Musik

im April

Der Monat beginnt in frühlingshafter Wärme und wie immer mit dem 1. April, in den ich erstmals (?) von niemandem geschickt werde, nicht von den Kindern, nicht von Schülern. Bei letzteren liegt das wohl einfach daran, dass ich sie am Samstag nicht sehe:) Mir fehlt nichts, aber es fällt mir auf.
Zum Ende des Monats hin hat sich der heftige Frühling vom Monatsanfang zunächst wieder versteckt und schaut nur schüchtern um die Ecke. Man hofft ja doch, dass er sich im Mai endlich wieder hinaustrauen wird.
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Der Monat ist geprägt und dominiert von unserer New-York-Reise, von all dem Anstrengend-Spannenden schon vor dem Start (für uns, die wir sonst nie fliegend verreisen), von der Eindrucksflut der Riesenstadt, die zuweilen überfordert, von Jetlags, einer Tonne voller Fotos und Erinnerungen und von daraus geborenen neuen Reiseplänen:)
Durch die Reise übrigens fällt das Eierfärben natürlich aus, was vor allem ich ein wenig schade finde, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle.
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Vor und nach den Ferien gibt es natürlich Schulzeit, ein wenig nur. Aber auch eine einzelne Woche kann im Anstrengungsgewand auftreten, was vor den Ferien vor allem daran liegt, dass nebenher die Packvorbereitungen laufen und derart fordern, dass kaum mehr genug Schlafzeit bleibt.
Nach den Ferien ist natürlich alles liegengeblieben – die kompletten Ferien wegzufahren bedeutet ja, dass das reinigende Alles-weg-Korrigieren, Alles-weg-Aufräumen, Alles-weg-Kommunizieren und Alles-weg-Vorbereiten, womit zweiwöchige Ferien gut gefüllt sein können, nicht stattfinden kann und die angrenzenden Schulwochen mit kaum zu bewältigender Arbeitsdichte gefüllt sind. (Darum übrigens werde ich ab nächstem Jahr ein wenig mehr Teilzeit nehmen, also ein wenig weniger Deputat haben: Um in Ferien wegfahren zu können, ohne mich vorher und nachher in die Erschöpfung zu arbeiten.)
Die Reste des in den Ferien Nichtgeschafften schleppe ich in den Mai, nicht zu Ende korrigierte und nicht fertig erstellte Klassenarbeiten, nicht vorbereitete mündliche Prüfungen, ein Schulcurriculum im Rumpfzustand und (psst!) ein paar längst fällige GBUs. (Wer nicht naturwissenschaftlehrend ist, möge sich nicht beunruhigen: diese Abkürzung muss man nicht kennen, und das Dahinterstehende ebenfalls nicht.)
Ich hechle den Erfordernissen hinterher und finde mich seit langem wiedermal in der Situation, dass ich spätabends ganz knapp und sozusagen von der Hand in den Mund erst vorbereite. Da kommt der ganztägige Pädagogische Tag gerade Recht, selbst wenn er an meinem unterrichtsfreien Tag liegt: muss ich am Vorabend wenigstens mal nichts vorbereiten.
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Den Kindern geht es mit ihren Schulaktivitäten besser, die Klassenarbeitsdichte ist gering, die Hausaufgabenmenge wohl auch. Jedenfalls sehe ich sie kaum mal etwas für die Schule tun und auch nicht fluchen.
Ihre Musik im Haus dagegen erfährt heftige Belebung. Die Tochter hat ein neues Cello und eine neue Lehrerin, neue Stücke, neuen Schwung, alles lässt sich gut an.
Der Sohn ist nach dem Jugend-musiziert-Wettbewerb regelrecht manisch in der Erarbeitung von Neuem. Prokofjew, Liszt, Chopin, Beethoven tönen durchs Haus, ich komme mit dem Notenkaufen kaum hinterher. Vor allem die Dauer des täglichen Übens stellt hohe Anforderungen an alle Zuhörendennerven, denn ja, ein Flügel ist laut und tönt durch alle Wände. Dafür wurden also Silent pianos erfunden.
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Für viel mehr ist kein Raum in diesem Monat, ich bin wenig draußen (außer natürlich in New York), ich lese wenig, komme kaum zum Celloüben. Es fließen Tränen, denn die Freundin stirbt. Andere nahe Menschen beenden ihren Lebenskreis. Im Kollegium werden zwei Kinder geboren, und eines darf nach Intensivstationsmonaten wieder nach Hause. Mein Knie – nur das Knie, aber doch – muckert und erinnert sanft daran, dass auch mein Platz in diesem Lebenskreis zwischen Geborenwerden und Sterben kein unveränderlicher ist.
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Mein innerer Grundzustand dieses Monats ist gehetzt und unzufrieden. Alles ist viel zu viel. Sehnsüchte liegen brach vor mir, ich habe zu üben.
Sei mir das am letzten Monatstag im Garten aufgebaute Zelt ein Hoffnungsschimmer, dass mit bald beginnenden Rad-und-Zelt-Zeiten endlich wieder Tage des Ruhens kommen werden, ich brauche sie so.

 

Cello #3 – Spiegelbilder

Es wird Zeit, mal wieder ein wenig über mein Cello zu schreiben. Diesmal über mein Ich, welches sich mir im Cello spiegelt. Hat mir doch die Tochter heute einen unmissverständlichen Fingerzeig gegeben.
Wie ich übe und sie nebenher auf dem Sofa herumturnt, da grummelt sie plötzlich irgendetwas unter ihren Haaren hervor.
Hä, frage ich, ziemlich gedankenabwesend.
Na, richtet sie sich auf, stimmt doch.
Was, frage ich, stimmt?

So viel Selbstzweifel muss man erstmal hinbekommen.
Oh.
Bei jedem Ton, den Du spielst, verziehst Du das Gesicht, oder zuckst zusammen, oder murmelst das Sch… Wort, oder denkst es Dir.
Oh.
Du hörst halt gut genug, so dass Du hörst, dass es noch nicht gut ist. Das ist doch gut!
Oh.

Was für ein Spiegel, den die Tochter mir da vorhält. Sie beobachtet glasklar. Und hat so Recht. Kindermund tut Wahrheit kund und so.

Vielleicht ist mir das ganze Instrument überhaupt nur als Spiegel zugelaufen? Vielleicht habe ich in ihm hauptsächlich den Spiegel gesucht?
Ganz gleich, wer da suchte, zulief, führte – ich will mich dem fügen, was sich mir hier zeigt. War mir doch auch bei der Lehrerinnensuche von vornherein klar: Eine Frau sollte es sein. Und zwar eine, die deutlich älter ist als ich. Damit ich mich einfügen und aufs Geführtwerden einlassen kann.
Eine solche Lehrerin habe ich gefunden, das ging sehr schnell. Vielleicht, weil so klar war, dass ich genau diese brauchte. Und nun, da ich Stunde um Stunde nicht nur vom Instrument, sondern auch von der Lehrerin den Spiegel vorgehalten bekomme – die beiden haben sich verbündet:) – da wird mir manches deutlich.

Ich will alles auf einmal. Immer. Sofort. Ich will sogar mehr als alles, ich will 150%. Weil 120% noch zu wenig sind.
Wenn in einer Übung eine Phrase zunächst einmal pro Bogen gespielt werden soll, dann zweimal, dann erst dreimal und letztlich viermal, dann versuche ich immer zuerst den Vierer, ich will es sofort ganz schnell spielen. Die Schleife über das Langsame nehme ich erst nach dem Scheitern an der Geschwindigkeit.
Wenn ein Griff nicht klappt, weil meine Hand vielleicht zu klein ist – ja, ich habe recht kleine Hände, einige Griffe kann ich nur durch Springen schaffen, wenn ich nicht im Laufe der Zeit noch einige Millimeter durch Dehnung gewinne, und Springen ist schwieriger als gleichzeitiges Aufsetzen, gleichwohl aber möglich (die Tochter mit ihren Minihänden springt derzeit auf ihrem 3/4-Cello auch und schafft es einwandfrei sauber und gebunden, und bei Belesen in Netzforen finde ich genau das: Frauen mit kleineren Händen müssen sich eben so behelfen, was aber durchaus möglich ist, nur einen längeren Lernweg erfordert) – wenn also eine solche Stelle mit Weitgriff mich derzeit stark fordert und anfangs grob unsauber klingt, dann fühle ich mich sofort als zu schlecht, als zu unfähig. Wider besseres Wissen, dass hier tatsächlich eine objektive Handgröße verantwortlich ist, zunächst.
Wenn ich mich auf die Intonation einer Stelle konzentriere und diese stimmiger wird, rutscht mir im Gegenzug der Bogenkontakt weg, wenn die Gleichmäßigkeit des Tons zunimmt, verschiebt sich die Haltung der linken Hand, wenn die Bindungen zwischen den Tönen anfangen sich zu glätten, verspannen sich mein Kiefer und meine große Zehe. Weil man die Dinge nacheinander lernen müsste, ich aber stets an allen gleichzeitig arbeite und alles auf einmal will. So gibt es stets etwas, bei jedem einzelnen Ton, das mir nicht reicht. Und weil alle Abläufe so komplex miteinander verschachtelt sind, weil eine Schraube gleichzeitig alle anderen verdreht und ich von Körpergefühl und Ohr her alle alle wahrzunehmen vermag (was, wie die Tochter ganz richtig sagt, doch eigentlich ein wunderbarer Vorteil ist), deswegen finde ich  stets einen Grund, das Gesamtspiel unzureichend zu finden.
Nie sehe ich, wie viel ich in diesen vier Monaten geschafft habe, ich übersehe geflissentlich, wie Lehrerin und Geigenbauer und Tochter und überhaupt alle, die sich ein bisschen auskennen, von anerkennend bis fasziniert nicken, ich vergesse, dass ich vor einem halben Jahr nie gedacht hätte, in wenigen Monaten erste Stücke und einfache Sonaten anzugehen. Es ist mir nie genug.

Schaffe ich auch mal Zufriedenheit? Es würde mir gut tun.

Dabei ist mir vom Kopf her natürlich klar, dass mich derart überkritisches Fordern hemmt, dass mir meine eigenen Ansprüche als Barrieren quer im Weg liegen, dass ich viel sanfter vorangehen würde, könnte ich diese beiseite räumen.
Und vor allem: dass ich mich nicht, wie schon geschehen, in die Unfähigkeit hineinübe, wenn an einem Tag nach zwei Stunden, manchmal schon eher, die Kräfte nachlassen. Cellospielen ist eine körperlich sehr anstrengende Sache – vermutlich ist dies ja bei jedem Instrument so – und daher wird der Körper irgendwann müde. Zu Recht, er ist ja kein Hochleistungssportler und soll auch keiner werden. Ich aber zwinge ihn dennoch weiterzumachen. Ich übe oft so lange, bis mir das Spielen kaum mehr möglich ist, bis alle Körperempfindungen auf taub stellen, bis ich mich nicht mehr spüre. Manchmal sogar, bis es irgendwo anfängt zu schmerzen. Den linken kleinen Finger hatte ich schon so weit, den hatte ich überübt. (In der Osterferienpause konnte er sich erholen. Aber vor Wiederholung der Übertreibung bin ich wohl nicht geschützt. Wenngleich gewarnt.) Ich übe also offenbar immer so lange, bis es zu viel war.

Ist das mein Muster? Und schaffe ich es, die Bewusstwerdung dieses Musters zu nutzen, um Geduld zu lernen? Es wäre an der Zeit.

Und noch etwas bemerke ich: Wie ich von anderen abhängig bin. Nicht in dem Sinne, dass alle Welt – oder ein Teil der „alle Welt“ – natürlich meint, es wäre sinnlos, verrückt und vermessen, in diesem hohen Alter noch ein solch komplexes Instrument zu erlernen. Dieses Sagen interessiert mich nicht, sollen die Leute reden, ich weiß es besser.
Aber das andere, das lässt mich gelegentlich erstarren: die Bewertungen. Kommen sie nun tatsächlich, diese Wertungen von außen, oder habe ich nur alle inneren Ohren auf Empfang gestellt, so dass ich gar nichts anderes erwarte als Kritik? Jedenfalls fällt es mir auch nach so vielen Wochen der Gewöhnung noch schwer, zu üben, wenn jemand anderes im Haus ist. Natürlich ist ständig jemand im Haus, insofern spiele ich seltenst allein ohne Zuhörer, es dröhnt ja schon durch die Etagen. Aber ich registriere es jedes Mal. Jedes einzelne Mal. Zurückhaltung erfasst mich dann, und Scham. Ja, Scham. Sobald irgendwo oben Besuch von außen ist, und sei es nur ein Kinderbesuch, kann ich gar nicht mehr spielen. Sogar im Unterricht schießt mir öfter durch den Kopf, wie furchtbar es gerade klingen muss und dass ich mich vor der Lehrerin schäme.
Die Tochter sagt, das gehe ihr bei ihrer neuen Lehrerin ebenso, jetzt in den ersten Stunden. Dass es aber bald wieder nachlasse, wenn man sich erstmal kennengelernt habe. Möglicherweise ist sie mir auch hier weit voraus, die Tochter. Ich jedenfalls schäme mich. Wie ein kleines Kind.
Und freue mich über Lob, ja, ich brauche dies sogar. Auch wie ein kleines Kind.

Kann ich hierbei erwachsen(er) werden? Oder ist Kind-Erwachsener in diesem Zusammenhang die falsche Kategorie? Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob es das trifft. Es geht jedenfalls um eine Form der Reife, um Unabhängigkeit im Zu-mir-Stehen, um Unangreifbarkeit von den Bewertungen anderer, um ein selbstsicheres In-mir-Ruhen.

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Ich glaube, ich muss noch viel Cello spielen. Es gilt viel zu üben.

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Die bisherigen Cello-Texte finden sich hier und hier.

im März

Der Monat beginnt, während wir uns noch auf unserer Bergschneereise befinden, führt uns nach der Heimkehr in zaghaft frühlingsprießendes Wetter und endet mit ersten Fast-Sommer-Tagen. Im T-Shirt und dennoch schwitzend sitze ich am letzten Nachmittag des Monats am Fluss und ertrinke fast im Blütenbunt.
Ich bin viel draußen, schaffe mir ein neues Wegeritual rings um unser Dorf, am Wegesrand liegt immer wieder mein Baum, der tägliche Schulweg wird wieder auf den Fahrradsattel verlegt, Hängematte und Liegestühle bekommen eine Grundreinigung und anschließend häufigen Besuch von der Tochter und mir.
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Die Schule startet nach den Ferien heftig mit einem Stapel Vertretungsstunden, manchmal ist das eben so. Aber, hej: Ich fühle mich vor den Klassen mehr denn je wie ein Fisch im Wasser. In unserer kleinen Fünften gibt es unruhige Konstellationen und noch wenige Lösungsideen. Diese KollegInnen zu haben jedoch, mit denen man alles alles alles besprechen (und manchmal beweinen) kann, ist goldwert. Gerade in solch schwierigen Situationen.
Vom zweiten Dienstort verabschiede ich mich allmählich, mit einer langen Serie an Terminen, bei deren jedem ich innerlich ein kleines Häkchen setze. Gleichwohl zuckt es kurz in mir, als mich ein dritter Dienstort anspricht, sie hätten gehört, ich würde dort aufhören, ob ich nicht zu ihnen kommen wolle. Das schmeichelt und verlockt kurz, aber ich glaube, ich sollte bei meinem Nein bleiben.
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Der Sohn verbringt zwei Wochenenden auf Vorbereitungsseminaren für sein Italienjahr und bekommt wichtige Mailpost: Seine Gastfamilie. Es passt wie erträumt und führt zu jubelnder Aufregung hier im Haus. Die konkreten Planungen beginnen, vor allem, wie sich sein Klavierunterricht nun nach Mailand verlegen lässt. Das Klavier nämlich wird ihm gerade mal wieder zum wichtigsten Lebenselexier, er übt morgens mittags abends, lernt eine Sonate nach der anderen, ich komme mit dem Notenbestellen gar nicht hinterher. Und spielt am Ende des Monats auf dem Landeswettbewerb „Jugend musiziert“, Ergebnis gibt’s erst am Sonntag.
Die Tochter ist vom Weiterüben nach dem Januarwettbewerb weniger begeistert und schleppt sich mit Mühe durch die seit einem Jahr gleichen Stücke, sie wartet nur darauf, dass es morgen Nachmittag vorbei sein wird. Damit sie dann endlich auf ihr neues Cello umsteigen und sich der neuen Lehrerin widmen kann. Ja, der Monat endet mit der letzten Stunde bei ihrem sechsjährigen ersten und besten Cellolehrer.
In der Schule gibt es viele Klassenarbeiten, den Känguru-Wettbewerb und darüber hinaus Tochtertränen. Die tragen wir weiter in den nächsten Monat.
Der Sohn wählt eine neue Brille und verabschiedet sich vom langjährigen Harry-Potter-Nickelbrillen-Style, nun hat er auf der Nase, was alle tragen, das ist doch auch mal was. Die Tochter sucht ebenfalls nach ihrem eigenen Kleidungsstil und garniert das Ganze mit Unmengen an Kosmetik, deren Sinn und Funktion sich mir im Leben noch nicht erschlossen hat, ich lerne dazu;-)
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Wir schaffen es mal wieder ein paar liebe Menschen zu treffen, es beginnt schon in unserem Ferienbergdorf, und auch hier findet sich ab und zu Zeit für ein Weinchen mit Freunden. Ich schicke einen Stapel Papierpöste auf den Weg, von dieser Altmodischkeit will ich nicht lassen. Ein kleines Mädchen stirbt, ein Dorf weint, und der kranken Freundin geht es auch nicht gut. Wir sprechen in der Schule und zu Hause viel über’s Sterben und über die Netze, welche die Weiterlebenden nun haben. Und was wir dazu geben können. Ausgelöst dadurch formuliere ich erstmals im Leben auf einem Blatt Papier, im Moment noch in der Stichpunktversion, was ich mir für mein eigenes letztes Weggehen wünsche. Sollen hinterher ja nicht die anderen entscheiden müssen. Und man weiß nie, wann es soweit ist. Siehe letzten Monat …
Das Leben hat immer alles auf einmal in sich, eine große Osterreise will vorbereitet werden und strengt mich mit dem notwendigen Organisationskram schon ein wenig an, mal schauen, wie es dann dort wird. Im Moment bin ich müde, müde und müde, ich schlafe mal wieder viel zu wenig.
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Bei all dem trägt mich meine Musik, und wie. Der Monatsbeginn bringt ein neues Leihcello, welches das Wow nochmals steigert. Ich beginne eine erste Sonate von Cirri zu spielen (ab 2.45 vor allem: mein Traumsatz:)), die Tochter korrigiert: zu üben;-), und ich merke immer mehr, wie sehr mir dieses Instrument vorher im Leben gefehlt hat.
Und Lesen trägt, Schreiben noch viel mehr. Und natürlich – ein würdiger Schlusspunkt für diesen prallvollen Monat – Ihr, denen ich hier im Schreibraum begegne, Ihr tragt auch.
Danke für alles.

Cello #2 – Lagenwechsel

Da ist ein Ton. Ein Ton will gespielt werden
Nehmen wir das D, das gehört zu meinen Lieblingstönen …

Ich kann es zum Beispiel in der Tiefe spielen, auf der untersten C-Saite, der vollen, warmen mit dem sonoren Klang. Hier wird es vom starken ersten Finger gehalten, das ist leicht. Hier ist andererseits Kraft nötig, um die mächtige Saite ins Schwingen zu bringen, das fordert. Ist das schwer oder leicht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls: Der Ton strahlt am Ende Kraft aus.

Eine Oktave höher liegt ein D auf der leeren G-Saite. Es braucht keine linke Hand, das ist noch leichter, aber. Aber? Sauber ist das D, ja. Man kann einfach nicht irren im Griff. Dafür aber ist es nicht formbar. Oder weniger formbar, nur mit der rechten Hand zu gestalten. Das Leichte ist nicht immer das Passende. Und es ist nicht immer, was ich möchte.

Das gleiche D liegt noch einmal auf einer anderen Saite, in der sogenannten vierten Lage, die linke Hand wandert. Der gleiche Ton, und doch nicht gleich. Heller, schmaler im Klang, dafür zielstrebiger, fordernder und fokussierter. Und: ich muss ihn mit der Hand erst suchen, ertasten, erspüren. Dann aber bekomme ich ein Klanggeschenk.

Noch eine Oktave höher, in bequemer erster Lage, greift der schwache kleine Finger ein D. Weil dieser es in der Bewegung am schwersten hat, ist er doch vom Alltag her das Greifen nicht gewohnt, muss er am meisten lernen. Und hat dabei am meisten Verantwortung zu tragen für den Klang, für die sauberen Tonhöhen. Er muss sich immer wieder aufs Neue strecken, es ist zuweilen harte Arbeit für den kleinen Finger. Nun, er schlägt sich wacker, und sein D gehört zu meinen Lieblingstönen und -gefühlen. Hier auf der schmalen hohen A-Saite fühlt der kleine Finger sich wohl. Die Saite und er sind wohl seelenverwandt in ihrer Verletzlichkeit.

Nun, noch eine Oktave höher, dort wo das Cello fast wie eine Geige klingt, vermag ich noch nicht zu spielen. Dort ahne ich wunderbar leichte vom Fliegen beselte D’s. Dort oben am Griffbrett wird sich noch eine ganze Welt von D’s und weiteren Klängen öffnen …

Alle sind sie D’s. Es ist immer nur das gleiche D.
Und doch: Unterschiedlicher könnten die Töne und Klänge nicht sein.

Ob das bei meiner Lebensmusik ebenso ist?
Und bin nicht immer ich es, die spielt?

Cello #1 – Aufeinanderzu

Es wurde Zeit.

Ich weiß gar nicht mehr, wann es mich zum ersten Mal ergriff. Als G., wir waren noch Kinder, Schumanns „Fröhlichen Landmann“ spielte und ich die warmdunkle Melodie bis in meine Träume hörte? Als A. ihr Instrument mit auf die Konfirmandenfreizeit genommen hatte und ich heimlich vor ihrem Zimmer stand, um zu lauschen, wie sie übt? Als die W.s in ihrer Wohnung Hausmusik machten und ich immer nur das große braune Instrument anschauen konnte?

Ich glaube, es war Liebe auf den ersten Blick. Oder auf den ersten Klang, wie es richtig heißen müsste.
Lange war ich mir ihrer nicht bewusst. Ich hatte ja keine Möglichkeiten, sie zu einer realen werden zu lassen. Im Unterschied zum Klavier, mit dem mich von früh an eine ähnliche Affinität verband, konnte ich meine Celloliebe nicht ausprobieren. Während ich jedes Klavier, welches mir je am Wegesrand stand, bespielte, soweit ich dies vermochte, kam ein Cello einfach nicht des Wegs. Ein einziges Mal, es muss in den Neunzigern gewesen sein, fragte ich U., ob ich einmal auf seinem ausprobieren dürfte, wie es sich anfühlt. Sein entsetzter Blick lehrte mich, dass man Celli offenbar nicht aus der Hand gibt. Ich stellte eine solche Frage nie wieder.

Später dann hatte ich zwei Kinder, eines davon wählte sich das Klavier, das zweite das Cello. Dies machte mir ein schlechtes Gewissen, weil ich vermutete, ich hätte meine eigenen Träume in die Kinder projiziert. Auch wenn diese ausdauernd versichern, dass sie sich ihre Instrumente wirklich nach den Lehrern ausgesucht hätten, und wenn ihr Aufblühen in der Musik mich beruhigen könnte – ganz frei werde ich von dem Gedanken nicht. Aber nun: es kam, wie es kam.

Vor sechs Jahren hielt also das erste Cello Einzug in unserem Hause. Ich juchzte. Es war aber ein Achtelinstrument und hatte somit etwa die Dimension einer Bratsche. Als ich es zwischen (oder besser: auf) die Knie nahm, konnte ich es als Cello nicht wahrnehmen. Später das Viertelinstrument und das halbe Cello ließ ich aus, sie waren ja immer noch sehr klein.
Und dann zog im Dezember ein Dreiviertelcello ein. Endlich groß genug für mich, um es wie ein „echtes“ im Arm zu halten, zwischen den Knien, und vor allem um zu vermitteln wie sein Klang ertönt.

Es war … das war … als hätte ich es immer gewusst. Wie ich es erahnt hatte, so fühlt es sich wirklich an. Ich halte es im Arm … wie eine Geliebte, möchte ich sagen. Und sage es nun einfach. Es passt genau zu mir und in mich, es liegt dort, als hätte es schon immer dort gelegen. 
Und es vibriert genau so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Vom Instrument in die Brust und zurück. Der Klang dringt bis in die Fingerspitzen. Da sind Töne im ganzen Körper. Es ist ein wenig wie Singen, nur noch inniger, weil die Innen-Außen-Grenze aufgehoben ist.
Eine Passung. Ich brauchte keine Sekunde, dies zu begreifen.
Und dann benötigte ich noch ein paar weitere Tage sowie einen Ruck, den Freunde mir gaben, bis ich mein stimmiges Gefühl wagte in die Tat umzusetzen.
Es sollte so sein.

Bei einem Geigenbauer vor Ort ertelefonierte ich mir ein Leihcello, noch vor Weihnachten. Eigentlich hatte er gerade keines, aber meine Stimme sagte ihm wohl, wie drängend es ist. Wenige Tage später hatte er mir eines aufbereitet.
Ebenso „erquengelte“ ich mir meine ersten beiden Unterrichtsstunden. So schnell hatte ich ja keine eigene Lehrerin finden können, darum erbat ich bei der künftigen Tochterlehrerin zwei Stunden, die sie noch vor den Weihnachtsferien in ihren vollen Terminplan einschob.
So war die Ferienzeit gefüllt mit dem Instrument und meinen ersten Übungen darauf.
Irgendwann in diesen Tagen tat sich auch ein Wink und die Tür auf zu der Lehrerin, bei der ich nun eine Weile bleiben werde, ich wunderte mich schon gar nicht mehr, dass ich so schnell zu ihr und damit dem richtigen Menschen fand.

Und seitdem spiele ich, und spiele, und spiele. Kaum ein Tag vergeht ohne. Ein steter Dialog zwischen Aus-mir-lassen und In-mich-aufsaugen. So beginnt sich Musik unter meinen Händen, in meinen Armen, tief aus mir heraus zu formen.
Gerade spielt sich eine „Erinnerung“ von Chopin. Ich habe sie wohl hunderte Male schon erklingen lassen. Da liegen Töne vor mir, die sich noch erst entwickeln und gestalten lassen wollen, die mich und mein Spüren und Vibrieren aufnehmen und mit mir zusammen etwas Neues schaffen können. Das Geschenk täglichen Erbebens.
(Wie sich das – von außen, noch – anhört, all das Kratzen und Quietschen und Zuhoch und Zutief, und wie ich mit meinen Ansprüchen und meiner Unzufriedenheit umgehe, davon erzähle ich ein anderes Mal.)
Mit der Tochter habe ich die ersten Duette musiziert, beim allerersten habe ich geweint.
Und wenn es abends zu spät für die lauten Töne ist, gehe ich ans Klavier, das ist digital und darum lautlos. Selbst hierher strahlt das Cello aus: mir scheint, ich spiele seither auf dem Klavier viel intensiveres Legato.
Das alles war und ist unglaublich. Und es fängt ja gerade erst an.

Und nun bin ich hier, eine ganze Woche ohne mein Instrument. Das erste Mal trennen wir uns voneinander. Wenigstens habe ich die Schule, die Noten mitgenommen, lese darin, höre und spiele innerlich. Und auch auf dem Player läuft seit Wochen beinahe nur Cellomusik. Ich spüre sie schon ganz in mir. Als würde sie aus mir selbst kommen. Auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist, und selbst wenn ich zu einigen oder vielen Stücken noch lange oder gar nie mehr kommen werde …

Ich spiele Cello.
Es wurde Zeit.

im Februar

verlief manches anders als gedacht, wobei sich dies vor allem auf meine inneren Prozesse bezieht und ich jetzt zum Monatsende kaum ausmachen kann, was dieses „manches“ alles beinhaltet, und wann genau ich mich so außerhalb meiner selbst zu fühlen begann
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natürlich war es in der Schule heftig, mit Elternsprechtag und Elternabend und Wettbewerben und Konferenzen und vielen Vertretungen (alle sind krank, mich traf es ja auch ein zweites Mal) und der Terminhäufung am zweiten Dienstort – aber das ist es ja immer
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war ich erleichtert, als die Kinder ein paar Tage zu Schulorchesterproben verreist waren und die Termindichte darum ein wenig nachließ
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hatten wir lieben Berliner Besuch hier im Haus, was zwar einerseits kaum in den Alltag zu integrieren ist, aber andererseits in wohltuende, hilfreiche Gespräche führte
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spielte ich viel Cello – was sonst:) – und dies ist mir tatsächlich in so kurzer Zeit zu meinem wichtigsten Seelenbalsam geworden
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überlebte ich den 15. Februar und werde ihn von nun an als meinen zweiten Geburtstag im Jahr feiern (mehr möchte ich hier nicht davon erzählen)
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versuche ich nun, in den kurzen Ferientagen in unserer wohlvertrauten Bergwelt wieder in die Ruhe des Jahresanfangs zurückzufinden, was mir durch den heute gefallenen Schnee erleichtert wird, wenn dieser auch ziehende, schmerzende, traurige Erinnerungen aufwirbelt
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habe ich große Sehnsucht nach dem Frühling mit seiner lindernden Lichtheit

12 von 12 im Februar

Meine Bilder konnten heute nur im Kopf entstehen, es war weder Gelegenheit noch Zeit, sie in eine mit den Augen sichtbare Form zu bringen. Also halte ich sie auf diese neue Weise fest, warum auch nicht den Tag wortbebildern?

Bild 1
Ein Hauch Morgenhell fällt durch die Vorhänge, die Bettdecke liegt in ihrer eigenen, schwer erkennbaren Ordnung um mich herum, und unsichtbar wehen über dem Moment Traumfäden.

Bild 2
Drei Bücher stapeln sich auf dem kleinen Tischchen, daneben steht die zum Überlaufen gefüllte Kaffeetasse. Die Kerzen sind noch nicht – oder nicht mehr? – angezündet, auf den Tagebüchern liegen verschiedene Stifte.

Bild 3
Ein karg-grün-grauer Rasen, braune Maulwurfshügeln bilden ein Muster. Und die Barfüße hinterlassen sanfte, kaum erkennbare Spuren.

Bild 4
Die Tochter sitzt über ihrem Hausaufgabenschreibtisch, in ihrem hellen Sonntagskleid sieht das von draußen hereinfallende Licht gleich noch viel strahlender aus.

Bild 5
Im großen Zimmer wird ein langer Tisch ausgezogen, er füllt sich mit Geschirr, Besteck, Gläsern, Servietten und Getränken. Das Stuhlsammelsurium lässt erkennen, dass es aus mehreren Zimmern zusammengetragen wurde.

Bild 6
Der Tisch ist überladen gefüllt mit Zutaten für diverse japanische Gerichte, der Nachbartisch biegt sich ebenso. Um die Tische herum stehen vier Kinder und acht Erwachsene und halten Getränke in der Hand. Die Entschlossenheit, sich zu setzen, ist noch nicht so groß, der Appetit dagegen schon.

Bild 7
Eine Küche voller Geschirr und leerer Platten. Eine ratternde Geschirrspülmaschine. Reste von Kaffee, Saft, Soßen und Krümel verteilen sich quer durch den Raum.

Bild 8
Auf der Straße vor dem Haus. Ein altes kleines Auto mit Berliner Nummernschild. Ein junger Mann und eine Frau, nicht mehr so jung, aber eben auch nicht wie seine Mutter ausschauend, tragen zwei Reisetaschen ins Haus.

Bild 9
Graugrüntrübe Felder mit kargen Streuobstbäumen, ein sich bedeckt haltender Himmel, in der Ferne die Häuser verschiedener Dörfer, vier in der Feldeinsamkeit spazierengehende Menschen.

Bild 10
Ein erneut gedeckter Tisch, nicht ganz so lang wie mittags, und diesmal mit nur einem Gang. Erneut Weinflaschen und Gläser. Sechs hin- und herfabulierende Menschen.

Bild 11
Sechs Menschen vor einem Monitor, darauf läuft ein Film mit kleinen Kindern. Diese – inzwischen nicht mehr ganz so klein – sitzen in Sesseln und Sitzsäcken davor und schmunzeln oder lachen laut, je nach Temperament. Immer wieder fällt der Satz: „Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern.“

Bild 12
Zwei Frauen am Tisch, immer wieder am gleichen. Keinerlei Essensanzeichen. Dafür Gläser und Flaschen. Rotweinspuren auf dem Tisch. Die Füße befinden sich im Schneidersitz auf der Sitzfläche. „Dass das noch geht“, sagt die eine. „Haben wir uns verändert?“, fragt die andere.

Ich, Celloschülerin

Ich will immer alles. Sofort.

Aber ohne es geschenkt zu bekommen, das auch wieder nicht. Und ohne mich auf irgendeine Weise beschwichtigen zu lassen.

Wenn es nicht auf Anhieb klappt, werde ich unzufrieden mit mir. Ich hadere und sehe nicht, was ist. Sondern nur, was fehlt.

Dabei werde ich zum kleines Kind. Brauche das Gelobtwerden. Bräuchte es. Und wenn ich es bekomme, wehre ich es ab.

Selbst kann ich mir kaum einen positiven Blick schenken. Es siegt stets die Kritikerin, die innere Richterin.

Ich übe oft mehr, als mir und meinem Körper guttut. Das spüre ich, aber es hält mich nicht vom Übermaß ab.

Um dies zu verbergen, verstecke ich die Anspannung, sogar vor mir selbst. Arm und Hand etwa bleiben locker, dafür verkrampfen rechter Fuß und Kiefer. Ich finde geschickte Wege, mich zu überlisten.

Ich will immer alles. Sofort.

 

Was für einem Spiegel ich mich da ausgesetzt habe …

WmDedgT 02/2017

Sonntag ist der Tag ohne Wecker, das weiß mittlerweile sogar ich. Es wird kurz nach acht, als sich mir die Augen öffnen, es ist schon hell draußen, ein fast vergessenes Gefühl beim Aufwachen.

Meine Lesestunde. Weil ich derzeit in drei Büchern gleichzeitig lese und es mich auch heute in alle zieht, gerät diese ein wenig länger. Gut so. Um’s Unterwegssein geht es in meiner Lektüre, und um’s Abschiednehmen. Beides gar nicht so verschieden.

Kurz nach zehn wird das Tochterkind wach und hungrig, wir frühstücken. Sie hat sich schon in T-Shirt und Röckchen geworfen, hört im Kopf unablässig eigene Musik und tanzt dabei vor sich hin. Das geht auch am Frühstückstisch, sitzend. Als ich es ihr nachtue und ebenfalls mit rhythmischen Arm- und Körperbewegungen anfange, bin ich natürlich peinlich:(
Ansonsten geht es beim Frühstücksgespräch noch darum, dass Newton kein freundlicher Mensch war, weil er die Untersuchung mit dem Apfel erst nur vorgetäuscht habe (hä? echt jetzt?), ob Laser was mit dem Tunneleffekt zu tun haben, und wann wir nachher losmüssen. Und dass man vor dem Hochrennen ins Zimmer immer zweimal mit je zwei Händen Dinge in die Küche zu tragen habe. Das wird von Kindern ja gern täglich mehrmals vergessen.

Vor dem Mittagstermin reicht es mir für eine weitere Stunde Sofasitzzeit. Bücher und Schreibhefte und so.
Dann duschen und anziehen, wir müssen bald weg, doch vorher noch meine Celloübezeit. Heute bin ich fahrig und unzufrieden. Das wird auch nicht besser, als ich mein derzeitiges Übestück aufnehme und mich beim Anhören das nackte akustische Grausen überkommt. So unsauber, so kratzig, so ungleichmäßig, so wenig Musik. Es soll heute nicht sein.

Lieber schreibe ich noch an Kollegen, ich brauche für morgen dringend ein paar Zuarbeiten, hoffentlich schauen sie noch in ihre Mails, ist ja schließlich Sonntag, ein eingeschalteter Computer entweiht diesen Tag, irgendwie.

Und dann müssen wir weg, Preisträgerkonzert in der Musikschule. Die Kinder stellen fest, dass die, die da spielen, immer jünger werden. Aha, das alte-Leute-Syndrom erfasst jetzt auch schon 10- und 15jährige:) Die Tochter ist tatsächlich schon fast ans Ende des Programms gerutscht – es geht nach Alter. Und der Sohn spielt hier gar nicht mehr, weil er mittlerweile die Musikschule gewechselt hat. Ansonsten wäre er der Allerälteste gewesen. Mensch, die Zeit vergeht. Der Sohn also sitzt entspannt in der Gegend herum, genießt, dass er nicht auf die Bühne muss, die kleine Schwester ärgert sich über ihre Fehler – beim Einspielen hätte noch alles geklappt, und was jetzt alle denken … Anschließend gibt es Saft und Sekt und Häppchen, da ist auch für die Tochter alles wieder gut. Und für unsere leeren Ohne-Mittagessen-Mägen sowieso.

Zu Hause ist kurze Kaffeebesinnungszeit, dann sitze ich am Schulschreibtisch. Weil das Wochenende lang und gut war, lässt es sich zäh an. Der Kopf war in einer anderen Welt und findet nur schwer zurück.
Währenddessen lassen die Kinder sich in die Orchesterprobe fahren und kehren nach kürzester Zeit zurück. Natürlich waren sie in Wirklichkeit zwei Stunden dort. Waaas, schon acht?

Wir essen, sie verraten mir, wann und wo morgen der Treffpunkt ist, beide fahren mit dem Schulorchester zu Probentagen. Die Sachen sind im Prinzip gepackt. Im Prinzip. Bis auf … – Nein, für Wäschewaschen ist es jetzt zu spät! Doch, das hatte ich heute Mittag schon gesagt! – … Mütter sind gemein. Aber echt mal, es findet sich doch wohl noch genug Klamottiges im Schrank.
Als das und auch die Verteilung der Zahnpastatuben auf Tochter- und Sohngepäck ausdiskutiert sind, müssen nur noch Cello- und Notenständer in den Koffer gequetscht – Von draußen passte das aber?!?!?! -, Impfausweis und Krankenkassenkarte des Sohns ausfindig gemacht – unter dem unausgepackten Gepäckhaufen seiner Januarreise, ein Hoch auf Mutterinstinkte! – und die Sache mit den Noten geklärt werden.

Aaaahhhh, die Noten. Fällt beiden jetzt ein. Musizieren braucht nämlich Noten. Meinen Chaoskindern verlangt diese Tatsache alles ab.
Und so sieht man um kurz vor zehn die Tochter mit der geliehenen Notenmappe der Pultnachbarin vor meinem Kopierer sitzen und Blatt um Blatt hindurchschieben. Ihre eigenen Kopien scheinen sich im Laufe des Schuljahres weitgehend verflüchtigt zu haben.
Der Sohn hingegen startet eine Großraumsuche nach dem Heft mit den englischen Liedern. Ich schwöre, ich habe das im Leben nicht gesehen. Deswegen kann es auch nicht im Zuge meiner Weihnachtswohnzimmeraufräumaktion verloren gegangen sein. These steht gegen These. Wir diskutieren bei dieser Gelegenheit gleich den grundsätzlichen Sinn und Unsinn von Aufräumen, Ordnung, Ablagesystemen und ähnlichen Müttererfindungen. Während wir zu zweit auf dem Boden sitzen und einen Kubikmeter Notensammlung Blatt um Blatt wenden. Das Heftlein bleibt verschwunden, damit wird der Orchesterchef jetzt leben müssen.

Es ist halb elf, als die Brut im Bett ist. Irgendwie schön, so ein Feierabend, wenn die Kinder schlafen gehen. Nur noch die Schultasche packen, die sich sperrende Datensicherung überlisten, die eigentlich noch geschrieben werden wollenden Postkarten auf morgen verschieben … und ein wenig seufzen. Weil ich nun endlich zu mir finde, weil die kommende Woche dichtestgepackt sein wird, weil mir die Kinder in den drei Tagen fehlen werden, und weil mich eine leise Wehmut durchzieht. Das Leben ist so bunt, so voll, so prallelebendig, und – in einem Parallelstrang – so voller Melancholie und sanfter Traurigkeit. Alles auf einmal. 

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

im Januar

ging es wie zu jedem Jahresstart erst einmal mit einem langsamen Tempo, einer noch stillen Zeit los – welch ein Glück diese langen Weihnachtsferien doch jedes Jahr sind!
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fanden darum – neben anderen Seelendingen – viel Schreiben, viele Bücher und sogar einige Filme Platz, bis der Wiederbeginn der Schule das Schwelgen in Buchstabenwelten ein wenig abebben ließ
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folgten auf erholsamste Ferienwochen vollgestopfte Schulwochen mit 120 Klassenarbeitskorrekturen, 140 Zeugnisnoten, Zeugnisschreiben, haufenweise Konferenzen, einer Reihe Unterrichtsprüfungen, Elterngesprächen, mehreren zu organisierenden Mathematikwettbewerben und und und … im Kalender dominiert in diesem Monat die Schulfarbe deutlich:(
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hat es mich zusätzlich gefordert, dass ich mittendrin für mehrere Tage fiebrig im Bett lag, wobei Termine – Zeugnisse und Prüfungen und so – ja nicht entsprechend nach hinten verschoben werden, so dass ich einen Kompromiss zwischen waagerechter Körperposition, Trotzdemkorrigieren, Krankmeldung für die Unterrichtsstunden und Nebenbeigesundwerden finden musste
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bin ich aber dennoch heil, auch innerlich, durchgekommen, und habe sogar jetzt zum Monatsende noch das Gefühl, ein wenig von der Anfangsruhe des Jahres in mir zu tragen
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war doch dieser Monat ein Versuch, mich nicht im ewigen To-do gefangen zu fühlen, sondern mich stärker zu besinnen auf das, was gelungen, geschafft, erarbeitet und erreicht ist, statt auf das, was immer und immer wieder noch fehlt – auch das gelang soweit und hinterlässt kleine Ahnungen, dass sich durch diesen anderen Blick ein insgesamt gesünderes Alltagssein leben lässt
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hat zu meinem inneren Wohlgefühl ganz wesentlich mein – ja, ich sage schon „mein“! – Cello und die Stunden, die ich mit ihm verbrachte, beigetragen; die Lehrerin, zu der ich in den Weihnachtsferien erst nur telefonischen Kontakt gehabt hatte, erwies sich in den ersten vier Stunden als für mich so passend, und die Ahnung von dem Bewegungs-, Singe- und Klanggefühl, welche das Instrument schenken kann, die ist nach wie vor einfach hach!
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musizierten auch die Kinder wie immer im Januar intensiv auf vielen Proben, Probevorspielen und zum Monatsende dem Jugend-musiziert-Wettbewerb, der – ich schrieb davon – diesmal eine ganz neue Erfahrung für uns brachte, welche ein jetzt umso intensiveres Zusammengehörigkeitsgefühl im Tochterquartett nach sich zieht, und ein fleißiges Üben bei Streicherduo und Sohn, da beide in zwei Monaten in der nächsten Runde weiterspielen dürfen
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hatten wir einigen, auch überraschenden Besuch hier im Haus und verbrachten warme Stunden mit Freunden
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reichte es mal wieder für so vieles nicht, aber das ist ja nichts Neues und wohl etwas, an das ich mich werde gewöhnen müssen, weil ich eben einfach so bin, dass ich immer mehr möchte als der Tag Stunden hat:)

wettbewertet

Der Sohn nimmt im siebten Jahr am Wettbewerb teil, die Tochter im fünften. Die Vorbereitung gehört zu ihrem Herbst und Winter dazu wie Advent und Weihnachten, nicht wegzudenken, nie in Frage gestellt. (Als wir je nachfragten, ob sie nächstes Jahr wieder mitmachen wollten: „Hä?“ Sie verstanden die Frage nicht.) Die Wände der Kinderzimmer hängen voller Goldmedaillen, wir reisten viermal weiter in die nächste Runde zum Landeswettbewerb, zweimal gar zum Bundeswettbewerb. Unsere Kinder sind sozusagen Jugend-musiziert-Profis.

Und wir als Eltern auch. Klar, man trägt das mit, anders geht es gar nicht. Zeit, Motivation, Mutzusprache, Übeunterstützung, Fahrdienste, all das. „Profi“ bin ich auch im mentalen Sinne geworden: Verglichen mit den Anfangsjahren, bin ich mittlerweile kaum noch aufgeregt vor den Vorspielen. Anfangs war es schrecklich. Nur gut, dass man eine Stunde vor dem Wertungsspiel die Kinder ganz in Lehrerhand geben kann, diese ziehen sich dann mit ihren Schützlingen zurück und kümmern sich um Mentales und Spielerisches, um Beruhigung und Stärkung gleichermaßen. Für mich wäre diese Rolle bis heute nichts, jedes Mal bin ich froh, wenn die Kinder hinter den Türen des Einspielraums verschwunden sind und ich sie erst auf der Bühne wiedersehen muss. Es bleibt dann nur noch, ihnen alle Daumen zu drücken, dass ihnen gelingt, was sie geprobt haben, so dass sie die Bühne zufrieden verlassen können. 

Doch darüber wollte ich gar nicht erzählen. Sondern über die Fragen, die aufkommen, wenn man sich – bzw. die Kinder sich – einem solchen Wettbewerb stellen.
Beim allerersten Mal haben wir uns die Anmeldung gemeinsam mit der Klavierlehrerin sehr gründlich überlegt. Ob der (damals 9jährige) Sohn das verkraften würde, ob der Druck ihm nicht Schaden zufüge, ob er die Ausdauer des langen Übens aufbringen würde – über Monate spielt man ja die gleichen Stücke -, ob all das dem Kind und seiner Musik wirklich gut tun würde.
Wir entschieden damals dafür, und bisher war alles gut. Nicht nur, weil die Punktzahlen immer anständige waren. Oft waren sie sogar zu gut. Beide Kinder befanden sich öfters in der Situation, dass sie ihre hohen Werte staunend und ungläubig in Empfang nahmen, dass sie ihren eigenen Fähigkeiten kritischer gegenüberstanden als die Jury. Beide haben sich auf diese Weise immer wieder wahrgenommen gefühlt, haben herzliche und wertschätzende Worte von den Jurys bekommen, sind von wirklich sehr warmherzigen Juroren angelächelt worden.
Und weit wichtiger noch: Beide Kinder haben auf den Wettbewerben anderen Kindern zugehört, haben Impulse und Ideen für ihre weitere Arbeit mitgenommen, waren hinterher immer höchst motiviert weiterzumachen, Neues zu lernen oder das Programm für die nächste Runde zu vervollkommnen.
Beide Kinder haben im Wettbewerb bisher nur gewonnen.

Gestern nun ist uns erstmals etwas sehr Nachdenkenswertes geschehen.
Die Tochter hat gleichzeitig mit zwei Ensembles teilgenommen, einem Streicherduo und einem Streichquartett. Zunächst: Beide Ensembles wuchsen im Vorspiel über sich hinaus. Darum möchte ich die eine Bewertung auch nicht schmälern. Nur: dass die andere eine große Stufe tiefer ausfiel, das hinterließ uns alle fragend.
An sich wäre das nicht schlimm – die Jury, das sind auch nur Menschen mit Geschmäckern, Vorlieben, subjektiven Meinungen und Parteilichkeiten.
Nur: welches der beiden Ensembles hoch- und welches tiefbewertet wurde, DAS hinterlässt Fragen, tut fast ein wenig weh.
Das Duo nämlich, musikalisch sehr jung, zögerlich, verzagt fast, spielte sehr brav, wie mit angezogener Handbremse. Sehr sauber auch, aber eben so verhalten, dass die Musik dahinter allerhöchstens zu erahnen war. Aus diesen Tönen muss erst noch Musik gestaltet werden.
Diese beiden nun dürfen weitergehen, dürfen sich im Landeswettbewerb stellen. Das ist natürlich großartig, sie können bis dahin reifen, können ins Miteinander finden, so dass dann Musik mit Seele und Leidenschaft strömen kann. Ich freue mich mit den Mädchen über diese Chance und traue ihnen eine mutige Entwicklung zu.

Die Tochter übrigens, die ein sehr waches Empfinden dafür hat, wie lebendig oder auch unlebendig Musik ist, die schlug bei dieser Punktzahl ihre Hände vors Gesicht, errötete und konnte es nicht glauben. Sie selbst hätte das nie und nimmer erwartet, weil sie das Unfertige gespürt hatte. In diesem Moment sagte sie, so wie auch einige Umstehende: „Na, dann werd‘ ich halt zweimal beim Landeswettbewerb spielen müssen.“
Denn ihr war so klar wie den Zuhörern, dass das Quartett Klassen beselter und reifer gespielt hatte. Die Mädchen üben seit drei Jahren zusammen, das hört man ihrer Musik an. So viel Kommunikation zwischen ihnen, so viel Miteinander, so viel gemeinsames Jubilieren in der Musik, so feurig und begeisternd, sie waren eines der Ensembles, die sich mehr als einmal verbeugen mussten.
Doch die Stücke waren anspruchsvoll gewählt. Zu anspruchsvoll vielleicht. Sehr viele virtuose Passagen, miteinander verzahnt, technisch fordernd, zugegeben.
Die Devise der Lehrerin allerdings hieß: Auf die Musik komme es an. Dem Ganzen Seele einhauchen, sich ganz versenken in die Musik, diese im Miteinander lebendig machen. Dann sei es nicht wichtig, ob mal ein Ton unsauber oder kratzig klinge, das große Ganze mache die Musik aus. Nach diesem Leitsatz spielten die Mädchen.
Es war unglaublich. Der Saal war begeistert, nicht nur wir Eltern. SO hatten wir die vier noch nie gehört.

Doch dann die Wertung. Bämm. Unerwartet. Eine Menge Abzugspunkte. Niemand kann es auch nur ansatzweise nachvollziehen, wofür sie so „abgestraft“ wurden. (Das Wort kommt nicht von mir, ich schnappte es auf, als alle darüber redeten.)
Jeder der anwesenden Musiklehrer konnte eigene Geschichten erzählen, wie einseitig Jurybewertungen ausfallen können, wie diese manchmal den Fokus auf einen bestimmten Aspekt legt. Aber dieses hier war einfach nicht einzuordnen.
Die Unsauberkeiten? Derer gab es im Laufe des Tages viele, das ist klar bei Streicherensembles. Aber keine andere Gruppe wurde auch nur annähernd so niedrig bewertet. Animosität eines Lehrerstils gegen einen anderen? Das vielleicht. Oder eine persönliche „alte Rechnung“? Aber so arg?

Na gut, so ist es. Die Tochter freut sich für ihr anderes Ensemble, und das soll sie. Im Grunde ist es nicht wichtig. Die Quartettlehrerin lebt es vor: Nie hatte sie auf Punkte geschielt, diese scheinen ihr völlig egal zu sein. Gut so.
Direkt nach dem Auftritt überreichte sie den Kinden gebackende Plätzchenteigmedaillen und selbstgestaltete, individuell geschriebene Urkunden. Unsere Tochter etwa erhält ihre …
– für ein offenes Herz für alle Quartettpartner, für ungebremste Mitteilungsfreude und herzerfrischende Lebendigkeit,
– für die große Ausdauer, selbst bei sehr unbewegten Bass-Stimmen den Partnern optimal zuzuhören und sie mit jedem Millimeter verfügbaren Bogens bestmöglich zu unterstützen,
– für eine einmalige Podiumspräsenz und unmittelbar mitgeteilte Spielfreude auf der Bühne,
– für große Klarheit in den Ansagen der eigenen Bedürfnisse während der Proben,
– für ein ausgeprägtes zeichnerisches Talent beim Notieren der nötigen Stichworte;-)
und
– für einen wunderbaren Humor.

Mich berührt dieser Text unglaublich, dieser liebevolle und wertschätzende Blick auf mein Kind. Von einer solchen Lehrerin wahrgenommen und begleitet zu werden, ist ein Segen. Alles andere ist Nebensache.

Warum mich der gestrige Tag trotzdem so beschäftigt, immer noch? Ich glaube, heute wird mir das allmählich selbst klar. Weil ich nämlich nicht möchte, dass mein Kind das falsche Signal aus den Ergebnissen mitnimmt.
Wenn einige Zeit vergangen sein wird, vielleicht sogar erst, wenn sie mit ihrem Duo den Landeswettbewerb beendet haben wird, möchte ich gern mit ihr darüber sprechen.
Dass ich ihr nämlich wünsche, dass sie – selbst wenn sie vorher wüsste, dass eine Jury wiederum genau diese Bewertung abgeben würde – weiterhin so mit Feuer und Begeisterung und Seele und Kraft und Lebendigkeit musizieren möge wie im Quartett.
Dass die braven, artigen, sauber gesetzten Töne nicht mehr wert sind als die echte Begeisterung. Ganz im Gegenteil. Dass sie sich dies von niemandem einreden lassen möge – nicht in der Musik, nicht im Leben. Dass sie aber vielleicht immer mal im Leben in Situationen gerät, wo sie eine derartige Bewertung erfährt, wo ihre Herzens- und Seelendinge von außen nicht wahrgenommen oder sogar kleingemacht werden. Dass sie dann trotzdem an sich glauben solle. So wie jetzt an ihr Quartett: Dort, so sagt sie, ist es richtig, dort macht es Spaß, dort fühlt sie die Musik, wie sie aus ihr strömt, zusammen mit den anderen. Ganz egal, was eine Jury bewertet, solle sie genauso leben, wie ihr Herz und ihre Seele es ihr zeigen. Aus der Tiefe heraus.
Ja, das alles möchte ich ihr mitgeben, darüber möchte ich später mit ihr sprechen. Und wenn sie das für sich selbst daraus ziehen kann, dann hat das gestrige Erlebnis mehr Gewinn gebracht als jeder andere Wettbewerbstag zuvor. Dann hat sie nämlich gelernt, dass man zu sich selbst stehen darf und soll, und dass der eigene, echte, richtige Weg nie von außen zubemessen werden kann, sondern sich immer nur von innen heraus finden und leben lässt.

leergelauscht

Das hätte ich ja nicht gedacht: dass ich beginne jeden Tag einen Blogpost zu schreiben. Seit dem 1. Januar geht das nun schon so. Das war nicht etwa ein Vorsatz, schon gar keiner zum neuen Jahr. Es ist einfach so passiert, ich bin da so reingerutscht.

Erstaunlicherweise spüre ich nunmehr eine kleine Bindung an dieses Ritual. Sprich, ich möchte es nicht am 28. Tag einfach so abbrechen. Obwohl mir heute so überhaupt nicht nach Schreiben zumute ist. Ich bin leergeredet, leergelebt, vor allem leergelauscht. Ein Tag voller Musik, voller Emotionen, voller Fragen und Hinspüren. Das zehrt mich aus, so erfüllend es auch ist.

Und nun?
Nun lasse ich diesen Minitext hier stehen. Habe eben einfach dieses Wenige erzählt. Alles weitere bleibt für morgen. Morgen, wenn ich die erschöpfende Fülle dieses Tages überschlafen und in neue Wachheit verwandelt haben werde.

Die kleinen Gesten

Schon vor dem Musikschulvorspiel weiß ich, dass mein Husten dies nicht durchhalten würde. Und so kommt es. Gerade noch das Tochter-Streichquartett steht er durch, bevor er beim nächsten Klavierbeitrag, stille Stelle natürlich, sein Recht einfordert. Verstohlen nach einem Hustenbonbon rascheln, den Reiz unterdrücken bis ich ihn fast hinauswürgen muss, ein paarmal schüchtern in den Schal husten – dann hilft nichts mehr, ich schleiche mich hinten aus dem Saal. Renne noch ein paar Treppenstufen hinab, denn das Musikschulhaus ist ein großes halliges, das Gebelle daher flureweit zu hören, nur weg vom Vorspielsaal.
Kurz nach mir ereilt die Quartettlehrerin das gleiche Los, auch sie war vor ein paar Tagen noch flach im Grippebett gelegen, hustend kommt sie mir auf der Treppe hinterher. Wir beschließen, den Rest des Konzerts unten im Foyer abzuwarten und haben, als wir uns so die Treppe hinunterhusten, vor Lachen fast schon Tränen in den Augen. Wir im Duett, nicht schlecht.
Unten sitzt auch zu dieser späten Stunde noch der treue liebe Hausmeister in seinem Zimmerchen – wieviele Überstunden der wohl wegen all der Jugend-musiziert-Vorspiele hier sitzen muss? Trotzdem schaut er immer noch freundlich, lächelt – und beginnt tief in seinen Taschen herumzukramen. Bis er fündig wird. Wortlos kommt er zu uns und streckt uns entgegen, wonach er gesucht hatte: drei Hustenbonbons. Dies sei alles, was er habe.

Wie mich diese kleine Geste berührt. Ich weiß gar nicht genau warum. Weil in der ausgestreckten Hand so viel Wärme steckt. So viel Miteinander. So viel Geteiltes. So viel Füreinanderdasein.
Eigentlich ist es so einfach. Knüpfen wir ein Netz aus kleinen Gesten voller Hilfe und Lächeln und Wärme …

 

innig

Das Fiebern hämmert und dröhnt im Kopf. Andererseits fühle ich mich, während ich den Tag im Bett verbringe und döse-träume-schlafe, in stiller Watteweichheit geborgen. Eine Innigkeit zum Hineinversenken, nur ich mit mir allein, ganz weit entfernt von der Welt, nichts außer Fallenlassen, in meinem sanft schaukelnden Bett.
Nur Musik lasse ich zu mir hinein. Diese hier, die trägt.

(Ob es mir gelungen ist, hier in der WP-App den Videolink einzufügen? Es sieht jedenfalls nicht wie gewohnt aus.)

zugeweht

Kein Schreibtag heute.
Zwischen dröhnenden Kopf, schmerzende Glieder, tropfende Nase und den gerade zu Höchstform auflaufenden Husten streuen die 120 Klassenarbeiten beharrlich ihr Piep und erinnern an den Noteneintragungstermin.
Und ich, weil ich nicht weiß, wie das hinzubekommen sei, lasse mich jetzt von Musik zuwehen. Das löst nichts, schadet aber auch nicht:)

 12 von 12 im Januar

Das Ende der Weihnachtsferienzeit ist auch das Ende meines Kerzentellers, der mich durch die letzten Wochen begleitet hat. Er leuchtet seiner letzten Stunde entgegen, morgens mit nur noch 4/6, abends mit 2/6 Lichtern, und am nächsten Morgen wird er die Dunkelheit erreicht haben.

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Noch nicht ganz am Ende ist dieses packende Buch, ich lese und lese, und vergesse darüber fast die Kinder zu wecken.

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Als sie aus dem Haus sind, ist zunächst Tagebuchzeit. Ein Ritual an meinen schulfreien Vormittagen: morgens, wenn die Seele noch wach aus der Nacht, noch unberührt vom Tag und seinen Anforderungen sich selbst in Klarheit gegenübertritt, da schreibt es sich aus mir heraus. Heute ins Cellotagebuch, seit der Stunde am Montag war viel geschehen. Und – wie fast jeden Tag – in mein „Notizbuch der verlorenen Zeit“, in welches ich mittlerweile nicht nur Zeiten, sondern jegliche Verlorenheiten fließen lasse. Beide Büchlein sind mir im Moment wichtige Lebenslehrer.

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Irgendwann beginne ich zu arbeiten. Heute ist Telefontag, ich hasse das, sieben Termine mit Menschen an sieben verschiedenen Schulen sind zu vereinbaren. Natürlich ist kaum jemand auf Anhieb zu erreichen – klar, normalerweise steht man ja im Unterricht:) – ich brauche mehrere Anläufe und manchmal eine zweite Runde zum Verlegen des eben schon Vereinbarten. Denn die zugehörigen Stundenpläne stehen sich gegenseitig und alle zusammen meinem eigenen Unterricht im Weg. Große Terminrochade also.
Nach gefühlt zwanzig Stunden habe ich alles im Kalender, mit nur drei Ausfallstunden bei mir selbst. Das ist Rekord! Und Rekord ist auch, dass ich’s trotz meiner Telefonphobie durchgezogen habe. Nichts auf morgen, nichts auf nächste Woche verschoben, einfach fertig gemacht. Boah.

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Klar, jetzt muss Besänftigung her. Da kommt im Moment nur eine in Frage.

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Weiter mit Unterrichtsvorbereitung. Tee dazu, alles ist gut.

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Kurz bevor die Kinder kommen, wage ich einen Schritt nach draußen. Eine Minirunde im Garten, mehr nicht. Durchatmen als Nachmittagsauftakt.

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Das große Kind braucht ganz dringend – natürlich sind wir nicht so organisiert, dass wir die in den langen Ferien besorgt hätten:( – eine BahnCard. Morgen geht er nämlich auf Alleinfahrt in den Norden, zu einem Wochenendseminar, auf das er seit Monaten hinhibbelt.

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Während ich also noch beim Sachenpacken assistiere, will die Schwester mit mir für ihre Mathearbeit lernen. Mir scheint, Abgefragtwerden und zusammen lernen hat die Rolle des früheren Vorlesens übernommen. Eigentlich sind beide Kinder schulisch absolut selbstständig und bekommen es auch ohne uns hin. Holen sich aber gern Ich-will-noch-mit-Dir-lernen-Geborgenheit, bei der dann wahlweise gekuschelt, gewitzelt, doch noch was gelernt oder eben gemeinsam das neue bunte Lehrbuch angeschaut wird.

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Für ein bisschen mehr Buntheit im Tag beschließen wir am Abend, die Weihnachtssachen wegzuräumen. Ohnehin werden am Samstag die Bäume abgeholt, wir schmücken alles ab und räumen es zusammen mit Lichterstadt & Co wieder in die Kisten.

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Fast hätte ich es vergessen: in der Ecke steht noch ein Päckchen vom Postboten heute morgen. Denn nein, in der mittelgroßen Stadt hier um die Ecke gibt es keine schwarzen Hemden für schmalgewachsene junge Männer wie den meinen. Wir haben es vergeblich in einer Rieseneinkaufsstraße voller Läden versucht. In solchen Situationen ist man dann doch froh, dass das Internet voll von Dingen besonderen Bedarfs ist. Hier ist also die Rettung für die Jugend-musiziert- und sonstigen Konzerte der nächsten Zeit. Bis zum Weihnachtskonzert musste er sein 164er-Hemd tragen, das lief seit dem Sommerwachstumsschub unter der Kategorie bauchfrei und sah nur auf den ersten Blick witzig aus. Jedenfalls: es gibt nun Hemden in schwarz und weiß, Wettbewerb und Konzerte können kommen. (Und wehe, ein Orchesterchef möchte nun in hellblau oder rot spielen!)

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Zu guter Letzt verschwinden die Kinder im Bett, und ich habe Lust auf Nadel und Faden, das ist fast so meditativ wie Cellospielen. Nach einer Tochtermütze und einem T-Shirt bekommen endlich auch Emma und Nucki die längst fälligen Nadelreparaturen ab. Zwei Gefährten meiner Kindheit, sie schauen also nicht zufällig schon ein wenig altersschwach aus. Nun aber sind sie wieder heil an Panzer und Kopf, nur ein zweites Auge fehlt dem Nucki noch. Wir werden mal Ausschau halten …

12-von-12-im-januar-12

 

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

Feriengeschenke

Vorbei sind sie, die Ferien. Mein Kerzenteller, der mich durch die Zeit begleitet hat, spürt das; soeben ist die zweite von sechs Kerzen erloschen, den restlichen verbleiben noch wenige kurze Stündchen. Schnell ist die Zeit vergangen, die anfangs wie eine ewige, unberührte Decke vor mir gelegen hatte. Wie immer fühlt es sich am Ende zu kurz an. Doch wie viele Geschenke haben die Tage bereitgehalten …

… wie die Kinder sich bei allem Großwerden, bei aller pubertierender Scham doch dem Weihnachtsbaumschmücken nicht entziehen wollen; da werden sie plötzlich wieder zu Kindern. Nur eines hat sich verändert, wie der Sohn bemerkt: „Ich wollte gerade fragen: ‚Mama, kannst Du die Sterne da oben aufhängen?‘, da fiel mir ein, ich bin ja größer als Du.“ :) …

… wie ich am Geschenk meiner wilden fünften Klasse eine Karte voll liebevoll gestalteter blumen- und smilieverzierter Unterschriften finde, keine wie die andere – hej, Kinder, das hat mir die Tränchen ins Auge getrieben (was ich Euch morgen unbedingt gleich als erstes sagen muss) …

… wie wir allmählich in die Ruhezeit „zwischen den Jahren“, in unsere „Schlafanzugtage“ hineingleiten, mit viel Lesen, Puzzlen, gemeinsamem Musizieren, Spielen, Schreiben, Filmschauen, Basteln, vor allem aber: ohne irgendwelche Planungen …

… wie ich es endlich schaffe, meiner Sommerradtour wiederzubegegnen, weil ich erstmals Zeit habe, die Fotos richtig anzuschauen, wie ich dazu die Live-Blogposts wiederlese, mich in jeden einzelnen Tag zurückversetze, ihm Farben gebe und vor mich hinträume …

… wie ich auf einem Abiturjubiläumstreffen eingeladen bin, meine ehemalige Klasse wiedertreffe und wir in gute Gespräche finden – über erstaunliche Lebenswege mit Schleifen und Unerwartetheiten, die sich sehr gesund, eigenständig und selbstbestimmt anfühlen; einiges überrascht auch mich. In manchen Gesprächen darf ich weiterhin beratende Begleiterin sein, in manchen haben sich die Rollen schon umgekehrt – sie sind schließlich inzwischen FastlehrerInnen, FastärztInnen, DoktorandInnen, Ingenieure, Sozialarbeiterinnen, Weltreisende und Weltgereiste, Ehefrauen und -männer und ganz einzeln schon Väter. Erwachsen, wie man so sagt. Und doch hätte ich ihnen eines voraussagen können: „Wir dachten immer, mit 25 sei man erwachsen. Jetzt aber fühlt es sich gar nicht so an …“

… wie am Altjahrstag Schnee fällt und Glückseligkeit in unsere Augen zaubert …

… wie wir zufällig an Silvester den besten Film erwischen, noch nie hatte ich von ihm gehört, hatte ihn nur zufällig in der Bibliothek gegriffen: „Das Konzert“. Und während ich noch mit der Musik im Ohr und Tränen in den Augen dasitze, beginnt zum Abspann ganz andere Musik, mir aus der Kindheit bekannt, die Tochter juchzt auf, und kurz darauf tanzen und springen wir im Zimmer herum …

… wie ich den Sohn um Mitternacht dann sogar umarmen darf (die Tochter ja sowieso) und auch er kurz sehr still wird, weil ja nun das Jahr beginnt, in dem er weit weit weg gehen wird …

… wie mir an den ersten Tagen des neuen Jahres das Gespür für mich selbst zurückkehrt, und die Kraft, und die Schreibstimme, und so vieles, was mich nun auch durch die ersten Arbeitstage am Schreibtisch geführt hat …

… wie der Sohn so intensiv, so ergriffen von seiner Musik erzählt, derzeit sind es Prokofjewsonaten, wie er sie gedanklich zerlegt und versteht und seine Faszination teilen möchte – und am liebsten noch mehrere Kubikmeter weiterer Noten bestellen würde …

… wie die Kinder zu ihren Probentagen in der Musikschule gehen und immer freudeerfüllt zurückkehren, obwohl sie teilweise ganze Tage dort verbringen (ein unendliches Danke an ihre Lehrer übrigens, die sie dort mit Hingabe begleiten – und die ja eigentlich auch Ferien gehabt hätten) …

… wie ich – Zufall? – das Teetrinken sozusagen wiederentdecke und damit mein Bei-mir-Sitzen eine neue Dimension des Wohlseins hinzugefügt bekommt …

… wie ich in mehreren Büchern versinke und gar nicht mehr aufhören möchte mit Lesen …

… und immer wieder: wie ich dankbar bin für den Weg zum Cello hin, und jetzt mit ihm zusammen. Es vergeht kein Tag mehr ohne, und morgen ist die nächste Stunde:)

Danke.