Angeradelt

Der Januar war Durststrecke, in die Februarferien schlingerte ich in Bodenschwere und voller Tränen. Was sich da alles zusammengeballt hatte, dies ist – für hier und im Moment – unwichtig. Ganz sicher aber war das Dunkel mitausgelöst davon, dass ich einen ganzen Monat lang nicht draußen, nicht im Freien war, nicht auf den Pfaden rund um unser Dorf, nicht auf ferneren Wegen, nicht per Rad, nicht zu Fuß, dass ich kein Sonnenlicht, keine Winterluft um mich hatte. Dies wurde mir erst im Nachhinein bewusst. WIE sehr fehlte mir das Draußensein, WIE sehr trübte sich alles um mich ein …

Nun, die Ferienwoche im Schnee hellte auf und gab den Fingerzeig, wie heilsam Unterwegssein im Draußen und freies Atmen sind. Nach dieser Woche pumpte ich mein Rad neu auf und fahre seither mit ihm zur Arbeit, Minustemperaturen hin oder her. Dies bewegt, dies belebt. Dies setzt dem Düsteren eine Kraft entgegen.

Als schließlich am Samstag eine strahlende Sonne zaghaft winzige Plusgrade anbot, tat ich, was wohl ein Novum für mich ist: eine Winterradtour. Na gut, sie wurde klein, nicht mehr als 50 Kilometerchen – die aus dem Stirnband herauslugenden Ohrläppchen und die Zehen hätten kaum mehr Eisigkeit ausgehalten – , aber dennoch: Das Tourenjahr ist angeradelt:)

Wie hell dieser Weg war. Wie wärmend. Wie zuversichtlich ich nach all den schweren Tagen plötzlich wurde.

Noch fließen meine Worte tröpfelnd, bewegt sich auch das Kameraauge nur gelähmt. Ja, der Januar hat mich innerlich ausgetrocknet und ins Elementare zurückgeworfen. Doch um nicht ganz ohne Bilder zurückzukehren, tat ich wie schon im Herbst:
Genau alle fünf Kilometer fotografierte ich. Ein Bild in Fahrtrichtung, eines rückwärts, eines nach rechts, eines nach links. Bei Blende, Perspektive und Tiefenschärfe gab ich mir keine Wahl. Ungeschminktes Leben, wie der Wegrand es darbietet. Kein Fokus auf das „Schöne“, das Ansehnliche, das Idyllische, sondern zufällige Lebensblicke, wo sie halt hinfallen.

Wieder war mir dies wie damals schon eine Übung im Annehmen. Welche idyllischen Anblicke der Kamera entgehen und welche nüchternen Bilder dafür vor die Linse geraten: so wie sich Tage und Wege eben zuweilen zeigen. Kaum Aushaltbares im Fokus, das Nährende in Verborgenheit, und ich inmitten. Hoffend, dass ich nie vergesse, wieviel Unsichtbares den Hintergrund bildet.

Hier also Wegebilder: Unten in groß jeweils der Vorwärtsblick, darüber der Blick zurück, und seitlich rechte und linke Wegesränder.

Kilometer 5:

Kilometer 10:

Kilometer 15:

Kilometer 20:

Kilometer 25:

Kilometer 30:

Kilometer 35:

Kilometer 40:

Kilometer 45:

Kilometer 50:

Danke.

14 Kommentare

    1. Ich staune selbst auch – diesmal passen die Bilder etwa auch zu dem, was im Innern abgespeichert ist. Manchmal war es schon so, dass die entstandenen Bilder und der innere Film richtiggehend auseinanderklafften.

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  1. Ich liebe diesen Satz: „Hoffend, dass ich nie vergesse, wieviel Unsichtbares den Hintergrund bildet.“
    Du beschreibst die Idee des „Kunststraßenkonzept à la Irgendlink“ aus weiblicher Sicht und dabei verstehe ich auf einmal ein bisschen mehr, was daran so reizvoll ist.

    Ich freue mich, dass du wieder besser atmen kannst. Oft denke ich an dich und schicke dir gute Gedanken.

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    1. Oh, das ist ein richtiger Name für das Konzept?
      (Jedenfalls: als ich das vor x Jahren erstmals machte – ich glaube ohne Euch zu kennen? – war mein Auslöser: mich vor meiner eigenen Bilderflut zu retten. Soweit ich mich erinnere. Das ist ja eigentlich ein eher unlauteres Motiv, oder;-)))
      Jedenfalls macht es mir jetzt zuweilen Freude das so zu tun … Allerdings werde ich mal die Kilometerzahl variieren, denn so lande ich bei den ersten Bildern ja immer an den gleichen Stellen, und die mag ich langsam nicht mehr sehen:)
      Danke für Deine Gedanken … und wenn ich das Befreite mit in den März zu nehmen vermag, dann schicke ich bald auch mal wieder etwas auf die Reise …

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      1. Dass verschiedene Menschen an verschiedenen Orten auf gleiche/ähnliche Ideen kommen, fasziniert mich schon lange.

        Ich glaube, Ideen haben Eigendynamiken und suchen sich dann geeignete Wirkstätten. (Irgendlinks erste Kunststraße entstand übrigens 1994.)

        Das Retten vor der Bilderflut ist keineswegs unlauter. Im Gegenteil! Ich glaube, das ist ein gutes Sprungbrett in ein kreatives Tun. Wir müssen uns ja immer auf Ausschnitte beschränken. Und ob wir die nun dem Zufall überlassen oder nicht – warum auch nicht! Ich finde die Ergebnisse und Einblicke immer wieder faszinierend.

        Ich bin gespannt auf deine weiteren inneren und äußeren Reisen, das weiß du hoffentlich.

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  2. Die Wege entlang dieses Flusses sind mir teilweise bekannt.
    Ich verspüre Irgendlinks Beflügelungen, das freut mich ungemein. Schöne Seelenvernetzungen!
    Radfahrheldin der Eiseskälte, uihhh. Wäre für mich eine unaushaltbare Friererei.
    Da es eine erfrischende Tiefenwirkung hat – wohlan und weiter so, hinein in den März!

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    1. Gefroren habe ich eigentlich wirklich nur auf kurzen Strecken mit Gegenwind und nur sehr lokal (eben Ohrläppchen und so) – drum winde ich mich aus dem Begriff „Heldin“ mal gleich wieder heraus;-)
      Und ja: Tiefenwirkung – ja! Manchmal sind es so kleine Dinge, die uns im Innern Halt geben und aufrichten, gell?
      Herzlichste Grüße zu Dir
      Frau Rebis

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