im Februar

Wann immer ich zum Monatsende hin – meist wird es ja ein paar Tage später – mein buntes Blatt hernehme, auf welchem sich in verschiedenen Tagesfarben angesammelt hat, was der Monat an Fülle bereithielt, suche ich zunächst nach dem Grundgefühl, der Grundfarbe, welche den Monat ausmachte.
Immer schon taucht bei diesem Rücktasten gleich zuvorderst das Engegefühl auf, welches meine viele Arbeit in mir auslöst. Dies Monat für Monat extra noch zu erwähnen, scheue ich fast schon, es zieht sich ja offenbar als Konstante durch meinen Alltag.
In den letzten Monaten – oder sind auch dies schon Jahre? – kommt wie ein roter Faden das Schlingern in seelischen Achterbahnfahrten hinzu, immer wieder, immer noch, mal mehr, mal weniger.
Nicht anders ist es in diesem Februar. Im Januar hatte ich mich weit aus meiner Mitte werfen lassen, im Februar torkele ich noch immer mit beträchtlicher Amplitude – glücklicherweise schenkt der Monat einigen Freiraum, auch zeitlicher Art, in welchem ich wieder anfangen kann zu atmen.
*
Riesig – und im Alltag kaum zu erfüllen – ist immer wieder mein Bedürfnis nach Alleinzeiten. Rückzug von der Welt in eine selbstbestimmte Stille hinein ist mir so nötig wie dem Fisch das Wasser, um Heilung zu finden für das, was in mir wundgeschürft ist.
Darum kommt mir das erste (korrektur)freie Wochenende des Jahres gerade zur rechten Zeit, darum bin ich dankbar, dass ich mich während der Skireise zuweilen allein auf weite Schneespaziergänge begeben kann, darum atme ich während meiner kleinen Winterradtour – ich schrieb davon – endlich wieder einige Quäntchen Zuversicht, darum beginne ich schon jetzt, aus vagen (Rad)Reise-Ideen für Pfingst- und Sommerferien konkretere Routen zu gießen. Allein die Vorfreude hellt mich auf.
Es kommt wieder innere und äußere Bewegung in meine Tage, und dass der Monat sich mit bis zu zweistelligen Minusgraden verabschiedet, hält mich nicht davon ab, von nun an wieder mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.

Wie gut sich das anfühlt.

*
Etwas in mir richtet mich auf, als zöge ein Marionettenfaden an meinem Hinterkopf. Ich kann den Kopf wieder wenden, mich umschauen und nach kleinen Begegnungen tasten. Die Schnecke verlässt ihr Haus.
Andere Eltern am Rande von Schulveranstaltungen, Kolleg*innen bei einem Kneipenabend, eine Lieblingskollegin während eines Ausflugs, Nachbarn auf der Straße – ich schaffe wieder Worte auszutauschen.
Mehr und mehr allerdings werde ich allergisch gegen Small talk, mische mich nur noch ins Gespräch, wenn es nicht um Banales geht. Und siehe da: Ich habe es selbst in der Hand, spüre ich in diesem Monat oft. Ich selbst bin es, die einem Gespräch Gewicht geben kann. Oder die – falls dies partout nicht gelingt – es verlässt.
Mein Schreiben ist noch immer eingerostet, ich presse Wort um Wort heraus, es fühlt sich zäh und falsch an. Dennoch verlassen ein paar Texte, Karten, Mails, Briefe meine Feder – „eingerostet“ ist offenbar relativ:)

Mein Fotoauge schläft. So ist es eben.

*
In der Schule steht uns mehr als in den letzten Monaten unsere verfahrene Klassensituation vor Augen. Erschöpfung und Tränen bei der Cokollegin und mir, was der Schulleitung nicht verborgen bleibt, woraufhin wir stärkste Rückendeckung und konkrete Unterstützungsangebote bekommen. Wir nehmen alles an, und dennoch fühlt es sich mies an, diesen Kindern einfach nicht gerecht werden zu können. Während der Ferien lässt mich das Thema kaum los, im Schnee stapfend, formen sich in mir neue Ideen: was wir noch alles tun könnten. Stopp, sagt die Schulleitung, Eure Kräfte, Eure Gesundheit. Wo sie Recht haben, haben sie Recht.
Wie froh bin ich im Moment, noch viele andere Klassen zu unterrichten. Dort ist vieles rund und stimmig – einschließlich zahlreicher Gespräche auf dem Elternsprechtag – dort blühe ich auf.
Neue Referendare kommen an die Schule, einige Stunden wird bei mir hospitiert, ich bekomme wertvolle Rückmeldungen. Darunter eine – hach – auf die ich vielleicht 20 Jahre gewartet habe:) Jedenfalls habe ich dies damals bei meiner Mentorin im Referendariat so gesehen, bewundert und mir als Ziel für meinen Weg gesetzt – und jetzt gibt der junge Mann mir einfach ungefragt genau dieses Spiegelbild. Ich weiß noch gar nicht, ob ich ihm glauben darf:)
Mit meinem „eigenen“ Referendar beginnt eine intensive Arbeitsphase, ich erzähle hier lieber nichts, denn es ist ein wenig kompliziert.
Mit einer Handvoll Kolleg*innen initiieren wir eine schulinterne Arbeitsgruppe KUH (Kollegiale Unterrichtshospitation) und machen in einer langabendlichen Sitzung gleich Nägel mit Köpfen.
Erstmals im Leben habe ich Aufsicht bei einer VERA8-Englisch-Vergleichsarbeit, und das erwähne ich hier nur, weil ich sooo aufgeregt bin, ob ich mit den Audiodateien und dem Vorlesen der Anweisungen zurechtkomme:) Mein Cochef kann sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, wie ich da plötzlich mit dem Flattern einer Berufsanfängerin vor ihm stehe.
Der jährliche Mathe-Unitag führt die Kollegin und mich in Erinnerungsgefilde, wir kennen kaum noch Professor*innennamen und fühlen uns folglich alt, während es einfach – wie immer – wunderbar ist, den vielen Schulteams in den Riesenhörsälen beim Knobeln, Basteln, Forschen, Grübeln und Wettstreiten zuzusehen.
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Auch die Tochter hat es in unser Schulteam hineingeschafft und muss dabei – wie früher schon der Sohn – mich als Lehrerinbegleitung verkraften. Sonst haben wir auf dem Schulflur ja nie direkt miteinander zu tun. Sie überlebt es;-)
Hach, sie wird groß. Erstmals im Leben kann ich sie allein „Klamottenshoppen“ schicken – in Anführungszeichen, weil dies ihr Begriff ist. Auch wenn es sich nur um klar definierte Mengen an Unterwäsche, Socken und Shirts handelt – sie fühlt sich stolz. Und ich bin erleichtert, wieder eine nervige Aufgabe losgeworden zu sein. Zur Unterstufenparty schminkt sie sich und kehrt später verschwitzt, mit tanzwunden Füßen und glücklich zurück.
In der Schule gibt es die Halbjahresinformation und rundherum einige Wochen Sparflamme, was ihr sehr gut tut.
Mit dem Orchester fährt sie zu den jährlichen Probentagen nach Weikersheim, mit ihrem Trio und auf einem Kammermusikabend der Schule tritt sie auf, ihre Wettbewerbsstücke aber lässt sie in maximaler Gelassenheit ruhen. Bis Mitte März sind ja noch mehrere Monate Zeit;-)
Während sie das Zusammenspiel mit ihrem Klavierpartner als immer anstrengender empfindet, seufzt sie plötzlich laut heraus, wie sehr sie ihren Bruder vermisst, und dass hoffentlich nächstes Jahr er wieder mit ihr spielt. Als er darauf spontan per WhatsApp Gleiches äußert – hach, das freut und wämt. Ja, der Bruder fehlt ihr, wer hätte das vor einem Jahr gedacht:)
Ob wir diesem auch fehlen, bezweifle ich. So genau aber weiß ich es nicht, denn wir kommunizieren über knappe organisierende WhatsApps hinaus kaum. Seine Stimmung, Sehnsüchte, Sorgen bleiben bei ihm und seinen dortigen Menschen, und ich staune selbst, wie stimmig sich das für mich anfühlt. Gäbe es Gravierendes, wären wir ja da.
Seine Wege führen ihn jedenfalls weit herum: Zur Klassenfahrt fährt er nach Neapel, bald geht es zum Jugend-musiziert-Landeswettbewerb nach Istanbul (ja, seltsam, aber so ist das an den deutschen Auslandsschulen organisiert), und parallel organisiert er sich einen inneritalienischen Kurzzeitaustausch nach Sizilien. Nebenher bewirbt er sich für einen Musikwettbewerb und ein Mailänder Musikfestival – wir werden aus der Ferne bei der Wahl der Bewerbungsfotos und -videos zu Rate gezogen -, und ich glaube, zur Schule geht er dort auch noch;-)
Gleichzeitig besuche ich hier auf Elternseite einen Informationselternabend für die Kursstufe, seine Kurswahl muss er demnächst aus der Ferne durchführen. Mit den Miteltern schauen wir uns an: War es nicht erst gestern, dass wir zuammen Kindergartensommerfeste organisierten? Abitur 2020 also, sie werden so schnell groß.
*
Was noch? Die Musik. … Immer häufiger schreibe ich von ihr in diesem Rückblick an letzter Stelle. Weil sich hier das Unsagbare und das tausendfach Nochzusagende die Hand geben, weil mich drängt, von dieser meiner zentralen Lebendigkeitsquelle zu erzählen, und mir dann doch die Worte fehlen.
Über Lieder, die ich hörte – ich werde darüber noch schreiben – , und über die, die ich selbst sang – erstaunlich: meine Stimme kann es noch:) – , über ein Zurückgeworfenwerden in meine musikalische Heimat mit ihrem Tanzen, und über mein Weitergehen in der jetzigen Cellogeborgenheit. Über inniges Zusammentreffen in meinen Unterichtsstunden, und über daraus erwachsendes Erkennen. Etwa – und das ist nur eines von vielem – dass ich meine Lagenwechsel auf dem Griffbrett nicht als ängstliches und angestrengtes Müssen, als notwendiges Übel zwischen die Töne pressen darf, sondern dass erst sie den Gesang formen, dass ich sie als ein Wollen, ein freudiges Tanzen begreifen darf. Wieder einmal braucht es ein Ja. Wie im Leben.
Ach je, das versteht ja nun doch niemand …

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ich weiß, dass Wittgenstein es nicht so meinte. Jedenfalls hatte er nicht die Musik im Sinn. Ich lasse diesen letzten Satz dennoch stehen.

12 Kommentare

      1. Upps, das sollte deins heißen. Sorry …
        Nimm es als Disharmonien, die eine Sinfonie spannend machen können ;)
        aber klar, ich weiß schon was du meinst, seufz…
        lieb grüß ich dich, Ulli

        Gefällt 1 Person

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