Autor: Frau Rebis

mitgegeben

Einen Stein aus unserem Garten: Damit du ein Stück von deinem Zuhause ganz nah bei dir tragen kannst.

Einen Stein von einer unserer italienischen Berg-See-Reisen: Damit du dich von Fernweh, Abenteuerlust und Entdeckerfreude durch dieses Jahr leiten lässt.

Den Glücksstein, den mir deine Schwester in der ersten Klasse bemalt hat. Seit damals liegt er auf meinem Nachttisch und bedeutet mir sehr viel. Möge er in diesem Jahr bei dir sein, vielleicht auch auf deinem Nachttisch, damit du uns, deine Familie immer ein wenig bei dir hast.

Einen Hühnergott von der Ostsee, den wir damals gefunden haben, als wir in K. waren – weißt du noch? Man sagt diesen gelöcherten Steinen nach, sie brächten Glück. Und das kannst du in diesem Jahr sicher gut gebrauchen.

Einen Würfel, einen ganz besonderen Würfel, einen runden nämlich: Für all die immer auch ein wenig vom Zufall geformten Dinge, die in diesem Jahr passieren werden. Möge, was auch immer Dir geschieht, stets auf irgendeine Weise stimmig sein und rund laufen.

Einen Magnetstein: Für alles, was dir wichtig ist und an dem du hängst, damit nichts davon verloren geht.

Und schließlich eine Klangkugel: Für all die Musik, die du brauchst, spielst, hörst, empfindest und suchst.

(Mein Herz, das gebe ich dir auch mit auf die Reise. Aber in welcher äußeren Gestalt verpackt, darüber plaudere ich hier in der Öffentlichkeit nicht:))

   

Ich staune, mit welcher Klarheit du genau diesen Weg schon sehr lange gewählt hast. Immer schon wolltest du für ein Jahr weggehen. Und es sollte nie ein englischsprachiges Land sein, die USA schon gar nicht. „Weil das ja alle machen. Und weil ich Englisch schon kann“, sagtest du vor etwa drei Jahren mit Entschlossenheit. Und bliebst dabei.

Ich bewundere, dass du den Mut zu dieser Lebensreise in dir trägst. Ein ganzes Jahr wegsein. Naja, „es sind ja nur zehn Monate“, hast du in den letzten Tagen tröstend zu mir gesagt. Und ein wenig auch zu dir selbst? Ich weiß es nicht, ich durchschaue es nicht. Du selbst wohl auch nicht. Jedenfalls: Ich selbst war noch nie zehn Monate lang in der Fremde, ohne Unterbrechung, ohne Begegnung mit der Heimat. Du wagst es, wie unglaublich.

Ich finde es großartig, dass du diesen gewaltigen Schritt in die Selbstständigkeit nun wirklich gehst und dir eine völlig neue, eigene Welt eröffnest. Ich fiebere mit, erahne dein Lebensgefühl dieser Tage, spüre deinen Drang dich endlich auf den Weg zu machen, bin mitneugierig – auch wenn ich das meiste, was dir dieser Tage begegnen wird, wohl nie erfahren werde – und bin mitfreudig ohne Ende.

Ich weiß, dass mit deiner Reise wirklich eine Lebensphase zu Ende geht, für uns beide.
Für dich die Kindheit. Wie entschlossen du in den letzten Tagen dein Zimmer ausgeräumt hast. 27 kg Dinge nimmst du mit, zwei Kisten stehen unterm Dach, auf deine Rückkehr wartend, vom Rest sagtest du, du bräuchtest es nicht mehr. Bei manchem habe ich heftig geschluckt. Diese Fähigkeit loszulassen, die hast du definitiv nicht von mir.
Und für mich geht ebenfalls ein Abschnitt zu Ende. 16 Jahre lang warst du immer da. Ich wusste zu jeder Stunde, später an jedem Tag wenigstens, wo du bist, womit du dich beschäftigst, was dir geschieht, was dich bewegt, was dich lachen und was bedrückt sein lässt. Von jetzt ab werde ich nur noch einen Extrakt von all dem erfahren. Wenn überhaupt.
Ich bin so schlecht im Loslassen. Wieviele Tränen ich dieser Tage weine. Aber ich spüre auch, wie ich daran wachsen kann …

   

Gestern nun war euer großer Tag. Nach Einchecken, Gepäckabgabe, erklärend-beruhigenden Worten eurer Betreuer und einer letzten Verabschiedungs-Umarmungs-Runde zogt ihr allein los und reihtet euch in die mäandernde Warteschlange vor der Sicherheitskontrolle ein. Ihr ganz allein, ihr sieben jungen Menschen, die ihr euch Italien als Wahlheimat für ein Jahr gesucht habt. Etliche verweinte Elternaugen schauten euch nach.

Ja, wir standen dort, hinter der Grenze, über die wir nicht mehr mitdurften, und konnten nur noch unsere Blicke mitgeben. Und unsere Herzen.
Welch ein Symbol für euer Großwerden …

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im August

Ein weiter Bogen spannt sich über meinen Monat – von einer Reise in die Ruhe zu einer Reise in die Bewegung, von begegnungsvollen Tagen zu ganz allein verbrachten. Wie immer gibt es in diesem Monat keine Rubrik „Schule“, und wie immer backen wir am letzten Tag des Augusts einen Kuchen.
*
Die ersten Tage sind wir noch immer im vertrauten Italien, am Lago di Levico. Eine Reise über mehrere Tage am gleichen Ort, ohne „Programm“ – auch weil wir oft dort sind und nichts mehr anschauen „müssen“ -, mit der täglichen und stündlichen Entscheidung, ob lieber See oder lieber Bergwandern, ob lieber Buch oder lieber Kartenspielen, ob im See baden oder drumherum spazieren, oder ob einfach nur Dösen und Sinnen im Angesicht des wunderbaren Wassers: solch eine Ruhe finde ich sonst selten. Das Schuljahr in seiner Intensität darf ausschwingen. Und doch ertappe ich mich auch hier: Ich will immer zu viel. Zu viel lesen, zu viel schreiben, zu viel mit den Kindern sein … es gibt noch viel zu üben.
*
Die zweite Reise führt auf’s Rad bzw. mittels diesem nach Berlin. So erreicht nun auch die Tochter dieses Ziel erstmals radelnd, ebenfalls mit 11 wie damals der Bruder.
Wir verbringen eine intensive gemeinsame Zeit, und ich habe viel Gelegenheit, über die Tochter zu staunen. Wie groß sie schon ist, wie stark, wie ausdauernd, wie unspektakulär sie die Dinge durchzieht. Und auch: wie sehr sie – natürlich – noch Kind ist. Unbeobachtet von der coolheitfordernden Peergroup springt sie auf jeden Spielplatz am Wegesrand. Als ich ihr sage, dass alle ihre Freundinnen genau dies in den Ferien auch tun, grinst sie verstehend.
Insgesamt aber tut sich das radelnde Fließen diesmal etwas schwer, zu uns zu finden. Gleich in der ersten Zeltnacht bricht der große Regen aus und bleibt drei Tage, wir strampeln in Ganzkörperregenmontur Kilometer um Kilometer und übernachten so lange unter festen und warmen Dächern. Das Tochterrad hat wohl mit fünf Jahren eine magische Altersgrenze überschritten und schwächelt; mehrere Radläden am Wegesrand sowie das Flickzeug helfen ihm auf die Sprünge. Die Wegfindungsapp schickt uns einige Male querfeldein, dies war zwar auf jeder Reise so, aber selten so heftig wie diesmal. Es ist schwer, dies alles nicht als Zeichen zu lesen …
Letztlich gelingt es, ein gesunder Fahrtrhythmus findet sich, wir gelangen zu wunderbaren Orten im Außen wie im Innen und letztlich nach Berlin.
*
Zwischen den beiden Reisen herrscht Großfamilienwirbeln in unserem Haus, insgesamt wird es durch 8 Erwachsene und 11 Kinder belebt, wie ein kleines Ferienlager:)
Wärmste Begegnungen haben wir auch auf der Radreise – danke! – und in Berlin. Es ist eine reiche, intensive Zeit.
*
Umso wichtiger ist mir der Ausblick auf eine kurze Ganz-Allein-Zeit am Ende des Monats. Während der Sohn in der Nähe seines baldigen Lebensortes eine Klavierlehrerin trifft, kennenlernt und letztlich zu ihr findet – was ihn und uns erleichtert, war doch dieser essentielle Lebensbereich für das nächste Jahr bislang noch im Diffusen – verbringe ich drei Tage ganz allein mit mir. In jedem Moment fühlen und entscheiden, wonach mir gerade ist, was ich tue, was ich lasse, ob ich sitze, ob ich gehe, ob ich zuhöre oder die Ohren verschließe, ob ich mich umschaue oder ins Innen gehe – das erdet, besänftigt, bringt mich zu mir zurück.
Einige Texte fließen auf’s Papier, endlich wieder. Aus dem Cello beginnt wieder Musik zu klingen. Musik, wo vorher keine zu hören war, Gewachsenes, wo vorher Brache zu sein schien, Sprudeln, wo alles fast schon am Verdorren war – am Cello begreife ich im Wortsinne die Bedeutung von Ruhepausen.
*
Am letzten Monatstag ist das Haus wieder belebt, ein Fast-schon-Alltags-Wirbeln hält Einzug. Weniger Schulvorbereitungen sind es – da werde ich dieses Jahr auf meine Routine zurückgreifen – als vielmehr die Vorbereitung der Sohnesabreise nach Italien. Die Kinderzimmer sollen getauscht werden, eine Art räumliches Tetris oder „Türme von Hanoi“ ohne dritten Turm. Die To-do-Liste des Sohnes ist zur Hälfte abgearbeitet, aber eben erst zur Hälfte. Wir sind also für die restliche Ferienwoche alle gut beschäftigt.
Zunächst aber wird am Abend des 31., wie gesagt, ein Kuchen gebacken und themenstimmig dekoriert. Die Tochter hat das Zepter in der Hand, organisiert und strukturiert den Dekorationsprozess und stellt am ersten Septembermorgen ihrem Bruder diesen Geburtstagskuchen auf den Tisch:

 

 

 

(Die Kerzenfarbenwahl ist nicht ganz stimmig. Denn natürlich planen wir nicht langfristig und müssen bei spontanen Ideen stets auf alte Vorräte in der Geburtstagskiste zurückgreifen. Als der Sohn aber am Morgen nach einer Erklärung der blau-rosa Farbreihe fragt, grinse ich: „Weil vielleicht neben Italien das Jungs-Mädchen-Ding ein Thema im 17. Lebensjahr sein könnte;-)?“ – „Orrr, Mama!“
Sein „Orrr, Mama!“ wird mir sehr fehlen.)

Baumwandelweg #7

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Du Baum, Du.
Als hättest Du mich gerufen. Lange war ich ja nicht da, konnte nicht da sein. Nun bin ich zurück. Und Du lässt mir keine Ruhe. Wenige Stunden erst ist es her, dass ich unter mein Dach zurückgekehrt bin. Und schon laufe ich zu Dir, den Hügel hinauf, in der Abendhitze, über die versengt wirkenden Felder. Dabei sind sie nur abgeerntet. Der Sommer ist am Gehen.

Und Du stehst. Stehst wie seit Jahr und Tag. Wie jedes Mal, wenn ich Dich besuche. Aus fast unverändertem Antlitz blickst Du mich an, und ich staune. Über diese Konstanz, diesen Gleichmut, diese Beharrlichkeit, sich den Zeiten nicht auszuliefern. Oder kaum. Ein wenig ja schon. Zartfarbig leuchtet es aus Dir, Deine Früchte sind am Reifen. Deine Blätter haben sich noch dunkler gefärbt. Während Dein kleiner Bruder begonnen hat, sein Blattgewand zu lichten. (Schon?) Und das Dich bergende Feld ist im Schwinden begriffen. Nur bei Dir: Alles beim Alten.

(Was für ein langweiliges Motiv habe ich da gewählt, denkt es in mir. Für ein Projekt, welches den Wandel zeigen möchte, ein schier unbewegliches Objekt zu suchen, das ist mir ja wieder gelungen. – Der innere Zensor nimmt sich seine Macht, und ich, ich habe zuweilen keine Kraft, ihm Einhalt zu gebieten.)

 

 

Ich gehe also auf Dich zu. Es scheint leicht, sich Dir zu nähern, aus der Ferne gesehen. Kein Feld ist mehr zu durchwaten, es ist zu einer staubigen Kruste geworden, welche ein Querfeldein erlaubt. Doch je näher ich komme … Der Boden liegt voll von Deinen Früchten. Ich mag sie nicht zerquetschen, ich suche mir einen Pfad. Doch da sind Wespen. Tausende von Wespen. Und ich trage Sandalen ohne Socken. Mein Blick starrt ihn an, den schmerzenden Stich, der mich jederzeit treffen kann, da schwingt Angst in jedem Schritt.

In einigem Abstand bleibe ich stehen. Dein Stamm scheint unerreichbar, ich habe keinen Mut für den Weg durch dies Unberechenbare. In Dein Oben zu schauen, dies ist mir leichter. Schon bin ich Deiner Krone nahe. Das Lichtspiel der Blätter fasziniert und macht neugierig. Wie mag es ausschauen, wenn ich leicht nach links blicke und gehe? Und leicht nach rechts? Wenn ich den Blick wandele? Wenn der Blick mich wandelt? Mich wandeln lässt …

Bis ich plötzlich bei Dir bin. Unvermittelt finde ich mich an Deinem Stamm wieder. — Welche Schritte sich setzten, welchen Weg die Füße genommen habe, dies wird sich mir nicht mehr erschließen. Es ist auch nicht wichtig. Ich bin ja da. Ich bin gegangen. Es ist gegangen. Wie von selbst.

Ich bin zu Dir gekommen. Doch hinsetzen – wie sonst – dies ist heute nicht möglich. Noch immer liegen unter mir Früchte mit Wespen. Ich stehe am Stamm, lehne mich an. Ein Kompromiss. Manchmal braucht es Kompromisse. Das Leben ist kein … naja … keine Sprüche jetzt, bitte.

Ich lehne also an Dir. Es ist mühselig. Die durchgedrückten Knie melden sich, sie mögen die Anspannung nicht. Vor meinem Auge fliegen Fliegen über Fliegen. Vor meinem Ohr tun sie dies auch. Lautes unruhiges Gewirr, kaum kann ich das Rascheln Deiner Blätter vernehmen. Aus der Ferne nähert sich eine Menschengruppe. (Wie selten geht jemand hier spazieren, denke ich in diesem Moment.) Lärmendes Reden, schreiendes Zurückrufen des Hundes, der schon auf dem Weg zu mir ist. Auch das noch. Ein Riese springt an mir hoch, bellt, will lecken, ich mag das so gar nicht. Und unter mir immer noch tausende Wespen.

Fast lache ich los. Ein Lachen der Hilflosigkeit. Was alles mich heute von meinem ruhigen Sein abhalten will. Fliegen, Wespen, Menschen, Hunde. Sie alle zerren an mir, dass ich mich von mir wegbewegen solle. Eine wahre Lektion spielt sich um mich herum ab. Ein Symbol meines Alltags, meiner Beziehungen, meines Selbstbildes, meines gesamten inneren Wirbelns. — Wo ist mein Stamm, an den ich mich lehnen kann, bei all dem?

Da! Da bist Du ja! Wie lebendig Dein Stamm meinen Rücken berührt! Was da alles strömt.

Ich atme. Aus und ein. Ein und aus.

Wir stehen ja. Wir haben ja Ruhe. Wir sind ja.
Einfach nur hier. Oder da. Je nachdem.
Ich stehe. Ich finde Ruhe. Ich bin.

Es ist mehr Baum in mir, als ich immer ahnte. Ich bin mehr im Baum, als ich zu hoffen wagte.
Ich – Du – Er – Wir.
Und noch viel mehr.

Danke.

Sie wollte mir eine Geschichte erzählen, diese Ruhe, in der Du die Gezeiten und Stürme durchstehst. Während ich hier schrieb, öffnete sich mir eine Tür. Durch einen winzigen Spalt blickte ich hinein in das Es …

 

 

 

Und als ich dann von Dir ging, vorgestern war es, da war ich bereit für weitere Schritte. Ich folgte dem Weg, den ich so oft schon wählte, heute die lange Runde. Vertrautes, oft Gesehenes.
Heute im Licht, das Konturen sichtbar macht, das Farben schenkt, das wärmt.
(Und dass die Bilder fast schon als Kitsch durchgehen könnten, ist mir für heute egal. Manchmal verweise ich Herrn Zensor eben einfach an seinen Platz:))

 

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

auf der Wippe bin ich

Wie einst als Kind. Ich sitze auf diesem alten knarrenden Holzbalken, der Geschichten zu erzählen weiß von zahllosen Kinderflügen, vom Träumen, Lachen, Schweben, Juchzen, und dazu von Unbehagen, Bangesein, Angst, es ist ja immer beides. Vor mir die abgegriffenen Metallbügel, an welchen die Haltsuche so vieler Hände spür- und tastbar wird. Unter mir die tapferen Gummireifen, an denen eine jede Wucht abprallt, immer im quietschenden Rhythmus des Hinab-Hinauf-Hinab’s.

Von je her ist es mir vertraut, das Gefühl eines Lufttanzes, der in Bangigkeit verhalten bleibt, so lange er atmet. Über die Stange hinaus nach vorn, über den Sitz nach hinten oder aber zur Seite geschleudert zu werden, dass diese Wege als mögliche vorstellbar werden, allein dies lässt meine Hände und Schenkel in Ängstlichkeit sich anspannen, das stete Auf und Ab findet nie in ein freies Fluggefühl.

Weil er, ist man oben, direkt bevorsteht, der sichere Weg hinab. Eine manifeste Bangigkeit, sogleich mit den Füßen unter den Balken zu geraten. Die Erwartung des schmerzenden Aufpralls, hier unten, wo der größte Überschwang abrupt stoppt, die Bewegung irritiert innehält, ob diesem Ende auch ja ein Anfang innewohnt? Sicher war ich nie, Zutrauen in die eigenen Beine und ihre Kraft fehlte, wozu sie nicht alles nicht in der Lage sein könnten, welchen Aufgaben sie nicht gewachsen waren, eine lange Erfahrungsliste aus erlebten Kraftlosigkeiten, Unfähigkeiten, Michkleinfühlens. Für neuen Schwung war ich so manches Mal zu schwach.

Die Wippe aber wippt. Weiter. Und weiter.

Und der Abschnitt über den Weg hinauf – er kommt ja doch – wird an einem neuen Morgen zu schreiben sein.

(Erstmals seit Jahrzehnten saß ich während der gerade vergangenen Reise wieder auf einer Kinderwippe. Im Ungleichgewicht war sie. Natürlich, möchte ich schreiben, war es doch schon früher allzu oft asymmetrisch. Oder: Immer noch, möchte ich erstaunt fragen. Habe ich denn immer noch nicht gelernt, was auf die andere Seite meiner Wippe gehört, damit ihr Rhythmus ein singender, tanzender wird, der sich in den Kreis von allem fügt?)

#bergundtal-4 – Tochtertage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

 

Der Weg mit der Tochter beginnt mit einem gemeinsamen Freiburg-Nachmittag, an dem wir in einem kuscheligen Biergarten an der Dreisam zwei meiner ehemaligen Schülerinnen treffen. Wie toll, diese jungen Frauen auf ihrem Weg zu sehen, saßen sie doch gerade noch bei mir auf der Schulbank. „Gerade noch“ fühlt sich natürlich nur für uns Erwachsene so an. De facto ist es zwei bzw. fünf Jahre her.

 

 

Auf dringende Empfehlung von E. schauen wir am nächsten Morgen die neue Unibibliothek an. Sie hat offen, obwohl Feiertag ist. Und sie ist voll von jungen Menschen, die hier lesen, lernen, diskutieren, zukunftsträumen. Mir wird ganz sehnsüchtig nach dieser Zeit in meinem Leben, in der ich den Großteil des Tages genau so verbringen durfte wie diese hier …

 

 

Nun aber, es war gut, eine solche Zeit gehabt zu haben. Das Leben, meine Lebensform ist nun eben eine andere, und ja auch nicht die schlechteste, denke ich, als ich hinter der Tochter herradele und wir uns in unser gemeinsames Unterwegssein hineintasten.

Heiß ist es heute, kaum zum Aushalten. Nach 25 Kilometern schon brauchen wir ein Eis, so sehr brennt die Hitze auf den Kopf. Wir wollen sogar eine zweite Eispause einlegen, allein – es findet sich nichts in den verlassenen Dörfern. So müssen wir mit Wasserkühlung in verschiedener Form vorlieb nehmen.

 

 

 

Übrigens: Wir sind zu dritt unterwegs. Dies erfahre ich selbst erst in der zweiten Pause des Tages. Der kleine Reisegefährte – der übrigens haargenau so alt ist wie die Tochter und immer noch auf ihren Wegen mitmuss, so findet sie – wird in Szene gesetzt und dokumentarisch festgehalten, bevor er wieder seinen Platz auf dem Lenker einnimmt.

 

 

Nach schweißtreibender Fahrt erreichen wir kurz vor dem Gewitter den angepeilten Zeltplatz. Eine Erfahrung der besonderen Art (von der ich hier schrieb).

Das Seeufer mit Abendessen …

 

 

… das Seeufer nach dem Abendessen …

 

 

… und morgens ein Blick in das kreative Chaos unserer Behausung. (Wenn man genau hinschaut, sieht man mitten im Geraffel irgendwo das Tochterkind schlummern.)

 

 

Vom warm-heißen Hinterland gelangen wir heute wieder an den Rhein, wie gut: Es ist kühler hier, und zu sehen gibt es am Wasser immer etwas.

 

 

 

 

In Kehl radeln wir an dem Zeltplatz vorbei, der uns im Herbst bei unserer Strasbourg-Fahrt beherbergt hat. Von hier ab ist es bekannte Strecke. Und doch sieht alles anders aus: andere Richtung, andere Blickwinkel (was wir damals alles übersehen hatten!), andere Jahreszeit.

 

 

Nur eines ist gleichgeblieben: Der Wind weht gegen uns. Wir versuchen, dieses Phänomen wegzulachen und wegzujubeln – und wirklich: wie so vieles ist es eine mentale Sache.

 

 

Müde sind wir trotzdem, als wir spätabends auf dem Zeltplatz ankommen. Auf einem völlig überfüllten noch dazu, wir müssen unser Zelt in eine unbehagliche Ecke quetschen, in der wir weder Lust zum Kochen noch morgens zum Frühstück haben.

 

 

Darum fahren wir morgens vor allen anderen ab und holen Brötchen und Kaffee in der Campingplatzbäckerei.
Während des Frühstücks macht die Tochter Vordertascheninventur. Wie sie dieses Durcheinander nach nur einem Tag geschafft hat! (Hier scheint eine Expertin in Sachen Damenhandtasche heranzuwachsen:))

 

 

Der Tag vergeht im Flusswegradeln, wie toll das immer wieder ist.

 

 

 

 

An einer Schleuse vergessen wir die Zeit …

 

 

… an einem Hafen tragen wir – sportlich! – unsere Räder über die Brücke …

 

 

… und gegen Abend sind wir schon dort, wo wir manchmal von zu Hause aus ein Fischrestaurant besuchen.

 

 

Eine Zeltplatzübernachtung ist trotzdem noch drin, und nicht die schlechteste. Zumal wir die letzten 35 Kilometer nicht mehr geschafft hätten; die Tochter war mit den 87 bis dahin eh schon über sich hinausgewachsen.
Wir landen auf einem wunderbaren Zeltplatz ganz in Heimathausnähe. Und treideln am Morgen durch blühende, immer vertrautere Landschaften allmählich nach Hause.

 

 

 

Und nun, während die Sommerferien schon begonnen haben, steht das nächste gemeinsame Radeln unmittelbar bevor …

 

Andere Bilder dieser Reise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-3 – Begegnungen

#bergundtal-3 – Begegnungen

 

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

 

Erstmals seit langem ist dies eine Radreise, auf der nicht der nächste Schulbeginn die Tageskilometer hochtreibt, auf der ich nicht ständig auf Uhr und Kilometerzähler schauen muss. Hier unten am Rhein bleibt Zeit für einen Schlenker in die Schweiz, entlang der Aare fahre ich südwärts, einfach weil ich Zeit habe und neugierig bin.

 

 

 

 

War ich doch vor Zeiten – ich erinnere mich nicht einmal in welchem Jahr – auf einer Tagung hier in diesem Ort. Und tatsächlich, ich erkenne es wieder. Den Fluss, die Straßen, das Wohngebiet, und schließlich die Schule, in der wir uns damals trafen. Manchmal fühlt es sich sehr leicht an, in seine Vergangenheit zu reisen.

 

 

Der weitere Weg ist bergig, geht – jedenfalls für diese Temperaturen – hoch hinauf, ist schweißtreibend. Ich fühle mich wie eine Schnecke.
Und doch entschädigen der Blick, die Weite, das Berggefühl. Und die lange Abfahrt …

 

 

 

 

Unten am Fluss warten die Spätnachmittagsstimmung und das ruhige Dahinströmen des Wassers.

 

 

Vor allem aber warten die Freunde – ich habe nun doch länger gebraucht als gedacht – und ein kleines feines Geburtstagsfeiern am Wasser, hach.

 

 

Der nächste Morgen führt zur nächsten Herzensbegegnung, ich bleibe noch eine kleine Weile am Fluss und biege dann ab ins Basler Land.

 

 

 

 

Durch eine sanfte Hügelwelt geht es, bis ich …

 

 

 

 

… irgendwann ankomme in dieser kleinen Ortschaft, die mir schon so vertraut, in diesem Haus, in dem ich schon oft war, immer mich so wohlfühlend.
Einen Nachmittag und einen Abend lang reden wir, über so vieles, und über so vieles leider nicht, weil es viel zu schnell schon Schlafenszeit ist.

 

 

Der Morgen führt über Basel und ein Stück Rhein nordwärts …

 

 

 

… aus der Ferne winken mich schon die Berge an, in die ich hoch will, ins nächste offene Herzenshaus.

 

 

 

Dies ist ein Aufwärtsweg, den ich mir kaum zutraue, ich bin wirklich keine begeisterte Bergauffahrerin. Darum dauert es lange, und ich komme auch nur deswegen oben an, weil ich mir schon lange vorgenommen und vorgestellt hatte, dass ich dort hinaufwill:)

 

 

Zu diesem Blick, in diese Weite, in eine dritte nahe Begegnung, hach.

 

 

 

Wie gut, solche Menschen, solche Orte zu haben. Und sich beim Abfahren schon auf die nächste Begegnung zu freuen.

Schon jetzt war diese Reise reich. Nun bleibt ein letzter kurzer Tag, bevor die Tochter dazu kommt. Wir werden den Rest der Zeit gemeinsam radeln. Ich muss nur noch zum Treffpunkt nach Freiburg fahren.

 

 

Vom Flussweg winke ich noch einmal hinauf in die Berge, dort oben irgendwo war ich.

 

 

 

Und dann treffen wir uns auf dem Freiburger Zeltplatz …

 

 

Andere Bilder dieser Reise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-4 – Tochtertage

im Juli

Wie seltsam, und wie schwierig auch, über einen Monat zu schreiben, dessen Großteil aus Schulischem bestand und der darüber in gehetzter Atmosphäre vorbeiflog, während ich nun bereits den sechsten Tag am erholsamen Bergsee sitze, die Seele und die Beine im angenehm warmen Wasser baumeln lasse, schon fast die Lektüre des dritten Buchs beende und auch in jeder anderen Hinsicht erholter bin als ich es wohl je nach so wenigen Ferientagen war.
Dies also ist der krönende Abschluss des Juli: Dass wir am gemächlichen Lago di Levico in den Tag hinein leben, uns täglich zwischen Wasser und Bergen treiben lassen, Bücher und italienisches Essen verschlingen und also alles gut ist.
*
Das Schuljahresende zuvor ist hart und schwer durchzustehen, zum Ende liegen nach einer langen Hitzezeit Geduld und Nerven von Lehrer- und Schülerschaft blank, sogar ich kann mich und meinen Kurs irgendwann nicht mehr vom Eisessengehen abhalten – wo ich doch sonst eine bin, die bis zur letzten Stunde Unterricht durchzieht.
Wie jedes Jahr gehen mir die Notenkonferenzen nahe, hier wird immer am offensichtlichsten, wie viele Schüler es bei uns schwer haben, manche zu schwer, um es zu schaffen – hier schrieb ich darüber. Elterntelefonate und viele Gespräche schließen sich an, und es bleibt die Hoffnung, dass für manche Kinder ein guter, ein besserer Weg gefunden werden kann als der an unserer Schule und Schulart.
Gleichzeitig wird es mit meinem Abschied vom zweiten Dienstort Ernst, das war ja lang vorher klar und entschieden, aber nun fühlt es sich doch als Schritt mit lachendem und weinendem Auge an. Ich bekomme einen unerwartet warmherzigen Abschied und von einigen Menschen das Geschenk sehr naher und nahegehender Worte.
*
Der Sohn rückt seinem Abflug nach Italien immer näher, in der Schule ist etliches abzusprechen für seine Wiederkehr, gleichzeitig melden wir unsere Gasttochter dort an. Die To-do-Liste für das abfahrende Kind nimmt eine mehrspaltig gefüllte DIN-A4-Seite ein, und mit jedem durchgestrichenen Punkt ist ein Stück von ihm weg. Mir geht das nahe und viel zu schnell.
Beide Kinder beenden das Schuljahr mit wunderbaren Zeugnissen und zuvor mit etlichen Vorspielen, wie immer, möchte ich fast sagen. Und doch ist es nie „wie immer“. Jedesmal überraschen sie uns durch unglaublich berührende Musik, von der ich wie immer behaupten möchte, dass sie nie zu Hause geübt worden ist, und schon gar nicht sooo. Das Streichquartett der Tochter spielt Mozart- und Mendelssohn-Sätze mit einem Ausdruck, den man den kleinen Mädchen kaum zutraut, und der Sohn verabschiedet sich zunächst von seiner Klavierklasse mit dieser Chopin-Ballade, die nicht nur mich in Gänsehaut-Berührtheit versetzt.
Und nebenher streiche und streiche ich auf meinem Cello, fast täglich, es gelingt immer besser. Als ich es schließlich für die Sommerpause weglegen muss, fühlt es sich sehr wehmütig an.
*
Das Sommerwetter schenkt Gartentage und -abende. Freunde besuchen uns, wir sitzen mit und ohne Feuer, immer aber essend und trinkend beieinander. Und in der Ferne ertönen schon die Mähdrescher. Wenn wir nach den Ferien zurückgekehrt sein werden, wird der Sommer zu Ende gegangen sein. Manchmal tut er dies ja schon während der Sommerferien. Nun aber genießen wir diese erstmal …

Baumwandelweg #6

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Da ich an diesem letzten Monatssonntag schon weg bin, nicht mehr in Baumes Nähe, habe ich ihn mir mitgenommen. Als Bild, aufgenommen am letzten Tag zu Hause.
Am letzten Tag, es war der Mittwoch, als es morgens im Schulhaus noch wie im Taubenschlag zuging, als gegen Mittag die Zeugnisse verteilt und die somit jetzigen Sechstklässler in die Ferien verabschiedet waren, als wir KollegInnen dann zu einer letzten Dienstbesprechung und einer langandauernden Kolleginnenverabschiedung zusammensaßen, als die Arbeitsplätze in Lehrerzimmer und Physiksammlung von allerlei Gegenständen – was sich über ein Jahr so ansammelt! – befreit werden mussten, als ich am späten Nachmittag müde, gehetzt und endlich zu Hause eintraf, als ich die Kinderzeugnisse sah (und feststellte, dass der Sohn das seine überhaupt nicht richtig angeschaut hatte:)), als ich einen Blick auf den Fortgang der Urlaubsvorbereitungen warf und feststellte, dass es nun gilt die Beine in die Hand zu nehmen, wenn wir wie geplant am nächsten Morgen abreisen wollten, als ich noch einmal ausflog, um letzte Einkäufe zu tätigen, als vor mir nur noch ein Abend und eine Nacht, aber Unmengen zu packen zu tun zu packen zu tun lag, als schließlich noch das Essen für die Fahrt und das Haus für die Abfahrt vorzubereiten war, als es also über Stunden und Stunden so wirbelte wie es dieser Satz hier tut …
… da riss ich mich zwischendrin einfach los und ging zu ihm, meinem Baum. Ging zu ihm, lehnte mich an, atmete durch, kurz oder lang? ich weiß nicht mehr, jedenfalls: Es tat gut. Auch wenn ich diesmal blind war, nicht richtig bei ihm, wenn ich nicht wahrnehmen konnte, welche Bewegung, welche Veränderung er erfahren hat, in welche Form es ihn gezogen hat und zieht.

 

 

Es tat gut.
Danke.

Und nun sind wir verreist, erst an dem einen Ort, später an einem anderen.
Pünktlich zum nächsten Monatsende, zum nächsten Monatsbild werden wir wieder da sein. Dann – so hoffe ich – mit mehr Ruhe, mit mitgebrachtem Ferienfrieden, mit einem neu geöffneten Blick …

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

#bergundtal-2 – Freilaufen

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.
(Und jetzt, da ich hier schreibe, haben schon die nächsten Ferien begonnen. Die Zeit dazwischen war voll, zu voll, um in Ruhe erzählen zu können.)

Jede Reise hat diesen Anfangspunkt, an dem man spürt: Jetzt bin ich da. Jetzt bin ich hier im Unterwegs angekommen. Diesmal kommt er spät, am x-ten Tag, nach schon etlichen Kilometern, erst hier auf diesem Platz, auf dem ich ganz allein übernachte, in einer durchregneten Nacht, in der ich mich ein wenig fürchte, und nach der ich morgens in der Sonne sitze – plötzlich ist da Sonne! – und Zelt sowie Tränen trockne.

 

 

Von da ab bleibt es hell und grün und leuchtend und blühend, als hätte sich ein Schalter in mir umgelegt.

 

 

 

 

Ich fahre neckaraufwärts, der Fluss wird enger, seine Landschaften intimer, irgendwann verlasse ich sie ganz, weil der Weg über die Hügel geführt wird. Oben ist ein Gegenwind, und was für einer. Es geht bei allem Krafteinsatz kaum voran.
Doch wie ich da auf meiner Picknickbank sitze, vor mir der weite Himmel, auf meiner Haut der Wind, da ist auf einmal alles genau richtig. Auch die Langsamkeit. Diejenige, die dafür gesorgt hat, dass die letzten Tage so beschwerlich waren, und jene, welche heute durch den Wind verursacht wird. Manchmal erfährt die Schnelllebigkeit eine Zäsur, weil das Leben seine Zeit braucht. So wie heute die einzelnen Kilometer …

 

 

Als ich nach einigen Stunden zum Neckar zurückkehre, ist er zum Baby geworden, sozusagen. Der breite Strom von vor wenigen Tagen ist kaum noch ein Rinnsal.

 

 

 

Ich spiegele mich in ihm, und sehe bis auf den Grund. Bis ich seine Quelle erreiche. Mit einer Steinmauer hat man dieses Entspringen zu fassen versucht. Lässt sich Entspringen überhaupt fassen?
Und warum wohl ist direkt daneben dem Lesen ein Denkmal gesetzt?  (Schaut die Gestalt links im Schatten.)

 

 

 

Es ist später Nachmittag, doch ich fühle mich noch nicht angekommen. Vor mir liegt die Europäische Wasserscheide, nur ein paar Höhenmeter noch. Hier mitten auf dem Feld muss sie sein, ganz ohne Beschilderung kommt sie aus, es ist einfach der Punkt, ab dem ich wieder abwärts fahre.

 

 

Ich rolle und rolle …

 

 

… hinunter bis nach Donaueschingen, wo die nächste Flussquelle wartet. Kaum 30 Kilometer sind es zwischen den beiden Flussquellen, die so verschiedene Wege gehen werden.

 

 

Die Fassung dieses Entspringens ist noch ärger, noch künstlicher. Eine Parkanlage, eine Treppe hinunter, ein Rondell, Steinskulpturen und -inschriften, und dazwischen etwas, das nun also Ursprung des Stroms genannt wird, der bis ans Schwarze Meer führen wird.

 

 

 

Wenige Meter von dort überquere ich verwundert eine fast schon schiffbare Donau – das kann doch nicht sein? – und erfahre bei der Gelegenheit, dass die Donau sich ihr Sein sozusagen erschummelt hat. „Brisach und Breg bringen die Donau zuweg.“ Aha, die Donau liefert nur den Namen für das Wasser, welches diese beiden Flüsse von weit her herangespült haben …

 

 

Ich übernachte in der Nähe auf einem eiskalten Zeltplatz – nein, der Ort kann nichts dafür:) – und entscheide am nächsten Morgen, weil ich noch so viel Zeit bis zu meinen Verabredungen habe, zunächst ein paar Dutzend Kilometer donauabwärts zu fahren. Ich weiß schon, dieser Radweg wird später zur Radlerautobahn, unerträglich voll. Und doch verlockt es mich: Immer weiter zu fahren, bis zum Schwarzen Meer …

 

 

 

Heute aber biege ich nach 30 km ab, gen Süden an den Rhein. Wieder überquere ich die Wasserscheide, wieder trete ich nach oben. Es strengt mich an, ich versuche mich in einem meditativ-gelassenem Immer-weiter, ohne den Kopf allzu sehr einzuschalten.

Bis sich mir – über die Kuppe gekommen – plötzlich dieser Anblick eröffnet. Die Alpenbergkette von einem Ende des Horizonts bis zum anderen. Ein Anblick, bei dem ich den Mund kaum wieder schließen kann. Selten habe ich so ergriffen innegehalten. Es ist auch jetzt, wenn ich die Bilder (die das Ganze nicht ansatzweise wiedergeben können) betrachte, immer noch nicht zu fassen.

 

 

 

 

Hier oben hätte die Reise enden können. Alles wäre gut gewesen.

Statt dessen aber folgt – so ist das eben – auf den Moment der Entrückung das Weitergehen. Hinab in eine wiederum kalte Zeltnacht, immer mehr nach Süden über Hügel und durch Täler, durch verlassene Dörfer, die einem nur begegnen, wenn man sich seine Route nach Bauchgefühl und dem Wetterfähnchen wählt.

 

 

 

… bis hin zum ersten Schweizerischen Grenzübergang. Ich werde heute noch ein paar Mal hin und her wechseln.

 

 

Unten am Rhein, in Schaffhausen, will ich nur schnell weiter. Das Große und Laute der Stadt schreckt mich, da ich gerade aus verlassensten Ortschaften komme, und den Rheinfall habe ich mehrere Male gesehen, zuletzt auf der ersten Sohnesradtour.

 

 

Ich werfe also einen kurzen Blick aufs Wasser …

 

 

… und entscheide mich dann – statt des Flussradweges – für einen Weg im Landesinneren, nördlich des Flusses. Das Himmels- und Wetterschauspiel schenkt Atmosphäre, die es mit jedem Flussweg aufnehmen kann.

 

 

 

 

Erst abends bin ich wieder unten am Wasser, in Waldshut.

 

 

 

Auch hier waren wir vor fünf Jahren mit dem Sohn, hier begannen wir unsere gemeinsamen Radreisen.  Wie schön sich erinnern zu können. Damals hatten wir es – wie auf jeder unserer kommenden Touren – gut miteinander. (Ob es noch einmal eine geben wird?)

 

 

Andere Bilder dieser #bergundtal-Radreise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-3 – Begegnungen

#bergundtal-4 – Tochtertage

Schulgedanken, lang in mir getragene

Es ist Zeugniszeit, Notenzeit, die Zeit vieler Tränen.
Ich gebe die letzten Klassenarbeiten zurück, spreche dabei mit jedem Kind, mit jedem Jugendlichen einzeln. Einmal im Jahr, mindestens, muss Zeit sein für ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Was nehme ich von Dir wahr, über die Zahl, die unter der Arbeit steht, hinausgehend? Worin bestehen – in meinen und in Deinen Augen – Deine größten Schritte der letzten Zeit? Wie geht es Dir in meinem Fach, in meinem Unterricht, was brauchst Du, was wünschst Du Dir von mir?
Etwa 150mal versuche ich in den letzten Wochen, in ein kurzes Gespräch über all das zu kommen, oft gelingt es. Und oft, viel zu oft fließen dabei Tränen. Auf die Schüler mit den „schwierigen“ Noten hatte ich mich vorher ausführlich vorbereitet, hatte für jeden einzelnen überlegt und aufgeschrieben, was ich an Tröstendem, Ermutigendem und Besänftigendem sagen könnte. Doch die meisten Tränen gibt es für mich völlig unerwartet. Oft sind die Noten nur der Anlass, es fließt zumeist sehr viel mehr mit. Immer geht es um Überforderung, bis hin zu Verzweiflung, die ganz unmittelbar mit der jeweiligen Schulsituation des jungen Menschen verbunden ist.
Viele Gespräche gehen mir innerlich nach. Einige haben sofortigen Elternkontakt zur Folge, andere trage ich ins nächste Schuljahr mit. Manches teile ich mit Kollegen, mit der Schulleitung auch, hin und wieder können wir ganz unmittelbar etwas ändern. Das meiste aber bleibt zunächst ungelöst.
Es folgen die Zeugniskonferenzen. Allzu oft müssen wir entscheiden, dass ein Kind eine Klasse nicht „geschafft“ hat. Welcher Weg für das Kind nun der beste ist, dafür versuchen wir beratend zur Seite zu stehen. Zunächst aber versetzen wir mit der telefonischen Mitteilung so manche Familie in einen Schockzustand. Kein anderer Weg scheint angedacht, kein anderer Weg als das Turbogymnasium. Zuweilen brechen vor unseren Ohren Welten zusammen, prallt der ganze Schock ungedämpft auf ein Kind ein. Wieder Tränen Tränen Tränen.

„Was läuft da schief in unseren Schulen?“ Diese Frage stand wie ein Fazit unter einem Twitterkurzgespräch vor längerer Zeit, in dem es um Schulängste und -tränen, um Schule und die Schulen allgemein, um unsere Kinder in diesen Schulen und die im Hintergrund das Schulerleben stets mittragenden Familien ging. Diese Frage blieb in mir hängen, bis heute.
Was also läuft schief in den Schulen? Warum fließen dort so viele Tränen? Wie fühlen sich die Kinder und Jugendlichen, die diese weinen? Welche Ängste und Nöte tragen sie in sich? Warum fliehen so viele Jugendliche in psychische Erkrankungen, in Essstörungen, Depressionen und selbstverletzendes Verhalten?
Kaum einer Familie mit Schulkindern werden diese Fragen völlig fremd sein, vermute ich. Wir hier zu Hause erleben sie glücklicherweise nur in Ansätzen, weil meine Kinder es im Großen und Ganzen gut getroffen haben. Als Lehrerin aber bin ich jeden Tag involviert. Kinder weinen beim Erblicken der Klassenarbeitsnote – selbst schon bei einer 2 – los, Jugendliche fragen mit ängstlicher Stimme, ob der Test unterschrieben werden solle, ich werde angefleht, über die wiederum vergessenen Hausaufgaben nichts den Eltern mitzuteilen – das ist mein Arbeitsalltag. Ich möchte aufschreien.

Unser Schulsystem ist voll von Bewertungen. So sehr mich das Verteilen von Noten manchmal selbst schmerzt: Nun gibt es Noten aber einmal, an dieser Schraube lässt sich im Moment und in der konkreten Situation nicht drehen. Statt mich an eine Schulform ohne Noten wegzubewegen, habe ich in den letzten Jahren immer und immer wieder darüber nachgesonnen, wie ich, wie wir mit diesem Bewertungssystem umgehen könnten.
Meine vielen Beobachtungen und Überlegungen lassen sich vielleicht am ehesten so – in fast schon unzulässiger Verkürzung – zusammenfassen:
Noten sind zunächst Zahlen, mit deren Hilfe eine Schüler“leistung“ mit einer im System festgelegten Skala des erwarteten Könnens und Wissens abgeglichen wird. Wer oder was diese Skalen in einzelnen Schularten, Schulen und Fächern jeweils festlegt, nach welcher Formel der erbrachte Anteil in eine Notenzahl umgerechnet wird, dass es dabei selten völlig objektiv zugeht und dass solche mathematischen Verfahren wie Notendurchschnitte und Ausgleichsregelungen bei der Versetzung höchst strittig sind, geschweige denn dass zahlreiche andere Faktoren als nur das Erlernte auf die konkreten Noten Einfluss haben, um all diese Aspekte soll es jetzt nicht gehen. Ganz schlicht gesagt also: Mittels Noten wird abgeglichen, welchen Anteil des zu Lernenden zu einem jeweiligen Zeitpunkt als Erlerntes dargeboten werden kann. Nicht mehr, und nicht weniger.

Was Lernende aus diesen Noten allerdings oft ablesen, ist weit mehr. Da fällt das Attribut „schlecht“ – „Ich bin ein schlechter Schüler. Ich bin 4.“, wenn im Gegenzug die „guten“, die „Einserschüler“ hervorgehoben werden. Diese Wertung wird auch nicht besser, wenn stattdessen „schwach“ oder „leistungsschwach“ gesagt wird. Da sind die Notenbezeichnungen „mangelhaft“, „ungenügend“ und „ausreichend“ geradezu prädestiniert, als Persönlichkeitsbewertungen gelesen zu werden. Doch halt, es geht nicht um diese Bezeichnungen. Mögen diese meinetwegen so bleiben.
Es geht darum, dass die damit verbundenen Bewertungen nicht in die Seelen der jungen Menschen eindringen. Dass sich also nicht ein ganzer Mensch bewertet fühlt, wo die erhaltene „Zahl“ einzig das im Prüfungskontext gezeigte Können oder Nichtkönnen meint.

So klar, so schwierig. Denn wie kann sich eine kleine Seele dieser verletzenden Sprache entziehen, wie kann sie sich vor dem Gefühl des Klein- und Minderwertigseins schützen, wie kann sie verhindern, dass sie sich bis ins Innerste persönlich bewertet fühlt?
Dies kann nur gelingen, wenn die Verbindung zwischen Notenzahl und Persönlichkeitsbewertung so weit wie möglich gekappt wird, und zwar in erster Linie durch die das Kind umgebenden Erwachsenen.
Ja, darin liegt in meinen Augen unsere allererste Verantwortung. „Unsere“, das meint: die der Eltern und die der Schule. In der allerletzten Stunde vor dem schriftlichen Mathematik-Abitur sage ich zu meinem angstschlotternden Kurs immer einen Satz, den ich jedem Kind und Jugendlichen als verinnerlichtes Mantra wünsche:
Eine Note ist eine Zahl ist eine Zahl ist eine Zahl.“

Nun wäre es allerdings naiv, diesen letzten Satz als Fazit stehen zu lassen. Er gilt so uneingeschränkt allerhöchstens bis zum Ende der Mittelstufe, nur in den Fächern, in denen nicht Wissen und Können gravierend aufeinander aufbauen, und auch nur, wenn sich die Noten – auf der hierzulandigen Skala – zwischen 1 und (sicherer) 4 bewegen. Außerhalb dessen kommen Versetzungsregelungen, Uni-NC-Fächer und überhaupt die Notwendigkeiten langfristigen Lernens ins Spiel. Äußere Gegebenheiten also, die es doch nicht gleichgültig sein lassen, mit welchen Zahlen man den Schulparcours absolviert. Lebensentscheidungen hängen davon ab, Schulart und Schulwechsel, Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, Chancen auf Praktika, Preise, gesellschaftliche Anerkennung etc. Die Gesellschaft lebt in weiten Bereichen vor, dass man (erst?) durch Leistung etwas zählt, dass das Attribut „wertvoll“ viele Überschneidungen mit „leistungsfähig“ hat. In die Schule ist dies längst tief eingedrungen, dem entzieht sich niemand durch Augenverschließen.
Insbesondere Eltern haben dies alles vor Augen. Ängste flackern auf, man möchte das Beste für sein Kind, es soll doch seine Wege „erfolgreich“ gehen können, es soll „bestehen“ und „weiterkommen“, es soll die nötigen Voraussetzungen erwerben, um etwas zu „werden“. — Nein, ich mache dies nicht lächerlich, stelle mich nicht darüber, blicke nicht distanziert darauf hinab. Auch mir als Mutter schießen solche Dinge durch den Kopf, auch ich sorge mich um die Zukunft meiner Kinder, auch mich haben schon manche Rückmeldungen aus der Schule erschreckt, weil ich mich daraufhin um den künftigen Weg meiner allerliebsten Menschen ängstigte.

Als ich vor Jahren eine ältere Kollegin fragte, was sie Eltern sage, gerade wenn sich die schulische Situation des Kindes problematisch darstelle, bekam ich eine Antwort, die ich seither fest in mir trage: „Machen Sie keinen Druck. Ihr Kind hat das Recht auf eine glückliche Kindheit. Machen Sie also in erster Linie keinen Druck.“
Ja, ja und ja!
Machen wir keinen Druck. Der Satz ist an mich gerichtet, an meine KollegInnen, an die Eltern, und vielleicht auch ein wenig ans Kind. Dieses aber kann sich selten wehren und verinnerlicht oft nur den von außen hineintransportierten Druck.
Sagen wir stattdessen lieber: „Du bist gut, so wie Du bist. Auch wenn Du schlechte Noten hast.“ Oder besser: ohne „auch“. Damit der Wert des Kindes und seine Schulnoten in keinerlei Zusammenhang gebracht werden.
Manche Kinder tragen dieses „Du bist gut, so wie Du bist.“ ja in einer gesunden Natürlichkeit in sich. Die meisten allerdings sind – zumal in der Pubertät – abhängig davon, dass Eltern und LehrerInnen dies in sie hineintragen. Ja, Eltern und LehrerInnen. In dieser Reihenfolge, sage ich.

Beginne ich trotzdem bei uns als Schule. Wir als Schulart stehen – im Moment – vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Eingebunden zwischen Grundschule und (Zentral)Abitur, sollen wir mit immer mehr, immer jüngeren, immer weniger reifen, immer unkonzentrierteren Schülern in nur acht Jahren das Gleiche wie immer schon erreichen. Die Hochschulen und Industrieverbände merken an, dass uns dies nicht gelingt, sie haben wohl Recht; manche Studiengänge lassen sich nur noch nach universitären Vorbereitungskursen bewältigen. Eine Drucksituation für alle Beteiligten.
Und doch, bei aller unmöglichen Quadratur des Kreises dürfen wir als Schule diesen Druck nicht an die Kinder weitergeben und sie damit kaputtmachen. Leben wir also diesen Satz – „Du bist gut, so wie Du bist.“ – für jedes Kind in jeder Situation. Wer dies nicht kann oder nicht tun will, sollte den Beruf wechseln. (Was im System aber nicht vorgesehen ist, fatal.)

Allerdings geht ein schlechter Lehrer, auch wenn er „großer Mist“ ist, irgendwann vorbei „wie das Wetter“, wie eine Nachbarin, Vierkindmutter mit schwierigen Schulerfahrungen, immer zu ihren Kindern sagte. Ich gebe ihr Recht und sage diesen Satz inzwischen auch zu meinen Kindern, wenn er denn nötig wird.
Eltern dagegen, die ihr Kind mit Ängsten, Besorgnis und übermäßigen Forderungen erdrücken, sind nicht nur „großer Mist“, sie wirken zuweilen tragisch. Sie tun etwas, was sie als allerletztes wollen: Sie verweigern ihrem Kind ein freies, glückliches Aufwachsen, wenn sie an ihm reißen und zerren und das Kindsunmögliche verlangen. Bessere Noten etwa, wenn das Kind einfach nicht mehr kann. Den Verbleib auf dem Gymnasium, wenn das dortige Turbotempo in keinem Bereich zum Kind passt. Selbst wenn das Kind schon aus allen Poren signalisiert, dass es an dem permanenten Gefühl, nicht zu genügen, krank wird, verweigern manche Eltern ihrem Kind einen Schulwechsel. Dabei gibt es zahlreiche Wege, die dem Kind wieder zu einem glücklicheren Sein verhelfen könnten. Wir bieten gerade den Familien, deren Kinder es bei uns nicht „schaffen“, Beratung zu allen denkbaren Facetten an, nehmen uns mehr als für andere Familien Zeit. Allzu oft jedoch werden unsere Einschätzungen und Empfehlungen einfach nur vom Tisch gewischt. Das sind die Gespräche, die Situationen, in denen ich weinen möchte (und es zuweilen tue). Da gehen Kinder vor aller Augen kaputt …

Viele weitere Gedanken dazu finden sich in diesem lesenswerten Artikel, ebenso wie in diesem Blogpost.  Den Satz „Wie schlimm eine schlechte Note ist, das definieren die Eltern“ nehme ich mir mit.
Ebenso wie die Empfehlungen: „Gehen Sie in die Apotheke, kaufen Sie eine große Flasche ‚Heitere Gelassenheit‘ und nehmen Sie davon dreimal täglich 20 Tropfen.“ Und: „Immer fröhlich Gesundheit und Glück der Kinder im Blick behalten.“
Kinder, deren Eltern dies verinnerlicht haben, haben es leichter, im Schulsystem mit seinen Unzulänglichkeiten zurechtzukommen. Als Lehrerin habe ich immer nur eine nachgeordnete Rolle.
(Und nein, ich möchte nicht, dass dies als Schuldzuweisung gelesen wird. Jeder Mensch, Mütter, Väter, wir alle, handelt immer aus dem Korsett des eigenen Erfahrens und Erlebens heraus. Den tragischen Schülergeschichten gehen tragische Elterngeschichten voraus, weit über die in meinem Fach verbreitete Ich-konnte-das-auch-nie-Tradition hinaus.)

Wie man es jedoch dreht und wendet: Es bleibt schwierig für alle Seiten. Für die Kinder, für die Eltern, für die Schulen. Wir alle sind mit der Situation überfordert, fühlen uns alleingelassen und finden manchmal keinen anderen Ausweg, als den allseitigen Druck immer nur gegenseitig aufeinander abzuwälzen. Eltern auf Lehrer, Lehrer auf Eltern, und alle zusammen auf’s Kind.
Das darf nicht sein. Das darf so nicht bleiben.

Ich träume von viel mehr Schulpsychologen, von viel mehr professionellen Beratenden, die für uns alle da sind.
Ich träume von einem Netz an Unterstützenden aus der Gesellschaft, damit wir mit Angeboten und Projekten unsere enge Klassenzimmerwelt verlassen können und sich weitere Teile der Gesellschaft mit an der Erziehungsaufgabe, dem Ermutigen, Stärken und Aufrichten der Kinder – und eben dem Abfangen von Druck – beteiligen.
Ich träume von kleineren Klassen und von weniger Unterrichtsstunden, damit Zeit für viele, viele Gespräche bleibt. Denn ja, in Eltern-Kind-Lehrer-Gesprächen mit dem Fokus: „Was wollen wir, was ist realistisch, womit dürfen wir zufrieden oder stolz sein, und warum ist eine 3 nicht schlimm?“ könnte man vieles aufbrechen und abfangen, könnte viele Familien im Umgang mit der Schulsituation unterstützen. Wenn ich solche Gespräche derzeit im notwendigen Umfang anbieten würde, wäre ich wohl bei einer Wochenarbeitsstundenzahl von 100. Ganz ernsthaft. Soviel Gesprächs- und Begleitungsbedarf gibt es. Dem meisten kann ich beim besten Willen und Gespür für die Bedürfnisse der Kinder nicht nachkommen.
Ich träume also von einer tragbaren Arbeitsmenge für mich und meine KollegInnen, so dass wir jedem einzelnen Kind gerecht werden können.

Und nun? Was bleibt nach dem Träumen? Manchen KollegInnen und manchen Eltern meiner Schüler eine Kopie dieses Artikels in den Briefkasten zu werfen? Das würde ich in einigen Fällen wirklich gern tun. Doch das traue ich mich nicht.
Vielleicht ist es ja weit wichtiger und fruchtbarer, wenn ich bei mir selbst anfange. Was also kann ich persönlich tun, selbst wenn meine Träume nur Träume bleiben werden und wenn nach wie vor Familien in ihrer Schulsituation eben sind wie sie sind.
Immerhin kann ich mit den Kindern im Gespräch bleiben, im Unterricht, in den Pausen, bei zusätzlichen Treffen.
Ich kann ihnen sagen und – wichtiger! – vorleben, dass man sich nicht an Zahlen messen lassen muss, dass sich das Wesentliche des Lebens ganz woanders findet.
Ich kann mit ihnen darüber sprechen, dass und wie man sich selbst – und eben nicht primär seine Leistungen – im Blick behalten sollte, damit man gesund bleibt und mit sich selbst in einem stimmigen Gefühl lebt.
Und: Ich kann jedem einzelnen Kind spiegeln, was für ein wunderbarer, wertvoller, einzigartiger Mensch es ist.
Wenn dies in den Kinderherzen ankommen würde, wäre schon viel erreicht.

hinauswinden

So Tage und Zeiten, in denen das Gefühl der Verlorenheit übermächtig ist, der Hilflosigkeit, des Versinkens in einsamer Verdorrtheit. Als fünftes Rad am Lebenswagen dem wirbelnden Treiben der Welt zuschauend, hält eine Wortlosigkeit das Zepter fest in der Hand.
Sehnsüchte ziehen vorbei, so viele Sehnsüchte.
Danach, Teil von etwas zu sein. Nicht übersehen zu werden. Umsorgt zu sein. Nach einem Blick aus warmen Augen. Danach, dass jemand fragt: Wie geht es Dir? Wie geht es Dir wirklich?

Graue Tage sind Kleinmädchentage.
Nur: Jetzt bin ich schon ein wenig größer. Kann mich besser durch diese Zeiten atmen und danach wieder emporfinden. Aus langer Erfahrung heraus, vielleicht. Und weil ich – vermutlich – seither gewachsen bin.

Und so suche ich. Und beginne zu verwandeln.

Einsamkeit tönt allmählich wieder wie gutes Alleinsein. So dass die Musik in mir und um mich eine Chance bekommt. Ich bin ihr zugewandt und nicht taub, wenn der Sohn spielt – und wie! -, und wenn die Stimmen in mir endlich wieder mit dem Celloklang mitsummen.

Schmerzende Traurigkeit wird zu sanfter Melancholie, die mit ihrem wiegenden Rhythmus zu trösten und zu betten weiß. Aus hilfloser Umherirrerei entsprungen, liegen plötzlich Wege und wogende Wellen vor mir. Ich laufe zu meinem Baum und lasse Tränen über die Wangen rollen.

Mitten in meiner wortlosen Erstarrung keimt eine Ahnung von Bewegung. Wenn ich auch zunächst nur das banale Hin und Her eines Putzlappens, eines Rechens, eines Küchenmessers als bewegt erfahre. Es dehnt sich und reckt und streckt sich, dieses Bewegtsein, bis auch meine inneren Pendel meditativ mitschwingen.

Erste Wörter krabbeln hervor, purzeln kreuz und quer, heben auf dem noch staubigen Boden zu tanzen an. Sind bereit für einen Reigen, dessen Hände ich nur noch ergreifen muss. Ich schaue staunend. Und ziere mich noch ein wenig. Noch.

Einmal mehr bleibt mir nur zu atmen.
Und zu danken.

 

Unsichtbarkeiten

„Du hattest ein Geheimnis. Du trugst einen Makel in dir, den es vor der Welt zu verbergen galt, und weil dir schon bei der bloßen Vorstellung, entdeckt zu werden, sterbenselend zumute wurde, warst du gezwungen, dir nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht dein wahres Gesicht war. Später an diesem Vormittag, als George dir gestand, dass auch er früher mit genau diesem Geheimnis gelebt hatte, kam dir der Gedanke, dass wohl die meisten Leute ihre Geheimnisse hatten, vielleicht alle Leute, ein ganzes Universum von Leuten, die, ihr Herz von einem Dornenkranz aus Schuld und Schande umwunden, auf Erden wandelten, sie alle gezwungen, sich nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht ihr wahres Gesicht war. Was sagte das über die Welt? Dass jeder dort mehr oder weniger im Verborgenen lebte, und weil wir alle anders waren als das, was wir zu sein schienen, war es so gut wie unmöglich, von irgendjemandem zu wissen, wer er war.“

(Paul Auster: Bericht aus dem Inneren)

12 von 12 im Juli

 

 

 

Es regnet, mein morgendlicher Gang durch den Garten erschöpft sich im Stehen unter dem Terrassendach, aber ich fühle mich unverdrossen wohl im morgenfrischen Grün. Nur dass ich den Kaffee heute nicht draußen trinke. Wir, der Kaffee und ich, wandern wieder hinein, aufs Lesesofa.

 

 

 

Ganz zufällig stieß ich in den letzten Tagen durch ein Kommentargespräch in einem Lieblingsblog auf meine kurze Philosophiestudien-Vergangenheit, Erinnerungen aus den 90ern werden wach, mich packt es wieder. Und so sitze ich morgens vor sechs Uhr in meiner Leseecke und blättere mich durch Wittgenstein.

 

 

 

Weil es unverdrossen regnet, genaugenommen schüttet, fahren die Tochter und ich mit dem Auto zur Schule. Muss ich wenigstens die Fahrradtasche nicht zuwürgen, das wäre heute knapp geworden. Die Tochter fragt, was ich mit so vielen Taschentüchern will. Ich versuche sie’s erraten zu lassen – na, was habt Ihr in der 5. am Ende des Schuljahres gehabt? – aber sie war anscheinend in der 5. in Mathe nie anwensend. Jedenfalls hat sie keinen blassen Schimmer und tut äußerst überrascht, als ich mit Wörtern wie Oberflächeninhalt und Quader um mich werfe. Vielleicht ist es ihr auch einfach noch zu früh. Dann soll sie halt nicht fragen;-)

 

 

 

Morgendliche Schultafeln sind so schön leer, nee, Quatsch. Sie sollten es sein. Aber wie das so ist. Das Wischen und Abziehen hat jedenfalls was Meditatives.

 

 

 

Dann kann es losgehen. Quader und Oberflächen halt.

 

 

 

Und weil ich ja im Unterricht schlecht fotografieren kann, gibt’s das nächste Bild erst von dem Moment, wo die einen Schäfchen schon weg und die anderen noch nicht da sind.
Ahhh, Ruhe.

 

 

 

Der Kurs kommt, der Kurs hat keine Lust mehr. Nichts Neues, auch an diesem Mittwoch nicht. Wir strampeln uns durch Abstände windschiefer Geraden und sind ansonsten friedlich miteinander.

 

 

 

Stundenende, große Pause. Ich habe Hofaufsicht, genau vor dem Fenster. Dort erscheint aber niemand, denn es schüttet gerade wieder los, die Regenklingel ertönt, bäh. Drinnenaufsicht in ner Regenpause ist anstrengend, weil es eng und und höllelaut ist. Stadionatmosphäre, und das ganz ohne Eintrittskarte.

Unterrichtsschluss, ich trage meine 150 Noten am Verwaltungscomputer ein. Bzw. möchte es tun. Für einen Teil davon fehlt mir aber mein Passwort, der Zettel liegt nicht in meinem Fach, auch in keinem Nachbarfach, der zuständige Kollege ist mit den 10ern in Berlin, und auch sonst findet niemand eine Lösung für die Passwortfrage. Also dann eben nicht. Wenigstens die Mitarbeits- und Verhaltensnoten mache ich fertig – Papierlisten brauchen keine Passwörter – , und die verbalen Bemerkungen verschiebe ich auf später.

 

 

 

Denn zu Hause wartet das Mittagessen. Wie gut.
Ausnahmsweise sind beide Kinder da. Wir starren alle völlig fassungslos auf den Kalender, niemand von uns hat heute noch irgendeinen Termin. Das gab es das letzte Mal vor gefühlt zehn Jahren. Wir fühlen uns auch ganz unbehaglich dabei und argwöhnen bis zum Abend, dass wir sicher irgendwas vergessen haben.

 

 

 

Danach drucke ich alles aus, was ich heute nicht eingeben konnte, das sollte dann wohl morgen als Papierliste zur Schulleitung.

 

 

 

Irgendwann am Spätnachmittag überkommt mich Arbeitsmüdigkeit. Zeit fürs Cello. Mein Lieblingssatz …

Es bleiben Abendessen, Telefonieren, mit einer Freundin an der Haustür schwätzen, Wäsche, Kinderzeugs und ein paar Schreibtischdinge.

 

 

 

Bis sich der – mittlerweile wieder blaue – Himmel über’m Haus abendlich dunkel färbt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

WmDedgT 07/17

Heute ist Abischerz, fällt mir als erstes ein, als der Wecker klingelt. Sofort senkt sich meine Laune, diesen Tag bräuchte ich nicht. Seit Jahren nichts Neues, die Schule ist verbarrikadiert, es wird auf dem Schulhof herumgejagt, mit irgendwas geworfen, und mittags gibt’s ein Fußballturnier Schüler gegen Lehrer. Mehr Idee war oft nicht. Na mal schauen.

Noch ist etwas Zeit. Ich schreibe am Post zu meinen Urlaubsbildern, die Stimmung der damaligen Radreisetage schwebt im Raum, sie ist gar nicht so unpassend zur gegenwärtigen, es läuft nicht leicht und rund derzeit, innerlich nicht, äußerlich nicht. So sitze ich inmitten von Morgensonne und erwachenden Vögeln und schreibe von grauen Glocken.
Um sechs wollen wie immer die Kinder geweckt werden, danach steige ich vom Schreiben aufs Lesen um, und irgendwann ist Aufstehen-Duschen-Broteschmieren, die übliche Morgenprozedur, dann wie immer unser leicht hektischer Aufbruch. Weil ich nicht möchte, dass mein Auto oder mein Fahrrad in Schulnähe geteert und gefedert wird – da gab es schon so manches – lasse ich mich heute von einem Fremdauto mitnehmen und vor der Schule absetzen.

Aha, mit Stroh wird dieses Jahr geworfen. (Später am Tag werden sich etliche Kinder abholen lassen müssen, weil sie nassgespritzt und von oben bis unten strohbekrümelt verständlicherweise keine weiteren Stunden in der Schule aushalten können.) Ansonsten wirkt es harmlos, ich gehe schonmal durch den Hintereingang ins Schulhaus hinein. Bevor die Schülerschaft die unteren Barrikaden überwunden hat, sollten wir oben das unfallträchtig gestapelte Mobiliar geräumt haben.
Tische, Stühle – und leider auch privatere Gegenstände – des gesamten Schulhauses sind im zweiten Stock aufgetürmt, stellenweise bis unter die Decke. Um einen Anfang zu finden – alles ist ineinander verkeilt -, müssen wir erstmal eine Weile auf und zwischen Tisch- und Stühletürmen herumklettern sowie einen Zugang von hinten über die Feuerleiter schaffen, das Aufgabenfeld unseres Berufes ist halt vielfältig:)
Mit uns klettert unser Chef persönlich, mit seinen zwei Metern Körpergröße kann er eh viel besser als ich und die meisten die Klopapier“verzierungen“ an den Decken und die weiter oben verhakten Gegenstände entfernen. Wir werkeln also gemeinsam in luftiger Höhe und machen uns dann an das Entkeilen des Mobiliars, immer von außen nach innen, eine Art 3D-Tetris rückwärts.
Irgendwann stoßen die ersten älteren Schüler dazu, die den Treppenparcours überwunden haben, die dürfen gleich mitmachen, und von da ab geht es schnell. Als die wilden 5. und 6. Klassen nach oben kommen, gibt es schon keine Klettermöglichkeiten mehr, puh, Unfälle braucht ja kein Mensch.
Während das Strohwurffest auf dem Hof in Auflösung begriffen ist und die Kleinen nach und nach eintrudeln, bespreche ich noch schnell mit der Kollegin von gegenüber das Drängende, welches ich beim gestrigen Spätabendtelefonat erfahren habe. Wie es dem H. geht, wie wir ihm helfen könnten. Und an welchen Stellen uns die Hände gebunden sind. Es tut so weh sich in das Kind hineinzuversetzen …

Jedenfalls: gegen 9 Uhr sind sämtliche Gegenstände wieder in die Klassen geräumt, meine kleinen 5er sitzen verschwitzt und aufgeregt vor mir – es war ja ihr erster Abischerz – und sind dann enttäuscht, als ich noch ein wenig Unterricht mache. Vielleicht bin ich unlocker, aber nach dieser Räumaktion tut es mir einfach gut, dass alle geordnet – und gesund! – vor mir sitzen, keiner mehr wirft und tobt, und alle mit nem Stift in der Hand an ihren ganzen Zahlen herumrechnen.

Auch mein Kurs scheint über die Tatsache, dass ich einfach das Thema an die Tafel schreibe und offenbar eine ganz normale Unterrichtsstunde beginnt, enttäuscht zu sein. Aber das sind sie schon seit Wochen.  Klar, alle sind schuljahresenderschöpft. Aber wir können schließlich nicht vier Wochen lang „Film schauen“.
Also Geometrie, wir berechnen diverse Abstände, ich habe ihnen für heute ein bunt gemischtes Übungsprogramm zusammengestellt, das kann man jederzeit unterbrechen. Wer weiß, ob nicht zwischendurch noch lustige Einlagen der Abiturienten kommen. Es erscheint aber nix und niemand, keine Quiz- oder Schokoladenablenkung kommt des Wegs, naja, die sind wohl alle beschäftigt, das Stroh auf dem Schulhof aufzuräumen:)

Nach der Stunde verabschiedet sich der finnische Gastschüler – ach mönsch, das tut ja immer ein wenig weh. (Jetzt in einem Jahr etwa wird sich der Sohn in seiner italienischen Schule verabschieden …)
In der Pause steht eine Besprechung mit den Sportkollegen an, die letzten beiden Schultage sind dieses Jahr Sporttage, wir 5er-Lehrer dürfen an diesen Tagen unsere Kleinen begleiten und werden eingewiesen. Gar nicht schlecht, diese letzten Tage mal nicht selbst organisieren zu müssen, das sähe im Fall von Projekttagen nämlich ganz anders aus. Dafür dreht die Sportfachschaft schon jetzt am Rad, verständlicherweise.

Um 11.15 ist für mich heute Schluss, da die Bereitschaftsstunde ungefüllt geblieben ist, puh. Ich darf also gehen, während auf dem Sportplatz das Finale des Abischerzes ansetzt, ich habe keine Lust. (Später werden mir die Kinder davon erzählen. Bis auf ein Miniquiz gab es wieder nur Fußball.) Der Zug bringt mich nach Hause.

Dort – es ist halb eins – bin ich erst einmal müde, mein Grundzustand dieser Tage. Ich schaffe es beim besten Willen nicht, mich sofort an die Korrekturen zu setzen. Aus „ein bisschen dösen“ werden zwei Stunden, zwischendurch kommen die Kinder heim, wir essen, ich döse weiter, müdemüdemüde, ich „funktioniere“ gerade nicht mehr gut. Und meine Augen brennen.

Gegen drei schalte ich dann doch den Computer ein, ein paar dringende Dienstmails, ein Antrag ist zu schreiben, eine Bestätigung abzuschicken, zwischendurch braucht der Sohn Hilfe von mir, weil wir seine Klarinette für den Italienflug anmelden müssen, dann erzählt die Tochter, dass sie in der Musical-AG die Wunschrolle bekommen hat und sie mit der Benefix-AG Eisessen waren. Das wär’s jetzt: es ist so warm. Wir haben aber kein Eis im Haus:(
Mir ist also warm, und die Augen brennen immer doller.
Der Korrekturstapel grinst mich an, ich setze mich an den Terrassentisch, dort ist es zu warm, drinnen aber eigentlich auch. Es wird ein zähes Heft um Heft um Heft, heute sind die Aufgaben 4 und 5 dran, wenn ich morgen diszipliniert die 6, 7, 8 mache, könnte ich morgen Abend fertig sein, jedenfalls mit dem größten Rotstiftberg, und am Freitag zurückgeben. Dann wäre das Wochenende schon korrekturfrei, sinniere ich, während Häkchen um Häkchen (und leider auch Nichthäkchen um Nichthäkchen) meinen Stift verlässt.

Aber was ist das mit meinen Augen??? Am Abend – es ist so schnell acht Uhr geworden – bin ich bei einer stündlichen Augentropfenfrequenz angekommen, das hatte ich selten. Es brennt, sieht aber nicht rot aus. Während wir Abendbrot essen, sitze ich mit geschlossenen Augen da, nicht witzig. Morgen Vormittag hätte ich Zeit für einen Augenarztbesuch, mal sehen …

Für heute ist mir alles vergangen. Mit den Kindern zusammen räumen wir schnell das Essen weg und die Küche auf. Ich schmiere mir Salbe in beide Augen, nun kann ich nur noch verschwommen sehen, aber es tut für den Moment wenigstens nicht weh.
Nur Celloüben – mein tägliches Elexier – schenke ich mir noch, heute mit weitgehend geschlossenen Augen. Die meisten Übungen kann ich auswendig, merke ich bei der Gelegenheit, und in den Körper und die Töne hineinzuspüren gelingt sogar besser.

Ich bleibe dennoch nicht lange dabei, mir ist nicht danach. Noch vor zehn liege ich im Bett – wann gab es das zuletzt? – versuche durch die Salbe auf mein Buch zu blinzeln, gebe es aber auf und schlafe dann wohl schnell ein.

Konsequent – mein Körper nimmt kein zusätzliches Schlafgeschenk an:) – werde ich gegen halb vier wieder aufwachen.
Die Augen brennen immer noch.

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Erzählungen gibt es bei Frau Brüllen.

#bergundtal-1 – Anlauftage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

Anders als sonst verläuft der Radreisestart diesmal. Alles andere als leicht. Gefangen im Erschöpfungs- und Traurigkeitskreis. Das Packen ist mühselig, Vorfreude will nicht aufflammen.
Fast unvermittelt ist der Starttag da, ich sitze auf dem Rad. Wir – ein Teil der Familie fährt den ersten Tag mit – treideln gemächlich über die fastnochheimischen Felder und begehen den Abschied in einem Biergarten, bevor ich die anderen zum Bahnhof bringe.

 

 

Dann bin ich allein … und habe noch ein paar Kilometer bis zum Zeltplatz.
Stumpf fahre ich durch die Flusslandschaft, alles scheint grau und trüb. Der Neckar, dem ich nun ein paar Tage folgen werde, bedeckt sich mit Nieselregen, die Bilder finden keine Kontur.

 

 

Nach einer ersten Zeltplatznacht in Neckarsulm und einem Aufbruch im Regen öffnet das Land rings um den Neckar seine weiten Arme, doch ich bleibe blind.

 

 

 

Mein Trittrhythmus gibt mechanisch einen Takt vor, in dem ich nicht mitschwinge, Landschaften und Flussansichten ziehen nur am äußeren Auge vorbei …

 

 

 

… und ich weiß überhaupt nicht mehr und noch nicht, wie sich ein Ankommen im Unterwegssein diesmal anfühlen könnte.

 

 

Es ist ja immer eine Verquickung von Innen und Außen, denke ich, als ich – schweißgebadet zu einer Aussichtsstelle namens Jahrhunderthöhe hochgestrampelt – von einem mastenverstellten Blick enttäuscht werde. Weil ich nicht empfänglich sein kann, bietet sich der Wegrand auch nur nüchtern dar, vielleicht.
Dabei könnte ich Labendes und Buntheit gut gebrauchen. Eine „Kunstkaserne“ in Ludwigsburg zeigt mir wenigstens äußere Farben.

 

 

An Campingplätzen herrscht in weitem Umkreis um Stuttgart Ebbe, es gibt lediglich Bad Cannstatt. Karg, nüchtern, ungemütlich, laut.
(Nur die Begegnung mit zwei Fernradlern auf der Rückereise von einem anderen Kontinent und ein weiteres offenes morgendliches Frühstücksgespräch entschädigen.)

Der nächste Neckartag stellt zunächst Industriegelände und Graubauten an und auf den Weg …

 

 

 

… bevor es hinter Plochingen allmählich grüner und ruhiger wird.

 

 

 

Doch, ja, ich spüre kleine Momente, in denen mich Stilles und Lebendiges berührt, da blinzelt ein Licht durch den Nebel.

 

 

 

Nur beschäftigt mich – wir telefonieren mehrmals täglich – dass es dem Kind zu Hause nicht gut geht. Ich suche schon Bahnverbindungen heraus und gebe mir noch eine Nacht zum Entscheiden.

 

 

 

Immerhin möchte ich das Tagesziel Tübingen noch erreichen, wo ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert (wie alt das klingt!) für ein Semester studiert habe. Seither war ich nicht mehr dort.

 

 

 

Ich rolle unter Regenwolken, die sich ab und zu entladen, durch feuchtsaftiggrüne Wiesen, bis ich auf dem Tübinger Marktplatz stehe.

 

 

 

Hier saß ich an meinem ersten Tag, es war der 1. April 1991, nach der nächtlichen Zugfahrt aus Berlin auf den Stufen des Brunnens und weinte. Ich konnte mir nicht vorstellen, in einer solch fremden Welt zu leben, und fühlte mich unendlich einsam. — Dass ich dann quasi für immer in dieser Ecke des nunmehr größeren Landes bleiben sollte, das ahnte ich an jenem Umzugstag nicht.
Heute weine ich aus anderen Gründen …

 

 

Und doch zieht es mich später am Tag, das Zelt ist – auf dem bislang teuersten Campingplatz meiner Radelreisekarriere aufgebaut – an die Vergangenheitsorte. Es fühlt sich wohlig an, mein Tübingensemester war trotz der tränenreichen Ankunft dann wohl doch noch ein gutes gewesen.
Mein Wohnheim finde ich nach einigem Umherirren, die Mensa in der Wilhelmstraße auf Anhieb. Es sieht noch aus wie damals. Jünger sind wir alle nicht geworden:)

 

 

 

Später esse ich in der Kneipe, in welcher ich das erste Hefeweizen meines Lebens getrunken habe. (Warum nur habe ich davon kein Foto? Ich war wohl in Gedanken zu sehr bei der Entscheidung, ob ich abreise oder nicht.)

Der nächste Tag mit seinem Morgentelefonat lässt mich zunächst wieder aufs Rad steigen, letztlich fahren Züge von allen Orten. Ich rolle das Neckartal aufwärts. Es bleibt gewittrig, ich stelle mich öfter unter, bin immer noch nicht bei mir, und doch spüre ich Veränderung.

 

 

 

 

Der Himmel reißt hin und wieder auf. Ich finde Ruhe am Wegesrand. Die Wolken lichten sich. In mir wird es lebendig.

 

 

 

 

Mein Zeltplatz in Oberndorf letztlich, auf dem ich an diesem Tag als einzige übernachte, der fühlt sich wohlig an, obwohl ich ein klein wenig ängstlich vor dem nächtlichen Ganzalleinsein bin. Etwas bricht in mir auf. Zum ersten Mal seit Tagen spüre ich ein Ja zu meiner Reise. Ich lächle, während sich über mir Sonne und Gewitterwolken streiten.

 

 

Als es erneut losschüttet, verziehe ich mich unter das Vordach des Kiosks. Dort sitzt schon jemand, ebenfalls vor dem Regen geflüchtet. Eine Frau  zieht zwei Bier aus ihrer Tasche, ob ich eines mit ihr trinken wolle. Wir reden, über dies und das, übers Unterwegssein, die Menschen im Dorf, wonach wir auf der Suche sind, und wissen dabei nicht mal unsere Namen. Schade, dass sie irgendwann nach Hause geht.
Ich beginne zu kochen, schaue in die sich senkende Dunkelheit, in das Spiel des Mondes mit den Wolken, und in diesem Moment komme ich in meiner Reise an.

 

 

Andere Bilder dieser #bergundtal-Radreise sind hier zu finden:

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-3 – Begegnungen

#bergundtal-4 – Tochtertage

im Juni

Ein erschöpfter Monat ist dieser Juni. Wie immer um diese Zeit, da das Schuljahresende eingeläutet wird. Von Jahr zu Jahr aber stecke ich es schlechter weg. Nach der Himmelfahrtspause komme ich überhaupt nicht wieder in Tritt, die ersten Monatstage vergehen in lethargischem Waten durch die letzten Schulstunden, und sogar die Radreisevorbereitungen fließen nicht.
Die Reise selbst beginnt zäh und innerlich düster, es braucht lange, bis ich ins Unterwegssein hineinfinde.
Von dort zurückgekehrt, ist der halbe Monat um, ich trotte wieder durch Schultage, besser gestimmt zwar, jedoch auf einem anhaltenden Teppich der Erschöpfung.
*
So sehen diese Tage also aus, die Korrekturen stapeln sich, darum auch ist es im Blog still geworden, darum ist mir kaum nach Schreiben zumute, darum schob sich dieser kurze Rückblick Tag um Tag um Tag hinaus. Es sind ja nicht nur Korrekturen. Da ist Hitze, unerträglich im Glasfassadenschulhaus, da sind Konferenzen und Sitzungen und Planungen fürs nächste Jahr, ein Wettbewerb ist auszuwerten, es gibt eine Mathenacht mit den 5. Klassen und eine Kollegenverabschiedung auf der Sternwarte. Vieles ist schön und bewegend. Und dennoch: Man mag nicht mehr, ich mag nicht mehr.
*
Die Kinder stöhnen ähnlich, die Temperaturen in Verbindung mit dem Klassenarbeitsberg werfen noch jede Motivation um, es wird Zeit für Sommerferien.
Der Sohn möchte diese allerdings am liebsten überspringen und gleich nach Italien abfliegen, spätestens als er vor Vorfreude platzend von seinem Vorbereitungsseminar zurückkehrt. Solange beschäftigt er sich mit einem Online-Italienischkurs, lässt aber uns gegenüber noch keine neuerlernte italienische Silbe raus:)
Allmählich wird es in verschiedener Hinsicht ernst, wir kündigen Musikunterricht, Monatsticket und diverse andere Regelmäßigkeiten und beschäftigen uns mit Klavieranmietmöglichkeiten in Mailand, Kontoeröffnung und Versicherungsdingen. Das lenkt immer wieder den Blick darauf, wie bald er schon weg sein wird.
In diesen Tagen erhalten wir auch endlich Unterlagen für Gasttöchter, wir entscheiden uns und werden einander wunschgemäß zugeordnet. Ab September wird die Tochter also eine große Gastschwester haben, aus Slowenien kommt sie, alle sind vorfreudig gespannt.
Musik gibt es in diesem Monat vor allem in Form von vielen Proben, die Schuljahresabschlusskonzerte und -vorspiele stehen vor der Tür, die Kinder bereiten eine Cello-Klavier-Suite vor und üben miteinander anders als früher ohne gegenseitiges Anschreien, na bitte geht doch.
Für die Tochter gibt es eine wichtige Neuerung: Langgewünscht darf auch sie endlich eine Brille tragen. Beim Optikerbesuch zeigt sie sich entschlossen und wählt ein kräftig-grelles Modell, wennschon dennschon, wir sind gespannt:)
*
Der warme Monat schenkt einige Treffen mit nahen Menschen. Meine Radreise hangelt sich von liebem Haus zu liebem Haus. Zu uns kommen Gäste, wir werden eingeladen, mit alten Freunden treffen wir uns in der Stadt. Und an vielen warmen langen Abenden sitze ich einfach nur allein im Garten. Neuerdings kann dort ein Feuer brennen, was mir vor allem die Seele erwärmt.

Baumwandelweg #5

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

 

Du lieber Baum,

so hatte ich mir das ja nicht vorgestellt. Dass ich mich so selten – nicht einmal jede Woche – zu Dir auf den Weg machen würde. Dass mir so oft die Zeit zum Tagesende doch nicht reichen würde. Dass mich, bei allem Wünschen und Wollen und Sehnen, stets andere Dinge von der kurzen Reise in Deine Welt abhalten würden.

Dabei tust Du mir gut. Unendlich gut, möchte ich emphatisch ausrufen. Von jeder kurzen Reise zu Dir komme ich beschenkt und gestärkt zurück. Ich bringe Bilder mit, die – eingebrannt in die Seele – weitertragen durch meine Tage. Ich darf mich bei Dir anlehnen – und gehe hernach leichter meine eigenen Schritte. Ich sehe Dein Ringsumher, eine Welt des Blühens, Reifens und Vergehens, und fühle mich getröstet. Alles wird leichter, wenn ich nur kurz bei Dir war.

Nun, ich bin wohl nicht besonders gut darin, gut auf mich aufzupassen. Sonst käme ich viel öfter. Vielleicht kann ich dies noch lernen. Für den Anfang aber haben wir wenigstens diese monatliche Begegnung, durch das äußere Ritual des Fotoprojekts fest vereinbart. Vor dieser fliehe nichtmal ich:)

Danke für die Geborgenheit, die Du mir gestern schenktest. Die Felddecke um Deinen Fuß hat sich nun deutlich sichtbar in die zweite Jahreshälfte aufgemacht. Kaum kam ich noch durch zu Deinem Stamm.

Doch dann sitze ich, rücklings an Dich gelehnt …

 … und schaue in all die satte Reife, die wärmenden Farben des erwachsenen Korns. Die zuweilen schmerzlich schnell verlaufende Zeit hält für einen Moment inne, nimmt mich bei der Hand und zeigt, dass es gut ist, so wie es ist. Dass Felder und Bäume eben reifen. Und Kinder auch.
Ja, der Sohn zum Beispiel. Noch nennt man ihn nicht erwachsen. Aber gemessen an dem kleinen Bündel, welches ich vor fast 16 Jahren im Arm hielt, ist er es eben doch. – Noch knapp 11 Wochen, bis er weggehen wird. Für lange, und ein bisschen schon für immer. Knapp 11 Wochen, von denen wir kaum eine Handvoll noch gemeinsam verbringen werden. Eine kleine Träne darf ich darum weinen, an Deinen Stamm gelehnt. Ich lerne die Lektion ja dennoch.

Weitergehen.
Obwohl zu Hause die Korrekturen, das Abendessen, die Wäsche, die Schulliste wartet, gehe ich weiter. Wenn auch nicht die große Runde.
Viele Spuren …

… in regelmäßigen und unregelmäßigen Schwüngen. Stimmt meine Vermutung – ich bin ja doch ein ewiges Stadtkind – dass diese Spuren schon mit der Aussaat gelegt werden, dass sie, anfangs noch unsichtbar, bereits im Boden angelegt sind, wenn das Korn noch nicht mal seine Spitzen ans Licht zu strecken beginnt?
Und ist das nicht wie mit meinem Tages-, Wochen- und Jahreslauf? Seine Richtung ist seit langem feststehend. In welchen Spuren sich mein Familien- und mein Schulleben bewegen wird, dies habe ich vor langer Zeit entschieden. Dass mein Leben und Alltagsleben damit überwältigend prall und zuweilen überfordernd gefüllt sein werden, diese Spur habe ich bewusst gesetzt.
Ich seufze. Es stimmt ja, Ihr Spuren. Ich gehe Euch. Es ist alles gut, wie es ist. Mögen da auch 120 Korrekturen auf dem Schreibtisch liegen, und die Kinderterminliste nie abreißen. Es ist gut.

Es ist gut.
Dieser Satz trägt mich nach Hause. Im goldenen Farbenrad der Felder und unter dem fallenden Abendlicht …

… wird plötzlich klein, was mich vorhin noch ganz verzagt gemacht hat.
Dass plötzlich der Kühlschrank seinen Geist aufgegeben hat und die Jahreszeit eiliges Handeln gebietet. Dass sich das Durcheinander nicht lichten will. Dass der so wichtige Kontakt holpert und im Moment durch nichts zu glätten ist. Dass sich die Versicherung schon wieder nicht meldet. Dass ich vor dem Brief sitze, Wort um Wort zusammenstolpere und doch am Ende immer alle verwerfe. Dass ich mit vielem zu spät dran bin …

Ich schaue den Himmel an, und Dich, Du Baum.
Dann werden diese Dinge klein.
So wie sie zu sein haben, weil sie es sind.

Und in mir wird es weit.
Weil es so zu sein hat?
Nein, dies ist Geschenk. Weitwerdendürfen ist Gnade.

Danke.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

Mittsommernacht

Es hallt in mir wider, dieses Feuer,
das mir noch vor kurzem hier bei mir, in meinem Garten, überhaupt nicht vorstellbar schien,
das – oder: dessen bergende Schale – ein wenig zufällig hierher fand,
so dass ich es gestern, als der (All)Tag voll und hitzig und bis zur Erschöpfung drückend sich seinem Ende zuneigte, entzünden konnte,
verwindend und verwandelnd das Unleichte eines Tages, der zum Entmutigen geeignet gewesen wäre, hätte ich dies zugelassen,
weil mich nämlich sehnte nach einem sanften Ausklang der Schwerigkeit, und ja – in größerem Bogen geschwungen – dieses gewachsenen hellen halben Jahres,
weil ich hineingeben wollte von meinem Gewesenen und herausziehen wollte für mein zu Werdendes,
weil das Helle – in mir, in der alles umfangenden Dämmerung, im Ahnen – sich zu verbinden trachtet mit elementarem Licht, wie die Flamme es schenkt,
weil mein irrender Blick zu sich und in mich hinein findet durch das Tänzeln der Flamme um ihre Mitte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und während sich vor meinen Augen alles zu Glut wandelt, belebt mich innerer Tanz.

In Demut.
In Dankbarkeit.
In Hingabe.

Ein Reiseblick

Meine Reise ist vorbei, und noch lange nicht vergangen.
Viele mitgebrachte Bilder sind angeblickt, und noch lange nicht durchschaut.
Ich bin wieder hier, und noch lange nicht fort von dort.

Genau vor einer Woche war es, als wir durch’s geborgenheitspendende Grün streiften, auch an diesem Hollerbusch vorbei.
Es ist nicht jener von diesen Bildern, aber es war mit ihr.

 

 

Ich schaue, mich erinnernd, in die Welt dieses guten Hollerbuschs hinein. Da ist so vieles. Ich mag gar keine Worte dafür suchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und ich mochte die Bilder auch nicht kleinstellen. Eigentlich würde ich mich gern noch tiefer hineinentdecken …

 

Alltagsglück #2

Eigentlich sind wir ja noch auf Reisen. Was uns soeben geschah, ist also nicht direkt Alltagsgeschehen.
Andererseits könnte genau solches im Alltag geschehen, hängt es nicht vom Reisesein ab, ist dies nur zufällig ein Unterwegserlebnis.

Wir kommen auf einen Campingplatz. Dies ist immer Lotterie, zuweilen sind die Plätze eng, dicht, voll, man steht mit seinem Minizelt manchmal zwischen großen Wohnwagen und fühlt sich bedrängt. Oft ist es mit den benachbarten Zeltenden schwierig, da einer den anderen als zu nah empfindet oder die gegenseitige Lautstärke nicht zueinander passt. Am glücklichsten bin ich immer, wenn ich weit weg von anderen mein Zelt aufschlagen kann, wenn die Kontakte also spärliche oder gar keine sind. Darum ist dieses heutige Erleben so besonders.

Es beginnt schon in der Rezeption, in die wir hineinstürmen, da ein Gewitter uns jagt und wir gern noch im Trockenen aufbauen würden. Ich sollte heut noch Lotto spielen, sagt der Zeltwart, es ist just ein Wasserblickplatz frei, einer von fünf. A23. Wir sollten schnell aufbauen gehen, anmelden könne man auch bei Regen.
Es fühlt sich ja schon unbehaglich an, so eine Parzelle zwischen Wohnwagen zu bekommen und nicht auf die große Zeltwiese zu gehen. Die Tochter sagt gleich, wir sollten noch andere Radler mit auf die Riesenfläche nehmen. Ja. Es kommt bloß niemand mehr:)
Jedenfalls denke ich noch ein paar Sekunden darüber nach, wie wir jetzt unter Beobachtung zwischen den Wagenburgen sind, und wie sich unser Minizelt wohl ausnehmen wird, in welche Ecke des Areals wir es stellen sollten, damit wir uns behaglich fühlen könne. Und schon geht es los …

Zwei recht kleine Mädchen kommen. Mit einer Vierteltorte und Papptellern. Sie hätten die auch geschenkt bekommen, und nun wollten sie weiterverschenken. Wir hätten doch bestimmt Hunger nach der Fahrt. Ich bin ganz verdutzt. Wir nehmen uns zwei Stück und sind völlig perplex: Torte zum Campingplatzempfang.
Bald darauf kommt eine junge Frau vom Wohnwagen schräg gegenüber. Es würde ja gleich losgewittern. Wir dürften gern unsere Räder bei ihnen unterstellen, sie könnten den Tisch im Vorzelt wegschieben, dann wäre Platz für die Räder. Und für uns auch, sagt sie. Und schaut zum gewitterdrohenden Himmel. Ich bin überwältigt. Dies ist mir auf einem Zeltplatz noch nie passiert.
In der nächsten Minute – wir bauen eilig das Zelt auf – kommt die Nachbarin von links. Ob wir Hilfe bräuchten. Und ob wir zu trinken wollten. Wo wir heute herkämen. Und ihr Dach stünde uns offen. Dort lugt auch schon die kleine Lena hervor. Die nach kurzem Anlächel-Warmup mit der Tochter für den Rest des Tages fest mit dieser verschweißt sein wird.
Ich bin immer noch perplex, wie offen hier alle ihre Hände anbieten, als der Nachbar von rechts einen Hammer bringt. Weil er aus dem Saarland gerade Orkan-Hagel-Horror-Wettergeschichten höre. Und falls dies auch hierherkomme, da sollte ich die Heringe mal besser nicht nur mit dem Fuß eintreten. Er fragt, ob er noch irgendwie helfen könne.
Später kochen wir, die kleine Lena setzt sich fasziniert dazu. Sie isst mit – ihr eigenes Abendessen hatte sie stehenlassen, war mir nicht entgangen:) – und fragt nach dem Essen, ob sie beim Abwaschen helfen dürfe. Ein Kind zum Fasziniertkopfschütteln:)
Kaum haben die Mädchen gespült, kommt ein weiterer Zeltnachbar von schräg gegenüber, ob es uns gut gehe. Ob er mich zum Bier einladen dürfe. (Darf er:)) Wohin unsere Tour weiterginge …

Ich bin wirklich überwältigt. Mittlerweile haben wir alles im Zelt, dieses ist himalajafest vertäut, die kleine Lena hilft eifrig mit, nun auch noch die Räder sturmfest festzuzurren, und alle Menschen ringsum waren und sind für uns da. Was für ein warmes Erleben.

Kurz darauf trübt sich dies noch einmal ein – wie gewonnen so zerronnen, denke ich kurz – als sich vier Angler just vor unserem Zelt niederlassen, unser im Vorzelt gekochtes Essen vollqualmen und zwei Meter vor unserer See-Idylle laut palavern. Bis ich mir ein Herz fasse, sie ruhig anspreche, darum bitte, dass sie nicht gerade in meinem Zelteingang sitzen mögen, die Seen seien doch so groß – und sie schließlich mit ihren Stühlen, Bierflaschen und Rauchfahnen abziehen.

Seither sitze ich am See, atme die Stille ein, bin noch immer am Wundern und Michfragen: Warum gelingt uns Menschen dies nicht immer und allezeit: Füreinander da sein. Aufeinander zu gehen. Zugewandt schauen, was die und der andere braucht.

Entschuldigung, ich bin noch unterwegs. Mein Schreibgefühl hat noch nicht wieder zu mir gefunden. Vielleicht liest es sich daher holprig. Aber ich wollte es unbedingt erzählen: Wie viel Gutes ist uns in wenigen Minuten geschenkt worden. Wie offen sind die Menschen – ALLE Menschen ringsum! – auf uns zugekommen.

Wie gut können wir Menschen es miteinander haben. Wenn wir einander nur anlächeln, uns gegenseitig helfen, füreinander da sind.

Es war heute fast wie in Utopia. Jedenfalls aber: Es war ein Alltagsglück, das ich mitnehmen werde von der Reise. Und das wir weiterteilen sollten. Lasst uns aufeinanderzu gehen …