Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten drei Jahren begann ich unter derselben Überschrift um dieselbe Zeit hier mit etwa diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch jung. Seine ersten Tage, ja Wochen gehören dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen und diese dann oft sehr ruhig verläuft, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen und bewusst hinüberzugehen. So kann ich mich an viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken und Empfindungen. Und auch an gute Vorsätze erinnere ich mich, natürlich.
Wie es aber ist und immer war: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch kaum berührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße an und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei. Von nun an laufe ich also richtig …“
Natürlich aber können solche Vorsätze nicht lange verhindern, dass wir weiterhin schlurfen, torkeln, trampeln, irren wie zuvor … und was ist überhaupt falsch, was richtig? — Ich gehe, wie ich eben gehe. Ich bin, wie ich eben bin. — Vielleicht gibt es nur einen einzigen sinnvollen Vorsatz: Ich möchte mir meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein erlauben.
So also stehe ich vor dieser kaum berührten Jahresfläche und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen. Sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los.
Aber ich darf mir etwas wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre – die Texte finden sich hier, hier und hier – ein wenig erfüllt haben? Wenn ich sie rückblickend lese, sehe ich kleine Schritte. Ich sehe aber vor allem, dass sich alles zu wiederholen scheint, möchte ich doch für dieses Jahr ganz Ähnliches formulieren. Der Weg ist eine Spirale und windet sich an immer gleichen Aufgaben hinauf. Die jungen Jahre der steten äußeren Veränderungen sind vorbei, nun ziehen sich innere Entwicklungen über Jahres- und Jahrzehntzeiträume.
So mag es wie Wiederholung klingen, wenn ich diese Jahresfläche mit Wünschen betrete, die denen der Vorjahre ähneln. Bei jedem einzelnen aber spüre ich Entwicklung und Veränderung gegenüber früher, in so vielen Bereichen weiß ich, dass ich vorangegangen bin.

Ich wünsche mir – das kann man nicht oft genug sagen – für mich und meine Lieben, dass wir gesund bleiben dürfen. Dies ist kaum selbstverständlich, ich muss mich nur umschauen.
Innig hoffe ich, dass die Tochter in ihrer oft schwierigen Situation weiterhin mutige Schritte setzt, dass der Sohn im Sommer heil aus der Ferne zurückkehrt, und dass meine Liebsten und Nächsten auf guten Wegen unterwegs sind.

Für mich selbst wünsche ich mir, meine Bedürfnisse immer wieder erspüren und ertasten zu können und sie aus ihren Käfigen und Gerüsten herauszulassen. Dies bleibt wohl mein lebenslanges Übungsfeld: mich zu öffnen, wenn mich etwas bedrängt, mich in einen Dialog zu begeben, wo Klärung heilsam wäre, und das Nein-Sagen zu üben.

Ja, ich wünsche mir Offenheit für ein Aufeinanderzu in jeglichen Begegnungssituationen, selbst in unscheinbarsten Alltags-Smalltalks. Bei diesem Weg fühle ich mich immer wieder sehr am Anfang. Mich im wahrhaftigen Zuhören zu üben – und nicht in lamentierendes Widersprechen und in Bewertungsrituale zu verfallen – wie schwer, wie schwer dies immer wieder ist. Nicht für alle meiner unguten Beziehungsfäden habe ich genug Gelassenheit, Geduld, Nachsicht und Selbstliebe. Die Nähe dennoch zuzulassen – aber auch die Entfernung, wenn diese heilsamer ist – dies würde ich gern etwas besser lernen.

Das wichtigste Aufeinanderzu ist dabei sicherlich dasjenige mit mir selbst: Wie oft fehlt mir die Fähigkeit, mich selbst in den Arm zu nehmen, wie oft fühle ich mich klein – ich wünsche mir Wege in ein heilsameres Zugehen auf mich selbst. Ich würde gern Behutsamkeit in allen Dimensionen und einen sanften Umgang mit meiner Lebensenergie, meinem Körper und seinen Ressourcen finden. Dazu gehören auch Tränenräume, in die ich mich von Zeit zu Zeit zurückziehe.

Für meine Alltags- und Arbeitsberge wünsche ich mir ein stetes Weitergehen auf dem bisherigen Weg, auf dem ich schon viel Bedrängnis von mir geschoben habe, auf dem schon viel Versöhnlichkeit und Gelassenheit eingekehrt ist. Dennoch ist und bleibt es viel, das alles, und wenn ich meine vielen Listenpunkte und meinen Zugang dazu immer wieder schreibend sortiere, so steckt darin unter anderem die Hoffnung auf Klarheit. Ja, ich wünsche mir, immer wieder im Inneren – wie im Äußeren:) – aufräumen zu können, so viel ich es brauche und es vermag.

Inmitten der täglichen To-Do’s bewusst mit meiner Zeit und meinen Kräften umzugehen und in die Gegenwart hineinzufinden, dies möchte ich stündlich und täglich üben. Es braucht Mut zur Langsamkeit und gelegentlich zum Nichts-Tun, damit sich die reiche Fülle meines Lebens wirklich und intensiv entfalten und ich mich dem einzelnen Moment hingeben kann.

Ich wünsche mir und uns Musik, hier im Haus und in der Welt, in und um jede und jeden von uns. Musik als Seelenatmen, so möchte ich es gern immer wieder und immer tiefer erleben, vor allem an meinem geliebten Cello. (Übrigens: Ob es wohl das Jahr wird, in dem ich mein eigenes Cello finden werde?)

Ich wünsche mir und uns Unterwegssein, allein oder gemeinsam, gern wieder auf dem Rad (ein vages Plänchen ist in Sicht:)), in jedem Falle aber als stete Reise zu uns selbst.

Und Frieden wünsche ich mir und uns nicht zuletzt, Hoffnung und Zuversicht für alle Bewegung, die unsere einzelnen und unser gemeinsames Leben erfasst. Nie versiegenden Mut zu träumen, Tanz in jeder Form, Staunen und Stille …

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Ich habe mir Zeit genommen, schreibe sie erst jetzt in der Nacht fertig, wo man in Russland – und wer weiß wo noch – das Staryj novyj god begeht, das Neujahr nach altem Kalender.
Abschließen möchte ich meine Wünsche mit denselben Worten wie die vergangenen Jahrestexte:

Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


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