal sogar, bis es irgendwo anfängt zu schmerzen. Den linken kleinen Finger hatte ich schon so weit, den hatte ich überübt. (In der Osterferienpause konnte er sich erholen. Aber vor Wiederholung der Übertreibung bin ich wohl nicht geschützt. Wenngleich gewarnt.) Ich übe also offenbar immer so lange, bis es zu viel war.

Ist das mein Muster? Und schaffe ich es, die Bewusstwerdung dieses Musters zu nutzen, um Geduld zu lernen? Es wäre an der Zeit.

Und noch etwas bemerke ich: Wie ich von anderen abhängig bin. Nicht in dem Sinne, dass alle Welt – oder ein Teil der „alle Welt“ – natürlich meint, es wäre sinnlos, verrückt und vermessen, in diesem hohen Alter noch ein solch komplexes Instrument zu erlernen. Dieses Sagen interessiert mich nicht, sollen die Leute reden, ich weiß es besser.
Aber das andere, das lässt mich gelegentlich erstarren: die Bewertungen. Kommen sie nun tatsächlich, diese Wertungen von außen, oder habe ich nur alle inneren Ohren auf Empfang gestellt, so dass ich gar nichts anderes erwarte als Kritik? Jedenfalls fällt es mir auch nach so vielen Wochen der Gewöhnung noch schwer, zu üben, wenn jemand anderes im Haus ist. Natürlich ist ständig jemand im Haus, insofern spiele ich seltenst allein ohne Zuhörer, es dröhnt ja schon durch die Etagen. Aber ich registriere es jedes Mal. Jedes einzelne Mal. Zurückhaltung erfasst mich dann, und Scham. Ja, Scham. Sobald irgendwo oben Besuch von außen ist, und sei es nur ein Kinderbesuch, kann ich gar nicht mehr spielen. Sogar im Unterricht schießt mir öfter durch den Kopf, wie furchtbar es gerade klingen muss und dass ich mich vor der Lehrerin schäme.
Die Tochter sagt, das gehe ihr bei ihrer neuen Lehrerin ebenso, jetzt in den ersten Stunden. Dass es aber bald wieder nachlasse, wenn man sich erstmal kennengelernt habe. Möglicherweise ist sie mir auch hier weit voraus, die Tochter. Ich jedenfalls schäme mich. Wie ein kleines Kind.
Und freue mich über Lob, ja, ich brauche dies sogar. Auch wie ein kleines Kind.

Kann ich hierbei erwachsen(er) werden? Oder ist Kind-Erwachsener in diesem Zusammenhang die falsche Kategorie? Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob es das trifft. Es geht jedenfalls um eine Form der Reife, um Unabhängigkeit im Zu-mir-Stehen, um Unangreifbarkeit von den Bewertungen anderer, um ein selbstsicheres In-mir-Ruhen.

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Ich glaube, ich muss noch viel Cello spielen. Es gilt viel zu üben.

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Die bisherigen Cello-Texte finden sich hier und hier.

im März

Der Monat beginnt, während wir uns noch auf unserer Bergschneereise befinden, führt uns nach der Heimkehr in zaghaft frühlingsprießendes Wetter und endet mit ersten Fast-Sommer-Tagen. Im T-Shirt und dennoch schwitzend sitze ich am letzten Nachmittag des Monats am Fluss und ertrinke fast im Blütenbunt.
Ich bin viel draußen, schaffe mir ein neues Wegeritual rings um unser Dorf, am Wegesrand liegt immer wieder mein Baum, der tägliche Schulweg wird wieder auf den Fahrradsattel verlegt, Hängematte und Liegestühle bekommen eine Grundreinigung und anschließend häufigen Besuch von der Tochter und mir.
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Die Schule startet nach den Ferien heftig mit einem Stapel Vertretungsstunden, manchmal ist das eben so. Aber, hej: Ich fühle mich vor den Klassen mehr denn je wie ein Fisch im Wasser. In unserer kleinen Fünften gibt es unruhige Konstellationen und noch wenige Lösungsideen. Diese KollegInnen zu haben jedoch, mit denen man alles alles alles besprechen (und manchmal beweinen) kann, ist goldwert. Gerade in solch schwierigen Situationen.
Vom zweiten Dienstort verabschiede ich mich allmählich, mit einer langen Serie an Terminen, bei deren jedem ich innerlich ein kleines Häkchen setze. Gleichwohl zuckt es kurz in mir, als mich ein dritter Dienstort anspricht, sie hätten gehört, ich würde dort aufhören, ob ich nicht zu ihnen kommen wolle. Das schmeichelt und verlockt kurz, aber ich glaube, ich sollte bei meinem Nein bleiben.
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Der Sohn verbringt zwei Wochenenden auf Vorbereitungsseminaren für sein Italienjahr und bekommt wichtige Mailpost: Seine Gastfamilie. Es passt wie erträumt und führt zu jubelnder Aufregung hier im Haus. Die konkreten Planungen beginnen, vor allem, wie sich sein Klavierunterricht nun nach Mailand verlegen lässt. Das Klavier nämlich wird ihm gerade mal wieder zum wichtigsten Lebenselexier, er übt morgens mittags abends, lernt eine Sonate nach der anderen, ich komme mit dem Notenbestellen gar nicht hinterher. Und spielt am Ende des Monats auf dem Landeswettbewerb „Jugend musiziert“, Ergebnis gibt’s erst am Sonntag.
Die Tochter ist vom Weiterüben nach dem Januarwettbewerb weniger begeistert und schleppt sich mit Mühe durch die seit einem Jahr gleichen Stücke, sie wartet nur darauf, dass es morgen Nachmittag vorbei sein wird. Damit sie dann endlich auf ihr neues Cello umsteigen und sich der neuen Lehrerin widmen kann. Ja, der Monat endet mit der letzten Stunde bei ihrem sechsjährigen ersten und besten Cellolehrer.
In der Schule gibt es viele Klassenarbeiten, den Känguru-Wettbewerb und darüber hinaus Tochtertränen. Die tragen wir weiter in den nächsten Monat.
Der Sohn wählt eine neue Brille und verabschiedet sich vom langjährigen Harry-Potter-Nickelbrillen-Style, nun hat er auf der Nase, was alle tragen, das ist doch auch mal was. Die Tochter sucht ebenfalls nach ihrem eigenen Kleidungsstil und garniert das Ganze mit Unmengen an Kosmetik, deren Sinn und Funktion sich mir im Leben noch nicht erschlossen hat, ich lerne dazu;-)
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Wir schaffen es mal wieder ein paar liebe Menschen zu treffen, es beginnt schon in unserem Ferienbergdorf, und auch hier findet sich ab und zu Zeit für ein Weinchen mit Freunden. Ich schicke einen Stapel Papierpöste auf den Weg, von dieser Altmodischkeit will ich nicht lassen. Ein kleines Mädchen stirbt, ein Dorf weint, und der kranken Freundin geht es auch nicht gut. Wir sprechen in der Schule und zu Hause viel über’s Sterben und über die Netze, welche die Weiterlebenden nun haben. Und was wir dazu geben können. Ausgelöst dadurch formuliere ich erstmals im Leben auf einem Blatt Papier, im Moment noch in der Stichpunktversion, was ich mir für mein eigenes letztes Weggehen wünsche. Sollen hinterher ja nicht die anderen entscheiden müssen. Und man weiß nie, wann es soweit ist. Siehe letzten Monat …
Das Leben hat immer alles auf einmal in sich, eine große Osterreise will vorbereitet werden und strengt mich mit dem notwendigen Organisationskram schon ein wenig an, mal schauen, wie es dann dort wird. Im Moment bin ich müde, müde und müde, ich schlafe mal wieder viel zu wenig.
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Bei all dem trägt mich meine Musik, und wie. Der Monatsbeginn bringt ein neues Leihcello, welches das Wow nochmals steigert. Ich beginne eine erste Sonate von Cirri zu spielen (ab 2.45 vor allem: mein Traumsatz:)), die Tochter korrigiert: zu üben;-), und ich merke immer mehr, wie sehr mir dieses Instrument vorher im Leben gefehlt hat.
Und Lesen trägt, Schreiben noch viel mehr. Und natürlich – ein würdiger Schlusspunkt für diesen prallvollen Monat – Ihr, denen ich hier im Schreibraum begegne, Ihr tragt auch.
Danke für alles.

Cello #2 – Lagenwechsel

Da ist ein Ton. Ein Ton will gespielt werden
Nehmen wir das D, das gehört zu meinen Lieblingstönen …

Ich kann es zum Beispiel in der Tiefe spielen, auf der untersten C-Saite, der vollen, warmen mit dem sonoren Klang. Hier wird es vom starken ersten Finger gehalten, das ist leicht. Hier ist andererseits Kraft nötig, um die mächtige Saite ins Schwingen zu bringen, das fordert. Ist das schwer oder leicht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls: Der Ton strahlt am Ende Kraft aus.

Eine Oktave höher liegt ein D auf der leeren Saite. Es braucht keine linke Hand, das ist noch leichter, aber. Aber? Sauber ist das D, ja. Man kann einfach nicht irren im Griff. Dafür aber ist es nicht formbar. Oder weniger formbar, nur mit der rechten Hand zu gestalten. Das Leichte ist nicht immer das Passende. Und es ist nicht immer, was ich möchte.

Das gleiche D liegt noch einmal auf einer anderen Saite, in der sogenannten vierten Lage, die linke Hand wandert. Der gleiche Ton, und doch nicht gleich. Heller, schmaler im Klang, dafür zielstrebiger, fordernder und fokussierter. Und: ich muss ihn mit der Hand erst suchen, ertasten, erspüren. Dann aber bekomme ich ein Klanggeschenk.

Noch eine Oktave höher, in bequemer erster Lage, greift der schwache kleine Finger ein D. Weil dieser es in der Bewegung am schwersten hat, ist er doch vom Alltag her das Greifen nicht gewohnt, muss er am meisten lernen. Und hat dabei am meisten Verantwortung zu tragen für den Klang, für die sauberen Tonhöhen. Er muss sich immer wieder aufs Neue strecken, es ist zuweilen harte Arbeit für den kleinen Finger. Nun, er schlägt sich wacker, und sein D gehört zu meinen Lieblingstönen und -gefühlen. Hier auf der schmalen hohen A-Saite fühlt der kleine Finger sich wohl. Die Saite und er sind wohl seelenverwandt in ihrer Verletzlichkeit.

Nun, noch eine Oktave höher, dort wo das Cello fast wie eine Geige klingt, vermag ich noch nicht zu spielen. Dort ahne ich wunderbar leichte vom Fliegen beselte D’s. Dort oben am Griffbrett wird sich noch eine ganze Welt von D’s und weiteren Klängen öffnen …

Alle sind sie D’s. Es ist immer nur das gleiche D.
Und doch: Unterschiedlicher könnten die Töne und Klänge nicht sein.

Ob das bei meiner Lebensmusik ebenso ist?
Und bin nicht immer ich es, die spielt?