Wünsche an ein neues Jahr

In den letzten beiden Jahren begann ich unter derselben Überschrift etwa um dieselbe Zeit hier mit diesen Worten:

Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. „Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig …“
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)
So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ob sich meine Wünsche der vergangenen Jahre erfüllt haben, ein wenig? Darüber mag ich heute nicht zu tief nachdenken. Möglicherweise öffnete sich damit eine Spirale des Zweifelns und des Haderns. Lieber lasse ich das soeben Gelesene in mir stehen – die Texte finden sich hier und hier -, als Brücke zu meinem heutigen Ich. Man darf sich Dinge ruhig wieder und wieder wünschen, das Ganze ist ein Weg. Ein ewiger, möglicherweise, aber ein Weg.

Wieder also stehe ich vor einer unberührten Jahresfläche, mit konkreten Wünschen, aus meiner derzeitigen Lebenssituation geboren.

Ich wünsche mir, das kann man nicht oft genug sagen, gesund zu bleiben. Der Blick zu nahen und fernen Menschen meines und jüngeren Alters zeigt: es ist nicht selbstverständlich. Das war es noch nie. Es wird mir nur mit jedem Lebensjahr bewusster.

Ich wünsche mir, mich meiner Bedürfnisse annehmen zu können. Ebenfalls ein „ewiger“ Wunsch. Sie zu erspüren, darin fühle ich mich weiter als noch vor ein paar Jahren. Ihnen Stimme zu geben allerdings, Raum und Ausdruck und Gestalt zu verleihen, das bleibt ein intensives Übungsfeld. Dazu gehört auch, dass ich es irgendwann schaffe Verantwortung abzugeben, wo sie meine nicht ist.

Ja, das Stimmegeben überhaupt. Ich wünsche mir mehr Mut zur Öffnung und Offenheit in Begegnungssituationen. Ich möchte nicht immer nur dem inneren Fluchtreflex nachgeben, wenn Kommunikation schwierig zu werden scheint, möchte mich in so mancher Situation nicht länger verschlossen zeigen. In einer jeden Begegnung, selbst dem Alltags-Smalltalk, die Chance eines wirklichen Aufeinanderzus zu finden, das würde ich gern lernen.

Dazu gehört wohl auch das Loslassen von Bewertungsmustern. Wieviele das sind, durch die ich täglich auf die Welt blicke, auf nahe und ferne Menschen in ihrem Sosein, das wird mir bewusst, wenn ich nur wenige Stunden lang meinen Fokus darauf richte. Urteile und Wertungen verletzen nicht nur das Gegenüber, sie halten auch mich selbst gefangen, verhindern Öffnung und ein Miteinander in tiefem inneren Frieden. Ich wünsche mir Wertungen loslassen zu können. (Dass sie oft mit mir selbst zu tun haben, dass ich aggressiv insbesondere bei den Dingen reagiere, die in mir selbst stecken, dies ist mir bewusst. Es sind wichtige Fingerzeige. Umso wichtiger und dringlicher meine Sehnsucht, mich versöhnlich gegenüber Fremdem zeigen zu können.)

Versöhnlichkeit wünsche ich mir auch gegenüber meinen Alltagsbergen. Diese enthalten viel Potential, mich in unguten Emotionen zu verlieren. Ich wünsche mir die Fähigkeit mehr und mehr bei mir zu bleiben. Ich würde gern mit derselben meditativen Gelassenheit, mit der ich Knöpfe annähe, Korrekturstapel abarbeite oder Acrylfarbflecke im ganzen Haus wegwische, auch das alltägliche Kinderzimmerchaos, die Stapel an lebensverwaltenden Organisationsdingen – Versicherung, Beihilfe, Ämter, Termine und Co – und die selbstnachwachsenden Wäscheberge angehen, um nur mal meine Schlechte-Laune-Generatoren ersten Ranges zu nennen. Die sich daran stets anschließenden Ungedulds- und Ungehaltenheitswellen innerer und äußerer Ausprägung hätte ich gern niedriger, sie brauchen ja nicht gleich ganz zu verschwinden.

Letztes Jahr schrieb ich, ich sollte vom To-do-Listen- auf ein Done-Listen-Gefühl umstellen, um nicht permanent die Berge und damit die Unzulänglichkeit vor mir zu sehen, um damit nicht dauerhaft in der immer schon verplanten und gefüllten Zukunft zu leben. Zwar geht es nicht ohne Listen – mein Gedächtnis reicht nicht für die täglich tausend Details in allen Alltagsbereichen -, aber das Gefühl umzustellen, dies ist ein immer noch dringlicher Wunsch. Nicht permanent zu sehen, was noch ansteht, sondern abends dankbar zurückzublicken: Was der Tag alles enthielt, wie reich er gefüllt war, wie satt ich in ihm werden durfte.

Diese reiche Fülle wirklich und intensiv zu leben, dies wünsche ich mir. Ohnehin muss ich meine verschiedenen Seelendinge allesamt etwas zähmen, ein Leben reicht nicht für die Musik, die noch zu spielen wäre, für die Schreibe- und Lesewelten, die ich mir noch öffnen würde, für all die Luft, die noch zu atmen ich ersehne. Ich wünsche mir den rechten Blick dafür, was in welchem Augenblick jeweils zu leben ist. Und es dann zu schaffen, mich in einem jeden Moment dem hinzugeben, was dieser sich als Seinszustand gewählt hat – wenn ich lese, wirklich im Buch zu sein, wenn ich musiziere, wirklich in der Musik zu sein, wenn ich fotografiere, wirklich die Augen dem Bildlichen zu widmen – und nicht immer schon innerlich vorauszueilen, zu schwanken zwischen Verschiedenem, zu hadern und zu springen. So gern würde ich es vermögen, mich wirklich und mit Allem in die Augenblicke hineinzubegeben.

Und ja, ich wünsche mir Kraft. All das, was hier ringsum zu leben ist, benötigt große Mengen davon. Ich würde gern mehr und mehr einen gangbaren Weg für meinen Alltag finden: mit den notwendigen Stillezeiten, den immer dringlicher werdenden Erholungspausen – ich spüre seit 2-3 Jahren die sich ansammelnden Lebensjahre deutlich -, dem verlangsamten Tempo und dem Mut mich zurückzuziehen, wenn ich es brauche. Mit mir selbst in dieser Hinsicht behutsam umzugehen kostet mich viel Kraft. Von der hätte ich gern immer ein Quäntchen im Vorrat.

Ich wünsche mir Musik – mir und uns, auf welchen Instrumenten auch immer Du und Ihr und ein jeder und eine jede glücklich zu werden vermag – ich wünsche uns allen ein Lebensorchester voller Beseelung.

Und Frieden wünsche ich mir und uns – Hoffnung und Zuversicht für das kleinere und größere Weltgeschehen. Möge uns nie der Mut verlassen, kleine eigene Schritte zu gehen, oder sie für den Anfang auch nur zu träumen.

Es wurde wieder eine lange lange Liste. Abschließen möchte ich sie mit denselben Worten wie den vergangenen Jahrestext:


Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls – sollten sie zu mir kommen – als Geschenk empfangen, in Demut.


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11 Kommentare

    1. Gerade das mit den Kinderzimmern ist mir ja ein Rätsel, weiß ich doch schon vom Großen, wie sich alles ändert. (Mal von Brotdosen abgesehen, die man doch alle paar Wochen mal aus den Regalen pflücken sollte:)) Da scheint etwas tieferes dahinterzustecken. Ein Bedürfnis, Zwang fast, nach Kontrolle, nach Ordnung? Ich verstehe es selbst noch nicht …
      Danke für Deine Sicht von außen. Denn weise fühle ich mich nicht … manchmal direkt wie eine Anfängerin. Vielleicht auch hier wieder: Ich sehe zu sehr, was noch zu tun ist, statt der Schritte, die ich schon gegangen bin …
      Danke auch für Deine Mail. Werde bestimmt ein paar Minütchen für eine Antwort finden, ganz bald.

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  1. Ich wünsche Dir, dass es ein schönes Museumsjahr wird, ein Jahr, auf welches Du später mit angenehmen Gedanken zurückblicken wirst. Ein Jahr, soll es sein, mit vielen kleinen und größeren Kostbarkeiten in seinen Regalen.
    Viel Freude in 2017!
    Ciao, Kai

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  2. Liebe Frau Rebis, wie sich Wünsche doch von Vorsätzen unterscheiden zeigst du hier ganz wunderbar. Bei Vorsätzen schwingt auch oft die Peitsche „ich-muss“ mit, beim wünschen bleibt Offenheit für das was wirklich passiert, was ich/du dafür tust, tun kannst und warum die einen und anderen nicht in Erfüllung gehen.
    Sehr gefallen hat mir auch der Wunsch nach Öffnung- jedes Jahr bei der Wintersonnenwende endet mein Jahreskreis und beginnt ein neuer, jeder Jareskreis bekommt eine Überschrift von mir, dieses Jahr lautet sie „Öffnung“ mit fast selbigem Inhalt- schön ist das- ich freue mich immer über Ähnliches oder Selbiges zwischen mir und anderen!
    Ich wünsche dir ein gutes Jahr, mögen sich Wünsche erfüllen, die, die sich nicht erfüllen waren vielleicht die falschen oder die richtigen, nur noch nicht in der richtigen Zeit angekommen…
    herzliche Grüsse
    Ulli

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    1. Ja, dem Wünschen haftet kein Zwang, keine Notwendigkeit an. — Der Gedanke, dass Wünsche sich auch irren oder zu unrechter Zeit kommen können, der gefällt mir. Das nimmt nochmal ein Stück Starre heraus, macht das vor mir, vor uns Liegende freier und beweglicher …
      Eine Überschrift für einen Jahreskreis? Schön. Und es überrascht mich nicht. Bei mir haben in diesem Jahr die Monate „Überschriften“ bekommen. Die ich aber anders nenne und über die ich hier nicht schreiben möchte, weil es sehr sehr innere Dinge sind. Aber: ich staune. Ja, wirklich.
      Sei herzlichst gegrüßt.

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