Autor: Frau Rebis

Außen und innen

Seit Tagen hüllt ein Grau die neue Jahreszeit ein, ein Grau mit verwehenden Farbtupfen. Der noch gar nicht so ferne Leuchtherbst schimmert in einem jeden am Boden liegenden Blatt, in einem jeden sich kahl schüttelnden Zweiglein. Vergangen ist diese Lebensrunde, vergangen, so ruft das verwehte Grün von überallher. Und lässt gleichzeitig durchscheinen, dass darunter schon der nächste Kreis keimt. Im Vergehen ihres Nährbodens verströmen sich Ahnungen neuen Wachsens. Ich weiß ja, wo es knospen wird. Irgendwann. Bald.

Und plötzlich reißt sie auf, die alles einhüllende Nebeldecke, für einen Moment nur, dem ein kurzes staunendes Aaahhh! entfährt, denn tatsächlich ist da, vergessen schon hinter den grauen Schichten, ein offener Blick ins freudige Blau des schwarzen Universums. Jene leuchtende Farbe, welche der gleichen Quelle entspringt wie jede Wolkendecke, jeder Nebel, jedes Wetter.

Vielleicht ist das alles ja jahreszeitenlos, vielleicht schaffen wir uns diese Konzepte nur für eine innere Ordnung, ohne die wir uns nicht in der Lage sehen, uns durch unser Auf und Ab zu hangeln?

 

Vielleicht ist ein jedes Blau ja von Wolken gesäumt, und ein jedes Lebendige von Erstorbenem?

 

Wie frische Lebensadern Verblühtes durchdringen, und wie sich verdorrende Fasern auf pulsierendes Gewebe stützen, um ein gemeinsames verwobenes Netz zu bilden …

 

… wie sich Gereiftes, Tragendes, Eigentliches hinter schützenden Hüllen verbirgt, welche die Geste des Gebärens doch immer schon bereithalten …

 

… wie die überreifen Früchte immer schon neue Saat in sich tragen, wenn nur ein nährender Lichtstrahl sein Ja dazugibt …

 

… wie, wenn ich mich nur in weit geöffneter Gebärde empfangend bereithalte, einem jeden Verblühen eine neue Lebenswelt entspringt …

 

… wie ich all dies sehe, erkenne, erahne, immer wieder. Weil ein Licht hindurchleuchtet, durch alles.

 

Vielleicht, und hier schließt sich der Kreis, vielleicht sind ja jegliche Wolken wirklich immer von Blau gesäumt, und jegliches Erstorbene von Lebendigem.

 

Ganz ursprünglich, als fast noch Sommer war, da nahm ich diese Bilder auf, inspiriert von Ullis Maisfreuden. Zu ihren Maisschöpfen und -fasern wollte ich Maisgesichter suchen. Doch ich merkte schon am Feldrand, dass ich für Porträtfotos wohl zu ungeduldig bin, dass ich einzelne Gesichter kaum zu erkennen vermag. Stattdessen nahm ich einen Zyklus wahr, zunächst einen Ausschnitt davon, einen Teil des großen All-Kreises, später immer mehr und mehr. Ich sah, wie jeder Teil das Ganze in sich trägt. Und dass es bei all dem immer auch um mein inneres Kreisen geht, mein stetes Gebären, Sein und Ersterben.
Welche Erschütterungen brachten die letzten Wochen mit sich, und welche zögernden Schritte setzten diese in Gang. Nun gehe ich wieder. Und finde – auch mit diesem Text – in einen Frieden hinein, zunächst. Bis zur nächsten Wehe.

 

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Cello #4 – Vom Klang

Das habe ich heute gebraucht, genau das.
Und ich werde es weiterhin brauchen, werde es weiterhin suchen. Auch wenn morgen vielleicht alles wieder ganz anders ist, wenn es wieder in weite Ferne gerückt sein sollte.
Heute habe ich es erfahren. Heute, als ich nach Tagen der grauen Traurigkeit und verzagten Mutlosigkeit mich dann doch ans Cello setzte. Nicht vorfreudig, nicht erwartend, mit entwöhnten Fingern, einfach nur zu meiner nach der Reise wieder aufzunehmenden Übezeit.

Ich setze den Bogen an – und plötzlich ist es da. Ein bis in die Brust vibrierender Klang. Laut, aber nicht einfach laut. Ein klares, ungewohntes Tönen leuchtet schon im Stimmton. Dann in der ersten Tonleiter. In der ersten Etüde, im ersten Übungsstück, in allem.
Das sind ganz andere Töne als die, die ich zurückgelassen hatte. Fester zwischen meinen Händen eingespannt, aufgehängt in den rechten, bogenführenden Fingern, vibrierend im linken, greifenden Finger bis hinein in die Hand, ja in den Unterarm. Gestaltet von beiden Händen, und fest mit mir verbunden.
Ein heller Paukenschlag erklingt, von meinen ausgeruhten Händen und Armen ausgehend. Als hätten diese eine Woche lang Anlauf genommen.

Was an Bewegungsabläufen für einen solchen Klang nötig ist, dies bekomme ich nun seit fast einem Jahr Cellounterricht Woche für Woche gesagt und gezeigt, dies ertaste ich seither Tag für Tag.
Der rechte Arm muss sein Gewicht auf dem Bogen ablegen. Ohne jedoch Muskelkraft einzusetzen, die Schwerkraft reicht. Der rechte Zeigefinger muss das Gewicht auf den Bogen übertragen, mal mehr, mal weniger, je nach Lage, Tempo, Dynamik, Rhythmik und Klang. All die rechten Finger müssen in einem steten Balanceakt zwischen Anspannung und Entspannung in einem jeden Moment den Kontakt zur Saite herstellen, auch wenn diese fast einen halben Meter entfernt ist (und deswegen die physikalischen Gesetze der Hebelwirkung im Weg sind). Das rechte Handgelenk  muss wie auch Ellbogen und Schulter locker sein, jedoch ohne die Spannung in den Fingern aus den Augen zu lassen.
Die gesamte linke Hand muss solidarisch zusammenarbeiten, muss all ihr Vermögen zusammennehmen, um auch noch den kleinsten, den schwächsten, den unflinkesten Finger zu stützen, wenn dieser – stellvertretend – die schwere Saite mit festem Druck auf das Griffbrett legt. Der eine Finger muss stets von den Nachbarfingern begleitet werden, welche in einer schier nicht zu vereinbarenden Vorstellung durch ihre Beweglichkeit die Statik des tongreifenden Fingers erst hervorbringen.
Der gesamte linke Arm muss aus der Schulter heraus alles geben, damit ein winziger Finger auf dem Griffbrett einen Ton vorbereitet. Der gesamte rechte Arm muss in all seinen Gelenken – und derer sind viele – zusammenspielen, damit Kraft, Bewegung und Fluss stimmig werden und Klang hervorbringen können. Der gesamte Körper umarmt das Instrument und singt im Ganzen, so dass Arme und Hände ihrem Werk nachkommen können.

Müssen müssen müssen müssen. So viele Müssen’s habe ich im Laufe der Monate erfahren, gezeigt und erklärt bekommen, selbst erfühlt und ertastet. Und nie hatte ich die geringste Vorstellung davon, wie es gelingen kann, dass das alles zusammenspielt.

Und heute war jedes Müssen aufgehoben. Heute war es einfach so da. Für kurz nur, aber es war. Meine Finger und mein Körper fühlen sich noch ganz benommen von dieser Erfahrung.

„Anderthalb Jahre braucht man, bis man auf dem Cello einen Ton hervorbringen kann“, sagte mal jemand, als ich noch nicht im Traum daran dachte, dass ich dieses Instrument eines Tages spielen werde. Damals verstand ich nicht. Heute beginne ich zu erahnen. Ob anderthalb Jahre oder drei, ob ein halbes oder zehn Jahre – es ist ein langer, mühsamer Weg, den eigenen Ton auf diesem Instrument zum Klingen zu bringen.
Bisher vernahm ich oft nur Unsauberkeit, Quietschen, Scheppern, die gesamte Palette des Unschönen. Oder es geschah alles in großer Flachheit, ohne dass irgendeine Schwingung in die Tiefe drang. Oder ich knirschte mit der Unvollkommenheit um die Wette.
Heute nun eine lichte Ahnung.

Und sogleich zog es sich wieder zurück. Denn natürlich wurde der Ton im Laufe der Übezeit wieder flacher, uneigentlicher, unschöner, entfernter, bis er ganz verschwand. Und wie er morgen sein wird, ist ungewiss.
Aber ich habe ihn wahrgenommen. Heute.

(Natürlich lese ich dies alles, wie immer, symbolisch, als eine Lebensmetapher. Es ist nicht nur Musik. Es ist – wie jede Musik – Lebenlernen.)

Die bisherigen Cello-Texte:
#3 – Spiegelbilder
#2 – Lagenwechsel
#1 – Aufeinanderzu

 

Lebensschimmern

Nun … sind diese Bilder schon wieder alt, und doch auch wieder nicht,
ist die Reise eine vergangene, und doch noch nicht ganz,
mischt sich ein fortgesetztes Bunt aus Lebensfroh, Verwurzelung, Gereiftsein und Lichtspiegelungen, während tief unter der Decke neue Keime wachsen, damals, als die Bilder vermeintlich entstanden, und heute. Ja, heute besonders.

schimmern (1)

Der Weg verlief und verläuft ja nicht immer so geradeaus wie hier, blieb und bleibt nicht ohne Hindernisse, wurde und wird nicht auf jedem Meter behütet von schützenden Baumdächern. Und doch setzt sich am Ende, in der Rückschau, die Leichtigkeit. Ja, vor allem diese.

Geborgen und geschützt von einer schwebenden Dachkrone, tief bis zur Erde reichend,
wächst, was zu wachsen sich einst anschickte, der Schwerkraft sich widersetzend.
Und im Farbentanz ist Leben, so viel Leben.

Wohin sich das Rot noch ranken wird? Wohin hinauf? Wohin hinunter? Und welche Rolle spielen schon Richtungen und Orte?

Was im gelbgoldenen Schimmer noch erstrahlen wird? Und was nicht? Wie durchscheinend er sein mag? Und wie verbergend? Und ob er wohl als Lebenshintergrund trägt?

Lang ist es vorbei, dass man mir sagte „Auf die nächsten … Jahre“. Gleichgültig, wie viele es noch sein werden: Wenn nur Raum ist für die Farben des Lebens, für alle Farben.

schimmern (18)

Und wenn sich nur über allem der Himmel nie ganz verdunkelt, dann will ich’s schon zufrieden sein.

schimmern (19)

Danke für alles, was war.
Danke für alles, was ist.
Danke für alles, was wird.

(Diese Bilder – hier lebensreisegelesen – stammen von einer wirklichen, konkreten Reise, einen Monat mag sie her sein. Andere Bilder jener Reise-Tage sind diese und diese.)

 

Stille

Stille ist, wenn etwas sein darf, wie es ist. Wenn es sein eigenes Lied singt, seine eigene Harmonie, seine eigene Klangfarbe. Stille misst sich nicht in Dezibel, nicht in von außen vernehmbaren Tönen, nicht in der Anzahl gesprochener Worte gar. Nein, Stille ist der aus einer Mitte ertönende Frieden, ein innewohnendes Gleichgewicht, eine sich verströmende Ruhe.

Vermutlich kann jemand anderes kaum nachempfinden, ob ich in einer Situation, einem Menschen, einer Begegnung Stille empfinde. Oder ob ich eben Lärm höre.

Lärm ist, wenn der natürliche Gesang der Dinge übertönt wird. Dies kann ganz lautlos geschehen, allein durch Blicke, Kopfschütteln und Gesten. Oder durch beurteilendes, verwerfendes, kleinmachendes Geschrei, welches – möglicherweise – auch wieder nur für meine Ohren laut erscheint. Im Lärm ist Zerbrechen, ist Sich-Verlieren, ist Aus-der-Welt-Fallen.

Und ich selbst?
Ich sehne mich nach Stille. Nach einem Sein, in welchem ich nicht von mir weggezogen werde. In welchem ich die sein darf, die ich bin. In welcher ich nicht verworfen, sondern wahrgenommen werde. Gesprächsvoll kann meine Sehnsuchtsstille sein, oder in Musik gekleidet, ja sie kann sich sogar in einer lauten Fabrikhalle finden. Wenn ich nur mein Ich und ganz in meiner Mitte sein darf.
(Natürlich: Der lauten Fabrikhalle ziehe ich den leisen Radweg vor, der belebten Asphaltpiste den einsamen Waldpfad. Und doch ist das zentrale Moment: Darf ich bei mir bleiben?)

(PS. Mir schwebten diese Gedanken schon lange in den Sinnen herum. Angeregt sie in Worte zu fassen wurde ich durch Kai und seine Lektüre über die Stille. Und durch mein Suchen dieser Tage natürlich.)

im Oktober

Was für ein schnellverflossener Monat dies war. An seinem letzten Tag sitze ich in der Wohnung von eigentlich fremden Menschen, Freunden von Freunden, die uns ihren Lebensraum ausgeliehen haben, einfach so – welche Herzmenschen! – und suche in meiner Erinnerung, was der Monat an Konkretem mit sich brachte. Mein Kopf ist leer und erschöpft, und ich nehme den Kalender zu Hilfe. Viele, viele Eintragungen finde ich.
*
Wir sind unterwegs. Zum Monatsbeginn in Thüringen, Erfurt, Weimar, Eisenach. Zur Monatsmitte mit ihrer fastsommerlichen Wärme auf dem Rad: Touren in die nähere Umgebung, gemeinsam oder allein. Zum Monatsende im Norden bei den Patenkindsfreunden, die wir so oft schon im Herbst besucht haben. Lüneburg, Hamburg, die Heide, die Elbe.
Zu unseren eigenen Reisen kommen italienische Bilder: Sohneswege rund um seinen neuen Wohnort, per Instagram und WhatsApp geteilt, lassen uns immer ein wenig mitreisen. Ans ligurische Meer, in die Dolomiten, in die Umgebung Mailands.
*
Dem Sohn geht es wohl gut, er scheint sich einzuleben, die Kontakte werden spärlicher, was wir als stimmiges Zeichen seiner allmählichen Ankunft im neuen Lebensraum lesen.
Die Gasttochter durchläuft vor unseren Augen ähnliches, sie geht Schritt für Schritt in ihr neues Leben, wir reichen ab und zu die Hand und bekommen dabei einen Spiegel. Was wir nicht alles für selbstverständlich gehalten hatten. Mit jedem neuen nahen Menschen erweitert sich der eigene Horizont.
Zwischen diesen beiden „großen“ Kindern beginnt die Tochter ihre neue Rolle zu suchen. Ihr Tonfall wird pubertierender, Tränen bleiben nicht aus, und ab und zu knallen Türen. Wir sind dabei, uns neu zurechtzurütteln.
*
Meine Schulzeiten sind heftige. Als hätte die Situation meiner Klasse nur darauf gewartet, dass ich meinen zweiten Dienstort verlasse, fordert sie alles. Wir verbringen Nachmittag um Nachmittag mit Eltern- und Schülergesprächen, erreichen augenscheinlich nicht sehr viel, drehen uns mit unseren Ideen im Kreis, bekommen aber immerhin von KollegInnen und vor allem der Schulleitung den inoffiziellen Titel „Lehrerinnen des Monats“ verliehen, und zwar ganz ernsthaft. Ob unser Einsatz den betroffenen Kindern helfen wird, werden wir sehen. Im Moment sind unsere Kräfte und Ideen erschöpft, wir müssen einsehen, nicht zaubern zu können.
Gemessen an diesem Trubel unterrichtet es sich in meinen sonstigen Klassen – den ganz großen, den ganz kleinen, und sogar in den 8. – Physik am Nachmittag – wie im Müttergenesungswerk.
*
Nun lese ich gerade noch einmal meinen vorherigen Monatsrückblick. „Mehr Musik“ hatte ich mir da gewünscht. Auf dem Cello gab es die. Nicht so viel wie vor den Sommerferien übe ich, dafür aber mit einigem spürbarem Fortschritt in der Bogenhand. Es musiziert sich leichter und leichter. Ich beginne den Klang zu formen, wo in den ersten Monaten auf dem Instrument noch der Eindruck vorherrschte, ich sei meinen eigenen – groben – Bewegungen und ihren unwillkürlichen Folgen ausgeliefert. Was für ein wundersames Gefühl, es ist kaum zu glauben.
Wie oft in den vergangenen Monaten hat mir dieses Instrument Augen geöffnet und Wege gezeigt. Ich wünschte, hierbei wäre es ebenso. Den Klang meiner Lebensmelodie gestalten zu können – was für eine Sehnsucht dieser Tage.

Baumwandelweg #9

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Schritt. Noch ein Schritt. Und noch einer.
Auf wen zu? Auf was zu?
(Dabei weiß ich doch: Zu Dir, zu meinem Baum. Jetzt. Für einmal mich lösen aus der Schwere.)

Es geht sich zäh. Alles voller Bodenleim. Bleiernes Waten.
Ein Willkommen lässt sich in diesen Tagen kaum spüren. Erstarrung des Umgebenden. Oder bin das ich, deren Lebendigkeit sich verschlossen hat?
Funktioniere. Als Imperativ. Gib nur nicht zu viele Gedanken hinein.

 

Ein großer Baum, ein kleiner Baum. Kahl schon. Vor einem leicht abendrötlichen Himmel.

 

Freitag Abend. Das, was Ferien heißt, hat begonnen. Im Kalender steht: Zum Baum gehen. So weit ist es schon.
Am nächsten Tag fährt der Zug in den Norden. Unter dem blauen Himmel dort flackern Erinnerungen an andere Zeiten.

Und wieder Schritt.
Um Schritt.
Um Schritt. Um Schritt.
Es hallt in den Gassen, was im Innern an Resonanz fehlt.

Ich schaue hinauf dabei, ganz hinauf in unendliche Weiten.
Immer findet sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel, hinter dem sich ein Horizont, über dem sich ein Himmel öffnet, zeigt, weitet, entfaltet, empfangend schenkt.

 

Rötlicher Abendhimmel über Schemen eines Dorfes.

 

 

Rote Abendlichtsilhouette eines kahlen Baumes.

 

Nun, es bleibt zu betrachten. Das alles.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

 

Wegpunktzufälle

Irgendwann tat ich es schon einmal. Damals strengte mich meine ewige Bildsuche sehr an, ich hatte diese Idee und war neugierig auf das, was geschehen würde.
Diesmal liegt mein Motiv noch etwas tiefer: Überfordert fühl(t)e ich mich, hilflos gegenüber dem Vielen, unfähig eine Auswahl zu treffen. Beim Fotografieren so wie bei sonstigen Dingen.

Und so tue ich plötzlich, was ich auch damals tat, und was mir der Herr Irgendlink hoffentlich nicht als Plagiat auslegen wird, denn es ist keines: Ich radle los und fotografiere meinen Weg in vorgegebenen Abständen. Genau dort, wo der Kilometerzähler Stopp gebietet, und nirgends sonst.
Hätte ich am Morgen schon geahnt, wie weit mich meine „kurze“ Samstagsrunde tragen würde, hätte ich wohl einen weiteren Rhythmus als 5 km gewählt, 7 oder 13 oder so. Doch auf einen 10-km-Abstand möchte ich die Bilder jetzt nicht mehr ausdünnen – dies ist ja keine Primzahl (;-)), und dies wäre dann tatsächlich Irgendlinks Zahl.
Nun also: Viele viele Bilder werden es. Alle 5 km nehme ich vier Blicke auf, in jede Richtung einen. Ich fotografiere mit festgelegter Brennweite und gebe mir auch sonst keine großen Entscheidungsmöglichkeiten bei Motivwahl, Tiefenschärfe oder Ausleuchtung. Was an jenen Fleckchen sich befindet und wie es sich im Licht des Moments zeigt, genau dies hält meine Kamera fest. Was aber in den Zwischenzeiten und Zwischenorten meinen Weg kreuzt, bleibt unfotografiert …

Wie schwer dies anfangs ist. Gänzlich unfotogene Ansichten landen im Apparat, wohingegen ich an zauberhaften Herbstnebelfarben, an fließenden Lichtwolken, an schimmernden Landschaftswellen vorbeirauschen „muss“, ohne sie mir auf mein Speichermedium zu bannen.

Wie das eben so ist, hier an der Strecke, und auf meinen täglichen Wegen, denkt es in mir. Haben wir eine Wahl, welche Bilder wir aufnehmen? Können wir dem Unschönen ausweichen, können wir immer nur das Wohltuende vom Wegesrand pflücken, so wie ich es beim Fotografieren sonst gern mache? Während doch immer das gesamte Spektrum an der Strecke liegt?
Ja, die unansehnlichen, gar hässlichen Ansichten sind da, ob ich will oder nicht. Heute landen auch sie in der Kamera, bunt untergemischt unter Fotogeneres, alles in allem ein wahrer Auszug aus der Wirklichkeit. Nichts ist geschönt, nichts ausgeblendet, ich verzerre nicht durch Auswahl und Verwerfen. Das was ist, das ist. Ich lebe darin.
Und doch: eine Stunde ist nicht eine Stunde, ein Kilometer nicht ein Kilometer, ein Bild nicht ein Bild. Meinen Kopf kann ich immer noch wenden wie ich möchte, selbst im Nachhinein. Kann die unliebsameren Blicke kaum mehr beachten, kann meinen Fokus auf das Labende richten, kann es vermischen mit stärkenden inneren Bildern, derer ich genug in mir trage und von denen ich heute emsig weitere einsammle. Das Panorama, welches ich von meiner Kurzreise mitbringe, wird von mir geformt und gefärbt, und nicht von den Bits und Bytes auf der Speicherkarte. Von einer statistischen Verteilung des Guten und des Unguten am Wegesrand möchte ich mir nicht vorschreiben lassen, was ich im Innern letztlich sehe …

Was bedeutet das überhaupt: das Gute, das Ungute, das Schöne, das Lichte? Sind dies nicht selbsterschaffene Kategorien? Ist ein Bild per se wohltuend, oder mache ich es mir zu einem solchen? Kommt das Licht der Dinge von ihrem äußeren Anblick her? Oder kann ich es ein Stück weit selbst erschaffen?
Wenn ich doch versuchte, auch in einem jeden Unbedeutenden – und sogar im vemeintlich Hässlichen – etwas aufzuspüren, das mich stärken könnte? Schließlich fügt sich jede Wegstrecke aus letztlich unbedeutenden Orten zusammen. Weder für mich noch für Euch als von außen Betrachtende ist es vermutlich von Belang, ob ich auf meiner Kurzreise am Rhein war (war ich nicht) oder am Neckar (war ich). Beide Flüsse sind hier weder zu sehen noch sind sie nicht zu sehen. Möglicherweise spielen sie gar keine Rolle.

Was für eine Entlastung, wenn ich nicht mehr Bedeutsames auszuwählen versuche, wenn ich nicht werte, nicht sortiere zwischen Leuchtturmanblicken und Grauackertönen, zwischen erstrebenswerten Reisezielen und dem ermüdenden immer ein wenig monotonen Tritt des Alltags.
Eine Entlastung für mich, da ich nicht allezeit nach tragenden und stärkenden Momenten auf meiner Lebenswegstrecke suchen muss, während ich gleichzeitig vor anderen Etappen die Augen verschließe oder gar fliehe.
Eine Entlastung auch für die Dinge und ihr äußeres Kleid, wenn sie nicht mehr die Bürde der Verantwortung dafür tragen, mir meine Tage zu retten, wenn auf ihnen nicht mehr das Gewicht der Sinngebung für andere Zeiten liegt.

Nun also: Was hat sich mir unterwegs gezeigt? Dies alles, dies viele, was folgt …
(Unten in groß ist jeweils das Bild in Fahrtrichtung zu sehen. Oben etwas kleiner das Rückwärtsbild, daneben die Bilder in seitlicher Richtung.)

Kilometer 5:

 

Kilometer 10:

 

Kilometer 15:

 

Kilometer 20:

 

Kilometer 25:

 

Kilometer 30:

 

KIlometer 35:

 

Kilometer 40:

 

Kilometer 45:

 

Kilometer 50:

 

Kilometer 55:

 

Kilometer 60:

 

Kilometer 65:

 

Kilometer 70:

 

Kilometer 75:

 

Kilometer 80:

 

Kilometer 85:

 

Kilometer 90:

 

Kilometer 95:

 

Kilometer 100:

 

Vielleicht sollte ich öfter so wahl- und entscheidungslos durch die Linse schauen?
Nun, „schöne“ Bilder werde ich natürlich weiterhin suchen und zeigen, mit aller Freude und Leichtigkeit, welche die Hingabe an ästhetische Wunder schenkt. Aber ich suche, lebe und fotografiere schon recht idyllezentriert.
Vielleicht gibt es einen Mittelweg. Beim Fotografieren, und im Leben.

blicken

Wie ein Zeitensprung fühlt es sich an, die Bilder jenes Wochenendes anzuschauen, welches nun lange vergangen ist. An einem Tag wie heute, an dem grelle Herbstfarben fast schmerzhaft ins Auge gleißen, kommt mir der damalige Nebel wie ein Traum, wie ein Korrektiv, wie eine Besänftigung daher.

Als wäre die Undurchsichtigkeit der nebligen Trübnis eine Heimat, in die ich mich fallen lasse, weil ein Bild, auf dem ich die Weite nur erahne und nicht sehe, sich dem Meinigen näher anfühlt als jede Durchschaubarkeit.

 

Ein Waldweg im Nebel, durch ein Asttor hindurch schimmert grauverhüllt der ferne Wald.

 

Ein weiter Blick von oben auf einen nebelschwadenumtanzten Herbstwald..

 

Weiter Blick von oben auf eine hügelige Waldlandschaft mit einigen herausstehenden Bäumen und zu erahnenden Ortschaften.

 

 

Immer wieder geraten Mauern in den Blick, und ich weiß nie, ob ich auf ihre Stärke oder ihre Härte fokussiere, ob ich es Schutz oder Abschottung nennen soll, und wieviel Stein es überhaupt braucht, um die nötige Stabilität zu erreichen.

 

Eine herbstliche Hügellandschaft mit Häuserreihen, die sich an die Hügelflanken schmiegen.

 

Der regennasse Burghof der Wartburg mit ihren starren Gemäuern erhebt sich vor einer weiten regenverhangenen Ebene.

 

Eine Treppe lehnt sich an eine steile Felsenmauer und trennt damit das Gemäuer vom abfallenden Waldhang.,

 

 

Eine Ahnung von Licht und Bunt kleidet sich in verhüllende Schleier …

 

DIe Wartburg erhebt sich im herbstlichen Wald, alles ist nebelverhangen. Durch den Schleier hindurch ist die Sonne zu erahnen.

 

Ein nebeltrüber Herbstwald, aus dem an einzelnen Stellen Gelb und Orange herausleuchtet.

 

Vor einem trübgrauen Himmel erheben sich Kirchtürme und ein Riesenrad. Leise zu erahnen ist die Sonne.

 

 

… und vielleicht wäre das vermeintlich Verschlossene ja doch zu öffnen?

 

Durch ein grünes Blättertor wird auf einen Teich geblickt.

 

Durch ein rhombenförmiges Metallgitter wird auf eine Wand voller alter Bücher geschaut.

 

Ein Blick hinaus durch ein Fenster auf eine Straßenszene mit Kopfsteinpflaster, Bäumen, Menschen und zwei Pferdekutschen.

 

 

Urplötzlich ist es unwirklich hell, ein Fenster zwischen den alten und den neuen Wolken in der Ferne.

 

Ein weiter Blick auf eine Bergkette, im Vordergrund eine Holzballustrade. Über allem öffnen sich zwischen Wolken einzelne blaue Himmelsflecken.

 

 

Und ja, es findet sich ein Weg hindurch, sicherlich. Gerahmt von Schatten setzt sich Schritt um Schritt.

 

Eine Zoomaufnahme eines herbstlichen Waldweges mit zwei spazierenden Frauen. Der herbstlich-farbige Weg ist im Vordergrund von schattigen Bäumen umrahmt.

 

 

Und Berge, ja, die sind. Sie abzutragen, oder sie am Wegesrand liegenzulassen. Welch eine Aufgabe, immer wieder.

 

An einen großen Stein lehnt sich ein aufgeschichteter Turm von kleineren Steinen, das Ganze inmitten eines herbstlichen Waldbodens.

 

 

Und um einen Bogen in den heutigen Tag hinein zu finden: Es gab in jenen Unterwegs-Tagen auch farbenfreudigere Bilder; hier habe ich sie gezeigt.

 

blühen

 
Unterwegs war ich, ein paar gedrängte Tage nur, doch mit offenen Augen.
Und fand …

 

gelbleuchtende Blüten vor dunkelgrün verschwommenem Hintergrund

 … ein überraschendes Strahlen des Herbstes … 

knallorangene Blüte vor grünem Hintergrund, daneben ein verblühter und ein sehr verblühter, ja, schon verdorrter Blütenrest

 

 

Distelkugeln, mit zarten Spinnweben im Gegenlicht verwoben

 … filigrane Kleinode … 

Schmetterling - ein Pfauenauge - auf zartlilafarbenem Blütengrund

 

 

rosaleuchtende Blüte in grünem Gezweige

 … leuchtende, unerwartete Farben … 

rosafarbene Blüte im Gegenlicht

 

 

eine pinkfarbene Blütendolde leuchtet im Gegenlicht

 — und so manches, was zum Versenken einlädt. 

ein großer Wassertropfen schwimmt auf den sternförmigen Adern eines großen Blattes und wirft ein Himmelsbild zurück

 

Wohin wir unsere Blicke und Schritte setzen, und was wir fortan bei uns tragen von den Funden auf unseren Wegen … 

ein Bündel von Wanderwegweisern an einem rötlichen Holzstamm, an dessen Astgabel mehrere Paar benutzter Schuhe hängen

 … ist dies nicht immer unsere Entscheidung?

 

im September

Es floss und fließt nicht so sehr mit dem Schreiben in diesem Monat, meine Worte sind schwer und zäh und unbeholfen. Das Leben strömt(e) dafür umso intensiver. Was für ein Umbruch in meinem, in unserem Alltag!
Jetzt, da ich hier schreibend sitze, wird mir dies so richtig bewusst. Erstaunlich, dass unsere (All)Tage dennoch so normal, so unspektakulär ablaufen.
*
Der Sohn wird am ersten Monatstag 16, und eine Woche später fliegt er nach Italien. Wenn er in einem Jahr zurückkehren und – hoffentlich – nochmals für knapp zwei Jährchen unter unserem Dach einziehen wird, ist er (fast)erwachsen.
Seinen Abschied von der Kindheit gestaltet er radikal: fast alle seine Sachen sortiert er für immer aus, das Zimmer tritt er an die Schwester ab, und seine Umarmungen am Flughafen sind erwachsener denn je.
Mich schütteln vor allem die Tage vor dem Abflug durch und durch, mir wird dieser große Schritt sehr bewusst.
Seit er aber weg ist, besänftigt sich alles in mir. Wir finden einen Modus von äußerlich karger, aber dafür sehr selbstverständlicher Begegnung über die verschiedenen digitalen Kommunikationskanäle. Alles was ich von ihm höre, klingt beruhigend und herzerwärmend. Er wächst, er reift, er wird groß, ja er ist es schon.
Sehnsucht, Vermissen und hin und wieder ein Tränchen im Augenwinkel fühlen sich gesund und befriedet an – was für ein Schritt für uns alle!
*
Die Schwester vermisst ihn ebenso, sie zuckt manchmal mitten am Tag zusammen und erinnert daran, was er jetzt gerade gesagt, getan, gespielt oder genervt hätte. In ihrem neuen Zimmer schläft sie nun täglich dort ein, wo er es vorher tat – nur sieht alles viel mädchenhafter und – ja! – auch ein wenig wohnlicher aus:)
In der Schule ist sie stolze Siebtklässlerin, was leider auch vier Unterrichtsnachmittage mit sich bringt. Alle Musiktermine müssen daraufhin verschoben werden, sie aber trägt ihre immer vollere Woche mit Fassung und geht einen weiteren Schritt in die Selbstständigkeit: Von nun an fährt sie allein mit ihrem großen Cellokasten auf dem Rücken in die Stadt.
*
Geschwisterlos wollte die Tochter in diesem Jahr nicht bleiben, und so haben wir gemeinsam beschlossen, eine Gastschwester bei uns aufzunehmen. Kaum 24 Stunden vergehen zwischen Sohnes Abflug und Gasttochters Ankunft, wir richten blitzschnell einen Raum in unserem Haus und vor allem in unseren Herzen für sie – und allmählich gewöhne ich mich daran, von „den Mädchen“, ja, von „den Töchtern“ zu sprechen.
Wir finden gut zusammen, es fühlt sich vom ersten Tag an warm und stimmig an, und das mit der Sprache – das wird schon noch werden.
*
Trotz noch sehr schüchternem Deutsch ist es im Haus gesprächiger und vor allem kichernder geworden, wir kommunizieren in einer Mischung aus deutsch, englisch und Händen&Füßen. Auf diversen Couchtischen liegen Deutsch-, Italienisch- und Slowenisch-Wörter- und Lehrbücher herum. Im nächsten Sommer möchte ich mich schließlich mit den Gasttochtereltern und den Sohnesgasteltern wenigstens radebrechend in ihrer Sprache austauschen können.
Auch über die Sprachen hinaus wird das Leben im Haus sehr bunt. Wenn wir nicht gerade Ämter- und Organisationsdinge klären – wie dick der abzuarbeitende Ordner ist! – oder der neuen Tochter bei ihren ersten Schritten in Schule und Gleichaltrigenkreisen helfen, versuchen wir die letzten Spätsommeratemzüge auszunutzen. Per Rad und zu Fuß in die Umgebung, mit der S-Bahn in die nahen Städte und für das lange Wochenende zum Monatsende bis nach Thüringen – es ist ein Unterwegsmonat.
*
Fast nebenbei beginnt das neue Schuljahr. So sehr wie ich zu Haus beschäftigt bin, greife ich diesmal dankbar auf meine Vorbereitungsvorräte zurück. Es ist ohnehin schon viel, wie immer. Konferenzen über Konferenzen, Hineinfinden, Wiedererschaffen der Routinen, Absprachen, Planungsaktivitäten, Warmlaufen auf allen Ebenen.
Trotz Trubel schaffe ich es, ohne Kopfschmerzen durch die ersten Wochen zu kommen. Dies kommt einem Wunder gleich und ist für mich ein Novum.
Insgesamt aber, bei allen kraftzehrenden Aktivitäten, ist und bleibt der Schuljahresanfang eine positiv aufregende Zeit. All meine Klassen wiederzusehen, mit den Kollegen wiederzusammenzufinden, das lachendfrohe Leben im Schulhaus wieder um mich zu haben – hach. Es ist schon ein Glück, eine solche Arbeit zu haben.
*
Und während sich das Wirbeln des Neuanfangs auf allen Ebenen zu setzen beginnt, während der Kopf zwischen dem Rauschen wieder Momente des Innehaltens findet, während sich meine Schritte endlich wieder auf die Felder rings um unser Dorf und zu meinem Baum setzen, erwacht auch die Musik in mir zu neuem Leben.
Lange habe ich nicht mehr Cello gespielt, das merke ich meinen Händen und Armen an. Dennoch läuft es irgendwann, fließt und gleitet es über die Saiten. Zum Monatsende habe ich meine erste Unterrichtsstunde seit Ewigkeiten und – tata! – darf mit einer Sonate beginnen, die schon der Sohn am Klavier begleitet und welche die Tochter aufgeführt hat. Ohrwurmmusik, sozusagen.
Hier wird sie – was für ein Zufall – von einer Nichte meiner Cellolehrerin gespielt:

Für den nächsten Monat wünsche ich mir wieder mehr Musik. Ob auf dem Cello oder nur im Innern – dies ist schon fast egal.

Und dann …

… ist es wie jedes Mal: Wenn ich mich schreibend sortiere, als Eruption in Postform, als Bewusstwerdung beim Antworten auf eure Kommentare, dann beginnt das Dickicht sich zu lichten. Dann weiß ich wieder, an welchen Fäden ich ziehen kann, und an welchen auch nicht. Dann sehe ich mein konkretes Knäuel und den darunter liegenden Seelenmorast deutlicher. Dann beginnt das Gefühl der Bedrängnis sich in Traurigkeit zu verwandeln. Was ein guter Schritt ist, weil er wieder Tränen und Worte zulässt. Fließen ist immer gut …

Und dann mache ich mich auf den Weg. Es ist ja auch zu wunderbar draußen.

 

 

 

Zu sehen,

dass Karg und Zart zuweilen an einem Ast wachsen,

 

 

 

dass Farbe, bevor sie zu Fülle werden kann. ganz unscheinbar beginnt,

 

 

 

und dass sich manchmal auch ohne festen Boden unter den Füßen Halt finden lässt.

 

 

 

Zu erkennen,

dass, was wir als festes Bild im Kopf haben, etwa die Töne eines beginnenden Herbstes, zuweilen in ganz anderen Nuancen gefärbt ist als erwartet,

 

 

 

welches dann doch nahtlos in das Vertraute eingebettet liegt,

 

 

 

und dass ich nur aus nächster Nähe, nur bei genauestem Hinschauen Muster zu erkennen vermag.

 

 

 

Was für Geschenke am Wegesrand.

Ich bleibe und suche weiter. Nach meinem Gleichgewicht. Und nach den Himmelsfäden, in die ich mich getrost fallen lassen kann.

 

 

 

Baumwandelweg #8

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Ein großer und ein kleiner Baum im rötlich-herbstlichen Abendlicht. ImHintergrund spielen Wolken am Himmel.

 

Welch ein Licht!

 

Eine hügelige Feldlandschaft im rötlichen Abendlicht.

 

 

Ein rötlich beleuchtetes Feld vor einem wolkig lichtdurchspielten Himmel. Im Vordergrund der langgezogene Schatten der Fotografierenden.

 

Mehr möchte ich gar nicht sagen zu diesen Bildern, zu meinen Wegen am frühen Samstagabend, und zu diesen Tagen überhaupt.

 

 

Doch, eines noch: Wie wichtig es immer wieder ist, den Blick auf das Kleine, Unspektakuläre zu richten.

 

Äpfel am Boden, eine bunte Mischung aus unreifen, reifen und verfaulten Früchten.

 

 

Goldscheinende Gräser im Gegenlicht.

 

Und auf das Große.

 

Gegenlichtaufnahme. Unter den Wolken lugt eine Sonne hervor. Unten breitet sich ein Feld aus.

 

 

Ein Himmelsblick, gesäumt von Wolken und Baumkronen.

 

Danke.

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

 

Emotionen-To-do-Gedränge

Ausgelaugt – an jedem einzelnen Abend der Woche, der vorigen Woche, all der Tage, seitdem die Schule wieder begonnen hat.

Jetzt – den Schrank reparieren. Bevor er umkracht und eines der Kinder unter sich begräbt.

Beglückt – als ich mir mitten am vollen Schultag einen zehnminütigen Gang durch das Grün des Schulhofs schenke und einfach durchatme.

Jetzt – in die Bücherei hetzen, Gebühren drohen. Und sowieso braucht die Gasttochter so schnell wie möglich Material zum Deutschlernen.

Hilflos – als sie nun alle wieder vor uns stehen, die Kinder mit ihren schwerbeladenen Rucksäcken, von denen ich nicht weiß, ob ich sie zu tragen im Stande wäre.

Jetzt – die Steuererklärung. Ich schaffe es mal wieder nicht pünktlich und sehe die Mahnung schon ins Haus flattern.

Aufgedreht – da nach den Ferien alle und alles wieder gleichzeitig auf mich einstürmt.

Jetzt – endlich einen Riesenkarton für das Sohnpaket nach Milano besorgen. Er wartet sehnsüchtig auf seine Noten.

Ergriffen – in welch vertrauter Zweisamkeit die beiden Töchter vom ersten Tag an zusammen kichern und glucksen.

Jetzt – schnell neue Sitzpläne zusammenstellen. So wie in der ersten Stunde kann ich die nicht sitzen lassen.

Traurig, immer wieder – er ist jetzt eben weg. Er fehlt. Und seine Musik. Heute dacht’ich kurz, er käme mir auf der Dorfstraße entgegen. Aber nein, er ist ja weg.

Jetzt – mit der Tochter neue Sportschuhe kaufen. Die gehen über die Sommerferien ja immer ein.

Glücklich – endlich wieder täglich meine Klassen zu sehen. Zu spüren, wie sehr sie in den Ferien gewachsen sind. Und vor meinen Augen weiterwachsen, immer weiter.

Jetzt – schnell die Verbundtickets bestellen. Damit der Termin für Oktober nicht wieder verstrichen ist. Und drölfzig Einzelfahrscheine für vorher. (Mist, hätt’ich mich nur eher gekümmert.)

Zuversichtlich – dass die Loslassenstraurigkeit mich keinesweg zernagen wird, sondern – ganz im Gegenteil – der Sohn mir aus der Ferne sogar noch viel näher ist.

Jetzt – mit der Gasttochter zum Einwohnermeldeamt. Und dies Papier ausfüllen. Und jenes. Da hinten auch noch eines. Hier noch eine Onlinemeldung. Ihr Leitzordner ist dick.

Unruhig – weil die Menge an eiligen To-do-Dingen über den Rand meines Gelassenheitsgefäßes schwappt. Das geht so nicht weiter. Jedenfalls nicht ewig. Ahne ich.

Jetzt – mich in die Musikunterrichtstermingefechte werfen. Neuer Stundenplan, zack, keiner der vier Termine passt mehr.

Fasziniert – wie die strahlenden Augen der Gasttochter vom ersten Tag an das Haus erfüllen.

Jetzt – dem Sohn die Schulbücher ausleihen und einpacken. Wo er sie doch plötzlich und dringend zu haben wünscht.

Unter Druck – weil alles am besten gestern fertig gewesen sein sollte. Ich bin mit allem zu spät.

Jetzt – den Fahrradkorb wieder aufs Tochterrad montieren. Bevor der Ranzen sie noch runterzieht.

Beruhigt – wie gut es dem Sohn in der Ferne geht, wie warmherzig er empfangen wurde, wie selbstständig er alle seine Schritte dort setzt.

Jetzt – mit den Kollegen die Themenreihenfolge abstimmen. Schnell, bevor wir uns erstmal in verschiedene Inhalte hineinunterrichtet haben.

Lethargisch – wenn diese unendlich nervigen Organisationsdinge mich überfluten und gar nicht weniger werden.

Jetzt – die erste Elternmail des Jahres schreiben. Dringend. Bevor es wieder so weitergeht wie letztes Jahr.

Einsam – weil sein Klavierspiel im Haus fehlt. Da ist viel zu viel von der äußeren Stille.

Jetzt – Klassenlisten und Verwaltungsdateien noch und noch erstellen. Schnell, bevor ich hinterher ewig viel nachtragen muss.

Gebannt – während ich mich selbst und unser verändertes Familiengefüge beobachte, in so manchen Spiegel blicke und ein Zurechtrütteln wahrnehme, in dem auch wir von alteingesessenen Positionen abrücken.

Jetzt – die Elterninformation für die Lernstandserhebung und die Testmappen ausdrucken.

Selig – da mir die innere Ruhe selbst in diesen Tagen nicht völlig abhanden kommt, mein (sonst üblicher) Schulanfangskopfschmerz ausbleibt und sogar der Chef mich darauf anspricht:)

Jetzt – die Sache mit dem Deutschkurs organisieren. Bevor wir uns hier alle noch ans Englisch im Haus gewöhnen.

Sorgenvoll – wie ich, und sie, und er, und wir alle die Kraft für all das finden sollen, immer wieder.

Jetzt – mich ins elektronische Klassenbuchsystem einarbeiten. Dringend. Umgehend.

Niedergeschlagen – da mir die Verbindung in mein Innen kaum mehr spürbar ist, in diesen Tagen, diesen Zeiten.

Jetzt – durch die Klassen gehen und die Wettbewerbsaufgaben verteilen. Einem Dutzend Schülern ihre Fragen beantworten. Also doch einen Extratermin festlegen.

Wehmütig – so viele Fäden im Moment lose flattern lassen zu müssen, und sie manchmal nicht einmal mehr zu spüren …

Mir ist schwindlig.
Ein Blick in meine derzeitigen Tage. Garantiert unvollständig. Und eingebettet ins ganz normale Unterrichten, in Vorbereitung und Konferenzen, in die üblichen Schuljahresstartaktivitäten, in Alltagshaushalt und Unterwegssein mit der neuen Tochter, in all die Schritte eines Anfangs auf allen Seiten. Eine andauernde Zerrissenheit zwischen allem. To-do-Overflow und Gefühlsgedränge. Für nichts ist genug Raum.

Wie lange das wohl durchzuhalten ist?
(Erstmals seit Jahren wache ich nachts auf. Da sind keine sorgevollen Gedanken, keine schlimmen Träume. Aber eben: ich wache auf. Weil der Kopf selbst im Schlaf noch am Organisieren und Durchdenken ist.)

Wo also ist der Hebel, der umzulegen ist???

mitgegeben

Einen Stein aus unserem Garten: Damit du ein Stück von deinem Zuhause ganz nah bei dir tragen kannst.

Einen Stein von einer unserer italienischen Berg-See-Reisen: Damit du dich von Fernweh, Abenteuerlust und Entdeckerfreude durch dieses Jahr leiten lässt.

Den Glücksstein, den mir deine Schwester in der ersten Klasse bemalt hat. Seit damals liegt er auf meinem Nachttisch und bedeutet mir sehr viel. Möge er in diesem Jahr bei dir sein, vielleicht auch auf deinem Nachttisch, damit du uns, deine Familie immer ein wenig bei dir hast.

Einen Hühnergott von der Ostsee, den wir damals gefunden haben, als wir in K. waren – weißt du noch? Man sagt diesen gelöcherten Steinen nach, sie brächten Glück. Und das kannst du in diesem Jahr sicher gut gebrauchen.

Einen Würfel, einen ganz besonderen Würfel, einen runden nämlich: Für all die immer auch ein wenig vom Zufall geformten Dinge, die in diesem Jahr passieren werden. Möge, was auch immer Dir geschieht, stets auf irgendeine Weise stimmig sein und rund laufen.

Einen Magnetstein: Für alles, was dir wichtig ist und an dem du hängst, damit nichts davon verloren geht.

Und schließlich eine Klangkugel: Für all die Musik, die du brauchst, spielst, hörst, empfindest und suchst.

(Mein Herz, das gebe ich dir auch mit auf die Reise. Aber in welcher äußeren Gestalt verpackt, darüber plaudere ich hier in der Öffentlichkeit nicht:))

   

Ich staune, mit welcher Klarheit du genau diesen Weg schon sehr lange gewählt hast. Immer schon wolltest du für ein Jahr weggehen. Und es sollte nie ein englischsprachiges Land sein, die USA schon gar nicht. „Weil das ja alle machen. Und weil ich Englisch schon kann“, sagtest du vor etwa drei Jahren mit Entschlossenheit. Und bliebst dabei.

Ich bewundere, dass du den Mut zu dieser Lebensreise in dir trägst. Ein ganzes Jahr wegsein. Naja, „es sind ja nur zehn Monate“, hast du in den letzten Tagen tröstend zu mir gesagt. Und ein wenig auch zu dir selbst? Ich weiß es nicht, ich durchschaue es nicht. Du selbst wohl auch nicht. Jedenfalls: Ich selbst war noch nie zehn Monate lang in der Fremde, ohne Unterbrechung, ohne Begegnung mit der Heimat. Du wagst es, wie unglaublich.

Ich finde es großartig, dass du diesen gewaltigen Schritt in die Selbstständigkeit nun wirklich gehst und dir eine völlig neue, eigene Welt eröffnest. Ich fiebere mit, erahne dein Lebensgefühl dieser Tage, spüre deinen Drang dich endlich auf den Weg zu machen, bin mitneugierig – auch wenn ich das meiste, was dir dieser Tage begegnen wird, wohl nie erfahren werde – und bin mitfreudig ohne Ende.

Ich weiß, dass mit deiner Reise wirklich eine Lebensphase zu Ende geht, für uns beide.
Für dich die Kindheit. Wie entschlossen du in den letzten Tagen dein Zimmer ausgeräumt hast. 27 kg Dinge nimmst du mit, zwei Kisten stehen unterm Dach, auf deine Rückkehr wartend, vom Rest sagtest du, du bräuchtest es nicht mehr. Bei manchem habe ich heftig geschluckt. Diese Fähigkeit loszulassen, die hast du definitiv nicht von mir.
Und für mich geht ebenfalls ein Abschnitt zu Ende. 16 Jahre lang warst du immer da. Ich wusste zu jeder Stunde, später an jedem Tag wenigstens, wo du bist, womit du dich beschäftigst, was dir geschieht, was dich bewegt, was dich lachen und was bedrückt sein lässt. Von jetzt ab werde ich nur noch einen Extrakt von all dem erfahren. Wenn überhaupt.
Ich bin so schlecht im Loslassen. Wieviele Tränen ich dieser Tage weine. Aber ich spüre auch, wie ich daran wachsen kann …

   

Gestern nun war euer großer Tag. Nach Einchecken, Gepäckabgabe, erklärend-beruhigenden Worten eurer Betreuer und einer letzten Verabschiedungs-Umarmungs-Runde zogt ihr allein los und reihtet euch in die mäandernde Warteschlange vor der Sicherheitskontrolle ein. Ihr ganz allein, ihr sieben jungen Menschen, die ihr euch Italien als Wahlheimat für ein Jahr gesucht habt. Etliche verweinte Elternaugen schauten euch nach.

Ja, wir standen dort, hinter der Grenze, über die wir nicht mehr mitdurften, und konnten nur noch unsere Blicke mitgeben. Und unsere Herzen.
Welch ein Symbol für euer Großwerden …

im August

Ein weiter Bogen spannt sich über meinen Monat – von einer Reise in die Ruhe zu einer Reise in die Bewegung, von begegnungsvollen Tagen zu ganz allein verbrachten. Wie immer gibt es in diesem Monat keine Rubrik „Schule“, und wie immer backen wir am letzten Tag des Augusts einen Kuchen.
*
Die ersten Tage sind wir noch immer im vertrauten Italien, am Lago di Levico. Eine Reise über mehrere Tage am gleichen Ort, ohne „Programm“ – auch weil wir oft dort sind und nichts mehr anschauen „müssen“ -, mit der täglichen und stündlichen Entscheidung, ob lieber See oder lieber Bergwandern, ob lieber Buch oder lieber Kartenspielen, ob im See baden oder drumherum spazieren, oder ob einfach nur Dösen und Sinnen im Angesicht des wunderbaren Wassers: solch eine Ruhe finde ich sonst selten. Das Schuljahr in seiner Intensität darf ausschwingen. Und doch ertappe ich mich auch hier: Ich will immer zu viel. Zu viel lesen, zu viel schreiben, zu viel mit den Kindern sein … es gibt noch viel zu üben.
*
Die zweite Reise führt auf’s Rad bzw. mittels diesem nach Berlin. So erreicht nun auch die Tochter dieses Ziel erstmals radelnd, ebenfalls mit 11 wie damals der Bruder.
Wir verbringen eine intensive gemeinsame Zeit, und ich habe viel Gelegenheit, über die Tochter zu staunen. Wie groß sie schon ist, wie stark, wie ausdauernd, wie unspektakulär sie die Dinge durchzieht. Und auch: wie sehr sie – natürlich – noch Kind ist. Unbeobachtet von der coolheitfordernden Peergroup springt sie auf jeden Spielplatz am Wegesrand. Als ich ihr sage, dass alle ihre Freundinnen genau dies in den Ferien auch tun, grinst sie verstehend.
Insgesamt aber tut sich das radelnde Fließen diesmal etwas schwer, zu uns zu finden. Gleich in der ersten Zeltnacht bricht der große Regen aus und bleibt drei Tage, wir strampeln in Ganzkörperregenmontur Kilometer um Kilometer und übernachten so lange unter festen und warmen Dächern. Das Tochterrad hat wohl mit fünf Jahren eine magische Altersgrenze überschritten und schwächelt; mehrere Radläden am Wegesrand sowie das Flickzeug helfen ihm auf die Sprünge. Die Wegfindungsapp schickt uns einige Male querfeldein, dies war zwar auf jeder Reise so, aber selten so heftig wie diesmal. Es ist schwer, dies alles nicht als Zeichen zu lesen …
Letztlich gelingt es, ein gesunder Fahrtrhythmus findet sich, wir gelangen zu wunderbaren Orten im Außen wie im Innen und letztlich nach Berlin.
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Zwischen den beiden Reisen herrscht Großfamilienwirbeln in unserem Haus, insgesamt wird es durch 8 Erwachsene und 11 Kinder belebt, wie ein kleines Ferienlager:)
Wärmste Begegnungen haben wir auch auf der Radreise – danke! – und in Berlin. Es ist eine reiche, intensive Zeit.
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Umso wichtiger ist mir der Ausblick auf eine kurze Ganz-Allein-Zeit am Ende des Monats. Während der Sohn in der Nähe seines baldigen Lebensortes eine Klavierlehrerin trifft, kennenlernt und letztlich zu ihr findet – was ihn und uns erleichtert, war doch dieser essentielle Lebensbereich für das nächste Jahr bislang noch im Diffusen – verbringe ich drei Tage ganz allein mit mir. In jedem Moment fühlen und entscheiden, wonach mir gerade ist, was ich tue, was ich lasse, ob ich sitze, ob ich gehe, ob ich zuhöre oder die Ohren verschließe, ob ich mich umschaue oder ins Innen gehe – das erdet, besänftigt, bringt mich zu mir zurück.
Einige Texte fließen auf’s Papier, endlich wieder. Aus dem Cello beginnt wieder Musik zu klingen. Musik, wo vorher keine zu hören war, Gewachsenes, wo vorher Brache zu sein schien, Sprudeln, wo alles fast schon am Verdorren war – am Cello begreife ich im Wortsinne die Bedeutung von Ruhepausen.
*
Am letzten Monatstag ist das Haus wieder belebt, ein Fast-schon-Alltags-Wirbeln hält Einzug. Weniger Schulvorbereitungen sind es – da werde ich dieses Jahr auf meine Routine zurückgreifen – als vielmehr die Vorbereitung der Sohnesabreise nach Italien. Die Kinderzimmer sollen getauscht werden, eine Art räumliches Tetris oder „Türme von Hanoi“ ohne dritten Turm. Die To-do-Liste des Sohnes ist zur Hälfte abgearbeitet, aber eben erst zur Hälfte. Wir sind also für die restliche Ferienwoche alle gut beschäftigt.
Zunächst aber wird am Abend des 31., wie gesagt, ein Kuchen gebacken und themenstimmig dekoriert. Die Tochter hat das Zepter in der Hand, organisiert und strukturiert den Dekorationsprozess und stellt am ersten Septembermorgen ihrem Bruder diesen Geburtstagskuchen auf den Tisch:

 

 

 

(Die Kerzenfarbenwahl ist nicht ganz stimmig. Denn natürlich planen wir nicht langfristig und müssen bei spontanen Ideen stets auf alte Vorräte in der Geburtstagskiste zurückgreifen. Als der Sohn aber am Morgen nach einer Erklärung der blau-rosa Farbreihe fragt, grinse ich: „Weil vielleicht neben Italien das Jungs-Mädchen-Ding ein Thema im 17. Lebensjahr sein könnte;-)?“ – „Orrr, Mama!“
Sein „Orrr, Mama!“ wird mir sehr fehlen.)

Baumwandelweg #7

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

 

Du Baum, Du.
Als hättest Du mich gerufen. Lange war ich ja nicht da, konnte nicht da sein. Nun bin ich zurück. Und Du lässt mir keine Ruhe. Wenige Stunden erst ist es her, dass ich unter mein Dach zurückgekehrt bin. Und schon laufe ich zu Dir, den Hügel hinauf, in der Abendhitze, über die versengt wirkenden Felder. Dabei sind sie nur abgeerntet. Der Sommer ist am Gehen.

Und Du stehst. Stehst wie seit Jahr und Tag. Wie jedes Mal, wenn ich Dich besuche. Aus fast unverändertem Antlitz blickst Du mich an, und ich staune. Über diese Konstanz, diesen Gleichmut, diese Beharrlichkeit, sich den Zeiten nicht auszuliefern. Oder kaum. Ein wenig ja schon. Zartfarbig leuchtet es aus Dir, Deine Früchte sind am Reifen. Deine Blätter haben sich noch dunkler gefärbt. Während Dein kleiner Bruder begonnen hat, sein Blattgewand zu lichten. (Schon?) Und das Dich bergende Feld ist im Schwinden begriffen. Nur bei Dir: Alles beim Alten.

(Was für ein langweiliges Motiv habe ich da gewählt, denkt es in mir. Für ein Projekt, welches den Wandel zeigen möchte, ein schier unbewegliches Objekt zu suchen, das ist mir ja wieder gelungen. – Der innere Zensor nimmt sich seine Macht, und ich, ich habe zuweilen keine Kraft, ihm Einhalt zu gebieten.)

 

 

Ich gehe also auf Dich zu. Es scheint leicht, sich Dir zu nähern, aus der Ferne gesehen. Kein Feld ist mehr zu durchwaten, es ist zu einer staubigen Kruste geworden, welche ein Querfeldein erlaubt. Doch je näher ich komme … Der Boden liegt voll von Deinen Früchten. Ich mag sie nicht zerquetschen, ich suche mir einen Pfad. Doch da sind Wespen. Tausende von Wespen. Und ich trage Sandalen ohne Socken. Mein Blick starrt ihn an, den schmerzenden Stich, der mich jederzeit treffen kann, da schwingt Angst in jedem Schritt.

In einigem Abstand bleibe ich stehen. Dein Stamm scheint unerreichbar, ich habe keinen Mut für den Weg durch dies Unberechenbare. In Dein Oben zu schauen, dies ist mir leichter. Schon bin ich Deiner Krone nahe. Das Lichtspiel der Blätter fasziniert und macht neugierig. Wie mag es ausschauen, wenn ich leicht nach links blicke und gehe? Und leicht nach rechts? Wenn ich den Blick wandele? Wenn der Blick mich wandelt? Mich wandeln lässt …

Bis ich plötzlich bei Dir bin. Unvermittelt finde ich mich an Deinem Stamm wieder. — Welche Schritte sich setzten, welchen Weg die Füße genommen habe, dies wird sich mir nicht mehr erschließen. Es ist auch nicht wichtig. Ich bin ja da. Ich bin gegangen. Es ist gegangen. Wie von selbst.

Ich bin zu Dir gekommen. Doch hinsetzen – wie sonst – dies ist heute nicht möglich. Noch immer liegen unter mir Früchte mit Wespen. Ich stehe am Stamm, lehne mich an. Ein Kompromiss. Manchmal braucht es Kompromisse. Das Leben ist kein … naja … keine Sprüche jetzt, bitte.

Ich lehne also an Dir. Es ist mühselig. Die durchgedrückten Knie melden sich, sie mögen die Anspannung nicht. Vor meinem Auge fliegen Fliegen über Fliegen. Vor meinem Ohr tun sie dies auch. Lautes unruhiges Gewirr, kaum kann ich das Rascheln Deiner Blätter vernehmen. Aus der Ferne nähert sich eine Menschengruppe. (Wie selten geht jemand hier spazieren, denke ich in diesem Moment.) Lärmendes Reden, schreiendes Zurückrufen des Hundes, der schon auf dem Weg zu mir ist. Auch das noch. Ein Riese springt an mir hoch, bellt, will lecken, ich mag das so gar nicht. Und unter mir immer noch tausende Wespen.

Fast lache ich los. Ein Lachen der Hilflosigkeit. Was alles mich heute von meinem ruhigen Sein abhalten will. Fliegen, Wespen, Menschen, Hunde. Sie alle zerren an mir, dass ich mich von mir wegbewegen solle. Eine wahre Lektion spielt sich um mich herum ab. Ein Symbol meines Alltags, meiner Beziehungen, meines Selbstbildes, meines gesamten inneren Wirbelns. — Wo ist mein Stamm, an den ich mich lehnen kann, bei all dem?

Da! Da bist Du ja! Wie lebendig Dein Stamm meinen Rücken berührt! Was da alles strömt.

Ich atme. Aus und ein. Ein und aus.

Wir stehen ja. Wir haben ja Ruhe. Wir sind ja.
Einfach nur hier. Oder da. Je nachdem.
Ich stehe. Ich finde Ruhe. Ich bin.

Es ist mehr Baum in mir, als ich immer ahnte. Ich bin mehr im Baum, als ich zu hoffen wagte.
Ich – Du – Er – Wir.
Und noch viel mehr.

Danke.

Sie wollte mir eine Geschichte erzählen, diese Ruhe, in der Du die Gezeiten und Stürme durchstehst. Während ich hier schrieb, öffnete sich mir eine Tür. Durch einen winzigen Spalt blickte ich hinein in das Es …

 

 

 

Und als ich dann von Dir ging, vorgestern war es, da war ich bereit für weitere Schritte. Ich folgte dem Weg, den ich so oft schon wählte, heute die lange Runde. Vertrautes, oft Gesehenes.
Heute im Licht, das Konturen sichtbar macht, das Farben schenkt, das wärmt.
(Und dass die Bilder fast schon als Kitsch durchgehen könnten, ist mir für heute egal. Manchmal verweise ich Herrn Zensor eben einfach an seinen Platz:))

 

 

 

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
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auf der Wippe bin ich

Wie einst als Kind. Ich sitze auf diesem alten knarrenden Holzbalken, der Geschichten zu erzählen weiß von zahllosen Kinderflügen, vom Träumen, Lachen, Schweben, Juchzen, und dazu von Unbehagen, Bangesein, Angst, es ist ja immer beides. Vor mir die abgegriffenen Metallbügel, an welchen die Haltsuche so vieler Hände spür- und tastbar wird. Unter mir die tapferen Gummireifen, an denen eine jede Wucht abprallt, immer im quietschenden Rhythmus des Hinab-Hinauf-Hinab’s.

Von je her ist es mir vertraut, das Gefühl eines Lufttanzes, der in Bangigkeit verhalten bleibt, so lange er atmet. Über die Stange hinaus nach vorn, über den Sitz nach hinten oder aber zur Seite geschleudert zu werden, dass diese Wege als mögliche vorstellbar werden, allein dies lässt meine Hände und Schenkel in Ängstlichkeit sich anspannen, das stete Auf und Ab findet nie in ein freies Fluggefühl.

Weil er, ist man oben, direkt bevorsteht, der sichere Weg hinab. Eine manifeste Bangigkeit, sogleich mit den Füßen unter den Balken zu geraten. Die Erwartung des schmerzenden Aufpralls, hier unten, wo der größte Überschwang abrupt stoppt, die Bewegung irritiert innehält, ob diesem Ende auch ja ein Anfang innewohnt? Sicher war ich nie, Zutrauen in die eigenen Beine und ihre Kraft fehlte, wozu sie nicht alles nicht in der Lage sein könnten, welchen Aufgaben sie nicht gewachsen waren, eine lange Erfahrungsliste aus erlebten Kraftlosigkeiten, Unfähigkeiten, Michkleinfühlens. Für neuen Schwung war ich so manches Mal zu schwach.

Die Wippe aber wippt. Weiter. Und weiter.

Und der Abschnitt über den Weg hinauf – er kommt ja doch – wird an einem neuen Morgen zu schreiben sein.

(Erstmals seit Jahrzehnten saß ich während der gerade vergangenen Reise wieder auf einer Kinderwippe. Im Ungleichgewicht war sie. Natürlich, möchte ich schreiben, war es doch schon früher allzu oft asymmetrisch. Oder: Immer noch, möchte ich erstaunt fragen. Habe ich denn immer noch nicht gelernt, was auf die andere Seite meiner Wippe gehört, damit ihr Rhythmus ein singender, tanzender wird, der sich in den Kreis von allem fügt?)

#bergundtal-4 – Tochtertage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

 

Der Weg mit der Tochter beginnt mit einem gemeinsamen Freiburg-Nachmittag, an dem wir in einem kuscheligen Biergarten an der Dreisam zwei meiner ehemaligen Schülerinnen treffen. Wie toll, diese jungen Frauen auf ihrem Weg zu sehen, saßen sie doch gerade noch bei mir auf der Schulbank. „Gerade noch“ fühlt sich natürlich nur für uns Erwachsene so an. De facto ist es zwei bzw. fünf Jahre her.

 

 

Auf dringende Empfehlung von E. schauen wir am nächsten Morgen die neue Unibibliothek an. Sie hat offen, obwohl Feiertag ist. Und sie ist voll von jungen Menschen, die hier lesen, lernen, diskutieren, zukunftsträumen. Mir wird ganz sehnsüchtig nach dieser Zeit in meinem Leben, in der ich den Großteil des Tages genau so verbringen durfte wie diese hier …

 

 

Nun aber, es war gut, eine solche Zeit gehabt zu haben. Das Leben, meine Lebensform ist nun eben eine andere, und ja auch nicht die schlechteste, denke ich, als ich hinter der Tochter herradele und wir uns in unser gemeinsames Unterwegssein hineintasten.

Heiß ist es heute, kaum zum Aushalten. Nach 25 Kilometern schon brauchen wir ein Eis, so sehr brennt die Hitze auf den Kopf. Wir wollen sogar eine zweite Eispause einlegen, allein – es findet sich nichts in den verlassenen Dörfern. So müssen wir mit Wasserkühlung in verschiedener Form vorlieb nehmen.

 

 

 

Übrigens: Wir sind zu dritt unterwegs. Dies erfahre ich selbst erst in der zweiten Pause des Tages. Der kleine Reisegefährte – der übrigens haargenau so alt ist wie die Tochter und immer noch auf ihren Wegen mitmuss, so findet sie – wird in Szene gesetzt und dokumentarisch festgehalten, bevor er wieder seinen Platz auf dem Lenker einnimmt.

 

 

Nach schweißtreibender Fahrt erreichen wir kurz vor dem Gewitter den angepeilten Zeltplatz. Eine Erfahrung der besonderen Art (von der ich hier schrieb).

Das Seeufer mit Abendessen …

 

 

… das Seeufer nach dem Abendessen …

 

 

… und morgens ein Blick in das kreative Chaos unserer Behausung. (Wenn man genau hinschaut, sieht man mitten im Geraffel irgendwo das Tochterkind schlummern.)

 

 

Vom warm-heißen Hinterland gelangen wir heute wieder an den Rhein, wie gut: Es ist kühler hier, und zu sehen gibt es am Wasser immer etwas.

 

 

 

 

In Kehl radeln wir an dem Zeltplatz vorbei, der uns im Herbst bei unserer Strasbourg-Fahrt beherbergt hat. Von hier ab ist es bekannte Strecke. Und doch sieht alles anders aus: andere Richtung, andere Blickwinkel (was wir damals alles übersehen hatten!), andere Jahreszeit.

 

 

Nur eines ist gleichgeblieben: Der Wind weht gegen uns. Wir versuchen, dieses Phänomen wegzulachen und wegzujubeln – und wirklich: wie so vieles ist es eine mentale Sache.

 

 

Müde sind wir trotzdem, als wir spätabends auf dem Zeltplatz ankommen. Auf einem völlig überfüllten noch dazu, wir müssen unser Zelt in eine unbehagliche Ecke quetschen, in der wir weder Lust zum Kochen noch morgens zum Frühstück haben.

 

 

Darum fahren wir morgens vor allen anderen ab und holen Brötchen und Kaffee in der Campingplatzbäckerei.
Während des Frühstücks macht die Tochter Vordertascheninventur. Wie sie dieses Durcheinander nach nur einem Tag geschafft hat! (Hier scheint eine Expertin in Sachen Damenhandtasche heranzuwachsen:))

 

 

Der Tag vergeht im Flusswegradeln, wie toll das immer wieder ist.

 

 

 

 

An einer Schleuse vergessen wir die Zeit …

 

 

… an einem Hafen tragen wir – sportlich! – unsere Räder über die Brücke …

 

 

… und gegen Abend sind wir schon dort, wo wir manchmal von zu Hause aus ein Fischrestaurant besuchen.

 

 

Eine Zeltplatzübernachtung ist trotzdem noch drin, und nicht die schlechteste. Zumal wir die letzten 35 Kilometer nicht mehr geschafft hätten; die Tochter war mit den 87 bis dahin eh schon über sich hinausgewachsen.
Wir landen auf einem wunderbaren Zeltplatz ganz in Heimathausnähe. Und treideln am Morgen durch blühende, immer vertrautere Landschaften allmählich nach Hause.

 

 

 

Und nun, während die Sommerferien schon begonnen haben, steht das nächste gemeinsame Radeln unmittelbar bevor …

 

Andere Bilder dieser Reise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-3 – Begegnungen

#bergundtal-3 – Begegnungen

 

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

 

Erstmals seit langem ist dies eine Radreise, auf der nicht der nächste Schulbeginn die Tageskilometer hochtreibt, auf der ich nicht ständig auf Uhr und Kilometerzähler schauen muss. Hier unten am Rhein bleibt Zeit für einen Schlenker in die Schweiz, entlang der Aare fahre ich südwärts, einfach weil ich Zeit habe und neugierig bin.

 

 

 

 

War ich doch vor Zeiten – ich erinnere mich nicht einmal in welchem Jahr – auf einer Tagung hier in diesem Ort. Und tatsächlich, ich erkenne es wieder. Den Fluss, die Straßen, das Wohngebiet, und schließlich die Schule, in der wir uns damals trafen. Manchmal fühlt es sich sehr leicht an, in seine Vergangenheit zu reisen.

 

 

Der weitere Weg ist bergig, geht – jedenfalls für diese Temperaturen – hoch hinauf, ist schweißtreibend. Ich fühle mich wie eine Schnecke.
Und doch entschädigen der Blick, die Weite, das Berggefühl. Und die lange Abfahrt …

 

 

 

 

Unten am Fluss warten die Spätnachmittagsstimmung und das ruhige Dahinströmen des Wassers.

 

 

Vor allem aber warten die Freunde – ich habe nun doch länger gebraucht als gedacht – und ein kleines feines Geburtstagsfeiern am Wasser, hach.

 

 

Der nächste Morgen führt zur nächsten Herzensbegegnung, ich bleibe noch eine kleine Weile am Fluss und biege dann ab ins Basler Land.

 

 

 

 

Durch eine sanfte Hügelwelt geht es, bis ich …

 

 

 

 

… irgendwann ankomme in dieser kleinen Ortschaft, die mir schon so vertraut, in diesem Haus, in dem ich schon oft war, immer mich so wohlfühlend.
Einen Nachmittag und einen Abend lang reden wir, über so vieles, und über so vieles leider nicht, weil es viel zu schnell schon Schlafenszeit ist.

 

 

Der Morgen führt über Basel und ein Stück Rhein nordwärts …

 

 

 

… aus der Ferne winken mich schon die Berge an, in die ich hoch will, ins nächste offene Herzenshaus.

 

 

 

Dies ist ein Aufwärtsweg, den ich mir kaum zutraue, ich bin wirklich keine begeisterte Bergauffahrerin. Darum dauert es lange, und ich komme auch nur deswegen oben an, weil ich mir schon lange vorgenommen und vorgestellt hatte, dass ich dort hinaufwill:)

 

 

Zu diesem Blick, in diese Weite, in eine dritte nahe Begegnung, hach.

 

 

 

Wie gut, solche Menschen, solche Orte zu haben. Und sich beim Abfahren schon auf die nächste Begegnung zu freuen.

Schon jetzt war diese Reise reich. Nun bleibt ein letzter kurzer Tag, bevor die Tochter dazu kommt. Wir werden den Rest der Zeit gemeinsam radeln. Ich muss nur noch zum Treffpunkt nach Freiburg fahren.

 

 

Vom Flussweg winke ich noch einmal hinauf in die Berge, dort oben irgendwo war ich.

 

 

 

Und dann treffen wir uns auf dem Freiburger Zeltplatz …

 

 

Andere Bilder dieser Reise sind hier zu finden:

#bergundtal-1 – Anlauftage

#bergundtal-2 – Freilaufen

#bergundtal-4 – Tochtertage

im Juli

Wie seltsam, und wie schwierig auch, über einen Monat zu schreiben, dessen Großteil aus Schulischem bestand und der darüber in gehetzter Atmosphäre vorbeiflog, während ich nun bereits den sechsten Tag am erholsamen Bergsee sitze, die Seele und die Beine im angenehm warmen Wasser baumeln lasse, schon fast die Lektüre des dritten Buchs beende und auch in jeder anderen Hinsicht erholter bin als ich es wohl je nach so wenigen Ferientagen war.
Dies also ist der krönende Abschluss des Juli: Dass wir am gemächlichen Lago di Levico in den Tag hinein leben, uns täglich zwischen Wasser und Bergen treiben lassen, Bücher und italienisches Essen verschlingen und also alles gut ist.
*
Das Schuljahresende zuvor ist hart und schwer durchzustehen, zum Ende liegen nach einer langen Hitzezeit Geduld und Nerven von Lehrer- und Schülerschaft blank, sogar ich kann mich und meinen Kurs irgendwann nicht mehr vom Eisessengehen abhalten – wo ich doch sonst eine bin, die bis zur letzten Stunde Unterricht durchzieht.
Wie jedes Jahr gehen mir die Notenkonferenzen nahe, hier wird immer am offensichtlichsten, wie viele Schüler es bei uns schwer haben, manche zu schwer, um es zu schaffen – hier schrieb ich darüber. Elterntelefonate und viele Gespräche schließen sich an, und es bleibt die Hoffnung, dass für manche Kinder ein guter, ein besserer Weg gefunden werden kann als der an unserer Schule und Schulart.
Gleichzeitig wird es mit meinem Abschied vom zweiten Dienstort Ernst, das war ja lang vorher klar und entschieden, aber nun fühlt es sich doch als Schritt mit lachendem und weinendem Auge an. Ich bekomme einen unerwartet warmherzigen Abschied und von einigen Menschen das Geschenk sehr naher und nahegehender Worte.
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Der Sohn rückt seinem Abflug nach Italien immer näher, in der Schule ist etliches abzusprechen für seine Wiederkehr, gleichzeitig melden wir unsere Gasttochter dort an. Die To-do-Liste für das abfahrende Kind nimmt eine mehrspaltig gefüllte DIN-A4-Seite ein, und mit jedem durchgestrichenen Punkt ist ein Stück von ihm weg. Mir geht das nahe und viel zu schnell.
Beide Kinder beenden das Schuljahr mit wunderbaren Zeugnissen und zuvor mit etlichen Vorspielen, wie immer, möchte ich fast sagen. Und doch ist es nie „wie immer“. Jedesmal überraschen sie uns durch unglaublich berührende Musik, von der ich wie immer behaupten möchte, dass sie nie zu Hause geübt worden ist, und schon gar nicht sooo. Das Streichquartett der Tochter spielt Mozart- und Mendelssohn-Sätze mit einem Ausdruck, den man den kleinen Mädchen kaum zutraut, und der Sohn verabschiedet sich zunächst von seiner Klavierklasse mit dieser Chopin-Ballade, die nicht nur mich in Gänsehaut-Berührtheit versetzt.
Und nebenher streiche und streiche ich auf meinem Cello, fast täglich, es gelingt immer besser. Als ich es schließlich für die Sommerpause weglegen muss, fühlt es sich sehr wehmütig an.
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Das Sommerwetter schenkt Gartentage und -abende. Freunde besuchen uns, wir sitzen mit und ohne Feuer, immer aber essend und trinkend beieinander. Und in der Ferne ertönen schon die Mähdrescher. Wenn wir nach den Ferien zurückgekehrt sein werden, wird der Sommer zu Ende gegangen sein. Manchmal tut er dies ja schon während der Sommerferien. Nun aber genießen wir diese erstmal …