Autor: Frau Rebis

#ostwärts-2.3.4 – Fremdes, Eigenes und die Wege dazwischen – unterwegs in Litauen

Der Kiefernwald ist mir sofort vertraut. So wie mir jeder Kiefernwald ein Stück Zuhause ist. Grundmoräne, Endmoräne, Sander, Urstromtal, im Geographieunterricht der Kindheit gepaukt – die Eiszeit hinterließ überall gleichen Grund, gleiche Form, gleiche Gesteine. Und manchmal sogar den gleichen Geruch. In den hiesigen Wäldern – auch die kurische Nehrung entstand aus Endmoränenhügeln, las ich, wie zum Beispiel die Gegend nördlich Berlins – atme ich die Wälder meiner Kindheit.
Sind es solche Dinge, die uns unbewusst das Empfinden geben, an manchen Orten zu Hause zu sein? Ich bin es jedenfalls, hier wie in allen Kiefernwäldern, als ich nach meiner ersten litauischen Nacht gen Klaipeda zurückfahre. Ein Asphaltweg vom Feinsten durch den lichten Wald, schon frühmorgens voller Menschen, die gleichermaßen den Wald einatmen – alte wie junge, schnelle, langsame, Jugendliche in Grüppchen, man radelt, die Fitness-Spielplätze sind bereits belegt, alles bewegt sich hier, an einem Mittwochmorgen, am nördlichen Stadtrand von Klaipeda. Selbst der Weg ist in Bewegung. Dort, wo er zu kurvig verläuft nämlich, entstanden Trampelpfade. Nachsichtige Landschaftsplaner fügten sich – und asphaltierten daraufhin diese Pfade. (Dies sah ich in den nächsten Tagen allerorten. Die Menschen dürfen hier ihre Wege selbst finden und formen. Jeder asphaltierte Trampelpfad macht mich lächeln.)

Ich lächle viel an diesem ersten Morgen am neuen Ort. Mir ist einfach danach, alles ist leicht. Manchmal bekomme ich ein schüchternes Lächeln zurück. Oft aber schaut man weg, wendet mir ohnehin keinen Blick zu. Ja, das ist auffällig. Wenig Blickkontakt, wenig Grüße zwischen Wildfremden auf der Straße. Viel wengier als ich es von unseren Radwegen und zumindest ländlichen Gegenden gewohnt bin (von Berlin&Co spreche ich hier nicht). Da scheint es eine Schüchternheit wie früher bei uns „im Osten“ zu geben: bei den kurzen schnellen Kontakten auf der Straße, dem Lächeln und Zunicken, den kurzen Wortwechseln wirken die Menschen verschlossen.
Das sind sie aber nicht, es scheint nur – ein Erbe der Vergangenheit? – ungewohnt zu sein, miteinander auf der Straße in Kontakt zu kommen.
Im Laufe der Tage aber habe ich ganz wunderbare Begegnungen. Nur die erste Schwelle muss überwunden werden. All die Leute auf den Zeltplätzen, die mich – immer vorsichtig – fragen, woher und wohin. Die Zeltplatzwirtin, die mir extra mit viel Herz und Liebe den allerbesten Platz für mein Zelt sucht. Die junge Familie, die mir stolz ihre deutschen Wörter vorspricht – und erzählt, dass sie jetzt eigentlich gerade in Berlin sein wollten. Der junge Mann, der auf dem Zeltplatz neugierig zu mir schlendert und vieles fragt. Und der mir alle meine Fragen zum Land und zur litauischen Sprache beantwortet, die sich so angesammelt haben. (Und der mir am Ende seinen Namen sagt, den ich aber sofort wieder vergesse. Die Sprache ist eben ungeheuer ungewohnt.) Der Kontrolleur an der Fähre, der mit mir zum Ticketautomat zurückgeht, weil ich sonst bei den vielen Varianten und eben dieser Sprache keine Chance hätte. Der alte Mann am Straßenrand, Äpfel verkaufend, der mich energisch heranwinkt und mir so viele Äpfel in meine Packtaschen stopft wie eben hineinpassen; ohne Geld natürlich – statt dessen gibt er mir seine einzigen zwei deutschen Wörter „Guten Tag“ mit auf die Reise. Der Schiffskapitän, der mich und mein Fahrrad auf die andere Haffseite fährt, das Fahrrad auf dem Dach, die Packtaschen auch, die ganze Aktion ist so spektakulär wie liebevoll. All die hilfsbereiten Menschen am Wegesrand – wen auch immer ich frage, mir wird mit so viel Wärme geholfen, das ist großartig. Eine Reise von Begegnung zu Begegnung.

Zu meinem Erstaunen ist es dabei oft die russische Sprache, die weiterhilft und Brücken schlägt. Mitnichten scheint sie verhasst oder trennend. Im Gegenteil, erzählt mir ein Einheimischer, den ich in der Nähe der russischen Grenze, direkt an der Straßensperrung, treffe. Hier seien es ja nicht so viele, aber in Lettland lebten an die 50% Russen. Überhaupt sei in den baltischen Staaten die Vermischung der Nationen so groß, man heiratet untereinander, die Familien sind verwachsen. Die Verbindungen mit dem Russischen trennen sich nicht wieder, sagt er, und warum sollte man dann nicht weiterhin diese gemeinsame Sprache nutzen, die man nun eben hat. (Zumal: Die drei baltischen Sprachen sind untereinander so verschieden, dass man sich gegenseitig nicht versteht. Man braucht also ohnehin eine Fremdsprache.)
Ein pragmatischer Zugang also, sage ich. Ein normaler Zugang, sagt er. Nur Politiker nutzen die Sprachen zur Trennung – die einen wettern gegen das Russische, um Gelder von der EU zu bekommen, die anderen gegen das Einheimische, um Unterstützung von Russland zu erhalten – alles sei ein Politikum. Die einfachen Menschen beträfe das nicht. So sagt der Mann, dort an der Straßensperrung kurz vor der russischen Grenze.
Übrigens: Er sei ein „Businessman“, erzählt er. Hat ein Geschäft aufgebaut mit dem Import von – Italiener:innen lesen mal bitte kurz weg:) – in Österreich zubereiteten und belegten Pizzen, die auf spezielle Art tiefgefroren werden, so dass sie hier nach dem Auftauen in Pizza-Restaurants verkauft werden können. Die Expertise im Pizzabacken und Pizzaessen gäbe es in Litauen noch nicht so sehr, sagt er. – Vermutlich hatte ich am Abend zuvor genau eine solche Pizza gegessen. Wenn ja: In der Tat hatte sie mit herkömmlicher Tiefkühlpizza nichts zu tun. Mit italienischer Pizza allerdings auch nicht:)
Ein Land zwischen Ost und West, so benannten es die Menschen, die ich traf. Das sich nach der „Unabhängigkeit“ ein Stück weit selbst erfinden musste. Unabhängigkeit schreibe ich in Anführungsstrichen, weil ich auch dies hörte: Früher war da die Sowjetunion, jetzt ist es die EU – unabhängig sind wir auch jetzt nicht. Aha, so kann man es also auch sehen.
Spannende und horizonterweiternde Begegnungen, neue Blicke auf dies und das. Faszinierend, wieviel ich allein in drei Tagen erfahren habe. Ob diese Sichten auf irgendeine Weise repräsentativ sind, ob es nicht in anderen Regionen, anderen Bevölkerungsgruppen oder schon im Gespräch mit anderen Menschen ganz anders ist, weiß ich nicht.
Ich werde weiter zuhören. Es scheint jedenfalls ein Land ohne Verbrauchtes und Abgenutztes zu sein.
Und die russische Sprache öffnet viele Türen.

Ja, Sprache ist Öffnung. So seltsam ist es, auf der Straße kein Wort zu verstehen. Keine Hausaufschrift, keine Bezeichnungen auf den Lebensmitteln im Supermarkt, keine Silbe von sprechenden Menschen – nichts nichts nichts. Nur sehr vereinzelte Wortstämme hängen irgendwie mit dem Russischen oder Polnischen zusammen, nach anderen Wortwurzeln suche ich vergebens. Immer wenn ich denke, einen Kontext gefunden zu haben, bedeutet das Wort etwas komplett anderes. Erst nach Tagen erkenne ich die wichtigsten Ladenaufschriften, weiß – dank einer Tanztrainerin, die diese lauthals und rythmisch in ihre Gruppe ruft – die Zahlen von eins bis vier, kann „danke“ sagen („bitte“ aber immer noch nicht). Das fühlt sich unbehaglich an, ignorant und arrogant irgendwie, nicht mal die Basissilben des hiesigen Miteinanders über die Lippen zu bringen.
Dennoch sauge ich alles Hiesige auf.
Durchruckelt das allgegenwärtige Kopfsteinpflaster mein Rad und mich, dreht sich mein Blick in dem bunten Gemenge aus Alt und Neu, aus Verfallen und Wiederhergestellt im Straßenbild Klaipedas. Das optische Erbe der Sowjetzeit ist mächtig, dazwischen kriechen pulsierende Adern neuer Geschäftstüchtigkeit, knallige Werbung an verrottenden Häuserfronten. Menschen eilen, strömen, leben, lachen, schauen finster, reden miteinander, schleppen Einkaufstaschen mit Bussen nach Hause – jede Gestalt eine Geschichte zum Hineinversetzen.
Atme ich Meeresluft ein, höre ich die Möwen kreischen, fühlen meine Füße (und meine Reifen) Sand, während ich die Nehrung von ihrer Nordspitze nach Süden bis zur russischen Grenze durchfahre, versuche ich mich in dem Einklang von Haff- und Meerwind wiederzufinden.
Blicke ich mich in der Dünenlandschaft bei Nida um und versuche die Sonnenuhr zu verstehen, bin ich gleichzeitig in den Menschen, die dort zu ebenso früher Morgenstunde wie ich auftauchen, kinderwagenschiebend, joggend, meditierend – wir teilen jedenfalls die Andacht des Schweigens an diesem besonderen Ort.
Tönen unzählige Vögel auf meinen einsamen Runden in der Deltalandschaft auf der anderen Haffseite, schwingt das Blau der Lagunen in mir nach, fordert mich gleichzeitig der Sand-und-Waschbrett-Schotter und die Mittagshitze, in der sich hin und wieder eine ebenso müde Gestalt wie ich an den Rändern von Straßen und Gewässern niedergelassen hat.
Durchfahre ich die Landstraßen und Dörfer, sehe ich Störche auf Türmen und einsam auf den Feldern Arbeitende. Die Frau, die einen kubikmetergroßen Sack leerer Pfandflaschen mit ihrem Rad transportiert, der Junge, der Bordsteinkanten mit seinem Rad überspringt – hoch wie runter -, die lebendig gestikulierenden Frauen an der Bushaltestelle, der Mann mit seinem Sohn, der diesen energisch in etwas einweist, die Frau mit den riesigen Blumensträußen, die sie versucht auf dem Rad zu bugsieren.
Solche Straßenszenen wage ich übrigens nicht zu fotografieren. Zu intim ist es, zu nahe, zu eindringend. So halte ich sie eben in meinem Kopf fest. Den Markt in Klaipedas Altstadt, der alte, „echte“, in dem noch aus Eimern und Kübeln verkauft wird, wie es direkt vom Hof kommt, auf dem es duftet wie damals immer. Das Miteinander der Bootsbesatzung, die mich übers Haff bringt, ihre still einvernehmliche Arbeit. Die Kindergruppe auf dem Zeltplatz, die dort spielt und tanzt und aufs Lebendigste verbunden ist. Die Begegnungen der Frauen vor dem Dorfkonsum, die sich – vermutlich – das Neueste vom Tage erzählen.
Lauschend, schauend – im Grunde möchte ich in jedem Dorf bleiben. Und doch – Fluch und Segen – fährt man auf Radreisen halt immer weiter, immer weiter.

Wie bin ich hier per Rad unterwegs? In allererster Linie: holprig. Den Tiefsandführerschein hätte ich bestanden, schreibe ich nach einer entsprechenden Wegepassage auf Twitter. Dazu gäbe es dann noch den Waschbrett- und den Lochasphaltführerschein, antwortet man mir dort. Richtig. Vor allem das Waschbrett ist sehr beeindruckend. Wie sie diese gleichmäßigen Wellen wohl in die Schotterstraßen hineingefräst haben? Zuweilen wird genau die Resonanzfrequenz meines Fahrrads erreicht, dann wirft es mich fast vom Sattel. Im Tiefsand dagegen versuche ich mein Bestes, schiebe aber oft. Und der Lochasphalt ist tückisch, da lässt man die Hände besser sprungbereit an den Bremsgriffen. Zumal auf dem Nehrungsradweg, wo einem permanent andere Radler entgegenkommen, manchmal auf etwa einem Meter Breite. Ein Wunder, dass ich mir bisher weder Knochen noch Speichen (also: die vom Fahrrad) gebrochen habe.
Schon nach wenigen Kilometern kommt jedenfalls Asphaltsehnsucht auf, zuweilen gebe ich dieser nach, indem ich doch größere Strecken Landstraße nehme. Oft waren sie bisher wenig befahren und die Überholabstände der meisten Autos sehr großzügig. Ein Stück Quasiautobahn war allerdings auch dabei: vierspurig und daher – trotz Bushaltestellen, Traktorwendemanövern, Ortseinfahrten sowie Fußgehenden und Radfahrenden – schnell und heftig berast. Äußerst bewährt hat sich dort – wie überhaupt – mein Rückspiegel. Ein gewisses Maß an Urvertrauen braucht es auch. Sowas werde ich jedenfalls möglichst nicht zu oft wiederholen. Dann lieber Waschbrettschotter.
Spannend auch meine Situation an einer einspurigen Baustelle: Autos werden immer wechselseitig durchgelassen, kennnt man ja. Wie oft ist man für dieses Prozedere per Rad zu langsam. Als ich noch mitten auf dem Weg bin, treffen mich die entgegenkommenden Autos und kennen kein Erbarmen. Statt zu bremsen, brettern sie vorbei. Während ich mich an den Seitenrand der Straße quetsche. Dieser jedoch besteht aus einer Abbruchkante in die Baugrube, es ist ein knapper Meter nach unten. Da ich zwischen Rad und Abgrund stehe, bin ich äußerst froh, dass mir ein gemeinsamer Sturz mit dem Rad hier erspart geblieben ist.

Was noch? So viel, so vieles. Ich könnte Romane schreiben, schon nach drei Tagen.
Von der russischen Grenze, zu der ich mich vorwage. Schon 1-2 km vorher ist die Straße gesperrt. Ich fahre trotzdem durch und radele auf einsamen Wegen, in der Stille des frühesten Morgens. Bis die Grenzanlagen in Sicht kommen. Mein mir immer noch innewohnender Respekt vor Grenzen – ostdeutsch geprägt halt – lässt mich innehalten. Aber ich bin zu neugierig, fahre heran, bis ich den Ort per Teleobjektiv festhalten kann. Als sich dort immer noch nichts regt, wage ich mich näher. Und noch näher. Alles still. Und alles geschlossen. Ob sich ein Fernglas auf mich richtet, weiß ich nicht. So nah bin ich dann doch nicht, drehe lieber um, bevor ich es erkennnen kann. Auf dem Rückweg zur Straßensperrung kommt nach einem Elch, der unvermittelt vor mir steht – ich schwöre, das muss einer gewesen sein! – ebenso plötzlich ein Jeep mit zwei Grenzern aus dem Gebüsch auf die Straße. Ob man mich nicht verhaftet hätte, fragt mich später die Frau, die aus dem Wald joggt. Offenbar nicht, sage ich.
Von der orthodoxen Kirche mitten im Vorstadtneubaugebiet, mit ihren Klängen und Gerüchen, in der eine Frau hingebungsvoll den Boden von Wachsresten befreit, während sich eine andere in der Ecke mit ihren Fingernägeln beschäftigt. Da ich mich – mangels Kopftuch – nicht weiter hineinwage, bleibt mir nur dieser kurze Blick. Und der auf die Vorbeieilenden, von der Arbeit kommenden, die doch nicht zu vergessen, vor dem Eingang einmal kurz stehenzubleiben und sich zu verneigen.
Vom Zeltplatz, auf dem das russische Stehklo und auch sonst das Inventar der Vergangenheit dominiert, auf dem man seine 7 Euro aber nur mit Karte zahlen kann, an einem mobilen Kartenlesegerät.
Von den vielen Yoga- und Reiki-Werbungen an allen möglichen Orten. Und dem Mann, der mir dazu erklärt: Man wolle anders leben als die Früheren. Das Frühere, das sei viel Alkohol, russische Lebensart eben, sagt er. Er selbst trinke gar keinen. (Erwähnt er, als ich ihm erkläre, was die Aufschrift Radler auf meiner Bierdose bedeutet.) Jetzt aber schießen Meditationswege wie Pilze aus dem Boden, genauso drückt er es aus. Die Menschen suchen danach.
So vieles noch, so vieles war da … bei Twitter schreibe ich ja auch viel. Die kleinen Details ein wenig festhalten, vielleicht gelingt es schreibend.

Und nun fahre ich weiter, zunächst nach Norden. Heute Abend werde ich in Lettland sein.

#ostwärts-1 – Ein Traum, ein Ziel, ein Plan

Einige Jahre ist es her, ich saß sommers auf dem Rad wie so oft, saß lange auf dem Rad damals, einige Wochen waren es, als mich plötzlich der Gedanke durchfuhr: Dieser Zustand könnte ruhig länger anhalten, ein Jahr vielleicht, dieser Zustand von Fahren und Verweilen, Treten und Sein. Ein Jahr auf dem Rad, wie das wohl wäre? Wohin ich wohl wollte? Wohin ich käme?
Wohin ich wollte? Die Antwort kam mir prompt: In den Osten, in den weiten, sehr weiten Osten. Nach Russland nämlich, in das Land meines Jahres 89/90. Dorthin sollte es gehen. Erstmals blitzte die Idee eines Sabbatjahres auf …

So begann es vor vielen Jahren. Der Traum reifte allmählich zum Ziel. Sabbatjahr geht erst, wenn die Tochter 18 ist, das war klar. Vorher aber kann ich den Osten „anfahren“, Sommer für Sommer, immer ein Stück weiter. Und deswegen wurde die Route im Kopf länger und länger. Hatte ich anfangs noch das europäische Russland vor Augen, stand eines Tages – genauer: eines Nachts war es – der Baikalsee vor meinem inneren Auge. Der Baikal, dieser tiefe See im fernen Sibirien, an dessen Ufern wir damals, am Ende meines Moskau-Jahres, für nur wenige Tage sein konnten. Viel zu kurz, viel zu flüchtig. — Nun ist er mein Ziel.
Was ich mir noch alles hineinträume in diese ferne russische Welt und meine Wege dorthin, das werde ich im Laufe der Reise erfahren. Und vielleicht auch erzählen. Im Moment wirkt es mir wie ein Paradies. Ein Magnet, der mit jedem Reisebericht, mit jeder Reportage, mit jeder Zeile, die ich über Russland erlese, stärker wird. Als wäre dort mein Land, mein Ort, meine Heimat.
Verrückt, ich weiß. Der See ist fern, das Sabbatjahr auch, ich nicht mehr jung, man weiß nie, was noch kommt und was gehen wird, gesundheitlich und überhaupt. Und doch: Der Baikalsee.
Aus dem Ziel erwuchs nach und nach eine Route, eine zeitliche Vorstellung, ein Plan. Ein paar Sommer bis zum Sabbatjahr sind es noch, man kann stückeln, sich jedes Jahr ein wenig mehr nähern – ins europäische Russland, Petersburg und Moskau natürlich, dann zum Ural, erste Wege nach Sibirien. Jahr für Jahr ein Stück.So dass ich dann – im Sommer, in welchem das Radreisejahr beginnt – schon nahe genug bin, um den See vor Wintereinbruch zu erreichen. Dort dann überwintern und über irgendeine südlichere Route zurück.

So weit, so sehr lebt es in meinem Kopf. Und dieses Jahr sollte der Anfang meines #ostwärts-Projektes sein. (Genau genommen hat es ja vor x Jahren begonnen, unbemerkt noch: Wenn der Weg von meinem Zuhause nach Berlin der eigentliche Anfang war, dann bin ich ihn 2016 und 2017 schon gefahren, je einmal mit jedem Kind. Was für ein schöner Beginn einer langen Reise.)
Dieses Jahr also sollte es in Berlin losgehen. Oder weitergehen. Von Berlin aus mit wenigen deutschen Kilometern nach Polen, querdurch, dann Kaliningrad – Litauen – Lettland – Estland. Viel mehr passt nicht in einen Sommer. So war also der Plan, wie er sich noch im Winter geformt hatte.
Was dann geschah, wissen wir. Schnell wurde klar: Kaliningrad, russisches Gebiet, lässt sich dieses Jahr nicht bereisen. Dann sah es – im April – so aus, als wäre gar kein Ausland möglich. Ich hatte jegliche Reise abgeschrieben. Im Mai/Juni jedoch kehrte mit den sinkenden Corona-Zahlen meine Zuversicht zurück: Vielleicht lässt sich doch radreisen, wenn ich nur das Kaliningrader Gebiet umfahre. Ansonsten der Europäische Radwanderweg R1 als Leitroute, ich bestellte mutig das Kartenmaterial und war ebenso mutig im Vorfreuen. Immer mehr. Nach diesem Jahr, diesem Schuljahr, dieser erschöpfenden Zeit, die an jegliche Grenzen gegangen war, wurde mir mein Plan zum Refugium.
Nun, und jetzt kamen die Zahlen zurück, noch bevor bei uns die Ferien begonnen hatten. Tag für Tag starrte ich in die Reiseinformationen der App des Auswärtigen Amtes, der Trend wurde klar. In Polen wächst die Infektionsrate wieder, noch früher als bei uns, und das Baltikum hat strenge Einreiseregeln. Es war eine Sache von Tagen, ich konnte es vorab hochrechnen, dass Litauen Menschen, die durch Polen anreisen, unter Quarantäne stellen wird. (Und genau seit gestern ist das tatsächlich so.)

Da saß ich also in Berlin, auf gepacktem Rad, das mich eigentlich via Küstrin, Poznan und Gdansk ins Baltikum bringen sollte, und schon vor der Abreise war klar, dass diese Reise an der polnisch-litauischen Grenze enden wird. Was jetzt?
Nur durch Polen, dort umhertreideln und verweilen? – Das Land kenne ich schon, von früher, es hat wenig Fremdheitsnimbus für mich, es lockt mich für diesen Sommer nicht, denn es sollte nur Durchgangsort sein … ich konnte mir dies nicht vorstellen.
In Deutschland bleiben? Irgendetwas ganz anderes machen? – Nein, meine #ostwärts-Sehnsucht nagt zu sehr.
Ein Ausweg blieb: Die Fähren ins Baltikum. Was eigentlich nur für den Rückweg dienen sollte, wird jetzt vielleicht zweimaliges Transportmittel – wer weiß, so genau kann man das in diesen Tagen ja nicht sagen.

Und so sitze ich nun auf einer solchen Fähre. Knapp habe ich sie in Kiel erreicht, nach holpriger Bahnfahrt aus Berlin, Ticket am Hafen gekauft, ein wenig umgepackt, um für die 20 Stunden nicht alle Packtaschen mit in den Ruheraum zu nehmen, vom Shuttlebus auf das Autodeck navigiert worden, Rad auf dem Autodeck abgestellt … und dann ging es los.
Dann ging es vor allem im Innern los. In dem Moment, als Kiel noch zu meinen Füßen lag, die Sonne sich daran machte, hinterm Horizont zu verschwinden, das Schiff ächzte und tutete und zu rauchen begann und zu vibrieren, als all die mitfahrenden Menschen aufgeregt das Ablegemanöver bestaunten oder es einfach nur stumpf beguckten, ich erste Seereisefotos in die Twitterwelt verschickte, von dort und woanders Mitfreudewünsche für meine baltischen Wege eintrafen, als ringsum die Dichte der russischen Stimmen zunahm, als also meine Reise zwar umgeplant, aber nun doch zweifellos direkt vor mir lag, da kam das Reisekribbeln zu mir. Noch wenige Stunden zuvor war es so fern wie nur irgendwas gewesen.

Nun also: Ich reise. Sehe, was sich vor mir öffnet. Die weiße unbefleckte Landkarte der baltischen Länder, über die ich so wenig weiß. Schon die Menschen auf dem Schiff, etliche sind wohl Litauer*innen, deren Sprache ich nicht ansatzweise verstehe. Das sicherlich fremdartige Straßenbild dort, die Verhaltenscodizes, die mir nicht vertraut sind, mein wohl unweigerlich immer suchender Blick nach dem Bekannten – dem Russischen? dem Sowjetischen? werde ich etwas (wieder)erkennen? – und meine unglaubliche Neugierde auf das Unbekannte. Ich freue mich!
Das, was nicht geht, was für dieses Jahr verschlossen bleiben wird – die Wege durch Polen und Russland – tritt in den Hintergrund. Sie lassen sich ja nachholen. Oder auch nicht: Jetzt erstmal bin ich anders unterwegs als ich dachte, aber doch ist es „meine“ Reise.

Seltsam, wie einem Planungen im Weg stehen können. Wie sie mich die letzten Tage in Berlin irritiert, wie sie mir die dortige und die kommende Zeit fast schon zerstört haben. Wie ich starr war in dem, was ich doch so lange für mich als Plan festgezurrt hatte, starr und gefangen und unfrei im Neuentscheiden. Mich hat es erschreckt. Mein Ich und meine Pläne als Konstrukt, dem ich mich selbst ausliefere. Warum habe ich mir den Ausweg nicht früher gestattet? Warum kein flexibles Abweichen zugelassen? Warum mich nicht eher öffnen können für das Ungeplante? Warum habe ich die jetzigen Pläne noch so lange als Ersatzreise empfunden – eigentlich ja, bis ich auf’s Schiff stieg?
Meine Pläne und Prinzipien und Routinen und Rituale – es gibt so vieles im Alltag, wo ich unflexibel, fast schon verbohrt und verbissen bin. War das schon immer so? Sind mir Pläne und Prinzipien ein Gerüst, ein Halt, wenn die Kraft sonst nicht reicht?
Weil jegliches Umentscheiden, weil jedwede kleine alltägliche Entscheidung letztlich Raum fordert, ist es erleichternd, viele Abläufe festgezurrt zu haben. Soweit, so richtig – vermutlich für viele Menschen. Der Sinn der Rituale. Doch andersherum gesehen ist jedes Ritual ein bequemes Eingerichtetsein, oft auch fehlende Offenheit. Oder nicht?
Und lasse ich die Dinge offen, verliere ich möglicherweise die Kontrolle über sie.

Und nun stehe ich am Beginn einer wochenlangen Reise, von der ich keinen Zielort, keine Wegführung, keine Transportmittel für den Rückweg kenne. Ich weiß nur, dass am 14. September die Schule wieder beginnt. Und bis dahin gibt es in meinem Gepäck einen Reiseführer, eine Landkarte und einen Radwanderführer der baltischen Länder. Mehr nicht.
Ich bin gespannt, sehr …

Die Fähre läuft ein. Vorher schon kündigt sich Litauen mittels Zeitverschiebung auf dem Handy an.
Ein Loswuseln an Bord, alle greifen ihre unzähligen Gepäckstücke, autofahrende Menschen drängeln unsinnigerweise herum – sie können ihr Auto eh nicht fliegend aus dem Bauch des Schiffes befreien. Lediglich wir vier Radfahrenden, wir können uns durchschlängeln – und tun dies auch. Sind mit die ersten, die das Schiff verlassen.
Ein Hafen, ein kaum zu findender Ausgang, eine Grenzkontrolle (ungwohnt für uns Schengen-Verwöhnte) empfängt uns. Die Vororte eine belebten Stadt, Radwegeslalom, wilder Verkehr, Hupen, Rasereien, vertraute sowjetische Satellitenstadtbauten. Also doch: schon hier Vertrautheit – und warum ich diese schön finde, diese alten, abgelebten Gebäudemonster, dies wird ein andermal zu ergründen sein.
Ich entscheide mich dafür, einfach durchzufahren, alle Wegränder aufzusaugen, nichts zu fotografieren, einfach auf dem Weg zu sein, wie er zufällig an mir vorbeikommt. Morgen werde ich – der Lage der Campingplätze geschuldet – hier wieder vorbeikommen, da nehme ich mir Zeit für die Stadt.
Jetzt bin ich nur auf dem Weg zum Zeltplatz im Norden der Stadt …
14 Fahrradkilometer später baue ich – nach Anmeldeprozedere auf Russisch: wie sehr ich das genieße:) – in einem Kiefernwäldchen mein Zelt auf. Die jungen Radreise-Zeltnachbarn sind alles Hiesige, man radreist hier offenbar viel und gern. Sie erzählen mir, dass eigentlich nur die Alten Russisch sprechen (und staunen, dass ich dies auf der Fähre, in der Stadt und hier auf dem Platz schon ganz anders erlebt habe). Sie lächeln ganz bescheiden, als ich mich so offensichtlich aus jeder Pore freue, hier zu sein. Der Weg zum Strand sei kurz, sagen sie. Ich gehe hin. Die Sonne ist schon untergegangen und hallt noch rot nach, ich kaufe mir ein Bier, ein hiesiges natürlich, sitze und schaue. Da ist das Meer. Zunächst einmal ist da viel Meer. Und meine Fähre macht sich in der Ferne gerade auf den Rückweg.

Nun denn – auf geht’s: Zur südlichen Grenze von Litauen mit Russland. Von dort allmählich zur nördlichen Grenze von Estland mit Russland. Das soll meine erste Orientierung für die Reisewege sein. Aber wer weiß, wohin es mich in den nächsten Tagen und Wochen wirklich bringen wird.

Bannwaldrunden

Zuerst war da eine verlorene Reise. In meinen Ferienräumen, die sonst immer – Jahr für Jahr, seit jeher – gefüllt waren mit Unterwegssein, mit Wegen per Rad, die eine Brücke schlugen zwischen kalten Wintertagen und großer Sommerfahrt, in all diesen freien Räumen war dieses Jahr: Nichts. Oder jedenfalls: Fast nichts.
Immerhin, ein Plan war da. Und die mit ihm verbundene Vorfreude. Während über Ostern, an Himmelfahrt und über den ersten Mai noch das Lähmende der Zeit – die Reisebeschränkungen, die nicht abreißende Arbeit, die Ungewissheit, die Strukturlosigkeit – gewann, sah es in den Pfingstferien zunächst anders aus.
Jetzt endlich, dachte ich. Endlich endlich, es war spät genug für dieses Jahr. Die Wochen des Fernunterrichts hatten mich bodenlos erschöpft. Seit März kaum je freie Tage, Arbeit von morgens bis nachts, ich will davon gar nicht viel erzählen – es reicht, dass es ist wie es ist. Ein paar Tage Unterwegssein waren bitter nötig. Radreisezeiten laden meinen Akku mehr auf als alles andere. Eine Woche wie ein Jahresurlaub, so wenig braucht es für mich. Und so dringend war es mir. Ich hatte sogar Wildzelten geübt. Auch wenn dann pünktlich zu den Pfingtferien die Campingplätze wieder öffneten.

Doch dann begann mein Reiseplan zu bröckeln. Ein Termin nach dem anderen, die Anzahl der möglichen Reisetage immer mehr beschnitten. Und letztlich das Wetter.
Jedenfalls: Zwei ganze Tage war ich unterwegs, letztlich …

In innerem Jubel fahre ich los, glücklich im vertrauten Gefühl auf dem schweren Rad voller Packtaschen mit meiner Unterwegswohnung, mit Nahrung, Küche und Wärmendem. Der nur träge reagierende Lenker, die sanften Bögen, die das Rad mit Vollgepäck schlägt, als wäre es gleich mir gezähmt in allem, was unruhig klappern und zittern macht, wie Schloss und Schlüssel fügen sich mein Körper und das Rad ineinander, wann immer ich mich darauf setze.
Geliebte weiße Schilder mit der grünen Schrift, Dorfbrunnenpausen, einsame Waldwege ohne Ziel, Entdeckungen in weiten Wiesen, die Zeit verschwommen, der Tag ist lang und kurz zugleich. Ist es viel oder wenig, was ich fahre und trete, bergauf und bergab, wohin wird es gehen, wer hält, was hält, der Tag mündet in Stille. An diesem Fleckchen der Welt allemal. – Keine halbe S-Bahnstunde von meinem Zuhause entfernt, übrigens.
Ein Platz für mein Zelt, eine Nacht voller Frieden.
Ein nächster Tag mit freiem Horizont. Viel Auf und Ab im Odenwald, die Beine tun als hätten sie sich nie anders bewegt als so, ich schwebe. 1000 Höhenmeter, eine kleine Quasi-Alpen-Etappe.
Bis das Gewitter kommt. Von allen Seiten, immer dichter, immer lauter, vor mir, hinter mir, immer näher kommend. Die Wettervorhersage stimmt damit überein. Heute, morgen, übermorgen, und die nächste Woche auch gleich: Es wird regnen.
Es ist früher Abend, als ich mein Haus erreiche. Gewitter im Zelt – nein, das brauche ich nicht.

Der Rest ist schnell erzählt. Alle erreichbaren Orte haben auch Regen Regen Regen. Diese Woche, nächste Woche. Odenwald, Kraichgau, Schwarzwald, Alb … schweren Herzens resigniere ich und lade ab. So schnell ist meine Pfingstreise also vorbei. Keine 36 Stunden.

Ich fühle mich zerrissen. Für die Natur jubele ich, wissend, wie nötig ihr der Regen ist. Zwei Seelen in meiner Brust, ein Paradebeispiel: In der Trauer des Reiseabbruchs vollführe ich – auf meinem Balkon nunmehr – wahre Regentänze vor Freude.
Aber. Warum genau an meinen wenigen Tagen. Genau jetzt. Warum.

Die Radtaschen bleiben unausgepackt stehen, noch lange. Sie zu verräumen fühlt sich an wie meine Sehnsüchte in den Keller tragen. Wo genau die Wunde im Innern klafft, wird mir nicht klar. Es ist einfach Schmerz. Wundes Weh, gepaart mit Erschöpfung.

Bis ich – in einer Atempause des Regens – mein leeres, leichtes Rad nehme und in den Bannwald hinterm Haus fahre. Nahe Wege, die ich noch nie betreten habe, eine Bergkuppe voller Geheimnisse, ein steil bergauf tragendes Rad, schmale Pfade, nicht für meine Reifen gemacht, und doch. Ich steige kaum ab, keuche mich durch’s Dickicht, durch die Waldwildnis, hebe das Rad über Stämme, ächze sogar auf den Abwärtspassagen, schiebend vor Steilheit. Darüber beginnt meine Traurigkeit einen hellen Schimmer zu bekommen … Irgendwann bin ich oben. Glücklich, für den Moment. Während meine Tränen im Stillen weiterweinen.
Unten, am Ende des Bannwaldweges, finde ich uralte Gemäuer. Ein Ort zum Niedersetzen. Ich bin da.

Wie oft saß ich seither in der verwunschenen Burgruine. Mit mir und den Mauern und dem wilden Grün und der Weite des Flusstales unter mir. Wie oft ist dies mein Abendtrost. Meist nehme ich den Weg durch den Bannwald. Nicht immer über die Kuppe, nicht immer den steilsten Pfad. Aber immer über Unebenheiten.
Ohne die verlorene Reise wäre ich nicht hierhergekommen und hätte nicht meinen Ort am Ende des Bannwaldweges gefunden. Oder jedenfalls nicht sofort.

Vielleicht ist das Leben ein Bannwald. Unaufgeräumte Bäume, kreuz und quer. Wir können sie nicht ordnen. Nein, wir sollen es nicht einmal. Wald ist Wald. Nicht aufzuräumen, nicht zu richten. Niemand nimmt sie uns vom Weg. Ein Kreuz und Quer der Hindernisse, unerwartetes Gebremstwerden, hinter jeder Ecke eine andere Form der Unplanbarkeit.
Und wenn der Weg zu beschwerlich wird, ob bergauf oder bergab, dann gilt es zu schieben. Oder anzuhalten. Auch wenn ein Rad zum Rollen bestimmt ist. Und zuweilen heißt es umzukehren und einen neuen Weg zu finden.

Vielleicht habe ich einfach nur dies gelernt auf meiner verlorenen Reise.

Traumwachheit

Im Traum sprangen mich meine Sorgen an, kläfften an mir hoch, bellten mir ins Ohr, umringten mich von allen Seiten. Ich stand verängstigt in der Ecke. Die Aufgabe, die ich nicht bestand und bestehe und bei der ich doch immer wieder versuche, einen Fuß in die Tür zu bekommen, vergebens bislang. Der Beziehungsfaden, der riss und den wieder aufzunehmen ich nicht bewältige. Die Verantwortung, die ich stümperhaft wahrnehme, mit wer weiß wie hohen Schäden auf allen Seiten, da hilft auch all mein Bemühen nicht. Die Schmerzen, die ich zufüge, bewusst und unbewusst. Der Angstberg, an dessen Fuß ich verharre, wie das Kaninchen auf die Schlange starrend, in Resignation nahezu. All das, was nicht gelingt, was nicht wird, was ich nicht zu gestalten vermag, was mich überfordert.

Ich träumte davon. Eine ganze Nacht lang stand ich Aug in Auge mit Nichtbewältigtem. Und doch verlief alles unspektakulär. Es war ein ruhiger Traum. Von Berg zu Berg ging seine Handlung voran, von Krater zu Krater. Nichtgenügen zog sich als roter Faden durch den Film, Ungenügend war mein zweiter Vorname. Wohin ich auch kam: ich spürte es, wurde damit konfrontiert.
Und ging dann doch weiter, immer weiter. Am nächsten Ort zwar das Gleiche erlebend, nirgends kam ich meinen Aufgaben nach, und doch setzte ich Schritt vor Schritt.
Stundenlang.
Was für ein Traum.

Und dann, am Ende?
Wachte ich auf. Ruhig und friedlich. Versonnen damit, überhaupt geschlafen zu haben. Gleichzeitig irritiert davon, dass mich das Traumgeschehen nicht innerlich zerreißt, sondern mich, ganz im Gegenteil, in solche Ruhe versetzt.

Ist das schon die Antwort? Ein Traum voller Es-ist-wie-es-ist’s, in dem ich von einem Geht-nicht zum nächsten vorankomme. In dem ich mich nicht bewertet fühle und mich – noch viel wichtiger – nicht selbst bewerte.
Und, schon halb im Erwachen, eine Einsicht: Die Kette meiner Es-geht’s habe letztlich doch ich selbst geknüpft.

Zeit für eine Neusortierung.
Was geht?
Was geht nicht (mehr)?
Wie grenze ich mich ab gegen alte, wie wähle ich neue Aufgaben?
Und was ist überhaupt Aufgabe?
Wer gibt auf?

 

Lyrimo #7-#8-#9: Fast ein Zyklus

#9: Eine Ver-Geschichte

Verträumt.
Verwoben.
Versprochen.

Versucht.
Verbogen.
Verzagt.

Verloren.
Verzweifelt.
Vergangen.

Verlassen.
Verdorrt.
Verwundet.

Verwinden.
Verzeihen.
Vertrauen.

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#8: Einsilbig

Ein Tag
kommt.
Bin wach, zu spät,
es ist grau,
trüb und dumpf,
voll von Weh.
Neu:
die Wut, der Zorn.
Ein Schrei,
zu mir, zu ihm:
Wer bin ich, bist Du, sind wir?

Sie nimmt die Hand:
Es ist gut.
Ja, mein Kind.
Ein Tag
geht.

.

.

.

#7: Ein Elfchen

Leben
rüttelt, mich,
wirft Wogen, hohe.
Stelle ich mich hinein.
Leben

Lyrimo #5: Medientransfer

Quietschen hinter der Ecke,
ruckelnder Wagen im Kopfsteingleis:
Ja, die Zwei ist’s – Unsere!
Einsteigen ins Vertraute,
Holzgeruch und Polsterschimmern,
Messingkühle, Fensterknarzen,
Glockenbimmeln, Türenschlag.
Mit Geschaukel und Gezuckel
durch die ach so geliebten Straßen.
Und bald schon wieder aussteigen,
ein paar Schritte noch
mit Koffer und Rucksack ins Omahaus.
Angekommen.
„Habt Ihr die Bahn genommen?“
„Klar. Wie immer. Die Zwei.“
Die sich, in der Ferne gerade noch zu sehen, weiterächzt.
In majestätischer Langsamkeit.

Lyrimo #1: Ein Gedicht zu Ehren von …

Zu ihr gekommen
      ein Zufall, ein sogenannter,
      in den Hallen der Wissenschaft
      durch ein fremdes Auge der Faszination geschaut
      in jenes Gesicht der dichten Worte.

Begegnet
      der Muse, den Weg entlanggehend – göttliches Lallen wie Fieberbefall,
      einem Lauschen durch Vorhänge des Nebels und niedagewesene Herbste,
      „Nun ist das Wort aus Stein gefallen“ ,
      „Und das können Sie beschreiben?“, und ich sagte: „Ja.“

Gefunden
      die Tür zu des Poems Spiegelwelten,
      Geheimnisse des Dichterhandwerks,
      unverschämte und zärtliche Verse,
      „Ins Gedicht gehört das Unerhörte“.

Bei ihr. Der Achmatova.

(Zitate, auch über das direkt Zitierte hinaus, sind pure Absicht.)

Mit dem Ohr am eigenen Puls

Leilas Meinung nach waren die meisten Leute an den Wendepunkten ihres Daseins viel zu ungeduldig.
(Elif Shafak: Unerhörte Stimmen)

Aha. Ein Spiegel.
Ich stehe an einem solchen Wendepunkt. Seit Wochen, seit Monaten. (Ehrlicherweise: Seit Jahren. Aber da wusste ich noch nichts davon.)
Und ja: Ich bin ungeduldig. Sehr.
Schaue auf meine Trauer, als gehörte sie nicht hierher. Anstatt sie mir innerlich zu bekräftigen. Bildet sie doch den Boden des Übergangs.
Breche in jeden Morgen mit der Hoffnung auf, er möge in einen leichten hellen Tag münden. Und finde mich allzuoft abends in Schwere wieder, mal mehr, mal weniger tränenreich. Anstatt meine Tage zu öffnen für das, was beweint werden will.
Versuche mit aller Energie einen neuen Alltag zu erschaffen, jetzt, hier und sofort. Wo doch der alte noch Raum fordert zum Nachschwingen. Und das Neue erst Stein auf Stein und Atemzug um Atemzug geschöpft werden will.

So sitze ich also hier, um mich herum Bruchstücke des Alten, und im Kopf ein paar Federstriche, einstweilige Baupläne des Neuen.
Ich sitze. Wie gelähmt oft. Unfähig auch nur einen weiteren Schritt zu tun, über das Nötigste hinaus. Etwas essen zum Sattsein, für die Kinder da sein, Schule machen, die nötigsten Kommunikationsstränge bedienen. Ende der Kraft.

Ungeduldig puckern Reste meines energiegeladenen Strebens. – Pack weiter aus! Schraub was an! Bau was zusammen! Gestalte was! Melde Dich bei X und Y! – Mein forderndes altes Ich. Das, welches monatelang, ja immer schon, alles in die Hand genommen hatte, mit Bravour. (Was ist das überhaupt?) Es hat Unmengen an schier Unbewältigbarem bezwungen, früher. Dieses Ich nagt, klopft, pocht. Es kennt ja nichts anderes als zu treiben, immer voran.
Und nun ist es ausgebremst. Von zähem Bodenleim. Alle Schritte setzen sich nur langsam. Schleichend und tastend bewege ich mich durch die Wohnung. Zuweilen öffne ich eine Kiste, packe drei, vier Dinge aus, dann reicht es wieder. Beim Einkauf irrt mein Blick über die Gemüsestiegen im Laden, was will ich, ich weiß es nicht, nach ewiger Zeit habe ich irgendetwas im Korb, meist zuviel, oder zu wenig. Am Schulschreibtisch bin ich langsam, zu langsam, um die nachwachsende Schlange von Aufgaben abzuarbeiten, der Stapel beginnt schon wieder mich zu erdrücken, in Schulwoche vier. Oder fünf. Schneller kann ich nicht.

Und wenn ich dann erschöpft von all dem sitze, dann ist da zwar Ruhe in mir. Aber eine kurzzeitige, stets der Gefahr des Wegwehens ausgesetzte. Wenn ich weine, dann nur kurz, selbst meine Traurigkeit fühlt sich getrieben. Wenn ich stricke, dann zwei Reihen, irgendwann halten die Nadeln an, ohne dass ich es merke. Wenn ich lese, dann eine halbe Seite, jeden Abend dieselbe, denn ich höre mir beim Lesen sowieso nicht zu. Wenn ich schreibe, dann zwei Zeilen. (Dieser Text hier brauchte zum Entstehen drei Wochen.) Wenn ich Cello spiele, dann irren meine Gedanken sonstwo umher, nur nicht in der Musik.

Und nun?
Suche ich. Suche nach Ruhe. Nach Geduld. Nach der Stimme meines Pulses. Suche nach einem neuen Daseinsteppich. Gewebt aus Ruhefasern, noch unsichtbaren.
Kleinste Fäden finde ich ja, immerhin. Gemüse schneiden – Schnitt Schnitt Schnitt, ganz gleichmäßig, rhythmisch, bis zum Ende der Zucchini. Treppe wischen (Kehrwochenpflicht, das Schwäbische ist nicht weit, und ich bin eine artige neue Hausbewohnerin) – gleichmäßiges Hin-und-Her, monoton wie ein Pendel, Stufe für Stufe. Mein Radweg zur Schule – Feld, Sträucher, Wald, ein täglicher Weg, einer Meditation gleich.

Sind so kleine elementare Dinge. Das Fundament für anderes, für alles.
Ich gedulde mich.

Tastend, im Neuen

Schreiben möchte ich, mich erst noch zu schöpfenden Worten hingeben. Der Tränenschleier will wahrgenommen sein, es gäbe vieles zu beweinen, Nach Trost und Halt taste ich.
Da öffnet sich für einen winzigen Moment eine Tür ins Innere, rückt das Unsichtbare vor’s Auge, um den Spaltbreit gleich darauf wieder zu verschließen. Klack. Die Schienen des Funktionierens bleiben starr. – Sich aus der Kurve schleudern lassen, das wär’s doch mal. –

Innehalten.

Fallenlassen. Was fehlt. Der Mut, mich dem Andrängenden hinzugeben, ohne dass die Kopfvernunftmaschinerie gleich alle Hebel dagegen in Bewegung setzt.
„Ich vermisse mich.“ Andernorts lese ich diesen Satz, schrieb ihn schon oft selbst, finde mich in altvertrautem Gefühl wieder.

Dabei gibt es neues Leben zuhauf. In mir. Rings um mich. Mein Alltag ist auf den Kopf gestellt. Oder besser: Auf die Füße ja eigentlich. – Welche Spur werde ich dort ziehen? Fragen, in Zweifel gebettet.

Aus Lähmung befriedete Langsamkeit gestalten. Aus dem Stapel an Überforderung ein Paket nach dem anderen auf den Boden legen, öffnen, seine Dinge entfalten lassen. Aus strukturloser Verworrenheit einen Faden weben, daran entlanghangeln.
Den sich öffnenden Raum mit Neuem füllen. Keimen, wachsen, reifen lassen.
Unkonkret, das alles? (Die Konkreta stehen, fliegen, liegen, toben hier rings um mich. Wollen eins nach dem anderen auf diese Weise verwandelt werden.)

Schreiben und weinen.
Eine Hand suchen.
Vertrauen, dass der Boden trägt.
Nach Zuversicht tasten.

Am Zwischenort

Zwischen altem Ort und neuem Ort
bin ich unterwegs
die Heimatlosigkeit auszuhalten,
ich hänge im Spagat
zwischen dem, was war,
und dem, was wird.

Verlassen – ohne zu verwerfen, zu bedauern,
mich in Dankbarkeit zurückwendend
mit Tränen der Trauer, nicht der Reue,
mit Zweifeln auch, und der Peitsche des ewigen Schuldgefühls
– das Alte in seiner Enge
und doch voll der Wärme vertrauter Wege.

Mich wenden – in ängstlicher Ungewissheit,
sorgenvoll auf wackligen Füßen, schmalen Bohlen
setzen Gedanken verzagt Schritt vor Schritt
– hin zu dem, was erst noch das meine zu werden beginnt.
Klares Licht scheint fern, so fern,
im Schatten sind nachtgleiche Tage.

Am Zwischenort. Ich fahre. Mich trägt das Rad.
Rauscht ein Fluss, birgt ein Berg, tröstet ein Stern.
Woher? Wohin? Nagt es in mir.
Und: Wer bist du? Und wem?
Tage, konturlos verloren. Verdammt, wo war die Spur,
und wie formt aus Strukturlosem sich Gestalt?

Nimm dieses Ist zwischen War und Wird
als Brücke über den Riss,
und gib mir die Hand, bitte,
halte alles, was fallen will.
Sei. Und zeige und kläre und öffne.
Und empfange. Und werde still.
Ganz still.

Fragmente

Ein Buchgedanke*: Das unerwartet Fremde, das Schwierige und Beängstigende durch eine äußere Ordnung überleben lernen. – Ich höre. Diese ordnende Struktur kann nur Eigenkreation sein, was sonst.

Aus demselben Buch*: Solange es noch eine Anwesenheit gibt, bleibt Abwesenheit undenkbar. Erst später dann wird das Licht aus dem Hoffnungsraum in den Raum der Erinnerung getragen. Wobei es dort nur noch flackert. Überschattet vom nicht mehr seienden Hoffnungslicht.
Weise Gedanken über das Sterben.

Flughafentränen. Den Kindern wachsen Flügel. Wer hätte gedacht, dass auch ich welche brauche.
Welch vermessene Idee: Sie aus abgestreiften Häuten zu bauen.

Ein Netz. Ein Netz ist allemal gut. Ich knüpfe. Gelähmt durch Angst, antizipierte Trauer, Verzagtheit.
Eine Feiglingin bin ich, will ich herausschreien. Mich fügend und einpassend. Wem auch immer dies in all den Zeiten genützt hat.
Ein Netz für den Mut also. Ob „für“ hier die richtige Präposition ist, darüber dürfen andere streiten.

Was für eine verschlingende Traurigkeitsleere. Wer nimmt sie wahr? Ich trotte allein, immer hinter den anderen her, ich bin die letzte.

Und mitten durch das Gestrüpp blinkt eine Vision. Mein Leben wieder zu gestalten. Mich neu zu formen. In der Ferne ist alles hell. – Bislang dachte ich immer, „Licht und Liebe“ wäre nur eine Floskel.

Ich gehe los. Voller Fragen.

(* aus Esther Kinsky: Hain)

Alltag #4 – Worte

https://cafeweltenall.files.wordpress.com/2018/10/alltag-001-2018.jpg

Immer am ersten Wochenende eines Monats sind wir von Ulli in ihrem Projekt „Alltag“ eingeladen, uns gegenseitig an unseren Alltäglichkeiten in ihrem besonderen Licht teilnehmen zu lassen.

Elternsprechtag.

Vor ein paar Tagen kamen sie zu mir, all die Eltern, die Anliegen und Bedürfnisse ihrer Kinder auf Zetteln und Zunge mit sich tragend. Wir redeten, jeweils zehn Minuten waren die Zeitfenster lang. Beziehungsweise kurz, zehn Minuten sind ja nicht viel. Andererseits ist es viel, wenn ich daran denke, dass ich an den Schulvormittagen niemals – niemals! – auch nur annähernd zehn Minuten Zeit für ein einzelnes Kind finde.
Nun also, zehn Minuten. Intensives gegenseitiges Erzählen und Fragen, Austausch und Relativierung der eigenen Sichtweise, oft ist es kompliziert. Eines aber, eines wird mir immer wieder in den Gesprächen mit den Eltern bewusst: Wie vieles ich im Schulalltag mit diesen Kindern erlebe, wie vieles ich an ihnen wahrnehme, wie oft ich am beglückten Staunen über diese jungen Menschen bin, und wie selten ich den Kindern genau das in die Augen hinein sage. Nicht nur nonverbal, nicht nur sich spiegelnd in unserer zumeist gut gelingenden Beziehung, sondern wirklich wörtlich.
Viel häufiger müsste ich zwischendurch immer mal wieder einem Kind einen ganz ihm zugewandten Satz sagen, einen ganz eigenen meiner Augenblicke widmen. Zwischen all den Unterrichtsnotwendigkeiten, zwischen aller Mathematik und Physik, zwischen allen Verfahrensabläufen in dem getriebeartigen Organismus einer Riesenschule muss Raum dafür sein. Jeden Tag, jede Stunde, wenigstens einem kleinen Teil meiner 150 Schülerinnen und Schüler sollte ich solche Dinge sagen wie…

Wie unglaublich Du strahlen kannst, Deine leuchtenden Augen stecken an!

Die Klasse kann froh sein, Dich zu haben. Wie viel Du Dich um andere Kinder kümmerst, und darum, dass alle gut miteinander auskommen, das ist großartig!

Trau Dich doch das nächste Mal, das zu fragen. Das hilft auch allen anderen, und sie sind Dir dankbar. Du kannst tolle Fragen formulieren!

Ich fand es sehr mutig von Dir, wie Du gezeigt hast, dass Du Hilfe brauchst!

Seit ich Dich kenne, seit wenigen Monaten erst, bist Du riesig gewachsen. Du gehst jetzt alle Deine Schritte viel selbstständiger als am Anfang!

Mir macht es große Freude, Dir beim Arbeiten zuzuschauen. Du strengst Dich immer so sehr an, dass Deine Stirn in Falten liegt. Aber danach kannst Du so richtig ansteckend jubeln!

Ich traue Dir zu, dass Du das auch sauber aufschreiben kannst. Dann können die anderen Kinder Deine Lösungen verstehen und etwas von Deinen tollen Ideen lernen!

Du hast ganz schön viel an Mut gewonnen. Wie selbstbewusst Du jetzt in der Klasse auftrittst, beeindruckt mich!

Was tut Dir gut, was brauchst Du von mir? Du kannst so gut in Dich selbst hineinschauen, bestimmt kannst Du es mir auch erzählen, so dass ich es verstehe!

Wie ich mich mitfreue, dass Du an den Schultagen jetzt wieder fröhlicher ausschaust!

Mich berührt es sehr, wie Du die A. und die L. immer tröstest und in den Arm nimmst, wenn sie weinen, wenn es ihnen nicht gut geht. Sie haben großes Glück, Dich als Freundin zu haben!

Es macht Spaß, Dir beim Denken zuzuschauen!

Du machst Dich nicht selbst nervös, und andere werden auch ruhiger, wenn sie in Deiner Nähe sitzen. Deine Gelassenheit beeindruckt mich!

Ich finde es wirklich sehr, sehr stark, wie Du seit anderthalb Jahren nicht aufgibst und Dich in jeder Stunde aufs Neue anstrengst, obwohl es all die Zeit überhaupt nicht leicht ist für Dich!

Mich macht es glücklich, Dein glucksendes Lachen und Deine gute Laune im Klassenzimmer zu hören, oft schon, bevor ich noch um die Ecke gekommen bin!

Dass Du Dich nach so vielen Anläufen neulich endlich getraut hast, ganz allein zu mir an den Lehrertisch zu kommen und Deinen Wunsch auszusprechen, das ist ein riesiger Schritt für Dich, darauf kannst Du stolz sein!

Es tut mir mitweh, wenn ich höre, was Du erleben musstest. Ich finde Dich sehr stark, dass Du das alles aushältst!

Du bist für M. und F. ein großartiger Freund. Ohne Dich hätten sie es im letzten Jahr viel, viel schwerer gehabt!

Du bist so ausdauernd, Du fängst immer wieder neu an, auch wenn es wieder und wieder nicht klappt. Du machst mich staunen, wie viel Geduld Du aufbringst!

Mir machen Deine kreativen Ideen richtig Lust, auch mal solche Konstruktionen auszuprobieren. Da sind Dir faszinierende Muster gelungen!

Wie behutsam Du Deinen Sitznachbarinnen bei den Übungen hilfst. Du schaffst es, dass sie sich dabei nicht bevormundet fühlen und dass sie keine Scheu haben, Dich zu fragen, obwohl Dir alles viel leichter fällt!

Du bist sooo wichtig für die Klasse, weil Du all die Zeit bereit bist zu helfen, wenn jemand es braucht!

Ich mag Deine Fröhlichkeit und Deine witzigen Ideen. Bestimmt hätten wir in der Klasse ohne Dich nicht so oft gute Laune!

Sätze, die ganz gut beschreiben, mit wem ich es alles so zu tun habe in meinem Schulalltag. Am Elternsprechtag habe ich diese Sätze mehr oder weniger wörtlich so gesagt, zu den Eltern dieser Kinder.

Und nun habe ich sie hier schonmal in die erste Person umformuliert. Damit ich sie viel häufiger noch denen gegenüber verwende, an die sie gerichtet sind.

Alltäglich.

Hier ist Ullis neuer Beitrag, unter dem sich weitere Teilnehmende mit ihren Alltagsbetrachtungen finden.

Vom Wünschen, vom Wollen

Ich hatte es so gewünscht, ich hatte es so gewollt. Fast zwei Wochen lang hatte ich darauf hingearbeitet. Hart gearbeitet. Vom ersten Moment an, in dem mir diese Idee gekommen war. Ich hatte mich dafür angestrengt, mich fast zerrissen, mich an den Rand des Erschöpfungskraters gewagt, sehenden Auges, weil ich es doch so sehr wollte, so sehr, so sehr. Niemandem erzählte ich davon, es war mein ganz eigener Plan. Niemanden wollte ich mitenttäuschen, wenn es nicht gelingen sollte. Und so arbeitete ich einsam vor mich hin. Tagelang. Ta.ge.lang. Nächtelang, das bedeutet ja immer auch nächtelang.
Es waren einsame Tage, in denen ich mich zum Hartsein zwang, in denen ich mehrmals beinahe stolperte, gnadenlos mir selbst gegenüber war, verschwenderisch mit meinen Kraftvorräten, welche eben doch nicht unbegrenzt sind. Tränen flossen, die Tage bekamen Grauschleier, ich rutschte fast ab. Doch ich wollte es ja so sehr, so sehr. Also hielt ich durch.

Eines Abends konnte ich absehen, dass es zu schaffen war. Die Kräfte zwar am Ende, aber das Ziel vor Augen. Alles gut. Nur noch wenige Stunden, die Vorfreude schon greifbar.

Bis zum nächsten Morgen. Da zerbrach mein Vorhaben. Etwas anderes war geschehen, etwas, an dem ich nichts ändern konnte, ich nicht, und niemand. Etwas, das sich unserem Einfluss entzieht.
Worauf ich zwei Wochen lang hingearbeitet hatte, wurde plötzlich unmöglich. Und unwichtig, das auch. Weil sich Wesentlicheres davorgeschoben hatte.
Ich merkte erst nicht, wie mich dies traf. Denn weiterhin waren meine Kräfte gefordert, jetzt auf andere Weise. Auch die neue Situation war zehrend, mich vereinnahmend, mich auslaugend. Ich stellte mich hinein. Bis auch diese geschafft war.
Alles wurde letztlich gut. Alles ist gut.

Erst in diesem Moment realisiere ich, wie ich von Erschöpfung und Kraftlosigkeit durchdrungen bin. Von Enttäuschung auch. Über mein nichtgelungenes Wollen, an dem niemand Schuld hat. Und das dennoch so weh tut.
Das kleine Mädchen in mir will nur noch auf den Arm. Und die Große ist zu schwach, um ihr dies zu geben. Ich sitze hier und weine und weine und schluchze, bin leer und einsam.

So ist das eben mit dem Wollen und dem Wünschen, mit dem Planen zumal.
Ungut, starr fokussiert zu sein. Ungut, die Dinge unter enge Kontrolle bringen zu wollen. Ungut, zu lenken, ohne noch Freiheitsgrade offen zu lassen. Ein Wollen ohne Offenheit für Nichtgelingen, ein Wünschen ohne die Gelassenheit, andere Ausgänge zuzulassen, gerät zur Fessel. Wie oft ich dem schon aufgesessen bin. Das ist mir ja nicht unbekannt. Wie blind verrannte ich mich ein erneutes Mal.
Ich fühle mich selbst schuld an meiner Enttäuschung (was sie nicht kleiner macht). Ich fühle mich unreif, weil ich meinem Vorhaben eine Allmacht geben wollte (auch über meine eigenen Emotionen). Ich fühle mich vermessen, weil ich zu viel in die Hand nehmen wollte.

Wieder einmal gilt es Demut zu lernen, mich zu fügen, mich mit einem Ja hineinzustellen. Ich verstehe das ja.
Aber ich weine. Das Weinen, das lasse ich zu. Die Nacht ist noch lang.

Cello #5 – Verausgabung

Alles ist komplex und miteinander verzahnt. Jede einzelne Bewegung im Cellospiel besteht aus einer Kette ineinandergreifender Abläufe. Nehme ich nur mal den linken Arm: Seine vielen Gelenke – ich zähle 17 – bilden in ihrem Tun ein System symbiotischer Vernetzung, in dem jedwede Aktivität eines einzelnen von ihnen das Mittun aller anderen bedingt und bewirkt. Während am unteren Ende die Finger scheinbar wie von allein an die richtigen Stellen auf dem Griffbrett gelangen, sich in ihren je drei Gelenken beugen und strecken und somit das Ihre zu den entstehenden Tönen beitragen, bewegt sich unweigerlich immer auch das Handgelenk, es dreht sich und kippt und stellt sich in geeigneter Neigung auf. Natürlich ist dabei der Unterarm beteiligt. Und folglich der Ellbogen. Daran hängend der Oberarm. Letztlich die Schulter. Zuweilen sogar das Schulterblatt, der halbe Rücken gar. Was für ein Prozedere: Alle Gelenkstellen eines riesigen Armes fügen das Ihre zusammen, um in den winzigen Fingerkuppen zu münden. Ja, letztlich beginnt jeder gegriffene Ton an der linken Schulter.

Nun, es ist leicht, mit der großen Schulter eine Wirkung auf die winzigen Finger auszuüben. Kraft hat sie genug, Einfluss – durch Muskeln und Sehnen vermittelt – auch. Sie kann den Ellbogen hochhalten oder ihn niederdrücken. Sie kann als Hebel den gesamten Unterarm in Schwung bringen. Sie kann sogar den fernen kleinen Finger stützen, wenn dieser – als schwächster von allen – Muskelkraft von anderen Orten leihen muss. Sie hat also Macht.
Doch: Sie sollte dabei nicht zu sehr agieren. Ich weiß das ja. Angespannte Schultern, hochgezogene gar – wie gut ich das aus verschiedensten Lebenssituationen kenne. Immer ist dies ungut. Die Schulter also sollte an ihrem heimischen Ort ruhen, ganz friedlich und entspannt. Und mit ihr sollte der gesamte linke Arm gelassen bleiben. Durch seine Schwere kann er am aufgesetzten Finger mehr oder weniger hängen, die Gewichtskraft als Helferin nutzend, die Eigenaktivität auf ein Minimum reduzierend.
Genau das aber – geringe Aktivität, Passivität gar – halten meine Muskeln offenbar schwer aus. Sobald ich nicht meine volle Konzentration darauf richte, ihnen Gelassenheit zu verordnen, geraten sie ins übereifrige Wirken. Sie halten Arm und Ellbogen hoch, oder sie ziehen diese nieder. In der ausgewogenen Mitte dazwischen zu bleiben, gelingt ihnen kaum je. Meine Muskeln arbeiten gern hart und unverdrossen.

Eine lange Weile ging es ja gut. Obwohl sich bei allen Bewegungen mit ihren unzähligen Freiheitsgraden sicherlich immer schon falsche, ungeschickte, sogar schmerzende Haltungen dazwischengeschoben hatten, machte mein Arm das lange großartig.
Bis ich im Sommer begann, gleichzeitig am Vibrato und an der Daumenlage zu üben. Bei beidem bekommen Schulter und Oberarm eine veränderte Rolle, eine andere Position, variierte Bewegungsabläufe.
Und plötzlich wurde es zuviel. Denn es begann zu schmerzen. Anfangs nur ein bisschen. Wenn ich zu lange Daumenlage geübt hatte, dann zog es im Oberarm. Ich übte daraufhin auch nicht mehr allzu lange weiter, immer nur noch ein bisschen. Wenn ich ganze Tonleitern und Stücke als Vibratoübung genutzt hatte, dann lahmte der Arm. Ich hörte schon wenige Minuten, spätestens eine halbe Stunde danach auf. Ein wenig Schmerz kann man ja aushalten.
Währenddessen versuchte ich, meine offenbar ungeschickten Bewegungsabläufe zu korrigieren – durch Anschauen meiner Lehrerin und anderer Cellisten, durch Nachlesen, durch grübelndes Reflektieren. Es stellt sich aber immer wieder heraus: Die Anatomie zweier Menschen stimmt offenbar nur in groben Zügen überein. Die richtigen, die stimmigen Abläufe lassen sich weder denkend durchdringen und erlernen noch von einem anderen Menschen abschauen. Der Arm meiner Lehrerin ist nicht meiner, ich kann ihn nicht kopieren, das Wesentliche ist unsichtbar, es ist so kompliziert wie im Gesangsunterricht.

Und weil ich keine Lösung für mein Problem fand, übte ich immer weiter. Ich übte durch die Anspannung und das Unbehagen hindurch. Er wird schon verschwinden, der Schmerz, dachte ich all die Monate, mein Körper wird es schon richten. Ich muss nur hartnäckig und ausdauernd und fordernd und eben auch ein bisschen hart zu mir sein. Dann wird das schon.
Seit Monaten also spricht mein Arm zu mir, doch ich höre ihm nicht zu.
Es schmerzt. So weit, so schlecht.

Seit einigen Tagen steht mir klar vor Augen: Es wird eben nicht. Kein einziges Mal verlasse ich den Cellostuhl ohne Unbehagen, inzwischen schmerzt der Arm mal mehr mal weniger auch zwischendurch, der Fingerzeig des Körpers ist offensichtlich.
So trug ich es gestern zu meiner Lehrerin. Aha, sagte sie. Und dann kam aus ihr genau dieser Satz mit dem Fingerzeig. Ich hätte sie dazu ja eigentlich nicht gebraucht. Und: „Nun muss ich Dich doch mal bremsen.“ Wenn ich es schon selbst nicht kann, ergänzte ich stumm für mich.
Und dann sprachen wir über meinen Raubbau an mir selbst. Üben in den Schmerz hinein. Immer weitermachen, wenn es eigentlich nicht mehr geht. Mir keine Pausen gönnen. Voraneilen, wenn Innehalten angezeigt ist. Mit Willen erreichen wollen, wofür der Boden noch nicht bereitet ist.
Ein Spiegel. Mein Cellospiel ist mir mal wieder ehrlichster Spiegel.

Und jetzt?
Setz ihn ab, den Arm, immer wieder. Lass ihn hängen. Er braucht die Pausen zwischendurch. (Machte ich doch noch nie …)
Lass die Schulter unten. Die Schulter hat keinen aktiven Part. Leg Dir ein Kissen darauf, damit Du das nicht vergisst. (Die Schulter war doch so schön praktisch, um Druck nach unten weiterzugeben …)
Lass jede Bewegung aus einer natürlichen Lockerheit erwachsen, lass den Ellbogen immer wieder fallen und hängen, so dass er in keinem Moment fixiert bleibt. (Aber so habe ich zu wenig Kontrolle über alles …)
Wenn es schmerzt, variiere die Haltung. Meist reicht es, Ellbogen, Handgelenk oder Fingerwinkel um einen Millimeter zu verändern. Spür jedes Mal hin, bei jedem einzelnen Ton, bei jedem einzelnen Griff. Und richte die Armhaltung in jedem einzelnen Moment immer wieder neu aus. (Aber dann muss ich ja langsam spielen, kann keine schnellen Läufe mehr üben …)
Versteife Dich nicht, auf keine Haltung, auf keinen Ablauf, auf keine fixierte Bewegung. Bleib immer in Gelassenheit, erfinde jede Bewegung neu. (Aber meine Routinen, mein Gewohntes, die sind mir so sehr Gerüst …)
Übe in den nächsten Wochen nur ein Stück. Wir nehmen den Bach, der liegt gut für die linke Hand. (Aber der Duport, und der Romberg, und der Vivaldi, und der Squire …)
Übe auch nicht mehr so viele Etüden. Nur die Lagenwechsel, nichts anderes, immer nur diese Sprünge. Der linke Arm muss bei jedem Lagenwechsel locker hinunterfallen, genau das braucht er jetzt. Lass die anderen Stellen weg. Und nein, keine neue Etüde. (Aber ich hab doch immer jede Woche eine neue Etüde gemacht …)
Nimm diese Tonleiter, keine neue, und gehe ganz langsam und bewusst in die höheren Lagen. Immer wenn der Arm nicht mehr spannungsfrei liegt, brich die Bewegung ab und suche sie neu zu erfinden. (Aber dann ist es doch keine Tonleiter …)
Übe um Gottes Willen keine Daumenlage im Moment. (Aber … wo bleibt dann die Herausforderung …)

Uiuiui. Schmerz, Langsamkeit, Erschöpfung und Grenzen anzuerkennen – was für ein Lebensthema.
Und das Cello mal wieder – was für ein Lebenslehrer. Im Verbund mit meiner großartigen Lehrerin.

Danke.

.

Weitere Texte über mein Cello findet man über das Menü oben auf der Seite: Hier.

Stille

Der Novembersturm ist vorübergerüttelt,
Hat Regen geschüttet, gewütet, geknüttelt
Mit den hölzernen Läden und Eisen geklirrt.
Und ich lag wach, in Gedanken verirrt,
Die lange Nacht, und es stürzt und stürmt,
Wetter auf schmetternde Wetter getürmt …
Und die Höhle aus Stille, in die ich mich schmiege,
Embryorund als ein Mögliches liege,
Geborgen, als könnt ich die Augen aufschlagen,
Wenn der Sturm sich verbläst, zu nur morgenden Tagen …
Ach so schöne Empfindung, die so mild mich umstreicht …
Mitten im Sturm ward mir linde und leicht,
Als ich dachte nicht mehr und hab nur noch gelauscht,
Wie der Regenwind stürmt und der Sturmregen rauscht …

Eva Strittmatter, wiedergefunden.

Möge das Wochenende ein wenig Höhlengeborgenheit schenken und voller Stille zum Lauschen sein …

Alltag #1 – Alle Tassen im Schrank

https://cafeweltenall.files.wordpress.com/2018/10/alltag-001-2018.jpg„Die Idee ist, das in Szene zu setzen, was mich alle Tage umgibt“, „die Dinge, die während (m)eines Alltags eine Rolle spielen, die immerwiederkehrenden, wie die besonderen; diese zu würdigen, sie in einem speziellen Licht, einer speziellen Perspektive darzustellen“, so lädt uns Ulli zu ihrem Projekt „Alltag“ ein.
Immer am ersten Wochenende eines Monats – ich bin wie so oft ein wenig zu spät, diesmal unserer Herbstferienreise geschuldet – sind wir eingeladen, uns gegenseitig an unseren Alltäglichkeiten in ihrem besonderen Licht teilnehmen zu lassen.
Hier ist Ullis erster Beitrag, unter dem schon weitere Teilnehmende ihre Alltagsbetrachtungen verlinkt haben.

„Das ist keine Frage des Alters oder unseres Einkommens, das ist ein Lebenskonzept“, sagte die Freundin – aber es hätten ebenso meine Worte sein können – einst zu einem aufdringlichen Versicherungsvertreter, der sie zur Absicherung ihres doch wohl nach der studentischen Lebensphase sich unweigerlich ordnenden und verteuernden Hausrats drängen wollte. „Nein, wir werden nie auf andere Weise leben“, schickte die Freundin den konsternierten Mann aus der Tür.
Und so lebt sie tatsächlich. Bis heute.
Und ich? Und was heißt dieses „so“ überhaupt?
Streift mein Blick durch meine Wohnräume, gibt es von allem etwas: Bereiche, die eine durchaus als glatt zu bezeichnende „Erwachsenenwohnungsoptik“ bieten, wechseln mit Räumen ab, in denen sich kaleidoskopartig Familienkrempel in seiner stets wirren Buntheit darbietet. Dazwischen stößt man immer wieder auf Ecken studentisch anmutender Sammelsurien. Ja, Provisorien und Stückwerke sind mir allerorten geblieben. Und wenn ich es richtig erspüre, sitzt genau dort mein Zuhause. Vermutlich wird es bei mir, wenn die Kinder in wenigen Jahren aus dem Haus sein werden, bald wieder so aussehen wie einst in meinen „Buden“. Hach ja.

Einer der sammelsurigsten Plätze in unserem Haus ist wohl unser Tassenschrank.

Alle unsere Tassen. Kaum eine wie eine zweite. — Zwar haben wir in der Küche auch anderes Geschirr. Weiß. Schlicht. Einheitlich. Allerdings – ein Zeichen? – sind von jenem „richtigen“ Geschirr ausgerechnet die Tassen längst zertöppert. Auch ohne dass ich sie nach und nach absichtlich habe fallen lassen:) Sie wollten wohl einfach nicht bei uns bleiben. Und so nutzen wir diese bunte Tassensammlung durchaus auch zu „besonderen“ Gelegenheiten, an Festtagen, bei Besuch, einfach immer. Im Unterschied zu Gläsern etwa kamen wir hier nie auf die Idee, uns einen einheitlichen Satz an Kaffeepötten o.ä. zu kaufen. Wir leben gut mit unseren Tassen. Vielleicht, weil jede von ihnen eine Geschichte erzählt?

Sie liefen uns zu, unsere Tassen. Zumeist war es Zufall, kaum eine von ihnen ist bewusst ausgewählt worden. Bis auf diese metallenen offenbar, denn wir haben mehrere davon.

Es muss an die 20 Jahre her sein, dass wir sie uns zulegten, es war noch in Berlin, ich erinnere mich nicht mehr, wann genau und warum. Weil sie gut isolieren, beim morgendlichen Gartenkaffee länger die Wärme halten? Weil sie unzerstörbar sind? Sind sie ja gar nicht. Inzwischen – nach langen Jahren intensiven Einsatzes – sind sie alt und leck. Aus ihren isolierenden Lufträumen tropft Wasser. An den Lippen fühlen sie sich unbehaglich an. Und trotzdem bleiben sie bei uns wohnen. Denn so wie wir unsere Tassen nie bewusst kaufen, werden sie auch nicht bewusst entfernt. Als hätten wir eine ungeschriebene Regel dafür. Unsere Tassen, auch diese aus Metall, werden schon ihren Weg gehen … einst.

Statt der Metallbecher sind nun schon lange diese hier zu meinen meistgenutzten Lieblingstassen geworden.

Ein Tagesbeginn mit Blick auf Musik – oder eben Bücher – und dann noch mit diesem Volumen: mir fehlte etwas ohne sie.
Genau vor drei Jahren fanden sie zu mir, an meinem 47. Geburtstag. Eine Herbstferienreise, das Münchener Deutsche Museum war eines der Ziele. In dessen Museumsshop mischten sich diese Tassenschwestern plötzlich unter die Bücher in meinem Einkaufskorb. Ohne dass ich noch ahnte, dass sie sehr bald zu meinen Lieblingsalltagsgegenständen zählen würden.

Ebenso glatt, unversehrt und jung scheinend steht daneben meine allerälteste Tasse.

Mit ihr habe ich schon in Dresden studiert, in den 80ern war das. Das falsche DDR-Meißner, ein Design-Klassiker.
Von wem ich sie damals bekommen habe, weiß ich nicht mehr. Dass sie so unbenutzt scheint, ist mir fast ein wenig unheimlich. Denn damals in Dresden und lange Jahre später noch stand sie täglich auf meinem Frühstückstisch. Immer am Vorabend schon, damit wir morgens vor der Vorlesung – Beginn 7.30! – unseren Schlaf um wertvolle Sekunden verlängern konnten. Mitbewohnerin A. legte deswegen sogar abends immer schon ihren Löffel quer auf die Kaffeepulverdose. An was für Details man sich so erinnert.
Meine Veteranin also. Einst hatte sie noch eine gleichgeformte Mitstreiterin. In blauer Jeansoptik, mit rotem Herz, wenn ich mich recht erinnere. Diese scheint in einem meiner späteren Studentenzimmer oder auf einem Umzug in wohlverdiente Scherbenrente gegangen zu sein.

Nun, nach dem ältesten das jüngste Tassenfamilienmitglied: dieses hier.

Sie gehört zwar nicht mir, sondern ist ein Geburtstagsgeschenk an den Sohn zum Siebzehnten, aber erzählt doch unsere gemeinsame Geschichte. Ist er doch in Berlin-Pankow geboren. Und die Berliner U-Bahn-Schild-Optik gehörte lange – bis ich nach dem Abitur aus dem Haus ging – zu meinen alltäglichen Ostberliner Innenstadtwegen.

Mit Berlin sind weitere Tassen verbunden. Diese hier etwa stammen von der letzten Stufenfahrt, welche ich begleitete.

Mit vier zehnten Klassen und acht Kolleg*innen waren wir für eine Woche in Berlin. Das Hostel verschenkte in allen Betreuerzimmern diese Tassen. Warum nicht, dachte ich, und steckte sie ein. So wie die zweier Kollegen, die ihre nicht haben wollten. (Vermutlich führen sie in ihren Haushalten ordentlichere Tassenschränke:))

Auch diese beiden sind von einer Berlin-Stufenfahrt mit zu mir gekommen. Es war meine erste, etwa vor zehn Jahren mag es gewesen sein.

War das meine erste Alleinreise ohne die Kinder? Was waren sie damals klein …
Vermutlich haben sie mir mehr gefehlt als ich ihnen. Jedenfalls brachte ich ihnen diese Tassen von meinem „Ausflug“ mit.

Aus ähnlicher Zeit stammt diese hier.

Angeknabbert, aber immer noch in Gebrauch. Im Gegensatz zu ihren drei verschwundenen Schwestern. Denn vier von ihnen schenkte man uns damals, in einem Pfingsturlaub in den mittelitalienischen Bergen. Es regnete nahezu durchgängig und aus Kannen, so dass der Agriturismo-Wirt sich Sorgen um unsere Stimmung machte und allerlei Programmpunkte vorschlug. Unter anderem einen Ausflug nach Rieti, wo uns eine befreundete Archäologin eine individuelle Führung durch die Ausgrabungen unter der Stadt gab. Ganz allein für uns erzählte sie, sogar so, dass die Kinder viel davon hatten. Es war spannend.
Zum Abschied schenkte sie uns vier Tassen. — Später schrieb diese Archäologin übrigens ein Kinderbuch über die Stadtgeschichte. Vorn in der Widmung werden unsere Kinder erwähnt:)

An eine meiner wichtigsten Alleinreisen – vor etwa acht Jahren an die Nordsee – erinnern mich immer wieder diese windschiefen Becher.

Genau genommen kam nur einer von ihnen im damaligen Gepäck mit heim. Der andere ist ein späterer Ersatz. Beide Kinder beweinten es nämlich sehr, als einer von beiden zerschellte. Und ich wollte meine Erinnerung an die damaligen stürmischen Winde ebenfalls gern in Tassenform aufbewahren.

Erinnerung an Orte, Erinnerung an Menschen – diese Tasse ist mir beides.

Sie war mein Abschiedsgeschenk, als ich nach x Jahren den Chorvorstandsvorsitz meines Studentenchores abgab. Das war schmerzhaft. Der Chor und seine Menschen war einer meiner Seelenorte in den damaligen Jahren. Umso teurer ist mir diese Tasse. Sichtbar be- und abgenutzt, von den Kindern, als sie kleiner waren, fast zu Bruch gespielt, darf sie in ihrer Versehrtheit dennoch weiter in meinem Schrank wohnen. Ganz hinten, denn benutzt wird sie kaum je noch. Stehen wird sie dort aber hoffentlich noch lange.

Viel heiler, obwohl in ähnlichem Alter, ist diese.

Sie stand die meisten Jahre in meinem Zimmer, nicht im Küchenschrank. Den Menschen dazu habe ich leider verloren. Jahrelang studierten wir zusammen Slavistik, gingen durch lustige und trübe Zeiten, waren uns sehr nah. Irgendwann war dies zu Ende.
Blau – dieses Blau – war ihre Lieblingsfarbe, sie verschenkte sie oft. Diese Tasse war ein Mitbringsel von einer ihrer Nordseereisen. Damit ich in den Herbstwinden, die damals auch das Innere meiner undichten Minidachwohnung nicht verschonten, wenigstens mit heißem Tee im Bauch studieren konnte.

Zum Einzug in diese Minidachwohnung – meine erste eigene übrigens, nach Wohnheimen und Untermietzimmern mit teilweise entwürdigenden Regeln und Besuchsbedingungen – schenkten mir andere damalige Freunde eine Reihe schrillhässlicher Weihnachtsmarkttassen.

Zum ersten eigenen Hausstand, sagten sie, weil das Nichtschöne, Zusammengewürfelte so gut zu uns allen passte. Wir lachten gemeinsam, während wir mitten in den Malerarbeiten, von oben betropft, unten in Farbklecksen watend, auf einer im Raum aufgestellten Kochplatte das erste heiße Getränk in meiner eigenen Wohnung zubereiteten. Kaffee? Tee? Keine Erinnerung mehr. Nur, wie gut es uns ging, mit uns und diesen schrillen Tassen.
Ach ja, und Teppich haben wir später noch verlegt. Der erste Fleck darauf stammte auch aus einer Weihnachtsmarkttasse. Rechts vor dem Bett, welches eigentlich nur eine Matratze war. Aber das ist eine andere Geschiche.
Die Wohnung habe ich längst wieder verlassen, mit den Freunden ist der Kontakt eingeschlafen. Das wäre etwas zum Wiederbeleben. Auch wenn wir vergangene Nähe vielleicht nicht zurückholen können? Die Tassen von damals jedenfalls sind irgendwohin weitergewandert. Diese beiden hier sind nämlich nur „Nachrücker“, viel jüngeren Datums. Eine vom Bad Wimpfener Weihnachtsmarkt, als wir diesen erstmals besuchten – da gab es schon den Sohn. Eine aus der Stadt vor den Toren unseres Dorfes, ein vermutlich noch sehr junges Exemplar. Manchmal verliere ich selbst den Überblick.

Eine richtige Schultasse findet sich im Schrank auch. Nach zwei Jahren Klassenlehrerschaft von einer meiner liebsten Klassen geschenkt.

Da stehen wir alle, es war am Wandertag, der über die Hügel zum Minigolfplatz führte. Wie klein sie alle waren, die, welche mir mittlerweile als hochgewachsene junge Frauen und Männer im Schulhaus begegnen. Irgendwann werde ich sie nur noch auf der Tasse sehen können.

Ach ja, und dann gibt es noch diese letzten beiden. Sie wohnen nicht in der Küche, sondern im Regal zwischen meinen Büchern.

Noch viel mehr davon gab es in der warmen Stube meiner Oma, in einem Möbelstück, das man damals Anrichte nannte. Darin stand das gute Geschirr, dasjenige für Feiertage und festlichen Besuch. Bei jedem schnelleren Laufen durch die Stube klirrte es im Schrank, und beim Spielen war sein Klirren ein Pegel dafür, wann wir zu heftig tobten. Alle Tassen haben unser Toben überlebt, und diese beiden haben es in meine Gegenwart geschafft.
Benutzt werden sie kaum – ist dieses „zu schade“ und „für gut“ meiner Oma in sie eingraviert? Sie stehen hier einfach und sind mir kostbar.

Nun, hier höre ich auf. Wie viele Geschichten ich im Schrank gefunden habe, hat mich selbst erstaunt …