Autor: Frau Rebis

New York #3 – Tage auf dem Land

Recht bald schon nach unserer Ankunft in New York schnappt sich Joanna uns, setzt uns in ihr kleines Auto und fährt mit uns nach Stockbridge / Massachussets.

Viele Worte dazu habe ich gerade nicht, was weniger den damaligen als den derzeitigen Tagen geschuldet ist, aber hier habe ich ja schon davon geschrieben..
Und durch die Bilder hindurch erinnere ich mich jetzt wieder mit wohltuender Wehmut …

… an unsere Fahrt längs des Hudson Rivers immer nach Norden, mit so manch kleinem Ort am Wegesrand. Der Stadtmoloch mit seiner Unruhe darf für einige Zeit in den Hintergrund treten, ich atme selbst jetzt beim Betrachten noch tief ein und aus und spüre die damalige Erleichterung, plötzlich Ruhe um sich zu haben.

 

… an den kleinen Ort Stockbridge, der uns voller Geschichten empfängt und in dessen Frühlingsöffnung mir ganz warm wird.

 

…. an die kleine Bücherei, in der ich mich zu gern einfach versinkend und versunken niedergesetzt hätte.

 

… an den Sommerfestivalort Tanglewood, der uns in einsam-abwartender Winterstille empfängt, ja, es liegt sogar noch Schnee, die warmen Temperaturen sind erst mit unserer Ankunft hierhergekommen, bis letzte Woche war Winter.

 

… an die Tanzscheune „Jacob’s pillow“, in ebenso fastnochwinterlicher Verlassenheit vor uns liegend, und doch säuselt und probt es auf manchen Bühnen der Waldgebäude schon vor sich hin.

 

Das Frühlingserwachen scheint wirklich nicht mehr weit.

 

Die bisherigen New-York-Bilder finden sich hier.
Und hier.

Elf Dinge …

… die ich an Dir liebe …
Mein klein-großes Geburtstagskind mit Deiner ersten Schnapszahl („Der einzige Schnapsgeburtstag im Leben, an dem ich keinen Schnaps trinken darf.„:)), mir wird es sicher leicht fallen, für jedes Deiner Jahre eines zu finden. Also los:

Deine tanzende Lebensfreude,
mit der Du aus dem Nichts heraus alle in Dein Strahlen mitreißen kannst. Du springst und schwingst durch den Raum, ganz gleich, ob laute Musik ertönt oder Du sie nur in Deinem Innern hörst. Du greifst uns an den Händen, damit wir mit Dir tanzen. Bis wir es tun. Bis wir alle mitgerissen sind von Deinem unbändigen Wirbeln.

Dein so offenes Herz,
in dem andere Wesen, ob Mensch, ob Tier, ob Blume, Platz finden. Du schaust hin, fühlst Dich ein, Du verstehst. Du bist mittraurig für andere, weinst mit, bist mitfröhlich, lässt Dich von jedem Lächeln und Lachen anstecken. Du nimmst mit Deinem Blick alles in den Arm und versuchst es zu wärmen.

Die Lieder, die aus Dir singen,
auf dem Cello, mit Deiner Stimme, mal laut herausgetönt, mal leise vor Dich hingesummt, während Du auf einer Blumenwiese träumst, es singt und klingt immer aus Dir.

 

 

Deine in alle Richtungen aussprühende Neugierde,
ob Vulkanausbrüche, abstrakte Gemälde, schreckliche Weltereignisse oder Streit zwischen nächsten Menschen, der sich Dir nicht erschließt – es gibt keine Frage, die Du nicht stellst, und keine Antwort, die Du nicht aufsaugst. Um sie – nach eventuell wochenlanger Pause – in eine neue Frage münden zu lassen.

Deinen lebendig plaudernden Mund,
wenn dies oder jenes geschehen ist, wenn Dich etwas ergriffen hat, wenn Du mit jemandem mitbebst, wenn Du etwas ungerecht findest … Alles alles erzählt dann aus Dir, manchmal möchte ich einen Schalter suchen, doch nein, ich fühle mich auch durch stundenlange Fußballspielschilderungen und minutiöse Schultagsdarstellungen beschenkt, denn immer spricht aus Dir so viel mehr als nur das tatsächlich Erzählte.

Wie es Dich zornig macht, und fassungslos,
wenn Du Ungerechtigkeiten entdeckst, die kleinen in der Schule, die großen in der Welt. Du stampfst mit dem Fuß auf und zeigst in Deinem bebenden Körper, dass dies alles so nicht bleiben darf. Du erklärst auch gleich warum, und wie man es anders machen könnte. (Ich möchte für die Welt hoffen, dass Du dies nie nie nie verlernst.)

Deine Tapferkeit,
so vieles auszuhalten. Ja, es war viel in den letzten Monaten. Du hattest lange mit Dir gerungen, bevor Du etwas erzähltest, und dann flossen auch Tränen, viele Tränen. Aber durch die Tränen hindurch hast Du uns fragend angeschaut, hast offen zugehört, welche Ideen wir für Deine Lage haben – es war manchmal gar nicht so leicht, dies auszuhalten, oft wollte ich mitweinen – und hast gekämpft, immer wieder. Bist nicht nur einmal über Deinen Schatten gesprungen, hast so vieles gewagt. Und nun hast Du ein bisschen was erreicht, für den Moment jedenfalls hat sich Deine Situation verbessert, wie stolz Du auf Dich sein kannst.

 

 

Deine Ausdauer,
wenn Du etwas willst, dann willst Du es. Deine Ideen sind unerschöpflich, um es zu Wirklichkeit werden zu lassen. Ob Du per Rad auf einen Berg strampelst, eine Familienausflugsidee gegen uns andere durchsetzen möchtest oder sich die Wolle um Deine Häkelnadel immer weiter verwickelt, Du gibst nicht auf, wo andere längst den Sattel verlassen, sich gefügt oder den Faden abgeschnitten hätten. Du machst weiter. Und immer arbeitet Deine Zunge eifrig mit:)

Dein kreatives Chaos,
um es mal vorsichtig zu formulieren:) Was Dich überkommt, das muss geschaffen werden. Unser Haus ist überreich an Deinen Kunstwerken, Deinen Bildern, Deinen Geschichten, Deinem Geformten. Oft lässt Du es genau dort, wo es Dir eingefallen ist. Doch Stolpern über die Dinge, das ist das Problem der anderen:)

Deine Gelassenheit,
vor allem mit meiner Nichtgelassenheit. Ich glaube, Du verzeihst vieles. Immer wieder, wenn sich in mir etwas aufspult, kommst Du angekuschelt und sagst, noch bevor Du mich damit vollends eingewickelt hast, erstmal in ganz ernsthaftem Ton und zuweilen mit erhobenem Zeigefinger: Chill down. Gesagt getan, Du schaffst es immer:)

Deine „Kuschelattacken“,
wie Du sie nennst. Wenn Dich das ungestüme Bedürfnis nach Nähe überkommt, gibt es kein Halten mehr. Mal wild mal sanft springst oder krabbelst Du auf einen Schoß oder lehnst Dich an, und dann lässt Du Dich fallen in „das Beste auf der Welt“, wie Du das Kuscheln nennst.

 

 

Dies alles, meine kleine Große, dies alles und noch viel mehr liebe ich an Dir, unendlich, bis zum Mond und zurück, wie Du immer sagst. Jetzt beim Schreiben fällt mir immer mehr und mehr ein, was ich hier aufzählen könnte. Du darfst also getrost auch 12, 17, 37 oder 99 Jahre alt werden, meine Liste wird nicht leer bleiben:)

Welch ein Geschenk, dass Du vor 11 Jahren zu uns gekommen bist!

Danke!

 

 

Jetzt …

… vor elf Jahren wusste ich noch nicht, dass ich in genau elf Jahren – wie an einem jeden 18. Mai-Abend seither – Geschenke einpacken und Kuchen backen werde. Ich ahnte nicht, dass mir dabei das eine oder andere Mal das Backpulver ausgegangen sein wird – so ein Geburtstagskuchen kommt doch immer wieder überraschend:) – und dass ich jedes Jahr auf’s Neue die Tage vorher und nachher in innigster Weise, in fast minütlicher Erinnerung und mit wohliger Wehmut durchleben werde. Vor allem aber hatte ich nicht die leiseste Vorstellung davon, was für ein Lebensfeuerwerk da in meinem dicksten aller Bäuche herumstrampelt.
Wie strahlend, wie atemlos, wie wunderbar es seither mit ihr ist.

Und nun organisiere ich mir hier im Dorf erstmal Backpulver …

 

Alltagsglück #1

Einen Dienstort in 35 km Entfernung könnte man als Anlass nutzen, um sich zu ärgern. Oder aber, um eine kleine Radtour drumherum zu bauen.

Es ist früh, als ich aufbreche, hinauf und hinab ins Tal, das zum Fluss führt.
Wie sogleich die Bluse im Wind flattert, und der Wind in der Bluse. Ich bin schon da.

 

 

Der Fluss schenkt seinen weisen Lauf und nimmt mich an die Hand, damit meine Bewegung nicht stockt. Ich rolle und rolle, an seiner Seite durch die große Stadt hindurch, auf altbekannten Pfaden ins jenseitige flache Land.

 

 

Dort dann, am Dienstort, widme ich mich meinen Aufgaben, fokussierter und klarer als häufig, während in mir stille Vorfreude auf den Rückweg blüht. Über die Hügel werde ich fahren, schließlich muss ich nicht wie vormittags in gefasster äußerer Form an einer Arbeitsstelle ankommen:)

Windjacke, Fleeceshirt und Schal auf dem Gepäckträger schmunzeln leise, während ich in Sommerhitze hinauftrete. Die Sonnencreme ruft laut von zu Hause aus, dass ich sie vergessen habe. Man wird sehen, morgen auf meiner Nase.
Heute aber, heute hier zu fahren, war meine beste Idee seit langem. Gemäß diesem hier:
Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde. (Franz von Sales)

 

 

Welch kleine feine Dörfer, die mir bisher entgangen sind. Welch Landschaft zum Verlieben. Ich frage mich, warum ich dies bisher kaum getan habe.

 

 

Lediglich, dass keine Eiscafés am Wegesrand liegen … nun ja … kurz vor dem Heimatdorf findet sich doch noch eines. Dafür, dass morgen ein prallevoller Schultag und noch nichts vorbereitet ist, sitze ich in größter Gelassenheit dort und habe die Ruhe weg. Ich wundere mich selbst.

 

Von Zeit zu Zeit die Augen öffnen für das klein-große Glück am Wegesrand …

 

New York #2 – Stille(re) Momente

Die riesige Stadt hat ja nicht nur Lärm und Überfülle. Natürlich sind diese gewaltig und besetzen – wenn man  nicht aufpasst – alle Aufmerksamkeit. Zumal wenn man, wie wir, gleich am ersten Tag mitten hinein in die prallvollste Ecke fährt.

Jedoch: Selbst dieser erste Tag hält stillere Momente bereit.
Da sind kleine Momentaufnahmen am Wegesrand:

(Durch Anklicken lassen sich alle Fotos größer anschauen.)

 

 

Eine jede Spur von Altem berührt. Wie es sich beharrlich hält, da inmitten der Glasspiegelfassaden. Selbst wenn es immer noch ungewohnte Dimensionen sind.

 

Apropos Glasspiegelfassaden. Welch neue Welten darinnen entstehen:

 

Das letzte der Spiegelbilder stammt aus dem Herzen der Stadt, dort wo es noch immer blutet, wo ich vor 20 Jahren mit einem schnellen Lift in die Höhe fuhr und wo heute statt der Türme Tiefen sind. Hinein fließt Wasser. Gedenkwasser.

 

Und über allem bricht langsam langsam ein Frühling durch seine Knospen.

 

 

Die bisherigen New-York-Bilder finden sich hier.
Und direkt an dem Tag damals schrieb ich das hier.

12 von 12 im Mai

Vorgestern war es nun schon, dieser Zwölfte. Aber Bilder rosten ja nicht, und verfallen nicht auf der Kamera, solange man mit anderen Lebensdingen beschäftigt ist. Also dürfen sie ruhig heute noch kommen:)

 

 

Der Morgen ist regnerisch und so dunkel, dass mir Kerzen für meine Morgenstunde als stimmig erscheinen.

 

Ich schreibe einen Brief, möchte ein kleines Päckchen dazupacken und diese Steine mitschicken. Hühnergötter, von der Ostsee. Steine mit einem Loch. Man findet sie am Strand, wenn man lange sucht, und man sagt, sie bringen Glück. Dort, wo sie jetzt hinwandern werden, braucht es dieses gerade sehr dringend.

 

Draußen regnet es, meine Gartenmorgenrunde fällt kurz aus, kaum wage ich mich unter der Terrasse hervor.

Es folgt ein Schultag, bilderlos, ich trage keine Kamera mit und hätte heute auch keine Chance gehabt, kurz innezuhalten. Manche Tage sind sportlich, um es milde auszudrücken.

 

Das Wochenende beginnt mit meinem Entschluss, die Korrekturen zunächst beiseite zu legen. Am Sonntag vielleicht, spüre ich, eher geht das nicht, ich bin erschöpft, brauche jetzt erstmal Musik – ja! – und Ruhe. Und sowieso: Vorfreude, heute bekomme ich noch Besuch:)

 

Mittlerweile haben sich die morgennassen Blätter trockengeschüttelt …

 

… und das pralle Leben räkelt sich in der Sonne.

Weil es so strahlt vom Himmel, nehme ich den Weg ins Nachbardorf unter die Füße und gehe mein Fahrrad abholen.

 

Es hatte ein bisschen Reparatur nötig, damit es mich ganz bald wieder tragen kann, wohin die Unterwegsträume reichen.

 

Zurück segelt es sich ganz leicht, an den Feldern vorbei …

 

… durch ein Blütenmeer …

 

… und mit kleinen zarten Versehrtheiten am Wegesrand.

Der nun beginnende Teil des Tages bleibt ohne Bilder, obwohl die Kamera auf dem Beifahrersitz liegt, es will nicht zu einem Foto kommen. Mein Aufbruch nach Frankfurt, lieben Besuch vom Bahnhof abzuholen, ist noch pünktlich. Dann Unfallstau auf Autobahn I. Autobahnwechsel. Unfallstau auf Autobahn II. Runter auf die Landstraße. Stau auf Landstraße, denn schließlich haben alle hierher gewechselt. Ich schwitze schon ob meiner arg verspäteten Ankunft, als es aus dem Zug twittert, dass es in diesem nicht besser ausschaue. Streckenstehen vom Feinsten, Verspätung von 60 Minuten mindestens und das nicht etwa in Frankfurt. Endstation Offenbach. Freitag der Fastdreizehnte. Was haben Menschen in Nichthändiehzeiten eigentlich in Situationen wie diesen gemacht? Wir schreiben hin und her, während ich noch in Frankfurt am Bahnhof stehe und dann nach Offenbach aufbreche. Diesen Ort hätte ich nicht gebraucht- jedenfalls: sein Charme erschließt sich einem nicht auf den ersten Blick:)
Aber: nach einiger Umrundung des Bahnhofes finden und umarmen wir uns, kaufen an der Tankstelle zwei Bier (alkoholfrei;-)) für die nun etwas längere Heimfahrt, machen es uns im Auto gemütlich und erreichen den mit Lasagne gedeckten Tisch immerhin noch vor Mitternacht.

 

Wir freuen uns an Leipziger Mitbringseln …

 

… und an einem wichtigen Utensil für die nächsten Stunden.
Bis es uns – es war nach Zwei, oder? – ins Bett treibt.

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

New York #1 – Hinein in die Dimensionen

Die drei Wochen seit der Reise sind so schnell verflogen wie die zwei Wochen dort. Noch sind die vielen Fotos nicht alle durchgeschaut, geschweige denn sortiert. Es war ja auch Vieles seither, Beschwerendes wie Erhebendes. Nun kommen wohl ruhigere Tage, so hoffe ich.

Bevor meine kleinen offenen Zeitfenster wieder verflogen sind und ich mich im Systematisieren und Erzählen verzettelt habe, werfe ich nun einfach ein paar Bilderwolken hierher. Heute von unserem allerersten Tag in der großen Stadt, der von Ankommensstaunen und Jetlagmüdigkeit durchdrungen war.

(Durch Anklicken lassen sich die Fotos größer anschauen.)

 

Aufbrechend:
In Vorfreude geht es hinauf über die Wolken, streifen wir London kurz und landen zu (innerlich) nachmitternächtlicher Zeit im New Yorker Abendrot.

 

Uns dem Wolkenkratzerbild annähernd:
Es braucht ja nicht nur den steten Blick nach oben, um diese Ausmaße zu erfassen.

 

Ins Grell geworfen:
Ja, das ist viel. Das ist optisch laut. Das verwirrt. Das erschreckt. Das wirft aus der Ruhe. Das werde ich auch nach vielen weiteren Tagen nicht einfach so aufnehmen können. Womöglich ist es einfach mehr, als man (ich?) verkraften kann.

 

Unterwegs in perpetuierter Rush hour:
Anders sahen wir es nie. Dies war schon die Sonntagsruhe. (Die Sorge allerdings, dass es an den weiteren Tagen daher noch dichter würde, war unbegründet. Vielleicht auch einfach nur, weil noch dichter nicht möglich ist.)

 

Heimkehrend nach Jackson Heights:
Die Dimensionen des „kleinen“ Stadtteils, in dem wir wohnen, wirken plötzlich anheimelnd, sein schreiend Buntes fast blass. Wir sind ein bisschen müde …

 

Fortsetzung folgt. (Hoffentlich.)

Als Gefäß

Binnen weniger Tage, Stunden fast, begegne ich ihnen allen, was für ein Zufall.
Sie, deren Schwester starb, kaum zwei Wochen ist es her.
Sie, die selbst den Krebs in sich trug. Und trägt, wer weiß.
Er, der, fast als Kind noch, seinen Vater verlor, über lange Zeit schon, endgültig aber erst vor wenigen Monaten.
Sie, deren Tochter ging, noch keine zwei Monate ist es her.

Vier Begegnungen an nur zwei Tagen. Vier intensive Gespräche. Gespräche, in denen ich vor allem zuhöre. Ich frage auch ein wenig, aber eigentlich höre ich zu. Dem Klang, dem Gesang des Fließens.

Ein Fließen, gebettet in die weite Mulde der Trauer.
Ein Fließen von Lebensfreude, von sonnebeschienenem Lebenwollen, Weiterlebenwollen, von purem Glück am kleinen Moment, von Innigkeit in unverstelltem Aufeinanderzu.
Ein Fließen von Mut und Kraft, sich dem zu stellen, dem allen. Der Forderung, einander eher loszulassen als man es je wünschte und ahnte. Der Dichtigkeit einer viel zu schnell hinauströpfelnden Lebendigkeit. Der unvermittelten Augenöffnung über das, was wir sind, was uns ausmacht, und was auch nicht. Dem Wandel im Sein, in jeder Faser des Seins, wenn man sich der Sprache des nahen Todes nur nicht versperrt. Der Aufgabe – und dann: dem Geschenk – das kleine Zarte als Großes zu spüren, und das bisher übermächtige Unwesentliche abzustreifen. Der unfassbaren Endgültigkeit. Dem ebenso unfassbaren Licht, in das plötzlich alles getaucht ist. Der Ehrlichkeit in allen Begegnungen, die nun folgen, Ehrlichkeit, die schmerzt, Ehrlichkeit, die guttut. Dem Abschied. Dem Neubeginn.

Was für ein Strom, der da fließt.
An seiner Oberfläche glitzert es. Sonnenfünkchen spiegeln sich und tanzen, geführt und gestreichelt vom Wind, dem behutsamen. Über allem ein Himmel. Dieser gute Himmel in seiner Weite.

Dankbar bin ich für diese Gespräche, für die Worte, die mit mir geteilt wurden, und für ihre stumme Fortsetzung in mir. Gern bin ich Zuhörerin. Was ich höre, trage ich mit. Was ich höre, trägt mich mit. Es durchflutet, es schenkt Geborgenheit im Leben. Es strahlt auf mein Sein, ich fühle mich beschenkt. Wie in ein Gefäß lasse ich alles fließen, was Ihr erzählt, was der Tod spricht. Es ist Gelegenheit, sich einer Verwandlung anzubieten. Jede und jeder für sich. Wir zusammen.

Und doch, bei allem Tröstlichen und Lichten … diese Gespräche, diese Häufung in den vergangenen Stunden, die muss ich erst einmal veratmen, die muss ich deponieren. Noch weiß ich nicht wohin. Diese wenigen Worte hier sind nur ein zögerlicher, unbeholfener Anfang.

WmDedgT 05/2017

Der Wecker klingelt kurz nach fünf, ich kann ja nicht weg von meiner Marotte immer viel zu früh aufzustehen. Also: viel zu früh nur vom rationalen Blickpunkt aus. Für mich ist es gerade richtig, es ist meine Zeit für mich allein.
Mit dem Morgenkaffee in der Hand lande ich heute ungeplant an einer Kiste mit alten Kalendern und Adressbüchern, neulich hatte ich die aus dem Regal gezogen. Adressen aus den Neunzigern, wie viele davon mögen noch stimmen? Beim Durchblättern finde ich eine einzige. Welche jetzt aber, genau genommen, auch nicht mehr stimmt. Es ist sie, die letzte Woche starb. – Wieviele der Menschen in diesem Büchlein wohl ebenfalls nicht mehr leben? Zu vielen habe ich den Kontakt verloren, etliche waren nur flüchtige Lebensbegegnungen, bei manchen kann ich mich nicht einmal mehr an den Begegnungskontext erinnern.
Ich blättere noch ein wenig in meinem Kalender von 1991, erstaunlich vieles ersteht in meiner Erinnerung, über manches sollte ich einmal erzählen.

Aber jetzt nicht weiterträumen, es ist sechs Uhr, die Kinder wollen geweckt, das Morgenprogramm in die Gänge gebracht werden, ich mache mich und mein Gepäck fertig, denn – juchhu – heute verreise ich. Und kurz nach sieben sitze ich im Auto, zunächst auf dem Weg zur Schule, natürlich.

Gut ist es heute in der Schule, das spüre ich schon vor dem Klingeln.
Die Fünfer haben sich meine Worte vom Mittwoch offenbar sehr zu Herzen genommen, sie erwarten mich mucksmäuschenstill, werfen sich engagiert in die Stunde, niemand piekst den anderen in Schenkel oder Schulter, es kippt nichtmal eine Wasserflasche um, das will etwas heißen.
Wir addieren und subtrahieren ganze Zahlen, etwas komplett Neues für sie, sie schicken ihre gesamte Anstrengung ins Rennen, und am Ende der Stunde sagt eine: „Wie cool, dass Rückwärtsgehen auch ein Mehr bedeuten kann.“ Sie meint zwar die Zahlengerade und die Männlein, die uns da im Moment die Zahlen transportieren. Aber ich finde, sie hat auch im Großen und Ganzen, so im Lebenskontext recht. Aber das weiß sie noch nicht, sie ist ja erst zehn.

Die Elfer sind heute mehr als sonst, freiwillige Gäste aus einem ausfallenden Nachbarkurs – huch, Fans, oder was? Merke: fünf Menschen mehr machen den Unterricht dreimal so laut. Vielleicht aber ist es einfach nur die Freude der Neuen, dass sie doch nicht auf ihren Matheunterricht verzichten müssen:) Naja, und dann werkeln wir so vor uns hin. Ganz schön viel, was sie in diesem halben Jahr gelernt haben, denke ich beim Umhergehen. Irgendwie ergreifend, wie sie sich, die meisten jedenfalls, hineinknien, in das Fach, das ihnen wohl spätestens jetzt in der Kursstufe am schwersten fällt, bei dem sie trotz aller Anstrengung nur wenig Punktzuwachs schaffen. Und doch tut sich so viel bei ihnen.
Ich mag sie so, in diesem Alter, in dem ein Restschimmer der Pubertät die ersten Züge erwachender Reife beleuchtet und mit einem Strahlen verschönert, welches sich vielleicht in keinem anderen Lebensalter findet. Ich mag das Wechselspiel von Ernsthaftigkeit und Lachsalven, kindliches Stimmeverstellen gleich neben Schülersprecherengagement, das In-die-Ecke-Pfeffern des Heftes und sein sofortiges besonnenes Aufheben. Und ich mag die Ehrlichkeit, die sie mir schenken. Das ist viel. Denn Mathe ist ein Fach, in dem gern alles Unwillkommene auf die Lehrenden projiziert wird.

Hofaufsicht. Es ist sonnig, und ohnehin ist es ein guter Aufsichtsplatz. Gelegenheit, die oder den anzulächeln, eine Frage zu bekommen, eine Sorge zu klären, eine Ermutigung über einen Arm zu streichen. Ein Geschenk, diese ganze junge Menschenschar um mich herum. Irgendwann stromert auch die Tochter vorbei, was sie sonst nie tut. Heute aber sagt sie noch einmal Ciao, mich eindringlich anschauend, aus einem Meter Entfernung. „Ohne kuscheln„, stellt sie fest, klar, auf dem Schulhof geht das gar nicht.

Meine Bereitschaftsstunde ist, wenn nichts ansteht, meist Redestunde. Mit der Coklassenlehrerin über den einen Vorfall. Mit dem Abteilungsleiter über den nächsten Wettbewerb. Mit der Parallelkollegin über die Klausur. Mit der Physikreferendarin über ihre Prüfungen. Mit dem Schulleiter über eine spezielle Klassensituation. Was so alles dran ist. Und Versuche gilt es aufzubauen, für Montag, Kopien vorbereiten, all das.

Plötzlich ist es spät, gleich Zugabfahrtszeit, denn ich verreise ja:), ich stopfe die restlichen Vorbereitungsdinge ins Gepäck, bringe einen Teil der Schulsachen zum Auto, hole den großen Rucksack, und zack, sitze ich im Zug.

Bahnhofsatmosphäre beim ersten Umsteigen. Bahnhofsatmosphäre beim zweiten Umsteigen, ich liebe Bahnfahren. Auf dem Riesenbahnhof bleibt mir ein wenig Zeit, also gibt es etwas Mittagessenähnliches und einen Kaffee im Sitzen, bevor ich in den ICE steige.
Heute bin ich über den Schatten meines Sicherheitsbedürfnisses gesprungen und fahre ohne Platzkarte. Obwohl Freitag ist. Obwohl ich im Zug arbeiten, lesen und schreiben will. Und siehe da: Es klappt. Ich habe einen Sitzplatz. Ich lebe noch. Wow.
Alles ist gut. Bis auf ein paar streitende Mitreisende: tun Sie Ihren Rucksack da weg! – ich lass den da jetzt stehen! – da vorne steht doch, dass es verboten ist! – was geht Sie das an! – wir können auch den Zugbegleiter holen! Wie in der Schule, denke ich. Schlimmer als in der Schule. Ich weiß nicht, ob ich es witzig oder traurig finden soll und bin einfach froh, als es zu Ende ist, ohne dass es zu einer öffentlichen Keilerei gekommen ist.

Ich mag es so, im Zug zu lesen, zu schreiben, Gedanken mit den Bildern vor dem Fenster wandern zu lassen. Doch die Vernunft heißt mich zunächst meinen Montag vorzubereiten. Zwei Stapel Hausaufgaben bleiben durchzusehen, eine Konstruktion vorzubereiten, ein paar Planungsnotizen zu machen, als ich fertig bin, fährt vor dem Fenster schon der sonnige Schwarzwald um Freiburg vorbei. Sehnsüchtige Erinnerungen an Radreisen werden wach, aber ich werde ja bald wieder …

Vorfreude auf die Begegnung, die nun gar nicht mehr lange hin ist. Der Zug hat seine Verspätung aufgeholt, die Mitreisenden bleiben friedlich, vielleicht sind sie auch einfach ausgestiegen, die Welt gleitet vor dem Fenster dahin – das Leben ist schön.
Ein letztes Umsteigen, ein paar volle S-Bahn-Minuten, und dann bin ich da … wie gut!

Erkennen, die Landschaft mit den Augen betasten, in Serpentinensträßlein hinaufwinden, an einem guten Ort ankommen. Reden, Kaffee, Sonnenterrasse, erzählen, der Weitblick, kochen, Wein und Essen, weiterreden, Feuer, das ganze Sein hier, staunen, zwischendurch ruft die Tochter an, Wein jetzt ohne Essen, immer noch reden, draußen leuchtet der Mond, und es ist stiller als still, reden, bis die Augen zufallen, in den Schlafsack kippen.
Aber das war eigentlich schon am nächsten Tag.

Danke.

Baumwandelweg #3

Durch ein Jahr hindurch begleite ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies ist ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“ . Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben werden wird.

Gestern zeigte sich mein Baum in grellem Tageslicht. Ein ungewohntes Bild, diese undifferenzierten Farben. Weil ich früher als sonst hier war, stand die Sonne noch sehr hoch.

Beinahe hätte ich mich in diesen Tagen ja in einer Grollschleife verfangen, oder in einem Verzagtheitstümpel, in einer unguten Mischung aus beidem. Die vergangene Woche war gefüllt mit vielfältiger Unruhe, mit Trauer, innerer Angespanntheit wegen zahlreicher dringender Dinge, auf die ich mich einfach nicht konzentrieren kann, mit wenig Schlaf, Unausgeglichenheit und Überforderung in mancherlei Hinsicht.
Und plötzlich realisiere ich, dass das halbe lange Wochenende schon vorbei ist und ich zwar etliche Kinder- und Haushaltssachen abgearbeitet, aber noch keine einzige von diesen wirklich dringenden Schulsachen angefangen habe. Und dass ich an diesem sonnigen langen Wochenende noch keinen Schritt vor die Tür gesetzt habe (bis auf den Schuh- und Klamottenkauf mit den Kindern, haha).

Stopp. Innehalten. Durchatmen. Was geschieht hier gerade? Wieso lasse ich das zu? Was kann ich für mich tun?

Wie gut, dass letzter Monatssonntag ist, dass mein Baumwandelweg eh „dran“ ist. Möglicherweise hätte ich sonst gestern wirklich nicht aus der Schleife herausgefunden. Manchmal braucht es ja äußere Hilfen zum Aussteigen aus dem inneren Ungutkarussell.

Noch bevor ich mich auf den Weg mache, folge ich einem anderen Impuls, den ich der Tochter gestern noch ausgeredet hatte. Wir bauen das Zelt auf. Mit dem festen Plan, abends dorthinein schlafenzugehen.

Dann schnalle ich die Kameratasche um, eine warme Jacke braucht es nicht, von draußen weht es warm hinein, und laufe los. Vorfreudig und viel ruhiger schon bin ich als noch eine Stunde zuvor, auch wenn es im Kopf weiterwirbelt. So viel darf ich nicht erwarten, immerhin lässt das Puckern im Herzen nach, die Beengtheit in der Brust, die Fahrigkeit der Bewegungen, all das. Ich gehe.
Ob ich viel sehe? Ich befinde mich heute sehr eingeengt in mir, blind fast. Starre viel vor mich hin. Halte ab und zu die Kamera irgendwohin.
Und doch ist das Außen da. Es umhüllt und trägt.
Mögen nun einfach Bilder sprechen.

Auf meinen Baumpfaden …

… wird es farbig und duftend.

Am Wegesrand wartet sie, die Einsame. Wie tapfer. Wie strahlend.

Zumeist aber blicke ich in die Weite. So gut tut das.

Der Frühling hat seine letzten Zeichen stehenlassen, auch wenn die Farb- und Duftwelt schon frühsommerlich wirkt.

Der Wind trägt alles zu mir und alles wieder fort.

Und irgendwann sitze ich unter meinem Baum, lehne mich an. Geborgen ist es hier. Unter diesem Dach und inmitten des Feldes.

Wieviel Nahrung mir der Weg heute geschenkt hat.

Später beginnt eine Zeltnacht, in der ich so gut wie die ganze letzte Woche nicht schlafe. Schon beim Hineinkriechen fühle ich mich am Sehnsuchtsort angekommen, passend dazu hatten heute erste Radreisepläne in meinem Kopf getanzt. Es ist nicht so kalt wie unsere Kleidungshüllen vertragen hätten. Die Tochter kuschelt sich wohlig in ihren Schlafsack, ich schaue ihr beim Einschlafen und beim Aufwachen zu. Der Morgen weckt vogelzwitschernd und später regengetröpfelnd, hach, ich sollte ins Zelt umziehen. Das wäre immerhin ein Lebenskonzept für schlechte Zeiten …

Ein paar Stunden voller Momente, die ich mir in meinen Schirmen auffange. Für spätere Zeiten, vielleicht für den morgigen Tag schon, wenn es wieder arg wird. Ich trage meine Schirmmomente jetzt mit mir.

Danke, Du Baum.

Meine bisherigen Baumwandelbilder finden sich hier und hier.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekts kann man hier finden.

im April

Der Monat beginnt in frühlingshafter Wärme und wie immer mit dem 1. April, in den ich erstmals (?) von niemandem geschickt werde, nicht von den Kindern, nicht von Schülern. Bei letzteren liegt das wohl einfach daran, dass ich sie am Samstag nicht sehe:) Mir fehlt nichts, aber es fällt mir auf.
Zum Ende des Monats hin hat sich der heftige Frühling vom Monatsanfang zunächst wieder versteckt und schaut nur schüchtern um die Ecke. Man hofft ja doch, dass er sich im Mai endlich wieder hinaustrauen wird.
*
Der Monat ist geprägt und dominiert von unserer New-York-Reise, von all dem Anstrengend-Spannenden schon vor dem Start (für uns, die wir sonst nie fliegend verreisen), von der Eindrucksflut der Riesenstadt, die zuweilen überfordert, von Jetlags, einer Tonne voller Fotos und Erinnerungen und von daraus geborenen neuen Reiseplänen:)
Durch die Reise übrigens fällt das Eierfärben natürlich aus, was vor allem ich ein wenig schade finde, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle.
*
Vor und nach den Ferien gibt es natürlich Schulzeit, ein wenig nur. Aber auch eine einzelne Woche kann im Anstrengungsgewand auftreten, was vor den Ferien vor allem daran liegt, dass nebenher die Packvorbereitungen laufen und derart fordern, dass kaum mehr genug Schlafzeit bleibt.
Nach den Ferien ist natürlich alles liegengeblieben – die kompletten Ferien wegzufahren bedeutet ja, dass das reinigende Alles-weg-Korrigieren, Alles-weg-Aufräumen, Alles-weg-Kommunizieren und Alles-weg-Vorbereiten, womit zweiwöchige Ferien gut gefüllt sein können, nicht stattfinden kann und die angrenzenden Schulwochen mit kaum zu bewältigender Arbeitsdichte gefüllt sind. (Darum übrigens werde ich ab nächstem Jahr ein wenig mehr Teilzeit nehmen, also ein wenig weniger Deputat haben: Um in Ferien wegfahren zu können, ohne mich vorher und nachher in die Erschöpfung zu arbeiten.)
Die Reste des in den Ferien Nichtgeschafften schleppe ich in den Mai, nicht zu Ende korrigierte und nicht fertig erstellte Klassenarbeiten, nicht vorbereitete mündliche Prüfungen, ein Schulcurriculum im Rumpfzustand und (psst!) ein paar längst fällige GBUs. (Wer nicht naturwissenschaftlehrend ist, möge sich nicht beunruhigen: diese Abkürzung muss man nicht kennen, und das Dahinterstehende ebenfalls nicht.)
Ich hechle den Erfordernissen hinterher und finde mich seit langem wiedermal in der Situation, dass ich spätabends ganz knapp und sozusagen von der Hand in den Mund erst vorbereite. Da kommt der ganztägige Pädagogische Tag gerade Recht, selbst wenn er an meinem unterrichtsfreien Tag liegt: muss ich am Vorabend wenigstens mal nichts vorbereiten.
*
Den Kindern geht es mit ihren Schulaktivitäten besser, die Klassenarbeitsdichte ist gering, die Hausaufgabenmenge wohl auch. Jedenfalls sehe ich sie kaum mal etwas für die Schule tun und auch nicht fluchen.
Ihre Musik im Haus dagegen erfährt heftige Belebung. Die Tochter hat ein neues Cello und eine neue Lehrerin, neue Stücke, neuen Schwung, alles lässt sich gut an.
Der Sohn ist nach dem Jugend-musiziert-Wettbewerb regelrecht manisch in der Erarbeitung von Neuem. Prokofjew, Liszt, Chopin, Beethoven tönen durchs Haus, ich komme mit dem Notenkaufen kaum hinterher. Vor allem die Dauer des täglichen Übens stellt hohe Anforderungen an alle Zuhörendennerven, denn ja, ein Flügel ist laut und tönt durch alle Wände. Dafür wurden also Silent pianos erfunden.
*
Für viel mehr ist kein Raum in diesem Monat, ich bin wenig draußen (außer natürlich in New York), ich lese wenig, komme kaum zum Celloüben. Es fließen Tränen, denn die Freundin stirbt. Andere nahe Menschen beenden ihren Lebenskreis. Im Kollegium werden zwei Kinder geboren, und eines darf nach Intensivstationsmonaten wieder nach Hause. Mein Knie – nur das Knie, aber doch – muckert und erinnert sanft daran, dass auch mein Platz in diesem Lebenskreis zwischen Geborenwerden und Sterben kein unveränderlicher ist.
*
Mein innerer Grundzustand dieses Monats ist gehetzt und unzufrieden. Alles ist viel zu viel. Sehnsüchte liegen brach vor mir, ich habe zu üben.
Sei mir das am letzten Monatstag im Garten aufgebaute Zelt ein Hoffnungsschimmer, dass mit bald beginnenden Rad-und-Zelt-Zeiten endlich wieder Tage des Ruhens kommen werden, ich brauche sie so.

 

enturteilt

Da gibt es etwas, das Du Dir sehnlichst wünschst, etwas, das Du nie anders denken konntest, als dass es so wird wie Du es Dir vorstellst, eine dringende Herzenssehnsucht.
Und dann … dann ist plötzlich alles anders. Dann kannst Du dies nicht bekommen, darfst es nicht leben, wirst nicht in diesem sein, was Du so sehnlichst bräuchtest.
Bäm.
Es gibt keine Schuld, keinen Schuldigen, der dies verursacht hat, es ist einfach eine ungeschickte Fügung. Ein Stück Universum hat sich quergestellt, einfach so.

Wiederum gibt es jemanden, der die Situation auflösen könnte, ein einziger Mensch, der vielleicht eingreifen könnte. Wenn er wollte. Wenn er Dich verstünde. Wenn er die Dringlichkeit deiner Herzenssache mitfühlen könnte. Wenn wenn wenn. Denn: all dies traust Du ihm nicht zu. Im Gegenteil, Du denkst, dass gerade dieser … ach nein, Du möchtest nicht mal darüber sprechen. Es macht Dich bitter, es entfernt Dein Herz von seiner Sehnsucht, dies wäre ein zu hoher Preis.

Also gibst Du auf. Es ist wie es ist.
Ein paar Stunden lang hast Du aufgegeben.
Und doch nagt es. Was, wenn da nicht doch ein Weg wäre. Was, wenn nicht doch jemand anderes einschreiten könnte. Was, wenn Du nicht alle Möglichkeiten ausgelotet hast. Jetzt etwas zu versäumen, lässt sich nie mehr nachholen. Das alles kreist in Dir. Ein paar Stunden lang.

Bis … bis Du das Mailfenster öffnest. Nein, nicht an diesen einen Menschen, an jemand anderen schreibst Du, beschreibst Deine gesamte Seelensehnsucht.
Und siehe da, es kommt Antwort. Sofort, noch in der Nacht, unmittelbar, verstehend, mitfühlend, zugewendet. Mit einem kleinen Bündel an Ideen, was vielleicht doch ginge. Und mit der Ermutigung, es zu versuchen.
Dazu musst Du eine weitere Mail schreiben. An einen anderen Menschen. Nein, immer noch nicht an diesen einen, an noch jemand anderen. Wieder beschreibst Du Deine gesamte Seelensehnsucht. Und siehe da, wieder kommt Antwort. Sofort, noch in der Nacht, unmittelbar, verstehend, mitfühlend, zugewendet. Mit einer sehr konkreten Idee, wie es vielleicht doch ginge. Und mit einer erneuten Ermutigung, es zu versuchen.
Doch dazu musst Du Dich an jenen Menschen wenden, an jenen einen, schreibt der andere. Uff. Du zuckst zurück. Denn diesen einen wolltest Du doch nicht … und nie …
Und doch. Irgendwann in der Nacht, oder ist es schon Morgen?, nimmst Du noch einmal das Mailfenster her, ein drittes Mal. Schreibst wieder, in verhalteneren Worten, mit der zitternden Angst, Dich zu verletzlich zu machen, von Deiner Seelensehnsucht. Eine Überwindung, ein Mut, auf den Sende-Knopf zu drücken. Und doch … Du schaffst es. Mitten in der Nacht, ganz allein, Du mit Deiner Seelensehnsucht.

Antwort kommt keine mehr, dafür ist es zu spät. Du schläfst, Du beginnst Deinen neuen Tag, die Mail muss längst angekommen sein. Stunden später erst ist Zeit, zum Telefon zu greifen. Es zittert in Dir. Jetzt oder nie. Er nimmt ab.

Du kannst kaum glauben, was Du hörst. Eine weiche Stimme. Zuhörend. Verständnisvoll. Mitfühlend. Dich wahrnehmend. Auf eine Weise, wie Du sie ihm nie – NIE! – zugetraut hättest. Als völlig neuer Mensch ersteht er vor Deinem inneren Auge, während Ihr noch miteinander sprecht und alle Ideen auslotet. Denn ja, es gibt eine kleine Möglichkeit für Deine Seelensehnsucht, wenigstens teilweise darf sie zu Wirklichkeit werden. Nicht alles, aber ein winziges Stück davon.

Er müsste dies nicht ermöglichen. Er tut es für Dich. Weil er Dich wahrgenommen hat.
Du sagst danke. Mehr fällt Dir im Moment gar nicht ein.

Es bleibt, nach dem Auflegen, ein Lächeln in Deinem Gesicht. Ein ungläubiges Staunen. Eine innere Wärme. In Dir klingen die zugewandten Worte aus dem Telefonhörer nach.
Und Du schüttelst den Kopf über Dein eigenes Urteil, über Deine Vorverurteilung, dass dieser jene nie nie nie … wie Du Dich getäuscht hast. Wie Du ihn abgeurteilt hattest.

Urteile nicht. Du irrst vielleicht.

Cello #3 – Spiegelbilder

Es wird Zeit, mal wieder ein wenig über mein Cello zu schreiben. Diesmal über mein Ich, welches sich mir im Cello spiegelt. Hat mir doch die Tochter heute einen unmissverständlichen Fingerzeig gegeben.
Wie ich übe und sie nebenher auf dem Sofa herumturnt, da grummelt sie plötzlich irgendetwas unter ihren Haaren hervor.
Hä, frage ich, ziemlich gedankenabwesend.
Na, richtet sie sich auf, stimmt doch.
Was, frage ich, stimmt?

So viel Selbstzweifel muss man erstmal hinbekommen.
Oh.
Bei jedem Ton, den Du spielst, verziehst Du das Gesicht, oder zuckst zusammen, oder murmelst das Sch… Wort, oder denkst es Dir.
Oh.
Du hörst halt gut genug, so dass Du hörst, dass es noch nicht gut ist. Das ist doch gut!
Oh.

Was für ein Spiegel, den die Tochter mir da vorhält. Sie beobachtet glasklar. Und hat so Recht. Kindermund tut Wahrheit kund und so.

Vielleicht ist mir das ganze Instrument überhaupt nur als Spiegel zugelaufen? Vielleicht habe ich in ihm hauptsächlich den Spiegel gesucht?
Ganz gleich, wer da suchte, zulief, führte – ich will mich dem fügen, was sich mir hier zeigt. War mir doch auch bei der Lehrerinnensuche von vornherein klar: Eine Frau sollte es sein. Und zwar eine, die deutlich älter ist als ich. Damit ich mich einfügen und aufs Geführtwerden einlassen kann.
Eine solche Lehrerin habe ich gefunden, das ging sehr schnell. Vielleicht, weil so klar war, dass ich genau diese brauchte. Und nun, da ich Stunde um Stunde nicht nur vom Instrument, sondern auch von der Lehrerin den Spiegel vorgehalten bekomme – die beiden haben sich verbündet:) – da wird mir manches deutlich.

Ich will alles auf einmal. Immer. Sofort. Ich will sogar mehr als alles, ich will 150%. Weil 120% noch zu wenig sind.
Wenn in einer Übung eine Phrase zunächst einmal pro Bogen gespielt werden soll, dann zweimal, dann erst dreimal und letztlich viermal, dann versuche ich immer zuerst den Vierer, ich will es sofort ganz schnell spielen. Die Schleife über das Langsame nehme ich erst nach dem Scheitern an der Geschwindigkeit.
Wenn ein Griff nicht klappt, weil meine Hand vielleicht zu klein ist – ja, ich habe recht kleine Hände, einige Griffe kann ich nur durch Springen schaffen, wenn ich nicht im Laufe der Zeit noch einige Millimeter durch Dehnung gewinne, und Springen ist schwieriger als gleichzeitiges Aufsetzen, gleichwohl aber möglich (die Tochter mit ihren Minihänden springt derzeit auf ihrem 3/4-Cello auch und schafft es einwandfrei sauber und gebunden, und bei Belesen in Netzforen finde ich genau das: Frauen mit kleineren Händen müssen sich eben so behelfen, was aber durchaus möglich ist, nur einen längeren Lernweg erfordert) – wenn also eine solche Stelle mit Weitgriff mich derzeit stark fordert und anfangs grob unsauber klingt, dann fühle ich mich sofort als zu schlecht, als zu unfähig. Wider besseres Wissen, dass hier tatsächlich eine objektive Handgröße verantwortlich ist, zunächst.
Wenn ich mich auf die Intonation einer Stelle konzentriere und diese stimmiger wird, rutscht mir im Gegenzug der Bogenkontakt weg, wenn die Gleichmäßigkeit des Tons zunimmt, verschiebt sich die Haltung der linken Hand, wenn die Bindungen zwischen den Tönen anfangen sich zu glätten, verspannen sich mein Kiefer und meine große Zehe. Weil man die Dinge nacheinander lernen müsste, ich aber stets an allen gleichzeitig arbeite und alles auf einmal will. So gibt es stets etwas, bei jedem einzelnen Ton, das mir nicht reicht. Und weil alle Abläufe so komplex miteinander verschachtelt sind, weil eine Schraube gleichzeitig alle anderen verdreht und ich von Körpergefühl und Ohr her alle alle wahrzunehmen vermag (was, wie die Tochter ganz richtig sagt, doch eigentlich ein wunderbarer Vorteil ist), deswegen finde ich  stets einen Grund, das Gesamtspiel unzureichend zu finden.
Nie sehe ich, wie viel ich in diesen vier Monaten geschafft habe, ich übersehe geflissentlich, wie Lehrerin und Geigenbauer und Tochter und überhaupt alle, die sich ein bisschen auskennen, von anerkennend bis fasziniert nicken, ich vergesse, dass ich vor einem halben Jahr nie gedacht hätte, in wenigen Monaten erste Stücke und einfache Sonaten anzugehen. Es ist mir nie genug.

Schaffe ich auch mal Zufriedenheit? Es würde mir gut tun.

Dabei ist mir vom Kopf her natürlich klar, dass mich derart überkritisches Fordern hemmt, dass mir meine eigenen Ansprüche als Barrieren quer im Weg liegen, dass ich viel sanfter vorangehen würde, könnte ich diese beiseite räumen.
Und vor allem: dass ich mich nicht, wie schon geschehen, in die Unfähigkeit hineinübe, wenn an einem Tag nach zwei Stunden, manchmal schon eher, die Kräfte nachlassen. Cellospielen ist eine körperlich sehr anstrengende Sache – vermutlich ist dies ja bei jedem Instrument so – und daher wird der Körper irgendwann müde. Zu Recht, er ist ja kein Hochleistungssportler und soll auch keiner werden. Ich aber zwinge ihn dennoch weiterzumachen. Ich übe oft so lange, bis mir das Spielen kaum mehr möglich ist, bis alle Körperempfindungen auf taub stellen, bis ich mich nicht mehr spüre. Manchmal sogar, bis es irgendwo anfängt zu schmerzen. Den linken kleinen Finger hatte ich schon so weit, den hatte ich überübt. (In der Osterferienpause konnte er sich erholen. Aber vor Wiederholung der Übertreibung bin ich wohl nicht geschützt. Wenngleich gewarnt.) Ich übe also offenbar immer so lange, bis es zu viel war.

Ist das mein Muster? Und schaffe ich es, die Bewusstwerdung dieses Musters zu nutzen, um Geduld zu lernen? Es wäre an der Zeit.

Und noch etwas bemerke ich: Wie ich von anderen abhängig bin. Nicht in dem Sinne, dass alle Welt – oder ein Teil der „alle Welt“ – natürlich meint, es wäre sinnlos, verrückt und vermessen, in diesem hohen Alter noch ein solch komplexes Instrument zu erlernen. Dieses Sagen interessiert mich nicht, sollen die Leute reden, ich weiß es besser.
Aber das andere, das lässt mich gelegentlich erstarren: die Bewertungen. Kommen sie nun tatsächlich, diese Wertungen von außen, oder habe ich nur alle inneren Ohren auf Empfang gestellt, so dass ich gar nichts anderes erwarte als Kritik? Jedenfalls fällt es mir auch nach so vielen Wochen der Gewöhnung noch schwer, zu üben, wenn jemand anderes im Haus ist. Natürlich ist ständig jemand im Haus, insofern spiele ich seltenst allein ohne Zuhörer, es dröhnt ja schon durch die Etagen. Aber ich registriere es jedes Mal. Jedes einzelne Mal. Zurückhaltung erfasst mich dann, und Scham. Ja, Scham. Sobald irgendwo oben Besuch von außen ist, und sei es nur ein Kinderbesuch, kann ich gar nicht mehr spielen. Sogar im Unterricht schießt mir öfter durch den Kopf, wie furchtbar es gerade klingen muss und dass ich mich vor der Lehrerin schäme.
Die Tochter sagt, das gehe ihr bei ihrer neuen Lehrerin ebenso, jetzt in den ersten Stunden. Dass es aber bald wieder nachlasse, wenn man sich erstmal kennengelernt habe. Möglicherweise ist sie mir auch hier weit voraus, die Tochter. Ich jedenfalls schäme mich. Wie ein kleines Kind.
Und freue mich über Lob, ja, ich brauche dies sogar. Auch wie ein kleines Kind.

Kann ich hierbei erwachsen(er) werden? Oder ist Kind-Erwachsener in diesem Zusammenhang die falsche Kategorie? Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob es das trifft. Es geht jedenfalls um eine Form der Reife, um Unabhängigkeit im Zu-mir-Stehen, um Unangreifbarkeit von den Bewertungen anderer, um ein selbstsicheres In-mir-Ruhen.

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Ich glaube, ich muss noch viel Cello spielen. Es gilt viel zu üben.

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Die bisherigen Cello-Texte finden sich hier und hier.

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Es blieben nur noch ein paar Tage, zu wenige, viel zu wenige.
(Und: Zu spät kam ich von meiner Reise zurück, um Dich noch einmal zu umarmen.)

Es bleiben Erinnerungen aus sehr vergangenen und gar nicht so entfernten Zeiten.

Es bleibt der unfassbare Gedanke, dass wir nie mehr nebeneinander im Chor singen werden, nicht montags wie früher, nicht donnerstags wie zuletzt.

Es bleibt, wie wir redeten, über dies und das, damals, als wir noch so jung waren, und später, in all den Jahren, und zum letzten Mal bei mir im Auto sitzend, als ich Dich nach Hause gefahren habe.

Es bleibt, wann immer ich an Deiner Schule vorbeifahre, der Gedanke, dass ich es nie mehr geschafft habe, mit Dir dort einen Kaffee zu trinken.

Es bleibt Dein letzter Brief, der, kein halbes Jahr her, voller Zuversicht ist, in dem Du von Deinem Weg durch die Krankheit und von geplanten Reisen schreibst, und wie dankbar Du für jeden kleinsten Schritt bist.

Es bleibt in mir, wie sehr ich in all den Jahren, Jahrzehnte sind es ja sogar, von Dir Energie und Kraft bekommen durfte, die Du ausstrahltest, bis zum Schluss.

Es bleibt meine Dankbarkeit, durch Dich beschenkt gewesen zu sein.
Und es zu bleiben.
Für immer.

***

Du kannst dein Leben nicht verlängern
nur vertiefen.
Nicht dem Leben mehr Jahre,
aber den Jahren mehr Leben geben.
Zähle das Leben nicht nach Tagen und Jahren.
Zähle die Stunden,
da der Engel dich berührte.
(Martin Buber)

So hast Du gelebt, das weiß ich, seit letztem Winter, seit der Ahnung, seit dem Wissen um Deine Krankheit spätestens.

***

Und nun, nun bist Du in die dritte, die dimensionslose Richtung aufgebrochen. Damals schrieb ich:

Eine, in der wir uns nicht in den Strom einer Wertung stellen.
Eine, in der wir uns nicht wehren, und nicht an uns reißen.
Eine, in der wir nicht aus der Vergangenheit heraus, in die Zukunft hinein uns biegen.
Eine, in der es keinen Anfang und kein Ende gibt.
Eine, in der ist, was ist. Und war, was war. Und sein wird, was sein wird.
Eine, in der wir nur sind.

***

Gerade erst sehe ich – ich hatte es völlig vergessen -, dass ich dort damals ein Himmelsbild eingefügt hatte, ein Dreieck, für diese Dimensionen.

Als ich heute Morgen bei meinem Weg über die Felder ein ähnliches Bild eingefangen habe, da wusste ich noch nicht, dass Dein Weg durch die letzte Tür bereits gegangen war.
Doch dass sich mir gerade dieses Bild zeigte, in dem sich alle Linien in einem Punkt vereint haben, das macht mich in meinen Tränen jetzt doch lächeln.
Es gibt ja keine Zufälle, Du Liebe, stimmt’s?

 

 

 

Aufgaben dieser Tage

Schlafen und ausruhen.

In tröstende Musik und Worte hineinschwingen.

Dem andrängenden Alltag mit Gelassenheit begegnen.

Mich all den Bildern hingeben, den inneren wie den äußeren.

Mich herantasten an das, was nährt, und mich befreien von dem, was bedrängt.

Mein Dorf und meinen Baum mit seinem Frühlingsknospen wandernd wiederfinden.

Spüren, wie es ihr geht und was ich für sie und ihre Familie tun kann.

Die Traurigkeit mitten in mir in den Arm nehmen.

Still werden.

Für all das habe ich mir – und Euch – einen Hauch Weite mitgebracht.

 

Heimkehr

Nun sind wir wieder in unserer Zeitzone gelandet, im Kopf saust noch all das Amerikanische, ich bin ein bisschen noch dort, ein bisschen schon hier – wo ist man, wo bin ich zwischen diesen Orten?

Die Wo-bin-ich-Frage war ohnehin ständig präsent, auch dort, da alles laut, dicht, gedrängt, angespannt und hastig war.
Zu gedrängt? Es war ja nur für eine kurze Zeit. Auf Dauer könnte ich so nicht leben. Es gelang mir in der Dichtigkeit ja nicht einmal mehr zu schreiben, da waren kaum Momente des Innehaltens, des Wieder-in-die-Ruhe-Findens. Ein einziger Großstadttaumel.

Und doch war ich begeistert, im positiven Sinne gefangengenommen von der Offenheit der bunten Stadt, habe mich gelabt an kleinen Herzens- und Seelenmomenten, am Zauber der Menschen, am aufblühenden Frühling sogar.
Es gibt viele viele Fotos, mehr als 1000, und so kann ich das genaue Erzählen bald bebildert nachholen. Es war eine wirklich gute Reise.

Nur fehlte die Ruhe. Sogar sehr fehlte sie mir. Die Dauerbeschallung, vor allem die war schwer auszuhalten.
Als ich vorhin im letzten Flug am Fenster sitzen durfte und über den Wolken durch den blauen Himmel glitt, da begann es schon still zu werden in mir. Zwar brummte der Motor, aber die Augen waren schon wieder in ruhigem Fahrwasser angekommen. Frankfurt-Flughafen dann kam als kleiner unscheinbarer Bruder (‚tschuldigung:)) von Heathrow und JFK daher und tat gut. Die Autofahrt durch das satte Grün, ein milder Stau, kein wildes Gehupe, kein Drängeln, alles ist ordentlich und in Spuren aufgereiht. Und hier im Dorf erst. Vorhin beim Gang in die Dorfkneipe waren wir alle der Meinung, es wäre noch nie im Leben so ruhig gewesen.
Ich habe so Sehnsucht nach Stille …

Und nun sitze ich auf meinem Bett, mit mühsam durchgedrücktem Rücken, damit ich ja nicht einschlafe, und versuche ein paar brauchbare Worte in die Tastatur zu hauen. Ab und zu nickt der Kopf nach unten. Seit 34 Stunden bin ich wach, wenn ich mich nicht verrechnet habe. Die zwei Sitznickerstunden im Flugzeug heute „Nacht“ gelten ja kaum.
Von Jetlag-erfahrenen Menschen heißt es, man solle das durchziehen. Jetzt nicht vor der gewohnten Zeit ins Bett fallen, damit es eine kleine Chance auf baldigen durchgehenden Nachtschlaf gibt. Also versuche ich das. Packe zum Wachhalten aus, schreibe zum Wachhalten, laufe zum Wachhalten im Haus umher, könnte zum Wachhalten noch ein neues Buch anfangen … jetzt darf ich doch aber gleich ins Bett?

Die Menschen hinter den Events

Es ist ja doch viel. Natürlich ist es das, das war ja klar. Aber dass wir so intensiv durch diese Stadt treiben, so kreuz und quer, mit so vielen täglichen Stationen, und dass die Füße dabei kaum müde werden, nichtmal die der Kinder, dass wir von morgens bis abends ständig Lust haben, noch diese und jene Ecke zu entdecken und dass am Abend auch beim dritten Museum noch Ja gesagt wird, das hätte ich nun doch nicht gedacht.

Dafür geht es abends zu Hause – so nennen wir Joannas Haus:) – dann nur noch schnell essen und ins Bett, keine Zeile findet mehr in irgendein Tagebuch oder die Tastatur. Dito morgens. Beharrlich wacht mein Körper irgendwann zwischen vier und fünf hiesiger Zeit auf, ebenso beharrlich versuche ich mich mit einem selbstsuggestiven „Schlaf!“ wieder in einen Ruhezustand zu versetzen. (Es gelingt zunehmend besser. Bis wir in 6 Tagen zurückfliegen, werde ich die innere Umstellung geschafft haben;-))

Jedenfalls: Es ist ein Taumel. Jeder von uns springt an seinen Wunschstationen sehr glücklich im Kreis, während er bei anderen Programmpunkten nur hinterhertrottet, so ist das, wenn vier Menschen mit individuellen Vorstellungen Tage gemeinsam planen.
Und ich tue mich schwer mit dem Erzählen, täglich geht das schon gar nicht. Doch dann habe ich Sorge zu vergessen.
Nun ja: Da sind mittlerweile an die 1000 Fotos auf der Kamera, die wollen hinterher erzählend begleitet werden. Vieles wird sich im langsamen Nacherinnerungsflow wieder einstellen.

Doch das Kleine, das Zarte, das Feine am Wegesrand, welches da auch ist, immer wieder, täglich, was vor allem in den kurzkürzesten Menschenbegegnungen steckt, das soll in kurzen Wortpinselskizzen festgehalten werden. Es sind ja doch fragile Momente, diese winzigkleinen. Und der Kopf manchmal zu löchrig.

***

Wie die indischen Händler morgens auf der Straße zur U-Bahn vor ihren Geschäften sitzen. Sie sitzen da einfach und warten auf den Tag. Oder auf Kundschaft, so genau erschließt sich uns das indische Stadtviertel noch nicht. Jedenfalls sitzen sie da. Mit Turban und in hingebungsvoller Ruhe. Da kann die Straße lärmen wie sie will. Wenn wir vorbeilaufen, schauen sie. Ob sie zu jedem aufschauen? Die Tochter bekommt immer ein Lächeln. (Überhaupt bekommt sie in der Stadt an jeder Ecke ein Lächeln. Inzwischen zählt sie sie:)) Fast möchte man meinen, die indischen Händler erkennen uns schon, die Blicke wirken wie Grüße …

Die Frau an der Metrostation, die mit den Kindern in ein kurzes lächelndes Gespräch kommt, während wir uns mit dem Ticketkauf abmühen. Die den Bruder beauftragt, auf die kleine Schwester aufzupassen, man wisse schließlich nie. Und die zur Schwester sagt, sie solle dicht bei den Großen bleiben. Sie wird wissen, warum sie das sagt …

Die schwerbewaffneten Milizionäre, die vor dem Trump-Tower stehen müssen und von allen Seiten offen fotografiert werden. Überhaupt wird nirgends sonst (außer an den Familientischen) soviel über Trump gelacht, gelästert und geschimpft wie dort, es werden Karrikaturen verkauft, es gibt Protestplakate. Und diese Milizionäre eben. Von allen Seiten werden sie offen angeschaut, fast angefasst wie Puppen, es wird ihnen ins Gesicht fotografiert, sie werden wie Unpersönlichkeiten behandelt. Natürlich, sie sind nicht zufällig in diesem Beruf, vielleicht aber eben auch nicht freiwillig. Was mag in ihnen vorgehen, während sie dort zu stehen haben …

Der brasilianische Gastwirt, dessen Lebenswurzeln mit italienischen, österreichischen und amerikanischen Fäden vermischt sind und doch immer das Brasilianische als Hauptlinie gefühlt haben, der hier in der Stadt aufwuchs und inbrünstiger als jeder „echte“ Brasilianer seine Nationalgerichte anpreist, der vom Lebensgefühl erzählt, der – by the way – der handyspielenden Tochter Buntstifte hinlegt, die Tischdecke ist eh aus Papier, weil wir unsere kreativen Seiten leben müssen, und dann, als sie mehrere Gemälde auf ihre Tischecke gemalt hat, ihr lächelnd ins Gesicht sagt: Jetzt siehst Du auch viel glücklicher aus als am Handy;-) …

Die Politesse, die als eine von vielen die Aufgabe hat, auf den Kreuzungen jene Autos, die mitten in der Mitte stehenblieben, weil sie gegenüber nicht mehr in die Straße hineinpassten, mit einem Knöllchen zu versehen – eine Sisyphosarbeit, in jeder Ampelphase trifft es mehrere Autos. Aber ohne das würden hier sicherlich Stau und Verstopfung total herrschen. Diese Politesse also, die ganz ruhig das Nummernschild notiert, sich sonstige Notizen macht, dann ans Fahrerfenster klopft, höflich, lächelnd, und dem Fahrer sein Knöllchen hineinreicht.
Dieser hatte es bislang nicht bemerkt. Zuckt zusammen, als es klopft, öffnet dann und nimmt das Knöllchen ebenso lächelnd höflich entgegen. Kurze Konversation, dann geht sie wieder. Und er, ein Taxifahrer, schleudert erst in diesem Moment das Papier wutentbrannt auf den Beifahrersitz. Trommelt noch kurz auf’s Lenkrad, bevor er weiterfährt. Vielleicht waren das seine Tageseinnahmen …

Der Fahrstuhlwart auf der Dachterrasse des Rockefellercenters. Oder nee: Fahrstuhlwart ist falsch. Einer von den unzähligen Menschen, die die Menschenschlangen kanalisieren, in die richtigen Richtungen schicken, sie in kleinere Portionen aufteilen, vor den Fahrstühlen bündeln, damit dieser gewaltige Menschenstrom möglichst effizient durchgeschleust wird. (Ich hatte ja keine Vorstellung davon, was Menschenmassen sind. Obwohl ich in meinem Leben schon in Berlin, Moskau, Paris und London war.)
Jedenfalls: Dieser Vor-dem-Fahrstuhl-Menschengruppen-Portionierer, der wartet ja ebenso wie wir auf den Lift. Nur stundenlang. Oder ein Leben lang. Und während wir so stehen, beginnt er mit den Kindern zu kokettieren. Spielt ihnen sich selbst als Marionette vor. Guckt den Kindern in die Augen, strahlt, lockt ein schüchternes Lächeln, später ein Lachen hervor. Und bekommt auch die Begeisterung der Erwachsenen.
Und dann führt uns der Fahrstuhl wieder 67 Etagen nach unten …

Der Busfahrer, dessen Ticketmaschine kaputt ist, der dennoch die französische Familie einfach raussetzen könnte, da mitten auf der 1rst Avenue, sollen die sich doch ihre Tickets an einem der Straßenautomaten kaufen. Der genau das zu ihnen sagt, dann aber eben nicht abfährt. Sondern wartet, bis sie einer nach dem anderen mit den Geistermaschinen klargekommen sind. Und wir im Bus, wir warten mit. Rutschen dann noch ein wenig zusammen, damit die vier Franzosen noch hineinpassen. So ein Busfahrer …

Die Volunteer-Guide in der Carnegie-Hall, die uns über eine Stunde durch Hallen, Emporen, Flure und die Geschichte der Konzerthalle führt. Vom Akzent her ist sie klar russischer Herkunft, mir bestätigt sich das, als sie Tschaikovskijs Namen ausspricht. Wie sie erzählt: voller Seele. Von all diesen großen Musikern, von den sich darum rankenden Geschichten, vom Haus und dessen Fastzerstörung, weil das Geld nicht reichte. Und wie ein beharrlicher Musiker zusammen mit vielen New Yorkern und am Ende mit Hilfe der Stadt den Konzertsaal retten konnte – all das erzählt sie, als wäre es ihre Seele, um deren Rettung es hier ging. Wir hängen ihr gebannt an den Lippen. Danke …
(Übrigens, so fragen wir bei unseren Gastgeberinnen nach, es ist sehr üblich, als Volunteer in Museen zu arbeiten. Viele RentnerInnen tun das, viele begeisterte Kunst- und Musikliebende sind auf diese Weise tätig. Und die Museen können nur dadurch all ihre Angebote für die Menschen aufrecht erhalten.)

Der Taschenkontrolleur in der Public Library. Eine von vielen Kontrollen, die kaum mehr als formalen Charakter haben. Jedenfalls schmuggle ich ein Buch hinaus. Es ist mein eigenes und war schon beim Hineingehen im Rucksack. Aber es wäre nicht bemerkt worden, wäre es nicht meines. Der Taschenkontrolleur also, der mit jedem Besucher einen kurzen Witz macht, liebevoll, der die Taschen blicklos vorbeiwinkt, der den Kindern einen Schulterklopfer mitgibt und jedem, der nur wahrnehmen will, das Strahlen seiner Augen …

Der Mann, der im Washington-Square Schach spielt, so wie viele andere auch. Der aber heftig ärgerlich abwinkt, als er bemerkt, dass er wohl auf die Ecke meines Fotos geraten ist. Ich will ihn beruhigen, führe ich doch nichts böses im Schilde, fühle mich zu unrecht verdächtigt, und doch wird er immer aggressiver. Ich lösche das Foto, und er ist doch gar nicht zu beruhigen. Oh je, guter Mann, ich wollte doch nicht …

Die Frau an der Bushaltestelle, die uns darauf hinweist, dass wir an der falschen Stelle stehen. Und überhaupt die vielen Menschen, die immer wieder von allein zu uns kommen, fragen, wohin wir wollen, die uns den Weg und mehr erklären …

Die Menschen am Boden. Die von den Vorbeiströmenden einen winzigen Teil erbetteln. Es gibt sehr viele. Die Schere ist hier sichtbar größer. Vor allem die Tochter fragt mich immer wieder. Ich weiß doch auch keine Antworten. All diese bitterarmen Menschen …

***

Und über all dem explodiert in diesen Tagen der Frühling. Es ist wärmer als bei Euch, viel wärmer. Die Bäume, die zu unserer Ankunft noch kahl und mit kaum einer grünschimmernden Knospe geschmückt waren, die färben sich stündlich ins Blütenbunt und strahlen plötzlich so viel Hellgrün aus. Hach.

Klein-groß und andere Vergleichsdinge

Drei Tage sind wir mit Joanna auf dem Land unterwegs, sie zeigt uns ihre Wurzeln und noch viel mehr. Dazu packt sie uns in ihr Auto, in das wir zu fünft nur knapp hineinpassen. Automäßig sind wir sozusagen underdressed. Was wiederum beruhigt: dass es in diesem Land auch Autos unter 2 Metern Breite gibt. Wenigstens eines:)
Von der Garage geht es direkt auf die Hochstraße, die sich zunächst mit Skylineblick, später mitten durch Bronxhochhäuser bis an den nördlichen Stadtrand schlängelt. So viele Gesichter der Stadt, schon vom Auto aus. Das Reiseprospektmanhattan ist tatsächlich nur eine Facette dieser Stadt. Hier in den nördlichen Stadtteilen wird es grauer, hier blicken einen wenig beneidenswert scheinende Leben durch trübe gesprungene Fensterscheiben an.

Die Häuser lichten sich, wilde Wälder ersetzen bald die letzten Stadtausläufer, und wir sind in der Wildnis des Hudsontals. Naturbelassener Forst, abgebrochene Bäume verweilen in unaufgeräumter Lage, alles in grau-braun gefärbt, noch keine Zeichen des Frühlings zu sehen. Bis auf die Sonne, die uns ins Schwitzen und in Sommerstimmung hineinknallt, das alles ist ein eigenartiger Kontrast. Es verlockt in der Natur unterwegs zu sein – hin und wieder verweisen Schilder zum Appalachian-Trail – und es schreckt doch gleichzeitig ab. Ich weiß nicht so recht, ob ich in dieser wilden Kargheit ausgesetzt sein wollte. Zumindest bräuchte ich eine Zeit der Akklimatisierung, des Anpassens an die Ungeordnetheit.

Aber diese Frage stellt sich ohnehin nicht, wir schlängeln uns durch’s Hudson-Tal und später entlang eines Flusses, dessen Namen ich vergessen habe, obwohl doch unser Zielort an selbigem liegt und der Name im Laufe der drei Tage ständig fällt, naja, Namen sind Schall und Rauch. In dieser Wildnis zelten hingehen, an einem der Seen, oh ja! Mit den Stunden, die wir sie durchfahren, wird sie vertrauter. So ist das ja immer.
Kurz queren wir Connecticut, bevor wir Massachusetts erreichen. Stockbridge heißt unser Zielort, wo Joanna aufgewachsen ist und wo wir zwei Tage bei ihrer Schwester zu Gast sein werden.

Joanna führt uns zu Fuß durch den Ort, zu anderen Plätzen fahren wir. Sie erzählt uns eine Menge Details aus alten Zeiten, die Geschichte und die Geschichten der Hiesigen – have you heard of xxx? noo??? – es ist sehr viel.
Sind wir doch noch damit beschäftigt, das Straßenbild aufzusaugen. Die vielen Flaggen, die Trucks, die Schulbusse, die Westernschriftschilder. Holzhäuser jeglicher Farbe, aber immer ähnlichen Stils, wie direkt einer historisch-amerikanischen Filmsaga entsprungen, jedenfalls nach unserer dürftigen Vorstellung. Die Bücherei mit ihren weißen Regalen scheint direkt aus dem 19. Jahrhundert hierher transportiert worden zu sein, nur dass Solzhenicyn und Susan Sontag einträchtig nebeneinander stehen, belegt ihre Verortung in jüngerer Zeit. Es ist ein Ort der nicht eben armen Menschen, das sehen sogar wir sofort.

Und während wir so durch die Stadt treiben, begleiten uns Erzählungen über dieses und jenes. Wie viele first-american, biggest-american, most-important thing’s es hier gibt, wir wundern uns. Jeder Stein, jedes Haus, jedes Denkmal, jede Ecke scheint voller bedeutungsvoller Historie. Jedoch: Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Städte, andere Countys in ihren Erzählungen ebensoviele first-biggest-important’s aufzuweisen haben. Eine Flut an Superlativen, über die wir im Laufe der Stunden ins Lächeln kommen. Größtenteils haben wir von den Dingen noch nie gehört. Und doch werden sie permanent in Relation zu den Dingen der übrigen Welt gesetzt. Wie gesagt: wir lächeln darüber.
Aber: Ist das nicht europäische Überheblichkeit? Was verstehen wir schon vom hiesigen Selbstwertgefühl? Wir haben schließlich nicht ein Leben lang in diesen Schuhen hier gelebt.
Als wir etwa Boscobel besichtigen und guten Willens die Führung durch das alte Herrenhaus mitmachen, wohl wissend, dass Anwesen dieses Alters bei uns wie Sand am Meer restauriert wurden. Als dann schließlich das 13. Detail zur Geschichte des 17. Löffels erzählt wird, die Führung in die zweite Stunde geht und wir noch nicht mal das Obergeschoss erreicht haben, da kapitulieren nicht nur die Kinder. Wir schleichen uns mitten aus dem Redefluss hinaus ins Freie.
Arrogante Deutsche, werden sie sich gedacht haben. Und ein wenig fühle ich mich tatsächlich so.

Schließlich sind die Menschen, denen wir in Stockbridge begegnen, allesamt Weitgereiste, sie kennen mehr von der Welt als wir. Lebten in Deutschland, Iran, Libanon, China, Österreich und und und, waren viel unterwegs, wissen vieles in Relation zu setzen, was ich in meinem Leben nicht einmal erahnen kann.
Und doch kommt es uns seltsam falsch vor, als die Frau in der Bücherei regelrecht entsetzt ist, dass wir nur zwei Tage in Stockbridge und dafür über eine Woche in New York bleiben wollen. Sie kann nicht verstehen, was dort – selbst für die Kinder – besser und attraktiver sein soll als hier in diesem kleinen Ort.
Eigentlich stimmt es ja: wenn wir unseren Kindern nicht vermitteln, dass das Denkmal für den tapferen Indianerstamm, der hier eine lange Periode der friedlichen Koexistenz (so würde man es heute nennen) mit den Neuzuziehenden gelebt und verteidigt hat, mindestens von ebensolcher Bedeutung ist wie eine Freiheitsstatue gleich welcher Dimension, dann reihen wir uns in den Superlativ-Wettlauf ja eigentlich unhinterfragt ein. So geben auch wir den großen Dinge mehr Bedeutung als den kleinen, so sind wir Teil des Vergleichs-Overflows.

Und dabei sind die Dinge hier überhaupt nicht so klein und unbedeutend. Tanglewood etwa, eine im Moment idyllisch verlassene Parkanlage, ist der Ort des Sommerfestivals des Boston Symphonie Orchestras, welches mitnichten irgendein Orchester ist. Der Sohn bekommt leuchtende Augen, als er die Plakate mit den Konzerten und Solisten des kommenden Sommers liest. Sehr verlockend sich vorzustellen, hier auf einer der Rasenflächen zu sitzen und der Musik zu lauschen. Zwei Parkranger sprechen uns an, fragen und erzählen und schenken den Kindern Erinnerungstaschenlampen. „Streng Dich an“ sagen sie zum Sohn, dessen Klavier-T-Shirt seine Passion verrät, dann kannst Du eines Tages hier on the stage sein:)
Oder Jacob’s pillow, eine Tanzschule und -bühne mit modernem Kurskonzept, mitten im Wald in und um eine alte Scheune errichtet, eine wundersame Fügung von Natur, Historie und Kunst, auch dies ist nicht irgendein Ort.

Wir tragen vieles mit aus den Tagen auf dem Land, viele Fragen insbesondere. Als wir am Ende der drei Tage nach New York zurückkehren und uns wieder in die Fülle der Riesenstadt stürzen, da setzt sich diese in mir immer wieder in Relation zur Ruhe des kleinen Ortes.
Das Konzept von groß und klein, von bedeutend und unbedeutend – wer legt das eigentlich fest?
Und wie gefangen sind wir darin?