im März

Der Monat beginnt, während wir uns noch auf unserer Bergschneereise befinden, führt uns nach der Heimkehr in zaghaft frühlingsprießendes Wetter und endet mit ersten Fast-Sommer-Tagen. Im T-Shirt und dennoch schwitzend sitze ich am letzten Nachmittag des Monats am Fluss und ertrinke fast im Blütenbunt.
Ich bin viel draußen, schaffe mir ein neues Wegeritual rings um unser Dorf, am Wegesrand liegt immer wieder mein Baum, der tägliche Schulweg wird wieder auf den Fahrradsattel verlegt, Hängematte und Liegestühle bekommen eine Grundreinigung und anschließend häufigen Besuch von der Tochter und mir.
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Die Schule startet nach den Ferien heftig mit einem Stapel Vertretungsstunden, manchmal ist das eben so. Aber, hej: Ich fühle mich vor den Klassen mehr denn je wie ein Fisch im Wasser. In unserer kleinen Fünften gibt es unruhige Konstellationen und noch wenige Lösungsideen. Diese KollegInnen zu haben jedoch, mit denen man alles alles alles besprechen (und manchmal beweinen) kann, ist goldwert. Gerade in solch schwierigen Situationen.
Vom zweiten Dienstort verabschiede ich mich allmählich, mit einer langen Serie an Terminen, bei deren jedem ich innerlich ein kleines Häkchen setze. Gleichwohl zuckt es kurz in mir, als mich ein dritter Dienstort anspricht, sie hätten gehört, ich würde dort aufhören, ob ich nicht zu ihnen kommen wolle. Das schmeichelt und verlockt kurz, aber ich glaube, ich sollte bei meinem Nein bleiben.
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Der Sohn verbringt zwei Wochenenden auf Vorbereitungsseminaren für sein Italienjahr und bekommt wichtige Mailpost: Seine Gastfamilie. Es passt wie erträumt und führt zu jubelnder Aufregung hier im Haus. Die konkreten Planungen beginnen, vor allem, wie sich sein Klavierunterricht nun nach Mailand verlegen lässt. Das Klavier nämlich wird ihm gerade mal wieder zum wichtigsten Lebenselexier, er übt morgens mittags abends, lernt eine Sonate nach der anderen, ich komme mit dem Notenbestellen gar nicht hinterher. Und spielt am Ende des Monats auf dem Landeswettbewerb „Jugend musiziert“, Ergebnis gibt’s erst am Sonntag.
Die Tochter ist vom Weiterüben nach dem Januarwettbewerb weniger begeistert und schleppt sich mit Mühe durch die seit einem Jahr gleichen Stücke, sie wartet nur darauf, dass es morgen Nachmittag vorbei sein wird. Damit sie dann endlich auf ihr neues Cello umsteigen und sich der neuen Lehrerin widmen kann. Ja, der Monat endet mit der letzten Stunde bei ihrem sechsjährigen ersten und besten Cellolehrer.
In der Schule gibt es viele Klassenarbeiten, den Känguru-Wettbewerb und darüber hinaus Tochtertränen. Die tragen wir weiter in den nächsten Monat.
Der Sohn wählt eine neue Brille und verabschiedet sich vom langjährigen Harry-Potter-Nickelbrillen-Style, nun hat er auf der Nase, was alle tragen, das ist doch auch mal was. Die Tochter sucht ebenfalls nach ihrem eigenen Kleidungsstil und garniert das Ganze mit Unmengen an Kosmetik, deren Sinn und Funktion sich mir im Leben noch nicht erschlossen hat, ich lerne dazu;-)
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Wir schaffen es mal wieder ein paar liebe Menschen zu treffen, es beginnt schon in unserem Ferienbergdorf, und auch hier findet sich ab und zu Zeit für ein Weinchen mit Freunden. Ich schicke einen Stapel Papierpöste auf den Weg, von dieser Altmodischkeit will ich nicht lassen. Ein kleines Mädchen stirbt, ein Dorf weint, und der kranken Freundin geht es auch nicht gut. Wir sprechen in der Schule und zu Hause viel über’s Sterben und über die Netze, welche die Weiterlebenden nun haben. Und was wir dazu geben können. Ausgelöst dadurch formuliere ich erstmals im Leben auf einem Blatt Papier, im Moment noch in der Stichpunktversion, was ich mir für mein eigenes letztes Weggehen wünsche. Sollen hinterher ja nicht die anderen entscheiden müssen. Und man weiß nie, wann es soweit ist. Siehe letzten Monat …
Das Leben hat immer alles auf einmal in sich, eine große Osterreise will vorbereitet werden und strengt mich mit dem notwendigen Organisationskram schon ein wenig an, mal schauen, wie es dann dort wird. Im Moment bin ich müde, müde und müde, ich schlafe mal wieder viel zu wenig.
*
Bei all dem trägt mich meine Musik, und wie. Der Monatsbeginn bringt ein neues Leihcello, welches das Wow nochmals steigert. Ich beginne eine erste Sonate von Cirri zu spielen (ab 2.45 vor allem: mein Traumsatz:)), die Tochter korrigiert: zu üben;-), und ich merke immer mehr, wie sehr mir dieses Instrument vorher im Leben gefehlt hat.
Und Lesen trägt, Schreiben noch viel mehr. Und natürlich – ein würdiger Schlusspunkt für diesen prallvollen Monat – Ihr, denen ich hier im Schreibraum begegne, Ihr tragt auch.
Danke für alles.

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7 Kommentare

  1. Wow, Respekt vor Deinen großen Fortschritten am Cello. Ich freu‘ mich, dass ihr euch gefunden habt :) Witzig, auch bei mir gab es ein neues Leih-Cello – ein etwas jüngeres und nicht so empfindliches Instrument, wenngleich der Klang des vorherigen mir etwas mehr zusagte. Ich bin viel langsamer unterwegs – mal sehen, wie viel Zeit ich mir und den Nerven der Lehrerin gönne.

    Die letzten Dinge … so eine erste Liste habe ich auch schon. Das fängt ja schon mit einfachen Fragen wie Erde/Feuer an und führt schnell weiter … Erst mal z.B. eine Liste aller Online-Zugänge erstellen und und und. Sonst berate ich da meist Menschen mit 65, 75 beruflich – für einen selbst ist es fordernder. Aber es macht Sinn.

    Viel Erfolg Deinem hochbegabten Nachwuchs beim Musizieren – Daumendrück von hier.

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    1. Lieber Kai,
      mal wieder sind wir auf dem Weg zum Landeswettbewerb ganz nah bei Dir vorbeigefahren, ich habe am Mittwoch beim Umsteigen in Stuttgart an Dich gedacht. Morgen dann per Auto noch einmal nach Heidenheim. Hobby: Chauffeurin:)
      Deine Fragen zu den letzten Dingen neulich, die haben das bei mir mit ausgelöst. Ich hatte es aber schon lange vor und fühlte mich nun, nach der heftigen letzten Woche, gerade in einer richtigen Verfassung dafür. Was da jetzt alles steht auf meinem Papierchen, das ist für mich stimmig. Es macht mich froh, es aufgeschrieben zu haben – was ja nun auch wieder seltsam ist, oder?
      Nun, und das Cello und ich, wir führen bestimmt schon seit Jahrzehnten eine heimliche Beziehung. Vermutlich starre ich seit 40 Jahren auf dieses Instrument und verinnerliche die Bewegungen, es spielt sich, als wenn alles schon da wäre. Also die grundsätzlichen Bewegungsmuster jedenfalls. Bei ausreichend Knarren, Quietschen, Scheppern und Unsauberkeit, wenn man näher hinhört. Ist ja klar.)
      Meine Lehrerin ist aber auch sehr mitreißend. Die besten Momente im Unterricht immer, wenn wir Duette spielen; in meiner Celloschule steht am Ende jeder Seite(=Lektion) eines. Viele davon sind sehr schöne Musik. Und dann atmen wir gemeinsam ein und spielen … es ist unglaublich …
      Danke für’s Daumendrücken, und für’s Begleiten.
      (Und irgendwann schaffe ich es, in Stuttgart auch mal auszusteigen, nicht immer nur durchzufahren:))
      Lieben Gruß von Frau Rebis

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    1. Du hast auch das Gefühl, dass ich das Nein durchziehen sollte? … Danke, das bestärkt mich sehr.
      Und beim Cello bleibe ich sowieso, ich kann gar nicht mehr anders. Das hat an meinen Tagen, naja: Abenden absolute (innere) Priorität. Darum bleiben dann auch lauter liebevolle Kommentare unnett unbeantwortet liegen. Weil ich irgendwie immer Cello spiele und dann plötzlich Schlafenszeit ist:)
      Jetzt aber.
      Und ich staune, wie Du nach einem langen Arbeitstag noch so wach sein kannst. Du Fleißige .. Das ist doch bestimmt in den Umzugstagen jetzt sehr schwer, oder?
      Pass auf Dich auf, die Kräfte sind ja nicht unendlich … sei behütet,
      Frau Rebis

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